Skip to main content

Full text of "Heimgarten"

See other formats


HEIMGARTEN 





oz 
+44 


Kihrarg of 


* 
i Vi 
b Pumi 


Priuceton Unitersity. 





East — 


Digitized by Google 


October N — Mär; 1877. I Ber 


Eine Monat an 
———— nl N 
VR. K. io — 9903 
* 


— MER (; EI 
fa 27 
— — tauar = Y De 
2 * dar € =» PB 





[ag von Senkan-dofesthat im 6raz. 
Bhantea ı AH an fr — % Mm en Mi 





Inbhalt. 


Das Schloß der Böſen, S. 3, 91. — Friauliſches Reiſebild von Rob. Hamerling, ©. 13. 
— Brautfahrt von Friedrich Marx, ©. 18. Der junge Falſchmünzer von P. K. Roſegger, 
S. 19. Das Gaſtmahl des Skopas von Alfred Meißner, ©. 26. — Frauen in der 
Schmach, ©. 28. Was iſt ein Weib ? von Ernit Editein, S. 38. Ein Maler auf 
Irrwegen, ©. 34. — Ein geiftvolles Buch, ©. 36. — Unſere Schwächen, ©. 38, 128, 294. 
Briefe aus md über Wien von Frau Ihereie, &. 40, 131. — Eitelkeit und Uebermuth 
der Bauern von P. K. Roſegger, &.43. — s' Liachtl in Wold von P. K. Rojegger, S. 47, 140. 
— Das Märchen von der Perdit, 5.48. Eine Samftagnadıt auf der Rar von P. K. Rofenger, 
S. 50. — Angſtaſins Hrüny,S. 78. Per legte Kranz von Robert Damerling, &. 80. 
Die drei Prinzen von Y. Anzengruber, S. 81, 1785. — Wem gebührt des Kampfes 
Preis * von Anaftafins Grin, S. 96. — Es reigt in Luft ein Liebespaar von P. K. 
Rofenger, ©. 97. Das Krücken-Mütterchen von Auguft & Silberftein, S. 106. Still- 
[eben im Ariege von Dans Dopfen, S. 107. - Im der Knechtſchaft, S. 1.7. — Eine neue 
Komödie ©. 124. — Mus der Jubelfeier Anaftafius Grün’s von —* Auepp, S. 134. — 
Dem Andenfen Analtafius Grün's von Friedrid Marr, S. 136. — Volksdichtung auf 
Grabfreuzen von BP. K. Roſegger, S. 137. — Almrauſch von Joſef Erler, S. 141. — 
Der junge Better von U. C. Müller, S. 161, 262. — Schiffbrud von Ernit Rauſcher, 
S. 183. — Bon Gabriel dem Schwärmer von PN. Rofenger, ©. 184. — Der Seren- 
wahn und feine Bekämpfer von 9. E. Stößner, &. 196. Wenn ich komm’, wenn ich 
wiederum komm', ©. 210. — Verfe unter'm ſchwarzen Kreuz von 9. Falchberg, ©. 218. 
— Wos ban ara Ibarofchung aufla kema fon von Fri Neuter, S. 214. — Pflanzen 
und Thiere im deutfchen Voltsglauben von Ludwg v. Hörmann, ©. 223, 302. — Von 
der Gemüthlichfeit der Bauern von P. K. Roſegger, S. 229. — Das Peitmännlein von 
I. F. Lentner, ©. 232. — Ein Weg zur Schuld von P. K. Rofegger, S. 249, 343. — 
Einjt von Ada EChriften, S. 261. — Hausſprüche von Sans Grasberger, ©. 272. — 
Die Salzburger in Oftpreußen von Profeſſor Scröer, S. 273. — Als ich candidirte von 
Leon R 9, ©. 278. — An eine Philoſophin von Ernit Raufcher, S. 259. — Unheim— 
liche Gäfte von Anaftafius Grün, S. 290. — Ein neuer Mimatifcher Wintercurort von 
Pr. €. Lewy, ©. 291. — Eine Loge von Quadrelles, S. 297. — Ein feltfam Büchlein 
von O. L Müller, S. 302. Als Großvater freien ging von P. 8. Rofegger, S. 307. -- 
Wan 8 Diandl deafad juahn von P K. Roſegger, S. 811. — Der Kampf eines Poeten 
von Ludwig Habicht, S. 321, 401. — Altdeutſche Lieder von K. I. Schröer, S. 354. — 
Das Portrait von Alfred Meifner, ©. 355. — Lord Byron's eriter Schritt in's öffent: 
liche Leben von Emilio Caſtelar, deutfdh von Prof. Iulius Schanz in Rom, S. 359. — 
Von einem vergeflenen Dichter von Dr. Anton Scloflar, ©. 366, 438. — Drei Zigeuner- 
burſche zogen von Augnit Silberitein, ©. 378. — Aus dem Stimmen. und Laut-Concert 
der niederen Thierwelt von R. H., S. 378. — Die Dankſagung, eine Hochzeitsrede aus 
Oberfteier, &. 383. — Das Kräutlein für den Tod ©. 386. — Der Weltverdruß von 
Franz Keim, S. 308. — Reich von P. K. Roſegger, S. 421 — Aus der Kinderſtube, 
deutſch von Julius Schanz, S. 430. — Die letzte Gabe von K. I. Schröer, ©. 433. — 
Ueber F. Kürnberger's „Literariſche Herzensſachen“ von Robert Hamerling, ©. 448. 
Der Bergſturz, Epifoden aus der Kataftrophe bei Steinbrüd, &. 454. Auf * 
Fetzenmarkt von P. K. Roſegger, ©. 461. — Kleine Laube von S. 5975, ©. 150 --154, 
S. 236—240, ©. 312, ©. 3859-395, ©. 4685—474. — Schmwänfe von ©. 55—58, 
S. 145 —149, ©. 241—248, ©. — S. 395— 396, ©. 474 - 475. — Bücher 
auf ©. 76,° 155, 244, 317, 8397, 477. Pojtfarten des „Heimgarten“ auf ©. 80, 
160, 248, 390, 400, 480. 


I Be 11 Ä 
A eımgarter. 


Eine Monatsfchrift 


berausgegeben 


von 


P. K. Roſegger. 


I. Lahrgang. 


— — 


Graz. 
Derlag von Leytam-Jofefstbal. 


1877, 


Digitized by Google 


nn on N 


Inhalts zeichniß 


„Meimgneten“, 1. Fabrgang. 


Erzählungen und — Seite 








Der Kampf eines Poelen Von Ludwig Habidt ee 321,401, 495 
Das Portrait. Bon Alfred Meißner... . 2200er 
ER 


Der Ungemüthlihe. Von Robert Hamerlinga - » 2 2 2 2 0 m un nn 
Wie Defregger Maler wurde. Bon PB. K. Rofegger » - -» rennen 
Der Sommernadtstraum eines Künftlers. Von Rıdard Voß . . . ..... 32 
Hemets. Son Allen Meiuner - - - - - u 2 0 0 nee nee ame . 904 
‚ur lieben ‚srau ın DWarazell Don PB. RK. Holegaget. > 2 0 nn 0 0 nn - 338 







ON, x 4609496 67* 








— —— Seite 





Ein Ausflug in Die ne * Carl du JJ en 672 
Von einer verhaften Stubengenoffin. Nah Ludw. Bühner . . » 2.22 .. 784 
Unfer nordifher Wald. Bon P. K. Nofegger. » » > 2: nennen 835, 896 
BSELEEHEOIRDRN = 5 5.0 ee a ee ee 865 





Deu epubli =. 
In der —— — ——————— 117 
Sie Zerkunft der Secellen ae 151 
Ein Thalgau des ſteieriſchen Oberlandes im Wechſel der Jahrhunderte. Von Dr. 
DEans Arab + 0 5 2 ar ae na een 595, 660 
i 1 





Fand und Teute. 


Schilderungen. 

taulifches Neijebild. Bon Robert $ BalsrlinE u +5 — 18 
Fine Samftagnadt auf der Rax. Bon DR. Rojeng TIEEBESEESEZTTE 50 
BET TTTTITTL.pe ————m0 D0DIèc —VVJlJ 60 
JJ —— 8 72 
Die Salzburger in Oftpreußen. Bon K. 3. III FI TIEFE 273 
Auf dem Reichenftein. Bon DB. R. Rofegg TESTSEITE STEIEESZFE 589 
Die jhönften Wenſchen auf Erben. . > 2 2 2 2 2 2 2 nn ee 631 


infel. Aus dem Iande der er 
r 





Bolksthümlides aus den Alpen. 


Eitelfeit und Uebermuth der Bauern. Bon PB. KH. NRofeager - - .» 2.2... 43 
Voltsdichtung auf Grabkreuzen. Bon demfelben - » » 2» 2 22mm — 137 
Todtendienſt unſerer Wäler - - - a. 4 a 150 
Pflanzen und Thiere im deutfchen Vollöglauben von 2. v. Hörmann . . . 223, 30% 
Bon der Gemütlichkeit der Bauern. Bon B. K. Rofegger. -». » 2.2... 220 
Die Dankjagung. Eine Hochzeitsrede aus Oberſteieeee. nn 383 
Das Klödeln. Mitgetheilt von Rudolf Weiger . » 2... 2m nen 474 


Wie in Tirol man das böje Weib austreibt. Mitgetheilt von Jofef Erler . . . 475 











Sonnenmwendfeuer. Bon E. W.. : 2m m m m nen 695 
Beiträge zur Geſchichte des Aberglaubend . » : 2 2 nr nn 708 
Bußpſalm eines Schulmeifterd - » 2 2 20 nn m oe mn nn 709 
In der Stubat. Aus dem Vorarlberger Bolläleben. - » » 2 22... . » 710 
Die Schlangen. Bon 2. v. Hörmann . .» . 2: 2 2 2er ne 857 
I EDDERBTEREL = 5 00 05 wre ae re a ae 860 





Unvergängliche Farbe. * A 3 Be — 551 


Der Alte vom Brunnen. Mitgeiheilt von A. v. Friedrih... . - een. 0. 558 
Ein Märhen von den Sternſchnuppen. Mitgetbeilt von Jofef Biller . .. . » 636 
Dalmatiens Hero und Leander, Von Franz Ziftller -. » 2» 2: 2: 20m. 774 
Der Hufihmieb von Steinah - - © 2 2 2 2 nn rer ren 793 
Das Schatzkäſtlein des Landess.. rn en 951 
DB ERS > 0 a ee 951 


Kleine Geſchichten und Schwänke. 
Anfan war das Wort 





Aus einem neuen Evangelium © > 2 2220 nn rer ren 146 
Die fih ein alter Schlaufopf aus der Maulmurfsichlinge Hilft . . . . 2 2... 148 
EL TITTET ET ER FR FL TER TERE 148 
Bob BE RBB 25: 5 u aaa =. 149 
Wer ann gwimmen Be Wi ae ee ae a ae 149 





TTTTTT TEE VEWFs! 555 
Wie der Hartl an einem Tag die Sonne zweimal aufgehen ſah. Bon P. K Roſegger 633 
Beim Herrn Bruder auf der Jauſe Von demielben - » 2 2 nn nn nun 711 
Der ? Burg germeift tr von Abeläberg. Von demjelben - - » 2 2 2 2 2 000. . + 787 











; ft. Bon 7 
Bon Ada Ehrif en 


daus) prühe. Bon Hand Grasberger. . . 2. 2 2 22 .. WETTER TEE 272 

An eine Philoſophin. Von Ernft Raufher. -» » 2 zn nu nn 239 
Unheimlihe Güfte. Bon Anaftalfıus Grün. . nn nn 2 2 0 ne 290 
in jeltiam Büchlein, Bon D. 2. Müller — 


anı 





as KHirchlein im Walde. Bon 


m Zraum hab’ ich gejehen. Bon Ludwig Eihrodt . . 2.2.2... — 881 
Ne Mutter. Bon Fercher von Steinwand. . 2 2. nn nn nun  . 559 
Deine Kınd, ber Seele Zeiden. Von Bihler .» » 2 2 2 nn 2 nun 577 


&o — der Leidenſchaft Göttergewalt. Bon F. 


Sindner — 





Sommermondnacht. Von Ern —— ee Bar SELF FEN: 
Baus AS SRdlENm - - : x. 0. Ha nennen A— 

Dei Landl. In Mundart von Franz Heim. .» nn nn ne 6 
Seftorben und verborben. Don DO. & Müller... . . —  . 99: 





Ein geiſtvolles Buch.. ea ws 8386 
Deutſche Literaturgeſchichte von Edmund Hoefer ... » - - a a ———— . 76 
Im Herbft gefammelt. Bunte Fahrten von Friedrih Lampert . » » 2.2... 16 
Aus Jtalien. Bon Alfred Graf Adelmann - -» » 2» > 222... ee 
Erereitium Salamandris! Bon Ernſt Edftein. . -» - . » - a re — 77 
Die Saligen. Bon Angelika Hörmann... 77 


Geſtrüpp. Bon Max. Benn an ne 7 












ing . —_ ke, . 155 
n — 
. | 










Homan von C. Chlichen 0 158 























Melodien. Bon — Eid ch ee —————— 
——— Zournali n 60 
Ein _merfwürbiger at Mi u; Felders Leben.) Von 9. Sander . . . . 614 
& mifchte Gefelihaft. Bon Dölar —— Mn neun nen — 3.08 
Te rot Shopenkan FESTE 638 
ritt im Lichte der Lehren Schopenhe TR ET: Darmins. 

















Digitized by Google 





Yıl 


Seite 

Sich jelbft im Wege. Bon Mar Bern. Beiprohen von Friedrid Marr. . . . 799 
"Das VBermähtnik Kains. Bon Sacher-Maſoch. Beiproden von Robert Hamerling 875 
Werinherus. Bon Alfreb Meibner -» 2 220000 nn 877 
Nimm mid mit! Önomen von Dr. Fr. AD... 2:2 une 879 
Geſchichte der oöſterreichiſch ungariſchen Monardie. Bearbeitet von M. Smets . . . 879 
Beitlichteln. Gedichte in Mundart von W. Cappilleri. . 2 2 222 nne 880 
*Die Wiener Journaliftif. Bon Freiherrn v. Helfert. Beſprochen von Fr. Ziftler 927 
Ein Buch über die Franzoſen. Von Scheube - » 2 > 2m m 958 

(Die mit einem * bezeichneten Aufjäge find ausführlihere Arbeiten.) 
Berfdiedenes. 

Bri —— Wien. Bon Frau Therefe » 2 2 2 nn nun 40, 131 
Ein beuffcher Dichter vor feinem Mönig . . 0 0... — 65 
preu‘ aber Seo JJ TEE 67 





it der Monate. 2.—12. 





Eine Monatsfchrift 


herausgegeben von 


p. J. Koſegger. 


Fil Beiträgen von 


2. Anzengrußber, &. Ruegg, M. Bern, 9. Erler, R. Halb, HS. Gras: 

berger, A. Grün, ®. SHamterling, 8. v. Hörmann, K. G. Leitner, 

5. Malfer, 3. Marx, RA. Meißner, ©. £. Müller, 9. K. Roſegger, 

E. R. Schröder, AR. SHilberftein, J. HSchlögl, J. Tberefe, RM. Waizer, 
Graf R. Wickenburg, A. Wilbrand u. AR. 


Heimgarten 


Vleiſac dazu angeregt, habe ich mid; entfchloffen, eine Zeitſchriſt heraus- 
zugeben. Diefelbe wird den Titel „Heimgarten‘ führen. 

„Heimgarten“ nennt man in verfchiedenen Alpengegenden jenes Haus im 
Borfe, wo man des Abends zu kleinen handlichen Arbeiten und zur Gefelligkeit 
zufammenkommt — wo die geiftig regfamften, erfahrenften, am Erzählen und 
Schildern Kehagen findenden Dorfbewohner — wo feute, welche welt- und 
lebensklug find oder werden mögen, zu kurzweiliger, anregender, belehrender 
Unterhaltung ſich einfinden. 

Im Heimgarten werden Gefchichten‘, Sagen, Märden, tragifhe und 
heitere Begebniffe aus dem Keben erzählt, Kieder nnd Balladen gefungen,; aus 
dem Stegreife wird gedichte, Ichwänke und Poffen werden zum Beften gegeben, 
oder Tagesvorkommniſſe und wichtige Ereigniffe aus dem Borf- und Weltleben 
von den Dorfweifen befproden. Die Unterhaltung im „Heimgarten‘* klärt, 
fhärft, bereichert den Geift — erquict, erwärmt und veredelt das Her. 

Dieſes fchlichte Borbild aus dem Alpenleben lieferte Litel und Programm 
für meine Monatsfrift. Ber „Heimgarten‘* foll auserlefene Erzählungen, 
Schilderungen, febens- und Eulturbilder aus dem Volke bieten, 
ferner wilfenfchaftliche, jedod; gemeinverftändlihe E [fa is von geiftreihen Ichrift- 
Rellern, Gedichte von bedeutenden Poeten, Erzeugniffe der Bolks- 
phantafie ernfler und heiterer Art, Ihwänke, Sagen, Lieder, dann 
Betrahtungen über weltgefchichtliche Ereigniffe, über die Ideenſtrömungen 
der Beit, Befprehungen von hervorragenden Geifteswerken auf den Gebieten 
der Wilfenfhaft und der Kunft enthalten. 

Trotz der Beiten Ungunſt ift im Publikum das Intereffe für geiftige, 
ideale Veftrebungen in fletem Auffchwunge begriffen, und fo kann id hoffen, 
daß diefem Unternehmen eine freundliche und vielfeitige Cheilnahme nicht ver- 
fagt werden wird. — Mandy’ fhöne Blume, manch' gute Frucht möge gedeihen 
im licht- und fchattenreihen Heimgarten. Es fchaffen darin ja tüchtige Gärtner, 
— Geifter, die wohl wiffen, wie man das Alenfchengemüth erfreut. Wir 
wollen flets auf feftem Boden wandeln, wollen an dem halten, was mit unferem 
Leben und unferer Beit zufammenhängt und mit Vorliebe jene Stätten fuchen, 
denen wir den Hamen Heimgarten entlehnt haben: die deutfchen Alpen. 's ift 
heiß hier außen! An der frifchen Urfprünglichkeit der Watur und des Volkes 
wollen wir gerne trinken. 

Und fo werde denn diefes Buch ein ſtetes Heim der Porfie und der nad 
geiftiger Erquickung ſich fehnenden Herzen! 


Der Derausgeber. 


in 


I 
* 


— 


hr - 
en pn 
frz} - 


w — 


—— 


ern 


Er 


nf * 
—— 


= a m bu 
— —— 
— —— — > Pe 
— — * Drei 


— 
AH 


ven 





IRERFFLTTN 


igarlen * 


Ze. 


Sctober 1876 









I. — 





Das Schloß der Vöſen. 


Original⸗Novelle. 


Station Brandan! 


„Se, theurer Herr! haben Sie das 
Fenſter gepachtet ?” rief ein ſemitiſches 
Blaßgeſicht in einem Coupe britter 
Klafje; dabei zupfte er an dem kaſta— 
nienbraunen Sammtjöpplein eines jun: 
gen Mannes, der jtet3 mit feinen Ellbo: 
gen fih auf die Fenfterbrüftung ſtützte 
* hellen Auges in die Gegend hinaus: 

idte. 


„Unfereins hat feine Sach’ gezahlt 
und wollt’ auch einmal in's Grüne 
Schauen!” murmelte der Heine Jude. 

„Wollen Sie etwas profitiren, 
ſagte der Andere fchmungelnd, „fo 
Ihauen Sie in's Grüne hierher”, und 
er ſchlug mit ber flachen Hand auf 
das bunfelgrüne Bündel des Haufirers, 
„mich laffen fie am Fenfter und heben 

dafür als echter Geſchäftsmann Fen— 


Nun wendete ſich dieſer gegen ſterzins ein.“ 


ſeinen einzigen Fahrgenoſſen und da 
er auf dem Antlitze desſelben Aerger 
las, ſo verſetzte er: „Geniren Sie ſich 
nicht, Herr, das zweite Fenſter ſteht 
ganz zu Ihrer Verfügung.“ 

Darauf wurde das Jüdlein noch 
blaſſer, denn durch das gegenüber— 
liegende Fenſter war ewig nichts zu 
ſehen, als die graue Mauer und die 
rothe Erde der Berglehne, während 
zur andern Seite das morgendliche 
Thal mit feinen wechſelnden Herrlich: 
feiten prangte. 


Da Härte fih das Antlit des 
Iſraeliten. 

„Vorläufig für eine Stunde, wenns 
genehm iſt!“ rief der junge Mann 
und drüdte dem Juden einen Silber: 
zehner in die offene Hand. 

Der Empfänger lädelte und jah 
auf das Grüne feines Ballens. Der 
Andere blickte mit Wohlgefallen in 
die Welt hinaus, von der auch gar 
nichts ihm gehörte, als einzig nur 
das, was des Auges iſt — das Licht, 
die Farbe. 

1* 


4 


Ja, und jelbit den freien Ausblick 
mußte er ſich miethen vom Juden. 
Dem Künftler gehört die Welt! jagt 
ein jchönes Wort. 

Mar Friedegg war ber Mann, der 
fi fedlih nahm, was feine Natur 
begehrte und feine Seele — dieſe un: 
ftete, diefe glühende Seele — jättigte. 
Ein gejunder Egoismus ift jebem 
echten Künftler eigen, er fichert ihm 
jeine Lebensfreudigfeit und dadurch 
feine Schaffenstraft. 

Mar Friedegg machte nie ein Hehl 
aus diefer Thatfache, er befannte ſtets 
Farbe, wie man ſagt — mar er 
doh Maler. Eines armen Anftreichers 
Sohn, war auf der Zimmerthür fein 
erſtes größere® Bild geweſen eine 
Garifatur feines Waters, wie biefer 
gravitätiih auf zwei hohen Stelzen 
ftehend mit Palette und Künftlerftolz 
nah der Art Eulenfpiegel3 an bie 
Wand das rothe Meer malte. Tief 
fühlte fih der Alte im Bemußtjein 
feiner Miffion gefränkt, er jagte den 
ungerathenen Sohn aus dem Haufe. 
Diejer blieb länger aus, als es dem 
Vater lieb war, und als er endlich 
doch zurückkam, trug er ein fedes 
Bärthen auf der Oberlippe und 
das Sammtjöpplein. „Was!“ rief 
ber Alte, „akademiſcher Maler? Wild: 
fang! Trogfopf! mehr willft Du fein, 


wie Dein Vater ?” dabei lachte er und | friede in ſüßem Traume lag. 


preßte feine Knochenfinger feft in bie 
weiche Hand jeine® Sohnes. 

Am dritten Tage ſchon war dieſem 
das Elternhäuschen zu enge, und fein 
Gegenitand war ihm zum Borbilde 
da; nur das milde Mutterauge regte 
den Schaffensdrang des Künftlers an; 
doch die jchlichte Frau rief: „Nein, 
Du! mein Lebtag nicht, daß ich fo 
boffärtig bin und ein Bildniß aus 
mir machen lafje! — Ya,” febte fie 
bei, „in meinen jungen Jahren, das 
wäre ſchon mas Anders geweſen.“ 
Mar lächelte und war der Gewährung 
fiher, nur wollte er das Mutterauge 
erſt malen, bis er Meifter war. So 
hielt er fich wieder zur Nüfte. 


„Wohin du Brauſewind?“ fragte 
fein Bater. 

„sh gehe, berühmt zu werben,” 
antwortete Mar. Dann Hat er fich in 
den Eifenbahnzug gejegt, in welchem 
wir ihn gefunden haben. 

Berühmtwerbenwollen ift ein löb— 
lid Streben. Schade, daß Friedegg 
ganz und gar darauf vergaß, als er 
zum Maggonfenfter in die morgend: 
liche Gegend hinausblidte. Im Schauen 
des heiteren Mebend der Natur und 
ihrer lauten Luft, die da mwogte, vom 
Ichmetternden Sang der Lerche bis 
zum gligernden Thautröpfchen auf der 
Blüthe des Apfelbaumes — erwachte 
in dem vierundzwanzigjährigen Mann 
der Lebensburft. Genießen! genießen! 
war feines heißen Herzens Aufjchrei. 
Und was fi da auf reicdhitem 
Marfte der Natur dem kühnen Manne 
feilbot, e8 wurde geweiht durch jein 
begnadetes Künftlerauge. 

Schöne Gegenden waren vorüber 
gezogen; da fam ein Bild, welches 
den jungen Maler vollends entzüdte, 
Der Zug fuhr in ein waldiges Thal 
hinein. Zwiſchen faftigen Wiefen, ver: 
ftedt unter einem Weidenwall, floß 
ein klares Waſſer. Die Berge janft 
und mäßig hoch, mit dichten Laub: 
wälbern bewachſen, fie rubten da wie 
weiche Kiffen, auf denen ber Liebes- 
Auf 
einer in das Thal vorjpringenben 
Höhung Teuchtete ein ſtolzes Gebäude 
mit mehreren Thürmen und unzähligen 
ihimmernden Fenftern. Es war eine 
Burg, wie man fie im Mittelalter 
baute und fpäter verfallen ließ; aber 
fie war nicht verfallen, fie fchien be- 
wohnbar, gleihmwohl das wilde Gebü- 
ſche — das fie von allen Seiten dicht 
ummucherte, an vielen Stellen bis zu 
den Fenſtern hinaufffetterte, ja ſelbſt 
an einem Erker bis hoch zum Dache 
emporftieg — jchließen ließ, daß ber 
menjchlichen Pfade nicht allzuviele um 
den Bau zogen. Tief unter der Burg, 
in einen weißen Schleier von blühen: 
den Obſtbäumen gehüllt, xuhte ein 


Dörfchen, von welchem nur das jchlanfe 


Thürmlein einer Kapelle und am 
Waſſer eine ftattlihe Mühle zu 
jehen war. 


Wie gut, daß ter Zug langſamer 
ging! das Bild war jo anmuthig. 
Und es wurde plößlich noch ſchöner. 
Nicht weit vom Bahndamm, auf einer 
tleinen Wieje zwiihen Erl: und Weide: 
gebüfh war eine weibliche Geftalt 
bejhäftigt, mit einer Sichel das hohe 
Gras abzufchneiden. Ju dem Augen: 
blide, al3 Friedegg diejes Weſen Jah, 
hatte er feinen Sinn mehr für das 
Landichaftsbild. Diefe Grasmäherin 
war nicht Staffage, nein, fie war ihm 
der Mittelpunkt, und um fie Alles nur 
Rahmen. Eine Mädchengeftalt, jung, 
ihlanf und behendig. Ein blühendes, 
edelgeformtes Köpfchen, das mit bem 
goldigen Flechtenkranze feiner eigenen 
Loden gekrönt war. Ein zartgeformter 
Buſen, der mit jchneeweißem Linnen 
bebedt war empor bis zum fchlanfen 
Halfe. Die feinen Hände und Arme, 
anfcheinend zu was Beſſerem geichaffen, 
al3 zum Futtermähen, der Morgen: 
fonne preißgegeben; das blaue, weiß: 


geblümte Nödchen etwas hoch geichürzt, | 


damit nicht jeder Tropfen Thau an 
feinen Saum fich lege. 

ALS der Zug heranrollte, richtete 
fih das Mädchen von feiner Aıbeit 
auf; da jah Friedegg das jchwarze 
Auge desjelben. „Blonde Haar und 
ſchwarzes Auge! D du ſchönes Weib !” 
Des Maler3 Antlig war geröthet. 

„De, Schaffner, ausſteigen!“ rief 
er und lub fich fofort fein Gepäd 
unter den Arm. 

Der Zug ftand ſtill. „Station 
Brandau!” fagte der Gonducteur. 
„Aber Ihre Karte geht ja bis Mal: 
negg=Hof, mein Herr!“ 

„Die Karte meinetwegen, ich bleibe 
hier!“ entgegnete der junge Mann 
und fprang auf den Sand, — Sept 
war das Jüdlein beglüdt; es hatte 
den Silberzehner und es hatte das 
Feniter. Es lugte durch dasſelbe aus, 





ob denn micht wieder Einer einjteige, 
der es miethen wollte. 

Nah wenigen Minuten ftand Fries 
degg vor dem Mädchen auf der Wiefe: 
„Grüß Dih Gott, mein Kind!” Er 
jtrecite ihr beide Arme entgegen. Gie 
blidte ihn an, er war ihr doch ganz 
fremd. 

„So reihe mir doch Peine Hand, 
Du feines Mädchen! So gib her! 

„Ihr — Sie jehen ja, daß fie 
ganz naß it vom Thau!” antwortete 
die Mähderin etwas erröthend. 

„Wie bift Du herzlos, Kind, bie 
Ihönften Blumen mähſt Du nieder!“ 

„Kein Schade drum,” verjegte das 
Mädchen und ftrich mit einer handvoll 
Gras über die Sichel hin, „jeht find 
fie gerabe friſch; bleiben fie ftehen bis 
Mittag jo find fie welk.“ 

„Du berrlihe Philoſophin“, rief 
Friedegg, denn er legte den Worten 
des Mädchens einen weiten Sinn bei. 

„Wo ift Dein Haus?” fragte der 
Maler. 

„Ich hab’ gar kein Haus,“ Tachte 
das Mädchen, „aber meines Vaters 
Haus will ich Ihnen wohl jagen: das 
gudt dort zwijchen den zwei Eichen 
ber. — Sie werben ſich noch recht in 
die Finger ſchneiden!“ 

Leteres rief fie, weil er feinen 
Arm leicht um ihre Hüften legte, wo 
fie die Sichel an die Seite geftemmt 

ielt. 

’ „Sp fließt mein Blut nur Dir!“ 
verjegte er, und das Mädchen mußte 
nicht, wie diefer Menſch — dieſer 
hübſche, nette Menſch — fo ernſthaft 
ſcherzen konnte. 

„Kann ich in Deines Vaters Hauſe 
bleiben?“ 

„Ja, da wären Sie im Rechten!“ 

„Ich will bei euch meine Maler: 
werkſtatt aufrichten.” 

„So?“ antwortete fie, „na, wenn 
Sie nicht beim Vater in der Hand- 
werferftube arbeiten wollen, jo müßt’ 
ih frei gar feinen Platz. — Ein 
Maler! je, der muß uns ein Mutters 
gottesbildl anftreichen.” 


„Kannft Du mir fagen, Du liebes 
Kind, wo in diefer Gegend eine gute 
Wohnung zu befommen wäre?” 

„Nein,“ entgegnete das Mäbchen, 
„es dünkt Ihnen vielleicht nur jeßt 
jo; Sie mögen bahier nicht bleiben. 
's ift jo viel langweilig bei ung.“ 

„Magft doh auch Du bier fein, 
und wir wollten und bie Zeit gegen: 
jeitig jchon vertreiben. — Wer wohnt 
benn da oben in diefem Schloß ?“ 

„se, da oben im Schloß ift’3 
nichts, da wohnen bie böjen Geifter!“ 

„Ei, was nicht gar! komme doch 
unter den Laubjchatten und erzähle 
mir!“ 

„Ich hab’ weiters feine Zeit. Der 
Vater, müſſen Sie wifjen, wartet ſchon 
auf die Suppe von ber Mil, welche 
jeßt noch die Kuh mit fich trägt. Und 
der Kuh muß ich erft diefes grüne 
ng bringen, daß fie fih melfen 
äßt.“ 

„Nur Deinen Namen möchte ich 
noch wiſſen, liebes Kind.“ 

„Recht gern, ich heiß' Angla. 
Vielleicht können wir ein andermal 
ſchwätzen; ich bitt', gehen Sie jetzt 
weg! — Dort ſteht der Drack.“ 

In großer Aufregung war ſie 
plötzlich, und bie legten Worte hatte 
fie murmelnd, wie zu ſich ſelbſt ge: 
ſprochen. 

Einen feſten Druck auf ihre Hand; 
da hatte ſie ihm mit einem kurzen, 
ſeltſamen Blick in's Auge geſchaut. 

Der junge Maler ging davon. 
Noch einmal ſah er um und ſagte 
wie träumend: „Ein ſolches Weſen 
exiſtirt nur einmal auf der Welt!“ 
Dann ſchritt er dem Hauſe zu, das 
zwiſchen den zwei Eſchen hervorlugte. 
Man ſieht ihm's an, er gedenkt in 
dieſer Gegend zu bleiben. 

Angla packte haſtig ihre Arbeit 
wieder an. Sie ſchnitt die Gräſer und 
barg dieſelben in der aufgebundenen 
Schürze, und fie that, als hätte fie 
die Geftalt nicht bemerkt, die hinter 
dem Erlbuſche lauert. Das war ein 


6 


hochgewachſener knochiger Mann mit 
blaffem Antlige, wildglühendem Auge 
und mit fohlihwarzem borftigen Voll— 
bart. Eine braune Mütze, ähnlich einem 
türkiſchen Feß, hielt er in die Stirne 
gebrüdt, ein langer mattgrauer Mantel, 
eng zujammengezogen, umjchloß bie 
Glieder. E3 war eine Gejtalt, wie 
man fie nicht mehr fand in biejer 
Gegend. 

„Der Drad ſchaut mir wieber 
zu,“ flüfterte Angla „ach hätte ich den 
jungen Mann nicht weggejchidt !” 

Sie zitterte. So oft ihr junges Herz 
in Liebesfreude wollte erblühen, ftand 
diefer böſe Geift vor ihr. 


Beim Meifler Badarias. 


Mitten in einer Burg von alten 
Bauernfhuhen und Leberfleden auf 
einem Dreifuß jaß Meifter Zacharias, 
genannt der Zachſchuſter. Er Hatte 
ein ſehr breite® Geſicht, das ſtets 
lächelnd auf den alten Pfottenſack 
nieberftrahlte, welcher, zwijchen dem 
ipigen Knie und dem angejpannten 
Knieriemen eingeflemmt, juſt in ber 
Arbeit war. Seine winzigen Augen 
waren faft immer gejchloffen ober 
blinzelten nur, jo daß kundige wie 
unfundige Leute behaupteten, ber 
Meifter müſſe feine Sehkraft nicht in 
den ftet3 verſteckten Augenfternen, fon: 
dern in den beiden Glasſcheiben davor 
haben. Der Mund des Männleins 
war meiſt jo feit zujammengefniffen, 
daß man ihn nur für eine der vielen 
Nungeln hielt, die das Gefiht nad) 
allen Richtungen hin durchzogen. Haar 
und Bart war nicht viel da. Auf 
dem Haupte jaß eine fchöne glatte 
braune Perrüde, die fchreiende, aber 
falſche Bürgfhaft, daß der Mann 
noch in den beften Jahren. 

Zu diefem Schubflider nun trat 
Mar Friedegg in die kleine bunftige 
Stube, deren Wände mit allerlei 
Papierbildern von Schlachten, Welt: 
ftädten und Garifaturen aus Witz— 
blättern beflebt waren. 


„Guten Morgen, Meifter!” fagte 
ber Eintretenbe. 


Lehne ich feinen Schnaps ab, fo 
befomme ich auch feine Tochter nicht. 


„Auch jo viel!“ rief der Schufter | So dachte Frievegg und nahm ben 


in jchmetternbem, 
Tone und that einen Blid jo fein 


etwas näjelndem | gebotenen Trunf an. 


„Weil das Menfch mit der Suppe 


und ſcharf wie ein Nabelftih nach | heut’ mehr nicht vorkommt!“ brummte 


dem Fremden und feiner Beichuhung. 

„Iſt eine Frage erlaubt?” fo ber 
Maler und fegte ſich auf einen umge: 
fülpten Wafjerzuber. 

„Alles ift erlaubt“, darauf ber 
Meifter, und fuhr drahtziehend mit 
beiden hageren Armen auseinander. 

„Wem gehört das Schloß da oben 
auf dem Berge?” 

That der Zachſchuſter alle zwei 
Augen auf. 

„Da fragt wieder einmal Einer, 
wem da3 Schloß gehört. Mir nicht, 
das weiß ich.“ 

„Könnte ih nicht irgendwo Aus: 
funft darüber erhalten?“ 

„In der Gegend wird's Ihm 
Keiner genau fagen können.“ 

„Ich möchte nämlih im Schloffe 
wohnen”, fagte der Maler. 

„Ih den?’, das wird Ihm Nie: 
mand wehren, wenn er Courage hat.” 

„Warum, ftedtt was dahinter ? ift’3 
unficher 2” 

„Wird nicht fein“, antwortete 
jpöttifh der Schufter und grinfte auf 
feine Arbeit nieder. 

„Ein verrufenes Haus, alſo?“ 

„Ra, gar nicht“, murmelte bei 
Alte und nähte. Plötzlich richtete er 
fih auf, dehnte den Hals gegen ben 
Fremden Hin, ſchloß die Augen feſt 


der Alte. Wenn er da oben im Schloß 
wohnen will, fo ift er ein Schaggräber 
und nichts Anderes!” 

Auh gut. Ich bin ein Schat- 
gräber. Hängen wir der flotten Ge- 
Ihichte wieder ’mal ein romantifches 
Mäntelhen um, dachte Friedegg. 

Der alte Schufter, feit dem Trunke 
aus dem Fläfchchen bedeutend gefprä= 
iger, fuhr fort: „Das Schloß hat 
einem italienifhen Grafen zugehört. 
Der hat eine Weil auch’ drin gewohnt, 
aber es haben ihn die Böfen daraus ver: 
trieben. Die alten Leut' wifjen ſchauder⸗ 
lihe Geſchichten. Es fol im Fleinen 
Schloßhof, wo die Kerfer find, ein 
Biehbrunnen fein, aus dem, menn 
man pumpt, lauter Blut herausrinnt. 
Mag wohl wahr fein. Vor Zeit follen 
Juden im Schloß gewohnt haben, bie 
haben zum Sabbath Ehriftenfinder ge: 
ſchlachtet.“ 

„Und der italieniſche Graf?“ 

„Ja, der hat den Brunnen wollen 
verſchütten laſſen. Er hat — ſchau' 
Er dort an den Berg hinüber, wo 
die Lahn iſt, — die ganze Lahn hat 
er abgraben und in den Brunnen 
werfen laſſen; iſt aber kein Grund 
geweſen, und das Blut von den 
Chriſtenkindern rinnt noch bis auf 
den heutigen Tag.“ — Hierauf ein 


und ſchrie: „Im Brandauerſchloß iſt Zug aus der Branntweinflaſche. 


ja der Teufel drin!“ 

„Ah, wenn nichts weiter“, verſetzte 
Friedegg gleichgiltig, „mit dem Haus— 
herrn komm' ich ſchon zurecht.“ 

Ganz ſchief von der Seite her 
lugte ihn der Alte an. — ’8 ſchaut 
gar aus, als wenn das ein Heide 
wär” und an feinen Teufel glauben 
thät!“ Dann langte er ein Glas— 
fläſchchen vom Fenfterbrett, that daraus 
einen Aug, reichte es hernach dem 
Fremden hin: „Aufmwarten 2“ 


Friedegg hörte faft aufmerffam zu ; 
er ſah, wie das Ding, anfangs noch 
verſchwommen, im Haupte des Alten 
während bes Erzählens Geftalt an- 
nahm. Er jah, wie ein Volksmärchen 
wädhlt. 

„Und der italienifhe Graf?“ 
fragte er noch einmal. 

„Der,“ antwortete ber Schufter, 
„it über das viele Blut davon. Das 
Blut hat ja alles überſchwemmt und 
heut ift im großen Hof ba oben ein 


ganzer See davon. Und auf dem See 
fahren in elfenbeinernen Schiffen ſchöne 
Sungfrauen um. Die follen aber jo 
ihön fein, daß fie eben verloden, 
der fie mit einem Auge fieht. Dann 
jpringt er zu ihnen auf das Schiff 
und dann gehen fie unter im blutigen 
See.” 

„Und der italieniſche Graf?“ 

„Sa, der hat fi die Augen ver- 
bunden, jo oft er auf dem Söller ift 
geftanden. Da iſt ihm einmal am 
Feierabend, wie fhon der Mondſchein 


war, ein Spa vom Dad herab und | er 


auf die Augenbinde gehüpft; ijt Die 
Binde herabgeruticht, hat der Graf 
die wunderſchönen Jungfrauen ge: 
fehen. Schon will er ſich hinabftürzen, 
da läuten fie auf dem Brandauer 
Kichthurm zum englifhen Gruß, und 
jo haben die böfen Geifter zur felbigen 
Stunde feine Macht über ihn gehabt. 
Seitdem hat der Graf das Schloß im 
Stich gelaffen und ift davon. Schier 
zwanzig Jahre wird’3 her fein. Man 
jagt, er wäre die Zeit her gegen jeinen 
Fürften aufgeftanden; und ber hätt’ 
ihn in ein ewiges Gefängniß werfen 
laffen. Das Schloß ift verlaffen wie 
ein Kirchhof. 
hinein. Der Brandauer Todtengräber 
hätt’ den Schlüffel dazu. Ein alter 
Narr wohnt in einem Winkel des 
unteren Hofes, der fammelt allerlei 
Kräuter und Käfer und Gewürme zu 
Haufen. Aber ich fag’, das iſt Alles 


Es will fein Menfch | hatte 


Andere feine Kräuter: und Käferfamm: 
lung betreibt — verjteht mich. Doc 
bin ich im Befige von geheimen Mitteln, 
die nicht Seder hat, und mir wird's 
gelingen. hr, Meijter, ſeid — id 
weiß niht wie — mein Vertrauter 
worden. Und wenn hr mir behilflich 
jein wollt, daß mir der Todtengräber 
im Schlofje etliche Gemächer aufſchließt, 
jo jol’8 Euer Schade nicht fein.“ 

Der Schufter blinzelte den Frem— 
ben an. Er fand das junge ſchöne 
Antlig offen und ehrlich, daher jagte 
: „Daß er Euch das Schloß auf: 
jperrt, wird feine Kunft fein. Will's 
ihon betreiben.” Und dachte bei ji: 
unge, leicht ftedt Einer dich mit: 
fammt deinem Schag in den Sad. 

ALS Friedegg aus dem Häuschen 
trat, ſah er durch die Stallthür, wie 
Angla aus ihrer Schürze der Kuh das 
Gras in die Krippe jchüttete. 

„Oh!“ rief er, „ich werde wahn: 
finnig! Hier füttert die Venus ein 
Rind !“ 


Die Schönfte für den König! 

Schon am Abende desjelben Tages 
war Friedegg Herr auf Brandau. Es 
einige Mühe, Märchen und 
Münzen gefoftet, bis der Todtengräber 
ihm die drei freunblichften, jonnigiten 
Gemächer aufthat. Auch war, als das 
Burgthor knarrte, der hagere, blaffe 
Mann, den fie den Draden hießen, 
vorübergeihlichen, und hatte einen gar 


angefpielte Sad’, und ber Menfch | finfteren Blick auf die Eintretenden 
will ſchatzgraben im Schloß. Die |geichleudert. Maucher büjtere Gang, 
Juden haben ja den Schaß des Salo: | mancher hohe, öde Saal war zu durch— 
mon barin vergraben. Und nichts für | wandeln geweſen. Und mande Spinne 


Uebel, ich fehl’ nicht weit, 


dem Schatz.“ 

Friedegg rüdte dem alten Schwäßer 
etwas näher, Iegte ihm die Hand 
auf bie höderige Achjel und fagte im 
Vertrauen: „Was fol ich’3 denn 
leugnen, Meifter. Meines Handwerks | 
bin ich ein Maler und will mir im| 





Schloſſe eine Malerwerfitatt einrichten. 
Aber nur zum Schein, jo wie der 


wenn ich | hatte ihr Gitter geſpannt, als wollte 
jag’, dem Herrn da g’luft’S auch nad) |fie den lebensfreudigen, 


heißblütigen 
Jüngling vor dem Eingange in dieſe 
Räume bewahren. Doch nun befand 
fih der Maler in der alterthümlich 
und vornehm eingerichteten Wohnung 
recht wohl; auch hatte er bereits 
Staffelei und Farbenfaften aufgejtellt. 
Allein der alte Eniffige Schufter, der 
auf einer Lehnbank fauerte und unge: 
ſchickt eine Eigarre zerbiß, die ihm ber 


neue Bekannte zugelegt, war ihm doch | fie, „al’ meiner Tag’ müßt’ ich mich 


zum Malen Fein wiürdiger Gegenftand. 
Er ging daran, fih ganz um einen 
andern zu bewerben. 


„Meifter“, ſagte er, fich dem Alten | 
gegenüberjegend und felbft eine Eigarre | 


anbrennend, „dasSchatzgraben das bleibt 
unter und. Den anderen Leuten bin 
ih als Maler da; ih bin nämlich 
vom König geſchickt, die Schönfte im 
Lande zu malen. Sie fommt in den 
königlichen Palaſt.“ 

„Ei je!“ machte der Zachſchuſter. 

„Das iſt kein Märchen, mein 
Lieber. Und ſelbſt wenn es mit unſerem 
Schatze nichts fein ſollte, jo bin ich 
ein gemadter Mann, jobald ich das 
Bild zu Stande habe.” Darauf der 
Schufter: Und ift das wahr auch? — 
Na, wie lange wird Er da juchen 
und vergleichen müſſen.“ 

„Das Driginal ift bereit gefun- 
den, mein edler Herr von Drahtzug. 
Es lebt hier in der Gegend und mag 
mir hoffentlich gern figen.“ 

„Ra, wohl gewiß nicht, daß fich 
Die wehren wird.“ 

„Es fommt nur auf ihren Vater 
an, ob er dem Könige geben wird, 
was des Königs iſt.“ 

„Denn er fein Narr ift, wird er 
fih nicht lang befinnen.“ 

„Schön“, jagte Friedegg, „Jo wäre 
auch dieſes abgemadt. Die Leinwand 
ift aufgeijpannt. So mögt Ihr fie 
morgen um act Uhr jchiden.” 

„Ich? wen?“ 

„Run, die Schönfte 
Eure Tochter Angla.“ 

Der Alte bewegte fih nicht. Er 
preßte nur die dünnen Lippen feſt 


im Land, 


zujammen, brüdte bie Aeuglein zu | da | 
Läſterer, jo rief hierauf fein Herz, 


und ſchmunzelte. 

Bald hernach ftiegen die beiden 
Männer nieder in’3 Thal. Angla, als 
fie den vornehmen Antrag hörte, wurbe 


roth und blaß und wieder roth. Des| 


Malers bloßer Blid ſchon pinfelte ihr. 
allerlei Farben in's Geficht. 
„Das kann ich nicht thun, bei, 











ihämen vor mir felber. Auf fo ein 
Bild gehört wohl die Mutter Gottes, 
und nicht ein leichtfertig Geichöpf. “ 

„Mein Kind“, verjegte Friedegg, 
„wer kann die Mutter Gottes malen? 
wer hat fie je gejehen? Der Künſtler 
muß ein Vorbild haben, und will er 
die Göttliche Schaffen, fo kann es Feine 
andere fein, al3 die ſchönſte Jungfrau 
auf Erden, die ihm ihr Anbild leiht.“ 
Dann ſetzte er leiſer bei: „Ih 
male durh Dich ja eben die Mutter 
Gottes... .“ 

Da neigte fi) das Haupt des 
Mädchens tief herab. Sie Hub zu 
ihluchzen an. 

Friedegg hob ihr Köpfchen empor 
und ſah die helle Thräne. Faſt zit: 
terte feine Stimme, als er jagte: 
„Angla, wenn ich's vermag, Did 
wieberzufpiegeln, dann hat die Kunft: 
welt einen ewigen Schag mehr!" — 

Die erfte Naht im Schloffe. Der 
junge Maler ruhte auf feinem Him: 
melbett und der runde Mond jchien 


durch das hohe Fenjter auf fein loden: 
ummalltes Angeficht, auf feine weiße 
| Bruft, in welcher das Herz mit einem 


Dämon rang. 

Dein leichtes Blut, jo ſann der 
junge Mann, das haft du von Gott; 
der wird dafür feine Verantwortung 
fordern. Aber die Ränke, die du 
ipinnft! Den Alten haft du beſchwatzt 
— oh, ſchrecke nicht zurüd vor dem 
Namen deſſen, was du gethan: bu 
baft ihn belogen! Das Mädchen haft 
du bethört. Gejtehe dir: unlauter ift 
dein Beginnen! — Wahrlich, das ift 
das Schloß der böfen Geifter! — Nein, 


das ift das Haus des guten Genius. 
Das Bild wird deinen Ruhm begrün: 
den, du wirft das Mädchen lieben. 
Der Mond verließ almälig den 
Ihönen kräftigen Leib; Tugte hingegen 


tief im Thale durch ein anderes Fen— 


ſter, hinter welchem auch ein junges 


meinem Leben und Sterben“, flüfterte | Herz in heißem Kampf erbebte. 


10 


Ein unheimliher Befud. 


Als die Sonne aufging, war im 
Zimmer des Kiünftlers Alles in Bes 
reitfhaft. Hier die gemifchten Farben, 
die feuchten Pinfel, bier auch die 
Kohlen und Kreiden, und hier die 
Staffelei mit der weißen Leinwand: 
ſcheibe. Ein leeres Blatt noch jept, 
wie eine weiße Wolfe, in welcher der 
Blitz noch fchlummert, — Und dort 
gegenüber der practreihe Ruheſitz 
aus rothem Sammt, harrend der 
Lieblichften, die ein ſchönheitskundiges 
Mannesauge je geihaut und gejchäkt. 

Friedegg jhritt von einem Fenſter 
zum andern und blidte hinaus, ob 
er die erjehnte Geftalt nicht ſchon 
nahen jehe. 

Da Elopfte e8 an die Thür. 

Eilig ging er, um zu öffnen. 

„Ich bin fo frei!“ murmelte eine 
dumpfe Stimme und der hochgewach— 
jene Mann mit dem blaffen Antlige 
und dem kohlſchwarzen Vollbart trat 
fnarrend in's Zimmer. 

„Kann ich dienen?” fragte ber 
Maler mit etwas ſcharfer Stimme, 

Der Fremde zog feinen Feb vom 
Haupte und ließ den afhgrauen Man: 
tel auf das Sopha gleiten, vor wel: 
hem er ftehen blieb und auf bie 
weiße Leinwandfläche binfchaute. 

„Ih darf Sie bitten, mein Herr”, 
jo begann er in feharfem Tone, „daß 
Eie e3 nicht hart nehmen, wenn ich 
etlihe Fragen an Sie zu richten mir 
erlaube.“ 

Welch' eine Anrede von dieſem 
Menden! — Etwas Höflichkeit und 
etwas Neugierde war’, als ihn Frie- 
degg bat, Plag zu nehmen und zu 
ſprechen. 

Stehend fragte der Mann: „Wie 
lange gedenken Sie in dieſem Schloſſe 
zu weilen?“ 

„Jedenfalls ſo lange, bis ich ein 
Werk vollendet habe, welches erſt heute 
begonnen werden ſoll.“ 

„Sie haben mir dieſes Werk zwar 
nicht genannt“, fuhr der Finſtere fort, 


„doch vermuthe ich, daß Sie ein be— 
ſtimmtes Bild malen wollen, wozu ich 
hier die Vorbereitungen bereits getrof— 
fen ſehe.“ 

„Welches Intereſſe haben Sie an 
dieſer Sache?“ fragte der Maler. 

„Deſſ' wollen wir uns noch ver— 
ſtändigen, junger Mann“, verſetzte der 
Andere. „Ich wünſche nämlich nicht, 
daß Sie das Bild malen.“ 

„Sie wünſchen es nicht?!“ ſagte 
Friedegg gedehnt und jedes Wort be— 
tonend, während eine tiefe Röthe über 
ſein Geſicht flog. „Dann wünſche ich, 
daß Sie ſich um meine Beſtrebungen 
nicht kümmern mögen!“ Dieſe Worte 
begleitete er mit einer Handbewegung 
gegen die Thür. 

Der finſtere Mann blieb ruhig 
ſtehen und verſetzte: „Sie ſind etwas 
leidenſchaftlich, mein Herr, und ſo mag 
ich auf meinem Wunſche wohl beſtehen. 
Da Sie aufgenommen ſind, ſo will 
ich Sie nicht mit Ernſt aus dieſem 
Baue weiſen. Hingegen müſſen Sie 
mir die Frage geſtatten, wie viel an 
Geld Sie für dieſe weiße aufgeſpannte 
Leinwand hier verlangen, wenn Sie 
ſich derſelben entäußern ſollen, mit 
dem Verſprechen, daß Sie ſogleich von 
dannen ziehen und das Bild für alle 
Zeit ungemalt laſſen wollen.“ 


„Sie ſind ein Narr!“ brauſte der 
junge Künſtler auf, „eher verkaufe ich 
meine Seele dem Teufel, als Ihnen 
das Anrecht auf dieſes Bild. Gehen 
Sie und ſtehlen Sie mir die Stunde 
nicht!“ 

Weit unheimlicher aber, als Frie— 
degg in ſeinem Zürnen, war der 
Fremde in ſeiner Ruhe, Dieſer zog 
nun aus ſeinem Mantel einen ledernen 
Beutel, der ſchwer ſchien. „Im Falle 
Sie, mein Herr“, ſagte er in eherner 
Gelaſſenheit, „mit irdiſchen Gütern 
nicht verſehen ſein ſollten und etwa 
betagte Eltern hätten, denen Sie das 
Alter erleichtern möchten, würden Sie 
gut thun, für das ungemalte Bild 
dieſe Summe zu nehmen.“ 


11 


Damit beugte er fih zu Boden 
und jchüttete den Beutel aus. Etwa 
an bie fünfzig Dukaten fchimmerten 
auf dem Eſtrich. 

Friedegg ftarrte überrafcht darein. 
Mas ift das? Und der Mann hatte 
eine Saite berührt, die lange in feiner 
Seele ſchrillte. Er hatte der betagten 
Eltern gedacht, die allerdings nicht 
ſorglos ſchlafen konnten. 

„Es iſt Ihnen zu wenig“, murmelte 
der Fremde, „mehr kann ich nicht geben.“ 

Da ſprang der Maler plötzlich 
auf, ſtieß mit der Fußſpitze die Gold— 
ftüde auseinander und rief: „Schand: 
gelb! Blutgeld! Judaslohn! Hinweg 
und ftört mir den Frieden nimmer !” 

Almälig Fraute der Schwarze das 
Geld zufammen in den Beutel, ſchob 
biefen wieder in das Kleid, trat dann 
einen Schritt näher zum Maler und 
fragte: „Sie wollen aljo bier bleiben 
und das Bild malen von jenem Mäd— 
hen, das unten im Haufe des Schuh: 
machers lebt ?“ 

„Ja!“ rief Friedegg mit vor Er: 
regung bebenber Stimme. 

Seht begann das Antli des Frem- 
ben noch fahler zu werben und in 
feinen finfteren Augen jprühte bie 
Gluth. Wieder langte er in den 
Brufttheil feines Kleides, doch anſtaft 
eines Geldjades zog er einen funfeln- 
ben Dolch hervor. 

Friedegg bebte zwei Schritte zurüd 
und ſuchte die Holzlehne eines gothi- 
ſchen Seſſels zu fafjen. 

Der Fremde zifhte: „An dem 
Tage, wo der erjte Lichtftrahl auf ihr 
gemalte® Bild fällt, gleitet dieſes 
Meter dem Maler in’s Herz!“ 

Schweren Schrittes trat er zur 
Thür hinaus. 

Friedegg trodnete fih den Schweiß 
vom Angefihte; dann ging er, ver: 
ſchloß das immer und ftieg hinab 
in das Thal. 


Sunges Blut im alten Schloß. 
Angla wäre nicht in's Schloß ge 


verweinte Augen. Sie habe gar ſchlecht 
geſchlafen und könne nicht dem Maler 
figen. 

Friedegg wußte fie zu beruhigen 
und zu erheitern und an jeiner Seite 
ftieg fie den buſchigen Schloßberg hinan. 

E3 wollte zuerft das Geſpräch 
nicht recht verfangen. Endlich jagte 
der Maler: „Ich habe Schon mehrmals 
von einem gewilfen Drad gehört. Was 
ift’8 eigentlih mit diefem jonderbaren 
Menſchen?“ 

„O Gott!“ flüſterte das Mädchen, 
„ſchon wieder der Drack. Ach, er iſt 
ja nichts weiter als ein Narr!“ 

„Dürfte vielleicht zu den gefähr— 
lichen Narren zählen“, bemerkte der 
junge Mann. 

„Für das halte ich ihn nicht,“ 
antwortete Angla, „mir iſt er oft in 
den Weg gekommen; dürft' nicht ſagen, 
daß er mir was zugefügt hätte. Man 
kann's aber nicht wiſſen, was der 
Menſch will.“ 

„Und wer iſt er denn? was weiß 
man von ihm?“ 

„Vor etlichen Jahren iſt er in die 
Gegend gekommen, aus Wälſchland 
glaube ich; hat eine Schrift an den 
Schloßaufſeher mitgebracht. Die Schrift 
iſt vom Grafen Banetti geweſen, dem 
das Schloß gehört; fie hat's bezeugt, 
daß der Weberbringer ein Doctor ift 
und Drade heißt, in dieſer Gegend 
wohnen möchte, um allerhand Ge: 
wächje, Gejtein und anderes Ding zu 
fammeln. Und die Schrift hat's be— 
fohlen, daß dem MWeberbringer im 
Schloß eine Wohnung angewiejen werde. 
Drauf Hat fih der fremde Doktor 
dort drüben im unteren Bau, ber 
völlig von den Buchen zugebedt ift, 
ein Kleine Zimmer ausgewählt, und 
darin wohnt er feither. Er geht herum 
wie ein Verrüdter, aber die Xeute 
fürchten fi nicht vor ihm. Keinem 
Menſchen kann er jo oft begegnen, als 
mir. Er hat früher noch jelten ein 
Mort mit mir gefprodhen, doch wenn 
er mich mit feinen wilden Augen an: 


fommen. Sie war allzublaß und hatte ſchaut, fo iſt's mir wie ein Stich in's 


12 


Herz. Und ſchon ganz gewiß ift er 
nicht weit von mir, wenn ich auf dem 
Kirchtag bin, oder einmal beim Tanz. 
Die Burſchen haben ihn ſchon paden 
wollen, aber feiner getraut fich.“ 

„Nach meiner Anficht, Angla, ift 
ber alte Kerl in Dich verliebt,” ſagte 
Friedegg. 

Das Mädchen ſchwieg. 

„Einmal“, flüfterte es nach einer 
Weile, „it wohl Jemand in mich ver: 
liebt geweſen; derjelbe hat fich halt ganz 
anders betragen, als dieſer Menjch.“ 

„Wie hat fich denn derſelbe be: 
tragen? fragte der junge Maler, ihr 
ſchalkhaft in's Auge blickend. 

„Ra, jo, daß ich gegen ihn hab’ 
grob werden müſſen,“ jagte Angla 
raſch und ſetzte leiſe bei: „grobjein 
möchte ich gegen den Draden nicht.” 

Jetzt jchwieg Friedegg. In feinem 
Haupte ftritten vielerlei Gedanken. 

Er führte die „Ichönfte Jungfrau 
auf Erden” in das ftille Schloß. Er 
führte fie über fteinerne Treppen, über 
finftere Gänge in fein Gemad). 

Angla ſchauerte, als fie eintrat; 
fie wollte e3 nicht geftehen, aber ihr 
graute vor dem Blutbrunnen und dem 
See, der in dieſem Gebäude jein follte 
und von dem ihr Vater noch geftern 
erzählt hatte. 

Dem Maler hingegen graute vor 
einem blinfenden Dolche, und er ver: 
ſchloß die Thür. 

Angla ftand unbeweglich und blicte 
zum Fenfter hinaus. Friedegg richtete 
einige Worte an fie und erhielt Feine 
Antwort. 

Angla war im Sonntagsgewand 
und hatte die Loden eng um das 
Haupt geflochten. Er aber hätte fie 
gerne in dem leichten, loſen Kleidchen 
von gejtern vor ſich gefehen, und vor 
Allem gerne ihre Loden gelöft gehabt. 
Er war fonft gewiß ein feder Junge, 
und hätte fich derlei von einem Mobdell 
unter allen Umjtänden zu verlangen 
getraut. Aber heute war ihm beflom: 
men und er fürchtete mit feinem 
Wunſche das Mädchen zu verlegen. 


Ein Marienbild mit reichen, nieder: 
wallenden Locken hing an der Wand ; 
Friedegg wollte des Mädchens Blid 
darauf lenken, Angla warf, an einem 
großen Spiegel vorüberwanfend, ihr 
Auge auf ihre eigene Geftalt. 

Als fie fih auf dem beftimmten Sit 
niederließ und ihr der Maler endlich 
doch fein Verlangen zu verftehen gab, 
löfte fie willig ihre Haarfrone und 
ließ das ſchöne zarte Gelode wie einen 
goldenen Schleier über Naden und 
Schultern wallen. 

Den jungen Mann burchriejelte 
ein jeltfam Schaubern, als er dieſes 
maienhafte Frauenbild vor fi Jah, 
das heute durch den Hauch von zarter 
Scham und den leifen Schatten von 
Bellemmung mur noch unendlich reizen: 
der war, als er fich’3 je hätte denfen 
können. 

Sn der Hand Schon die gejpigte 
Kohle haltend, wollte er, von Gefühlen 
übermannt, vor dem Mädchen nieder: 
finfen auf das Knie. Lieb' und Künft: 
lerdrang rangen um den Preis Diejer 
Stunde; endlich jchien letzterer zu 
fiegen. 

Als er mit dem Stifte auf die 
Leinwand fuhr, ſprang Angla auf, 
309 fanft feinen gehobenen Arm nies 
der und hauchte: „Warten Sie nod) !” 

„Du bift fo ſehr erregt, mein Kind!” 
fagte Friedegg. 

„Ja“, flüfterte das Mädchen zu 
Boden jtarrend, „Sie willen es nicht, 
was ih geftern Abends gehört habe.“ 

Der Maler jegte fih zu ihr, er: 
oriff ihre zitternde Hand und ſprach: 
„Sei ganz aufrichtig, Angla.“ 

„Ich hab’ darüber die ganze Nacht 
fein Auge zugethan,” jagte fie. „Ge: 
jtern — es ift ſchon ſpät, ich lieg' 
ihon lang in meinem Bette. Da 
höre ich jählings, wie als thät’3 von 
oben kommen, eine Stimme.“ 

„Nun? und was hat diefe Stimme 
gejagt ?“ 

„Eine jchauerlihe Geſchichte hat 
fie mir erzählt. Die Gejchichte von 
einem eitlen Jungfräulein, das ſich, 


13 


weil e8 jo ſchön geweſen, für ein 
Altarbild als die Mutter Gottes hat 
malen laſſen.“ 

„Wohl, ich kenne diefe Gejchichte ; 
fie jteht zu lejen in einem der fchönften 
Bücher des deutichen Volkes.” 


„So werden Sie au willen“, 


fuhr das Mädchen fort, „daß das 
Yungfräulein bald darauf abgewelft 
ift; daß ihr die Augen trüb und hohl 
geworden, daß ihr alles Fleiſch 
vom Angefiht und alle Haare vom 
Scheitel gegangen find, bis ihr Haupt 
ausgejehen wie ein XTobtenfopf. So 
bat fie leben müfjen zu Schand’ und 
Spott der Leute, weil fie fih mit 
dem Bildniß unferer lieben Frauen 
jo ſchwer verfündiget hat.“ 

Das Mädchen bebte und jchluchzte. 

„Eigentlich“, entgegnete nun ber 
Maler, „wäre beine Mähr’ zu belä- 
heln. Entweder fie hat Dir geträumt, 
oder ift Dir von einem Spaßvogel oder 
einem andern, vielleiht böswilligen 
Gejellen beigebracht worden. — Schau, 
mein Kind“, fuhr er im Tone tiefer 
Ueberzeugung fort, „die Schönheit hat 
der Menih von Gott, welcher der 
Urjprung und die Seele alles Schönen 
it. Kein Menſch ift auf der Melt, 
der je mit feinem irdichen Auge 
Gott gejehen hätte. Und doch ftellen 
wir ihn im Bilde dar, und wir haben 
dem Göttlichen, dem Inbegriff bes 
ewig Schönen und Großen — unfere 
eigene Geftalt verglichen. Wir denken 
uns in Gott einen erhabenen Greis 


mit fchneeweißem Haar und Bart, 
oder einen jugendlichen Mann in ebel: 
fter Geftalt, der im Giege über bie 
menſchlichen Leidenſchaften die Welt 
erlöft. Wir denfen uns in der Mutter 
Gottes das idealfte Frauenbild, jo wir 
uns vorzujtellen vermögen. Selbft die 
Englein im Himmel, die pure Geifter 
find, ftellen wir im Bilde holder 
Menfchenkindlein dar. — Nicht An: 
maßung fann das fein, ſondern viel: 
mehr Dankbarkeit, Opferfreudigfeit, wenn 
wir unjere menschliche Geftalt, das 
allerfhönfte Gebilde der Schöpfung, 
den Himmlifchen zur Ehre bringen.” 
Angla hatte während dieſer Rede 
dem Sprechenden in's leuchtende Auge 
geblidt. Und hätte fie der Worte Sinn 
nicht ganz verftanden, im edlen Feuer 
feines Auges las fie die Ueberzeugung, 
daß ihr Beginnen fein verdbammliches 
wäre. Und fie nahm ſich vor, daß fie 
demuthsvoll, wie einft jelbft Maria vor 
Gabriel dem Gottgefandten fich ergebe 
zum augerwählten Opfer dem ewig 
Schönen. 
Beruhigung und Freude lag in 
ihrem Angefichte. Sie war bereit. 
Sie ahnte nicht die innere Bedräng: 
niß des Künftlers, der in feiner ſchönen, 
freundlichen Geftalt vor ihr ftand. 
Zur einen Seite die heiße Liebe, 
zur andern Seite den drohenden Dolch 
— fo follte er fein erſtes Kunftwerf 
ſchaffen. 


(Fortfegung folgt.) 


Friauliſches Beifebild. 


Ein Tagebuchblatt aus dem Jahre 1864 
von Robert Yamerling. 


Wo hinter Nabrefina die Eifenbahn | 


auf dem Wege in's Friauliſche den Karit 
verläßt und gegen das Meer fich nieder: 
jenft, ba fühlt der Reifende zunächſt durch 
den Gegenjaß fich lebhaft angeſprochen, 
den der weitgeöffnete, völlig ebene 
Plan des Meerufers mit der jchroff: 


gezadten Felsregion bildet, die man 
joeben Hinter ſich gelaffen hat. Die 
Spiegelflähe der See taucht wieber 
auf; das Schloß von Duino erſcheint 
auf jeiner Felsklippe, impofanter noch 
al® das aus der ferne herüber- 
dämmernde Miramar. Später zeigt in 


14 


der Ebene fih Monfalcone ziemlich in jchärferen Kanten und Eden als 
angenehm, Maispflanzungen beginnen | gewöhnlich ausgeprägt. Wir erreichen 
auf mweitgedehnten Streden vorzuberr: | den Hauptplat, eingefhloffen von Bau: 


ihen. Bei Sagrabo belebt fich bie 
Gegend merflih. Der italienifche Cha- 
rafter tritt hervor; man fieht einzelne 
Cypreſſen, vollausgewachſen, hochſtäm— 
mig. Kriſtallklar, aber ziemlich ſpar— 
ſam im flachen Sandbette fließend, tritt 
jetzt der Iſonzo in das freundliche 
Landſchaftsbild. Dies erweitert ſich als— 
bald zum weiten Gebirgspanorama, als 
deſſen Mittelpunkt nach einiger Zeit in 
ſchöner und freier Lage Görz erſcheint. 
Faſt noch anziehender vereinigen ſich 
um Cormons fruchtüppige Gründe mit 
Gebirgsproſpecten zur angenehmſten 
Rundſicht. Im Flachlande, das wir 
unmittelbar durchſchneiden, beſtimmen 
den Charakter der Landſchaft endloſe 
Maisfelder, zwiſchen welchen als Grenz: 
ſcheiden Baumpflanzungen in langen 
Reihen laufen. Die Bäume ſind durch 
Rebengehänge wie durch Guirlanden 
mit einander verſchlungen. Unabſehbar 
gegen das dem Blicke längſt ent— 
ſchwundene Meer hinab dehnt ſich die 
friauliſche Ebene. Von Norden aber 
blickt, nicht allzufern, immer gleich— 
mäßig ſichtbar, der gewaltige Höhen: 
zug der farnijchen Alpen herüber. 
Nun zeigt fih Udine, aus den 
Büſchen der Ebene nur wenig hervor: 
tretend. Wir verlafjen die Eijenbahn 
und betreten die Stadt. Wenig ver: 
jprechen, jobald wir das Thor hinter 
uns haben, die erjten Häuferreihen. 
Bald aber erfcheint eine Bauart, die 
man noch lieber römifch als romaniſch 
nennen möchte, in fräftigen Zügen an: 
gedeutet. Man erfreut fich eines breiten 
freien Schwunges® in Formen und 
Linien. Da gibt es nichts Kleinliches, 
nicht3 Kümmerliches, nichts Verſchwom— 
menes, nichts Schnörfelhaftes. Es ift 
al3 träte das Kreisrund, der Bogen, 
das Nechted überall mit einer ganz 
bejonderen altrömifhen Energie ber: 
vor, al3 fände an Thüren und Thoren 
und Fenjtern das Bejtreben nad) ab: 
ftracter Regelrechtigkeit der Linien fich 


werfen, die und halb an Venedig, halb 
an das friegerifch-ernfte Verona ge: 
mahnen. Die Seitengafjen betretend, 
jehen wir den venezianiſchen Bauftil 
immer entjchiedener hervortreten: Häu— 
jerfronten, Portale, Fenfter und Bal- 
fone, Alles verjegt uns in Die Dogen- 
ſtadt, und wer früher nur dieje gefehen, 
der merkt jet, daß Eigenthümlichkeiten, 
von welchen er gedacht, daß fie 
einer einzelnen Stadt angehören, fich 
über eine Provinz erjtreden. Fragen 
wir zuleßt noch ben überaus höflichen 
Udinefen nah dem „giardino publico “, 
den unjer Neifehandbuh aufführt, jo 
weiſ't er und einen offenen, freien 
Grasplatz, im regelrechteften Kreisrund 
umgeben von einer Doppelreihe von 
Bäumen. Aber von welchen Bäumen ! 
Rieſige Platanen find es, die prächtig: 
ften, die man fehen fann, faft unab: 
ſehbar hoch emporgeſchoſſen und jo 
dickſtämmig, daß vier Menſchenarme 
ſie nur mit Mühe umſpannen. 

Die Reiſe fortſetzend, ſtoßen wir 
zwiſchen Codroipo und Caſarſa auf 
eine Sandwüſte, über welche eine 
endlos lange Brücke gebaut iſt und die 
wir für Alles eher halten als für ein 
Flußbett. Und doch iſt's ein ſolches: 
das des Tagliamento. Vergebens 
durchſpähen wir lange Zeit die weite 
Sandfläche nach einer Waſſerſpur; 
zuletzt entdecken wir in der That 
ein Silberſtreifchen, das feinen Pfad 
im unermeßlichen Sande ſucht. Der 
Charakter der Gegend ift inzwijchen 
im Allgemeinen immerfort derjelbe ge: 
blieben. Immer und immer Mais: 
pflanzungen, von Baumreihen durch— 
zogen und abgegrenzt, immer die weite, 
weite Ebene, nad) allen Seiten jpiegel: 
lad) gedehnt, immer im Norden die 
Umriſſe desfelben langbingeftredten Ge: 
birgszuged. Aber das grüne Gafarja 
entreißt uns dem Gefühle der Mono: 
tonie, das ung bedroht: es grüßt aus 
dichten Gebüfchen gar heiter und freund: 


15 


ih. Weit reizender noch erjcheint bald 


darauf das unvergleihlihe Pordenone, 
da3 mit feinen gartenähnlichen Um: 


gebungen, während die Eijenbahn uns 
daran vorüberführt, ſich von mehreren 


Seiten immer anlodender zeigt, einen 
anmuthigen Projpect um den anbern 
vorſchiebt, und zulegt, während ber 
Zug ftilhält, und noch durch den 


Schlußeffect einer überaus Tieblichen 
Barkanlage überrafcht, die dem Sta: 


tionsgebäude gerade gegenüberliegt. 
Pordenone — der Name Elingt 
uns aus der Kunſtgeſchichte jo befannt. 
Iſt nach ihm nicht Tizian's ftolzer, in 
der Freske faft ebenbürtiger Rival, der 
Michel Angelo der venezianijchen Schule 
zubenannt ? Aber auch von jelbit lockt 
der Ort durch feine Anmuth unmiber- 
ftehlich ; nirgend3 können wir eine an— 
genehmere Naftitation halten. Aus 
dem vorftäbtifchen „borgo“ treten wir 
buch das alterthümlihe Thor in die 
eigentlihe Stadt. Sie befteht ganz 
und gar aus einem „Corso“, in acht 
Minuten gemächlich zu durchwandeln, 
jeiner ganzen Länge nad) zu beiden 
Seiten von Arkaden eingefaßt. Am 
Ende des Corſo fteht querüber das 
Stadthaus, jo ftolz und würbevoll, als 
follten darin ftatt der Eleinen Angelegen- 
heiten der Pordenoneſen jeden Augen: 
blid die Geſchicke der Welt entfchieden 
werben. Kleinftäbtiid und modern: 
armjelig find die Läden und Buden zu 
beiden Seiten der Straße, aber von 
den Häuferfagaden herunter grüßen 
altvenezianifhe Schönheits-Conturen. 
Alles ift im palazzo-Stil gebaut, hier 
maurifch-bygantinifch, dort romaniſch. 
Unferne dem Stadthaus finden wir 
eine Kirche romanijchen Stil’3, außer: 
halb der Stadt zeigt eine zmeite 
Heinere denjelben Stil in ganz hübſchen 
Verhältniſſen. Im „borgo“ ftoßen 
wir noch auf eine dritte Kleine Kirche, 
neben welcher man ftatt des Thurmes 
eine Riejenfäule von ungeheuerer Dice 
aber verhältnifmäßig geringer Höhe 
aufgerichtet hat, was eine wunberliche 
Wirkung macht. Im Innern unjeres 





Gafthof3 treffen wir, wie in ber 
Außenfeite der Baumerfe, durchaus 
die venezianische Art vorherrfchend. Es 
find kleinſtädtiſche, faft dörflihe Räum— 
lichkeiten, aber auf den Wänden 
einzelner Gemächer begegnen uns alt- 
venezianiiche Malereien. Venezianiſch 
find die Kamine, die runden Thür: 
ſchnallen, die Thürkflopfer, die Fenfter: 
balfen, die Steinfußböden. Befuchen 
wir den Park in der Nähe des Stations- 
gebäudes, der fich ſchon bei der Ankunft 
uns fo verlodend darſtellte. Es ift 
eine prächtige Anlage auf hügeligem 
Grunde, durchſchnitten von fließenden 
Gewäſſern und Fleinen Teichen. Die 
Anlage ijt Privateigentyum, aber ber 
Gärtner läßt fich gerne bereit finden, 
Fremde einzulaffen. Er zeigt uns alles 
Schöne, mit bejonderem Behagen aber 
feine Wafjerfünfte, die er, den Waſſer— 
ftrahl mit verjchiedenartig durchlöcher— 
ten Blechtrichtern überdachend, in 
mannigfaltigiter Weife fpielen Täßt. 
Bald überrafht er uns mit faben- 
fürmig auf und abfteigenden ſymme— 
trifchen Zineamenten, bald mit bouquet= 
artigen Figurationen, bald mit einem 
ftäubenden Regen ober einem förmlichen 
Feuerwerk von Tropfen. Er zeigt ung 
auch die hübſche Spielerei, wie eine 
Kugel oder ein Käppchen von der auf: 
ſchießenden Wafjerfäule des Spring: 
brunnens hoch mitemporgehoben und 
getragen wird. Der Parkanlage jelbft 
geben insbeſondere die häufigen Trauer: 
weiden ein charakteriftiiches Gepräge. 
Auf einem Eleinen Hügel bewundern 
wir eine ganze aus Buchsbaum ge: 
ſchnittene, ziemlich weitläufige Feftung. 
Pordenone befigt auch einen „giardino 
publico“, was man bier jo wenig wie 
in Udine und in andern italienijchen 
Städten mit „öffentliher Garten“ 
überjegen darf. Es ift ein freier Ra— 
fenplag, von SKaftanienbäumen um: 
geben, mit etlihen Ruhebänken; Blu: 
men find ftreng verbannt. Aber wozu 
bedarf der Pordenoneſe eine „giardino 
publico?* Wohin man immer hier 
bliden, welche Wege man rings um 


16 


die Stadt verfolgen mag, überall ver: 
liert der Blick fih im endlos dichten 
Grün der Gebüfche, und außer dem 
Flüßchen Noncello, das den Ort be: 
jpült, begegnen wir jchier bei jedem 
Schritte fließenden oder ſtehenden 
Waſſern, deren Klarheit und Frifche 
das Aug’ ergößt, während ihr Gemur- 
mel und ihr Naufchen, befonders in 
der Nähe der Freijenden Mühlräder, 
auf die man häufig ftößt, das Ohr 
in angenehmfter Weife beichäftigt. 

E3 würde ſchwer fein, zu be: 
ftimmen, welches die anmuthigſte ſei 
von den parkähnlichen Scenerien und 
natürlichen Promenaden, die Pordenone 
von allen Seiten umſäumen. Schlagen 
wir den Weg ein, der gegen Torre 
führt, ſo ſtoßen wir, gleich nachdem 
wir die Stadt verlaſſen, auf einen 
Teich, in welchen höchſt pittoresf bie 
Zweige von vier prächtigen Trauer: 
weiden neben einander niederhängen. 
Nahe daran finden wir einen Park, 
mit einem Gartenhaufe, dabei ein 
Wirthſchaftsgebäude, in deſſen Hofe 
drei alte homeriſche Schaffnerinnen — 
e3 ift Sonntag Morgen — einander 
die noch immer pechſchwarzen Haare 
fümmen. Weiterhin führt der Meg 
und immer durch's dichte Gebüfch 
voll fpringender, vaufchender, meijt 
auch filberflarer Bäche. Allen von 
hochſtämmigen Platanen, Schwarz: 
pappeln, gemijcht mit echten Afazien 
und Ailanthusbäumen, burchfchneiden 
bier, wie überhaupt in ber ganzen 
Gegend ringsumber, die maisbepflanz- 
ten Aderftrefen, welche die Ebene 
füllen, während nebenher vornehmlich 
der Hafelftraud und die Nobinie bie 
Straßen und die Bachufer reih um: 
büſchen. An feuchten Orten, in ber 
Nähe der Bäche und Teiche, fteht 
überall die ſchöne rothe Blüthenrispe 
des Weiderichs. Läßt man, vom borgo 
fommend, das Thor der Stadt zur 
Nechten und betritt den jeitwärts von 
der Stadt hinführenden Baumgang, 
jo eröffnen fih aud bier wieder die 
ſchönſten Landſchaftsbilder. 


Alleen und Gebüſch, überall Trauer— 
weiden, die in Teiche oder in den 
Fluß Noncello niederhängen, welcher 
letztere hier in lachenden Auen und 
dichtbewachſenen Gründen ſich mit 
buchtähnlichen Waſſerſpiegeln, wohl auch 
kleine Inſeln bildend, in einer dem 
Auge wohlgefälligen Weiſe verbreitet. 
Auch einige kleine Erhöͤhungen des Bodens 
trifft man bier, willkommene Ausficht3- 
punkte über die Ebene gewährend. Der 
lange Rüden des Hochgebirgs bildet 
im Norden immer den impofanten 
Hintergrund. 

An Markttagen fieht man viele 
Zandleute in die Stadt fommen, ohne 
daß es ihnen gelänge, durch eine her: 
vorstehende Eigenthümlichkeit die Auf: 
merfjamfeit des Fremden auf fih zu 
ziehen. Anders am Sonntag, wenn 
fie fämmtlih in Holzpantoffeln zur 
Kirche gewandert fommen. Schreiten 
fie dann in Schaaren zu 40 bi8 50 
über die Pflafterfteine des Corſo, da 
vollführen fie ein Klapperconcert, deſſen 
Klangmwirkung einzig in ihrer Art ift. 
Auf der öffentlichen Promenade betrach— 
ten wir uns einen Sonntagsipazier: 
gang italienischer Kleinſtädter. Es Tohnt 
die Mühe, denn wir merken mit heiterem 
Erftaunen, daß jelbit die species alt- 
väteriſcher Philiſter in deutſcher Art, 
mit hoher Cravatte und ſpitzen Frack— 
ſchößen, auch hier nicht gänzlich fehlt. 
Gemeſſen und ſittig ſpazieren die Bür— 
gersleute mit Frauen und Töchtern 
auf und ab, und ein kleiner Ausſchuß 
jüngerer Leute, welche Stutzer vor— 
ſtellen wollen, ſtehen in einer Gruppe 
beiſammen, vor welcher die ſchöne 
Welt des Städtchens Muſterung paſſirt. 

Ueber Agricultur und Viehzucht 
maßen wir uns kein Urtheil an; aber 
wir können nicht umhin, wahrzunehmen, 
daß im Orte ſelbſt und in der Umge— 
bung viele nette Schweinchen umher— 
laufen, glänzend ſchwarz von Farbe 
und durch hübſche langgeſpitzte Ohren 
ausgezeichnet. Auch Meiſter Langohr 
iſt in auffällig häufigen Exemplaren 


Ueberall ſichtbar, zumeiſt in ſchwarzen, die recht 


17 





wader trotten und ein glattes Aus: | Taglianento. 


fehen haben, was nicht zu verwundern, 
da ihnen ja das üppigite Futter jo: 
zujagen in den Mund wächſt. 

Aber wir verweilen ſchon zu Lange. 
Sagen wir ein Lebewohl dem reichbe: 
büſchten, quellſprudelnden Pordenone. 
Der dampfende Wagenzug brauſt heran 
auf ſeiner Eiſenſpur, hält einen Augen— 
blick, uns wieder aufzunehmen, und 
entführt uns ſtracks in neue Regionen. 
Bei Sacile, wohin wir zunächſt gelan— 
gen, ſehen wir den Höhenzug, der uns 
bisher aus der Ferne begleitet, ſich 
herabſenken und in der Ebene ſacht 
verſchwinden, während ein anderer da— 
für emportaucht, der nun in ähnlicher 
Weiſe wie der vorige immerfort am 
Rande des nördlichen Horizonts bis 
Venedig hinläuft. Wir denken an 
Pordenone zurück, aber ſiehe, da ent— 
rollt uns Conegliano plötzlich eines 
der lieblichſten Städtebilder, das mit 
jenem um den Preis der Schönheit 
ſtreiten darf. Aeußerſt anmuthend ſtellt 
der Anblick namentlich an der Stelle 
fih dar, wo die zwei Thürme der 
Stadt in der Niederung mit dem 
Caſtell und den fäulengetragenen Bau: 
ten auf der Höhe zu einem äußerft 
maleriſchen Gefammtbilde zuſammen— 
treten. Jedes friauliſche Städtchen hat 
der Kunſtgeſchichte einen berühmten 
Malernamen gegeben. Wie Udine 
ſeinen Giovanni, Pordenone ſeinen 
Gian Antonio, ſo hat Conegliano ſeinen 
Cima. 

Von jetzt an überraſcht uns Die 
Wahrnehmung, daß die Fruchtbarkeit 
und Ueppigfeit der Gegend ſich auf: 
fallend vermindert. Die Gewächſe 
werben jparfam und niedrig, bald ift 
weit und breit fein hoher Baum mehr 
zu bemerken. Der Boden ijt ſandig 
und jpröde. Die Maisfelder haben ein 
verfümmertes Ausfehen und erjcheinen 
auf ganz Heinen abgeriffenen Streden, 
zwiſchen ärmlichen Wiefengründen ein: 
geſchoben. 

Der Fluß Piave, den man ſofort 
überſetzt, iſt ganz von ber Art des 


Vofeggers „‚Geimgarten‘‘ 1. Heft. 


Nichts MWunderlicheres 
als dieſe friauliichen Flüſſe. Ihre 
Bette find unabſehbare, oft ſtunden— 
breite Sandgebiete, durch welche ver: 
einzelte Gewäſſerchen fadenartig hin: 
ſchleichen. Aber fiehe da, es tritt Ne: 
genwetter ein, vom Gebirg her ftürzen 
die Bäche, und unfere Piave, unſer 
Tagliamento, unfer Torrente, unſer 
Iſonzo, die wir vorgeftern ſchier mit 
der Lupe juchen mußten, fie find zu 
braufenden Seen augejchwollen, die 
ihre gelben Hochfluthen unbarmberzig 
über die halbe Provinz wälzen. Meilen: 
weit find dann oft die Felder über: 
ſchwemmt: zum Mindeften ſäumen bie 
Maffer, neue Bahnen ſuchend, Wiefen 
und Felder wie mit Kanälen ein, 
tanzen in breiten Cascaden über ge: 
jtuftes Terrain, und jammeln fich in 
den Niederungen zu Xeichen und 
Sümpfen, aus welden bie Bäume 
nur mit halbem Stamme hervorragen. 

Unfer friaulifher Wanderflug geht 
feinem Ende zu. Wir eilen an Trevijo 
vorüber, das mit feinem prächtigen 
Bahnhof, mit feinen Stabtmauern, 
mit feiner Kathedrale das Auge nicht 
übel anſpricht; auch die Gegend zeigt 
fih von da an wieder fruchtbar. Zand- 
häuſer ftehen zahlreich zwifchen reich- 
bebauten Gründen im Gebüfch. 

Seht ericheinen allmälig Heine 
Waferitreden in der Ebene, und ehe 
wir uns deſſen verfehen, find wir von 
den erjt Fleineren, zerjtveuten, dann 
meerbreit ergoffenen Spiegelflächen ber 
venezianifchen Lagunen umgeben, und 
die Niefenbrüde trägt uns, wohl eine 
Viertelſtunde lang, über die Gewäfler 
den Thürmen zu, mit welden die 
vielberühmte Stadt herüberwinft. 

Schöne blühende Bezirke waren es 
zum größten Theil, die wir durchflo- 
gen; aber jollten wir noch länger im 
friaulifchen Lande verweilen, jo würde 
es und micht Tänger dulden in der 
Ebene; wir würden uns hinaufflüchten 
zu den Bergen, deren Gipfel und Hänge 
Tag für Tag jo ſchön aus dem fid 
zertheilenden Morgennebel hervortreten. 


2 


18 


Nichts Überfättigt das Auge fo bald 
als eine weite Ebene, fei fie noch fo 
üppig, befonbers wenn fie durchwegs 
nur mit Einer Fruchtgattung, wie hier 
mit Mais, bepflanzt if. Trägt ber 
Reifende ein deutſches Gemüth im 
Bufen, fo wir der mübe der grasgrünen, 
hoch in's Kraut gejchoffenen Natur, 
der langgeftredten Allen, der jprubeln- 
den Waſſer und ber quadenden Fröfche; 
er jehnt fich nach Bergen und Wäldern, 
nach Feljen und Schluchten, nad) Moos 


Braut 


und Heidefraut. Auf diefen Gründen 
mag eine beitere, freie Behaglichkeit 
des Daſeins ſich entwideln, und mer 
bier geboren, verlangt es vielleicht 
niemal® anderd; um deſſen Wiege 
aber Fichtenwälder geraufcht haben, 
der würde bier, wie jehr auch ange- 
zogen, doch faum gefefjelt werben für 
immer, und er fänge zulegt vielleicht 
jelbft im reizenden Pordenone, wie einft 
Pyrker in Venedig, „Lieder der Sehn- 
ſucht nad den Alpen“. 


Fahrt. 


Bon Friedrihd Marz.*) 


Du erfte Fahrt in diefe Botteswelt, 
Wie hold bift Du an des Geliebten Seite ! 


Dein Mädchentraum, er funkelt wie ein Stern, 
Der bald im Morgenrothe ift verglommen ; 


Es glüht und blüht das AL! — Kein Zauber | Was lange Dich umgab, nun fcheint es fern, 


fehlt, 
Ein haftig Wandern jelbft am Sternenzelt, 
Gibt Eurer Brautfahrt ſchimmerndes Geleite. 


Und felig lächelnd blidt Ihr ftill hinaus ; — 
Die Erde fcheint Euch bräutlich zu begrüßen, 
Mit Kränzen glaubt gefhmücdt Ihr jedes Haus; 
Es ftredt die Welt wohl hundert Arme aus, 
In Euch aM ihren Wonnedrang zu büßen ! 


Und felig lächelnd blidt Ihr aud hinein; — 

Dem Altar gleich mit Blumen und mit Kerzen, 

Bor dem Ihr kaum getaufht das Mein und 
Dein, 

So prangt in Eures Glüdes Sonnenfdein 


Dabin! dahin! Du folgft dem Manne gern, 
Der, Martha, Dich in feinen Arm genom- 
men. 


Die Erde hält den leifen Odem an, 

Durd feinen Laut zu ftören Euer Kofen; 

Es ſchläft die Zeit rings auf der Weltenbabn, 

Und Schmerz und Tod find Märchen nur 
und Wahn, 

Den ftärkften Duft verhauchen all’ die Rofen. 


Gut’ Nacht, Tieb’ Kind! Du junge holde Frau, 
Auf ewig heut' vom Herzen uns geriffen; — 
Wie foll ich's tragen dieſes Dämmergrau, 
Dich, Engelstind, wohin ich immer ſchau, 


Der große Tag aud in den jungen Herzen! Für nun und alle meine Zeit zu miffen ? 


Dein Glück will einfam fein! Wie .trodnet leicht 
Die Thräne do, die eine Braut vergoflen ! 

Doch kämſt Du erft, bis fi mein Haupt gebleicht, 
Der Segen, Kind, aud in die Ferne reicht, 

Mit dem ih Did allzeit in’s Herz gefchloffen ! 


*) Aus einer im Drude befindlichen Sammlung neuer Gedichte des Verfaſſers. 


19 


Der junge Zalſchmünzer. 
Dorfgefhicdhte aus der Jugendzeit eines Künſtlers. 
Bon P. R. Roſegger. 


In Tirol. Auf einer grünen Höhe |jo war ber Franz mit fih einig ge 


des Draugebiete®s — vor Zirmbüjchen 
fteht ein etwa jechzehnjähriger Burjche, 
ſchärft an einem Stein fein Taſchen— 
mefjer und jchneidet fih dann einen 
Zirmaft. Diejes harte, feine, glattrin: 
dige Holz ift Schon recht — da wird 
ein hübſches Rößlein daraus, Der 
Bacherwirth unten im Dorfe hat einen 
Hengit, ein Schönes, feuriges Thier — 
das wird nachgeſchnitzt aus Zirmholz. 
Iſt geicheidter, als das Banknoten: 
machen. — Hätte ih nur meinen 
Fünfziger wieder im Sad! — 

So war’, „Aus Spaß nur“, 
hatte der Franz gejagt, da er den 
Bleiftift ſpitzte, „möcht’ reblich gern 
wifjen, ob's wahr, daß jo ein Kaiſer— 
bildle gar nicht nachgemacht werben 
fönne.” Das feine Papier, die feine 
Zeichnung und Schrift, der Waller: 
drud! Das ift nichts für die freie 
Hand. Aber gerane das reizte den 
Franz. Denn immer Heiligenbilder nach: 
machen und Vögel zeichnen und Leute 
abbilden — ’8 war feine Freude 
d’ran. „Jeſus Maria, Franzel!” 
hatte ‚feine Schweſter gerufen, „was 
ſperrſt Dich denn ein, was treibft in 
der Kammer, daß Du bie Thür haft 
verriegelt ?“ 

Der Franz hatte aber jelbft nicht 
genau gewußt, warum er die Thür 
verſchloſſen. Wollte doch etwa nur un: 
geftört fein bei feiner heiklen Arbeit. 
Es war ihm aber heiß dabei gewejen, 
die Hand hatte gezittert, als fie den 


eriten feinen Strich gezogen, doch nach | hengloden nicht achteten. 


worden: es ift vernünftiger, ich laß’ 
jo Sachen bleiben und ſchnitz' den 
Hengſt des Bacherwirths. 

Und ſo finden wir ihn auf der 
Höhe, den ſchlanken Knaben mit den 
dunklen Locken und mit dem fröhlichen 
Auge. 

Er hatte Bundſchuhe an, und bie 
Kniehofe; und über die junge gerun— 
dete Bruft ging nichts, als das Lin- 
nenhemb und der Hojenträger. Das 
Ungefüge war nur der hohe Spikhut, 
der „Sternftecher“, der wie ein finfterer 
Thurm über das heitere Antlig tagte. 


Aus dem Thale der Drau, ber 
el, aus dem Boden von Lienz fan: 
gen in zartem Gefumme die Gloden 
des Feierabends herauf. 


Zu folden Stunden ift es, als 
wären vieltaujend Saiten gezogen von 
Berg zu Berg, über das ganze Ti- 
tolerland, und als fpielte auf diejer 
Riefenziether eine unfichtbare Hand ; 
jo zart und getragen tönt und Elingt 
e3 durh die Lüfte. Von demſelben 
Punkte, wo Franz ftand beim Zirm— 
bufch, waren adhtundvierzig Kirhthürme 
zu ſehen. Sie winkten und riefen — 
vergebens, dem ſchlanken helläugigen 
Burſchen gefiel e8 auf dem hohen 
Berge, wo man bie lichten Feljen jah 
von der Glockergruppe bis zu ben 
Dolomiten. 

Auch Andere gab e8 auf demiel- 
ben Berge, die das Läuten der Kir— 
Sie ſaßen 


und nad ift fie ganz ſicher geworben. in der Bergichenfe der Niederung, die 


Und als des Abends der Vater heim: | den jchönen Namen: 
gefommen, hatte er zur Sonntagsar: | trägt. 


„Auf der Wacht“ 
Im Jahre neun find dort bie 


beit feie8 Sohnes fonft gar nichts | Tiroler auf der Wacht geftanden mit 


gejagt, als: 
das ein Lump, ein junger!“ 

In der darauffolgenden Naht war 
ein ſchlechtes Schlafen geweſen, und 


„Da ſchau man her! ift| Spieß und Stußen, um ihr liebes Land 


vor dem übermüthigen Franzen zu 
ſchützen. Seither finden fi an jchönen 
Sommertagen im Berghauſe noch 


2* 


20 


immer gerne die Scharfihügen ein, um 
beim rothen Xirolerwein, bei Mäd— 
heraugenglutd und Zitherflang die 
Nächte zu „durchwachten“, dem nimmer 
vergefjen werben und nimmer veröden 
darf das Haus auf der Wadt. 


Wohl war heute ſchon das alte 
Moidle, des Wirthes Schwefter, Tau: 
ernd in die Gaſtſtube gefchlichen, und 
hatte etlichemale laut vor ſich hinge— 
murmelt : „Zufammenläuten thun fie. 
Zum Segen thun fie läuten, Unſer— 
eins mühſelige Haut wollt’ gern in 
die Kir’ gehen. Und das junge 
Volt Schaut fih heut’ nach dem Herr: 
gott gar nimmer um. Geh’ weg, jebt 
jeh’ ich’3 jchon, die Leut’ werden ganz 
falt im Glauben.” 

Man hatte gefungen, gelacht, mit 
den Mädchen gejcherzt und fih um das 
Gebrumme der Alten nicht geküm— 
mert. Nun plößlic aber, da das Moidle 
das vom „Olauben“ gejagt, 


hervor und rief: „Weible, wegen dem 


Glauben braudft Du Dir gar fein 


graues Haar wachſen zu laſſen, das 
wacht Dir jo auch fchon. Einen Glau— 
ben haben wir noch, mußt wiſſen. 
Bin voreh gewiß nicht der Lehte in 
der Meß und in dem Segen geweſen; 
jeitlang fie aber die Leut mit den 
Gendarmen in die Kirche treiben laſ— 
fen, feitlang mag ih gar nicht mehr 
hineingehen. Ich mag nicht mehr. 
Zum Beten laß’ ich mich nicht zwin— 
gen, das ſag' ih!“ 

„Ru, nur nit gar fo laut“, jagte 
jeßt der Wirth. „Sch ſeh' euch gern 
bei mir, Mannerleut’ und Weiber: 
leut’; aber wenn ich's aufridhtig will 
jagen, heut’ wär's mit lieber, wenn — 
's ift morgen der Roſenkranzſonntag, 
und jo kommen leicht heut’ noch bie 
Spighauben herauf.” 

Die Spighauben, damit meinte er 
die Gendarmen, die zu jener Zeit — 
e3 waren die jchwarzen Jahre nad) 
1848 — fo ftrenge Polizei hielten, 
daß fie während des Gottesdienftes, 


that! 
ih einer der ſtämmigſten Burfchen | 





und an Sonnabenden die Säfte aus 
den Häuſern und von ben Straßen 
in die Kirche führten. In Tirol ge: 
Shah es ſogar etlichemale, daß man 
die jo bevölferten Kirchen verjchließen 
ließ, damit es nicht etwa einem oder 
dem andern Andächtigen einfiele, vor 
Ende der Meſſe, der Predigt das 
Gotteshaus zu verlaffen. 

„Schaut, Tiebe Leut’”, ſetzte der 
Wirth auf der Wacht bei, „es ift 
halt der PVerantwortlichfeit wegen. 
Unfereiner wird jo viel geftraft, wenn 
man Unterftand gibt.“ 

„Was!“ vief eine alte, braune 
Knochengeftalt aus dem Tiſchwinkel, 
„Sind wir etwa Schwärzer, Wildſchützen, 
Diebe, daß man ung nicht Unterftand 
geben darf?! Du, ih rat’ Dir’s, 
Wirth, heb’ Keinen Unfried an, 's 
kunnt Dich blutig reuen!“ 

„Ei geh'“, befhwichtigte ein An: 
derer, ein bider, jtaubiger Kohlen: 
brenner aus dem Sfelthale, „weißt es 
fo gut wie wir, daß der Wirth nicht 
anders kann. Willft Deinen Zorn aus: 
laffen über die neumodige Einrichtung, 
jo mußt ganz wo anders anklopfen.“ 

„Und ih werd’ auch anflopfen“, 
tief der Knochige, „hab’ im Achtund— 
vierziger Jahr auch angeflopft zu 
Briren beim Herrn Biſchof, daß die 
Fenſter haben geklirrt. Und wenn's 
noch einmal anhebt, wird's nicht mehr 
ſo gut ausgehen, wie's erſtemal, 's 
ſelb' will ich auf der Stell' mit mei— 
nem Blut unterſchreiben!“ 

„Geh, geh,“ ſagte der Dicke, „Du 
biſt gleichweg mit Blut da. Das jpar’ 
auf, bis die Franzoſen wieder fommen.“ 

„Aber es ift wahr”, verjegte ein 
Bauer aus dem Möllthal, „taugen 


thut fie nichts, die neue Gendarmrelis- 


gion. Stüde gefchehen heutzutag’ auf 
der Welt, wie man fie früher wohl 
nicht gehört Hat. Wißt ihr ſchon, was 
die Lieferthaler für ein fauberes Kru: 
zifir haben?” 

„Ra, die Lieferthaler, was mögen 
denn bie auch für ein ſauberes Kru— 


21 


zifir haben“, warf ber Kohlenbreuner „Strolche aus der Spitalergegend 
in gleichgiltigem Tone ein, doch merkte haben's in der Nacht gethan,“ erzählte 
man ihm die Neugierde leicht an. der Möllthaler weiter, „aber fie find 

„Sa, 108 nur“, te der Möll- heute ſchon hinter dem Schlüſſelloch. 
— Nächfe — —* der | I die Keuchen (dem Kerker) ſperr 
Sberwirth y Gmünd zur Liefer geht, man ſolche Leut' und nicht in bie 
= * * in — — — drückendes Schweigen war, d 
en, was ſteckt in einer d'rin?“ Fin drückende igen war, da 

u 3 «tief plötzlich der Burſche, der vorhin 

ber "Refäen, mas mag ben au Die Meuherung gehn hate, da er 
— ſein ? Kein Wallfiſch nicht, * a der man! 

a ere$, hörſ, noch wenn Du mich {chlafft, jo fei fo gut 
was viel Größeres!” fagte der Bauer, md krat ein paar Salten. 
„ein geſchnitzter Chriſtus iſt d'rin ge— 
weſen.“ 

„Uh Maria und Anna!“ riefen 
die Weiber und Mädchen. 

„Ein Chriſtus mit ausgeſtreckten 


Luſtig wohlauf, 

Iſt der Drauthaler Lauf, 

Iſt der Drauthaler Zier, 

Und dös Dirndel g'hört mir!“ 


Singend umſchlang er das hübſche, 
blühende Mädchen, das an ſeiner Seite 
Händen und Füßen, und mit der blu— faf und jet dem ferufrifchen Burfchen 


tigen Seiten — der Chrijtus vom .. *— 
rothen Kreuz, das auf der mMüptiät: | 1019 ſtolz in’ glühende Auge 


terftraßen fteht. Und wie die Leut’ 
nachher zum Kreuz zufammenfommen, 
da — da ift an demfelben — hell 
nit zum glauben —“ in ein 
frampfiges Lachen brad) er aus. 

„Das muß ſchon gar mas Spa- 
ßiges gewejen fein”, meinte einer ber 
Burſchen. 


„Und 's Dirndel liab'n fein, 

Na, dös liaß i nit ſein, 

Und ſid da Standar Gendarm) 

Ba da Kirch'nthür fteht, 

Sida Halt’ i ban Dirndel 

Mei Meßgebet.“ 

Sie lachten. Es war ein neues 

Geſangel; der Trig — wie der Burſche 
„Spaßig gewiß nicht,“ rief der hieß — war nicht blöde und jauchzte 

Bauer, „ganz ſchauderlich, bei meiner aus dem Stegreif die keckhſten Lieber 

armen Seel', ſchauderlich! — Wie w 

ſie hinkommen zum rothen Kreuz, da 

iſt an demſelben, anſtatt des Chri— 

ſius ein — bi, hi, hi, hi —“ ver Tanz losgehen, da — Wirth 

ränen ſtanden ibm in ben dur Thür herein und mo te haſtig 

Kun er I Er fuhr das erſt angezündete Kerzenlicht aus: 

fi) mit dem Sacktuche über das blaſen. — 

Geſicht, ſchwieg eine Weile und fagte — I rief der Trig und 

enblich mit zudenden Munbwinfeln zog ihm ben Leuchter weg. , 

„Gott verzeih's denen, die's gethan| „Um des Himmelswillen!* hauchte 

haben, 's iſt ein unerhörter Fre: | ber Wirth, „es fteigen ja bie Spib: 

vel. An das Kreuz ift ein wahrhaf- hauben daher. Hab’ fie ſchon gefehen. 

tiges, noch Tebendiges Schaf genagelt „Sollen nur fommen“, verjegte der 

gewejen.” Burfche, „wir find ehrliche Leut.“ 
Ein Auffchrei unter den MWeibern, Bald darauf gingen dröhnenben 

ein finſteres Gemurmel unter den | Schrittes mit aufgepflanzten Bajonneten 

Männern. zwei Gendarmen zur Thür berein, 


eg. 
Schon hoben fich die Mädchen 
ſachte von ihren Sitzen, und es wollte 


22 


Mitten in der rauchigen Stube blieben 
fie ftehen und blidten finfter um ſich. 
Als fie die vielen handfeften Burjchen 
und trogigen Männer fahen, die an 
den Tiſchen ſaßen, festen fie fih an 
einen noch leeren Pla, Tehnten ihre 
Gewehre zwijchen die Beine und ver: 
langten einen Trunk. 

Ueber eine ſolche Wendung war 
ber Wirth glüdjelig und vor Freude 
ließ er aus feinem köſtlichſten Faß den 
Mein in die Gläfer der Polizeimänner 
rinnen. 

Die Gendarmen, zwei junge Männer, 
die unten in den Thälern allfort mit 
gehörntem Gewehre und finfterem Ge- 
fihte herumziehen mußten, wollten fich 
vielleicht hier oben einmal ein wenig 
erheitern. Sie ſuchten fih an die Ge: 
ſellſchaft zu ſchließen, mit den Burjchen 
ein Gejpräh anzufnüpfen, mit ben 
Mädchen zu ſcherzen; allein Die Bauers— 
leute thaten nicht viel desgleichen, als 
wollten fie mit den Spighauben gut 
Freund fein. 

Es wurde getanzt. Einer der Sol: 
daten warb um das ſchönſte der Mädchen 
zum Reigen; da ftand ſchon der Trik 
ba, zog das Mädchen mit fich fort und 
fang: 

„A Spitloppnbua 

Hot an Dirndl nochgfrogt; 
A Spigbua will i hoaßen 
Wann's 'n wos trogt !” 


Seht dauerte es nicht Lange, fo 
leerte einer der Gendarmen fein Glas 
und rief :,, Feierabend ift ! Sperrftunde 1” 

„Das weiß ich nicht, was bie 
Herren haben”, fagte einer der an- 
wejenden Bauern, „überall wollen fie 
heutzutag zuſperren. Neblih wahr, 
Haus Defterreich ift ein Gefangenhaus 
geworden.“ 

Alles ftil, der Sprecher felbft war 
über jein Wort erjchroden. Der 
Gendarm wollte feinen Namen auf: 
ſchreiben. 


„Seid keine Narren miteinand!“ 
tief jetzt der Möllthaler dazwiſchen, um 
der bedenklich werdenden Stimmung einen 





kecken Ruck zu geben und wo möglich 
den Mann, der mit ſeinem Worte ein 
Verbrechen verübt hatte, noch zu retten; 
„laßt die gefpreizten Geſchichten jetzt 
und ſeid gemüthlid. So mie heut 
fommen wir bald nicht wieder zuſam—⸗ 
men. Wirth, Wein her!“ 

Er ſchenkte alle Gläfer voll, auch 
bie der Genbarmen. j 

„Nur zulangen!”, ſagte er, „wiſſet, 
jo Wortreitereien find bei ung nicht 
bös gemeint, und einen Spaß muß 
man auch haben.” 

„Sie retiriren”, murmelte der Gen- 
darm, „nur aufichreiben Alle, Alle 
aufſchreiben!“ 

Und die Polizeimänner begannen 
die Namen der Gäſte — wahre und 
falſche, wie man ſie eben nannte — 
in ihr Armenſünderbüchlein zu ver— 
zeichnen. Dabei brummten ſie über die 
„Bettlerkerze“, die kaum ſo viel Schein 
gab, als der Schreiber benöthigte. 

Da richtete ſich der Tritz auf. „Eine 
Bettlerkerze?“ fragte er, „leicht, ihr 
Häſcher und Haſcher, leicht mögen 
wir Drauthaler Bauern noch mit 
einer anderen Kerze aufwarten. Wollen 
ſchauen!“ Und er riß ſeine breite Le— 
dertaſche aus dem Sack und zog aus 
derſelben — man ſollt's nicht glauben, 
was Bauersleute oft für Geld mit 
ſich herumtragen — eine nagelneue 
Fünfzigguldennote hervor. 

„Verſaufen?“ ſchrie der Burſche 
hell, und hob den Schein mit zwei 
Fingern und ließ ihn flattern wie ein 
Fähnlein. „Nein. Ein Licht wollen wir 
davon anſchaffen, daß der Herr Standar 
zum Schreiben ſieht.“ 

Gelaſſen rollte er den Fünfziger 
zuſammen, hielt die Rolle über das 
Kerzenlicht und als ſie lohte rief er: 
„Ich bitt', meine Herren, wenn's ge: 
fällig!“ 

Die Gendarmen ſchrieben nicht, ſie 
thaten den Mund auf. Die übrigen 
Männer ſchlugen einen Lärm, die Weiber 
fielen dem Tritz in den Arm, um ihm 
das Geld zu entreißen. War aber ſchon 


23 


zu jpät; drei Sekunden lang — und habe, den Vergeuder und Verfchwenber 


die Anmeifung, für welche ber Sage 
nad die priv. öfterreihifche National: 
banf dem Weberbringer fünfzig Gulden 
Silbermünze ausbezahlt, flog als Ajchen: 
flaum auf den Tiſch. 

Maria, die Beifigerin und Tänzerin 
des Trig, hub zu weinen an, fo leid 
that’8 ihr um das gute Gelb; ber 
Möllthaler jagte: „Du biftein doppelter 
Halbnarr, Patriz!” Und die Gen: 
darmen jchrieben — freilich wieder 
bei der Bettlerferze — das Factum in 
ihr Sündenbuch. — 





Am anderen Tag, gleich nach dem 
Gottesdienfte, wurde ber Trig zum 
Richter beſchieden. Dafelbit ftand ſchon 


wieder einer ber Gendarmen — der Fr — 
Spaß!“ eigentlich ein ſehr billiger ge— 
ſollte dem Burſchen ein Eiſenband — 2* F — An Ani ler 


die Hände legen und ihn führen nad 
Lienz zum Geridt. 

Der Trig war angeklagt der Ent: 
beiligung des Feierabends, der Ver: 
höhnung der Polizei und ber Ber: 
ſchwendung. Die erften zwei Verbrechen 
ließen fih vor dem Dorfrichter etwa 
noch jchlichten, wenn der Burjche Ab: 
bitte leiften mollte. Aber das britte! 
das Progigthun war ein alter Schaden 
ber Drauthaler Bauern; viel Gelb 
und Gelbeswerth ging dabei zu Grunde. 
Man ließ es noch hingehen, wenn fie 
bei Hochzeiten tagelange Gelage hielten, 
wenn die Todtenmahle oft die ganze 
Erbichaft des Verftorbenen verfchlangen; 
man verzieh es dem PDrauthaler Groß: 
bauern oder Dberfuecht, wenn er an 
jeiner Sonntagsjoppe anftatt Holz: oder 
Mefiingknöpfen echte Mariatherefientha- 
ler trug. Wenn fie aber wiürfelten, 
fegelten, farteten um nichts Gerin- 
geres ald um Dulaten; wenn fie zur 
„Bankozettelzeit” ihre Pfeifen mit eitel 
Zehnguldennoten anzündeten, das wollte 
man nimmer gehen lajjen, es war 
Zeit, folden Uebermuth und Troß 
einmal etwas zu biegen. Es mußte 


zu ftrafen. Alſo jchmiegte fi das 
Eifenband ſcharf um bie Fräftigen Arme 
des Batriz. 

Und fie — feine Beifigerin, feine 
Tänzerin — fein Dirndl Maria weinte 
an bemjelbigen Sonntag bei ber Pre: 
digt, jo daß ber Prediger höchlich da= 
rüber erfreut war, daß es ihm ge 
lungen, ein junges Herz zu rühren. 
Sie hörte aber fein Wort von ber 
heiligen Lehr’, fie weinte über ben 
armen guten Tri, der unſchuldig war 
und doch vor den Wichterftuhl und 
gewiß auch hinter Schloß und Riegel 
mußte. Sie wußte Alles. Sie verwünfchte 
den UWebermuth des Burſchen in bie 
unterfte Hölle, aber fie wußte, daß 
er fein Verſchwender, daß ber „theuere 


nicht3 als jene gottverlaffene Zeich— 
nung gemwejen, die ihr Bruber, ber 
Franz am vorigen Sonntag ausgeführt 
hatte. 

Hinan die Berglehne lief das 
Mädchen, wo ihrer Eltern Haus ftand. 
Der Franz war ja ein gute Bru- 
derherz; fie wußte feine Bitte, Die 
er ihr abgefchlagen hätte. Und that 
er bisweilen auch ein wenig troßig, 
jo trachtete die Schweſter nur, daß 
ihr ein bischen da8 Auge naß mwurbe. 
Ein einzig Thränlein im Schwefterauge 
machte ihn weih wie Wachs. 

Der Franz ſchnitzte juft an der 
Mähne des Pferdes, als die Schmwefter 
auf ihn zuftürzte. 

„Jetzt mußt Du's jagen!” rieffie, 
„Du biſt an Allem die Schuld. Jetzt 
geh’ nur und klag' Dich jelber an!“ 

„Der Narr werde ich nicht fein“, 
gab der junge Schniker gelaffen zurüd. 
„Ih hab’ ihm den Fünfziger nicht 
gegeben, er hat mir ihn weggenommen. 
Ich hab’ ihm's nicht geichafft, daß er 
damit bie Leut’ foppen follt’. Schabet 
ihm gar nichts, dem Trig, wenn er 


ein tüchtige8 Erempel gegeben werden, | für feinen Webermuth etlihe Tage 
wie die hohe Obrigkeit wohl das Recht | figen muß.“ 


24 


„Aber das iſt ein Unrecht!” rief 
das Mädchen, „er fol eingefpertt fein, 
weil Du der Geldfälſcher bift? Kamuft 
das verlangen, Franz? Und bat er 
Dir's nicht gut gemeint, daß er den 
Fünfziger verbrannt hat, der Dich leicht 
hätt’ können unglücklich machen Dein 
Lebtag lang? Und er will will fi 
lieber mit Meſſern Schneiden laſſen, 
als wie Dich verrathen. Und Du 
vedeit jo!” — Sie ſchluchzte. 

Jetzt legte der Franz Holz und 
Schnitzmeſſer weg und fagte: „Maria, 
erhitz' Dich nicht. Jch bin fein Lump; 
ich geh’ nicht zu Gericht und fag’s, 
daß der Geldjchein ein falſcher geweſen 
ift. Aber wenn fie fommen und mich 
fragen, jo werd’ ich’3 nicht leugnen.“ 


„Ja, fie werden Schon fommen und 
Did fragen!” jagte Maria. 


hofer dazwiſchen: „Ahr werdet mir 
noch eine Thorheit begehen! Der Teurel 
hat Dich reiten müſſen, Franz! Jetzt 
it die Sau fertig. Zwanzig Jahr’ 
kann's Dir koſten. Aber das fag’ ich 
Dir: felber verrath'ſt Dich nicht, "S wird 
doch gefcheiter fein, wenn fie den proßigen 





Trig aufein paar Tag abftrafen, als | 
wenn Du in's Criminal mußt. Meinft | 
nicht, Dirn'? — Und wer fol Dir’s 
beweifen, Franz, daß der Fünfziger 


ein falfcher und von Dir ift gewejen? | 


Nur gefcheit fein!“ 
— Geſcheit fein! es war Teicht 





gejagt. Maria hatte ihren Bruder 
gewiß lieb, aber fie hatte feine Ruhe. 
Und wenn fie ihn, den Liebiten, den 
Patriz nicht erlöfen durfte und konnte, 
jo wollte fie mit ihm figen hinter der 
eifernen Thür bei Mafjer und Brod. 
Dft hatte fie gehört, ja aus merk: 
würdigen Gefchichtenbüchern gelefen von 
verfannter, bedrängter Unjchuld, von 
unverdienter Verfolgung und Kerkerhaft 
edler Nitter. Jetzt war's an dem Trip. 
Er duldete unschuldig, duldete für einen 
Andern wie ein wahrhaftiger Held in 
den Rittergeſchichten. Patriz war ihr 
groß; fie hatte bisher nicht gewußt, 


daß fie im Stande wäre, ihr Herz 
aus der Bruft zu reißen für dieſen 
Mann . ... 

Sie ging zu drei Kirchen und 
betete für den Tritz und auch für ihren 
Bruder. 

Der Edelhofer wurde vorgeladen 
nach Lienz zum Gericht. 

„Bleibt Ihr daheim. Ich geh' ſelber“, 
ſagte Franz. ' 

„Unterſteh' Dich nicht!” rief der 
Alte, „Du wärft fo dumm und thätjt 
jelber in den Dred fpringen. Na na, 
das laß’ nur mich machen, Franz, und 
fürcht' Dich nicht, ich reiß' Dich ſchon 
heraus. Geh heut’ auf die Alm und 
ichau bei den Kühen nach; kannſt oben 
bleiben über Nacht in der Henhütten. 
Will Dich Schon in's Haus rufen, wenn's 


Pte iſt.“ 
Da kam der Vater, der alte Ebel: | 


Er ging nach Lienz und fann unter: 
wegs nad, wie er beim Verhör bie 
Neden wenden und drehen wolle, daß 
er nicht gegen feinen Sohn und aud 
nicht gegen fein Gewiſſen ausfage. 

Im Gerichtsfaal war's gar dunkel 
und ſchwül und auf dem grünen Tiſch 
ftand ein Kruzifix. 

Die Richter waren ernfte Männer 
mit grauen Haaren, 

Dem Edelhofer brachte man einen 
Stuhl; einer der Richter ſetzte ſich 
zu ihm, nahm ihn an der Hand und 


'fagte milden Tones: „Ebelhofer, bie 


Sady' ift nicht fo böſ'; thut es ung 


nur Schön offen erzählen wie's gemejen 


mit ber Fünfziggulbenbanfnote. Ihr 
feid ftet8 ein Ehrenmann gewejen, 
Edelhofer, jagt die Wahrheit, hat Euer 
Sohn den Schein gemacht oder nicht ?“ 

Der Bauer ballte die Fäujte die 
auf feinen Knien lagen und ſtarrte 
mit verglaften Augen auf den Boden 
bin. 

Der Richter hob etwas feine Stimme 
und fragte: „Ya oder nein?” 

Da zudte der Verhörte feine Achjeln 
und murmelte: „Wenn Jhr mich jo 
angeht! In's Gefiht Tügen kann ich 


Euch nit. — Verhalten hab’ ich ihn 
dazu; wir haben nur willen wollen, 
ob er das Zeug zumeg bringt, weil 
er Alles leicht jo nachmacht. Hätten 
den Fetzen ja verbrannt, aber der 
Patriz Hat ihn davongetragen; nu, 
und der hat ihn ja auch verbrannt,“ 

„Folglich ift die Sache in Ordnung, 
Edelhofer und ihr Fönnt wieder nad) 
Haufe gehen!” 

Der Richter erhob fi; der Bauer 
fchritt zögernd der Thür zu, kehrte an 
derjelben aber wieder um und fragte 
höflich, ob er ſich alfo verlaffen könne, 
daß aus ber zumidern Gejchichte nichts 
weiter mehr entjtünde. 

„Wollen jehen, was fi machen 
läßt,“ war die kurze Antwort. 

Der Edelhofer ging nah Haufe, 
aber jein Herz war ihm nicht leicht. 
Daheim fand er den Franz. 

„seht aber gleich gehft mir auf 
die Alm, Bub!” herrſchte er ihn an. 
„Bleib' nicht in der Heuhütte; geh 
lieber in die Winflernhöhl’ hinüber, 
zu eſſen werden wir Dir ſchon nad): 
ſchicken.“ 

„Sie wollen mich alſo einſperren?“ 
verſetzte Franz; „wenn ich's verdien, 
in Gottesnamen. Nur gutes Schnitz- 
holz ſchickt mir nach, Vater.“ 

„Ueber Deinen Rücken möcht' ich 
Dir's geben, das Schnitzholz!“ polterte 
der Alte, „da will man Dir aushelfen 
und Du folgſt nicht!“ 

„Davonlaufen mag ich nicht“, 
antwortete der Burſche trotzig. Ich 
werd' verlangen, daß ſie das Haus 
durchſuchen; wenn ich davonlaufe, ſo 
werden ſie mich erſt recht für den 
Spitzbuben halten.“ 

Da ging die Thür auf. Der Patriz 
ſtand da. 


28 


Ein zweites Donnerwetter. Was 
hat die Maria dem Tritz um den Hals 
zu fallen? 

* wurde es laut, ſie hätten ſich 
ieb. 

„Ungerathene Kinder!“ jammerte 
der Vater. „Das eine fälſcht Geld und 
will ſich einſperren laſſen; das andere 
hängt ſich einem Lotter an den Hals! 
‘a, was wird aus euch denn noch 
Sauberes werden?’ — 

Das iſt geſchehen vor etlichen 
zwanzig Jahren. Schade, Schade, daß 
der alte Edelhofer nicht mehr gefehen 
hat, was aus jeinen Kindern „Sau: 
beres“ geworben ilt. 

Die Maria hat den Patriz ge: 
heiratet, ift eine tüchtige Hausfrau, 
ein treues Weib und eine brave Mutter. 

Der Franz? — 

Ya, ihr lieben Leute, den Franz 
findet ihr nicht mehr in der Gegend. 
die „Standarn” Haben ihn nicht ges 
holt. Selbft ift er davongegangen mit 
dem MWanderjtab, hat das Bilden — 
das Malen ftudirt in der ſchönen Stadt 
Innsbruck und in der großen Stadt 
Münden und in der Weltjtabt Paris, 

Heute ift er ein berühmter Man. 
Bon feinen Bildern aus dem Tiroler 
Dorfleben habt ihr gewiß ſchon viele 
gefehen. Hätte ſich der Franz ganz 
und mit faiferlihem Willen auf’3 Geld: 
machen verlegt — er hätte den Werth 
und Genuß nimmer zu Schaffen vermocht, 
den uns feine Bilder bereiten. 

Wie aber das Alles fo kam, daß 
ber Franz Defregger ſein Vaterhaus 
und feine hohen Berge verließ; wie 
er es fo weit bat gebracht, daß fie 
heute in ganz Europa von ihm reben 
— ih erzähl’s ein andermal. 


— 


26 


Das Gaftmahl des Skopas. 


Eine Legende von Alfred Meifner. 


Unter den vielen wunberbaren 
Geiftergefhichten, welche von den Alten 
erzählt werben, jcheint mir bie bes 
Simonides eine der jehönften, und des 
Miedererzählens nicht unmwerth. Ihre 
Wahrheit ift wohlunanfechtbar ; es erzählt 
fie der höchſt ernfthafte Duintilian in 
feinem Buche der „Snititutionen”. 

Die Stadt Pharſalus in Theffalien 
feierte ihren Mitbürger Skopas, der 
al3 Sieger aus den Spielen zu Olympia 
hervorgegangen war; er hatte den Preis 
im NRingfampf erhalten, Das war 
nicht3 Geringes in einer Zeit, welche 
unendlich viel auf einen Eräftigen Leib 
und gelenfe Glieder, auf ftarfe Fäufte 
und raſche Beine gab. Der Mann, 
der fih in den öffentlichen Spielen, 
ſei's zu Pytho, ſei's zu Olympia, 
hervorgethan und dort mit den Zweigen 
des wilden Delbaumes gekrönt worden, 
war der Gegenftandb allgemeiner Be: 
wunbderung. Alle Stamm: und Zunft: 
genoffen, mit ihm durch gemeinjfame 
Dpfer verbrübert, meinten, einen An: 
theil an feinem Siege zu haben. Er 
wurde feierlich eingeholt, e8 war jogar 
Brauch, ein Thor oder einen Theil 
der Stadtmauer einzureißen, damit er 
durch eine offene grüne Triumphpforte 
ſchreite. Daheim angelangt, verfügte 
fi) der Sieger mit allen feinen Ber: 
wandten und Freunden in ben Tempel, 
den Göttern ein Opfer darzubringen ; 
ein großartiges Gaftmahl mit einem 
langandauernden Trinfgelage beſchloß 
das Felt. 

Bei ſolchen Feierlichkeiten durfte 
auch eine dichteriſche Verherrlichung 
nicht Fehlen. Irgend ein namhafter 
Dichter wurde mit der Anfertigung 
einer Ode beauftragt, die ein lyriſches 
Kunftwerf und für mufifaliichen Vor: 
trag berechnet fein mußte. Sie wurde 
von einem mohlgeübten Chor von 
Sünglingen und Männern im Wechjel- 
gefang vorgetragen, Doch von Lyrik 


und Mufif war nad) antifen Begriffen 
ein mimifcher Tanz unzertrennlich und 
diejer begleitete dann auch, meift feier: 
lih würdevoll, die Dichtung. 

Diesmal war es unzweifelhaft, daß 
der Feitgefang des Epinifion nad 
Wunſch der Stadt Pharfalus und des 
Sieger ausfallen werde. Der Dichter 
Simonides, der in jeiner Heimat Athen 
lange Zeit feitliche Chöre geleitet und 
zahlreiche LKieder auf Sieger in Wett: 
fämpfen gebichtet, lebte jeit dem Sturze 
Hipparchs in Theſſalien, am Hofe ber 
Aleuaden. Er hatte das Siegesgedicht 
zu liefern übernommen; Skopas hatte 
ihm für diefe Arbeit ein Talent ver: 
ſprochen. 

Selten aber war noch dem Simo— 
nides ein ähnliches Gedicht ſo ſchwer 
geworden wie dieſes. Es war wirklich 
von Skopas wenig zu ſagen, außer 
daß er ein ungemein muskulöſer junger 
Mann ſei. Auch an den Ruhm ſeiner 
Vorfahren und Verwandten ließ ſich 
nicht anknüpfen, Großvater, Ahn, 
Bruder und Oheim waren Kaufleute 
geweſen, hatten mit Del und Korinthen 
gehandelt und nie im Rennwagen oder 
im Fauftfampf gefiegt. In feiner Ver: 
legenheit half fich aber Simonides nad 
Möglichkeit. Nachdem er an Sfopas 
gelobt hatte, was zu loben war, 
machte er einen feden lyriſchen Sprung 
und fam auf die beiden göttlichen 
Fauftlämpfer Caſtor und Pollur und 
deren heroiſche Thaten. So kam's, 
daß ihnen ſchließlich ein guter Theil 
des Gedichtes gewidmet war. 

Als der Feſtgeſang, von den Choreu— 
ten trefflich vorgetragen, zu Ende war, 
ſtellte ſich ein Zuruf von allen Seiten ein. 

„Ein ſchönes Gedicht!“ rief Alles. 

„Herrlich, des gefeierten Sängers 
von Eros würdig!“ 

„Und würdig des edlen Skopas!“ 
fügten die Schmaroger und Schmeichler 
des reihen Feſtgebers Hinzu. 


27 


„Sa, Dein Gedicht ift wohlgelun— 
gen!” wandte fi) der Gefeierte an 
Simonides. „Made Dir aber, Befter,“ 
jegte er mit faufmännifcher Kälte hin- 
zu, „doch nur auf ein Drittheil ber 
verfprodhenen Summe Rechnung. Du 
haft auch nur zum britten Theile Wort 
gehalten. Dreißig Strophen haft Du 
niebergefchrieben ; zwanzig davon feiern 
die Tyndariden. D’rum zahle ich nur 
zwanzig Minen, die mweitern vierzig 
laß Dir von Caftor und Pollur ent: 
richten. Sie find großmüthig und mögen 
Dir lohnen.... Und nun, Freunde, 
in den Tempel, ben Göttern unfer 
Dankfopfer darzubringen. Sodann be: 
geben wir ung in meines Vaters Haus, 
wo ein Mahl uns erwartet. 3 ift 
jelbftverftändlih, Simonides, daß Du 
bei diefem einen Ehrenfig einnimmſt ...“ 

So Skopas zur allgemeinen Heiter: 
feit der Gäſte; jein Wortbruch hatte 
bei feinem ein Wort der Mibilligung 
gefunden. Und Hier muß ich dem 
Simonide8 den ernftlihen Vorwurf 
maden, daß er nicht ſtracks davonging. 
Doch er fagte zu fih: „Bleib’ ich weg, 
jo ärgert er fih, ic) habe Zank mit 
ihm und er prellt mich auch noch um's 
legte Drittheil. Ich muß gute, Miene 
zum böfen Spiel maden . 

Nah beendigtem Gottesdienft hatte 
man fi in ben Feſtſaal begeben, mo 
die lorbeergefrönte Büfte des fiegreichen 
Skopas und die ihm gejpendeten Gaben 
aufgeftellt waren. Ein großartiges Mahl 
nahm jeinen Anfang. Vom Hinter: 
grunde des Saale her erflang ſanfte 
Muſik von Eithern und Flöten. 

Simonibe3 war noch unter dem 
Eindrud der erlittenen Kränfung. Der 
Billen blieb ihm im Munde fteden, 
faum berührte er den Becher, er be: 
reute jedes Wort, das er zum Lobe 
bes MWichts geſprochen „Welche Nar: 
ren“, dachte er bei ſich, „ſind wir, 
der ſchwülſtige Pindar an der Spitze, 
daß wir ſolche Helden der Fauſt be— 
ſingen!“ 

Schon ein paarmal hatte ſich indeß 
ein Krachen im Gebälk vernehmen 


laſſen, war aber im allgemeinen Tu— 
mult der Unterhaltung, über der Muſik 
und den Schritten der Tänzer weiter 
nicht beachtet worden. 

Da trat ein Sklave ein, näherte 
fih Simonides und meldete, daß zwei 
wunderſchöne, ungewöhnlich hochgewach⸗ 
ſene Jünglinge, beide zu Pferde, vor 
dem Thore hielten und ihn zu ſprechen 
wünſchten. 

„Wohl ein Irrthum, Sie werden 
Skopas beglückwünſchen wollen,“ meinte 
Simonides, noch ganz in ſeinem Aerger 
verloren. 

„Es ſind ſonderbare, gar gewaltige 
Leute,“ ſetzte der Sklave hinzu. „Ihr 
Weſen, ihre Stimme, ihre Kleidung 
find nicht fo, wie ich je geſehen ...“ 

„Ei, fo geh’, heiße fie abjteigen 
und führe fie herein!“ rief Skopas. 
„Unfere Gejellichaft begehrt nah Neuem. 
Sie kommen eben recht zum Sym— 
pofium. Eben wurden die Milchkrüge 
aufgeftellt. Du, Simonides, magjt ihnen 
noch einmal Dein Gedicht vorlefen ...“ 

Simonides trat in die fternhelle 
Nacht hinaus und ſah in der That 
zwei Reiter vor dem Periftyle halten. 
E3 waren heroiſche Geftalten auf ganz 
unbändigen Pferden. Ein Band war 
Sedem um die Stirne gejchlungen, 
armdick ringelten fich die Loden um 
den Hals. 

Der Eine ſah den Dichter mit 
großen, leuchtenden Augen an und 
winkte ihm freundlich, näherzutreten. 

„Simonides,“ rief er, „habe Dant 
von denen, die Du in einem unſterb— 
lihen Liede gefeiert haft! Wir find 
die Tyndariden, Gaftor und Bollur. 
Lebe lang und fei glüdlich bis in's 
höchſte Alter!“ 

Beide winkten freundlihd, dann 
ipornten fie die Pferde und Diele 
fauften davon, doch nicht die Straße 
dahin, fondern mitten durch die Luft 
hoch hinauf, über den Feitjaal hinweg. 

Unter ihren Hufen dröhnte e3 ſon— 
berbar. 

Simonides blieb durchſchaudert, 
von Geiſterhauch angeweht, ftehen. 


28 


„Wer jo etwas erlebt,” dachte er, macht, daß die Herbeigeeilten fie nicht 
„seht ſobald nicht mehr unter Menjchen. | unterfcheiden Fonnten. Da fol nun 


Ich kehre nicht mehr in den Feitjaal 
zurück ....“ 

Da erſchütterte ein furchtbares 
Krachen, von hundertſtimmigem Weh— 
geſchrei begleitet, die Luft. Eine Staub— 
wolke wirbelte empor und verhüllte 
den Blicken das Nächſtgelegene. Als 
ſie ſich verzog, ſah Simonides einen 
furchtbaren Riß im Gebäude, vor dem 
er ſtand. Die Decke des Feſtſaales 
mußte eingeſtürzt fein, fie hatte aller 
MWahricheinlichkeit nach alles, was da 
geathmet, unter Trümmern begraben. 

Simonides ftand ſtarr vor Ent: 
jegen da. Dann befühlte er Stirn und 
Bruft, denn er begriff faum, daß er 
unverlegt jei. Da und dort löſte fich 
noh ein Balken unter dem Dache, 
riß einen Pfeiler mit fort und flürzte 
in den Schutt. 

Simonides beugte fich tief, feine 
Stirne berührte den Boden. Er be: 
griff, was gejchehen. Die alljehenden 
Götterſöhne hatten ihm durch Lebens: 
rettung ihren Dank abgetragen. 

Und nun war in Pharſalus, das 
ſich eben noch einer ungemeſſenen Freude 
hingab, ungemeffene Trauer und Weh- 
klage. Es gab faft Feine Familie von 
Anfehen im Orte, die nicht einen An: 
gehörigen verloren. 

Die Naht verging mit dem Weg: 
räumen bes Gebälfes. Stellenweife 
waren die Leichen jo unfenntlich ges 





Simonides mittelft feines guten Ge— 
dächtniife8 die Ordnung, in ber bie 
Gäſte gejeilen, angegeben und fo jede 
Leiche den Ihrigen angewiejen haben. 

Sfopa3 war unter den Wenigen, 
die lebendig aus dem Schutte hervor: 
gezogen wurden. Er hatte beide Beine 
gebrochen, aber feine ungeheure Natur 
half ihm duch. Man ſah ihn noch 
jahrelang auf Krüden in den Gaffen 
von Pharſalus herumhinken. 


* * 


* 


Das iſt die Geſchichte von Simo— 
nides. Sie zeigt uns, welchen Schutzes, 
welcher hohen Protection in alter Zeit 
ſich die Sänger erfreuten, wie man im 
Olymp auf ihre Lieder Acht hatte und 
wie die Götter zürnten, wenn literariſche 
Auftragsgeber ihnen den Lohn ver— 
kürzten. Aber das iſt nun lange her. 
Noch immer beſteht ungeſchwächt der 
Gegenſatz kaufmänniſcher Geriebenheit 
und idealiſtiſchen, unpraktiſchen Ver— 
trauens; es iſt faſt ſtehender Brauch 
der Verleger, eingegangene Verpflich— 
tungen ſtrittig zu machen und zum ge— 
ringſten Theil zu erfüllen. Aber die Nach— 
kommen des Skopas tafeln, vom Zorn 
der Götter ungeſtört, weiter und ihre 
Häuſer fallen ihnen nur in den ſeltenſten 
Fällen über dem Kopf zuſammen. 


Es iſt doch ſchade um die alten Götter! 


Frauen in der Schmach. 


Ein zeitgemäßes Sittenbild. 


Die mohamedanifche Religion erlaubt | 
jedem ihrer männlichen Bekenner, vier 
Frauen zunehmen. Jede derjelben hat 
den Rang einer rechtmäßigen Gemalin. 

Allein ein echter Türke gibt jich 
mit vier Weibern nicht zufrieden. Wenn 
vier geftattet find, warum nicht auch noch 
die fünfte? Mohamed der Prophet foll 





fiebzig Freundinnen bejeffen haben. Wer 


die Mittel hatte, der fragte daher 
nicht, wie viel der Islam vorjchrieb, 
und das Gejeß wurde erweitert nad) 
Belieben. Nach) und nach find die Harems 
der Großen und Reichen auf Hundert 
Frauen angewachjen. 

Diefe Zeit ift nun wohl auch vorbei, 
weil die Sache zu Eojtipielig wird. Die 
übermütbigiten Paſchas haben kaum 


29 


dreißig Herzerfriihungen in ihrem 
Haremlif; und die meiften der Mufel- 
männer haben mit vier Frauen vollauf 
genug. Trogdem gibt die Polygamie 
dem Neihe noch Heute ein ganz 
charakteriſtiſches Ausjchen. 

In den größeren Städten der Türkei 
find förmliche Weibermärkte eingerichtet 
und diefer Handel iſt wohl eines der 
ſchwunghafteſten Geichäfte des gottver: 
lafienen Reiches. In Konftantinopel 
durchziehen ehrloſe Weiber in Maffen 
die Stadt, und bieten ihre Schönheit 
unter wirffamen Proben ihres feurigen 
Temperamentes zum Kaufe aus. An 
Miethern und Käufern ift Fein Mangel 
und verſchmäht es auch mancher Frembe 
nicht, er mag aus dem ftrenggläubigen 
Morgenlande, oder aus dem freifinnigen 
Abendlande kommen, während feines 
Aufenthaltes in Konftantinopel die tür: 
fiihe Sitte mitzumachen. 

In gewilfen Ländern, wie 5. B. 
in Tjcherkeflien, find die Väter den 
Derfauf ihrer Töchter längft gewohnt, 
und leßtere ftreben nur, bei reichen 
Paſchas den Nang rechtmäßiger Ge: 
malinnen zu erhalten. Anderwärts ent: 
führt man junge Mädchen mit Kift 


Auf den Bazard, wo man die 
Frauen verkauft, kann Jeder die Lifte 
ihrer perfönlichen Neize einfehen, und 
alte Weiber ſchlichten alle Streitigkeiten 
zwijchen Mäkler und Käufer. 

Die Folgen einer ſolchen Verſün— 
digung gegen die heiligſten Geſetze der 
Menſchheit? — fie liegen offen da. 
Schon beim Eintritt in die Familie 
mit Schande gebrandmarft, bringt bie 
türfifhe Frau nichts mit von dem, 
was andberwärt® ihrem Gejchlechte 
Würde verleiht. 

Ein Geſchöpf, als Sklavin behan- 
delt, bewahrt oder erwirbt fie alle Lafter 
der Sflaverei. Sie überträgt dieſe 
Zafter auf ihre Kinder. Was fol fie 
ihnen fonft geben, lehren, anerziehen ? 
Sie, die Entwürdigte, hat und ift und 
vermag ja nichts. 

Nicht erquidlid muß es fein, in 
das Herz eines Harem-Meibes zu 
ſchauen. Die natürliche Züchtigkeit des 
weiblichen Gejchlehtes ijt in höherem 
oder geringerem Grade wohl auch der 
Dsmanin angeboren. Welche Dual mag 
die Frau bier erbulden, bis fie ganz 
zu dem wird, wozu fie ein jchredkliches 
Geſchick bejtimmt hat. Dann greift bie 


oder mit Gewalt, und geht e3 dort, | glühende Leidenſchaft oder die Stumpf: 
wo nur die Liebe ſüße Entjcheidung | heit Plag. Man frage im Orient die 
bieten jollte, nicht allzufelten mit Blut Aerzte, welche in ſolche Orte Zutritt 


und Brand ab. 

An verjchiedenen Orten wird ber 
Boden: und Gemwerbetribut in Weibern 
entrichtet; und da gibt es patentirte 
Kenner, die an der lebendigen Münze 
das Gold von dem Silber und das 
Silber von dem Kupfer wohl zu unter: 
ſcheiden wiſſen. — So wie bei uns 
die Mädchenlyceen entftehen, um bie 
fraulihe Jugend an Herz und Geift 
fittlich und zur menſchenwürdigen Selbft: 
ſtändigkeit heranzuziehen, jo gibt es in 
der Türfei Gynäceen, in welchen bie 
Frau zur Sklavin abgerichtet wird. 
Da hat das Mädchen zu lernen, was 
e3 in anderen Ländern nicht wiſſen 
fol, muß ſich üben, die Männer zu 
bezaubern — eine Aufgabe, die bei 
ung die Jungfrau duch Sittfamteit löſt. 


erhalten haben. Sie ſchildern die Ver: 
zweiflung jener, in denen die jeelen- 
verpeitende Atmojphäre das heilige 
Feuer noch micht ganz erftidt Hat. 
Manche waren eine freie Erijtenz ge— 
wohnt worden. So mwurben zur Zeit 


des Befreiungsfrieges viele junge Grie: 


innen geraubt, und an die Meiftbieten: 
den verkauft, nachdem fie die Süßigkeiten 
des chriſtlichen Familienlebens gefoftet 
hatten. Jetzt wurden fie gezwungen, 
ihr Vaterland, ihren Glauben, ihre 
Liebe abzufhwören!... Welch eine 
Bein, bis endlich die willenlofe Ergebung 
und der Stumpffinn fam! 

Bor Allem klagen die Bemwohnerinnen 
der Harem3 über Langweile; denn 
außer dem Buß, dem Baden, bem Salben 
und den Huldigungen ihres gemeinfamen 


30 


Herrn fennen fie feine Beſchäftigung. 


Diefe Sprache fteht in ben Satzun— 


Nichts reiht an die Nullität diefer | gen des Islams. Wären nur bie Ge: 


Weſen, an ihr leeres Geſchwätz, an 
ihre Eleinliche Sorgfalt, dem Gebieter 
zu gefallen; nur die giftige Eiferjucht 
ift Schließlich noch im Stande, den Neft 
von geiftiger Kraft bisweilen anzufachen, 
und fich gegenjeitig noch das Letzte zu 
rauben: die Wohlthat der Gefelligfeit 
und der Theilnahme. 

So iſt im Drient das Weib von 
der Höhe des Ideals herabgeftiegen 
bis zur unterften Grenze der Menjchheit. 
In der Beſellſchaft nimmt dort die 
Frau ganz und gar feine Stelle ein. 
Für die Außenwelt ift fie vollftändig 
abgejchloffen. Der Bräutigam, der die 
Braut nit al3 Sklavin nimmt, fieht 
nicht einmal ihre Züge, bevor er fie 
geheiratet hat. Der Schleier ift nicht 
die züchtige Hülle der Reinheit ; er ift 
das Grabtuch der Freiheit, die Maske 
der Leidenſchaft, die Dede des Laſters. 
Und der Schleier ift die Zmangsjade, 
welche despotiſche Eiferfucht der Schönen 


überbürbet. Selbft die Bettlerinnen an 


den Straßeneden Konftantinopel3 find 
verjchleiert, wie die Frauen des Sultans. 
Mit fieberhafter Angft überwacht der 
Türke die ehlihe Treue feiner Frau 
und läßt fie bewachen durch Spione, 
während er felbit auf allen Wegen bie 
Freuden der Liebe ſucht. Im Harem 
find die beten Wächter jeder einzelnen 
Frau — die übrigen, deren Scheljucht 
gewijfermaßen den Hüter der Tugend 
abgibt. Der Harem ift ein Kerker, zu 
welhem vor Allem der Mann der 
Kerfermeifter ift. Der Muſelman duldet 
es nicht einmal, daß von feinen Weibern 
geſprochen wird und wäre es eine große 
Indiscretion, ihn nad dem werthen 
Befinden feiner Frau Gemalin zu 
fragen. Ueberhaupt verbietet es im 
Driente die Höflichkeit, von Frauen 
öffentlich Notiz zu nehmen, wenn man 
deren nicht erftehen will. Wenn ein 
Mufelman nit umhin kann, von 
feiner Frau zu ſprechen, jo fagt er 
gewöhnlih: „Das Weib, mit Reſpect 
zu melden.” 





bräuche nicht noch jchlimmer, wie bie 
Gefege! Die Vielmweiberei hat nicht 
bloß die Eriftenz der Frauen in ben 
Harems, wo ihr zahlreiches Zufammen- 
fein die ſcharfe Aufficht der Eunuchen 
nöthig macht, vergiftet; fie hat auch 
die Lage derjenigen Ehefrauen, bie 
ohne Rivalen find, tief herabgewürbigt ; 
jelbft die hriftlihen Ehegattinnen im 
Drient müffen darunter leiden. 

Dei all diefen ungereimten Ber: 
bindungen geminnt die Bevölkerung 
weder an Quantität noh an Qualität. 
So waren dem Sultan Mahmud, als 
er das Zeitliche fegnete, von den breißig 
Kindern feiner neunundvierzig Frauen 
nur zwei Söhne und zwei Töchter, 
alle von ziemlich ſchwächlichem Körper: 
bau, am Leben geblieben. Dem furdt: 
baren Huffein, dem WBertilger der 
Sanitfcharen, Hatten feine achtund: 
zwanzig Frauen nur einen einzigen 
Sohn gefchenkt. Diefer Junge verjtand 
in feinem fünfzehnten Jahre noch nichts, 
al3 auf dem Divan zu liegen, Tabak 
zu rauchen und nadhzufinnen, wie zahl: 
reich wohl er feinen Harem bevölfern 
jollte. 

Die Vielmeiberei ſchadet dem Kinde 
ihon in feinem erſten Werben, in 
jeiner Entwidelung und noch mehr in 
feinen jeelifchen Eigenfchaften. Mütter 
und Töchter find in ihren Krankheiten 
häufig ohne ärztliche Hilfe, da ſich der 
Mufelman nur ſchwer entichließen 
fann, einen Arzt in die Gemächer jeiner 
Frauen zu führen. Entjchließt er fi 
doh dazu, fo wählt er am liebften 
einen hriftlichen Arzt. Hat die Kranke 
ihre Zunge zu zeigen, jo wird dazu 
im Schleier ein Loch gemacht, durch 
welches fie diejelbe hervorftredt. Kommt 
e3 zum Pulsgreifen, jo zittert der Herr 
Gemal aus Eiferfuht. Um wie viel 
toleranter find in diefem Punkte doch 
wir Europäer geworden! — 

Die AZuftände ber osmaniſchen 
Frauen hat am erſchöpfendſten bie fran: 
zöſiſche Akademie ber Wifjenfchaften mit: 


| a ur — 


31 


getheilt. E3 that Noth, in Europa die 
Geifter zu wecken, gegen ſolche Ber: 
hältniffe und Ericheinungen ins Feld 
zu ziehen. 

Und thatfählih hatte fich bereits 
unter der Regierung Mahmud's Manches 
zum Beflern gewendet. Schon fingen 
die dichten Schleier an fich zu ſenken; 
die türkiſche Frau wagte es, der Welt 
in’3 Auge zu ſchauen. In den Bazarz, 
in den Kaffeehäufern, auf öffentlichen 
Spaziergängen ſah man Frauen wandeln 
mit europäiſchem Anftand. Nicht fo jehr 
das erwachte Bemwußtfein der Gefittung 
mochte dazu Anlaß gegeben haben, als 
vielmehr — die Mode, die auf Eifen- 
bahnen und Dampffchiffen raſch die 
ganze Welt umgarnt, und mächtiger 
ift, als Geſetze und Miffionäre. Auch 
begann das Vorbild der Hauptitabt 
bereit3 auf die Provinzen zu wirken; 
da erſchien plöglich ein Edict „An bie 
türfifchen Frauen!” In diefem Schrift: 
ftüd wird den Frauen zum Vorwurfe 
gemacht, daß fie zu oft ausgingen und 
zu ſpät heimfehrten. Diejenigen, welche 
zu Fuß gingen, wenbeten ihr Antlik 


jedem Fremdling zu ; diejenigen, welche | 
fahren, hätten junge Kuticher. Sie‘ 


wären verwegen genug, ſelbſt in bie 
Apotheke zu treten, ja, man habe 
jogar bemerft, daß fie in ihrer Selbft- 
vergeffenheit ſich bis in das Stadt: 
viertel der Franken vergangen hätten, 
um fih dort mit Eis zu erfrifchen. 
Es müßten unter ſolchen Umftänden 
wieder die alten Satzungen zu Rechte 
gelangen; der Verführer würde ohne 
Gnade gehängt, die ungetreue Che: 
frau würde in einen Sad genäht und 
in’3 Meer geworfen. — 

Noch vor wenigen Sahren zeigte 
man in Konftantina (in Algerien) Blut: 
[puren unglüdlicer Frauen, welche auf 
bloßen Verdacht hin von einem 800 Fuß 
hohen Feljen in den Abgrund geftürzt 
worden waren, 

Es gibt für die Frau des Drientes 
nur ein Ajyl gegen dieſe unbarmberzige 
Behandlung — die Mutterſchaft. Ein 
Weib, das Mutter geworben, erwirbt 


in den Augen ihres Gatten und Ge: 
bieter8 unvergeßlihe Anſprüche auf 
gewiſſe Privilegien, die fie wieder in 
den Befig ihrer perfönlihen Würde zu 
jegen fcheinen. Sie erhält einigen An: 
theil an dem inneren Haushalte und 
mitunter fogar an den die übrigen 
Frauen betreffenden Ränfen ihres Ge: 
mals. Männer, denen ihre Armut 
nur Ein Weib zu halten erlaubt, be- 
obachten dieſe Regeln nicht minder 
ftreng. Wenn ſchon überhaupt, fo ift 
e3 im Driente insbefondere das größte 
Unglüdf der Frau, Finderlos zu fein. 

Neben der Polygamie iſt die Ehe: 
lofigfeit für das Osmanenreich ein Fluch. 
Es gibt viele Hageftolzge unter den 
Mohamedanern. Den Begriff von der 
„Nttigen Lebensgefährtin” kennt ber 
Mufelman nicht. Verkäufliche Frauen 
find zu theuer, als daß fi Jeder eine 
Anzahl, oder auh nur Eine anfchaffen 
fönnte. Daher die häufigen, gewalt: 
ſamen Entführungen junger Chrijten- 
mädchen und noch fträflichere Attentate, 
gegen welche die türkiſche Juſtiz nur 
felten energiſch einjchreitet.. Leider er: 
itreden ſich ſolche Sitten auch auf die 
nicht mohamedanifchen Unterthanen der 
Pforte; dem Manne ift eben die Ge: 
walt in die Hand gegeben, und Die 
niedrige Culturſtufe, auf der er jelbit 
fteht, erflärt Alles zur Genüge. Und 
gerade auf die Moslems mwäre jenes 
Wort anzuwenden, welches einmal von 
einer böſen Europäerin zu ihrer eben 
jo böfen Nachbarin geſprochen wurde. 
„Ei!“ keifte Die Zantippe, „Eines gönne 
ich unferen Männern, daß fie ung zu 
Meibern haben!” — Der Mufelman 
wahrhaftig verdient das Weib, das er 
fih erzogen hat. Und umgekehrt, jener 
Fluch, den die orientalifche Frau dem 
Geſchlechte angeboren hat, fällt wieder 
auf die Frau zurüd. 

Die ferbifchen und die bulgarifchen 
Bräute legen am Tage der Hochzeit 
ihrem Gatten den Sad und den Strid 
zu Füßen; das find die allesfagenden 
Embleme des geſellſchaftlichen Zuftandes 
der Frau im Driente. Im Oriente, 


wo die Dichter, Mohamed darunter, 
ihre ſchönſten, zarteiten Liederblüthen 
zum Nuhme des Weibes fingen. Die 
Kiebeslieder und Liebesgeſchichten der 
PVerfer, Araber und Türken weben einen 
herrlichen Cultus um die Jungfrau, 
um das Meib. 


Und dennoch AZuftände, bei welchen 
e3 dem Morgenlande heute geradezu 
unmöglich ift, Frauengejtalten wie eine 
Cornelia, die Mutter der Gracchen, wie 
Octavia, wie Afpafia jelbit, oder wie 
eine Elifabeth von England, oder wie 
eine Maria Therefia hervorzubringen. — 


Europäifhe Reijende der neueren 
Beit waren bemüht, für die Harems 
der Mujelmanen eine Lanze zu brechen. 
Sie ſchildern das Leben der Harems 
al3 ganz erträglich, ja als recht ange: 
nehm und die Frauen derſelben als 
zufrieden. Sie vertheidigen den Türken 
und ziehen fein Gebahren der tugend- 
heuchelnden Concubinenwirthſchaft ande 
rer Länder vor. — Die Bolygamie hatte 
vielleicht einen Augenblid der Groß: 
artigfeit, ehe fie ihre Früchte trug, 
ehe fie die beiden Geſchlechter entehrte. 
Jetzt ift fie ein Moment der Auflöjung 
der orientaliichen Gejellichaft. In der 
Türkei paart fih die rohe Sinnesluft 
mit der brutalen Herrſchaft. Niemals 
bat der Türfe eine Ahnung gehabt, 
von dem fittlihen Werthe des MWeibeg, 
von einer edleren Neigung zum andern 
Gejchlecht. Auch der Araber ift Befenner 
des Islams, trogdem war er lange noch 
nah Annahme diejer Religion der 
ebelften geiftigen Liebe, der unver: 
brüchlichen, fein Opfer ſcheuenden Treue 
fähig. Nimmer hat fich der Türfe be- 
geiftert für jene leuchtenden Ideale, die 
in der arabifchen Literatur jo ſchönen 
Ausdrud gefunden haben. 

Die Frau ift der Genius ihrer 
Nation; ein Volk, das feine Frauen 
entwiürdigt, ift verloren. 

Was Wunder aber, wenn unfere 


blidend, den Drang empfindet, ihr 
Geſchlecht gewiſſermaßen zu rächen, 
fi zu emancipiren — und hierin zu 
weit geht? Die Frau fol nimmer ver: 
geſſen, daß ihr an inmerem Gehalt 
mehr gegeben ijt, als dem Marne ; 
wenn fie dieſen inneren Gehalt, das 
ewig Weibliche überfieht, To ift jie nichts ; 
wenn fie darüber hinaus noch der 
Gleichſtellung mit dem Manne zuftrebt, 
fo verzichtet fie auf den unmiderftehlichen 
Zauber der Weiblichkeit und ſchleudert 
in ihr Wefen einen nimmer zu löſenden 
Widerſpruch. Julius Fröbel jagt irgend: 
wo: Nah Männlichkeit jtrebende Weiber 
entjtehen, wo weibiijhe Männer vor: 
handen find; eine Verdrehtheit ruft 
die andere hervor. So wären wir ja 
gerade auf der Bahn, die uns dem 
andern Ertrem des Verhältniffes zwiſchen 
den beiden Geſchlechtern zuführte! 

Den Mittelweg hat man den gols 
denen genannt, und bie deutjche Frau 
der Frauen Mufter. Der deutihe Mann 
verehrt feine Gattin als das Heilig: 
thum ſeines Hauſes; er kennt ihre 
unendliche Bedeutung als Pflegerün 
feines Gemüthes, als Wederin feiner 
Thatkraft im Kampfe mit der Welt, 
als Hüterin feine® Eigenthums, als 
Mutter und Erzieherin feiner Kinder. 
Er erkennt fie als das Wefen, welches 
jein Dafein veredelt und lohnt und 
aus welchem das materielle und fitt- 
lihe Wohl feiner Nachkommenſchaft 
ftammt. Er liebt und verehrt fein Weib 
und fühlt ſich mit ihm erft als ganzen 
Menfchen. 

Wenn die Frau der gebildeten Welt 
gleih dem Weibe der Arbeiterclafen 
ih die Fähigkeiten anzueignen fucht, 
ihren Unterhalt im Nothfalle jelbft zu 
erwerben, jo hat dieſe Beſtrebung unfere 
vollfte Sympathie, denn fie geht nicht 
aus von jener Emancipationsfudht unna= 
türlicher weiblicher Kraftgenies, welche, 
die heilige Frauenwürde mißachtend, 
einer neuen Schmad der Frau ent: 


moderne Frau, auf folche Schmadh | gegeneilen. 


33 


Was it ein Weib? 


Bon Eruft Eftein.*) 


Der Philofopb: 
Ein Weib ift Nichts. Der hohe Weltenmeifter 
Gab ja der Seele fein Geſchlecht; 
Hier gilt die Kraft allein , im Reid) der Geifter 
Hat nur die höchſte Weisheit Recht. 
Des Körpers zweifelhafte Schranken 
Zerfliefen vor des Denkers Hauch. 
Der Menfhen wahres Wefen find Gedanfen: 
Ein Weib ift nur ein Sprahgebraud). 


Der Juriſt: 


Was ift ein Weib? Vor altersgrauen Jahren 
Schien fie des Mannes erite Sklavin nur. 
Doch milder ward die Sitte der Barbaren, 
Und mit der Gattin hob ſich die Eultur. 
Beredelnd ftieg ihr Anſeh'n im Gewichte ; 
Sept pflegt die uxor völlig glei zu fteh'n. 
Am beften ftimmt’s zum Beift der Rechtsgeſchichte 
Als Compagnon fie anzufeh'n. 


Der Naturforfder: 


Es nimmt das Meib in unf'rem Thierfyfteme 
Den eriten Pla als homo sapiens ein. — 
Die Birnfunctionen bieten hier Probleme, 
Die felbit für Vogt und Molefhott zu fein. 
Unausgewadhfen heikt es „Mädel“ ; 

So weit man Virchow glauben fann, 

It bei dem Weib der Durchſchnittsſchädel 
Entfhieden flacher, ald beim Mann. 


Der pietiftifche Theologe: 
Was ift ein Weib? Die Freude des Verlor'nen, 
Die Schlange an des Sünders PBruft ; 
Ein Abgrund längs dem Pfade der Erkor'nen, 
Verförperung verworf'ner Luft; 
Bon ihren bublerifhen Lippen 
Fließt füh des Weltfinns tödtlidh' Gift. 
Heil uns, daß wir aus diefen Höllenklippen 
In Gottes Hafen eingefchifft! 


Der Mathematifer: 


Das Weib ift eine Neihe fonder Gleichen, 
Denn fie nimmt ab, je mehr die Zeit addirt. 
Nur eine Größe fucht fie zu erreichen, 

Bei der ihr Werth nicht felten fih quadrirt. 
Ia, fie ift X mit negativem Zeichen, 

Das nad dem pofitiven Gatten fpürt — 
Und hat ſie's zur Verbindung dann gebracht, 
Wird Er von Ihr zu Null gemadt. 


Der Beffimiit: 
Was ift ein Weib? Verkündet's unverhoblen, 
Ihr, die Ihr in der Ehe Troft geſucht 
Und, fchnöde um des Lebens Glüd beftohlen, 
Dem Weibe taufendmal geflucht ! 
Da ftöhnen fie in ungezählten Schaaren, 
Gequält, geihunden, wegesmüd' und krank; 
O möge mich des Himmels Gunſt bewahren, 
Ein Weib ift eine Folterbanf ! 


Der Liebende: 


Was ift ein Weib? Ein Kranz von Gott geweiht, 
Der nur des Siegers edle Stirn umtränze! 

Die heil'ge Lampe, die im Tempel glänze, 

Mo Licbe ihr die rechte Gluth verleiht ! 

Im Lebensiturm der Seele ftilles Glüd, 

Der reichfte Traum, der diefer Welt beſchieden; 
Sie gibt der Bruft den längft vergeff'nen Frieden 
Und das verlor'ne Paradies zurüd ! 





*) Siehe Bücheranzeigen. 
Bofegaers „‚Geimgarten‘‘ Ur. 1. 


34 


Ein Maler auf Irrwegen. 
Es ift eine eigene Sache um die Maler von Kunfttact und Schönheits- 


Urfprünglichfeit maleriſcher 


Stoffe. |finn nicht Leichen zu Hauptgeftalten 
Man jollte glauben, daß Maler, welche | jeine® Bildes erheben. 


Ein Maler, 


Geift und Geſchmack befigen, in gar der ſich der Ziele feiner Kunft klar 


feiner Richtung um originelle Dar: 
ftellungsobjecte verlegen fein fönnen. 
Der Hiltorienmaler hat vor den Augen 
das unabjehbare Gebiet der Cultur-, 
Welt: und Specialgefhichte liegen und 
braudt nur Hineinzugreifen in das 
reihe gejchichtlihe Stoffgebiet, um 
Bilder zu jchaffen, die einen Ideen— 
fampf, einen Intereſſenconflict darftellen, 
die einen Sieg oder eine Niederlage des 
Edelmenſchlichen veranschaulichen. Wenn 
fih ein Hiftorienmaler auf ein be: 
ftimmtes Gebiet einfchränft, jo etwa 
auf Darjtellungen der ſogenannten 
Heiligenbilder, jo ift er jchon deshalb 
zu bedauern, weil er bei der Beliebt: 
heit des Typifchen auf diefem Terrain 
der Hiftorienmalerei von vorneherein 
auf das Ausgeftalten einer originellen 
Idee verzichtet. Für den Landjchafts- 
maler gibt es in allen fünf Welttheilen 
genug anregende Motive, um ihn vor 
dem Darftellen des Gemöhnlichen, Ab: 
genüßten zu ſchützen. Ein Genremaler 
endlich verfügt über dasjelbe Stoffgebiet 
wie der Iyrifche, epifche und dramatiſche 
Dichter und kann dem Ehrgeize, originell 
in der Stoffwahl zu fein, volles Ge 
nügen leiften, wenn er eben will und 
nicht ein Handwerker von der Palette ift. 

Es ijt jelbitverjtändlich, daß ber 
Maler, welcher Anſpruch auf Beachtung 
erhebt, nicht bloß Urfprüngliches im 
Geftalten des Vorwurfes bieten, fondern 
daß er auch innerhalb der Grenzen 
des äjthetifch Zuläfligen, des Formen- 
wohllaut3, des Lebenswahren, des 
Gulturbewußtjeind der Aufgeflärten 
jeiner Zeit verharren muß. Ein Maler 
von Geſchmack wird nie dasjenige dar: 
ftellen, was uns im Wirklichkeit mit 
Ekel, Grauen, Widerwillen, Unmuth 
erfüllt. Da das Schöne nur aus dem 
Lebenden herausleuchtet, jo wird ein 


und ficher bewußt ift, wird Darftelungen 
aus dem Wege gehen, in welchen rohe 
Handlungen von Menjchen verbildlicht 
werden; er wird daß Gräßliche und 
fittlih Widerwärtige aus dem Kreije 
jeiner Schöpfungen ausjchließen. 

Ein Maler, welcher in den letzten 
zehn Jahren viel von ſich ſprechen 
machte und auf deſſen Originalität 
des Defteren hingewieſen wurde, ijt 
Gabriel Mar. Diejer Maler ift nicht 
ohne Begabung und verfteht es, mit 
der Farbe Effect zu erzielen. Leider 
jucht er auch die Aufmerkſamkeit nai- 
ver Kunftconfumenten durch Stoffe ge: 
fangen zu nehmen, welche nicht ſtreng 
genug verurtheilt werben können. Er 
wählt Gegenftände zur bildlihen Dar: 
jtellung, welde meiſt Grauen und 
Miderwillen erregen und im bejten 
Falle durch ihre krankhafte, äſthetiſch 
unberechtigte Originalität verblüffen. 
Nur ſelten iſt es ein wahrhaft poetiſcher 
Gedanke, der uns in den Bildern des 
jungen Malers ſympathiſch anmuthet. 
Gabriel Max, ein Schüler Piloty's, 
hat es von ſeinem Meiſter gelernt, 
den Zauber der Farbe wirken zu 
laſſen; die Poeſie eines träumeriſchen 
Halblichtes iſt immer ihres Effectes 
ſicher, mag der in gedämpftes Licht 
getauchte Gegenſtand was immer vor 
die Augen ſtellen. Es zeugt jedoch von 
ſchlechtem Geſchmack, wenn man eine 
ertränkte oder gekreuzigte Märtyrerin 
auf einem Bilde im Mondlicht phos— 
phoresciren läßt. Und dies hat Gabriel 
Mar gethan. Seine gefreuzigte Mär: 
tyrerin hat zwar einen ſchönen Kopf, 
allein wie fann die Schönheit einer zu 
Tode gemarterten Frau genofjen wer: 
den? Nur der Linienwohlflang eines 
in ungebrochener Lebenskraft und Da: 
ſeinsfriſche jtrahlenden Weibes ſchafft 


35 


volles äfthetiiches Behagen. Mag die beſchatteten Augen find nicht 
heilige Ludmilla noch jo edle Kopf: | Magie. 


linien aufweifen, man wird berjelben 
nicht froh, wenn graufame Unmenſchen 
fih mit dem Erwürgen der frommen 





ohne 
Allein dieſe Augäpfel auf 
dem Lide, der Schein des Senfens und 
Aufſchlagens des Auges ift eine 
Spielerei, zu welcher fi fein ernft: 


Frau bejchäftigen. Andere Bilder von | denfender Künftler herabwürdigen kann. 


Gabriel Mar: „Der todte Affe” und 
die „Löwenbraut“ find widerwärtige 
Thierftudien. Pfui, — wie originell! 
— ruft man beim Anblide dieſer 
Gemälde. Man jchaudert auch beim 
Betrachten jener Bilder, zu welchen 
die Motive in Leichenfammern gefun: 
ben werden. Die Auferwedung ber 
Tochter des Yairus und der Ahasver, 
welcher angefichts einer häßlichen Kin- 
desleiche ſich in theatralifcher Haltung 
feiner Todesſehnſucht hingibt, find 
ſtofflich abgeſchmackte und widerwärtige 
Gemälde, welche die Palette des Malers 
Gabriel Mar nicht hätte Schaffen follen. 
Wunderlich ift die blinde Zampenver: 
fäuferin in den SKatafomben, welche 
den Befuchern der Tuffgräber für 
Geldgeihente Licht verabfolgt. Der 
Contraft zwiſchen dem Blindfein des 
Katakombenmädchens und den brennen: 
den Lampen ift nicht poetiſch, fondern 
ungereimt. Ein Blinder kann aus 
phyſiſchen Gründen nicht Lichtverfäufer 
fein. Wie wahnwigig in feiner Ur: 
ſprünglichkeit! — muß fih jeder un- 
befangene Beurtheiler dieſes Bildes 
denfen. 

Und das Schmeißtuch der heiligen 
Veronika mit dem Gonterfei des auf 
die Nichtftätte geführten Chriftus! 
Melcher marftjchreieriiche Unfug wurde 
mit dieſem Bilde von Gabriel Mar 
getrieben und doch ift fein Kunftgehalt 
jo gering! Schon der Naturjelbitvrud 
des grobfaferigen Byſſusſtoffes ift 
funftunwürdig; auch die Blutflede 
darauf find ebenfoviele Schandmale 
eine® zurüdgebliebenen Geſchmacks. 
Der Kopf Chrifti jelbft? Nun ja, er 


Wenn Andachtsthoren vor diefem Bilde 
von Hallueinationen heimgefucht wer: 
den, fo ift diefer Erfolg ein wahrhaft 
trauriger. 

Daß dieſes Schweißtuch der Veronika 
mit großem Pinſelgeſchick gemalt ift, 
jei zugegeben ; allein wie groß iſt der 
Abweg von den Zielen der kunſtwür— 
digen Schönheit, welchen dba Gabriel 
Mar betreten hat! Die Phantafie diejes 
Malers ift frank; es hält ihr nicht 
die Bildung des ntellectes die Mage. 
Sleihwohl hat G. Mar ab und zu 
finnig gemählte Stoffe verbildlidt. 
Bor Jahren fahen wir in ber inter: 
nationalen Kunftausftellung in München 
ein Bild von ihm, welches jehr poetiſch 
gedadht war. Eine junge hübjche Nonne 
ſitzt ſinnend in einem Kloftergarten im 
Graſe und ein Schmetterling ruht auf 
ihrem entblößten Fuße. Vermuthet 
der Falter eine Blume in der welt: 
verlaffenen Jungfrau oder fieht die 
arme Nonne in dem Schmetterling 
das einzige lebende Geſchöpf, welches 
an ihr theilnimmt und ihr ben Kleinen 
Fuß küſſen will? Vielleicht beides nicht 
— allein das lieblihe, auch durch 
feine Einfachheit gewinnende Bild regt 
zur poetiichen Ausdeutung an und 
darin liegt jein Werth. 

Gabriel Mar verſchwende fein 
zauberhaftes Golorit nicht an Vorwürfe, 
die jo abitrus find mie die meijten 
bisher von ihm gewählten. Er ver: 
laffe die Folter: und Friedhofsfammern, 
in welchen er bisher jeine Bildmotive 
geholt; die lebensheitere, ſchönheits— 
frohe Poeſie küſſe ihn auf die Stirne, 
wenn er nad einem neuen Gemälde: 


ift von einem ſüßlich fentimentalen, |ftoffe fucht! 


verweichlichten Almanachausdruck; die 


8* 


36 


Fin geiftvolles Bud). 


Wir kannten Hans Hopfen bisher 
nur aus feinem Romane: „Der graue 
Freund“. Wir ahnten in diefem an: 
muthigen Werke nicht den jchneidigen 
Polemiter, als der und Hopfen in 
feiner Sammlung: „Streitfragen 
und Erinnerungen“*) entgegen: 
tritt. Die „Streitfragen” behandeln 
faft durchgehends Theaterverhältnifie. 
Die Abhandlungen über Theater ud 
Kunft beziehen fich zumeift auf Deutſch— 
land, doch mögen darin auch mir 
Defterreicher viel Intereſſantes finden. 
Zwar ein bejonderer Freund deſſen, 
was „öſterreichiſch“ Heißt und aus 
Oeſterreich hervorgeht, iſt Hopfen nicht. 
Es dünkt uns faft, als hielte er es 
auch gerne einmal mit denen, welche 
es nur ſchwer verwinden, wenn Gutes 
und Großes in Defterreih gerühmt 
wird, als hielte er e8 mit jenem „deut: 
Shen Publikum“, von dem er jelbft 
jagt, „daß es nicht erträgt, gelobt und 
gepriefen zu jehen, was e3 nicht liebt“. 
Nur den „oberbairifchen Volksſtamm“ 
in Dejterreich hält Hans Hopfen gewiſ— 
fermaßen noch feines Mitleides werth. 
Indeß ſpricht er über Wien und feine 
Theater, die er in einer Replik gegen 
Otto Devrient („Iheaterzwang und 
Theaterfreiheit”) allerdings als Bei: 
jpiel aufftellt, wie in Bezug auf das 
Repertoire, den Berliner Zuſtänden ge: 
genüber, das Theater — nicht fein joll. 
Uns fommt aber doch die Gegenüber: 
ftellung der Wiener und Berliner Ne: 
pertoires, wie fie Hopfen vorführt, 
etwas einfeitig vor. Wer weiß e8 nicht, 
daß man in Wien noch mit vollitem 
Bemwußtjein des künftlerifchen Berufes 
arbeitet, während fich in Berlin nirgends 
eine feite, emergijche Haud zeigt, bie 
dem Schlendrian zu fteuern vermöchte. 
Doch unfer Referent vertröftet fi: 
bie Glanzperiode ber dramatifchen 
Kunft in Deutfchland müſſe erjt kom— 


*) Cotta'ſche Buchhandlung in Stuttgart. 


men. Wir wünfchen es, und haben uns- 
des Meiteren an dem neuen Buche nur 
zu freuen. 

Otto Devrient trat gegen die in 
Deutichland eingeführte Theaterfreiheit 
auf: ihr werde folgen die Zeit ber 
Cafes chantants und der „theatra- 
liſchen Orpheums“. Es ift ergößlich, 
wie ihn Hopfen darüber zurechtweilt. 
Noch ergöglicher ift es, wie der geift- 
reihe Verfaffer den armen Dr. Georg 
Köberle abtrumpft, der mit einer 
Schrift: „Die Theaterkrifis im neuen 
deutichen Neiche” als Neformator ber 
deutihen Schaubühne aufgetreten war. 
Köberle verlangt von einem dramatiſchen 
Kunftwert, dab es „ethiſch“, daß es 
ein Vorbild des Lebens fei und daß 
e3 hiſtoriſche Grundlage habe. Dem 
entgegnet Hopfen, daß die höchfte Kunft 
nicht zur Magd der Sittenlehre herab- 
gewürdigt werden bürfe; daß jchon 
Aristoteles gejagt habe, die Kunſt fei 
nicht ein Vorbild des Lebens, ſondern 
Nahahmung, alfo ein Spiegel; und 
endlih, daß die Alten, die Schöpfer 
der dramatifchen Kunft, das hiſtoriſche 
Drama gar nicht gekannt hätten. Er 
weit fchlagend nach, daß jedes „hiſto— 
riſche“ Drama jo unbiftoriih als 
möglich auftreten müſſe, um auf das 
Publikum im Sinne der Kunft zu 
wirken; daß gerade das, was bei 
dichteriichen Werth des Kunftwerfes 
ausmacht und was das Entzüden der 
Hörer verurſacht, das Unhiſtoriſche ift, 
ja nicht felten dasjenige, was fich mit 
allem hiſtoriſchen Sinne und Willen 
gar nicht verträgt. So liege es Har 
am Tage, daß die Schaubühne eben: 
jowenig mit dem Lehrjtuhle der Ge: 
fhichte, wie mit der Ethik in Con— 
currenz zu treten habe. — Hierauf 
fommt Köberle mit feinen Reform: 
vorihlägen, mit denen Hopfen voll 
[uftigen Uebermuthes fein Spiel treibt, 
wie die Kabe mit der Maus — bis 
er fie zerfegt. „Köberle,“ meinte er 


ſchließlich wieder in Ernft übergehend, | Preuße 


„perwechjelt in einemfort das Willen 
und das Können Beim Künftler 
fommt es aber zum allerwenigiten aufs 
Willen und zum allermeijten aufs 
Können an. Es geht nun einmal nicht 
an, künftleriiche Dinge lediglich nach 
feftangenommenen Theoremen oder gar 
mit Zwang ausgerüfteten Gejegen zum 
Wachſen und Gedeihen bringen zu 
wollen. — In der Kunſt genügt 
Keinem die Erfahrung, die er von 
Anderen fertig überiiefert bekommt.“ 
Hopfen hält daher auch nicht viel auf 
Künftlerafademien, ſondern jchlägt das 
Hermann Grimm'ſche Auskunftsmittel 
vor, „anftatt weitläufige Schulen von 
zweifelhaftem Werthe einzurichten, jolle 
der Staat einzelne erprobte Künftler 
durch Gehalt verpflichten, Schüler auf: 
zunehmen“. Denn immer nur Künftler | 
fönnten des Künftlers Lehrer fein. — 

Abfällig urtheilt Hans Hopfen auch 
über die „Meininger” Schaufpieler. Er 
jtellt das Spiel höher al3 das „Zu: 
jammenjpiel“, welches die Meininger 
auszeichnet. In der Kunft gebe es gar 
nicht3 Gefährlicheres, als die über: 
triebene Pflege des Nebenſächlichen. 
Unflug handle der Maler, welcher die 
fernſten Gegenftände im Hintergrunde 
jeines Bildes mit größerer Genauigfeit 
und Naturtreue auspinjeln wollte, als 
das, was er in den Vordergrund ge: 
bracht hat. Nicht klüger handelten bie 
Meininger, denen Nebenfpiel, Decora- 
tion, Ausftattung mehr gelte, als Die 
Darftellung der Helden und des Grund: 
gedanfens eines Stüdes. 


Das nur Andeutungen, auf welchem 
Standpunkte das geiftvolle und an 
regende Buch Hopfen’s gejchrieben ift. 


Uns fpeciell erfreuen die Aufſätze 
über zwei unferer größten Männer: 
über Franz Grillparzer und Friedrich 
Halm, denen der DVerfaffer die liebe- 
vollfte Würdigung angebeihen Täßt. 
Wohl kann es der Autor nicht unter: 
laſſen, bei Grillparzer recht oft zu 
conftatiren, daß es ein richtiger 


gewejen, welcher dieſen 
großen Mann eigentlich an's Licht ge: 
zogen. Es wird ja Niemandem ein: 
fallen, das Verdienft Heinrich Laube's 
um Grillparzer zu beftreiten; und wir 
möchten jchier jelbft vermuthen, daß 
GSrillparzer heute im deutſchen Norden 
noch nicht die verdiente Anerkennung 
gefunden, wenn Laube beijpielweife als 
geborener Defterreiher fein Wort für 
den genialen Dichter erhoben hätte. 
Genug, wir wollen uns freuen, daß 
wir ihn haben, den Unfterblichen, er 
gehört Allen; Defterreich hat ihn ber 
Welt gejchentt. 

Wir hören von Hans Hopfen mans: 
ches Neue über Grillparzer und Halm, 
befonders, was ihre Perfönlichkeiten 
und Privatverhältnifje betrifft; und die 
Abhandlungen über die bedeutendften 
Werke diefer Dichter zeigen, wie an: 
dachtsvoll fih Hopfen in diefelben ver: 
jenft, wie großherzig er fie aufgefaßt. 

Endlih finden fi in dem Buche 
noch Eſſais über Ernefto Roffi, Her: 
mann Lingg und Bernhard Scholz, 
owie über die Aufführung der „Her: 
mannsjchlacht in Berlin, über den Ein- 
tritt der Eljaß:Zothringer in den deut: 
ihen Neihstag und über Richard 
Wagner's „Triſtan und Iſolde“. Hopfen 
ſteht nicht an, zu erklären, daß der 
Wagnercultus mehr oder minder Mode: 
ſache jei. Er fönne die mufifalifche 
Bedeutung dieſes Mannes nicht wür— 
digen, doch rechne er jo: Die Wagne: 
rianer halten ihren Meifter nicht bloß 
für den größten Muſiker, jondern auch 
beiläufig für den größten Dichter. 
Nun wife er aber, daß Wagner's 
Verſe, von denen er mehrere anführt, 
unbedingt ſchlecht feien, und frage 
fih nun, ob jelbes am Ende nicht 
auch mit deſſen Gompofitionen ber 
Fall wäre. 

Damit wäre vielleicht jener, ber 
fritiiche Theil erichöpft, den Hans 
Hopren „Streitfragen” nennt. Werfen 
wir noch einen Blick auf die „Erin: 
nerungen“. Unter diefe reihen wir 
ein die Bureaukraten-Idyllen von links 


38 


und recht der “ar, Mon ami Justin, 
und Stillleben im Kriege, — Humo— 
resfen im wahren Sinne des Wortes, 
bei denen Einem das Herz warm wird, 


Mir nehmen ungerne Abſchied von 
dem trefflihen Buche, durch welches 
und Hans Hopfen wohl bleibend ein 
lieber Freund geworden ift. 


Unfere Schwächen. 


I. 


Ueber die öfterreihifche Selbſt— 
berhöhnung. 


„Diefes Defterreih ift doch 'n 
herrlihes Land!” rief ein Reiſender 
aus Hamburg auf dem Eijenbahnzug, 
der duch das Murthal braufte. „Wie 
es boch möglich ift, daß bei dieſem Neich- 
thume von Naturproduften, bei diejer 
Kernhaftigkeit der Bevölkerung das Land 
feine höhere Stellung einnimmt!“ 

„Je!“ machte ein anderer Herr im 
Coupe und zudte die Achieln. 

„Und diefe reihe Induſtrie!“ fuhr 
der Hamburger fort. „Von Wien her 
find wir heute ja an ganzen Städten 
von Fabrifen vorübergefahren und 
jelbft in den Engthälern bier ragt 
Schlot um Schlot in die Höhe.” 

„Laſſen Sie mic) aus“, rief ber 
Andere, „was nützen die Schlote, 
wenn fie nicht rauchen? Und über- 
haupt, die öſterreichiſche Induſtrie! 
Lächerlich!“ 

„Sie ſind doch ein Oeſterreicher?“ 
fragte der Hamburger. 

„Leider“, war die Antwort. 

„Warum leider?” fragte der Nord- 
beutjche. 

„Beil man fich heutzutage jchämen 
muß, ein Defterreicher zu jein. Sehen 
Sie fih einmal unfere politiichen Ver- 
hältniffe an, ich jage Ihnen, Sie 
müffen — “ 

„Ach, die politiſchen Verhältniſſe,“ 
fiel der Hamburger in’3 Wort, „diefe 
find überall unerquidlih. Kein Staat 


Friedensſtörern zu ſchützen; darum die 
‚ewige Nuhelofigfeit nach innen und 
außen, die Bewaffnung bi8 an bie 
Zähne. Defterreich Hat hierin meines 
Dafürhalten® Manches voraus; da 
find die natürliden Schutzwälle der 
Alpen. Da haben Sie Ihre uner: 
ihöpflichen Nahrungsquellen. Sin Defter: 
reich kann bei der Mannigfaltigfeit 
feiner Naturprodufte gar fein Mißjahr 
jein; gedeiht Eins nicht, jo gebeiht 
ein Anderes um fo beſſer. ft das 
Jahr troden und heiß, jo haben Sie 
Kom und Wein und Obſt; iſt es 
feucht und kühl, jo kommt es ber 
Viebzuht zu ftatten. Dann Ihre 
Stahl: und Eifenlager, Ihre —“ 

„Willen Sie“, rief der Defler: 
reiher, „daß unjere Eifenbahnbauer 
ihr Material lieber aus England be- 
ziehen, als aus unjeren heimiſchen 
Lagern? England hat befjeres Eiſen 
als wir, und billigeres, Herr, billigeres ! 
Glauben Sie e8, daß die englifchen 
Eiſenſchienen über Trieft billiger in’s 
Land — id) jage in’d Land und an 
Drt und Stelle gejchafft werben, als 
fie unjere eigenen Eiſenwerke liefern ? 
Es iſt fo. Und im Uebrigen, wir 
haben auch viel Schlechte Waare. Glau— 
ben Sie mir, mein Herr, jo wie die 
Wiener Meltausftellung unſere Con: 
currenzunfäbigfeit bereits bewieſen hat, 
jo wird uns eine nächſte Ausftellung 
in Europa lahmlegen — lahmlegen, 
fage ich Ihnen!“ — 

Sp ging e3 fort. In feine Heimat 
zurüdgefehrt, bei einer großen Tijch: 


ift fertig und abgeichloffen, oder jeder | gejellichaft behauptete der Hamburger, 
glaubt wenigſtens, es nicht zu fein; | die wirthſchaftlichen Zuftände in Defter: 
jeder hat Urſache, fih vor dem Nad)- |reich feien elend; die Induſtrie ſei zu 
bar und aud vor feinen eigenen Grunde gerichtet, ſelbſt in den Natur: 


39 


probuften, wie z. B. in Stahl und 
Eifen könne fi Defterreih mit 
anderen Ländern nicht mefjen. Er 
wife das — habe e3 von eingebornen 
Defterreihern ſelbſt gehört. 

An dem Tiihe ſaß der Chef einer 
berühmten Handelsfirma Hamburgs; 
ber hörte es und lachte. „Von Dejter: 
reihern jelbft haben Sie es gehört?“ 
fagte er, „das glaube ich fchon. Die 
Deiterreicher muß man kennen, das find 
fonderbare Käutze. Der Defterreicher 
ſchimpft über Alles, was öſterreichiſch 
it, über fein Land, über feine Ne: 
gierung, über feine gejellichaftlichen 
Zuftände, über feine Induſtrie, über 
jeinen Handel, über feine Schulden, 
über jein Geld, über fein Haus und 
ihließlih au über fein Hemd. — 
Ha, ganz im Ernjte! Das ift nur 
bei uns in Defterreich möglich! werben 
Sie hören, wenn dort irgend ein 
Schaden, ein ungünftiger Zufall vor: 
fonımt. Vor Allem ift die Regierung 
der Sündenbod. Selbit für Natur- 
ereigniffe wird die Negierung verant- 
wortlich gemadt. Ach war einmal in 
Wien, als durh den Eisftoß Die 
Donau austrat und eine Dorftabt | 
überfhwemmte. Keiner ber Haus. 
herren hatte genügende Vorbereitungen 
getroffen, aber jeder polterte gegen die 
Behörden, die nichts thäten, als in 
den Tag hineinleben, bis ihnen das 
Waſſer in die Stuben rinne, und das 
jei wieder einmal echt wieneriih. — 
Echt wieneriſch! Damit bezeichnet man 
ſonſt das Leichtlebige nnd Gemüth: 
liche des Wieners; diejer ſelbſt aber 
veriteht darunter nur die verfchieden- 
artigen Mißſtände einer Stadt. Wenn 
Sie in Wien in irgend einer Gefell- 
ſchaft die Vorzüge Wiens rühmen hören, 
jo mögen Sie überzeugt fein, daß Sie 
unter Fremden und nicht unter Wie— 
nern find. Der echte, eingefleijchte 
Wiener läßt nicht ein gutes Haar an 
feiner Vaterftadt. Bei dem ift in Wien 
Alles gut, Schön, zwedmäßig, mag 
war und heute nicht mehr eriftirt. Hin: 
gegen iſt ihm Alles, was ihn heuteumgibt, 








‚und Boden fennen zu lernen. 


chlecht und dumm. Die Herren wiffen 
e3 ja, wie Defterreich ein jchönes Land, 
jo it Wien eine jchöne Stadt; fo 
armjelig Wien vor dreißig und vier: 
zig Jahren noch war, fo wohl iſt es 
heute mit den prächtigften Großftäbten 
Europas zu vergleichen. Ya, fagt der 
Miener, jo etwas muß man in Paris 
ſehen, felbit in Berlin! Wien ift feine 
Stadt, Wien ift ein Neft, ein Kräh— 
winkel. Und wenn die Zeit mwieber 
fäme, wo „die gute alte, wienerifche 
Gemüthlichkeit geblüht“, jo würde er 
noch mehr jchimpfen, denn es ift ihm 
angeboren, er fann’3 nicht laffen. Hin— 
gegen hört es der Wiener nicht ungern, 
wenn Fremde feine Stadt loben, denn 
da fann er nach Herzensluft wider: 
legen. Al3 vor wenigen Jahren Julius 
Rodenberg in Wien Vorträge über 
Wien und Berlin hielt, wobei Wien 
in ein ſehr günftiges Licht zu ftehen 
fam, was geijhah? Die Wiener wur: 
den grob, die Journale fielen über 
Rodenberg her und jagten ihm’3 rund: 
weg: Herr, halten Sie den Mund, Sie 
verjtehen nicht3 von und. Wenn Sie 
über uns ſprechen wollen, jo müſſen 
Sie jahrelang in Wien gelebt haben, 
um unſere Miferabilität in Grund 
Wir 
find Schandleute und Sie haben uns 
gar nicht zu loben, Sie, Sie ber: 
(inerifher Herr, Sie!” 

Die Geſellſchaft brach in ein fchal- 
lendes Gelächter aus und Einer ber 
anweſenden Herren bemerkte, das müſſe 
wohl doch ein bischen übertrieben fein. 

„Nun ja,“ fuhr der Sprecher fort, 
„was ich jage, gilt nit von Allen. 
Immerhin aber ift es charafteriftijch 
für bie Leute. Indeſſen fieht man, 
worin dieſe Eigenthümlichfeit des 
Defterreichers, fpeciel des Wieners 
feinen Grund hat, nämlich in feinem 
Dünfel oder fagen wir in feiner Stolz 
heit. Er fühlt, daß er auf fremdes 
Lob nicht angemwiefen ift und daß feine 
Heimat ein bishen Schimpfereien 
ihon vertragen fann. Dann will er 
gerne zeigen, daß er gerecht und un: 


40 


parteiifch ift, und ſich durch Schmei- 
chelei und auch durch Heimatsliebe 
nicht beſtechen läßt und daß er es 
nicht ſcheut, das Pflaſter von ſeinen 
Wunden zu reißen. Ferner läßt ſich 
im Tadeln und „Verreißen“ viel witziger 
ſein, als im Loben, und der Wiener 
iſt gerne witzig, ſo gerne, daß er im 


quelle; die Leute haben gute Waaren, 
nur muß man ihren Verläſterungen 
keinen Glauben ſchenken“, ſetzte der 
Kaufmann lachend bei. „Indeß beſitzt 
der Oeſterreicher weit mehr Selbſtbe— 
wußtſein, als es ſcheint. Die Worte 
Schiller's ſind noch heute wahr: Der 
Oeſterreicher hat ein Vaterland, und 


Stande ift, der Poſſen- und Witzreißerei liebts, und hat auch Urſach' es zu lie- 


jelbft den guten Namen feines Landes 
und feiner Stadt zu opfern. Und das 
ilt eben das Liebenswiürdige an ben 


ben.” — 
Freilich ftünde es beſſer, wenn ber 
Dftmarf Sohn feine Heimatsliebe, die er 


Wiener Wien, die zumeift geiftreich | To oft Schon durch die That bezeugt hat, 


und gewiß oft treffend find, daß fie 
eben gegen das Wienerthum, aus dem 
fie hervorgehen, wieder ihre Spike 
fehren. Um das klar zu ſehen, muß 
man Friedrich Schlögl leſen, der in 
jeinem „Wiener Blut“ und „Wiener 
Luft” diefe Schwächen und Stärken 
des MWienerd in gar draftiiher und 
humoriftiiher Weiſe befchreibt und 
geißelt, hiebei aber als Stodwiener 
jelbfjt bisweilen eben in jene Manier 
verfällt, die er bloßftellt und züchtigt. 
Er zieht über die Wiener los, wie 
Einer; über die Einen macht er ſich 
luftig, mit den Andern grollt er und 
man meint, Wien jei ihm bitter ver: 
haßt. Und doch treibe ich in ber 
alten Kaiferftadt faum Einen auf, ber 
jein Wien lieber hat und ein größerer 
Patriot ift, als Friedrich Schlögl. 
Aehnlich verhält fihs mit dem Ganz: 


auch in Worten und dem Fremden gegen: 
über zum Ausdrud bringen wollte. Alle 
Welt geht auf Neclame. Alle Welt 
äjt beitrebt, ihre Fehler und Schäden 
zu vertufchen, zu bejchönigen. Jedem 
ift fonft daran gelegen, die Welt für 
fich einzunehmen, für feine Pläne und 
Werke zu interefjiren, zu begeiftern. Die 
Begeifterung der Franzojen hat Paris 
geſchaffen. Die rüdfichtslofe Selbſt— 
liebe und die Eigenjucht der Englän- 
der hat London groß gemadt. Auch 
Berlin gedeiht unter der wenn auch 
oft lächerlichen Selbjteingenommenheit 
feiner Bürger. Schließlich ift dieſer 
Egoismus ja ein ganz natürlicher und 
überall vorhandener. Aber der Defter- 
reicher, der Wiener gefällt ſich darin, 
ih ſcheinbar aufzugeben, und fich 
jelbft zu verhöhnen. Zum Glüde ift 
der Fremde oft gerechter, ald er ſelbſt 


und belädhelt nur die wunderliche 


zen. Ich kenne Wien und — 
Schwäche. 


Es iſt vielfältig unſere beſte Bezugs— 


Driefe aus und über Wien. 
Bon Frau Cherefe.*) 

Bei Gelegenheit des Sündenablaffes in | Dir zuzurufen, komme immerhin! Du 
den Kirchen Wiens. kennſt die Welt — aud das Gefpenft, 

Du willſt Dein Haus abbrechen das man Zeitgeijt titulirt, weißt, 
und nah Wien ziehen und nur noch daß Wien innerhalb diefer Welt Tiegt 
meine Zuftimmung jol den Ausichlag |und wirft mit Deiner geiftigen Reife 
geben? Und ich habe den Muth, bei feinen idealen Anforderungen Raum 
diefem wichtigen Abſchluß Deines Lebens | geben. Die Bevölkerung fei frivol, 


*) Verfaflerin der „Blätter und Briefe. Herausgegeben von K. v. Holtei”, Hamburg 1870. 


41 


meinst Du. Iſt das nicht die Welt? 
Daß ih dieſe Frivolität inmitten 
einer ungewöhnlich genußfüchtigen Be: 
völferung anſchaulicher macht und oft 
bis zur Anftößigfeit verirrt, ift nicht 
zu leugnen und oft zu beklagen; doch 
troß der frivoljten Genußfucht, der nad) 
allen Richtungen verführeriiche Befrie- 
digung geboten wird, ift der echte 
Wiener unberührt von jener eflen 
Blafirtheit, die ihm allen Sinn für 
Gutes, Erhabenes und Schönes ge: 
nommen hätte. Der Berliner zum 
Beifpiel ift gewiß gründlicher, pflicht: 
eifriger, vielleiht jogar zuverläfliger 
als Beamter und Gefhäftsmann, aber 
liebenswürdiger ift der Wiener mit 
feinen offenen Sinnen und offenen 
Herzen ; die Herzendwärme des Wieners 
hat manches unentwidelte Talent, das 
aus ber Fremde zu ihm kam, empor 
gebildet. Durch fein verftändnißvolleg, 
aufhorchend williges Anerfennen, beifall: | 
Ipendendes Ermuthigen unterjtüßte er 
eine fich jelbjt noch unbemußte Bega: | 
bung, daß fie Muth und Sicherheit 
gewann und immer getragen von fo 


berzuftellen, ift wohl leicht zu errathen. 
Als ih auf meinen Streifzügen durch 
die Stadt neulich einmal an den Thü- 
ren der pradtvollen Kirchen Wien’s 
ein Papier anjchlagen jah mit ben 
Morten: „AOftündiges Gebet, wofür 
völliger Ablaß aller Sünden gebo: 
ten wird“ *), verhüllte ich mein Haupt 
und ging in tiefer Betrübniß von 
dannen. Mich berührte dieſer Frevel 
nicht perjönlich, doch mir that es weh, 
weil ich die Menfchen liebe, denn fie 
find mein Gejhleht und wenn man 
fie jo unter ihrer menſchlichen Würde 
behandelt, erjchüttert e8 mich big in's 
Innerſte der Seele. Niht einmal 
„reuiges Gebet“ hieß ed, nur 
„40oſtündiges“! Und doch jagt Jeſus: 
„ihr follt nicht plappern, wenn ihr 
betet”. Sage man mir nicht, unjere 
Beit ſei erhaben über all’ derlei; auch 
das iſt ein Frevel, nur im anderer 
Richtung. Niffe man heute alle Kirchen 
ein, jo würde in Folge des unjterb: 
lihen Bebürfniffes der menschlichen 
Natur jeder Einzelne im Schreine jeines 
Herzens einen Altar fih erbauen! 


wohlthuender Gefinnung fih bis zur Nicht alle können Philofophen fein 


höchſten Höhe der Kunft emporichwang. 
Die Schröder-Devrient fagte, „in Wien 
iſt's bei einiger Begabung fein Ver: 
bienft, ein Künftler zu werden, Wien 
hat meiner Mutter Talent groß gezo: 
gen, hat aus mir gemadt, was ich 
bin. Wie beflügelt betraten wir in 
Wien die Bühne, wie gehamifcht fühlte 
ih mid) auf anderen, und zu fchwerer 
Arbeit ward meine Leiftung, welche in 
Wien ein Darleben innerfter Seelen: 
zuftände war”. Mit einem Worte, es 
geht einem den Mienern gegenüber 
leiht das Herz auf. Daß den 
liebenswürdigen Eigenschaften des Wie— 
ners jener Ernft, für ben er allerdings 
empfänglich ift, in würdiger, anſpre— 
chender Weiſe nähergerückt und zugäng— 
licher ſollte gemacht werden, iſt wohl 
zu wünſchen; und an wem es läge, 
den Ernſt ſittlicher Strenge in die 
andere Schale zu legen, um einiges 
Gleichgewicht zwiſchen Sollen und Wollen 


oder den Ehrgeiz haben, oft mit lei— 
digen Mitteln ſich zu ſolchen aufſchwin— 
gen zu wollen, und es iſt gut, daß 
es ſo iſt. Daß aber ſolcher Mißbrauch 
von dort ausgeht, wo jene fittliche 
Gewalt jollte ausgeübt werden, an 
der fih die in tollem Lebensgenuffe 
hintaumelnde Menge zu orientiren 
hätte und daß man das jo hinnimmt, 
ohne fich gefränft, beleidigt, ja mora= 
lich mißhandelt zu fühlen: das muß 
den wahren Menfjchenfreund mit tiefer 
Betrübniß erfüllen und dem Begriff 
und dem Glauben eines wirklich menfch- 
lichen Fortjchritte® eine mehr als 
zweifelhafte Bedeutung geben. Ich 
babe immer auf eine Reformation 
gehofft, die ftile und ohne Schwert: 
jtreih im Darleben einer tühtigen 
Gejinnung ſich fundgäbe, jo daß 


*) Dergleichen kömmt thatjä hlid in 
unferen Tagen in Wien nod vor. 


zum Beifpiele im vorliegenden Falle, 
brave Mütter, eingedenf ihrer geliebten 
Kinder und ber Bitte im Vater unfer 
„Führe und nicht in Berfuhung“, 
jo einen Zettel ſachte von der 
Kirchthür löften und daheim 
in’3 Feuer würfen. Und wenn 
das fo fort und fort von Taufenden 
und Taufenden geihähe, müßte es 
eine Rüdwirfung haben. Sole von 
Maſſen geübte Reformation ohne Lärm 
und aufftachelndes Gerede ließe mich 
an menſchlichen Fortichritt glauben. 


felben losgeriſſen. Mit Schwert und 
Wort trieb er die Bilderftürmer aus 
den Kirchen, die in vandaliihem Miß— 
veritand darin Abhilfe von Mißbräu— 
chen ſuchten, gegen welche Luther eiferte. 
Luther fämpfte mannhaft gegen Leber: 
griffe des Papſtes, blieb aber bei 
alledem ein warmer SKatholif, warf 
dem Teufel das Tintenfaß an ben 
Kopf und prügelte feinen Heinen Hang, 
wenn er einmal das Kreuz zu machen 
vergaß. Er predigte gegen Tetzel, den 
Ablaß-Verkäufer, und was hat e8 ge: 


Ale einzelnen Reformatoren haben das | fruchtet? Der Ablaß wird nicht mehr 


nicht ganz erreicht, was fie angejftrebt, 
bis zu Chriftus dem göttlichen hinauf ! 
Chriftus wollte die Juden rveformiren 
und ſchuf Chriften; nachdem er fein 
himmliſches Wert damit begonnen, 
daß er der Welt anftatt des zürnenden 
Jehovas einen liebenden Gott gab, 
befiegelte er dasfelbe mit feinem Blute 
und fehrte in feinen Himmel zurüd, 
Nun bauten nahfommende Gejchlechter 
mit menschlichen Händen an bemjelben 
fort und fort weiter und als fie es 
beendet meinten, hieß es nicht mehr 
einfah Chriftenthum, fondern allein: 
jeligmadende Kirche. Der liebende 
Gott gab ihnen den Muth, ih über 
ihn zu erheben, denn nicht Er konnte 
unbedingt in jeine Seligfeit aufnehmen, 
fondern die alleinjeligmachende Kirche 
mußte ihre Zuftimmung geben! Wie 
iſt das jchon abweichend von jener 
göttlichen Duldſamkeit, mit der Chriftus 
jagt: „wer da Kraut ijjet, eſſe es in 
dem Heren und wer Fleifch iffet, der 
effe es auch in dem Herren, ein jeglicher 
thue, was er thut in dem Herrn“. 
Biel fpäter trat der katholiſche Mönch 


Luther aus feiner Zelle und wollte 
und 


den Katholicismus reformiren 
wieder ſchuf er etwas neues: das 
Lutherthum. Das aber wollte er nicht, 
er hatte fie lieb, der Warmherzige, 
feine katholiſche Kirche, Tonnte aber 
die Spaltung nicht vermeiden und 
ſah gewiß mit bitterem Leid feine 
Befenner eine Richtung nehmen, die 
ihn immer mehr und mehr von ber: 


auf den Gaſſen feilgeboten, aber an 
viel geheiligterer Stelle. Doc wohin 
gerathe ih? Für Wien will ih Did) 
| gewinnen und erfchrede Dich mit ſolchen 
Mittheilungen! Komme immerhin und 
made e3 dann wie ih — und ih 
made es wie Mojes, erfteige ben 
Berg angehäufter Weberzeugungen und 
jpreite meine Arme über alle Confeſſionen 
hinüber, um unmittelbar aus Gottes 
Hand meine Gejege zu empfangen. 
Laſſe uns zu Erfreulicherem übergehen 
und mit der Hoffnung auf jene jtille 
Reformation, die aus einer tühtigen 
Gefinnung meines Gejchlechtes her- 
vorginge, diejes leidige Thema ſchließen. 


Mufk und Theater in Wien. 


Welcher Genuß wird Deinem fo 
‚ausgebildeten Sinn für Muſik bier 
in reihem Maße zugeführt. Wie vieleicht 
in feiner zweiten Stadt der Welt, dem 
‚beiten Gejhmad, den höchſten Anfor: 
derungen an Ausführung großer mufi: 
falijcher Werke wird hier Befriedigung 
geboten. 

Du lieſeſt und ſchwärmſt für 
Hanslik's vortreffliche Kritiken in dieſem 
Fade. Aus feinem Lob und feinem 
Tadel wirft Du den hohen Standpunft 
der mufifaliichen Bevölkerung Wien's 
erkennen, er hätte fich nicht zu einem 
ſolchen Claſſiker emporſchwingen können, 
wenn er am Verſtändniß ſeiner Leſer 
hätte zweifeln müſſen. 

Ich ſagte einmal, wenn ein leiden— 
ſchaftlicher Muſikfreund das Unglück 





43 


hätte, ftodtaub zu werben, fo ſoll er 
nah Wien fommen, um unfern präd): 
tigen Herbed nur tactiren zu ſehen; 
mit dem Auge wird er ein mufifalijches 
Fluidum aus Herbed’3 Fingern und 
Bewegungen ftrömen fehen und Mufik 
wird feiner Seele zugeführt, wenn auch 
auf ungemwöhnlihem Wege. Diefes 
Heben und Senken, dieſes Wiegen und 
Halten, diefes Drängen zu höchſter 
Begeifterung, dieſes Zurüdrufen los— 
gelafjener Leidenschaften zu harmoniſcher 
Mäpigung wird ihm Alles erjegen, 
was er al3 verloren beflagte.e Daß 
ber Tactirende eine Macht ift, wird 
einem Herbed gegenüber fühlbar und 
welche Grazie in die Anwendung diefer 
Macht zu legen ift, war mir exit 
anfhaulih, als ich während der Welt: 
ausftellung einen fremden Gapellmeifter 
bantiren jah. Ich litt ordentlich, wenn 
der feine dicken zehn Finger der Capelle 
oder dem Publikum entgegenipreizte 
oder mit dem Fiebelbogen Bewegungen 
machte, al3 wollte er irgend ein nur 
ihm fihhtbares Phantom burchprügeln ; 
Herbed, rief e3 in mir, Du hochver— 
ehrter Künftler! 

Auf unfere Theater freueft Du 
Did, Deiner Töchter wegen, weil Du 
das Theater als die legte Hand an 
einer zu vollendenden Bildungsitufe 
betrachtet? Du liebe Zeit! Die legte 
Hand wäre es wohl nur in anderem 
Sinne. Selbft in der Provinz mußt 
Du Dir diefe altfränkiichen Begriffe 
von Einfluß des Theaters in Wein: 
geift aufbewahrt haben! Sage nichts 
Aehnliches hier laut, man würde Dir 
in's Geficht lachen. Nur wenige Kunft: 
inftitute ausgenommen, ijt der große 





Bühnenbeherricher unferer Zeit ber 
Scandal. Heißt es zum Beijpiel von 
einem Stüde, der Scandal erreiche 
in demſelben eine beängjtigende Höhe, 
jo daß Männer erröthen, jo jubeln 
Dichter und Director, denn jebt it 
das Glück des Stüdes gemacht, und 
e3 beherricht auf Monate die Bühne! 
Die Männer benfen: „nu das muß 
ih mir doch anſchauen, was mid 
erröthen machen jollte” ; die Frauen: 
„ja was muß denn das jein? ich 
bab’ doch ſchon Manches geliehen“. 
Die Mädchen wollen erftend das Stüd 
jehen, und fönnen fi das Erröthen 
der Männer gar nicht reizend genug 
vorftellen und jo ftrömen fie denn alle 
hinein, um Unjummen der Kaſſa zuzus 
führen, die auch nöthig find, um ben 
Aufwand der oft blendenden Aus: 
ftattung, ſowie die Direction jelbft zu 
befriedigen. — 

Ja wenn ein Raimund erftünde ! 
das war ein großes Talent und ein 
bedeutender Charakter, dad war ber 
Mann für die Wiener! Eine reizende 
Melancholie breitete ſich wie ein leichtes 
Gewölke über die grelliten Bilder jeiner 
Schöpfung und milderte und veredelte 
die Effect, und während er jeine 
Komik im Vordergrunde gaufeln lieh, 
ließ er ein memento mori, wie in 
transparenter Schrift, gleichiam in der 
Luft dem geiftigen Auge fichtbar wer: 
den. D Raimund, Du wußteſt Deine 
Sittenpredigten jo reizend zu gejtalten, 
daß man erit in ihren Nachwirkungen 
als ſolche fie erfannte. Erxöthen mad): 
teft Du nicht, aber erbleihen, wenn 
die „Jugend“ und der „Aſchenmann“ 
ihre Liedchen fangen! (Fortf. folgt. 


Eitelkeit und Hebermuth der Bauern. 


Eine Bolksftudie von P. R. Kofegger. 


Ich denke, die Weiber laſſen wir dies: | vielmehr Vorzug und Tugend. Der 
mal bei Seite. Uebermuth ift nicht gerabe | Hang zu gefallen, ſchön zu fein, ift [öblich. 


ihre Sade, und Eitelkeit —? Die ift 


Aber die Männer laden wir uns 


bei den Frauen feine Schwäche, jondern | ein, die gepuderten, geſchniegelten, par: 


44 


fümirten, aufgeprogten — das gibt|und dunkler, wie ein „Bodshörndl“ 
einen Spaß. Hier aber weichen wir | (Johannesbrot) in der Farb’. 


wieder den feinlebigen Plafterfchleifern 
und Geden von Profeſſion aus, deren 
Portraits die Salons der Kleiderfünjtler 
und Friſeurs ſchmücken; wir fuchen 
den ernften, oft jorgenbelafteten Mann 
der Arbeit auf. Wir laffen uns nicht 
imponirenvonder Würde jeines Standes, 
auch nicht etwa von ber Weihe der 
Armuth, der Uriprünglichkeit ; ung ge: 
füftet heute nah den Schwächen und 
Sünden des chriamen Landmannes, 

Die Kindheit und Knabenſchaft 
ſchenken wir ihm, ſchenken fie ihm 
mitfammt der eitlen Freude über das 
erite Höslein, das ad) jo bald bös durch— 
feuchtet und Durchlöchert ift ; — ſchenken 
fie ihm mitjammt dem erſten Rauch— 
verjuh in der Wagenichupfe, der 
ebenfalls übel ausgeht. Meinetwegen 
in jeinem fechzehnten Jahre paden 
wir ihn an, wo er in's Fenſter lugt, 
wie’3 mit dem Schnurbart ausschaut. 
In die Nafe jchnupft er hinauf, was 
hinaufgehört, und nun fieht er’s: 
mutternadt ift die Oberlippe. Er ſchleicht 
zum Herd. — „Was willſt denn mit 


der Kohle?" fragt ihn die Mutter. ! 


„Die heiligen drei Könige male ich | 
auf die Kammerthür, weil's geiftern 
thut,” jagt der Junge. In der Kammer 
dreht er den Reiber vor die Thür und 
mit Beihilfe des Fenſterglaſes fireicht 
er ji) den Schnurbart an. Zu ſcharf 
— verfteht fih — darf der Flaum 
für's erftemal nicht fein, er muß erit 
allmälig wachjen. Aber heut will der 
Burſch noch in die Nachbarſchaft gehen, 
es mögen dort die Kameraden und bie 
Dirndln jehen, daß „er jchon ber: 
fürftiht”. Ein nächſter Waflertropfen 
ſchwemmt die ganze Anlage wieder 
weg. Da räth ihm ein Kamerad: 
„Balbiren, balbiren muß man fich, 
wenn man will einen Bart haben!“ 
Wohl fragt der Junge insgeheim mit 
dem Schermefler. Gar vergebens. Mans 
des Paar Schuh’ muß er noch zertreten, 
bis allmälig die Härchen fommen — 
etwas falb zuerft, bald aber brauner 


Nun geht er in den Wald hinaus 
und wichſt mit Harz und dreht über 
den Mundmwinfeln zwei Hörnchen, 

Das, Gott fei Dauf, wär’ jebt 
in der Ordnung. Nun gehört ein roth- 
jeidenes Halstuch dazu, und eine filber: 
beſchlagene Pfeife, und ein Federbufch, 
und ein Gamsbart. Die Haar werben 
ein wenig mit Schweinfett eingelaffen 
— jonit hat er fie nur mit Waſſer 
befeuchtet; fie werden mit einem Kamm 
hübſch an der linken Seite gejcheitelt 
und glatt geftrihen — ſonſt hat er 
fie nur mit den fünf Fingern ausge 
kämmt. Wie fteht’3 denn mit der Sad: 
uhr? Sit eine da, die jchlägt und 
repetirt, wenn man beim Knopf drüdt, 
die ein Doppelgehäus’ und vier Stein’ 
(Nubinen) hat? Und an der gewichtigen 
Silberkette, ift ein Hirfchbeindl d'ran, 
oder ein Frauenbildelthaler oder jonft 
ein Anhängſel, das über dem rothen 
Bruftfled oder grünen Leibel bis gegen 
den Magen binabbaumelt! Und im 
Sad der Gamsledernen, Hoff’ ich, iſt 
ein Hirichichalenmeifer, eine ähnliche 
Gabel, ein Bfeifenftocher mit der Gams— 
klaue, ein Schlagring und ein „hunds— 
häutener“ Geldbeutel. 

Voreh’ ift im Geldbeutel auch 
etwelches Silbergeld gewejen, und mur 
mit Sibergeld ift im Wirthshaus und 
am Spielleuttiih ausgezahlt worden. 
Heute iſt höchſtens noch ein Papier: 
felein in der Brieftafche, welches auf 
Treu’ und Glauben verfichert, das 
Silber ruhe in den Kellern der National: 
bank zu Wien. 

Die bäuerlihe Brieftafche ficht das 
nit an, fie ift deswegen doch breit 
und baufhig; und der Beliter zieht 
fie gern’ hervor und weiß fie in der 
Hand anmuthig zu wenden. Freilich 
ift e8 nicht immer rathſam, ihr Inneres 
genau zu erforjchen; ich hab’s, als ich 
jo eine gewichtige Brieftafche vor Wochen 
auf der Straße liegen fand, einmal 
gethan, ich thu's nimmer. In derjelbigen 
Geldbörfe habe ich für's erſte einen 


45 


Berfagichein über eine Saduhr ge: 
funden, dann ein Amulet mit fieben 


fräftigen „Gebettern zu Schuß gegen 


ladung zu einer Tagſatzung beim Ge- 


riht, weiterd ein Rezept mit dem 
Stempel der Bärenapothefe und endlich | 


ein vielfach zufammengefnittertes Schrei- 
ben mit den Morten: „Du dreiloſer 
Man, warn du mi jez im ftich laft, jo 
gehe ich dich Klagen, und das mil ich 
ſegn das ich nur eh gub geweſt bin 
und jet nichts von mir willen wilft. 
Johanna Braungartnerin.” — Das 
ift der Inhalt einer Geldtafche geweſen, 
deren Aeußeres manchen Strolch ver: 
leitet haben Fönnte, den Inhaber im 
Walde zu überfallen. 

Erft halbvergangen ift die Zeit, 
in welder der Großbauer und ber 
Holzmeifterfneht mit Banfnoten ihre 
Pfeife anzündeten; heute, jobald fich 
die Weisjagung unferes Finanzminifters 
erfüllt, thun fie e8 wieder. 

Der alte Sterladher im Feiftrigthal 
bat eine Joppe gehabt, deren Knöpfe 
aus „Frauenthalern“ beitanden haben. 
Die Hoppe ift zerriffen, die Knöpfe 
find vertrunfen. 

Wie der Oberberger im Raben: 
wald jeine Hochzeit gefeiert Hat, ift 
vor feinem Haufe den ganzen Tag ein 
Brünnlein in den MWafjertrog geronnen, 
bei welchem fich die Leute in meilen- 
weiter Runde ihre Räufche geholt haben. 
Heute muß das alte Weibel, das 
dazumal die Braut gewejen, bei dem: 
felben Brunnen viel feuchen und pum: 
pen, bis e8 einen Trunk Waſſer her: 
vorlockt. 

Im Oberlande iſt ſeiner Tage ein 
ordentlicher Bauer nur mit Roß und 
Wagen in die Kirche gefommen. Das 
war ein gnädiges Niden oder Ganz: 
überjehen, wenn im Kirchdorf bie 
Mirthe höflich grüßten. Der Wagen 
ging nicht felten auf Federn, Die 
Pferdegejchirre waren mit Silber be- 
ihlagen; den Pferden wurde Arjenif 
gefüttert, damit fie recht flinf und 
feuerig waren. In der Kirche hatte 





der Bauer feinen gefperrten Sig mit 
dem Meflingblätthen, auf dem der 


Name ftand. In der Safriftei ftrich 
Feuer und Waſſer“, dann eine Vor: | 


er etlihe Banknoten aus, damit ber 
Pfarrer auf der Kanzel verfünbete, 
ver N. N. laſſe ein mufifalifches Amt 
lefen und ftifte ferner ein ewiges Licht 
am Seitenaltar.. Im Wirthshaus fam 
auf den Tiſch was gut und theuer; 
und jaß ein Beamter dort oder gar 


einmal ein Stabtherr, fo wurde Hin: 


gend gezeigt, wer fich höher geben 
kann, der Großbauer oder der Stadtherr. 

Heute ift der Wald gar und das 
Geld auch. Der junge, kräftige Mann 
ift gefahren, der alte gebeugte humpelt 
zu Fuß. 

Heute ift der Bauer noch ftolz 
auf feine Ninder, auf fein gutes 
Heu, auf feine Bekanntſchaft mit dem 
Herrn Pfarrer, auf die Rath: oder 
Richterſchaft, die er im Orte zufällig 
begleitet, auf feinen Kirchenftuhl und 
auf die gute alte Zeit, in der er über: 
müthig war. 

Die körperliche Kraft des Bauers 
ift heute im Allgemeinen nicht mehr 
die, welche fie noch vor fünfzig Jahren 
geweſen. Ich habe ihn als Kind noch 
gefehen, den alten Stiegerbauern, von 
dem man erzählt, wie er mit Roß 
und Magen einmal den Berg hinan— 
gefahren war. Der Mann jaß behaglich 
im Wagen, das Pferd aber war alters: 
ſchwach und vermochte das Gefährte 
nicht weiterzubringen. Da ftieg der 
Bauer aus, neitelte das Pferd ab, 
legte e8 in den Wagen fpannte fich 
jelbft an die Deichjel und 309 Roß 
und Magen ben Berg hinan. Derjelbe 
Stiegerbauer war es auch gemejen, 
der einft über Nacht feinen fchlafenden 
Nachbar mitſammt dem Bett in den 
Wald hinausgetragen hatte. 

Jetzt ift fein folcher mehr darunter. 
Die Burfchen treiben bisweilen wohl noch 
Schabernaf mit ihrer Kraft und mit 
ihrem Wiß, der heute auch nicht mehr fo 
urwüchfig ift, wie voreh, da die Menjchen 
weniger dachten nnd mehr dichteten. 
Bei den Refrutirungen hat man noch 


46 


Gelegenheit, den Uebermuth der Bauern | man fie genau begudt, iſts der alte 


zu beobachten, doch ift derfelbe hiebei 
mehr Galgenhumor, als luftige Tollbeit. 
Dei Kirhweihen wird nur jelten mehr 
eine Schlägerei veranftaltet, zu bem 
Zwede, um feine Kraft zu zeigen. 

Stets ftolz ift der echte Bauer auf 
feine Bauernfhaft.e Die „Herren“ 
jcheinen ihm ftet8 vom Uebel, gibt 
aber tolerant zu, „daß fie halt auch 
fein müſſen“. Der Bauer ift wiß— 
begierig und würde ſich gerne zum 
Lefen von Büchern und Zeitungen 
berbeilafjen, aber er ift zu ſtolz dazu; 
„die Bücherguckerei ſchickt ſich nicht 
für einen braven, handfeſten Bauer; 
das iſt nur etwas für fo Leut', die 
nichts zu thun haben.“ Webrigens it 
er überzeugt, daß er aus feiner Sad’ 
die „Herren“ füttert und ſagt's nicht 
ungern, daß der Bauer wohl ben 
Herren g’rathen (entbehren) könne, der 
Herr aber ohne die Bauern verderben 
müſſe. 

Bemerkenswerth iſt, daß, jemehr 
durch die Miſeren der Wirthſchaft der 
Bauern Uebermuth herabgeſtimmt wird 
und allmälig” verſchwindet, die Eitel— 
feit derjelben überhand nimmt. Wer 
auch mag's leugnen, daß unjere Zeit das 
Volk verweidhliht! der ungebildete 
Mann verliert in dem Nivellirungsbeitre- 
ben des Beitgeiftes feine fernige Rauhheit 
und wird weibiſch gemacht. Es ift nichts 
Seltenes, daß der Bauernburiche Stie: 
felwichje, Bartfalbe, Haarpomade, Köl— 
nerwafjer vom Kaufmann holt, während 
fein Großvater nicht einmal die Seife 
gekannt hat. Unſere Bauern heben jelbft 
an, fih die Zähne zu pflegen, die 
Fingernägel zu regeln. Sie haben ſich 
der Landesart entichlagen und tragen 
glatte Tuchkleider und befleißen fich eines 
feinen Benehmens. Und trogdem, wenn 


Adam; nur daß ihr Blut etwas träger 
und dünner ift, als das der Vorfahren 
geweſen. 

Wenn der Apfel einmal etliche 
Klaftern vom Stamm fällt, und der 
Bauernſohn etwa ein Fuhrmann wird, 
oder im nächſten Eiſenwerk ein Schmied, 
ein Schloſſer, dann iſt der Vornehmheit 
kein Ende. Man muß ſo Leute des 
Sonntags ſehen! Wortkarg ſpazieren, 
ſtehen, lehnen ſie herum, geſpreizt und 
ferzengerad’ — als hätten fie, wie 
das Volkswort jagt, „einen Tremmel 
geihludt” — und beftändig laſſen fie 
ihr Auge über ihren jchönen Wuchs, 
über ihre Beine jchweifen, von deren 
Strammheit fie entzüdt find. Ihr 
ganzes Vermögen haben fie am Leibe 
hängen; hinten am Rockſchößel heben 
ihon die Schulden an. 

Wenn man über berlei in's Er— 

wägen fommt, jo möchte man fragen: 
Welch’ bejonderen Grund hat der Mann 
zur Pub: und Prunfjucht? das Weib 
will und "muß gefallen, des Weibes 
Sinn fteht von Natur aus nad Ans 
muth, Tändelei und Glanz. Hier ift 
die Eitelkeit verzeihlih. Der Mann 
will auch dem Weibe gefallen. Ein: 
veritanden! Aber wenn er glaubt, daß 
er durch die Kunſt des Schneiders und 
durch Mohlgerühe ein Herz erobert, 
jo denft er weibiſch und mirft jenes 
Netz aus, mit dem die Weiber zu- 
weilen und Männer zu fangen fuchen. 
Genug! 
Das gilt von Allen. Uns fpeciell 
über die bäuerlihe Eitelkeit Iuftig zu 
machen, haben wir nicht einmal das 
Recht, jo lange wir noch felbft — 
nicht zugeben wollen, daß gerade das, 
worauf wir und am meiften einbilden 
— unſere Schwächen find ! 


47 


's Pindtl in Wold. 


Gedicht in fteierifcher Mundart von P. R. Rofegger. 


Doſcht obn in grean Wold 
Steht a gmau’rte Kapelln, 
Und a Fraunbildl hängt 
Ban an Liadtl, an helln. 
Des Liachtl, des brinnt 
Wul Log und Nodıt, 


I. 


Wann d’ Sunn jcheint, wonns jchneibt, 


Ba Maria af da Wocht. 

Da Sanjl in Thol, 

Noh a bluatjunga Bua, 

Sift grod mit jo heili, 

Kaft 's Del dazua. 

— Hiazt, gwen is 's a fo: 
In Mai vorig’s Iohr, 

Mia da Rifl, da ſchworz, 
Hot groft in da Pfor, 

Do leid a jungs PDirmdl 

— Noh geftern blüahroth — 
In da Hond die gweiht Kirzn, 
Und ringt mitn Tod, 

Und mwias is dabei gwen, 
Balofhn "6 jung Lebn, 

Und grod noh die Kirzn 

Hot brunna danebn: 

Kimmt da Hanſl von Thol, 
Schauts Dirndl groß on: 


„Don Da 's ollaweil wölln fogn, 


Wia gern ib Dih bon. 
Ma fult nix vaſchiabn, 

Af oanmol is 's z' fpot, 
An Menſchn full ma liabn, 
So long ma 'n noh hot. 


MWos is ma biazt bliebn 

Da Dein Lebn, va Dein Bluat, 
As wir oanzi des Sterbliadht 
Mit da zitterndn Gluat ... . 
— — Wia Dein Othn, Dei lepta 
Gegns Flammerl is zogn, 

Is leicht ab Dei Seel 

In des Liacht einigflogn! 

So will ib ma denfn, 

Mill 's Liachtl bewohrn, 

Wia mein Augnliacht befhügn, 
Sultn nix ibafohrn. 

Daß ib van Sod noh bon, 
Des ih liabn konn va Dir, 
Suls brinna do drinna 

Ba da Jungfrau Maria. 

Und is die Zeit aus, 

Daß ih felba fimm dron, 

So zündn ſ' mei Sterbliadt 
Ba dem Flammerl on... .“ 


"Und fid der Zeit brinnt 


Wul Tog und Noct 

In da Jungfraufapelln 

Des Liacht af da Wocht. — 
Schöne Dirndler in Thol 
Loſſn Kortn auffhlogn — 
Zwegn an Danjl gebts ber... . 
Kunnt ents wul fogn, 

Daß Koani, nit Dani 

In Hanſl dawifcht, 

So long in grean Wold obn 
Nit 's Liachtl ausliſcht. 


Doſcht: dort; Rifl: Blatternſeuche; Leid: liegt; Othn: Athem. 


48 


Das Märden von der Perdt. 


(Aus dem Ennsthale.) 


Der holde Name Bertha — ben 
wir jo gerne hören und hoch verehren, 
weil er zu allermeift ein liebenswiür: 
dig’ blondes Kind mit Teuchtenden 
Augen bezeichnet — jtammt von einem 
gar jeltfjamen Wejen, das die alten 
Deutſchen jehr liebten, deren befan- 
genere Nachkommen aber fürchteten. 
Dieſes Weſen hieß im Althochdeutfchen 
Perachta, foviel als die Leuchtende, 
die Glänzende. Es war eine hehre, 
liebevolle Frauengeftalt, welche fich 
unglüflih Tiebender Jünglinge und 
verlafjener Ehemänner erbarmte. Sie 
war dieſer ihrer Huld wegen auch 
Hulda genannt. 


Als neue Religionen auffamen, 
wurde den alten Göttern und idealen 
Geftalten des Volkes natürlich Die) 
Thür gewiefen. Mande von folchen 
machten fich bald und gerne aus dem 
Staube, weil fie in die Zeit nicht 
mehr paßten und lächerlihe Unmefen 
geworden find. Jene aber, die fi 
nicht vertreiben ließen, weil fie eben 
zu jehr mit dem Bolfe und feinen 
Eitten noch verwachſen waren, wurden 
von den neuen Neligionsvertretern 
verſtümmelt und verzerrt. Die Perachta 
ſchwebte feither als weiße Frau in 
alten Schlöffern als Todesbotin um. 
So ift fie auch als Hulda ſchlecht 
weggekommen. Man hat aus dieſer 
intereſſanten Frau ein wahres Scheuſal 
gemacht. Die ſpäteren Deutſchen wußten 
von Perchta nur, daß ſie übelgeſtaltete 
Füße und eine fabelhaft lange, bis: 
weilen fogar eiferne Naje habe. Auch 
ift fie der Geift oder das Geſpenſt 
der Spinnerinnen. Kommen ihre Tage 
— dieſelben find die jechs legten oder 
ſechs erften des Jahres — und fie 
findet irgendwo was Unabgefponnenes, 
jo fährt fie mit Klauen drein und 
verdirbt Alles. An ihrem Fefte dürfen 
nur eitel Mehlipeifen und Fifche ge 


nofjen werden. Dem Frevler, ber ſich 
andere Speiſen gönnt, jchligt fie den 
Leib auf, füllt ihn mit Sägeſpänen 
und Häderling und näht ihn mit 
einer Pflugſchar ftatt der Nadel und 
einer Gijenfette ſtatt des Zwirns 
wieder zuſammen. In anderen Gegen— 
den hält man die alte Hulda für 
nicht gar ſo ungeberdig. Man ſagt, 
ſie ſei die ſüße Königin der Heimchen, 
die uns in Sommernächten ſo minnig— 
lich anſingen. 

In Salzburg und Tirol iſt heute 
noch als heidniſcher Reſt des Perchta— 
cultus das Perchtenſpringen und Perch— 
tenlaufen gebräuchlich. In der Schweiz 
und im Elſaß wird der zweite Tag 
des Jahres als ein Kinderfeſt mit 
uralten Schwänken und Sitten began— 
gen. Dieſer Tag heißt in den genann— 
ten Ländern der Becheltag oder Bercht— 
listag und verdankt feinen Urjprung 
wahrſcheinlich der holden Perchta des 
Alterthums. 

In unſeren Alpen lebt eine Mär' 
von der Percht. Ich habe dieſelbe 
am Fuße des Dachſtein, in der Ramſau 
gehört. Sie iſt mit der altdeutſchen 
Göttin wohl in Verbindung zu bringen. 
Sie iſt urſprünglich und eigenartig 
und zeugt von der Gewandtheit und 
Schalkhaftigkeit des Bergvolkes in der 
Darftellung eines bejonderen Stoffes. 
Das Märchen lautet: 


Es war einmal ein frommer, ebel- 
gefinnter Jüngling, der hatte ein 
Mägpdlein. Das Mägdlein war ebenfo 
fromm und ebelgefinnt wie ber Jüng— 
ling. So oft der Mond voll war, kam 
der Jüngling, das Mägdlein zu befuchen 
und fie thät ihn in ihrem Kämmerlein 
holdſam begrüßen; denn fo weiſt e8 
ſchon die Heilige Mär’, für fich alleine 
ift der Menſch nicht erſchaffen. 

Da geihah es eines Abends, 
daß der Jüngling wieder dem Boll: 


49 


mond folgte, wieber das Kämmerlein ich Dich in diefer meiner Nacht auf 


bejuchte und fein Mädchen meinend 
fand. 


Er nahm fie bei der Hand und 
fragte traurig: „Was weineft Du, 
meine Geliebte? wie jol ih Dir 
helfen 2“ 

„Mein Geliebter”, antwortete fie, 
„heute kannſt Du mir nicht helfen. 
Geh’ von hinnen und ſchicke mir 
ein Weib.“ 

Der Jüngling wußte nicht, was 
da3 bedeutete und er ging von hinnen. 
AS er aber eine Strede auf der 
Straße fortgegangen war und ihm 
anhub zu grauen — denn es war 
die heilige Dreifönigsnaht — da 
begegnete ihm eine Frau, die gar 
Ihön und freundlih war, nur hatte 
fie eine jehr lange Naſe, auf der ein 
Heimen ſaß und zirpte. Diefe Frau 
war die Percht. Sie zog ein kleines Wäg- 
lein mit fih, auf dem allerlei feine 
Sachen lagen. Als fie den Jüngling 
ſah, fragte fie: „Wohin gehſt Du in 
diefer Vollmondnacht?” 

„Ich gehe, ein Weib zu holen, 
das meinem holden Liebchen helfen 
ſoll“, antwortete der Jüngling. 

„So!“ ſprach die Percht, „dann 
thue ich Dir nichts zu Leide; hätte 


Kofeggers „‚Geimgarten‘‘ 1. Heft 


frevelhaftem Wege ertappt, ich wollte 
Dich zu Aſche zerrieben haben. — 
Nun aber möchte ich mir von Dir 
gerne einen Gefallen erweiſen laffen. 
Willſt Du mir heute nicht einen Nagel 
zu meinem Wäglein ſchneiden?“ 

„Gerne“, antwortete er, „will ich 
Dir heute einen Nagel zu Deinem 
Wäglein ſchneiden.“ 

„Aber“, ſprach die Percht, „Du 
mußt ein großes Stück Holz dazu 
nehmen, damit Du beim Machen recht 
viel Späne bekommſt, die Du alle 
ſchön fleißig einſtecken mußt, und daß 
Du davon keine verlierſt; denn, wenn 
Du einen verlöreſt, das würde Dich 
hart reuen.“ 

Der Jüngling that Alles und 
folgte ihr genau. 

Und als er dann mit einem wohl: 
thätigen Weibe zurüd zu feinem 
Liebchen fam, war dieſes frifch und 
gejund und ein großer Vogel hatte 
duch den Schornftein herab ein Knäb— 
lein gebracht. 

Und als der Jüngling dann 
jeine Kleider wendete, fand er die 
Taſchen, die er mit Schaiten gefüllt 
hatte, voll von funfelnden Thalern 
und Dukaten. 


50 


Eine Samſlagnacht auf der Rax. 


Wanderplauderei von P. K. Kofegger. 


„Märzzufchlag !” riefder Schaffner, | Hinan; er heißt der Schlangenweg, 


der ſeit vierundzwanzig Jahren die 
Mürz entlangfährt und noch immer 
nicht weiß, wie Mürzzufchlag geſchrie— 
ben wird. 

Mir fprangen aus, um ber Welt: 
hetze fliehend dem fteiriichen Arkadien 
zuzueilen. Die Felswälle der Schnee: 
alpe und ber Rar ftarren und wüſt und 
finfter entgegen und in ihren vollenden 
Schuttlawinen und in ihren ſturmum— 
toften Riffen grollen fie: Wir find un: 
bejteigbar, wir werfen den Wanderer 
zurüd, wir jchleudern jelbit die Gemjen 
in den Abgrund! — Nur nicht bange 
machen laſſen; fie wollen ihre Schäße 
verbergen, die ihnen die Götter zur 
Aufbewahrung anvertraut haben. Mir 
nad; dort im grauenhaften Gemwände 
der Rax, das wie ein gewaltiges Halb: 
rad hoch über alle Nachbarsberge ragt, 
gerade in den wüſteſten Schründen 
und zwiſchen den drohendſten Riffen 
weiß ich einen Pfad; nehmt Weib und 
Kind mit, wenn ihr wollt! 

Des Weges nicht, aber des Zieles 
wegen ließe ich Weib und Kind eigent- 
lich doch lieber herunten in der Sitt- 
famfeit des Hauſes. Die höchfte Spike 
ift auf der Nar nicht das Ziel; wir 
wollen aber doch vor Allem derjelben 
zuftreben. 


Bon Kapellen in Steiermark bis 
in die Prein in Defterreich führt eine 
gute Straße. Diefelbe geht über 
einen bewaldeten Bergjattel — das 
G'ſcheid. Von diefem Sattel leitet, 
wenn man von Kapellen kommt, links 
ein Weg gegen die hochragenden Wände 
der Rar empor. Die noh mit Tannen 
und Lärchen bewaldete und mit üppigem 
Graſe bewachſene Thalmulde, in welcher 
der Weg hinangeht, heißt die Sieben: 
brunnerwiefe. Dann fommt der fteile 
Hang mit feinem Geftein und Alpen: 
ftranchwerf, der Weg führt im Zidzad 


ift neu im Gezirm ausgehauen und 
in Felſen geiprengt. Erzherzog Ludwig, 
heit es, hätte ihm herſtellen laſſen 
bis hinauf zum Plateau, wo unter 
dem Protectorate des Erzherzogs der 
öfterreichifhe Touriftenclub das ſtatt— 
liche Hoipiz bauen läßt, das aud) 
im Winter gaftlihe Unterkunft bieten 
joll. 
Unfer fo jeher im Auffchwung 
begriffenes® Touriſtenweſen wird fich 
ja bald aud auf den Winter aus: 
dehnen; und warum nicht? Die Berge 
find vermittelft richtigem Zugehör bei 
Schnee und Eis eben fo gut zu befteigen 
als im Sommer. Die Kälte ift auf der 
Höhe oft eine geringere, als in den 
ichattene, nebel- und waſſerreichen 
Thälern. Der Gefichtöfreis ift zur 
Winterszeit oft über alle Beſchreibung 
rein und der Anblid der befchneiten 
Gebirgsrunde daher ein überaus groß- 
artiger. Zwar vermiffen wir die Flora 
und das Hirtenleben; dem Geologen 
find die Erd: und Gefteinarten verhüllt 
— aber wer all’ das im Sommer hat, 
der mag fih im Schnee erfreuen an 
der tiefen Himmelsbläue, in welcher er 
wohl ein Sternlein jchauen mag am 
hellen Tage, an der unendlichen Rube, 
dem faft überirdifchen Frieden, der ihn 
umgibt ; — und das zudende Menjchen- 
berzlein ſchämt ſich jeiner Eleinlichen 
Begierben. 

Sm Sommer, inmitten bed warm: 
pulfirenden Lebens, ift das ganz 
anders. ... 


Ueber und Hinter den Felſen der 
Rax, wo man etwa nur wildes Gejtein, 
wenn nicht gar ewige Eis- und Schnee: 
fare vermuthet, Liegt ein prächtiges 
Hochplateau mit Berg: und Thal voll 
duftender Kräuter, prangender Blumen 
und Roſen und mit Sennhüttendörfern 
voll üppiger Lebensfreude. Das eben 


“ 


51 


ift es, was biefen Berg fo intereffant 
macht. 

Wir beſteigen einſtweilen den höchſten 
Punkt, die Heukuppe (63409). Von da 
muß man ſcheinbar auf alle Bergſpitzen 
hinabſchauen — auf den Schneeberg 
und auf die Veitſch, auf den Wechſel 
und auf den Deticher. Wir ſtehen 
höher al3 die gluthrothe Sonnenjcheibe, 
die hinter dem jcharfen Rücken des 
Dürenftein niedertaucht. Ich jah die 
Scheibe in der dichten Luftſchichte, in die 
fie verfanf, wie plattgedrücdt. Und im 
ganzen Gebirgsfranze ringsum war 
feine Spitze, die ein Alpenglühen bot, 
nur unjere Geſichter waren geröthet 
— ob von der Sonne, ob vor Entzücden 
— will ich nicht entjcheiden. Im Thale 
der Mürz lag jchwere Dämmerung. 
Dort läuten jest alle Gloden, daß die 
Menſchen auf’3 Beten nicht vergeffen. 
Hier oben bedarf der Erinnerung 
nicht. — Ueber den Ebenen Ungarns 
zieht die Nacht herauf, ihr voraus 
geht ein violeter Schein, wie Nordlicht 
leuchtend. 

Endlich ſproſſen die Sternlein — 
zuerft einzeln und Mein, allmälig 
häufiger und jchärfer und endlich prangt 
die funfelnde Herrlichkeit — und du, 
ſchwaches Menfchenfind, mit deinem 
winzigen Auge, das oft jo furzfichtig 
it, daß e3 den Stein vor den Füßen 
nicht fieht, überblideit Millionen von 
Welten in ungeheuren Fernen ! 

Es ging in diefer Nacht aber recht 
unftät zu am Sternenhimmel. Einer 
um den andern lief davon. Es war 
am 12. Auguft und Sanct Lorenzi 


weinte noch feine Thränen. — Wie, 
mwenn jett eine der zahllojen Stern: 
ſchnuppen, von denen doch Viele 


behaupten, daß fie fefte Körper wären, 
berabftürzte auf die Rar und ein Loch 
ſchlüge hinein in das Innere der Erde 
und und neugierige ZTouriftlein alfo 


bier ftimmt der Menfchengedanfe mit 
der Erjcheinung, und dort ſtimmt 
er nicht, und da überfommt Einen 
ein glühender Forſchungs- und Willens: 
drang, daß man meint, man müſſe 
emporflettern von einem Geſtirn zum 
andern bis zum Lichtquel — an 
dem freilich jchließlih der Menjchen: 
geift vergehen müßte, wie der Schmet- 
terling in der Flamme. 

Dder — wen in jolchen Meihe- 
ftunden die Unendlichkeit der Außen 
welt erſchrickt, der fehrt in fein eigen 
Selbit ein und jteht wieder vor Uner: 
gründlichem. Als ich, von meinen Ge— 
noſſen zurücdgeblieben, einfam jaß auf 
dem hohen Berge und um mich die 
tiefe, jtille Naht war, da fragte in 
mir eine Stimme: Fühlſt du dich 
ganz allein und allen Menfchen fern? 
— Ich antwortete: Ganz allein. — 
Darauf die Stimme: Trägjt du ein 
Geheimnig in dir, das du noch 
Niemandem mitgetheilt haft, nicht der 
Mutter, nicht dem Freunde, nicht dem 
Liebchen? — Ya, jagte ich nachdenkend, 
ih trage drei Geheimniffe in mir, bie 
ih al’ mein Leben lang keinem 
Menſchen mittheilen werde. — Die 
Stimme: Sind fie deiner Seele eine 
Laſt? — Da verjeßte ih: Meine Seele 
ächzt unter folder Wucht. — Die 
Stimme: So ſprich fie aus, Deine 
Geheimniffe, in diefer menjchenlofen 
Dede, dann wird dir leicht. 
Nimmermehr, fagte ih, wenn fie Nie 
mand jonft hört, jo hörſt fie du. — 
Da rief die Stimme in mir: Thor, 
ich bin ja du jelber, du haft gefragt, 
ich habe geantwortet, doch nie werde 
ih die Geheimniffe nennen; vielleicht 
gibt es in des eigenen Herzens Grund 
einen Winkel, wohin ihr Schatten noch 
nicht gebrungen ift — er bleibe licht. — 
So wagt der Menſch ſich jelber nicht 
zu denken, weil er fürchtet, er könnte 


in den Hades verjegte? — In ſolchen | die Schreden des eigenen Wejens nicht 
ftilen Stunden brängt fi Alles auf, | ertragen. — — In diefem Augenblide 
was man weiß, daß die Menjchen | ‚flog wieder ein Sternfunfe hin in der 


je über das Melträthjel und das 


ı Himmelsrunde und er wuchs und 


Weltiyftem gedacht haben — und fiehe, | glühte und fprühte und er ſchwoll zu 


— — —————— — — 


4* 


52 


einer lodernden Kugel an und — 
zerſtob. 

Ein Meteor. — Und das war's. 
Ein Narr, der träumt und grübelt 
und nach Höherem ringt, wenn die 
leuchtendſten Geſtalten wie Seifenblaſen 
vergehen. Eilend ſteige hinab zu den 
irdiſchen Früchten und genieße, was 
noch da iſt. — 

Das Schutzhaus öſtlich von der 
Heukuppe iſt ſtets offen — aber vier 
leere Bänke und ein leerer Tiſch: 
das wäre ſelbſt für einen Büßenden 
zu wenig, denn wo nichts iſt, wie 
kann er ſich da einen Abbruch thun? 


Da läßt ſichs unten in den Schwaig— 
hütten des Grasboden und der Lichten— 
ſternmatten ſchon beſſer — Buße thun. 


Es war heilige Samſtagnacht und 
man ſollte meinen, es wären alle 
Thüren ſchon verſchloſſen geweſen im 
Hochthale. Sie waren aber nie weiter 
offen als zu ſolcher Stunde. Mir 
waren jchon früher die zahlreichen 
Höhenfeuer und das viele Yauchzen 
aufgefallen. Nun jah ich die Hütten 
bejegt und belagert. Lauter junge, 
fernfriihe Burſchen aus Neuberg 
und Kapellen und Prein waren da, 
die fangen und jcherzten, und auch 
andere, bie ftill und finjter wie das 
böje Gewiſſen um die Fleinen Behau- 
jungen jchlihen. Die Hütten find 
ichlecht, der Wind bläft durch die Wand: 
fugen das Herbfeuer hin und her, das 
mitten im Haufe auf einem Steinhaufen 
brennt. Tiſch ift gar Feiner da; mer 
eſſen will, der jeße fich auf die Wand— 
bant, ftelle die Schüffel oder die Pfanne 
auf feine zwei Kniejcheiben und effe. 
Mer trinken will, der gehe zum Trog, 
in welhem die Schneeftüde jchmelzen, 
die fie vom Kar niedergefchleppt haben. 
Eine andere Wafferquelle ift auf der 
Rax nicht zu finden. Wer fchlafen 
will, der muß die Schwaigerin bitten, 
daß fie ihr Bett herleiht, welches in 
einem Winfel der Hütte Fauert; die 


Brettern des Daches auf einem Haufen 
isländiſchen Moojes, das fie eigentlich 
für die Schweine gefammelt bat. 

Heute denkt fein Menſch an’s 
Schlafen. Dort fteht das Wirthshaus. 
Es ift nicht beſſer und nicht jchlechter 
als die anderen Hütten, aber es beut 
Mein, Schnaps, Gejelchtes, Thee und 
Kaffee. Die Wirthin ift emfig und 
froh, der Wirth ift eine fnorrige, 
bedächtige Andreas-Hofer-Geſtalt und 
drückt ein Auge zu, oder zwei, merkt 
er, daß die Verantwortung zu groß 
würde, wenn er ſähe. Und wahrlich, 
es iſt ein Volk von Sündern beiſam— 
men. Die Jüngſten karteln und kegeln 
um's Geld oder balgen ſich umſonſt. 
Die ein wenig Aelteren trinken und 
johlen Geſänge, ſo farbenüppig ſchier, 
wie das Muſter glühender Liebespoeſie 
— Salomons hohes Lied. Und jene, 
die gar nicht da ſind, ſondern hinten 
und draußen im Verborgenen munkeln, 
das ſind die Schlimmſten von Allen. 

Wiener ſind heraufgeſtiegen mit 
nackten Knien, beſchlagenen Schuhen, 
Eiſen und Alpenſtöcken. Gerade durch 
ihre Rüſtung zeigen ſie, daß ſie Städter 
ſind, der Aelpler hängt ſich nicht all' das 
ſchwerfällige Zeug an, will er auf die Rax 
gehen. Nun haben ſich die Reſidenzler 
behaglich und gemüthlich gemacht um 
den Herd und verzehren ihr ſtädtiſches 
Nachtmahl und thun ländlich mit im 
Scherzen, Trinken und Singen. Ganz 
tolle Kerle! was ihnen an Schabernack 
einfällt, das üben ſie aus; ſie ſind 
auf die Berge gegangen, um „frei“ 
zu fein und fie find fehr frei und fie 
wären noch viel freier, wiejen ihnen 
die Bauernburſchen ein nit gar jo 
troßiges Dafein. 

Eine Zither hört man furren; eine 
Mundharmonifa ſchrillt Draußen herum. 
Dort am Lirmftrauh und dort am 
Steinflog ftehen fingende Gruppen, 
und die Schwaigerinnen willen gleich 
ben Burjchen fede Lieder. Mancher 
aus dem Thale jcheint erfolglos da 


Schwaigerin geht dann zu einer Nach: |zu fein, man merkt ben Aerger aus 
barin oder ruht oben zwiſchen ben |jeinem Sang heraus: 


53 


„Auf d' Alm bin ih ganga, 
Auf der Alm hat's mih g’freut, 
Auf d' Alm geh ih neama, 

Da Weg is ma z'weit. 


Da Weg id ma z’weit 

Und die Schwoagarin z'ftulz, 

Und a Bua, der jo hoch fteigt, 

Is ah nit von Hulz.* 
Eine der Leblujtigiten liſpelt durch 

das FFenfterchen hinaus dem Ihren zu: 

„Mei Büabl is fema, 

Hat in Schnurbart aufdraht, 

Und ih fonn ma’s ſcha dena, 

Wos in Büabl taugn that.“ 


A Milh und an Butta —“ 


Sie berichtigend fällt das „Büabl“ 

ein: 

„Mir taugad, mein Schagerl, 

A brennhoaßas Schmagerl, 

Daß ma der Athn ſteh'n bleibt, 

Daß ma 'n Shwik (Schweiß) außatreibt.“ 
Auf dem Dachfirſt einer anderen 

Hütte fit Einer und läßt die Beine 

auf beiden Seiten hinabhängen. Der 

trillert : 

„Selm aufn Schneggenfteig 

Schnabeln zwoa fchneeweiße Taub'n, 

Und heunt möcht ih gor fo gern, gor jo gern 

Hulzäpfel klaubn.“ 

Darauf eine 

von Kubjtall her: 
„D' Hulzäpfel, d' Hulzäpfel 
Warn ma viel 3’ fauri, 
Wannſt ſcha nir Süaffers findft 
Bua, fo is 's trauri.* 

Inzwiſchen das Scellen der Kuh: 
gloden, das Nöhren der Rinder und 
Schafe, das Grunzen der Schweine, 
das Gadern der Hühner, Und auf 
allen Hügeln und Hängen jauchzen die 
ungen, die Halter und Hüttenbuben 
— denen ihr frifches, freudiges Leben 
ftetig klingt. Jeder Athemzug wird 
zum Jubelſchall. Und am Himmel 
zufen die Sternfchnuppen bin; in 
dämoniſcher Leidenjchaftlichfeit fiebert 
die Welt. 

So war es Mitternacht geworben. 
Meine Genofien Hatten fich zer: 
jtreut in verfchiedene Hütten, in der 


weiblihe Stimme 


Ich bin zu den Lichtenfternhütten hinauf: 
gerathen, waren aber jchon belagert 
und feſt verjchloffen bi8 auf eine — 
und bieje eine war mir ja genug. 
In der ſchreckte ich eine Almerin auf 
— eine junge, rothwangige, rund: 
gliederige Almerin, die zur tiefften 
Erſchütterung meines Herzens in der 
Verwirrung früher das Spanlicht als 
das Nödlein anthat. — Sie wollt’ 
mich gern behalten. Zu meinem Leib: 
wejen mijchte fie das Stroh des Bettes 
auf und zerjtörte jo die anmuthige 
Thalung, die fie gedrüdt und in ber 
ih jo füß zu ſchlummern gehofft 
hätte. Dann kleidete fie ſich volljtändig 
an und verließ die Hütte, 

Ich löſchte das Licht aus, legte 
mich zur Ruh' und erforichte — wie 
es mir vor Zeiten mein Katechet jchon 
vorgefchrieben hatte — mein Gewiffen. 
Muß an demjelben Tage ein ganz 


braver Kerl gewejen jein — denn 
gerubfam ſank ih bald in den 
Schlummer. 


Nur auf furze Zeit. Das Miauen 
einer Hape weckte mich, welche vor 
dem Fenſterchen figen mochte, das 
gerade über dem Bette war. Auch ein 
Kater war dabei — id hörte fein 
Spinnen. Plötzlich grunzte ein Schwein 
dazwiſchen und darauf war ein Pfeifen 
und Zwitſchern, als ob alle Iuftigen 
Vögel der Rax vor dem Fenfterchen 
verfammelt wären. Das ging nicht 
mit rechten Dingen zu, bald merfte 
ich's, die Thierftimmen ahmte ein 
Mann nad, der damit der jungen 
Schwaigerin ein Ständchen bringen 
wollte. Hernach flüfterte er ein paar 
Liedchen, wovon das erjtere heiße Be: 
gebrlichfeit kundthat, das letztere aber 
nichtS weniger al8 fjchmeichelhaft war 
für die Spröbe, die drinnen nicht das 
fleinfte Lebenszeihen von ſich gab. 
Endlich ging er davon. 

Nach einer PViertelftunde kam ein 
Zweiter. Der tete feinen Kopf ganz 
in's Fenfter und legte fein Geficht an 
die Scheibe. Er murmelte ein Gebet. 


Abficht, ein paar Stunden zu ruhen. | Im Tone der Stoßfeufzer jagte er 


54 


mit halblauter Sprache, bald raſch, 
bald gebehnt, bald beflommen, bald 
aufathmend, einen Text her, den ich 
um Alles in der Welt nicht mittheile, 
der mein viertes Geheimniß bleibt. 
Das Gebet ging das Weib an. Es 
mußte ein bebrängter Beter gewejen 
fein, denn feine Andacht währte über 
eine halbe Stunde. Und als er fie 
beendet hatte, jagte er traurigen Tones 
noch die vorwurfsvollen Worte: „Aber 
gar fo ftulz fein, Mirzl! Gar jo ſtulz 
dürfteft Du heut wohl auch nit fein!“ 
— Er jhlih davon. Mi hat ber 
arme Narr in’3 Herz hinein erbarmt. 


Auf der Heufuppe lag ſchon der 
erſte Schein des Sonntagmorgens. 
Ueber die Matten Hin, den Abjtiegen 
zu, ſchwärmten junge Burfchen und 
fangen und jauchzten. Die jchlaflofe 
Naht Hatte fie nicht ermüdet. Die 
aber in den Hütten verblieben, befamen 
von den Schmwaigerinnen „Kuraſchi— 
waſſer“, wie fie den Kaffee nannten. 
Scherz und Schalfheiten gab's und 
mancher übermüthige Iunge hatte ein 
Loch im Rode, einen Ri im Bein: 
Heid, Eleine Schäden, melde Die 
Schmwaigerin mit Nabel und Zwirn 
gerne fchlichtete. Dabei that die Mirzl 
jählings einen Ausruf: „Daift ja ein 
Blut auf dem Nermling! Werd's doch 
nit g’rauft haben ?” 

Ya, ihrer Etliche hatten im Kar 
drin gerauft, und ber Stabtherr, der 
um ein Schäferftündlein heraufgeftiegen 
war, fam mit einem Zoch im Kopfe 
wieder hinab. 


Meine Gefährten habe ih wohl: 
behalten und froh alle wieder gefunden. 


Noh ein Weilhen im Naturleben, in | Straßenjtaub. 


der MWejtjeite gegen Naßwald hinab. 
Hier klimmt man viel tiefer nieder, 
als man an ber andern Seite empor: 
geitiegen ift. Hier unten ift ein 
dämmeriger Thalgrund, von den gemwal: 
tigiten SFelswänden umftanden. Das 
tiefverlafjene, intereffante Reißthal, in 
welchem die Ruinen eines abgeftifteten 
Dorfes ftehen. Wegen Mildereien und 
Auflehnungen gegen den Schuß: und 
Gutsherrn ift vor etlihen zwanzig 
Jahren diefe Anfieblung zerftört worden. 
Die einzige und legte Hütte, die als 
Schenke noch ftehen geblieben, ift in 
diefem Jahre niedergebrannt. 

Wir durchwandern noch das ſtun— 
denlange Naßthal mit ſeinen lieblichen 
und wilden Naturbildern, mit ſeiner 
guten Straße und ſeinen ſtattlichen 
Gaſthäuſern. Wir kommen an ber 
proteftantiihen Gemeinde Naßwald 
und an der berühmten Singerin vorüber; 
wir machen noch einen kleinen Seiten: 
ſprung ins Höllthal, wo in ſchweren, 
zerrijjenen Falten der Felsmantel nieder: 
wallt von den Zinnen der Nar. Bon 
der Brüde, die am Eingange des 
Hölthals über den Naßbach Führt, 
bis hinaus zum Kaiferbrunnen ift eine 
der allerherrlichiten Partien unferer 
Alpen. Am Kaiferbrunnen in einem 
Quadernbau quillt ein Theil des 
Waſſers auf, welches in allen Stod: 
werfen Wiens aus den Pippen ſprüht. 
Der andere Theil brauft fünf Stunden 
weit vom Kaiferbrunnen aus den Feljen 
zu Stirenftein hervor. 

Almälig geht's mit der Pracht zu 
Ende. Die Gebirgsftöde der Rax und 
des Schneeberges bleiben zurüd. Die 
Kleefelder des Thales find grau vor 
In Reichenau riecht 


der Naturfchöne, dann ftiegen wir auf | Wien. 


Schw 


Im Anfang war das Wort. 


„Na Hochwürden, aber na, jeßt 
weiß ich nicht mehr aus‘, fagte der 
Schneider Simon zu feinem Pfarrer, 
„Seit ih Bräutigam bin und mir Hoch— 
würden das heilige Sacrament der Che 
zu ftubiren aufgegeben haben, bin id) 
fo in den Katechismus, in die Bibel 
und in allerlei andere Bücher Hinein- 
gerathen, daß ich ſchier möcht' verrüdt 
werden. — Da ftimmt’3 mir gleich 
bei der Erſchaffung der Welt nicht 
zufammen.” 

„Oho!“ rief der Pfarrer, „id 
dent, das müßt’ der Meifter Simon 
doh gut fein laſſen. Die Welt fteht 
ja da! Du und ich hätten fie nicht 
erſchaffen.“ 

„Wohl, wohl, Hochwürden, ſie ſteht 
ſteinbumfeſt da und wir zwei hätten ſie 
leicht kaum zuweg gebracht. 's iſt ein 
Muſterſtuck von unſerm Herrgott, aber 
lernen möcht' Eins was davon, und 
da ftreiten fi die Leut’ und die Bücher 
gottäläfterlich herum, mie er's angefan- 
gen hat. So fteht’3 in der Bibel: Im 
Anfang war das Wort, und der Doc: 
tor Fauft, ein rechtſchaffen gejceiter 
Mann, fagt: Im Anfang war die That. 
— Jetzt frag’ ih, ob da ein Menſch 
nit dumm werden ſoll?“ 

„Meifter Simon |” drohte der Pfarrer 
mit dem Zeigefinger, „Meifter Simon, 
heb’ mir nicht zu fpintifiren an! Ich 
dent’, dad heilige Buch wird Dir glaub: 
würdiger fein, als der faubere Doctor 
Fauft, den der Teufel geholt hat.“ 

„Wohl, wohl, Hochwürden, aber 
wenn der Floh einmal im Ohr fist, 
was fann man dafür? und fo könnt' 
man ſchier auf die Meinung kommen, 
im Anfang müßt’ die That gemefen 
fein und dann erft das Wort, denn 
will ih über etwas fprechen, fo muß 
erjt etwas da jein.“ 

Der Pfarrer fing aus feiner Tabak: 
dofe eine Prife hervor und dann jagte 


anße. 


er: „Der Meifter Simon will alfo 
in den heiligen Eheſtand treten ?“ 

„Wohl, wohl, Herr Pfarrer, am 
nächſten Sonntag ift ja ſchon die Hochzeit!“ 

„Aber fappermofthofen, wie haft denn 
das eingefädelt, daß es fo plößlich geht ?“ 

„Se, das wiſſen Hochwürden doch!“ 
rief der Meiſter Simon, „ich bin ſchon 
ſo, wenn ich was will, ſo mach ich 
nicht viel Umſtände. Thereſel, hab’ ich 
zum Mädel gejagt, jest red’, magjt 
mid) oder magſt mich nit? Ya, jagt 
fie, und richtig iſt's geweſen.“ 

„Siehft Du”, verfegte jeht der 
Pfarrer, und prefte die Prife in die 
Nafe, „ſiehſt Du, die Bibel hat redt: 
im Anfang war das Wort!” 


Der Damon im Glafe. 


In einem Dorfe Unterfteiermarfs 
erfranfte ein Mann, der dem Trunfe 
ergeben war. Der Arzt, ein perjönlicher 
Freund und Zechgenofje des Erkrankten, 
wurde eilig gerufen und conftatirte ein 
heftige Nervenfieber. Der Kranke war 
in Fiebergluth und ließ fih im Bette 
faum halten; er flagte über Durft, er 
fhrie nah Wein. Der Arzt ließ ihm 
jelbftverftändih nur Wafler reichen. 
Der Kranfe wurde fajt wüthend und 
fhrie nah Wein. Da ihm das Alles 
nichts half, fo befahl er feiner Haus 
hälterin, fie folle doch wenigſtens dem 
Herrn Doctor ein Glas Wein vorfegen. 
Dagegen hatte der Arzt nichts einzu: 
wenden. Er hub an und trank ein 
Gläshen um's andere. Der Kranke 
wartete eine entſprechende Weile, dann 
fagte er: „Sch wett’, fie hat Div wieder 
den Sauren gebradt !” 

„Denk' nicht”, verfegte der Arzt, 
„ih halte ihn für einen Kerſchbacher.“ 
„Nein“, rief der Kranke, „das iſt ber 
ledige Dreimännerwein, bei welchem, 
wenn ihn der Eine trinkt, die zwei 
Andern den Trinfenden bei den Ohren 


56 


halten müflen, daß es ihn nicht gar zu 
arg beutelt. Das ift ein folder.“ 

„Ein guter Kerſchbacher iſt's“, ver: 
fiherte der Arzt begeiftert, die Ehre 
feines trefflihen Tranfes rettend, „und 
glaubft es nicht, Jo verſuch' ihn!“ 

Sept war der Typhusfranfe am 
Ziele; mit Gier ergriff er das Glas 
und ftürzte e8 in den Mund, 

„Gelt!“ rief der bereits angehei: 
terte Arzt. 

„Bird Schon fein“, gab der Kranke 
bei, „he, Hausmwirthin, noch eine Flajche. 
— Gtoß an Brüderl, heut’ ift gerad’ 
ein rechter Tag zum Gefundheittrinfen ! 
Sollit leben!” 

„Du aud daneben!“ lachte der 
Arzt und trank mit feinem Patienten 
in fröhlichen Verein ein Glas um's andere. 

Ein Gefundheittrinfen war's, aber 
nicht Jedem möcht’ ich's rathen. 

Heute fit der Arzt und fein Freund 
wieder im Wirthshauſe. — 

Ein Anderes. 

Auf dem Bänflein vor dem Armen: 
haufe zu 8. war's. Da fauerte der 
alte mühfelige Einleger Martin und 
war traurig. 

Der Abſchieder-Lenz mit dem höl- 
zernen Bein, „alleweil fidel, alleweil 
a weni rauſchig“, ftolperte heran. „He, 
Martin‘, rief er dem Spitalbemohner 
zu, „warum fo fopfhängerifch ?’ 

„Hab' kein’ Freud’ mehr auf ber 
Welt‘, brummte der verzagte Mann. 

„Ei was! Könnt’ ever fagen. 
Trink' immeramal ein Glafel Schnaps, 
wirft ſchon Iuftig fein!‘ 

„Hab' fein Geld”, war die trau: 
rige Antwort, „mag mir feinen kaufen.“ 

„Ra wart, Martin, ich zahl’ Dir 
ein Glas, daß Dir wieder einmal 
warm wird um's Leberl.“ 

Die Schänfe war nit weit; bald 
ftand das blinfende Branntweinfläfchchen 
vor dem Einleger Martin. Diefer nippte, 
nippte und tranf, da wurde ihm warm 
um's Leberl. So ein Wafjer hatte er 
ſeit undenflihen Zeiten nicht mehr ge: 
trunfen. Seine alten Wangen wurden 
roth, jein Auge funkelte — funfelte 


und wurde fchläfrig. Er lehnte fih an 
die Wand und — mar tobt. 


Der Abſchieder-Lenz ftarrte ihm 
noch eine Weile in’s Gefiht. „Hm“, 
murmelte er, „das ift mir Einer! Jetzt 
ftirbt er auf einmal weg und hat nicht 
einmal den Schnaps ausgetrunfen.‘ 

Haftig bob er das Fläfchchen, 
leerte e3 in feine eigene Gurgel und 
ging dann, den Bericht zu erjtatten: 
Der alte Einleger Martin wäre geftorben. 

„Woran?“ 

„Den Schnaps hat er nicht aus— 
getrunken.“ 

Beide Stücklein kann der Erzähler 
verbürgen; ſie ſind erſt vor Kurzem 


geſchehen. 


Einer, der ſich dafür zahlen läßt. 


Ein Dorfjunge fam in die Stadt, 
um zu ftubiren. Unter feinen Profefjoren 
hatte der treuherzige Anabe mehrere 
Gönner, wovon ihm Einer eines Tages 
für fih und einen Freund zwei Ein: 
trittöfarten fchenfte. Die Eintrittöfarten 
galten für eine philofophifche Vorlefung, 
welche der betreffende Profefjor in einem 
öffentlihen Saale halten follte. Der 
junge Student aus dem Dorfe freute 
fih ſchon den ganzen Tag auf den 
Abend der Vorlefung und fein Kummer 
war nur der, daß er unter feinen 
wenigen Belannten feinen Genofjen 
fand, welder die zweite Eintrittäfarte 
angenommen hätte. Die Studenten woll- 
ten den Abend lieber im Freien zubrin- 
gen, als den Herrn Profeflor anhören, 
defienStimme fie ohnehin recht gut fannten. 

Als die Stunde kam, ging der 
wißbegierige Junge nah dem Saale 
der Vorlefung und mar faft betrübt, 
daß der Schag, den er in der Tafche 
trug, zum Theile unverwerthet bleiben 
follte. Da fah er an der Straßenede 
einen fchlichten, anſpruchsloſen Mann 
ftehen, dem Anzuge nad vielleicht ein 
Bahnihaffner oder jo etwas. Ah, dachte 
fih der Heine Student, dem kann id) 
einen Gefallen thun, der ift gewiß 


57 


froh, wenn er meinen Herrn Profeſſor 
einmal hört. 


'priefter feiner Pfarre holen, daß der 
ihm die Sacramente reiche und die Seele 


„He, Better!’ rief er dem Mann | ausfegne. Das Pfäfflein fam mit dem 


zu, „wenn Sie was profitiren wollen, 
fo fommen Sie mit!’ 

„Ich bitte!‘ entgegnete der Andere 
und ging mit dem jungen. Diefer gab 
an der Pforte die zwei Karten ab, die 
Beiden traten in den Saal. Die Vor: 
lefung begann. Der Student hörte mit 
Begeifterung zu in der Hoffnung, all 
die Shönen Worte, die er heute anhörte, 
dereinft in den höheren Schulen auch 
zu verftehen. Neben ihm ftand bewe— 
gungslos wie ein Baum der Mann 
von der Straßenede. — Das ift ein 
dankbarer Menſch, dachte ſich der Student. 
— Der Ileine wird vielleiht einen 
Schützer im Gebränge, einen Begleiter 
auf dem Heimweg haben wollen, dachte 
der Andere. 

Nah der Vorlefung fagte der Junge 
zu feinem Manne: „Nichts danken, mid 
freut’3, wenn's gefallen hat. Behüt' 
Gott!’ Und er wollte im Trofje davon. 

„Ich bitte‘‘, warf der Andere raſch 
ein und hielt den ungen am Arm 
feft, „ih befomme neunzig Kreuzer. 
Ja, neunzig; für die Stunde ift des 
Nachts fechzig, und anderthalb Stunden 
bin ich zu Dienften geftanden.‘‘ 

Der unglüdlice, unerfahrene Burfche 
aus dem Dorfe hatte einen Dienftmann 
mit in die philofophifche Vorleſung ge: 
zogen; Geld Hatte er feines im Sad. 
Der Auftritt wurde laut; der unge 
war ſprachlos vor Schred und Aerger. 
Der Profeſſor fam und that, was 
vielleiht an feiner Stelle no Keiner 
gethban Hatte: er entſchädigte Einem 
feiner Zuhörer mit neunzig Kreuzern 
bie in der Vorlefung verlorene Zeit. 





Die Gefhihte von der guten 
Meinung. 


ALS im Tirolerland die Peſt herrichte, 
wurde der Bauer vom Aſchbacher— 
hofe im Volterwald vom Siehthum be: 
fallen. Vermeinend, daß es mit ihm 
bald zu Ende ginge, ließ er den Leut— 


hochwürdigen Gute gen Aſchbach. Wie 
ed aber vernahm, an welchem Gebreft’ 
der Bauer darnieberliege, hub er ſich 
an zu fürdten und wollte um feinen 
Preis in's Haus gehen, um nit gar 
die Peſt zu erben. 

Der Kranke ſeufzte indeß heftig 
nad der heiligen Wegzehrung. So trat 
der Leutpriefter an’s Fenfterlein, zeigte 
dem Manne die Hoftie und rief ihm zu: 
„Schau fie nur an und mad’ Deine 
gute Meinung, das ift fo viel, als 
hätteft Du fie empfangen!” — Danach 
machte er ſich ftrad3 davon. 

Das Bäuerlein gab fi aber damit 
nicht zufrieden; es ließ einen Nachbars— 
pfarrer bitten; und der fam und verjah 
eö fleißig mit allen SHeiligfeiten. Wider 
Verhoffen fam der Aſchbacher für dieß— 
mal mit dem Leben davon. 

Da nun die Zeit nahte, wo man den 
Pfaffen den Zehent brachte, fuhr unfer 
Bauer zu rechter Zeit mit dem geladenen 
Kornwagen vor feines Pfarrherrn Thür. 
Der Leutpriefter ſah gerade zum en: 
fter heraus und rief fröhlid: „Bringit 
Du mir den Zehent, Aſchbacher? Das 
fob’ ih mir!“ Der Aſchbacher 
ſchmunzelte und ſprach: „Wohl, Herr! 
Ihaut ihn Eud nur an und macht eine 
gute Meinung dazu; das ift fo viel, 
als ob Ihr ihn gekriegt hättet!” Darauf 
fuhr er feitab und dem dienftbeflifjenen 
Nachbarspfarrer zu. 





Ein Herzensgutes Thier. 


Der alte Soldaten:Franz, im Salla- 
graben bei KHöflah daheim, hat im 
Krimfriege folgende Gefchihte aus dem 
nichtunirten Rußland mit heimgebradt, 
und dieſelbe folgendermweife zum Beten 
gegeben: 
| It einmal ein Bauer gemwefen, der 
if blutarm geweſen und hat nichts 
gehabt, al3 wie eine alte Sau. Und 
wie die Säue ſchon find, Hat dieſe 
einmal auf dem Anger gemwühlt und 


58 


hat einen vergrabenen Schag aus der 
Erde gemwühlt. Yet bat der Bauer 
Geld genug gehabt und es läßt fi 
leicht denken, wie gern er feine Sau 
gehabt hat. Ein jchönes Zimmer mit 
Seidenbett und Spiegel hat er ihr ein- 
richten lafjen; die feinften Speifen hat 
er ihr vorgefegt; ihren gemirbelten 
Schweif hat er hübſch mit rothen Bän- 
dern aufgepußt. Die Sau hat’s ihrem 
wohlmeinenden Herrn nur nicht jagen 
mögen, aber eine ordentliche Schlamm: 
lahe wäre ihr lieber gewefen, wie das 
vornehme Zimmer mit dem Seidenbett. 

„Hab' di wohl und werde nur 
truß fett, deßweg' ſollſt du bei mir 
nicht fterben‘‘, hat der Bauer oftmals 
zu feiner Sau gejagt, aber das aute 
Thier hat nicht fett werden wollen, hat 
zu fränfeln angefangen, ift endlich ver: 
jtorben. 

Da ift der Bauer wohl trojtlos 
gewefen, hat nicht gewußt, welche Ehren 
er der Sau noch anthun follt’, die ihm 
zu feinem Reichthum verholfen hat, iſt 
auf den Gedanken gefommen, fie mit 
allen Feierlichkeiten auf dem Kirchhofe 
begraben zu lafjen. Der Pfarrer — 
das verfteht ſich — hat's anfangs 
nicht zugeben wollen, aber der Bauer 
hat ji feine Müh' verbrießen laſſen, 
hat feinen Wunſch richtig durchgeſetzt. 

Und — mie der Teufel ſchon fein 
Spiel hat — erfährt's der Bifchof, 
daß da eine Sau auf dem Kirchhor be: 
itattet worden ift. Flugs eilt er herbei, 
verfludht den Bauer und den Pfarrer, 
nennt fie Heiden allebeide, verheift ihnen 
al’ Unglück auf Erden und alldorten 
das höllifche Feuer. 

Das ift dem Bauer fhon gar nicht 
alleseins, und am Ende wird fein Lieb: 
ling wieder ausgefharrt. „Halten zu 
Gnaden“, fagt er traurig, „wenn's ber 


Herr Bifhof thät wiſſen, was das für 
eine merkwürdige Sau gemefen ift und 
was fie vor ihrem Lebensende noch ge: 
fagt hat!’ 

„Was“, ruft der Biſchof, „das 
Schwein hat reden können?“ 

„Ja freilich, ja verfteht ſich!“ 
fchreit der Bauer, „Du alter Freund!‘ 
hat fie zu mir auf dem Tobbett nod) 
geſagt, „wenn's aus wird mit mir, Du 
weißt, was ich zurüdlaff’, thu’ von der 
Sad’ ein biffel theilen und aud den 
Herrn Biſchof nicht vergeffen — den 
guten, braven Herrn — id vermad’ 
ihm hundert Thaler.‘’ 

„Ad, das muß ein herzensgutes 
Thier gewejen fein!’ fagt der Biſchof 
gerührt und legt dem Bauer zum Se: 
gen die Hände auf's Haupt. 





Immer hößlich. 

Einer der franzöfifchen Könige machte 
eines Tages irgend einen fo albernen 
Wit, daß die Verfammlung fehr ver: 
legen nicht3 darauf zu entgegnen mußte. 
Der König aber blidte nach Beifall aus; 
da trat ein Höfling zu ihm heran und 
fagte: „Es gelingt Eurer Majeftät Alles ; 
Sie wollten einen ſchlechten Wit machen 
und es ift Ihnen dieß trefflich gelungen.“ 





Der danfbare Kronte. 


„Heilige Mutter Mariahilf!“ jam: 
merte jener Kroat', da er in Nöthen 
mitten auf der Naab war, „wenn id) 
mit dem Leben über's Wafler fomm’, 
fo opfere ih dir eine Wachskerze, fo 
groß wie ein Drambaum!“ — Als er 
drüben war, fchüttelte er fih ab und 
date: „Mein Gott, na, ein Kreuzer: 
ferzel ift auch gut!“ 


59 


Kleine Saube. 


Bon der Gejhwindigkeit des Tele: 
graphen. 


Bisweilen wird uns gejagt, daß 
der eleftrifche Funfe fo viel wie gar 
feine Zeit brauche, um Europa, ja den 
Drient und den Decident zu durchflie— 
gen, von einem Ende bis zum andern. 
Es fol dies thatſächlich fo fein, nur 
läßt ſich das praftifch nit durchführen. 
Der Telegraphenbetrieb ift noch ein 
mangelhafter und wartet auf Bervoll- 
fommnung. Der elektriſche Strom ſelbſt 
thut feine Schuldigfeit, der macht, wenn 
ihm nichts im Wege ift, in einer 
Secunde feine 60.000 Meilen durd. 
Indeß fteht ihm aber allerhand im 
Wege; da ift’s die Nähe des Erdbodens, 
da iſt's der Dunftkreis mit feinen ver: 
ſchiedenen Eigenſchaften, da iſt's end— 
lich die Unvollkommenheit der Leitung, 
die dem elektriſchen Funken auf ſeiner 
Reiſe Verzögerungen beibringt. So 
macht denn der Funke in der Secunde 
8000—15.000 Meilen und er muß 
ihon tüchtig aufgelegt, vom ſchönſten 
Wetter begünftigt fein und einen guten 
Weg haben, wenn er’s in der Secunde 
auf 20.000 Meilen bringt. Auf alle 
Fälle ein ganz refpectabler Laufer! 
Bei einer Telegraphenleitung unter ber 
Erde oder im Waſſer ift die Schnellig- 
feit eine bedeutend geringere ala in 
freier Luft. 

Immerhin können wir fagen, daß 
im gewöhnlichen Leben der elektrifche 
Strom gar feine Zeit braude, um 
irgend eine Entfernung zu durchlaufen. 
Aber die Menfchenarbeit, die dabei ift, 
braudt Weile. Beim Telegraphen jtehen 
jegt zwei Apparatiyfteme in Anwendung: 
Der Morje-Apparat, ala der ältere, 
und ber Hughes'ſche Typenapparat ala 
der vollfommenere. Auf dem Morſe'ſchen 
braucht man zum Abtelegraphiren einer 
Depeche von 20 Morten 4, auf dem 
Hughes ſchen 2 Minuten. Sind alfo 


und London — durch eine directe Tele: 
graphenleitung mit einander verbunden, 
jo ift die Möglichkeit da, daß die De: 
pefhe innerhalb 5 Minuten ihr Ziel 
erreicht. Allerdingd wird dieſe Zeit bei 
der heutigen Einrichtung ſtets über: 
ſchritten. Anſtatt das Telegraphenwefen 
hierin zu verbefjern, beweiſt die Sta: 
tiftit, daß im den letzten Jahren die 
durchichnittliche Beförderungsgefhwindig: 
feit zurüdgegangen: ift. 

Viele glauben, jede nad irgend 
einem Orte beftimmte Depeſche werde 
geradeöwegs nah dem Beltimmungsort 
abgejegt. Das ift leider nur in fehr 
wenigen Fällen jo; meijtens werben die 
Depefhen an eine nähergelegene Station 
abgejegt, von dieſer weitertelegraphirt, 
und zwar oft wieder nicht an die Be: 
ftimmungsftation. Man nennt das Um: 
telegraphiren, ein Verfahren, mwodurd) 
die meiften Verzögerungen der telegraphi: 
ſchen Correfpondenz verurfadht werden. 
Ein Telegramm von Lifjabon nad Abo 
(im nördliden Rußland) wird that: 
Jählih immer einige Tage brauchen, um 
an's Biel zu gelangen. Bejtände aber 
zwifchen dieſen beiden Städten eine 
directe Leitung, fo würde dieſes Tele: 
gramm gerade fo viel Zeit brauden, 
als ein joldhes von Wien nad) Stoderau. 
Mit anderen Worten: die Entfernung 
an und für ſich hat feinen Einfluß auf 
die Schnelligkeit der Uebermittlung. 

In früheren Jahren, als noch der 
Morſe'ſche Apparat allein im Gebrauche 
war, hat man ſich's angelegen ſein 
laſſen, die Telegramme, wenn nur 
irgend möglich, direct an die Adreß— 
ſtation abzuſetzen. Zu dieſem Behufe 
mußten dort, wo feine directen Ber: 
bindungen vorhanden waren, die Zwi— 
Tchenftationen aufgefordert werben, eine 
foldhe directe Verbindung für die Zeit 
des Bebarfes herzuftellen. Dabei war 
freilich wieder auf der anderen Seite 


irgend zwei Orte — etwa Stonftantinopel | Zeitverluft. So ift heute das Umtele⸗ 


60 


graphiren Mode, eine Quelle der Ver: 
fpätungen und Berftümmlungen. 

Es ginge in vielen Fällen ſchon 
auch anders, wenn man nur wollte. 

Als fih die Mutter des vormaligen 
Kaifers von Rußland behufs Herftellung 
ihrer Gefundheit in Neapel befand, 
wurde das ärztliche Bulletin täglih von 
dort nad Petersburg telegraphirt. Zu 
diefem Behufe waren die Zwifchenftationen 
beauftragt, um 3 Uhr Morgens ohne 
jede befondere Aufforderung die directe 
Verbindung Neapel: Petersburg herzu: 
ftelen. Der Beamte in Neapel rief um 
diefe Zeit Petersburg, erhielt augen: 
blilih die vorgefchriebene Beantwor: 
tung dieſes Nufes, und in fünf Minus 
ten war das Telegramm in Peteröburg 
eingelangt, Zur Zeit, als noch feine 
telegraphifhe Verbindung mit Aleran: 
drien beftand, wurden die dort aus 
Dftindien per Schiff einlangenden Nach— 
richten mittelft Lloybdampfers nad) Trieft 
und von da telegraphiich nad London 
befördert. Da die Ankunftszeit des 
Lloyddampfers befannt war, ließ ſich 
Trieft eine directe Linie zeitweilig durch 
Vermittlung der Zwifchenftationen bis 
nad London herftellen, und es war 
jede der Depefhen in längftens einer 
Viertelftunde in London. Nachdem es 
aber in London um mehr als eine halbe 
Stunde fpäter Morgen, Mittag und 
Abend wird als in Trieft, fo ereignete 
e3 fi zumeift, daß — die Depefchen 
früher in London anfamen, als fie in 
Trieft aufgegeben waren. 





Ein Volksſtamm im Eiſe. 


Menn wir die Stufenleiter der Eul: 
tur nieberfteigen, an welder die civili: 
firten Bölfer der Erde im Laufe der 
Sahrtaufende emporgeflommen find, jo 
begegnen wir dort unten faft an der 
Grenze, wo der Menfh aufhört und 
das Thier beginnt, dem Stamm, der 
rohe Fiſche verzehrt, dem Stamm der 
Eskimos. 

Die Eskimos leben heute noch, ſie 
bewohnen die eiſigen Wüſten von Nord: 


amerifa und Grönland. Vor den Reifen 
von Gapitän Roß, Barry, Franklin, 
Lyon und Beehey wußte man nur 
wenig von ihnen, und felbjt jest fehlen 
und noch Auffchlüfe über manden 
wichtigen Punkt. Was indeß die genann: 
ten Neifenden über dieſes merkwürdige 
Volk mitgetheilt haben, weicht fo fehr 
von den europäifchen, ja von den Sitten 
aller befannten Völfer ab, daß ein 
furzer Auszug aus den vorhandenen 
Mittheilungen nicht ohne Intereſſe fein 
dürfte. 

Die Lebensweife der Eskimos ift 
rauh und beſchwerlich, denn fie bemoh: 
nen einen Boden, der neun Monate im 
Jahre mit Eis bebedt ift, und der 
ihnen weder Gemüfe noch Getreide, ja 
nicht einmal eßbare Wurzeln bietet. Sie 
find mithin auf Filhfang und Jagd 
beſchränkt, die ihnen nit nur Nahrung, 
fondern auch Kleidung verfchaffen. Die 
Esfimos find Nomaden, und fie legen 
ihre Wanderzüge auf dem Schnee fehr 
ſchnell in Schlitten zurüd, die von 
Hunden gezogen werden. Ihre Winter: 
wohnungen beitehen aus Hütten, von 
Schnee aufgeführt, und der Thran der 
Walfifhe und Seehunde wird in den 
Lampen gebrannt, die ihnen bie langen, 
traurigen Nächte erhellen. 

Der förperlide Wuchs der Esfimos 
jteht dem der Europäer bei weiten nad, 
denn er erhebt fih nie über 5 Fuß 
4 Zoll, und finft bis auf 4 Fuß 3 Zoll 
herab. Die größten unter ihren Weibern 
find 5 Fuß, und die fleinften 4 Fuß 
3 Zoll hoch, und zwar wird das erjtere 
Map nur felten erreicht, und das letztere 
nur felten überjchritten. 

Eine der hervorftechendften Eigen: 
ihaften der Esfimos ift ihre Kindes: 
liebe, und man muß die Sorgfalt der 
Vorjehung für die Heinen Geſchöpfe 
bewundern, die hier geboren werden ; 
denn ohne diefen in das Herz ihrer 
Eltern gepflanzten Trieb müßte das 
der elterlihen Pflege entbehrende Kind 
unter diefem Klima zu Grunde gehen. 
Diefe Liebe gibt fi nicht blos durch 
eine unthätige Nahfiht und Sorgfalt 


61 


fund, die eben fo gut ihren Grund in 
der Trägheit haben könnte, welche unter 
den Völkern diefes Himmelsftrich vor: 
herrſcht, fondern fie offenbart fih aud) 
in den taufend Hleinen Spielen und 
Zerftreuungen, welche die Eltern ihren 
Kindern zu verfchaffen bemüht find. 
Die Mütter tragen ihre Kleinen fo 
lange nadt auf dem Rüden, bis dieſe 
ftarf genug find, um allein gehen zu 
fönnen, und bringen ihre ganze Seit 
damit hin, fie zu warten und ihnen zu 
efien zu geben ; die Väter machen ihnen 
Spielzeug, helfen fie erziehen und ſpie— 
len mit ihnen. Niemals wird ein Kind 
gezücdhtigt oder aud nur ausgeſcholten, 
und immer gibt man ihm, was es ver: 
langt. Auf diefe Weife behandelt man 
die Kinder bis zum dritten oder vierten 
Jahre; die Mütter können fi nie 
von ihnen trennen, und fterben oft vor 
Kummer, wenn fie fie verlieren. Diefe 
Liebe der Eltern zu ihren Kindern jteht 
mit dem faft gänzlichen Mangel aller 
übrigen Neigungen, den man bei den 
Eskimos bemerft, in auffallendem 
Gontrafte. 

Durch die Liebe und Achtung, welche 
die Kinder, ſobald fie erwachſen find, 
ihren Eltern beweifen, werden diefe für 
ihre in der Jugend ihnen gemidmete 
Sorgfalt reichlich entſchädigt. Diefe väter: 
lihe und mütterlihe Sorgfalt ift, fo 
viel man meiß, die einzige Autorität, 
melde die Eskimos anerkennen, allein 
die Befehle derfelben werden nie über: 
treten, und felbft bei eintretender Mann: 
barkeit, die doch die Kinder der Herr: 
ihaft der Eltern entzieht, wird noch 
immer jener Gehorſam geleitet, den fie 
al3 eine ihrer heiligften Pflichten be: 
traten. Capitän Parry fragte einft 
einen Eskimo, ob er mit ihm reifen 
wolle, und erhielt das fieben- bis acht: 
mal heftig hinter einander ausgeſtoßene 
Wort Nao (Nein) zur Antwort; als 
der Capitän nad der Urſache dieſer 
ungeftümen Weigerung fragte, erwiederte 
der Eöfimo : „Mein Bater würde weinen.” 

Die gegenfeitige große Liebe der 
Eltern und Kinder unter einander ift 


um fo auffallender, als fie mit dem 
den Eskimos angebornen Egoismus im 
ftärfften Widerſpruche fteht. Um den 
erwachfenen Kranken befümmern ſich 
weder Eltern noch Freunde, und das 
Mitgefühl Scheint unter diefem traurigen 
Himmelsjtrih gänzlich unbekannt zu 
fein. Eine Frau pflegt ihren Franken 
Mann nur deshalb, mweil fie weiß, daß 
fein Tod fie im eine hilflofe Lage ver: 
fegen würde, und übernimmt eine andere 
Perſon feine Wartung, fo erkundigt 
fie fih gar nicht mehr nad ihm. Der 
Mann feinerjeit3 verläßt feine fterbende 
Frau, ohne fih darum zu befümmern, 
ob Jemand für fie forge, und fehr oft 
geſchieht es, daß eine Frau, die feine 
Kinder hat, verlafjen in ihrer Hütte 
liegen bleibt, ohne daß jemand nad 
ihr fieht, ob fie noch am Leben ift oder 
nicht. Die Waifen finden unter diefem 
unglüdlihen Volle nur menig Unter: 
ftüßung, und ein fol’ armes Ge— 
ſchöpf wird nur dann von einer Familie 
an Kindesftatt angenommen, wenn ſich 
diefe von den Dienjten und der Arbeit 
des heranwachſenden Kindes Bortheil ver: 
ſprechen kann. 

Eine ſchändliche Gewohnheit der 
Eskimos iſt die, daß ſie den Hilfloſen 
ausplündern. Hat eine Frau ihren 
Mann verloren, und ſitzt, von kleinen 
Kindern umgeben, in Schmerz verſun— 
fen in ihrer Hütte, jo eilen alle Nach— 
barn herbei, und benugen die Fühllofig- 
feit, von der heftiger Gram begleitet 
zu fein pflegt, um Alles zu entwenden, 
was die ärmliche Hütte enthält. Capitän 
Lyon war Zeuge einer Scene diefer 
Art, die er mit folgenden Worten 
ſchildert: „Ich fand die arme Frau 
in einer unfauberen Strohhütte, durch 
deren von allen Seiten offene® Dad) 
der Wind zog, und nichts mar ihr 
geblieben, al8 das Thierfell, auf dem 
fie lag. Sie fhien aufgegeben und dem 
Tode geweiht, und das zerrifiene Ge- 
wand, mit dem fie bedeckt war, zeigte 
deutlih, daß man Gewalt angewen: 
det hatte, um ihr auch biefes zu ent- 
reißen.“ 


62 


Die Eskimos find nicht fo miß— 
trauifh als andere wilde Völkerftämme, 
und die Neifenden, melde mit ihnen 
in Berührung famen, wurden nicht 
felten von ihrer Kühnheit und Uner: 
fchrodenheit überrafcht. Sie treten nicht 
nur ohne Furcht, fondern ſogar mit 
einer gewiſſen Zutraulichfeit vor die 
Europäer, worüber Gapitän Parry in 
feiner Reife Folgendes berichtet: „Als 
fi) das Schiff der Inſel Winter näherte, 
fam, als wir an’® Land gegangen 
waren, ein Haufe Eingeborner zu ung, 
die weder Furdt noch Mißtrauen bliden 
ließen. Sobald wir ihnen Alles, mas 
fie brachten, abgefauft und einige Ge: 
fchenfe gemadt hatten, drüdten wir 
ihnen den Wunfh aus, fie in ihre 
Hütten begleiten zu dürfen, mworein fie 
ohne allen Anftand willigten, und voraus: 
liefen, um uns den Weg zu zeigen.“ 
Die Eskimos find jo forglos und den— 
fen jo wenig an die Zufunft, daß fie 
fih nicht jelten den härteften Entbeh: 
rungen ausſetzen, die ihnen jedoch nicht 
einmal eine Warnung für fünftige Fälle 
find. Kaum ift die drückendſte Hungers— 
noth überftanden, fo haben fie aud 
ſchon vergeſſen, was fie litten, und den: 
fen nicht daran, daß ihnen vielleicht am 
nächſten Tage ſchon ein ähnliches Schid: 
ſal bevorftehen fünnte. 

Die fühne Haltung der Männer, 
der aufrecht getragene Kopf, ihr Blid, 
den fie auch vor dem Fremden niemals 
zu Boden ſenken, kurz eine gewiſſe edle 
Kühnheit, die über ihr ganzes Wefen 
verbreitet ift, deuten auf Selbjtvertrauen, 
und gewiß kann man Xeuten, die den 
Eisbär, nur von einem Hunde begleitet, 
angreifen, Muth nicht abjprechen. Bei 
ihren Expeditionen auf dem Eife zeigen 
fie eine bewundernswerthe Kühnbeit ; 
löst fi, was oft geſchieht, eine Eis— 
fholle ab, und fie werden meit in’s 


händelfüchtig, und auch die härteften 
Entbehrungen wirken nicht nachtheilig 
auf ihre gute Laune. Von einem Morde 
unter ihnen weiß man fein Beifpiel, und 
Rachſucht ift ihnen unbekannt. 

Geſchick zur Baufunft ift eine der her: 
vorftechenden Eigenſchaften der Eskimos, 
und menn die Armuth ihres Landes 
ihnen auch nicht geftattet, prächtige Ge- 
bäude aufzuführen, jo entwideln fie doch 
bei dem Bau ihrer Hütten und der 
Verfertigung ihrer Kähne, Kleider und 
ihres Hausgeräthes große Geſchicklichkeit. 
Die Weiber find dabei noch anftelliger 
ald die Männer, und die Güte ihrer 
Arbeiten erregt die Bewunderung der 
Reifenden. Ihre Nähtereien z. B. find 
von unglaublicher einheit, was um jo 
mehr überrafhen muß, mwenn man bie 
Unvollfommenheit ihres Geräthes be: 
trachtet. Ihre Nadeln find aus Knochen 
verfertigt, und die Sehnen des Renn- 
thierd, die fie in feine Fäden aus 
einander theilen, liefern ihnen einen 
ſehr feſten Zwirn. In der Art, wie 
diefe armen Wilden verfchiedenartige 
Belzftreifen zufammennähen, und daraus 
eine eben fo nette, als warme flei- 
dung zu verfertigen wiſſen, herrjcht viel 
Geſchmack. Sie haben ferner eine ſehr 
finnreihe Vorrichtung erfunden, um ihre 
Augen gegen den blendenden Glanz des 
Schnees zu ſchützen, und ihre Geräthe 
zur Jagd und zum Fiſchfange find fehr 
zweckmäßig. 

Das einzige Baumaterial, deſſen ſie 
ſich zur Aufführung ihrer Winterwoh— 
nungen bedienen, iſt Schnee und Eis. 
Dieſe kuppelförmigen Hütten haben in 
der Mitte eine Höhe von 9 bis 10 
Fuß. An einer der Seiten des Daches 
wird eine Deffnung angebracht, um 
dem nöthigen Tagesliht Eingang zu 
verjchaffen, und diefe Deffnung dann 
mit einem zu dieſem med hergerich— 


offene Meer hinausgetrieben, fo verlie: | teten Stüd Eis verfchloffen, das bei 2 Fuß 


ren fie feinesmegs den Kopf, obſchon 
wiederholte Beifpiele ihnen die Ueber: 
zeugung aufdringen, daß fie meijt unrett- 
bar verloren find. Diefes perfönlichen 
Muthes ungeachtet find fie dennoch nicht 


Durchmeſſer nur zwei bis drei Zoll 
did ift, und ein fo fanftes Licht durch— 
läßt, als eine mattgefchliffene Kryftall- 


ſcheibe. Werden dann dieſe Hütten in 
der Folge verſchneit, ſo erkennt man 


63 


fie nur noch an ihren Fenftern für 
menfhlihe Wohnungen, und die von 
dem innerhalb brennenden Licht beleud)- 
tete Scheibe gewährt bei Nacht einen 
feltfamen Anblid. 

Die beiten Kanots der Eskimos 
find 23 Fuß lang, 19 Bol breit und 
10 Zoll tief. Diefe Kanots find mit 
Seehundsfellen verkleidet, von denen 
man Haar und Fett mit einem Mefjer 
abfhabt, fie dann am Feuer trodnet, 
und endlich von den Weibern zufammen: 
nähen läßt. 

Die Zahl ihrer Werkzeuge ijt ſehr 
befchränkt ; das Meffer nimmt unter 
denjelben den erften Rang ein; indeß 
handhaben fie dasfelbe mit einer Unge: 
ſchicklichkeit, die jo auffallend ift, daß 
man nicht begreifen kann, wie fie ben: 
noh im Stande find, fo volllommene 
Arbeiten zu liefern. Mit Hilfe dieſes 
Meſſers verfertigen einige Stämme nicht 
nur ihr Sagdgeräthe, fondern fie ſchnitzen 
aud treffend ähnliche Figuren von Vö— 
geln, vierfüßigen Thieren, und fogar 
von Menſchen. Sie arbeiten auch in 
Elfenbein, wobei fich indeß vorausfehen 
läßt, daß jene Stämme, welche ſolche 
Arbeiten liefern, wohl auch noch andere 
Werkzeuge haben, als jenes fchlechte 
Mefier. Ihre Arbeiten beſchränken ſich 
oft nicht blos auf einzelne Figuren, 
ſondern fie bilden fogar ganze Scenen 
nad, wie z. B. einen ihrer National: 
tänze fammt dem Orcheſter. Dieje Ar- 
beiten find zwar weit von europäischer 
Vollkommenheit entfernt, denn die Zeich— 
nung ift mangelhaft, und es fehlt den 
Figuren an Ausbrud, doch fcheinen die 
Eskimos gerade in diefen Arbeiten eine 
größere Geſchicklichkeit zu befiten, als 
in anberen weit nüßlicheren. 

Die Eskimos haben einen hohen 
Grad von Eigendünfel, der fi in ihrer 
Verahtung gegen Europäer und oft 
auh gegen benachbarte Volksſtämme 
fund gibt. Es fcheint ihnen fehr daran 
gelegen zu fein, die Aufmerkſamkeit 
Anderer auf fih zu ziehen, do find 
fie dabei minder eitel als andere wilde 
Völkerſchaften. 


— — —— — — — — — — — — — —— — —— — —— — — — 


Hinſichtlich der Religionen der Es— 
kimos weiß man nur wenig Gewiſſes. 
Einige Reiſende haben ausgeſagt, daß 
ſie jedes Gottesdienſtes, ſowie jedes 
religiöſen Gefühls durchaus ermangelten; 
andere dagegen ſprechen von einigen 
Ceremonien und einem gewiſſen religiöſen 
Aberglauben. Die erſteren waren viel— 
leicht zu ſehr von der Idee eines ge— 
wiſſen Cultus befangen, dem ähnlich, 
was ſie in dieſer Hinſicht bei anderen 
wilden Völkerſchaften ſchon geſehen 
hatten, und da ſie bei den Eskimos 
nichts gewahrten, was dem ihrem Ge— 
dächtniſſe eingeprägten Bilde glich, ſo 
waren ſie mit ihrem abſprechenden 
Schluſſe vielleicht zu voreilig. 

Die Idee eines einzigen allmäch— 
tigen Gottes und einer Fortdauer nach 
dem Tode iſt unſtreitig für die beſchränk— 
ten Begriffe dieſer armen Geſchöpfe zu 
erhaben. Mehrere Verſuche, ihnen dieſe 
beiden Begriffe, die ſich unmöglich ver- 
finnlihen laſſen, faßlih zu machen, 
blieben fruchtlos, weil fie bei ihrem 
gänzlihen Mangel an geiftiger Ausbil- 
dung nur für finnliche Eindrüde empfäng- 
lich find. So viel ift indeß gewiß, daß 
fie weder Sonne, Mond oder Sterne, 
noch irgend ein lebendes Gefchöpf anbe- 
ten, denn wenn man fie fragt, mozu 
die Sonne und der Mond da feien, fo 
antworten fie: „um zu leuchten“ ; und 
fragt man ferner, was nad dem Tode 
aus ihnen werden würde, fo erfolgt die 
Antwort, daß man fie in die Erde ein- 
graben werde. 

Auf Fragen, die man binfichtlich 
der Exiſtenz eines böfen Geijtes, des 
Teufels, an fie richtet, einen Begriff, 
den man doc allenthalben verbreitet 
findet, wußten fie nichts zu antworten, 
weil fie den Sinn derjelben gar nicht 
zu verftehen fchienen. Indeß haben fie 
do Zauberer, welche fie Angefofs 
nennen, und denen fie die Macht zu: 
ſchreiben, Stürme erregen und beſchwich— 
tigen, und Seehunde herbeiloden oder 
verfceuchen zu können. Gapitän Roß 
hatte fih mit einem folhen Zauberer, 
einem jungen Manne von 18 Jahren 


64 


namend Dtoaniah, bekannt gemadt, 
den er zu ſich einlud, und ihn fragte, 
von wem er feine Kunft gelernt habe. 
Von einem alten Angelof, war die 
Antwort. Ferner, ob und mie er im 
Stande fei, Stürme zu erregen ober 
Seehunde und Vögel herbeizuloden. 
Durh Zeihen und Worte, ermwiederte 
der junge Mann, doch hätten dieſe 
Worte feinen Sinn, und wären weder 
an den Wind, no an das Meer ge: 
richtet. Diefe Antworten beweifen deut: 
lich, daß er bei feinen Beſchwörungen 
nit auf den Beiftand eines höheren 
Weſens rechnete, ja man fonnte ihm 
nicht einmal begreiflih maden, was ein 
guter oder böfer Geift fei. 

Spridt man mit den Esfimos von 
einem allmächtigen, allgegenwärtigen, 
unfihtbaren Wefen, das Erde, Meer 
und Alles, was auf und in ihnen lebt, 
erihaffen habe, jo ſcheinen fie fehr 
erftaunt, und fragen ganz naiv, mo 
diejes Mefen wohne. Sagt man ihnen 
nun, es ſei allenthalben, jo werben 
fie unruhig. Als endlih Capitän Roß 
mit einem der Eskimos von einem 
Leben nad) dem Tode und einer anderen 
Welt geſprochen hatte, erwiederte der 
arme Wilde: ein Weifer, der ſchon 
längft geftorben fei, habe gefagt, nad) 
dem Tode fomme man in den Mond, 
allein es glaube fchon längſt fein Menſch 
mehr daran. Diefer Esfimo war aud) 
der Meinung, daß die Vögel und alle 
lebenden Gefchöpfe aus dem Monde 
fämen. 

Auf gleiche Weiſe fteht es wahr: 
ſcheinlich um die religiöfen Begriffe des 
größten Theiles der Bewohner des arf- 
tifchen Amerika's. Einige Stämme glau: 
ben wohl an die Eriftenz höherer 
Mefen, denen fie den Namen von 
Geiftern beilegen, doch beweiſen fie 
ihnen nur wenig Chrerbietung ; dieſe 
Geifter entjprehen ganz den Heren und 
Gnomen unſeres Mittelalters. Cinige 
wohnen, der Meinung biefer Wilden 
zufolge, in der Luft und lauern auf 
den Augenblid, in welchem ein Menſch 
ftirbt, ftürzen fi dann auf die Leid 





name, denen fie die Eingemweide heraus: 
reißen, um fie mit fih zu nehmen 
und zu verzehren. Andere bemächtigen 
fih der Seehunde, wenn fie an’s Ge 
ftade fommen, um Fifche zu fuchen. 

Ferner glauben fie noch an die 
Eriftenz von zwei Gattungen von Ge: 
birgägeiftern ; die erfteren find zwölf 
Fuß hohe Riefen, und die anderen durd) 
ihre Lift ſehr mächtige, nur einen Fuß 
hohe Zwerge, und dieſe letzteren find es, 
welde den Europäern alle ihre Künfte 
gelehrt haben. Noch gibt es eine Gat— 
tung von Geijtern mit Hundslöpfen, 
welche die erbittertiten Feinde des Men: 
ſchengeſchlechtes find und im Orient 
wohnen. Alle diefe abergläubiichen Sa: 
gen find jedoch local, und nidt eine 
einzige ift allgemein durch ganz Grön— 
land verbreitet; die arktiſchen Gebirgs— 
bewohner fcheinen fie durchaus nicht zu 
fennen. 

Die BVerftandesfräfte der Eskimos 
find im Ganzen nur bürftig entwidelt, 
und dennoch bemerft man in diefer Hin: 
fiht einen großen Unterfchied unter ihnen. 
Alles, was man ihnen jagt, faſſen fie 
jehr Teicht, ihr Mangel an ntelligenz 
ift alfo mehr Unmifjenheit als angebore: 
ner Stumpffinn. Was unter civilifirten 
Nationen Ordnung genannt wird, fehlt 
ihnen gänzlid, und aus diefem Mangel 
entfpringt ihre efelhafte Unreinlichkeit. 
Sie waſchen fih nur felten, reinigen 
ihre Hütten faum, und bedienen fi 
derjelben Gefäße, aus denen ihre Hunde 
gefrefjen haben, ohne fie nur abzuma= 
ihen. Sie eflen ferner alles Ungezie— 
fer, mit dem fie bededt find, auch ſcha— 
ben fie den Schweif mit Mefjern vom 
Gefiht, und Ieden dann die Klingen ab. 

Das europäiſche Reinlichkeitsgefühl 
empört ſich gegen die noch weit efelhaf: 
teren Dinge, melde von Reiſenden 
erzählt werden, und von denen bie 
oben angeführten noch bei meitem bie 
ftärkften nicht find. Alle Esfimos eben 
indeß nicht in gleicher Unreinlichkeit 
verfunfen; doch herrfcht das, was mir 
unter Sauberkeit verftehen, auch nicht 
in einer einzigen Hütte, und je näher 


65 





man dem Pole fommt, um fo zurüd: 
ftoßender wird die Unreinlichkeit. 

Vom Rechnen haben die Eskimos 
feinen Begriff, und fönnen gewöhnlich 
nur bis zehn, d. 5. nad den Fingern 
an ihrer Hand zählen; einige haben es 
indeß doch bis auf zwanzig gebradt, 
indem fie die Zehen an ihren Fühen zu 
Hilfe nehmen. Die mufifalifhen Anla— 
gen der Eskimos find nur unbedeutend 
und ihre Tänze fcheinen fie den Bären 
abgelernt zu haben. 


Ein deutſcher Dichter vor feinem 
König. 

Am 18. Dezember des Jahres 1760 
Nahmittagg um drei Uhr ſaß Gellert 
in feinem Sclafrode, mit einer weißen 
Müte, unbarbiert und gar nicht wohl 
an feinem Pulte, ald Jemand an feine 
Thüre pochte. 

„Herein !” 

„Ich bin der Major Duintus Jeilius 
und freue mich, Sie fennen zu lernen. 
Se. Majeftät der König verlangen Sie 
zu jehen und haben mich hergeſchickt, Sie 
zu hm zu bringen.“ 

„Herr Major, Sie müfjen mir’s 
anfehen, daß ich franf bin; es wird dem 
Könige mit einem franfen Mann, der 
nicht reden fann, nicht viel gedient fein.“ 

„Es ift wahr, Sie fehen nicht wohl 
aus; ich werde Sie auch nicht nöthigen, 
heute mitzugehen; aber das muß ich 
Ihnen jagen, wenn Sie fi) mit dieſer 
Ausfluht ganz von dem Gange loszu— 
machen gebenfen, fo irren Sie fi; id 
muß morgen wieder fommen, und wenn 
Eie da nicht beffer find, übermorgen, 
und das jo fort, bis Sie mitgehen können. 
Entſchließen Sie fih aljo. ch laſſe 
Ihnen eine Stunde Zeit. Um vier Uhr 
will ich wieder anfragen, ob ih Sie 
heute oder ein andermal mitnehmen fol.“ 

„a, das thun Sie, Herr Major; 
ih mwill fehen, wie ih mid aladann 
befinde.“ 

Nah diefen Morten verließ Jeilius 
das Zimmer. Gellert fchafft fich mit 


Bofeggers „‚„Heimgarten‘‘ 1. Heft. 


vielem Verdruß und großen Umftänden 
einen Barbier und eine Perrüde, legt 
jein Staatskleid von pfirſichblüthenfar— 
benem Plüſch an, verfieht fih mit Degen 
und SHaarbeutel, zieht die Schuhe mit 
den breiten filbernen Schnallen an, fucht 
den unter dem Arme zu tragenden Alapp: 
hut hervor und ift um vier Uhr, hof: 
mäßig gefleidet, fertig. 

Der Major kommt und fie gehen 
nad dem föniglihen Haufe. In dem 
Vorzimmer finden fi etlihe Perfonen, 
welche voller Freude find, den berühmten 
Mann fennen zu lernen. Jetzt aber geht 
die Thüre zu Sr. Majeftät Zimmer auf. 
Sie treten ein und bleiben mit dem 
Könige die ganze Zeit allein. 

„Iſt Er der Profeſſor Gellert ?“ 

„Ja, Ihro Majeftät.” 

„Der engliſche Geſandte hat mir 
viel Gutes von Ihm geſagt. Wo iſt 
Er her?“ 

„Von Hainichen bei Freiberg.“ 

„Hat Er nicht noch einen Bruder 
in Freiberg?“ 

„Ja, Ihro Majeſtät!“ 

„Sage Er mir, warum wir keinen 
guten deutſchen Schriftſteller haben.“ 

Der Major: „Ihro Majeſtät ſehen 
hier einen vor ſich, den die Franzoſen 
ſelbſt überſetzt haben und den deutſchen 
La Fontaine nennen.“ 

König: „Das iſt viel! Hat Er den 
La Fontaine geleſen?“ 

„Ja, Ihro Majeſtät, aber nicht 
nachgeahmt; ich bin ein Original.“ 

„Das iſt alſo Einer; aber warum 
haben wir nicht mehr gute Autoren?“ 

„Ihro Majeſtät ſind einmal gegen 
die Deutſchen eingenommen.“ 

„Nein, das kann ich nicht ſagen.“ 

„Wenigſtens gegen die deutſchen 
Schriftſteller.“ 

„Das iſt wahr! Warum haben wir 
feine guten Geſchichtsſchreiber ?“ 

„Es fehlt uns auch daran nicht. 
Wir haben einen Mascov, einen Cramer, 
der den Boſſuet fortgejegt hat!“ 

„Wie ift es möglich, daß ein Deutſcher 
den Bofjuet fortgefegt hat?“ 

5 


66 


„Ja, ja, und glüdlid. Einer von | wäre es ebenfo frank, jo mödte ich 
Ihro Majeftät gelehrteften Profefjoren auch nicht fortkommen können.“ 
hat gefagt, daß er ihm mit eben der „So muß Er fahren!“ 
Beredtfamkeit und mit mehrerer hifto- „Dazu fehlt mir das Vermögen.“ 
rifcher Richtigkeit fortgefegt habe.“ | „Sa, das ift wahr, daran fehlt’s 
„Hat's der Mann aud) verftanden ?“ immer den Gelehrten in Deutſchland. 
„Die Welt glaubt’s.“ Es find wohl jet böſe Zeiten?“ 
„Aber warum madt fi Keiner an „Sa wohl, und wenn Ihro Maje: 
den Tacitus ? Den follte man überfegen.* | ftät Deutfchland den Frieden geben 
„Tacitus iſt ſchwer zu überjegen, | wollten — —“ 
und wir haben aud ſchlechte franzöſiſ 2 „Kann ich denn? Hat Er's denn 
Ueberſetzungen von ihm.“ nicht gehört? Es find ja Drei wider 
„Da hat Er Recht.“ mich!“ 
„Und überhaupt lafjen ſich verſchiedene „Ich befümmere mich mehr um die 
Urſachen angeben, warum die Deutjchen | alte als die neue Geſchichte.“ 
noch nicht in aller Art guter Schriften Major: „Er hat auch deutſche Briefe 
ſich hervorgethan haben. Da die Künſte herausgegeben.“ 
und Wiſſenſchaften bei den Griechen König: „So? Hat Er denn auch 
blühten, führten die Römer noch Kriege. wider den Stylum euriae geſchrieben?“ 
Vielleicht iſt es jetzt das kriegeriſche „Ach ja, Ihro Majeſtät!“ 
Säculum der Deutſchen; vielleicht hat „Aber warum wird das nicht anders? 
es ihnen auch noch an Auguften und | Es ift was Verteufeltes. Sie bringen 
an Zouis XIV. gefehlt. mir ganze Bogen, und ich verftehe nichts 
„Er hat ja zwei Augufte m Sachſen | davon.” 
gehabt.“ | „Wenn es Ihro Majeftät nicht 
„Wir haben aud in Sachſen einen | ändern können, fo kann ich's noch weniger. 
guten Anfang gemacht.“ ‘ch kann nur rathen, wo Sie befehlen. “ 
„Wie? will er denn einen Auguft „Kann Er feine von Seinen Fabeln 
in ganz Deutjchland haben?“ auswendig?“ 
„Richt eben das; ich wünſche nur, „Ich zweifle. Mein Gedächtniß tt 
daß ein jeder Herr in feinem Lande die | mir fehr untreu.“ 
guten Genies ermuntere.“ „Befinne Er fi, ich will unterbefjen 





„Iſt Er gar nit aus Sachſen weg⸗ herumgehen. — Nun, hat Er eine?“ 
gekommen?“ „Ja, Ihro Majeſtät, den Maler.“ 
„Ich bin einmal in Berlin geweſen.“ 

„Er ſollte reiſen!“ 

„Ihro Majeſtät, dazu fehlen mir 
Geſundheit und Vermögen.“ 

„Was hat Er denn für eine Krank— 
heit? Etwa die gelehrte?“ 

„Weil ſie Ihro Majeſtät ſo nennen, 
ſo mag ſie ſo heißen; in meinem Munde 
würde es zu ſtolz geklungen haben.“ 

„Ich habe ſie auch gehabt. Ich will 
Ihn euriren. Er muß ſich Bewegung 
machen, alle Tage ausreiten, alle Wochen 
Rhabarber nehmen.“ 

„Ihro Majeſtät, dieſe Cur möchte 
wohl eine neue Krankheit für mich fein. 
Wenn das Pferd gefünder wäre als ich, 
jo würde ich es nicht reiten fünnen, und 


„Ein Muger Maler in Athen, 

Der minder, weil man ihn bezahlte, 

Als weil er Ehre ſuchte, malte, 

Ließ einen Kenner einft den Mars im Bilde jeh'n 
Und bat ſich feine Meinung aus. 

Der Kenner fagt ihm frei heraus, 

Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte, 
Und daß es, um recht ſchön zu fein, 

Meit minder Kunſt verrathen follte. 

Der Maler wandte Pieles ein, 

Der Kenner ftritt mit ihm aus Gründen 
Und konnt’ ihn dod nicht überwinden, 
Bleich trat ein junger Geck berein 

Und nahm das Bild in Augenfdein, 

„O!“ rief er bei dem eriten Blide, 

„Ihr Götter, welch ein Meifterftüde_, 


67 


Ach, welher Fuß! o wie gefchidt 

Eind nicht die Nägel ausgedrüdt ! 

Mars lebt durhaus in diefem Bilde; 

Wie viele Kunft, wie viele Pradıt 

Sind in dem Helm und in dem Schilde 
Und in der Rüftung angebradt !" 

Der Maler ward beſchämt, gerührt 

Und ſah den Kenner Häglih an. 

„Run“, fprad er, „bin ih überführt! 

Ihr habt mir nicht zu viel gethan.“ 

Der junge Ged war faum hinaus, 

So jtrid er feinen Kriegsgott aus. — 
Wenn Deine Schrift dem Kenner nicht gefällt, 
So ift es fchon ein böfes Zeichen; 

Dod wenn fie gar des Narren Lob erhält, 
So ift es Zeit, fie auszuſtreichen.“ — 


„Das ift recht fchön. Er hat fo 
etwas Goulantes in Seinen Verfen, das 
verjtehe ich Alles. Da hat mir aber 
Gottſched eine Weberfegung der „Iphi— 
genie“ vorgelefen, ich habe das Franzöfifche 
dabei gehabt und fein Wort verjtanden. 
Sie haben mir noch einen Poeten, den 
Pietſch, gebracht, den habe ich weg: 
gerorfen. “ 

„Ihro Majeftät, den werfe ich auch 
weg.“ 

„Nun, wenn ich hier bleibe, fo muß 
Er öfter wiederfommen und Seine Fabeln 
mitbringen und mir was Neues vorlefen.“ 

„Ich weiß nicht, ob ich gut lefe; 
ih habe fo einen fingenden, gebirgifchen 
Ton.“ 

„Ja, wie die Schlefier. Nein, Er 
muß feine Fabeln felbjt lejen, fie ver: 
fieren fonft viel, Nun, fomme Er bald 
wieder I” 

(Aus Franz Otto's Buch: „Wohlthäter 
der Menſchheit.“ Leipzig, Otto Spamer.) 


Bayreuther Feſtſpiele. 
Am 13., 14., 15. und 16. Auguft 








war eigend dazu ein großes Theater 
nad) dem Plane Wagners erbaut worden. 
Eigenthümlichfeit diefes Theaters iſt 
das vertiefte Orchefter oder, wie es 
Wagner nennt, der „myſtiſche Abgrund”, 
in welchem das Heer der Mufifanten 
lagert, ohne von dem Publikum gejehen 
zu werden. Das Feſtſpiel beftand aus 
„Rheingold” (am Vorabende aufgeführt), 
„Walfüre*, „Siegfried“ und „Götter: 
dämmerung“. Wagner’s Bejtreben gipfelt 
darin, urdeutjchen Stoff, Tert, Muſik 
und Ausftattung mit einander zu ver: 
binden, und in der Ausftattung die pla= 
jtifche Kunft mit der Mufif zu vermä— 
len. In's Volk ift Wagner bisher frei: 
lich noch nicht gedrungen, das große 
Publikum, welches fi in Bayreuth ein: 
gefunden hatte und unter welchem ſich 
auch der deutfche Kaifer und der König 
von Baiern befanden, beſtand vorzugs— 
weife aus Mufifern und Kunftfreunden, 
welche des heiligen Feuers voll nun in 
ihre Gauen zurüdfehrten, un als Apoftel 
Richard Wagner’s feine Bedeutung für 
die deutfche Oper zu verfünden. Bei 
den Bayreuther Feſtſpielen hat ſich eine 
Steiermärferin beſonders hervorgethan, 
ja fih dort einen Weltruf gemadt. 
Es ift dies die ſchon früher uns Allen vor: 
theilhaft befannte Opernfängerin Amalie 
Friedrich Materna, die Schullehrers: 
tochter aus St. Georgen bei Wildon. 


Heinrich Laube. 


Den Mann, welden vor Kurzem 
Defterreih und Deutſchland feierten, da 
er feinen fiebzigjährigen Geburtstag be— 
ging — Heinrich Yaube — ihn nennt 
die Culturgeſchichte. 


Laube ift geboren 1806 zu Sprot: 
tau in Schlefien und ftudirte in Halle 


d. J. ift m Bayreuth nad) jahrelangen | und Breslau. Er follte fih der Theo: 
Vorbereitungen die große Nibelungenz | logie zuwenden, wählte jedoch eine Bahn, 
Trilogie von Richard Wagner zur |die ihn mehrmals mit den Behörden 
Aufführung gelangt. Diefes Nibelun: | einer despotifchen Negierung in Con— 
gen-Feſtſpiel wird vielleicht einen Mark: | flict brachte. Laube gehörte zu jenen 
ftein bilden in der Kunſtgeſchichte Es | Geiftern, die zufammengenommen man 





53* 


das „junge Deutfchland“ nennt, da fie 
Verfünder und Vertreter einer neuen 
Beitrichtung waren. Das junge Deutjch: 
land ift die literarifhe Sturm: und 
Drangepohe; auch Heine, Börne und 
Gutzkow gehören dazu. — Nach einem 
reichgeftaltigen Leben wurde Laube Di: 
vector des Wiener Burgtheaters, kam 
dann in ähnlider Stellung nad Xeip- 
zig und endlic übernahm er ein erjteö- 
und ein zweitesmal die Leitung des 
Wiener Stabttheaters. 

Laube iftein tiefes, zugleich bewegliches 
und ein — modernes Talent. Laube 
ift der Mann, wie ihn eine Zeit be- 
durfte, ala die war, der er feine Voll- 
fraft weihte. Er iſt fed und derb, 
rückſichtslos und dennoch reich an Bon: 
homie. Er ift ausgerüftet mit derber 
Lebensluſt, glühender Sinnlichkeit und 
fein Grundzug ift Nealismus. Er weiß 
Alles zu paden, über Alles zu fprechen 
und feine Ausdrudsmweife iſt ſcharf und 
treffend. Seine Darftellungen find voll 
Leben und Leidenfhaftlichkeit. Als Four: 
nalift und Kritiker übte er einen großen 
Einfluß. Er fhrieb ein Werk: „Moderne 
Charakteriftifen“, in welchem er fein 
Talent als geiftiger Portraitmaler und 
Kritifer befundet. Seine Nomane und 
Erzählungen „Das neue Jahrhundert”, 
„Das junge Europa“, die „Reiſenovellen“, 
„Die Schauſpielerin“, tendenziös theils, 
find voll üppigen Lebens und leiden— 
ichaftliher Bewegung. Spätere Werke: 
„Gräfin Chateaubriant‘‘, „Der deutjche 
Krieg‘ glänzen dur ihre forgjame 
Ausführung, meifterhafte Motivirung 
und trefflihe Darftellung. Als Dramas 
tifer ift Laube voll Friſche und Ges 
wandtheit, glüdlic in der Wahl feiner 
Stoffe, ein tüchtiger Praktifer und voll: 
endeter Techniker, und feine Stüde: 
„Monaldeschi“, Struenfee‘‘, „Rococo“, 
„Gottſched und Gellert“, „die Karls— 
ſchüler“, „Prinz Friedrich“, „Eſſer“ 
u. ſ. w. find und bleiben hervorra— 
gende Werke unferer dramatifchen Lite: 
ratur. 

Als Bühnenleiter hat Laube bejon- 
ders für Defterreich große Bedeutung ; 


ev hat das moderne Element auf die 
Wiener Bühne gebradt. Allerdings hat 
man ihm eine gewifje Sinneigung zum 
Franzöfifchen und eine kleine Vernach— 
läfligung namhafter vaterländifcher Dich: 
ter zum Vorwurfe gemacht. Dod muß 
erwähnt werben, daß Laube es war, 
welder zwei bedeutenden öjterreichi- 
ſchen Dichtern den Weg zum Ruhme 
geöffnet hat. Diefe Dichter eigen Grill- 
parzer und Anzengruber. In der Schau: 
jpielerwelt hat ſich Heinrich Laube durch 
das Aufgreifen und Heranbilden junger 
Talente große Verdienfte erworben. 















— — 


Gedankenlaunen. 


In liebeheißer Stunde ſchwur 
Sie mir einen ſüßen Eid: 

Zu lieben mich in ſteter Treu, 
„Bis uns der Tod entzweit.“ 
Hãtt' fie den ſüßen Liebesſchwur 
In Treu' gehalten fein, 

Ich müßte, was den Eid betrifft, 
Schon längſt geftorben fein. 





Menn einmal das Strafenpflafter 

Aus Spiegelgläfern beftänd’ 

Moraus eines Jeglichen Lafter 

Man fiher und deutlich ertennt’: 

Ich glaube, das wäre ein Mittel, 

Daß Jeglicher bliebe zu Haus, 

Und trieb’ man ihn aud mit dem Knüttel 
Auf's Straßenpflafter hinaus. — — 





Heuchleriſch Weinen 

Indeß Du voll Luft — 

Mie häßlich! 

Heiter zu fcheinen 

Und Schmerz in der Bruft — 
Wie gräßlich! 


Wir haben eine Polizei 

Für große Verbreden und Kleine, 

Und doch: für Schundpoeterei 

Da haben wir leider noch feine... . 


®. £. Müller. 


— — 


69 


HSäuslicher Rath. 


Gegen Blutungen. Es gibt 
Blutungen, die durch nichts zu ftillen 
zu fein feinen, auch nicht durch das 
Auflegen von Spinnweben, Schwamm: 
ftüdchen und Zunder, nicht durch das Be- 
ftreihen der Wunde mit Tifchlerleim und 
Ueberbinden von Charpie und alter 
Leinwand. Aber einige Tropfen Eijen- 
hyperchlorid auf die Wunde geträufelt, 
jtilen das Bluten. Das Mittel ift in 
der Apothefe zu haben und follte in 
feiner Haushaltung fehlen. 

In Frankreich braucht man gegen 
Ratten, Mäufe, Fliegen, Wan 
zen folgendes Mittel. Man löfet 2 7 
geftoßenen Alaun in 4 Liter kochendem 
Waſſer auf und gießt ſolches ſiedendheiß 
in die Spalten und Riſſe hinein, wo 
die Ratten und Mäuſe ihre Ausgangs: 
löcher haben. Wenn man die Bettjtellen 
mit dieſer beißen Löfung wiederholt 
beitreiht, fo bleiben die Wanzen 
fort. Gegen Fliegen und Wanzen ijt 
es überhaupt gut, beim Weißen der 
Wände und Deden diefe Mifchung von 
Alaun in den Kalf zu thun. Die Flie: 
gen fünnen den Geruch nicht ertragen. 
Daß man in England eine Auflöfung 
von Chlorzinf gegen Wanzen verwendet, 
fei hier auch erwähnt. 

Die Behandlung der Gold— 
fifhe in Gläſern. In erfter Linie 
benuge man hübſche Glasbehälter und 
reinige fie jede Mode. Bevor man 
leßteres vornimmt, bringt man die 
Fiſche mittelft eines kleinen Netzes in 
ein anderes Gefäß und wäſcht dann 
das Fiſchglas mit lauwarmem Wafler 
fauber aus. Seife darf nicht dazu ver: 
wendet werden. Folgende Negeln find 
hauptfählih zu beobahten: 1. Auf 
ein Liter Waſſer nehme man nicht 
mehr als einen Fiſch. 2. Man nehme 
ſtets gleiches Wafler, ſei e8 Quell: oder 
Flußwaſſer, und wechsle es im Sommer 
täglih, im Winter jeden zweiten Tag. 
3. Man bediene fih mehr tiefer als 
ovaler Gefäße mit Heinen Kiefeln auf 


werden müfjen. 4. Man ftelle die Ge: 
fäße in den Schatten und in einen 
fühlen Theil des Zimmers, 5. Man 
bediene fih zum Fangen der Fische beim 
Wechſeln des Waſſers nicht der Hand, 
jondern eines fleinen Netes. 6. Man 
füttere die Fische lieber mit Eigelb und 
fleinen Fliegen, als mit Brod, und 
nur jeden dritten oder vierten Tag, 
und gebe nur fehr wenig auf einmal, 
7. Vom November bis Ende Januar 
füttere man fie gar nicht und nur fehr 
wenig während der drei folgenden Mo: 
nate. 


Blind gewordene Fenfter 
heiben erhalten ihren früheren 
Glanz, wenn man diefelben mit feinem 
Bimsfteinpulver abreibt. 


Preifelbeeren aufzubemwah 
ren. Man dünftet die gut gereinigten 
Preifelbeeren mit einem Stück Zimmt 
und Zuder ein, aber fo, daß ihnen 
nicht aller Saft entzogen wird und bei 
behutfamem Umrühren die Beeren ganz 
bleiben. Dann gibt man fie in einen 
Topf oder in ein Glas, verfchließt die: 
ſes mit Papier, das man durchſticht, 
und bewahrt fie an einem fühlen Orte, 
So zubereitete Preifelbeeren dauern ein 
ganzes „Jahr. 


Reinen Mund Halten! 


Jetzt, da der Spätherbit, der Win: 
ter fommt mit feiner fcharfen Luft, 
foll man's manden Xeuten in Erinne: 
rung bringen, wie man athmen muß, 
um gefund zu bleiben. Man foll mög- 
lihit den Mund ſchließen und durch 
die Nafe athmen. Durch den Mund 
fommt die Luft falt und mitfammt al’ 
ihren Unreinigfeiten in die Lunge; durd) 
die Schleimhäute der Nafe aber wird 
die Luft erwärmt, „‚gefeicht‘ und fo 
für die Lunge vorbereitet. Schon den 
Kindern wird gejagt, daß fie den 
Mund nicht offen halten; es ift aud 
häßlich genug. Des Weiteren it es 
vorzuziehen, auf dem windigen ober 





dem Boden, die ebenfalls rein gehalten | jtaubigen Weg mandes gute Wort zu 


70 


unterdrüden, als durch das Deffnen der 
Lippen manch' böfe Luft in die Bruft 
zu lafien. Der häßliche Refpirator ift 
nur darum fo nüßlich, weil er mit 
Gewalt den Mund verſchließt. Halte 
gern den Mund, fo bift du flug und 
bleibft geſund. 


Das Kind in Franfreih und Eng: 
land. 


Ein geiftreiher Franzofe fagte: 
„Ich liebe die Kinder nur, wenn fie 
weinen.” 

„Barum 2“ 

„Dann trägt man fie fort.“ 





In Paris. Zwei Knaben treffen fich 
in den Tuilerien. 

„Warum bift Du denn ſchwarz ge: 
fleidet ? 

„Ob, mein Papa ift geftorben.” 

„Haft Du ihn lieb gehabt, Deinen 
Papa? | 

„Oh ſehr.“ 

„Biſt Du traurig?“ 

„Oh nein.“ 

„Warum nicht?“ 

„Man hat mir geſagt, daß ich ihn 
im Himmel wieder ſehen werde.“ 

„Ah bah“, antwortet der Junge, 
ein künftiger Voltairianer, „Du wirſt 
ihn nicht erkennen!“ | 

„Ganz gewiß. Wenn ich in den 
Himmel fomme, werde id) einen Engel 
ſuchen mit einer rothen Naſe — das 
ift Papa!“ 


In Paris. Zwei Mädchen ftehen 
vor einer Statue des Jupiter. 

Das eine: „Iſt's ein Mann oder 
eine Frau?“ 

„Das andere: „Woher foll ich's 
wifjen, es hat ja feine Kleider an.’ 








In England fommen auf 51 Mord: 
fälle 50 Kindesmorde. Eine Schuld | 
daran ift, wie dad Parlamentsmitglied 





Charley bemeif, die — zu hohe 


Strafe, melde bisher auf Kindes: 
mord gefeßt war. Der Kindesmord 
wurde mit dem Tode beftraft. Dadurch 
ſchreckten die Gefhwornen oft vor dem 
Schuldig zurüd und aus Furdt vor 
zu großer Härte ſprachen fie die fchul- 
digen Mütter frei. So hat fi der 
Kindesmord in fchredliher Weife in 
den unteren Clafjen Englands einge: 
bürgert. 





Jede englifhe Familie arm oder 
reich, ift mit Kindern gefegnet. Die 
Königin geht mit gutem Beifpiele voran, 
fie hat neun Kinder. Zehn, zwölf bis 
fünfzehn Kinder in einer englischen 
Familie find nichts Meberrafchendes. In 
der Regel haben die Biſchöfe und Ar: 
beiter die meiften Kinder. — Troß ber 
ungeheuren Sterblichfeit bleiben dennoch 
immer viele am Leben. Diefe find wohl 
daran; die Noth und Entbehrung ftählt 
die Nerven armer Leute Kinder und macht 
fie tüchtig im Kampfe um’s Dafein. 


Die Kleinen in England wiſſen 
ſich meift gar männlih zu geben. 
Da fieht man ungen, wie fie bei 
und vor einer Eidechſe davonlaufen, 
fleine Schlangen, gel und ähnliche 
Kostbarkeiten einfangen und in den 
Salon auf den Arbeitstifh ihrer Mama 
tragen; zwei ungen von 8—10 Nah: 
ren, die ein Boot losmadhen, um „auf's 
Meer fpazieren zu fahren‘‘. Ein anderer 
Junge, der mit feinem Pony Anlauf 
nimmt, um einen Fleinen Bach zu über: 
fpringen, antwortet ruhig auf die War: 
nung des Reitknechtes: 

„ob, wir fönnen fchwimmen, id) 
und mein Pony.‘ 

Derjelbe Eleine Mann ift e8 wahr: 
fcheinlih, der drei Damen, die vor 
einer ihnen entgegenfommenden Heerde 
Angit haben, ruhig jagt: 

„Ob, haben Sie feine Angft, ver: 
ſtecken Sie fid hinter mir.’ 

Ein Junge von fünf Jahren fagt 
feinem fugelrunden Onkel, der in fpä- 
ter Nacht nicht nah Haufe gehen will: 


71 


„Wenn Du Furcht haſt, Onkel 
John, ſo begleite ich Dich bis zu Euerm 
Hauſe 

Später kommt der Onlel, um ſei— 
nen Liebling im Penſionat zu beſuchen. 

„Wie geht's, Baby? Machſt Du 
Fortſchritte ?“ 

„Ausgezeichnet! Ich kann ſchon drei 
Jungen niederboxen; mein Bruder Fried⸗ 
rich aber boxt unſer ſechs zu Boden — 
ſogar mich!“ 


„Kleiner, man muß ein Mann 
fein!“ ſagt der engliſche Vater zu fei- 
nem Göhnden. „Man muß Willen 
haben und Kraft und Muth und Cha: 
rakter.“ 


Strafe muß ſein! 


Der junge Kaiſer von China, gegen: 
wärtig ſechs Jahre alt, genießt eine 
ftrengere Erziehung, als das fonft bei 
jo vornehmen Leuten zu gefchehen pflegt. 
Im Gabinete des jungen Prinzen ift 
jelbft dad Bambusrohr zu finden, um 
dem hoffnungsvollen dereinftigen Be: 
herrſcher des „himmlischen Reiches“ einige 
Ungezogenheiten abzugewöhnen, und ihn 
zu größerem Fleiße im Bogenſchießen, 
Reiten und berlei Künften, insbefondere 
in Erlernung der Gedankenzeichen der 
Schrift und der Mandſchu-Literatur an: 
zuſpornen. Nicht felten kommt das 
Bambusrohr dabei in Verwendung, doch 
felbjtverftändlich nicht für den geheiligten 
Rüden des jungen Kaifers, fondern für 
den eines treuergebenen Unterthans. 
Das hochwichtige und verantwortungs: 
volle Amt des Hof:-Sündenbodes befleidet 
irgend ein bevorzugter Knabe, der im 
gleichen Alter mit dem Prinzen ift und den 
erhabenen Titel „Haha:Chute* trägt. 
So oft der hohe Zögling nichtsnutzig 
ift, kriegt der Heine Haha:Chuge die 
Schläge. Denn Strafe muß fein! Darüber 
find aud die Chinefen im Reinen; und 
dem edlen Prinzen wird nachgefagt, 
daß er feine Strafe, die auf den Rüden 
des Vertreters fällt, ſtets mit heroiſchem 
Gleichmuth zu ertragen wife. Der Heine 


Haha:Chuge fol tagaus tagein feinen 
blauen Nüden haben. 


Die Knabenſchlacht zu Cham. 


ALS im dreißigjährigen Kriege der 
Schwedenkönig und der öfterreichifche 
Feldherr Tilly einander befämpften, ba 
hätten die Leute es bei jeder Schlacht 
gerne voraus gewußt, wer fiegen fol. 
Um das zu erfahren, hatten die ſchlauen 
Bürger der bairifhen Stadt Cham, 
welche zu den Defterreichern hielten, eine 
See. Sie fonderten die Heinen Knaben 
ihrer Stadt in zwei Theile und ftellten fie 
einander fampfbereit gegenüber. Auf der 
einen Seite waren die Kinder der Bor: 
nehmeren, frifh aufgewichſt und mit 
guten Waffen verfehen; das waren bie 
Defterreicher, mitten unter ihnen mit 
braunem Wamms uud rother Hofe der 


| Tilly. Auf der anderen Seite ftanden 





f 
| 


die Kinder der armen Bevölkerung, bie 
befamen jchlechtere oder gar feine Waffen, 
denn fie waren der Feind — die Schweden 
und hatten unter fich den blaufitteligen 
Guſtav Adolf. Die Defterreicher friegten 
vor der Schlaht gut zu effen und zu 
trinfen; die Schweden durften Waſſer 
trinfen jo viel fie mollten. Darauf 
rüdten die beiden Heere unter Mufif 
und Hurrahb auf einander los. Die 
Defterreicher hieben mit ihren hölzernen 
Schwertern und blinden Musketen wader 
drein. Die Schweden aber waren erbittert, 
daß fie — gleichwohl die Kinder einer 
und bderfelben Stadt — den Anderen 
gegenüber jo jehr benadhtheiligt wurden; 
fie fämpften mit Wuth, fchleuderten ihre 
ſchlechten Holzitäbe weg, griffen den 
Feind mit bloßen Fäuften an, warfen 
ein „Herrenbübel” um's andere in den 
Sand, errangen mit wilden Gejohle die 
Fahne und fiegten. 


Das war nicht nad dem Sinne der 
ehrfamen Bürgerfchaft von Cham. „Das 
gilt nichts!" fagten fie, „noch einmal 
von vorne anfangen, die Defterreicher 
müfjen fiegen!" Da ftärkten ſich die 


72 


Knaben der Vornehmeren, da tranfen 
die jungen der Aermeren wieder frifches 
Waſſer, da fingen fie noch einmal an. 
Die Defterreiher zogen mit neuem 
Muthe aus; die Schweden jedoch waren 
wüthend über das offenbare Unrecht, 
das man ihnen anthat, fie rauften 
löwenhaft und fiegten wieder. 


Das war den Bürgern eine fchlimme 
Vorbedeutung; denn fie hatten Die 
Kinderſchlacht veranitaltet, um die An- 
deutung zu gewinnen, auf welder Seite 
bei dem nächſten Zufammentreffen der 
beiden großen Heere der Sieg fein werde. 


Nun, und der nädfte Sieg war 
allerdings bei den Schweden. Doc die 
Kriegänoth ging vorüber, aber die arme 
Bevölkerung von Cham hat es bis heute 
nicht vergefjen, wie fie durch ihre vor: 
nehmeren Mitbürger damals gedemüthigt 
worden war, und heute noch ift fie ftolz 
darauf, nicht etwa, daß fie den Ruhm 
der Schweden erhöht, fondern daß fie 
die Ehre ihres Standes gerettet hatte. 


Auf der Jagd in Indien. 


Man mag über das Rohe und Grau: 
fame der Jagd fagen was man will, 


fie ift und bleibt doch auch da, wo fie|- 


nicht des Bedürfniſſes wegen ausgeübt 
wird, ein edles und fräftiges Vergnü— 
gen; die ftrengen Jagdrechte und Ge: 
jege beftehen in Indien, wo Ueberfluß 
an Wild ift, nicht, und fo wird fie 
denn da auch feine Urfache unerlaubten 
Verbrechens, ich meine des Wildfrevels. 
Hier wird überall gejagt, von Europäern 
und Eingebornen, und der Jäger wird 
überall freundlich empfangen. Die Jagd 
hat bier etwas Eigenthümliches, ich 
möchte jagen Ritterliches, was fie bei 
uns nicht mehr befigt. 

Unfere Jagden find oft nur Mord: 
partien, wo das Wild vor die Gewehre 
der Jäger getrieben wird, und die größte 
Gefahr dabei befteht wohl darin, daß man 
von einem ungeſchickten Jagdfreunde ftatt 


des Wildes den Schuß befümmt. Ob— 
wohl die Makafjaren und Buginefen gute 
Schützen find, ja felbft oft mit der Büchfe 
nad) der Scheibe ſchießen, jo machen fie 
höchſtens in unferer Gejellihaft davon 
auf der Jagd Gebraud (ich fpredhe 
hier nit von einzelnen eingebornen 
Jägern, welche im Dienfte von Europäern 
jtehen); das Sciepgewehr gebrauchen 
fie eigentlih nur im Kriege oder fonft 
zu ihrer Vertheidigung. Am Liebften 
jagen fie mit Schlingen, welche fie mit 
jehr viel Gefhid für alles Wild, zum 
Beifpiel Vögel, Hirſche u. ſ. mw. zu 
ftelen willen; ihr Hauptvergnügen ift 
aber die Jagd zu Pferde, melde vor: 
züglich gegen Hirfhe und wilde Büffel 
angeftellt wird. Soll eine folche grö- 
Bere Jagd gemadt werben, jo wird oft 
ein Theil des Waldes, wo man viel 
Wild weiß, mit Striden uingeben, an 
welchen in einiger Entfernung von ein: 
ander große trodene Blätter oder Zap: 
pen Zeuges hängen, durch welde das 
Wild zurüdgefchredt und eingeſchloſſen 
wird; hat aber ein muthiger alter Hirſch 
einmal über diefe illuforifche Barriere 
gejegt, oder dieſelbe durchbrochen, fo 
folgt ihm der ganze Trupp, was Die 
Jagd nicht beendigt, aber erjchwert; 
dies gefchieht nur bei größeren, beſon— 
ders fürftlihen Jagden. 

Zu diefer Jagd dreffiren die Ma: 
kaſſaren und Buginefen die beften ihrer 
vortrefflihen Pferde, und fein Europäer 
fann es wagen, ohne die größte Yebens- 
gefahr mitzujagen, meswegen fie aud) 
gewöhnlih nur Zufchauer find. Solche 
Jagdpferde heißen fie Kuda perlari 
(Rennpferde); fie find ſehr theuer und 
werden in der Regel nie verfauft; aber 
jo wie ſchon in der liade der Pferde: 
| diebftahl des Ulyſſes und Idomeneus 
als eine Heldenthat befungen wird, Jo 
ift auch bier der Diebjtahl berühmter 
Sjagdpferde Feine gemeine That, fondern 
die eines fühnen Mannes, melde aber 
oft zu Fehden Anlaf gibt. Wenig 
Pferde halten e8 lange aus, wie man 
leicht aus der Befchreibung diefer Jagd 
einjehen wird, 


73 


Der Jäger figt auf makaſſar'ſche 
Weife zu Pferde, d. 5. er hat nur ein 
feines lojes Kiffen; an dem meffinge 
nen Gebifje des Pferdes ift eine Schlinge 
feftgemadht, und die Zügel von Rottang 
hält er mit ausgeftredtem linfen Arme 
hinter den Ohren deöfelben gefaßt. In 
einem Sclingenträger, welcher zwiſchen 
dem unteren und mittleren Drittel der 
Lanze befeftigt ift, hängt die Schlinge; 
die Lanze ſelbſt aber, von zierlichem 
Bambus verfertigt, trägt er mit der 
eifernen Spite nad unten. Ueber dieſe 
Klinge ift eine hölzerne Scheide (Sarong) 
geftedt, womit der Reiter die Lanze 
zwifhen den erjten zwei Zehen feithält. 
Sobald fih nun ein Hirfch fehen läßt, 
zieht er die Lanze, die Spite nad) unten 
gerichtet, heraus, und nun geht es in 
vollem Rennen über Stock und Stein, 
Straub und Graben hinter dem Wilde 
ber, bis es ihm gelingt, die Schlinge 
über die Gemweihe und den Kopf desſel— 
ben zu werfen. Man fann fich leicht | 
denken, welde Sprünge der fo gefan- 
gene Hirſch macht, und melden Ruck 
dad Pferd, an deſſen Stange die jebt 
von der Lanze oder vielmehr von dem | 
an derjelben befindlichen Sclingenträ- 
ger getragene Schlinge befeftigt ift, 
auszuftehen hat. Will der Jäger nun 
den Hirfch todt haben, jo macht er 
ihn mit der Lanze ab; will er ihn 
lebend, fo fommen ihm andere zu Hilfe, 
und derjelbe wird dann an den vier 
Füßen gebunden mweggebradt. 

Wie viel bei diefer Jagd auf die 
Güte des Pferdes ankommt, iſt leicht 
zu begreifen; auch werden die meiften 
alten Jagdpferde ſchwach auf den Vor: 
derfüßen, ftraucheln daher; dieſe Pferde 
find aber fo erpicht auf die Jagd, daß 
fie, wenn aud ein Reiter abfällt, dann 
die Jagd allein fortfegen. Durch die 
eigenthümliche Befeftigung der Schlinge 
am Gebiffe oder der Stange des Pfer: 
des jtrauchelt und ftürzt dasfelbe leicht, 
wobei der Jäger in der Negel über 
feinen Kopf auf die redte Schulter 
ftürzt, weswegen Brüche des Sclüffel: 
beined gar nicht zu den Geltenheiten 





gehören; die Eingebornen lieben aber 
diefe Jagd fo leidenfhaftlih, daß ich 
einen Häuptling kannte, welder ſich 
dasfelbe fiebenmal gebrochen hatte, mas 
ihm aber doc diefe Jagd nicht verlei: 
tete. Nicht immer läuft es aber mit 
einem Schlüffelbeinbruche ab, auch man: 
cher verliert das Leben bei diefer Jagd. 
Verfafler diefes wohnte im Jahre 1841 
einer foldhen großen Jagd bei; einer 
der in die Schlinge verftridten Hirſche 
iprang dem Jäger mit den Vorderläu— 
fen auf die Bruft, ein Strom von 
Blut ftürzte aus feinem Munde, und 
er blieb todt liegen. In der Zeit der 
englifchen Herrſchaft wollten einige eng: 
liſche Offiziere die Jagd auf Diefe 
Weiſe mitmaden: ein paar brachen den 
Hals, andere Arm oder Sclüflelbein, 
und darauf ließen die übrigen es blei: 
ben; ſelbſt von auf Gelebes geborenen 
Abfömmlingen von Europäern Fannte 
ih nur drei, die dies wagten. 


Etwas verfchieden ift die Jagd der 
wilden Ochſen (bos sundaicus) und 
Büffel. 


Dem Rude eines Büffeld würde 
fein Pferd widerftehen fönnen, deswegen 
ift hier das Ende der Schlinge, welche 
aus einem Stride von Büffellever ge: 
madt ift, auch nit an der Stange 
des Pferdes feſtgemacht, fondern an 
einem hafenförmig abgejfägten Stüde 
Hirfchgeweih. Die Schlinge wird dem 
Büffel auf die ſchon angegebene Weife 
über den Kopf geworfen, dann läßt 
man ihn mit dem weggeworfenen Hafen 
laufen; bald hat diefer einen Straud) 
oder den Stamm eines Baumes gefaßt, 
worauf der fih immer mehr erdroſ— 
jelnde Büffel mit der Lanze abgemadht 
wird, was in der Negel weniger gefähr: 
lich iſt; ebenſo geht es auch mit der 
Jagd der wilden Ochſen. 


Die Europäer erlegen all’ dies Wild 
auf ihre Weiſe. Obwohl die wilden 
Schweine ein ausgezeichnetes und häufig 
vorfommendes Wildpret find, fo wer: 
den fie in der Regel nur von Europäern 
gejagt. Der mohamedanifche Eingeborene 


74 





trägt fie als unreine Thiere felbjt nur Der Rame Amerika. 
ungerne nad Haus. 

Die Hirſche find in einigen Gegen: Nachdem der Venetianer Amerigo 
den in foldhem Weberfluffe, daß ihr ge Veſpucci nun Jahrhunderte lang als 
trodnetes Fleiſch (Deng-Deng) z. B. in der Mann gegolten hat, von welchem 
Boni einen nicht unbedeutenden Han; | Amerifa feinen ‚Namen herleitet, hat 
delsartitel ausmacht; da aber die Ein: | man jetzt, wie bie „Ill. Welt“ erzählt, 
geborenen die Häute nicht zu behandeln | entdedt, daß ber Name dieſes Welt: 
wiſſen, fo find diefe ohne Werth. theils einen ganz anderen Urjprung hat. 
Selten ift aus abergläubif—hen Grün: In der zum centralamerifanifgen Staate 

zeiten iſt aus aberglaubiſchen Grun⸗ | Nicaragua gehörigen Provinz Chontales 
den die Jagd auf das Krokodil, obgleich | gefinpet fih nämlich eine hohe Hügel: 
dasfelbe jährlich noch manchen, der nicht | _,; . — ge 

a er a e reihe, welche bei den Eingebornen ſeit 
zu feiner Familie gehört, verſchlingt. Indentlicen Zeiten ſchon Americ, Amme— 

Sch wohnte einmal einer folden Jagd, | rique oder Amerique genannt wurde, 
welhe nur durd Europäer unternom: und diefer Name foll dann nad der 
men wird, bei. Wir fuhren Mittags, Entdeckung durch die Europäer auf ben 
wenn das Krofodil am Ufer feine Siefta | ganzen weftlichen Continent ausgedehnt 
hält, den ein paar Stunden nörblid) | worden fein. Jules Marcoue ftellte 
von Makaſſar gelegenen Fluß Kaimba dieſe Behauptung zuerft im Märzheft 
in drei Prauen herab, von welchen jede | des „Atlantic““ auf, und es gelang ihm 
außer den nöthigen Ruderern noch mit 6—8 | auch, feiner Theorie eine gewiſſe Glaub: 
Jägern bewaffnet war; die eine Hälfte würdigkeit zu verleihen. An erfter Stelle 
derjelben in jeder Prau bewachte das | hie Veſpucci mit feinem Vornamen 
rechte, die andere das linke Ufer. Ein ihon nicht Amerigo oder Americus, 
nicht ſehr geübter europäifcher Jäger ſondern Albericus, und man fchrieb 
würde das im Gebüfhe am Rande des |diefen Namen fpäter nur leichtfertig 
Fluſſes unbeweglich ruhende Krokodil auch in der erſten Manier, wie er ſogar 
wohl ſchwerlich für etwas anderes, als manchmal als Morigo vorkommt. Es 
einen Baumſtamm halten; aber das iſt der ſtärkſte Beweis dafür vorhanden, 
Falkenauge des Eingebornen (man nimmt ſagt J. Marcoue, daß dieſes die bereg— 
zu dieſem Zwecke gewöhnlich Javanen, ten Hügel bezeichnende Wort Americ 
oder Makaſſaren, welche keine Vettern ein einheimiſches iſt, und die Endung 
des Krokodiles find) entdeckt ihn ſogleich, ique oder ic kommt bei Ortöbezeichnun- 
und er zeigt uns denſelben; die Gewehre gen in der Sprache der Lenka-Indianer 
werden auf den Hals des Thieres ge- und in Centralamerika überhaupt ſehr 
richtet, und auf das Commando: Feuer! häufig vor. Ja, der ganze Name Ame— 
zugleich abgedrückt; gewöhnlich thut nun rique iſt heute noch dort mit der vor: 
das Krokodil einen entjeglihen Sprung | beregten örtlihen Bedeutung gerade fo 
in den Fluß, treibt aber bald, tödtlich gang und gäbe, wie im Jahre 1502, 
getroffen, auf feiner Oberflähe. Man |als Columbus daſelbſt einen Beſuch 
kann fi eine dee von der Menge | abgeftattet haben fol. Er legte damals, 
diefer Beftien mahen, wenn ich erzähle, um feine Schiffe zu repariren, zwiſchen 
daß wir im beiläufig zwei Stunden | der Heinen Inſel La Huerte und dem 
wohl zwanzig derfelben tödteten. Vom | Feftlande an. Columbus thut in einem 
todten Krofodile wird fein Gebrauch | Schreiben verfchiedener goldreiher Loca: 
gemacht, es bleibt im Waſſer liegen, |Titäten Erwähnung und nennt darunter 
und wird dann fpäter von feinen Brü- auch die an die Americ-Kette angrenzende 
dern verzehrt. Provinz Ciamba oder Carambura. Des: 
halb muß er aber auch jedenfalld den 
Namen jener Hügelreihe gehört haben. 








75 


Wenn trogdem derfelben in feinem 
Journal feine Erwägung geſchieht, fo 
läßt fi dies aus dem Umftand erflä- 
ren, daß er zur Zeit der Abfafjung 
desfelben, mit Ketten beladen, alt, 
ihwah und von Leiden und Ungered: 
tigfeit niedergedrüdt, ſich als Gefange: 


ner auf Jamaika befand. Das Wort 


„Americ““, bemerft Herr Marcoue, 
gleichbedeutend mit diefem Goldland, 
wurde nun in den Geehäfen Weftin: 
diend und dann in jenen von Europa 
befannt. Es drang allmälig in das 
Innere des Continents vor und hatte 
auch in Franfreih, nah dem Zeugniß 
eines Druckers und Buchhändlers in 
St. Die am Fuße der Bogefen, die 
Geltung eines indianifhen Wortes, 
weldes eine an Goldminen reiche Gegend 
in Neu-Indien bezeichnete. Daher alfo 
das Wort Amerika. 


Eifenbahnnet der Erbe. 


Für die einzelnen Welttheile erge: 
ben fih nachfolgende Gefammtfummen 
der gegenwärtigen Eifenbahnlängen, wo: 





bei zur Bergleihung die Zahlen: aus 
früheren Jahren daneben geftellt find. 
Eifenbahnen waren im Betriebe (in 
Kilometern) am Schluffe des Yahres: 
1860 1865 1870 1875 
in Europa 51.544 75.149 103.744 142,807 
in Aſien .. 1.397 5.568 8.132 12.302 
in Afrifa.. 496 837 1.773 83.279 
in Amerifa. 53 235 62.735 96.398 133.914 
in Yuftralien 264 825 1.812 2.820 
Totale 106.936 145.114 211.859 204.122 
Es hat ſich hiernach die Länge aller 
Eifenbahnen in den lebten 15 fahren 
nahezu verdreifacht und in den letzten 
10 Jahren mehr als verdoppelt. 





— 


Neue Eiſenbahnwaggons. 


In England iſt der Verſuch gemacht 
worden, Eiſenbahnwaggons für Ver— 
gnügungsreiſende als vollſtändige Woh— 
nung mit Küche und Keller einzurichten 
und dieſelben für beſtimmte Zeit zu ver— 
miethen. Der Miether kann auf allen 
gleichſpurigen Bahnen im Lande herum— 
fahren und doch dabei die Bequemlich— 
keit des Heims genießen. Die Idee hat 
Ausſicht auf eine erfolgreiche Zukunft. 


76 


Bücher. 


Deutſche Literaturgeſchichte 
für Frauen und Jungfrauen von Edmund 
Hoefer. Stuttgart, A. Kröner. 


So viele Literaturgeſchichten gibt 
es, daß ich nun bald einen Schriftſteller 
kennen zu lernen hoffe, der uns mit 
einer „Geſchichte der Literaturgefchichten‘ 
verfehen wird. Hoefer fchrieb fein Bud 
vorzugsmweife für Frauen und zwar in 
ziemlich kurzer, doch gediegener Faſſung, 
Har fortirend und gut verjtändlicd. So 
fönnen wir’3 brauden. Die ältefte und 
ältere Zeit bis zum 18. Jahrhundert 
hat Hoefer gewiffermaßen in der Kürze 
einer Einleitung gegeben. Vom Anfange 
des 18. bis zur Mitte des gegenwär— 
tigen Jahrhunderts ift der Stoff aus: 
führliher behandelt. Die neuefte Zeit 
ift kurz abgethan. Unter unferen heimijchen 
Dichtern zeichnet der Verfaſſer Anaftafius 
Grün und Nobert Hamerling aus. Mit 
Mohlwollen fpriht er auch von vielen 
Andern — ja zu Leide thun will er 
gar Keinem etwas. Hingegen verdammt 
er um fo fchärfer die moderne Literatur 
im Allgemeinen al3 eine ‚Literatur des 
Leichtſinns, der Leichtfertigfeit, der Un: 
natur, und des Ungefchmad's, die nur 
no vom Effect, von der Senfation, von 
Scandal, von Reizmitteln jeder, auch 
der ertremjten Art etwas weiß und will, 
und feinen reinen, dauernden Eindrud 
hervorzurufen, fondern nur für den 
Augendblid zu unterhalten, d. 5. zu 
beraufhen und zu betäuben beabfichtigt‘‘. 
— Wir aber behaupten, daß auch die 
moderne Literatur große Talente und 
glänzende Schöpfungen aufweift, welche 
jelbft dem Strengjten reine Freude 
zu machen vermögen. Wir haben noch 
Iyrifhe und epiſche Dichter voll Ge: 
danfentiefe und Gedanfenreihthum, voll 
Empfindung und Phantafie, vol Kraft, 
Melodie und Neinheit der Sprade. 
Wir befigen Dramatifer von Geſchmack, 
Einficht, Kraft, Feinheit und Bühnen: 
gewandtheit; wir haben große und glän: 


zende Erzähler, welche feinen früheren 
nachſtehen, ja die meiften von diefen in 
jeder Richtung übertreffen. Wir finden 
Mande, welche wir als rechte Hüter, 
Pfleger und Verkünder der wahren Kunft 
zu verehren haben, die den Eingebungen 
der echten Mufe gehorhen. — Ganz 
dasfelbe fagt ja auch Edmund Hoefer 
und zwar auf derfelben Seite, auf 
welcher er das oben angedeutete harte 
Urtheil ſpricht. — Aber feine beftimmte 
Richtung, fährt er fort, habe die Lite 
ratur der Neuzeit; „Jeder geht feinen 
eigenen Weg und fchreibt was und wie 
er es mag.“ — Wir denken, das 
ift immer fo gemwefen, und uns find 
die Pfadſucher lieber als die Epi: 
gonen. Das Eine mag wohl auch ge: 
wiß fein, daß es nach einer Blüthe- 
zeit der Literatur — fo wie fie unferen 
Tagen vorauögegangen — ſchwerer ift, 
die Anſprüche zu befriedigen, als vor 
einer folchen. 


Im Herbft gefammelt. 

Bunte Fahrten von Friedrich Lampert. 
Zwei Bände, Verlag von Richter und Kapp- 
ler in Stuttgart, 

„Wem Gott will rechte Gunſt er: 
weifen, den ſchickt er in die weite Welt“, 
jagt das Lied; ich möchte beifügen: „und 
doppelt glücklich der zu preifen, dem ſich 
ein froher Genoſſe gejellt!" Ein fol 
froher Genofje für Jeden, er mag mit 
Sad und Stab, oder er mag im Schatten 
der heimatlihen Linde ruhend in Ge: 
danken die Welt durchwandern, ift Friedrich 
Zampert mit feinem Buche: „Im Herbit 
geſammelt“. In diefem Buche erzählt 
der Verfafler feine bunten Fahrten und 
Wanderungen in den öjterreichiichen und 
ichweizerifchen Alpen, im bairifchen Hoc: 
gebirge, im Schwarzwalde, in den frän— 
fiichen Bergen, auf der Donau und am 
Dftfeeftrande. Und wie reift er? und 
wie erzählt er? immer fundig, immer 
heiter, immer die Eigenart von Land 


77 


und Leuten vafch erfaffend ; und überall 
gefällts ihm. Selbft den gefürdhtetiten 
Dämon der Touriften, dad Negenwetter, 
weiß er ſich dienjtbar zu machen dadurch, 
dag er dachſuchend einzieht in die 
Wohnungen jener Volksklaſſen, die fich 
auf offener Straße nimmer geben, und 
ihre Lebensweiſe jtudirt. Bietet fich aber 
unter flarem Himmel die Natur in ihrer 
Größe ihm dar, fo lodert feine Seele 
auf in Begeifterung und Dankbarkeit. 
Die Beichreibung feiner Fahrt auf die 
hohe Salve, die Schilderung des Waſſer— 
falles der Krimmler-Ache, des Glodner, 
des Ortlesbildes, des Vintjchgaues, des 
Genferjees, des Chamounithales u. f. w. 
find wahre Hymnen. Die Schilderungen 
jind Mar und geben dem, der es über: 
haupt verjteht, landfchaftliche Schönheiten 
zu fehen, ftets ein richtiges Bild. Die 
Stimmung des ganzen Buches ift die 
der Freude und Befriedigung, und nicht 
oft in der modernen Literatur findet 
man ein Werk, dem man diefed Lob 
fagen fann. 


Aus Italien, 


Sieben Monate in Kunft und Natur von 
Alfred Graf Adelmann. (Stuttgart, Verlag 
Richter und Kappler). 


Ein neues Buch über Italien, gui 
gemeint, hübſch ausgejtattet, fonft aber 
unbedeutend, Der Verfaſſer fucht nicht 
fo ſehr die Dinge zu bejchreiben, als 
vielmehr fein Hochgefühl der Freude 
und der Dankbarkeit auszudrüden und 
felbft ſolches nur in den allergewöhn— 
lichſten Redeformen. Der Berfaffer ift 
gewiß ein ſehr guter, gefühlvoller Mann, 
aber fein Reifebuch hätte er doch beſſer bloß 
für feine Befannten und Verwandten 
ſchreiben follen. 





GErereitium Salamandris! 

Neue, humorift. Gedichte von Ernft Edftein. 
Leipzig 3. F. Hartknoch. (Zweite Auflage.) 

Ein ſchalkhaftes, reizendes Büchlein 
— ganz für bemoofte Häupter und alte 
Junggeſellen gefchrieben. Für die Stu: 
dentenwelt im Allgemeinen bietet das 
Bud etwas zu wenig Exereitium Sala- 


mandris, hingegen wird der Studirende 
in demjelben andere Dinge finden, die 
ihm auch nicht unangenehm find. Nur vor 
den Badfifhen — möchte ich ergebenft 
bitten — diefe Gedichte gut zu verwahren ! 
Die Saligen. 
Erzählendes Gediht von Angelika Hör- 
mann. (Bera Eduard Amthor.) 
Diefem Gedichte liegt die tirolifche 
Sage von den Saligfräulein zu Grunde ; 
es behandelt die Geſchichte eines jungen 
Ehemannes, der ob den jchönen Salig- 
fräulein, die auf der Salgenwand des 
Vintſchgau haufen, fein Weib vergißt. 
Ein idyllifher Anfang, eine fpannende 
Entwidlung, ein tragiſcher Schluß. Das 
reale Leben ift mit der Sage auf das 
Slüdlichjte verwoben. Die Form des 
Ganzen iſt anmuthig. Der epiſche Ton 
trefflih durgeführt. Die kleine Dichtung 
verräth ein großes Talent. 





Geftrüpp. 

Novelliftifche Skizzen von Mazimil. Bern. 
(Leipzig, Verlag von Philipp Reclam jun.) 

Das 785. Bändchen der Univer: 
fal-Bibliothef enthält ſechs kleine Erzäh: 
lungen von dem Verfafler der vortreff: 
lichen Novelle: „Auf ſchwankem Grunde“. 
Wir merken in Berns Schriften einen 
Haud Theodor Storm'ſchen Geiftes, fo 
in der Wahl des Stoffes, fo bie und 
da in der Ausführung. Herzbewegend 
ift im „‚Geftrüpp‘‘ die Feine Geſchichte: 
„Eine feltfame Grabſchrift“. Die Ge: 
liebte und die Mutter eines jungen 
Mannes liegen im Sterben. Der junge 
Mann verläßt die Mutter und meilt 
bei der Geliebten. Diefe wird gerettet, 
und gleichzeitig kommt ihre Treulofig- 
feit an den Tag. Zerriſſenen Herzens 
fehrt der Jüngling zur Mutter zurüd 
und findet fie todt. Auf ihren Grab: 
ftein fegt er die Worte: „Ein reu: 
müthiger Sünder feiner unvergeßlichen 
Mutter.” — Die fünf übrigen Erzäh: 
lungen: „Der Bauchrebner“, „Gelbe 
Rosen“, „Carola”, „Schön Lieschen“ und 
„Selbſtlos“ ſchließen fi, was den Gehalt 
betrifft, mehr oder minder der erjten an. 


78 


Anaftafius Grün T. 


An 12. September um 3 Uhr 
45 Minuten ift in Graz der große 
Dichter Anaftafius Grün (Graf Anton 
Auersperg) geftorben. 

Am 11, April d. J. hat das Va— 
terland den fiebziajährigen Geburtstag 
Auersperg3 gefeiert. Dieſes Eine iſt 
es ja, was unfere tiefe Wehmuth viel- 
leiht etwas lindern mag, daß wir es 
ihm noch früher jagen fonnten, wie 
jehr wir ihm danken, wie jehr wir 
ihn lieben. 

Heute ſeien Leben und Werke 
Anaftafius Grün's nur kurz darge 
jtellt. Wir werden fpäter in der Lage 
jein, manch Syntereffantes von diefem 
hochbedeutenden Manne, der nun für 
immer von uns gejchieden ift, zu er: 
zählen — mohl als traurigen Erjag 
für die Mitarbeiterfchaft, die der Dich: 
ter uns für dieje Zeitjchrift jo bereit: 
willig zugejagt hatte. | 

Anaftafind Grün ift geboren als 
Anton Alerander Graf von Auers— 
perg am 11. April 1806 zu Laibach. 
Der Knabe wurde ftandesgemäß er: 
zogen. Im Jahre 1813 fam er 
an die Maria Therefianifhe Ritter: 
Akademie nah Wien. Hier verblieb er 
fünf Jahre; er follte die militärische 
Laufbahn betreten. Aber eine Neigung 
zu Studien führte ihn mad Graz 
zur weiteren Ausbildung und fpäter 
al3 Hörer der Nechtsfacultät an die 
Univerfität Wien. Schon auf den Bän- 
fen der Lehrjäle traf er mit Geiftern 
zuſammen, die jung und Eräftig gleich ihm 
emporblühten. Darunter waren Niko: 
laus Lenan, J. ©. Seidl, Bauernfeld. 
Nah Beendigung der Studien bereifte 
Graf Auersperg die Länder, in denen 
es damals bereit licht zu werben be- 
gann, während über Oeſterreich noch 
die Nacht lag. Schon in früher Ju— 
gend hatte fich in ihm der Dichtergeift 
geregt; nun gab er demfelben das 
erſtemal Ausdrud. Er veröffentlichte 
im Jahre 1830 Gedichte unter dem 


Titel: „Blätter der Liebe.“ Diefen 
folgte bald ein erzählendes Gedicht: 
„Der letzte Ritter”, welches den Kai: 
jer Mar I. zum Helden hat. Auf 
dem Titelblatte diefer Werke nannte 
er fih Anaftafius Grün. Ein Dichter 
fein, war damals in Defterreich gerade 
feine Ehre; aber der junge Graf mochte 
wohl auch noch andere Gründe haben, 
feinen mahren Namen zu verhüllen. 
Ein Jahr nah dem „lebten Ritter” 
erihien von Anaftafius Grün ein Bü— 
chelchen unter der Ueberſchrift: „Spa: 
ziergänge eines Wiener Poeten?“ Die: 
ſes Merf führte muchtige Schläge 
gegen die Machthaber, gegen Tyrannen 
und Pfaffen, während e3 glühende 
Liebe zum Baterland und hohe Ber: 
ehrung für echte Mriefter fundgab. 
Aber jo Scharf und fe hatte bisher 
noch Keiner gejchrieben. Die „Spa: 
ziergänge“ wurden von ber Genfur 
verboten — vom Bolfe jedoch umſo 
eifriger gelefen und verbreitet. Dieje 
Gedichte haben in Defterreich den Geift 
einer neuen Zeit erwedt. Man hatte 
den Dichter bald errathen und er ift 
der Liebling des Volkes geworden. 

Man fand es für gut, dem Aelte— 
jten einer gräflihen Linie auf feinem 
Stammgute Thurn am Hart nichts 
in den Weg zu legen. Allmälig find die 
Merfe, „Schutt“, „Gejammelte Ge: 
dichte”, „Nibelungen im Frack“ erjchie: 
nen; fie alle waren voll Tieblichen, 
freifinnigen Geiftes. 

Nicht weniger bedeutend, wie als 
politifcher Dichter, it Anaftafius Grün 
als Lyrifer und Epifer, und als jol- 
cher nehört er zu den beften deutichen 
Dichtern der neuen Zeit. 

Im Jahre 1839 heiratete Graf 
Auersperg die Gräfin Marie v. Attems, 
mit welcher er eine fiebenunddreißig: 
jährige, glückliche Ehe führte, 

Im Fahre 1848 ift Graf Anton 
Anersperg in das Frankfurter Parla— 
ment gewählt worden; er ließ ſich 


79 


aber von diefem bald ausscheiden. Ym 
Sabre 1850 erihien von ihm Die 
ländlihe Dichtung: „Der Pfaff vom 





eines neuen Werkes ein, melches unter 
dem Titel: „In der Veranda” in 
furzer Zeit erfcheinen fol. Der jugend: 


Kahlenberge”. Im Jahre 1852 ord— | lich friſche Geift mag wohl noch andere 
nete er die Herausgabe der Gedichte | Pläne gehabt haben, uns zu erfreuen 


des in Wahnſinn geftorbenen Lenau 
an. Hierauf war NAnaftafius Grün 
ziemlich ftill geworben. 

ALS aber im Jahre 1861 das 
neue conjtitutionelle Leben in Deiter: 
reich erwacht war und Graf Auers— 
perg in's Herrenhaus als lebensläng: 
liches Mitglied von Schmerling vor— 
geſchlagen und vom Kaiſer berufen 
wurde, da erſtarkte in dem hochgeiſti— 
gen Manne neues Leben. Wo es ein 
freies Entfalten Deiterreih8 zu erfäm: 
pfen galt, da wirkte Graf Anton Auers: 
perg in erjter Neihe durch Schrift und 
Wort. Aus dem „Spaziergänger” war 
ein Kämpfer und — Sieger geworben. 
Was fein Lieb gejungen, jein ehern 
Wort mahte es nun zur Wahrheit. 
Er war ein echter, treuer Freund 
jeines Volkes geworden, und ein freu: 
dig zuverfichtliher Patriot für fein 
Vaterland Defterreich. 

Graf Auersperg lebte abwechs— 
lungsweiſe auf jeinem Schloffe Thurn 
am Hart und in der ſteieriſchen Haupt: 
ftabt, die ihm eine zweite Heimat ge: 
worden war. Seit dem großen Jubel: 
fefte im Lenze dieſes Jahres lebte er 
furze Zeit in Thurn am Hart, im Schloffe 
Dornau bei Pettau und in Zell am 
See. Er fühlte fich nicht ganz wohl 
und ſuchte in den Alpen feine Nerven 
zu kräftigen. Auch nach München ging 
er, wo ihn jedoch eine plögliche Unruhe 
befiel, die ihm nach Graz zurücktrieb. 
In Graz erlitt er am 4. September 
einen Schlaganfall, dem er nach einem 
achttägigen, qualvollen Leiden unterlag. 
Zwei Worte vermochte der ſchwerkranke 
Dichter noch zu Schreiben, fie lauteten: 
„Möchte Leben!“ — Und mehrmals 
jtammelte er mit halbgelähmter Zunge: 
„Nicht fertig, nicht fertig! — Todt, 
nein, nein, mein, o nei. 

Während der Todesfranfheit des 
Dichter langten die Gorrefturbogen 





und zu erheben — da hat ihn die 
Hand des Todes uns entführt. 

Mar Graf Auersperg als Dichter 
und Staatsmann boch zu verehrten, 
jo mußte Jeder, der das Glüd hatte, 
ihn perfönlich zu fennen, ihn von Her: 
zen lieben. Er hatte die Vorzüge eines 
echten und rechten Menſchen in fich 
vereint: Hochherzigkeit, Wohlmwollen, 
Gemeinfinn, Zuverficht für die idealen 
Beftrebungen der Zeit, Intereſſe für 
alles edle Wollen und Wirken jeiner 
Mitmenschen. 

Ein Grundzug feines Wejens war 
Zeutjeligfeit und Befcheidenheit. Aus 
Allem, was er ſprach, dichtete und 
that, Teuchtete feine Liebe zu den Men: 
ſchen. In jeinem Teftamente batte er 
alles Honorar, welches für feine Werfe 
je eingegangen iſt und noch eingehen 
wird, zu einer Stiftung für arme 
Studenten aus Krain und Steiermark 
verordnet. 

Graf Auersperg wünſchte — mie 
ebenfalls in feinem Teſtamente fteht 
— in der Gruft der Kirche zu Haſel— 
bad in Krain beigejegt zu jein, mo 
auch fein Vater und die Ahnen von 
ihm ruhen. Diefem Wunfche ijt ent: 
jprochen worden. Am 15. September 
um 3 Uhr Nachmittags ift der Sarg 
des Dichters im Sterbehaufe zu Graz 
gehoben, von einer unzähligen Men— 
ſchenmenge auf den Bahnhof begleitet 
und dann nach Krain überführt worden. 

Ein fo großartiges Leichenbegäng: 
niß, wie diejes war, hat Steiermark 
Hauptjtadt wohl felten noch gejeben. 
Zahllofe Vereine und Körperjchaften 
aus nah’ und fern haben fich dabei 
betheiligt ; die erften Häupter des Lan— 
des, die oberiten Zehntauſend der 
Hauptſtadt find trauernd dem Sarge 
gefolgt. Der Zug bewegte fih vom 
Auersperg’ihen Palais in der Eliſa— 
bethftraße aus über die Ningitraße, 


durh die Herren, Murgaſſe und | ging dem ebenfalls mit Lorbeerkränzen 


Annenſtraße zum Südbahnhofe. Hun— 
derte von Trauerfahnen, die nicht 
allein von den öffentlichen Gebäuden, 
jondern auch an Privathäufern weh: 
ten, 
nahme der Bevölferung. An allen 
Straßen, durch welche der Trauerzug 
ging, brannten die Gaslaternen, die 
mit Schwarzen Flören verichleiert waren 
— gleihjam, als trauere auch das Licht 
um einen feiner bedeutenditen Anwälte, 


Alle Gewölbe der genannten Stra: 
Ben waren geſchloſſen und die Bevöl- 
ferung bildete an beiden Seiten des 
unabjehbaren Zuges vom Sterbehaufe 
bis zum Bahnhofe ein ununterbroche- 
nes Spalier. Ein Wagen mit ſchweren 
Kränzen und Schleifen mit Infchriften 


zeigten die allgemeine Theil 


ganz bededten Sarge voraus. Hinter 
demjelben loderten bie Fadeln, von 
Studenten getragen, und der ſchwarze 
Rauch wirbelte gegen den trüb um: 
wölften Himmel empor. Sn einem 
Trauerfaale des Bahnhofes wurde die 
Leibe das zweitemal eingefegnet und 
der Grazer Männergefangverein brachte 
dem großen geliebten Manne durch 
den tiefergreifenden Chor „Schlunm’re 
ſanſt!“ unfern legten Gruß. 

Mein Defterreih, das war eine 
deiner ernftfeierlichiten Stunden, als 
du den edlen treuen Sohn zu Grabe 
trugft. Möge fein Lied, das du einft 
verfolgt haft, dir noch mehr folder 
Söhne erweden, — dann bijt du wohl 
daran! 


Der lebte Kranz. 


Wie hallte das Feitlied, wie fhallte der Toaft, | Da fhritt noch ein Jüngling, ein bleicher, einher, 


Als den Sänger, den greifen, bewährten, 
Vom Grün des erwachenden Lenzes umfproßt, 
In begeijterter Freude wir ehrten ! 


Wie war da ein Ieglicher fröhlich bedacht, 
Einen Kranz ihm, dem Edlen, zu reiden, 

Von Lorbeer'n, von Rojen- und Veilchenpracht, 
Vom grünenden Laube der Eichen ! 


Kaum that die Begeifterung felbit fi genug ; 
Doch zuleht ſchien die eier vollendet 

Und vorübergewallt der mänadiſche Zug 
Und der letzte der Kränze- gefpendet. 


Nachzügler im feitlichen Reigen, 
Aud er einen Kranz in der Hand, gar ſchwer, 
Einen Kranz aus düfteren Zweigen. 


Der Kranz war nicht mit Roſen geſchmückt, 
Der war nidt vom Laube der Eichen: 

Der war auf Asphodelus-Wiefen gepflüdt, 
Am Eocytus, im Lande der Bleichen, 


Ihn wand um den Sänger der Fremdling facht 
Und flüftert: In feftlihen Stunden 

Hat die Menge den Krany der Unſterblichkeit 
Dir aus irdifhen Blumen gewunden ; 


Dod den fhönften der Kränze, gar friedlid und ftill, 
Dem kein irdifcher Froſt mehr verderblich, 

Schlingt die Blüthe, die falbe, des Asphodil — 
Und die Todten allein find unjterblid). 


Graz, am 13. September. 


Robert Hamerling. 


Drud von Leytam-Joſeſsthal in Graz. — Für die Nebaction verantwortlih P. A. Kofegger 


ee — 
ji = 


> beingar len 


— oh 
Bu we 


— 


MT 


dd, 





Die drei 





Prinzen. 


Ein Märden von 8, Anzengruber. 


Es war einmal ein guter, alter 
König; bösmwillige Meute behaupteten 
jwar, er wäre jo gut wie gar feiner 
gewejen, das heißt, man vermerfte es 
in feinem Reiche nicht, daß es ba 
überhaupt einen Herrn König gäbe; 
aber er jelbft war ganz davon über: 
zeugt, denn als fein hochjeliger Vater 
verftorben war, da famen die Großen 
de3 Landes zu ihm und fagten: Ge: 
ruhen Sie jegt allergnäbigft uns zu 
regieren! Er hatte damals gleich eine 
huldvolle Antwort zur Hand, denn er 
hatte es ja vorausgefehen, daß es jo 
fommen würbe und war nicht unver: 
bereitet und jo übernahm er denn bie 
Regierung und ſetzte die Jahre durch 
unter alle Schriftjtüde, die es nöthig 
hatten, feinen lejerlihen Namenszug; 
galt e3 etwas Gutes für das allge: 
meine Beſte, oder Belohnungen und 
Gnadenacte, da that er einen Rund— 
Iprung und es flog ihm das „Mono: 
fogoporibius I”, jo hieß er nämlich, 


Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ Mr. 2. 


nur von der Hand, als ob e8 eine 
einzige Silbe wäre; betraf es aber 
Steueraugjchreibungen, Rügen oder 
etwa gar Strafen, da hatte er erſt 
lange an der Feder herumzuſchnitzeln, 
mußte fi noch länger auf feinen Na— 
men befinnen und der Herr Hofjefretär, 
der ihm die Papiere zur Unterjchrift 
unterbreitete, hatte ftet3 auf der Hut 
zu jein, daß Seine Majeftät ſich nicht 
in der Zerftreuung ftatt der Streufand: 
büchſe des Tintenfafjes bediente; da— 
rum liebte ihn das Volk und er liebte 
e3 wieder. 

Monofogoporibius I. war Finder: 
lo8, hatte aber drei Neffen, unter 
welchen ihm frei ftand feinen Throne 
folger zu erwählen, das machte ihm 
denn Schwere Sorge; obwohl er fi) 
geitehen mußte, daß er fein ganzes 
Leben lang immer nur unterjchrieben 
babe und daß ein Anderer — natür- 
lih aber wieder nur ein Prinz — 
dasfelbe zu leiften leicht im Stande 


6 


82 


fein dürfte, ſo fonnte er fih doc 
nicht verheglen, daß Fälle eintreten 


fönnten, wo man feiner, Monojogopo: 


ribius J., bedauernd und Flagend ſich 


erinnern möchte, da er nur den einen | 
Ehrgeiz hatte, feinem Volke nie eine 
Thräne gefoftet zu haben, jo hatte er 


fi recht gut mit dem Gedanken ab: 
gefunden, daß nad) jeinem Tode Nie: 
mand im Reiche feinen Abgang fühlen 
dürfte und die Liebe zu feinem Volke 
ließ ihn wünſchen, daß Zeiten ferne 
bleiben mögen, wo man den Tag 
jeines Hintrittes als Verluſt empfin- 
den fönnte. 

Als Monojogoporibius feine Kräfte 
merklich abnehmen fühlte, dachte er 
ernftlich daran, fih für einen feiner 
drei Neffen zu enticheiden; er dachte 
zuerft an den mit der hübjchejten 
Handichrift, da er aber immer ge: 
wohnt war, den Nath der Großen 
jeines Neiches einzuholen, jo berief er 
fie auch diesmal vor die Stufen jei- 
nes Throned. Der alte Herr im Kö: 
nigsmantel, mit Krone, Szepter und 
Neichsapfel ſah prächtig aus, wie 
auch die hohen Herren in ihren Gala: 
röden, an denen Sterne und Kreuze 
funfelten, einen überwältigenden Ein: 
drud machten. 

Der König ftellte jeine drei Nef: 
fen der Verfammlung vor, obwohl fie 
Jeder, der zugegen war, ſchon von 
früher jehr gut Fannte, aber das 
heißt man Geremoniell, und das muß 
jein; dann hielt er eine lange Rede 
über Negententugenden, das wegen der 
Handichrift behielt er aber für fich, 
darauf jollten fie jelbft kommen, das | 
heißt man Staatsflugbeit, die muß 
gerade nicht fein, aber es ift gut, 
wenn man davon hat. Als der König 
mit der großen Rede fertig war, fragte 
er die Verfammelten, was fie dazu 
meinten. 

Die Verfammlung geftand zu, daß 


Tugenden für einen Negenten erfor⸗ 


derlich wären, je mehr, je beſſer, ſo 








Einige ſagten, Monoſogoporibius ſolle 
ihnen nur einen Regenten geben, die 
Tugenden wollten ſie dem Auserwähl— 
ten dann Schon jelber glauben machen. 

Aber der alte König jchüttelte den 
Kopf. 

Endlich trat ein Greis vor. 

„Edler Monojogoporibius”, jagte 
er, „Du denkſt billig und gerecht, wenn 
Du nur Jenen von den drei Prinzen 
auf den Thron zu jeßen gemillt bift, 
welcher der Würdigſte iſt; aber indem 
Du uns die Wahl zufchiebeit, ſetzeſt 
Du uns in arge Verlegenheit ; jchnell 
könnte fich für jeden Prinzen eine Par: 
tei bilden, denn gleich würdig erjcheint 
ja ein Jeder; krönt man endlich Einen 
von ihnen, fo wird er Feind aller 
derer jein, die früher zu feinen Brü— 
dern geftanden, abgejehen davon, daf 
man jolchergeftalt leicht alle brüder: 
lihe Liebe in ihren Herzen austilgen 
und der Bruderzwiſt bis zum Bürger: 
kriege ausarten könnte.“ 

Da trodnete fih der gute, alte 
König den Schweiß von der Stirne. 
„Du bijt ein entfeglicher Menſch“, fagte 


‚er zu dem Sprecher, „Du bringjt mich 


um die Ruhe meiner Nächte!” 

„Geruhe mich allergnäbigft weiter 
anzuhören”, fuhr der Greis fort; „ich 
habe von den Gefahren einer Wahl 
geiprochen, weil fie nicht alle Stim: 
men für einen Prinzen ergeben wird, 
und wenn Stimmenmehrheit entjchei- 
den foll, die beiden andern ſich empfinb: 
lich zurücgejegt fühlen dürften. Es iſt 
jomit in diefem Falle für alle Theile 
‚gut, wenn und feine Wahl gelafjen 
wird und wenn berjenige Prinz Dir 
auf dem Throne folgt, deſſen Eigen: 
ſchaften die Probe halten.“ 

„Wie meinft Du das?“ fragte 
Monojogoporibius. 

„Ich vermeine, erhabenfter Gebie- 
ter, Du jollteft, jo lange noch Dein 
Auge wacht, jeden der Prinzen, Einen 
nah dem Andern, zur Probe das 
Reich vegieren Laffen. Ihre Reihenfolge 


viel eben zu haben wären, doch müfje | mögen fie unter fich durch Abmachung 


man fih aud zu begnügen wiſſen. 


oder durch das Los beſtimmen. Jeder 


83 


regiert fo lange bis etwa das Land 
fih durch feine Mißgriffe genöthiat 
fieht, Di wider auf den Thron zu 
rufen, der aber joll Dein Nachfolger 
jein, der jelbjt, nach mwohlverbracdhter 
Probezeit, zum Bedauern des Volkes 
das Szepter in Peine Hand zurüd- 
legt.” 

Monojogoporibius geftand fich, der 
Vorſchlag habe etwas Unerhörtes und 
die Höflinge meinten, den Alten habe 
der Teufel geritten. 

Aber als man die Stimmen für 
und wider jammelte, da blieb es bei 
dem Unerhörten, denn es zeigte ich 
eine ziemlich ftarfe Partei dafür, der 
fi denn auch einige Unentjchlofjene 
zugefellten und ihr jo zur Majorität 
verhalfen. Dieje Partei, munfelte man, 
wäre eigentlih die der erlauchten 
Schwägerin des Königs, der Mutter 
. der drei Prinzen, und von ihr ſei auch 
auf diefen Tag der ehrwürdige Spre: 
her, des Teufels Reitpferd, vorge- 
ritten worden; das heißt man Intrigue, 
die muß zwar auch nicht ſein, es iſt 
auch nicht gut, wenn man davon 
hat, aber Hörenſagen nach, ſoll ſie 
Einen nicht am Fortkommen hindern. 





Monoſogoporibius J. gab mit einem 


tiefen Seufzer ſeine Einwilligung und 
die drei Prinzen dankten ihrem könig— 
lichen Oheim ſo demüthig, als glaub— 
ten ſie wirklich, er hätte ſchon heute 
früh Morgens als freien Entſchluß 
im Herzen getragen, was man ihm 
jetzt Abends in den Mund gelegt, und 
ber hohen Verſammlung empfahlen fie 
fih jo huldvoll und gnädig, als wären 
fie Schon Könige, alle drei zufammen ! 

Wie das heißt, braucht nicht ge: 
jagt zu werden, das ijt etwas von 
allgemeiner Umgangsipradhe, die von 
Allem, was fie nicht Sprache haben 
will, Umgang ninmt. 

Die Prinzen hatten, wie man be: 


merkt haben wird, eine Fuge Frau 
Mutter, freilich nur Hug in der Weife, | 


wie man das häufig bei Frauen fin- 
det, die, was fie fich einmal in den 


1 





willen; es ift das eine artige Kunft, 
an die ſchon Mancher hat glauben 
müſſen. 

Die hohe Frau konnte es gar 
nicht erwarten, ihre Söhne regieren 
zu ſehen, und ſie war außer ſich vor 
Freude, als die drei Prinzen heim— 
kamen und ihr berichteten, daß ſich in 
der heutigen Verſammlung herausge— 
ſtellt habe, wie auch das Reich, in 
Anerkennung ihrer — der drei Prin— 
zen nämlich — ausgezeichneten Eigen— 
ſchaften, es gar nicht erwarten könne, 
von ihnen regiert zu werden. 

Liebe Jungens, dachte die hohe 
Frau, ihr wißt eben nicht, was ihr 
„Muttern“ verdankt. 

Mit Feierlichkeit ſchritt ſie zu einem 
Schranke und holte daraus den ver— 
roſteten Kriegshelm ihres verſtorbenen 
Gemals hervor. 

„Kinder“, ſagte ſie, „jetzt müßt ihr 
loſen, damit man weiß, in welcher 
Reihenfolge ihr zur probeweiſen Regie— 
rung gelangt. Ich werde hier in den 
ehrwürdigen Hauptſchmuck eures höchſt— 
ſeligen Vaters, den er in ſo mancher 
heißen Schlacht getragen, ein weißes, 
ein grünes und ein gelbes Zettelchen 
werfen und ihr werdet ziehen! Er— 
lauchte Söhne, hoffnungsvolle Pflan— 
zen in der Baumſchule der Zukunft 
dieſes Landes! Ich habe die genann— 
ten Farben erwählt, weil das Bäum— 
chen im Frühlinge weiß, im Sommer 
grün und im Herbſte gelb erſcheint 
und gleichwie der Frühling vorangeht, 
der Sommer folgt und der Herbſt den 
Reigen ſchließt, ſo ſoll auch der, wel— 
cher die jungfräuliche Farbe des Früh— 
lings zieht, als der Erſte den Andern 
vorangehen; derjenige, welchen die hoff: 
nungsgrüne Sommerfarbe trifft, ihm 


‚folgen, und den Reigen ſoll Jener 


ichließen, welchem bie gelbe Farbe zu: 


‘fällt, doch Hoffe ich von feiner brüder— 


lichen Liebe, daß er ſich gelben Neides 
entichlagen werde!“ 

Die Prinzen fanden biefe Nebe 
ihrer erlaudten Frau Mutter fehr 


Kopf gejegt haben, auch durchzuführen | finnreih und erbaulich. 


6* 


84 


Die hohe Frau hatte ihren beiden | Gebrauch machen können, da doch ge: 
jüngeren Söhnen dabei freundlich und | wiß einer von feinen Brüdern ſchon allen 
verheißungsreich zugelächelt, bei dem | Anforderungen entſprochen haben wird. 


(egten Satze ihrer Rede jedoch, den 
Aelteſten ernft angeblidt. 


Nun war e8 bejtimmt, mie die 
Prinzen der Reihe nach zur probe: 


Die hohe Frau liebte nämlich weifen Negierung gelangen follten. 


überaus die beiden jüngeren Prinzen, 
welche fih noch in kindlicher Liebe an 
die Falten ihrer reichgefticten Nobe 
jchmiegten, während der Neltefte ihr 
nicht mehr al3 den ſchuldigen Reſpekt 
bezeigte, womit befanntlih oft ganz 
ordinären Müttern nicht gedient if, 
geſchweige denn gar einer dreifachen 
Königin: Mutter! Hätte fie nach ihrem 
Herzen handeln können, fie würde dem 
Jüngſten als dem Erften zum Throne 
verholfen haben, denn er war gar jo 
berzig; aber es ift eine alte Klage in 
den Paläſten der Großen diejer Erde, 
daß die Nüdjiht auf das Wohl der 
Kleinen der Stimme ihres Herzens 
Schweigen auferlege; jo auch hier, der 
jüngfte Prinz war eben auch gar fo jung. 

Die Prinzenmutter fehüttelte den 


Nur Eines gab es zu bedenken, 
die Zeit drängte, wo follten die Prin- 
zen in aller Eile die Regierungskunft 
hernehmen? Sie zu einem befreundeten 
Könige in der Nahbarfchaft in die 
Lehre zu ſchicken, dazu war es zu jpät, 
aber der greife Spreder, der ſchon 
einmal die Sache der königlichen 
Schwägerin jo gut geführt Hatte, 
glaubte hier Rath zu willen. 

„Dreifache Frau Königin:Mutter”, 
begann er, „nicht weit von hier haust 
ein weiſer Einfiedler, derjelbe bewahrt 
den Schlüffel zu einer Höhle, welche 
viele Wunder umfchließt, fie ift, wie 
mir erzählt worben, von ſprachkundi— 
gen Geiftern bewohnt und gar Mancher, 
der fpäter berufen war, die Welt durch 
jeine Thaten und Werfe in Erftaunen 


Helm mit den Loſen. „Kinder“, rief ſie zu ſetzen, hat ſich vorerjt bei biejen 
\cherzend, „wer zuerft zulangen kann, Weſen Rathes erholt. Ich denfe, wir 


der zieht auch zuerft!“ 

Da ftürzten die beiden jüngeren 
Prinzen vor, der Dritte aber blieb 
vol Anftand und Würde auf feinem 
Plage jtehen, auch um ein Königreich 
wollte er ſich nicht mit feinen erlauch— 
ten Brüdern balgen. 


ließen immer den betreffenden Prinzen 
nach jener Höhle reifen, verjehen ihn 
mit einigen erfreulichen Gejchenfen für 
den alten Pförtner derfelben, denn 
auch weile Einfiedler thun nichts um: - 
fonft, und überlaffen das Weitere der 
Fügung des Himmels. Es gleich, ohne 


„Du mwillft ein König werben,“ | diefe Umftände, derjelben zu überlaffen, 


jagte der Ymweitältere zu dem Jüngſten, 
„Dir wird ja die Krone bis über die 
Naſe fallen und die Füße werben Dir 
vom Throne herabbaumeln,“ Und er 
ftieß ihn weg, griff in den Helm und 
die Mutter ſchob ihm gefhidt das 
weiße Zettelchen in die Hand. 

Dann fam der Jüngſte herzu, er 
weinte, aber die Mutter verſprach ihm 
ein Zuderbrod, da griff auch er in 
den Helm und fie ſchob ihm das grüne 
Bettelhen zu. 

Nun trat der Dritte heran und 
holte den gelben Zettel heraus. Wobei 
die Prinzenmutter dachte, er werde 
wohl nie von dieſer Thron-Anmeifung 


wäre zwar einfacher und käme auch 
billiger, aber es kann nicht ſchaden, 
wenn man heutzutage der himmlifchen 
Fügung nad der gewünfchten Rich: 
tung hin den Anftoß gibt.” 

Der Rath war eben jo gut ge 
meint als einleuchtend und jo wurde 
er denn auch befolgt. Der zweitältefte 
Prinz reifte mit einem großen Ge: 
folge nach dem Mohnjige des weilen 
Einfiedlers ab, 

Nah mwochenlanger, beſchwerlicher 
Fahrt gelangte man in eine gräuliche 
Wildniß, rings ftarrten nadte Feljen 
zum Himmel, fein Baum, fein Strauch, 
ja faum ein Halm war in ber aus: 


85 


gebrannten Dede zu jehen, nur bie und | Dunkel, Hinter ihm ſchloß der Ein: 
da ftand ein Gaftus mit brennend ſiedler wieder jorgjam die Thüre und 


rothen Blüthen ; 


man konnte micht | blieb Taufchend an derjelben ftehen. 


jagen mitten inne, denn nach gewöhn- Die Herren des prinzlichen Gefolges 
lihen Begriffen war ja eigentlich rings | hätten für ihr Leben gerne mitgelaufcht, 
herum nichts zu jehen, aber bier in) aber es konnte leider Niemand hinzu: 


diefer troftlofen Gegend befand fich die 
Hütte des weiſen Einfiedlers, 

Der Prinz pochte ungeduldig an, 
er erwartete wenig von hier zu holen, und 
gedachte diejes Wenige auch jo jchnell 
als möglich wieder fortzutragen. 

Der Einfiebler war ein freundlicher 
alter Herr, der, wie fi von jelbft 
verfteht, einen jchneeweißen Bart hatte; 
er erſchien fofort unter ber geöffneten 
Thüre und [ud den Prinzen ein, in 
die Hütte zu treten; der aber bedankte 
fih ſchön, ſagte, er habe große Eile 
und brachte fein Anliegen vor, nämlich, 





treten, entweder war die Pforte zu 
ihmal, ober der würdige Einſiedler 
zu breit, oder wohl auch beides zu- 
glei; jo bildeten fie denn, die hohle 
Hand am Ihre, einen den laufchenden 
Weiſen belaufchenben Halbkreis. 

Es dauerte nicht lange, jo fagte 
der greife Horcher an der Thüre: „Aha!“ - 

Die lauſchenden Hofleute rings: 
um fagten mit großer Befriedigung 
auch „aha“, denn fie mwähnten, jeßt 
würden fie eines jener prächtigen, be: 
ſchreibenden Selbitgejprähe zu hören 
befommen, welche fi auf der Bühne 


daß er in die bemußte Höhle einge: |fo gut ausnehmen, und durch dasſelbe 


laſſen fein wolle. 

„Ohne alle Vorbereitung ?” fragte 
ber Einfiebler. „Soll ih Dir nicht ein 
oder das andere Sprüchlein mit auf 
den Weg geben?” 

„Sind die nothwendig?“ fragte 
der Prinz. 

„Rothwendig nicht, nützlich viel: 
leicht,“ jagte der Alte. 

„Dann danfe ich,” meinte der Prinz, 
„und Du würdet mich jehr verbinden, 
wenn Du ohneweiters mir und meinem 
Gefolge die Höhle erſchließen würdeſt.“ 

„Dir wohl, Prinz,” ſagte der Ein: 
fiedler, „aber Deinem Gefolge mit 
nichten! Die Höhle darf nur Einer 
allein betreten!“ 

„Nun denn, ich bin bereit, ſchließe 
14 


Da führte der Einfiedler den Prin: 
zen nach einem hohen Felſen, an wel- 
hem fi eine eijerne Pforte befand, 
über dieſer waren in Lettern aus 
gleihem Metall die Worte „Höhle der 
Phraſen“ angebradt. 

Der Alte Löfte das Schloß, bebeu- 
dete dem Prinzen, wenn er die Höhle 
werbe verlaffen wollen, nur von innen 
zu pochen, die verrofteten Angeln freifch: 
ten und ber Prinz trat hinein in das 


auf 


über den Stand der inneren Angele: 
genheiten in der Höhle unterrichtet 
werben. Leider pochte e8 unmittelbar 
darauf von innen, der Einfiedler ſchloß 
auf und der Prinz trat heraus. Wohl 
ſah man ihm an, daß ihm etwas 
Außergemöhnliches begegnet fei, aber 
er trug auch eine freudige Zuverficht 
zur Schau. Der alte Weiſe machte 
bei dieſer Wahrnehmung gar ein ernftes 
Geficht, und verneigte fih ftumm, ala 
der Prinz auf das freundlichfte von 
ihm Abſchied nahm. 

Auf der Rückreiſe fagten Die 
Herren des Gefolges, unter fich noch 
oft mit bebeutjamen Mienen: „aha“, 
um den Prinzen aufmerfam und glau: 
ben zu maden, daß fie fchon um 
Manches müßten und nur darauf 
warteten, daß er fih über ohnehin 
ſchon Befanntes etwas näher gegen fie 
ausließe; aber zu ihrem großen Ver: 
druffe verlor er über den jo hochin— 
tereffanten Gegenftand nicht ein einzi— 
ges Wort. Alfo erreichten fie wieder 
die Reſidenz Monojogoporibius I. und, 
wie das auch anderen Leuten mand): 


‚mal gejchehen fol, famen fie von ber 


Reife nicht Flüger zurüd, als fie aus: 
gezogen waren. 


86 





Der königliche Oheim empfing ſehr 
huldreich feinen Neffen, übertrug dem: 
jelben unter großen Feierlichkeiten die 
Regierung und zog fih auf ein jtilles 
entlegenes Jagdſchloß zurück. Sohin 
führte der zweitältere Prinz probweife 
das Regiment. 

Gleich in dem erften Manifefte an 
feine probemweijen Völker frijchte der 
neue Herrſcher das Gedächtniß der 
grauen, heldenhaften Vorzeit auf, ver— 
ſprach dieſe Tage der Größe und 
Macht des Vaterlandes wieder auf— 
leben zu machen, und gab der Erwar— 
tung Ausdruck, daß jeder Patriot be— 
geiſtert Folge leiſten werde, wenn das 
Vaterland zu großen Thaten ruft. 

Und nun hatte das Volk oft und 
vielmal der Stimme des Vaterlandes 
Folge zu leiſten, denn dieſes ward 
nicht müde, zu den Waffen zu rufen; 
aber dieſer Ruf des Vaterlandes war 
nicht der klagende Weckruf gegen 
fremde Unterdrücker, nicht der entrü— 
ſtete Aufſchrei über muthwillig zuge— 
fügte Schmach und Ungerechtigkeit, 
nicht das tiefernſte Grollen des Be— 
leidigten, es war der gellende Hetz— 
ruf des Beleidigers! 

Aber dieſes immerwährende Schla— 
gen und Kriegen war von eben ſo an— 
dauerndem Glücke begünſtigt, ſo daß 
der junge Regent bald ſeinen Namen 
gefürchtet, die Grenzen ſeines Reiches 
erweitert und ſeinen Staat alle ande— 
ren an Macht und Größe überragen 
ſah. Mit Stolz fragte er ſich, wer 
nunmehr den wahnwitzigen Gedanken 
auch nur denken könnte, dem Gründer 
all' dieſer Herrlichkeit den Thron ſtrei— 
tig machen zu wollen! Mit Grauſam— 
keit beugte er in widerrechtlichen Krie— 
gen beſiegte Stämme unter ſein Joch 
und mit noch größerer Härte verfolgte 
er die ſeiner Herrſchaft Angeſtammten, 
welche etwa ſchüchtern die Stimme 
für den Frieden zu erheben wagten. 

Indeſſen ſaß der gute Monoſogo— 
poribius auf ſeinem ſtillen Jagdſchloſſe. 
Tages über durchpirſchte er den Forſt, 
das heißt, er durchſtreifte denſelben 


mit ſeinem Gefolge, denn er ſelbſt 
hatte nie eine Armbruſt gehandhabt; 
dabei geſchah es immer, gewiß nicht 
aus Neid über die Geſchicklichkeit An— 
derer, ſondern lediglich aus Mitleid 
mit dem armen Gethier, daß der beſte 
Schütze wenigſtens für den laufenden 
Tag in Ungnade fiel. Abends — das 
war er ſo gewohnt — mußte ihm 
ſein alter Hofſekretär ſauber geſchrie— 
bene Schriftſtücke zur Unterfertigung 
vorlegen, da waren Belobungen und 
Belohnungen an die Dienerſchaft, ein 
Dekret, das den armen Vögelchen über 
die harte Winterszeit genügendes Fut— 
ter bewilligte, welches immer „an im 
betreffenden Paragraphen genau erſicht— 
lich gemachter Stelle“ hinterlegt wer— 
den würde; ein anderes, das die Her— 
ſtellung von „mit genugſamem Heu 
verſehenen Remiſen“ zur Aeſung des 
Wildes im Walde anordnete; nur Eines, 
welches auch den Raupen und Enger— 
lingen einige Freiplätze im kleinen 
Schloßgarten anweiſen wollte, wurde 
über energiſche Einſprache des alten 
Gärtners fallen gelaſſen. Von Zeit zu 
Zeit ward auch einem alten Jagdhunde, 
für deſſen während der Dienſtzeit be— 
wieſene Pflichttreue Andere einſtehen 
konnten, allerhuldreichſt ein Gnaden— 
brod zugewieſen, wobei der alte König 
ſich nie enthalten mochte, zu bemerken, 
daß er das Inſtitut der Jagdhunde 
nicht billige, ſondern nur als eine 
Nothwendigkeit beklage, übrigens aber, 
wie unter alle Schriftſtücke, ſeinen rein— 
lichen, leſerlichen Namenszug darunter 
ſetzte, denn es war doch Eines mehr. 

Aber nun wurde ihm ſchon län— 
gere Zeit ſein ſtilles Jagdſchloß ver— 
leidet, die Witwen und Waiſen der 
zahlloſen Krieger, die in den Feld— 
zügen des Regenten gefallen waren, 
kamen in Schaaren jammernd herbei— 
gezogen und baten ihn um Erbarmen 
für das Land. 

Was aber wollte der gute, alte 
König mahen? Darauf durfte er ja 
nicht8 geben, das waren ja nicht die 
Großen des Neiches, das waren ja 


87 


nur die Mleinften und Aermſten, die 
ihn zurücverlangten. Da ward er, 
vielleicht zum erſten Male in feinem 
Leben, ſehr zornig, verwünjchte feinen 
Neffen, und um von dem ganzen 
Sammer nicht3 jehen und hören zu 
müfjen, gebot er, die SFenfterläden zu 
ihließen und ftopfte fih Baummolle 
in bie Obren. 

Mittlerweile aber famen noch här: 
tere Tage über das Land, die Grau: 
jamfeit des Negenten und jeine nie 
taftende Kriegsfuht zwangen endlich 
alle benachbarten Staaten in Ein 
großes Bündniß wider ihn, der Ueber: 
zahl mußte er erliegen, er ſuchte und 
fand in offener Feldſchlacht den Tod 
und nun ſah das arme Reich die ganze 
Zeche fich aufgefreidet, jo daß es fait an 
jeinem Bejtande verzweifeln mußte. 

In dieſer Bebrängniß eilten denn 
auh die Großen des Neiches nad 
dem ftillen Jagdſchloſſe, um die Krone 
an Monofogoporibius I. zurüdzuftellen. 
Der alte König war vor Freude außer 
fih, als er fie kommen ſah, nicht 
darüber, daß er mun wieder regieren 
jollte, jondern, weil er nun dem 
Sammer, jo viel in feinen Kräften 
lag, abhelfen fonnte. 

Er vergaß ganz auf die Baum: 
wollpfropfen in den Ohren, und ber 
Sprecher der Deputation der Großen 
de3 Reiches mußte feine ganze Nede 
noch einmal herjagen, nachdem ber 
König die Watte entfernt hatte. 

Sofort eilte Monojogoporibius I. 
nad der Hauptjtabt, mit jeinem Er- 
iheinen fehrte Muth in die Herzen 
jeiner Unterthanen zurüf und ba die 
fiegreihen feindlichen Fürften es nicht 
auf einen Verzweiflungsfampf ankom— 
men lafjen wollten und überbem mit 
dem alten Könige perfönlich befreun- 
det waren, jo gelang es ihm, einen 
leiblichen Frieden zu fchließen, ber 
das Reich in jenen Grenzen beließ, 
wie er es jeinem zweitälteften Neffen 
übergeben hatte; leider waren bamit 
im nern die Spuren von beilen 
Regentihaft nicht ausgetilgt. 





Der jüngfte Prinz hatte unterdem 
gerade jenes Alter erreicht, in welchem 
jein verftorbener Bruder zur probe: 
weiſen Regierung gelangte. Da nun: 
mehr die Reihe an ihm war, jo ent: 
ichloß er ſich gleichfalls, die geheim- 
nigvolle Höhle aufzufuchen, aber er 
gedachte vorfichtiger zu fein. Auf ber 
Reife dahin forſchte er jene Herren 
feines Gefolges, welche jchon das erite 
Mal mitgewejen waren, genau über 
das Menige aus, das fie mußten. 

Wieder erreichten fie jene traurige 
Debe und der Prinz, dem die Reife 
viel Beſchwerde gemacht, brannte ſchon 
vor Begierde, die Höhle zu betreten, 
um nach raſcher Erledigung ſeiner 
Geſchäfte an die Heimkehr denken zu 
können. Er pochte an der Hütte des 
weiſen Einſiedlers; dieſer erſchien ſofort 
unter der Thüre und lud den Prin— 
zen ein, Raſt zu halten; der aber be— 
dankte ſich ſchön, ſagte, er habe große 
Eile und brachte fein Anliegen vor, 
nämlich, daß er in die bewußte Höhle 
eingelaffen werden wolle. 

„Ohne alle Vorbereitung?” fragte 
der Einfiedler. „Soll ih Dir nicht ein 
oder das andere Sprüchlein mit auf 
den Meg geben?” 

Auf diefe Frage war der Prinz 
durch feine Begleiter ſchon vorbereitet ; 
er wollte e8 ſich mit dem, wie es 
ſchien, rebefeligem Alten nicht verder: 
ben und jo antwortete er: „Das mag 
wohl nicht nothwendig, aber vielleicht 
doch nüßlich fein, ſage mir ein ſolches 
Sprüchelchen.“ 

Da wiegte der alte Einſiedler das 
Haupt und ſagte: „Vor Allem merke 
Dir dies: 

Bleib’ Dir getreu nur, 
Laſſ' Dich nicht irren, 
Mas aud die Thiere 
Brüllen und girren !” 

„Das iſt barer Unfinn, dachte der 
Prinz bei fih. Wie werde ich mir 
denjelben merken?” Er hatte nämlich 
ein ſehr ſchwaches Gedächtniß. 

„Das iſt das Erſte;“ ſagte der Alte. 

„Sind ihrer denn mehrere?“ fragte 
der Prinz. 


88 


„Es find mehrere”, fagte verbrieß: | trat. „Wie geht das Silben: und 


ih der Einfiebler. 

„Dann verzichte ich darauf“, fagte 
verbindlich ber Prinz, „Du würdeſt 
mich aber ſehr zu Dank verpflichten, 
wenn Du mir jagen könnteſt, was 
meinem höchftieligen Herrn Bruder in 
der Höhle begegnet ift.“ 

„Ih darf zu Keinem über bie 
Geheimnifje der Höhle ſprechen, ber 
fih nicht vorbereiten laſſen will und 
dazu ift nöthig, daß er alle meine 
Sprüchlein erlernt.“ 


Reimgetrommel, dad Du mich gelehrt 
haft? Sieg ift ſtets ein traurig Erbe...“ 

„Haß, Haß“, verbefferte der Ein: 
ſiedler. 

„Ach ja, ich weiß es nun ſchon, 

Haß iſt ſtets ein traurig Erbe, 

Und der Sieg, er ſei kein Schlächter!“ 

„Du lieber Himmel“, ſagte der 
Alte und ſchlug die Hände über dem 
Kopfe zuſammen. 

„Nun, nun“, meinte huldreich der 
Prinz, als gälte es, den Einſiedler 


„Das ginge mir ab“, ſagte der über eine von deſſen eigenen Angele— 


Prinz ſtille für ſich, und dann laut: 


genheiten zu beruhigen. Dann ließ 


„Vielleicht aber könnte ich doch erfah- er ſich das Sprüchlein noch einmal 


ren, wie ich dem Geſchicke entgehen 
kann, das ihn betroffen hat, denn 
daran liegt mir vor Allem.“ 


vorſagen und dann hatte er es weg 
und trat hinein in die Höhle. 
Hinter ihm ſchloß der Einſiedler 


„Da brauchſt Du nur zur erſten Er- wieder ſorgſam die Thüre und blieb 
ſcheinung, die Dir entgegentritt, zu ſagen: lauſchend an derſelben ſtehen. Die 


Haß iſt ſtets ein traurig' Erbe, 

Oft der Sieg ein ungerechter, 

Krieg ſei nimmer ein Gewerbe 

Und der Held, er ſei kein Schlächter!“ 

„Gerechter Himmel“, klagte der 
Prinz, „das klingt nicht viel klüger 
als das Erſte, wie werde ich das be— 
halten können? Ich bitte, ſage mir 
das noch einmal!“ 

Und der geduldige Alte ſagte 
den Spruch noch einmal, dann auf 
allerhöchſtes Verlangen ein drittes 
Mal und nachdem er ihn ſo ein 
Dutzend Male wiederholt hatte, ge— 
ſtand ſich der Prinz, daß man mit 
ein wenig Mühe, die man Anderen 
mache, ſich derlei ganz gut merken könne. 


Herren des prinzlichen Gefolges hätten 
für ihr Leben gerne mitgelauſcht, aber 
— doch das iſt ja ſchon einmal erzählt 
worden und hat ſich auch jetzt zum 
zweiten Male nicht anders zugetragen. 

Es dauerte wieder nicht lange, 
wenngleih ein wenig länger als das 
erite Mal, da pochte es von innen, 
der Einfiedler ſchloß auf und der 
Prinz trat heraus. Er hatte ben 
Blid andächtig gegen Himmel gerich- 
tet, dann ſenkte er ihn demuthsvoll 
zur Erde, faßte die Hand des Gin: 
fieblerd und drückte fie an die Lippen, 
aber der alte Weiſe machte wieder 
gar ein ernftes Geſicht und verneigte 
fich ftumm, als der Prinz beim Ab: 


‚ „Run ſchließe mir nur auch raſch ſchiede bat, ihn in das Gebet mit einzu: 
die Höhle auf”, ſagte er, „damit ſchließen. Die Rückreiſe ging genau fo 
ih den Spruch glei vor der eriten | yon ftatten wie das erfte Mal und wenn 


Erſcheinung herſagen kann, ich hoffe, 
ſie wird doch ſo artig ſein und ſich 





die Herren vom Geſolge etwas mehr 
wußten als damals, ſo war dies gewiß 


bliden laſſen, bevor ich ihn vergeſſe.“ nicht die Schuld des Prinzen. 


Der Einfiebler löste das Schloß an 


Der königliche Oheim empfing auch 


der eilernen Pforte, bedeutete dem Prinz | diefen feinen zweiten Neffen ſehr huld— 
zen, wenn er die Höhle werde verlaffen |reih und übertrug demſelben unter 
wollen, nur von innen zu pochen, und | großen SFeierlichkeiten, aber mit ein 
die verrofteten Angeln kreiſchten — wenig bangem Herzklopfen, die Regie: 
„Halt' einen Augenblid“, fagte der rung, worauf er ſich wieder nad) 
Prinz, ehe er in das Dunkel hinein: | feinem ftillen Jagdſchloſſe begab. 


89 


Nun begann unter dem jüngften 
Prinzen die zweite Regentichaft. Er 
ließ ſich jedoch anders dazu an, wie 
fein höchftfeliger Herr Bruder. In 
feinem erſten Manifejte lobpries er 
Gott und die friebjamen, guten, 
alten Zeiten und verſprach, unter des 
Erfteren mäcdhtigem Beijtande, deren 
feften Glauben und ehrſame Zucht 
und Sitte im Neiche wieder herzu: 
ſtellen; alle Patrioten wären höflichſt 
eingeladen mitzuthun! 

Der Hof des neuen Herrichers 
wimmelte bald von Leuten, welche 
alle verſicherten, daß fie nur das Reich 
Gottes juchten, wobei fie freilich ver: 
ſchwiegen, daß fie auch auf eine Reichs: 
verwejersftelle in demjelben rechneten, 
aber da3 war ja felbftverftänblich, 
denn bem getreuen Knechte gebühret 
jein Lohn und daß ihnen derſelbe, 
vermöge ihrer Verbienfte, ſchon lange 
zugedacht war und nur die böfe Welt 
fi) weigerte, ihn herauszugeben, 
das fühlten fie gar wohl. Wollten 
fie alfo dazu gelangen, jo durften fie 
feine Zeit verlieren und mit der argen 
Melt nicht jpaßen. 

Da waren im Reiche böswillige 
Neuerer, die ſchrieben in ihren Büchern 
nicht, wie bieRedhtgläubigen, „HOTT“, 


ihren Anſchauungen in der Mehrzahl 
und in der Macht, jomit im Rechte 
jeien, ließ der junge Herrfcher ein 
Dekret ergehen, welches die „neuere 
Rechtſchreibung in göttlichen Dingen“ 
verdammte und den Anhängern der: 
jelben freiftellte, binnen vierzehn Tagen 
das Reich zu verlaffen oder ihrem 
Irrthume gänzlich zu entjagen, mit 
dem Bemerfen jedoch, daß Jeder, der 
im Lande verbleibe, für einen Rück— 
fall in feine früheren verbammlichen 
Anfihten auf das Härteſte beitraft 
werben würde; gegen ſolche Rückfällige 
mwurben auch unter Einem alle ehrlie: 
benden Patrioten zu Anzeigen, wenn auch 
ohne Unterjchrift, höflichſt eingeladen. 

Zwei Dritttheile der orthographi- 
ihen Ketzer, welche eine flinfe Hand 
ſchrieben und fürchteten, es möchte 
ihnen das bewußte Wort oftmal unver 
jehens in der verpönten Schreibemeije 
aus der Feder fließen, zogen es vor, 
auszumandern; die Andern, welche 
bedadhtjamer ihre Buchftaben malten, 
dachten, fie würden ſich ſchon an die 
vier großen Schriftzeihen in einem 
Worte gewöhnen können. Aber bie 
Gewohnheit fpielte doch Manchem 
arge Streihe und das Gericht, das 
der Fürſt für ſolche Fälle eingejett 


fondern ganz unehrfürdtig „Gott“ ;| hatte, ließ nicht mit ſich jpaßen. 


freilich brauchten fie Ausflüchte, mein: 
ten, die Buchftaben hätten nicht3 mit 
der Ehrfurcht zu Schaffen und „Gott“ 
geichrieben, hieße nit „GOTT“ ge: 
läftert ; aber man weiß, was man von 
jo fpigfindigen Vorwänden zu halten 
bat, daß ſich immer bei Streiten über 
Rechtichreiberei viel Rechthaberei breit 
macht und daß ſich hier der ungläu— 
bige Wolf in ein orthographifches 
Schaffell hüllte. Was jollte man mit 
ſolchen verrotteten Gemüthern beginnen, 
denen Gott nur für ein gemöhnliches 
Hauptwort galt und welche auch dem 
Teufel die gleihe Ehre erwiejen ?! 
Um buch die Duldung dieſes 
fegerifchen Gebahrens die Rechtgläus 
bigen nicht irre zu führen, fondern 
vielmehr zu überzeugen, daß fie mit 


63 dauerte auch nicht lange, jo 
wimmelte e8 von Anzeigen ohne Unter: 
ſchriften. Scherz wurde mit guten 
Vorbedacht als Ernft genommen, Muth: 
wille als Frevel; ja, perjönliche Feind- 
haft jcheute fogar nicht davor zurüd, 
die Schreibhefte eines verhaßten Geg: 
ners zu fäljchen und das Gericht kannte 
nur eine Strafe, den Tod durch Feuer. 

Nicht lange hatte der gute Mono: 
ſogoporibius L auf feinem ſtillen 
Jagdſchloſſe gehaust, jo wurde jein 
Friede wieder gar arg getrübt; jo oft 
er auszog, begegneten ihm Schaaren 
von Auswanderern, Männer, Weiber 
und Kinder, welche der Schreden aus 
dem Lande jcheuchte, wehmüthig grüß- 
ten fie jtet3 ihren alten, guten König, 
und Tag für Tag und immer zahl- 


90 


reicher ftrebten die Züge der Grenze | Pferde ſaß und auf alle Zurufe kind— 
zu; als aber eines Tages verzmweifelnde | Lich froh Tächelte; aber wehe dem, 
Hinterbliebene von fogenannten Ketzern der über ihn gelacht hätte! Dieſer 
vor dem Schloffe Aſche und verbrannte | Greis, das mußten Alle, trug zur 
menschliche Gebeine auf den tiefgrünen | gegenwärtigen Stunde in feiner Bruft 
Raſen freuten, da fchluchzte der alte) das Herz des Landes und für fein 
Mann laut auf, man fieht, er war | Fühlen und Empfinden ftanden Millionen 
findifch geworden, werwird denn weinen? | Arme und Fäufte ein. 

AS er aber feine Thränen ge- Die Großen des Neiches gaben 
trodnet hatte, da jammelte er ſeine die Krone wieder in feine Hand zurüd 
wenigen Diener, bejtieg ein Pferd, und ihr Sprecher hielt dabei eine 
aber da er gar ſchwach war, mußten | minder ſchöne Anſprache, wie das 
ihn zwei Leute rechts und links fügen, | erfte Mal, wo er Zeit hatte, fich ge: 
und ſo zog er der Hauptſtadt zu ; auf dem | hörig darauf vorzubereiten. Dem alten 
Wege kehrte jede Auswanderer: Schaar | König war recht bange wegen feines 
um und ſchloß fi ihm an, in Dörfern | dritten Neffen, jelbit die Prinzenmutter, 





und Städten, wo er vorüberfam, ließen 


fie die Arbeit liegen und ftehen und ein 
unermeßlihes Menſchengewoge mwälzte 
fih braufend gegen die Reſidenz heran. 

Sa, man wußte dort gar nicht zu 
deuten, was da3 war, als aber 
Monofogoporibius nah der Stadt 
hineinſchickte und jagen ließ, er fordere 
jeine Krone zurüd, da rannte Alt und 
Yung vor das Thor hinaus zu ihm, 
und die Großen des Neiches, welche 
doch nicht ganz allein barinnen ver: 
bleiben wollten, entichloffen ſich raſch 
mitzurennen und da es ihnen jehr 
ſchicklich ſchien, die Krone zur Hand 
zu haben und wie aus eigenem Antriebe 
gleih anzubieten, jo riß der Letzte, 
der in der Eile aus dem Königsjaale 
entlief, dieſelbe etwas unfanft dem 
jungen Fürften vom Haupte. 

Diefer ärgerte fih nicht wenig 
und fand es nicht in der Drbnung, 
daß er mitten in feiner fegensreichen 
Regierung alfo unterbrochen wurde, 
denn er hoffte an dem Feuer, an bem 
er die eine Hälfte feiner Unterthanen 
briet, würde auch die andere Hälfte 
für feine Herrichaft gar werden; da 
ihm nun dieſe Ausfiht benommen 
war, ging er in ein Klofter. 

Draußen vor der Stabt trafen 
die Großen des Neiches auf unabjeh: 
bare Menjchenmaffen, die einen hin: 
fälligen Greis umjubelten, der müh— 
jelig, von Anderen unterftügt, zu 


‚feine erlauchte Schwägerin, warf ſich 
ihm zu Füßen und bat, ihrem älteſten 
Sohne die Probe zu erlaſſen und 
ſollte er damit auch alle Anſprüche 
auf den Thron verwirken. War es 
gekränkte Mutterliebe, die es nicht 
mitanſehen wollte, daß gerade das 
am wenigſten geliebte Kind etwa errei- 
chen fönnte, was den beiden anderen 
Heißgeliebten verjagt war? Dber war 
e3 wirklich bejorgte Mutterliebe, die 
den Letzten der Söhne nicht auf ein 
fo gefährliches Spiel fegen wollte? 
Mer weiß es zu fagen? Vielleicht 
war es Beides zugleich. 

Aber Monofogoporibius I. fagte 
ih, daß nah jeinem Ableben doc) 
diefer dritte Neffe jein nächſter Erbe 
jein würde und eben darum follte auch 
er feine Probe ablegen, entweder er 
berubigte ihn dadurch über die Zukunft 
jeiner ohnehin ſchwer geprüften Unter: 
thanen oder er verfehlte gleichfalls 
jeine erhabene Aufgabe, dann follte 
es die legte Sorge des greifen Königs 
fein, einen würdigen Herrſcher für 
dag Reich aufzufinden. 

Und jo jah denn das Land mit 
banger Erwartung und mit wenig 
Hoffnung den letzten Prinzen aus 
jeinem Fürftenhaufe den gleichen Weg 
dahinziehen, den vor ihm feine Brü— 
der zurüdgelegt hatten. 


(Schluß folgt.) 


1} 
1 





Das Schloß 


91 


der Vöſen. 


Driginal:Novelle. 
Schluß.) 


Aus dem Lichtreihen Kreiſe der 
Schönheit ift die Furcht verbannt. 
Friedegg athmet auf. 

Mit dem erjten Strih auf bie 
Leinwand war alles Bebrängende ent: 
flohen — einzig nur die reine Schaffens: 
freude bejeelte ben jungen Künftler. 

Wir vermögen nit anzubeuten 
all’ die bewegenden, bangen, jüßen 
Empfindungen, die während dieſer 
Stunde in des jchlichten Mädchens 
Herzen waren. Ganz ruhig und ftumm 
wie eine Bildjäule. ſaß fie da, troß 
der Erlaubniß, fich zu bewegen und 
zu ſprechen. Ihr Auge hielt fie meift 
gejenkt, nur einigemal wurde es auf: 
geihlagen und flog auf die Staffelei 
bin, die fie doch nur von der Rück— 
jeite ſah. 

Als die Stunde vorüber und 
Angla das fertige Bild zu jehen 
hoffte, war fie jehr überrafcht, nur 
eine leichte, jchwarze Zeichnung eines 
Menichenhauptes zu finden. 

Friedegg bat fie, am nächſten 
Morgen zur beftimmten Stunde wieder 
zu erſcheinen, und zwar in jenem 
Kleide, das fie zu Haufe trage, wenn 
fie auf der Wieſe das Gras jammle. 

Sie band die Loden auf und jagte: 
„O, wie gern fomme ich wieder, jebt 
hab’ ich Feine Augft mehr.“ 

Er geleitete fie den Berg hinab. 
Sie war heiter und fchalfhaft. Er 


grübelte mur, wie e8 Fam, daß ein 
ſolcher Pater eine ſolche Tochter 
habe. Da erfuhr er: Angla war des 
Schuſters Ziehkind. 


Mit ihren Vorzügen und mit 
ihren Sünden. .... 


Der Drad war an demfelben 
Tage nicht gefehen worden. Der Maler 
hatte beichlofien, die Drohung des 
unbeimlihen Mannes für fich zu be: 
halten, Hingegen jeine Wohnung zu 
jeder Stunde forglich abzujperren und 
auf jeinen Spaziergängen in bie 
ihönen Laubwälder eine geladene 
Piſtole nicht zu verſchmähen. 

Am andern Tage fam Angla 
unbegleitet in's Schloß. Sie betrachtete 
die Zeichnung, welche während ihrer 
Abwejenheit etwas ausführlicher ge: 
worden war; fie gemwahrte nicht, daß 
der Maler die Thür verſchloß. 

Dann ſetzte er fi auf den Sammt, 
309 das Mädchen an feine Seite nie— 
der und flüfterte: „Heute, Angela, 
mußt Du Did mir im rechten Lichte 
zeigen, heute geht's an die Farben.“ 

Ihr leichtes Kleidchen ſchmiegte 
ſich viel anmuthiger um ihre Glieder, 
als geſtern der Sonntagsſtaat. 

„Ich verlange ja nur ein Bruſt— 
bild“, jagte er, „aber das darfit Du 
mir in feiner Naturfchöne nicht ver: 


blidte fie immer an; er nahm von | jagen. Wenn ich ganz offen fein will, 
jeder ihrer Stimmungen ein Bild in Angela, ic finde ſelbſt das geſchloſſene 


feine Seele auf. 


Bufenleibhen etwas jtörend. Auch 


Später begegnete ihm der alte mußt Du im Intereſſe der Geficht- 
Schufter. Der hielt feit den Mund farbe ganz frei athmen können.“ 


zugefniffen, aber fein blinzelndes Aeug— 
lein fragte: Na, wie fteht’3 mit der 
Schönften des Landes? wird der König 
zufrieden fein? 

Mit Mißbehagen wollte fich Friedegg 
von dem Alten abwenden, doch durfte 
er ſich's mit ihm nicht verderben. Er 





Da wagte da3 Mädchen einzu: 
wenden, daß die Mutter Gottes auf 
Bildern gemwöhnlih ein Kleid trüge, 
welches bis an den Hals gejchloffen 
wäre. 

Friedegg rüdte ihr etwas näher 
und fagte: „Nicht wahr, Angela, Du 


— 92 = 


bift mir nicht böfe, wenn id Dir 
etwas geſtehe.“ 

Das Mädchen ſchlug die Augen 
nieder und neigte das Köpfchen. 


„Ib bin eigentlih ein arger 
Sünder“, fuhr er fort, „die Sehnfucht, 
bei Dir zu fein und Dein Bild zu 
Ihaffen, hat mich zu einem Streich 
verleitet, der ein wenig mein Gewiſſen 
brüdt, jo lange ich ihn Dir nicht ges 
beichtet habe, jo lange Du mir nicht 
die Abjolution ertheilt haft. — Um 
von Deinem Bater die Erlaubniß 
und von Dir die Bereitwilligfeit zu 
erlangen, babe ich das einemal zum 
König, das anderemal zur Mut: 
ter Gottes meine Zuflucht genommen. 
Ich hätte Dir's ja gejtern ſchon ge: 
ftehen mögen, um Deine Bejorgniß 
zu zerjtreuen: Angla, ich male Fein 
anderes, ich male nur Dein Bild, als 
die, die Du bift; und ich male die 
Schönfte des Landes nicht für den 
König, ſondern für mich jelbft. Dein 
Bild wird nicht bloß meine Eriftenz 
begründen, es wird mein Glüd fein. 
— Ich bitte Di, liebe Angla, ver: 
zeihe mir daher die Täufchung !” 

Das Mädchen war bewegt. Dieſe 
Bitte von diefem Manne ging ihr 
an's Herz. Sie war noch nicht zum 
Bewußtſein gefommen, daß fie den 
Maler liebte, daher fagte fie das 
Wort: „Da Habe ich nicht3 zu ver: 
zeihen. Verzeihen Sie mir, wenn ich 
etwa anders bin, als ich wohl fein 
ſollte. Ich bin gar arm, hab’ nichts 
lernen können und hab’ doch meine 
Fehler und Sünden.” 


Der junge Künftler legte feine 
Hand auf ihre Schulter und flüfterte: 
„Alfo ih darf Dih malen, ganz 
wie Du bift, mit Deinen Vorzügen 
und Deinen Sünden... .? 

Da verjegte das Mädchen: „Weil 
e3 fo weit ſchon ift — ich will nicht 
tugendhafter jein, als wie mich Gott 
erſchaffen hat.“ 

In diefem Augenblide ächzte die 
die Wand, als braufe ein Sturmwind 


um das Gebäude. Draußen aber war 
der fonnige Morgenfrieden. 

Mit fanfter Hand legte der Maler 
des Mädchens Gelode jo über Schul: 
ter und Bruft, wie er es für gut 
fand, 

Am dritten Tage, als Angla 
wieder erichienen und die Thür wie- 
der verichlofien war, jagte Friedegg 
zu feinem anmuthsvollen Vorbilde: 
„Heute kommen die Augen daran. 
Mache fie einmal auf und blide 
mih an.” 

Da leuchteten ihre großen, mäch— 
tigen Sterne wunderbar zu den feinen 
hinüber. Er fah fie lange, lange an, 
dann jchleuderte er den Pinjel weg 
und rief: „Die kann ich nicht malen!“ 

Angla erichraf. 

„Das Leben wird noch die Kunft 
befiegen! Mädchen, Du bift Schön!” 

Er arbeitete in berjelben Stunde 
an anderen Partien des Hauptes und 
erit, ald Angla wieder davon war — 
lebendig, aus feiner eigenen Geele 
heraus malte er ihr Auge. 


Der Schatz gehoben! 


Emfig arbeitete der junge Künft: 
ler und wo er ging und ftand, jah 
er vor fih ihr Bild. Alles Schöne 
und Kieblihe, was ſonſt die Gegend 
bot, verwebte er in dasſelbe; alles 
Gute und Frohſame, was er von den 
ichlihten Bewohnern des waldigen 
Thales erfuhr, legte er in dasſelbe; 
all’ das Ueberirdiſche, das Göttliche, 
wa3 er in feinem Kiünftleriveale je 
geträumt, ſenkte er in das Bild jeiner 
— jeiner Angla. 

Dder wäre ber Drad, der finftere, 
grauenhafte Gejelle einer andern Mei: 
nung? — Schon jeit Tagen war 
diejer nicht mehr gefehen worden. Ein 
verrüdter Alter — weiß heute nicht 
mehr, was er geftern gethan hat. Der 
Maler wollte weiterd gar nicht mehr 
an ihn denken. 


Das hielt aber etwas ſchwer und 
ald Ungla das nächjtemal zu ihm 


in’3 Schloß kam, verjperrte er doch 
wieder die Thür. 

Sie ſaßen beifammen auf dem 
rothen Sammt — der Maler und 
jein reizendes Modell. 


„And nun, mein füßes Kind’, 
jagte Friedegg, heute noch inniger als 
je bejeelt von dem Gegenjtande feines 
Schaffens, „Du fiehit, welch' reinen | 
Purpuv ih heute auf der Palette 
babe; das feinjte Pinſelchen ift im 
Bereitichaft. Was meinft Du, ift es 
nicht Dein lieber, Eleiner, roſiger Mund, 
der heute d’ran muß?“ 


Ihre Lippen, folches Lob kaum 
gewohnt, zitterten leiſe. 

„So wie ich das Auge ganz auf 
mich wirken lafjen mußte”, ſagte der 
Künftler „bis e8 mir gelang, dasjelbe 
auf die Leinwand zu bringen, fo 
wird’3 wohl auch mit dem Munde 
fein müßen.” 


Und er legte feine Hände an ihr 
Haupt und fanft aber ehern an Kraft 
zog er es an fih und preßte einen! 
langen, glühenden Kuß aufihre Lippen. 





93 





— ALS er das Köpfchen endlich wie: 
der losließ, neigte e3 wie ein ges 


Als Angela das näcdhite: und letzte— 
mal wieder fam, brachte fie dem Maler 
einen kleinen Strauß von Nelken und 
Nejeden mit. — Wer das alte Alpha: 
bet kennt, mittelit deilen das junge 
Landvolk fich eine Liebesbriefe fchreibt, 
— wer die Blumenjpradhe kennt, ber 
weiß e3 nun, was Angla meint und 
nimmer jagen fann. 


Friedegg nahm den Strauß ftill 
entgegen. Heute hatte er fein Wort 
des Scerzes, der Schmeichelei und 
Liebe. Schier blaß bis zum Munde 
bin war fein Geſicht. — Zweimal 
hatte er den Schlüffel umgedreht am 
Thürſchloß. — Es jollte die Stunde 
der Enthüllung jein. 

Die Staffelei hatte er jo gewen— 
det, daß das volle Licht eines Fenſters 
auf das Bildniß fallen mußte. Das 
rothe Sammtjopha hatte er jo gejtellt, 
daß es etwas im Dunkeln, vier Schuh 
weit vor dem Bilde ftand. 

Darauf ließen fie fih nieder und 
Friedegg jagte: „Nun will ih Dir 
zeigen, Angla, wie Du in mir lebſt!“ 

Es fiel der Vorhang. Angla jtieß 
einen furzen Ruf aus, jah und ftaunte, 


nidtes Blümchen, tieferröthet und Sie hatte das Bild wohl in feinem 
geichloffenen Auges, dem Bufen zu. | Werden gejehen, jegt jah fie es in 


Wie in einem leifen Erdbeben 
dröhnte ber Boden. Friedegg merkte 
es nicht, erhob fich rajch und malte. 


feiner Vollendung. — In der Schön: 
heit und Reinheit eines Engels, in 
aufblühender Jugend eines irdiſchen 
Mejens, in keimender Lebenslut — 


An einem der nächiten Tage kam im Auge die erwachte finnende Seele, 


das Schuſterlein wieder einmal zu am Munde das Findliche Lächeln noch 
Friedegg auf Beſuch. Das Bild war und auch ſchon das fchüchterne Ber 
mit einem weißen Tuche verhüllt. Der | gehren und das Dämmern der Liebes: 
Alte verlangte es nicht zu jehen; er ahnung auf der Wange — fo trat 
erfundigte jih nur nah der Schatz- das Jungfrauenbild hervor aus feinem 
gräberei. Grunde. 

„Bit“, Tiipelte der Maler, „ich Jede der zarten Gemüthsbewegun⸗ 
habe ben Schag ja ſchon gefunden! |gen des Mädchens in den Stunden, 
Er ruht tief im Brunnen, aus wel- da es Vorbild war, die Bangniß und 
chem das Blut fließt. Bald wird er die Eitelkeit, das Eindliche Geſtändniß, 
gehoben fein.’ die heitere Zuverficht, die zarte Scham: 

Befriedigt trippelte der Flickſchuſier haftigkeit, der volle Blick in's Mannes: 
in jein Häuschen zurüd und verach- auge und der Kuß war auf dem 
tend ftieß er die alten ſpröden Schuhe | Bilde — das reizende Landmädchen 
und Lederſtücke mit dem Fuße von fich. | mit feinen Vorzügen und feinen Sünden. 


- 
= 


94 


„— Und das — bin ich?“ hauchte 
Angla. 

„— Wie Du in mir lebſt. — 
Du mein füßer Schag, glaube mir, 
ih habe gerungen mit mir.” — Er 
ftocdte, er bebte und glühte. „Ich habe 
mich ſehr nad diefem Augenblid ge: 
fehnt! Er wird — ein heißer Hauch 
— den Thau von einer Blume jau: 
gen, die ich noch in ihrem feuchten 
Morgenglanze der Melt bewahren 
wollte. Blide, Angla, noch einmal in 
diefem Bilde den Frühling der Ahnun— 
gen, und dann — jei mein.’ 

Eine ſchwüle Ruhe laſtete im 
Gemach. — Und es war doch feine 
Mär’, im Hofe rieſelte der Blut: 
brunnen .... und auf dem See 
ichaufelte eine Jungfrau... . Wie 
aus einer verklärten Welt blidte das 
Kunftwerf nieder auf den wildeſten 
ber Stürme, der in der Leidenſchaften 
Nacht das Menſchenherz durchbrauſt. . .. 

Ein greller Knall in nächſter Nähe 
ſchreckte die Liebenden. Aufgeſprungen 
war ein Stück der Wand und aus 
der finſteren Tiefe ſtieg die hohe Ge— 
ſtalt des Drack. — „Verführer! Ver— 
führer!“ mit ſolch' gellendem Schrei, 
den Dolch in der Hand ſtürzte er auf 
den Maler zu. — Da ftand er plötz— 
lich gegenüber dem Bildniß. Ein dumpfer 
Laut der Weberrafhung, die Hand 
ſank mit der Waffe und fein flarrer 
Blick haftete auf dem Kunſtwerk. 

Neglos kniete Angla vor der Ruhe: 
bank; an ihrer Seite ftand der junge 
Mann, bereit, die Geliebte zu ſchützen. 

„Bott im Himmel!” murmelte 
der Drad, „wer fo ihr Bild erfaßt, 
der liebt fie. Der liebt fie wahr und 
treu.” — Der Dolch fiel Elirrend zu 
Boden, und die Hand, die ihn früher 
umflammert hatte, erhob fi wie 
jegnend gegen das Paar. Und im 
nächiten Augenblide war der ſeltſame 
Gast verſchwunden. 

Verſchwunden wie ein Gejpenft, 
hätte nicht die offene Tapetenthür und 
auf dem Fußboden der Dolh ein 
Anderes bemwiejen. 


Als fih die Beiden von der ent- 
jeglihen Ueberrafhung etwas erholt 
hatten, jagte Friedegg: „Siehe, mein 
Lieb’, Dein Bild ift doch ein Mutter: 
gottesbild. Das erſte Wunder iſt 
davor geſchehen. Es hat uns vor dem 
Wuthanfalle eines Wahnſinnigen ge— 
rettet.“ 


Das — eines Anglük- 
fiden. 


So iſt es geihehen zu Brandau 
am Kerwald, im Scloife der Böſen. 

Friedegg's Bild hat unter dem 
Namen „die Jungfrau‘ auf der Welt: 
ausftellung zu Paris außerordentliches 
Aufjehen gemacht. An dem nämlichen 
Tage, ald Mar Friedegg feine Angla 
in der Brandauer Kirche zum Altare 
führte, fam eines ruſſiſchen Fürften 
Anfrage, ob er, der Maler der Jung: 
frau, geneigt wäre, ihm das Bild 
gegen zwanzig taufend Silberrubel zu 
überlafjen. 

Ar dem nämlichen Feittage aber 
fam auch eine andere Poſt aus Stalien. 
Es war ein Paket mit großen Siegeln 
‚und bejtand aus Urkunden und Schrif: 
‚ten. Das Blatt, welches zu oberft lag, 
war glattes Briefpapier und trug fol 
genden Inhalt: 

„So mögt Ihr, meine Kinder, das 
Bekenntniß eines Unglücdlichen ver: 
nehmen. Was Ihr über meine und 
Eure Vorfahren und über die gejchäft: 
lihen Angelegenheiten zu wiſſen nöthig 
habt, daS werdet Ihr in ben beiliegen: 
den Schriftftüden finden. Meine Fuß: 
‚ftapfen waren nicht die meiner Ahnen. 
Mein Leben war wild. Meine Wiege 
it in Stalien geftanden. Meine Eltern 
ftarben früh, meine zwei Brüder, 
älter als ich, haben fi) dem Staats: 
diente gewidmet. Ich ging früher an 
den Genuß, als an bie Arbeit. Ich 
liebte ein junges Weib und erftach in 
einem Zweikampfe den Nebenbubler. 
Dann floh ich in's Ausland und jen- 
ſeits der Alpen, in jenem nordifchen 
Waldthale, wo Euch das Glüd der 





reinen Liebe aufgeht, erwarb ich ein 
altes Bergſchloß, ließ ed umbauen 
und wohnte in demjelben in Gejell: 
Ihaft von Freunden, die man überall 
findet, wo man mit dem Geldbeutel 
ſchellt. Unſer Treiben auf der Burg 
mag wohl damals ſchon Anlaß gege— 
ben haben, daß der Volksmund Bran- 
dau das Schloß der Böfen taufte, 
Wüſt iſt's zugegangen; der blutige 
Erwerb des Landmannes ijt auf dem 
Schlofje verpraßt worden. Und bie 
Leidenschaft ift Burgfrau geweſen. Ans 
Freien wollte ich nicht gehen, benn 
ih war ein Feind jeglicher Bande. 
Ein junge® Bauernmäbdhen, das 
öfter8 mit Eiern und Beeren auf das 
Schloß gelommen, muß ich bemerken ; 
ih lernte es fennen, ehe mich ein 
ausjchweifendes Leben auf's Siechen: 
lager warf und mich veranlaßte, wieder 
das füdlihe Klima zu fuchen. Der 
wahre Name meines Geſchlechtes iſt 
in den beiliegenden Urkunden wohlver: 
bürgt. Ih aber kehrte unter dem 
Namen Banetti nah Stalien zurüd, 
wo ich nach furzer Zeit wieder genas. 
Ich beſchloß, ein neues Leben anzu: 
fangen und wollte mich der Gejell: 
ihaft opfern. Ich beichäftigte mic 
mit Politik, ließ mid hinreißen von 
Rath) zur That und leidenschaftlich, 
wie mein Weſen war, brachte ich es 
jo weit, daß man mich als politifchen 
Verbrecher in den Kerfer warf. In 


jahrelanger Haft ift mein Lebensmarf 


erftarrt. Bei Gelegenheit einer Emeute 
der Sträflinge bin ich entflohen, bin 
durch viele Noth und ganz vermwildert 
über die Alpen meinem Schloſſe Bran— 
dau zugeeilt. 

Doch durfte ich dort wieder mur 


Auffeher ein geringes Zimmer anmwies. 
Ich verfügte über einen nur kleinen 
Nothpfennig. Meine Nahrung war 
fümmerlih, meine Arbeit, um mid) 
irgendwie vor den Leuten zu vechtfer: 
tigen, beſtand aus Sammlung von 
allerlei ziemlich werthloſen Gegenſtän— 
den. Mein Geijt war gebrochen; bie 
Haft Hatte den Keim des Irrſinns in 
mein Gehirn gelegt. Bisweilen merke 
ich jeine Spur, und jelbjt zu Zeiten, 
da ich fie nicht merke, zweifle ih an 
meiner Haren Vernunft. In Brandau 
babe ih mich nun auch nach jenem 
Bauernmädchen erkundigt, das vor 
Zeiten mit Lebensmitteln aufs Schloß 
gekommen. Dasjelbe war etlihe Mo: 
nate nad der Abreife des Grafen 
Benetti, wie e8 hieß — im Wochen: 
bette geitorben. Das Kind von ihr, 
ein Mädchen, lebte noch und war in 
der Pflege des Schuhmachermeijters 
Zacharias zu Brandau. Ich jah es 
und babe e8 im Herzen ald mein 
Kind erkannt. Es ift eine harte Qual 
geweien, daß ich mich nicht als Vater 
des Mädchens habe befennen bürfen, 
daß ich nicht Die Macht hatte, es erzie- 
hen zu lafjen, da doch das ftolge Schloß 
auf dem Berge und die reihen Wal: 
dungen ringsum mein Eigenthum 
waren. Ich hatte die Urkunden, hatte 
al’ die Papiere, nur den Namen 
durfte ich nicht tragen, der mich wie: 
der in den Befiß gejegt hätte. Bloß 
das Eine ſchien mir ausführbar, wie 
ein unbekannter Schußgeift über mein 
Kind zu wachen, dasſelbe vor böjem 
Fehl zu hüten, bis es einen Führer 
dur das Leben gefunden hätte. Die 
Mittel, die ich dazu gewählt, find zu: 
weilen wohl von der Art gemwejen, daß 


unter neuem Namen leben; al3 Graf fie mich nachträglich oft über meinen 
Banetti wäre ih ſofort am meine | Geifteszuftand ſehr beunruhigten. Ich 
Heimat ausgeliefert worden. Der Name |habe Angla umlauert, belaujcht, 
war gebrandmarft, jo weit die Kronen |erfchredt, geängftigt, habe den Men: 
der Despoten jtrahlen. Ohne Vermögen | fchen, die ih für ihre Feinde hielt, 
und Frank an Körper und Geift, ein|tolle Verfprehungen gemacht oder 
elender Mann, verſchaffte ich mir durch |ihnen gedroht. Das liebe Kind hat 
Umtriebe ald Doktor Drade Eingang | fi ja jelbft bewahrt; ich Habe nichts 
in mein eigenes Schloß, wo mir der | erreicht, als den Titel: Narr und der 


J 


96 


wird wohl faum jemald gegen einen | Euch meine Freude benfen. Wenn der 
andern mehr vertaufcht werden. Schöpfer diejes Werkes mir altem 
Gefahr ahnend, habe ich vor Allem | Manne eine Bitte gewähren wollte, 
das Malen des Bildes zu verhindern ſo wäre e3 die, daß er das Bilbniß, 
geſucht. Der Einfamkeit des verrufenen | welches in Eurem Leben eine fo be: 
Schloſſes hätte ich euch gerne anver: | deutfame Nolle jpielt, nicht verkaufe, 
traut. Doch, die gefährlihfte Burg | jondern dasjelbe im Schloffe Brandau 
der böſen Geijter ift das Men-|in dem nämlichen Gemade aufitelle, 
ſchenherz. wo es entſtanden iſt, auf daß es auch 
So wird Euch nun wohl Vieles die Kinder und Kindeskinder ſehen. 
klar geworden ſein, was bisher dun— Alles Gute ſei mit Euch! 
kel geweſen. — Ich habe keine Ver— Graf 
wandten mehr auf der Welt, als Dich, PR 
Angla, die ich für mein Teiblih Kind Nun erft jah man fih um nad) 
und meinen Erben erkenne. — Du dem Berfaffer dieſes Briefes. Der 
haft den Bräutigam gefunden, zu — ſeit Wochen nicht mehr geſehen 
ich Dich beglückwünſche. worden und ſeine Kammerthür war 
Es iſt beſſer, ich trete nicht mehr mit Spinnweben umſchleiert. 
vor Eure Augen, ſo wie ich war und Anfangs hatte man einiges Miß— 
jetzt noch bin. Ich weiß Euch glück- trauen in die Dokumente geſetzt, doch 
lich, und deß bin ich zufrieden. Meine hatten dieſe ſich bald als echt und 
Tage find gezählt. Zur Stunde, da werthvoll erwieſen. 
Ihr mein Vermächtniß empfanget, hat Angla Friedegg, die junge Frau, 
mi mein Vaterland vielleicht wieder | wollte auf und nad) Stalien, um ihren 
hinter Schloß und Riegel geftedt. | Water zu ſuchen. Da fam die Nach— 
Bleibe ich unter den jetigen Zuſtän- richt von feinem Tode. 
den frei, fo jehe ich Euch wieder. Mie Boll wehmuthsinniger Dankbarkeit 
das immer fein mag, meine Aufgabe, zog fie mit ihrem Torbeerbefrängten 
Euch die vom Staate nicht eingezoge: | Gatten ein in das ftattliche, reichbe- 
nen Güter zu fihern, habe ich im die: | güterte Haus, genannt das Schloß 
jen legten Tagen erfüllt. der Böjen, in welchem mander Dä- 
Noch Eins. Auch in Jtalien habe | mon fein dunkles Spiel getrieben, bis 
ih Schon viel über das Bild die die zwei Botinnen Gottes famen — 
Yungfrau ſprechen gehört. Ihr könnt die Kunft und die Liebe. 


Wem gebührt des Kampfes Preis? 


Wem gebührt des Kampfes Preis, | Laßt die Palme den nicht mifien, 
Wem verneige fih das Haupt: . Dem fein Glauben ward im Wiffen ; 
Ienem, der zu glauben weiß, | Dod den Rorbeer nimmer rauben, 
Diefem, der zu wiflen glaubt? — Wem dad Wiffen ward zum Glauben. 


Anaflafius Grün, 


97 


Es reigt in Puh ein Piebespaar. 
Eine Kunde aus dem Sandhaufe, 
Bon P. R. Roſegger. 


Jetzt will ich die Gefchichte erzäh— 
len, warum der Hammerl:Hang, der 
alte Iuftige Hammerl-Hans mit dem 
erlojchenen Vfeifchen im Munde am 
Sandhauje im Koberwald fo ftill und 
gebückt vorbeiichleicht. 


Der Hammerl:Hans ift ein fah— 
render Mufifant ; er jpielt durch kleine 
Hämmerden ein jchier munderliches 
Inſtrument. Es ijt eine Art Hackbrett 
mit hölzernen Saiten, Da liegen auf 
Strohriegeln etliche dreißig Holzwälz: 
hen, jedes etwa einen Zoll did, von 
verjehiedener Länge ; fie find aus Fich— 
tenholz geichnitten und jo neben und 
zwijchen einander gelegt, daß fie durch 
Hämmerchen wie die Saiten des Had: 
brettes gefpielt werden können. 


Der Hans ift vormalen in ben 
Dreifohlergräben LZiegenhirt gemejen. 
Dort hat er oft den Holzrutichen der 
Leute zugejehen, wie die zerjchnittenen 
und entichälten Baumjtämme die Mul- 
den und Rinnen beranrollen und mit 
Hingendem Scale in die Kohlſtatt flie- 
gen. Und da war dem Hans aufge: 
fallen, daß dieſe Holzjtüde je nad) 
ihrer Größe und Länge einen verjchie- 
denen Klang hatten. Se kürzer das 
Stüf, deito höher und greller das 
Klingen; je länger der Schaft, deſto 
tiefer und jfummender das Tönen. 


Ein Freund der Tonfunft war ber 
„Baishalter:Hanjl” von jeher geweſen, 
und das Ideal feines Lebens, pfeifen: 
blafen oder geigen zu lernen und 
unter den Dorfmufilanten auf dem 
Kirchenchor oder im Wirththaufe Gott 
zu loben und die Menfchen zu erfreuen. 
Aber das Inſtrument foftet Geld, der 
Schulmeifter Eoftet Geld, das Lernen 
foftet Zeit, und jo hat fih der arme 
Hanſel mit feinem Naturgefang und 


| 








Wohl hatte er fich mehrere Pfeifen 
aus Rohr geichnitten, hatte Blätter 
von Enzian über die Lippen geſpannt 
und durch das Blafen Töne erzeugt; 
doh maren ihm derlei Inſtrumente 
nicht vollfommen genug. 

Als ihm nun aber das vielfältige 
Scallen der entichälten Holzblöde auf: 
gefallen war, fam ihm plöglich der Ge: 
danfe: So ein Werkzeug aus Holz, daß 
man darauf Mufit machen könnte! Mit 
den großen Blöden ließ ſich allerdings 
nichts anfangen, die gehörten auch 
nicht fein; aber im Kleinen aus Fich- 
tenholzſtückchen ein Spiel einrichten... 

Er hats verjucht, hat lange, lange 
Zeit damit herumgearbeitet, und jo ift 
allmälig jenes oben bejchriebene In— 
ftrument entftanden. Mit zwei Häm— 
merchen hat er es geichlagen, bald 
auf das eine, bald auf das andere 
der Stäbchen flopfend, und fiehe, es 
haben dabei die Hunde geheult. Da: 
rüber war der Hand entzüdt, denn 
Hunde heulen immer, wenn Mufik 
gemacht wird — jo war ed denn 
Muſik. 

Viele Jahre lang hat es freilich ge— 
braucht, bis das Inſtrument eine ſolche 
Vollkommenheit, und der Hans darauf 
eine ſolche Fertigkeit erlangt, daß er 
vor aller Leute Ohren ſpielen konnte. 
Dafür thaten ſich nun aber die Ohren um 
jo ſchärfer ſpitzen. Man hatte wohl 
ſchon gehört wie auf Glöcklein oder 
auf einer Reihe von Trinkgläſern aller— 
lei Weiſen hervorgebracht wurden, aber 
daß gar die Holzklötzchen, die wild 
aufgewachſen waren im Walde, muſi— 
faliich fein konnten, da8 war gar aus 
aller Weiſe. Schsunddreißig Stäbchen, 
von den Fürzeften bis zu den längften, 
gaben jehsunddreißig Töne, die ganz 
funftgerecht miteinander harmonitten. 


mit dem Medern der Ziegen zufrieden | Und jet hämmerte der Hans den 


geben müfjen. 
Rofeggers „„Öeimgarten‘‘ Ur. 2. 


Leuten vor, was fie wollten : ſteiriſche 
7 


98 


Tänze und wieneriiche Walzer, heitere | jelber erfunden hat. So ein Menſch 


Lieder und friſche Soldatenmärjche, 
auch Alpenjodler und Kirchengefänge, 
was eben die Leute verlangten und — 
bezahlten. 

Da war's mit dem Liegenhalten 
vorbei. Der Hans ging mit jeinem 
Spielwerk thalauf, thalab, von einem 
Dorf zum andern, auch bisweilen über 
die Berge hin in ein anderes Thal 
und an der Zandftraße weiter auf Märkte 
und in fleinere Städte; kehrte aber 
ftetS wieder bald in feine beimatliche 
Gegend zurüd. Man gab ihm den 
Rath, er ſollt's verfuchen, jollt in die 
Nefidenz reifen, jolt in der weiten 
Welt jein Glück probiren, er käme nad) 
Jahren gewiß als reicher Mann zurück. 

Der Hans that? aber nicht und 
er wußte gut, warum. 

Wenn er drüben hinter den Ber: 


gen war, in einem andern Thal, oder 


in der Gauftadt draußen, da hatte er, 
außer in den Stunden, wo er jpielte, 
feine gute Zeit. — „Thut mir halt 
allerweg ein Biſſel ant, wenn ich nit 
daheim bin”, jagte er einmal im Ver: 
trauen; ging er aber wieder zurüd 
in's Thal, wo er geboren worden, wo 
er die Ziegen geweidet, wo er fein 
Holzinftrument erfunden — fo fand 
er eigentlich doch nicht® vor. Heim: 
weh und feine Heimat! Keine Hand: 
breit Erde war jein. Wozu auch braucht 
er Erde, der Bettelmufifant, er gehört 
zu jenen Zeichtfertigen und Glüdlichen, 
die bei der Theilung derjelben zu jpät 
gefommen. Bon feinen Blutsverwandten 
lebte Keines mehr. Aber die Leute 
hatte er alle lieb, die in der Gegend 
der Dreijohlergräben und des Kober— 
waldes lebten. Den Einen hatte er 
einjt die Ziegen gehütet, den Andern 
was vorgejpielt; die hatten ihn fatt 
gefüttert, wieder Andere hatten ihm 
gute Schuhe machen laffen. Ferner 
hatten fie bei jeiner Muſik viel ge 
tanzt und gejungen und hatten gejagt: 
„Wer wollt’ ihm's anjehen, dem Lap— 
pen da, daß er ein folches Kreuz— 
föpfel ift und das ganze Spielwerk 


ift hell eine Ehr’ für die ganze Ge: 
gend !* Etlihe waren freilih auch, 
die feine „Holztlemper” verjpotteten — 
aber gut und in irgend welchem Ber: 
hältniß fand er zu Allen; auch jagten 
Ale „Du“ zu ihm und hatten ftet3 
ein droliges Wort für ihn, wenn er 
fam; und mancher Gönner der Kunft 
verehrte ihm ein Pfeiflein Tabat — 
und das alles zufammen und vielleicht 
noch anderes mit, machte e8, daß er 
hinter den Bergen draußen jenes Ge: 
fühl hatte, welches wir Heimmeh nennen. 

Vor Allem hatte er die Kinder 
lieb, gejellte fih gerne zu ihnen, und 
fie hüpften und jchlugen Purzelbäume 
bei feinem Spiele. 

Ein Eleines Mädchen lebte im Ha— 
gerhaufe, am Eingang in die Drei: 
johlergräben, dem ging der Hang, 
wenn er von feinen Wanderungen zu: 
rücfehrte, gerne zu, und immer be= 
grüßte er es mit den Worten: „Schau 
zum Wachſen Frieda, Dein Bräutigam 
trägt Schon ſpannlange Schuh!“ 

Anfangs hatte fich das Mädchen 
auf ſolche Anrede Fichernd davonge— 
trollt, jpäter hatte es ausgerufen: 
„Ja, ich hab’ ja noch gar feinen Bräu— 
tigam!” und endlih, wie es ſchon 
ichlanf geworden, entgegnete e3 gar 
nicht mehr auf die Anrede, jondern 
blickte auf die Erde nieder. Und da 
dachte fi der alte Haus: Freilich, 
freilich, der Menfch, ob Elein oder groß, 
braucht feine jpannlangen Schuh! 
Und der Frieda jeh’ ich's an, fie hat 
jegt einen Bräutigam. — 

Auch dem Hans — dem Hammerl: 
Hans, — wie ihn die Leute nannten 
— wird das Herz einmal geblüht 
baben. Ob ein Reif in Frühlingsnacht 
die Blüthe verfengt, ob ein MWetter- 
fturm dieſelbe verweht hat, ob fie zur 
Frucht gediehen it — ich vermag es 
nicht zu jagen; er erzählt es vielleicht 
mit feinen Hämmerden auf den höl- 
zernen Saiten, und die Zuhörer ver: 
ftehen es nicht ober vermeinen ihre 
eigenen Geſchichten dabei zu hören. 


99 


Die Frieda vom Hagerhaufe hatte | 


ein blaues Auge und flocht die Loden 
nicht. Sie war auch Ziegenhirtin, und 
deswegen hatte fie der Mufifant ein: 
mal um den Namen gefragt. — „Um: 
ſonſt wollt’ fie den Namen nicht Jagen, 


er müßt’ ihr ein jchönes Stüdel da= | 


für fpielen.” — Das fhönfte Stüdel, 
das er kann, hatte er ihr vorgeſpielt. 
— Bon diefer Zeit her ging die 


Freundichaft und der Spruch von ben 
jpannlangen Schuhen. Der Hans wußte, 


— 533 ein Scherz, vermochte das 
verwirrte Kind noch zu denfen — fo 
funnt er fich bitter verfündigen ; und 
wenn’3 jein Ernft — — Sie jtarrte 
nieder zu jeinen Bundſchuhen: Eine 
Spanne mögen fie wohl lang fein... 

„Und daß ich frag’, Frieda: Haft 
ein Gelb?” 

Das Mädchen ftieß einen Seufzer 
aus und flüfterte: „Nicht fünf Gro- 
ſchen.“ 


„Das iſt mir lieb“, ſagte der 


gar nicht, wie es war, daß er das | Sanöhanter, „das Geld macht beim 
Kind fo gerne ſah; und gerade, wenn | ‚Heiraten die meiften Unebenheiten. Na, 


er bei diefem Mädchen ſaß, murmelte 
er mehrmals: 
daß ich wieder daheim.” 


% hätt's feinen Umftand; ich, ber 


„Bin wohl recht froh, | Blafi, hab Haus und Hof, und Du 


haft den Blaſi. Wir machen es auf 


Und Frieda war doch fremder | Büterhalbjcheid.” 


Waldleute Kind, und fie war lange, lan: 
ge noch nicht taufend Wochen alt, und 
er — ſchon gebeugt mit weißem Haar. 

AL nun diefe Zeit gefommen, in 
welcher das jchlanfe Mädchen ben 
Sand auf dem Boden zählte, fo oft 
der Hammerl:Hand das Wort vom 
Bräutigam jagte, betete er des Abends 
in jeinem Bette um ein Vaterunſer 
mehr, al3 ſonſt, und mit dem Zuſatz: 
„Auf daß fie halt ſollt' glücklich fein !” 

Da trug e3 fih zu, daß eines 
Tages vom Koberwald herüber der 
junge Sandhaufer fam, das Mädchen 
auf der Au bei den Ziegen jtehen jah, 
zu ihm hintrat und das Wort aus: 
Iprad): „Frieda, jept bin ich da um 
Dich.” 

„Iſt ſchon recht“, entgegnete die 
Hirtin lächelnd. 

„Mein Ernft! in vierzehn Tagen 
mußt das Herbfeuer im Sandhaus 
anzünden, und gehſt jchon heut’ mit, 
jo iſt's mir noch Lieber!” 

Da wurde das Mädchen ganz blaß. 
Mit feinem ſchönen ernjten Gefichte, 
mit feinem milden Auge fand er vor 
ihr und legte die Hand auf ihren 


Oberarm und warb. Er wußte e8 nicht, | ten; 
der Braut fagen möchte, 


daß er ihr Liebſter im Herzen war; 


Sie hat fein Sterbenswörtchen ge: 
ſprochen, fie bat fih Hingelehnt au 
feine Bruſt. Doch als er wieder da— 
von war — ich meine, er ijt ſchnur— 
gerade zum Pfarrer gerannt, da bat 
fie den Ziegen zugefchrien: „Ya, bin 
ich denn gejtorben? — denn geftorben, 
daß ih im Himmel bin?” 

Bauers:Brautleute, wenn fie ſich 
einmal erfaffen, befinnen fich nicht 
lang; in vierzehn Tagen iſt die Hoch: 
zeit gemejen. 

Mohl ift der Hammerl-Hans mit 
feinem Inſtrument um das Linden: 
wirthshaus geichlichen, aber Fein Menſch 
bat ihn hineingerufen; d’rin hat ja die 
vornehme Dorfmufifbande aufgejpielt, 
daß, mein Eid, die Wände gegellt 
haben; und der Tanzboden unter dem 
kecken Springen und Stampfen der 
Burfchen hat's büßen müſſen. 

— Thät nur die Braut ein ein: 
zigmal zum Fenfter berausjchauen ! 
jeufzte ber Hans. Aber es wurde Nacht 
und hell waren die Fenfter beleuchtet. 
Da ging der Alte hin über das thaunaſſe 
Gras. Er jah Johanniskäfer leuchten; 
er jah Sternfunfen vom Himmel glei: 
er dachte nichts, als daß er es 
weld’ ein 


fie hatten jich öfters gejehen auf dem großes Glück er ihr wünſche. 


Kirchpfad, aber nie ein Wort mitein- 


ander geſprochen. 


Und am Tage darauf zog Die 
Frieda im Sandhauje ein. Da konnte 


7e 


100 


e8 der Hans nicht mehr länger aus: 
halten; er eilte Hin und ging vor dem 
Sandhaufe jo lange auf und ab, bis 
ihn Frieda bemerkte, zur Thür hinaus: 
trat und ganz leife, als fäme ihr das 
Mort noch gar nicht zu, Folgendes 
fagte: „Grüß Euch ſchön Gott, bei 
uns, Geht in’8 Haus und raftet ab!“ 

Da ergriff der Alte ihre Hand: 
„Did muß man fo viel gerne haben. 
Der lieb’ Herrgott jegne Dich, der 
lieb’ Herrgott ſegne Dich!” 

Dann trat er in's Haus und lehnte 
den Kaften, in welchem jein Holzin- 
jtrument eingejchloffen war, an die 
Dfenmauer und feßte fich felbit da- 
neben hin auf die Bank, und fah in 
der Stube umher, wie Alles fo hübſch 
und heimlich eingerichtet war. Der 
Sandhaufer fam und meinte: Bei der 
Ofenbank ſei Fein Siken, der Hans 
jolle fi ein wenig an ben Tiſch be: 
geben. Bald war ein gewichtiger Laib 
Brod und ein grümer jchwihender 
Moftfrug auf dem Tische erfchienen. 

Der Sandhaufer hatte viel aus: 
und einzugehen, trug in ebenmäßiger 
Ruhe und doch mit gewiſſem Eifer 
den einen Gegenftand bin, den andern 
ber. Und auf dem Oberboden und in 
ber Nebenfammer war der behendige 
Schritt der Frieda zu vernehmen und 
bisweilen hufchte fie mit einem Kiffen, 
mit einer Dede durch die Stube, 

Der Hammerl-Hans kaute langſam 
an dem ſchmackhaften Brod, dachte bei 
ſich: Wohl jetzt thun ſie ſchon neſt— 
tragen — und that einen gedehnten 
Zug aus dem Kruge. 

Endlich ſetzte ſich der junge Eh— 
mann zu ihm und fragte: „Na, Hans, 
kriegen wir gar nichts zu hören?“ — 
Er hätte das Wort wieder einfangen 
mögen; er war erſtens heute nicht in 
der Stimmung, auf dem Dreifuß zu 
ſitzen und einer Muſik zu lauſchen; 
und zweitens kam's ja gerade heraus, 


riemen ſeines Kaſtens aufſchnallte: 
„Na, na, Hans, nicht desweg, nicht 
desweg. Thu' ſich der Hans ausraſten. 
Ein andermal.“ 

„Wohl nit vonnöthen!“ verſetzte 
der Alte raſch, „hab' mich jetzund 
rechtſchaffen geſtärkt. Muß ja dem jun— 
gen Ehpaar noch mein Brautliedl vor— 
machen, — das wohl, ei, das wohl!“ 

Sofort that er die Strohriegel auf 
den Tiſch, entfaltete das Inſtrument 
und legte es darauf zurecht. In jeder 
Hand ein Hämmerchen, ſchlug er zu— 
erſt auf eines und das andere der 
Stäbchen — auch dieſes Spielwerk muß 
geſtimmt werden! 

Töne ſind nicht zu beſchreiben, und 
am wenigſten, wenn ſie von einem 
eigenartigen Inſtrumente kommen, das 
die allermeiſten Menſchen noch gar 
nicht gehört haben. Und ſo muß ſich 
der Erzähler begnügen, zu ſagen, daß 
der Hammerl-Hans auf ſeinem Zeug 
gar ſeltſam zu ſpielen, die anmuthig— 
ſten Melodien hervorzubringen verſteht. 
Etwas komiſch berührt nur das haſtige 
Hinundherzucken mit den Armen; in 
raſchem Tempo müſſen ja die Hämmer 
faſt gleichzeitig in den verſchiedenſten 
Gegenden des Tonbrettes ſein — jetzt 
beim brummenden, grollenden Holz, 
jetzt wieder beim klingenden, ſchreien— 
den. Das Ganze quillt etwas derb 
und grell hervor und macht die Ner— 
ven zittern. Von der Entfernung ge— 
hört, iſt es eine weiche, melodiſche 
Muſik, doch ganz unvergleichbar mit 
allen anderen Tonſpielen. 

Zuerſt gab der Hand im Sand— 
baufe mit fanften Hammerfchlägen 
eine liebliche Volksweiſe zum Beſten. 
Das lodte Frieda herbei. Sie ſchmiegte 
fih mit Haupt und Gliedern an ihren 
jungen Gatten und horchte dem Spiele 
zu. In folder Lage fand auch der 
Sandhaufer die Mufif angenehm, und 
als das erjte Lied zu Ende war, be- 


al3 wollte er fich für die Eleine Jauſe, ftellte er ein zmeites und zog fein 


die er dem Alten, vorgeſetzt, bezahlt 
machen. Er jagte daher, als der Hans 
Ihon mit freubiger Haft die Leder- 


Weibchen nieder auf feinen Schoß. 


Das zweite Lied Hang ſchon lauter 
und Feder, und der Blafi trat dazu 


101 


mit der Fußipige ben Takt. Das 
dritte Stück war ein fteirifher Tanz, 
da wiegte ji die Frieda auf ben 
Knien ihres Mannes, bis diejer fie 
emporhob, jelbft aufitand und flüfterte: 
„Kopien wir eins mit!“ 

Da hat fie ihren Arm um feinen 
Hals gelegt und dba haben fie jenen 
Reigen begonnen, ber feiner Aumuth 
und Einnigfeit wegen wohl den erjten 
Rang einnimmt unter ben Tänzen des 
deutſchen Volkes. 

Als der Hans einen Blid that 
auf das Paar, da vergaß er jdhier 
auf das Hämmern: die Frieda hob 
gerade das vorhin an Blafi’3 Bruft 
geſunkene Köpfchen und ſah dem Gatten 
in's Auge. Und diefen Augenblid fann 
der alte Mufifant nimmer vergefjen. 
„Toll“, murmelte er, „toll haben fie 
fih gern!“ und fuchte wieder in den 
Taft zu kommen. 

Nah dem Steirifhen ging ein 
Walzer los, da glitten bie jungen 
Leute Schon rajcher durch die Stube, 
und al3 das Tonbrett ſchwieg, hob 
der Sandhauſer den Moftfrug, rief: 
„Unfer Muſikant fol Teben!” und 
tranf. — Sie tanzten jo geme; jie 
tanzten das erftemal mitfammen, denn 
bei der Hochzeit mußte nach der Sitte 
der Bräutigam mit der erjten Kran- 
zeljungfer, und die Braut mit dem 
Brautführer und anderen Ehemännern 
teigen. 

Dem Hans ſelber waren heute bie 
Hämmerden heiß in der Hand. Er 
begann eine Polka zu jchlagen. Ein 
Jauchzen entfuhr dem jungen Mann ; 
fed faßte er fein Weib um die Mitte 
und flog mit ihr im Kreiſe. Raſch 
gings. Es dröhnte der Fußboden unter 
den Sprüngen, ed Elirrten die Fenſter. 
Grell, faft wild klapperten die Häm— 
merchen und dem Mufifanten rann es 
heiß durch's Mark, fein Spiel war 
fieberig und ging raſcher und rajcher. 
Das tanzende Paar ftieß an Bänfe 
und Stühle und ſchien es nicht zu 
merfen; der Frieda hatte ſich das 
Kopftuch gelöft, es war niedergefallen 


auf den Boden, war mit Füßen ge- 
treten. 

Wie im Sturnte Hin wirbelte ihr‘ 
ſchlichtes Kleidchen, und wieder ſchmiegte 
e3 fih weih um ihre Glieder und 
flatterte um des Tänzers Beine. 


Darauf hatten fi ihre Locken ent: 
faltet, waren niedergewallt bis zum 
Gürtel, waren bingeweht über Die 
Schulter des Mannes und um feinen 
Naden; in ehernem Krampf umflam: 
merte fie jeine Geftalt, eine Brunſt lag 
auf ihren Wangen, ihr großes Auge 
blidte ftarr in das feine und ihre Lip: 
pen, halb offen und zudend, hielt fie 
den jeinen entgegen. 

So raften fie hin unter dem gel: 
lenden Schallen des hölzernen Spiel: 
werkes — da hatte es plößlich ein 
Ende. Eine8 ber Hämmerchen war 
entzwei gebrohen und das abge: 
ichlagene Stüd über den Tiſch und 
Fußboden hingefollert. — Ein-, zweis 
mal noch, ohne Mufif, war das Paar 
durch die Stube geflogen, da ſank es 
hin auf einen Blod und ftöhnte ein 
tiefes langes: „Ah!“ Große Tropfen 
ftanden auf ihrer Stirne, und Frieda 
hielt fich feft an des Gatten Schulter 
und jchloß die Augen. 

„Du bift ganz damiſch (taumelig)!“ 
fagte der Sandbhaufer, „ein wenig 
frifche Luft, ift gleich wieder. gut.” 

Der Alte fuchte fein Werkzeug 
wieder herzuftellen. Das Paar erhob 
fih und wanfte in das Freie. Frieda 
fog durch einen langen tiefen Athem: 
zug die fühle, reine Luft ein, und 
hauchte: „Ah, du Blafi, das thut gut!“ 

„Ja freilich”, verfegte er, „friſche 
Zuft iſt geſund!“ 

So ſaßen ſie, ſtets ſich liebesinnig 
aneinander ſchmiegend, auf dem Bänk— 
lein vor dem Hauſe, erquickten ſich an 
dem friſchen Hauche, der von den wal— 
digen Höhen ſtrich und ſahen, gedan— 
kenlos vielleicht, den lebhaft zwitſchern— 
den Schwalben zu, an deren eifrigem 
Umherſchießen nicht zu erkennen war, 
bauten ſie zu dieſer Spätſommerszeit 


102 


an einem zweiten Nefte oder bereiteten | linden Kiffen waren hellrothe Bänder 


fie fih zum Abzuge. 


geſtickt. Und in die weiche blaue Dede 


„Jetzt hat’3 mir aber in der Bruft waren zwei große Herzen eingenäht. 
einen Stich gegeben!” fagte der Sand: | Und auf die Fopfjeitige Wand bes 


hauſer plöglid. 


Bettes war der „ſüße Name” gemalt, 


„Jeſus Maria!“ rief die Frieda | mit dem Kreuze, mit den Herzen und 
und jah ihn anaftvoll an. Er ſaß ein) den drei Nägeln. Und darunter ftan- 


paar Augenblide unbeweglih, holte 
tief Athem und fügte: „Sit ſchon 
wieder gut.“ 





den roth und jchliht die Worte: 
„Schlaf’ in Gottes Namen!” 


In diefes Bett legte fih der junge 


„Gehen wir in's Haus hinein“, | Sandhaufer einen Tag nad der Hoc: 


jagte das junge Weib. 
Der Blafi erhob fi Tangjam und 
fie gingen in das Haus. 


zeit. Die Dede mit den zwei Herzen 
war ihm lange nicht genug; fchier 
alle Betten des Haufe mußten aus: 


Die Frieda gab dem Hammerl: | geplündert werden, um den Mann mit 


Hans ein freundliches „Dank euch) 


Hüllen zu verfehen — fo ſehr ſchüt— 


Gott!" So machte fi der Alte auf telte ihm der Froft. Und bald war bie 
den Weg und jah noch mehrmals zu: | Helle Gluth auf feinem Antlige und 


rück auf den Bau, in welchem ein 
Glück fih eingeniftet hatte, wie er es 
fein Lebtag bislang nicht gejehen. 
Als er auf der Anhöhe ftand, wo man 
das legtemal zurückſieht auf das blin- 
fende Schindeldah des Gandhaufeg, 
hob der Hans feine rechte Hand und 
murmelte: „Ich mad) das Kreuz über 
Di!“ 

Dann ging er davon in der Abend: 
fühle und vergaß fein Pfeifchen anzu: 
zünden, das er im Munde trug. — 

Der Blafi war mehrmals lang: 
ſam durch's Haus geichritten, war zu: 
weilen jtehen geblieben, und hatte mit 
einer gewiſſen Behutjamfeit Athem 
geholt. 


er lechzte nach Waſſer. 

Noh in der Nacht fam der Doktor 
von Koberburg heraufgefahren; ber 
jah den Kranken an, dedte dann befjen 
Bruft ab, hub auf dem Brujtblatte 








an zu Elopfen und horchte den Tönen, 
die dabei herausfamen. Die Frieda 
wartete ſchier mit eingehaltenem Athen 
des Ausſpruches; allein der Arzt legte 
die Dede wieder fanft über die Bruft 


‚des Kranken herauf und jagte nichts. 


Erit dem Boten, der wieder mit 
ihm gekommen war, um die Mebizin 
zu holen, vertraute er, daß eine Lun— 


ı genentzündung da wäre. 


Frieda hatte in felber Nacht nicht 


Die Frieda ſchlich ihm zweimal |eine Minute gejchlafen, fie wachte bei 
nach und fragte: „Belt, Blafi, es ift | dem Kranken, rüdte die Deden, rüdte 


ganz gut?“ 
„Ja“, antwortete er, 
Das drittemal ſagte fie: 
es ift nicht ganz richtig.” 


„Blafi, 
ſ und [a8 in feinem trüben Auge jeden 


die Kiffen ftetS zurecht, reichte ihm 
Waſſer, legte ihm, als der Kopffchmerz 
fan, kalte Tücher über die Stirne, 


„Ich werde heute nur etwas früher | Wunſch. Er lächelte fie an, dann feufzte 


in’3 Bett gehen”, antwortete er. 
Ta wurde fie blaf. 


er wieder, dann bat er fie, daß fie 
Ihlafen gehe: „Heute unten in ber 


Das Bett ftand bereit und hoch: großen Stube, Frieda; morgen iſt's 
gefhichtet oben in der ftillen Kammer ſchon wieder beſſer.“ 


über der großen Hausitube Es war 


Sie wich nicht von ihm. Dft preßte 


bräutlich. Es waren die feinen ſchnee- fie die Hände an ihre Bruſt, und wenn 
weißen Linnen überzogen, welche bie es ber Kranfe nicht ſah, fo fchlang fie 
Frieda von ihrer Pathin zur Hochzeits⸗ | fich jelbit ein nafles Tuh um bie 
gabe erhalten hatte. Und in die zwei | Stine. 


Als am andern Tage ber Arzt 
wieber fam, fand er die junge Sand: 
bauferin in einen ſchweren Lodenrock 
ihres Mannes eingejchlungen bei jeinem 
Bette kauern. 

Der Arzt jah fie Scharf an, langte 
nah ihrer Hand, um den Puls zu 
fühlen und fagte: „Die Sanbhaujerin 
wird auch noch krank werben, wenn 
fie fich nicht ſchlafen legt.“ 

„O nein“, antwortete fie rafch, 
„mir fehlt gar nichts, gar nicht — “ 
eilig mußte fie den Mund jchließen, 
um das Beben ihrer Kiefer zu unter: 
drüden. 

„Ihres Mannes wegen”, ſprach 
der Doktor, „darf fich die Sandhau— 
ferin gar Feine Sorge machen. — Sie 
bat die Nacht über richt gefchlafen, 
die Aufregungen der legten Tage find 
noh vorhanden; Sie hat Fieber — 
muß fi ausruhen, dann wird alles 
wieder gut ſein.“ 

„Arg iſt's doch nicht?“ Flüfterte 
fie, „arg — mit ihm ?“ 

„Ra nu — vor Allem muß aud) 
er Ruhe haben. Beh’ die Sandhauferin 
zu Bette!” 

Das war befehlend geſprochen. 

Die Frieda beugte ſich über den 
Kranken. „Du, Blafi”, liſpelte fie, 
„wir müflen jchon wieder auseinander. 
Ich leg mich ein wenig nieder.“ 

Er nidte ihr beiftimmend zu. 

„Du jolft auch ſchlafen, Blafi, 
gute Nacht !” 

Er lädelte. Sie brüdten fich die 
Hand. 
„Du bift heiß“, murmelte er, 
„Du mußt Dich nicht Fränfen, Frieda; 
wenn mur in der Bruft das Stechen 
gut ift, jo ftehe ich ſchon wieder auf.“ 

Dann gingen fie auseinander. 

Der Arzt fam auch zu ihrem 
Bette, das unten in der großen Stube 
ftand. Und er ſchickte durch den Boten 
auch für fie Medizin — ganz die 
gleiche, wie für den Mann. 

Vier Tage hernach, als der Bote 
wieder nach Koberburg kam, jagte zu 


— 


delmilch trinken. Ich komme bald nach. 
Und — was ich ſagen wollte, wenn 
Du den Geiſtlichen könnteſt mitnehmen.“ 

Als auf dem Thurme das Ver— 
ſehenglöcklein läutete, fragten die Ko— 
berburger, wen es anginge. 

Der Lindenwirth that eben die aus 
Fichtenreiſern gewundenen Hochzeits— 
kränze von ſeiner Hausthür, der ſagte: 
„Die Sandhauſerleut', hab' ich gehört, 
die jungen Sandhauſerleut'!“ 

„Das wird wieder eine breite Lug' 
vom Lindenwirth ſein“, hieß es. Als 
der Prieſter zurückkam, ſprach er die 
Worte: „Eins tragen ſie heraus, wenn 
nicht allzwei.“ 

Frieda, obwohl ſchier zu kurzathmig 
für eine einzige Silbe, fragte hundert— 
mal des Tages, wie es dem Blaſi 
gehe. — Dem ginge es ſchon beſſer. — 
Aber warum er nicht zu ihr herun— 
terkäme? — Das hätte ihm der Arzt 
bislang noch verboten. 

Und er: „Was macht denn bie 
Frieda, daß fie gar nicht zu mir 
kommt?“ 

— Sie dürfte jetzt nicht zu ihm, 
hieß es anfangs, ſie ſei ein junges 
Blut und könne die Krankheit leicht 
einathmen. — 

„Ich meine allweg — die hat ſie 
ſchon eingeathmet.“ 

Da verleugneten ſie es ihm nicht 
mehr: Allerdings ſei ſie auch bettlä— 
gerig, aber Gefahr ſei gar keine — 
gar keine. 

Einmal, mit geſchloſſenen Augen 
ſagte der Sandhauſer: „Mir iſt dem 
— Hans ſein Spielwerk — immer 
ſo bekannt vorgekommen. Und hab's 
— doch nicht gewußt, was es iſt. 
Jetzt weiß ich's. Es iſt eine Charfrei— 
tagsklapper.“ 

Am Abende des ſechſten Tages der 
Krankheit hörte der Blaſi auf zu ſpre— 
chen. Die Wärter und die anderen 
Leute gingen raſcheren Schrittes durch 
das Haus. Eine alte Magd eilte her— 
unter in die große Stube zum Wand: 
faften, der nahe am Bette Frieda’s 


ihm der Arzt: „Diemweilen nur Man: | ftand. 


NZ. 


„Was ſuchſt denn?“ fragte die 
die Kranke. 

„Jetzt hab’ ich gemeint, es wär’ 
der Theelöffel da drin“, antwortete 
die Magd und erhaſchte gleichzeitig 
im Kaften eine rothe Wachskerze, welche 
fie jofort in der Fauft verbarg. Frieda 
hatte es doc bemerft. „Was braudjit 
denn — jet die geweihte Kerze?“ 
fragte fie, und indem fie fich etwas 
aufrichtete, mit greller Stimme: „Du, 
ſag' mir's; — mein Mann ftirbt !* 

Die Wärterin juchte fie zu be: 
rubigen ; die Kranke ſank zurüd auf's 
Kiffen und hauchte: „Er wartet ſchon 
— bis id) auch mitgeh’” 

Und ihre Bruft bebte heftig bei 
jedem Athemzug. — 

Dben zündeten fie die Kerze an 
und gaben diejelbe den Sterbenden in 
die Hand, der bewegungslos dalag. 

Nachbarn und Verwandte famen 
und fragten leiſen Tones: „Sand— 
hauſer, kennſt mich noch 2” 

Er neigte kaum merfbar das Haupt. 

„Hätteſt noch ein Anliegen,“ jagten 
fie, „wir wollten Deinen legten Wunſch 
gern vollführen.“ 

Er blidte fie halboffenen Auges 
betrübt au. Dann war es, als wollte 
er die Lippen bewegen; aber es waren 
nur die Stöße des Athmens. 

„zeut’, hebt an zu beten!“ rief 
die MWärterin. 

Da knieten fie nieder um das 
Lager, an den Stühlen und Schränfen 
und beteten: „Waterunfer !” 

Die Flamme der Sterbeferze zuckte 
hin und her und warf ihren Schein 
auf die lehmblaſſe Stine des jungen 
Mannes, auf welcher zahlloje Tropfen 
ſtanden. 

So dauerte es gegen eine halbe 
Stunde, da ſagte die Wärterin plötz— 
lich: „Jetzt kommen ſchon die letzten 
Schöpfer (Athemzüge)! O Herr Jeſu 
Chriſt', verlaß ihn nicht! O heilige 
Maria, bitt' für ihn! O heiliger Joſef, 
ſteh ihm bei! O ihr himmliſchen Engel, 
bewacht ſeine arme Seel; thut ſie 
hüten vor dem böſen Feind! ſteht ihr 


| den 


bei vor dem legten Gericht! Dir eb’ 
ih, o Jeſu! Dir fterb’ ih, o —“ 

Sie hielt ein und horchte nach 
feinem Athem. Sie nahm ein Spiegel: 
hen von der Wand und hielt es vor 
die Lippen des Sterbenden. Die Glas: 
fläche trübte fi etwas; da huben jie 
wieder an zu beten. 

Der Athem ging regellos und 
matt; die Augen waren ganz zuge: 
‚fallen. Da löfchte die MWärterin das 
Sterbeliht ans und flüfterte den An: 
'wejenden zu: „Er jchläft.“ Und fie 
ichlichen davon. 

Nach einigen Stunden, al® an den 
' Fenftern der nebelige Morgen graute, 
ſchlug der Sandhaufer die Augen auf, 
blickte unftät umher und haudte: 
„Die Frieda, — warum will fie gar 
nicht mehr — zu mir kommen?“ 

' Ein Nachbar ſaß bei ihm, ber 
ſchwieg nach diefen Worten eine Weile ; 
endlich jagte er: „Jetzt iſt's beſſer 
mit Dir; aber das iſt eine harte Nacht 
geweſen, Sandhaufer!” 

„Ja,“ antwortete der Kranke, 

Er lag wieder wie im Halbſchlum— 
ie Und jo verging ein Tag und 





eine Naht. Am nächſten Morgen als 
es licht geworden war, wendete er 
etwas das Haupt und fragte: „Wer 
ift denn unten 2“ 

Und als er feine Antwort erhielt, 
fuhr er fort: „So viel Leute gehen 
um — unten in der Stube. 

Er Hatte die große Unruhe be: 
merft, die im Haufe war. 

„Der Frieda, wie gehts ihr denn ?” 
fragte er. 

„Sie ift wohl recht ſchlecht, Sand: 
hauſer,“ verjeßte der Nachbar. 

Der Kranke hob ein wenig das 
Haupt und lauerte. 

„Es kommt mir heut? — nicht 
recht vor!“ rief er faft laut. 

„Iſt wohl vecht gefährlich,” jagte 
der Nachbar, „wir müſſen gefaßt fein.“ 
Die Unruhe im Haufe wollte fich 
ganzen Tag nicht legen. Einmal 
wurde unten in ber großen Stube ge: 


105 


betet; es war das Murmeln jehr vie: 
ler Menſchen. 

Wieder fam der Arzt zum Kranz 
fen. Er erklärte bei diefem bie größte 
Gefahr als vorüber und verjchrieb ihm 
nervenberubigende Mittel. Im Uebrigen 
war er kleinlaut und ging bald wieder 
davon. 

„Bas ift denn das?” fagte der! 
Kranke plöglih, „was wird denn im 
Haus heut’ gefoht? Ich rieh’ Bad: 
werk.“ 

Man hatte keine Entgegnung. 

„Ihr thut mich martern, Leut!“ 
verſetzte er. Dann war er wieder ſtill 
und ſtarrte wie ſinnend drein. 

Ein paar hohltönende Schläge, die 
unten ſchollen, ſchreckten den Kranken 
auf. 

„Jeſus! — Jeſus!“ rief er laut, 
„eine Todtentruhen!“ 

Sie mußten ihn mit Gewalt im 
Bette zurückhalten. Er preßte die 
Hände in's Geſicht und ächzte bebend: 
„Sie iſt geſtorben!“ und hub an, herz— 
erjhütternd zu weinen. — 

Am nächſten Morgen haben fie auf 
hoher Bahre die Frieda davon getra= 
gen. Man hatte ihr den Jungfrauen— 
franz um die Stime gewunben. 

Im Sandhauſe war ed noch ftiller, 
als es vor ber Hochzeit gemwejen jo 
manches Jahr. 

Der junge Bauer erholte ſich nur 
langſam, und als er das erſtemal in's 
Freie ging, hatte der herbſtliche Reif 
die letzten Blümchen vernichtet. Und 
die Schwalben waren längſt davon. | 

Der Sandhaufer verlangte, daß 
man ihm erzähle, wie Frieda geftorben 
jei. Man wich der Frage lange aus, | 








endlich aber wurde ihm mitgetheilt: 
In jener Naht, da die Leute alle um 
ihn, den im Sterben Liegenden ver: 
jammelt gewejen, fei Frieda ganz allein 
und jtill verjchieden. 


„Bott ſei Dank,“ murmelte ber 
Sandhaufer. „Da hat fie in Frieden 
mögen entjchlafen. Ihr glaubt es nicht, 
Leut', was das jchredlich ift, wenn fie 
Einem die Sterbeferze in die Hand 
geben, wenn fie lagen und die Ge: 
bete vorbeten, und mas Alles dazu 
gehört. Und michts friegft mehr zu 
hören, als wie: jegt mußt du jterben ! 
Die Todesangft, ihr Leut'! 's ift 
grauſig!“ — 

Heute iſt der Sandhauſer, wie 
man gern ſagt, ein Mann in den 
beſten Jahren. Er iſt, wie die Leute 
im Koberwald und in den Dreiſohler— 
gräben meinen, wieder lebensluſtig; 
doch ob er ſich noch einmal verheira— 
ten wird, darüber getraut ihn Keiner 
zu fragen. 

Der alte Hammerl-Hans lebt auch 
noch. Er geht mit feinem hölzernen 
Spielwerk thalauf und ab. Er ftellt 
ih Iuftig und hämmert fed d'rein; 
aber man merft es doch, er hat feine 
rechte Freude mehr an jeiner Kunft 
und übt fie nur um des lieben Bro- 
des willen. 


Am Sandhaufe im Koberwald 
ichleiht er ſtill und gebüdt vorbei. 
Und vielleiht nachfinnend darüber, 
warum Guteswollen auf diefer Welt 
jo oft zum Böſen ausfchlägt, wanft 
er hin in der Waldeskühle und ver: 
gißt fein Pfeifchen anzuzünden, das 
er im Munde trägt. 


106 


Das Brücken: Mütterden. 


Von 
Auguft Silberftein. 


Im Dorfe, dort unter der Linde, 

Streichen die Fiedler die luftigen eigen ; 
Mit mandem rothbadigen Kinde 

Tanzen die Burfchen den ſchwungvollen Reigen. 


Und Jauchzen fteigt über die Lieder, 

Wie Lerchen über das Mogen der Saaten ; 
Der Dirn pocht das Herzlein am Mieder, 

It fie in die Arme des Rechten gerathen ! 


Und in dem umringenden Kreife 

Sigen die Alten, Mugladhend und ſcherzen, 
Bedenken, daß gleihfalls die Meije 
Auch ihnen berüdt die forglofen Herzen. 


Nur Eine der fröhlichen Runde 

Vermag nicht zu hemmen das trübe Befinnen ; 
Es zudet der Greiſin am Munde, 

Als ſollt' ihr ein Thränlein vom Auge rinnen, 


Mit Ehrfurcht zur Seite ihr rüden 

Die Andern, um ihrem Behagen zu müpen; 
Sie ſchwankte herbei, doch auf Krüden, 

Und muß nun im Alter die Glieder fo ftüßen ! 


Vergeblich ftarrt fie zur Ferne 

Damit fie den einzigen Sohn dort erblide; 
Nachzog er dem lodenden Sterne, 

MWildfremd in die Welt und pfadlos zum Glüde! 


Wohl waren viel Iahre gekommen 

Und wieder verſchwunden in's maßlofe Leere — 
Sein Name ward nimmer vernommen, 

Noch Botſchaft, wo er am Leben wäre. 


' Die Anderen feherzen und fingen 

| Und prangen gemeinfam wie Knoſpen und Rofen, 
Ihr aber möchte zerfpringen 

Das Herz voll von Sehnen, dem hoffnungslofen ! 


Da jauchzet die Fıdel gar helle, 

Tropdem mand' Pärchen im Kreife ftodet; 
Imrungen ein fremder Gefelle, 

Den wohl das Kirdhfeit berbeigelodet! 


Die Anderen fragen und ftarren, 

Die Alte doch bleibet nimmermehr figen — 
Ein Echrei! und nimmer ein Barren — 
Sie eilet zum Sohne, vergefiend der Stützen! 


Wohl wollte die Hand noch erfaffen 

Im Bittern die alten gewohnten Krüden, 
Doch nimmer den Augenblid laſſen 

Die Mutter, den Sohn an's Herz zu drüden! 


Sie hängt bald am Halſe dem Einen — 

O Himmel! ihr Sohn ift gefommen, gefunden! 
Ihr heilen die Thränen im Weinen 

Alle die alten entfräftenden Wunden. 


Was nimmer der Balfam der Werzte 
Vermochte der ſchwachen Greifin zu fpenden, 
Genefung — ward als fie berzte 

Den Sohn mit ihren bebenden Händen. — 


Und Alle ftaunen jekunder, 

Als ob's nod immer unglaublich verbliebe ;, — 
Doch wahrlich ftets neue Wunder 
Vollbringet die alte Mutterliebe ! 


107 





Stillleben im Briege. 
Von 
Dans Hopfen. 


I 


Es mar enblih Feierabend ge- 
worden. 

Ich hatte die Ställe und die Re— 
miſen, die ung neben dem kleinen Land— 
haufe eines Straßburger Patrizierd ala 
Vorrathskammern dienten, und den zum 
Bureau umgejchaffenen kleinen Garten: 
ſalon abgeſchloſſen. Ich hatte Fäſſern und 
Kiſten, Ballen und Säcken, Flaſchen 
und Düten und all den andern Be— 
hältern jeder Art und Größe, welche 
das Nothwendige in Hülle und Fülle und 
doch nicht in genügenden Maſſen auf— 
bewahrten, gute Nacht geſagt und ſehnte 
mich aus dem allgegenwärtigen Geruch 
der lieben Carbolſäure nach friſcher 
Luft. Ich ging hinaus auf die Land— 
ſtraße, wo man gerade zwiſchen den 
Pappeln des Weges den Münſterthurm 
über den Horizont emporragen ſieht. 
Die Stadt liegt wenig über eine Stunde 
entfernt, aber tiefer in der Ebene, ſo 
daß man hier nicht mehr von ihr zu 
ſehen bekommt als ihr ſteinernes Wahr— 
zeichen. 

Ueber die weite Rheinebene her 
bläst ein kühler Wind, er wühlt gar 
grimmig in den langen Zweigen der 
Pappeln, diefe raufchen und jchütteln 
fih wie Befeffene und werfen bald 
bier und bald dort ein trodenes, ftaub- 
graue Blatt zur Erde, das dann in 
langen Sägen über Feld fliegt, bis 
e3 in irgend einer Furche des zer: 
ftampften Ackers feithängt. Dabei 
brummen die Kanonen in einem fort, 
obgleih das gegen ben Höllenlärm, 
welcher jedesmal nad eingetretener 
Dunfelheit anhebt, mic) wie eine Art 
von Stille anmuthet. Man nimmt nad 
und nad) die empörendften Gemohn- 
heiten an. Nur jelten erwach’ ich noch 
in der Nacht von den vielen Bomben- 
ſchlägen; dann zähl’ ich, bis ich wieber 


einjchlafen kann, von einem zum andern. 
Heute Nacht konnte ich ziemlich lange 
nicht wieder einschlafen und zählte jo 
fort. Die Bombenjchläge fielen meift 
in Zwiſchenräumen von drei und 
fünf Secunden; das längfte Intervall, 
das ich abzählen fonnte, waren fünf: 
undvierzig Secunden, aljo gerade Drei: 
viertheil einer Minute. it es denkbar, 
daß ein Menſchenkind in der belagerten 
Stadt des Nachts ein Auge zuthun 
fann? Als ich zum erftenmal diejen 
mörderiſchen Spektakel hörte, der aus 
flammenfpeiendem Ring allnächtlich 
gegen die arme Stadt losdonnert, war 
e3 mir unbegreiflih, daß nicht ein 
gut Theil ihrer Bewohner bereits 
wahnfinnig geworden fei. Aber der 
Menſch jchläft unter den feltfamften 
Umftänden. Der Belagerer, der fich 
nicht entjchließen kann, fi auf den 
durch endlofen Negen zur Pfüge auf: 
geweichten Boden hinzuftreden, Tehnt 
ih an einen Baumftamm; an diefem 
nidt er jo und fo oft ein und finft 
in die Kniee und rüttelt fich wieder 
auf, bis er enblih vor Erſchöpfung 
heruntergleitet und, von mwachjender 
Müdigkeit befiegt, da wo er eben hin- 
fällt, liegen bleibt; eingejchlafen ift 
er Schon. Und fo träumt vielleicht auch 
der Belagerte in feinem bombenficheren 
Meinfeller einen ſchönen Traum aus 
goldener Friedenszeit, während oben 
in feinem Salon eine Bombe platt. 

Geſtern Nacht lag ein dichter Nebel 
auf der Stabt. Es war nichts fihtbar 
als die drei großen Brände, die weit 
bin in die halbverbrämte Finfterniß 
ihre ſchräg vom Winde getriebenen 
Feuerſäulen aufraudhen ließen, und 
das unaufhörliche Blitzen unferer Bat: 
terien. Deutlicher als fonft, faft rafeten- 
artig, zogen die Bomben ihre hohen 
Funkenbogen auf dem Grunde der 


108 


Naht. Drüben auf einem Berg im 
Schwarzwalde jah man, befonders ehe 
die Nebel noch jo jtark vom Niheine 
aufftiegen, einen mächtigen Schein, ob 
eine Feuersbrunſt, ob ein Freubenzei- 
hen wegen der Einnahme von Toul? 
wir konnten's nicht wiſſen. 

Heut’ ijt ein klarer, ſchöner Abend 
und die Sonne geht hellleuchtend nieder. 
Mir zur Linken im Felde ftehen etliche 
von der Hite geborftene Bierundzwanzig- 
pfündiger. Sie reden ihre pulverge: 
ſchwärzten Mäuler in den jchimmern: 
den Abendhimmel auf und die Spagen 
fegen fi mit vergnüglichem Gezwit— 
jeher in den invaliden Gußitahl, aus 
dem nie wieder die ultimo ratio der 
Könige das donnernde Wort ſprechen 
wird. Nechts treiben zwei Ulanen 
eine Rinderheerde heim. Die Pferde 
niden jo behaglih in ihren Zügeln 
und von den ungewöhnlichen Hirten: 
ftäben mit der blanfen Stahlſpitze 
flattern bie jchwarz= weißen Fähnlein 
züngelnd gegen das Abendroth. Einer 
der Ulanen fingt fih ein Lied. Ach 
fann nicht unterjcheiden, was für eines, 
denn vor mir auf dem Fahrwege rollen 
polternd und Elappernd und rafjelnd 
wie jeden Abend in einer endlofen 
Linie die Leiterwagen, einer hinter dem 
andern, die lange Zandftraße hinaus. 
Auf den Wagen ftehen bläulich ange: 
jtrichene, vieredige Kiften. Zumeilen 
ift der Dedel des einen oder andern 
ein wenig geöffnet und daraus guden 
rundlich zugejpigte, zuderhutförmige 
Kegel hervor. Die wadeln jo gemüthlich 
wenn die Räder über die harte, zer: 
flüftete, ganz zu Schanden gefahrene 
Zandftraße jchlottern, und fie niden 
dir unter dem Happernden Dedel zu, 
al3 wären fie nur zum Spaß auf ber 
Melt. Und dod) find’S Granaten. Zur 
Abwechslung fommen dann auch Wa: 
genladungen von großen, ſchwarzen, 
löcherigen, eijernen Kugeln; das find 
bie Bomben. Und in den runden Fäſſern, 
beren man beim Nahhaufegehen ab 
und zu eines leer auf der Straße 
verloren findet, in denen ift jetzt das 


Pulver, Ueber ein Kleine und was 
da fröhlid mit fingenden, ſcherzenden 
Soldaten dahinrottet, übt, in die richtige 
Berbindung gejegt, feine verheerende 
Wirkung. 

Vom raffelnden Kriegswagen herun: 
ter grüßt mid ein Soldat gar ver: 
traulih. Nichtig, das ift der vier: 
ſchrötige Landwehrmann, welchem ich 
heute morgen das halbe Dugend 
Kinderftrümpfe zuerfannt habe. Der 
Dienft in den Trancheen und Batterien 
it hart. Die Leute müſſen die langen 
falten Herbitnächte oft bis an bie 
Knie im Waſſer und Schlamm fte: 
hend arbeiten. Der Bedarf an Fuß: 
bekleidungen ift gar nicht zu befrie: 
digen. Jeden Morgen kommen die 
armen Kerle zu uns ind Depot und 
bitten und flehen um warme Soden 
und Strümpfe. Straßburg wird zum 
guten Theil von Landwehren belagert. 
&o find e3 denn meift ältere Leute 
mit gefurdten Zügen und Fräftigen 
Stoppelbärten, die daheim ein Gejchäft 
und Weib und Kinder haben, und 
wer fann es ungerührt mitanhören, 
wenn fo ein Man, noch ganz burdh: 
froren von der naſſen Herbftnacht, mit 
heiferer Stimme einem feine Sappeur: 
dienste oder Kanonierthätigkeit ſchildert 
und um eine wollene Unterjade oder 
ein zweites paar Soden petitionirt. 
Ich habe nun die abjcheuliche Gemohn: 
heit zu geben, jo lange was da iſt. Zu: 
weilen tritt in unferen wollenen Bor: 
räthen freilich bedenkliche Ebbe ein; jo: 
bald aber der „Liebesonfel” wieder neue 
Zufuhr gebracht, fann ich feinem braven 
Mann, der fi über nafje Füße be: 
Hagt, einen Strumpf abjchlagen. Durch 
diefen Liberalismus in Wolljachen bin 
ich mit meinem dermaligen Vorgeſetzten, 
dem Johanniter, bereit3 in empfind- 
lihen Meinungsftreit gerathen und 
babe mir ernftlihe Rügen zugezogen. 
Saden und Strümpfe und dergleichen 
foftbare Dinge ſollen durchaus nicht 
mehr an einzelne Leute, jondern nur 
mehr den Feldwebeln „kompagnieweiſe“ 
abgegeben werden. Das hat auch feinen 


109 


guten Grund. Es find nämlich er: 
ſtaunliche Fälle vorgefommen, daß 
einzelne Mannjchaften ſich wiederholt 
mit geftridten oder auch gewirkten 
Fußbefleidungen, Pulswärmern und 
andern derartigen Dingen haben be: 
gaben laſſen, diejelben aber dann 
feineswegs angelegt, fondern an andere 
Soldaten oder auch an die Dorfbe- 
mwohner um ein Billiges verfauft und 
den Erlös vertrunfen, oder wie man 
das PVerfahren in der Depot:Spradhe 
nennt, „inwendig angezogen” haben. 
Aber bei einem Menſchen mit jo ver: 
ftocten Grundfägen und jo empfind: 
lichen Gehörwerkzeugen, wie die mei: 
nigen, fruchten auch To begründete 
Mahnungen nicht recht. Und wenn am 
andern Morgen ein armer Teufel in 
meine Vorrathskammern dringt und 
wenn ih mir auch nicht ganz klar 
darüber bin, ob feine Heiferfeit mehr 
von najjen Füßen oder mehr von naffer 
Burgel ftammt, fo greif’ ich doch immer 
wieder nah der Molle und vergebe, 
jo lange wa3 da if. Auch auf die 
Gefahr hin, ein oder das anderemal 
bejhmwindelt zu werden. Denn ih muß 


es in Zweifel für das geringere Uebel‘ 


erachten, daß fich ein ftreitbarer deut: 
Iher Mann einmal öfter betrinft, ala 
daß er ſich einmal öfter erfältet. 

Mit ſolchen Grundfägen ift man 
freilih fein guter Depotvermwalter. 
Darin muß ich meinem Johanniter 
ganz Necht geben. Aber unter den ge: 
meinen Soldaten habe ich viele gute 
Freunde. 

Welches Vergnügen mußte einem 
jo didfelligen Verwalter ein Fund be: 
reiten wie derjenige, welchen ich geftern 
beim Auskramen einer frifehen Sen: 
dung machte. Jrgend ein Liebesgaben: 
jpender in der theuren Heimat hatte 
— ih kann nicht jagen, ob aus Ber: 
jehen oder in der Abficht den Pad 
um jo voller zu gejtalten — er hatte 
in jein riefige® Convolut auch eine 
anfehnliche Partie von Kinderftrümpfen 
mitdreingehen lafjen! Welch' anderer 
Beitimmung konnte der edle Spender 





ſolche Waaren nachträglich unterworfen 
willen wollen, als daß fie von irgend 
würdigen Bruchftüden des deutſchen 
Heereskörpers in gerechter Vertheilung 
verfneipt würden? Ich habe fie mir 
in diefem Sinne bei Seite gelegt und 
beichlofjen, fie in Fleineren Abtheilun: 
gen ungeöffnet und mie aus Verfehen, 
mit ernhafter Miene und begleitet von 
etlihen barjhen Worten, an folche 
Kerle zu vergeben, welche mir ſchon 
wegen ihres öfteren Wiederfommens 
im Verdacht unbefugten Kleinhandels 
mit Depotwaaren zu jtehen jcheinen. 
An einen folhen Hab’ ich heute früh 
das erſte halbe Dugend Miniaturüber: 
züge für Bebe Pfötchen mit großem 
äußeren Unwillen und großer innerer 
Befriedigung verabreicht. Es war ein 
tiefiger Trainfnecht, den ich als wieder: 
fehrender Bittjteller nicht nur an feiner 
funfelnden Naſe, jondern auch an ben 
ungeheuerlichften Gehwerkzeugen er: 
fannte, deren Gleichen nicht größere 
mehr auf dem europäifchen Gontinente 
zu finden fein dürften. Sch bin nicht 
ficher, ob mein freundlicher Johanniter 
dieß Verfahren für ebenfo menſchlich 
gerecht als wirthſchaftlich erachten 
würde. Der Mann aber, welcher eben 
zwiſchen polternden Granatenfiften an 
mir vorüberfuhr und mir über bie 
Leiter des ächzenden Wagens gebeugt 
feinen freundſchaftlichſten Gruß zurief, 
dep bin ich fiher, daß jeine jchöne 
Seele die meinige verftanden. Er hat 
die Kinderftrümpfe inwendig angezogen. 
Und wenn fie ihn warmhalten in der 
naßfalten donnerdurchbrüllten Nacht, 
jo haben fie auch fo ihre Schuldigfeit 
gethan und er mag dir danfen, vor: 
jorglicäfter aller Liebesonfel, der du 
fein Maß an die Gaben deiner Mohl- 
that legteit, als du deine Ladenhüter 
fämmtlih auf den Altar des Vater: 
landes ausfchütteteft. Wer weiß, viel- 
leicht braucht der Mann nie wieder 
mehr einen größeren Strumpf, und 
feine Füße jehen mit emporgeredten 
Sohlen die nächite Sonne aufgehen, 
weil die Kugel einer Wallbüchſe drei 


——— 


Fuß höher eingeſchlagen und dem 
kräftigen Geſellen die letzte Erkältung 
zugezogen hat, von der ſich keiner mehr 
erwärmt, auch wenn ſie ihn noch ſo 
dichte zudecken. 

Bum! bum!! Bauz!!! Der ein— 
ſilbige, urmetalliſche Koloſſalklang der 
Rieſenmörſer geht einem noch in ge— 
höriger Entfernung durch Mark und 
Bein. Das Gebelle der Batterien 
nimmt zu. Es übertönt mit jeder Mi: 
nute mehr das Nafjeln und Knattern 
der unendlichen Wagenreihe. Die Sonne 
finft hinab und rajcher bläft der Wind 
über alle Riten und Klüfte der zer: 
marterten Landftraße den dürftigen 
Sand, Die Soldaten ziehen die Müten 
fefter an den Kopf, etliche binden fich 
ihre Tajchentüdher um die Ohren und 
den trottenden Gäulen jtehen immer 
wieder die Mähnen gegen Himmel, fo 
oft fie ihnen auch) wie müde auf Die 
Hälſe zurückfallen. 

Es war ein rechtes Glück, daß 
mich der Trainknecht an meinen Jo— 
hanniter erinnerte. Es iſt höchſte Zeit, 
nach Hauſe zu eilen. Wir haben eine 
genaue, geregelte Hausordnung und 
das Verſäumen der Theeſtunde müßte 
den ernſten Mann überzeugen, daß ich 
die Vorzüge, welche er mir einräumt, 
durchaus nicht entſprechend zu ſchätzen 
wüßte. 

Ich kehrte alſo caſch dem Münſter— 
thurm den Rücken zu und machte mich 
auf den Heimweg. In dieſem Augen— 
blick lösten fih, zu meiner Schande 
jei es geftanden, fämmtliche Gedanken 
in Einen leifen Seufzer auf. Wenn 
ich dieſen leiſen Seufzer in gemein: 
verſtändliches Schriftdeutſch überjege, 
ſo lautet er: Schinken mit Eier! 

Die Mehrzahl der freundlichen 
Leſer wird das für einen ſehr anmu— 
thigen Gedanken erachten. Allein er 
war es doch nicht ſo ganz, vielmehr 
ein Hauch von Unmuth und Ueber— 
druß dabei, welchen ich zu erklären 
habe. Es liegt mir nämlich nicht nur 
aus confeſſionellen, ſondern auch aus 
geſelligen und gaſtronomiſchen Gründen 


ſehr viel daran, weder für einen Ver— 
ächter des lieben Schweines im Allge— 
meinen, noch feiner geräucherten Hinter: 
beine in3bejondere zu gelten. O ganz 
im Gegentheil. Und nun gar das Ei! 
jo ſchön von Geftalt und fo nüßlich 
von Gejhmad. Das Ei ift das halbe 
Leben. Ich will aljo hier beileibe 
feinen meiner Freunde in Berlegenheit 
jegen, wenn er mir beim nächſten Be- 
ſuche Schinken und Eier auftiichen 
mag. Immer zu! es ijt mein Leibge— 
richt, oder um ganz ehrlich und genau 
zu reden, eines meiner vielen Leibge— 
richte. Aber Leibgericht hin, Leibgericht 
ber, wenn man jeden Tag zweimal 
oder — was bei der vielen Beichäf- 
tigung im Freien und dem nothge- 
drungen fleißigen Einathmen der heil: 
ſamen Garboljäure gar nicht zu ver: 
wundern ift — wenn man täglich 
dreimal Schinken mit Eier einnehmen 
muß, jo madht das den Menfchen 
tüdifsch nnd unverftändig und er be= 
ginnt über die gute Gottesgabe heim: 
lich zu ſchimpfen. Es hilft nicht ein- 
mal viel, wenn man feinem Gewiſſen 
vorfiellt, wie Taufende von geplagte: 
ren Brüdern an bemjelber Tage Gott 


"loben würden, wenn fie fih an Eiern 
‚und Schinfen fatt eſſen könnten und 


noch überdieß die gute Ausficht hätten, 
morgen und die folgenden Tage das 
Gleiche thun zu dürfen. Auch nützt es 
wenig, ſich die fonderbaren und an— 
rüchigen Dinge zu vergegenwärtigen, 
welche man jelber ſchon in diefen harten 
Tagen als Nahrung zu ſich genommen 
und nur durch außergewöhnliche Quan— 
titäten nachgegofjener Schnäpje ver: 
dauen gekonnt hat. Das bischen Ab: 
wechslung, die man ſich gönnt, ftatt 
des ewigen Schinfend mit Eiern einmal 
Eier mit Schinken, und ein andermal 
gar zum Frühftüd bloß Eier und zum 
Abendbrode bloß Schinken oder um: 
gekehrt zu fich zu nehmen — verichlägt 
auch nicht viel. Der gute Appetit 
überredet einen immer zu der richtigen 
Miſchung und die mangelnde Kochkunſt 
unſeres unter dem rothen Kreuze ver: 


111 


ſchiedene Functionen ausübenden Stiefel- 
wichjers überzeugte mich, daß es beſſer 
fei, die Eier immer nur in weichge— 
fottenem Zuftande auftragen zu laſſen, 
einen Tag und Abend wie den andern. 
Aber der Menſch gehört zu einer un: 
genügiamen Thiergattung ; jobalb er 
nur überhaupt zu eſſen bat, will er 
gleich viel effen und in anmuthiger 
Abwechslung. Sowie man nun unjer 
Häuschen betritt, fann man Schinken 
und Eier gar nicht mehr überjehen. 
Die mit dem föftlihen Inhalt gefüllten 
Fäffer find nicht nur in den Vorraths— 
fammern reichlich vertreten, fie befinden 
fih zum rafcheren Gebrauch jogar in 
unjerem Bureau. Ehe ich an den Schreib: 
tiich gelangen kann, muß ich forgfältig 
an zwei oder drei Fäſſern vorüber: 
ichleihen, welche mit allem Bedacht 
in den jchattigften Winkel des Garten: 
ſalons gerüdt find, und nicht umge: 
ſtoßen werden follen, denn darin liegen 
in ſchützende Hädjel gebettet die rund: 
lichen weißen Hühnereier une lachen 
mid an, al3 wollten fie jagen: „Ich 
bin dein und du bift mein, nun werben 
wir immer beilammen jein.” Und 
wenn ich mit dem Blide der Feder 
folge, die ich in's Tintenfaß tunfe, jo 
ift e3 gar nicht zu verhindern, daß er 
in gerader Richtung auf eine hochge— 
ſchichtete Säule vorforglih gefochter 
goldbrauner Schinfenbeine fällt, wür: 
dig, vom Pinjel eines Rubens verewigt, 
von den Verjen eines Uhland bejungen 
zu werben. Der zu oberft auf der 
Säule liegt, jo zu jagen das Capitäl 
derjelben, ift kunſtgerecht angeſchnitten 
und je nach unjerer bisherigen Leiſtung 
völliger oder geringer. Wie leuchtet das 
rofige Fleifh, wie glänzt der jaftige 
Sped! Und doch kann ich den oberſten 
angefchnittenen Schinken nicht mehr 
anders betradhten, al3 ein Gymnaſiaſt 
feinen Kalender vor dem Eramen. Er 
rechnet jeden Abend, wie viel Tage 
noch er wird auszufireihen haben, bis 
der Monat um if. Nach dem einen 
Monat kommt freilich noch ein anderer 
und nad diefem fommen wieder andere, 





die alle langſam Fleinlich tagemweije 
auszuftreichen find. Thut nichts, wenn 
nur erit der laufende Monat oder 
Schinken abgethan ift, dann athmet 
man gewiß etwas leichter auf. Und 
eine winzige Ueberraſchung ift viel- 
leicht denn doch noch dabei, denn jede 
noch nicht angejchnittene Spedjeite 
birgt gleihfam eine noch ungelöjte 
Frage. 

Im Salon des Johanniters — 
diefer fchmale Salon diente auch als 
gemeinfchaftlihes Speifezimmer und 
als meine Schlaffammer, denn das 
ganze Häuschen hatte im oberen Stod: 
werfe nur zwei Stuben — waren wir 
am erften Abende meines Hierſeins 
no zu Dreien bei der Abendbmahlzeit 
erichienen. Seht waren wir nur mehr 
zwei. Der Dritte war am Morgen 
nach meiner Ankunft nad Berlin ab: 
gereist, um aus den Vorräthen der 
Gentralftelle alle jene nicht länger mehr 
zu entbehrenden Gegenftände durch per: 
jönliche Einwirkung zu erhalten, wel- 
he feine Briefe nicht hatten heranbitten 
fönnen, wie er jagte. Er bot mir aı, 
bis zu feiner Nüdfehr feinen Poſten zu 
verjehen. Ich fagte gerne zu und er lä- 
chelte vor fich hin und zeichnete zwifchen 
dem ftill Eſſen eine Garicatur nach ber 
andern. Diefer Graf X. war feiner von 
den Nittern des Ordens; ein jarfafti- 
ſcher Junggeſelle in dem jchönften Alter 
zwijchen vierzig und fünfzig Jahren, 
hatte er längſt auf fein altes Wappen: 
child die Delfarben der Palette gedrückt, 
lebte für gewöhnlich in einer unferer 
weſtdeutſchen Malerſtädte und erjchien 
mir, groß und breit und ftruppig wie 
er war, in feiner nachläſſigen Haltung 
und Tracht wie das Urbild eines 
fünftlerifchen Zigeuners. Vielleicht ver: 
wandte er in Friedengzeiten etwas 
mehr Sorgfalt auf jein Aeußeres. Die 
erften Fragen, welche er an mich rich: 
tete, ließen fat darauf fchließen. Ob 
ih Surift ſei? Ich konnte es nicht 
leugnen. Nun wollte er von mir wiſſen, 
wie in aller Welt ſein Schneider da— 
zu käme, jetzt während des Krieges 


112 


alte Schulden von ihm einzutreiben, 
und nach welchem beftehenden Rechte 
ein deutſches Geriht, jo lange der 
deutjche Krieg dauerte, ſolch unerhörten 
Anträgen eines unpatriotiichen Schnei- 
ders Folge geben dürfte gegen ihn, 
welcher dermalen eine ſchwarze Mütze 
mit einem weißen Kreuz auf dem 
Kopfe und eine weiße Binde mit einem 
rothen Kreuz am Arme trüge und drei— 
mal des Tages Schinken mit Eiern äße? 

Da ich mich am erſten Abend 





einzutreten. Aber ich bin gewitzigt. Ich 
weiß, die wenigſten Menſchen lieben es, 
in die Geſellſchaft eines Johanniters 
eingeführt zu werden. 

Die braven Ordensleute gehörten 
zu den beſtverleumdeten Menſchen in 
dieſem Kriege. Mit Unrecht. Vor Allem 
der meinige, der Vorſtand unſeres 
Depots, war nicht von jener Sorte, 
welche aus conventionellen Gründen 
ſich ſelber zu hoch und Andere zu 
niedrig ſchätzt. Im Gegentheil, er war 


unter dem erdrückenden Gefühl ebenſo ſchlicht und liebenswürdig, von ge— 
unverhoffter als zuvorkommender Gaft: ringer Eitelkeit und von einfachen Be: 
freundſchaft befand, entſchuldigte ich dürfniſſen, ein leiſer Menſch mit zu— 
meine nicht ganz befriedigende Ant- vorkommenden Manieren, nicht ohne 
wort mit mangelnder Kenntniß des einen Anflug ſanfter Schwärmerei und 
in Betracht kommenden Landesrechtes. doch ſo ganz das, was ich einen Mann 


Drauf fing er eine neue Caricatur — 
wahrjcheinlih die meinige — zu zeich. 
nen an und ſagte dazu, er wolle fich | 
in Berlin auch über diefe Frage bei 
einem berühmten Gelehrten genaueften 
Beicheid holen. Ich habe ihn leider nie 
mehr wiedergejehen. Am andern Mor: | 
gen, ehe noch einer von ung aufge: | 
ftanden — und das geſchah erftaunlich | 
frühe — war er abgereiät. Wahr: 
jcheinlich hat er auch in Berlin lange 
“feinen Nechtögelehrten finden können, 
welcher ihm die jchwierige Frage ge: 
nügend beantwortet, und das ift’8 ge: 
wejen, was feine Rückkehr verzögert hat. 
Und fo faßen wir denn zu zweien 
beim abendblihen Mahle und führten 
häusliche Reden, während draußen 
Mörfer und Kanonen ſich mit der wun— 
derihönen Stadt unterhielten, daß 
einem zumeilen das Herz im Xeibe 
weh that. Seltſames Stillleben, wun— 
derliche Geſpräche! Es verlohnte ſich 
wohl der Mühe, auch den Leſer an 
dieſen lehrreichen Dialogen Theil neh— 
men zu laſſen. Allein die Welt ſteckt 
voller Vorurtheile, beſonders gegen 
die Johannitterritter. Darum erlaubt, 
daß ich mich ein Weilchen beſinne. 


I. 


Nun denn, ich würde euch gern 
einladen, mit mir in ben Fleinen Salon 





ohne Federbuſch nenne. 

Nur in Einem Punkte hielt er 
leider feinen Nriftofratismus aufrecht, 
den er fonjt jo artig in's allgemein- 
menschliche Gefühl verarbeitet hatte. 
Und in dem einen Punkt verdarb er’s 
mit den allermeiften Leuten und zwar 
für's Leben. 

Ich habe ſchon von den vielen 
Fäſſern und Kiften gefprochen, die man 
in dem zum Bureau umgejchaffenen 
Gartenſalon untergebradht. Da waren 
denn auch zahlreiche Kijten von ver: 
Ihiebener Größe mit Cigarren vom 
verjchiedenften Werthe, vom feinſten 
Upmann bis herunter zur gemwidelten 
Brennneffel, die auch der elenbeite 
Kerl nicht mehr für Geld nimmt und 
die der Kaufmann ſchlechterdings nur 
als Liebesontel bei einer freiwilligen 
Sendung an die Armee loswerden 
fann, 

Die Kiften ftanden dedellos. Auch 
dem oberflächlichen Kenner genügte ein 
Blick beim Eintreten, um die Mannig: 
faltigfeit der bier noch Schlummernden 
Genüffe wenigſtens annähernd zu 
ſchätzen. 

Mit immer gleicher Liebenswür— 
digkeit kam der Depotvorſtand jedem 
Beſuch entgegen. „Wollen Sie ſich 
nicht eine Cigarre nehmen?“ liſpelten 
die blaſſen, kaum bewegten Lippen. 


113 


Sobald aber dann der alfo freundlich | 
Eingeladene die Hand ausftredte, wie 
ber Geift ihn trieb, fo ließen fich die 
blaſſen Lippen aufs Neue ehr Leife, 
jehr beftimmt vernehmen und eine gra= 
ziöſe Bewegung der jchönen Hand 
begleitete janft diefe Worte: „Nicht 
von dieſen; ich bitte, fich hier zu be- 
dienen.“ 

Die Todfeindichaft war im Augen: 
blide fertig, wenn auch die erite Re: 
aktion fich jehr verichieden äußerte, 

Der Melanolicus that mit einem 
Seufzer dergleichen, als wollt’ er rau: 
hen, um dann das Kraut, weil es 
nicht 309, bei Seite zu legen; der 
Phlegmatiſche jagte: „ich danke Schön,“ 
ohne das Zeug zu berühren; der San 
guinifer 309, ohne mehr das Wort an 
jenen zu richten, jein eigenes Etui; 
der Cholerifer nahm mit empörter 
Hand die erſte befte Cigarre, die oben 
auflag, und zerbrüdte den infamen 
Stengel während einer jcheinbar gleich- 
gültigen, in Wahrheit aber ſehr leiden- | 
Ihaftlihen Rede zwiſchen feinen be: 
benden Fingern. 

Vergeben hat ihm feiner je! und 
diejenigen am allerwenigiten, die aus 
Horn oder Berlegenheit feine Gaſtge— 
ſchenke wirflih in Rauch aufgehen 
ließen. 

Er hatte dann meiſtens mehr oder 
weniger Grund, auch feinerjeit3 über 
da3 Benehmen der Herren zu Elagen, 
denen er „jo freundlich” entgegen ge 
fommen war. Daß er den Leuten 
etwas Empörendes zugemuthet, fiel 
ihm nicht ein. 

Db einer, der als Freiwilliger ober | 
Referveoffizier im Heere ftand, daheim 
Richter, Gelehrter, Künftler von Be: 
deutung war, das galt ihm gleich ; 
derjelbe jollte rauchen, was er für den 
gemeinen Soldaten oder Lieutenant für 
gut genug achtete. Denn auch der Of: 
fizier hatte feiner Charge wegen nur 
Anspruch auf eine nicht befonders er: 
freulihe Mittelforte.e Der Geihmad 
in Rauchangelegenheiten war bei ihm 
weder Sache der Bildung noch des 


Bofeggers „Heimgarten‘‘ 2, Heft 











Avancement3, jondern ausſchließlich 
der — Race. 

Ein fimpler Herr von oder ein 
neugebadener Baron, jo was trat ihm 
auch noch nicht tief in die Seele. 
Unter vier Quartier gelangte man 
jelten zu einem wirklichen Vergnügen, 
Wenn aber einmal die großen Herren 
zu Beſuch anritten... 

Wie ih mit dem Manne dann 
ausgefommen bin, ohne daß einer von 
Beiden fih etwas vergeben ? 

Vortrefflich ! ich rauche ja nit... 
Und Dieß rechnete mir der Brave 
hoch an, daß ich in den legten Herzens: 
winkel, in welchen fich fein angeborenes 
Lorurtheil nicht ganz ohne Behagen 
geflüchtet hatte, nicht mit des Gelüjtes 
rückſichtsloſer Hand eingriff. 

Ihr aber, lieben Leſer, ihr raucht 
mehr oder weniger alle; darım id 
e3 in jedem Falle für beſſer halte, 
euch nicht weiter in unſere Häuslichkeit 
einzuführen. 

— Es hätte heut auch nichts ge: 
holfen, euch zum Thee zu bitten. Es 
gab wohl noch Thee und Landmwein 
zum Abendbrot — aber ſonſt nichts ! 
Keine Schinken, feine Eier mehr! Sie 
find alle fort. In der kurzen halben 
Stunde, da der Verwalter, um fich zu 
verjchnaufen, auf die Landitraße gegan- 
gen, kamen Boten von dort und da, 
Ich will mid umfehen, wo wir im 
Dorfe was zu ejjen finden. Aber heute 
geht auch das nicht ar. Auf der ande: 
ren Seite des Gartens fteht Schon das 
voll gepadte Bauernwägelchen. Es ijt 
noch immer nicht Feierabend geworden. 

Ab- und Auffigen und nur recht 
hurtig nah den Nothlazarethen zu 
B. und ©, fahren, ehe die Nacht ein- 
bricht. 

So raſch folgt auf die Sünde des 
Gedanfens die thatſächliche Strafe. 
Hätt’ ich nur nichts gegen Schinken 
und Eier gejagt! Aber fort, fort! Nur 
noch einen Zug aus der Flajche und 
dann den Mantel her. 

Wie ich die Thür aufmache, wirft 
mir der jaufende Wind eine Ladung 

8 


114 


welfer Blätter vor die Füße. Schaurig | fällt. Der Kutjcher jhläft ein. „Heda 
und falt weht's über die Ebene her. Burſch! ift das der rechte Weg, den 


Der Bauer auf dem requirirten Wagen 
mit der flatternden blauen Blouſe, 
die ſchwarze Mütze tief über den Kopf 
gezogen, fieht mich halb verlegen, halb 
ungeduldig an und ſpielt mit jeinem 
Peitſchenſtiel. Ich Tag’ ihm das nächſte 
Ziel der Fahrt und trab, trab geht’s 
rüttelnd und bolpernd fort auf der 
zermarterten Straße. 

Eine zeitlang unterhält man ſich 
mit dem allemannifchen Nachbar recht 
gut. Der Fuhrmann thut wenigiteng 
dergleichen, als jei er ganz verftändig. 
„Uns Proteſtanten wär’ es jchlecht 
genug ergangen, wenn die Franzofen 
geſiegt hätten?”... Ob er einem 
Franzojen dasjelbe jagen würde? 
Schwerlich. Gleichviel. 

Das Herumkutſchiren macht die 
Bauernfnechte nicht verbrießlidh. Je 
näher der Feſtung, deſto Schöner. Aber 
nahdem der Menſch ein Dugend Fra: 
gen beantwortet hat, verjtummt das 
Geſpräch. Es wird immer ftiller und 
immer bunfler. In der grauen Däm— 
merung verichmelzen die Umriſſe aller 
Gegenjtände fchattenhaft. Die Welt ver: 
blaßt. Nur der Wind haut einem 
manchmal um die Ohren, es fcheint 
aber, als verlör’ auch er mit jeder 
Viertelftunde an Heftigfeit. Sind denn 
noch Kanonen zu hören? Kaum. Es 
wird zwar noch immer ab= und zu ges 
ſchoſſen. Aber gar nicht fo, wie man's 
mit jedem nächiten Augenblid erwarten 
zu müſſen glaubt, und dieſe mäßigere 
Arbeit dünkt einem faft wie Ruhe. 
Jetzt wird's wirklich ftill, ganz ftill, 
unheimlich jtil. Die Stille vor dem 
Sturme, 

Heftiger Hatjcht die Peitſche auf's 
Rößlein und rafcher fahren die Schwei- 
genden dahin, 

Halt da!... Parole?!... Feld: 
geihrei?!... . Wie oft noch heut 
Abend ? 

Man glaubt, es fei noch immer 
Abend, aber es iſt graue Nacht, die 





wir fahren?” „Wohl, Herr”. Wieder 
ein Hieb mit der Peitihe und wieder 
ein paar Fragen und Antworten, über 
Gegend, Menjchen und Zeit. Auch dieß 
Gejpräd reißt bald wieder ab. 

Hu, die Brände! Wie fie heut in 
den Nachthimmel jo deutlich aufragen. 
Die langen, flammenglühenden, vom 
Wind fchräge gelegten Qualmſäulen. 

Und nun bricht der Lärm los! 
Meld ein Lärm! 

Der Kutjcher hebt den Kopf, die 
Najenflügel zittern, er treibt das 
Pferdchen, als hätt’ er Eile, der Stadt 
jo nah wie möglich zu kommen. 

„Haben Sie Verwandte in Der 
Feſtung?“ 

„Ja, einen Bruder — er ſteht in 
der Mobilgarde — und eine Schweſter 
— ſie hatte einen kleinen Kram, der 
was einbrachte auf dem Dorfe. Sie 
könnte jetzt viel verdienen, hätte ſie 


ſich abreden laſſen, nach der Stadt zu 


flüchten, ſowie die Preußen kamen.“ 

Er ſeufzte und unwillkürlich ſagt' 
ich: „die armen Straßburger!“ 

„Ach die!“ ſagte der Fuhrknecht 
und zuckte die Achſeln unter ſeiner 
Blouſe. 

Ihm war's nur um Bruder und 
Schweſter; auf die Städter war er 
nicht gut zu ſprechen. Die Bande, die 
ihn an's alte Staatsgefüge geknüpft, 
waren entzwei geſchoſſen; andere mit 
dem neuen noch nicht geſchlungen. Das 
Nationalgefühl hatte in ihm keine 
Zunge. Er verjtand nicht ein Ster— 
benswörtlein franzöſiſch. Sich als 
Deuticher zu fühlen, hatte man ihm 
von Kleinauf ausgetrieben. Herrenlos 
zwiichen zwei fämpfenden Völkern, 
nit mehr beim einen, noch nicht 
zum andern gehörig, behielt nur die 
Familie für den rauhen Menjchen 
Werth und wenn er jeufzte, jo follt’ 
es nur Bruder und Schweiter gelten. 

Brüder und Schweitern ! Menfchen ! 
In diefem Augenblide, da die Rieſen— 


Naht über der Ebene. Der Nebel | mörfer ihre furchtbaren Geſchoſſe in 


115 


gewaltigen Bogen durch die Nachtluft |migen, halbinfelartigen Gefilde, das 
ichleudern und eine hochaufwehende er umfchrieb, waren vordem ausge: 
Feuersbrunft dämoniſche Lichter auf; dehnte Fabriken, ich glaube Lederfabrifen 


den alten Münfterthurm fallen läßt, 
in diefem Augenblide jterben Menfchen, 
bie furz vorher noch kühn geathmet 
haben, jterben elend und unter furcht: 
baren Schmerzen. Zerriſſene Leiber, 
zerbrochene Knochen, brennendes Fleiſch 
und ftrömendes Blut.... Und die 
Feuersbrünfte lodern, die Batterien 
donnern in Einem fort. 

Wieder tritt eine ſchattenhafte Figur 
vor dem Wagen auf die Straße. Das 
Pferd jteht vor dem gefällten Bajonnet. 
„Parole!“ ... „Feldgejchrei!” 

Noh ein paar Minuten, Da ijt 
das Nothlazareth, ein kleines Haus 
mit erleuchteten Fenſtern, die im Nacht: 
wind raufchende Fahne über der Thür. 
Sei mir gegrüßt, du brave weiße Fahne 
mit dem rothen Kreuz! Ich brauche 
nicht nach Leuten zu juchen, die abladen 
helfen. Sie fommen mir unter der 
Thür entgegen. Drinnen... Bleibt 
auch hier lieber draußen! Mögen bie 
Schatten der Nacht euch diefe Nacht: 
jeiten des menſchlichen Daſeins ver: 
büllen. 

II. 





und LZohgerbereien, in glüdlihem Be: 
trieb geſtanden. Was war von ihnen 
geblieben? Ich Hatte nie vordem ein 
Bild jo gründlicher Zerſtörung ges 
ſchaut. Ein weites Feld mit zerbrödel: 
tem Geſtein überdedt. Es jah nicht 
anders aus, als hätte man die großen 
Gebäude in einer Mühle zerrieben. 
Hier und da ragte noch aus dem 
gräulihen Trümmerwuſt ein Stüd 
des Gemäuers hervor, in Brüchen ge- 
zackt und vom euer geihwärzt. Ein 
paar riefige Majchinen, zu Schanden 
gewordenes Metall, die mächtigen 
Stangen zerknidt, die gewaltigen Eiſen— 
räder ineinander gedreht, jujt wie die 
Kinder ihre Bleifoldaten knicken und 
zerdrehen. Weiter drüben muß einft 
eine Villa geftanden haben. Mitten im 
Schutt blieb das Reſtchen einer eleganz 
ten Façade ftehen, ein jchmales Stüd 
ſorgſam polirten Rohbaues. In dem 
Sandfteinrahmen glänzte merfwürdiger: 
weife noch eine ganz unverjehrte Spie: 


| geljcheibe. Das zerbrechliche Glas hat 
das ganze Haus überdauert. 


Die Verwüftung war von franzö- 
ſiſchen Geſchützen angerichtet worden. 


E3 war am andern Morgen. Wir | Heute find fie nicht mehr fo fleißig. 


wollten gerne die vorgeſchobene Batterie | Immerhin hat noch vor zehn Minuten 
jehen, bie erſt heute Nacht fertig ges | ziemlich nah’ eine Bombe eingejchla- 
worden wat. Ein junger Militärarzt gen. Nun gehen die Soldaten hin, die 
aus Schwerin, ein tüchtiger und Lie | Stelle zu bejehen. E3 iſt in einem 
benswürdiger Menſch, war mein Bez | früheren Hof oder Garten, deſſen Ges 
gleiter. ch glaube nit, daß wir den | päude nur zur Hälfte zerjtört find. 
nächſten Weg gingen, aber wir mach: | Dort wühlte fih das Geihoß in bie 


ten einen hübſchen Spaziergang. 

Ein wundervoller Herbittag lachte 
vom Himmel, die Sonne jchien fo gol: 
dig, zur ab und zu qualmten die 
runden weißen MWölfchen vor dem Kırall 
von den deutjchen Geſchützen auf, welche 
in der Nacht mit jo furchtbarem Fleiß 
gearbeitet; nur ſehr jelten durchſchwirrte 
von der Stadt her ein Geſchoß die 
bligende Luft. 

Wir famen mehrmals über einen 


Erde und that feinen weiteren Scha: 
den. Die Gartenmauer fteht noch und 
vor dem offenen Thor geht ein Ber: 
liner Landwehrmann gelaſſen auf und 
nieder. Er lacht den Bekannten zu und 
weist die Fragenden mit gelafjener 
Hand nad) der Stelle, Feine vierzig 
Schritte weit von ihm. 

An der einen Säule des Fahr: 
thors, das die Schildwache hütete, jah 
ih oben auf dem rothen Baditein ein 


Heinen Waflerlauf. In dem ringför: | fleines abgegriffenes Schnigelchen Pa: 


8* 


116 


pier geflebt. E3 mußte: aus einem 
Buch ober einem Flugblatt ausge: 
fchnitten worden fein und enthielt in 
fleinen Lettern die Worte des Pſal— 
miften: „Ich liege und fchlafe ganz 
mit Frieden, denn allein Du, HErr, 
bilfjt mir, daß ich ſicher wohne.”... 

In der neuen Batterie ging’3 ge: 
Ihäftig her. Die ſchwarzen Krupp'ſchen 
Vierundzwanzigpfünder ftanden da und 
preußifche Unteroffiziere unterrichteten 
daran württembergiſche Mannjchaft. 
Ein Bild der herbe gewonnenen deutjchen 
Einheit. Wahrlih der neugeborene 
deutſche Staat bejchreit die vier Wände 
der ftaunenden Welt mit furcdhtbarem 
Getöfe! Und recht jo! Würde fie fonft 
an feine Zebensfähigfeit glauben ? Und 
fie fol daran glauben! 

Bon der Batterie ſah man die 
Umfaffungsmauer der Stabt etwa 
achthundert Schritte vor fi im Sonnen: 
jcheine liegen. Der grünlich-graue Be: 
wuchs des Glacis ſah mehr wie Schlamm 
ald Grad aus. Dahinter ragte das 
rauchende Gerippe der großen Fink: 
mattlajerne in die funfelnde Morgen: 
luft. Schaudervolles Werk ber Berftö- 
rung, wie lange muß es noch gethan 
werden ! 

Wir gingen desjelben Wegs nad 
Sciltigheim zurüd. Ich mochte mir’s 
nicht verfagen, noch einmal über bie 
Trümmerfelder zu wandeln und zu 
betrachten, wie gründlih Menſchenwitz 


vernichten fann, was Menſchenwitz 


geichaffen. 

Sp famen wir auch zu einem 
fleineren Gehöfte, das in Trümmern 
lag. Man merkte es an zerfnicten Rau: 
fen, bier mußte ein Stall geftanden 
haben. Das hier ift wohl ein Brunnen 
gewejen und das eine Scheune. Mie 
wunderjam! Nichts war ftehen geblie- 
ben als der Taubenſchlag auf feiner 
hölzernen Säule. Auch diefer war von 
Brandihäden ſchwarz und oben durchs 
Gehäufe ging auf der Linken Seite 
ein rundes Loch, dem unten auf ber 
rechten Seite ein anderes brandgerän- 
dertes Loch entſprach. Auch hier mußte 
eine Kugel durchgeſchlagen haben. Jetzt 
aber krochen durch das obere Loch die 
Tauben aus und ein, die in ihrem 
Kobel troß alledem weiter nifteten. 

Ich habe niemals einen erſtaun— 
liheren Anblid genoffen, als auf bie 
jer Trümmermwüfte den des halbzer: 
ſchoſſenen, aber noch aufrechtjtehenden 
Taubenjchlages mit den lieben, from: 
men, flügelichlagenden Vögeln, von 
denen das Volk zu jagen pflegt, daß 
jie feine Galle haben. 

„Sehen Sie do, wie ſchön und 
tröftlich diefer Anblick!“ rief ich mei: 
nem Begleiter zu. 

„Wahrlich!“ fagte der Freund und 
eritaunte, „das ift lebendige Poeſie!“ 

„Stillleben im Kriege!” 

(Siehe „Heimgarten“ I. Heft. ©. 36.) 


-117 


In der Rnechlſchaft. 


Ein lehrreihes, farbenprächtiges | nächften Anwohner fägen dann das 
Bild, das uns Prof. G. Kinkel in | Mittelftüd heraus, das über den Pfad 
einem Bortrage über bie chrijtlichen | reicht, und lafjen rechts und links bie 
Unterthanen der Türkei entrollt. Wir | Enden ruhig verfaulen. Der ewige 
fehen in demſelben, wie überaus elend | Schatten der Waldung bildet vielfach 


die Eriftenz der chriftlichen Bevölfe: 
rung auf ber Balfanhalbinjel und 
wie gerechtfertigt ihr Kampf auf Leben 
und Tod it. 

Unter Berhältniffen — jagt Kin: 
fel in feiner lichtvollen Abhandlung — 
wo ber Menih an dem Boden fein 
Intereſſe hat, den er bebaut, ift der 
Zuftand des Landes jchon vor dem 
Ausbruch der gegenwärtigen Infurrec- 
tion ein für Europa unerhörter gewe— 
jen. Fahrbare Straßen finden fih in 
jenen Strichen faft gar feine; benn wenn 
auch die Regierung einmal zwifchen ein 
paar größern Städten Chauffeen führte, 
jo wurden fie jchlecht angelegt, gewöhn— 
lich ohne Unterbau und bloß durch Be- 
Ihüttung. Eine von Weften nad) Dften 
quer durch's Land zu legende Eijenbahn 
wurde 1869 durch die Ingenieure des 
Barons von Hirfch mit außerordentlichen 


auch fumpfige Stellen, welche niemals 
‚trodnen, weil Wind und Sonne nicht 
herzufönnen. Im Kalkfeld der Herze: 
gomwina haben die Säumer im Laufe 
der Jahre runde Löcher, drei bis fünf 
Zoll tief, eingetreten, und jedes Thier 
jeßt die Fußeifen genau in biejelbe 
Spur, um überhaupt die glatten Stein- 
wände hinaufflettern zu können. 

Das Gräulichfte von Allem find 
aber die gepflafterten Straßen, welche 
dienen, um Sümpfe zu pafliren. Sol 
eine Straße heißt ein Kalderma. In 
der Mitte des Weges ift in der Breite 
von 6—9 Fuß ein erhöhter Damm 
von Steinblöden aufgeichichtet, welche 
etwa einen Fuß groß find. Werden 
diefe allmälig glatt und abgerundet, 
jo kann beim Negen felbit das bosni- 
ihe Gebirgsroß auf ihnen nicht Fuß 
faflen. Man reitet daher daneben, und 


Koften und Anftrengungen tracirt, iſt ſo bilden fich beiderfeitS des Dammes 


aber längft aufgegeben. Die üblichen 
Berbindungswege find Saumpfade, nur 
für Gebirgsrofe zum Neiten und 
Waarentransport brauchbar, daher in 
diejen Ländern, mit Ausnahme der 
ärmiten Rajah, Jedermann beritten ift. 
Diefe Saumpfade find ohne Führer 
nicht zu finden, da fie oben auf den 
nadten Plateaur ganz unerfennbar 
bleiben. Sie gehen die Berge ohne 
Krümmungen jo jteil hinauf, daß 
man beim Herabfteigen das Roß nad): 
ziehen muß. In den Thälern "find die 
Wildwaſſer zwar überbrüdt, aber die 


Brüden find, einige alte Römerwerfe, 
Platte, 


ausgenommen, meiſt nur von Holz 
und jo arg vernadläffigt, daß man 
fiherer und lieber durch's Waſſer rei: 
tet. In den Urmäldern fperren oft 
gefallene Baumftämme den Weg, bie 


fußtiefe Gräben. Es bleibt die ange: 
nehme Wahl, auf dem Pflafter den 
Hals zu breden oder im Sumpf zu 
ertrinfen. 

Den Annehmlichkeiten der Straße 
entſpricht das Nachtquartier. DieWirth3: 
häuſer oder Khans liegen weit aus: 
einander. Unten iſt ein großer Stall 
für 60 bis 100 Roſſe, oben meiſt 
nur ein einziges Zimmer, mit einer 
großen Matratze über den ganzen 
Fußboden, die nie geflopft oder ge: 
lüftet wird. Bettftellen gibt e3 nicht, 
auch feine Tiſche und Stühle. Man 
jpeift am Boden hodend von einer 
und dann legt man fich in 
den Kleidern auf das allgemeine Polſter 
zur Ruhe. Schlafen aber kann der 
Europäer dort nicht wegen des gräß- 
lihen Ungezieferd, und auch am fol 


genden Tag hat man im der freien 
Luft feine Ruhe, da man die Plage 
in den Kleidern mitnimmt. Wer dies 
vermeiden will, muß Bettitatt, Bett: 
zeug und Proviſionen mit ſich führen. 
Hiezu aber braucht ein europäijcher 
Reiſender ein Roß für fich, eins für 
den Diener oder den gemietheten 
Genbarmen, eins für's Gepäd. Nimmt 
er hiefür Poftpferde, jo muß auch 
dem begleitenden Poſtillon, der fie 
nachher zurückreitet, noch fein Roß 
bezahlt werden. Zu Einer Wegſtunde 
braucht man, die Raſten eingerechnet, 
anderthalb Stunden Zeit, und ſo be— 
greift es ſich, daß die Koſten für Einen 
Reiſetag auf 20—25 Gulden öſter— 
veichifch anfteigen. Nur zumeilen ge: 
lingt es, bei einem wohlhabenden 
Mufelman oder in einem chrijtlichen 
Klofter beifere Privatherberge zu be: 
fommen. 

Unglaubli traurig ift der Anblid 
eines chriftlichen Dorfes in diejen Län: 
dern. Stattlich find nur die befejtigten 
Häufer der Begs (Vorfteher), unten mit 
ftarfen Mauern, wo die Roſſe ihre Ställe 
haben, darüber die Wohnzimmer in 
Holz gebaut. Die Mohamedaner haben 
gern ein Norderhaus nad der Straße 
zu, dann folgt ein Gärtchen, und hin: 
ter diefem ein befonderer Bau für die 
Frauen, wo der Hausherr auch ſpeiſt, 
wenn er feine Gäfte hat. Diejer Theil 
wird auch in Bosnien der Harem, das 
Vorderhaus aber der Selamlif, d. 5. 
der Empfangsraum, genannt. Hier 
tritt oft der größte Mangel an euro: 
päiſchem Comfort in den wunderlich— 
jten Gontraft zu den ſchönſten orienta- 
lichen Teppichen und den edeln Race: 
pterden im Stall drunten. In den 
hriftlihen Dörfern dagegen liegen die 
einzelnen Gehöfte weit auseinander. 
Jedermann baut fih fein Haus jelber, 
und es wird auch darnach. Aus den 
Wäldern, die der Regierung gehören, 
darf man dafür ſich Holz holen foviel 
man braucht. Riegelwerf, mit unge: 
brannten Lehmziegeln oder Fachwertk 
gefüllt, bildet die Wände; die Fenfter 


find Lattengitter mit Papier beflebt. 
Man fieht von unten durch Die ge= 
ſchwärzten Dachbalken auf die hölzer— 
nen Schindeln, durch deren Ritzen der 
Rauch des Herdes entweicht. Doch 
finden ſich zuweilen in den Zimmern 
auch gewaltige Kachelöfen. Auch dieſe 
Häuſer ſind oft zweiſtöckig, unten der 
Stall, oben die Wohnräume. In der 
Herzegowina baut dagegen der Bauer 
ſein Haus von Stein und deckt es 
ſogar mit Steinplatten. Die Dorfkirche 
iſt ein acht Fuß hoher Stall aus 
hölzernen Sparren, die nur mit der 
Axt zugehauen ſind und den Wind 
durch alle Ritzen laſſen. Der Boden 
hat keine Diele, ein Brett auf zwei 
Pfoſten erſetzt den Altar. Glocken ſind 
den Chriſten nicht erlaubt, ſtatt ihrer 
dient vor der Kirchthür das Alarm— 
brett, das mit einem hölzernen Ham— 
mer geſchlagen wird, wie die alten 
Alarmbretter in der Militärgrenze, 
welche vor Alters einen Türkeneinfall 
verkündigten. Auf dem Lande dürfen 
die chriſtlichen Friedhöfe nicht einge— 
hegt werden, damit der Mohamedaner 
über die Gräber reiten kann, und ſo 
wird jedes Grab einzeln von der 
Familie eingezäunt. Auch das Haus 
ſteht, von Baumhof und Garten um— 
geben, in ſeiner beſonderen Umzäu— 
nung, und grimmige Schäferhunde, 
auf den Wolf und den Türken dreſſirt, 
hindern den Eintritt. Dieſe Hunde 
muß der Rajah halten, weil er, ohne 
einen theuer zu erkaufenden Erlaubniß— 
ſchein, keine Schießwaffen gegen die 
Raubthiere beſitzen darf. Nur in der 
Nähe der Dörfer iſt das Land ange— 
baut und ſehr fruchtbar, auch ſieht 
man hier zuweilen einen ſchwerfälligen 
Ackerwagen mit Ochſen bis zu ſechs— 
zehn Stück beſpannt, oder im Sommer 
wird auf geſtampften Tennen im offe— 
nen Feld das Getreide ausgedroſchen, 
indem man die Roſſe im Kreis dar— 
über treibt. Weiterhin bebedt den 
Ader wildes Geftrüpp, und bejondbers 
auf dem jchönften Boden machen 
Brombeerfträuche große Streden ganz 


119 


unzugänglich. Auf den weiten Gütern 
der Grundherren liegen ganze Qua— 
dratmeilen Walbboden, außer zur 
Schweinemaft, faft ungenußt. 

Wenn in einem jo dünn bevölfer: 
ten und babei jo unzugänglichen Berg: 
land einmal der Bauer die Waffe 
ergreift, jo begreift fih, daß ein ſol— 
her Aufftand faum zu dämpfen ift. 
Zeriprengte Banden haben ftet3 einen 
Rückzug in's wegloſe Hochgebirge oder 
ſie können ſich in den engen Thal— 
ſchluchten wieder ſammeln, wohin 
keine regelmäßige Truppe ihnen zu 
folgen vermag. Der Inſurgent wird 
zum Räuber, weil er leben muß, und 
der regelmäßige Soldat wird es eben— 
falls, wenn ihm die Transporte ab— 
geſchnitten werden, und er außerdem, 
wie die türkiſchen Truppen oft für 
Monate, feinen Sold ausgezahlt be— 
fommt. Wer fein Eigentum am Bo: 
den hat, wird in regellofen Zuftänden | 


von 45,000 Einwohnern. 


zu erlangen, und die Lage wurde ge 


radezu gefährlich, da die Männer das 
Gebeul leicht gehört hätten. Man mußte 
von der Unterhandlung abſtehen und 
konnte erſt eine Stunde weiter in 
einem Khan Fourage und Lebens: 
mittel erhalten. In diejen Aengſten 
um Leben und Eigenthum erhält bie 
Nechtlofigkeit und der gegenfeitige Haß 
der beiden Religionen die ganze Land» 
bevölferung. 

Dichter drängt ſich denn die Men: 
ihenzahl in den Städten zuſammen, 


ſchon weil hier die Sicherheit größer 


it. Es gibt mehrere Ortichaften, 
welche die Größe unjerer Mittelitädte 
erreichen. Die Hauptſtadt von Bosnien, 
Serajewo oder Bosna:Serai, im Jahre 
1465 gegründet, ijt ein hübjcher Ort 
Ein heller, 
obwohl nicht ſchiffbarer Fluß, der 
obern Bosna zuftrömend, theilt die 
Stadt in zwei Hälften. Schöngejchnit- 


ohnehin leicht zum SFreibeuter. Daher tene Berge umgeben das janfte Thal. 
die allgemeine Unficherheit auf Weg Blickt man von den Hügeln hinab, fo 
und Steg, jelbft in fonft ruhigen Zei: | erfcheint der Ort ftattlih. Die Häu- 
ten. Wenn ein Trupp fremder Reiter ſer heben ſich aus Gartengrün hervor, 
auf ein Dorf zukommt, flüchten die von beinahe hundert weißgetünchten 
Kinder ſich ſchreiend in die Hütten. Minars überſtiegen. Von den Moſcheen, 
Die mohamedaniſche Frau fürchtet welche durch dieſe Thürme bezeichnet 
ſich ebenſo ſehr, als die chriſtliche. werben, find einige jogar prachtvoll. 
Major Roskiewicz ritt mit feinem Im Innern find zwei große Markt: 
Gefolge am hellen Tag und auf brei- pläße mit zahlreihen Buben voll 
ter Straße einer mohamedaniſchen | Kleinfram, der hier meiſt von Moha— 
Anfiedlung zu. Ein altes Weib lief | medanern fabrizirt und verkauft wird. 


erſchreckt in's Haus; ber begleitende | 
Zaptie oder Gendarm, welcher jelbit 
ein Moslem war und die Landesiprache 
verjtand, flopfte an alle Häufer, um 
für die erfchöpften Roſſe etwas Fou— 
tage zu erhalten. Umjonft! Da brüdte 
er eine Scheunenthüre ein und wollte 
Heu hervorholen. Inzwiſchen 
waren ein paar Frauen durch bie, 


Hinterthüren der Häufer entſchlüpft 


und erhoben mun von einem nahen 
Hügel ein mit Verwünſchungen unter: 
miſchtes hölliſches Angftgefchrei: Zu 


aber | 





Hilfe! Sie morden! Sie plündern! 
Sie zünden die Häufer an! 


Kein | 


Den Großhandel haben auch hier die 
Griechen und einzelne europäiiche Häu— 
jer. Man trifft zahlreiche Kaffeehäufer, 
Garküchen, Schulen und Bäder. Die 
legtern find zum Theil religiöſe Stif: 
tungen und öffnen fich Jedem, der 
fommt, wobei man nach Belieben be— 
zahlt. Einige europäiihe Conſulate 
machen den Aufenthalt für den rem: 
den angenehm und ficher. 

Doh fehlen auch hier wie in 
Konftantinopel die faulen Straßen: 
hunde und das ſchlechte Pflafter nicht. 
Vielleicht hier allein würde man einen 
regelrecht gebildeten Arzt finden, denn 


Parlamentiven half, es war nichts | jonft haben Aerzte nichts zu thun, der 


120 


betende und zauberfundige Priefter | an Unterpädhter ab. Auch mande 
vertritt ihre Stelle; der Mohamedaner | Grundherren haben bereits dieje Praris 
glaubt an's Fatum, der Chriſt iſt der Verpachtung angenommen. „Alle 
dort gegen das Leben gleichgiltiger als |diefe Pächter (Safupnifs) aber wur: 
wir es find. „In ganz Bosnien und |den zur wahren Landplage Bosniens. 
der Herzegowina dürfte es (die tür-| Was jo ein Safupnit an Unmenſch— 
fiihen Militärärzte abgerechnet) kaum | lichfeit zu leiften vermag, davon hat 
zwei Civilärzte, Doctoren der Mes man im civilifirten Europa gar feine 


dicin, oder auch nur Thierärzte ge: 
ben.” 


Moher nun, jo fragt man fich, 
diefe Verkommenheit eines von Natur 
jo reichen Zandes, dieſer Verfall einer 
Gultur, die unter den Nömern fo 
blühend war und wiederum im chrift: 
lihen Mittelalter hoffnungsreich fich 
entfaltet hat? 


Bor allem Tiegt es an dem furdt: 





Vorftellung. Vor Allem madt er fich 
zum Gejellichafter des türfiichen Be: 
amten, der ihm nicht nur die Zapties 
(Rolizeifoldaten) gibt, fondern aud) 
einen willfürlihen Marftprei3 ber 
(Früchte feſtgeſetzt. Der Safupnif be: 
gnügt fih nämlich nicht mit ber 


| Quote der Naturalienleiftung, fondern 


er fordert von den hrijtiihen Bauern 
noh um fo viel mehr, als die Diffe— 
venz des willfürlich feitgefegten Markt: 


baren Unrecht in allen Fragen des |preifes beträgt. Will diefer die oft 
Eigenthums. Die Wurzel des Uebels bedeutende Differenz nicht entrichten, 
iſt ‚In dem Einen Satze Theodor | oder findet fich die geforderte Quan— 
Schiff's aufgededt: „Der Grund tität der Frucht nicht mehr vor, fo 


und Boden gehört niemals 
Jenem, der ihn bebaut.” 


Zunächſt hat die Pladerei des 
türfiihen Steuerſyſtems und die Raub: 
gier der Beamten auch bier, wie in 
allen Provinzen des osmaniſchen Rei— 
ches, ein ſtarkes Theil des Bodens 
in die Hände der Kirche gebracht. Das 
Land, welches einer Mojchee gehört, 
iſt ftenerfrei. Seit langer Zeit haben 
daher mohamedanifhe Landbeſitzer, 
befonder8 wenn fie finderlo8 waren, 
ihre Güter der benachbarten Geiſtlich— 
feit verjchrieben, um fie hernach ge: 
ſchützt und ftenerfrei auf Lebenszeit 
behalten zu können. Nach ihrem Tode 


fällt das Grundftüf dann einer Mo: | 


ichee als freies Eigenthum zu. Dadurch 
hat der Islam überall einen gutbe- 
joldeten und einflußreichen Klerus. 


Und wie werden die Steuern ein: 
getrieben ? 


Die Pforte behält noch immer 


‚wird er zur Zahlung aufgefordert. 
ı Kann er, wie gewöhnlich, nicht zahlen, 
jo fängt mit ihm die XTortur an. 
Zuerſt wird er geprügelt; hilft das 
‚nicht, jo beginnt die Operation der 
Räucherung. Man legt ihn an einige 
Balken des Dahbodens gebunden nie: 
der und zündet unter ihm mit feuch— 
tem Holz Feuer an, bis er, dem Er: 
ftiden nahe, alles dem Safupnif gibt, 
was er noch hat. Es find dies aber 
nicht bloß einzelne Fälle des Miß— 
brauchs, jondern das Räuchern gilt 
gewiſſermaßen als eine Art Erecutiongs 
‚grad, der zu dem ganzen Verfahren 
gehört!“ 

Nicht beifer ergeht e3 dem Bauer, 
wo der Grundherr in Perſon fein 
Drittel einzieht. Im Herbſt bejucht 
der Beg mit einem ftarfen berittenen 
Gefolg feine jämmtlichen Dörfer. Es 
ift eine Sommerfrifche auf Fremde Nech- 
nung. Er nimmt freie Quartier bei 
dem reichiten Bauer, die andern müflen 








das in Europa längit gerichtete alt: für jeinen Haushalt Nahrungsmittel 
römiſche Syitem bei, die Steuern an und Fourage beiihaffen. Die Koiten 
den Meijtbietenden zu verpachten, und | diefer Einquartierung dauern, bis alle 
dieſe Staatspächter geben fie wieder | Streitfragen über den Betrag der 


4121 





Zehnten jo erledigt find, wieder Herr | Haus zufammengetrieben, wo er mit 


e3 befiehlt. Bei dieſer Gelegenheit, wo 
der Beg als bewaffnete Garnifon im 
Dorf gebietet, fommen am bäufigiten 
die fo oft beiprochenen Unbilden vor, 
wenn der Bauer eine hübjche Frau 
oder Tochter hat. 


Gegen alle dieſe Erpreffungen hat 
der chriftliche Unterthan der Pforte 
fein genügendes Rechtsmittel. Ueberall, 
wo im Staat PVerftand ift, hat man 
Verwaltung und Juſtiz getrennt. In 
Bosnien ijt bis heute auf dem Lande 
der Mudir (türfijcher Neligionsbeam- 
ter) zugleih Adminiſtrativ⸗ und Ju— 
ftizbeamter; mun fommt es aber 
auh vor, daß ihm gar noch die 
Steuerpadht zugeichlagen wird. Syn 
allen hierauf bezüglichen Eigenthums- 
fragen ift er folglich Beklagter und 
Richter in Einer Perſon. 


Insbeſondere aber in den Fällen 
ift fein Recht zu erlangen, wo es ſich 
um Gewaltthätigfeiten der Grund: 
herren gegen frauen oder entſpre— 
chende Brutalitäten von türkifchen 
Beamten handelt. Solche fommen täg: 
lid vor. Im November 1875 zieht 
ein türkiſcher Steuereinnehmer mit 
einem Detachement von Bolizeifoldaten 


jeiner Dienerfchaft wohnt; fie wehren 
fih auf Leben und Tod; da läßt er 
eijerne Stäbe heizen und zwingt fie 
binüberzugehen; andere werden auf 
die Stäbe hingeftredt. Eine kommt 
in's Sterben, und man wirft fie vor 
die Thür. 


Ein ganz alltägliher Vorgang ift 
auch der Raub chriftlicher Mädchen, 
der in den übrigen türkiſchen Provin— 
zen ebenjo gut vorkommt, wie in 
Bosnien.*) Zumeilen läßt die Ent: 
führte, um nicht entehrt in's Dorf 
zurüdfommen, fich bewegen, zum Islam 
überzutreten: in dem Fall verliert 
der Water, wie einft bei einer befehr: 
ten Jüdin, jeden Anſpruch auf fein 
Kind. Aber auch ſonſt würde auf 
jeine Klage faum ein türfifcher Richter 
einfchreiten, um auch nur den That— 
bejtand zu erheben. In Bosnien, wo 
der Grundherr den Bauer einfach vom 
Land ausmeifen kann, ift eine jolche 
Klage jogar gefährlich. Ich laſſe einen 
Augenzeugen erzählen: 

Theodor Schiff, der viele Jahre 
zu Sign in Dalmatien, nahe der bos— 
nijchen Grenze, gewohnt hat, bejuchte 
einmal einen mohamedanifchen Gajt: 


mitten in dem frieblichen Bulgarien | freund in Bosnien, der ald Sohn eines 


in das Dorf Givora Malina. Zwei 
ländlihe Bermte kommen ihm dienft: 
willig entgegen, er jpottet über ihren 
Glauben, und als fie Einrede thun, 
läßt er fie auf den Bauch nieberlegen 
und haut fie duch. Dann. befiehlt 
er allen Bauern fich zu verfammeln ; 


da aber die meilten auf dem Felde, 


find, andere in der Frohnde Bagage 
nach der Feitung Nitſch führen, fo 
werden alle Frauen zufammengetrie: 
ben. Diefen befiehlt er in einen Kreis 
zu treten und ihre Gefichter aufzube: 
ben ; denn die türfiihe Frau entblößt 
nie ihr Gefiht. Eine jenft aber doch 
die Augen, und er haut fie mit einem 
diden Prügel; die andern laufen fort, 
er verfolgt fie und ſchlägt zwei nieber. 
Des Nachts werden fie alle in das 


türkiſchen Paſchas ganze Quadratmei: 
len Wald und Aderland bejaß, die 
jein Bater zum Lehen gejchenft erhal- 
ten hatte. Mit diefem, auf ſchönen 
Arabern beritten, bejuchte er die Be: 


*) Meber diefen Gegenftand und andere 
Bedrüdungen zog Sir Henry Bulmer 1860 
von den englifchen Confuln in der Xürfei 
Berichte ein. Diefe wurden auf Grund eines 
Fragezettels eingefandt und u. d. T. Report 
of Consuls on the Condition of the Chri- 
stian in Turkey gedrudt. Das urfprünglic 
nur für das auswärtige Amt in London be- 
ftimmte Schriftftüd hat dann St. Marc Birar- 
din damals in der Revue des Deux Mondes 
veröffentlicht. Dort ift auch die Wahrheit über 
das Zeugenreht von Chriften gegen einen 
Moslem und über die confeffionelle Zufammen- 
feßung der türfifchen Gerichte zu finden. (Aus- 
züge daraus bei Kanig, Donau-Bulgarien, J, 
©. 106 u. folg.) 


—— 


zirksſtadt Livno. Es war gerade Ge— 
richtstag, und der Mudir lud beide 
ganz unbefangen ein, der Verhandlung 
beizuwohnen. Er klatſchte in die Hände 
und zwei Diener traten ein. Der 
eine trug Schreibzeug, der andere 
ſchob einen ſehr defect gekleideten alten 
Bauer vor ſich her, der einen durch— 
löcherten Feß in den Händen hielt, 
während von ſeinem von den Schlä— 
fen bis zum Scheitel glattraſirten 
Kopf ein dünner Zopf herabbaumelte. 
Ein Mädchen im Alter von 13 oder 14 
Jahren folgte. Sie trug weite Pump— 
hoſen von blauer Leinwand, keine 
Schuhe oder Strümpfe, und ein enges, 
vorn offenes gleichfalls blaues Jäck— 
chen. Zwei prachtvolle braune Zöpfe 
hingen ihr fettgetränkt über die Schul— 
tern. Hände und Füße waren roth 
vom Einfluſſe der wechſelnden Witte— 
rung und vielleicht der ſchweren Arbeit, 
aber ihr feingeſchnittenes Geſicht war 
das einer Juno, und ihr Wuchs 
der einer Hebe. Sie weinte. 

Die Verhandlung ſpielte ſich ſehr 


glatt ab. Ein gewiſſer Huſſein Beg | 


hatte dem Bauer den Tabak mwegneh: 
men lafjen, den derjelbe geerntet und 
zubereitet hatte. Dazu bejaß er das 
Necht, denn der Tabak war auf feinem, 
Huffein Beg’s, Grund und Boden ge: 
wachen. Vielleicht hätte der Beg Er: 
barmen gehabt mit dem unglüdlichen 
Bauer. Aber e3 war ein fleiner Zu: 
fall dazu getreten. Die Jele (Helene), 
die Tochter des Bauers, hatte in der 
Nähe von Huffein Beg's Wohnhaus 
Schafe gehütet. Und als Hufjein Beg 
Abends nad) Haufe kam, gab er ihr 
beim Abfigen die Zügel des Pferdes 
mit dem Auftrage, es in den Stall 
zu führen. Als aber Jele im Stalle 
war, da famen zwei Diener des Huffein 
Beg und jchleppten fie in deifen Haus. 
Des andern Morgens wurde fie ent: 
lafjen, und weil fie ein Bündel von 
Maiskolben nicht annehmen wollte, 
die ihr Huſſein Hatte verabfolgen 
laffen, jo tractirten fie die Diener 
mit Fauftichlägen. Tags darauf aber 


ließ Huffein Beg den Tabak aus des 
Bauer Hütte wegfchleppen, feinen, 
Huffein Beg's Tabak. 


Dad Alles kam umſtändlich und 
far an den Tag. Huſſein Beg war 
nicht zur Verhandlung erichienen, weil 
er vor zwei Tagen eine Reife nad 
Serajewo unternommen hatte. Der 
Mudir befragte den Bauer und bie 
Sele und notirte Einiges in die Schreib: 
tafel, die er in der linken Hand hielt. 
Dann jprah er das Urtheil. Der 
Bauer mußte wegen Belignahme frem— 
den Bodens 50 Piaſter (fünf Gul- 
den) Strafe zahlen. Wenn er fie nicht 
zahlen fönne, jo möge man ihm drei 
Hammel wegnehmen, und dba er und 
die Jele anfingen zu weinen, jo wur: 
den fie beide zur Thüre hinausgewor— 
fen. Dann ftedte der Mubdir wieder 
jeine Schreibtafel in den Gürtel, und 
die Diener brachten prächtig duftenden 
ſchwarzen Kaffee. 


| „E83 gibt“, ſo ſchließt Schiff feine 
\ Erzählung, „viele Huffein, viele Bauern 
‚und fehr viel unbebautes Land in Bo8- 
nien. Auch haben viele Bauern hübjche 
Töchter, aber fein Bauer hat ein Feld, 
fein Bauer irgend ein Eigenthum. Wenn 
man darum von Unruhen in Bosnien 
hört, jo möge man doch den richtigen 
Maßſtab anlegen und bedenken, daß 
Aehnliches, wie ich jet erzählte, dort 
alle Tage vorfommt. Die Fol 
gerungen find dann leicht.“ 


Und was würden Sie, verehrte 
Frauen,.von dem Manne denken, ber 
Solches erbuldete und nicht zu ben 
Waffen griffe? Ein Land, wo ber, 
welcher den Boden baut, am Boden 
fein Eigenthum bat, wo die Ehre der 
Frau nicht geihügt ift, und wo auch 
vor dem Gericht fein Necht zu erlan- 
gen ſteht — was bleibt da bem Ge: 
drüdten übrig als in die Berge zu 
gehen, Banden zu bilden und feine 
Blutjauger mit Flinte und Handſchar 
zu mafjacriren? So ijt e8 im Juni 
vorigen Jahres gejchehen. Ein Trupp 
Flüchtlinge war auf montenegrinifches 


123 


Gebiet übergetreten und erhielt bie 
Erlaubniß zur Rüdkehr. Nur 164 Köpfe 
ftark, erhoben fie in der Heimat die 
Fahne der Inſurrection und brannten 


einige Dörfer nieder, weil dieſe ſich 


ihnen nicht anfchloffen. Von da brei- 
tete der Aufftand fih aus, bis er 
jegt den regelmäßigen Truppen fürm: 
lihe Gefechte liefert und fie oft in 
die Flucht wirft. 

Unſere weichherzige Civilijation, 
obenein von den Manövern ber 
Diplomaten vermwirrt, verblendet fich 
zu dem Glauben, daß Reformen in 
Verwaltung und Rechtöverfahren bie 
Bewegung ftillen fönnten. Selbit wenn 
bie Pforte fähig wäre, dieje Reformen 
durchzuführen, oder ber Islam je ben 
Willen haben könnte, die Herrichaft 
aus den Händen zu geben, indem er 
der hriftlichen Majorität wirklich gleiche 
Rechte einräumte — um alles das 
handelt es ſich hier nicht mehr. Der 
Bauer weiß, daß ihm das Land ge: 
hört, das man ihm durch Gewalt und 
Betrug abgenommen hat, und fein 
Eigenthum fordert er zurüd. Es ift 
eine agrariihe Revolution 
geworben, jo gut wie fie in Frankreich 





war, wo noch vor hundert Yahren 
ebenfalls zwei Drittel des Bodens 
der Geiftlichfeit und dem Adel gehörten. 


Solche NRevolutionen enden nur 
durch vollftändigen Wechſel des Eigen: 
thums an Grund und Boben. 


In den legten Verhandlungen mit 
dem öjterreichiichen Friedenscommillär 
forderten die Inſurgenten einfach ein 
Drittel alles Landes zurüd, das den 
Begs gehört. Die Pforte könnte ſelbſt 
dieß nicht bemilligen, denn fie hat 
nicht die Macht und faum das Recht, 
den Befigern ihr Eigenthum wegzu: 
nehmen; fie bat aber noch weniger 
das Geld, um eine halbe Provinz 
abzulöfen. Eine Ummälzung dieſer 
Art Führt überhaupt Feine beftehende 
Regierung, fondern immer nur eine 
Revolution duch. Alfo bleiben nur 
zwei Ausgänge möglich: entweder 
Niederwerfen der Inſurgenten und 
hernach ein blutiges Strafgericht, das 
diefe Länder vollends zur Einöde 
macht — oder Sieg des Aufitanbes 
und dann Pertreibung ber Islams 
und Befigergreifung des Bodens durch 
die fiegreiche chriftlihe Bauernſchaft. 


124 


Fine neue Komödie. 


In demjelben Verhältniffe, als das | Publitum, oder an einer Grille des 
Städtethum heute in feinen Sommer: Verfaſſers — kurz, der „Doppelfelbft- 
frifehlern, Touristen u. |. mw. aufdas Land | mord“ war und blieb verichollen, bis 


gebrungen ift, hat fi) das Dorfleben 
in unjerer Literatur und Kunft einge: 
bürgert. Es vollzieht ſich ein erfreu— 
licher Ausgleih, der dort mildernd, 
bier ftärfend, und verföhnend nach bei- 
den Seiten wirft. Die überfeinerte 
Melt hat ein gefteigertes Bedürfniß 
nad) dem Urfprünglichen und Naiven 
und begrüßt heute freubiger als je 
die Vermittler desfelben. Mit großem 
Intereſſe jpürt man der Volksſitte, 
den Volksliedern nach. Auerbach fchrieb 
Dorfgeſchichten; Defregger malt Dorf: 
bilder; Anzengruber jhafft Dorfkomö— 
dien. Die Welt reicht diefen Männern 
heute die Palme. Und mit Nedt. 
Eine Zeit, deren wiſſenſchaftliche Be- 
firebungen mit der Metaphyſik gebro- 
hen und die ſich der Empirif begeben 
hat, muß wohl auch ihr Kunftleben 
dem Realen zuwenden. 

Wer ein wahrhaftiges Stück Dorf— 
leben mit ſeinem ganzen Realismus 
und mit ſeiner überreichen Poeſie 
ſchauen will, der gehe in ein Anzen— 
gruber'ſches Volksſtück. Und wer unter 
dieſen Volksſtücken (der Pfarrer von 
Kirchfeld, der Meineidbauer, die Kreu— 
zelſchreiber, der G'wiſſenswurm) ein's 
ausſuchen will, das in der Feinmale— 
rei bäuerlicher Charaktere beſonders 
groß iſt, der halte ſich an den „Dop— 
pelſelbſtmord.“ 

Das iſt jenes Stück, welches im 
vorigen Winter im Theater an der 
Wien zwei- oder dreimal gegeben 
wurde und dann fort war. Das Publi— 
fum Hatte e8 mit Freude begrüßt, 
die Kritik hatte ihm vollſte Würdi— 
gung gezollt und dennoch — Theater: 
jtüde haben ihre geheimnißvollen Schid: 
jale — war es vom Repertoire verihmwun: 
den. Wir wollen nicht unterfuchen, ob 
bier eine Intrigue fpielte, ob es an 
der Aufführung lag, oder doch am 


er viele Monate jpäter (Mitte Dftober 
d. 3.) im Stadttheater zu Graz wieder 
auftauchte. 

Die Fabel des Stüdes ift polfier- 
(ih. Der reiche Sentner und der arme 
Haubderer, einft Yugendfreunde, ftehen 
fih eines wunderlichen Liebeshandels 
wegen ſeit zwanzig Jahren als Feinde 
gegenüber. Der Sentner hat einen 
einzigen Sohn, der Hauderer eine ein: 
ige Tochter — dieſe lieben ſich. Die 
Alten ſöhnen fih im Wirthshaufe aus, 
bei den Jungen fommt es zur Berlo: 
bung. Da— es ift wieder beim Weine 
— beleidigt der Hauderer den Sentner, 
der Sentner den Hauderer, es fommt 
rafch zu neuem Bruche — die Braut: 
leute jollen „geſtrichen“ werden. Die 
Berliebten wiſſen feinen Ausweg, indeß 
find fie weniger jentimental als troßig. 
Zufällig lieft der Wirth aus der Zei- 
tung von dem Doppelielbitmorb eines 
unglüdlichen Liebespaares in ber Stabt, 
lieft deren Abſchiedsbrief an die Eltern, 
in weldem die Selbitmörder darthun, 
daß fie wegen hoffnungsloſer Liebe hin: 
gingen, um fi auf ewig zu vereini= 
gen. — Viel Entjegen bei den Bauern; 
dieſes Entjeßen aber wird bald noch 
größer, als auch die Kinder bes 
Sentner und des Hauderer unter glei— 
hen Umftänden mit Zurüdlaffung eines 
Abſchiedsſchreibens verſchwunden find. 
Alles iſt auf, um zu ſuchen. In der 
Angſt verſöhnen ſich die beiden Alten — 
aber diesmal gründlich, und mittler— 
weile wird das junge Paar friſch und 
geſund in einer Heuhütte entdeckt, 
wohin es geflüchtet war, um „ſich 
auf ewig zu vereinigen“. 

Das iſt eine ſehr einfache, zum 
großen Theile recht alte Geſchichte — 
aber behandelt mit der ganzen Eigen: 
artigfeit de3 Anzengruber’ihen Ta— 
lentes. 


125 


Nehmen wir ein Stüd aus jener 
Scene, in welcher fih der Sentner 
und ber Hauderer nad) dem „Verſpre— 
hen“ ihrer Kinder wieder anfeinden. 
Die Agerl fipt bei ihrem Bräutigam und 

meint [hämig: „Du, Poldl — id möcht’ 

Did gern um Dans fragen — aber 

mußt wegſchau'n. 

Poldl: Ra ja. 

Agerl: Du, meint — is a Möglichkeit.... 
Na, ich ſag's nit. 

Poldl: Na, was denn? 

Agerl: Weißt, Poldl, — nit fhau ber — — 
ob wir wohl a Heine Waar’ ins Haus 
kriegen ? 

Poldl: Na, warum denn nit? freilich, freilid. 

Agerl (zum Hauderer): No, haft ghört, Voda. 
— Wirſt ja Ehnl. 

Hauderer: No ja, Ehnl und Ehnl! Der 
„reihe Ehnl“ hätt's al’ Tag aufm 
Knie und um an „armen Ehnl“ fchaue- 
ten fie fih’s ganz Jahr nit um! — Lern’ 
Du mir Kinder fenna ! 

Sentner: Pürften mir a gar mit zu Dir! 

Hauderer: Werfet's ch aufi! 

Sentner: Nit rühr' mir's an, dös rath 
ih Dir! — Wann mir heut oder morgen 
Dans Magen mödht.... 


Hauderer: Dös kannt erleben. 

Sentner: Dös nahmeft Du Dir heraus? 

Hauderer: Na, an Reſpekt werd’ ic) haben 
bor dö Fragen ! 

Sentner: Gegen meine — gegen den Sent- 
ner feine Entelfinder ?! 

Hauderer: Wohl! 

Agerl (zu Poldi): Ich bitt! Dich, fo ſag' 
ihnen doh, dab no gar koans auf da 
Welt is! 

Das ift derb, aber unmittelbar und 
gejund, daher auf der Bühne von 
großer Wirkung. 

Solch Iuftige Auftritte wechjeln 
mit tiefernften, ergreifenden Scenen, 
wovon wir noch jene zur Probe geben, 
in welcher der Sentner dem Hauberer 
die Nahriht von dem Berlufte ber 
Kinder bringt. 

Der Hauderer fteht vor feinem Häuschen 
und fieht fi) nach der Agerl um, die ſchon 
die Naht über ausgeblieben war und jept 
nod) immer nicht fommt, um ihm die Suppe zu 
fohen. Da steigt der Sentner heran; blaß 


und trübfinnig reicht er dem Sauderer die 
Hand: Grüß Gott, Hauderer! 


Hauderer: Was haft denn, mie fhauft 
denn aus ? 

Sentner: Die ganze Naht waren wir auf 
den Füßen und haben g’fuht — und 
g' ſucht — 

Hauderer: No, was denn? 

Sentner: Rah unſern Kindern. 


Hauderer (gelaffen): Dö fommen ſchon 
wieder, 


Sentner: Dö fommen nimmer wieder ! 
(Dann reicht er dem Hauderer den Ab- 
ſchiedsbrief. Diefer lieft ihn gelaffen und 
gibt ihn dann ruhig zurüd). 

Sentner: Nu? 

Hauderer: 's id a Dummheit. 


Sentner: Mußl's nit fagen, Hauderer. — 
Zu dir bin ich berg'rennt, weg von den 
Leuten, Wie id ihnen a danken muß 
für's Suchen, aber id) kann's nit anfe- 
hen, wie fie neugierig hinter jeden Bufch 
ſchau'n, als könnten ſie's nit erwarten, 
dab f' Einem zuſchrei'n: Da fein f’! 
und Hand anlegen... Da bin ich ber 
zu Dir, weil ih Ein’ fud, dem fo ift, 
wie mir... 

Dauderer: Du mirft doch mit im Ernft 
bermeinen, daß fie fi umbringen ? 

Sentner: Id mein’s im Ernit. 

Hauderer: Ab, na, na, na, — geh’ zu — 
geh’ zu — Dö Dirn, was als Fraß 
ſchon fo viel lieb war, und wie f' auf- 
gwadfen is, a Freud zum Anfchau'n, 
dö foll auf einmal weg fein, weg über 
Naht, als hätt’s Einem nur der Schlaf 
eingeben?! — und fo frei von felbiten, 
frei von felbften? Na, na, Sentner, zu 
fo einem Thum gehören Leut' mit einer 
grauslihen Selbftigfeit, wa® nur auf 
ſich denkt und einer Boshaftigkeit auf 
Andere; es is ein ung'fund’s Mefen, 
ein ung'ſund's Weſen. — Unſere Kinder 
fein brav, dö wiſſen's fon, wann man 
amal auf der Welt is, g'hört fih a, 
daß man ſich d’rein ſchickt und daß dös 
fa Reſpekt war’, fid) vor dem Vater in 
die Gruben einzudrängen. Ah, na, na, 
dös is nit. 

Sentner: Doch fürdt ih, Hauderer, id 
fürdt’s, Nie hab’ ih vor nix fo an 
Angſt g’habt, ald vor dem Alleinfteh'n 
auf der Welt — unter fremde Leut 
fein, die auf dein Gut lauern, jeden 
Sonnenfdein, der dich anlacht, finfter 
anſchau'n und jed' Uebel, das did heim- 
fucht, gut Freund heißen. Schon wie 
mir mein Weib mwegg’ftorben is, hab’ id) 
mir denkt, jept is der Poldl der Einzige 
und Lepte, der mir bleibt; wenn der a 
vor dir geht?! ... Und jept, jept 
kann's fein, Sauderer, und fo wird's 
halt da fein, das "Alleinftehen, Tragſt 


Du mir's auch noch nad, dann hab’ 
ih nit amal an Anfprud mehr — mit 
amal an Anfprucd. 


Hauderer (reicht dem Sentner ergriffen die 
Sand): Na, na, Sentner, mußt nit fo 
daherreden, machſt Einem ja felber ganz 
verzagt. Und wenn ma fid erſt fragen 
müßt’, wer Schuld d'ran is .... 

Sentner: No, wer? Wir zwei! 

Hauderer: Du nit! Du weißt's recht gut, 
Du nit. Ich, ich mit mein’ Höllraufc 
von geftern. Dös verflucht' Trinken — 
der Teufel ſoll's hol'n! — Der Agerl 
muß man einfhärfen, wann fie Kinder 
friegt, fie fol’s nit trinken laffen ; das 
heißt, a Milli, a Milli fhon, aber nur 
nix Geiſtig's ſoll's über die Kinder laffen. 
— Ro, laß’ fein, lab fein, mir Friegen 
noch Kinder, fürdt’ nig, Sentner, fürdt 
nig. — Mei Dirn is nit dumm, dö is 
kerng'ſund, dö lebt Lieber mit ihrem 

« Buben, als daß fie mit ihm verftirbt. 

MWirft es fehen, wirst es ſchon fehen. 

Sept und jept, mein’ id, muß Eins da- 

berrennen und fagen : Sie hab'n 's ſchon 

und lebig — verfteht fich, lebig — 

Da heißt es für den Zufchauer 
weinen und lachen zugleih! — Und 
durch den ganzen Dorfroman webt ſich 
bin der heitere Volfsfang — voll 
Luft und Leben überall, vom warn: 
berzigen Lied: 

— Glüclich fein voll Friedlichteit, 

Dös is unfers Herrgotts Will! 
bis zum feden Spruch: 

Kein ärger's G'ſindel auf der Welt, 

Als d' Manner und die Weiber! 

Mer für das Volksleben fein fei— 
ned Auge hat und den Dingen nicht 
auf den Grund zu ſehen weiß, dem 
kann's pafliren, daß er dieſes Volks— 
ſtück grundfalſch beurtheilt. 

Wer bloß oberflächlich mit Land— 
leuten verkehrt, der ſieht nur Typen 
und wird ſie alle mehr oder minder 
für gleichgeartet halten. Und doch ſind 
die bäuerlichen Charaktere noch ver— 
ſchiedenartiger und in ſich origineller, 
als die anderer, durch die Cultur ge— 
ſchliffener Menſchen. Anzengruber's Ge— 
ſtalten ſehen ſich alle inſoferne ähnlich, 
als jede derſelben den Bauernrock 
trägt und in der öſterreichiſchen Mund— 
art ſpricht. Nur bei einigen Figuren 
iſt die innere Aehnlichkeit auffallend. 


126 


Der Steinflopferhans erinnert an den 
MWurzelfepp, der Hauderer wieder hat 
etwas vom Steinklopferhang ; jeder ift 
ein Philojoph auf eigene Fauſt — 
Sfeptifer und doch wieder glaubend an 
fih und die Menſchheit. Das find bie 
Repräfentanten des Autord, der bei 
dem vielfahen Für und Wider ber 
Gonflicte doch auch gerne fein perſön— 
lihes Dafürhalten. abgibt. Hingegen 
die Hauptgeftalten, wie der Prarrer 
Hell, der Kreuzweghofbauer, der Bauer 
vom gelben Hof, der Grillhofer, der 
Dufterer, der Michel Berndorfer, der 
Poldl, die Anna Birkmeier, die Joſefa, 
die Horlacherlie8 u. j. w. find doch 
grundverfchieden in ihrer Charafter: 
anlage, als auch in ihrem Schalten 
und Walten. (Freilich wird ein mittel: 
mäßiger Schaufpieler, der etwa nur 
eine einzige Antriguantentype hat, 3. B. 
ben Dufterer und den Zangel mit ganz 
den gleihen Nuancen zur Darftellung 
bringen und das fann täufchen.) Ebenfo 
ungleihartig find die Conflifte, die in 
den verjchiedenen Stüden abgemidelt, 
die Ideen, die verförpert werden. Wer 
die Schaufpiele genauer fennt, der 
wird uns eingehende Beweiſe gerne 
erlaffen und nicht beftreiten, daß bis— 
ber jedes Fue Stüd von Anzengruber 
eben auch ein neues Stüf war. 

Auf das engite jchließt ſich der 
„Doppeljelbjtmord” nur durch feinen 
Realismus den früheren Volkskomö— 
dien an. 

Der Realismus diejes Stüdes geht 
einerfeit® nahe an die Grenzen bes 
Erlaubten ; doch erhebt er fich anderer: 
feit3 zur ſchönen verjühnenden Eben: 
mäßigfeit und wenn wir das 
Schauſpielhaus verlafjen, jo haben wir 
nicht allein einen tiefen, Haren Blid 
in das Herz des Landvolfes gethan 
— was viel bedeutet, weil dem Städter 
nur allzujelten dazu Gelegenheit gebo: 
ten ift; — fondern tragen das Be: 
wußtjein mit, zwei wejentliche Ideen 
— die Ungerftörbarfeit und den Sieg 
einer wahrhaft gefunden Liebe und 
den Glauben an die Menjchheit, der 


127 


von allen Bitterniffen des Lebens nicht | mit Hinterlaffung eines inhaltsſchweren 


zeritört werden fann, 
des alten Hauderer künſtleriſch ver: 
förpert gejehen zu haben. 

Wir find nicht die Erften, die An: 
zengruber den Shafespeare der Bauern: 
fomödien nennen möchten. Unter den 
Städtern gibt es Viele, die ſich an feinen 
Stüden ergögen, aber Wenige, welche 
diejelben von der Schale bis zum Kern 
zu begreifen und zu würdigen in der 
Lage find. Bis auf eine geringe mo: 
dern⸗tendenziöſe Färbung, welche nicht 
immer aus dem durchaus conjervati- 
ven Charafter des Bauers hervorzu: 
gehen jcheint, find diefe Stüde wahr 
und echt bis in’3 Herz hinein. Aber 
jelbft diefe Tendenz legt vielleicht exit 
der Schaufpieler oder der Zuſchauer 
in irgend einen Ausſpruch, welchen 
der Bauer in der abjichtälofeiten Nai: 
vität vorbringt. Wenn 3. B. im Dop: 
peljelbjtmord der alte Bartl jagt :,,No jo, 
wer denkt denn dran, wanner a Schaar 
Bauern fieht, daß vorn fa geiftlicher 


Herr is — ?" fo ſcheint e8 uns, als, 








in der Geſtalt Abſchiedsbriefes verſchwunden war, um 


ih dort „auf ewig zu vereinigen”, 
it e8 der alte Hauderer, der Welt: 
läjterer allein, mweldher den Glauben 
an die Kinder bewahrt und in rüh— 
rendfter Weiſe zum Ausdrucke bringt. 
Diefe Wendung erjcheint uns in dem 
ganzen Stüde, welches jo reih an 
Schönheiten und Ueberraſchungen iſt, 
als der bedeutendite Zug — genial 
gedacht und meifterhaft hingejtellt. Der 
Hauderer ijt jene Gejtalt im „Dop— 
pelſelbſtmord“, welche die Komödie 
hoch über das Niveau der Poſſen hebt. 

Die Aufführung des „Doppel: 
jelbftmordes“ im Grazer Stadttheater 
(wir erwähnen vor Allem den Hau: 
derer des Herrn Fr. Müller, den 
Moldl des Herrn Tob. Müller und die 
Agerl des Frl. König) ift eine vor: 
zügliche. 

Schon mehrmals ijt bemerkt wor- 


‚den, daß die Anzengruber’schen Bauern: 


fomödien in Graz mit mehr Verſtänd— 
niß und größerem Fleiße dargeftellt 


habe der Verfaſſer das in einer ges | würden, als in Wien, wo das Ueber: 


wiſſen Abjiht jagen laſſen, und doch | 
ift bier Gedanfe und Wort ftreng 
volf3mäßig. Wenn aber der arme, ver: 
biſſene Hauderer ausruft: „Ih geb 
unter der Wochen in die Kirch', brauch 


treiben und die Gffectmaderei jo danf: 
"baren Boden fände. Wir conftatiren 
nur, daß in der jteierifchen Haupt: 
ftadt Schauspieler und Publikum die 
Anzengruber'ſchen Dramen mit Liebe 


den Herrgott alleinig — hab a bfun: halten, wie auc das Repertoire zeigt, 


ders Gebitt: Daß er fein möcht! — 

jo iſt das padend, aber bei einem 
Bauer pſychologiſch ſchwer zu begrün— 
den. Nun, dieſer Hauderer iſt eben 
ein Sonderling, ein Naturphiloſoph; 
er war zum gottgläubigſten Weltkinde 
geboren und iſt zum beißendſten Skep— 
tiker gemacht, dem Liebe und Haß, 
Leben nnd Sterben „a Dummheit” iſt. 
Und doch kann er fich des Haffes und 
der Liebe nicht entjchlagen und zur 
‚Stunde, da das ganze Dorf und jelbit 
der reihe Sentner an dem jungen 
- Liebespaar verzweifelt, weil basjelbe 


‘welches feit Jahren feines der neueren 
Stüde jo wiederholt bietet, als die 
Volksſchauſpiele von dem Verfaffer des 
„Pfarrers von Kicchfeld“. 

Haben wir an raffinirten Leder: 
bifjen den Magen verborben, jo je: 
nen wir uns nach Schwarzbrot. Aus 
dem Naturunmittelbaren des Bauern- 
drama’8 werden wir wieder gefunden 
Sinn und Empfänglichfeit für echt 
menſchlich angelegte dramatiſche Ge: 
ftalten im Allgemeinen ſchöpfen und 
jo zum Genuſſe der claffiichen Mei: 
fterwerfe neue Fähigkeit erlangen. 


128 


Anſere Schwächen. 


II. | 


Etwas über das gnädige Fräulein | 
Bon. 


Es ift noch nicht lange ber, daß 
ih zufällig die Aeußerungen eines 
Mannes vernahm, der feinem Freunde 
vertraute, er beobachte in der Um— 
gangsfitte zwifchen vernünftigen, fein- 
gebildeten und bornirten Menschen einen 
eigenthümlichen Unterfchied, der den 
herkömmlichen Brauch jo ziemlich auf 
den Kopf jtelle und dennoch — fo viel 
er Schon oft zu bemerken Gelegenheit 
gehabt habe, — das Wohlgefallen 
Aller erwede. 

„Ei“, fagte der Andere, „da 
möchte ich gerne was lernen, denn in 
unjerem Lande, wo die Titelſucht 
jo allgemein verbreitet ift und jo hoch: 
gradig graffirt, ift man wahrlih in 
Berlegenheit, wie man in der Um: 
gangsſprache das echte Verdienſt von 
dem unechten unterjcheide. “ 


„Nichts Leichter als das“, verſetzte 
der Eine, „kennt man nur erſt bei- 
läufig Stand und Charakter der Leute, 
mit denen man verkehrt, jo kommt 
man mit den Anredeformen trefflich 
zurecht, ohne daß man verlegt oder 
ſich ſelbſt etwas vergibt.” 


„Sa, lieber Freund, Stand und 
Charakter von Leuten ſofort zu fen: 
nen, die man eben das erjtemal jieht 
und die Einem als der Herr von jo 
und jo, oder als die gnädige Frau von 
jo und fo vorgeftellt wurden — das 
ift eben das Schwere.” 


„Wenn Du nur einmal genau Acht 
gibft auf das Benehmen und die Aus: 
drucksweiſe ſolch' fremder Leute, fo 
wirt Du es in der Negel nad) weni: 
gen Worten heraus haben, zu welcher 
Claſſe von Menjchen fie gehören. Und! 
jofort kannſt Du das Verfahren an⸗ 
wenden, welches ich beobachte. Geiſtig 
vornehmen Menſchen gebe ich nämlich | 


nie um ein Stipfelhen mehr Titel, 
als ihnen in der Geſellſchaft gebührt, 
ja, ih thue hierin lieber etwas zu 
wenig als zu viel. Beſonders fremde 
Leute, deren Rang und Stellung mir nicht 
genau befannt ift, für ungewöhnliche 
Menſchen zu halten habe ich doch feine 
Urſache — vielmehr iſt man natür- 
licher Weiſe geneigt, Jeden für einen 
Durchſchnittsmenſchen zu nehmen, fo 
lange man nicht eines Andern über: 
zeugt ift. Und zulegt muß es ja aud 
den Fremden angenehmer berühren, 
wenn er mehr und Höheres iſt, als 
wofür er gehalten wird — als wie 
wenn er thatjählih das nicht vor: 
ftelt, wofür ihn der Andere hält, und 
fich heimlich fagen muß: die Höflichkeit 
und Ehre, die mir angethan wird, 
fommt nit auf Rechnung meiner 
Verdienfte, al3 vielmehr auf die eines 
Irrthums. Und ſchließlich zeugt eben 
das von weltmänniſchem Takt, wenn 
ich auch dem gewöhnlichen Menſchen, 
den ich für gar nichts Beſonderes 
halte und nur etwa mit: mein Herr! 
oder: meine verehrte Frau! anſpre— 
chen kann mit Bonhomie ent: 
gegenfomme. Qäufche ih mich, und 
jtellt fih’8 heraus, daß meine Ge- 
genperfon höheren Nanges ijt, als ich 
angenommen hatte, jo geftaltet fich die 
Sache zum gegenjeitigen Vergnügen. 
Hingegen ift es peinlich, wenn ich 
mir von einem fchlichten Manne etwa 
die Zurechtweifung gefallen laſſen muß: 
Bitte, mein Herr, ih bin fein Von, 
bin durchaus bürgerlich.“ 

„Je nun“, meinte jetzt wieder 
der Andere, „mit vernünftigen Leuten 
fommt man immer leicht zurecht, 
aber wie hältjt Du e3 denn mit den. 
Andern 2” 

„Ab, das ift was anderes, mein 
Freund, das find ohne jegliche Prü— 
fung ein für allemal lauter Herren 
und Frauen Bon, Herren Doktoren, 
Barone, ErzellenzsHerren, Euer Gna— 


129 


den und gnäbige Frauen. Denen fage 
ih mit Büdlingen: Küß’ die Hand! 
und ganz gehorjfamer Diener! gleich- 
wohl ih deren Mancher Diener nicht 
jein möchte. Und bin ich genöthigt, 
brieflih mit ihnen zu verkehren, jo 
find fie die: Euer Mohlgeboren, Hoch: 
wohlgeboren, und weiß ich, daß ich 
durch ein einzig Wort befonderes Glüd 
zu gründen vermag, jelbft: Euer Hoch- 
ebelgeboren, oder noch was Klingen: 
deres, und zeichne mich jchließlich in 
bejonderjter Devotion, wenn nicht gar 
unterthänigft erfterbend als dero Die: 
ner oder Knecht.“ 

„Wie verfährit Du aber in Briefen 
gegen Perfonen der erſten Kategorie 2“ 

„Ich gebe ihnen entweder genau 
den Titel, der ihnen gebührt, ober 
thue, aus bejonderer Hochachtung ver: 
anlaßt, ein Uebriges und jchreibe: 
Geehrter Herr! Sehr geehrter Herr! 
oder: hochgeehrte Frau! und bleibe 
mit dem Ausbrude meiner aufrichti- 
gen Hochachtung oder meiner wahren 
Verehrung ergebenft . . .“ 

So das Geſpräch der beiden Her: 
ren. Der Eine, welcher feine Umgangs: 
regel jo dargelegt hatte, iſt eine be: 
fannte Perſönlichkeit, bekleidet ein ziem— 
ih vornehmes Amt im Staate und 
genießt Hochſchätzung von Allen, bie 
ihn kennen, 

Einige Tage nad) obigen Ge— 
ſpräche überbrahte mir ein Diener 
des angebeuteten Mannes ein Schreiben. 
Wie erſchrak ih, als ich die Adreſſe 
las: „An den hohwohlgebornen Herrn 
von N. N.” — Ich bin ein Klein: 
bürgerliher, babe weder glänzende 
Geiftesanlagen, noch eine wohlgeformte 
Körpergeftalt, bin alfo niedrigunwohl— 


„Lieber Freund! 


Kommen Sie doh heute Abends 
zu ung; vergejlen Sie aber ja nicht, 
den Frad anzuziehen, um  benfelben 
bei mir in der Garderobe ablegen zu 
können, denn dag Nachtmahl findet in 
Hemdärmeln ftatt. 

Ihr N.“ 


Ich mußte wohl, daß letztere 
Aeußerung nur bildlich zu verſtehen 
war und bloß auf eine ungezwungene 
Geſellſchaft hinweiſen ſollte. 

Das Erſte am Abende war, daß 
ich, auf das oben angeführte Geſpräch 
klopfend, den Gaſtherrn zur Rede ſtellte 
ob des Hohnes auf meiner Adreſſe. 

„Ei“, antwortete er lachend, „ſagen 
Sie einmal, mit wem ſpricht denn 
der Briefſchreiber durch die Adreſſe 
eines Briefes, mit dem Empfänger 
oder mit dem Ueberbringer?“ 

„Doch mit dem Ueberbringer“, 
antwortete ich. 

„Richtig“, ſagte er, „und meinen 
Sie nicht, daß man vor den Augen 
der Dienerfchaft etwas anders daftehen 
jolle, al$ vor denen der Freunde?“ 

„Wohl“, entgegnete ih. Somit 
waren wir gegenjeitig zufrieden. Allein, 
da anfangs in einer zujammengetre- 
tenen Gejellichaft immer etwas Man: 
gel an Nedeftoff ift, jo hatten fich bie 
bereit verfammelten Herrichaften des 
Gegenftande® bald bemächtigt und 
huben an, ihn mit und ohne Geift — 
wie e3 eben Gott gab — zu erörtern. 

Zuerft ging’3 über das „Bon“ 
ber und Yemand fragte, wer denn in 
die bürgerliche Welt dieſe Lächerlich- 
feit eingeführt habe. 

Darauf gab ein junger Doktor 


geboren. — Dffenbar zählte mich der (er ließ fih nicht bloß jo fchelten, 
Mann zu jeiner zweiten Kategorie. |jondern war's wirklich) folgenden Be: 

Eine „Empfehlung an Seine|fcheid: „Nah dem breißigjährigen 
Gnaden“, gab ich dem Boten mit, ein | Kriege war's, da hatten die Herrfcher 
barſches „Adieu“ dann, und als ich | fein Geld, die Höfe Feine und bie 
allein war, riß id mwüthend über den | Negierungen auch kein's. Heute noch 
Schimpf das Gouvert in zehn Fegen|jollen hie und da Spuren von biejem 
von dem Briefe. Das Schreiben ver- | mittelalterlihen AZuftande vorfommen. 
jöhnte mich, e3 lautete: Dafür gab es auch wieder Leute, die 


Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 2, Geft, 9 


130 


fich eben in den Kriegszeiten auf aller: 
lei Art bereichert hatten. Dieje woll- 
ten zum Mittel nun auch den Titel 
und gingen ſomit den römiſchen Kaifer 
zu Wien um gnädige Verleihung von 
Adelsbriefen an. Der Kaijer hatte 
ebenfalls fein Geld, hingegen erfled- 
lihen Vorrath an Pergament und jo 
nahm er von den Titelfreunden die 
Goldgulden und gab dagegen den 
Adel. Und da waren, zumal in Wien, 
der Neugeabelten bald jo viele, daß 
man jchier nicht fehlging, wenn man 
eben, der ein gutes Wamms am 
Leibe trug und ein gewandtes Beneh— 
men hatte, mit: Herr von — anrebete. 
So geihah es und fo geichieht es 
noch heute; die Unfitte ift ein Weber: 
bleibjelausdem dreißigjährigen Kriege.“ 

„Dieſes Bon ift ein wahrer 
Spott und Hohn für Denjenigen, dem 
wir es unberechtigter Weiſe zufügen, 
und ein Eingriff in die Nechte Derer, 
welchen dasjelbe von ſtaats- und recht3- 
wegen zufommt”, jagte ein Anderer. 

„Run“, verfegte der junge Doctor, 
„die unechten Herren und Frauen 
Von verzeihen den Spott und Hohn 
reht gerne; der Adel ignorirt die 
Sitte und er allein iſt e8, welcher dem 
Bürgerlihen das ſüße Bon nicht in's 
Ohr träufelt. Unter uns wäre fomit 
die Sache jo ziemlich bedeutungslos 
— aber die Fremden lachen uns darob 
aus und das ift unangenehm. Wir 
Dejterreiher find mit unjerem Von 
ein Unicum. Der Staliener ehrt jeden 
guten Rod mit: Ercellenza! Der 
Spanier fpendet feinem Gegenmann 
das artige Vueſtra Merced ! Der Eng: 
länder gebraudt in der Umgangs: 
Iprache fein furzes Sir, das wohl für 
den Adel Sitte geworden ift, allein 
einen älteren Urjprung hat, als das 
Adels:Sir. Der Franzofe hat jein feines: 
Monfieur, Madame, Mademoijelle— — 
das iſt höflich, weltmännifch, aber es 
iſt nicht lächerlich, es ift feine fchreiende 
Unmwahrheit, wie unſer Von, das wir, 
in der Abficht zu jchmeicheln, Jedem 
an's Trommelfell bimmeln.” 


„Ich finde”, fagte ein Dritter, 
„daß es mit unjerem Bon eigentlich 
ganz in Ordnung ift. Wir Alle find 
‚von unferen Vorfahren. Es wird ja 
im Mörtchen nicht gejagt, daß diefe 
Torfahren von Adel waren; es zeigt 
höchſtens, daß unjer Vater jchon jenen 
Namen führte, mit welhem wir an— 
gejprochen werben.” 

„Ganz richtig. Allein Sie müſſen 
zugeben, daß in dieſem Sinne das 
Bon wohl jelten gebraucht werden 
wird.” 
| „Es wird eben in gar feinem 
Sinne gebraudt, fondern nur in ber 
| Gedantenlofigteit oder in der Abficht 
höflich zu fein. Und man freut fich ja 
ichließlih, wenn in unferen land: 
läufigen Anfpradhen irgend ein Wört- 
chen vorkommt, an welches man jein 
MWohlwollen und feine Hohihäßgung 
für die angefprodhene Perſönlichkeit 
‚hängen fan. Wir benüßen die Gele: 
genheit, wenn auch nicht in jener 
Ausdehnung, wie mein jehsjähriger 
unge, der jo gerne dem Herrn von 
Hausmeifter oder der Frau von Milch: 
mädl einen guten Morgen wünſcht. 
| Noch viel komischer ald das Von 
eriheint mir das: Gnädige Frau, 
das: Gnädige Fräulein, das: Euer 
Gnaden. Wer hängt heute noh von 
den Gnaden eines Menfchen ab? Bon 
Gottes oder der Natur Gnaden lebt 
Feder und hätte er der Sterne hundert 
auf der Bruſt. Mir ift ein alter Mann 
befannt, der betitelt jede Dame, mit 
welcher er im Geſpräche ift, mit ben 
Worten: Berehrte Frau! — Schon 
manche „verehrte Frau“ hat darüber 
das Näschen gerümpft und eine davon 
war jo demonjtrativ, einmal mitten in 
der Unterhaltung dem Stubenmädchen 
zu jchellen, damit fie in Gegenwart 
des nach ihren Begriffen unhöflichen 
Herrn ein: Euer Gnaden! zu hören 
befam. Und ferner die Frau 
Meisterin, ſonſt eine höchſt ehrenwerthe 
Frau, hat ihren ſchönen, echt deutſchen 
Titel um ein lächerliches: Gnädige 
Frau! verſchachert. — Mir iſt hierin 








131 


früh genug geiteuert worden. ALS 
armer Koſtſtudent hatte ich zweimal 
in der Woche dad Mittagsmahl bei 
einer betagten Kaufmannsfrau. Aus 
wirflih herzenswarmer Dankbarkeit, 
und weil es doch micht zu leugnen 
war, daß ich mich von ihren Gnaden 
ſatteſſen konnte, nannte ich fie: Gnädige 
Frau. Junge, ſagte fie hierauf einmal, 
ſchwätze es nicht den Dienſtmägden 
nach; nenne mich Frau Mutter — iſt 
mir lieber. — Philiſterhaft, meinen 
Sie, war es? Nein. Die brave Frau 
hat ſich ſelbſt und mit Recht den 
ſchönſten Titel beigelegt, den eine Frau 
tragen kann.“ 

„Man iſt ordentlich froh“, meinte 
hierauf ein Nächſter, „wenn Einer, 
mit dem man zu reden hat, Doctor, 
Profeſſor, Oberſt, Major oder ſo was 
iſt, da gibts keine Klippen zu um— 
ſchiffen und wäre es nur zu wünſchen, 
daß deren Gattinnen Frau Doctorin, 
Frau Profeſſorin u. ſ. w. benamſet 


werden könnten, wie es wohl in 
Deutſchland und auch anderswo Sitte 
iſt, wo der Klang ſich ſtets nach dem 
Rang richtet.“ 

„Abhandlungen über derlei Dinge 
ſind löblich, aber fruchtlos“, äußerte 
ſich ein Anderer, den die Sache ſchon 
langweilen mochte. 

„Damit ſie letzteres nicht ſind“, 
ſagte der junge Doctor, „ſo ſchlage 
ich vor, daß jeder der anweſenden 
Herren, der unſeren Anſichten beige— 
ſtimmt bat, ſich bier auf der Stelle 
verpflichte, im gejelligen Verkehr die 
unfimmigen und lächerlihen Xitula: 
turen zu umgehen und fich echt 
deuticher, manneswürdiger Anfprachen 
zu befleißen.“ 

„Es gilt!” jagten wir Alle. In 
demjelben Augenblide trat die Dame 
des Haufes ein. Der junge Doctor 
war ber erjte, welcher fie mit dem 
Bückling: „Küß’ die Hand, gnädige 
Frau!” begrüßte, 


Driefe aus und über Wien. 
Bon Frau Thereſe. 


Alte und neue Häuſer. 


Wie gerne möchte ich über bie 
Schönheit Wiens jprehen, doch dazu 
fehlt mir der Muth, weil mir die wij- 


ſenſchaftliche Bildung fehlt, e8 würdig | 


thun zu können. Ich müßte Dir al’ 
die Bauſtyle charakterifiren, den Plan 
der großartigen Umgeftaltung Wiens 
darlegen fönnen; doch mie jollte an 
jolhes ih mih wagen? Die Ning- 
ftraße kennſt Du, die in ihren groß: 
artigen Proportionen alle Fremden mit 
Bewunderung erfüllt ; fie umfängt mit 
üppig jungen Armen die liebe alte 
Stadt. Doh mun geht man daran, 
auch dieſe ehrwürdige neu zu machen, 





von alt und neu, von einft und jeßt 
alle weggenommen werden, eine ges 
wiſſe Monotonie, wenn auch die der 
Pracht, wie blafirend auf uns wirken 
dürfte! Geht e8 uns ja auch in den 
inneren Räumen der modernen Häuſer 
nicht anders, wo eine Reihe von 
Zimmern eins wie das andere ung 
die Frage aufdrängt, warum über: 
haupt Zwiſchenmauern beitchen, wenn 
nicht um die Perfonen wie in Zellen: 
Gefängniffenauseinanderzubalten. 

In diefen alten Häujern hingegen 
fand fich für jede Stimmung der Seele 
ein Winfelchen. Das Aeußere hatte ein 
Gepräge, welches uns von der Indi— 
vibualität des Beſitzers einen Begriff 


es ijt vielleicht eine Nothwendigkeit, gab, und ung nicht jelten für ihn 

doch mir jchneidet fie in’3 Herz, und | mit Intereſſe und Theilnahme erfüllte ; 

ich fürchte, daß, wenn die Gontrajte | das ift nun alles anders und dahin! 
9* 


132 


Mir fragen wie der Architekt heißt, 
der diefes8 oder jenes Haus gebaut, 
und ſchätzen nad feiner Pracht und 
Dimenfion das Vermögen des Beſitzers, 
um falten Herzens weiter zu gehen. 
Nie anderd war das in alter, alter 
Zeit, wo der Eigenthümer feinen 
Gefhmad, ſeinen Geilt, fein Ge: 
müth, ja alle jeine Eigenthümlichkeiten 
bei dem Bau feine® Haufes mit zur 
Geltung . brachte, und fo demſelben 
eine individuelle Phyfiognomie zu geben 
wußte! — ch werde nicht den bi: 
zarren Wunſch ausſprechen, daß man 
in unjerer Seit ſolche veraltete Er: 
ſcheinungen nachaffectiren follte ; aber 
hätte ich was darein zu reden, jo 
hätte man mir mit einiger Scheu an 
manches alte Haus, das das Gepräge 
feiner Zeit in beſonderer Auffälligkeit 
an ſich trug, Hand anlegen dürfen, es 
von innen unter: und überbauen, nur 
jein altes runzliches Geficht hätte mir 
erhalten bleiben müſſen! — Contrafte 
wirken immer erfrifchend, aufregend, 
unfer Auffaffungsvermögen erneuernd; 
„Contraſte wirken wie Witz“, jagt Jean | 
Paul „und der wirkſamſte Wit berubt | 
meift auf einer glüdlichen Benügung 
eines Kontraftes.” Wir gehen durch 
Gaffen von lauter prachtvollen Ge— 
bäuben, ohne den Blick zu erheben | 
hat unfer Auge die Herrlichkeit ein 
paar mal überfhaut, und Sinn und 
inneres Beſchauen findet feinen 
Anknüpfungspunft. Wie anders ift das 
einem alten, oft fonberbaren Gebäude 
gegenüber! So ftand ich oft lächelnd 
und fimulivend vor den drei jchmalen 
Häufern mit ihren Giebeldähern auf 
den Graben, die man jegt, zu meiner 
innigften Betrübniß, niedergeriffen, das 
was die Ede bildete, jejlelte am meiften 
mein Sntereffe. Fünf Stod hoch, ohne 
jeglihe Verzierung, nur im fünften 
Stode waren zwilchen ben SFenftern 
jteinerne Fraßenbilder angebracht, die 
ihre Köpfe vorftredten und in bie 
Fenfter hinein, foviel ich mit meinem 
guten Auge ausnehmen konnte, gräus 
liche Gefihter fchnitten! Was für ein 





fonderbarer Kauz muß der Befiger 
dieſes Haujes gewejen fein? frug 
ih mich zum bundertftenmale immer 
wieder, denn das war auf Be 
tellung gemacht, folches hätte ein 
Baumeijter jelbft vor 400 Jahren 
ich nicht ohne Zuftimmung des Ber 
figers zu erfinnen und auszuführen ge: 
wagt, das war ein Humorift, fo ein 
Hans Sad, folgerte ich weiter! — 
Ein ander Mal entdecte ich in einem 
engen Nebengäßchen der innern Stadt 
ein kleines, nur ftodhohes Häuschen 
mit einem Bilde über der Hausthüre, 
und weil es unter Glas war, war 
jein Gegenftand noch deutlich zu er: 
fennen: eine bürgerliche Stube, in der 
Mitte derjelben ein gededter Tifch, 
auf weldhen die Hausfrau eine Schüffel 
(es ſcheint mit Klößen) zu ftellen eben 
im Begriffe ift. Zwei Kinder figen, 
mit gefalteten Händen an bemjelben. 
Der Bater im Schurzfell fteht noch 
aufrecht obenan und wifcht fich mit 
buntem Tuche den Schweiß von der 
Stirn, unten fteht „im Schweiße dei— 
nes Angefichtes jollit du dein Brot 
ejjen”. Warum rollten mir zwei Thrä- 
nen über die Wange, ehe ich ihrer 
mir bewußt war? Es war bie hier 
erjchütternde Wirkung des Gontraftes 
von einft — uud jetzt; Gott, 
wie anders würde es lauten, fäme 
die Mode auf, unferen Häufern eine 
Devije zu geben! Du Denkmal beiliger 
Einfalt, was ift mit dir alles zugleich 
in Schutt zerjtoben! Wie werde ich 
veripottet werden, um al diejes bier 
Gejagten willen; ich jage es aber 
dennoch ! 


Die Wien. Die Theuerung. Der 
Wiener Geifl. 

Wie nun immer — fo ift nicht 
zu leugnen, daß Wien mit wahrer 
Yünglingsfriide den Anlauf nimmt, 
zur ſchönſien Stadt der Welt ſich zu 
geitalten, wenn nur Eines, nur Eines 
nicht wäre, ich meine bie Wien — 
ach diefe Wien! und daß fie auch 
noh den Namen trägt! Nicht eine 


188 __ 


ber ſchönen lieblichen oder rejpectablen 
Eigenſchaften eines Fluſſes hat fie! 
Sie rauſcht nicht, ſie trägt nichts, ſie 
treibt nichts, ſelbſt den Unrath, der 
ihr anvertraut werden mag, hat ſie 
nicht die Kraft fortzuſpülen, ſondern 
zieht ihn nur in die Länge! Inmitten 
des regſten Lebens kriecht er hin, der 
ſchwarze Wurm, voll träger Verdroſſen— 
heit, nicht befhämt durch die Pracht 
der Brüden, die ihn überwölben, jchleicht 
dahin wie ein auf Böſes finnender 
Dämon. Ad fünnte ich fie ausmerzen 
ein paar Paläfte unferer palaftreichen 
Stadt wollte ih opfern und fie dort 
hineinwerfen, wo fie zu uns herein- 
dringt. Vom Weberbauen fprad man, 
doch daran hätte ich feine Freude; 
fie würde da unten noch giftigere Gaſe 
entwideln, um fie an gelegenen Orten 
erplobiren zu laſſen, die ung mit böfen 
Seuden bedroheten. — 

Auf was ich mich verpflichtet halte, 
Dich vorzubereiten, das ijt die große 
Theuerung Wiens, ſowohl der Lebens: 
mittel ald der Wohnungen. Wir leben 
bier jo thener als in London; Deine 
vier geräumigen Zimmer mußt Du bier 
in der Stabt zu demjelben Zinsbetrag 
auf Zimmer und Gabinet rebuciren. 
„Und dennoch ſoll ich fommen, hör’ 
ih Dich fragen, was ſoll mir denn für 
alle diefe Opfer Erfaß bieten?” Die 


große Bewegung, die Dich hier 


umgibt! erwiedere ich Dir hierauf; hier 
gibt es fein Verſäuern in engherzigem 
Abſchließen von der Außenwelt, der 
Strom des Lebens brauft an Dir vor: 
bei, und läſſeſt Du dih auch nicht 
von ihm mitfortreißen, er berührt Dich 
doch und ruft Deine Zeugenſchaft an! 
Ein Berfnöhern im Philiſterthum ift 
hier faum möglich, eitle Selbftüber: 
ſchätzung kann bier nicht auffommen, 
indem man großen und uns weit 
überragenden Erjcheinungen gegenüber 
die Augen nicht verfchließen kann, und 
ein organiſches Zuſammenwirken der: 





jelben wahrnehmen muß, welche Ueber: 
zeugung das Eleinmüthigite Herz wieder 
aufzurichten vermag, indem wir dem Ge: 
ichlechte, zu dem auch wir gehören, 
unfere Bewunderung nicht zu verjagen 
vermögen! — Die großen Inſtitutionen 
für Kunft, Wiſſenſchaft und Induſtrie 
müſſen uns mit dankbarer Anerkennung 
erfüllen und eine Bürgichaft fein, daß 
das Gute nicht ausftirbt, und daß, 
wenn auch die Gejchlechter vergehen, 
der Geiſt derjelben ein ewiger ift, ber 
unermüblih daran geht, die großen 
Geheimniffe der Natur und ihrer 
wirkenden Kräfte zu löfen. Und nod 
eines, was fein unmejentlihes Motiv 
für die Wahl des Ortes ift, an dem 
wir uns heimiſch niederlaſſen wollen: 
es ift der Geift der Bevölfe: 
rung! — Der nun von Wien it 
fein ftarrer, abftoßenber, geſpreizter und 
in Anmaßung aufgebauſchter, es iſt 
ein fricher, aufgewedter, ziemlich harm: 
(ofer Geift, Du wirft feinen Flügel: 
ihlag fühlen, jobald Du die Stadt 
betrittit, und er wird machen, daß Du 
bald hier wie zu Haufe bift. Es it 
ein kecker ſchmucker Geift, trägt feine 
Vatermörber, wie dort — feine grobe 
Bloufe wie da — auch Feine Harlefins- 
jade, wie anderswo — bemwahre! er 
hat ein ſchmuckes, glänzendes Gewand 
aus Flittern gewoben, und tritt irgend 
ein großes Ereigniß an uns heran, 
jei es num froher oder ernjter Natur, 
jo fchüttelt er dasjelbe und eine ganze 
Garbe jprühender Witesfunfen und 
fernhafter Einfälle riefelt auf uns 
nieder, denen es nicht jelten gelingt, 
uns über eine bedenflihe Stunde 
hinüber zu helfen, und es war ein 
erſchreckendes Zeichen der Zeit, daß 
diefer Geift während der jchredlichen 
Börjenkrife jeine Schleppe zuſammen— 
nahm, und nur höchft jelten ein Fünf: 
hen fallen Tieß, doch er erholt ſich 
ichon wieder und treibt jeinen Spuf 
wie in guter alter Zeit! 


134 


Aus der Jubelfeier 


So traurig und bitter für uns 
BZurücbliebene jet der Gedanke ift, 
daß die Jubelfeier der Gefundheit 
diefed großen Mannes einen jchweren 
Stoß verjegt, daß „mir ihn zu Tode 
gefeiert“, wie jein Freund Ludwig Aus 
guft Franfel in einem Schönen Nachrufe 
jagt, — To groß und reich und ſchön 
it doch auch die Erinnerung an dieſe 
Jubelfeier. 

Traurig und bitter iſt es, daß 
der gefeierte Mann leiden mußte unter 
Freude und Ehre; traurig und bitter 
iſt es, daß die Menſchen bangen 
müſſen, Schaden und Gefahr zu brin— 
gen, wenn ſie ihre Lieblinge umju— 
beln wollen; aber ſchön und erhebend 
war es doch, als Anaſtaſius Grün im 
Vollglanze ſeines Ruhmes ſtand, als 
ein ganzes Land, ein ganzes Volk ihn 
mit Dank und Liebe, mit Bewunde— 
rung und Jubel begrüßte. 

D wäre nur die Nachwirkung aus: 
geblieben, hätte es nur der Körper 
nicht zu büßen gehabt, daß fein Geift 
gefeiert worden. 

Bon jenem Jubeltage nun, an 


welhem Graf Anton Auersperg, unjer 
Anaftafius Grün, mehr als jonft und 


je der Deffentlichfeit angehörte, haben 


die Zeitungen und die Mitglieder der | 


empfangenen Deputationen vieles mit: 
getheilt und überall war es zu lejen, 
welche Bejuche der Jubilar empfangen, 
wie viele Telegramme gefommen waren, 
welch’ Schöne Ehrenzeihen und Spenden 
in dem Gmpfangszimmer zu jehen 
waren. Nur von dem Eintreffen und 
der Empfangnahme eines bejtimmten 
Ehrenzeihens, von den eigenthümlichen 
und charakteriftiichen Umſtänden bes: 
jelben dürfte nichts in die Deffentlich- 
feit gedrungen fein und dies eben 
möchte ich bier erzählen. 

Graf Auersperg war am 11. April 
d. J., am Jubeltage jelbit, ziemlich 
friſch und munter und bei weitem nicht 
jo ermüdet und angegriffen als am 





Anaftafius Grün’s. 


Vortage, wo er, von ber Feit-Afademie 
zurücgefehrt, den Seinen über Herz: 
Elopfen und krankhafte Ergriffenheit 
flagte und verjicherte, dieſe Feier werde 
ihn noch umbringen. — 

Diefe beſſere Stimmung des 11. 
aber verdankte der Jubilar dem Re: 
dafteur der Tagespoft, Herrn Tr. 
Spoboda, welcher bei feinem Beſuche 
am PVortage dem Allzugemilienhaften 
gerathen hatte, die immer zahlreicher 
eintreffenden Telegramme und Adreſſen 
doch nicht alle einzeln und augenblidlich, 
jondern collectiv und erft nad) der 
eier durch einen gedrudten Dank zu 
beantworten. 

Bon diefem Augenblide an fand 
der Graf feine Ruhe und Heiterkeit 
wieder, jchlief ruhig die Nacht zum 
ubelmorgen und jah wieder gut aus. 

Obwohl diejer Vormittag nun das 
Unglaublichjte an Unruhe und Aufres 
gung und Anfirengung brachte, hielt 
der Yubilar tapfer aus, hatte für jede 
Deputation eine paflende Antwort, für 
jeden Befuh ein freundliches Wort; 
freute fih, daß fein ſchmucker Sohn 
die einlaufenden Telegramme jo ſchön 
ordnete und den Journaliſten Wiens die 
Honneurs machte und erzählte endlich 
nah 2 Uhr ganz heiter, daß er jeit 
9 Uhr die Feder in der Hand habe, 
um das Telegramm des Minifteriums 
zu beantworten und nicht dazu gelan: 
gen könne, weil feine Thüre fich nicht 
ſchließe. — Bis zur Epftunde um 
4 Uhr war e3 ruhig geworden, nur 
einzelne Telegramme kamen noch wie 
fernes Wetterleuchten, und außer einem 
furzen freundlichen Trinkſpruch, wel: 
hen der Graf feiner Familie und 
jeinen Freunden brachte, erinnerte nur 
die Stimmung, die auf den Geſichtern 
der Anmejenden lag, an den Feſttag. 

Nah Tiſch, bei Kaffee und Eigarre 
plauderte der Graf ganz behaglih und 
gemüthlih mit Dr. Schindler über 
Vergangenheit und Gegenwart und 


135 


manches große Wort fiel darüber, daß 
der Dichter mehr al3 jeder Andere 
nie vollends mit dem zufrieden fei, 
was er gejdhaffen, weil es ja noch 
viel größer und jchöner in jeinem 
Innern gelebt habe, als er es zum 
Ausdrude bringen konnte. 

Endlih des Abends nah 7 Uhr, 
al3 Dr. Schindler ſchon Abſchied ge: 
nommen hatte, fam der Graf nad) den 
Zimmern feiner Gemahlin und feines 
Sohnes hinüber und erzählte, daß es 
ihm jehr gut gehe, denn er habe län- 
gere Zeit ruhig in feinem Zimmer 
figen und ungeftört die „Neue freie 
Preſſe“ leſen können, was ihm lange 
nicht gefcheben fei. — 

Mir nedten ihn, daß er nicht wie 
Goethe’ 3 Fauft jage: „Die Thräne 
quillt, die Erde hat mich wieder”, fon: 
bern: „Ich habe ruhig meine Zeitung 
gelejen, die Erde hat mich wieder”, 
und er lachte und fegte fich zu uns. — 

Es war aber noch nicht$ mit dem 
Ruhigfigenbleiben. 

Die Gräfin frug, was benn in 
dem netten flachen Pakete geweſen jei, 
welches jchon zwei Tage drüben im 
Schreibzimmer gelegen. — 

Der Graf meinte, er wolle es mor: 
gen anjehen, heute fei jchon Feierabend, 
gab aber endlich den Bitten der Gräfin 


nad, mahnte leife an die Neugierde 
der frauen und holte das Paket herbei. | 


63 war dies ein merkwürdiges 
Paket. Als der Graf dasjelbe ſorg— 
fältig und behutjam öffnete, wurbe es 
immer grüner und grüner. 

Das Umſchlagpapier, der Carton, 
das feine Seidenpapier, alles war grün 
und der Inhalt war eine herrlich kalli— 
graphirte Ernennung zum Ehrenritter 
der „Grünen Inſel“, einer Gejellichaft 
von Künftlern und Literaten in Wien. 

Die Adreſſe war in fräftigen, 
alterthümlihen Verſen abgefaßt und 
ein Metallreuzchen an grünem Bande, 
das Nitter-Chrenzeichen, lag bei. 

Das war Alles ſehr jchön und 
finnig und der Graf betrachtete e3 mit 
Wohlgefalen und Freude, aber, o 





Schreden, in dem Begleitichreiben ftand 
zu lejen, daß an diefem jelben Abende 
die „Grüne Inſel“ eine Feſt-Verſamm— 
lung halten werde, um den neuen 
Nitter zu begrüßen. — 

Da konnte und mußte noch eine 
Antwort telegraphirt werden. — 

Der Graf eilte nach feinem Schreib: 
zimmer, fein Sohn, Graf Theodor, 
warf fih in einen Wagen, um von 
dem noch im „Hotel Erzherzog Jo— 
hann“ anmejenden Dr. Schindler die 
Adreffe der „Grünen Inſel“ zu er- 
fahren, und die Gräfin triumphirte, 
daß ihre edle MWißbegierde e3 geweſen, 
welde das Zurechtkommen ermöglichte. 

Eine Viertelftunde darnach ftanden 
wir Alle im Vorzimmer des Grafen, 
der feinem Sohne folgendes Telegramm 
zur Beförderung übergab: 

„An die grüne Inſel!“ 

Aus dem grünen Steirerland 

Reicht die grüne Ritterhand, 

Dankbar euch und froh bewegt, 

Der längft Eure Farbe trägt, — 

Schwingt den Humpen unverdrofjen 

Auf das Wohl der Bundsgenofjen.“ 

Anaftafius. 

Das Telegramm ging ab und Fam, 
wie die Wiener Blätter am nädjiten 
Tage berichteten, in dem Augenblide 
an, al® der Präfident der „Grünen 
Inſel“ das Glas erhob, um das Wohl 
des Yubilars und neuen Ritters aus: 
zubringen. 

So ſchloß der Feittag im Haufe 
des Dichters, und obwohl fünf Monate 
nachher das grüne Steirerland jchwarze 
Flaggen ausgehangen hatte, weil diejer 
große Mann gejtorben war, obwohl 
diefe Nitterhand feinen Becher mehr 
hebt und Feine Feder mehr führt, weil 
fie falt und todt ift, obwohl ich in 
Schmerz und Weh an dem Sarge 
ftand, weldhem die „Grüne mel“ 
einen grünen Kranz gefendet, bleibt 
mir jene Stunde eine herrliche Erin: 
nerung, in welcher der jiebzigjährige 
Dichter aufrecht und lebhaft wie ein 
Süngling daftand, und die im Flug ge— 
ſchriebenen frischen Verſe vorlag, ein Bild 
der ewig fiegreihen Kraft des Genius. 


Ss. Auege. 


136 


Dem Andenken Anaftafius Grün’s 
(am Tage Allerfeelen 1876). 


Ein Frühling fam wie feiner noch in's Land — | 


Und Allen fcheint's, es hab ein böfer Traum 


Auf allen Strafen z0g das Volk mit Kränzen, Die Seele nur beſtrickt mit Nadıt und Grauen, 


Die nah und ferne Dir die Liebe wand, 
Und Aller Augen fah man feitlih glänzen, 
Ein Füngling-Greis trugft Du das Sängerhaupt 
So edelfrei, wie Du es ftets getragen, 

Und drüdt es ſchwer der Lorbeer, der's umlaubt, 
Das Volt, das Dich; geliebt, an Did) geglaubt, 
Nun will’s fein Recht, um Alles Dir zu fagen. 


Ihm ward fein Recht! Dein Gruß, Dein heller 
Blid, 

Er galt ihm body wie eines Königs Gnade, 

Dir nah zu fein, ein neidenswerth Geſchick, 

Und fhönfter Ruhm zu wandeln Deine Pfade. 

Als hätte Dir, Du Sänger kühn und frei, 

Der Götter Hand ein dauernd Loos gefponnen, 

So fühlte Jeder nur: id war dabei! 

Doch wie Dir felbft darob zu Muthe fei, 

Wir haben faum bedadjt es und befonnen. 


Da kam der Herbft und löfcht die Flammen aus, 
Die tauſendfach der Frühling Dir entzündet, 
Die Heimat fcheint ein großes Trauerhaus, 
Mo Alles Deinen Heimgang uns verkündet ; 
Von grauem Flor umfponnen Hain und Feld, 
Verſtummt die Lerchen rings und Nachtigallen, 
Glanzlos das Sonnenaug' ob einer Welt, 
Die nimmer uns Dein Geiftesblid erhellt, 
Als follte fie zu Moder nun zerfallen. 


Ein Siegfried liegft Du auf dem Ehrenfchild, 
Den uns der Tod erfchlug, der grimme Sagen, 
Da trauern Städte rings und das Gefild, 
Und ſchwer von Kränzen ſchwankt der Todes- 

wagen 
Hinab zur Gruft! — — Sei Dir die Erde leicht, 
Der Beften Einem, der fie je befchritten ; 
Wir aber fühlen, dab Dir Keiner gleicht, 
Wie Ein’s dem Andern ftumm die Hände reicht, 
Als hätt! es eines Vaters Tod erlitten! 


Als müſſe lächelnd aus dem Himmelsraum 
Dein mildes Antlip auf und niederſchauen. 
Mie hier Dein gold’nes Saitenfpiel vermwaift, 
Und trauerbang viel edle Herzen pochen, 

Ein Adler Deine ftille Gruft umfreift, 

Da ift es uns, als hab’ der Weltengeift 
Durd Deinen holden Liedermund geſprochen: 


„Was ihr beweint, das ift nur die Geftalt, 
In der euch das Unſterbliche erfdhienen, 

Das edle Haupt, des Auges Allgewalt, 

Des Wortes Klang, die fiegverklärten Mienen! 
Den Mantel birgt die Gruft, den Pilgerftab, 
Den Sängerhut! Aus lichten Weltenfernen 
Da Shan’ ich auf das Volk und Land berab, 
Dem in der Zeit ih Ruhm und Lieder gab, 
Und rubig thron’ ich über meinen Sternen ! 


„Erblickt fortan mich in dem Morgenroth, 
Wenn jubelnd rings die Lerchenlieder fallen, 
Ich bin der Geift, der end in Blitzen lobt, 
Ihr feht mich dort in Meereswogen wallen. 
Beim Kuß der Liebe, in der Männerſchlacht, 
Wenn hoch um euch der Freiheit Banner rau- 
ſchen, 

Im Sternenſchein der ſtillen Mitternacht, 
Wenn Weisheit noch und das Erbarmen wacht, 
Da will ich ſel'ge Grüße mit euch tauſchen! 


„Gedenkt ihr mein, wohlan ſo folgt mir nach, 
Und übt es treu und feſt, was ich geſungen, 
Bis man des Haſſes letzte Zwingburg brach, 
Und ihr das gold'ne Alter euch errungen! 
Daß Sonnenſchein, wo noch das Dunkel lag, 
Und jeder nächtlich finſt're Wahn zerſtiebe, 
Dann ſchaut ihr mich am großen Friedenstag, 
Von dem ein Sängerherz nur träumen mag, 
Am Tag der Wahrheit, Freiheit und 
der Liebe.“ 


Friedrid Marx, 


Volksdichtung auf Grabkreuzen. 


Eine Studie von P. R. Rofegger. 


Alüberall begegnen wir der Menz ſtiges Kapitel zugleih — das Grab: 


ſchen Dichten und Trachten. Je vor: 
gejchrittener und intelligenter ein Volk, 
deito größer und zielbewußter fein 
Trachten; — je naiver und urfprüng- 
licher, deſto Iebendiger fein Dichten. 
Hier kann nit von wilden Völkern 
die Rede fein, deren Dichtungen höch: 
ftens ihre rohen Götzendienſte betreffen, 
oder in wüſtem Kriegsgeſchrei beftehen, 
und die fich gegenfeitig zu vernichten 
und aufzufrejfen tradhten. Das dich— 
tende Volk lebt im ibylliichen Hirten: 
thume oder treibt friedlichen Landbau. 
Sein Leben bewegt fih noch am lieb: 
jten in dem Naiven und Unmittelbaren, 
aber in dieſe Bewegungen fällt von 
der Menjchheit Höhen nieder jchon der 
matte Dämmerjchein der Eultur. 


Die Dichtungen des Volkes ver: 
mögen nur dort zu leben, wo fie ent: 
ftanden find ; zumeift unverftändlich find 
fie dem weiten Kreije, fie dehnen fich 
daher nicht aus. Sie haben fich nicht 
aufs Pergament gewagt, um auf dem: 
jelben der Zukunft entgegenzuharren ; 
fie wagen fi nicht auf das Papier, 
um in die weite Melt zu flattern, 
Das Volk jchreibt feine Gedichte auf 
andere Blätter, es jchreibt auf Haus: 
thüren und Balken, auf Votivbilder 
und Martertafeln, auf Lebzelten und 
Schußſcheiben, auf Tanzböden und 
Grabfreuze. 

Um ein ſolches Buch der Volks: 
jeele zu lefen, muß man wandern von 
Dorf zu Dorf, von Herz zu Herz. Und 
wer die Gedichthen und Sprüche ab: 
jchreiben und ſammeln und ein pa- 
pieren Buch daraus machen wollte, 
der würde ein jeltjames Werk ſchaffen, 
verftändlich für Wenige, intereſſant für 
Diele. 

Wir wollen heute aus diefem Buche 
der Vollsdihtung nur ein einzig Blatt 
herausgreifen, ein tiefernſtes und lu— 


kreuz. — Das Voll, das naive, ge 
junde da draußen hat es noch nicht 
zu jener Weberfeinerung bes Gemüthes 
gebracht, die auf Grabhügeln nur in 
lauter, wilder Klage weint; auch noch 
nicht zu jener moderblaffen Vhilofophie 
des Peſſimismus, die Alles für ver- 
loren wähnt, was den Sinnen entrüdt 
it. Das Volf glaubt und hofft und 
wird bisweilen faſt übermüthig dabei 
und ſetzt dem Tobdtenfopfe jo gerne 
einmal eine Narrenlappe auf. 


„Das Sterben ift bitter 
Das Geftorbenfein füh“, 


fteht zu lefen auf einer Grabtafel zu 
Steier; und ein Anderes: 


„Das hart’ Sterben, 

Das ih fo lang hab gefürdt 

Is vorbei. 

Ih bin von allem Uebel frei 

Und leb’ bei der heiligen Dreifaltigkeit 
Von nun an bis in Emigfeit”, 


zeigt, daß es wohl gerechtfertigt ift, 
wenn das Volk noch heute feine Todten- 
feite mit Eſſen, Trinken und verjchie- 
denem Schabernad feiert, wie ein freu- 
diges Ereigniß. 

Ihm iſt der Tod ja fein Enden 
fondern ein Beſſerwerden, eine Geburt 
zum ewigen Leben. 

Nur in den jelteuften Fällen find 
die Todtendichtungen des Volkes an— 
gehaucht von troftlofer Trauer, nur 
jelten ftimmen die Grabjchriften mit 
den düfteren Kreuzen, Sanduhren und 
Todtenſchädeln, mit denen die Dorf: 
firchhöfe geziert find. 

Diefe Zeilen mögen eine ganz Furze 
Charakteriftit der Grabjchriften geben, 
wie ſolche in den DVorflichhöfen un- 
jerer Gegenden vorfommen. Diejelben 
find zumeift anmuthend, wenn nicht 
gar humoriſtiſch. 


138 


Beliebt ift folgender Vers: 
„Sch lieg’ hier im Rofengarten 
Und thu’ auf meine Eltern (Kinder) warten.‘ 
Dber: 
„Liebe Kinder thut nicht weinen, 
Daß mir fhon geftorben fein, 
Wir find nur vorausgegangen, 
Um bei Bott euch zu empfangen.‘ 


Ernfter ift Folgendes: 
„Was ihr feid, bin ich geweſen, 
Was ich bin, das müßt ihr werden, 
Alle Blümlein wohl verwefen, 
Und du wirft zu Staub und Erden.” 


Grabſchriften, ähnlich dieſer letz— 
teren, haben zumeiſt Prieſter zu Ver- 
faſſern; fie find ftet3 düſteren Inhaltes, 
ſprechen von der Eitelfeit des irbijchen 
Lebens und haben eine moralifirende 
Pointe. Von folden find die naiven 
Dichtungen des Volfes leicht zu un: 
terſcheiden. 

Wenn wir auf einem Grabmal in 
Gröbming (Ennsthal) die Worte zu leſen: 
„Hier ruhet Kaydan Strobl, geweſen der 

Hammelfchmiedin ihrer Schweiter ein Kind“, 
oder: 

„Willſt mid mit Füffen treten 

So muft aud ein Vaterunfer bethen 

für die Agatha Weiffenbedin, 

gebohren im 24ger Jar, 

Und 1857 lag fie auf der Bahr.“ 


fo werden wir hierin an ber echten 
Volksthümlichkeit keinen Augenblid 
zweifeln. 

In Wagrein ruft ein gutes Kind 
ſeiner Mutter folgendermaßen nach; 


„Du Theire haſt nun ausgeliten, 
Und ſangſt jo früh ins Grab. 
Der Schöpfer lis ſich nit erbiten 
Der dir ein beferes Leben gab. 
Nun ligit du in der külen Erde, 
Lieb gutte Mutter du, 

Bis wir dir einft folgen werden 
Sinüber in die Himmelsruh.“ 


Auf demfelben Kirchhofe ift auch 
Folgendes zu lejen: 
„Batten, Kinder, Lebet wohl, 
Lebet, wie man leben foll, 


Mit Schmerzen bin ih aus Eiern Augen 
verſchwunden, 

Und kehret öfter bei meinem Grabe zu. 

O! wünſchet mir die ewige Ruh! 


Auf einem Gottesacker im Raab— 
thale an einem Wandkreuze heißt es: 


„Hier ruht mein Oheim Peter Paule, 
Sterben miſſen wir ale. 

Thue frumb leben 

So Wirth dir Gott geben 

Antonie Pirſtlingerin.“ 


In St. Veit bei Schwarzbach fin: 
den fich auf dem Gottesader folgende 
Inſchriften: 

„Hier in dieſen Roſſe Garten 

Wo der Leib des Menſchen Ruth 

Mus an die Auferſtehung warten 

Bis der Poſſaunen ſchall ſie Ruft.“ 
„Ruhe ſanft im ſtillen Schlummerbete 
Aus geſchlagen hat dein Gutes Herz 


Dei Leib wird zwar hier in dieſen Grab ver- 
weien 


Doch nie was du den Deinen bift gewejen 

Den allen Menſchen wird zulept 

Der bittre Sterbefelh aufgejeßt 

O Lefer bethe für fein Heil 

Auch dir wird einft der Kelch zu Theil.‘ 
Eine andere Inſchrift bei Schwar— 

zach (nächſt Zend): 

„O groſſer Gott, du wunderbarer Schöpfer, 

Ich bin der Thon und du der Töpfer.“ 


Einem vielgereiſten Schneider hat 
man in Krieglach folgende Grabſchrift 
gedichtet: 

„Er iſt die Welt durchgegangen, 

Das war auch ſtets ſein Verlangen 

Zu leiden alle Noth, 

Und ſogar den bittern Tod. 


Auf dem Grabfreuze eines Tiro: 
lerfriedhofes fteht zu lejen: 
„Bier liegt Nothburga Stöger, 
fie ftarb verfehen mit den 
K. 8. Sterbefatramenten.‘ 


Ein anderes: 


„Hier ruhet Hanna Brandnerin, geborne 
Zuntnerin. Was Gott will ift mein Biel.’ 


Ein Matertaferl in derfelben Ge- 
gend lautet: 

„Hier ift am 10. März 1861 eine La— 
wine niedergegangen und hat 5 Perfonen und 
3 Böhm’ derfchlagen.” 


Su einem Friedhofe bei Deben- 
burg findet man folgende Inſchrift: 
„Hinter difes Kirchhofs Gittern 
Liegt Hans Klaus, 
Er trank manden Bittern‘ 


— und weiter unten die Schlußzeile: 
„Kelch des Leidens aus.” 


Ein finniger Spruch findet ſich auf 
dem Kirchhofe zu Neuburg: 

„Als Gattin blüht" fie mir, 

Als Mutter ſank fie nieder, 

Als Menſch ging fie von bier, 

Als Engel fommt fie wieder. 

Sie ift vorausgegangen 

Den Gatten zu empfangen.” 


Eine andere Stimmung drüdt bie 
Grabſchrift bei Lienz aus, die ein Ti: 
roler feinem Weibe gewidmet hat: 

„Bier liegt mein Weib Begraben, 
Wünfdh’ ihr die ewige Ruh’ zum Lohn, 
Ih hab’ fie ſchon.“ 

Auf dem Preßburger Friebbofe ragt 
ein altes Kreuz mit folgender Schrift: 

„Bier unterhalb liegt mein Weib nad) 
dreißig nur edlen Zweden gemwidmeten Lebens- 
jahren. Sie ftarb nach Erfüllung ihrer Frauen- 
pflicht im Wocenbette den 30. April 1849." 


Anftatt der Trauermweide hat ihr 
der trauernde Gatte einen Zwetſchken— 
baum gepflanzt, von welchem ihm heute 
die Nußnießung zu Theil wird. 


Eine pefjimiftiih angehauchte In— 
Ihrift fteht auf einem Grabfreuze in 
Spital am Semmering: 

„DO Menſch, du mußt leben, 
Du weißt nit wie lang; 

O Menſch, du darfit fterben, 
Doch weißt du nit wann.“ 


Und ein anderes, das viel zu 
formglatt und viel zu weltſchmerzlich 
ift, um volf3thümlich zu fein: 


„Bott, Du bift ungerecht, 
Saft uns den Tod erdacht; 
Erde ift nicht fo ſchlecht, 
Hat ihn uns leicht gemacht.“ 


Gar jeltfam naiv und alterthüm: 
(ih Elingt eine in Marmor gehauene 
Inſchrift im der Kirche zu Fladnitz, 
welche einjt die Gemeinde einem ihrer 
Seelforger geweiht hat: 

„Wold ihr wiffen in der Erd 

Wer alda begraben ligt 

Meil er gelebt hat habt ihr ihm geehrt 
Jezt ihr ihm mit Fieſſen tritt 

M: Iacobus Schaffer fein Name wahr 
Mit Achtundfünfzig Jahren 

23 Iahr war ehr Pfarherr alhie 

Und hat mit groffen Sorgen 

Zu Abends aud und morgens fruhe 
Seine Schefflein wollen ausborgen 
Den 23 May anno 1708 mueß er von bier 
Gedenkh der ihm mit FFieffen tritt 
Bleibt Keinen aus bald ifts an Dir 
Fir fein Seel all Gott bitt 

Wan ehr werd fein ins Himmels Sall 
Bitt ehr fir euch auch allzumall.“ 


Ganz munderlich wird Einem zu 
Muthe, wenn man die wilde Grab: 
ichrift auf dem Gottesader in Biſchofs— 
hofen (an der Gijelabahn) lieſt: 


„O theurer Vater, wie fanft er im Grabe ruht, 
Während fredie D-e-e8 Hände 

Hafen nad) Deines Erben Gut. 

O liebfter Vater, erhalte mir das väterlihe Gut, 
Bitte Bott, daß er vernichte 

Die verfluhte Brut.’ 


Mie doch anders ergreift Einen 
der Vers auf dem evangelijchen Fried: 
bofe in der Namjau bei Schladming: 


„Wie felig die Ruhe bei Iefu im Licht! 
Tod, Sünde und Schmerzen, die fennt man 

dort nicht, 
Das Raufchen der Harfen, der lieblichfte Klang 
Bewilltommt die Seele mit ſüßem Gefang. 
Ruh‘, bimmlifhe Ruh‘, im Schofe des 

Mittlers, 
Ich eile Dir zu.’ 


Es ift eine alte Erfahrung, daß 
proteſtantiſche Inſchriften in Friedhöfen 


Kirchen, 


haupt ſchwungvoller und meihevoller 


140 


find, als ſolche fatholifchen Urjprungs. 


Hingegen find letztere bisweilen origi- 
neller, humoriftiiher, mitunter jogar 


ironisch. 


Gebetbüchern u. ſ. w. fiber] Meine Knochen wieder finden mag, 
So fteh’ ich auf zum ewigen Leben.‘ 


Eine Tobtentafel bei Iſchlt — 
das Denkmal eine® vom Baume ges 
fallenen Bauers — jagt Folgendes: 


An einer Kichhofsmauer in Kärn— 


ten fteht Folgendes: 


„Daß ich geftorben bin, 
Das weißt du; 
Ob id im Himmel bin, 
Das fragft du; 


Nicht fterben, aber im Himmel fein, 


Das willft du. 


Ein Anderes in demjelben Lande: 


Ich muß don euch, ihr Freunde gehen, 
Lebwohl, auf Wiederfehen ! 

Wenn mir Gott feine Gnad’ wird geben, 
Und id am jüngften Tag 


Imeramol gſchiachts 

Daß da Wind in Wold fauit, 
A Krohn in Äſtn, 

A Sturm, dak Tan grauit. 
Und d Welt, wia ſ' in Hanſel 
Oft zuafept und judt, 

Und 8 Lichtl in Mold, 

Mia 's oft blemafcht und zuckt. 
Zudt hin und zudt ber, 

Dak ma moant, hiazt lifchts aus, 
Und denah noh brinnts, 

Wir a Sternd! a blau’s. — 
Wann d Somftanocht kimmt, 
Und die Buabn gehn zan Schoß, 
Schleiht da Hanfl mit Öl 
Stad hinauf auf fein Plop. 
Do fogt amol die Gretl, 

Der da Hanfl fo guat gfollt: 
„Des Liahtl fonn mich giftn. 
Do obn in den Wold!“ 

Und amol, do rennt ſ' auffi 
Ian Flammerl vorn Oltor, 


blemaſcht: fladert ; 


s Viachtl in 


Gedicht in ſteieriſcher Mundart 


Aufig’itiegen, 

Abig'jallen, 

Hin gewelt, 

Die Ehre fei der heiligen Dreifaltigkeit.” 


— Die Friedhofswanderung wird 
ichon zu Iuftig. Ganz anders machen 
ſich die Auffchriften, wenn man fie an 
Ort und Stelle lieſt — über fi den 
weiten, ftillen Himmelsraum, unter ſich 
die Gräber. — Doc kamen wir nicht, 
um zu träumen und nicht um zu 
weinen. Sentimentalität ift nicht mehr 
modern; wer Thränen noch hat, der 
lade. 


_—— 


Wold. 


von P. R. Rofegger. 


II. 


| 
| 


ftad: langfam; 


Wills daftidn mit ihren Fiata, 
Und mit ihrn guldan Hor. 
Da Sanfl fiachts ſpringa, 
Laft noch, joads davon: 
„os geht dih mein Amperl 
Ban Jungfraubild on! 

— Ind jo lebt er weita, 
Da Sanfl, ſchön ftad, 

Is luſti, is trauri, 

Mias holt die Zeit draht. 
Ind amol, wie ers Amperl 
Wieder auffuacht und grüaßt, 
Steht dabei a feins Dirndl, 
Des grod DI einigiaht. 

Und bella brints Liadhtl, 
Und d Iungfran Maria 
Locht nieda zan Dirndl, 

Und s Dirndl zan ihr. 

— Drauf, wia fa fih draht, 
Daß f' a Kranzerl noh flecht, 
Spreizt da Hanfl feine Orm aus; 
„Du, du bift die Recht! ! 


Fiata: Vortuh; joad: jagt. 


141 


Almenrauſch. 


Eine Sage aus Tirol, erzählt von Bofef Erler. 


Hellroth glühen jie von der Berg: 
lehne herab, ein prächtiger Teppich, 
den die Natur zu einem Prunflager 
für die Alpenfee gewoben zu haben 
Icheint. Niemand weiß es, wie fie 
bierhergefommen, eines Morgens haben 
die Menfchen die herrlihden Blumen 
entdedt und fie Alpenrofen genannt. 
Bielleiht nicht jo jehr wegen ihrer 
Farbe al3 weil fie, glei den Genti- 
folien im Thale, die ftolzeften Blumen 
auf den Alpen find. 


Wenn die Burſchen zu Berge ftei- 
gen, um Holz zu fällen oder das Vieh 
auf die Almen zu treiben, pflücken 
fie ein Sträußchen davon und nehmen 
e3 Abends auf Heimgarten mit. Freu: 
dig ftedt dann die Dirne dasſelbe in 
das Mieder, niden ihr ja die rothen 
Blumen in ihrer Sprade freundlich 
zu: „Sein Herz glüht dir jo heiß!“ 


Mer ihnen die Worte in den 
Mund gelegt, ift nicht befannt, im 
Volke kreifen fie und niemand frägt 
nach ihrem Urfprunge; die Sage, mit 
der fie einft verknüpft waren, ift ver: 
geſſen, — unfere Generation eilt über 
die Perlen, die halbverftedt im üppig: 
Ihmwellenden Mooſe unferer Berge 
ruhen, raſch dahin. 

Sn einem ftillen Thalwinfel, wohin 
nur Gottes Sonne Hin und wieder 
ihre freundlichen Strahlen jendet und 
das Reh noch den fremden Wanderer 
furchtlos und eritaunt betrachtet, da 
habe ich im Familienkreife einer Bauern: 
hütte, während es draußen ftürmte 
und bligte, die Gejchichte vernom: 
men. Ein verwitterter Graubart, der 
gleich mir bier Zuflucht gejucht, er: 
zählte fie zum Danke für das Stam— 
perl „Wacholder“, das ihm Die 
Bäuerin geboten. Er war Wurzen: 
graber droben im Gebirge und bie 
Leute munkelten, daß er ein eigener 


Gejelle jei, der die Sprache der Vögel 
und Pflanzen verftehen gelernt habe. 
Und in der That, die Gefchichte vom 
Almraufh, die er uns zum Beten 
gab, war jo, als ob er fie den Blu: 
men ſelbſt abgelaujcht hätte. 


E3 war um Chriſti Himmelfahrt. 
Der Winter hatte jchneller jein Bün— 
del gejchnürt, als er es fonft in unſe— 
ren Alpen gewohnt ift, von den Ber- 
gen waren die Lawinen ſchon zu Thale 
gefahren, üppig ſchoß das junge Gras 
aus dem Boden und die Tannen zogen 
ihr grünes Feitgewand ar. 


Beim Dorfichenken ging es heute 
fröhlih her. Ein grüner Buſch ob 
der Thüre lud zur Einkehr. Aber 
heute war die holzgetäfelte Stube ver: 
laffen, blaute doch der Himmel und 
lachte die Sonne, daß einem das Herz 
im Leibe vor Freude jchwellen mußte. 


Mar e8 da ein Wunder, daß 
die fröhliche Augend fih vor dem 
Haufe gelagert hatte und in Luft um 
die alte Linde einen Reigen aufführte, 
daß deren Blätter vor Entrüftung 
über die fliegenden Nöde in gewaltige 
Aufregung geriethen. Sie hatte Unrecht, 
die alte Frau Dorfbaje, dem Völkchen 
durfte man fein Vergnügen heute 
Ihon gönnen, war ja morgen ber 
Auffahrtstag zu den Almen, an dem 
jo manche Burfchen fortziehen mußten, 
denen die Erinnerung an bieje legten 
Stunden Monde hindurch ihr einja- 
me3 Leben auf den Bergen verjüßen 
jollte. 

Mit Shmunzelndem Geſichte ftand 
der Wirth unter der Thüre und 
blidte bald auf das bunte Treiben 
auf dem Dorfplage, bald auf jein 
blondzöpfiges Xöchterlein, das bei 
dem Meinfäßhen auf ber Haus: 
bank hantirte und fleißig Gläfer und 
Krüge füllte, 


142 


Ihr Antlitz aber war nicht jo 
von Freude verflärt, wie das ihrer 
Genoffinnen; über der Stirne lag 
ed wie ein Schatten und aus den 
tiefblauen Augen jchimmerte es bei- 
nahe feucht, wenn fie biejelben nach 
dem braunen Burfchen richtete, ber 
mit gefreuzten Armen theilnahms: 
los vor fich Hinftarrend gegenüber an 
einem vermwitterten Gartenzaune lehnte, 

Es war der Granatenfranz, in der 
Gegend fo geheißen, weil er fich mit 
einigen Genofjen hoch droben in einer 
Schlucht, wo fi der Bach braufend 
über Felſen herabftürzte, eine Hütte 
gebaut hatte und den Sommer über 
dem mühſamen und wenig einträglichen 
Berufe eines Granatenjuchers oblag. 
Manches Stadtfräulein, das ftolz um 
den Hals die rothen Edeliteine trug, 
mochte wohl nicht daran denken, daß 
fie ein Menfchenkfind, das nur Die 
einzige Schuld trug, arm geboren zu 
fein, mit blutenden Händen hatte aus 
ben Felſen losreißen müſſen. 

Franz, der ſchon frühzeitig ſeine 
Eltern verloren, war ein fleißiger 
Burſche, der erſte beim Aufſtiege, der 
legte bei der Abfahrt von den Ber- 
gen, und fo war es ihm gelungen, fo 
viel zu erwerben, daß er fich ein 
Gütchen außerhalb des Dorfed anfaus 
fen fonnte, das er den Winter über 
mit eigenen Händen eingerichtet hatte. 

Morgen jollte er nun wieder 
fahren, um feine Arbeit neuerdings 
aufzunehmen, aber er wollte dies nicht 
-thun, bevor er nicht eine Angelegen- 
heit in's Neine gebracht hätte, die 
fein Herz mit Glück und Bejorgnik 


erfüllte und die ihn mit immer 
friſchem Muthe zu al’ feinem Streben 
bejeelte. 


Er liebte des Dorfwirths Toni 
und wußte fih von ihr wiedergeliebt. 
Von Kindheit an waren fie einander 
gut geweſen, al3 aber die Zeit fam, 
wo fie fich jährlich trennen mußten, 
merften fie e3, daß ihre Neigung tie: 
fere Wurzeln gefaßt, daß eines ohne 


Heute war Franz im Sonntagsftaate 
zum Dorfwirthe gegangen und batte 
in aller Form um Toni's Hand ange: 
halten. Da aber traf es ihn wie ein 
Blitz aus heiterem Himmel. Er hatte 
nicht bedacht, daß fleißig und unbe- 
icholten zu fein nicht ausreihe. Der 
Wirth hatte bei feinem Antrage auf: 
gelacht und ihm ermwiebert, daß er jein 
einzige8 Kind feinem Bettler zum 
Meibe gebe. 

Und als nun der Burfche bie 
Schmähung in fi Hineinfreflend auf 
feine Fräftigen Arme und die Aus: 
ficht einer reihen Granatenernte hin: 
wies, meinte höhniſch der Wirth, fo 
möge er ihm dies bemweifen und einen 
Stein bringen, den er mit feiner Fauſt 
nicht umſpannen fönne. Dann werde 
er ihm feine Toni zum Weibe geben. 

Da war der Burjche tiefgefränkt 
fortgegangen, wild fochte e8 in feinem 
Herzen und wie er jeßt jo vor ſich 
binftarrte, da zudten gar eigene düſtere 
Gedanken durch feinen Sinn. 

Plötzlich legte ih eine Hand 
auf feine Schulter. „Fort mit ben 
Sorgen, auf zum Tanze!“ — Das 
lang wie Glodenton an einem Maien: 
morgen. 

Franz ſchlug die Augen auf. Ein 
Mädchen ftand vor ihm fo reizend und 
hehr, wie er noch nie eines gejchaut. 
Ihr Antlit war von blendendem Weiß 
und jo zart, wie aus jchneeigem Mar: 
mor gemeißelt. Sie trug die kleidſame 
Tracht der Dirnen des Thales, nur 
das ebenholzſchwarze Haar hatte fie 
nicht in Zöpfe geflochten, fondern frei 
über ihren Naden herabwallend. Eine 
jeltfjame, aus Granaten fünftlich ge: 
formte Blume hielt dasjelbe über 
ihrer Stirne zufammen. 

Franz blidte wie betäubt auf die 
fremde Erjcheinung. Er konnte ſich 
nicht erinnern, das Mädchen je gefehen 
zu haben. Sie ließ ihm auch feine 
Zeit, darüber nachzudenken ; denn ihre 
Heine Hand hatte die feine gefaßt und 


das andere nicht würde leben können. zog ihn mit zur Linde. Wie von uns 


fihtbarer Gewalt getrieben, folgte er 
ihr und er wußte nicht wie ihm ge— 
ſchah, als er im nächſten Augenblicke 
auch an ihrer Seite mitten unter den 
Tanzenden dahinſchwebte. 


Erſtaunt blickten Alle auf das 
neue Paar. Dirnen und Burſchen hiel— 
ten im Tanze inne, der Reigen löſte 
ſich und zuletzt ſpielte der Fiedler nur 
mehr dem Granatler und der Frem— 
den ſeine ſchrille Weiſe. 

Bevor die letzten Töne verklungen, 
ſtand Franz wieder an ſeinem Platze. 


„Ich kenne Dein Leid und ver— 
mag Dir zu helfen“, flüſterte die Un— 
bekannte ihm zu: „Suche mich heute 
Nacht, wenn der Mond voll am Him— 
mel glänzt, am Adlerſtein.“ — Leicht 
nickte ſie mit ihrem Haupte und trat 
hinter das nächſte Haus. Als Franz 
ihr nacheilte, war ſie verſchwunden. 


— —— — — — — — — — 


— — — Die Sonne ſank hinter 
die Berge hinab. Wie in glühendes 
Gold getaudt, funkelten noch die höch— 
ften Spiten, vom Thale drangen bie 
Töne der Vesperglode und Fündeten 
die nahenden Stunden der Ruhe. Das 
Hang jo friedlih und lieb durch Die 
Gegend, daß e3 einem gar eigen das 
Herz berühren mußte. Nur einer ſchien 
heute dafür unempfindlih und dies 
war Franz. Auf einen moofigen Fels— 
vorfprunge hatte er fich bingemworfen 
und jein Antlig in den Händen ver: 
graben. 

Welche Gedanken wohl feinen Sinn 
durchzuckten? — 

Immer Höher rangen fi bie 
Schatten die Berghalden hinan, leichte 
Nebel jenkten ſich wie ein ſchützender 
Schleier über das Thal, an dem wol: 
fenlojen Firmamente flimmerten bereits 
die Sterne und immer lag noch Franz 
an berjelben Stelle und jann. 


Da glühte es plöglich hinter einer 
mädtigen Bergkuppe auf, lichtgolden 
ftieg die Scheibe de8 Mondes empor 
und ihre Strahlen trafen das Antlik 


143 


des Burſchen, das bleich hinüber auf 
das Geſtirn jtierte. 

Da, wie von einem plößlichen 
Entſchluſſe erfaßt, jprang er auf und 
eilte, des Weges nicht achtend, über 
Geröll und Geftrüpp den Berg hinan. — 

Hoch droben, wo Gras und Kräu— 
ter nicht mehr gedeihen, wo nur hin 
und wieder eine verfrüppelte Krumm— 
fiefer am Boden fich hinwindend ihre 
ärmlihe Nahrung jucht, da ragt zwi: 
jhen Gerölle ein mächtiger Stein 
einzeln empor. Zur Rechten ftarrt 
eine gewaltige Feldwand. Dort oben 
bat einft der Block auf einem 2or- 
Iprunge gerubht. Aare hatten ihn 
zum Horſte erwählt. Da fand ſich 
einftmal® ein kühner Jäger, der ſich 
hinabwagte, die Beute zu holen. Im 
Kampfe mit ben Alten fam ber 
Stein zum Wanken und ftürzte mit 
ihm hinab in die Tiefe. Hirten fanden 
ihn zerjchmettert und nannten den 
Feld, auf dem noch die Trümmer 
des Neſtes zu jehen, Adlerſtein. 

Zur Linken des Blodes gähnte 
eine Schludt. Ein Bad, der erft 
aus einem Felſenthore wie ein weißer 
Schleier herabfiel, tofte drunten in 
feinem engen Bette wild thalab— 
wärtd. Es war die Granatenſchlucht, 
wo Franz jeine Hütte hatte. 

Ein Pfad wand fich drüben hinab, 
bier bildeten die Feljen eine jähe, dro: 
hende Mauer. 

Und doch war e3 von diejer Seite, 
daß Franz bei dem Scheine des Mon: 
des jein Ziel erreihen wollte. Wie 
eine Gemje fletterte er, an dem fpär: 
lihen Krummholze ſich haltend, immer 
höher und höher, bi8 er mit einem 
Schwunge den Vorſprung betrat. 

Da lag wenige Schritte vor ihm 
der Adlerſtein, im fahlen Monbdlichte 
ein unheimliches Grabmal. Von der 
Fremden war nichts zu jehen. 

Franz trat näher. Da entfuhr ein 
Schrei der Bewunderung feinen Lippen. 
Das Haupt an den Stein gelehnt, 
lag die jchöne Unbekannte auf ſchwellen— 
des Moos gebettet. Ein Schleier gleich 


144 


tofigen Abendwolfen umfloß ihren wun- Granatenſchlucht an der Seite feiner 
derbaren Körper. Ihre Haare hielt Toni ſaß. Sie hatte die Arme um 


ein goldene Diadem. Darin prangte 


ein Granat, der fein reinftes Feuer 


jpielte und purpurn die Gegend erhellte. 

Langſam erhob fie fih, als fie 
ſah, daß Franz geblendet ftand. „Du 
bift meinem Wunſche gefolgt, wohlan“, 
jagte fie, „ih will Dir meine Hilfe 
gewähren. Diefer Granat in meiner 
Krone jei Dein.” — 

„Und was joll ic dafür thun?“ 
preßte ber Burfche freubetrunfen heraus 

„Mich lieben“, erwiberte fie. Franz 
zudte zufammen. 

„Liebe mich!” wiederholte fie. Der 
Burſche wußte nicht wie ihm gejchah, 
er mußte feine Augen auf das wun— 
derbare Weib lenken. 

Da ſah er, wie fie den Goldgür: 
tel löſte, die verhüllenden Schleier 
fielen zur Erde — feines Menſchen 
Auge hatte noch jo Vollendetes gejchaut. 
Seine Sinne verwirrten fih, er jah 
nur mehr, wie fie ihm die Arme ent: 
gegenftredtte. — — — — 

„Franz!“ gellte es herzzerreißend 
über die Schlucht herüber. „Toni!“ 
ſchrie der Burfhe wie von einem 
Zauber befreit auf und ftieß die Ver: 
jucherin von fid — — hinab in den 
gähnenden Abgrund. 

Entjegt ob jeiner That blidte er 
in die Tiefe. Aber da drang Fein 
Schmerzensichrei empor. Was er ver 
nahm war wie Silberglodenton. Ju— 
belnd trugen die Lüfte den Ruf „Erlöft!” 
an fein Ohr und wie im Elfendhore 
Hang er von den Bergen und Wäl: 
bern wieder. — Franz wußte nicht, 
wie ihm geihah, als er kurze 
Zeit darauf vor feiner Hütte in der 


* Nacken geſchlungen. 


„Franz, mein Gott“, hauchte ſie 
noch bebend vor Angſt, „welcher Zau— 
ber hatte heute Deinen Sinn verblen— 
det? Haſt Du Almrauſch, die böſe 
Fee, nicht erkannt? Sie lockt die Bur— 
ſchen an ſich und wehe dem, der ſich 
ihr ergibt. Er liegt zerſchmettert in 
einem Abgrunde. Dies iſt der Fluch 
des Alpenkönigs, weil einſt ein ſchmucker 
Jägersmann ſie der väterlichen Burg 
entlockt.“ — 

Und jenen Kuß, den Almrauſch 
verlangt, erhielt nun Toni in heißem 
Danke und als die Liebenden ſich von 
ihrer Umarmung löſten, da funkelte 
ihnen ein prächtiger Granat entgegen, 
ein Granat, den feines Menfchen Hand 
zu umjpannen vermochte. 

Das war der Dank der böfen Fee. 

Um den Edelftein aber jproßte ein 
lebender Kranz niegefehener Blumen 
aus dem Boden, ganz jo wie fie die 
Fee beim Tanze aus Granaten in den 
Haaren getragen. Prächtig blühten 
fie den Sommer über und al3 ber 
falte Herbitwind über die Berge 
fuhr, da führte er ihren Samen mit 
fort und ftrente ihn weit im Lande 
über die Feljen, jo daß im nächjten 
Lenze auf jedem Fledchen Erde bie 
ihönften Blumen emporfchoffen und 
die Steingiganten wie mit neuem 
Leben übergoffen jchienen. 

„Almrauſch“ nennt fie das Rolf 
und bewahrt jo das Andenken der Fee 
noch fort und die Mädchen halten die 
Blumen hoch, künden fie ihnen ja in 
ihrer ftummen, doc ſüßen Sprade: 

„Sein Herz glüht dir jo Heiß!“ 


145 


Shwänke. 


Werden’s ſchon maden. 


Nichts gefährlicher, al3 wenn ein 
Dittjteler vor feinem Fürften fteht 
und der Fürft legt milde lächelnd bie 
Bittſchrift aus der Hand und jagt: 





„Au, wollen ſehen“ oder „ſchon gut, 
werden's jchon machen“ oder fo was 
Aehnliches. 

Jeder Bittſteller iſt nicht ſo uner— 
ſchrocken wie jener alte Soldat, der 
mehrere Wunden für König und Va— 
terland erhalien hatte, und zu Fried— 
rich dem Großen kam, um ihm eine 
Bittſchrift zu überreichen. „Wir wol: 
len ſehen“, ſagte der König. „Sie 
können ſogleich ſehen“, antwortete der 
alte Haudegen, riß die Weſte auf und 
zeigte die Narben ſeiner Wunden. Der 
König hatte ihm ſeine Bitte ſofort 
bewilligt. 

Etwas ſchlichter freilich, aber doch 
auch gut hat's jene Landfrau gemacht. 

Zu Kaiſer Ferdinands Zeiten lebte 
in Krieglach eine arme Frau, deren 
einzigen Sohn ſie zum Soldaten neh— 
men wollten. Sie war zu allen Aem— 
tern und Herren herumgegangen, hatte 
gebeten und geweint, man möge ihr 
doch die einzige Stütze ihres Alters 
nicht rauben. War alles vergebens, 
der junge Mann mußte fort. Da ent— 
ſchloß ſich die verlaſſene Frau: ſie 
geht zum Kaiſer. Der Ferdinand iſt 
ein guter Herr, dem iſt um einen 
Soldaten mehr oder weniger nicht zu 
thun, er hat noch andere genug. Vom 
Schul meiſter läßt fie ſich ein ſchönes 
Bittgeſuch verfaſſen; ſie möchte gerne 
ihre ganze Lebensgeſchichte hineinſchrei— 
ben, aber der Schulmeiſter meint, der 
hohe kaiſerliche Herr habe etwas ſchwache 
Augen und dürfe deshalb nicht all— 
zuviel leſen. Einen zierlichen Anfangs— 
buchſtaben malt er noch hin und dann 
muß es gut fein. 

Das Weib jucht ihr Hein erſpart 
Ding hervor — na ’3 ift ja nicht viel 


Rofeggers „„Heimgarten‘‘ 2, Heft. 


mehr da, fie bat alles dem Buben 
in's Leibel genäht. Mit Müh' und 
Kümmerniß reift fie nah Wien. Die 
Schuhe haben ihr weh gethan auf der 
heißen Straße und das Herz in der 
Brujt, und die Augen vor Staub und 
vor Weinen. Ihr Sohn muß ja auch fo 
marjchiren auf fremden Wegen, und 
vielleicht wochenlang, und Hunger und 
Durft leiden, und die Deberjten find 
geitrenge Herren — und erft gar der 
Feind, der die Leut’ nur fo nieber- 
ſchießt und nieberftiht. — 

Gar müb’ und traurig fommt fie 
nah Wien. In einer Vorſtadt kehrt 
fie ein und erzählt dem Wirth, der 
fie gefragt hatte, wo fie daheim, ihr 
Anliegen. Die Audienz wird ermwirft, 
fie darf zum Kaifer. Da geht ihr bie 
Hoffnung auf; kann fie nur mit ihm 
reden, dann geht fie fein Zweifel mehr 
an, fie bat fih’3 im Kopf jchon zu— 
jammengeftellt, was fie fagen wird. 

Aber der Wirth will Alles beſſer 
willen, der meint, es ginge nicht fo 
leicht, wie man glaube, und wenn man 
auch einmal vor dem Kaiſer jtehe, fo 
jei das nicht, ald wie wenn man mit 
anderen Leuten rede, man habe nicht 
Zeit zum Schwägen. Der Kaiſer würde 
ihr das Bittgefuch aus der Hand neh- 
men und jagen: werden’3 ſchon ma— 
hen! — und dann könne fie fich wieder 
trollen und wiſſe erjt nicht, fei ihre 
Bitte gewährt ober nicht. Aber auf 
Eins möge fie aufpaſſen. Wenn der 
Kaijer das Bittgefuh bloß anlächelt 
und e3 dann ruhig auf den Tijch legt, 
jo hätt’ fie, die Bittjtellerin nichts zu 
erwarten, und wenn Seine Majeftät 
zehnmal jage, er würde es ſchon 
machen. Wenn er jedoch die Schrift 
an der Ede einbiegt, bevor er fie hin- 
legt, fo ift die Bitte gewährt. 

— Na ja freilich, denkt fich die 
arme Landfrau, fo Einer, wie ber 
Herr Wirth wird's wiſſen, ift ein recht 


guter, gemeiner (leutfeliger) Herr, ber 


10 


146 


Wirth. Er gibt ihr noch verfchiedene | ich nit weiß, daß mein Hergehen nit 
Nathichläge und dann geht fie in die )umfonft iſt gewejen. Wollt’ unterthä- 
Burg. — Gott, hat das was ge: nigſt bitten — den Brief dort, mein 


braucht, bis fie durh al’ die ſchau— 
derlih großen Gebäude und vorneh: 
men Leute, die über und über von 
Gold glänzten, hindurch war! Wenn 
ſchon diefe Herrichaften fo viel Gold 
und Silber an den Röden tragen, wie 
wird erſt der Kaiſer jelber ausjchauen ! 

Der Raifer war im ſchwarzen Rod. 
Er war nicht viel jchöner gefleibet, 
wie daheim in Krieglach der Richter 
an Feſttagen; hätte er an der Bruft 
nicht den Stern gehabt, Fein Menſch 
hätte dieſen einfachen, freundlichen Mann 
für den Kaiſer gehalten. Und gerade 
das vermwirrte die Bittjtellerin, fie hatte 
fih ganz für einen goldenen Kaifer 
vorbereitet, und jegt ftand einer vor 
ihr, der ihr noch viel erhabener und 
ehrwürdiger vorfam. Blau wurde ihr 
vor den Augen, fie brachte fein Wort 
hervor. 

Der Kaiſer nahm ihr das Bitt: 
geſuch aus der zitternden Hand, warf 
einen freundlichen Blid darauf, jagte 
wohlwollenden Tones: „Werden's ſchon 
machen!” und legte das Papier auf 
den nebenftehenden Tiich. 

In diefem Augenblide erlangte 
das Weib ihre Geiftesgegenwart. Sie 
erinnerte fih an die Worte des Wir— 
thes, fie ſah mit Schreden, die Bitt- 
Schrift war nicht eingebogen worden. 

Schon hatte der Kaifer durch eine 
leichte Handbewegung angezeigt, daß 
die Audienz zu Ende ſei; aber bie 
Zandfrau ftand da, als wäre fie baum: 
feit in den glatten, glänzenden Boden 
hineingewachſen. 

„Nun!“ ſagte der hohe Herr, etwas 
befremdet lächelnd. 

„Hätt' halt wohl“, ſtammelte das 
Weib, „hätt' halt noch von Herzen 
eine ſchöne Bitt!“ 

„Nu, alſo nur heraus damit, ſagte 
der Kaiſer, „wiſſet, Mutterl, ich hab’ 
nicht viel Zeit.“ 

„Kunnt halt wohl frei nit fortge— 
hen“, entgegnete das Weib, „eh vor 


Bittgeſuch — — wenn's mir's halt 
a klein biſſel einbiegen thäten!“ 
Der Kaiſer lächelte und bog im 
Bittgeſuch eine breite Ecke über. 
„Küß' die Hand, küß' viel tau— 
ſendmal die Hand!“ hauchte das Weib 
und verließ tief gerührt von der That 
des gütigen Kaiſers die Hofburg. 
Einige Tage nach der Heimkehr 
der Bittſtellerin klopfte es ſpät Abends 
noch an ihre Thür: „Mutter, macht 
auf, ich bin's. Sie haben mich heim— 
gehen laſſen. Bin ganz ausgeſchrieben.“ 
Du guter Kaiſer Ferdinand, hätteſt 
du das Glück ſchauen können, das jetzt 
in der armen Hütte war! Du haſt 
es geſchaffen, du haſt die Ecke eines 
Papierblattes umgebogen! 


Aus einem „neuen Evangelium“. 


Dem Herausgeber dieſes Blattes 
iſt eine wunderliche Handſchrift zuge— 
ſandt worden. Sie beſteht in vielen 
hundert Blättern und iſt betitelt: „Da 38 
Evangelium des neuejiten 
Bundes” Manches darin ift an— 
muthend, Vieles barod, Einiges bä- 
monenhaft, wie eine wilden Pro: 
pheten Stimme. Vervielfältigung durch 
den Drud fteht der curiofen Schrift 
faum bevor. Hier fei ein fleiner Aus: 
zug gegeben unter jeiner Ueberjchrift : 
Am legten Sonntage in der 
Faſten. Er ijt des Buches zwölftes 
Capitel und lautet aljo: 

In der Zeit ſprach der Herr zu 
jeinen Jüngern in folgender Parabel: 
Einjt lebte ein König, genannt Ty— 
vannod. Der regierte ein großes 
Neih und viele Millionen Untertha- 
nen. An der Grenze biejes Neiches, 
gegen Mittag hin, lag das Land 
der Volksherrſchaft, in welchem die 
Menſchen durch eine abjonderliche 
Staatsverfaffung ſich felbft regierten. 
Es war geheißen Demofratien. Das 


147 


Volk war glüdlih und das Land war | 
Ihön. Das Land hatte hohe Berge, 
auf denen ewiger Schnee lag, und es 
hatte breite Thäler, in denen Trauben 
reiften, und andere köſtliche Früchte. 
Es hatte die gejegnetiten Matten und 
e3 hatte die herrlichiten Städte, und 
Alles, was zur Freude it. Da geſchah 
es, daß Fremde kamen aus aller 
Herren Länder, und fich ergößten an der 
Pracht. Sie ruderten mit wehenden 
Wimpeln über die weiten Landjeen hin, 
und fie jtiegen auf die hohen Berge, 
die Schönheiten Demofratiens zu jehen. 
Paläjte und Herbergen hatte man gebaut 
in den Tiefen und auf den Höhen, und 
alle zujammen konnten die fremden 
nit fallen, die von Jahr zu Jahr 
in den Tagen des Sommers herbei: 
zogen aus allen Theilen der Erbe. 


Und fiehe, da jagte eines Tages, 
ber König Tyrannos zu jeinem Minifter: 








Wir mögen es nicht gerne leiden, daß 
jo viele Unjeres Volkes hinüberziehen | 
in die Berge von Demofratien. Gib 
ein jtrenges Geſetz, daß fie das unter: 
laſſen fürderhin. — Darauf antwortete | 
der Minifter: Mein gnädigfter König 
und Herr! in diefer Sache vermag ein 
Gejeg nimmer zu frommen; denn jo 
lange die Unterthanen noch in Euren 
Landen wandern, bis Hart zur 
Grenze Hin, wäre das Geſetz nicht 
übertreten; ſobald fie jedoch einen 
Schritt in das mit Recht verhaßte 
Nahbarland thun, find fie aus unjeres 
Geſetzes Bereich, und dann fehren fie 
wohl gar nicht mehr zurüd, ſondern 
bauen ein Heim in den jchönen Bergen 
von Demofratien.” 


Hierauf ſprach der König: „Wohl- 
an, jo verjprich meinen Unterthanen 
in meinem Sande goldene Berge, 
wenn fie jene meiden, die aus Stein 
und Eis gebaut ftehen über der Grenze.“ 


„Mein Hoher Herr“, antwortete 
der Minifter, „mit Den goldenen 
Bergen richten wir nicht3 mehr aus, 
die haben wir dem Volke allzu oft 
ſchon verſprochen.“ 





Der König erzürnte und rief: 
„So will ich eine lebendige Mauer 
ziehen um mein Reich und wehe Dem, 
der dieſem Walle auf hundert Schritte 
nahe kommt.“ 

Der Miniſter verneigte ſich bis zur 
Erde und ging hinaus. 

Und nach kurzer Zeit war das 
Reich des Königs Tyrannos begrenzt 
durch einen ungeheuren Ring von 
Soldaten; dieſe hatten Mordwaffen an 
ih, vom Fuß bis zu den Zähnen und 
bewachten das Neich und ließen Keinen 
hinaus und Keinen hinein. 

Und nad einer Weile, da trug es 
fich zu, daß aus einer Hütte des Volkes 
ein Mann emporitieg bis vor die Stufen 
des Thrones. Er hatte einen langen 
Ichneeweißen Bart und er hatte ein 
Saitenjpiel, und er fang Xieder von 
den Herrlichfeiten Demofratiend. Der 
König ließ den Gejang alljogleich ver: 
bieten; aber der greiſe Mann über: 
hörte dad Verbot und jang Lieder 
von den Herrlichkeiten Demofratiens. 
Hierauf ergrimmte der König und ließ 
den Sänger mit Hunden aus dem 
Palaſte hegen. Der Mann aus dem 
Volke kehrte wieder zurüd und fang 
Lieder von den Herrlichkeiten Demo- 
fratiend. Da ließ ihn der König in’s 
Gefängniß werfen; jedoch bald berichtete 
ihm der Kerfermeifter, der Gefangene 
jei guten Muthes und ſinge fortweg 
das Lob des Landes Demofratien. 

Darüber wurde der König Tyrannos 
nachdenklich und fagte bei ſich: „So 
möchte ich es doch jelber jehen, dieſes 
wunderlihe Land, das die Menjchen 
rühmen vom Aufgange bis zum Nieder: 
gange!” Und er ließ feinen Hofitaat 
ſich verfammeln und er reijete mit 
Prunk und Pracht in das Land De: 
mofratien. Doch fiehe, als er hinaus: 
gezogen war über die Grenzen feines 
Neiches, da trat ein Landmann von 
feinem Pfluge heran zum König, fagte: 
„Lieber Freund, ich rathe, daß ihr 
euch den Sitten jenes Landes bequentet, 
in welchem ihr reifet!” und er hob 
ihm jachte die Krone vom Haupte. 

10* 


Erzürnt bis zur Muth wollte der |thun, bejonders den Frau Maulmür: 
König die Schmad rächen, doch macht: | finnen nicht, wenn fie in intereffanten 


[08 waren feine Drohungen im fremden 
Lande. So beſchloß er Enirfchend, ſo— 
fort wieder zurüdzufehren in fein 
Neih, und fiehe, als er im Begriffe 
war, über die Grenzen zu jchreiten, da 
ftredten die Wachſoldaten, die er jelbit 
aufgeftellt hatte, ihre Waffen gegen 
ihn aus, und er fonnte nicht mehr 
zurüdfehren in den SHerricherpalaft, 
der von nun an von ermwählten 
Männern zum Wohle des Reiches be- 
jftimmt war. Und das Volk war’3 zu: 
frieden und wanderte nicht mehr in 
die ſchönen Berge des nachbarlichen 
Landes. 


Wie ſich ein alter Schlaukopf aus 
der Maulwurfsſchlinge hilft. 


Der hinkende Bote, ein alter Hau— 
degen, — bei meinem Aufwachſen hat 
der ſchon graue Haar gehabt — läßt ſich 
noch immer die Welt ſo viel angelegen 
ſein, aufzupaſſen, daß Menſchen und 
Thieren nicht unrechter Weiſe was ge— 
ſchieht. So hat er in ſeinem vorjährigen 
Kalender in einem Kapitel über Feld— 
und Gartenbau den Rath gegeben, 
daß man im Monat März die Maul— 
wurfshaufen ebnen und die Maul— 
würfe fangen ſolle, ehe ſie Junge wer— 
fen. Und in einem andern Kapitel, in 
welchem er den gefühlvollen Weltfreund 
ſpielte, hielt er eine Lobrede auf die 
Maulwürfe, was das für gute und 
nützliche Thiere wären, und daß der 
ein rechter Dummkopf, welcher ſolch 
herzigen Weſen was zu Leide thäte. 

Darüber bekam der Hinkende die 
Menge Briefe zugeſchickt: Was denn 
das hieße? wie ſich das reimen ſollte? 
Das einemal die Maulwürfe ausneh— 
men, das anderemal dieſelben ſchonen, 
— da könnt' Einer ja ein reiner Narr 
werden! — 

Darauf, wie der Kalender des Hin- 
fenden wieder fommt, bringt er bie 
Ihmunzelnde Erflärung : Freilich dürfe 
man den Maulwürfen nichtS zuleide 


Umftänden. Hätte es jo grob im Gar: 
tenbaufapitel auch gar nicht gemeint. 
Er hätte nicht gejagt, man müſſe im 
März die Maulmürfe umbringen, er 
hätte nur gerathen, daß man fie um 
diefe Zeit ausheben jolle. Dann, wäre 
er und auch fein Setzer der Meinung, 
jolle man den Thierchen eine Verwar— 
nung geben, ihnen vielleicht einen Maul- 
forb anlegen und könne fie hernad) 
wieder jpringen laffen. 

So hat fich der ſchlaue Alte aus 
der Zwickmühl geholfen. 


— 


Wie Röschen zum Flachſe fam. 


Im heurigen Herbite war bei Spi- 
tal am Semmering auf einer Wiefe 
welch merkwürdiger Flachs zu jehen. 
Er lag auf der Bleihe. Er war jo 
lang und fo glatt und jo jchlanf wie 
ein junger, beiratSmäßiger Mann. 
Doh war nicht viel davon da; eine 
ausgewachjene Magd hätte mit beiden 
Armen den ganzen Flachs zu umſpan— 
nen vermodt. Und doch war er das 
ganze und einzige Eigenthum und bie 
Freude eines neunzehnjährigen Mäd— 
chens. 

Die Geſchichte, wie Röschen zu 
diefem Flachſe fam, ift folgende: Im 
Jahre 1873 nahm der Dienjtherr das 
arnıe fleigige Mädchen mit nach Wien 
zur Meltauftellung. Dem Röschen ge— 
fiel der Induftriepalaft und die Ma- 
Ihinenhale und die Kunfthalle und 
das internationale Dorf und eben Alles, 
was da war. Aber die Aderbauballe 
gefiel ihm noch am beiten. Und in 
diefer beſonders ber Flachs, der lange 
feine preußiſche Flachs, der in einer 
ſchöngeordneten Schichte aufgeftellt 
war und mit feinen glatten Köpf— 
hen leiſe nidte. Röschen konnte gar 
nicht mwundersgenug reden über ben 
„Ihönen Haar“, der zweis oder gar 
dreimal jo lang war, als der ſteieriſche 
auf dem Heimgrund. Auf dem Tijche, 


149 


ber unter diefem prächtigen Flachſe 


Saphir brauchte immer Geld, hatte 


ftand, lagen zahlreiche Körner, die oben | aber nie eins und das war ein Glück, 
von den Kapfeln ausgefallen waren. | denn zur Zeit des größten Geldman— 


— Ei ei, denft fih das Mädchen, 
wenn ich nur etliche davon mitnehmen 
und daheim anbauen könnte! — Aber 
bort jteht der Aufjeher und bat feine 
Augen überall. — Was thut die junge 
Steirerin? Sie net den Zeigfinger an 
ihrer Zunge, zeigt dann auf den Tiſch 
bin und frägt den Auffeher: „Gelts 
Herr, der Tiih da ift von Burbaum- 
holz?“ 

„Könnte Einem nicht einfallen, 
jetzt intereſſirt ſich die für das alte 
Bretterpult“, lachte der Wächter. Rös— 
chen aber wendete ſich von hinnen und 
hatte ſein Schelmenſtück ausgeführt, 
an dem naſſen Finger waren zwei 
Leinſamenkörner kleben geblieben. Dieſe 
verwahrte das Mädchen in einem Stück⸗ 
hen Papier und ald ed nach Haufe 
fam, legte e8 am Gartenfaum die zwei 
Körner in die Erde. Im Herbite dar- 
auf ftanden zwei hohe Doppelftämme 
dort, jeder mit fieben Köpfen, jo wie 
das Ungeheuer in der Apofalypje. Im 
nächſten Frühjahre wurden die geern: 
teten Samen wieder fleißig angebaut, 
und jo hatte Röschen heute nach brei 
Jahren von jenen zwei Leinkörnern 
eine Ernte aufzumweijen, die in ihren 
Stämmen hoch und jchlanf wie ein 
junger heiratSmäßiger Mann, mit zwei 
Armen kaum zu umfafjen war. 

Die Stämme will Röschen brecheln 
und fpinnen und ein fchneeweiß Braut: 
hemdchen daraus nähen; den Samen 
will fie weiter fortpflanzen und jo die 
Stammutter werben einer neuen, eblen 
Flachsgattung in Steiermarf. 


Saphir bei Rothſchild. 


gels war er am wißigften. In ſolcher 
Stunde einmal fiel ihm der Rothſchild 
ein. Wie auch ftünde Rothſchild um 
jo viel höher als der Saphir? Der 
eine ijt geldreich, der andere ijt geift: 
reich. 

„Würde mir Baron Rothſchild 
hundert Thaler borgen ?” fragte Saphir 


einen Freund, „Du biſt ja mit 
ihm bekannt, thu’ mir's zulieb’, pade 
ihn an.” 


„Wollen e8 verjuchen“, jagt der 
Freund, geht zum Rothſchild und trägt 
diefem das Anliegen bes beliebten 
Humoriften vor. 

„But“, jagt der Baron, „will 
dem Saphir die hundert Thaler vor: 
ftreden, aber er muß fie perjönlich 
bei mir holen und mir bei diefer Ge: 
legenheit einen Wig machen.” 

Mohlan, der Vermittler hinter: 
bringt die Botſchaft: „Der Baron ift 
bereit, Dir zu willfahren, doch mußt 
Du Selber zu ihm gehen und ihm 
jogleih einen Wig machen.“ 

„Mit Vergnügen”, fagte Saphir 
und ging zu Rothſchild. Dieler fam 
ihm leutjelig entgegen und rief: „Ab, 
Sie fommen um's Gelb?“ 

„Nein, Herr Baron“, jagte Saphir, 
„Sie kommen um’s Geld.“ 


Wer fann ſchwimmen? 
„He da! wer kann Schwimmen?“ 


rief ein Touriſt, der am Ufer bes 


Mörtherfees ftand und über das Waſſer 
jegen wollte. 

Sogleich umringten ihn die Schiffer 
und ſchrieen: „Ich, Herr, ih!” Nur 


Habt Ihr ſchon den Wit gehört, ein Einziger blieb in der Ferne ftehen. 


welhen der Witzmacher Saphir dem 


Rothihild gemaht hat? Wenn nein, |zu, 


jo erzähle ich ihn; wenn ja, jo erzähle 
ih ihn auch. 


„Du dort”, rief dem der Tourift 
„kannſt Du nicht Schwimmen?“ 
„Nein, Herr.“ 

„Gut, jo fahre mich über!“ 


— 


Kleine Laube. 


Todtendienſt unſerer Väter. 


Hütte bauen können in der andern 


November, das iſt der trübe Monat Welt. Unter die Zunge hat man ihm 


des Todtencultus. Wir find gewöhnt, | 
den Tod mit Gepränge zu feiern; unjere 
Vorfahren haben es auch fo gehalten. 
Und dod wie anders ! 

Groß und wahrhaft heilig war den 
alten Deutfhen nur der SHeldentod ; 
traurig und ruhmlos der auf dem 
Siechenbette. Erfterer wurde durch glän- 
zende Feſte, letzterer in wunderlichen Ge: | 
bräuchen begangen. — Lag ein Ster: | 
bender lange in den Zügen, fo hob man 
auf dem Dache drei Schindeln aus und 
ſetzte fie verfehrt ein, drehte auch die Haus: | 
geräthe um — das beſchleunigte das | 


| 





Ende; machte Thüren und Fenſter auf, 
daß die Seele leichter den Ausgang finde. 

War der Leichnam kalt und ftarr, 
fo fchnitt man ihm die Nägel; aus | 
diefen Nägeln hatten die Geiſter das 
Schiff, die Naglfar gebaut, auf welchem 
der Todte über das Meer dem Welt: 
untergange zugeführt wurde. — Die 
Augen durfte in heidnifcher Zeit dem 
Todten, dem Erfchlagenen, nur Der 
zudrüden, der für denfelben die Blut: 
rache übernahm. — Dem Berftorbenen 
ift dann ein Todtenſchuh mitgegeben | 
worden, der langen, ſchweren Reife | 


wegen in's unbefannte Land. Es gibt 
Gegenden, in melden heute nod die, 
Beerdigung = Feierlichfeit überhaupt 
„Todtenſchuh“ genannt wird. Ferner, | 


wenn der Hauöherr geftorben, fo iſt 
fein Tod dem Vieh im Stalle, den 
Dienen in den Stöden, den Bäumen 
im Garten angefagt worden: „Der Wirth 
ift geftorben I“ 


War der Todte gewaschen, fo warf 


ein fleines Geldſtück gelegt? — der 
Schiffer will feinen Fahrlohn haben, 
der Petrus an der Himmelsthür hofft 
vielleicht ein Trinkgeld. Der verftorbenen 
Wöchnerin ift Kamm, Sceere, Finger: 
hut, Nadel und Zwirn, dem Kinde die 
Puppe mitgegeben worden. Wer feinen 
Kamm mit hat, der muß drüben feine 
Haare mit Stacheldornen ftrählen. Der 
„Jungfrau hat man den Nosmarinzweig 
um die Stirne gemunden. Aus den 
Kleidern, die man dem Todten anthut, 
ihneidet man noch heute in mandhen 


| Gegenden gerne die Merkzeihen, Namens: 


züge u. ſ. w. heraus, damit der Ver: 
ftorbene nicht wiederfehre und die Fa 
milie beunruhige. 

Eine jeltfame Sitte ift in Südbaiern 
am Led. Das Bahrbrett, auf welchem 
die Leiche gelegen ift, wird in Form 
einer menschlichen Geftalt ausgefchnitten 
und an Feldrainen oder an Häufern 
aufgejtellt. 

Bei den Alten ift an Flüſſen oder 
am Meerufer der Todte mit all’ feinen 
Gaben auf ein Schiff gelegt und das— 
jelbe den Wellen überlafjen worden. 
Wenn ein nordifher Held im Streite 
den Tod nicht finden Fonnte, fo geſchah 
es wohl aud, daß er fich felbjt einem 
Todtenſchiffe überantwortete, auf hohen 
Wellen das Schiff mit einer Fadel in 
Brand ſteckte und unter Göttergefängen 
endete. So alt auch ift die Sitte, Leichen 
auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Die 
Scheiterhaufen wurden aus Eichen, Bir: 
fenftämmen und Wacholder auf Hügeln 
errichtet und mit einer Stadt von Zelten 
umgeben, in welchen die Trauernden 


man das Waſſerbecken an einen Drt, |harrten. Im heidnifchen Alterthume find, 
den die Sonne niemals befdhien, oder | war ein hoher Herr todt, auch defjen 
es iſt in’ Grab mitgegeben worden. | Frau, Knechte und Diener die Pferde, 
(Davon vielleicht die vielen leeren Ur: | Hunde und Vögel mit verbrannt worden ; 
nen in den alten Gräbern ?) Auch hat doch haben fi) die Menfchen früher 
man dem Todten Eifennägel mit in den | freiwillig den Tod gegeben. Denen, die 
Sarg gegeben; er mußte ſich ja eine | fich dem Herrn opferten, war in Walhall 


151 


ein hoher Lohn verheifen. War ber 
Tobte verbrannt oder begraben, fo 
jhritten die Leidtragenden dreimal um 
den Sceiterhaufen oder um das Grab, 
dann gingen fie zum Schmaufe. 

War eine Thräne auf den Earg 
gefallen, fo hatte der Todte im Grab 
feine Ruhe. 

Eine Zeit gab ed, wo es Sitte war, 
daß man ungetauft geftorbenen Kindern 
einen Pfahl durch die Bruft bohrte, 
oder mit der Grabſchaufel den Kopf 
vom Rumpfe trennte, damit fie nicht zu 
Vampyren würden und den Ihrigen das 
Blut ausfögen. 

Von Negenten mußten die Weber: 
refte, Herz, Eingeweide u. ſ. w. an ver: 
fhiedenen Stätten begraben werden, um 
die Fruchtbarkeit der betreffenden Land— 
ftriche zu vermehren. Im öfterreichifchen 
Raiferhaufe ift es heute noch üblich, daß 
die Ueberrefte eines Herrſchers in drei 
verfchiedenen Kirchen Wiens vertheilt 
werden: das Herz fommt in die Hof: 
pfarrfirche, das Eingeweide in denStefans⸗ 
dom, der einbalſamirte Körper in die 
Rapuzinergruft. 

Ueber den Gräbern fchichtete man 
Hügel, feste Steine. Mit der Einfüh: 
rung des Chriftentbums famen die flachen 
Grabplatten mit Name und Todestag auf. 

Die Beftattung der Todten ließen 
fih die Deutfchen als heilige Pflicht 
angelegen fein. Es bildeten ſich Vereine 
eigens zu dem Zwecke, um fremde Tote, 
die auf Straßen und weiten Felde ge: 
funden wurden, zu beerdigen. 

In al’ den hier berührten und noch 
vielen anderen von der Religion bedingten 
Todtenfitten der alten Deutfchen, lebt 
der Gedanke von der Unfterblichleit der 
Seele. Das ganze deutſche Mittelalter 
fennt noch feinen Zweifel an der Un: 


Das Mädchen am Bade. 
Serbifches Volkslied, mitgetheilt von 
D. Dürer. 
Am Bade fteht ein mwundervolles Mägd- 


lein, 
Es net das holde Angeficht, 


Und ftreicht die blühenden Wangen; 
Zu den Wangen d’rauf fie fpridt: 
Wüßt' ich, meine rothen Wänglein, 
Daß euch dereinft füht ein Greis, 
Wollt ih nad dem Walde gehen, 
Sammeln dort mand)’ dornig Reis; 
Auch den Wermuth wollt‘ ich pflüden, 
Zöge einen Saft heraus, 

Mit ihm netzt' ich meine Wangen, 
Daß den Greis erfaßt ein Graus. — 
MWüht’ ich aber, daß ein Jüngling 
Diefe glüh'nden Wangen küßt, 
Ginge ich in meinen Garten, 

Rofen dort ih pflüden müßt’. 

Zög' aus ihnen fühed Waffer 

Und benegt! mein Angefidt, 

Daß, wenn mid der Iüngling küßte, 
Sie ihm ſchienen rofig licht ; 

Daß mein Antliß lieblich dufte 

Und erfreu' des Jünglings Herz, 
Wenn er mich mit Gluth umfaſſet 
Und mich küßt im ſüßen Schmerz. 
Mit ihm zög' ich in's Gebirge, 
Sucht' am Fels die Lagerſtätt', 
Lieber als beim Greis zu ſchlafen 
Weich auf ſeid'nem Ruhebett. 


Die Herkunft der Seelen. 


Die Chinefen glauben an eine 


jterblichkeitälehre. Erjt mit der Rennaif: | Seelenwanderung — wenn diejelbe auch 
fance: Beriode im Anfange des 16. Jahr- mit ihrer Ahnenverehrung im Wider: 
hundertes erfchien — zuerft nur nebel- | fpruche jteht. Sie brauden eben eine 
haft und momentan, allmälig aber immer | Religion fürs Herz. Der Buddhismus 
deutliher — ein troftlofes Gejpenft — | lehrt nicht das Aufgehen der Seele in 
die dee von dem ewigen Tode des |ein Nichts. Sold eine Lehre hätte feine 
Individuums. Anziehungskraft für die Chinefen. Nur 
das Grobfinnige verjhmwindet. Der Ge- 


152 


nuß in Nirwana (der Seligen Rubefit) 
ift der feinfte, ätherifchite, ein alle Be: 
griffe überfteigender. 

Doch für diefen Genuß muß die 
Geele früher dadurd gereinigt werben, 
daß fie die Thierförper durchwandert, 
von niedrigen zu höheren hinan bis zum 
Menſchen, bis zum edelſten Menfchen 
endlih, um von diefer legten Stufe zur 
Nirwana einzugehen. Der Hindu z. B. 
vermuthet in jedem Thiere eine menſch— 
lihe Seele. Wenn ihm fein Ochs den 
Gehorfam verweigert und den Pflug 
nicht ziehen will, fo ftellt er fih vor 
den Halsftarrigen, ftreichelt ihn und 
fragt, ob Seine Majeftät geruhen wolle, 
den Pflug zu ziehen. Es fönnte ja 
doch eine Königsfeele in dem Ochſen 
fteden. Lebt nämlich) die Seele im Men: 
ichenleibe nicht nad dem Willen Gottes, 
jo muß fie nad dem Tode wieder tie: 
fer hinabfteigen zum Thierreihe, um 
neuerdings die Stufenleiter zu erflettern. 

Nah chineſiſcher Anſchauung tft es 
ftetö eine Seele des willensjtarfen männ: 
lichen Gejchlechtes, welche die Wanderung 
bejchleunigt. 

Wird dem Chinefen ein Kind ge: 
boren, fo ift e8 eine wichtige Frage: „Wo— 


MW. Lobfheid, der fi lange Zeit 
im Reihe der Mitte aufgehalten und 
und interefjante Bejchreibungen der 
Chineſen zugemittelt hat, erzählt ung aus 
Honkong folgende faſt unglaubliche That- 
ſachen: 

An einem ſchönen Sommertage hörte 
ich ein furchtbares Geſchrei in meinem Hauſe. 
Ich eile hinunter und ſehe, wie ein vor 
Wuth ſchäumender Mann einen alten, 
durch Krieg verarmten Gelehrten an der 
Gurgel gefaßt hat und unter Fluchen 
und Schlagen eine Sühne fordert. Die 
Männer waren bald getrennt; aber nicht 
ſobald beſänftigt. Den wüthenden Mann 
nahm ich mit auf meine Stube und hörte 
da von dem Unglück, was paſſirt war. 
Längſt ſchon hatte der Mann die Schwie— 
gertochter des Gelehrten gebeten, ſein 
Haus zu verlaſſen, weil er befürchtete, 
was jetzt geſchehen war. Sie war nicht 
gegangen. Die vorhergehende Nacht war 
ſie von einem Kinde entbunden worden, 
und gleich darauf gebiert die Schwie— 
gertochter des Hausherrn ein todtes Kind. 
Die Theorie war alſo richtig, und die 
Seele mußte geſühnt werden. Die Ruhe, 
mit der ich dem Manne entgegentrat, 
und die Gründe, welche ich ihm aus 





her kommt die Seele des neuen Erden- einem chineſiſchen Werke gegen ſeine 
bürgers? Was iſt ihr Schickſal in der | Theorie vorhielt, beſänftigten feinen Zorn. 
neuen Geburt? Diefe Fragen zu löfen, Er ſchien das Thörichte feiner Lehre und 


ift eine der erſten Angelegenheiten der 
Eltern. Noch ehe ein Kind geboren ift, 
drängt fi ihnen allerlei Sorge auf. 
€3 liegt ihnen ob, alle Gefahren ab: 
zuwenden, durch welche nad) dem Blau: 
ben der Chineſen die Seele, melde in 
der Nachbarſchaft umherirrt und gerne 


wiebergeboren werben möchte, fich ver: 
in einen andern 


anlaßt ſehen könnte, 
Körper zu gehen. Man darf daher nicht 


zugeben, daß eine ſchwangere Frau aus 


einem andern Orte oder aus einem an— 
dern Hauſe in eine Familie zieht, in 
welcher man ein Kind erwartet; denn 
wenn dieſelbe früher niederkommt, als 
die erſte Bewohnerin des Hauſes, ſo 
nimmt ſie die für dieſelbe beſtimmte 
Seele weg, und letztere gebiert ein 
todtes Kind. 


Handlung einzuſehen und ging ruhig und 
friedlich nach Haufe. 

Anders iſt es, wo die Seelenwan— 
derung mit den Anſichten der Alten in 
Conflict kommt. Um in der andern Welt 
verforgt werden zu fünnen, muß man 
einen Sohn haben. Nun fommt es vor, 
daß eine weibliche Seele immer wieder 
bei einer Familie einfehrt, um mieber: 
‚geboren zu werben. Um diefe Seele ab: 
zufhreden und eine männliche herbeizu: 
Ioden, ſchlägt man die Neugeborene tobt. 
Wird das nächte Mal wieder ein Mäd— 
hen geboren, jo macht man’s wieder 
‘fo, und fofort, bis die Seele erjhridt 
und nicht wieberfommt. Auf diefe Weife 
‚werden nicht felten in einer Familie 
4—8 Mädchen getödtet. Will man nun 
erfahren, ob es immer diefelbe Seele ift, 





153 


fo bezeichnet man dad Kind, ehe man 
es töbtet, mit einem Male. Hat nun 
das nächte Kind das Muttermal, fo 
läßt man’3 leben; denn es würde doch 
nichtö helfen, wenn man es auch tobt: 
ſchlüge. Wird aber nad der Tödtung 
des Mädchens ein Knabe geboren, jo 
hat die harte Behandlung des Mädchens 
die gewünschte Wirkung gehabt und die 
weibliche Seele fern gehalten. 

Gleich nad) der Geburt eines Kindes 
drängt fih den Eltern die Frage auf: 
Wird es glüdlih oder unglüdlich fein? 
Um Gemißheit darüber zu erlangen, 
wendet fi der Vater an einen Aftro: 
logen. Er theilt ihm den Namen der 
Provinz, der Präfectur, des Diftrictes, 
der Stadt, der Straße, die Lage bes 
Haufes, den Namen und Vornamen des 
Vaters, die Verhältniffe der Familie, in 
ber das Kind geboren ift, mit und bittet 
ihn um eine baldige Antwort. Nach 
einer furzen Einleitung lautet der Brief 
etwa folgendermaßen: ... Die Menjchen 
verdanten ihr Leben dem Simmel. 
Diefer hat das Schickſal Aller beftimmt, 
fie mögen reich oder arm fein. Am 
neunten Tag diejes Monats ift mir ein 
Hündchen (Sohn) geboren worden, und 
es war mir, ala fei ich aus dem Traume 
von einem Bären erwacht. Da ich jedoch 
nit weiß, ob die Zeit feiner Geburt 
eine glüdlihe, ob er langes Leben ger 
nießen oder eined frühzeitigen Todes 
fterben wird, fo erſuche ih Sie, die 
fünf Elemente forgfältig zu prüfen und 
die acht Zeichen (zwei für das Yahr, 
zwei für den Monat, zwei für den Tag, 
und zwei für die Stunde der Geburt) 
zu erklären und zu fehen, ob ihre gegen: 
feitige Erzeugung und Zerftörung mit 
den Gefegen der Natur übereinjtimmt, 
ob fie Unglüf anzeigen; ob er ber 
Hilfe der Götter bedarf; ob ein Mangel 
im Schidfalsbilde (Horoffop) iſt welcher 
erjegt werden muß. Diefes Alles müffen 
Sie und genau angeben, damit wir 
wiſſen, wie wir dem Glüde folgen, Un: 
glüd vermeiden oder abwenden, und 
Fluch in Segen verwandeln können, da= 
mit nicht nur das Kind glücklich fei, fondern 


‚die ganze Familie Ihr Verdienft preife. 
Ehrfurchtsvoll unterbreite ich Ihnen die 
‚acht Zeichen und hoffe, Sie werben uns 
mit einer Erklärung derjelben beehren. 
Gefchrieben im 2. Jahre Tungtschi's, 
am 10. Tage des 9. Monats. 

Die fünf Elemente find: Waffer, 
Feuer, Holz, Metall und Erde. Die 
Zeichen, welche für jahre, Monate, Tage 
und Stunden gebraudt werden, beziehen 
fih auf die fünf Elemente, deren gegen: 
feitige Erzeugung und Berftörung fol: 
gendermaßen ausgedrüdt wird: 
Metall erzeugt Waſſer; Wafler erzeugt 
Holz; Holz erzeugt Feuer; Feuer er: 
zeugt Erde; Erde erzeugt Metall. Metall 
zerftört Holz; Holz zerftört Erde; Erde 
zerftört Waſſer; Wafler zerftört Feuer; 
Feuer zerftört Metall. (Das Wort, welches 
hier durch „zerftören“ überfegt ift, heißt 
richtiger beftegen, überwinden). 

Enthält nun das Schidfalsbild zu 
viel von einem Elemente, wie Waſſer, 
Teuer oder Metall, fo würde dieſes 
Ueberwiegende des Einen alles Glüd 
zerftören, welches dem Kinde aus den 
andern Elementen erwachſen fünnte. Es 
muß dann ein Name gewählt werden, 
welder aus Zeichen befteht, die das 
Fehlende im Schidfalsbilde erfegen und 
das Gleichgewicht der ſich gegenfeitig 
erzeugenden und befämpfenden Elemente 
beritellen. 

Außerdem können noch gewiſſe Con- 
junctionen der Jahres- und Tageszeiten 
ſechs Verletzungen und drei Strafen*) 
herbeiführen. Kommen nun im Horoskope 
foldhe vor, fo müffen auch diefe unfhädlich 
gemacht werden. Das erfordert wieder 
einen fundigen Mann, der mit Gott 
und ber Welt vertraut ift, mithin jedem 
Unglüde vorbeugen fann. 

Das Erfte, was den Eltern nad 
diefer ernten Angelegenheit obliegt, ift, 
den Göttern für den Segen eines Kindes 
zu danken, und zu erfahren, woher der 
neue Ankömmling fommt; ob er Glüd 
oder Unglüd bringt. Die Danffagung 





*) Krankheiten, melde man bier nicht 
weiter erflären fann. 


154 


geſchieht durch Gebete und Opfer. Ein 
Buddhiſt thut hierauf Befcheid, wer die 
früheren Eltern des Kindes waren und 
daß dem Neugebornen entweder ein 
glüdliches Leben bevorftehe, da feine 
vorigen Eltern al’ ihre Schulden in 
Reis oder baarem Gelde bezahlt hätten, 
oder aber eine unheilvolle Zufunft, wenn 
irgend melde Schulden der Vorfahren 
nicht getilgt worden waren. War ber 
erfte Act vorwaltend das Werk eincs 
Tauiften, jo wendet die Familie fich 
jegt aneinen Bubbhiften, um das Meitere 
zu erfahren. 


Grillen. 


Zwingt Niemand, daß er fi befchide 

Und fagt ihm nicht, was er zum Glüde braucht ; 
Der größte Thor hat Augenblide, 

Mo ihm die Weisheit aus der Nafe raudıt. 





Wer fi bewirbt um Huld der Frauen, 
Laß' vorerft mit Geduld ſich trauen, 
Und wird ihm Huld, fo rath’ id dann 
Zur Stubenmagd — ÜErgebung an. 





Die Fliege fam zur Spinne bin, 
Zu fragen nad der Weisheit Sinn; 
Da gab die Spinne kurzen Rath: 
Bedenke nichts vor Deiner That. 





Viele Kerzen hab’ ich verbrannt beim Denten 
und Dichten. 

Sündgeld war’, ich geſteh's, das ich darüber 
verlor. 

Hätt' ich's verkegelt, fo hätt’ ich gewiß auch 
einntal gewonnen, 

Hätte die Augen gefhont, Bücher und Federn 
erfpart. 

Sparen, das lernte mir Amor erft. Wenn 
diefer zu uns fam, 

Löſcht' ich ſchleunig das Licht, um ihm mod) | 
beffer zu feh'n. 


Du fannft das Lafter treiben, 
Frei gehr'8 don Haus zu Haus, 
Nur wag’ es nicht zu fchreiben, 
Sonſt ftreichen fie Dir's aus. 





Einft fchnitten die Parzen entzwei mit der 
Sceere den Faden, 

Und heut’ vom Papiere fie löfen die faulen 
Coupons. 


». €. Aäfer.*) 


November. 


Unfere Monatönamen ftammen von 
den alten Römern her. Theils find die: 
felben nad den römifchen Göttern be— 
nannt, wie Januar (Janus), Februar 
(Februus), März (Mars), Mai (Maja), 
und Juni (Juno); theils nad römischen 
Herrfhern, wie Yuli (Julius Cäfar), 
und Auguſt (Auguftus). (Der April 
war dem Nero geweiht.) Theild endlich 
nah den Stellungen, die fie im Laufe 
des Yahres einnahmen. Das Jahr fing 
bei den Römern mit dem Mär) an; 
September bedeutete alfo der Siebente, 
Dftober der Achte, November der Neunte 
und Dezember der Zehnte. Karl der 
Große hat deutfhe Monatönamen ein- 
führen wollen; aud die Franzoſen ver: 
ſuchten es nad) der Revolution die Na= 
men der Monate den neuen Berhält: 
niffen entfprehend zu ändern — allein 
das Alte — und wenn es auch gar nicht 
mehr paßt, — merzt fich fo ſchwer aus, 
und — bis heute ift es bei den alten 
Monatsbenennungen geblieben. 

November bedeutet der Neunte im 
Yahre, gleichwohl er bei ung der eilfte 
ift. Er iſt der erſte Wintermonat, der 
Nebel: und Windmonat. Mit Allerhei: 
ligen beginnt der fogenannte Altweiber: 
fommer. Bald fommt — wenn fie nicht 
ihon da ift — die trübe feuchte Wit: 
terung und der Schnee. Bon den Bäu— 
men fallen die letten gelben Blätter 
ab, im Walde aber herrſcht Waidmanns: 
luft und in den Küchen ift die Zeit der 
geſpickten Hafen. Die Natur fällt in 


”) Diefe Berfe find entnommen bem Manuferipte 
eined achtzigjährigen, fteirifhen Dichters, Die Hands 
ſchrift führt ben Titel: „Ein Pfad zum Barnab” 
unb entbält meiſt formſchöne, geiftesiharfe Bebichte, 
melde, wohl in vormärzlicher Zeit entftanden, damals 
die Genfur nicht paffirten und bis heute im Staube 
ruben, bes Wedrufes eines unternehmenden Buchhänds 
lers Harrend, 


155 


den Winterfchlaf und mwünfcht ſich eine 


dide Pelzdecke aus Schnee. 

Im Garten gibtE noch zu thun. 
Rapunzeln, Zuderwurzeln, Spargel wer: 
den gejäet und mit Erde, Mift und 
Baumlaub bebedt. 
in die Keller gebradt. Die Obftbäume 
werden gereinigt und mit der Pechpfaid 


verjehen. Vögel und Inſekten vergraben 


ſich und die Biene ruht in ihrem Haufe. 

Der Landmann hat feine Einheimfun: 
gen und feine Bejtellungen für's nächſte 
Jahr in Ordnung gebracht und zieht fich in 
feine Behaufung zurüd, wo die Winter: 
arbeit feiner harrt, das Drefchen auf der 


Das Gemüfe wird 


Tenne, das Beforgen der Viehftälle und 
an den langen Abenden das Kufuruz: 
ſchälen, das Rübenabſchwänzen und das 
"Spinnen. 

Zu Anfang des Monates fällt das 
Feſt des Himmels (Allerheiligen) und 
‚der Gedächtnißtag der Todten. Etwas 
jpäter fommt St. Martin mit der Gans, 
dann Kathrein — die fperrt den Tanz 
ein, weil der Advent vor der Thür ift. 
Und endlih naht Andrä mit Eis und 
Schnee, 

Der Tag ift neun Stunden lang 
und Groß und Klein fehnt fich dem 
Chriftmonat entgegen. 





Bücher. 


Stelzhamers „Liebesgürtel“. 


Als vor Jahren ein munteres altes 
Männchen — nein, ſagen wir lieber 
ein munterer alter Burſche, mit einem 
jugendlichen Geſicht auf einem betagten 
Leibe und einer ehrlichen Kupfernaſe, 
die in der Umrahmung des das Geſicht 
umwallenden weißen Gelocks gar eigen 
leuchtete, in meine Stube trat, mit den 
Worten: „Alſo ſo ſieht der H. aus? 
hab' mirs beiläufig ſo gedacht!“ mich 
eine Weile mit ſcharfem und dach ge— 
müthlichem Auge betrachtend, dann aber 
ſogleich, nachdem er die Aufklärung ge— 
geben, er heiße Stelzhamer, von ſeinem 
zweijährigen Töchterchen zu ſprechen an— 
fing, dem Stolz des ſiebzigjährigen Er— 
zeugers und liebſten Thema ſeiner Ge— 
ſpräche — da glaubte ich es gern, was 
ich damals eigentlich erſt vom Hörenſagen 
mußte, daß der liebenswürdige Land— 
ftreicher, der vor mir ftand, ein vortreff: 
liher Dichter in obderenfiiher Mundart 
jei. Volksthümliche Dialektdichtung, ja, 
dus fonnte man gerade von diefem Manne 
erwarten. Als aber num vor Kurzem eine 
hochdeutſche Gedichtfammlung desjelben 
Mannes: 


kam und ich mich in biefelbe vertiefte 
da erftaunte ih im erften Augenblide 
und viel hätte ich D’rum gegeben, wenn 
der muntere „alte Burfche“ nicht in— 
zwifchen „heimgegangen“ wäre, und id) 
eine Hoffnung hätte haben fönnen, daß 
er noch einmal in meine Stube treten 
werde. Aber nur im erften Augenblide 
ihien der Adel des poetijchen Empfin- 
dens und des Ausdruds in diefen Ge: 
dichten mir nicht verträglich mit jener 
gemüthlihen Weltfahrer-Erfcheinung ; im 
nädjten fand ich, daß jener Menſch und 
diefe Gedichte doch zufammengehörten, 
ja bald merkte ih, daß ich fogar erſt 
den rechten Genuß von den Gedichten 
hatte, wenn ich dabei den Dichter mir 
vergegenmwärtigte, fie mir mit feiner 
Stimme, in feiner gemüthanfprechenden, 
naturfrifhen Weiſe geſprochen dachte. 


Der nächſtliegende Vorzug dieſer 
Poeſien iſt ein überaus natürlicher Fluß 
der Rede und des Verſes — und doch 
reihen fie an das Maß edelſter Kunit- 
dihtung hinan. Und der „Erdgeruch“, 
‚der, wie der Dichter felbit jagt, „auf: 
wirbelt aus feinem Liederbuch,“ iſt ein 


„Ziebesgürtel“ betitelt, reiner, frifcher, hat nicht? von Sumpf, 


(Beit, Hedenaft 1876) mir in die Hände | nichts Fauliges, Miasmatifches an ſich. 


156 


So zart, fo finnig und innig Elingt es 
aus vielen biefer Lieder, daß man bis 
auf die Minnefänger zurüdgehen müßte, 
um ein Beifpiel diefer Sangmweife zu 
finden. Will man fehen, welchen naiven 
Ausdrud das tiefjte Erjchaudern vor 
dem ewigen Weltgeheimnig in einem 
volfsthümlich veranlagten Dichtergemüthe 
findet, fo lefe man die wunderfame Ge: 
fühlsarabesfe „Sturm“ ©. 205, oder 
die originellen, ergreifenden „Letzten 
Waldlaute“ ©. 216 ff. Die Perle der 
ganzen Sammlung aber ift das Gedicht 
„Ditern”, ©. 250. Es fei den Zufam- 
menftelleen von Anthologien enıpfohlen. 
Solde Spenden wiegen einen Band 
gemwöhnliher moderniter Dichterhallen: 
und Albums:Lyrif auf, deren vornehm: 
ſtes Merfmal eben in dem Mangel 
jene frifhen, jungfräuliden „Erdge— 
ruchs“ befteht, den unfer Dichter in 
feinem Buche entſchuldigen zu müſſen 
glaubt. 


An Wendungen eines gemiffen „trode: 


nen“, nah dem Geſchmacke Mander 
and Barode ftreifenden Humors ift am 
reichften der merkwürdige unter ber 
Ueberfchrift „Im Alter“ vereinigte Cy: 
klus. Feinfinnige Kenner der poetifchen 
Literatur des Tages werden hier in 
Versmaß, Ton und Ausdrudsmeife eine 
auffallende Verwandtſchaft finden mit 
manden Stellen humoriftifher Art in 
der „Gräfin Seelenbrand”“ unjeres Fer: 
her von Steinwand — ein Bemeis, 
daß die Dichter der öfterreihifchen Al: 
penländer noch Anderes und Tieferes 
verbindet, als der doch nur mit halbem 
Rechte von alten und jungen Fritifchen 
Spaten noch immer auf allen Dächern 
bezwitfcherte „Bilderreihthum“. Gerade 
dort, wo der Humor fich geltend madht, 
wird Verſtändniß und Genuß für Die: 
jenigen, die den Dichter gefannt haben, 
dur die Vergegenwärtigung der Indi— 
vidualität desjelben ſehr gefördert wer: 
den. Unmittelbar von feinen Lippen 
fließend muß man ſich Verſe denken, 
wie ©. 323: 

„Was ich denn made? Wovon id) lebe? 
Das möchten fie dringend gern wiſſen. 


Ei, durch Zeus’ Ganymed und Hebe 
Bon Nektar und lauter ambrofijhen Biflen ; 
Doch machen, wie alle Kinder des Lichts, 
Machen thu’ ich einftweilen — nichts !" 
Herr Dr. Egger von Möllwald hat 
fih durch die Herausgabe, Herr Hede- 
naft durh die glänzende Ausjtattung 
diefer Sammlung ein großes Berbienft 
erworben; das Größte aber wird ſich 
erwerben, wer und den ganzen Gtelz- 
hamer gibt, eine Gefammtauägabe feiner 
Werke, die zu fpät fommt, wenn fie 
nicht bald fommt, bevor das friſche An- 
denfen an den Dichter erlofchen ift. 


Aobert Hamerling. 


„Grommell‘, 


Tragödie in 5 Aufzügen von Emanuel 


MWertheimer, Leipzig €. I. Günther. 


— . Grommell, der Lord:General, 
der in England nad) König Karl’s Sturze 
die Zügel in der Hand hat, fprengt 
mit bewaffneter Macht das läſſige, unthä- 
tige Parlament und wird vom Volke 
zum Lord: Protector auägerufen. Doc 
fein Streben geht nah dem Königs: 
throne. Gegen den Rath feiner Getreuen 
will er fih die Krone aufs Haupt 
fegen, aber im entjcheidenden Momente 
hält ihn feine Lieblingstocdhter Elsbeth 
von dem übereilten und gefährlichen 
Schritte zurüd. Elsbeth ift e8 überhaupt, 
in der Crommell feinen ſchützenden Engel 
fieht, an der er mit der innigiten Liebe 
hängt. Als er aber Slingsby, dem 
Elsbeth ihr Herz geſchenkt, in Folge 
einer Verfhmwörung ergreifen und ohne 
Mitleid Hinrichten läßt, da wird Elsbeth 
wahnfinnig und unterliegt ihrem großen 
Schmerze. Aber aud von außen hat 
fih Alles gegen Grommell und feine 
ftolzen Pläne verſchworen, langjam zer: 
fällt fein fiecher Körper, vom Fieber 
durchſchauert, will er noch, von Allen 
verlafien, in den Kampf hinaus. — Da 
trifft ihm die Nachricht von bem Tode 
Elsbeth’3 und tobt bricht er an ihrem 
Sarge zufammen. — 


157 


Das ift in- kurzen Morten ber 
Inhalt des neuen Drama’s. Da der 
Stoff der englifhen Geſchichte entnom— 
men ift, die doch fchon fo oft und 
meijterhaft behandelt wurde, fo lag die 
Gefahr nahe, daß das Drama fchon 
dadurd etwas an Originalität einbüße. 
Indeß läßt die durchaus neue Art der 
Behandlung und die originelle Bühnen: 
führung dieſes Vorurtheil bald ſchwinden. 
Die Charaktere find mit viel Geſchick 
gezeichnet, und namentlich fteht Elsbeth's 
Bild fehr rein und klar da, iſt's doch 
fie allein, die unfere Sympathien aud) 
auf Crommell überträgt. Die Sprade 
bewegt fih in ſchönen Grenzen und 
ſchlägt an den Höhepunften der Hand- 
lung oft clafjifhe Töne an, wenn 
und aud das Pathetifcheerhabene hie 
und da nit am richtigen Orte fcheint. 
Jedenfalls aber fann man dem Dichter, 
der fih mit diefem Werfe zum eriten- 
male auf dramatifchem Gebiete verjucht 
hat, einen jchönen Erfolg prophezeien. 

Sch. 


— 


Der entfefjelte Prometheus. 


Lyrifches Drama von P. B. Shelley, deutſch 
von Alfred Graf Bidenburg. — Ver- 
lag von 2, Rosner, Wien. 


Widenburg, der uns ſchon mand 
herrlihe Dichtung aus fremden Sprachen 
übermittelt hat, bietet uns hier eines 
der in feiner Art großartigften Werte 
der englifchen Literatur, dad Drama von 
Shelley: „Der entfefjelte Prometheus“. 
Es iſt dies zwar feine moderne Dichtung, 
es iſt eine Allegorie, aber es ift — 
wie Johannes Scherr jagt — ein Hym: 
nus auf die welterlöfende Kraft der 
Humanität. 

Mit der Prometheus » Mythe haben 
fih die größten Dichter aller Zeiten be- 
faßt, denen die Befreiung des Menfchen: 
geiftes am Herzen lag — fo Aeſchylos, 
Byron und Goethe. Bei Aeichylos ift 
Prometheus der vom Zeus an einen 
Felſen des Kaukaſus Gejchmiedete, weil 





dur den Willen des Zeus endlich be: 
freit. Goethe's entfeflelter Prometheus 
ift der von dem Oötterglauben losge— 
rifjene Menfchengeift in feiner Arbeit, 
in feinem fünftlerifchen Schaffen, ftolz 
ſich felbjt Hütten bauend und Menſchen 
Ihaffend nah feinem Bilde. Byrons 
Prometheus ift der trogende und gefefjelte, 
Shelley’3 Prometheus aber ift der wohl: 
thätige Menfchengeift, der wider das 
böfe PBrincip fämpft, der eine unendlich 
lange Zeit hindurch wohl von demfelben 
unterdrüdt wird, aber nicht für immer: 
dar gefnebelt fein kann, fondern eines 
Tages zum Entzüden des Weltalls be: 
freit ift, der fiegreihe, der erlöfende 
Prometheus. . 

Es mag wohl die allegorifhe Form 
diefer Dichtung nicht zeitgemäß fein, aber 
der Geift derjelben ift ed gewiß. Trogdem 
in unferen Tagen der Menſch fühn fich 
eine Xeuchte um die andere vom Himmel 
reißt, will doch der Peſſimismus immer 
mehr und mehr emporwuchern, gleihfam 
als die gefährlichite Gegenwehr der Götter. 
Aber die Menschheit kann nicht verloren 
fein, darf am wenigſten felbft fich ver: 
lieren; fie braudt, wie Shelley fagt, 
nur zu wollen, daß es fein Böjes gibt, 
und es wird feines geben. 

Graf Widenburg nun hat es unter: 
nommen, einen ſolch großen Geift, wie 
er der Welt noth thut, uns zuzuführen. 
Schöpferiſchen Sinnes hat er deſſen edles 
Werk mit tiefem Verftändniffe und großer 
Klarheit in die deutſche Sprade über: 
tragen und fo unferer Xiteratur einen 
Dienjt erwiefen, den fie ihm nicht ver: 
geſſen wird. 


Die Wirthſchaft des Menjhenges 
ſchlechtes 


auf dem Standpunkte der Einheit idealer und 

realer Intereffen. Bon Julius Fröbel. 

(Drei Bände, Verlag von Otto Wigand in 
Leipzig). 


Ein groß angelegtes Buch voll ſchöner, 


er den Menſchen das Feuer vom Him— geiſtreicher Gedanken. Es iſt ein natio- 
mel geholt hatte. Der Gefangene wird nal-ökonomiſches Werk, doch nicht in der 


158 


falten, trodenen Gelehrtenmanier gez | 
fchrieben, fondern ideal aud im Praf: 
tiſchen und real in der Auffaffung ivealer 
Beitrebungen und Güter. Der erfte 
Band behandelt die Grundverhältnifie 
und allgemeinen Vorgänge der Wirth: 
Ihaft; der zweite Band fpricht über die 
Privatwirthihaft und Volkswirthſchaft 
und der dritte Band umfaßt die Staats: 
wirthichaft, die Völker: und Weltwirth: 
Ihaft und die Wirthichaftäpolitif. 


Mir wollen Fröbels Standpunkt im 
Einzelnen furz andeuten. Der Berfaffer 
ſieht in der Perfonalmirthichaft das fitt: 
liche Element; doch habe fie zwei große 
Gegner: den Jeſuitismus und den Com: 
munidmus. Das Dogma der Unfehlbarfeit 
und der Communismus zufammen fei 
die größte Reaction, welche je in der ge: 
bildeten Menfchheit verfuht worden ift. 
Die Phraſe „Neht auf Arbeit” fei 
Unfinn ; der Communismus, der gewifjer: 
maßen ein ganzes Volt von jtaatö- 
wegen auf Tageslöhnung ſetzen will, ſei 
ein Syſtem wirthſchaftlicher Ehrlofigfeit. | 
— Fröbel empfiehlt die Sparjamteit. 
Bei der Beiprehung der Familienwirth: 
Ihaft verurtheilt der Verfaſſer den 
„Emancipationsfchwindel” der Frauen, 
deren Beruf e8 fei, Mütter, Gattinnen, 
Hausherrinnen zu fein, nicht aber in 
ihrem Wirken mit den Männern zu 
wetteifern. — Wir haben gar nichts 
dagegen, wenn Fröbel unfere unnatür: 
lihen weiblichen Kraftgenies abfanzelt ; 
aber wir vertheidigen die edlen Beſtre— 
bungen der Frauenwelt nad) einer 
Stellung, um in der Lage zu fein, 
im Nothfalle ihr Brot jelbft zu erwerben. 
— m dritten Bande nimmt Fröbel, 
was wir hervorheben wollen, die in: 
directen Steuern gegenüber den directen 
in Schug. — zum Scluffe gibt unfer 
Nationalölonom Winfe über Erziehung, 
bei welder der Staat ftetö ala Ober: 
vormund zu wachen habe. | 





Hundert originelle Gedanken und 


pbilofofifher, inhaltsfchwerer Lecture zu 
befafien pflegt. 


Das Judenſchloß. 


Roman von Erwin Schlieben. (Drei 


| Bände, Preiburg und Leipzig bei Guftav 


Sedenait.) 


Ein Buch voll Kraft und Wärme, 
voll treffender Einzelnheiten und in 
gewifjen Theilen pifant bis zum Exceß. 
Des Buches Seele aber ift die Ber: 
dammung des Judenthums und die 
Proteftion altadeliger Familien. Wer, 
um Gotteswillen, fol in unferer Zeit 
mit folder Tendenz einverftanden fein ! 
Uber wer, der den erften Band 
diefes Nomanes gelefen hat, wird nicht 
nad dem zweiten und dritten greifen ? 
Es ift vielleicht feine gute, aber es ift 
eine feilelnde Leltüre, die wir nur ſol— 
hen anrathen, denen ein Roman weder 
nügen noch fchaden fann. Als Unter: 
haltungsjchrift wird das „Judenſchloß“ 
feinen Zwed im hohen Grade erfüllen. 


Hoch oben im Norden 


betitelt fih das erfte Heft der „Vater: 
ländifchen Volksbücher“, melde bei C. 
Stod und Comp. in Wien erfceinen. 
Diefe Volfsbücher ftellen fi zur Auf: 
gabe, im begeifternder Schreibweije Alles 
zur Darjtellung zu bringen, was würdig 
ift, in Oeſterreichs Chrenhalle aufge: 
nommen zu werben, und baburd Die 
Liebe zur Heimat zu weden und zu 
ftärfen. Das erfte Heft dicjes löblichen 
Unternehmens behandelt die öſterrei— 
hifch:ungarifhe Nordpolerpedition in 
den Sahren 1872 —1874, dargejtellt 
von Hermann Quiquerez. Es ift mit 
ſechs Bildern geziert und mit einer 
Karte verfehen. Das Büchelchen ift an: 
ziehend, doch faft zu pathetifch gefchrie- 
ben. Jene Theile aber, welche die Ge: 


Rathſchläge treten uns in diefem anre- ſpräche der Mannſchaft des „Tegetthoff“ 
genden Werke entgegen; wir empfehlen | darftellen, behagen uns nicht; fie find 
Fröbels Buch Jedem, der ſich mit ernft: | für ein Volksbuch doch allzuplatt und 


159 


unbedeutend. Wir meinen, daß unfere 
braven Nordpolfahrer befjeren Humor 
an Bord gehabt haben werden, als ber 
Beſchreiber ihrer Fahrt. 


Der Tod in der deutſchen Sage und 
Dichtung. j 
Schwebel (Berlin Alfred 

Weile's Verlag.) 


Mas über das tieffte Näthjel, den 
Tod, das deutſche Volk je gedacht und 
fih erzählt hat, wie den Tod die Künſt— 
ler dargejtellt, die Dichter befungen, die 
Religionen geftaltet haben — in diefem 
anziehenden Büchlein finden wir es an: 
gedeutet. In lieblichen, phantaftijchen 
und fchauerlihen Bildern hat das Hei: 
denthum wie das Chriftenthfum das Ge- 
heimniß unjeres Endes verfinnlicht und 
wohl Vorſtellungen geſchaffen, die wir 
heute kaum mehr begreifen, fo vielfache 
Spuren alter Sitten auch auf unfere 
Tage übergangen find. Schmwebel hat 
uns in feiner Stubie ein Werfchen ge: 
geben, das in überfichtlicher Kürze einen 
äußerft lehrreichen Einblid in die deutſche 
Volksſeele bietet. 


on Oskar 


Germania. 


Zwei Iabrtaufende deutſchen Lebens, cultur- 
geihichtlich geicildert von Johannes Scherr. 
Verlag don W. Spemann in Stuttgart. 


So gehen denn aud unfere lieben 
Geſchichtſchreiber zu den Bilderbuch; 
madhern. Johannes Scerr, der fonft 
feine Bücher für Männer mit der Teu: 
tonenfeule jchreibt, gibt ein Lieferungs— 
werf heraus, „mit jchönen Bildern ge: 
jieret“, wie man noch zu Anfang des 
Jahrhunderts auf den Titel der Nitter- 
und Räuberromane gedrudt hat. Zwei 
Yahrtaufende deutfchen Lebens! Und dem 
großen Publikum dargejtellt! Soll ein 
ſolch' peflimiftifcher Geift, wie Johannes 
Scherr es ift, für das Volk fchreiben ? 


Oder wird er mit Nüdficht auf die Be: 
ftimmung des Buches jene Objectivität 
zu bewahren willen, die den Dichter 
ziert, dem SHiftorifer aber unbedingt 
nothwendig ift ? 


Commis voyageur. 


Wochenblatt zur Unterhaltung für Handels 
reifende und junge Kaufleute und Organ zur 
Wahrung ihrer Intereffen. Seit 1. Oktober 
herausgegeben von Eduard Schröder in Te- 
ihen (öfterr. Scylefien). Mitarbeiter für den 
unterhaltenden Theil Oskar Blumenthal, Lud— 
wig Brunier, Friedrih Marz, Th. Quidob, 
Sader-Mafoh, Erwin Schlieben, 2. Temenau, 
Vacano ıc.; für den fachlichen Theil: I. Ber- 
ger, U. Biihof, I. Kuppis, 9. Littow, D. 
Schröder und K. Maud. 


Sin der neueften Nummer dieſes 
mit vielem Geſchicke redigirten Blattes 
finden wir unter Anderem eine pilante 
Novelle von Vacano und einen inter: 
eflanten Auffag über Figuren in ben 
Geldnoten von Karl Berger. — Diejes 
neue Organ fcheint wirklich einem ge: 
fühlten Bedürfniffe abzuhelfen und wird 
befonder8 in der Handelswelt feine 
Freunde finden. 


Kärntner Volkskalender für 1877 


begründet von 8. Pröll; Klagenfurt bei 
Eduard Liegel. 


Ein gutgeordnetesKalendarium, praf: 
tiſche Mittheilungen, Tabellen, Adreſſen 
u. ſ. mw. zeichnen diefes Jahrbuch aus 
und machen es befonderd für Kärnten 
zu einem unentbehrlihen Nachſchlagebuch. 
Der unterhaltende Theil bringt Erzäh: 
lungen aus den Werfen Auerbachs, die 
Slode von Schiller, eine Dorfgefchichte 
von Fr. Groder und eine Anzahl be: 
lehrender Aufſätze moralifchen und praf: 
tiihen Inhaltes. 


160 


Das neue Jahr. 


Volkskalender für 1877, herausgegeben von 
P. 8. Rofegger, Verlag von Guftan 
Hedenaft, Preßburg und Leipzig. 


Das Volksbuch, mit dem Bildnifje 
Dr. Rechbauer's gefhmüdt, enthält: 
Maria im Elend. (Eine Gedichte aus 
dem Hochgebirge von P. K. Rofegger.) 
— Geiftesworte. — Gedichte von Ro: 
bert Hamerling: (Alpenrofen, Volks— 
weiſe). — Ein Anwalt unferes Vater: 
landes. — Steirifhe Weis von Zither: 
und Hockbrettſchloga: (Ah Liabögfangl. 
A Wohrſprüchl. 'n Franzl fei Chrift- 
bam.) — Peit:Röschen. (Eine Erzäh: 
lung aus ſchreckensvoller Zeit.) — Ränke 
und Schwänfe: (Vom Spießruthenlau: 
fen. Was hat er predigt ? Kratze mic, 
Fremdling! Unmwahrheit bringt Rofen. 
Miederjehen in der Hölle. Aus dem 
Tagebud; des heiligen Petrus. Drei 
großmüthige Herren und ein Fleinmüthi: 
ger Diener. Ein Mann, der täglich 
feinen Knecht verfauft. Eine Räuberge: 
ſchichte. Große Herren haben große 
Füße.) — Die Kindlein wiſſen's. (Ge: 
dicht von Robert Hamerling.) — Nach— 
rihten aus Gutweiler. — Wie die 
Gemeinde Gilau befehrt worden ift. — 


gene Heldenkfunde ) — Ein Soldaten- 
flüchtling. (Gefhichte aus dem Wolfe: 
leben vergangener Zeit.) — Das Spar: 
cafja-Büchel. (Eine lehrreiche Geſchichte 
für Jung und Alt, erzählt von Dr. 
Eduard Haife.) — Alpenbilder aus 
dem Wanderbuche des Kalendermannes : 
(An meinen Michel. In der Höll'.) — 
Das Volk im fernften Dften. — Geh’ 
heim in dein Haus. — Der Neujahrs- 
bote. — Der Anhang für den täglichen 
Gebraud enthält: Das neue Maß und 
Gewicht. Deutfhlands neue Münzen. Poft: 
weſen. Telegraphenmwefen. Jahrmärkte. 
Das vollſtändige Kalendarium iſt mit 
Einſchreibeblättern verſehen. 


_— 


Poftkarten des „Heimgarten“. 


Herrn R. 9. R. Wien: Dank für Ihre 
gütige Benrtheilung. Ihre Anregungen wer- 
den nicht unfruchtbar fein. Die beften Blätter 
werden vom Publitum felbft gemadht. 

Herrn M 3. v. 9: Mit Dorfromanen 
find wir nad) Bedarf verfehen. Einjendungen 
von furzgehaltenen originellen Volksſagen, 
Märhen, Schwänken und Bolksliedern find 
willfonmen. 

3.6. —: Auf weldes ſeltſame Feld haben 
Sie in Ihrem Aufſatze dod die Stempelfrage 


Geiftesworte. — Anaftafius Grün. (Seht | gefcleppt! Als Katholit follten Sie wiſſen, 
den Lenz, den Freiheitshelden! Der | daß Meſſenzahlungen keiner Steuer unterliegen 


Ring. Maria Grün.) — Geiſtesworte. — 


‚ fönnen. 


Allerlei Alt und Neu: (Ein offenes |... viele Einfender: Nur feine fentimen- 


Wort in Saden der Volksſchule. Ein 
Doppelblid auf Rußland. Etwas über 
die Leibeigenfchaft. Wer find wir und 
wie vieler find uns? Warum mollen 
die Männer nicht heiraten? Ich trag’ 
ein ſüß Geheimniß. Schüßet den Spar: 
pfennig. Zur Rettung von Verunglüd- 
ten. Schule des Sterbens. Halbverflun- 


n Gedichte! Der Raum im „Heimgarten” 
ift befhräntt und der im Papierkorb bereits 
überfüllt. 

Frl. M. R.: Wir können Ihnen nur ant- 
worten, was Grillparzer auf die Selbftbiographie 
einer Dichterin fagt: 

Millft vor dem Volt Du Dich entkleiden, 

Mie Phryne's Beifpiel weift: 

&o prüfe vorher Dich befcheiden, 

Wie ſchön Du etwa fei'ft. 


Drud von Leykam⸗Joſefathal in Graz. — Für bie Nebaction verantwortlih P. A. Nofegger. 


— 


ie en — 


December 1876. 


* 2 * 
at. - 
=? une 


h SI} F SE 
au at 


* 








2⏑— —— 


J. Jahrg. 











Der junge Better. 


Eine Gefhichte von A. C. Müller. 


Der Mai war gefommen. Die lofe 
Schaar der Vögel jubelte und fang 
vom frühen Morgen an auf ben grü: 
nen Zweigen, die Sonne lachte von 
oben herab und die Wellen des Mee- 
res ſchlugen leiſe, ganz leife an das 
flache, gelbe Ufer. Es war Frühling, 
wahrhaftiger Frühling, wie er im Bu: 
he ſteht, voll Luft und Leben, und 
der. jpige Kirchthurm, deſſen Wetter: 
bahn fih jo recht in der blauen Mor: 
genluft drehte, jchien heute jo heil 
und freundlich, als ob er ſich mit ber 
Erde verjüngt hätte und alle Welt 
mahnen wollte, doch ja recht heiter 
und guter Dinge zu fein. Sonft war 
e3 jtill, fait lautlos ftil rings um 
das ftattlihe Herrenhaus mit dem 
prächtigen Garten, das auf einer Anz 
höhe lag und das nahe Dorf ſowie 
die Umgebung beherrſchte. Ein gelb: 
lih-weißer Hund, nicht groß, von un: 
beftimmbarer Race, aber mit einem 
pfiffigen Geficht, ſaß behaglich in der 


Kofeggers „‚Hrimgarten‘ Ur. 3. 


warmen Sonne und beobadi te bie 
jungen Hühnchen, die um die glu jenbe 
Henne berumftolperten und purze 'en, 
weil fie ihren Schwerpunft noch ni St 
richtig zu balanciren verftanden. Be: 
der ftattlihen Veranda mit den mweiß- 
gefaßten Glasſcheiben vergnügten ſich 
einige Spaten mit bedeutungsvollem 
Gezwitiher — ſonſt ſchien es bier 
weiter feine lebenden Weſen zu geben 
und wäre nur die bewußte Dornhede 
geweſen, man hätte wetten mögen, daß 
bier die Heimat Dornröschen’3 wäre, 
die des Prinzen harrte, der fie zum 
Leben und zur Liebe wachküſſen follte. 

Gab es hier wirklich feine lebende 
Seele weiter? 

D ja, und nicht blos eine Seele, 
fondern ſogar noch ein Herz, ein fri- 
ſches, Iuftiges Mädchenherz, fo gut 
und fo Schön wie biefer Frühlingstag 
jelbit und ebenfo keck, wie die Finken 
draußen. Dieſes Herz aber gehörte 
einem „fiebenzehnjährigen Dingelchen“, 

11 


162 


wie der Onkel fie nannte, nämlich ſei- indem wir verfihern, daß Margaretha 
ner Nichte Margaretha, die feit fünf in der That ein hübſches Mädchen, 
Tagen aus dem Boden der Nefidenz | nicht zu groß und nicht zu Flein, nicht 
hierher verpflanzt und zum Bejuch zu bager und nicht zu üppig mar, 
auf einige Wochen gefommen war. und alles Uebrige überlaffen wir ge 
Sa, diefe Margaretha! Man fpürte |troft der Phantafie unjerer geneigten 
e3 in dem fonft fo jtillen Herrenhaus, | Zefer. 
denn fie fang mit den Vögeln um bie Da e3 nun ſeit unvorbenkflichen 
Wette, fie lachte und jprang, fie war | Zeiten das Vorrecht der Dichter und 
überall in Garten und Haus, in Küche | Schriftjteller ift, überall Zutritt zu 
und Keller, denn fie wollte die Haus: | haben und jelbft in verjchloffene Räume 
und Landwirthſchaft beim Onkel Hel: | dringen zu fönnen, jo machen wir zu 
ler lernen und hatte fih aus der Ne: Nug und Frommen unſ'rer Lejer von 
fivenzg die reizendften Küchenfchürzen | diefem Privilegium Gebraud und füh— 
zu diefem Zwecke mitgebracht, die nur ren fie an den Schreibtiih, um zu 
den einen Fehler Hatten, aus ber|lejen, was Margaretha joeben an He— 
feinften Leinwand gefertigt und reich lene fchreibt ; denn aus feinen Briefen, 
languettirt fein. Auch die Guitarre jagt Yean Paul, erfennt man den 
mit dem rotbfeidenen Band war mit: | Menjchen am beiten. 
gefommen, begleichen die allerliebften „In dem Park“, jo Tautet das, 
Bottinen, nur hatte fic) zum Gebrauch was die Schreiberin meldet, „der 
beider Dinge bisher feine Gelegenheit | unter feinen hohen jchattigen Bäunten 
gefunden; aber die fonnte ja noch köſtliche Spaziergänge, ſowie jchöne 
fommen, denn der Sommer ftand erjt | Ausfichten auf die See bietet, ver: 
in Ausficht. bringe ich den größeren Theil meiner 
An dem Morgen nun, wo dieje | Zeit, und nur an den Vormittagen 
unf’re höchit lehrreiche und fehr wahr: |verweile ih mehrfah in der Küche, 
baftige Gefchichte beginnt, jaß Mar: | um die Moyfterien derjelben, die mir 
garetha in einem hübſchen Boudoir doch noch zum guten Theil fremd find, 
an ihrem Schreibtiih und fehrieb den kennen zu lernen. Das ift aber gar 
eriten Bericht über ihren bierortigen nicht fo leicht, wie wir uns das früher 
Aufenthalt an Helene, die treue Freun- gedaht haben, und die Tante hat 
din in der Heimat, die Vertraute ihrer | mich mehr al3 einmal ausgeladht; 
Freuden und Xeiden, und die Feder |aber ich verliere den Muth nicht, und 
flog über das glatte Papier, als hätte | wenn wir wieder beifammen fein wer: 
fie ganz unerhörte Eile. Ein ganzer ben, jo lade ich Dich zu einem Diner 
Bogen war fchon eng bejchrieben und ein, deſſen fämmtliche Gänge ich eigen: 
gab eine betaillirte Schilderung von |händig bereiten werde. Doch es wird 
Haus, Hof und Garten, und nun bes) Zeit, daß ich Dir die Familie, in 
gann die hübſche Briefichreiberin den | welcher ich lebe, vorftelle. Sie befteht 
zweiten Theil ihres voluminöjen Scrip- nur aus dem Onkel Heller und feiner 
tums auf dem neuen Bogen, aljo auf | Gemalin; ein Sohn ift ſchon in früher 
der fünften Seite. Hier wäre nun die | Kindheit geftorben. Der Onkel nun ift 
Stelle, wo wir unjrerjeit3 eine genaue | ein lieber alter Herr, deſſen Haar ſchon 
Schilderung biefer merfwürdigen Mar: | recht weiß geworden ift, der fich aber 
garetha geben, wo mir ihr Haar, ihre |eine geiftige und körperliche Rüſtigkeit 
Augen, ihren Roſenmund, ihre zarten, und Friſche bewahrt hat, die ich be: 
weißen, wohlgepflegten Hände, kurz ihre |mwundere. Sein ganzes Weſen ift fo 
ganze anmuthige Geftalt in glänzender | offen, ehrlich, würdevoll und ruhig, 
Sprache bejchreiben müßten; aber ſo gütig und doch fo feit, daß ich 
wir helfen uns darüber furz hinweg, |mit einer unbegrenzten Verehrung zu 


163 


ihm aufblide ; auch er hat mich nicht 
minder in fein Herz ge ſchloſſ en, als 
ich ihn, ſo kurze Zeit wir auch erſt 
bei einander find. 

Ich glaube, er ift nie in feinem 
Leben leidenjchaftli oder erregt ge 
weſen und iſt wohl jo jahraus jahr: 
ein neben feiner Gattin einhergegangen, 
friedlich und behaglich, aber auch nüch: 
tern und ohne Poeſie, wenngleich ich 
ihm Gefühl nicht abjprechen will. Merk: 
würdig ift es, mit welcher Bejonnen: 
beit und Klarheit diefer Mann das 
Leben und die Menjchen zu nehmen 
weiß; Du follteft ihn nur kennen, den 
ftattlichen alten Herrn, der nur einen 
Fehler hat: er verzieht mich vollitän: 
dig, und wenn die Tante ihm das 
jagt, jo antwortet er lahend: Laß 
nur, Mütterchen, jo ein Eleines fieben- 
zehnjähriges Dingelden will zart be: 
handelt fein! 

Siebenzehnjähriges Dingelhen ! Daß 
Du e3 nur nicht in Eurem Leſekränz— 
hen wieder erzählft! Uebrigens bin ich 
meinem achtzehnten Geburtstag nahe, 

Die Tante hat viel von dem We: 
jen ihres Mannes und zeichnet ſich 
bejonders durch ihre Milde aus, ohne, 
daß es ihr jedoch deshalb an Ernſt 
fehlte, nur hat aud) fie eine Schwäche, 
nämlih ihre Neigung für Leinwand 
und Borzellanfahen, deren fie eine 
unglaublihe Menge befikt. Ihr Wä- 
jhezimmer ift eine Art Sanctuarium, 
ein geheiligter Raum, „in welchen 
man fleine Mädchen eigentlich noch 
gar nicht mitnehmen müßte, weil jie 
noch feinen Reſpect vor jo etwas ha— 
ben“, und außer der Wirthichafterin, 
glaube ich, hat noch feiner jo wie ich 
das Vertrauen genojjen, alle diefe 
Herrlichfeiten jehen zu dürfen. Jedes 
Stück Wäſche hat feine eigene Ger 
Ihichte, wie die Trophäen in einem 
Zeughauſe; die Kaffeefervietten find 
zum erjtenmale benußt, als der Kö— 
nig in dem Haufe Quartier nahm; 
das Tijchtuch mit den Rojen ift das 


legte Stüd gemwejen, welches die Mut: | düten, 


| 


ben lafjen, und die Bettüberziige des 
jechsten Dutzends hat der alte Weber 
gemacht, der nachher mit feinem Sohne 
nach Amerifa gegangen ift. 

Die Wirthichafterin, der Inſpector 
und der Hofverwalter werden Dich 
nicht weiter intereffiren. 

Die Tante hat einen weißgelben 
Hund, Dod mit Namen. Der ift mein 
entjchiedener Freund und bat fih an 
mich angeſchloſſen, an „Frauchen“, wie 
die Leute jagen, was mir ſtets jo unend— 
lich komisch vorfommt. Frauchen! Nun, 
wir haben e8 uns ja feft veriprochen, 
daß mir nie heiraten wollen; Du 
entfinnft Dich doch? Es war vor zwei 
Jahren, als Henri Fähndrich wurde 
und plötzlich Emilien von Stolp den 
Hof machte, obgleich er ein ganzes 
Jahr nur Dir gehuldigt hatte. Nein, 
fie find es nicht werth, diefe Männer, 
daß ein Mädchenherz — die Tante 
jagte geftern: „das verjtehft Du noch) 
nicht, Kind; wenn nur der Rechte 
fommt und es Dir fo recht brühmarm 
um das Herz wird!” Brühwarm? 
So kann mir nie werden, nie, für 
mich gibt e3 feinen „Rechten“ : ein: 
mal nur in meinem Leben wurde mir 
etwas, ja, wie foll ih es nennen? 
Alſo lauwarm, das war im lebten 
Winter, al3 ich dem Doctor den gro— 
Ben Bonbon gab, Du weißt ja, dem 
befannten ironiſchen, aber der ift nun 
vergeffen. Ich habe mich überhaupt 
immer geärgert, daß die jungen Mäd— 
hen fo auf das Heiraten verſeſſen 
find, als ob fie nicht früh genug in das 
Koh kommen Fönnten und durchaus 
der Jugend nicht froh werben mwoll- 
ten. Vor meinem Vierundzwanzigften 
heirate ih nicht — vive la liberte 
— und wenn mid dann feiner mehr 
will, fo iſt es auch gut, dann werde 
ih „Ipätes Mädchen” und alte Yung: 
fer, meinetwegen mit Tabakdoſe und 
aroßer Brille, und gehe bei meinen 
Freundinnen umber und helfe und 
rathe und bringe den Kleinen Zuder: 
und Tante Grethen — id 


ter der Tante zur Ausfteuer hat we: breche ab, ſonſt lacht Du mich aus.“ 


irn 


164 


Der Bogen war ſchon wieder zum Herrn doch eine jehr komiſche Beſchäf— 


großen Theil befchrieben, aber noch 
fehlte es der Briefftellerin offenbar 
nicht an Stoff, und nachdem fie eine 
furze Paufe gemacht hatte, begann fie 
abermal3: „Zur Nachbarſchaft find 
wir bisher noch nicht gekommen; junge 
Mädchen gibt es auf den Gütern in 
der Gegend faum, denn die mir gleich— 
altrigen find meiftens in den großen 
Städten, wo ihnen, wie der Onkel 
jagt, „das bischen liebe Natur heraus: 
erzogen und fie mit Penfionsmweisheit 
genubelt werben, wie die Gänschen 
zu Martini.“ 

Nun, ich entbehre Niemand, als 
Di, theuerfte Freundin; meine Bü 
her find mir ja geblieben und die 
Verſe meiner Dichter, und vor Allem 
babe ich das große Buch der Natur, 
das mit taufend und aber taufend 
grünen, blauen, rothen nnd gelben 
Blättern vor mir aufgejchlagen Liegt, 
und in welches jetzt der große Schrei: 
bemeifter Frühling bineingefchrieben 
bat und feine Buchftaben find feine 
Pedanten und Eleine jchwarze Teufel: 
chen mit Stielen und Kleren, die uns 
anftarren, fondern fie leben jo jchön, 
fo rei, fo vielgeftaltig, daß man nie 
müde wird, darin zu jtubiren. 

Der Viehftand — genug von poe: 
tiſchem Schwärmen — ift jehr groß. 
Ich wollte mich auch mit den unſchul— 
digen Schafen befchäftigen, die in ben 
Idyllen jo hübſch geichildert werben 
zu ben Füßen der Schäferin, aber ein 
garjtiger Hammel, dem ich eine halbe 
gebratene Taube hinhielt, hat mich jo 
geftoßen, bi8 der Schäfer mid von 
ihm befreite, und der hat mir gejagt, 
daß die Hammel fein Fleisch genießen. 
Das konnte ich doch nicht willen! 

Die Ochſen und Kühe habe ich 
mir auch angefehen, weil Heine von 
ihren großen Eugen Augen fingt; fie 
haben mich aber jehr dumm angefloßt 
und haben wiedergekäuet. 

Und denke nur, was ich entdedt 


tigung! Es gibt bier überaus viel 
Merktwürdiges, fo 3. B. brütem bie 
Hühner auch Enteneier aus; nur weiß 
ih gar nicht, wie die Hennnen es 
nahher machen, wenn fie die Eleinen 
Enten aufpäppeln? Ich werde aber 
die Tante fragen. Wenn fie mich nur 
nicht auslacht!“ 

„R. S. Intereſſiren wirb es Dich, 
zu bören, daß ber Kohl gar nicht 
gefäet, ſondern gepflanzt wird.“ 

Endlich legte Margaretha die Fe— 
ber nieder, couvertirte den Brief, um 
ihn fpäter zur Poſt zu jchiden, und 
erhob fih von ihrem Sike. 

An der Lehne eines Stuhles hing 
ihr reizender Strohhut ; fie nahm ihn 
in die Hand und verließ das Zimmer. 
Sie hatte einen großen Entihluß ge: 
faßt, fie wollte hinaus, in den Park, 
in den Wald, an den Strand, zu den 
rollenden Wogen, in's Freie, wo die 
Bäume ihre Kronen wiegten und fich 
zu einander neigten, als wollten fie 
ih wichtige Gefhichten zuflüitern, wo 
die Käfer fummten und die Schmet: 
terlinge umbergaufelten, als ob der 
ewige Friede in der Welt verkündet 
wäre und feine gefährlichen Abenteuer 
mehr möglich jein jollten. Der Haus: 
hahn ftolzirte auf dem Hofe mit ſei— 
nen Hennen und frähte Margaretha 
mit Grazie an, die Hühner gludften, 
und ein Finf im Baume jchrie, als 
wollte er das junge Mädchen warnen, 
in den Park oder in den Wald zu 
gehen. Aber Margaretha wollte nun 
einmal hinaus in die weite, weite 
Melt, die fo offen vor ihr lag, fie 
war zu großen Thaten aufgelegt, und 
da wanderte fie nun duch Gärten, 
Gebüfh, Korn nnd Wiefe, und da 
war fie im Bald. 

Im Wald, im Wald, im friſchen grünen Wald, 
Wo's Echo fallt, — 


die Morte fielen ihr ein, und fie 
empfand eine unmiberftehliche Xuft, 


habe! Der Schäfer ftridt Strümpfe, | mit Fräulein Echo ſich zu unterhalten. 
große, weiße Strümpfe! Für einen | Sie jodelte, wie fie es von der „braus 


165 


nen Liſi“ aus Innsbruck in der Pen- 
fion gelernt hatte und ein Hafe ſprang 
an ihrer Seite auf und lief bavon. 

Es war ein köſtlicher Wen, ber 
Wald duftete jo Schön, Kleine Blumen 
ftedten neugierig am Wege ihre bun- 
ten Köpfchen aus dem Mooje und 
Margaretha pflüdte fie une wand 
fih einen Strauß davon, ohne Draht 
und ohne Papier; fie fügte die Blu: 
men zufammen, wie ber Himmel fie 
hatte wachen laſſen. Und dann, als 
fie fi überzeugt hatte, daß Niemand 
in der Nähe war, begann fie zu fin- 
gen, erit halblaut, leife, dann lauter 
und lauter, jo gut fie e8 vermochte, 
bis das Lied zu Ende war. 

„In der Penſion“, ſagte fie zu 
fih jelbft, „haben fie Alle behaup: 
tet, ich könnte nicht fingen, und nun 
hab’ ich’3 doch gethan. Es mag frei- 
lih auch darnach gewejen fein, aber 
mir hat es doch gefallen, und ein 





Aber wer konnte es fein? Wer 
batte die Zeit, an einem Wochentag 
bier im Walde zu liegen? Diejer 
runde Hut war eine geheimnißvolle 
Sphinr. 

Margaretha war nicht neugierig, 
aber fie hätte gern gewußt: Wer ? 
Woher? Wohin? Wie jo ? und Warum? 

Bor einem Eylinderhut hätte fie 
fich nicht gefürchtet, denn ein Cylin— 
derhut, mag er nun grau oder ſchwarz 
fein, ift ein Zeichen civilifirter Dreſſur 
und Salonfähigfeit, aber ein brauner 
Rattenfängerhut im Walde — der 
Mann konnte ein Vagabund fein oder 
ein Räuber. Und in ber nahen Fe— 
ftung ©. war vor einigen QTagen ein 
Sträfling ausgebrohen — fie ſchau— 
derte und wäre gerne bavongelaufen, 
aber fie vermochte es nicht; eine un: 
fihtbare Gewalt feſſelte fie. 

Hinter eine ftarfe Tanne tretend, 
beobachtete fie den Feind, jah den 


Anderer, Gott jei Dank! Hat es ja| Kopf und ſah, wie vor demfelben eine 


nicht gehört.“ 


fleine Rauchmwolfe emporjtieg, die der 


Und wieder weiter wanberte fie | ftärfer gewordene Wind weiter trug. 


durch ben jchattigen Raum, ohne recht 
zu denken wohin, bis fie endlich nahe 
dem Waldesrande und dem Strande war. 

Mit einem unterdbrüdten Schrei 
machte fie plöglich Halt. Etwas Uner: 
wartetes, etwas Schredliches bot fich 
ihren Blicken dar. Dort vor ihr, hin: 


Der Mann war alfo aud ein 
Rauder. 

Mas mochte er außerdem noch ſein? 

Der Naucher pfiff fehr Taut und 
Margaretha ſchrak zufammen, fie er- 
wartete feine Spießgejellen hervorbre— 
hen zu ſehen, aber e3 erjchien Nie: 


ter einer Heinen Erhebung des Bodens | mand, dagegen begann der Braunhut 
bewegte fih ein runder Gegenftand. |eine Melodie aus Don Yuan. 


E3 war — ein brauner, runder Män: 
nerhut. 

Die Situation war entjchieden be: 
denklich. Wenigftend war Margaretha 
diefer Anfiht, als fie den Athem an- 
baltend unverwandt auf ben Gegen- 
ftand des Schredens blidte. 

„Wo Rauch ift, muß auch Feuer 
jein“, jagt ein altes Sprichwort, und 
zum Hut, fo calculirte die junge Dame, 
muß ein Kopf gehören, zum Kopfe 
ein Rumpf, daraus aber feßt fich ein 





Er hatte alfo vorher blos mur 
fein Orcheiter geftimmt. 

Der Fremde pfiff die Melodie 
ganz correct und Margaretha pfiff 
mit, aber ganz leife, jo daß er nichts 
davon hören konnte. 

Sept erhob er fih, ohne fich um- 
zujehen, und Margaretha erblidte eine 
ftattlihe Figur, die langſam dem 
Strande zu die Düne hinabftieg. Die 
Heldin unferer Gefchichte wartete einige 
Augenblide, dann folgte fie ihm vor: 


Mann zufammen, alfo war mit mathe: | fihtig an den Nand des Waldes, der 
matifcher Gewißheit ermwiefen, daß ſich | hier ziemlich abjehüffig war, was aber 
dort vor ihr ein männliches Indivi- den Braunhut wenig genitte, denn 
duum befand. er ſprang über die Abhänge in küh— 


166 


nen Sätzen und war bald beträchtlich | 


„Sehr gern; wenn Sie darum 


weiter unten, während bie Dame anz | bitten.“ 


hielt und ihm nachſchaute. 


„Ich bitte recht ſehr“, rief Mar: 


Da erfaßte der Wind ihren leich- | garetha, ärgerlid über den ungalan- 


ten, nicht feitgebundenen Strohhut, 
und bevor fie ihn noch mit der Hand 
ergreifen fonnte, trieb er ihn hinunter, 
gerade vor die Füße des Fremden, 
der nun überraſcht ftehen blieb und 
fi verwundert umjah. Ein lautes 
Ah! entfuhr Margaretha’s Lippen: 
Sollte fie dem Hute nacdeilen? Was 
mußte der Herr denfen? 

Diefer hob den Hut auf, betrach— 
tete ihn einen Augenblick, während 
Margaretha Schnell hinter ein Gebüjch 
ſprang, ohne fich eigentlih Rechenſchaft 
abzulegen, warum fie dies that, und 
da er Niemand oben erblidte, rief er 
gegen den Wald: 

„Kommt die Befigerin dieſes nied- 
lichen Strohdedels nad?“ 

Es erfolgte feine Antwort; bie 
junge Befigerin verharrte mit auge: 
haltenem Athem in ihrem Verſteck, 
und jo begann der Rufende nad Fur: 
zer Pauſe abermals: 

„Alfo berrenlofes Gut und als 
gute Prije zu erklären!“ 

Nein, das war zu arg, das durfte 
fie fi nicht gefallen laflen, denn den 
Hut konnte fie unmöglich aufgeben ; 
fie trat aljo hervor in den Horizont 
des Nattenfängers, der ihr feinerjeits 
eine tiefe Verbeugung machte. 

„um Vergebung“, rief er hinauf, 
„ud Sie die Inhaberin diefer Haube 
und wollen Sie diefelbe den verehrt: 
ten Flundern in der See opfern? Ich 
fürchte, den Fühlen Beſtien wird mit 
dev Probe des neueſten Geſchmacks 
wenig gedient fein.” 

„Es ift allerdings mein Hut”, 
parlamentirte Margaretha, und der 
Wind hat ihn mir weggenommen.“ 

„Gnädiges Fräulein, man muß 
fih nie etwas nehmen laſſen.“ 

„Aber der Wind war ftärfer als ich!” 

Das läßt fich hören!“ 

„Wollen Sie mir den Hut nicht 
wieder geben?” 


ten Mann, der ihre Geduld auf die 
Probe jtellte. 

„Aber ich beanfpruche den geſetz— 
lihen zehnten Theil als Finderlohn; 
geſtatten Sie mir alfo, mir denſelben 
zu nehmen!“ 

Bei dieſen Worten zog ber Fremde 
ein großes Meſſer aus der Taſche, 
öffnete es und machte in allem Ernſte 
Miene, ein Stück von dem niedlichen 
Hut zu fchneiden, obwohl er doch wiſ— 
jen mußte, daß die Befigerin desjelben 
darüber empört fein würde. Sie war 
aufgebracht und betrübt zugleich, fie 
zerdrüdte fogar eine Thräne in ihrem 
ihönen Auge; fie haßte in dieſem 
Momente ale Männer der ganzen 
Welt, aber fie bezwang fich dennoch. 


„Mein Herr, Sie werben einfehen, 
daß ih mit einem Neunzehntel:Hut 
nicht8 anfangen kann; geben Sie mir 
den Hut aljo entweder ganz zurüd, 
oder behalten Sie ihn. 


Er tete das Mefjer wieder ein 
und ſchien einen Augenblick nachzu— 
denken. 

„Mein ſchönes Fräulein“, begann 
er, „ich kann zwar in dieſer Entfer— 
nung nicht genau ſehen, ob Sie dies 
Prädicat verdienen, aber ich bin zu 
wohl erzogen, um daran zu zweifeln 
— Sie bringen mich in ein ſchweres 
Dilemma. Auf den Finderlohn kann 
ich nicht verzichten, und den Hut kann 
ich auch nicht behalten, da ich ſelbſt 
ihn nicht tragen kann und keine Frau 
habe; auch eine holde Schweſter blüht 
mir nicht. Aber ich will Ihnen einen 
vortheilhaften Handel vorſchlagen.“ 

Die originelle Art des Fremden 
hatte Margaretha ſchon halb mit ihm 
verſöhnt und fie hatte die Hälfte ihres 
Zorns ſchon ſchwinden lafjen. 

„Laſſen Sie hören, mein Herr!“ 

„Sie haben dba einen bübjchen 
Blumenftrauß in der Hand, werfen 











167 


Sie mir den herab, und Sie befom- 
men ben Hut wieder. 

Was war zu thun? Den Hut 
wollte fie doch gar zu gern wiederhaben 
und umjonft, das lag auf der Hand, 
gab ihm der Finder nicht ber; fie 
fonnte froh fein, daß er nicht gar 
einen Kuß als Löjegeld forderte, wie 
fie anfangs faft gefürchtet hatte, und 


Wollen Sie?“ | 


Gedankenvoll ftand die junge Da- 
me noch einige Minuten auf derfelben 
Stelle und vergegenmwärtigte fich noch 
einmal das Gejchehene ; dann wandte 
fie fih und jchlug benjelben Weg ein, 
welchen fie. gefommen war und be 
ihäftigte fih unterwegs mit allerlei 
Gedanken und Fragen, die in ihrer 
Lage natürlich genug waren: wer ber 





jo überlegte fie einige Secunden, faßte braune Hut geweſen, in weſſen Hände 
dann einen raſchen Entfehluß und warf |mun ihre Blumen gerathen, ob er fie 
die Blumen den Abhang hinunter, | bereits in das Meer geworfen hätte, 
wo jener fie aufnahm. Im nächiten | daB fie weit hinausſchwämmen, weit 
Augenblid freilich bereute fie fehon | Über den Dcean, bis fie endlich in 
ihr Thun, aber was half es; es war die Tiefe jänfen, wo ſchon jo Vieles 
geſchehen und nicht mehr zu ändern; |liegt, oder ob er fie aufbewahrte als 


ihr blieb nur übrig, abzuwarten, was 
nun erfolgen würde. 

„Muß ich den Strauß nun pflicht- 
ſchuldigſt küſſen?“ jchrie er hinauf. 

„Ich halte es nicht für durchaus 
nothwendig”, rief fie halb ärgerlich, 
halb lachend. 

„So werde ih Ihnen jetzt ben 
Hut zuftellen, meine Gnädige“, tönte 
es von unten; „ba ich aber nicht 
gern mit Ihnen zufammentreffen möchte, 
um Ihrem Zorn nicht ausgefegt zu 
fein, jo erjude ich Sie, fich einige 
Dugend Schritte in den Wald zurüd: 
zuziehen; ich werde dann hinaufklet— 
tern, und den Hut dort, wo Sie jet 
ftehen, deponiren. Iſt Ihnen das recht ?” 


Margarethen fiel ein Stein vom 
Herzen, al3 fie dieſen Vorſchlag hörte, 
denn fie hatte jchon mit Schreden an 
deu Augenblid gedacht, wo er vor 
ihr ftehen würde. Sie minfte aljo 
zum Zeichen ihres Einverftändnifjes 
und that, wie er gewünjcht hatte. 
Zwei Minuten jpäter war fie im Be: 
fige ihres Hutes; der Fremde aber 
war ſchon wieder unten, hatte bald 
den Strand erreiht, und bie ihm 
nachblidende Margaretha ſah, wie ein 
leichter, eleganter Wagen heranfuhr, 
in welden der jegige Inhaber ihres 


Erinnerung an diefe komiſche Stunde?! 
„Run“, philofophirte fie weiter, „mir 
kann e3 gleich jein; was geht mid 
auch der fremde Menſch an?“ 

In diefen und ähnlichen Grübeleien 
erreichte fie enblih das Haus, mo 
Tante Heller fie mit einer Neuigfeit 
empfing. Sie kündigte ihr nämlich 
einen Beſuch an, einen entfernten Ver: 
wandten bes Onfels, der „Vetter Wolf: 
gang“ genannt wurde, und jo berich— 
tete Tante Heller des Weiteren, diejer 
Vetter war ein Dichter, ein. veritabler 
Dichter mit Novellen, Verſen und 
Neimen. Wirklih, der heutige Tag 
war ereignißreihd. Ein Dichter mit 
ihr unter einem Dache! Margaretha 
hatte noch nie einen von jenen Luxus— 
menjchen, Dichter genannt, von Ange: 
fiht zu Angeficht geſehen, denn Henri, 
der jegige Fähndrich, hatte wohl als 
Primaner in Berjen gemadt, aber 
die waren auch darnach gemejen und 
hatten meift ein paar Füße zu viel, 
die Helene fo treffend die Nejervefüße 
für die lahmen übrigen genannt hatte. 
Neugierig fragte fie bei der Tante 
und beim Onfel, wie der Better aus: 
jehe, aber beide antworteten ihr: 
Marte nur, Du wirft ihn ja felber 
jehen! und da blieb nun dem armen 
Mädchen nichts weiter übrig, als fich 


Straußes hineinfprang und dann das |vorläufig jelbit ein Bild von ihm zu 
voneilte, indem er noch einmal aus entwerfen, und dies Bild jah etwa 
der Ferne grüßte. To aus: Better Wolfgang ift, wie bie 


Re 


Poeten in den Nomanen, eine zarte, ter, Jäger; fie wurde ihm vorgeftellt 
ätherifche Geftalt mit langen blonden |und mit einer offtciellen Verbeugung 
Locken und blauen Augen; er hat ein erklärte er troden, daß er „bereits 


finnendes, etwas melancholiſches Ges | die Ehre habe“. 


fiht mit einem fchmerzlihen Zug um 
den Mund; ſchmale weiße Hände und 
ein kleines Bärtchen auf der Uber: 
lippe. An jchönen Abenden greift er 
in die Saiten der mitgebrachten Gui- 
tarre, da die Zither leider unmodern 
geworben ift, und fingt beim jilber: 
nen, heiligen Monbenlicht reizende 
Lieder und fieht Margaretha mit feuch— 
tem Blide an, Hagt um das verlorene 
Glüd, etwa wie Heine: 
Ein Fichtenbaum fteht einfam, 

und dann finft ihm das Inſtrument 
aus der Hand, leife, ganz leife — 
ab, wie romantifch ! 

Am nächſten Morgen rollte ein 
Magen vor das Haus, Der Diener 
öffnete den Schlag und mollte dem | 


Wohl paßte Margaretha jcharf 
auf, aber von einem Poeten vermochte 
fie feine Spur an ihm zu entveden; 
er Sprach nicht einmal von Literatur, 
er madte fein Bonmot, ja, fie be— 
merkte nicht einmal das berühmte 
„Zucken der Oberlippe”, was doch in 
den Romanen bei Dichtern faft immer 
vorfommt, fie ſah nie „eine Wolfe 
auf feiner Stirn”; fie wurde gänz- 
(ih irre an ihm. 

Und Vetter Wolfgang jelbit ſchien 
Margaretha gar nicht zu beachten, er 
wandte fih im Geſpräch faft aus: 
nahmslo8 nur an die beiden alten 


‚Leute, die er von Saatkorn, Schaf: 


wolle, Brahader, Torfſtich und Heu: 
ernte unterhielt. Sein erfter Gang 
war in die Ställe, wo er über Kühe 


Heren, ber barin ſaß, heraushelfen, | und Pferde lang und breit redete, 
diefer war mit einem Sat auf dem | während er der Kleinen Bibliothek des 
Boden und reichte der Tante, bie) Onkels gar feine Aufmerkſamkeit ſchenkte, 


joeben aus der Thür trat, die Hand | 
zur Begrüßung. 

„Better Wolfgang !” rief die Tante 
in dem Nugenblid, als Margaretha 
herausfam, um zu fehen, wer gefom:- 
men wäre — welche jchredliche Ueber: 
raſchung! 

Vetter Wolfgang war — der Mann 
mit dem braunen Hut!! 

Vor Schreck und Ueberraſchung 
wäre ſie faſt zu Boden geſtürzt. 

Und dieſer Mann ſollte Dichter 
ſein? 

Blondes Haar, blaue Augen, Me— 
lancholie, Schmerzenszug, Guitarre 
und Mondenſchein — nichts, nichts 
von Allem! Vor ihr ſtand ein großer, 
kräftiger Mann, faſt einen Kopf höher 


als ſie ſelbſt, mit ſtarkem, braunem täglich verzehre? 


was nach Margaretha's Meinung ein 
rechtſchaffener Poet unbedingt hätte 
thun müſſen. Bald war ſie, wie ſie 
glaubte, über ihn im Klaren: er war 
ein Landwirth, wie tauſend Andere 
auch und weiter nichts; ſtatt im Mon— 
denſchein Lieder zu ſingen, rauchten er 
und der Onkel jeder ſieben Cigarren 
an einem Abend und ſetzten der Tante 
auseinander, daß die Havanna der 
Manila vorzuziehen wäre. Margaretha 
war innerlich recht bitterböje, denn 
er jchien fie befonders in der Land» 
wirthihaft für ſehr unerfahren zu 
halten. Aber fie wollte nicht ſtumm 
dafiten, und um ſich doch in das 
Geſpräch zu miſchen, fragte fie den 
Onfel, , wieviel Heu mohl eine Gans 
Vetter Wolfgang 


Vollbart, braunem Haar und braunen |erwehrte fich faum des Lachens, und 
Augen, dem die Melancholie jo fern der Onkel belehrte fie, daß die Gänfe 
lag, al3 der Süd: dem Nordpol, und | bis dato noch nicht mit Heu gefüttert 
ftatt der Guitarre bradte er eine | würden. 

Doppelbüchje mit! Vetter Wolfgang, Die arme Kleine hätte meinen 
der Mann mit dem Strauße — Dich: | mögen über ihre Unerfahrenheit, und 





doch mußte fie gute Miene zum böfen 
Spiel maden und lächeln. 

Endlich nahm der Herr Vetter 
ein jehr jchönes Notizbuch aus ber 
Taſche und Margaretha war nun 
überzeugt, daß es fein Buch der Lie: 
der wäre. Abermalige Täufchung 
es war der landwirthichaftliche Kalender! 

Beim Abendeſſen entmwidelte er 
einen gewaltigen Appetit, der den 
offenbaren Beweis lieferte, daß diefem 
Poeten, wenn er gar ein foldher war, 
mit Nektar und Ambrofia wohl nicht 
beſonders gedient wäre, und nach dem 
Eſſen ging er in fein Zimmer, welches 
gerade über Margaretha’ lag, und 
noch eine halbe Stunde lang hörte 
fie ihn Studentenlieder pfeifen. 

Margaretha wollte nicht mehr an 


ihn denken, aber fie vermochte nicht, 


dieſen Entſchluß durchzufegen, und als 
fie fih endlich zur Ruhe begab, mar 
ihr Zorn gegen ihn bedeutend geftie- 
gen und halblaut nannte fie ihn den 
„Lupinendichter”, 

Am Laufe des nächſten Vormit— 
tags erfuhr Margaretha endlih von 
der Tante etwas Näheres über ihren 
neuen Hausgenoſſen. 

Seine Eltern, deren einziges Kind 
er war, wohnten fünf Meilen von dem 
Gute des Dnfeld auf einem anfehn: 
lihen Rittergut und bejaßen noch 
ein zweites faft ebenjo werthvolles, 
deſſen Bewirthſchaftung hauptſächlich 


in den Händen dieſes Pſeudo-Poeten 


rubte, der viel gereift und erjt im 
legten Herbſt in die Heimat zurüd: 
gekehrt war. Die Tante behauptete 
auch jest noch, da Wolfgang Dichter 
wäre, da fie aber feit Jahren über: 
haupt nicht mehr las, jo kannte fie 
auch feines feiner etwaigen Werke, 
und ihn jelbft fragen, nein, das hätte 
Margaretha nie über dag Herz gebracht. 
Ihrer Meinung nad) hatte er nie auf 
dem Flügelroß gefeffen, fondern war 
böchftens feit in dem Sattel feines 
Engländers. 

Und mit diefem Menfchen jollte 
fie Wochen lang in demfelben Haufe 





169 





verweilen! Der Lupinendichter wurde 
für fie ein Gegenftand des Stubiums, 
nur daß dies Studium nicht zu einer 
Klarheit über fein eigentliches Weſen 
führte. Er ſchien ftet3 ruhig und faft 
gleichgiltig gegen Alles, und dann ent: 
dedte fie wieder Züge an ihm, bie je: 
nen vollftändig zu widerfprechen ſchienen. 

Es war ein ungemein jchwüler 
Vormittag geweſen; die Hite hatte 
ih auf das Neußerfte geiteigert; am 
Nahmittage zogen fih dunkle Wolken 
am Himmel zufammen und bald brad) 
ein Gemitter von ungewöhnlicher Hef- 
tigfeit los. Es bligte und donnerte 
unaufbörlich, Schwere Regentropfen fie 
len reichlich herab, das Gefinde nahm 
nach alter Sitte die Gefangbücher zur 
Hand und las die Kirchenlieder, die 
für ſolche Unmetter als Fürbitten darin 
enthalten waren. Margaretha zitterte 
und bebte. 

Die große Spritze des Gutshofes 
wurde mit vier Fräftigen Pferben be: 
jpannt und in Bereitfchaft geſetzt, 
jobald die erjten Donnerjchläge ver: 
nehmbar waren, der Küfter des Dor— 
fes öffnete die Kirche, um im Fall 
einer Gefahr die Sturmglode läuten 
zu können. 

Das Meer war vom Sturm ge 
peiticht ; wie wilde, tolgewordene Roſſe 
jagten fi die Wellen mit den weißen 
Schaumfämmen, die dumpf ineinander 
brauften und fih dann überftürzten, 
die Waffervögel flogen kreiſchend umber, 
hochauf warfen fi) Die MWogen auf 
das Ufer, und die an Pfähle gebun— 
denen Boote der Fiſcher tanzten wie 
Nußſchalen. Einmal, als es gar zu 
graufig tobte, traten Margarethen 
Thränen in die Augen und fo jehr 
fie diefe zu verbergen fjuchte, hatte 
Wolfgang fie doch gefehen. Sie meinte, 
er würde darüber fpotten, aber in 
feiner ruhigen Weife jagte er mur: 
„Es ift nicht jo ſchlimm, Fräulein 
Margaretha; es wird Alles wieder 
gut und vorüber gehen.“ 

Aber jo fam es nicht, denn plötz— 
ih ericholl die Sturmglode und es 


170 


gab ein ängftliches Gelaufe und Ge: 
lärme. Im nahen Nachbardorfe hatte 
ber Blik gezündet und ein Bauern: 
haus jtand in Flammen; man konnte 
es von der Veranda aus deutlich 
ſehen. Im nächften Augenblid waren 
die Leute auf der Sprige und zu 
Margaretha's Berwunderung trat jet 
Wolfgang aus dem Haufe, in einen 
Negenmantel gehüllt und in hoch hinauf: 
reichenden Waflerftiefeln, ſprang gleich: 
falls hinauf, ergriff Zügel und Peitſche, 
und dann rollte die Sprige vom Hof 
hinunter, als ob fie in Stüde fliegen 
müßte und die Leute linf3 und rechts 
binunterfallen ſollten. Dieſe Hilfe 
fam den PVerunglüdten zur rechten 
Beit, Heller Mannſchaft arbeitete mit 
faft übermenfchlicher Anftrengung, Wolf: 
gang Allen voran immer an der 
ihlimmften Stelle und mit eigener 
Gefahr holte er die alte Mutter bes 
Bauerd aus dem brennenden Haufe. 


Nah drei Stunden harter Arbeit 
war der Brand gelöfcht, aber bie, 
Helfer fahen alle Schwarz und unſau— 
ber, zum Theil verbrannt aus, am 
meiſten der Vetter, deffen Nod ganz 
zerfegt und vol Ruß, deifen Haar 
verwirrt und verjengt war und der 
den gequetichten Arm in der impro: | 
vifirten Binde trug. Die Leute im 
Dorfe hatten ihn als ihren Netter 
umjubelt, dba aber, jo erfuhr Marga: 
retha, war er grob geworden und als 
fie jelbft ihm bei der Rückkehr einige 
anerfennende Worte fagen wollte, ging 
er davon und ſagte lafoniih: „Men: 
ichenpflicht! Schuldigkeit!“ 


Die junge Dame war recht Ärger: 
lih darüber; menigiten® bei dieſer 
Gelegenheit, dachte fie, hätte er freund: 
liher gegen fie jein können. Aber lieb 
war es ihr heute dennoch, daß Wolf: 
gang nicht der jchmachtende, zarte 
blonde Poet war, wie fie fi einft 
einen ſolchen vorgejtellt hatte, und 
wie er für das Rettungswerk doch 
durchaus - unbrauchbar geweſen fein 
würde, 


Darauf vergingen wieder einige 
Tage ohne bemerfenswerthe Vorfälle. 
Margaretha war ftiller geworden als 
ſonſt und beobachtete. Sie lernte das 
Leben und die Menjchen Fennen, ges 
nauer und jchneller, als fie e8 je in 
der großen Stabt gefonnt hätte. In 
einer großen Stadt laufen wir täglich 
an Taufenden vorüber und jehen und 
hören jo Mancherlei, aber das ift 
eben das Schlimme an ber Sadıe, 
denn die Fluth und Flucht der Er- 
ſcheinungen macht e8 uns unmöglich, 
auch nur einigen derjelben näher auf 
den Grund zu gehen und ihre Ber: 
fettung, ihren Zuſammenhang und 
ihre Wirkungen fernen zu lernen. 
Unfere Intereſſen werden eben zu jehr 
getheilt, unjere Aufmerkjamfeit nad 
zu vielen Richtungen in Anjpruch ges 
nommen und fo gelangen wir zu einer 
Oberflächlichkeit, Gleichgiltigkeit und 
zu einer Häufung der Genüfle, Die 
uns der Gefahr der Blafirtheit leicht 
nur allzu nahe bringt. Die taujend 
und abertaufend Fäden, welche fi 
zum großen wunderbaren Gewebe der 
Geſammtheit jehlingen, mag diefe nun 
Familie, Staat, Kunft, Gewerbe oder 
jonftwie heißen, bleiben unjerem Auge 
verborgen und bie nothwendige Ver: 
fnüpfung von Urſache und Wirkung 
entgeht uns häufig. 

Margaretha’3 Gedanken nahmen 
mehr und mehr dieſe Richtung und 
fie verfäumte nicht, ihrer Freundin 
Helene Mittheilung davon zu machen. 
Wie viele Stunden, jehrieb fie, haben 
wir damit vertröbelt, einen bevorjtehen- 
den Ball tagelang vorher und, wenn 
er vorüber war, ihn nachher in feine 
detaillirteften Detail zu zerlegen und 
zu beſprechen, welden Eifer haben 
wir oft auf die Heritellung der neueften 
Toilette verwandt und wahre Confe— 
renzen über die wichtige Frage, ob 
grünen oder gelben Belag, gehalten! 
Dieſe EHleinlihen Intereſſen beginnen 
mir jet fremd zu werden; manches, 
was mir glänzend erſchien, verblaßt 
vor meinen Augen und viele Dinge, 


171 


die mir fonft fern lagen, find in ben 
Kreis meiner Betrachtungen getreten 
und veranlaffen mich zu ernjtem Nach: 
benfen. Es ift doch ein eigenes Ding 
um die Eulturgejhichte der Menjchen 
und ihre Entwidelung, und wenn man 
bedenkt, woher wir fommen und wohin 
wir jhon gelangt find, jo kann ich 
mich einer warmen Bewunderung für 
die Leijtungen des Menjchengeichlechtes 
nicht erwehren. Was muß dazu ge: 
hört haben, von dem harten Holzſcheit, 
womit Adams Nachlommen die Erde 
aufriffen, bi8 zum neueften amerifa- 
niſchen Patentpflug, von der Sichel, 
womit die Iſraeliten das Korn jchnitten, 
bi3 zur Mähmaſchine, vom alten indi- 
ſchen Balankin, der von ächzenden Leu: 
ten getragen wird, bis zum jaufenden 
Courierzug der Eifenbahn zu gelangen 
und vom Streitwagen homerifcher Grie- 
hen zum Salonwagen mit Poljter 
und Sclaffabinet! — — 

Der Onkel, Mitbefiger einer großen 








die Dede aus, faßte fie bei ben 
Schultern und widelte fie fo geſchickt 
und flint in dieſelbe ein, wie etwa 
eine ängſtliche Mutter ihr verhätjchel: 
tes Kind einpadt, jo daß Alles ge 
jchehen war, bevor fie noch recht 
wußte, was mit ihr vorging oder wie 
fie ihrem Unwillen Worte leihen jollte. 
Da hing der Böjewiht dem Onkel 
den Negenmantel um und jagte ruhig: 
„Seht wird das Waller nicht durch 
fommen.“ 

Das war wohl richtig, aber — 
Margaretha jah ihn erftaunt an. Da 


lachte er — aber unmerflid — und 


diesmal ſchwieg fie, aber nur, um in 
der dichten Umhüllung, in der fie fich 
jehr wohl befand, defto mehr für ſich 
jelbjt zu denfen, während der Eigen: 
mächtige fih eine Cigarre anzündete, 
Mer hat denn diefem Manne, ber fich 
fonft faft gar nicht um mich kümmert, 
jo raifonirte die kleine Widerjpenftige 
innerlich, das Necht gegeben, mir nichts 


Maſchinenfabrik in der Nähe, die tag: | dir nichts mich einzumideln, als ob 
aus tagein eine bedeutende Anzahl |ich feine Tochter wäre oder gar jeine 
von Menſchen bejchäftigt, jchlug feinen | Fr— nein, dies Wort follte gar nicht 


beiden Gäften einen Beſuch dieſer | ausgedacht werden. 


Fabrif vor und bald jaßen die Drei 
in einem leichten offenen Wagen, der 
von zwei prachtvollen Pferden gezogen 
wurde. Der Onkel und Margaretha 
faßen im Fond, ber Vetter nahm ben 
Rüdjig ein. Am Himmel hingen dunkle 
Wolken, aber man dachte noch vor 
dem Eintreten des Regens das Ziel 
zu erreichen und Margaretha fand es 
übertrieben ängftlih von Wolfgang, 
daß er fich mit einer dichten Neijedede 
und mit einem Regenmantel verjah. 
Sie late darüber — er jchwieg. 
Kaum aber war man zehn Minu- 
ten von Haufe, jo brach das Unwetter 
08. Der Negen klatſchte in ſchweren 
Tropfen nieder und da der Wagen 
offen war, jo wären die Inſaſſen des: 
jelben bald völlig durchnäßt worden. 
Da langte der Herr Vetter Dede und 
Mantel hervor. „Erlauben Sie, Fräu— 
lein Margaretha”, jagte er und ohne 


Bor der Fabrif hob er fie aus 
dem Wagen; fie war überzeugt, daß 
er dies ungern that, denn er haßte 
fie ja offenbar, aber da der Onkel 
ihn dazu aufgeforvert hatte, mußte er 
wohl. Die Frau des Inſpectors empfing 
die Anfommenden, Wolfgang unter: 
bielt fich fehr Lebhaft mit ihr und 
reichte ihr beim Weitergehen die Hand. 

Mir hat er fie noch nie gereicht, 
dachte Margaretha; ich will fie auch 
gar nit. — — — 

Der Onkel übernahm nun die 
Führung durch die Fabrifräume. Er 
brachte fie in die einzelnen Werkitätten, 
zu den Holzarbeitern, den Schlofjern, 
Schmieden, Klempnern und in die Mo- 
dellkammer und erklärte alles Wifjens: 
werthe. Für Margaretja war bier 
Alles intereffant; es war ihr, als ob 
eine neue Welt fich ihren Augen er: 
ihlöffe und fie meinte, hier endlich 


ihre Antwort abzuwarten, breitete er |jei auch ber Better auf einem ihm 


172 


unbekannten Gebiet. Aber fie hatte ſich 
geirtt, auch hier wußte er Beſcheid 
und erörterte mit dem Onkel die 
ſchwierigſten technifchen Fragen. Diefer 
Mann Schien in der That jo ziemlich 
Alles zu kennen und fein ſcharfer Blid 
ließ ihn leicht die Löſung der ſchwerſten 
Probleme finden. 

Margaretha glaubte eine ganze Welt 
im Kleinen vor ſich zu ſehen, eine 
Melt, die in ſich abgeſchloſſen zu fein 
ſchien, weil fie Alles in ſich jelber 
producirte. 

In dem großen Arbeitsfaale beweg: 
ten fi wohl über Hundert thätige 
Menſchen, große, breitichulterige Ge: 
ftalten mit rußigen Gefichtern und 
Armen, mit jchweren Hämmern, Fei— 
len, Zangen und Schüreijen. Sie 
hämmerten und feilten, jägten und 


hobelten, die Flammen jprühten und das | 3 


Waſſer ziihte, die Merfmeifter ſahen 
zum Rechten, die Ingenieurs orbneten 
an, Alle arbeiteten — fie fam ſich 
wie eine Miüffiggängerin vor. Und 
dabei waren alle diefe Leute freund: 
lih und zuthunlich; die Nelteren reich: 
ten dem Onkel und Wolfgang bie 
Hand und der Letztere — nein, Mar: 
garetha traute ihren Augen fam — 
ergriff, weil er Durft fpürte, bie 
Meißbierflafche eines Meifters, fette 
fih auf einen Klo und trank, tranf 
ohne Glas; es fehlte nur, daß er ihr 
auch angeboten hätte. 

„Auf Flügeln des Gejanges”’ — 
nein, dieſer Mann hatte nie ein Lied 
gebichtet ; Weißbier und Mandelblüthen! 

Ringsum faufte und braufte, ziſchte 
und freifchte, ſchnarrte und fnarrte es. 
Große Räder mit Eifenzähnen drehten 
ſich um ihre Achſen und griffen in- 
einander, breite lange Treibriemen 
bewegten fih, Stangen jchoben und 
wiegten fih, ed war, als wäre ber 
Raum angefült mit einer ganzen 
Schaar von dämonishen Weſen, Nie: 
fen, Zwergen und Kobolden, die mit 
Armen, Rüffeln, Köpfen und Klauen 
um fi griffen, nickten und mwadelten, 
ächzten und ftöhnten und mit ihren 


ungeftaltigen Keſſelhäuptern polterten. 
Und doch griff Eines in's Andere, 
half Dieſes Jenem, trieb eine Kraft 
Ale, diente Jedes dem großen Ganz: 
zen, hatte Alles nur einen Zweck. 
In hundert Hände war die Arbeit 
vertheilt, jede Hand ſchuf nur ein 
hilfloſes Bruchſtück, aber alle Bruch— 
ſtücke kamen zuſammen, gefügt durch 
den ordnenden Geiſt und ein organi— 
ſches Ganzes war entſtanden. 

Wie hier in der Fabrik, meinte 
der Onkel, ſei es im Menſchenleben. 
Tauſend Beſtrebungen, tauſend Köpfe, 
tauſend arbeitende Hände, und doch 
ein Ziel nur, ein Ziel in ſo vielen 
Ländern, in ſo vielen Millionen — 
und dies Ziel iſt die Vollkommenheit. 
Alle Geſchlechter und alle Individuen 
weben an dem großen Webſtuhl der 
eit. 

Ja, alle, die hier arbeiteten, vom 
Ingenieur bis zum letzten Lehrling, 
hatten eine Aufgabe, einen Zweck, den 
ſie zu erfüllen ſuchten, eine Arbeit, 
die ſie ſchafften. Unwillkürlich dachte 
Margaretha an die zahlreichen jungen 
Herren der Salons in der Refidenz, 
die ihre Zeit mit Nichtsthun tödteten, 
jtundenlang ihre Zoilette bejorgen 
und Promenaden maden; die wenig 
gelernt haben, aber deſto höhere An: 
jprüche erheben und ſich für vollkom— 
men halten, wenn fie tadellos geflei- 
bet find, gut reiten, tanzen und — 
ben Damen fade GComplimente jagen. 
Und die Mädchen? Margaretha wußte 
nicht mehr recht, ob das Singen, das 
Beihäftigen mit Holz: und Blumen: 
malerei und ähnlichen Nichtigfeiten 
wirflihe Beichäftigungen wären, ob 
nicht auch die Mädchen ernftlicher arbei— 
ten müßten, wenn auch freilich nicht 
mit Schmiedhammer und XQranspor: 
teur, mit Hobel und Zirkel. Sie be: 
ſchloß, ſpäter darüber weiter nachzu- 
denken, denn der Onkel mahnt an 
den Heimmeg. 

Ein braver alter Meifter reichte 
ihr beim Hinausgehen die Hand; fie 
war jehr ſchwarz und Margaretha 


173 


trug belle Handſchuhe, was er freilich | Ohren und — ladte. E3 war mur 
gar nicht bemerkt haben mochte. Sie|gut, daß Niemand weiter zugegen 
Ihämte fih, ihm die Hand zu ver: | war, bejonders nicht die bewußte Per: 
meigern und wie die Handfchuhe nach: | jönlichkeit. 


ber beichaffen waren, fann man ſich 
denken. Um des Vetter? Mund aber 
glaubte fie einen fpöttifchen Zug zu 
bemerken, als wollte er jagen: Wie 
fann man nur in eine Mafchinenwerf: 
ftatt mit Handſchuhen gehen und gar 
mit hellen — aber Margaretha ! 

Der Gedanke war richtig, fagte 
fie fih innerlih, aber was geht es 
ihn an? — 

Sie war deshalb auf der Rück— 
fahrt recht fühl gegen ihn und ſprach 
faft gar nicht. Wozu auh? Er war 
ja jo lebhaft mit dem Onfel im Ge: 
ſpräch, hatte jo viel über Fabrikweſen, 
Mocenlöhne, Steuer und Eifenbarren 
zu reden, daß er ihrer Unterhaltung 
nicht beburfte. 

„Es war mir auch jehr gleich: 
giltig“, jchrieb fie am nächſten Tage 
an Helene; „glaube nur nicht, daß 
mih dieſe Vernachläſſigung meiner 
Perſon gekränkt hat.“ 

Tage vergingen; man war im 
Juni und Vetter Wolfgang war noch 
immer da! Aber er kümmerte ſich auch 
jetzt ſehr wenig um ſeine hübſche 
Hausgenoſſin, die ihrerſeits alle Hände 
voll zu thun hatte, vieles lernte, aber 
doch noch manches nicht kannte. Die 
ſüßen Kirſchen waren reif und ſollten 
abgenommen werden und ſie zog mit 
der Tante hinaus in den Obſtgarten, 
wo ihnen die ſaftigen Früchte entgegen: 
lachten. Ein junger Burjche begleitete 
fie, der die Arbeit verrichten follte 
und jo famen fie an einen diden, 
alten Baum, der zuerft vorgenommen 
werben follte. 

„Aber wird der Chriftian ben 
farfen Baum jehütteln können ?” fragte 
die Refibenzlerin in aller Einfalt, da 
fie mußte, daß Aepfel und Birnen 
gefchüttelt werden und von ben Fir: 
hen dasjelbe glaubte. 

Die Tante jah fie groß an; der 
Burſche aber kratzte ſich Hinter ben 


Gott jei Dank, dieſer Lupinen— 
dichter ſchwärmte wohl irgendwo in 
einem Scafitall. 

Der Sinn für das Schöne, dachte 
Margaretha, jcheint ihm nun einmal 
zu fehlen und dieſer Menjch intereffirt 
fih offenbar nur für Viehzucht und 
ähnliche Dinge. Hatte er doch gar 
feine Augen für ihre Xoilette und 
fie war doch am Sonntag, fie mußte 
e3 fich jelber jagen, wirklich reizend 
in dem neuen hellen Kleide mit dem 
bimmliihen Belag, in dem neuen 
Hut mit der hübſchen Garnirung und 
in den allerliebften Bottinen. Sie 
glaubte ihm unbedingt zu imponiren. 
Aber fie hatte fih geirrt. Der Onkel 
ſchmunzelte zwar und bie Tante lächelte 
beifällig, er aber — ja, meinte Mar: 
garetha, wenn ih ein Cochinchinahuhn 
gewejen wäre, da hätte ich wohl auf 
ihn gewirkt! Er jah fie lange an, feft 
und unverwandt, ohne eine Miene zu 
verziehen, als ob er in ihrer Seele 
lefen und ihre Gedanken errathen 
wollte; jedes Stüd ihrer Xoilette 
mufterte er bei Tijche, aber er jagte 
fein Wort und ging gleih nad dem 
Eſſen auf jein Zimmer, was jonft 
jeine Gewohnheit nit war. Einmal 
war es ihr fogar gemwejen, als ob 
er leicht den Kopf jchüttelte, doch 
konnte fie ſich geirrt haben. Vielleicht 
imponire ich ihm in der Küchenſchürze, 
dachte die junge Dame, denn fie be- 
fleißigte fi bejonders der Kochkunft. 
Himmel, was ein armes Mädchen 
Alles lernen muß! Mufif und Nähen, 
Franzöſiſch und Eierkuchen baden und 
wozu das Alles? Wozu bie vielen 
Lectionen ? Um jchließlich eines ſchönen 
Tages zu heiraten, einen Hausftand 
zu führen und Mufil, Gefang, Litera: 
tur und Malerei und alles Andere 
zu vergeſſen, weil man feine Seit 
mehr dafür hat und der Mann küm— 
mert fih um al’ die Herrlichfeiten 


174 


vielleicht gar nicht und brummt, wenn 
die Suppe zu jalzig, der Braten zu 
falt — ja, wozu heiratet man benn 
eigentlih? Und auf's Neue faßte die 
Philofophin den unabänderlichen Ent: 
ſchluß, ledig zu bleiben, nie eine Sfla- 
vin der Ehe zu werben und das helle 
Kleid mit dem veizenden Bejat doc 
wieder anzuziehen. 

E3 gibt Männer, die nicht3 aner- 
fennen, manchmal fi jelbjt nicht. 

Die Anmwejenheit Wolfgangs be— 
gann ihr läftig zu werden, benn er 
verftand es, fich überall geltend zu 
machen, ohne fi vorzudrängen und 
fie fühlte jih für nichts geachtet. 

Aber war fie wirklich ein Nichts, eine 
Null, eine Negation ? Sie dachte oft auch 
darüber nah und war der Anficht, 
jeder Menſch fei eigentlich mindejtens 
bob ein Etwas (befonderd wenn ein 
ſolches Etwas weiblihen Gejchlechtes, 
jung und nicht jo gar übel von Aus: 
jehen), ein, wenn auch Eleiner Yactor 
in dem großen Welterempel und Jeder 
ſei zur Griftenz berechtigt, der ben 
ihm angemwiejenen Kreis zur Thätig: 
feit auszufüllen fih bemühe. 

So war jie weit entfernt, vor 
Wolfgang die Segel zu ftreichen oder 
fid von ihm in’3 Schlepptau nehmen 
zu laſſen. Er jollte an ihr feinen 
Mann finden — dumme Nedensart, 
das ging ja nit! Alſo, fie wollte 
ihm ſchon gewachjen jein — hm, fie 
hatte Unglück mit den Sprichwörtern, 
er war ja eine3 Hauptes länger als fie. 


Nun wollte fie aber an den böfen 
Menjchen auch gar nicht mehr denken 
und fie fchrieb abermal3 an Helene 
einen langen Brief, worin fie dieſen 
Entihluß kundgab. Wir fegen den 
legten Theil ihres Schreibens ber, 
weil er ein helles Licht auf die Schrei- 
berin und ihre Stimmung wirft: „Ich 
bitte Dich“, hieß es, „um Heine's 
Buch der Lieder; es foll mir ein 
Gegenmittel gegen bie Proſa des Land: 
lebens jein. Kannft Du Dir vorftellen, 
was ich hier leſe? Das „landmwirth: 


ichaftlihe Noth: und Hilfsbuch oder 
der perfefte Gutsbeſitzer“, ein. Dides, 
difes Buch von Rüben, Weizen, Erbfen, 
Klee, Perdefütterung, Schlempe u. dgl. 
mehr. Der Onfel hat es mir geborgt, 
und wenn es fo vor mir ſteht auf 
meinem Schreibtiih und Geibel’3 Ge- 
dichte liegen daneben: „OD fieh mid 
nicht jo traurig an, Du Röslein jung, 
Du jchlanfes Reh“, da wirbelt eg mir 
oft bunt genug in meinem dummen 
Kopf durcheinander, Nunfelrübenbau 
und Berje, „wie man die Kohlpflänz— 
hen zu ſtecken hat und wann bie 
Küchlein auskommen“, und „golone 
Brüden feien alle Lieber mir, drauf 
die Liebe wandelt, ſüßes Kind, zu 
Dir;“ und kürzlich in einer Nacht 
haben fih in meinen Träumen bunfle, 
duftige Nojen und ſtarke Kohlköpfe 
arg befämpft und die Nachtigall hadte 
einer waticheligen Ente die Augen 
aus, daß ich laut auffchrie und erwachte. 
Ente und Nachtigall — ein Stoff für 
die Dichter! Genug, vorläufig werden 
fih Geibel und das Noth- und Hilfs: 
buch wohl brüberlich vertragen, habe 
ih doch immer gebört, daß die Poe— 
ten ſich mit der Nüchternheit des Lebens 
berumfchlagen müſſen und foll doch 
auch mancher von ihnen nur auf dem 
Belinpapier zart fein. Iſt überhaupt 
immer noch die Frage offen, wie ein 
eigentlicher, wirklicher, allen Anforde 
rungen des Reglements entiprechender 
Normalpoet auszufehen hat, denn von 
Herren Wolfgang kann ich auf feine 
Regel jchließen, da ich nimmermehr 
glaube, daß er von Apollo „bes Ge: 
ſanges Gabe“ empfangen hat, er müßte 
e3 mir benn auf einem Stempelbogen 
und vom Landrath beglaubigt nach: 
weiſen oder auf jonjt eine unbedingt 
zuverläffige Art.” — 

Das war eine Fahrt! Das war 
ein Abend! Dank dem Himmel, daß 
er uns folche Freuden nicht oft ſchenkt, 
wir würden fie bald nicht mehr mit 
der Andacht genießen, mit der fie auf: 
genommen werden müſſen. So lejen 


175 


wir in dem Tagebuch „der Siebzehn: und doch auch nicht zu leiſe, eine 
jährigen“. Onkel Heller hatte feinen klangvolle, tiefe Stimme voll inniger 
Gäften zu Gefallen eine Bootfahrt | Empfindung, wie eine Geifterftiimme, 
auf der See bei Mondſchein veran: | die das wunderbare Lieb in jo ergrei- 


ftaltet. 

Stil und unermeßlich lag das 
dunkle Meer vor ihnen, hoch am Him— 
mel ftand der Mond und warf fein 
Licht auf die weite Fläche, als die 
feurigsrothe Sonne in die endloje Tiefe 
gejunfen war und leije zitterten die 
bleihen Strahlen auf dem Wafjer. Die 
Dünen mit ihrer Waldung zeichneten 
fih in unfiheren Umriffen gegen den 
Himmel ab, der weiße Strand leuchtete 
und regungslos lagen die Boote, als 
der Onkel, jeine Gemahlin, Marga: 
rethba und Wolfgang fie beftiegen. 
Heller und Margaretha traten in das 
eine der beiden Fahrzeuge, die Tante 
und der Better in das andere; dann 
tauchten die ſchmalen Ruder der Fiſcher 
in dad Waller und die leichten Boote 
glitten faft lautlos vom Strande fort 
über die Fläche und in die Unendlich: 
feit, in bie grenzenlofe Waſſerwüſte 
hinaus. Silberperlen, vom Mondlicht 
verklärt, tropften von den Rudern, 
leije plätjcherten Fleine Wellen an der 
Spitze des Boote, ringsum war es 
jo feierlich ſtil und es war Marga: 
rethen, als führe fie hinaus, hinaus 
aus der Welt, jchöneren, ewig blühen: 
den Geſtaden entgegen. Niemand ſprach 
ein Wort. 

Margaretha’3 Kahn war dem an- 
dern wohl hundert Schritte voraus; 
es war ihr, als wäre fie in ihrem 
Nahen allein, in feliger Einfamfeit. 
Leichte Wolfen zogen in buntem Spiel 
über ben lichten Abendhimmel, taufendb 
und aber taufend Sterne glänzten in 
ihrer wunderbaren Pracht und ſpie— 
gelten fi in der Fläche des Meeres. 
Sie ſchloß die Augen. 

Duftige Märchengeftalten, Träume 
und Phantaflen ihrer Kinderjahre zogen 
vor ihr vorüber; Leben und Form ge 
wann, was fie fich einft jo reizend, 
jo poetiih ausgemalt hatte — ba 


fenden Tönen fang, daß fie fich ein- 
jchmeichelten in das Ohr, in das Herz: 
— und es war, als wollte das Lied 
Alles aufweden, was tief da drinnen 
ichlief, Hoffnung und Liebe, Leid und 
Luft und vor Allem eine grenzenlofe 
Sehnfuht, die feinen Namen bat, 
jenes dunkle, welches der Dichter 
nicht zu erklären wußte und das er 
andeutete in den Worten: „ch weiß 
nicht, was foll es bedeuten, daß ich 
jo traurig bin“; e8 war jene geheim- 
nißvolle Zurleifage, die bier wieder: 
lang, jene® Drängen und Wogen, 
das die Welt durchzieht. Und ſo ſcholl 
es durch die ſtille Abendluft, über das 
Waſſer, durch das Mondenlicht, jenes 
innige, zauberhafte Gondellied zum 
Zitherklang: 

O komm' zu mir, wenn durch die Nacht 

Wandelt das Sternenbeer ! 

Dann ſchwebt mit und in Mondespradt 

Die Gondel über's Meer. 

Die Luft ift weich, wie Liebesfcherz, 

Sanft fpielt der goldne Schein, 

Die Zither Klingt und zieht Dein Herz 

Mit in die Luft hinein. 

Und es war eine Quft, eine jo 
jelige, unſägliche Luft, und boch zu— 
gleich jo ſchmerzlich-ſehnſuchtsvoll. Mar: 
garetha, die fleine, troßige Margaretha, 
die Schülerin des praftiihen Noth: 
und Hilfsbuches, fühlte Thränen in 
ihren Augen und faltete unmillfürlich 
die Hände. Aber das Lied ging weiter: 

Das ift für Liebende die Stund’, 

Lieben, wie ih und Du; 

&o friedlich blaut des Himmels Rund, 

Es ſchläft das Meer in Ruh. 

Sie hätte laut aufjauchzen mögen 
und meinte doch; fie hätte ihr Ohr 
verfchließen mögen und lauſchte ben- 
noch begierig den Zauberklängen: 

Und wie es ſchläft, da fagt der Blid, 

Was nie die Bunge fpridt, 

Die Lippe zieht ih nit zurüd 

Und wehrt dem Kujfe nicht. 

In demjelben Augenblid flog das 


erflang eine Stimme, nicht eben laut | Boot Wolfgang’ an ihr vorbei. Er 


176 


war der Sänger geweſen. Er ftand 
mit übergejchlagenen Armen vorn im 
Nahen; der Mond leuchtete über ihm; 
e3 war nur ein Augenblid, dann war 
das Vorbeifahren geihehen. Bald aber 
waren die beiden Boote wieder neben 
einander und fuhren dem Lande zu. 

„Das iſt ja eine prachtvolle Com: 
pofition, Vetter Wolfgang”, rief der 
Onkel; „woher haft Du die?“ 

„Bir fangen fie, als ih noch 
Mitglied der akademiſchen Liedertafel 
war. Darf ih Dich um eine Gigarre 
bitten, ich babe die meinigen zu Haufe 
vergeilen” ; — eine Minute jpäter 309 
Tabaksdampf ftatt Zitherklang zum 
Himmel, 

St denn in diefem Mann ftet3 
Poeſie und Proſa amalgamirt? fragte 
ih Margaretha und fie war ihm böje, 
wie noh nie. Er aber erzählte dem 
Dnfel aus jeiner Stubentenzeit aller: 
lei Schnurren und Schwänfe zu Mar: 
garetha’8 Weberrafhung, die bisher 
nicht einmal wußte, daß er auch ftudirt 
hatte. Lieber Himmel, was ftedte denn 
noch Alles in diefem wahrhaft abjcheu- 
lihen Mann, der jo ftill und einfach 
durch das Leben zu gehen jchien, als 
ob die Welt nur zur Landwirthichaft 
da wäre und der doch alle Tage neue 
Seiten feines Weſens enthüllte ! 

Bei der Heimkehr nahm die Tante 
ihres Gemahls Arm und jo fam es, 
daß der „Lupinendichter” neben Mar: 
garetha ging und in Kurzem waren 
fie beide voraus und allein. 

„Darf ich Ihnen den Arm bieten, 
Margaretha ?“ 

Das war ihr noch nie von ihm 
paffirt. Und Margaretha, ſchlechtweg 
Margaretha, nit „mein Fräulein“, 
nicht einmal „Fräulein Margaretha ?” 
Wie konnte er fih nur das heraus- 
nehmen? Sie blieb unwillfürlich ſtehen 
und jah ihn groß an. 

„Wenn e8 Sie genirt“, jagte er, 
„es ift mein Grundfag, niemals Täftig 
zu fein, wenn ich es vermeiden kann; 
ih bitte, meine Kühnheit zu entjchul: 
digen.“ 


Sie hätte weinen mögen und es 
zucdte ihr um den Mund. Das Alles 
jagte er jo ruhig und doch mit einer 
gewiſſen Herzlichkeit; aber weshalb 
bot er ihr den Arm, wenn es ihm 
doch offenbar gleichgiltig war, ob fie 
ihn annahm oder nicht? Sie war un— 
entſchloſſen, was fie thun follte, als 
die Tante glücdliherweife aus der 
Verlegenheit half, indem fie rief: „Du 
bift mir ein galanter Gavalier, Wolf: 
gang; reicht Deiner Dame nicht ein: 
mal den Arm!” Schnell erfüllte fie 
nun feinen Wunſch, denn fie fürchtete 
unliebfame Erörterungen und jo jchritten 
fie nebeneinander weiter. 

Sie ſprach von der Schönheit bes 
Abends, der Fahıt; er war ziemlich 
einfilbig ; fie erwähnte den Mond, die 
Sterne, dad Meer mit feinen ftummen 
Bewohnern. — 

„sa“, fagte er, „Sie haben Recht, 
gnädiges Fräulein, aber die Fiſcher 
behaupten, daß der Mangel an Fiichen 
durch die Dampjchifffahrt verurfacht 
jei und der Häringsfang —” zum 
Glück war der Weg vom Strande bis 
zum Haufe nicht lang. — — 

Völlig irre aber ward Margaretha 
an dem Herrn Wetter einige Tage 
jpäter, al3 der Baron von Goben mit 
feinem Schwager und mit feiner Tod): 
ter Emmy der Familie Heller einen 
Beſuch abjtatteten. 

Baron Goben und fein Schwager, 
die ihr Gut in einer Entfernung von 
zwei Meilen hatten, galten als ſehr 
reihe Gut3befiger, waren durch und 
durch Landmwirtbe und ſprachen fait 
nur von Gütern, Heerden und der: 
gleichen Dingen. Fräulein Emmy war 
neunzehn Jahre alt, ſchlank, blond, 
hatte ein hübjches Gefiht, war ziem- 
lich lebhaft und etwas coquett, aber 
dabei recht liebenswürdig, wenn auch 
ihwerlih von tieferem Gefühl. Sie 
attadhirte ſich an Margareta und 
Ihien ganz vergnügt, eine Alteröge- 
noffin gefunden zu haben. Mit Hof, 
Kühe und Keller wußte fie gut Be: 
ſcheid und mit lebhafter Beredtfamteit 


177 


ihilberte fie dem Vetter die Vorzüge | 


Nah dem Kaffee fpielte Emmy 


der Sechswochenkartoffeln und den Nugen | einige leichte und oberflächliche Sachen 
der Stallfütterung. Und der Herr Vetter, | auf dem Klavier. Sie hatte eine gewiſſe 


das ſah Margaretha wohl, war ganz 
in feinem Element, ja, er drüdte ihr 
jehr freundlich die Hand, war ganz 
Aufmerkiamfeit für die junge Baro: 
nefje und nahm mit großer Befriedi— 
gung ihres Vaters Einladung an, mit 
dem Onkel ihn zu bejuchen, eine Ein: 
ladung, die natürlih auf Margaretha 
ausdrücklich mit ausgedehnt war. 


In ihr Tagebuch) trug Margaretha 
über diefen Bejuh unter Anderem 
Folgendes ein: 

„Das Intereſſe des Lupinendichters 
für die junge Dame jcheint ſehr leb: 
baft zu jein, vermuthlich jchon des: 
halb, weil ihre Sympathien herrlich) 
im Gemüjegarten und in der Forſt— 
fultur zufammentreffen; und die Tante 
ſagte heimlih zu mir: Ich glaube, 
Vetter Wolfgang hat ein Auge auf 
Emmy geworfen. Das denk’ ich auch. 
Sie find. für einander wie gejchaffen 
und wenn er fie heimführt, jo werben 
fie gewiß glüdlid leben. Mögen fie 
es; ich würde neidlos ihr Glüd jehen. 
Weiß ih auch nicht, ob mir je die 
Liebe blühen wird, jo weiß ich doch 
auch nicht, ob wirklich die Liebe das 
höchſte Glück ausmacht. Liebe ift am 
Ende nichts, als eine Einbildung. 
Wir lieben diefen oder jenen und 
glauben, ohne ihn nicht leben zu fön- 
nen — mie nun, wenn wir den Be: 
treffenden nie gejehen hätten? Warum 
finden wir unter QTaujenden, die wir 
jehen und fennen, gerade den Einen 
liebenswürbiger als Alle, warum lie: 
ben wir gerade diejen, der vielleicht 
bei Weitem nicht der jchönfte, klügſte, 
ebeljte oder gebildetſte iſt?“ 


Das philofophiiche Mädchen ftellte 
Fragen, die ihr die Weijen aller Jahr— 
hunderte nicht würden beantworten 
fönnen. Die Liebe kennt feine Logik: 
man fühlt nicht nad) mathematifchen 
Regeln und empfindet nicht par ordre 
du moufti! 


Kofeggers „„Geimgarten‘‘ Ur. 3. 


Fertigkeit in der Technik, aber es 
fehlte ihr das Gefühl, die Innigkeit 
und Wärme des Vortrags. Marga— 
retha trug darauf einiges von Mozart 
und Beethoven vor und freute fich 
bereit$, dem Herrn Lupinendichter 
zeigen zu können, daß es wenigſtens 
ein Gebiet gebe, wo fie ihm über: 
legen wäre, 

Aber wie gründlich wurde fie ent- 
täujcht! Als fie geendet hatte, geſchah 
das Unerhörte: Er ſetzte fih an das 
Inſtrument und jpielte mit einer fol 
hen Vollendung, daß fie fih wie ein 
Stümper gegen ihn vorfam. 

Ka, er weiß und fann viel, dachte 
fie, aber er hat ficher jein Wiffen auf 
Koiten feines Herzend erworben, was 
ja fo oft vorkommen fol. Je nun, 
was geht e8 mid an; er Fümmert 
fih nicht um mid, jo will aud ich 
ihn links liegen lafjen. 

Am Abend jchied der Beſuch; ber 
Vetter nahm ziemlich umftändlich von 
Emmy Abjhied und wollte ihr bie 
Hand küſſen. So viel Galanterie hätte 
Margaretha ihm nicht zugetraut, aber 
freilih, was durfte man ihm nicht 
zutrauen! Mit diefem Gedanken be: 
gab fie fih in die Küche und ver: 
ſuchte ihre Kochkunst an der Herjtellung 
eines Eierfuchens, der nach) dem Urtheil 
der Tante auch ganz vorzüglich gera: 
then war; und der gejtrenge Herr 
Vetter aß mit großem Appetit und 
gerubte endlich zu bemerken: 

„Liebes Tantchen, der Eierfuchen 
ift vortrefflih und ich mache Dir mein 
aufrichtigites Compliment“. 

„Das muß ich ablehnen“, ſagte 
die Tante lächelnd, „denn der Ruhm, 
diefen Prachtkuchen gebaden zu haben, 
gebührt ganz allein unſrer lieben 
Margaretha.” 

Es war gut, daß Margaretha ihn 
in diefem Augenblid nicht anjah, fie 
hätte ſonſt ein ziemlich verblüfftes Ge- 
fiht wahrgenommen. Dennoch jagte er 

12 


einige anerfennende Worte und wurde 


etwas geſprächiger zu ihr als fonft; 
es war faft, als ob ihre Kochkunft 
ihm eine höhere Meinung von ihr 
beigebraht hätte. Sie fand das ab: 
ſcheulich. Alfo ein Eierkuchen konnte 
dieſem Manne imponiren und die 
ſchönſte Toilette, die beſte Bildung 
hatte es nicht vermocht? Sicher, er 
war die perſonificirte Proſa. Doch 
ihre Entrüſtung ſollte noch ſteigen. 
Am nächſten Tage war er nämlich 
fortgefahren, um erſt am folgenden 
Morgen zurückzukehren. 


forſchenden Auge nicht begegnete; und 
gegen Mittag forderte die Tante ſie 
auf, mit ihr auf Wolfgang's Wohn— 
zimmer zu kommen, um in ſeiner Ab— 
weſenheit dort Ordnung zu ſtiften und 
ſie ging denn auch mit. 

In dem Zimmer lag Allerlei durch— 
einander, aber in der Unorduung war 
doch gerade eine gewiſſe Regelmäßig: 
feit und Symmetrie; nur auf dem 
Schreibtiſch herrſchte eine geniale Lie: 
derlichkeit. Sie räumte auf — nein, 
fie hatte das Ungeheure nicht ahnen 


. Die drei 





Margaretha | 
fühlte fich freier, wohler, da fie jeinem 


fönnen. Da lag ein Blatt weißes 
Papier, darauf eine faubere, hübſche 
Bleiftiftzeichnung, die von entſchiedenem 
Talent zeugte. E3 war ein Doppelbild ; 
links cine junge Dame in reizendem 
Pub — es war Magaretha’3 Portrait, 
jo ähnlih, wie ed nur fein konnte 
und der Anzug genau jo, wie fie ihn 
damals getragen hatte, al3 er ihre 
Toilette jcheinbar gar nicht beadhtete; 
rechts jah fie fih abermals, aber 
im Hauskleid, am Herd, mit ber 
Pfanne, Eierfuhen badend. Darunter 
eine recht malitiöfe Inſchrift, nämlich 
unter dem Bilde links: „Salonpuppe” 
und rechts: „eine Eleine Hausfrau”. 

Sie hätte das Blatt zerreißen oder 
verbrennen mögen, aber ed war lei- 
der nicht ihr Eigenthum und jomit 
durfte fie e8 doch nicht fortnehmen. 
Der Tante jagte fie nichts, jondern 
fie ſchob die Zeichnung ſchweigend 
unter andere Blätter. Was hatte fie 
ihm gethan, daß er fie jo verhöhnte! 
Warum hatte er fiegemalt ? jo gemalt ? 
Konnte er feinen andern Stoff für 
feine Genrebilder finden ? 

(Schluß folgt.) 


Prinzen. 


Ein Märden von $. Anzengruber. 
(Schluß.) 


Als nun die traurige Dede wieder 
erreicht war und der Prinz der Hütte 
des weiſen Einſiedlers anſichtig wurde, 
da erfüllte Wehmuth ſein Herz, denn 
er gedachte ſeiner Brüder, und ganz 
leiſe pochte er an. 

Der Einſiedler erſchien wie jedes— 
mal allſogleich unter der Thüre und lud 
den Prinzen ein, Raſt zu halten. 

Dieſer folgte der Einladung, ließ 
für ſein Gefolge Zelte aufſchlagen und 
befahl demjelben, fih unterdeß zu 
lagern. 

Als nun der Prinz mit dem Ein- 
jiedler in deſſen Hütte allein mar, 


fagte er demjelben, daß auch er ge: 
fommen wäre, bie bemwußte Höhle zu 
betreten, und als der Alte darauf, wie 
gewöhnlich, fragte: „Ohne alle Bor: 
bereitung ? Sol id) Dir nicht ein oder 
das andere Sprücdlein mit auf den 
Meg geben?” Da jagte der Prinz: 
„Sei Gott vor, daß ich Deine Hilf: 
reihe Hand von mir weife! Ich weiß 
nicht, worin es meine Brüder verfehlt 
haben, aber ich bin e8 dem Lande 
jhuldig, das durch fie jo ſchwer ge: 
litten hat, nicht8 zu verabjäumen, was 
mid etwa in den Stand jegen fönnte, 
demfelben zu nützen.“ 


179 


Darauf meinte der Einfiebler: „Ich 
weiß Dir aber nicht zu jagen, wie 
lange Zeit Du damit wirft verbringen 
müffen, um dann ohne Fahrniß die 
Höhle betreten zu können.” 

„Weiſer Vater“, entgegnete der 
Prinz, „wie kann mich das abjchreden, 
da ich doch bereit bin, die eine Hälfte 
der Tage, die ich noch zu leben habe, 
dahinzugeben, wüßte ich dafür die an: 
dere Zeit über mein Volk glüdlich und 
zufrieden zu machen !” 

Da lächelte der Einfiedler gut: 
müthig: „Mein Sohn, ich jehe, es ift 
ihon an der Zeit, Dich in die „Höhle 
der Phraſen“ einzulaffen!” Dann aber 
begann er eruftlich fich mit ihm zu be: 
iprehen und ihn in Allem, was erfor: 
derlih war, zu untermweijen. 

Zum nicht geringen Verdruffe der 
Herren des Gefolges, welche in diejer 
Wildniß alle gewohnten Annehmlich— 
feiten entbehren mußten, verbrachte der 
Prinz drei lange Tage mit feinem Lehr: 
meifter; am Morgen des vierten Tages 
öffnete ihm dieſer die eiferne Pforte 
und ber Prinz trat in die Höhle. 

Hinter ſich hörte er wieder forg: 
ſam jchließen 

Es iſt ein alter Erfahrungsjaß, 
von deſſen Richtigkeit nunmehr auch 
der Prinz Gelegenheit hatte, fich zu 
überzeugen, — daß man im Dunkeln 
nichts Sieht. 

Da ftand er nun. 

Muß das Auge wegen Mangel an 
Licht feiern, dann eilen alle anderen 
Sinne dem geängftigten Körper zu 
Hilfe und jchärfen fich zu deſſen Dienit, 
bejonderd® Gehör und Gefühl. Der 
Prinz vernahm deutlich, wie rings von 
den Wänden der Höhle mit gleich: 
mäßigem Geräufhe jchwere Tropfen 
niederjchlugen, das war jo eintönig 


und wirkte jo verjtimmend, daß er mit | 


Ungeduld die weitere Entwidlung ſei— 
nes Abenteuer herbeijehnte. 

Jetzt fühlte er an einer leilen Luft: 
welle, daß es rings in der Höhle ſich zu 
regen und zu bewegen begann, wie ein 
Geflüfter wehte e8 durch den Raum; 





aber wieder wurde es ganz ftille und 
war nichts zu hören als die fallenden 
Tropfen. 


Sein Auge, nun an die Dunfel: 
heit gewöhnt, verjuchte ganz umjonit, 
auch nur von den nächitliegenden Ge: 
genjtänden einen ungefähren Umriß zu 
erratben. Er erſchrak faft, als eine 
volltönende Stimme unmittelbar an 
jeiner Seite begann: 

„Das Leben iſt Schal und leer, 
der Menſch muß es mit eigenen oder 
fremden Thaten ihmüden, ein Menſch 


muß den andern dahinreißen in das 
| Ungemeine! Was it das Gemaltigite, 


dad Du als Menſch vermagit? Ein 
Held zu fein! Furcht und Verehrung 
zu erweden unter denen, bie mit Dir 
über die Erde mwallen, und Deinen 
Namen den Finftigen Geichlechtern zu 
überliefern! Es ift ver einzige Wurf, 
der im Gelingen wie im Fehlichlagen 
Dir den gleichen Lorbeer bringt! Nicht 
nur im Siege bift Du groß, aud im 
Untergange, wenn Du im erhabenen, 
beroiihen Wahnfinne Reih und Volt 
neben Dich auf die Wahljtatt betteft! 
Millionen gewaltiger Geiſter danken 
Dir für den hochgehenden Wellenjchlag 
ihres Lebens, die dumpfe Menge betet 
Dih an, weil Du fie, ein Gott, ber 
Armfeligfeit ihres Dajeins entriffen 
haft! Du lehrteit fie, das Leben für 
das Leben freudig einjegen, Du bieteft 
ihnen, an Deines Namens Hoheit ge 
fnüpft, ein unſterblich Sein in den 
Sängen der Dichter, in den Liedern 
des Molfes! Sie ichulden Dir Die 
ganze Summe ihres Daſeins, darum 
darfit Du fie aud von ihnen fordern! 
Das iſt der Helden heilig’ Vorrecht!“ 
Da ſprach der Prinz leife: 

„Bleib' Dir getreu’ nur, 

Lab Dich nicht irren, 

Mas aud die Thiere 

Brüllen und girren!“ 

Da leuchtete ein fahler Schein auf, 
und dem Prinzen wurde die Gejtalt 
ſichtbar, welche obige Worte an ihn 
gerichtet hatte, e8 war ein Tiger. 

12° 


180 


Da ſprach der Prinz ſofort; 
„Haß ift jtets ein traurig Erbe, 

Oft der Sieg ein ungeredter, 

Krieg fei nimmer ein Gewerbe 

Und der Held er ſei kein Schlädhter!” 


Da brüllte der Tieger auf und 
verihwand, und nachdem das Echo in 
der Höhle verhallt war, begannen wies 
der die Waller eintönig von den Wän— 
den zu tropfen. 

Nah einer Meile hörte fich der 
Prinz wieder, diesmal aber von einer 
janften Stimme angejprochen : 

„Bott iſt unſer Aller Vater! Auf 
Erden gibt es nur eine große einzige 
Sottesfamilie, jelbit für die entarteten 
Söhne jtehen die Wohnungen im Haufe 
des Vaters bereit, aber — wehe — 
fie jtre'fen lieber in der Irre umber 
und verfuhen auch die anderen Got: 
tesfinder irrezuführen. Sie juchen fie 
durh Hohn und Spott, dur Liſt 
und Vergewaltigung abwendig zu ma— 
en von ihrem frommen Glauben, von 
ihrer einfältigen Sitte! Zeugt es nicht 
für die Wahrheit ihres Glaubens, 
ihrer Hoffuung, ihrer Liebe, daß bie 
Millionen frommer Gemüther frieb- 
fertig dem Spotte von etlichen Tau: 
jenden Srregeleiteten Stand halten? 
Gibt es etwas Erhabeneres für einen 
Gewaltigen, als die Schwachen zu 
ſchützen? D, werde ein Streiter für 
deren heilige Sache! Steht nicht ge— 
jchrieben, denen, durch welche Nerger: 
niß fommt, wäre bejjer, mit einem 
Mühlſteine um den Hals zum Grunde 
des Meeres verjenkt zu werden? Willſt 
Qu Erbarmen kennen, wo das Gr: 
barmen allein bei Gott ſteht? O laſſe 
nicht Millionen in ihrem heiligen Glau— 
ben irre, in ihrer bejeligenden Hoffnung 
wankend machen, laß’ ihnen nicht ihren 
einzigen Troſt in dieſer Welt des 
Jammers und der Trübjal rauben, 
damit die Schwachen, in denen Gott 
mächtig ift, Dir Deinen Thron ftügen, 
Deinen Namen für alle Zeit lobpreijen, 
und Du ſelbſt dereinſt eingeheft in 
Gottes Neich und Herrlichkeit! Amen!“ 


Da fagte der Prinz wieder Teile 
das erfte Sprüchlein, und im fahl 
aufzudenden Lichte ftand ein Lamm 
an feiner Seite, und da fprad er: 


„Auch beim Spott der fhärfften Denter 
Hält ſich echter Glaube rein, 

Und auf Erden fann der Henker 
Nimmer Gottes Anwalt fein!“ 


Da blödte das Lamm gar Fläglich 
und verjhwand, und wieder ward es 
ftile wie zuvor, 

Nah einer Meile begannen zwei 
Stimmen neben ihm zu jprecher, eine 
ſcharfe, jchneidige führte das Wort 
und die andere ziſchte manchmal eine 
Bemerkung dazmwijchen. 

„Klug gehandelt!” ſagte die erſte 
Stinme. „Es it viel ehrender, dem eige: 
nem Kopfe Alles zu verdanken, als 
fremden Fäuften! Fehlten dieje, was 
würde wohl aus manden Größen ? 
Ich frage!" — 

„Staub follten fie freſſen und doch 
nit flug werden bei diejer Koſt“, 
ziichte lachend die andere Stimme. 

„Genug Baufteine für unvergäng- 
liche Größe“, fuhr die erjte Stimme 
fort, „findet der Eluge Kopf an ben 
ſchwachen Köpfen feiner Mitlebenden. 
Reizt Dich ein Beſitz, lode oder jchrede 
den Eigner heraus. Steht Dir Jemand 
im Wege, lehre ihm jelber die Schlinge 
drehen, in der er fi fangen muß. 
Wer Dir droht, den jchmeichle in’s 
Verderben. Wer Dir jchmeichelt, dem 
mißtraue. Krumme Wege, aber ficher.” 

„Krumme Wege, Eluge Wege“, 
ziichte die andere Stimme. 

„So wird Dein Befig fi) mehren, 
Deine Feinde fih mindern, Dein Wort 
mehr als ein Schwertjtreid wiegen, 
Du mirft gefürchtet und bewundert 
fein. Allüberall in der Natur ermeijet 
ih das Klügere dem Stärkeren über: 
legen und mit urew'gem Rechte ge: 
braucheit Du des Geiftes Uebermacht! 
Don Dir abhängig fühlen fich die Be: 
Ichränften und als dem Klügeren hand: 
langern die Klugen Dir, denn ohne 
Dich fteht doch nichts zu erreichen, 


und Du wirft Aller Zwed und Mittel, 
indem Du als aller Mittel Zwed Dich 
felber ſetzeſt!“ 

Da ſprach der Prinz leife den erften 
Spruch und ſah im Aufleuchten des 
fahlen Scheine Fuchs und Schlange 
neben fih. Er ſprach fofort: 

„Wohl hat Lift auf frummen Wegen 
Manden nah dem Ziel gemwiefen, 
Aber feines Namens Segen 

Wird von Sklaven nur gepriefen !” 


Da verſchwanden auch Fuchs und 
Schlange und furz darauf, als hätte 
fie e8 nicht abwarten fünnen, daß fie 
zu Worte komme, begann eine ge: 
ſchraubte, näjelnde Stimme: 

„Eb, langweilige Volk da, mit: 
einander! Was? He? — Flosfeln, 
Phrajen, Worte, Flaufen — weiter 
nichts! Was? He? — Bin froh, nur 
einmal einzig vernünftiges Wort aus: 
fprehen zu können, beißt: Genuß! 
Genuß, was? He? Niht? — Wozu 
ſonſt auf der Welt, ald wegen Ge: 
nießen? Was font Zwed und Ber: 


nießen? Was jonft göttliches, natür: 
liches, politiiches, eh, fociales Necht, 
als Genießen?! Alles Andere Unfinn ! 
Was? He? Leben jonft gar nicht der 
Mühe wert. Staat Ichafft Induſtrie, 
Natur Schafft Kunft, Beide: Comfort ! 
Wozu jonft feuriger Wein gewachſen, 
wenn nicht ſollte getrunken werben ? 
Wozu ſonſt hübſche Frauen und Mäd— 
en“ 


Lachend unterbrad der Prinz den 
Nebner mit dem erſten Sprüdjlein, 
und neben ihm jtand ein Affe. 

Der Prinz griff in die Tufche und 
gab ihm einen Apfel. „Da genieße!” 

Der Affe dankte jehr artig und 
verſchwand. 

Wieder ward es ſtille, aber ganz 
ſtille, ſelbſt das Gerieſel der Tropfen 
hatte aufgehört, da ſchritt es durch 
das Dunkel auf den Prinzeu zu, er 
fühlte ſeine Rechte von einer warmen 
Menſchenhand ergriffen und er vernahm 
folgende Worte: 


„An Allem erfreu' 
Die offenen Sinnen, 
Und bleib’ Dir getreu 
Bei jedem Beginnen!” 


Der Prinz hielt die Hand des 
Sprechers, die fich fanft aus der ſei— 
nen löſen wollte, feit, denn die Stimme 
lang ihm gar befannt, und er wollte 
eben eine Frage ftellen, als ſich von 
der eijernen Pforte her ein ungeheurer 
Lärm erhob und diejelbe, von wuch— 
tigen Axtſchlägen zertrümmert, ein— 
brach, durch die entjtandene Lücke dran: 
gen gleich Hinter dem zuftrömenden 
Tugeslichte die Herren vom Gefolge 
herein. Diesmal hatte es doch gar zu 
lange gedauert, fie hatten ſich müde 
geängftigt und gehorcht, denn diesmal 
konnten fie laufchen, der Einſiedler hatte 
kurze Zeit nad des Prinzen Eintritt 
feinen fonftigen Poſten verlaffen; fie 
waren daher jehr erjtaunt, den Alten 
hier mit. dem Prinzen Hand in Hand 
zu treffen, vielleicht nicht weniger er: 


ſtaunt als der Prinz ſelbſt, der ſich nun 


von ihm aus der Höhle leiten ließ. 
ſtand im ganzen Univerſum, als Ge-| 


Der Prinz hieß ſogleich Alles zur 
Rückreiſe rüſten, es war auch ſehr bald 
Alles zum Aufbruche bereit, denn die 
Herren des Gefolges, welche ſehr froh 
waren fortzukommen, hatten ſchon alle 
Vorbereitungen in dieſer Hinſicht ge— 
troffen. 

Bis das Pferd vorgeführt wurde, 
hatte der Prinz ſchweigend neben dem 
alten Weiſen geſtanden, jetzt, bevor er 
ſich in den Sattel ſchwang, umarmte 
er den ihm lieb gewordenen Berather 
und dieſer faßte ihn zum Abſchiede 
noch einmal an der Hand und ſagte: 


„An Allem erfreu' 
Die offenen Sinnen 
Und bleib’ Dir getreu 
Bei jedem Beginnen!“ 


Zange blickte er den Dahinziehen: 
den nach und lange noch wandte ber 
Prinz fein Pferd 

Monofogoporibius.I. empfing mit 
gewohnter Güte jeinen dritten Neffen 
und nachdem er ihm gleich den Andern 


probeweife das Negiment übertragen 
hatte, zog er ſich wieder auf fein Jagd— 
Schloß zurück. — 

Jahre vergingen, ſeine Ruhe wurde 
nicht geſtört, er war uralt geworden 
und fühlte ſein Ende nahe, da ließ er 
eines Tages Alles zur Reiſe rüſten, 
beſtieg eine Sänfte und ließ ſich durch 
das Land nach der Hauptſtadt tragen. 

Sie waren eine Tagreije mweit ge 
fommen, da fragten die Leute am 
Wege bei den Herren bed Gefolges 
an, wer denn da jo vornehm reife. 

„Run,“ ſagte Einer der Herren, 
„Euer König!“ 

„Ei, Herr,” ſagte ein alter Bauer, 
„Ihr wollt Euch wohl über arme Leute 
luftig maden! Aber unjeren König 
fennen wir wohl, ber ift noch in ben 
beten Jahren, und jo kann er doch 
nicht über Nacht zuſammengeſchnorrt 
fein, wie der da in der Sänfte!” 

„Aber“, jagte der Herr vom Ge: 
folge, „das ift doch Euer rechter und 
wahrhafter König, Monofogoporibiusl.” 

Da zog der Bauer die Mütze und 
jagte: „Se der Taujend, ich hätte nicht 
gedacht, daß ber noch Iebt! Nun Iebe 
er noch taufend Jahre, vorausgefegt, 
baß das ihn felber nicht verbrießen 
möchte! Das mar ein gar jchönes 
Stüf von ihm, wie er das Ketzer— 
braten im Lande eingeftelt bat, ba 
war ich jelber noch als lediger Burfche 
dabei. Nun, Gott tröfte ihm! Nichts 
für ungut, man kann es fait nicht 
glauben, daß er noch leben ſoll! Aber 
niht wahr, den Jetzigen nimmt er 
uns nicht weg? Das wäre hoch ge: 
fehlt. Ab, das wird er wohl nicht?“ 

„Nein, nein, das wird er nicht!” 
lächelte Monofogoporibius I. jeelenver: 
gnügt in der Sänfte. 


182. 


Sein Neffe holte ihn, fobald er 
von feinem Naben unterrichtet wurbe, 
mit allen Ehren ein. Monojogopori: 
bius I. aber merfte feine legte Stunde 
grfommen, er verfammelte im Königs: 
ſchloſſe alle Großen des Neiches um 
fein Sterbebette, und außen um den 
Palaſt drängte fih das Wolf. Noch 
einmal, das letztemal, mußte fein 
alter Hoffecretär ihm ein Schriftjtück 
unterbreiten, das Teftament ; das mar 
nicht jo Schön vefchrieben, man ſah 
den Buchſtaben an, daß manchmal 
die Hand des Schreibers leife gezittert 
hatte, der alte König warf ihm einen 
ftrengen Blick zu, aber al3 er ihm die 
Feder abnahm, drüdte er ihm wieder 
leife die Hand. Der dritte Neffe wurde 
zum Erben des Reiches eingefegt und 
hatte den Namen Monofogoporibius IT. 
zu führen. 

Er mußte auf den Wunsch feines er: 
lauchten Oheims fogleich das Manifeft 
über jeinen Regierungsantritt dem alten 
Hofjecretär in die Feder dietiren 

Der Neffe gab erjt dem Schmerze 
über den Verluft feines Oheims mit 
wenigen, aber liebevollen Morten be: 
rebten Ausdruck, dann fagte er, er er: 
neuere nur das Verfprehen, das er 
in jeinem erften Manifefte feinen Völ— 
fern gegeben habe, jo zu regieren, daß 
fie e8 nur merken jollten an der Wohl— 
fahrt des gemeinen Mefens. 

Dann mußte er unterfchreiben, der 
Secretär reichte dem alten Könige, 
der freudig aufaehorcht hatte, das Blatt, 
und als Monojogoporibius 1. in ſiche— 
ren und Schönen Zügen „Monoſogopo— 
ribins II.” las, da war er ganz über 
die Zukunft feines Landes und Nolfes 
beruhigt und verjchied mit einem fro: 
ben Lächeln. 


183 


— — — — — 


Schiffbruch. 


Von Ernſt Rauſcher. 


Ein Stoß, ein Gekrache — das Schiff iſt leck! 
„Bott gnad' uns — o Himmel, Erbarmen!“ 
Sie ftürmen, fie ftürgen verzweifelt auf's Ded 
Angftbleih, mit gerungenen Armen, 
Im Knäuel, der lärmend und fchreiend ſich ballt. 
In der Wogen Gebraufe und Toſen 
Die Stimme des Kapitän’s erſchallt 
Mit Macht: „An die Pumpen, Matrofen !“ 


Berlor'ne Mühe! — „Die Boote bereit!" — 

Die wimmernden Kinder und Frauen 

Gilt's retten vor Allem — nod nimmer war 
Beit 

So foftbar — o Jammer, o Grauen ! 

In der falten, der wilden, der falzigen Fluth 

Bei finfterer Nacht zu ertrinten, 

Zu erftidten tief unten! — Wohl mag da der 
Muth 

Auch den muthigften Männern entfinten. 


Sie drängen und hängen und klammern fid an 

Tollwüthig, in tobenden Maſſen, 

Begierig zu leben; doch wehe! — der Kahn, 

Wie möcht‘ er die Dunderte faffen? — 

„Burüd, Wahnfinnige! — er ſchwingt in der 
Hand 

Den Revolver — „foll Alles verderben ? 


„Beh’, Mary, Liebe! — Du mußt in’ Boot 
Jetzt — börft Du? — hinunterfteigen.“ 
„„O John! Dich verlaffen in dieſer Noth ! 
Vier Moden erit bit Du mein eigen! 
Nein! bleiben will ich.“ — Sie hält feinen 
Reib 
Umſchlungen mit grimmigem Schmerze. 
Laut ſchluchzend — er drüdt fein junges Meib 
Noch Einmal inbrünftig an's Herze. 


„Ih bitte Dich zärtlid, Gott fei mit Dir! 
Bewahr' mir ein treues Gedenken ! 

Laß' los, laß’ los — und hinweg von bier! 
Schau’, wie fi die Mafte fhon ſenken.“ — 
Er winkt — fein ſchwarzer Diener zur Stell! 
— Vergebens ihr Sträuben und Klagen — 
Ergreift fie und in die Schaluppe ſchnell 
Wird fie kräftig hinabgetragen. 


Aus zerriffenen Molten gefpenftifch hervor 

Bricht des Mondes verjchleierte Selle ; 

Es reiht in den Abgrund, es fchleudert 
empor 

Das Scifflein die fhäumende Welle ; 

Sie liegt auf den Knieen, um Hals umd 
Genid 

Wirr flattern die goldenen Locken, 


Wer Einen Schritt noch fi wagt an den Rand, | Ausitredt fie die Arme mit flebendem Blid 


Der foll auf der Stelle bier fterben !" 


Nah Ihm, bis die Sinne ihr ftoden. 


O fiehe! Dort fteht er am finfenden Bord, 

Ihr den lepten der Grüße zu winken — 

Dann kehrt er fih ftumm zu der Mannfdaft fofort, 
Vor Thränen die Augen ihm blinten ; 

„Ein bitterer Tod der unfrige? — nicht 
Kapitän? — Daß der Menſch doch fo zähe!““ — 
„Ein bitterer Tod! — wir thaten die Pflicht — 
Mas weiter geſcheh'n foll, geſchehe!“ — 


154 


Don Gabriel dem Schwärmer. 
Aus deffen Tagebuch wiedergegeben. 
Bon P. R. Kofegger. 


Es war am erften Weihnachts: 
abende nach meiner Mutter Tod. 

Ich mochte ein bischen armjelig 
dageſeſſen haben in der großen, frijch: 
geicheuerten Gaſtſtube des Bergwirths: 
hauſes, denn aus dem Nebenzimmer 
— dem Herrenjtübel, wo ich ein paar 
Gäſte Sprechen hörte, fam die Wirthin 
hervor und ſetzte fich zu mir auf die 
Bank. Hausfrauen haben an folchen 
Tagen für drei Köpfe und zehn Hände 
zu Schaffen, ich mußte ihr daher ſchon 
befonders theilnahmswerth oder zer: 
jtreuungsbedürftig vorfommen. 

Sie knüpfte das Kopftuch feiter, 
fubr fi mit der rechten Hand ein 
paarmal über den linken Arm hin und 
fragte: „Von wo fommt denn der 
Herr her? 

„Bon Wien.“ 

„Und will gewiß heimzu jet 
auf die Feiertage ?“ 

„Wo führt der Weg eigentlich 
bin, der da an eurem Haufe vorbei 
und über’3 Gebirge geht?” 

„Sa, der theilt fih auf dem Scheideck 
auseinander und führt rechts nad 
Schadenbach und linf3 nad) Bergwiesau. 
— Mo will der Herr denn hin?“ 

„Rah Schadenbad.” 

„Do heute nicht mehr ? Du mein 
Herrgott in deinem Reich, das ift ja 
heut ganz unmöglich! Jetzt haben wir 
drei Uhr und nah Schadenbach iſt's 
im Sommer bei gutem Wetter acht 
ftarfe Stunden. Im Winter geht über: 
haupt Fein Chriſtenmenſch hinüber.” 

„Gut, ſo will ic) nach Bergwiesau“, 
ſagte ich. 

Da blickte mich die Wirthin groß 
an und dann verſetzte ſie: „Der Herr 
iſt ja ganz fremd in der daſigen Ge— 
gend! Nach Bergwiesau iſt's noch 
weiter als nach Schadenbach und noch 


bleiben will, ſo kann er heut auf's 
Beſte nur noch zu den drei Häuſern 
kommen; fie find die legten und ſtehen 
an ber hohen Sul, dort, wo der Weg 
anfteigt zum Scheideck. Auch dahinein 
kann Einer drei Stundengut marſchiren.“ 

„Ich danfe Schön. So werde id) 
heute bis zu den drei Häufern gehen.“ 

Nun hätte — es ſtand mit lejer- 
liher Schrift auf ihrem guten Ange— 
fihte — die Wirthin noch gerne gefragt, 
was ich denn eigentlich für ein Menjch 
jfei, daß ih um diefe Zeit, mo 
doch Jedermann gerne daheim ijt, To 
mutterjeelenallein herumwandere und 
wiſſe jelbjt nicht einmal wohin. Und 
dann fam ihr der Gedanke, ob man 
jo etwas nicht dem Gemeindevoritande 
fagen jolle, und dieſen Menfchen im 
Haus behalten, jo lange, bis ihn der 
Gemeindevorftand ſelber über Eines 
und das Andere ausgefragt hätte. 

Aber ich zahlte raſch meine Zeche 
— ein Glad Wein, ein Stüd Brot, 
und ein zweites Stüd für unterwegs 
— dann ging ich davon. 

Der Weg war von den Bauern- 
ſchlitten glatt geichliffen: er ging durch 
das enge Thal hinein und führte 
mehrmals auf Brücen über den Fluß, 
der mit einer Eisdede eingemölbt war. 
Die Lehnen an beiden Seiten waren 
theil8 bewaldet, theild mit glatten 
Schneehängen; über benjelben bauten 
fih die hohen Berge, an deren Höhen 
der falte Winterglanz der Sonne lag. 

Ein Schlitten mit zwei jchellenden 
Pferden fam mir nah und glitt raſch 
an mir vorüber. Ein mächtiger grau: 
brauner Pelzbaufen lag in demjelben 
und oben gudte eine ebenfall3 grau— 
braune Pelzmüge heraus. Es mußte 
Einer darunter fein, dem fröftelte. 

— Ad, die reihen Leute! Denen 


unmöglicher. Wenn der Herr nicht da= | hilft fein Pelz, bei denen figt die 


185 


Kälte inwendig, dachte ich mir und 
ſchritt fürbaß. 
Jahre alt; das Geſchick hatte mir 
mein Herz verwundet und die Welt 
hatte mir, um diefe Wunde zu heilen, 
ägend Salz hinein geftreut. — Jetzt 
war ih fortgegangen und fuchte in 
den fremden Strichen des Hochgebirges 
eine Weihnacht. 


Vor einem Jahre noch hatte ich 


zweimal das Chrijifeft in Glückſelig— 
feit begangen: am heiligen Abend bei 
der Mutter im lieben Häuschen am 
Berge; und einige Tage ſpäter bei 
meinem Freunde Emil in der Stabt. 
Damals war fein Herz noch lebendig. 
Ich babe ihn geliebt, wie nur ein 
Süngling lieben fann. Und ein Jüng— 
ling hat viel Liebe in Vorrath. Die 
Liebe zum Mädchen, zum Weibe, zum 
Kinde — fie ift noch nicht vergeben 
und nicht getheilt — aluthvoll und 
jelbitlos gehört fie dem Freunde. Kaum 
jemal3 in meinem Leben bin ich jeliger 
geweien, al& an jenem Abende, da 
wir in feinem ftillen trautiamen Ge: 


made, nur beleuchtet von der kniſtern- 


den Gluth des Kamins, unjere Meih- 
nacht feierten. Zuerſt hatten wir lange 
Zeit Nüffe und Mandeln aufgefnadt, 
Badwerk gegeſſen und Wein dazu ge: 


trunfen; dabei hatten wir ung wegen | 


einer Liebſchaft beiprochen, denn wir 


fahen e3 ein, daß fo Burfchen wie 


wir — Emil trug vor den Obrlapven 
jogar jchon ein paar hübſche Bart: 


ihr Liebchen haben müfjen. Er müßte 
ein’3 in einem Kaffeehaufe, vertraute 
mir, daß er entjchloffen jei, demnächit 
ihr das brittemal feine Liebe zu geftehen 
und, wenn fie ihn micht erhörte, fich 
nöthigenfall® zu erſchießen. Ach bin 
immer ein weicher Menjch geweſen — 
hatte damals ein Mädchen im SFenfter 
eines eriten Stodes erblidt und war 
feft überzeugt, daß ich niemals in 
meinem Leben den Muth haben würde, 
diefem engelhaften Wejen meine Liebe 
zu gejtehen, daß ich es aber trotzdem 
lieben würde, bis „im Tob mein Herze 


— Ich war neunzehn | 





ſagte ih: 


bricht”, wie ich in einem Gedichte fo 
ſchön darthat. 

Mittlerweile waren die Nüffe und 
die Kerze gar geworben und ich legte 
beim Scheine des Kamind mein Haupt 
an die Bruft des Freundes, und dieſer 
ichlang feinen Arm um mid, und da 
„Emil, ich will jonft gar 


nichts mehr, Du bit mir Alles!” 


„Du mir auch“, fagte er und 


‚paffte an einer Cigarre. — Ich hätte 








mir’s denken können! Wenn ich fein 
Alles bin, was braucht er mir Daneben 
noch eine Cigarre? Es war aber be: 
beutjam genug. 

Siebzehn Tage nachher jtarb meine 
Mutter. Einer Liebe zur Mutter war 
ih mir nie bewußt geworben. Sie 
war mein Leben — aber wer erinnert 
ih an eine Leidenſchaft, mit der er 
ſein Leben liebte? Wielleiht, daß der 
Sterbende dieſe Leidenschaft Fennt, der 
Lebende nicht. Das Leben ift eben jelbft- 
verftändlich und — die Mutter auch. 

Eines Tages traf fie auf dem 
Dachboden des Häuschens ein Schlag: 
anfall, fie wollte noch in die Stube 
herabeilen, da ftürzte fie über die Treppe. 
Mich traf die Nachricht in der Stadt 
— ebenfalls ein Schlaa und vielleicht 
härter, als der, den die Mutter erlitten. 
Troftlos ſank ich dem Freunde in bie 
Arme. Emil blieb ftumm und legte 
feine Hand auf meine Stine. Als die 
Mutter begraben war, eilte ich wieder 


zu ihm; er tröftete mich und jagte, 
ihöpfhen — ihren Spazierftod und 


e3 wäre eben jchon eine betagte Frau 
geweien. Und al® ih nah Moden 
immer wieder zu ihm fam, um unter 
Thränen mein Weh zu flagen — denn 
immer größer erihien mir der Ver: 
luft der Mutter, je länger ich fie miſſen 
mußte — da fagte Emil einmal: „Geb, 
laß’ das endlich fein, die Mütter fter- 
ben alle und ſelbſt das verzogenfte 
Mutterföhnlein weiß fich endlich zu 
tröften.” Ich entgegnete fein Wort und 
ging davon. Sept war der Freund 
auch dahin. Ich mied ihn mehrere 
Tage lang und fchrieb einen Aufjag 
über die Mutterliebe und über bie 


Treulofigfeit aller anderen Menjchen. 
Diefen Artikel Tchloß ich mit dem Aus: 
drude der Sehnjuht, der Einzigen 
bald zu folgen. 

Aber den Emil konnte ich doch 
nicht entbehren, ſchon einmal deswegen 
nicht, weil ich jonft gar Niemanden 
hatte, dem ih meine Gedichte und 
Stimmungen hätte vorlejen Fönnen. 
Emil hörte mid ſtets freundlich 
und verftänbnißinnig an, jo lange 
jeine Cigarre brannte. Heute jedoch, 
ala ih das von der treuloien Welt 
und von meinem baldigen Ende las, 
hub er gelaffen zu pfeifen an, ich 
glaube, es war das jchredliche „OD du 
lieber Auguftin”. Ich brach fofort ab 
und jagte tonlos: „Ein neuer Beweis, 
wie wahr meine Worte find.“ 

„Weißt, mein lieber Gabriel,“ ver: 


jegte hierauf Emil und wiegte fih im 


feinem Rollſtuhl, „Du bift ein Schwär: 
mer und benüßeft den Tob Deiner 
Mutter nur, um in Gefühlspufelei zu 
jhmwelgen — und bift ein langweiliger 
Patron.” 

— — „Leb' wohl,“ ſagte ih und 
bielt ihm bebend meine Hand bin. 

„Serous!” rief er, drüdte die 
Hand, blieb übrigens in feinem Stuhle 
figen und blies Rauch von fich. 

Bon diefer Zeit an war ich nicht 
mehr bei Emil gewejen. Das war fein 
Freund für mid. So lange er mic 
für feine Launen ausnügen fonnte, 
mußte er mich zu feſſeln. Und als ich 
in meiner Betrübniß das Freundes: 
herz ſuchte — war ich ihm langweilig 
und er ftieß mich von fih. Er ver: 
ftand mich nicht, jeine Mutter lebte 
ja noh und für feine Herzensergüſſe 
— er hatte auch jeine fentimentalen 
Stunden — ſchien er doch das Mäd— 
hen im Kaffeehauje gewonnen zu haben. 

ALS aber Tage und Tage vergin- 
gen, drängte es mich wieder, den 
Freund aufzufuchen; wir maren feit 
vier Jahren, jeit einem ſehr roman 
tiſchen Zufammentreffen in einem Eichen: 
walde, Bufenfreunde geweſen — und 
das gewöhnt fi. Doch jagte ich mir 





nun: er paßt nicht für dich, er ift, 
feit ihm fo arg der Badenbart zu 
wachſen beginnt, ein ſelbſtiſcher und 
profaifcher Menjch geworden. Und er 
vermißt ja auch dich leicht, fonft würde 
er dich aufjuchen, denn er ift der Be- 
leidiger. 

Ich hatte hierauf im felben Früh: 
jahre einen fiebzehnjährigen Gymnafial- 
jtubenten gefunden; der troff vor Ge- 
müthsweichheit und jchrieb, ſo zu jagen, 
feine Gedichte nur mit Thränen. Er 
frankte an einer unglücklichen Liebe 
und an einem „Zweier“ im der Arith- 
metif, Das war für mich der Rechte 
und er bejang unjere emwig treue 
Freundſchaft — vorläufig mwährte fie 
nur feit drei Wochen — durch ein 
rührendes Gedicht. Mit Emil fam ih 
den Sommer über noch ein paarmal 
zufällig zuſammen; er redete irgend 
einen Gemeinplag, oder ſprach von 
Pferden, landmwirtbichaftlihen Mafdi- 
nen oder von Düngerjurrogaten — 
denn er wollte fich der Defonomie be: 
geben und in irgend einem Theile des 
Landes eine Mufterwirthichaft gründen. 
— Meltgeift, ſprach ich insgeheim, 
das haft du einmal gut gemadt, daß 
du Diefen zur Pflege der Erbäpfel 
und Kürbiſſe bejtimmt Halt; laß es 
ihm nur recht wohl ergehen! — 

Im Herbite jandte mir Emil noch 
zwei meiner Bücher zurüd, die bei ihm 
gelegen waren; dabei lag feine Karte 
mit einem „Gruße”. 

Von diejer Zeit an war das Ver: 
bältniß durchaus gelöft. Leider follte 
ich nun auch meinen Freund aus dem 
Gymnaſium verlieren. Da er jeine 
zahlreichen Poefien immer nur in deut: 
jher Sprache gejchrieben hatte, jo 
war es fein Wunder, daß ihm zum 
Schluffe des Semeſters das Griechische 
ebenfall einen Zweier eintrug und er 
nun, wie feine Gollegen jagten, vier: 
ſpännig fahren konnte. Mit einem fol: 
hen Viergeſpann fährt man wohl aus 
dem Gymnafium heraus, aber nicht 
mehr hinein. Mein armer Freund mußte 
Ungeredtigfeit der Melt erfahren, er 


— — — 





wurde für ein nächſtes Schuljahr in 


die Handeläfchule einer fleinen Pro: | - 


pinzialftabt geſteckt. Zwei Briefe von 
ihm befige ich noch aus dieler Zeit; 
der erjte ift zu einer Mitternachtsjtunde 
in Trochäen geichrieben, und flagt, daß 
er, ter Schreiber, in feinem neuen, 
unſäglich projaiichen Kreiſe nimmer: 
mehr verftanden werde; er verlichert 
mih der unverbrüchlichiten Freund: « 
Schaft. Im zweiten Schreiben theilt er 
mit, daß unter feinen Gollegen doch 
recht nette Kerle wären, daß am Sams: 
tag Nachmittags von der halben Glafle 
regelmäßig die Geometriejtunde „ge: 
ſchwänzt“ würde, weil der Herr Pro: 
feffor um dieje Zeit ftet3 in einem Zu: 
ftande wäre, in welchem er jeden jeiner 
Hörer ohnehin doppelt jebe. 

Das war auch von meinem zweiten 
Freunde die lette Nachricht. 

Nun wollte ich es mit Liebichaften | 
verfuchen, aber da gings mir jo, wie | 
mand Anderem aud: die Zugängli— 
cheren behagten mir gleich anfangs nicht | 
oder ftießen mich bald ab; und eine 
echt frauenhafte, Marianna bieß fie, 
die ich jehr felten jah, die mir aber 





1) 
| 


ı mung. 
Meihnachtsfeit? Er hat feinen Ehrift: 


zu — den Einöden und ben Gletichern 
und mir war wohl in biefen 
Wandern — denn ich ließ die alten 
Eindrüde in mir wieder fpielen und 
mir war, als wallfabrteteich dem Beth: 
(ehem zu, wo ich den Heiland finden 
müßte. Worin ich mir diefen Heiland 
vorftellte, darüber war freilich Feine 
Klurbeit da. 

Ich fühlte mich, als ich fo durch 
das winterliche Hochthal dabinjchritt, 
in einer recht glüdlihen Stimmung, 
ih träumte viel und dachte wenig. 

Bismeilen begegnete mir ein Ge: 
birgler, an dem die bunte Fahne der 
Armut ausaehängt war in feinem 
beflicdten Wamms. Er hatte heute fein 
freudig Geficht, feine gehobene Stim— 
— Mas foll denn ihm das 
baum, weil in diefe Berge die liebliche 
Sitte noch nicht gedrungen ift, er kennt 
die Herzinnigfeit des Familienlebens 
nicht, weil fein Gemüth dafür zu raub 
ift und meil unter dem Drude der 
Armuth kein wahres häusliches Glüd 
auffommen kann. Zu feiner Kirche gebt 
‚er in der Mitternacht ; der ungemohnte 


fo gefiel, daß ich das Glück ihres Be: | Kerzenfchimmer und der Gloden- und 


figes einfach. für unmöglich bielt — 
ich juchte fie von der Ferne und mich 
ihr doch wieder aus. 

So war ich der Einfame und fuchte 
nur Genuß in meinen füßen und weh— 
müthigen Träumereien. Mitunter kam's 


Drgelllang zu folher Stunde, und 
die alten Krippenlieder wecken vielleicht 
ein wenig jeine Seele auf. Der Mittel: 
punkt bes MWeibnachtsfeftes aber ijt ihm 
jedenfall® der Feſtbraten, von jeinen 
fünf Praten des Jahres der legte. — 





doch deutlicher, ich fühlte, daß mir 
was abging und mußte nur nicht, was 
Da nahte die Meihnadht. Heim in 


D nein, mit jo reizlofen Gedanken 
bat fih der wandernde Junge damals 
nicht befaßt. Ihm war jeder Nelpler, 


mein Häuschen mochte ich nicht — ich |der ihm begegnete, ein Hirt aus dem 
fürchtete mich zu sehr, dieſe heilige | Morgenlande. Ihm waren die form: 
Naht, das Liebe Feſt der Kindheit, |veihen Berge mit ihren fchlichten 
ohne Mutter zu begehen. Der Chrift: | Menfcenwohnungen ein millionfach ver: 
baum im Salon mit feiner Coquetterie | größertes NKrippel, wie er es als Kind 
und feinen Frivolitäten war mir ein in feiner Pfarrkirche geſchaut hatte. 
Gräuel. Fern im Gebirge, in einer) NIS ich durch ein jchroffes Felſen— 
Hütte bei armen Menſchen, wo die |thor getreten war, wo ber Bad} Feine 
Naivität das himmlische Märchen wie: Eisdede hatte, ſondern wüſt und ſchäu— 
derfebt, dort wollte ich fein. Theil | mend über die Steinblöde braufte und 
meinem fchwärmeriihen Hange zum | hoch an die Wand aufiprigte, um dann 
Abfonderlichen folgend, theild ber Welt |in langen, ſcharfen Zapfen niederzu- 
zum Trotze zog ich alfo dem Gebirge | ftarren — meitete fih das Thal. Tief 


188 


in der Fläche lag dunkler Wald, ber 
nur punkt: und ftreifenweife vom Schnee 
beiprenfelt war. An beiden Seiten 
thürmte fih in fühnen Wänden das 
Gebirge auf, von mandem Engthale 
durchbrochen. An einem folchen Ge- 
wände body oben ragte das jchlanfe 
rothe Thürmchen einer Kapelle, das 
wohl nur zur Sommerszeit von An: 
dächtigen bejucht werden mochte. Im 
Hintergrunde endlih war das Thal 
plöglih abgejchloffen. Die blauenden 
Wuchten der hohen Sul — in ber 
Tiefe ſchon nachtend, oben auf der 
höchſten Pyramide, die wie eine Biſchofs— 
mütze ausfieht, der glühende Schein. 
Im Thale hub es jchon an zu bäm- 
mern, aber die ftille, rothe Gluth auf 
der Spitze der Sul legte in die jcharfen 
Schatten ringsum einen rofigen Hauch, 
jo daß eine Stimmung in die Gegend 
fam, die unbejchreiblid ift. -—- Das 
find ja die Eisfelder dort oben, die 
ewig leuchten, auch in der Mitternacht 
in blafjem Weiß, eine ſehnſüchtige Hand 
der Erde, die ſich ausjtredt nach dem 
unverfiegbaren Lichte des Himmels. — 
An der Sohle jenes Bergriejen, der 
die glorreihe Krone trägt, werden die 
drei Häufer liegen. Was joll dort 
jein, daß es dich aus deinen Kreiſen 
zieht und hierher in diefen Winfel, 
den du faum je in deinem Leben 
nennen gehört haft? — Aber jo iſt es 
geworden, daß du die Poefie nur mehr 
in den Wäldern, in verlorenen Berg: 
Ihluchten und bei den Naturmenfchen 
fuhen mußt. Mit wem ift e8 jo ge: 
worden, mit ber Welt oder mit dir? 
— Vielleicht liegt der Fehler in dir. 
Mahrhaft poetiſche Gemüther müſſen 
ja doch an allen Orten, in allen Lagen 
des Leber und an allen Menjchen 
das Schöne herausfinden fünnen. Hajt 
du nur für die Wildniß Neigung, jo 
it an dir ein Bär verborben. — So 
rief's in mir — noch feder faft, als 
einft mein Freund — und ich fonnte 
nicht wiberfprehen. Ich war nämlich 
Ihon müde und etwas abgejpanıt und 
ih jagte zu mir jelbft: dieſe ziel: 


und zwedlofe Bergtour kann möglicher: 
weife ein dummer Streich fein. 


Der Weg wurde ſchlechter, endlich 
waren nur mehr die zwei tief gehöhl: 
ten Schlittenleiften, und inzwijchen der 
harte Rüden aus gefrornem Schnee. 
Die Fußtritte winfelten, es war eine 
harte, trodene Kälte und bie flare 
Luft wie zu einem Kryftalle eritarrt. 
Kein Vogelſang, fein Rebgebell war 
zu hören, fein Lufthauch in ben Wi- 
pfeln, kein Niejeln einer Duelle— nichts, 
al3 das Knarren meiner Füße und 
meines Stodes im Schnee. Und fein 
Waldduft, kein Blümlein, fein fliegender 
Blüthenftaub, Feine jummende Mücke. 
Es wac ja die Mitternacht der Natur, 
und der Sommer fchlief in feinem Erd: 
reiche. 

Der Schnee wurde feichter, ber 
Wald dichter und dunkler, nur biswei— 
len noch bligte zwiſchen den Wipfeln 
die glühende Tafel von der hohen Sul, 
welche aber auch allmälig erblaßte. 


— Ein feltfamer Chriſtabend, Ga— 
briel, bijt du wohl bei Troft ? — Sonft 
haft du die heiligen Stunden im patri= 
archaliſchen Frieden deines Vaterhauſes 
zugebracht. Die uralten Weihnachts: 
fitten, theil® aus dem Heidenthume 
der germanischen Vorfahren ftanımend, 
theils von der Kirche eingeführt als 
eine Botichaft aus dem bibliichen Beth: 
(ehem, wie haben fie dich jedesmal neu 
bewegt, wie haben fie dir ſtets ein 
Stüd deiner erften, glüdjeligften Kind: 
heit wieder zurüdgegeben. Jetzt ift das 
liebe alte Haus verjchloffen; Der 
Schein der Talgkerze fällt nicht mehr 
hinaus an den Stamm der alten Ejche, 
die vor dem Haufe jteht; vielleicht, 
daß ein Stern des Himmels hinein: 
gleitet durch das glasloſe Fenfter auf 
den wurmſtichigen Tiſch, wo jonft die 
Mutter gejejfen war, und wir Kinder 
um fie herum, ihren Weihnachtsmärchen 
laufend. Sie ruht jegt im Grabe 
und ihr Kind zieht in fremden Weiten 
und hat feinen Weihnachtsgruß für 
den Hügel auf dem Kirchhof. — 


Schwer trägt man an Gebanfen 
und Träumen, wenn man fich zu viel 
davon aufladet. — Ich ging faft willen: 
[03 weiter, immer durch finfteren Wald. 
Es war dichter, junger Tannenanflug, 
die Bäume waren etwa nur um's drei— 
fache höher als ich. Die ſchwarzen Spigen 
ihrer Wipfel fchnitten ſich noch ſcharf 
am Abendhimmel, an welchem jchon 
ein Sternlein um’3 andere zu flimmern 
begann, Ein blafjer Streifen, der in 
der Düfterniß des Waldes vor mir 
binlag, zeigte mir den Weg. Ich hob 
meinen Stof empor und trug ihn 
wagrecht in der Hand, dem fein Ge: 
räuſch im gefrornen Schnee fam mir 
unheimlich vor. Auch mit meinen Füßen 
trat ich jehr vorſichtig aufden Schnee, 
daß er nicht allzujehr knarrte. Einft 
am heiligen Abend hatte die Mutter 
gerne gefagt: „Nur gerubfam, Kinder, 
und wedet das Chriſtkindlein nicht auf!“ 
Die Räder und Hämmer aller Fabri— 
fen“ Schweigen in diefer Naht. Nur 
die Eifenbahnmafchine brauft Tag und 
Nacht und immerfort; fie weiß nichts 
von Poefie, fie ijt ein Kind der Zeit. — 

Ich ftand einmal fill. Ich horchte. 
Seht war nicht mehr die kalte Ruhe 
des winternächtigen Waldes. Und hätte 
Einer nichts gewußt vom Kalender — 
in diefer heiligen, friedensvollen Stim— 
mung der Natur hätte er die Ehrift: 
nacht erkannt. 

E3 war jenes jeltfjame Klingen, 
das zumeilen gehört wird, aber nicht 
von den leiblichen Ohren, fondern von 
der Seele, und von welchem meine 
Mutter einmal gefagt hatte: „Haltet 
jeßt die Ohren zu, Kinder und horchet, 
im Himmel oben läuten fie mit allen 
Glocken.“ 

— Engel verkünden die Stunde, 

Die ums geboren den Herrn ... 
jagt das alte Lied, ein Beweis, daß 
auch unjere Borfahren die himmlische 
Muſik gehört haben. 

Nun funkelten oben alle Sterne in 
vollftem Glanze — unferes Herrgotts 
Weihnachtsbaum, den er feinen Men- 
hen auf Erden angezündet hat. Er 


——— 


gibt uns das Licht und das iſt unſer 
Chriſtgeſchenk. 

Und das iſt die Stunde, in wel— 
cher draußen in allen Häuſern die 
Chriſtbaumluſt waltet. Menſchen, die 
ſich das Jahr über vielleicht gegenſei— 
tig oft bitter weh gethan haben, ver— 
ehren ſich Gaben und ſagen, daß ſie 
fi) recht lieb haben und von Neuem 
lieb haben wollen. Die Gejellichaft 
windet bei dem Strahle des Weihnachts: 
baumes eine neue Roſenkette und die 
Herzen werben weich und warm, wie 
dad Wachs an der jungen Tanne. — 
D glüdjeliger Lichterbaum! und hätte 
Prometheus mit dem Feuer, das er 
vom Himmel geholt hat, nicht3 ange 
zündet, al3 den Weihnachtsbaum — 
dieje Wärme allein hätte die Menſch— 
heit durchdrungen. — Und ich bin aus: 
geſchloſſen aus den heiteren Kreifen, 
muß im Froſte und in der Finſterniß 


eines öden Waldes fein ? — Ya, Freund, 


du haſt dir's jelber gethan? Schreite 
fürbaß bis zu den drei Häufern, dort 
kannſt du bei fremden Gefichtern und 
einer rußigen Spanleuchte deine Weih— 
nachtöfreude begehen. — Ad, daß der 
liebe Gultus des Chriftbaumes noch 
nicht zu den armen Landleuten gedrun- 
gen ift! Da würde e8 zum mindejten 
einmal im Jahre licht in ihrem Haufe 
und in ihren Herzen. — Aber darf 
man es den Leuten wohl auch Licht 
machen ? Das Licht verjengt ihre Nai- 
vität, die beftändige Kindſchaft ihres 
Lebens... . 

So hatte mein Sinnen eben fo 
wenig Ziel und Zwed, wie mein Wan- 
dern. Nur gut, daß mir im Schnee 
der Weg gebahnt war; zur Sommers: 
zeit würde ich mich verirrt haben in 
dem Wirrfal des Didichts, wie ich 
mich ſtets immer wieder verirrte in 
dem Wirrjal der Träume. 

Erſchöpft fühlte ich mich und trüben 
Auges blidte ih vor mich hin, ob es 
fih nicht ſchon bald lichte, daß ich bei 
meinen drei Käufern wäre. Aber der 
Wald wurde wo möglich noch immer 
dichter und meine Uhr jagte mir, daß 


190 


ih wohl noch eine Fleine Stunde bis 
zu dem gejtedten Ziele zu gehen haben 
würde. Da jah ih durch das junge 
Geſtämme plöglih etwas ſchimmern. 
Ich erjchraf und blieb jtehen. — Es 
war bie tieffte Stille. — Ich ſchritt 
weiter. Es war fein gemwöhnliches Licht 
einer Hütte, eines offenen Feuers — 
gar hell zitterte es durch die Aeſte und 
die Schäfte der Tannen und Fichten 
erglühten im jeltjamen Schein. Und 
als ich noch etlihe Schritte machte 
und das Didicht ſich getheilt hatte 





— mas war das? — 

Mitten in dem ftillen, einfamen 
Malde, lebendig herausgewachſen aus 
dem Erdreich, Moos und Schnee, prangte 
in einer reichen Lichterfrone — ein 
Weihnahtsbaum. 

— Wie erflarrt mag ich dageftan: | 
den fein. Dann habe ich meine Augen | 
gewendet und meine Ohren angeitrengt 
— habe nichts gejehen, als den jchwar: 
zen Wald und den funfelnden Baum ; 
habe nichts gehört ald — das Gloden: 
geläute vom Himmel. 

Mas iſt das? 

Iſt's ein Traum? nein, du wachſt 
ja und das iſt falter Schnee. Iſt's 
eine Erjcheinung deiner überreizten | 
Seele? — ober iſt's doch ein Wunber ! 
Ein Wunder, zu dem did ein uner: 
Härlicher Drang hierher geführt hat ? 

Mid hatte früher in die Finger 
gefroren, jetzt riejelte es heiß durch 
al’ meine Glieder, und wie jelbit zu 
einem Baume angemwurzelt jtand ich 
da — zehn Schritte vor dem in bei: 
liger Ruhe leuchtenden Tannenbaum. 

Ich habe fie nicht gezählt, aber 
wohl an die dreißig weiße Kerzen 
mögen gebrannt haben auf den Aeſten, 
und als des Wipſfels höchſte Knoſpe 
jtand von feinem Lüftchen bewegt, weiß 
und heil noch ein Lichtlein. Unten auf 
dem Schneeboden rings um das Bäume: 
hen hatte der Schatten des Geäjtes 
eine dunkelgeflochtene Krone gelegt. 
Sonft war nichts da und rein von 
allen Gegenftänden irdiſcher Wünſche 
in höchſter Einfachheit und eben da- 





1 





durch in höchſter Schöne — nur der 
Seele geweiht — ſtand die wunder— 
volle Weihnachtstanne auf dem Schnee. 

Und da es ftille blieb und Nie: 
mand fam aus dem Stamme der Meı- 
ihen und ich ja ein leblojer Strunf 
geworden war, jo jhienen die Bäume, 
die in der Runde fanden, vortreten zu 
wollen zu ihrem heiligen Chrift. Deut: 
liher wurde mir ihr Gejtämme und 
Aſtwerk, roth vor Freude waren fie 
und ihre jungen Arme ftredten fie aus 
nach dem lieben verflärten Genofjen — 
der erſte wohl, der, auch noch im glor: 
reihen Kleide des Lichtes bei ihnen 
verblieben war. 

Die erften Schauer in mir waren 
etwas gewichen, die Thräne des Auges 
an den Wangen eritarıt. Ich konnte 
aber nicht vorüber gehen, ih mußte 
ganz binjchreiten zum Bäumchen, zu 
jehen, ob denn nicht doch mein Gott 
verborgen fei hinter dieſem brennenden 
Dornbuſch. 

Da ſah ich, daß eng am Stamme 
zwiſchen zwei Lichtern ein Sternchen 
glänzte. Es war aus Goldpapier ge— 
ſchnitten und mitten in demſelben — 
ih hatte mich ſchon gar nahe gewagt 
— ſtanden die Worte: „Gabriel, gehe 
rehterhand ab von Deinem Wege und 
fomme an unfer Herz.“ 

Neues Erzittern in mir. 

Bald jedoch ſtand mein Entſchluß 
feſt, an das Wunder zu glauben. Was 
da im Rathe Gottes mit mir geplant 
war, ich wollte folgen. Zum Böſen 
konnte es nicht führen, dafür war mir 
die Geſtalt des Wegweiſers der heiligſte 
Bürge. — Ich wußte nun wohl, mit 
Menſchen hätte ich es zu thun, aber 
weil es gar ſo märchenhaft war, wie 
mir in meinem Leben noch nie was 
ſo Seltſames begegnet, ſo ſah ich eben 
nur das Märchen. 

— Gehe rechterhand ab von dei— 
nem Wege! — Ich unterſuchte den 
Boden und fand, daß thatſächlich ganz 
nahe an dem brennenden Bäumchen 
ein jchmaler Fußpfad fih von dem 
Schlittenweg nad rechts abzweigte. 


191 


Noh einmal jah ih den Weih— 
nadhtsbaum an und ließ ihn damı 
jtehen in jeiner ftilen Oedniß und 
johritt den jchmalen Fußpfad hin. Noch 
fandte er mir, auf der Kleinen Blöße 
meinen neuen Meg beleuchtend, den 
rofigen Schein nad, und der Schatten 
meiner Geſtalt glitt vor mir auf dem 
Boden hin, ein dunfler Wegweijer, der 
den Pfad eher verbedte als Flarlegte. 
Endlich aber war der Schein erblaft 
uud erftict, ich ging wieder durch fin: 
fteren Wald und Hatte Mühe, mit 
meinen Füßen in den mir vorgetrete: 
nen Spuren zu bleiben. E3 ging bergan 
und es ſchien, als führe mein Weg 
in das wüſte Gefelje empor, das id) 
früher über den Wald ſich erheben ge: 
jehen hatte. 

Almälig wurde der Anwuchs 
dünner, es lichtete fih und ich jah 
links und rechts die dunklen Majjen 
des Gewändes und ich ftand auf einer 
Scharte, die jenfeit3 in eine Schlucht 
jehen ließ, deren Abgrund nicht zu er: 
meflen war. Das Rauſchen eines Wild: 
baches jchien jehr tief heraufzufommen. 
Und mein Fußjteig ging nieder gegen 
diefen Ungrund, Als ich noch einmal 
zurüdblidte in den Bergfefjel mit dem 
noch immer wie Phosphor ſchimmern— 
den Gipfel der Sul im Hintergrunde 
und mit der Waldfläche unten, die wie 
ein jchwarzer See dalag, jah ich dort 
noch das funfelnde Krönlein des Chrift: 
baumes in jeiner Einſamkeit ftehen. 

E3 geht ein Märchen vom Srr: 
ihein, e3 geht ein Märchen von jenem 
ewigen Licht im Walde, das Jeden, 
der ihm folgt, zum Untergange führt. 
Ich glaubte nicht daran. Ein Licht, 
das den Chriftbaum zu jeiner Geftalt 
erwählt bat, kann nicht falſch fein. 

Vielleiht aber war der Chrijtbaum 
von den Seligen mir gejandt, von 
meinen Eltern — und fie riefen ihr 
heimatlojes Kind zu ih... . 

Als ich mich gewendet hatte und ber 
Sternim Thalkeſſel hinter mir entſchwun— 
den war, jah ich in der Tiefe, in welche 
ih eben binabzufteigen verfuchte, einen 


andern. Er leuchtete roth und fladerte 
und röthete auch den Rauch, der aus 
ihm aufwirbelte. Ich hielt das zuerft 
für ein großes Lagerfeuer und gar für 
den Brand eines Haufes; aber es war 
viel näher da, das Licht ftieg zu mir 
herauf — es war eine Spanlunte. — 
Ein junger Mann trug fie, ein jelt: 
jam jchöner Jüngling in der Kleidung 
des Hirten, aber nicht des Senners 
der Alpen, jondern des Hirten im 
Morgenlande mit dem Hlaffiih ge 
ichlungenen Mantel, mit der Tuch— 
mütze, mit den nadten Beinen und 
den Sundalen, wie einem Krippel ent: 
laufen, Mitten im minterlichen Hoch: 
gebirge! In der einen Hand trug er 
einen gefrümmten Schäferjtab, in ber 
andern die Fadel. Als er mich jah, 
lächelte er und fagte: „Da ift ber 
Herr. So ſoll Er mit mir gehen. Ich 
will Ihn zur Freude führen.“ 

Dann jtiegen wir zufammen in bie 
Schludt hinab. Der Hang war fteil, 
der Steig ging in Windungen. Mein 
wunderliher Führer jchritt gemächlich 
voraus und hielt die Fadel ftet3 fo, 
daß ihr Licht auf meine Tritte fiel. 
„Was fol das Alles bedeuten ?“ 
fragte ich ihn. 

Er jah um, lächelte mich au, ent: 
gegnete aber fein Wort. 

„Wohin führt Du mich, mein 
Freund?” fo meine zweite Frage. 
Die Krippelfigur jtieß ihren Stab 
luftig in den Schnee und jchwieg. 
„Ja“, ſagte ich enblih, „es hat 
weiters nichts auf ſich, nur fürchte ich, 
daß ih wahnfinnig geworden bin.“ 
Er blieb jtumm. 

Das Raufhen des Waſſers war 
immer lauter geworden, je näher wir 
zu ihm hinabfamen, und jet war ein 
Donnern, daß ſchier der gefrorne Bo— 
den bebte. Und plöglih ftanden wir 
vor einer Erjcheinung, die mich er: 
chreckte. 

Ein kurzes Engthal war. Von einer 
gewaltigen, ſenkrechten Felswand nie— 
derwarf, einem wuchtigen Schneeſchutte 
ähnlich, in den Strahlen unſerer Lunte 


192 





golden funkelnd — ein ungeheurer | ein lichter Duft. Aus der Ferne ſummte 


Wafjerfal. Oben drängte er fih aus 
einer jchwarzen Kluft, zu der unjer 
Licht kaum mehr hinanleuchten wollte, 
dann flürzte er in einem feden Bogen 
jhwer und krachend herab auf einige 
Felskanten, die ihn in taufend Fetzen 
zerriffen, jo daß er dann in einem 
breiten, mwildbraufenden Strome den 
zweiten Abgrund niederfuhr, um ſich 
unten tojend und giſchtend in eine 
qualmende Staubmwolfe zu verhüllen. 


Einen Ruf um den andern ftieß 
ih aus, aber ich hörte meine eigene 
Stimme nit. Mein Begleiter jprang 
aus dem Schnee auf einen Fahlen 
Stein und ſchwang die Fadel hoch 
über feinem Haupte. Da war in dem 
Nebel, der aus der brandenden Tiefe 
emporftieg, der fiebenfarbige Bogen. 

Und nebenhin fpielte das Licht in 
den Eisgebilden, die, hier wie Orgel: 
pfeifen, dort wie Urwaldgejtämme, 
dort wieder wie erjtarrte Wogen- und 
Waſſerſtürze, prangten. 

Ale Schauer der Ehrfurcht find 
über mich gefommen. Mein Begleiter 
mußte mid an der Hand fallen und 
von diefem Naturjpiele hinwegführen. 

Wir waren in einem Thale. Der 
Meg hatte ſich gemweitet und neben 
demjelben raujchte immer noch in wü— 
jter Aufregung das Waſſer. Vielleicht 
zwanzig Minuten waren wir jeit dem 
Waſſerfalle gegangen, da fette unjer 
Meg auf einer hohen Brüde über den 
Bad. Auf der Brüde jtand ein Kreuz 
mit einem jchönen Bilde der Mutter 
des Herrn, vor welchem ein rothes 
Hemplein brannte. Hinter diefer Brücke 
thaten fich die Berge auseinander, ein 
breites Thal lag da; am Wege waren 
junge Baumpflanzungen; Planfen und 
Zäune wecdhjelten; hie und da in der 
Ferne jchimmerte eine Fenſterſcheibe. 
Mein Begleiter blieb ftehen und ftecte 
die abwärts gejenfte Fackel in den 
Schnee, daß es ziſchte und mir im 
Finftern waren. Aber die Sterne fun: 
felten jharf und über dem Thale lag 


das Geläute von Kirchengloden. 

Bor uns ftand eine dunkle Maſſe 
mit vielen jchimmernden Duabrätchen. 
Diejer gingen wir zu. Zwei Hunde 
ichlugen an, waren aber, als mein 
Führer einen Laut von fich gab, jo: 
gleich wieder til. Wir jchritten durch 
einen weiten Hof der Pforte zu, ar 
welcher zwei Laternen brannten. 

* Das war doch mehr als ein Bauern: 
hof; e8 war aber auch nicht der Stall 
von Bethlehem . . . 

Mir traten in das Gebäude und 
als wir die breite Holztreppe hinan— 
jtiegen, Elapperten meine fteinhartge: 
gefrorenen Schuhe. Dben ging eine 
Doppelthür auf und ich ftand in einem 
milddurchwärmten, hell beleuchteten 
Saal. Und eine junge Frauengeitalt 
jtand da, in einem lichtblauen Kleide 
und eine Roje im golbfarbigen Haar. 
Sie hatte große, blaue Augen, und 
mit denen blidte fie mich jegt an und 
hielt mir ihre Eleine weiße Hand ent- 
gegen und jagte die Worte: „Seien 
Sie gegrüßt, bei uns, Gabriel, ſeien 
fie gegrüßt !” 

Ich wußte nicht, was ich entgeg: 
nen jollte, ih wußte ja immer nod) 
nicht, was das Alles war uud bedeu: 
tete. Da ging jchon die Nebenthür auf, 
und er trat herein — er im bunfeln 
Rod, mit lächelndem Antlige und mit 
offenen Armen. 


„Servus, Gabriel!” — und er 
riß mih an jeine Bruft und füßte 
mich innig. 


— „Emil!“ ftotterte ich. 

„Ja freilih!” rief er, „und fo 
muß man Dich wieder einfangen, Du 
ſcheugewordenes Menjchenkind, Du mil: 
der Knabe! — Sei gegrüßt!“ 

„sa, aber —“ 

„Das ift“, fuhr er fort, die junge 
Frau an der Hand faſſend, „wie Du 
Dir denken Fannft, mein Weibchen, 
und ber da, lieb Tinchen, ift Gabriel 
der verzauberte Prinz, der in einen 
Poeten verwunſchene Menſch, mein 
lieber Freund und Zwetſchkenröſter.“ 


193 


„Aber, wiejo fommt —“ jtotterte | Es ift ein heiteres Chriftmahl ge 


ih wieder. 

„sa!“ rief die Frau, „das wär’ 
ein jauber Ding, jegt mit den ver: 
frorenen Füßen zu ſchwätzen anfangen. 
Kommen Sie mit in Ihr Zimmer, 
zum Plaudern ift jpäter noch viele 
Zeit.” 

Und fie führte mich in ein freund: 
liches Gemah mit einem fnifternden 
Kamin und zwei jchneeweißen, bren- 
nenden Kerzen auf dem Tifchchen. 

Eine Stimmung wie Heimatshaud) 
ummebte mich. Aber vor Allem fühlte 
ic) jelbit, was das Nöthigite war. Ich 
brauchte ziemlih lang, um mich zu 
durhmwärmen ; von außen hinein thats 
ber Kamin, von innen heraus der mir 
gebrachte, mildvolle und gluthreiche 
Mein mit dem jüßen Namen „Lieb: 
frauenmild.“ 

Und als ich endlich auch in einem 
weihen Hausfleide ſtak, trat ich wie: 
der hinaus in den lichterreihen Saal 
und durch denjelben in ein Eleineres 
Zimmer, in welchem für vier Berjo- 
nen eine Tafel gedeckt war. Eine 
leiht umſchirmte Hängelampe goß 
ihr volles Licht nieder auf den mwohl- 
beitellten Tiſch, während die übrigen 
Theile des Zimmers in behaglichem 
Dämmerſcheine blieben. 

„Und jegt, mein Freund!” jagte 
Emil, mir noch einmal die Hände 
jhüttelnd, „vergib! ich hatte fein 
Recht dazu, aber ich habe es doch ge— 
than. Wir wollten Dich jo gerne bei 
und haben. Du bift auf dem Ober: 
hofe daheim.“ 

„Es freut mich von Herzen“, jagte 
ih, „nur willen, wie das Alles fommt ! 
Jh bin ein Träumer, aber es liegt 
— doch daran, daß dies kein Traum 
ei.“ 

„So iß jetzt wacker und trink'“, 
ſagte Emil, „das iſt der beſte Beweis 
Deines Wachens.“ 


Albertine, ſo hieß ſein ſchönes, 


junges Weib, legte mir die feinſten 
Stücke auf den Teller. Emil hielt 
ſtets mein Glas in gutem Zuſtande. 


Roſeggets „Heimgarten‘‘ 3. Heft. 


wejen. 

„Für wen ift nur das vierte Be: 
jted hier an meiner Seite?“ fragte ich, 
da ung doch nur drei Perſonen waren. 

„Ih hoffe, Du wirjt es noch er: 
fahren, Gabriel“, war der Bejcheid 
meines Freundes. Und der Sefjel ne: 
ben mir blieb leer. 

„Nur auf Eines will ih Di 
gleih aufmerffam machen, Freund“, 
jagte Emil, „heute ift Chrijtabend, 
aber bejchenft werden wir nicht. Wir 
laffen die Sitte fallen, fie bringt zu 
viel Spannung in den heiteren Kreis, 
und der A weiß doch nicht fo aut, 
was der B braudht und am liebiten 
will, als der B jelbft. Der B fol 
von dem Geld, womit er für den A 
vielleicht was Unpafjendes gefauft hätte, 
für fich jelbjt zu Ehren des B das Paſ— 
jende anfchaffen. Der A ſoll es auch jo 
machen — fahren beide Theile beſſer.“ 

Mir fröftelte vor ſolch einem pro: 
ſaiſchen Menfhen. Wie war der nur 
im Stande — 

„Na“, bemerkte Emil, „Ihr Poe- 
tafter jeid eben gewohnt, alles Prak— 
tiihe für projaiih zu halten. Mir 
wieder jcheint das Unpraktiſche nicht 
poetiſch. 

„Und der Chriſtbaum da oben im 
Gebirge“, ſagte ich, „und ihr und ich? 
— mir wird unheimlich, wenn ich die 
Löſung nicht bald erfahre.” 

„Ih fürchte, die Löſung ift zu 
wenig romantiſch für einen in Aether 
conjervirten Jüngling“, lächelte Emil. 

„Spotte, jpotte! Wenn man auf 
projaiihem Wege Solches ausführen 
fann, dann ſchwöte ich der Proja zu 
für alle Zeit.” 

„sh muß Dir doch erzählt haben, 
daß ich Zandwirth werden wollte ?“ 

„Das haſt Du mir mehrmals ge: 
jagt”, antwortete ich. 

„Und daß ich mir dann ein liebes 
Weibchen in's Haus führen möchte.“ 

„Das haft Du mir auch nicht ver: 
| ſchwiegen.“ 





18 


194 


„Wohlan, das habe ich gethan. 
Im August des vergangenen Sommers 
habe ich mir den Oberhof im Sul 
thale erworben, im September bin ich 
hierher gezogen, im Oktober habe ich 
das Haus geordnet, im November habe 
ih mir aus den Weinbergen meine 
Albertine geholt.“ 

„Aber, das ift niht — ?“ rutjchte 
es mir heraus, 

„Nein, das ift nicht das Kaffee: 
hausmädchen“, ergänzte Emil feine 
lähelnde Frau an der Hand fallend, 
„für die hübſche Kaffeewirthin habe ich 
nur geihwärmt, aber die liebe Alber: 
tine, die ich bei einem Weingartenfejte 
fennen gelernt, babe ich geheiratet.“ 

„But“, ſagte ich nach einer Weile, 
„io jeid ihr da. Aber wie bin denn 
ih da?“ 


„Geſchwindigkeit ift Feine Hexerei“, 


lachte Emil, „mit Bedacht und langem 
Vorbereiten hätten wir Dich nicht hier: 
hergebracht, jo jehr wir uns darüber 
den Kopf zerbrodhen haben. Du bijt 
überliftet worden. — Wie Du von 
Wien zum Dreinägelwirth kamſt, das 
weiß ich nicht, wahrſcheinlich theils 
auf der Eifenbahn, theil® zu Fuß und 
theil3 zu Pferd — auf dem Pegafus. 

„Ach, laß’ das”, warf ich ein, 
„ich babe jchon ſeit einer Woche Fein 
Gedicht mehr gemacht.” 

„Bitte, genire Dich nicht in mei— 
nem Haufe; es wird Dir jchon ein 
Winkel angewiefen werden, um folch’ 
allfällige Vebürfniffe zu ſtillen.“ 

Ich würde faum gemerkt haben, 
daß dieje Worte wieder Spott gewe— 
jen wären, wenn Albertine nicht aus: 
gerufen hätte: „Aber Emil! — jetzt 
haft Du Dich Jo lange — wie ein Kind 
auf ihn gefreut, und jegt thuft Du ihm 
allerhand Boshaftigkeiten an. Er lauft 
uns in diefer Stunde wieder davon.” 

„Ob, der bleibt ſchon da!” fagte 
Emil. Und wahrlih mir fam nichts 
weniger in den Sinn, als aus dieſem 
Haufe wieder fortzugehen. 

„But ift nur, daß er nicht ganz 
von Nektar und Ambrofia lebt“, fuhr 


Emil für fih redend fort, mit dem 
Halſe einer Schaummeinflafche ſpielend, 
„denn wäre er beim Dreinägelwirth 
nicht zugefehrt, jo hätte ich ihn kaum 
in unferer Gegend entdedt und er hätte 
es auch der Frau Wirthin nicht mit: 
theilen können, daß er wie ein Tſchap⸗ 
perl (Närrchen) umgeht.“ 

„Das habe ich ihr nicht gejagt“, 
verjeßte ich. 

„Du mwußteft ja gar nicht, wo Du 
hin wollteit. Schadenbach, Bergwieſau, 
die drei Häufer an der Sul — Alles 
war Dir recht. — Aha, denfe ich mir 
im Nebenzimmer, der leidet gerade 
wieder arg an feiner Poeſelei. So 
Leut’ find wie Mondfüchtige, man muß 
fie gehen laffen, aber ein ſcharfes Auge 
auf fie haben. Dem Wetter ift der ge= 
rade gut genug zum Erfrieren, wenn 
er wo liegen bleibt. — Eilends bin 
ih nach Dir davongefahren, hab’ Dich 
unterwegd noch einmal gejehen mit 
Deinem ſäuerlich verflärten Gefichte, 
wie Einer, der das Reich Gottes auf 
Erden jucht und“ fi dabei die Naſe 
verfriert.“ 

„Sa, ja”, lachte Albertine, „Du 
jelbjt biſt troß Deiner Pelze mit einer 
verfrorenen Naje nah Hauſe gefom= 
men.“ — Und zu mir: „Du Alber: 
tine, jagt er, der Gabriel jtreicht 
in der Gegend um. — Wo? ruf’ ich, 
fo hole ihn doch. — Ob, jagt Emil, 
das verfängt nicht.“ 

„Freilich“, verjegte Emil, „den 
muß man poetüdijcher Weife Hinter: 
gehen. — Es war feine Zeit zu ver: 
lieren, in anderthalb Stunden mußte 
der Nachtwandler im Kefjelmwalde fein, 
wo ber Fußpfad nah dem Oberhof 
herüberführtt. Ich bin mit meinem 
Schlitten ſchon außerhalb des Keſſel— 
thore3 feitabgefahren, aber das wäre 
fein Weg für Dich gewefen. Dir mußte 
man in Nacht und Wildniß beitommen, 
wie dem Grafel, als man ihn einge: 
fangen hat.“ 

„Zuerſt ift er“, fagte Albertine, 
und redete von ihrem Manne, „auf 
den Gedanken gefommen, drüben im 


Keffelmald raſch eine hölzerne Hand 
an den Baum zu heiten, die mit ber 
Inschrift: Weg zu den drei Häufern — 
den Fußiteig zu uns herüber gezeigt 
hätte. Denn bei uns find ja auch drei 
Häufer und eine Viertelftunde weiter 
draußen jogar ein ganzes großes Dorf.“ 

„Bei rabenfinfterer Nacht fo ein 
Megzeiger, das märe ein Schlechter 
Spaß geweſen“, lachte Emil. 

„So ift er”, ſagte Albertine, „auf 
die Chriftbaumidee gekommen. Gleich 
war der Fuchs aus bem Stall und 
mit dem SKerzenpafet ift er davonge— 
ritten. Tannenbaum brauchte er feinen 
erſt zu ſchneiden.“ 

„Bäume gibt es im Walde genug“, 
fügte Emil bei, „bald brannte das 
Ding lichterloh ; und meinſt Du, Freund, 
ih hätte mich nicht irgendwo im Hin- 
terhalt verjtedt, um, fall das Ma: 
növer nicht gewirkt hätte, Dich doch 
noch zu ergreifen? Was hätteft denn 
Du in den drei Häufern gemacht? | 
Dort ift ja fein Menſch daheim, fie 
gehen alle in die Chriftmette und da 
müffen fie um acht Uhr ſchon auf: 
brechen. Haft mich denn nicht gewahrt, 
wie ih dann über den Berg hinter 
Dir und Deinem Hirten bergejchlichen, 
und mich, dieweilen ihr beim Waffer: 
fall waret, wieder in den Sattel ge: 
worfen hab’ und davon geritten bin 2“ 

„Aber der Führer”, jagte ich, „der 
bat fih doch jeine nadten Füße im 
Schnee gründlich verfroren!” 

„Ah geh!” jpottete wieder Emil, 
„io projaisch zu denken von dem Hir- 
tenfnaben aus Bethlehem !“ 

Doch, das junge Weibchen be: 
tubigte mih, der Burſche wäre 
der Sägenfeiler-Michel geweſen. Der 
wäre in ſolchem Komödianten - Auf: 
zuge gerade von der Probe zum „Krip: 
pelgipiel” heimgegangen, das mor— 
gen beim Nichterbauer aufgeführt 
würde; der Michel jpiele dabei den 
Hirten Nathaniel und in der Ge 
ftalt habe ihn der Emil gewonnen, dem 
Gaſte mit der Fadel entgegenzugehen. 
Das enganliegende, fleijchfarbige Bein: 


— 


kleid mit ähnlicher Beſchuhung wäre 
von Rehfellen und hielte warm. 

„Ihr lieben Leute!“ rief ich, „darf 
ich Bruder und Schweſter zu Euch 
ſagen? — Verzeihe, Emil, Du haſt 
ein reiches, ſchönes Gemüth, das auch 
aus der Alltägigkeit Poeſie zu machen 
verſteht.“ 

Da knallte der Stöpfel, dicker 
Schaum ergoß ſich in unſere Becher. 

„Und jetzt laßt die Weihnachts— 
gloden klingen!“ rief Emil fich erhe- 
bend und wir ftießen bie Gläfer an— 
einander. „Nein, fein Toaft! Jedes 
trinfe und denke dabei ftill an fein 
Lieb I” 

Und als wir getrunken hatten, 
jant Albertine feuchten, Teuchtenden 
Auges an die Bruft ihres Mannes. 
Es war ein langer Kuß; ich Hatte 
meinen Freund nie ſo küſſen gefehen. 

Mein Trunf aber brannte mir im 
Herzen. — „Jedes denke ſtill an 
jein Lieb!” — Ich Hatte Feines. 
Ich mar verlaffen, wie der Stein 
auf der Straßen. Ich Hatte wohl 
den wiebergefundenen Freund lieb, und 
auch feine anmuthige Gattin, aber ich 
fühlte, wie fie fich gegenfeitig ergänz— 
ten und um fich einen ewigen Ring 
ichloffen, den fein Drittes mehr über: 
fchreiten durfte. Sie waren eine Ganz: 
heit ohne mich — und ber Jugend: 
freund ift dem Ehegatten fremb gemwor: 
den, wie die abgefallene Blüthe dem 
Fruchtknoten. 

In mir wogte ein unſagbares 
Weh; noch in derſelben Mitternacht 
wollte ich auf und davon. 

Am andern Morgen, als die Spi— 
tzen der hohen Sul ſchon in ſonniger 
Gluth ragten, als luſtige Schlittenge— 
ſpanne gegen das Dorf rutſchten, ge— 
füllt mit feſtlich gekleideten Menſchen 
— ging ich wieder meines Weges. 
Ich ging der nächſten Bahnftation zu 
und fuhr nach Wien. In meine Woh— 
nung gekommen, that ich den ſchwar— 
zen Anzug an und ging in das Haus, 
an dem ich fonft mar ſehnſüchtig zu 
den Fenſtern aufblidend, vorüberge- 

13* 


106 





gangen war, und hielt um die Hand 
Mariannens an. 

Im September des nächſten Jahres 
wurden wir ung angetraut, und als 
die Weihnacht nahte, ſchrieb ih an 
Emil: 

„Lieber Freund, am heiligen Abend, 
wenn es dunkel wird, fomme ich wie— 
der auf den Oberhof.” 


Von meiner Vermählung hatte ich 
ihm nicht ein Wörtchen gejagt; dies: 
mal wollte ih ihn überrafchen. 

Und zur Stunde der Dämmerung 
fuhren ih und meine Frau wohlge— 
muth im Oberhofe ein. Nah Gruß 
und Kuß führten uns Emil und Al 
bertine in den hell erleuchteten Saal 


und in das Speijfezimmer. Hier war 
wieder — für vier Perfonen gededt. 

„Wie wußteſt Du?” — rief ih 
erftaunt dem Freunde zu. 

„Da8 war ja klar“, antwortete 
et, daß ein Menſch wie Du allein 
nicht leben kann. Ich habe Dich ſchon 
im vorigen Jahre hier durch den lee— 
ren Platz an Deiner Seite darauf auf— 
merkſam gemacht. Gott ſei Dank, daß 
er nun beſetzt iſt.“ 

„Und eben bei Dir, Emil“, ſagte 
ich, die Hand meines herzigen Weib— 
chens an mein Herz drückend, „eben 
bei Dir habe ich im vorigen Jahre 
geſehen, was die echte Poeſie dieſes 
Lebens iſt. Vom Oberhofe den gera— 
deſten Weg ging ich, mir ſie zu holen.“ 


Der Hexenwahn und feine. Bekämpfer. 
Bon J. E. Stöhner. 


Das dunkelſte Blatt deutſcher Ge— 
ſchichte liegt vor uns aufgeſchlagen: 
jene finſtere Zeit des Mittelalters, da 
der religiöfe Wahn und mit ihm ber 
wildefte Fanatismus feine blutigen 
Feite feierte. 

Langſam, aber mit grauenhafter 
Sicherheit zog er von Drt zu Det, 
von Land zu Land, in der einen Hand 
das Buch der Bücher, die Bibel, in 
der andern Schwert und Fadel ſchwin— 
gend, um zur größern Ehre Gottes 
Menſchen zu richten und zu verbren- 
nen. An den Schönen Ufern des Rheins 


ch ber Menſchheit höchſtem Zwedck gemeibt, 
ne reitet kühn voran burdy’ö Grau'n ber Nächte, 
Und ob ibn auch verlenne feine Beit, 
Mit feinem Leben bridt er Bahn dem Redte; 
Jr führt die Wahrheit, bie er treu befreit, 
tetö lebend von Geſchlechte zu Geſchlechte. 


(Duller). 
dahin dringt der Strahl der fiegenden 
Sonne und vertreibt die dunkeln Schatten 

Durh Naht zum Licht! Durch 
Kampf zum Sieg! 

Das ift von Anfang an das Lo— 
jungswort in der Gejchichte, auf po- 
litiſchem mie auf religiöjem Felde, 
gemwejen. Jene finfteren Jahrhunderte, 
in denen Inquiſition und Herenproceß 
gleich einem Alp die Menjchheit quäl: 
ten, mußten einer erleuchteten, einer 
beſſeren Zeit weichen. Unter den Edeln, 
die fih diefem Frevel gegen die Ge: 
jege der Menschlichkeit, diefem Hohn 


und des Maind baute er vorzüglich ſprechen aller Bernunft fühn entgegen: 
feine Altäre auf, und Hunderttaufende | ftellten, die der Schlange Wahn den 


fielen ihm zum Opfer. 


giftgeſchwollenen Kopf zertraten, find 


Aber auch die längfte, bängfte Nacht vor Allen Friedrih von Spee 
verſchwindet vor dem anbrechenden Mor: |und Chriftian Thomaſius zu 


gen. Langſam weicht fie zurüd in die nennen als bie Herolde, 


doch auch 


Thäler und Schluchten, 


welche den 
neuen Tag verkündeten. — 


197 


Zu allen Zeiten hat die Menſch— 
beit fih mit Vorliebe einem Wunber: 
glauben hingegeben. Je mehr nun der 
nah Wiſſen trachtende Geift in Die 
geheimnißvollen Werkftätten der Natur 
eindringt, um jo größere, um fo herr: 
lihere Wunder treten ihm entgegen, aber 
um jo mehr fchwindet auch die Binde 
vor feinen Augen. Anders jteht ber 
rohe Menſch den unverjtandenen Er: 
ſcheinungen der ihn umgebenden Gottes: 
welt gegenüber. Was er fich nicht zu 
erflären vermag, bleibt für ihn Wun— 
der, und jein Wunderglaube wird zu: 
legt blinder Aberglaube. Bon jeher hat 
fih der Wahn darin gefallen, einzelne 
mit den Kräften der Natur Vertraute 
für befonders begünftigte Weſen anzu: 
jehen. Je eifriger dann ſolche Men: 
ſchen beftrebt waren, aus der Befan— 
genheit und Thorheit der Anderen 
Nutzen zu ziehen, defto mehr Schwach: 
finnige verfielen dem allgemeinen Wahne. 
Ueberjpannte Köpfe glaubten zulegt an 
dergleichen übernatürliche Einwirkungen, 


ja fie bildeten fich zulegt fteif und feſt 
ein, fie jelbft feien mit befonberen 


Eigenihaften und unfehlbaren Kräften 
ausgerüftet. Nicht alle Diejenigen, bie 
als Zauberer oder Beſchwörer auf: 
tragen, waren Betrüger; das Geſpinnſt 
der Selbfttäufhung, in welches fie 
fih eingehült, hatte fich ihnen über 
den Kopf zufammengezogen. Die wil- 
deſten Ausgeburten der Phantafie fanden 
Eingang zu ihrem franfhaften Gehirn 
und was fie jelbft glaubten, warb um 
jo bereitwilliger von Anderen nachge: 
glaubt. So gelangten die ungeheuer: 
lihften Tollheiten zu Ehren. Wenn 
die Urheber jenes entjeglichen Teufels: 
ipufes von der Wirklichkeit desfelben 
feft überzeugt war.n, darf man ſich dann 
wundern, daß die erleuchtetiten Men- 
ſchen fich in jenen dunfeln Zeiten des 
Mittelalterd nicht von dem allgemei: 
nen Borurtheile gegen das Volk Is— 
rael zu befreien vermochten? 

Aus der Finfternißg des Heiden— 


und ber Engherzigfeit des Judenthums 





der Glaube an ein Reich des Böfen 
übergegangen. Des Teufels Streben — 
jo lehrte die mittelalterliche Kirche — 
gehe in der Hauptfahe dahin, das 
Neich Chrifti zu vernichten und Seelen 
für feine Herrichaft zu gewinnen. Wer 
nun an den Satungen der Kirche, an 
der Heiligkeit des Priefterftandes, an 
der Unfehlbarfeit des geiftlichen Ober: 
hauptes der chriftlichen Melt zweifelte, 
der galt auf Grund des Sates: „Wer 
nicht für mich ift, ift wider mich!“ 
ichon von vornherein als ein Feind ber 
Religion, als ein Verächter Gottes, 
der ftand unter dem Einfluffe des 
Höllenfürften, mit dem er fich verbün: 
det und der ihn für fein Neich ge: 
wonnen babe. Sole dem Böfen ver: 
fallene „Abtrünnige“ naunte man, wie 
auch alle Andersgläubige, Häretifer 
oder Kleber. 

Von nun an gingen bie Begriffe 
von Zauberei und Kegerei immer mehr 
ineinander über. Die Kirche jelbit lehrte, 
der Teufel verlode, um recht viele 
Seelen zu gewinnen, die Menjchen 
durch allerlei Blendwerk ſowie durd) 
Verfprehungen aller Art. Durch ihre 
Verbindung mit den Erbfeinde gelang: 
ten die ihm Verfallenen zu allem mög: 
lichen irdiſchen Gewinn und Vorichub, 
als: Ehre, Macht, Reihthum, Befrie— 
digung der Sinnenluft, — jedoch nur 
unter der Bedingung nämlich, daß fie 
auf ihr emwiges Heil, ihre Seligfeit 
verzichteten. 

Sfmmer mehr bildete fich ber Teufels— 
glaube aus. Der Böſe ſpukte überall 
in den Köpfen, Häuiern, Kellern und 
Mäldern. Bei feiner Jagd auf Men: 
ſchenſeelen verfuhr er aber nach einem 
beftimmten Syiteme und ftet3 ging er 
fiher. Bevor das Bündniß mit ihm 
rechtskräftig werden fonnte, mußte der 
der Hölle Verfallene feinen Glauben an 
Gott förmlich abjehwören und dem 
Satan als feinem Herrn und Meijter 
huldigen. Stand nur erit die Sache 
feft, die Form fand fih raſch. Der 
üblihe Pact mit dem Böſen war 


war in bie erleuchtete chriftliche Welt | männiglich befannt, ebenjo die Formel, 


198 


auf welche hin der gefällige Teufel 
fih citiren ließ, ſowie nicht minder 
die Verfchreibung einer armen Seele 
durch Unterzeichnung des Vertrages 
mit dem eigenen Blute. 

Die Gerichtshöfe (Parlamente) von 
Süd: und Meftfranfreih find jchier 
ein Jahrhundert und darüber gegen 
diefen Mahn, welcher ganze Diftricte 
ergriffen und zu Dienern des Teufels: 
cultus mit allen Gräueln und Orgien 
des Teufelsſabbaths herabwürdigte, mit 
allen Behelfen per mittelalterlichen 
Juſtiz zu Felde gezogen. Lieſt man dieſe 
Wahnauswüchſe, welchen fich Tauſende 
von Männern und Weibern bingaben 
und an melden fie feithielten troß 
aller Berfolgungen, fo möchte man an 
ber fittlihen Natur des Menfchen irre 
werden. Dieſer Schmach geiitiger Ver: 
irrungen find nur die entjeglichen Ver: 
folgungen zur Seite zu jtellen, welche 
Unduldfamfeit und geiftige Beſchränkt— 
heit fich gegen „das auserwählte Volk“, 
nämlich die Juden, in der finfteren 
Beit des Mittelalterd zu Schulden kom— 
men ließen (Naumer:Riehl’3 „Hiito: 
riſches Taſchenbuch“, „Geſchichte des 
Satans“). 

Immer weiter drang dieſer gräu— 
liche Wahn in den Ideenkreis der Völ— 
ker Europa's ein. Im Mittelalter 
glaubte alle Welt an Teufel, Hexen, 
Zauberer und an eine Menge über— 
natürlichen Spukes. Kein Wunder, 
wenn ſich Ehrgeiz, Engherzigkeit und 
Herrſchſucht der Leichtgläubigkeit als 
Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke be— 
dienten. Die mittelalterliche Geiſtlich— 
keit hat nur Dasjenige nachgeahmt, 
was vor ihr jede Prieſterſchaft ge— 
than hat, um ihre Macht über die Ge— 
müther des Volkes zu begründen oder 
zu erweitern. Am Grundgeſetze der 
Rechtgläubigkeit muß jede religiöſe 
Gemeinſchaft feſthalten, welche ſich aus— 
breiten will. Als „rechtgläubig“ galt 





Satans, ein Erzfeind der Kirche, ein 
Ketzer und Zauberer. Vervehmt und 
verfolgt, verfiel er zur Beſtrafung dem 
Arme der weltlichen Gerichte. Zu die— 
ſem Zwecke wurden ſchon zur Zeit 
Theodofius’ des Großen unter Ober: 
leitung der Biſchöfe Unterſuchungs— 
richter oder Inquiſitores beftellt, welche 
die Abtrünnigen und Srrlehrer auffuchen 
und bejtrafen mußten. Später, im 11. 
und 12. Jahrhundert, gelangten die 
Glaubens: oder Kekergerichte, Inqui— 
fitionen, zu immer größerer Ausdeh: 
nung. Fürchterlich wüthete der Fana— 
tismus bei Verfolgung der Waldenſer 
und Albigenſer, — Hunderttauſende 
wurden zur Ehre Gottes abgeſchlachtet. 
Papft Gregor IX. nahm die. Oberauf: 
fiht über die Inquiſition den Bijchöfen 
und übertrug fie den Dominifanern, 
wobei er jenes Gericht zu einem päpſt— 
lihen und allgemein kirchlichen Inſti— 
tute erhob. Er gedachte Hierdurch alle 
perjönlichen Nüdfichten und Milderungs: 
gründe zu befeitigen. Damit aber der 
Heiligkeit der Kirche nicht Abbruch ges 
ichehe, ward — flug genug — die Voll: 
ſtreckung der Bluturtheile, ja jehr oft 
die Unterfuhung in der Hauptjache 
ſelbſt, dem weltlichen Gerichte über: 
lafjen. j 
Das meitefte Feld gewann dies 
entjegliche Glaubensgericht in Spanien 
— dort gab's Ungläubige in Hülle und 
Fülle auszurotten: Juden, Sarazenen 
und Chriften. Der erfte Generalingui- 
fitor war Thomas de Torquemada, 
Prior des Dominikaner » Klofterd zu 
Segovia, 1478 zu diefem Amte berufen 
von Ferdinand und Iſabella, welche 
die Inquiſition mit dazu benußten, die 
alten Zandesfreiheiten zu befeitigen und 
die Königsgemalt zu ſtärken. Das Wirken 
des fürchterlihen Arbues it dem 
heutigen Gejchlechte durch das lebens: 
volle, wahrheitathpmende Bild des deut- 
ihen Meiſters W. Kaulbach in 


der römifch-fatholifchen Kirche nur der, | unferen Tagen ins Gedächtniß zurüd- 
welcher jih an den Buchftaben der gerufen worden. Bald verbreitete ſich 


verfündeten Heilslehren hielt; wer da: 
ran zweifelte, war ein Anhänger des 


ein Heer von Aufſehern, Ausipähern 
und Spionen, Familiares genannt, 


199 


über ganz Spanien; man rechnet, daß 
über 20.000 Menſchen in Dienfte der 
Anquifition ftanden, die in Sevilla, 
fpäter in Madrid ihren Hauptfit hatte. 
Noh im Jahre 1732 erjchien eine 
Verordnung, die es allen Gläubigen 
zur Pflicht machte, Meldung zu thun, 
wenn fie wüßten, daß irgend Jemand, 
er jei lebend oder tobt, gegenwärtig 
oder abweſend, fich gegen die Glaubens— 
gejege vergangen habe; daß Jemand 
das Geſetz Mofis beobachte oder beob- 
achtet, ja nur gelobt habe ; daß Jemand 
ber .Secte Luther's folge oder gefolgt 
jei; daß Jemand mit dem Teufel einen 
Bund gejchloffen oder ketzeriſche Bücher 
oder im Koran oder in ber Bibel ge: 
lefen habe u. j. w. Somie der Ange: 
fagte in ber Gemwalt des Gerichtes 


fich befand, war er todt für biefe Welt. | 


Gefängniffe, 
santas) genannt, nahmen den Unglück— 


die Bildniffe der entflohenen Verurtheil- 
ten und die Gebeine der jchon Geſtor— 
benen wurden in Särgen, auf denen 
Flammen und Teufeläfragen gemalt 
waren, im bölliichen Zuge den Prieiter 
und Mönche ſchloſſen, umbergetragen. 
Nach Verlefung des Urtheils übergab 
man die Gefangenen ber weltlichen 
Obrigkeit, die ihnen Feſſeln anlegen 
ließ und fie zum Richtplag führte. Dort 
wurde Jeder gefragt, in welchem Glau— 
ben er fterben molle; nannte er den 
fatholifchen, fo ward er vorher erdroj: 
jelt, die Anderen aber führte man 
lebendig auf den Scheiterhaufen. Und 
wie zu einem Freudenfeſte jtrömte Die 
Menge zu diefem ſcheußlichen Schau: 
jpiel herbei ; jelbft die Könige mit ihrem 
Hofjtaate hielten es für etwas Ber: 
dienftliches, die Ketzer verbrennen zu 


heilige Häufer (casas' jehen. 


Milderten fih auch im Laufe der 


lihen auf, und in diefe grauenhaften | Kahrhunderte die Gräuel der Inquiſi— 


Kerker, oft unter der Erde gelegen, 
drang fein Strahl erbarmender Liebe. 
Geitand der Gefangene nichts, jo wurde 
durh die entjeglichften Qualen der 
Folter ein Geftändniß erzwungen. Ge: 
fängniß auf Lebenszeit, Geißelungen, 
Verluft des Vermögens waren die ge 
ringften Strafen, die das jchredliche 
Gericht zuerfannte; in der Regel lautete 
das Urtheil auf den Tod. Dann wurde 
das feierliche Auto da F& (Glaubens: 
handlung) angeordnet. Mit Tagesan— 
bruh lud der dumpfe Ton der großen 
Domglode die Gläubigen zum furcht: 
baren Schaufpiele. In feierlihem Zuge 
zog man durch die Hauptitraßen der 
Stadt nad) der Kirche, in der nach der 
Predigt das Urtheil verlejen wurde. 
Die Verurtheilten gingen barfuß und 
waren befleidet mit dem Sanbenito, einem 
jafrangelben Bußkleide (das mit einem 
Kreuze auf der Bruft und dem Rücken und 
mit Teufelsfragen bemalt war), und der 
Coraza, einer ſpitzigen, ebenfalls be- 
malten Müte. Ahnen voran jchritten 
die Dominikaner mit der Fahne der 
heiligen Inquiſition und die Reuigen, 
denen nur Buße auferlegt war. Auch 


tion, fo blieb es doch erſt Napoleon 
vorbehalten, am 4. Dezember 1808 
dies entjegliche Gericht aufzuheben, das 
freilich durch Ferdinand VII. bis zu 
einem gewiſſen Grade wieder heraeftellt 
wurde. Mit Grauen ftiegen die jonit 
jo kühnen Soldaten des erften Kailer: 
reichs hinab in die gräßlichen Kerker 
des heiligen Gerichtes und ftarrten 
entfeßt die Folterwerkzeuge au, mit 
denen Taufende und aber Tauſende 
zu Tode gequält worden waren. Man 
rechnet, daß die Inquiſition Spanien 
zwei Millionen feiner Kinder entriſſen 
babe. 

In Deutihland wollten die Glau: 
bensgerihte nie recht Fuß fallen. 
Schon der erſte Kegerrihter, Kon: 
rad von Marburg, warb 1233 
erichlagen; auch wiberjtrebten Die 
deutſchen Biſchöfe ihrer Einführung. 
Dafür gediehen aber in unjerem Vater: 
ande, unter dem Schuße des Aber: 
glaubens, im Namen des fo oft miß: 
brauchten Rechtes um fo furchtbarer 
die gleich widerwärtigen Herenproceije, 
und neben Zauberern und Heren gab 
e3 noch genug Ketzer und Srrlehrer. 


—— 


Hexerei und Ketzerei galten als Ge— 
ſchwiſter, deren Urheber der Teufel war. 

Ein Jahr nach Luther's Geburt 
beſchenkte am 5. Dezember 1484 der 
Papft Innocenz VIII. die Deutichen 
mit der Einrichtung der Herenprocefie. 
Er erließ nämlich an diefem Tage eine 
Bulle, in welcher er jagt, daß er ver: 
nommen, wie in einzelnen Gegenden 
Dberdeutichlands, ſowie im Mainzifchen, 
Kölniſchen, Trieriichen, Salzburgiichen 
und Bremiichen, viele Berfonen beider: 
lei Geſchlechts, uneingedenf ihres eige- 
nen Heild und vom fatholifchen Glau— 
ben abweichend, fih mit Teufeln männ: 
liher und weiblicher Figur abgäben, 
und alsdann dur Hilfe diefer ihrer 
Bundesgenoſſen vermittelft zauberifcher 
Mittel und hölliſcher Künſte Menfchen 
und Thieren unfäglih viel Elend zu— 
fügten, ja die Früchte der Erbe, jelbit 
Weinberge, Baumgärten, Miejen und 
Saatentelder zu Grunde richteten; daß 
fie außerdem den Glauben, den fie in 
der heiligen Taufe angenommen, mit 
gottesläfterlihem Munde abſchwören 
und noch ſonſt allerlei Nuchlofigkeiten, 
Ausſchweifungen und Verbrechen auf 
Anftiften des Feindes der Chriftenheit 
begingen, zum Untergange ihrer Seelen, 
zur Beleidigung der Majeftät Gottes, 
zum verderblichen Beijpiel ihrer Mit: 
menichen. Er ertheile aljo kraft diejer 
Bulle zwei Predigermönden die Voll- 
macht, die Laſter der Zauberei in 
Deutichland auszufpähen, zu beftrafen 
und auszurotten, wie fie nur müßten 
und Fönnten, und gebe namentlich dem 
Biihof von Straßburg den Auftrag, 
fie darin auf alle Weiſe zu unter: 
ftügen. Weiter verbot der Papft den 
Biſchöfen und Erzbiſchöfen ausdrücklich, 
dieſe außerordentlichen Inquiſitoren zu 
beläſtigen oder ſie irgendwie in der 
Vollziehung ihres Geſchäfts zu hindern 
oder hindern zu laſſen; auch ſolle Nie— 
mand ſich wider die Unterſuchung die— 


Mit dieſer gräßlichen Verordnung 
ward der entſetzlichſten Tyrannei Thür 
und Thor geöffnet. Leib und Leben, 
Ehr’ und Gut waren unwiſſenden, rohen 
Heren- und Kekerrichtern übergeben, die 
ohne allen Unterſchied jeder Anzeige 
von Hererei, fie mochte von böfen Bu— 
ben oder von blinden Werkzeugen des 
Wahns, oder von der Einfalt einge: 
geben fein, mit fanatiicher Bereitwillig- 
feit Glauben jchenften. Freilich hatte 
gerade damals der Wahn, es jei mög- 
lih, mit dem Teufel ein Bündniß ein- 
zugehen, im gemeinen Volfe jo tief 
Wurzel gefaßt, daß an wirkſamen 
Miderftand gegen diefe furchtbare Bulle 
auch nicht einmal zu denfen war. 

Die beiden Dominifanermönde, 
welche der Papſt als „Inquiſitoren der 
ketzeriſchen Verruchtheiten” für die Rhein— 
gegenden beſtellte, waren Heinrich 
Inſtitor und Jakob Sprenger, 
und ſie begannen alsbald, trotz leb— 
haften Widerſpruchs der Gebildeteren, 
mit größtem Eifer ihre Ketzer- und 
Hexenjagd. Aber hiermit begnügten ſich 
die beiden Männer nicht, deren Namen 
die Geſchichte für ewig gebrandmarkt 
hat, fie brachten all den wahnwitzigen 
Aberglauben, den Fanatismus, Herrich: 
ſucht und Geiftesrohheit ausgefonnen, 
in ein Syitem und drüdten damit den 
tollften Ausgeburten menfchlicher Ber: 
irrungen den Stempel der Beredhti- 
gung auf. Ihre Anfichten, Vorurtheile 
und angeblichen Erfahrungen legten fie 
in "einem berüchtigten Buche, dem 
„Hexenhammer“ — malleus malefi- 
eorum — nieder. Noch hatten fie in 
Deutichland nicht feiten Fuß gefakt 
und es galt daher, alle Hinderniſſe zu 
befiegen, die Gemüther gleichfam zu 
betäuben und die Möglichkeit und Wirk: 
lichkeit der SHererei aus der Bibel, 
den Kirchenvätern, der Geſchichte ꝛc. 
zu beweiſen. Vermittelſt des „Hexen— 
hammers“ gelang es in der That dem 


ſer Art von Verbrechen, ſo wenig als unermüdlichen Jacob Sprenger, der 


gegen die Ausſprüche 
durch Aurufung des römiſchen Stuhls 
verwahren können. 


der Richter, als Hauptverfaſſer des abſcheulichen 


Buches daſteht, in Deutſchland Boden 
zu faſſen und ſeinem Wirken eine ge— 


jetlihe Grundlage zu ſchaffen. Der 
Herenproceh aalt fortan als eine An: 
gelegenheit des göttlihen Willens, als 
nothwendig zum Heile der gefammten 
Ehriftenheit. Das Buch erfchien zum 
erftenmale in Köln um's Jahr 1489 
und zerfällt in drei Abtheilungen. Die 
erſte jtellt das Zauberweſen als wirf: 
lid vorhanden dar und erklärt es für 
Keberei, daran zu zweifeln. Auch wird 
darin erflärt, warum gerade am mei: 
ſten die Frauen fich dem Teufel über: 
lieferten. 

Der zweite Theil zeigt, wie man 
fih vor der Macht der Zauberei hüten 
und ihre Wirkungen aufheben, löſen 
und heilen könne. Die Kirche mit ihren 
Heildmitieln wird biefür als Gegen: 
zauber hingeſtellt. 
wird nun mitgetbeilt, wie geiftliche 
und weltliche Gerichte wider die Zau— 


führen jollen. 

Dasjelbe Buch ift von der theologi- 
ihen Facultät zu Köln approbirt und 
jogar durch ein Diplom vom dama— 
ligen römiſchen Könige Marimilian 
beftätigt. Raum iſt's zu glauben, 
daß der „Herenhbammer”, die 
jes bedauerlide Gefegbud 
für Verbrechen, die man erft 
erfand, um fie beftrafen zu 
fönnen, durch Jahrhunderte 
Geltung erhalten fonnte Es 
fam bald in unferem Baterlande jo 
weit, daß ſelbſt die Gebildetiten dem 
BZauberwahne verfielen. Und nun, nach: 
dem die Hexenrichter durch mohlbe- 
rechnete Maßregeln den flaren Blick 
der gejeglihen Obrigfeiten gebannt, 
Bernunft und Unfchuld unter die Füße 
getreten hatten, nun durfte fich Nie: 
mand erbreiften, der erfolgten fich 
zu erbarmen, wenn der Kühne es 
nicht auf fih nehmen wollte, gleiches 
Geſchick mit den Verfolgten zu tra= 
gen. Lange, lange Zeit wagte es auch 
Niemand. War doh im „Herenham: 
mer” das Ungeheuerlichite deutlich be— 
wiejen, ſtimmte doch dies Alles nur 
zu jehr mit der öffentlichen Meinung 


Im dritten Theil 





einen 
berer, Heren und Ketzer den Proceß 


überein! Man fand es durchaus in 
der Ordnung, daß Zauberer und He— 
ren, ohne Anfehen der Geburt, des 
Standes, der Bildung, verbrannt wer: 
den mußten; Recht und Gerechtigkeit, 
Glaube und Treue, Erbarmen und 
Menichlichkeit hörten jetzt auf. 

Furchtbare Thatſache! Und wie 
lange währte diejer grauenhafte Wahn! 
Alle Leidenschaften wurden nun auf: 
gerührt, die Menfchen verwilderten bis 
zum Entjegen. Wer fih an Yemand 
rächen wollte, brauchte ihn nur in den 
Verdacht der Hererei zu bringen und 
die Herenrichter ergriffen den Unglück— 
lihen. Eine alte Frau mit ein Paar 
rothen Augen — fie waren vielleicht 
nur roth geweint! — fonnte, jobald 
der Verdacht der Hererei auf ihr ruhte, 
und dies war fajt immer der Fall, 
ganzen Ort in Verzweiflung 
bringen, daß fih Niemand mehr jei- 
ner Geſundheit, feines Lebens und 
feines Wohlſtandes einen Augenblid 
ficher hielt, Traf man auf der Heer: 
jtraße, auf dem Felde, im Walde mit 
irgend einem fremben luſtigen Gefellen 
zufammen, der Bänder am Hute, einen 
Degen und rothe Holen oder ganz 
ſchwarze Kleidung trug — To hatte 
man den Teufel jelbit gejehen und 
fehrte zitternd und bebend in jeine 
Wohnung zurüd. Zwei Weiber zanfen 
fih, eine nennt die andere eine Here; 
durch eine dritte Frau wird die Sache 
angezeigt. Die beiden Weiber werden 
eingezogen, gefoltert und zeigen viele 
andere Frauensperlonen im Dorfe an, 
diefe bejchuldigen wieder andere. Nun 
verlaflen die in Furcht geſetzten Fa: 
milien Haus und Hof, flüchten in 
andere Dörfer und in die Wälder; 
unterdeß wird daheim der Proceß 
beendet. Ein Dutzend Männer und 
Meiber, vielleicht find auch Kinder 
dabei, werben verbrannt, und der Ort 
hat das Ausjehen, als wenn Krieg und 
Peſt darin gemüthet hätten. 

Dft genug fam es vor, daß bie 
Herenrichter durch bezahlte Spione 
einen Drt fo aufregen ließen, daß bie 


202 


Leute jelber gelaufen famen und um 
Gotteswillen baten, die Herren möchten 
kommen und ihre Stabt, ihr Dorf 
von den gräulichen Hexen befreien. 
Raſcher, als es fonjt in weltlichen 
Streitigkeiten geſchah, famen die Rich: 
ter herbei, oft feierlich eingeholt von 
Nath und Bürgerfchaft. Bor allen Din: 
gen wurde nun an die Thür ber 
Kirhe oder des Nathhaufes ein Ans 
ichlag geheftet, demzufolge fie män— 
niglih aufforderten: „jede Perſon, 
von welder man etwas auf Zauberei 
Hindeutendes wiſſe, oder von welcher 
man jelbft nur gehört habe, daß fie 
im übeln Ruf ftehe, binnen zwölf 
Tagen anzuzeigen. Wer dies unterlaffe, 
den ſolle der Kirchenbann und weltli- 
he Strafe treffen. Dagegen warb dem 
Angeber nicht nur Verſchweigung des 
Namens, fondern auch Geld und der 
geiftliche Segen ertheilt. 

Leider fehlte es nie an Ankflägern. 
Da hatte diefes oder jenes Weib das 
Vieh bebert, „Gewitter gemacht“, Kin: 
der bejchrieen, den Hereniabbath und 
Herentanz auf einer Dfengabel bejucht 
u. ſ. w. Die Unglüdlichen wurden 
fofort eingezogen und in den SHeren- 
thurm geworfen. Dort wurden ihnen 
Arme und Beine in den Stod einge- 
ſchraubt oder an eiferne Ringe ange: 
ſchmiedet, und bier in finfteren, feuch- 
ten Kellergewölben ließ man die Armen 
oft Monate lang bei elendefter Nahrung 
liegen: man wollte fie „mürbe machen”. 

Endlih werden die Angeklagten 
zum Verhör gebracht. Ein armes Weib 
wird nun gefragt, ob ihr befannt 
jei, daß fie von den Leuten eine Here 
genannt worden? Warum fie fih im 
Stalle oder auf dem Felde habe jehen 
laffen? Was fie bei Entitehung des 
Hagelwetterd auf dem Felde gemacht 
habe? Ob ihre ſchwarze Kate, oder 
die Kröte, die in ihrem Seller gewe— 
fen, der Teufel ſei? Ob fie den be- 
rüchtigten Hexenſabbath bejucht habe, 
zu welchem fich allerdings in Frank: 
reich thatſächlich Tauſende von bethör- 
ten, im Wahne gefangenen Menjchen 


zu. wüſten Ansichweifungen verſam— 
melt hatten, wie die Parlaments-Acte 
von Montpellier, Air u. ſ. w. fund 
gaben. Wußte nun eine Angeſchuldigte 
nicht8 von dergleichen Gräuelu, ver: 
neinte fie aljo die ihr vorgelegten 
Fragen, jo bedrohte fie der Richter 
mit der fcharfen Frage, der Folter. 
Denn geftehen mußte fie, war doch 
der Richter jchon von allem Anfang 
an fih Ear, daß er eine leibhaftige 
Here vor ſich habe. Geſtand fie auch) 
jet nicht, jo Sprach der Richter: „Da 
Du leugneft und nicht willſt befennen 
in gütliher Weife, fo übergebe ich 
Dich kraft meines Amtes dem Frei— 
mann (Henker), auf daß er thue an 
Dir zum rechten Bekenntniß mit Schraus 
ben und Leitern, mit Striden und 
Feuer oder dem, was ih, Dein Rich: 
ter, für gut halte in der jcharfen Frage.” 

Jetzt wurde bie vermeintliche Here 
in die Folterfammer geführt. Ein 
fürchterlicher Drt, gewöhnlich halb un 
ter der Erde, mit diden Mauern und 
ftarfen Thüren, die feinen Laut hin— 
dur laſſen; denn „die Orte, da die 
Tortur vorgenommen wird, jollen ab: 
gelegen jein, auf daß feine Leute hin— 
zulaufen, damit der Richter die Ur— 
gichten des Hexenvolks geheim halten 
fann. Die Gemwölber follen did fein, 
damit der Inquiſiten Gejchrei und 
MWinfeln den Umberwohnenden nicht 
beichwerlich falle.” *) 

Vor den Augen der Inquiſitin 
wurden nun vom Scharfrichter und 
jeinen Knechten die Folterwerkzeuge 
zurecht gelegt. Es wurde der Marter: 
jtuhl herbeigeholt, die Daumfchrauben 
geöffnet, die Leiter hergerichtet und 
das Alles mit großem Geräufh, um 
durch Furcht die Angeklagte zum Ge: 
ftändniß zu bringen. Entſetzt ſchaut 
das arme Weib um fich. Gejteht fie, 
dann ift der Sceiterhaufen ihr ge: 
wiß. Vielleicht erträgt fie die Qual; 
fie ſchweigt — und nun beginnt ber 
Henker fein Werk. Die Folterkunft 





*) Wie human! Die Red. 


durchlief fünf Grade, einer graufiger 
al3 der andere. Mit den Daumſchrau— 
ben wurde begonnen und dabei die 
Daumen jo gequeticht, daß das Blut 
bervorjprang. Der zweite Grad war 
das Schnüren mit den Banden. Die 
Arme der Deliquentin zog der Henfer 
nad rückwärts und ummidelte fie mit 
einer feiten Schnur, die dann jtraff 
angezogen wurde. Oft drang die Schnur 
bi8 auf den Knochen und befonders 
entjeglich waren die Schmerzen, wenn 
der Strid hin: und hergezogen mwurbe. 
Im dritten Grade wurde die Here 
auf die Leiter gelegt und ihr Körper 
darauf fo auseinander gezogen, daß 
die Gelenke in allen Fugen frachten. 
Der gräßlichfte Jammer ftörte weder 
Richter noch Henker noch ihre Anechte. 
„Es ſoll“ — heißt e8 in der Hals- 
gerihtdordnung Karl's V. — „ber 
bartnädige Inquiſit alfo auseinander 
gezogen merden, daß man durch ſei— 
nen Bauch ein LXicht fcheinen fieht, 
das hinter ihm gehalten wird.” — 
Im vierten Grade der Tortur 
hatte die Here die Beinfchrauben oder 
ſpaniſchen Stiefel auszuhalten. In 
ähnlicher Weile, wie bei den Daum: 
ihrauben, wurden hier die Beine auf 
fürdterlihe Weile zulammengepreßt, 
und in Folge davon blieben Die, welche 
auch diefen Grad überftanden und ſpä— 
ter freigelaffen wurden, zeitlebens ver: 
früppelt. Als leßter Grab galt bie 
Feuerfolter. Sechs zu einem Bündel 
zuſammengeſchnürte Lichter wurden an— 
gezündet und die Flammen ben Ge: 
marterten unter die Achjelböhle gehal: 
ten. Erfährt man, daß dieſer Folter: 
grad bi8 zum Jahre 1793 ausgeübt 
worden ift, dann findet man es ber 
greiflih, wenn fich angefichtS ſolcher 
gräßlichen VBerirrungen die rohe, un: 
gebildete Menge jo jehr an Blut und 
Martern gewöhnt hatte, daß die große 
politiihe Ummälzung im letzten Jahr— 


203 





Ein ganz ſchauerliches Marterin- 
jtrument waren bie Zangen — ungulae 
— die zuerft im 16. Jahrhunderte 
zur Anwendung famen. Man nannte 
fie auch Spinnen, da fie mit dieſem 
Inſecte der Form nach einige Aehn- 
lichkeit haben. Man jchlug dieje Eifen- 
ſpitzen in das Fleisch der Verurtheilten 
und riß damit große Stüde aus dem 
Körper. — Und alle diefe erjchreden- 
den Graujamfeiten, von Menjchen an 
ihren Mitmenschen verübt, gejchahen 
zur Ehre Gottes und im Namen des 
Heilandes, der doch vor Allem einft 
die Nächitenliebe verkündet hatte. 

Gewöhnlich geitanden die Heren 
ihon in den erften Graben ein, was 
der Nichter haben wollte. Das finn: 
loſeſte Zeug wollten fie geſehen und ge— 
than haben und leider muß binzuge- 
fügt werden: im Irrwahn haben in 
der That Viele das Unglaubliche und 
Tollite gethan und — in Folge einer 
geiftigen Peſt, welche die Gemüther 
ergriffen, an die Perirrungen bes 
Wahns, dem fie fi hingegeben, feit 
geglaubt. Sie geitanden, mit dem Teu- 
fel Zufammenfünfte gehabt und ben 
Herentanzplaß bejucht zu haben, wo 
der Böje in dem munberlichften Ge: 
ftalten mit ihnen verkehrte; daſelbſt 
hatten fie dieje oder jene Nachbarin, 


welche nun fofort eingezogen wurde, 


gejehen; fie hatten Kinder verzaubert, 
Vieh verhert, Hagelmetter gemacht und 
dgl. mehr. — Der Nichter fand da- 
durh die Anklage beitätigt und das 
Volt erfuhr mit Schaudern, welches 
Ungeheuer endlich entlarot worben jei! 
Das Ende war der Scheiterhaufen, 
auf dem der Pöbel die verruchte Here, 
die fo viel Schaden angerichtet, mit 
Vergnügen brennen jah. — 

Tiefe Verwirrung bemächtigte fich 
der Gemüther, ja von jelbit famen oft 
die Unglücklichen und Elagten fih an. 
Entjegliher Wahn ergriff ganze Ort: 


zehnt des vorigen Jahrhunderts fich ſchaften und Diftricte. Auch die Zeit 
darin gefallen konnte, unbarmberzig | der Kirchenverbefferung iteuerte dem 
Ströme Blutes zu vergießen und Tau- | Herenproceß nicht, er blühte in pro- 


jende Unjchuldiger zu morben. 


teftantifchen Ländern eben jo üppig wie 


in den römisch-fatholiichen, ſelbſt ein 
Luther warf fein Tintenfaß nach dem 
Höllenfürften, — der gräßliche Wahn 
erbte fich fort von Gejchlecht zu Gefchlecht. 
Der „Herenhammer“ hämmerte weiter 
und jchlug von Jahrhundert zu Jahr: 
hundert Hunderttaufende zu Boden; 
nur hatten mit der Zeit die weltlichen 
Gerichte den geiftlichen die Arbeit ab: 
genommen. 


Aber gerade zu jener Zeit, da in 
proteftantifchen wie in fatholifchen Län: 
dern der Herenproceß die meiften Opfer 
forderte — zur Zeit des menjchenver: 
nichtenden breißigjährigen Krieges — 
wagte e3 ein Priefter, gegen ihn in 
die Schranken zu treten. Er war Mit: 
glied eines mit Necht oft geſchmähten 
geiftlichen Ordens, — ein Jeſuit, aber 
er war einer der edeliten, die je gelebt 
baben — Friedrih von Spee 
beißt der Menjchenfreund. 


Friedrich von Spee erblidte 1591 


zu Kaiſerswerth unterhalb Düſſeldorf 


das Licht der Welt und ſtammte aus 
dem noch blühenden Geſchlechte der 
Spee von Langenfeld. Als Yüngling 
trat er in die Gejellihaft Jeſu ein, 
doch feine Seele blieb frei von ber 
jpisfindigen Moral feiner Xehrer, wohl 
aber fam die Weihe der Poefie über 
ihn, und in berzinnigen Liedern, Die 
bis auf unfere Zeit gefommen, zeigt 
fih die Tiefe eines eblen Gemüths. 
Zunächſt, nach Vollendung feiner Stu: 
dien, lebte er in Köln und lehrte dort 
Philoſophie und Moraltbeologie. Spä: 
ter, im Sabre 1627, befahl ihm fein 
Drden, nad Franken zu gehen, um 
dort die zum Tode verurtheilten Heren 
und Zauberer auf die Nichtftätte zu 
begleiten. Und im Verlaufe weniger 
Jahre hat er zmweihundert auf dem 
legten Gange beobachtet. Sein gütiges, 
belle Auge jehaute in die Herzen der 
Unglüdlihen und erfannte gar bald 
mit tiefem Seelenfchmerze, daß unter 


diefen zweihundert Opfern des Wahns 


auch nicht eins ſchuldig war; da drängte 
es ihn zu beten: 


204 


„Bor Traurigkeit im Herzen 
Seufz' ich aus tiefem Grund, 
Bor innerlihen Schmerzen 
Ruf ich all Tag’ und Stund'. 


Die Zähren mir verinnen 
Mie fanfter Regenguß, 

Und meine Augen ſchwimmen 
Mie fteter Waſſerfluß. 


O wann wird er erfdheinen, 
Der vielgewünfdhte Tag, 
Wenn ich von ftetem Meinen 
Einmal aufhören mag ?“ 

Der Gram über al den Jammer, 
den er mitanfehen mußte und doc 
nicht lindern Fonnte, ließ fein Haar 
vor der Zeit ergrauen. Da fragte 
ihn eine® Tages ſein vertrautefter 

reund, der Kanonikus Johann Phi: 
lipp von Schönborn: „Woher kommt 
es do, daß Eier Haar grauer ift 
\al8 Euer Alter erwarten läßt?” Mit 
tonlofer Stimme erwiederte der eble 
Spee: „Das will ih Euch, als mei— 
nem liebften Freund, wohl jagen: es 
fommt von den vielen Seren ber, die 
ih zum Scheiterhaufen begleitet habe.“ 

Erftaunt fragte Schönborn weiter: 
„Wie habe ich das zu verjtehen ?” 

„Ich habe”, erzählte Spee, „bei 
den wegen Hexerei zum Feuertode ver: 
urtheilten Perfonen die jorgfältigiten 
Unterfuchungen angeftellt; alle Bor: 
theile, die mir in meiner Stellung als 
Beichtvater zu Gebote ftanden, hab’ 
ich gewiſſenhaft benugt, um der Wahr: 
beit auf die Spur zu fommen. Troß 
alledem habe ich auch nicht bei einer 
Perſon von allen Denen, die ich zum 
Scheiterhaufen begleitete, die geringfte 
Spur gefunden, die mich hätte über: 
zeugen können: e3 jei irgend ein Grund 
vorhanden, um fie der Zauberei be: 
zichtigen zu können. Fragte ich die Ein- 
fältigeren, jo geftanden fie mir zuerft 
allerdings, fie wären der Zauberei ſchul— 
dig ; aber — fie thaten's einzig und allein 
aus Verwirrung und Furcht, daß fie 
nochmals der Folter unterworfen wer: 
den follten. Sobald fie mich aber beifer 
fennen lernten, da faßten bie Unglüdli- 
hen Zutranen zu mir und fagten bie 
reine Wahrheit. Da ftürzten ihnen Thrä- 

















205 


nen aus den Augen, da erzählten fie mir 
von der Argliit der Richter und riefen 
Gott zum Zeugen ihrer Unſchuld an. 
Das Alles Hab’ ih nun jo oft erfah: 
ten, und das ijt’3, was mir die Haare 
vor der Zeit grau gemacht hat!“ 

Tieferichüttert hörte Schönborn zu, 
und als er jpäter Kurfürft von Mainz 
geworden war, da trat die Bekennt— 
niß jeines längſt geftorbenen Freundes 
vor feine Seele, und in feinem Lande 
hörten die Herenverbrennungen auf. 
Den Inhalt jenes Gejpräches aber 
bat er dem Philoſophen Leibnig mit: 
getheilt, und durch dieſen iſt's der 
Nachwelt überliefert worden. 

Bon feinem warmen Herzen ge: 
trieben, trat Spee entjchieden - gegen 
die Herenprocelje auf. Die Fortdauer 
dieſes himmeljchreienden Unrechts ließ 
ihn Tag und Naht nicht ruhen ; oft 
„umleuchtete e3 ihn wie Feuerſchein, 
oft umrauſchte es ihn wie Weinen und 
Seufzen“, — da jchrieb er jein Buch: 
„Kriminalifche Vorſicht“, oder: „Bud 
über die Prozefje gegen bie Heren, an 
die deutſchen Obrigfeiten, zu Dielen 
Zeiten nothmwendig, aber auch den Rä- 
then und Beichtvätern der Fürſten, 
den Inquiſitoren, Richtern, Advofaten, 
Beichtvätern der Angeklagten u. ſ. w. 
jehr nüglich zu leſen.“ 

Er nannte fi nicht al3 Verfafler, 
jondern fchrieb nur „von einem römiſch— 
fatholiijhen Gottesgelehrten“. Spee 
verjchwieg jeinen Namen gewiß nicht 
aus Feigheit, aber er mußte es thun, 
jonft wäre nicht nur er verloren, fon: 
dern auch die hochwichtige Angelegen: 
beit, für die er in die Schranken trat, 
auf's höchſte gefährdet geweien. Nur 
Philipp von Schönborn wußte um 
das Geheimniß des Freundes und 
bewahrte es fo treulich, daß Spee bei 
Lebzeiten unangefochten blieb. Erſt jpä- 
ter theilte er es Leibnig mit, wer der 
Verfaſſer jenes Buches geweſen. 

Anfangs ging Spee’3 Werk mur 
in Abfchriften von Hand zu Hand. Im 
Jahre 1631 wurde es zuerft zu Rin- 


teln gedrudt und erregte folches Auf: 
jehen, daß ed wenige Monate jpäter 
zu Frankfurt am Main abermals er- 
ihien, und zwar mußte hierbei eine 
Abſchrift benugt werben, weil ein ge: 
drucdtes Exemplar der erjten Auflage 
durchaus nicht mehr aufzutreiben war. 

Wie rein und edel tritt und Spee 
in dieſem Buche entgegen! Mit war: 
mer Menschlichkeit, mit ruhiger, faft 
mwehmiüthiger Sprache, weder vorlaut, 
noch überlaut, führt er darin die Sache 
des Nechts. Auch er ift noch im Wahne 
jeiner Zeit befangen und ftellt die Mög— 
lichfeit eines Teufelsbündniſſes nicht 
in Abrede; aber er wendet all jeine 
Kraft gegen die graufame Willkür des 
Herenprocejjeg, gegen Tortur und Schei- 
terhaufen. Unerſchrocken dedt er alle 
die Niederträchtigfeiten auf, die hier 
in Uebung waren. So ſchreibt er: 
„Die Here wird gefoltert, daß fie die 
Wahrheit ſage, d. 5. fih Ichlechthin 
als eine Zauber'ſche befennen ſoll. 
Sie mag Anderes ſagen, was ſie wolle, 
ſo iſt es nicht wahr. Bekennt ſie auf 
die erſte Folter, fo geben fie vor, fie 
babe gutwillig und ohne Folter befannt, 
und fie wird getöbtet; denn Widerrufen 
gilt hier nichts. Bekennet fie nicht, To 
torquirt man fie zum zweiten, britten 
und viertenmale; denn bei dieſem 
Procefje gilt, was nur dem Richter 
beliebt. Verwendet fie nun etwa in der 
Folter vor Schmerzen die Augen oder 
ftarrt mit offenen Augen, jo find’s 
neue Indieia, denn dann ſprechen fie: 
„Sie ſchaut nah ihrem teuflifchen 
Buhlen.” Wird fie dann härter gefol- 
tert und will doch nicht befennen, ver: 
ftellet ihre Geberben wegen der großen 
Marter, oder fommt gar in eine Ohn— 
macht, jo rufen fie: „Die lacht oder 
ihläft auf der Folter; die hat etwas 
gebraucht, daß fie ſchweigen kann.“ 
Begiebt ſich's daß Eine oder die Anz 
bere auf der Folter ftirbt, jo jagt man: 
„Der Teufel hat ihr den Hals gebro: 
hen.” Dann ſchleppt der Henker die 
Leihe hinaus und begräbt fie unter 
dem Galgen, — 


206 





„Wo ift hier für eine Angeflagte | kannte beine Hoheit, deine Größe! 
die Möglichkeit, zu entkommen? Ach! Wahrhaftig, es ift nicht das geringjte 


Du äußerſt Unglüflihe, was haft Du 
gehofft? Warum haft Du nicht gleich 
beim erjten Eintritt in das Gefängniß 
Dih für ſchuldig erflärt? O Du thö- 
richtes und unbejonnenes Weib ! Warum 
willſt Du jo oft fterben, da Du nur 
einmal fterben fonnteit? Nimm guten 
Rath an, befenne Did, ehe Dich 
irgend eine Strafe trifft, ſchuldig und 
ſtirb!“ — 

Zum Schluß des Buches jchreibt 
der edle Mann: 

„Ich wagte gerne mehr zu fagen, 
allein der Schmerz übernimmt mich 
dergeftalt, daß ich diefen Auszug nicht 
genau und volljtändig vollenden fan. 
Auch kann ich, welches ſonſt nicht ohne 
Nugen fein würde, auf feine deutiche 
Ueberfegung denken; -vielleicht finden 
fih Einige, die das aus Liebe zum 
Vaterlande und zu den Unjchuldigen 
beſſer vollführen. Ich beſchwöre endlich 
alle gelehrten, frommen, verſtändigen und 
beſcheidenen Beurtheiler dieſer Sachen 
(denn die Uebrigen achte ich nicht), daß 
ſie das, was ich geſchrieben habe, ſehr 
fleißig leſen und — wohlgemerkt — 
auch überdenken mögen. Alle obrigkeit— 
lichen Perſonen und auch die Fürſten 
befinden ſich in großer Gefahr ihrer 
Seligfeit, wenn fie nicht jehr aufmerf: 
jam jein wollen. Sie werben fich nicht 
wundern, wenn ich fie etwas nachdrücklich 
und muthig ermahne. Denn e8 jtebet 
mir nicht an, unter Denen zu fein, 
die der Prophet ftumme Hunde nennet, 
die nicht bellen fönnen. Sie mögen 
auf fich jelbft und auf die Heerde wohl 
Acht haben, die Gott dereinit auf das 
genauefte von ihrer Hand fordern 
wird,“ 

Edler Mann, dein Buch in fo trü- 
ber Zeit war der erſte Sonzenftrahl 
nad trüber Naht; du felbft ein Held, 
deſſen Lorbeer unvergänglic ift! Un— 
beachtet von den Zeitgenofjen, die, wenn 
fie geahnt hätten, was du gethan, dich 
am liebjten verbrannt hätten, ging dein 
Leben dahin; erſt die Nachwelt er: 


Verdienſt des großen Leibnig, daß er 
der Nachwelt das Andenken Friedrich 
von Spee’s in diejer Beziehung über: 
mittelt bat. 

Auch ald Dichter hat der Edle, 
wie ſchon oben gejagt, in unjerer deut: 
ihen Literatur einen Elangvollen Na- 
men. Nach jeinem Tode gab einer jei- 
ner Schüler eine Sammlung feiner 
geijtlichen Xieder unter dem Titel 
„Trutznachtigal“ heraus. Außerdem 
befigen wir noch von ihm „das gül- 
dene Tugendbuh”, ein theil in un: 
gebundener Nebe, theils in Liedern ab: 
gefaßtes Erbauungsbud. In jeinen 
Liedern Liegt fein Herz, die ganze kind— 
lihe Reinheit feiner Seele klar aus: 
geſprochen da, es leuchtet daraus der 
ganze Schaf von Liebe hervor, der 
in ihm lebte. — 

Die letzte Zeit feines Lebens ver: 
brachte er in Trier. Als im Jahre 
1635 die Raiferlihen die Stadt er: 
oberten und in allen Straßen und 
Gaſſen das Blut in Strömen floß, 
da jtürzte Spee mitten ind Handge— 
menge hinein, und gleichgiltig gegen 
jede Gefahr, verhinderte er, wo er nur 
fonnte, Raub und Mord, und trug die 
Verwundeten, Freunde wie Feinde, aus 
dem Getümmel, um fie in den Spi- 
tälern verpflegen zu lajjen. Allein über: 
menjchlihe Anjtrengungen warfen ihn 
aufs Kranfenlager und ein bösartiges 
Fieber machte feinem edlen Leben am 
7. Auguft 1635 ein Ende. 

Spee's Buch batte auch anderen 
Leuten Muth gemacht, gegen den He: 
renwahn anzufämpfen. Eine ganze Reihe 
edler Menichenfreunde erhebt ſich gegen 
diefe barbarifche Verirrung, unter ihnen 
auch ein Prediger zu Amiterdam, Bal— 
tbajar Beder, von Geburt ein 
Deutjcher, der in jeinem Buche „Die 
bezauberte Welt” den Teufel enttbronte, 
Es erregte ſolches Auffehen, daß da= 
von in zwei Monaten viertaujend Erem: 
plare verfauft wurden. Freilich brach: 
ten es jeine Gegner dahin, daß er 


207 


feines Amtes entfeßt ward, und als er 
am 11. uni 1698 die Augen ge: 
ichloffen, da juchten die Anhänger des 
Teufels ihn noch im Tode zu beſchim— 
pfen, indem fie das Gerücht verbreite: 
ten, Beder habe auf dem Sterbebette 
jeine Grundjäge geändert. Aber fein 
Sohn trat für die Ehre des trefflichen 
Baters ein und veröffentlichte deſſen legte 
Reden. Der legte hervorragende Käm— 
pfer, der entſchieden gegen den Deren: 
proce& auftrat und der, wie Friedrich 
der Große jagt: „den Weibern das 
Recht zufpricht, alt zu werden” — 
war Chriftian Thomajiuß. 
Am 1. Januar 1655 zu Leipzig 
geboren, genoß er durch jeinen Bater, 
den Profeſſor Jakob Thomafius, den 
Lehrer von Leibnitz, eine jorgfältige 
Erziehung und erlangte bereitS im 
17. Lebensjahre den philofophiichen 
Doctorhut. Hieranf ging er nad) Frank: 
furt a. d. D., ftubirte dort die Rechts— 
wiflenichaften und ward daſelbſt 1679 
Doctor der Rechte. Nach Leipzig zurüd- 
gefehrt, trat er als Advocat und afa= 
demiſcher Lehrer auf, denn er meinte, 
Theorie ohne Praris jei nur ein todter 
Körper; letztere ſei der einzig richtige 
Prüfftein für die erjtere. Er war der 
erfte Leipziger Profeſſor, der im Jahre 
1688 eine deutſche Abhandlung an das 
ſchwarze Brett ſchlug und feine Colle: 
gien in deutſcher Sprache vortrug. 
Damit verjegte er dem alten Borur: 
theil, als jei unjere Mutteriprache des 
Lehrituhls auf der Univerfität unwür— 
dig, den erjten Todesſtoß. Weiter be: 
gann er eine Monatsjchrift in deut— 
ſcher Sprache herauszugeben, in der 
er auf3 freimüthigite wiſſenſchaftliche 
wie politiihe Fragen erörterte und 
dabei hie und da gar manchen ge: 
lehrten Profeffjor am fteifen Zopf an— 
griff. Freilich zog er ſich dadurch viel 
Feindichaft zu, was ihn jedoch wenig 
befümmerte. Bejonderd waren es die 
Theologen, die ihn aufs bitterjte haß— 
ten und jogar von ber. Kanzel herab 
das Bolt und die Studenten gegen 
ihn aufzuhegen verfuchten. Wirklich ge: 


lang es ihren Umtrieben, den fühnen . 
Mann bei der Regierung zu verleum: 
den und einen Verhaftsbefehl für ihn 
zu erwirfen. Jedoch Thomafius merfte 
die Gefahr und entiloh 1690 aus 
Leipzig, wo man all jein Eigenthum 
einzog. Der Verfolgte wandte fich nun 
nach Berlin. Dort bat er den Kur: 
fürften Friedrich III. um Schuß und 
um die Grlaubniß, fih in Halle nie: 
derlaſſen zu dürfen, um der jtubiren: 
den Jugend, die ſich etwa dort um 
ihn verfammeln möchte, akademiſche 
Borlefungen zu halten. Der Kurfürft 
nahm feinen Anjtand, dieſe Bitte zu 
bewilligen. Er ernannte Thomafius zu 
jeinem Rath und jegte ihm einen Ge 
halt von 500 Thlen. aus. Damit 
beginnt nun die eigentliche jegens: 
reihe Wirkſamkeit des verfolgten Ge: 
lehrten. 

Auf der Nitterafademie zu Halle 
jeßte er unbehindert feine Vorlefungen 
fort, die gar bald zu hohen Ehren 
gelangten und überaus ftarf bejucht 
wurden. Seine Leipziger Feinde fuhren 
fort, Alles in Bewegung zu ſetzen, um 
ihm zu ſchaden. Einer derjelben wandte 
fih nochmals an den Kurfürften von 
Sachſen, nannte den Entflohenen einen 
„notoriſchen Erzböjewicht“ und ver: 
langte dringend, daß man vom Kur: 
fürften von Brandenburg feine Be: 
ftrafung fordern jolle. Ja, in Kopen— 
hagen wurden jogar einige Schriften 
von ihm durch Henfershand verbrannt. 
Aber Thomafius befand fih nun in 
fiherem Schuge und lachte über das 
Schimpfen jener bifligen Leute, beſon— 
ders jener von Leipzig. Mehr und mehr 
Stubirende wandten fih nad Halle, 
um den berühmten Rechtögelehrten und 
Philoſophen zu hören, und diefer außer: 
ordentliche Beifall wurde die nächite 
Beranlafjung zur Gründung der Halle’ 
ihen Hochſchule, denn als der Kur— 
fürft bei einer Durchreife die große 
Anzahl der Studenten gemwahrte, be: 
Ihloß er die Errichtung jener Univer: 
fität. Sie ward im Jahre 1694 er— 


öffnet. 


208 


Im Jahre 1709, als der Stern 
diejes bedeutenden Mannes immer leuch: 
tender aufgegangen war, da erkannte 
man aud in Leipzig, wo inzwijchen 
feine alten Gegner gejtorbeu und ver: 
borben, was man an Thomafius ver: 
loren. Man verjuchte ihn unter vor- 
theilhaften Bedingungen zurüdzurufen, 
aber er jhlug den Antrag aus. 
Sein Fürft ernannte ihn dafür noch) 
in demjelben Jahre zum Geheimrath; 
bald nachher wurde er Director der 
Friebrih8-Univerfität, Profeſſor pri- 
marius und Decan der Juriftenfacultät. 

Diefen erleuchteten Denker hatte 
die Vorſehung dazu auserjehen, dem 
Herenproceß in Deutjchland die Todes: 
mwunde beizubringen. Er war der rechte 
Mann dazu, es jelbit mit dem Teufel 
aufzunehmen, und es gelang ihm, die 
ZTeufelsfurht gründlich zu beſiegen, 
ben Zauberglauben in jeinem Nichts 
darzuitellen und dadurch dem Seren: 
proceß für alle Zeiten den Garaus zu 
maden. Anfänglich hatte er das He: 
rengeſpenſt nicht beachtet, ja er hatte 
fi übereilt, als die erjten Herenacten 
an die neue Univerfität geichidt wur: 
den, dur die bisherige Gewohnheit 
verführt, feine Stimme ohne Weiteres 
gegen die Beklagte abzugeben. Aber 
feine Collegen dachten anders, als fie 
ihn überftimmten. Dadurh auf den 
Stand jener Angelegenheiten erſt auf: 
merfjam gemacht, prüfte er gründlich 
das Verfahren bei dieſen Procefien ; 
er ſuchte hinter das Weſen des Höllen- 
fürften zu fommen und die Natur der 
Zauberei jomwie der Proceßführung da— 
bei zu durchdringen. 

Da fand er nun, daß der Teufel 
ber Heren faum älter als fünfhundert 
Jahre jei und daß ein Verbrechen der 
Zauberei gar nicht eriftire, aus dem 
einfachen Grunde, weil es feine Zau: 
berer geben könne. Hierauf legte er 
feine Forſchungen bejonderd in zmei 
wichtigen Schriften nieder: „Kurze 
Lehrſätze von dem Laſter der Zauberei” 


der bie Heren“, in denen er den Un: 
ſinn und die Nechtlofigfeit dieſes Ge— 
richtsverfahrens auf's jchlagendfte und 
unmiderleglichite nachwies. 

Er erkannte ganz klar, was vor 
Sahrhunderten den Papſt bewogen, den 
Herenproceß in Deutichland einzufüh: 
ren. „ES diente“, jchreibt er in diejer 
Beziehung, „Diele Fabel von den Bünd— 
nifjen mit dem Teufel noch dazu: wenn 
irgendwo ein frommer und redhtichaf- 
fener Mann war, der es mit der Gle- 
rifei aus vielen Urjachen verborben 
hatte, daß dieje ihm war gehäflig ge: 
worden, gleihwohl aber wegen feiner 
behutjamen Aufführung ihm unter dem 
Vorwande eines Irrthums in der Lehre 
oder Ketzerei nicht in die Haare fom- 
men fonnte, da war fein bequemeres 
Mittel, einen ſolchen auf den Scheiter: 
haufen zu bringen, als wenn fie ihn 
wegen des Laſters der Zauberei ver: 
dächtig machte, und duch taujenderlei 
Marter ihn dahin brachte, daß er ihre 
unzähligen erdichteten Lügen von der 
Gemeinschaft und von dem Bündniß 
des Teufels mit den Zauberern durch 
jein erzwungenes Bekenntniß befräfti: 
gen mußte.” 

Schließlich weiſt Thomafius Die 
Nichtigkeit alles deijen nad, was bie 
Juriſten von den Kennzeichen der Zau— 
berei zu lehren pflegten, und jchließt 
jeine Schrift mit den Worten: „Was 
mich vor jeßo anbetrifft, als der ich 
das ganze Lajter der Zauberei für eine 
Fa.el halte, rathe diefe einzige Behut— 
jamfeit: Der Fürft als die hohe Obrig- 
feit verjtatte niemals, daß wegen des 
Later der Magie, d. i. wegen bes 
Bündniffes mit dem Teufel, eine In— 
quifition angeſtellt werde; die Fleinere 
Obrigfeit aber vollziehe jolches nie- 
mals!“ — Ebenſo entjchieden ſprach 
er fich gegen die Folter aus. 

Kein Wunder, daß er von Juris 
jten und Theologen jeiner Zeit als der 
ärgite Frevler an Gottes Wort, als 
ein „Atheift, Duäfer, Socinianer, Sad— 


und „Unterfuhung vom Urjprung und ducäer“ Hingeftellt wurde, Sogar die 
Fortgang des Jnquifitionsprocefjes wi- | Poefie wurde aufgeboten, um ihm den 


209 


Proceß zu machen. Freilich waren bie 
Verſe au darnach. So ſchreibt 
ein Hamburger gegen Thomaſius: 


Geſpenſter glaubt er nicht, auch 


— 


keinen Bund 
der Hexen, 
Welch' atheiſtiſch Gift, das er hierunter hegt! 
Er ift ein Höllen-Huhn, das jetzo erſt will 
fädien, 
Bis daß ed nad und nad die Eier hingelegt, 
Den Sadduzäer-Beijt von Neuem auszjubrüten ; 
Ad, dafür woll’ uns dod der liebe Gott be- 
hüten. 

Thomafius hörte und las mit 
Sleihmuth diefe plumpen Angriffe. 
Er meinte: „Vor dem Teufel joll man 
ih hüten, aber ihn nicht fürchten. 
Alſo Hüte ich mich vor meinen Läſte— 
tern, jomwohl vor denen, die des ge: 
malten Teufels Partei nehmen, als 
vor den anderen, ſowohl vor alten als 
jungen, — aber ich fürchte mich nicht. 
Ich nehme mich in Acht, daß ich ihnen 
feine Urſache zur Teufelei, d. i. zur 
Läſterung gebe; thun fie e8 aber den: 
noch, jo laſſe ich fie diabolifiren fo 
lange fie wollen, und lafje fie gehen, 
wenn fie ſich auch in einen Engel des 
Lichtes verjtellen und unter dem Schein 
des Gebetes ihre Läjterungen wider 
mih ausüben.“ Bisweilen ließ 
Thomafius feinem glänzenden Witze 
freien Lauf, um jeine Gegner zurüd: 
zumeijen. So hatte ein gewiljer Pre: 
diger Erdmann wider ihn gejchrieben, 
unter dem Namen Salzmann, Thoma: 
fius jagte nun, das habe er gethan, 
weil er fih der Stelle aus Matthäi 
erinnert: Ihr jeid das Salz der Er- 
den, und weil der arme Erdenkloß ge: 
meint, es ſchicke fich vortrefflich auf 
ihn. Thomafius rieth ihm, die Stelle 
bei einer folgenden Schrift auf das 
Titelblatt zu jegen, aber ja die Worte 
nicht zu vergejlen, daß das Salz zu: 
weilen bumm würde, 

Alles MWiderftreben jener Dunfel- 
männer konnte die große Geiftesthat 
des Edeln nicht hindern. Er erlebte 
es noch, daß fein Fürft, König Fries 
drih I. von Preußen, die Brandpfähle 
aus jeinen Landen verjchwinden ließ. 


Bofeggers „Heimgarten‘‘ 3. Heft 


Mit heiterer Ruhe ſah er dem Tode 
entgegen, der ihn am 23. Sept. 1728 
der Erde entrüdte. Er bat, wie ber 
berühmte Staatsrechtslehrer Schlözer 
behauptet, auf Mit- und Nachwelt 
mehr gewirkt, als alle Philoſophen 
Griechenlands zuſammengenommen, und 
der Hiſtorike Johannes von Mül— 
ler jagt von ihm: „Viele, die mit 
großer Pracht und Macht ihr Zeit: 
alter auf das Glorreichite unglücklich 
gemacht oder mit unjäglicher Lift und 
Kühnheit myftificirt haben, werden nicht 
die Achtung und Liebe, wie joldh ein 
Mann, bei der Nachwelt finden.” Auch 
in der Gegenwart ift fein Gedächtniß 
nicht erlofchen, denn vor wenig Jahr: 
zehnten hat die Univerfität zu Leipzig 
in ihrer Aula die Büfte des uner: 
ichrodenen Kämpfers aufgeftellt. 

Das Andenken an diefen braven 
deutijhen Mann aber möge uns er: 
muntern, wo wir nur können, Aber: 
glauben und Gewiſſenszwang, die fi) 
auch in unfern Tagen noch in ver: 
ſchiedenen Formen zeigen, Fräftig zu 
befämpfen und ung ſelbſt frei zu bal- 
ten von den Gebilden des Wahns, 
der glei erbarmungslos ſich wendet 
gegen den darin Befangenen wie gegen 
Andere. Ward in früherer dunkler Zeit 
der Kampf gegen blutigen Aberwiß 
geführt, der ſich gegen vermeintliche 
Zauberer, gegen Ketzer und Anders: 
gläubige wandte, jo gilt e8 heute vor— 
nehmlich, denen gegenüber zu treten, 
welde höhere Bildung, Erhebung des 
Menjchen zur Wohlfahrt und Freiheit 
in geiftigen wie bürgerlichen Beziehun- 
gen aufzuhalten oder zu verhindern 
juchen. Eitles, vergebliches Bemühen ! 
Jeder Tag, der dem Borjchreiten der 
Menschheit durch Unterriht, Bildung 
und Hebung in allem Schönen, Guten 
und Großen gewonnen wird, verjcheucht 
mehr und mehr die dunfeln Wolfen 
der Nacht, welche die Geifter eines 
guten Theiles der Menjchheit noch 
immer umlagert. Auf alljeitig befjere 
Erkenntniß wirken heutzutage Schule 
und Leben, wirken fort und fort Wort, 


14 


210 


Griffel und Feder, wirkt die unüber- 
jehbare Thätigfeit der Druckpreſſe. So 
jehr auch die Gewalthaber und Ber: 
ächter der Geiftesfreiheit den freien 
Meinungsausdrud durch die reife 
verfolgten und knebelten — fie, bie 
niht an Ort und Stelle gefeffelt ift, 
läßt fi eben jo wenig durch ben 
Machtſpruch der Gemwalthaber unter: 
drüden, als der Geift der Glaubens: 
freiheit duch Scheiterhaufen und Tor: 
tur erjtidt werden fonnte. Das erhe— 


bende Gefühl, daß Einer für Alle und 
Ale für Einen einftehen müffen, wird 
immer lebendiger und durchdriugt die 
Gegenwart, ja in ihm murzeln alle 
Hebel der Volfsbildung. unfrer Tage 
ſowie der Zufunft. Und jo arbeite denn 
ein Jeder unverbroffen am Werke der 
Aufklärung. Denn leider, leider 

Des Aberglaubens alte Rechte 

Erftreden ſich auf jedes Haupt; 
| Roch ift im menſchlichen Befchlechte 
ı Ihr Einfluß größer, ald man glaubt. 


Wenn id komm’, wenn id wiederum komm!’ ! 


Habt ihr Schon gehört? Der Rein: 


Dem Reinhard ift aber auch nicht 


hard, Lorle's Neinhard ift wieder da;| wohl gewejen, wie das Lorle davon 
— Ihr könnt euch doch noch erinnern war und er ſich jagen hat müffen, er 
an die Gejchichte von der Frau Pro: | wäre die Schuld; fo ift er bald darauf 
fefforin — vor dreißig Jahren? ſie fort nah Stalien. Er ift als Maler 


bat ja in ganz Deutfchland Aufiehen 
gemacht. — Dazu mwäret ihr zu jung. 
Aber gelefen? in Auerbachs Dorf: 
geſchichten gelefen? — Nun, ber 
Profeffor Reinhard, der berühmte 
Maler, hat die Wadeleswirths-Tochter, 
die Lorle, geheiratet. Im Schwarzwald 
wars und jo gings zu: Der Reinhard 
bat ein Altarbild für die Kirche ges 
malt und fi) dabei ind Modell ver: 
liebt — in's jchöne, marienhafte Lorle. 
Hats geheiratet, ift mit ihm in die 
Stadt gezogen. Es war eine echte Liebe 
gewejen, aber das Dorfkind hat fi 
in das vornehme Stadtleben nicht zu 
finden gewußt und der Reinhard hat 
fih feiner geſchämt, hat es in bie 
hohen Kreije, in die er gezogen wor: 
den, nicht mitnehmen können und noch 
obendrein hat eine vornehme Frauens— 
perjon ihm den Kopf verdreht. Wie das 
das Lorle inne worden, ift e8 davon 
und zum Vater heim. Sie hat den 
Reinhard fo von Herzen lieb gehabt, 
daß fie ihm nicht auf dem Wege 
ftehen wollte zu feinem Glüde — und 
fie hat ftill und geduldig gelitten da— 
heim in ihrem Dorfe Weiſſenbach. 


jehr berühmt worden, aber in ben 
legten Jahren hat man gar nichts 
mehr von ihm gehört und es hat ges 
heißen, er wäre gejtorben. 

Da ift er nun auf einmal in 
Weiſſenbach. Mit dem Bahnzug ift er 
gefommen, denn feit dreißig Jahren 
haben fie durch die Gegend die Eifen- 
bahı gebaut. Die Leute hätten ihn 
hier nicht mehr erkannt, denn er 
trägt einen grauen Bart. Aber um 
etlihe Wochen ift er zu fpät daran; 
das Lorle, mit dem er fo unfelig 
auseinander gekommen iſt und das er 
jest, nad dreißig Jahren erft wieder 
aufſuchen will — es ift tobt. Noch 
ehe fie ftarb, hat fie dem Reinhard 
ein Grab beftellt an ihrer Seite. Und 
jegt fam er und wollte nicht mehr 
von der Welt und wollte bald fterben 
und bei dem Lorle begraben fein. Aber 
wie der Reinhard ſchon ein Menſch 
ift, dem’3 immer anders kommt, als 
er jelber will, fo verliebt er fih nun 
geihwind, noch bevor er zu feinem 
Lorle ins Grab fteigt, in ein junges 
Mädchen und bald ift er mit demiel- 
ben verlobt. 


211 


Man nimmt ihm’s fehr übel — 
nicht bloß die Weiſſenbacher allein — 
auch andere Leute. Eine hat er jchon 
ind Unglüd gebracht vom Dorfe, jetzt 
geht er die zweite an. — 

Und wenn er denn die Erjte rich: 
tig jo lieb gehabt hat, wie er thut 
und daß er, wo er geht und fteht an 
fie denkt und gar nicht weiß, wie er 
jein Herzleid ftillen ſoll — fo fteht’s 
ihm gar nicht gut an, jegt, da noch 
nicht einmal Gras wächſt auf ihrem 
Grabe, ſchon wieder an’3 Heiraten zu 
denfen. Der Reinhard jollte überhaupt 
ganz ledig bleiben — ſchon den hun: 
derttaujend Frauen zu Lieb, die jeine 
Geſchichte lejen. Ein erſtes Heiraten 
bat man in einer Liebesgeichichte 
gern — aber ein zweites lieſt fich 
wahrhaftig nicht mehr gut. Ein Witwer, 
bejonders einer, der im Buche fteht, 
ſoll entfagen, Allem entfagen und für 
immer entjagen, damit die Welt an 
ihm die Poefie „der treuen Liebe” ge 
nießen fann. — Früher hat der Dich: 
ter ſolch verwitweten PBerjonen gerne 
fihb aus Gram das Leben nehmen 
oder anders wie an gebrochenem Her: 
zen fterben laſſen; — das war ein 
Genuß für die Lefer. Neuere Schrift: 
fteller ziehen es vor, das Leben und 
Streben eines verwitweten Helden voll- 
fändig von allen weiblihen Weſen 
ab: und großen Thaten zuzumenden, 
durch welche fie der ganzen Menfch- 
beit oder mindeftend einem guten 
Theil derjelben nügen. Das erhebt 
die Lejer und fie freuen fich, daß 
jo ein Mann no vorfommt —- und 
wenn er auch nur gebrudt fteht. 

Und der Reinhard, au; den man | 
ſeit dreißig Jahren her jo viel gehal: | 
ten, will wieder heiraten; — und 
was denn das nüßt, wenn man über 
fo Einen Bücher jchreibt, der nicht 
beſſer und nicht jchlechter ift, wie 
andere Leute! — 

Ah, fie ſollen ſich nur nicht zu 
früh die Zunge wegen. Mein Gott, 
es wird's ja bald genug die ganze 
Welt erfahren, was gejchehen iſt. — 


Dom Söller herabgeftürzt . . . herabge: 
worfen! — Das ganze Dorf läuft 
verwirrt und jammerndb durch die 
Gaſſen ... 

Eine böſe, traurige Geſchichte! — 
Die Sahe hat ſich jo zugetragen: Als 
vor dreißig Jahren das arme Lorle 
von der Stadt zurüdgefommen in’s 
Dorf, da ift gerade ihre Schwägerin, 
ihre8 Bruders Frau, in der guten 
Hoffnung und da hat fich diejelbige 
über die unglüdlihe Heimfehr des 
Lorle jo erfchredt und entiegt, daß 
fie eine Frübgeburt gemadt. Das 
Kind, ein Junge, wuchs wohl auf, 
war aber blöde, ein Trottel und bös— 
artig noch dazu. Dieſer Burſche hat 
nun den angefommenen Reinhard nicht 
leiden mögen und iſt's gemwejen, ber 
den Man in feinen zweiten Braut: 
ftänden von dem Söller des Haufes 
hinabgeftürzt hat. — Jetzt haben fie 
des Lorle's Reinhard neben dem Lorle 
begraben. 

In diejer Zeit ift auch der „Kohle 
brater“, der Herr Reichenmeyer, wieder 
einmal nah Meiffenbah gekommen 
und hat den Reinhard bejucht. Aber 
das ift ein unangenehmer Menjch ge: 
worden — jo über alle Maßen ge: 
ſcheidt und altflug — jo hochgelehrt, 
ein Weltverbeijerer, der über all feine 
Selbftlofigkeit die Freundſchaft verlerut 
und mit jeinen rüdfichtslofen Vernünf: 
teleien dem armen Reinhard, der an 
ihm das warme Bruderherz zu fin: 
den wähnte, bitter weh gethan hat. 
Aber ſonſt doch eine gute Seele. Er 
joll geweint haben im Walde, als er 
wahrgenommen, daß er den Reinhard 
beleidigt. Er hat feinen Jugendfreund 
mitnehmen wollen auf Entdeckungs— 
reifen in die Eisregionen — vielleicht 
wäre das ein Nechtes gemwejen, denn 
der Herr Neichenmeyer war troß all 
jeiner Wiſſenſchaften — er hat, wie 
die Leute jagen, alle Jahre eine neue 
gelernt — ein guter, natürlicher Menfch 
und folche Leute treffen unbewußt oft 
das Rechte. — Nun, ’3 iſt Alles vor: 
bei. Der Herr Collaborator ijt wieder 


14° 


212 


fort, wir wiffen nicht wohin, wiſſen 
auch nicht, ob er noch einmal ein 
zweites Tauſend feiner oft wahrhaft 
weifen und oft wahrhaft jeltfamen 
Gedanken in ein Buch druden läßt, 
wie er e3 ſchon einmal mit dem erften 
Tauſend gethan hat. — Malva, jo heißt 
die zweite Braut Reinhard's, ijt des 
Bräutigam Erbin geworden. Auch fie 
wird leicht einen Zweiten finden, doc) 
rathen ihr die Leute, fie ſoll ja feinen 
Stadtheren nehmen, das thäte — und 
wäre die Liebe noch fo groß — ein 
für allemal fein gut. Lorle's und Rein: 
hard's Gejchichte hätt's bewieſen. — 

Es iſt hier von einem neuen Buche 
die Rede, welches die Cotta'ſche Buch— 
handlung in Stuttgart erſt vor Kur— 
zem hat drucken laſſen. Dem Berthold 
Auerbach fiel es nämlich jetzt, nach 
dreißig Jahren plötzlich ein, ſeine 
Dorfgeſchichten fertig zu ſchreiben, nach— 
dem dieſelben dreißig Jahre lang alle 
Melt für fertig gehalten hat, bie 
Charlotte Birchpfeiffer ausgenommen, 
welche in ihrem „Dorf und Stadt” 
dem Lorle zu einem „guten Ausgang” 
behilflih war. 

Die Geſchichte von des Lorle's 
Neinhard kann recht paden, aber mid 
dünkt, wenn ſchon nichts Großes und 
Erfreuliches mehr zu erzählen geweſen 
ift, jo hätte man die längftvergange: 
nen Dinge in Gottesnamen Tollen ſchla— 
fen laſſen. 

E3 mögen vielleicht derlei Fort: 
jegungen und NMeiterentwicdlungen dem 
Mejen der Dorfgefhichte entiprechen, 
jo wie faum zu zweifeln ift, daß Auer: 
bach auch hierin feine Nahahmer fin: 
den wird. Im Dorfleben hängt Alles 
viel natürlicher und inniger zufammen, 
als in anderen Geſellſchaftskreiſen, das 
Geſchick des Einen hat daher oft große 
Folgen für Nachbar: und Nachkom— 
menjchaft. — Kann der Erzähler da- 
mit schließen, daß er 3. B. feinen 
Helden nach Amerika gehen läßt? Da— 
mit fängts ja eben wieder an und 
Alles frägt: Wie gehts ihm in Ame— 
rifa ? Wird er reich? Geht er zu Grun— 


de? Wird er wiederfehren? So bei 
Auerbachs „Tolpatſch“; — und das iſt 
im Buche die zweite Gefchichte. 

Der Sohn des vor dreißig Jah— 
ren ausgewanderten Tolpatih kehrt 
in's Schwabenland zurüd, um ſich 
ein deutjches Weibchen zu juchen. Und 
jujt die, welche ihm fein Vater ver: 
bietet, weil fie das Kind jenes Weibes 
ift, das dem Alten einft untreu war, 
juft die nimmt der Schall. Macht 
aber nicht3, der alte Tolpatjch drüben 
ift mit der Wahl des jungen Tolpatſch 
hüben ſchließlich einverftanden und 
dad junge Paar fährt luftig nad 
Amerifa. — Das lieft fih fein und 
würde fih noch feiner lefen, wenn es 
mit etwas weniger Meisheit gejchrie: 
ben wäre. 

Die dritte Geſchichte endlich ſchließt 
ih den alten „Sträflingen” an und 
beißt: „Das Neft an der Eijenbahn“. 
Zwei Bahnmwächtersleute, die einmal 
eingejperrt waren (da muß man aber 
die „Sträflinge“ Iejen), Haben viele 
Kinder — Buben und Mädchen, auf 
die theilweife noch der böje Leumund 
der Eltern Einfluß hat, die aber all: 
mälig recht glüdlich verforgt werden. 
Auerbach ift jegt vierundſechzig Jahre 
alt und jo iſt das Beltreben, all’ 
feine Kinder, auch die mißrathenen, 
möglichit zu fihern, wohl begreiflich. 

Allerdings find ihm dieſe feine 
Kinder ganz entwachjen oder er ihnen. 
— Auerbach ift fein Dorfgefchichten: 
jchreiber mehr. Seine Naivität ift da= 
bin. Er gejtaltet nicht mehr, er grü— 
belt. Oft jcheint es, als gelte ihm die 
Fabel feiner zu erzählenden Gejchichte 
nicht viel mehr, als ein Nagelftod, um 
jeine verjchiedenen Betrachtungen daran 
zu hängen. Und Auerbach ift gedan— 
ken- und ibeenreih wie faum ein 
Zweiter. Schon vor dreißig Jahren 
waren die Auerbach'ſchen Bauern im 
Schwarzwalde jehr gejcheibte Leute; 
und feither find fie noch viel geſcheidter 
geworden. — Falt Jeder von ihnen 
fann die tauſend Gedanken des Colla— 
borator3 auswendig. 


213 


Seit feinem vollendeten Roman | Sentenzluft beißen bie Elemente, bie 
„Auf der Höhe”, in welchem mit der | den Werth der „Neuen Dorfgeſchichten“ 
reihen Weltanschauung des Verfaſſers Auerbachs jo empfindlich jchmälern. 
fih noch die urſprüngliche Schaffens: | Nicht oft mehr bligt die Genialität 
fraft gepaart, ift Auerbach mit jebem |de3 berühmten Meifterd aus deſſen 
neuen Werte tiefer herabgeftiegen. |neuem Werke hervor. Wo fie ſich aber 
Nene Hoffnungen erwedten die „Neuen | zeigt, dort wird das Herz des Leſers 
Dorfgeſchichten“, aber dieſe find uiht | warme und das Auge feucht; bort 
mehr vom alten, fondbern von dem) freuen wir uns an der Echtheit und 
gealterten Auerbach, der fih nun von |dem Adel der Schöpfungen und bort 
feinen eigenen Epigonen foll meiftern | glauben wir wieder an die große Be: 
lafjen müſſen. Süßlihe Sentimentalis | deutung Berthold Auerbach's in ber 
tät, Neigung zur Lehrhaftigfeit und | deutichen Literaturgefchichte. R. 


Derfe unterm Schwarzen ren. 
Bon 3. Raldıberg.*) 


Der Zeitgeift. 
Wie in der Vorzeit regiert noch jept das eiferne Fatum, 
Beugt mit gewaltiger Fauft mächtiger Sterbliden Troß. 
Zeitgeift nennt fi fein Sohn, und wenn ihm trogen die Herrſcher, 
Wanken die Throne, es weicht den Beherrſchten das Glüd. 
Wunſch der Zeit. 
Völker, ihr wünſchet fo fehr zu dämmen die Willfür der Krone, 
Aber habt ihr aud Muth, treu zu bewahren den Damm ? 
Bald verdorret entlaubt die Eiche beglüdender Freiheit, 
Saugt die Wurzel nicht Kraft tief aus der Bürger Gemüth. 


Macht der Liebe. 
Völfergebieter, vertraut nicht Bajonneten die Throne, 
Laßt befteh'n fie nur treu, von der Liebe bewadt. 


Warnung. 
Völkergebieter vertraut nicht heuchelnden Schranzen das Scepter, 
Nichts ift empörender, ald SHave von Sklaven zu fein. 
Die Täufhung. 
Kreuze, Bänder und Eterne tragen am Herzen fo Viele ; 
Dod im Herzen erglänzt jo felten der Tugend Geftirn. 
Eitles Blendwerk der Welt! Vor jenem erhabenen Throne, 
Wo nur die Wahrheit beftcht, finfen die Masten in Staub. 
Die Weltgeſchichte. 
Die Geſchichte der Welt enthält in reichlihen Bänden 
Monumente der Schmad, zahllos der Menfchheit erbaut. 
Völker, wünſchet euch nicht, in diefen Büchern zu prunten, 
Glüdlih feid ihr nur dann, ſchweigt die Gefchichte von euch. 


*) Vor uns liegt ein Band noch ungedrudter Gedichte, Erzählungen und hiftorifcher 
Aufſätze des fteirifchen Dichters I. Ritter v. Kalchberg, zufammengetragen im Jahre 1825. Vieles 
davon und nicht das Unbedeutendſte ift mit dien, ſchwarzen Strichen überkreuzt. Das hat die 
Genfur getban, Eben nur das, was damals unftatthaft war, fann uns heute nod) intereffiren 
und fo heben wir die Grabfreuze weg und laffen für heute einige Diftihen auferftehen, 


214 


Wos ban ara Ibarofdhung auſſa kema kon. 
Fon Fritz Reuter. 
In die fteirifhe Mundart übertragen von P. 8. Rofegger.*) 


Gegn liab Weihnatn zumi mar dos 
in infern Haus olamol a Lafn und 
Drofhln (Flüftern) und Fleanichln, a 
Hoamlithuerei und a Vaſteckn! In 
d Stubn hobn mir — die floan Leit 
— gor nit einiderfn, bo drinan is die 
liab Muada ghuckt mit a por a 
drei Noderinen (Näherinnen) und bot 
gnaht und gnaht in an neign Zeig af 
d Weihnachtn fi meini Schweſtern und 
fir ind Buabn; zu da fewin Zeit jein 
die KloanbuabnjöppIn und Höſerln 
noh glotweg in oagnan Haus gmocht 
mworn, und nit ban Mobdifchneida. — 
Na, und don und won id oans von 
ins einighoaßn worn, hobn eahm d Augn 
vabundn und Fäuftling onaftedt — 
und fo bobn 83 eahm 3 Gwandl 
ongmefin in da vabodnen Stubn. 
D Fäuftling, de hot mein Ahndl auf: 
brot, wir in vagongen Johr mein 
elteri Schmwefter, d Liefl, mit n Händn 
ollaweil umafroblt hot, daß as het 
erfohrn, va wos Zeig ihr Rod gmocht 
wurd, 

„Na ſchau, du Gredl!“ fogt mein 
Ahndl, „wos der Teirl afcheidt is! 
wart, des mil ih da vatreibn!” — 
und ftedt ihr d Fäuftling on. Und 
fivadem wird ohni Fäuftling Koans 
mehr in d Stubn einigloffn. 

Hobn ſcha de Oldn wos Hoamlichs 
ohobt, fo hobn mir Jungen ah wos 
Hoamlichs ghobt. — Por Weihnachtn 
fein ollamal unferi dochnenen (thöner: 
nen) Sporbihin in Scerbn ghaut 
mworn, und wos das Jahr aufgmeſſen 
bot, des wird auffagnomen und nochha 
wird einfaft. Mei Voda, der friagt 


von an Jedn ollamol fei Stangl Pet: 
ſchirwochs und a Bleiftiftn; und mir 
wilin 8 jcha, wan mar eahm de zu 
Weihnachtn ſchenkn, jo kriagn ma 's 
zu Neijohr wieda zruck. — Späda 
kriagt er va meina Schweſter gnonnts 
(genanntes, regelmäßig) a por gſtickti 
Hauspotihn, de er oba nit onglegt 
hot — wir er gitorben is, hobn ma 
fiebn Bor davon gfundn in jein Koftn. 
Aft nohha, warn mei Moam, d Sche- 
ningerin noh an neign Kampl Friagt 
hot, und mein Ahndl a buderlwormi 
Pelzhaubn — zu den mir, vafteht fih, 
DI zſomgſchoſſn hobn — i8 fi d Mua- 
der ollamol noh 's meiſte Geld üba- 
bliebn — und nochher is d Hoamlifeit 
erft ongonga — 8 onder hobn mar 
eh olls gwißt, weils olle Johr s Gleich 
i8 bliebn. Und wan ih nochha zan 
Kroma bin arent und a faubers Stüdl 
einfaft bon mit der Ausnohm — und 
des is ins ollemol auftrogn worn — 
daß 's wieder umtaufcht wern fon — 
jo lauf ich drauf iber und iba zu ba 
Muada und ſog: „Muada, Muada, 
ih jchmeiß dir ah wos in Korb!” 

Sogt d Muada: „Loß ma’3 neamt 
onſchaun, wos d hoſt!“ 

„Ab na“, ſog ih, „dös zoag ih 
fan Menjchn nit, juft dir will ih 8 
joagn, des is dos und dos.“ — 

Na, ih bin elta worn, bon ah 8 
Maul holdn glernt, und mir ih va da 
hochn Schul 8 erftimol zu da Weib: 
nochtäzeit' in mein Wobershaus af 
Bſuach fema bin, do bin ih jo hoamli 
gweſn mit mein Gſchenk, daß nit amal 
mei Vetta, da Mathiasl, wos davon 


*) Ich babe hier verfucht, eines der Iuftigften Stüdlein des trefflihen norddeutfhen 
Dialektdichters Friß Reuter unferem Publikum verftändlich zu machen. Durd eine Leber- 
febung ins Hochdeutſche würde man dem Schmetterlinge des Reuter'ſchen Humors den Gold- 
ftaub wegwiſchen. Diefe urwüchfigen Dichtungen fönnen nur in eine naive Sprache gelleidet 
fein. Allerdings würde — in die Alpenmundart überfegt — auch Manches an deren Inhalt 
unferen örtlihen und gefellfhaftlihen Verhältniſſen angepaßt werden müffen. In vorliegendem 
Stüde brauchte id hierin nur ein ganz Weniges von dem Originaltegt abzugeben. 


zwiffn kriagt hot. Juſt oba, wir ih Ih woaß, daß |’ fa Dufn bot und 
des einpodn will und babei mehr Sigl- ollaweil aus da Popiertiten jchmirt, 
wos, Bindfobn und Popier vabraud, | und fo will ih ihr z nahſt Kirwah 
a3 da gonz Bettel wert is gwen, fimt | (Kichweih) a hoamlichi Freid mochn 


er ma briber und frogt: 
dann do?“ 


„Wos Hoft und ſchenk ihr a ſchöni Schnopftabok: 


dufn. Du Bua, des hot mih nit jchlechton- 


Ober ih Fon jchmeign und ſog: gſchmirt. Sie jchmeißt ma ’3 Ding 


„a, nie nit.“ 

„Nie nit?“ frogt er, „ih gſiach 
oba doh, daß d wos hoſt.“ 

„De braudft du nit zwiſſn“, 
ſog ih. 

„So!“ moant er, „is des an Ont— 
wort fi dein Bettern?” — und — 
ſchwupps — bon ih Dans afn Gnack. 

Hiazt bin ih oba wild af d Hech 
gſchoſſn, bin ih doh a Terzianer gweſt, 
und biazt frog ih n, ob er 8 mul 
wiſſad, daß ih a Terzianer bin! 

„Leida Gottes”, ſogt er, „woaß 
ib 3, daß du noh a duma Bua biſt; 
oba, wan 3 d ah der Erft in da gonzn 
Schul warſt jo bleib ih doh dabei, 
bit a Lopp!“ 


Nu, ih hon mi blad (gebläht), hon 


mih bamt — wir in a jo an jechzen- 


jährign Schlanggl da Höllfaggra feine | 


Ghirn ſcha vabeifelt gſpitzt auſſa— 
ſteckt. Mei Vetter is a Menſch gwen, 
der an Gſpoaß vaſtondn hot; ober in 
Ernſt id s mit eahm nit guat kerſchn— 
efin gwen — und ih hon d Herner 
wieder ftab einzogn. 

„Na“, fragt er ſchean hondſum, 
„wos hoft dan do?” 

„Better Mathiasl”, ſog ih, „bes 
fog ih nit. Ich will mei Muada da— 
mit ibarumpeln und will ihr a hoam- 
liche Freid damit mochn.“ 

„So!“ ſogt da Better, „iberrum: 
peln willit a8? na, jelm loß da fogn: 
ih bin in mein Lebn heifti gnua iba- 
rumpelt und ibaroſcht worn, ober fir 
ol de Ibaroſchungen gib ih nit a 
Pfeifn Tabof, und de hoamlichn Freidn, 
mein Suhn, de ind onderi Leit mochn, 
wern imeramol recht bitteri Leidn — 
afs mindaft Vabruß und Irganuß. — 
Wos bon ih nit mit da Moam, mit 
da Scheningerin, fir an Elend ghobt. 





afn Kopf und fchreit, ih war an older, 
unvaſchemta Hufarnipigbua. — Und 
nohha, mein Suhn, wos is bes nit 
vorige Johr fir a fauberi Ibaro— 
jhung gmweit, ba der Ausipielung fi 
die ormen Leit, wir ih 3 Spinradl 
gwungen bon und dei Muada die Pu: 
delhaubn mitn guldan Poſchn (Quaſte), 
und die Pforafehin d Reithoſn und 
da Her Pfora 3 kloan Werklgſpiel!“ 

„30, Vetta“, fog ih, „zu Weih— 
nachtn is jo bes amol a jo da Braud, 
und do finen doh ſelchteni Vadraht— 
beitn und Vabriaßlifeitn nit firfema.” 

„Valoß dih nit drauf!“ fogt er, 
„Set dih nieda. D Nukonmwendung, be 


hoſt ſcho voraus kriagt, und biazt lous 


zua, hiazt will ih dir ah die Gſchicht 
dazehln.” 
* * 
* 

Vor an etla Hohen, wir ih amol 
a zeitlong z Parchau glebt hon, is in 
Gißdorf noh da Herr Omtmon Zärner 
mit Frau und Tochter gweſt — hot 
ab ſei Schwagerin ban eahm ghobt. 
Na, de drei Meibaleit fein olli Morgn, 
de Gott in Himel wern loßt, zwiſchn 
eilfi und zwelfi ſpozirn gfohrn af jo 
an loan Jogdwogn mit a longa Wurft 
hintn. Voron afn loan Bod, der hot 
ogſchrauft wern kina, figt da Kutſcha; 
die Omtmänin und d Schwagerin hudn 
bintn af n Benkn, und die Tochter, 
de reit af da Wurft. 

Na, und amol — 8 is nit weit 
vor Weihnachtn gwen — kimt da Hut: 
ſcher einer: „Herr Omtmon“, jogt er, 
„fe hobn ins de Nocht in Bok von 
Wogn oftuhln.” 

Da Herr Omtmon ſchaut n fo 
awenk va da Seitn on und geht granti 
eini in fei Stubn. Und wir er grob 
in beftn Grant (Aerger) is, fohrt jei 


Schwoga, der Omtmon Daringer z Par: |wia Weg und Stroßn bſorgt wern 
hau daher. miabn und mo ſih da löbli Magiitrat 
Zu der febin Zeit hobn die Par: |iberoll drein zlegu bet. Da Her Omt: 
Hauer noh viel gholtn af an Omt- | mon Daringer iS ober jein Schwogern 
mon bi Johrn; no, in Hern Daringer in Diſchgarirn viel z bös, jo a Su: 
fein ollahond fo Iuftigi Streich noch: | pernumera bot ollahand fcheni neigi 
ofehn worn — is noh, wia ma gjogt | Einfall, de in Hern Omtmon Zärner 
bot — Supernumera gmweit. Des is | bei der olljarign Gholtseinnohm noch 
er freili dreiazwoanzg Johr long gweit ‚und noh draufgonga fein. No, und 
und het jchon ah feine Schelmenfticin | wia de Zwen DIS jo zan Nugn ber 
afn Nogl henkn deafn. Oba na, er Gißdorfer und der Parchauer ausgredt 
bot eahm holt denkt: Mer gibt ma hobn, fein j’ ins Bett gongan und 
wos dafir? muaß doh umſiſt Omt- hobn, wia ma jogt, in Schlof bes 
mon jpieln, zwe jul ih mit ehrwirdigi | Gerechtn gefchlofn. 
Gedonkn mei glot3 Gfiht vaſchimpfirn? — Ih fi mein Thoal, ſogt 
Und macht holt imma zua und auf|mein Vetter, da Mathiasl und riblt 
jo an Eloan Gſpoaß af onder Leit | (reibt) eahm in Kopf, a3 wia war bo 





Koftn. Het3 oba Koan rotn megn, af 
feini Koſtn an ſchlechtn Wit zmochn 
— do kehrt er gleih fein Omtmon 
auffer und wos n an feiner Ehrwir— 
digfeit ogeht, des mocht er mit feina 
Biffigfeit wieda guat. 

No, wia da Her Omtmon Daringer 
biazt in d Stubn einafimt, iS er tul 
lufti, und as gfreit n 8 Wiedafehn ; 
und der Her Dmtmon Zärner is recht 


drin ah jo a por rudigi (toftige) 
Gedonfn jung wern jultn, — ih mecht 
völli frogn, worum, wan die Hern 
Bürgermoafters olli Johr eahneri Pu— 
lizei- und Brondvafomlungen boltn, 
juln inferi Hern Omtmana nit ah 
amol a Spritn und Keichnfigung 
bobn? — af Gmeindeunfoftn natirli. 
%o, und bes is gwiß, ſid die zwen 
Hern driba gredt hobn, fein die Spri- 





| 





| 





vadriaßli, denft af n gftuhlnen Bod. | kan z Gißdorf und z Parchau ollemol 
Und wia drauf d Weibaleit dazuafeman, |vor n Feir probirt worn. Da Nupn 
is dös 8 thoals a Freid va wegn an va jo aner Einrichtung ligt af ba 


Bruadan und 8 thoal3 a Load va 
wegn an Bod. Hiazt miafin d Spo- 
zirfohrtn eingitelt mern; da Kutſcha 
fon jo nit fiten und daß er mit da 
Tochter banond af da Wurft hudab, 


Hond. 

Na guat. Da Her Dmtmon Da— 
ringer fohrt af Brud und noch a finf 
a ſechs Togn fimt er wieda zrud, 
und hot hintn af fein Wogn a großi 





that ſih doh nit ſchickn. Wird holt | Kiftn, und ſei Schwoga Zärner frogt: 
driber a Zeit long hin und hergredt | „Wos hoft dan du in ber großn Kiftn 
und af d legt gehn 3 aufji und gudn |drein?” Do fticht in Ondern da Hober, 
in led on, wo da Bock gieffn is. |der Supernumera ſchlogt eahm ins 
Der Omtmon luagt recht gleim zumi Gnack und er denkt: Sulft an loan 
und denft ban eahm jelba: Des war Witz mochn! und jogt: „Na, dent dir 
a ſchens Gſchenk fi dei Schweita zu amol! War dir 3 Brud fo a Kerl 
Weihnachtn. Miad (müßt) jo wia fo | mit wildi Thier und hot ah an ®ir: 
af Bruf zwegn fein großn Prozeß, do |offn; und bes Thier iS eahm frepirt. 
funt er die Bodonglegnheit gleih | Und weil ih woaß, baß ih infern 
richtn. Schuldirekter a Freid damit moch, ſo 

Af d Nocht noch da Suppn ſchwatzn hon ih eahm die Knochn und 8 Fell 
da Gißdorfer Omtmon und da Par: mitbrocht; da Mon legt fir inſa große 
chauer Omtmon ſtork von Omtsſochn, Schul grod a Naturalienkabinet on, 
wias z Gißdorf d Feirſpritzn probirn und jo a Giroff, zimt mih, wa fa 
und z Parchau die neig Keichn (Arreſt), ſchlechter Onfong.“ Und denkt ban 


217 


eahm jelba: Wos wird bes fir an Iba— 
roſchung wern, wans aus bella Nei- 
girifeit die Kiſtn aufmochn und findn 
gſtotn Giroffn — in Bock. 

Oba da Her Omtmon Zärner und 
ſeini Weibaleit ſein nix neigieri gweſn 
afn Giroffn; und wir Togs drauf da 
Her Omtmon Daringer ogroaſt is, und 
mit Fleiß die Kiſtn vageſſn bot, geht 
fein Schwoga her, ſiacht die Kiftn mitn 
Giroffn und ſogt: „Gottstaufnd, hiazt 
bot da Daringer fein Giroffn vageſſn. 
Fickl, Tauf um und ſuach a Fohrglegn: 
heit af Parchau!“ 

Findn gleih vani, und der Omt- 
mon Zärner fogt zan Fuhrmon: „A 
Briaf is nit vonnöthn. Griaß ma n 
vielmol und ih ſchick eahm do fein 
Giroffn.” 

Da Fuhrmon fohrt in Pardau 
vor n Hern Omtmon ſei Thür, und 
wia die Kiſtn oglodn wird, fteht da 
Guldſchmied Bohrer do und frogt: 
„Wos is dan in der Kiftn drein?“ 

„A Giroff“, jagt da Fuhrmon. 

Glei rent da Guldſchmied Bohrer 
zan Judn Freidnthola und dazehlt 
eahms, und da Zub zan Brener und 
da Brener zan Bädn — und fa Stund 
fteht3 on — nit a Stund, jog ih da 
— jo woaß 8 gonz Parchau: der 
Dmtmon het an Giroffn ongjchofft. 


Skandal vor olli Leit. Schmeißts ma 
de vadonkt Kiſtn aus n Haus!“ 

Die Frau Omtmänin schickt gſchwind 
zu die Kaufleit in da Stodt rum, ob 
8 dan fa Fohrglegnheit af Gißdorf 
wißabn; fie het a Kijtn af Gißdorf 
3 ſchickn und a por lari Weinfaßln 
af Brud. Die Dirn fimt glei wieda 
zrud und fogt: „A ſcheni Empfelung 
von Hern Kaufmon Zihuri; da Fuhr— 
mon Schnafberger fohrt morgn fria 
iba Gißdorf af Brud, und die Frau 
Omtmänin jult eahm d Sohn na glei 
ſchickn, er wults ſcha bejorgn.“ 

De ſchickt eahms ah. Und wir togs 
drauf da Fuhrmon fohrn will, ſogt 
da Kaufmon Zichuri: „Na, und die 
Kiſtn va da Frau Omtsmänin ...“ 

„Ah jo“, locht da Fuhrmon, „die 
Kiſtn mit n Giroffn, woaß ſcha — 
hon mit da Frau Omtmänin ſelba 
gredt, a gſpoaſis Stuck, Her Zichuri.“ 

„Ra, fo woaßt jo wia oda wo“, 
jogt da Kaufmon und da Fuhrmon 
fohrt zua. 

Na, da Her Dmtmon wird a bißl 
ſtork mit fein Giroffn groagt (genedt) 
und ſei liabi Frau hot a bifjl vil von 
jeini Vadriaßlichkeitn z leidn. Oba noch 
a drei vier Togn is des ah wieda 
guat gwen, und die Frau Omtmänin 
ſitzt recht ſtil und zfriedn ban ihrn 
Kafee und ſogt zan ihr ſelba: „Gott 


Daweil kimt der Omtmon Daringer Lob und Dank, na, ſid de nariſch 
ausn Omt zruck und wir er auf ſei Gſchicht vabei is!“ — geht die Thür 


Haus zuageht, ſteht der old Jochem 
vor da Thür und ſogt: „Guat Morgn, 
Her Omtmon! enka Giroff is kema.“ 

„Wos Teifel!“ moant der Omt— 
mon. Und wir er ins Haus ſteigt, 
ſogt der Guldſchmied Bohrer: „Her 
Omtmon, war in Giroffn von Koſtn 
ausloſſn, — zoagn 8 ma 8 Beſt ah 
amol.” 

Der Dmtmon beidlt fein Kopf ba 
der Ned, und wir er in Hof auſſigeht 
— richti! — do fteht jei Giroffn— 
Kiftn. 


„So a Holblopp von an Schwoga !” | 
Ihreit er, „bo will ih n a hoamlichi 
Freid mochn, und er bringt mih in an 


auf und da Poſtbua bringt zwen Briaff, 
van firn Hern Omtmon und van fir 
d Frau Omtmänin — an iada va 
Brud. Sie bridt in Briaf ehzeit auf 
und wia j’ left, finfn ihr oll zwen 
Drm afn Leib owi und fie fchreit: 
„Himliſcha Voda, wos id des!” Gie 
‚left und leſt, ober ima 8 Nemlichi. 
Da Weinhondla z Brud jchreibt, d 
Weinfaſſerln waren richti onfeman, 
ober ah a Kiftn, wo nochn Fuhrmon 
feiner Ausfog a Giroff fin ſult — 
und er frogt, wos mit dem z mochn wa. 

Und grod, wia j’ in ihra Vazweif— 
lung iba d Stubn auf und oh rennt, 
fim ih — dei Better Mathias — 





218 


eina. Sie ftellt fih gleih vor mih Hin 
und jogt: „Vetter Mathiasl“ — woaßt 
jo, daß ih iberoll da Vetter bin — 
„3 18 aus da Meis! 8 iS aus da 
Weis! Woaßt, wo hiazt der faggra- 
mentiſchi Giroff iS?“ 

„In Gißdorf“, fog ih. 

„3 Brud! ſchreit d Frau Amt: 
mänin und nochha dazehlt8 ma die 
gonz Gichicht. „Na“, moant j’, „wan 
mei Mon des Stüdl wieda zmwifin 
friagt, jo wird er wild und er hot fa 
ruaſumi Stund.” Aft hot die orm Haut 
bel onghebt zan Rehrn. 

Ih, notirli, muaß af d Seitn 
ihaun, hon jo 8 Lochn ſchier nit va- 
holtn megn; bon mih oba doh chriſtli 
zſomgnoman und hon ſ' tröſt. 

„Gehns“, ſog ih, „zwegn jo wos 
do! Mir wern an ſcha noh kriagn, 
den vadonktn Giroffn. Muaß eh morgn 
af Bruck und kehr iba Gißdorf zruck, 
und wan S' ma s Onvatraun ſchenkn 
welln, ſo bſorg ih des damiſchi 
Thier, daß 3 da Her Omtmon z Giß— 
dorf doh amol richti kriagt. Heind is 
Irta, afn Freita hobn ma in heilin 
Obnd — do kimts grod noh z rechta 
Zeit.“ 

Na, ſie gfreit ſih recht iba den 
Schick und bedonkt ſih. Drauf kimt 
da Her Omtmon einer und ſogt: 
„Guatn Obnd!“ und ſie blinzlt mar 
ollaweil zua, daß ih jo nix ſogn ſul 
und gibt eahm ſein Briaf va Bruck. 

Den left er und wir er gleſn hot, 
jchmeißt ern vadriaßli afn Tiſch und 
ſchreit: „Hul da Kukuk den Prozeß! 
nu muaß ih morgn wieder af Brud!” 

„Des reimt ſih guat“, ſog ih, 
„ih muaß morgn ah hin und do roaſn 
ma mitanond.” Drauf is 3 noh aus— 
gredt worn und togs drauf zeiti fign 
mar ollzwen afn Mogn und fohrn af 
Bruck. 

Wia mar af Gißdorf keman, ſog 
ih: „Wellns nit, daweil Mittog gfua— 
dat wird, a bißl zan Hern Schwogan 
gehn?“ 





Schwoger is an Eſl und ſeine Wei— 
baleit ſein nit viel onderſt. Daweil ih 
eahnar a hoamlichi Freid mochn will, 
mochn ſ' mih zan an Norn vor da 
gonzen Welt.“ 


„Holtn ſ' eahna Maul!” ſogt er, 
„wil nie meh davon bern. Hiazt hot 
er die Kiſtn, da Schwoger und aus: 
lochn wil ih mih nit von eahm loſſn.“ 

So fein mar af Brud fema, fein 
ban Mittabrei ogftiegn und Friagn 
zwoa Stubn nebnanonder; ih Numera 
ocht und er Numera nein. Und mir 
ib mei bißl Gepäf aufi biteit bon, 
denk ih: Sulft hiazt gleih deini Gäng 
varichtn und geh zerit zan Weinhondla. 

„Guat Nomittog!” ſog ih — mir 
fenan ins guat — „Sie hobn a Kiſtn 
von da Frau Amtmänin z Parhau 
kriagt?“ 

„Freili“, ſogt er olßa lochanda, 
„wo da Giroff drein is. 

„Richti“, ſog ih, „ſeins ſa guat 
und ſchickns ma die ſewi morgn fria 
zan Mittabrei af Numera ochti. 

„Gern“, ſogt er, „oba wan des 
Beſt lebendi is gweſt, nochha wirds 
wul tod fein; gfuadat hobn ma nix.“ 

„Is ollsoans“, ſog ih und geh. 

No und wir ih Obnds drauf in 
mei Goſthaus geh und af mei Stubn, 
ſogt ma da Kellna: „Bitt' Her, Sie 
ſchlofn af Numera nein. In Hern 
Omtmon is ſei Bett z kurz gwen und 
hot mit Eahna tauſcht.“ 

„Is ſcha recht“, ſog ih und denk 
af nix Böſ's, geh in mei Bett und 
ſchlof bis ma z Morgns db Sun in 
d Augn ſcheint. 

Ih ſitz auf, trink mein Kafee, do 
her ih danebn afn Vorſol an grauſlin 
Lerm. Und wir ih aus Neigirigkeit 
ba da Thür außiguck, do rennt drauß 
da Her Omtmon umanond in da bloßn 
Pfoad und ſchreit und ſchimpft und 
timelt vor Zorn, und zwen Orbatsleit 
ſtehn ban ara großmechtin Kiſtn und 


„Kunt ma nit einfolln“, brumelt drahn eahneri Hauban afn Kopf um— 
der Omtmon und wird folſch, „mei undum und frogn hintern Ohrwaſchln. 


„Se, wos gibt® dan?” Frog ih. 

„Der höllmentiſch, der verfluachti 
Giroff!“ fchreit der Omtmon und 
Ipringt in fei Stubn eini und fchmeißt 
die Thür ins Schloß, daß 3 gonz 
Haus zidert. Ih wink d'Orbatsleit mit 
da Kiſtn in mei Stubn, loß fie 3a da 
Mond fteln und wirf die Bettdedn 
driba. 

Daurt nit gor long, fimt Der 
Omtmon zu mir ibera und jet fih 
gonz unjchuldi af ſei Giroff-Riftn und 
Ihondirt iba d Leit und jchilt iba die 
gonz Welt: Des war an onajtifts 
Gſpiel und er kenad jeini guatn Freind 
3 Parhau dur und durch — de bein 
eahm des onthon und er wult eahıa 8 
ſcha gedenfn. 

„Wo hobns dan die Kiftn hinbſtellt?“ 
frog ih. 

„In d Mur ſulns as jchmeifin, 
bon ih zu de Kerl gſogt.“ 

„Recht“, ſog ih, „no hobns a 
Rua.“ 

Mir redn noh von inſera Roas 
und daß ma morgn hiſch vor Togs 
obfohrn miaßadn, 's wa ba den Flitſch— 
weta jo da Weg ſo ſchlecht, und wir 
ih wornim, daß er gehn will, ſog ih 
— weil mi de Gipoffngſchicht ſcho 
hölliſch figlt hot — „Her Omtmon“, 
ſog ih, „ſetzus Eahna do liaber af an 
Stuhl, Se kuntn leicht in Kiſtndekl 
durchiſitzn.“ 

„Wos fir a Kiſtn?“ frogt er und 
fohrt af d Hech, as hetn a Noder 
gſtochn. 

„Je“, ſog ih, „Eahna Giroffn— 
kiſtn“, und ziach die Deckn ower und 
mog dabei wul ah a wenk glocht hobn. 
— A zeitlong ſteht er do und ſchaut 
aus wir a Stier, dem mar a roths 
Tuach vor die Augn holt't; noh guckt 
er mih on, gukt die Kiſtn on — und 


fohrt er dir in d Hor! Drauf ſpuckt 


er a pormol aus, gibt — daß's olls 


ſchepert — da Kiſtn an Fuaßtrit: 
„Verafluachts Giroffn-graffel!“ — und 
auſſi is er ba da Thür 





219 


Schleicht ober in gonzn Tog um 
mih uma, wia die Kotz um au hoaßn 
Brei, und gamt und betrocht mih 
ollaweil ſo va Weitn; und wan ih'n 
zuafeli onſchau, guckt er af d Seitn, 
daß ih ſcha ſelba zu mir ſogn muaß: 
Wos er dan hot? Der fohrt af d Letzt 
morgn gor nit .mit dir! — Und dazua 
bon ih8 jo da Frau Dmtmänin va— 
ſprochn, daß ih die Kiftn af Gißdorf 
mit bringa will. Und wan ers ine 
wird, daß diefebi mit ins afn nemlin 
Wogn i8 — fo fohrt ernotirli erft recht 
nit mit. Ih loß ma va da Kelnerin 
die Kiſtn in a ſchworzi Woſchleinwad 
einpofn, ruaf in Kutſcher und fog: 
„Beh, Jochem, nim dih um de Kiftn 
on; pofs heint af d Nocht af n Wogn, 
und wan der Omtmon frogn jult, wos 
drina wa, fo fog: a gneiger engliicha 
Sotl, den fulft fin Dokter Ampl mit: 
bringa.“ 

Is guat. Togs drauf fohrt der 
Omtmon doh mit mir. Und wia mar 
in Duſtern durchn tiafn taunoſſn Weg 
ſo fuatfohrn, redt er ka Wörtl. Mir 
keman gegn Hogndorf, weln in Rofin 
a wenk a Fuada gebn loſſn, und wia 
mar oſteign, kriagt er die ſchworz Kiſtn 
zſehn. Er daſchrekt ſih haſn (faſt) a 
wenk, luagt a ſo vadechti hin und hot 
an urndlin Grugl (Gräuel) davon. 
Und daweil ih in d Stubn einigeh, 
wink ih n Jochem, daß er mit eahm 
redn mecht. Der hot eahm drauf die 
Gſchicht mitn Sotl aufbundn ; und wir 
er nochfimt, iS er gonz fideel und redt 
wieder amol. So fema ma noch und 
noch af Gißdorf; 3 is ſcha ſpot noch: 
mitog und gor fa Gebonfn mehr, daß 
ma ba Togliadtn noh af Parchau 
fema kuntn. 


So fign ma in Wirthshaus banond 


‚und do jog ih: „'s iS da heili Obnd, 


ih denk ma: aha, hiazt paß auf, hiazt heint. 


„30“, fogt der Omtmon, „3 id 
da heili Obnd, heint.“ 

„Kuntn jo leiht a wenk zan 
Eahnan Hern Schwogan gehn”, jog ih. 

„Na“, jogt er kurzweg. 


220 


„Na“, ſog ih, „do wil ih a went 


Die Frau Omtmänin kriagt a 


zan eahm ibrifchaun, bin jo guat mit ſchworzſeidanes Kload. Der Her Omt: 


eahm befont, und in jo an Abnd is 
ma doh liaber in aner urndlin Familt, 
a3 wir in Wirtshaus ſitzn.“ Bind ma 
s Holstiahl a wenk gicheiter und fteh 
auf. — Na, des mogn wul ab nit 
ollsoans fein gweit, daßn a wildfremba 
Menſch voron fam; er fteht auf und 
jogt: „Do geh ih doh ah amenf mit.” 
Und mir gehn. 

Ehanter bon ih 3 noh in Jochem 
zuagfteft: „So um ochti nimſt die 
ſchworz Kiftn, ftelft a8 in Hern Omt— 
mon Zärner fein Hof und jchreift 108 
d konſt: „Hop, hop!“ 

No, und wia ma zan Omtmon 
Zärner feman, is ſcha dunkel worn, 
und die Shen worm Stubn iS hel va 
lauta Liachta, und die Gfichta va die 
Meibaleit — und in Omtmon feins 
jelba — fein hel va Freidn, de onrufn 
wern. Do is ah in Omtmon Daringer 
8 Herz aufgonga. 

Des hot nit long daurt. 

Grod iS 8 fo recht worm und 
gmiatli worn, fteigt der Omtmon Zärner 
afn Omtmon Daringer los, Elopftn af 
d Ochſl und frogt: „Na, mei liaba 
Schmoga, hoſt du dei Giroffenzkijtn 
rihti kriagt?“ 

Der Omtmon ſchiaglt (ſchielt) n fo 
rar in d Augn, wos er wul moan 
kunt, aft gukt er mih on, ob ih nit 
loch. Oba wir er ſiacht, daß ſei Schwoga 
gonz ehrli dabei ausſchaut und ih gonz 
ernſthoft — hon mih jo tul in die 
Zung biſſen, daß ih nit loch — do 
ſogt er: „Jo, jo. Is olls in Richtig— 
keit.“ 

Hiazt keman d Weibaleit und 
frogn, ob ſih da Schuldirekter wul 
recht gfreit het? und ob s Beſt aus: 
gſtopft wurd? — und ollahond jo 
Martern thoans n on, in Omtmon 
Daringer, der wir a Kelchſilber (Qued: 
filber) af fein Stuhl hin und herrudt 
und nir wia jo und na foat. 

Zan Glik hobn de zwidan Sohn 
bol aufghert und die Bicherung is 
losgonga. 


mon friagt an Schlofrof, daß er mit 
jein Schlof doh nit gonz af d Amts: 
ftubn ongwiein wa; und d Schwagerin 
friagt an holbn Kresfrogn — die ander 
Helfti iS noh nit fiati gwen — und 
dritholb por Strümpf — in van ftrift 
die Tochter nohd — und an Nahtifch, 
ba den noh d Fiaß und 8 Obagſtell ogeht 
(fehlt). Die Tochter oba, de kriagt jo 
viel, daß guat zwoa Töchter von obn 
bis untn ausftafirt wern funtn. Drauf 
iS a großes Hefn Punſch feman in d 
Stubn, und Guglhupf und Nußn und 
Epfel und hiazt is d Herlifeit erft recht 
ongonga. 

Da Her Omtmon geht in ba 
Stubn um und putzt d Liachter und 
brumt ollaloi luftigi Liada zwiſchn die 
Zehn und blemafcht (blinzelt) ma zua 
und fleanichlt: „Des ift erſt ber On: 
fong, s Bet fimt noch. Ih hon fi 
meint Weibaleit noh a Iuftige Iba— 
roſchung ⸗ 

D Frau Omtmänin biagt ſih von 
ihrn el zu mir her und ſogt: 
„Schauns amol, wia da Zärner luſti 
is; oba der wird erſt ſpäta noh hupfn; 
mir ibaroſchn an mit an ſauban 
Kriſtgſchenk.“ 

Na, hot ah nit long daurt, geht 
d Ibaroſchung los. 

„Hop, hop!“ ſchreit Dana vor da 
Thür und ſtekt an großn Pok in d 
Stubn einer. In Hern Omtmon Zärner 
ſein Nom ſteht drauf. Der mochts ah 
gleih auf, und wos is drein: a neiga 
Kutſchnbok. 

Zerſcht mocht der Omtmon ſo an 
ungwiſ's Gſicht und ſchaut d Weibaleit 
on wia die Hua a neigs Thor; oba 
mit da Weil foltn wos ein und er 
jogt zan eahm jelba: Schaut Dana 
des Nagazeig (Naderzeug) on! Se 
hobn mei Prefent auskundſchoft und 
ſchmirn mih on mit meiner oagnan 
Fetn. — „Der Gſpoaß is nett!“ ſogt 
er drauf laut und locht und frogt: 
* gfreits enk dan?“ Seini Weiba— 
leit lochn ah und ſei Schwagerin 


221 


ſogt: „Gelt, Olter, af dos hoſt doh 
nit denkt? 

„Denkt? ih af dos nit denkt? Na, 
wer het dan af ſo wos denkt! — Ih 
hon ma denkt, denk ih ma... .” 

„Jo“ fogt fie, „und mir hobn ins 
denkt, af des kunſt gwiß nit denkn und 
des deafad ſcha die gicheitajt Iba— 
raſchung fein, hobn mar ins denkt.‘ 

„Fi mih?“ frogt der Omtmon 
Zärner gonz dafema (vadutt). 


„30 freili, ſi 6ip!” ſogt ſei liabi 


Frau. 

„Is olls Dans”, moant die Tochta. 

„Hop, hop!” rehrt wieder Dana 
draußt und jchiabt drauf wieder a 
jo a Pokat eina ba da Thür, fi d 
Frau Omtmänin. Und wos is’ 3? — 
A neiga Bof. 

Da Her Omtmon Zärner ſchaut 
ſeini Weibaleit on und aftn mih und 
aft ſein Schwogan, rukt ſei Schlof— 
mign af d Seitn und jogt: „Na, zwen 
Bök! — des fon fih mochn,” 

„Zwen Bök“!“ jchreit ſei liabi Frau 
und jchlogt d Hend zjom, „Du liaba 





wia wars nit gonz richti wa mit eahm 
und er het fein Zehnwehtog, und in 
da Kiſtn wa 8 Hondwerkszeig zan 
Zehnausreißn drein. Er goft die Kiſtn 
on, a3 wult er mit fein Augnan in 
Teifel totichlogn, wan er dina wa. 

„Des is doh!“ fogt er und ſchaut 
af mib, „des iS doh!“ 

„Fi mih und mei Frau?” jogt 
der Omtmon Zarner und jchneidt d 
Leinwad auf. Oba fnop kimt die Kijtn 
zan Vorjchein, fteßt da Her Omtmon 
Daringer in Hern Dmtmon Zärner af 
d Seitn — und paff, figt er jchen broat 
af da Kiſtn. — „Is an Irthum!“ 
chreit er, „iS an Irthum! Do drein 
i8 a Sotl fin Dofter Ampl z Obadorf.“ 

„Ah na“, ſogt der Omtmon 
Zärner. 

„Ah nah“, ſogt jei Frau. 

„Ab na“, ſogn die zwoa ondern 
Weibaleit, „er wil nar an Gſpoaß 
mochn.“ 

Hiazt wird er va da Kiltn af db 
Hech drudt, oba wia ma bie Oba— 
defn va da Kiſtn gſiacht, bo jchreit 


Hergott, Olta, jo mir hobn ins denkt..“ der Omtmon Zärner: „Mei Lebatog 


„Jo“, jogt er, „und ih bon ma 
denkt ....“ 

Und hiazt hobns onghebt zan Hin— 
undherredn und zan Wartln, und wos 
is dabei auſſakeman! a Vadriaßlichkeit. 

Grod da Her Omtmon Daringer 
locht hoamli ban eahm ſelba, ſchaut 
af mih und ſogt ſtil: „Gott ſei tau— 
jndmol Donk, daß mei vahölti (un— 
jelige) Kijtn af Roaſn is. Da Teirl 
mecht wein, warn de heint ah noh on- 
fema war, nochha wa die Gichicht fiati.” 

„Hop, hop!’ jchreit Daner intn 
in da Labn. 

„So“, og ih zu mir jelber, „Un— 
glik, Hiazt geh dein Gong.” Ih fen 
in Jochem jei Stim. Die Thür geht 
auf, mei ſchworzi Kiſtn fimt eina, mit 
der Aufihrift: An Hern und Frau 
Omtmänin Zärner z Gißdorf. De bon 
ih voreh draufpift. 

Klewa (kaum) bot da Her Omt— 
mon Daringer die ſchworz Kiftn giehn, 
jpringt er auf. Er goft die Kiſtn on, 


na, des iS jo die Giroff-Kiftn !“ 

„Höllmentiſch, varafluachti Kiſtn!“ 
ſchreit der Omtmon Daringer, „loßts 
mih aus, loßts mih aus — ih wil 
3 Haus!“ 

Dba zwiichn eahm und da Thür 
ftehn d Weiberleit: „Af d Leßt iS 3 
gor von eahm jelba, des war erjt an 
Sbarofhung! Nir auffilofn!“ 

Da Her Omtmon Daringer ſchmeißt 
fih af die Bulftabonf und locht grimi 
ban eahm jelber und brumelt: „Schen, 
ichen, na jo loßts enf holt ibarojchn. 
Ih bon hiazt gnua, und Se!” draht 
er fih zu mir, „Se fina morgn aloan 
fohrn, mit Eahna fohr ih fan Schriat 
meh !“ 

Die Kiſtn wird aufgmocht, und 
wos is drina? A neiga Bol! — 
Liaba Gott! Wie ſchaut hiazt da Her 
Omtmon Zärner aus und wia jchaut 
jei liabi Famili aus! — bern Omt: 
mon Daringer aber iS biazt gach a 
giftige Luftigfeit fema, laut locht er: 


222 


„So, jo, Zärner, Du Holbeil! Du 
hoft mih mit dein Kiſtnnochſchikn zan 
Norn va gonz Parchau gmocht. Hiazt 
hoſt Dein Giroffn. So, fo, Zärner, 
wans fimt, fo fimt3 mit Haufn. So, 
jo, Zärner, biazt weln mas amol 
oldrei nebnanonda fteln, daß ma doh 
die Bſcherung ibafhaun fon! So, fo, 
Bärner, biazt folt ma noh ein, hiazt 
hot an Jads von enf fein vagnan 
Leibbod, 

Dba fasweiß wird er, wia hiazt 
nohamol die Thür aufgeht. 

In Hern Omtmon Zärner ſei 
Kutſcher, da Fritzl, kimt eina, hot wos 
af der Ochjl und ſogt: „Mecht mul 
doh ah gern ah hoamlichi Freid 
mochn, heint, zan beilin Obnd, Her 
DOmtmon. Do — der olti Bof is 
wieda firfema. Do is er.“ 


Und jegt in viertn Bok in d 

Stubn eina. 
ri * 

„So, mei Suhn“, ſogt hiazt mei 
Vetter, da Mathiasl, wir er die 
Gſchicht dazehlt hot, „hiazt hoſt doh 
eppa gnua hoamlichi Freidn und Iba— 
roſchungen. Hiazt ſuach da von beſtn 
Dani aus, nochha wern mas doh noh 
zwiſſn kriagn, wos du deina Muada 
fir an Ibaroſchung mochn willſt.“ 

Ih pok drauf mei Pakel aus— 
anonder und wos kimt auſſer? A por 
Brilln. 

„Schau“, ſogt er, „Brilln? wia 
kimſt dan do drauf? 

„Je“, ſog ih, „wia ma neili af 
d Nocht mitanonda bin Tiſch ſitzn, 
wil d Muada a Nahnodl onfadnan 
und des wil nit recht gehn; do wirds 
hel vadriaßli und ſogt: Mecht ma 
doh ſchier Brilln onſchoffn. Und des 
hon ih ma gmirkt.“ 

„Nah, jo kim mit”, ſogt mei Vet: 
ter, ruaft mei Schweita, d Lijerl und 
frogt: „Liferl, wos ſchenkſt du da 
Muada?“ 

„Sogs nit gern“, moants, muaßt 
as oba nit weitaſogn — a por Brilln.“ 

„Und du, Guftl?“ 


Da Guftl, des is fo recht a dika 
Mugl, der gigazt (jtottert) a bißl und 
wir er amol dalchreft is, do bringt 
er fa Wort auffa. Oba finga fon er, 
und do hots da Vetter Mathiasl ban 
eahm eingfihrt, daß er fein Ontmwort 
ollamol finga muaß. Na, da Guftl 
mocht hiazt holt a recht a broats 
Gſicht und hebt on zan gigazn. 

„Sing, fing, Bua!“ fogt da Better 
und da Bua fingt mit hela Stim noch 
da Melodei von Jungfernkronz: 


„Ih ſchenk da Muader a Brilln 
Veilhenblaue Sei —i —de” 


„Shen, brav, mei Suhn“, fogt 
da Better Mathiasl, draht fih zu mir: 
„Wos ſogſt dan dazua?“ 

Ih ſog nir. 

„Nit wohr?“ ſogt er, „und dei 
Muada, de het ſih iba drei por Brilln 
haſn gwiß mehr gift wia gfreit und 
wans nit ſo a gſcheiti Frau wa, ſo 
het ſies leicht fir a Gſpötlerei holtn 
kina. — Kim her amol“, ſogt er und 
draht ſih zan Fenſta, „wos ligt do 
draußt af da Stroßn“. 

„Schnee“, ſog ih, „'s is jo Winta“. 

„Richti“, ſogt er, „und da Schnee 
und da Winta wern vagehn und s 
Fruajohr wird kema, oba nit af 
Danmol — noch und noch. Und fo 
geht3 ah mitn Sumer und mitn 
Hiabſt — bis da MWinta wieder onruft 
— und 8 gonz Johr duch. — ba: 
roſcht ins inſa Hergott in da Win: 
terszeit amol mit an Opfelbam, ber 
in da Blia fteht? Und fimt in Sumer 
amol a folt3 Weta, do friagn die Yun: 
gen in Schnupfn und die Oltn gor 
leicht in Tod. Des thuat infa Hergott 
und er wirds wiſſn, zu wo 's guat i8. 
Oba warn mir Menſchnwirm eahm 
amol wos nochmochn weln, jo mochn 
mar a Dumbeit und fteln a narijches 
Zeig on. Freid und Load, wans ing 
gach ibern Hals feman, jein zwoa— 
jchneidige Schwerter und ghert a feita 
Kopf und a hirt® (hartes) Herz dazua, 
weln mas von ind omwenden, daß ins 
nit in Grund fteßn. — 


ZU 


Wul, wul, mei Suhn, ah d Freid, | Frauenzimmer) und fie bleibt an olti 
wand unvahofft fimt, hot an bittern | Zofchn und fie iS nit amol zan a 


Gſchmochn — is 8 loan, va Valegen- 
heit und eppa gor Babriaßlifeit, iS s 
groß, von zuafinftin Unglid. — Schau 
in Millnajung on, ber juft fein Binggl 
Woazmehl ind Haus einatrogt — wan 
der heint 3 groß Los gwingt, jo iS er 
jei lebertog der ungliklichſti Menfch ; 
und war morgn da Kaijer inja Kechin 
heirat, wos wurd fih de au Flek ein: 
bilden — 8 dumi Menfch left ollaweil 
Gihihtnbiahln, — fie wurd old Kai: 
ferin 8 Spetafl von gonzn Lond — 


Kechin z brauchen. — An iaba gicheite 
Baur fogt, 3 befti und reichſti Johr wa 
de3, wos an ruarin (ruhigen) und richtin 
Valauf hot ;und ih jog dir: das gliklichſti 
Menſchnlebn is des, wos jo viel wia 
migli von Ibaroſchungen vajchont 
bleibt.” — Und dabei draht er fih 
um und fein olts, luſtis Gſicht is 
trauri worn. 

Hold und holb glaub ih eahms; 
jei Wort bon ib ma gmirft und 
van Nutzn hots fi mih doh ghobt: ih 


und fie is an olti Zoſchn (unfauberes | hon mei lebatog nit in d Luterie gſetzt. 


Pflanzen und Thiere im deutfhen Volksglauben. 


Bon Ludwig v. Hörmann, 


L 


Längſt ſchon hat das leuchtende | Natur das eigene und fremde Schid- 


Tagesgeftirn der chriftlichen Lehre das 
Dunfel des Heidenthums aus den 
deutſchen Gauen verdrängt. Auf ben 
Stätten, wo vor Zeiten Blutopfer 
zur Ehre der Götter rauchten, bat 
die Religion des Friedens Kirchen 
und Kapellen erbaut und ftatt des 
allmädhtigen Wuotan und der milden 
Hulda thront der Gefreuzigte und bie 
wunderthätige Maria auf den geſchmück— 
ten Altären. Obwohl jedoch das Chrijten- 
thum dem eigenjten Charakter des deut: 
ſchen Volkes wie feinem andern entſprach 
und die neue Religion ſozuſagen in 
das Fleiih und Blut unjerer Bor: 
eltern überging, konnten doch die Spu— 
ren des früheren tiefgewurzelten Glau— 
bens nicht völlig ausgelöjcht werben. 
Mit der angeborenen Treue und Ans 
bänglichkeit hielt das deutſche Wolf 
an den ererbten Sitten; es brachte 
die ihm Liebgewordenen Gebräude zum 
neuen Cultus in Beziehung, und faft 
unbewußt wurde das, was urjprüng- 
li den Göttern geweiht gewejen, aud) 
jpäter noch für heilig gehalten. So 
wird aus verjchiebenen Zeichen in ber 








jal gejchloffen, es gibt Glüds- und 
Unglüdstage und bedeutungsvolle Jah: 
len. Gewiſſen Thieren und Pflanzen 
werden geheime Zauberkräfte zuge— 
jchrieben ; die einen umgibt der Nim— 
bus der Heiligkeit, andere werben als 
verberbenbringend gefürchtet. Daß fi 
diefe alten Bräuhe und Meinungen 
in Gebirgsländern, deren ftille Thä- 
ler vom Völkerverkehr faft abgejchnit- 
ten liegen, vorzüglid erhalten und 
dort ihren Zufluchtsort gefunden haben, 
liegt in der Natur der Sade. So ift 
3. B. Tirol noch gegenwärtig reich 
an dieſen alten Sagen und Traditionen, 
die, ein Schag für die Wiſſenſchaft, 
auch dem Laien manches Intereſſante 
bieten. 

In grauer Vorzeit gab e3 heilige 
Wälder und Haine, in denen die ge 
weihten weißen Roſſe genährt wurden 
und bie Priefter wahrjagten aus dem 
MWiehern der Thiere und dem Raus: 
ihen der Bäume. Letztere bejonders 
genoffen vorzüglihe Verehrung und 
ſtanden gewiſſermaßen unter dem Schuße 
des ganzen Volkes, Dieſe Heilighal— 


224 


tung der Pflanzen ift ein Grundzug 
aller jener Völker, die zum großen 
Stamme der Arier gehören; fie er: 
blidten darin etwas dem Menjchen 
Freundliches und geheimnißvoll Ver: 
wandtes. Bäume, Sträucher und Kräu— 
ter wurden entweder verehrt, weil 
man in benjelben eine Beziehung zu 
den Göttern oder eine Nehnlichkeit 
der inneren oder äußeren Eigenfchaften 
mit denen eines Gottes fand — wie 
überhaupt jeder Gott jeine ihm ge- 
weihten Pflanzen und Thiere beſaß — 
oder man gebraudte fie als Talis— 
man, um fi vor Unglüd und ſchäd— 
lihen Einflüfen zu bewahren; fer: 
ners gab es auch Zauberfräuter, mit: 
teljt welchen allerlei Schwarzkünfte ge: 
trieben werden fonnten. Hat auch ber 
Gang der Zeit Vieled daran verwifcht 
oder umgejtaltet, die lebendige Tra= 
dition hat doch manches dem Mythen: 
und Sagenfammler für die Forſchung 
übrig gelaffen. 

Der deutſche Urbaum ift die Eiche. 
Die alten Deutichen und Skandinavier 
jahen im Eichenwipfel das Haus des 
Donnergottes, des gewaltigen Donar, 
und die Mijtel, die auf dem Eichbau— 
me wächſt, wurde von den Prieitern 
gepflegt, denn von einem Mijtelzweig 
durh die Hand des blinden Hödhr 
getroffen, ſank verblutend der jchöne 
jugendlihe Balder, der edelite der 
Bötter. Der Epheu der Sage und 
Dichtung ummob einft den Stamm die: 
ſes majeftätifchen Baumes; aber ge: 
genwärtig überbröhnt der lärmende 
MWeltverfehr das geheimnißvolle Rau: 
jchen jeiner Blätter, die einjtigen gro: 
Ben Eichenbezirfe find gelichtet und 
jeder Axtſchlag reißt ein Stück Tra- 
dition mit fih. Bejonders in Süd: 
deutjchland verſchwindet die Eiche im: 
mer mehr und Tirol, dieſes Schaf: 
fäjtlein alter Weberlieferungen, hat 
gerade noch jo viel diefer Veteranen 
aufzumweilen, dab ein Sprofjfe ber 
jebigen waldfrevelnden Generation noch 
allenfalls die Sage verjtehen kann, die 
jih von diefem Wälderfönig erhalten 


bat. Daß nämli die Eichen gezadte 
Blätter haben, ſoll von folgender Be- 
gebenheit herrühren. Es hatte Einer, 
jo erzählt und %. Bingerle in jei- 
ner Sammlung Xiroler Sitten unb 
Gebräude, mit dem Teufel einen 
Pact gemadht und ihm feine Seele 
zugefagt auf die Zeit, wo das Eichen: 
laub abfalle. Als die andern Bäume 
ihr Zaub fallen ließen, fam der Teu- 
fel, um nach der Eiche zu jehen. Diefe 
ftand aber noch im vollen Blätter: 
ihmude und ließ ihr altes Laub erft 
abfallen, als ſchon das junge nad): 
trieb. Der Teufel ſah ſich betrogen, 
fiel im Zorn über die Eiche her und 
zerfragte jämmerlich ihre Blätter. Uebri— 
gens, hätte ein jeder zuvor jagen kön— 
nen, daß der Teufel bei dem ganzen 
Handel zu furz fommen würde; denn 
der Andere ſoll ein Vinſchger gewe— 
jen jein. Wenigſtens wird nur in 
Vinſchgau diefe Sage erzählt. 

Ein anderer beiliger Baum ift 
die Eiche. Die nordiſche Götterjage 
erzählt von der Eſche Ygdraſil, dem 
Baume, ber das Weltall trägt; aus 
einer Ejche und einer Erle wurde das 
erite Menjchenpaar gejhaffen. Sie ift 
ferner ein prophetiiher Baum, von 
ihr herab wird dem Dradentödter 
Siegfried durch einen Raben fein Schid- 
ſal verfündigt und in altdeutſchen Ge- 
dichten ift die Eſche in ihrer ſturm— 
trogenden Kraft vielfach ein Bild der 
Helden. Spuren des obgenannten alten 
Mythus finden ſich noch in mehreren 
Gegenden Tirols. So jagt man, die 
neugeborenen Kinder kämen aus dem 
Walde oder wüdhjen an Bäumen; in 
Bruneck ift ein alter hohler Eichen: 
baum der Ort, aus dem nad) der 
Sage des Volkes die Kinder geholt 
werden. Daß der Ejchenbaum in einer 
geheimnißvollen Beziehung zum Men: 
ichen jtehe, lehrt auch der Glaube der 
DObernberger, daß die Trude nicht nur 
die Menfchen, fondern auch die Eiche 
drüde. Die Trud ift nämlich ein ge 
jpenftiiches Weib, das fih dem Schla: 
fenden auf die Bruft ſetzt und dem 


225 


Gequälten Stimme und Athem benimmt. | ein Streichlein mit einer Hafelruthe, 


Wenn die Trud den Menjchen Los: ſo ijt es augenblidlich todt. 


Beinahe 


läßt, jagen die Leute, jo ſetzt fie fich | diefelbe Marienlegende wird vom Kar: 
auf eine Eiche. Daher fommt es, daß wendel erzählt, der ihr auch geweiht 


an diefen Bäumen jo viel wunderlich 
verfrüppelte Formen, Trubenfnöpfe 
genannt, vorkommen, die Bifchofsftä- | 
ben, Sicheln und andern jonderbaren 
Geräthen ähnlih jehen. Wenn der 
Charfreitag, jo heißt es bei Schwaz 


Verfündigung zufammenfällt, jo joll 
man an diefem Tage Aeſte von der 
Eiche jchneiden und zwar von demje— 
nigen Theile, der von der Morgen: 
fonne nicht befchienen wird. Auf ſolche 
Weiſe geichnittenes Eichenholz ift un: 
verweslih und hat fi Jemand mit 
einer Waffe verwundet, jo jchluge er 
diejelbe in diejes Holz und die Wunde 
wird jchnell Heilen. Auf den Baum: 
cultus weiſt auch die Prozeffion, die 
zu Mals noch bis in's fiebzehnte Jahr: 
hundert zu einem Baume gehalten, 
dann aber bei einer bifchöflichen Viſi— 
tation verboten wurde. 

Alte Volkslieder befingen die Zau— 
berfünfte der Frau Hafel. Demzu: 
folge geht die Sage, die Zweige ber 
Hajelftaude jeien die geeignetiten zu 
Wünfchelruthen, mit welchen man He: 
ren bannen, Geifter eitiren und zum 
Sprechen vermögen und Schäße erhe- 
ben könne. Die Nuthen müſſen aber 
Nahts zu einer heiligen Zeit von 
einer Weißhajelftaude, die gegen Son: 
nenaufgang fteht, und mit einem noch 
nie gebrauchten Meſſer gejchnitten 
werben. Die Hajelftaude gilt als der 
Muttergotted geweiht; denn als bie 
heil. Jungfrau über's Gebirg ging, 
da raftete fie unter dem Schatten des 
genannten Strauches. Seit diefem Er: 
eigniß Schlägt in die Hafelftaude Fein 
Blig ein; wer ſich baher vor dem: 
jelben ficher jtellen will, pflüdt am 
Maria » Heimjuhungstage Hafelzweige 
und jtedt fie vor dag Fenfter, auch 
hält fih unter dem Gezweige des 
heiligen Strauches feine Schlange auf 
und gibt man foldem Gewürm nur 


Kofeggers „Heimgarlen‘‘ 3. Heft. 


dieſes aber dem Teufel, 
im Unterinuthale, mit dem Feſte Maria | 





ift; ja nad) der Sage der Zillerthaler 
foll die Gottesmutter den Zunamen 
„Karwendlin“ geführt haben und des— 
halb werde das Kraut von den Men: 
ſchen jo verehrt. Dejto verhaßter ift 
der jeinet- 
wegen um die Seele mancher unaus— 
gejegneten Wöchnerin oder Braut ge: 
fommen ift; deshalb jollen ſich beſon— 
ders Letztere in diejem wichtigen Les 
bensftadium der Pflege und Verehrung 
dieſes Kräutleins befleißigen, damit 
es ihnen nicht gehe wie jenem Mäd— 
hen, das von der Hochzeit weg von 
einer unheimlichen Macht getrieben 
weiter und weiter gehen mußte, bis 
e3 ermüdet auf einen Karwendelrajen 
niederſank. Da entpuppte fi ihr un: 
jichtbarer Begleiter ald Junfer Sata: 
nas, der fi mit den Worten empfahl: 


„Wärft du nicht auf Karwendel geſeſſen, 
Wärſt du ewig mit mir in der Höll’ gewefen. 


Unzweifelhaft hängt die Verehrung 
diefer beiden Pflanzen mit dem einjti- 
gen Eulte der Hulda und Frouwa zus 
jammen; e3 zeigt dies jchon die Ueber: 
tragung auf ihre hriftliche Vertreterin 
Maria, der diefe und noch viele andere 
Pflanzen geweiht find. Dazu gehören die 
Heidern, die Marienblümden 
(Mapliebhen), die an jedem Frauen: 
tage blühen jollen, und, was jchon 
der Name jagt, die zierliden gelben 
und blauen Blüthen de8 Frauen 
ſchuhes. Auch der Hollunder iſt 
ein edler Baum. In einigen Dörfern 
Vinſchgau's trägt man bei Begräbniffen 
ein Kreuz aus Hollunder vor, das dann 
auf dem Grabe eingepflanzt wird. 
Wenn nun die abgejchnittenen Zweige, 
wie leicht möglich ift, wieder zu grü— 
nen anfangen, jo verfihern die gläu: 
bigen Vinſchgauer, der Begrabene jei 
nun gewiß im Himmel, denn das Kreuz 
habe ausgeſchlagen. Eine minder ernite 
Deutung verbindet der Bauernburjche 


15 


226 


mit dem Koller (sambueus niger), 
defjen glänzend ſchwarze Beeren ihn 
an die Kohlenaugen der ungetreuen 
Liebjten mahnen: 

„Schwarz fein die Hollerbeer, 

Weiß fein die Blüh, 

Schön fein die ſchwarzen Augen, 

Treu fein fie nie.” 


Zu den mwidtigften heiligen Pflan- 
zen gehören die jogenannten Palm: 
taten (Blüthenfägchen von salix ca- 
prea und einigen anderen Weidenar- 
ten). Sie bilden, meiſtens verbunden 
mit einem Zweig des Sebenbau- 
mes (juniperus sabina), den Haupt: 
beitandtheil der Palmbüſchel. Diefe 
werden an langen, mit bunten Seiden- 
bändern und Bregeln geichmüdten 
Stangen von Burfhen am Palmſonn— 
tag in die Kirche getragen, um bei 
feierliher PBroceijion um dieſelbe ge 
weiht zu werden. Man jegt eine große 
Ehre darein, die längjte „Palme“ 
zu haben und der dichte Wald von 
bebänderten und raujchenden Palmen 
gewährt einen prächtigen Anblid, be- 
jonders wenn jchönes Wetter die Feier 
begünftigt. Gegentheilige Witterung 
fieht der Zandbmann ungern, denn 

Schneit's am Palmfonntag in die Palmen, 
Schneit's jpäter in die Garben, 
und 
Wenn's fchneit in die Palm’, 
Schneit's Vieh aus der Alm. 


Dieſe eingejegneten Palmbüjchel 
find zu vielem gut. Naht ein Gemit: 
ter, jo verbrennt man in Südtirol ein 
paar Palmkätzchen. Noch ficherer ift 
man vor dem Blif, wenn man am 
Palmfonntag drei, vier davon ſchluckt; 
auch iſt man dann das ganze Jahr 
vor Haldweh fiher. Ich will es aud 
glauben, es erinnert diefe Cur an wei— 
land Doctor Eiſenbarts „eigene Art“, 
franfen Leuten für ewige Zeiten von 
ihrem Schmerz zu helfen. 

Der lieblic) Elingende Name Wach— 
holder erinnert an die freundliche 
milde Göttin Hulda. Man nennt ihn 
auch Krauewittſtrauch und der Tiroler: 


bauer ehrt ihn micht nur wegen bes 
ftärfenden Tranfes, der aus den bitter: 
‚füßen blauen Beeren gebrannt wird, 
der berühmte „Kranenmwitteler”, fon: 
bern jchreibt auch den Wipfeln befon- 
dere Heilkräfte zu. So ftedt er ein 
Zweiglein auf den Hut und glaubt 
dann beim meiteften Gang nicht zu 
ermüden. Die Bäuerin aber „nimmt 
zum Buttertreiben einen Schlegel aus 
Kranemittholz, damit die Milch ſchneller 
breche. Denfelben Dienft leiftet auch ge: 
weihter Höllenbrand (orobanche), 
der unter den Kübel gelegt wird. 
Wen es aber gelüfter nach Geld 
und Reichthum, der lege in der Jo— 
hannisnacht Tücher und Papier um 
die Stengel der Farrenfräuter. 
Denn in diefer heiligen Nacht blühen 
diefelben und um die zwölfte Stunde 
werfen fie ven Samen ab. Diefer Same 
fann auf ſolche Weije aufgehoben wer: 
den, ohne daß man ihn berührt. Man 
muß fi aber hüten, den Stein, wo— 
mit man allenfall3 die Unterlage be— 
jchwert hat, bergauf zu werfen, denn 
dad miürde dem Sammler jchweres 
Unheil bringen. Der Farrenfame, zum 
Gelde gelegt, bewirkt, daß dasjelbe 
troß aller Ausgaben nie weniger wird. 
Diefer Glaube verdankt feine Entftehung 
wahrjcheinlich ven paarweife auf dem Rü- 
den der Farrenblätter gereihten runden 
Früchtchen, die allerdings eine Aehnlich— 
feit mit aufgelegten Gelbftüden haben. 
Eine eigene Glaffe der heiligen 
Pflanzen bilden bie Weihefräuter. 
Diefelben werben in den „Drei: 
Bigen“, das ift die Zeit zwifchen dem 
Feſte Mariä Himmelfahrt und Mariä 
Geburt, gepflüdt; in den drei Rauch— 
nächten wird dann damit das Haus 
durhräudert. Zu den Weihekräutern 
gehören: Rauten, Johanniskraut, Ha: 
jelzweige, Himmelbrand, Wermuth, 
Mohlgemutd und Mutterkraut. Am 
Weihnachts- und Neujahrsabend und 
am Abend vor dem Dreifönigsfefte 
legt der Hausvater einen Büfchel der 
gebörrten heiligen Kräuter nebſt ein 
paar Weihrauchkörnern auf die Gluth— 





— — — 
— — — — — — —— — —— — — — — 


pfanne und beräuchert damit Stube, 


Kammer, Stall und Scheuer. Ihm 
iſt die vorzüglichite die Bibernell: 


zur Seite geht die Bäuerin mit dem 
Meihbrunnfrügel und beiprengt ſeg— 
nend alle Gegenftände mit dem ge: 
weihten Waller. Hinterdrein gehen die 
Kinder und das Hausgeſinde. Wäh— 
rend der Handlung wird gebetet und 
man glaubt durch die Kraft der vor- 
benannten heiligen Pflanzen vor jedem 


Schaden, welchen Heren und der Teus 


fel Menſchen und Thieren zufügen 


im Hochſommer aufjteigende ſchwarze 


Wolken ein verderbliches Gewitter ver- 
fünden, werden gemeihte Kräuter ver: 
brannt, denn das drohende Unmetter 
ift ein Werk der boshaften Wetter: 
beren, der gemweihte Rauch aber be= 
nimmt ihnen die Gewalt und das 
Unheil bringende Gewölk muß fich zer— 
theilen. 

Wehe aber dem kecken Schützen 
ober Bergjteiger, dem e3 einfällt, ein 
rothes Alpenröslein bei fich zu 
tragen. Er wird unter ein Gemitter 
fommen, der alte Gott brummt, jagt 
man, wenn e3 donnert, und das Ge- 
ſchoß Donars wird den Frevler töbtlich 
treffen. Darum beißt die rothe Alpen: 
roſe auch Donnerroje. Wegen ihrer 
rothen Farbe war fie dem Donnergotte, 
heilig, der mit feuerfarbenen Loden 
und Bart auf feinem goldenen, mit 
Böden bejpannten Wagen dur Die 
Lüfte flog. Selten find weiße Alpen: 
rojen. Es ſollen deren auf der Burg: 
eifer Alpe wachſen, auch im fchönen 
Gnadenwalde bei Hal trifft man fie 
an einigen Stellen. Sie können aber 
nur von unjchuldigen Leuten geliehen 
werden, doch hat fi der glüdliche 
Finder einer ſolchen Wunderblume wohl 
vor Bethörung zu hüten. Er darf von 
der erblidten Blume nicht wegſehen, 
fondern muß jeinen Hut oder ein Tuch 
derauf beden, Leute berbeirufen und 
auf dem Plate nacharaben. Bald wird 
unter der Rojenjtaude ein großer Schaf 
vor den erftaunten Augen des Gräbers 
liegen. 





Unter den Pflanzen, denen eine 
befondere Heilkraft zugeichrieben wird, 


wurzel, die gegen anſteckende Krank: 
heiten dient. Folgendes Geichichtlein 
wird die Wahrheit des Gefagten er: 
bärten. Vor vielen Jahren wüthete 
in Tirol eine ſchreckliche Peſt. Da 
flohen die von der Seuche noch ver: 
ihont gebliebenen Bewohner von Zirl 
auf den daneben liegenden Martins: 


bühl und beteten mehrere Tuge und 
können, gefichert zu fein. Auch wenn | 


| 





Nächte lang um Abmwendung der gro: 
Ben Sterblichkeit. Da erichien eine 
weiße Geftalt und ſprach: 

„Eßt Kranemwitt und Bibernell 

Dann fommt der Tod nicht zu ſchnell.“ 


Die Zirler thaten wie ihnen ge- 
heißen, und von Stund an hörte die 
Veit auf. Zum Andenken an dieje Be- 
gebenbeit murde die noch heutzutage 
itehende Geifterfapelle erbaut, in wel— 
her das Bild des pfeildurdhbohrten 
heiligen Sebaftian, des tiroliſchen Peft- 
patrones, verehrt wird. 

Noch eine Art von heiligen Pflan- 
zen iſt zu mennen: bie eigentlichen 
Zauber: und Herenfräuter. 

Um jchwarze Künſte zu treiben, 
nüßt befonders die Nlraunmurzel 
und die Veitsblume (Brunelle); 
auch die Miftel ijt ein Herenfraut, 
wie jchon ihr Beiname, „Trudenfuß”, 
befagt. Am befannteften aber ift ber 
prophetiiche Klee. Wenn ein verlieb: 
tes Bauerndiendl duch die Wieſen 
und Aecker jchreitet, fo fchielt fie wohl 
neugierig ins Kleefeld, denn wer einen 
Vierflee findet und ihn Nachts unter 
das Kopfkiſſen legt, träumt von feinem 
zufünftigen Schatz. Findet aber Je— 
mand einen Zweillee und iſt es ge- 
rade die glüdliche Zeit am Sonnwend— 
abend beim Aneläuten, jo wird ihm 
im Lauf des Yahres eine Braut oder 
Bräutigam zu Theil. Aber auch an: 
derer Zauber liegt im Vierklee ver: 
ſteckt. Wenn fich eine reine Jungfrau 
am Frohnleichnamstage oder in der 
heiligen Nacht während des feierlichen 


15* 


228 


Amtes einen Vierklee in's Haar flicht, 
dann ſieht ſie alle Hexen. Dieſe Höllen, 
candidatinnen ſtehen nämlich mit dem 
Rücken gegen den Altar. Um im Spiel 
ſtets Glück zu haben, gebrauchte ein 
Miniſtrant folgendes Mittel. Er legte 
ohne Wiſſen des Prieſters einen Vier— 
klee in das Meßbuch. In Folge deſſen 
kam der Prieſter beim Meſſeleſen nicht 
vorwärts, ſondern mußte öfters wie 
verzaubert inne halten. Aber der pfif— 
fige Miniſtrant zupfte jedesmal den 
Prieſter am Meßkleid, um ihn wieder 
zum Bewußtſein zu bringen und die 
Meſſe ward vollendet. Der Beſitz des 
jo geweihten Krautes brachte dem Mi- 
niftranten den erwünfchten Gewinn. 

Das Auszupfen der weißen Blätt: 
hen der Wucherblume, aud Ora— 
kelblume genannt, iſt allgemein 
bekannt. „Er liebt mich, liebt mich 
nicht“, ſagt Fauſts Gretchen. In Tirol 
heißt es: „Er liebt mich von Herzen, 
mit Schmerzen, ein wenig oder gar 
nicht.“ Die Mädchen, welche den Stand 
ihres künſtigen Bräutigams zu erfah: 
ren wünſchen, fragen: „Edelmann, 
Knödelmann. Bürger oder Bauer.” 
Was es auf das lehte Blatt trifft, 
ift der zufünftige Ehegatte. In Obern- 
berg aber läßt man die Blume eine 
jehr ernſte Frage entjcheiden, indem 
man jagt: „Himmel, Hölle, Fegfeuer.” 
Was auf das legte Blatt trifft, dahin 
fommt die Seele des Fragenden nad) 
dem Tode. 

Es joll öfter vorkommen, daß 
Leute an einem Orte, wo ihnen ſonſt 
Meg und Steg genau bekannt ift, fich 
plöglid” nimmer ausfenmen und fich | 
endlih nad lungem Herumirren auf 
derjelben Stelle finden, von der fie 
ausgingen. Man jagt dann: „Er iſt 
auf eine Irrwurz getreten“ und 
Ihreibt es hölliichem Zauber zu. Die: 
je3 kann einem auch paijiren, wenn 
man Viorgens ausgeht, ohne ein Va— 
terunjer gebetet zu haben. Denn zu 
ſolcher Stunde ijt man in der Gewalt 





des Teufels, dem es Freude macht, 
die armen Menfchenkinder zu foppen. 

Ferner find unheimliche Kräuter 
die Kragdiitel und Wollgras. 
Sie benehmen den heiligen Kräutern 
die Weihe; es fol daher vorgekommen 
fein, daß fie von böfen Menjchen heim: 
lich unter die Weihebüſchel geſteckt wur: 
den. Und wer Abends ausgeht und 
hört die Kratzdiſteln flüjtern und 
fieht die weißen Büſchel des Woll- 
grafes fich zu einander neigen, der eile 
nad Haufe, denn er iſt im Bereiche 
böfen Geiſterſpukes. 

Ein eigenthümlicher Brauch der Ti- 
roler Holzhauer finde noch hier jeine Erz 
wähnung, der, wenn er auch nicht uns 
mittelbar die Verehrung ber Pflanzen 
betrifft, doch mit derjelben in Beziehung 
steht. Wenn nämlih ein Baum ge— 
fällt wird, jo hadt der Holzhauer drei 
Kreuze in den Strunf. Damit die He: 
ren nicht darauf figen, heißt es an 
einigen Orten, meiſtens aber jagt man, 
und das ift der jchöne urjprüngliche 
Grund, dieſes geſchehe zum Schutze 
der ſaligen Fräulein. Denn dieſe mil— 
den, dem Menſchen freundlichen Weſen 
würden oft von den wilden Männern, 
der Sane nad) culturfeindlihe Niefen 
von übermenſchlicher Geſtalt, verfolgt ; 
ein fo geweihter Baum aber gewähre 
den Bedrängten Aſyl und Echug vor 
ihren böjen Verfolgern. Damit jchließe 
ih die Neihe heiliger Pflanzen, ob: 
wohl ih nur die vorzüglichiten mit 
den fich anschließenden Meinungen und 
Aberglauben berührte. Noch mans 
hen Bäumen, mancder Blume und 
mandem Kraut wohnt nach der Sage 
des Volkes geheime Kraft ein, die 
troß Beichtſtuhl und Kanzel im Stillen 
erprobt wird. Bejonder3 intereffant 
wäre die Zujfanmenjtellung der ver: 
Ichiedenen Pflangennamen, wie fie im 
Munde des Volkes leben und die dem 
Foriher manden Anhaltspunkt für 
deutiche Mythologie und alten Götter: 
cultus bieten könnten. 


229 


Don der Gemüthlihkeit der Bauern. 


Eine Bolksftudie von 9. A. Roſegger. 


Gemüthlichfeit ift eine dehnbare 
Haut, die fih über alles Mögliche 
Ipannen läßt. Gemüthlichkeit fol von 
Gemüth abjtammen, ift aber dieſem 
jeinen edelherzigen Vorfahren ſehr ent: 
rathen. Gemüthlichkeit ift eine Vaga— 
bundin, die fih heut zu Tage mit den 
ungefittigften Gejellen herumtreibt. Im 
Gewöhnlichen verjtehen wir unter Ge: 
müthlichfeit den Gegenſatz von Ernit, 
Zurüdhaltung , Gemefjenheit, von 
ftrenger Umgangsfitte und Höflichkeit. 
Und was iſt da nicht alles gemüth- 
ih! Gemüthlichkeit befigt nicht einmal 
einen Rod, fie läuft in Hemdärmeln 
um; fie ift bald mit Jedem gut 
Freund, jchäfert und hüpft mit dem 
nächſtbeſten Fremden und ſchmiegt ihm 
den Arm um den Nacken, und trinkt 
aus eines Jeden Glas und ißt mit 
eines Jeden Löffel und hat allweg 
gutmüthig zwinkernde Aeuglein. Sie 
nennt ſich gerne treuherzig, iſt aber kein 
wahrer Freund, denn im Unglücke und 
ſelbſt in Geldſachen ſchon hört die 
Gemüthlichkeit auf. 

Das wäre eigentlich gar nicht 
ſchmeichelhaft für den Steirer, der 
ſich des Rufes beſonderer Gemüth— 
lichkeit erfreut. Indeß aber iſt die 
Gemüthlichkeit des Landmannes wie— 
der etwas Anderes als die des Städ— 
ters. Die des Städters iſt ſo oft 
eine verunglückte Nachahmung der 
ländlichen Natürlichkeit und des natür— 
lichen Humors. Die Natürlichkeit und 
der Humor des Landmannes jedoch iſt 
ſo häufig wieder was Anderes als 
das, was wir unter Gemüthlichkeit 
verſtehen. Der Bauer hat weniger 
Gemüth als der Culturmenſch, aber 
mehr ſogenannte Gemüthlichkeit, und 
dieſe Gemüthlichkeit des Naturkindes 
in die Weltſprache überſetzt heißt — 


Frivolität. Eigen ſtellt ſich's dar, wo | 
mit der 7 


fih die „Gemüthlichkeit“ 
heit paart. 





„Heut' iſt's luſtig“, fchreit der 
Bauer bei der Kirchweih, „heut' muß 
gerauft werden!“ Sie ſind ja unter 
ſich und aus lauter Gemüthlichkeit 
heben fie Händel an und wenn Einer 
halb todtgejchlagen ift, jo ſagt der 
Thäter zu ihm: „Mußt nit harb fein 
desweg; Schau, fo Hab’ ich's nit ge: 
meint.“ 

„Bin auch nit harb“, entgegnet 
etwa der Geſchlagene; „aber wenn ich 
wieder auf kann, bring’ ih Dich um.“ 

Ein anderer „gemüthlicher“ Fall. 
Der Schwarz’ Toni war ein Lumpen— 
ferl; er trieb fih in den Schenfen 
und mit allerhand Meibsbildern um. 
Deß war fein Weib nicht zufrieden 
und oftmals weinte fie in ihre Schürze 
hinein: „Ad Gott, ach Gott, wäre 
ih ledig (unverheiratet) geblieben!“ 
Da fam eined Tages der ſchwarz' 
Toni halb bejoffen und ärgerlich über 
ein verlornes Spiel vom Wirthshaufe 
heim. Sein Weib jchluchzte wieder, 
da padte ihn der Zorn, er faßte das 
Tiſchmeſſer, ftieß es ihr in die Bruft 
und jagte dabei mit weichmüthiger 
Stimme die Worte: „So, meine Luiſerl, 
ist bift wieder ledig.“ 

Einen gemüthlicheren Mord kann 
man fich doch nicht denfen. 

Ganz anders gemüthlich ift freilich 
der Lackenſepp. Das iſt ein Großbauer 
in der Ratten, ſonſt ein jehr ernſt— 
hafter Mann. 

Sein Gefinde hat großen Nejpect 
vor ihm. Wenn er aber im Wirths- 
haus ift, wird er luftig. Für's Erite 
thut er den Nod aus, er bat allfort 
ein friſches Hemd am Leibe; dann 
thut er jeine porzellanene Tabakspfeife 
hervor, auf welcher ein tirolijches 
Liebespaar gemalt ift, das mit einander 
Zither jpielt, und auf der andern Seite 
ein tirolifches Ehepaar, das fih prügelt. 
Dann bringt der Wirth des Laden: 
jepp Stammglas, darauf ift ein tau- 


melnder Mann zu jehen, der den Hut | Bauernhaus! Der Sepp jagt es jelbit: 
ichief in den Kopf gebrüdt hat und er möchte am liebiten die Knechte auf: 
das MWeinglas ſchwingt. Darunter fteht \weden, daß fie ihm belfen, etlichen 


zu lejen: „Heunt geh ih 's nit hoam!“ 
oder e3 liegt ein Betrunkener unter 
dem Tiſch und neben heißts: 


„Dös is a Lump, dös is a Qump, 

Der mit an Rauſch fimt z Haus! 

Drum ſchlof ih mein Rauſch, ib mein Raufch 
Im Wirthshaus aus.“ 


Dh, der Lackenſepp ſchläft noch 
lange nicht. Wein her! Den beiten 
und viel! er bewirthet den ganzen 
Tiſch. 

„Und wan da gonz Rattnboch Wein wa, 
Und warn da gonz Rattnbocdy mein wa, 

Dös war a Welt! 

Und olle Mühln bliebn da ftehn in Birkfeld!“ 


Der Rattenbach ober bie Feiſtritz er reibt fich kichernd die Hände. Da 
fließt nämlich nah Birkfeld, und der gommt ihm noch ein beſſerer Einfall, 


er hült die Dede dem Kachelofen 


Sepp meint, wenn ber Rattenbach 
Mein und fein märe, jo würde berjelbe 


gleih an Ort und Stelle ausgetrunfen 
und jo allen untenftehenden Mühlen 


die Triebfraft genommen. 

Hernah wird im Chor gefungen ; 
die Lieder find alle gemüthlich, find 
ale in Hemdärmeln — ja, nod 
wunders, wenn fie ein Semblein am 
Leibe tragen. 

Spät in der Naht muß fich der 
Ladenjepp trennen von den luſtigen 
Genofien. Er geht nach Haufe, er hat 
feinen Rauſch, aber der Wein ift doch 





ein feines Trankl! „Herrgotts Vater, | 


der ijt dir beffer gerathen, ald wie 
das Trinkwaſſer! — Gelt, Mond da 
oben, du ſagſt es aud, du Monpd, 
du haft heut’ einen Raufh! Tralla 
la, tralla la, wie ift die Welt jo 
wunberihön! Aber HerrgottS Water, 
ift der Meg jhmal! — Du Sonn: 
wenbfäferl, wenn du nicht mweggebit, 
ih tret’ dich zufammen! — Was 
Dummbeiten! Schön ernithaft 
man fein — tralla la, tralla la —“ 

Glücklich kommt er nah Haufe. 
Still im ganzen Hofe, Alles jchläft. 
Iſt das ein langweilig Neft, jo ein 


muß | 





Schabernad zu treiben — 's iſt allzu 
taufendluftig heut! Aber vor dem Ge: 
finde muß der Großbauer ftet3 ernit- 
haft fein. So will er mit dem Ketten— 
hund anbinden: „Türfel! ſchau, Türfel, 
geh’ ber da! ich laß’ dich los, Türfel, 
wir Springen noch Eins um.” — Aber 
der Hund knurrt, er erkennt feinen 
Herrn nicht wieder. 

So ſucht der Sepp die Kammer 
auf. Sein Weib fchlaft wie ein Maul- 
wurf, und er weiß ſich vor Auftigfeit 
gar nicht zu helfen. Ju allen Gliedern 
zudt’s ihm, was joll er nur anfangen ? 
Die Oberdecke zerrt er dem Weibe 
aus dem Bett und hängt fie an deu 
Wandnagel. Das ift ein feiner Spaß, 


über, Er jubelt vor Entzüden. Da 
erwacht jein Weib: Was treibit denn, 
Seppel? Biſt närriſch worden?” 

„Na du mein liab’ Weibel”, lallt 
er, „'s iſt jo viel gemüthlich heut’, 
jo viel gemüthlich.” 

Derlei ift eine gemachte Gemüth- 
lichkeit, und nicht jene natürliche, 
ihalfhafte, die den Landmann charak- 
terifirt, die uns in alten Sprichwörtern 
und MWolfsliedern To oft antritt. 
Manches ſchwere Gejhid legt der 
Bauer auf die leichte Achiel; es iſt 
nicht die ftille Ergebenheit, die wir 
bei ihm finden; er fucht fi an jeinem 
Elende durh Spott zu rächen und 
gleichzeitig mit dem unvermeidlichen 
Mifgeihide Du und Du zu werben. 
Das Unglüd imponirt ihm nicht. Er 
ift wigig, beißend, höhniſch aufgelegt, 
wenn ihn ein Ungemach verfolat. ALS 
dem Raid-Michel die Kornfuhr das 
erftemal umkippte, that er einen 
ſcharfen Fluch, worin gar feine Ge: 
müthlichkeit lag. Als ihm die Korn— 
fuhr das zweitemal überfchlug, meinte 
er: „Aha, geht richtig auch der Teufel 
paarmeife”, und als die Kornfuhr das 


231 


drittemal fiel, ſagte er: 
recht, alte Kraren, 


„Iſt schon ſo tritt und die Gemüthlichkeit, bier 
ist kannſt ſelber die wohlwollende, ftillvergnügt heitere 


aufftehen, ich geh' und leg' mich auch Art, meiſt bei betagteren Bauersleuten 


in's Gras.“ 


| entgegen. Die Jüngeren geben fich 


Gar draſtiſch ift der Ausipruc | lieber troßig, übermüthig, oder wigelnd 


de3 alten Häusler-Nag. Der wollte 
Weizen anbauen und hatte feinen 
Dünger dazu. Er jäete aber doch und 
machte eine Wallfahrt auf die gute 
Meinung, daß der gute Herrgott ihm 
doch einen guten Weizen wachen lafjen 
möge. As jedoh die Ernte kam, 
ftand es jchleht mit feiner Frucht. 
„> ſeh's ſchon“, Elagte er dem 
Pfarrer, „das Beten hilft auch nichts. 
St denn das ein Weizen?” „Aber 
lieber Freund“, fagte der Pfarrer, 
„Ihr habt ja nicht gebüngt.” „Je!“ 
rief der Bauer, „wenn ih Miſt hätt’, 
brauchet ich den Herrgott nit.” 

Eigen muthet es an, wenn zwei 
Bauersleute mit einander in heftigem 
Mortfireit find. Die Ausdrüde und 
Gleichniſſe, deren fie fich bedienen, find 
nicht immer bloß derb, jondern oft 
auch witzig und beißend. 

„Wie Du, find mir neun Tag 
Regenmwetter lieber, das ſag' ich!“ 

„Das glaub’ ich jchon, die Kröten 
find dem Regen gar nicht feind.“ 

Oder Anders. 

„Wenn Eins von Dir was derlangen 
will, muß man eine gute Gnad' Gottes 
haben.“ 

„Wie fann denn ein KHöllbratel, 
wie Du hift, eine Gnad' Gottes haben ?“ 

„Du, ein Hölbratel geb’ ih Dir 
nit ab, das ſag' ich troden!“ 

„Wärft mir auch viel zu mager, 
Du. Bift ja ein zaundürrer Scherben.” 

In diefem Tone gehts oft eine 
Meile fort, die gegenfeitigen Vorwürfe 
find mitunter gar trollig, und nicht 
zu jelten gejchieht e8, daß der wüthend 
angefangene Streit mit einem Gelächter 
endet. 

Mit dem Humor geht die ländliche 
Gemüthlichkeit Hand in Hand. So 
wie fih im Allgemeinen der Humor 
erft nach verjchiedenerlei Erfahrung im 
vorgeſchrittenen Alter einzufinden pflegt, 


LT — —— —— — — — — — nn — — — — — — — — — ——— — — — 


und ſpottend. Ich meinestheils weiche 
darum den jungen Bauersleuten, wo 
ſie in Mehrzahl beiſammen ſind, gerne 
aus und geſelle mich zu ben Alten. 

Selbft wo das wahre, tiefe Gemüth 
ſpricht oder auffchreit in Weh und 
Schmerz, ift gerne ein meſſerſpitzvoll 
Schalkheit, Gemüthlichfeit dabei. 

Dem alten Marhofer war fein 
Meib geftorben. Langſam, aber jtetig 
ichritt er in dem öden Haufe umher. 
„Ei, ei“, feufzte er, „nur noch einmal, 
wenn fie mich nur noch einmal aus: 
greinen (auszanfen) thät, meine Zilla!” 

Ehte Gemüthstiefe mit Gemüth- 
lichkeit gepaart offenbarte fih mir in 
einem Zweigeſpräche, welches ich einft 
zufällig zu hören befam. 

Vor einer Mühle auf dem Korn: 
fade jaßen ein junger und ein betagter 
Bauer. Der junge mijchte fortweg 
Staub von feinen Knien und ſagte 
dabei ein für's anderemal: „'s ift 
wohl hart.“ Ihm war das Weib ge: 
ftorben. 

„Sa freilih ift jo mas hart“, 
entgegnete der Aeltere endlich. 

„Das Weib entrathet man ver: 
fluchtlet Schwer im Haus.“ 

„Das ift gewiß”, gab der Andere 
bei, „wirft Dich wohl wieder um Eine 
umichauen müflen, Hans.” 

Der Jüngere bürftete mit der 
flahen Hand beharrlich an feinem Knie. 
Dann murmelte er: „Was es etwa 
nachher ift, wern man einmal geitorben 
it? Was meinst, Jak, kommen Eheleut’ 
im Himmel oben wieder zuſammen?“ 

„Dasfelb denk’ ih mir wohl.” 

„Nachher kann ich nimmer heiraten. 
Mas fangit denn im Himmel mit zwei 
MWeibern an?” 

Der Jak ftußte. „Iſt auch wahr“, 
fagte er dann, „auf das hätt’ ui mein 
Lebtag nicht denkt.“ 


232 


„Ja, wie bin ich denn nachher zuſammengeſeſſen auf den Mühlfäden, 
dran? Die Erjt’ will ich nit verſetzen.“ ‚ober anderswo. 


„Leicht iſt's jo, Franzel: Dleibft 
der Erften getreu und heiratft nimmer, | 


jo fommft wieder zu ihr. SHeirateft 
aber wieder, jo wirft gotifeit der Erjten 
ungetreu und wirft im Himmel wohl 
mit der Letzten bei einander fein. So 
den?’ halt’ ich mirs.“ 

„Wird auch nit viel anders fein. 
Und igt weiß ich's, ich verbleib’ ledig.“ 

Der Franzel hat dazumal that: 
fächlich nicht geheiratet. Aber weil es 
wahr ift, daß man „das Weib ver: 
fluchtlet Schwer im Haus entrathet”, jo 
hat er fich eine Wirthichafterin genom— 
men. Die war no um etliche Jahre 
jünger al3 er. Und nad einer Zeit 


„Sranzel , ſchmunzelte der Alte, 
„wenn Du's jo treibjt, jo wirft leicht 
nit mit deiner Erften im Himmel zu: 
jammenfommen, viel eher mit Deiner 
Zweiten in der Höll.“ 

„Meint?“ verfegte der Andere, 
„Du, in der HöN wär's mir zu heiß.“ 

Darauf bat der Franzel feine 
Haushälterin Form rechtens geheiratet. 

Naivität und Schalfheit zufammen 
macht das aus, was wir unter Ge— 
mütbhlichfeit im guten Sinne verftehen. 
Unverſehrt finden wir fie nur noch in 
entlegenen Strichen, die bisher vom 
Zeitgeift nicht verjengt worden, und 
die vom tiefen Elende der Armuth ver: 


find der Franzel und der Jak wieder ſchont geblieben find. 


Das Peftmännlein. 


Eine Sage aus Oberbaiern, 


Fernab von allen menschlichen Woh- 
nungen, verborgen in der Dede und 
Schattennadht der Wälder oder auf 
freien Inftigen Höhen, einfam in ben 
Hochwieſen, findet man bei ung Fried: 
höfe mit eingefunfenen Gräbern und 
verfallenen Mauern, bei den wenigjten 
ein ärmliches Bethäuslein, meiſt nur 
einen vermwetterten Bildftod inmitten 
der Hügel ohne Stein und Kreuz. 
Das find die Stätten, wo in ben 
Todesernten ber Peft die zahllojen 
Opfer hajtig verfcharrt wurden. Mehr- 
mals ftreifte die Seuche in vergange- 
nen Jahrhunderten über dieje fonft fo 
lebeusreiche Gegend, ein nimmerjattes 
Unthier. Dieje verödeten Nubeftätten 
heißen meift „die Peſthöfeln“ im Munde 
des Volld. In wehmüthig jchöner 
Stille liegt ein ſolcher Gottesader, 
brad wie ein ruhendes Feld, in der 
grünen MWaldesfühle nahe am Fußſteig, 
der vom uralten Heerwege bei Rotten- 
buch rechts abbiegt nad) der wunder: 


. *) Siehe Seite 244. 


erzählt von J. F. £entner.*) 


bolden Einfamkeit der „Wildfteige”, 
de.n fleinen Weiler mit der alten 
Kirche St. Sebaftiand, des Patrons 
gegen Belt und jähen Tod, in der 
Nahbarichaft der ruhigen Seen am 
Fuße der Hochberge, die hier mächtig 
anwachſen zur fernfpähenden „hohen 
Bleiche“, zu den jonnenreichen Matten 
der Trauchgauer Almen. — Die Bu: 
hen breiten ihre Aeſte weit herein 
über die niedbere Mauer, als hielten 
fie ſchützende Arme über die Schläfer; 
ernfte dunkle Tannen verhüllen bie 
verwijchten Heiligenbilder in einer 
Blende und hochauf wuchert im fri: 
icheiten Grün das Riedgras, mit tau= 
jend Feldblumen durchwirkt. Ein Bäch— 
lein geht unter den Bäumen und 
raufcht einichläfernde Lieder ; aber oben 
im Gezweige fingen hochauf die Vögel 
von Leben und Kiebe. 

Durh das milde „Freithöfle“, 
wie man es nennt, wanderte ich ein: 
mal mit einem geſprächigen Landmann, 


233 





dem Meßner unſers Dorfes. Der wies 
mir im Eleinen Friedhofe in einer Ede 
einen vereinzelten Hügel, ber allein 
noch über den Boden fich erhebt, ob: 
gleih ohne irgend eine Bezeichnung. 
Hier jei, fagte dazu der Davida Hannes, 
der Letzte begraben, den die Peſt ab- 
geholt, und davon wollte er mir eine 
jeltfame Gejchichte erzählen, die er 
wieder von rechtichaffenen Leuten habe, 
die das Grab noch ſchier friſch kann— 
ten und etwa ihr Aehni gar noch Den, 
der da unten liege. 

Vor Jahren hatte das Stift zu 
Rottenbuch ſein eigen Recht und Land 
und ließ ſeine Leute vor dem eigenen 
Stuhle richten, ſelbſt auf Leben und 
Tod. Sie hielten ſich dazu einen eige— 
nen Richter und da war denn auch 
einmal ein gar ſchlimmer und ſcharfer, 
der für die Chorherren Schwert und 
Wage handhabte, aber weit lieber mit 
dem einen darein ſchlug, als auf das 
richtige Zeigen des Züngleins an der 
anderen wartete. Er hatte keinen Obern 
über ſich, als den hochwürdigen Herrn 
Abt; der war aber ein guter Herr 
und ſeinem Vogt wohl geneigt, er 
wußte auch warum. Die Patres in 
den Klöſtern hatten dazumal ſchon ver— 
lernt, wie die erſten Eremiten zu beten, 
zu faſten und Holz zu hauen und in 
ſchlechten Spelunken zu hauſen; ſie 
hatten feine, große Häuſer als Loſa— 
ment, mit hohen, lichten Stuben, Alles 
gar zierlich verſchnörkelt und vergol— 
det, Marmor als Fußboden und Sam— 
met als Polſter. Dabei aßen ſie recht 
gut und tranken nicht ſchlechter und 
zur Bewegung trieben ſie allerlei edel— 
männiſche Kurzweil, als Jagen, Fiſchen, 
Vogelſtellen, Kartenſpiel und Damen: 
ziehen, und mancher ſaß öfter zu Roß 
als im Chorſtuhle. Sie meinten es 
dabei freilich nicht bös und hielten 
derlei für eine billige Entſchädigung 
für ihr gethanes Gelübde. Waren 
auch manche darunter, die ſich in Bü— 
chern und Schriften vergruben und 
allerlei gelehrtes Weſen an den Tag 
brachten. Es kam viel Geld durch ſie 


unter die Leute, aber das Geld herzu- 
treiben, war nicht immer leicht, und 
die Hörigen der Klöfter im Pfaffen— 
winkel') jpürten es tüchtig, wenn eben 
ein Abt am Regiment war, der es 
hoch gab und den Neichsprälaten 
jpielte. 

Im Auftreiben von  Elingender 
Münze war aber der Vogt von Rot: 
tenbuch, von dem ich fpreche, ganz 
abſonderlich geihidt, und wenn oft 
der Pater Schaffner meinte, jegt müſſe 
der Sädel leer jein und fih kaum 
zu begehren traute, fam jener von 
jelbft und bot ihm Geld an, fo viel 
er wollte. Das war dem Abt und 
dem ganzen Convent ein gemähtes 
Wieslein und darum waren die Augu— 
ftiner von Rottenbuch auch die Leeften**) 
unter allen Herren, Tießen den Herr: 
gott einen guten Mann fein und jubi- 
lirten alle Tage, al3 ob bei ihnen das 
ervige Neich Schon begonnen hätte. Kam 
ein Bäuerlein oder mehrere von ihren 
eigenen Leuten, klagten über den Vogt, 
murrten über Pladerei und Schinden, 
wie er fie von Haus und Hof pfände 
und jtenere, daß fie die Gilten und 
Geleifte nicht aufbrädhten, die er im 
Namen der Gotteshäufer eintreibe, jo 
hörte man fie nicht oder lachte oder 
ihidte man fie heim mit den dürren 
Worten: „Wart’, brummiger Bauer, 
Du hHalsjtarriger Gejelle! der Vogt 
fol Did zahm machen und Dir das 
grobe Maul binden.” So ging e3 den 
Klofterleuten recht Schlecht und verfamen 
ihrer eine Menge. 

Einmal nad) einer großen Tafelei, 
es war gerade des Herren Prälaten 
Namenstag, lag der Richter in feiner 
Behaufung wie ein Stüdfaß auf dem 
Zotterbett und jchnaubte und athmete, 
gleih dem Blafebalg in einer Ham— 
merjchmiede, als wollte er zur Stunde 
erſticken; denn er hatte fi) das Ban 





) PBfaffenwintel heißt im Munde des 
Volks die ehemals Tlofterreihe Gegend am 
Fuße der Berge, am Amper und Led. 

**) Rep — ſchlimm, arg. 


234 


fett zu wohl behagen laffen. Die 
Truthähne, Fafane, Kapaunen, Hechte 
und Forellen belafteten jeinen Magen 
und die diden Ungar: und Beltliner: 
meine ftopften ihm fat die Adern zu. 
— Sn feinem QTaumel hatte er lange 
nicht bemerft, daß ein Menſch vor 
ihm ftand, ihm zujah in feinen Nöthen 
und dabei lachte, jo gut es fein ſau— 
red Geficht erlaubte. Der Menſch war 
ein ſchmutziger Bauer, mit nußbrauner 
Haut und einer Igelperüde, knochigen 
Leibs und faum in ein paar Leder: 
feßen gemwidelt. Man hieß den milden 
Gefellen den „Filzdraden”, weil er wie 
ein Drade im öden Forſt am Filze*) 
fih eine Lehmhütte gebaut und dorten 
in Noth und Elend haufte mit Weib 
und Kind. 


Der Drad alfo brummte ein paar: 
mal etwas in den Bart und madte 
jo jeine Gegenwart fund, daß darob 
der Klofterrichter au8 feinem ſchweren 
Schlaf erwadhte. Wie er nun den 
Bauer vor fih ſah, erſchrak er erficht- 
lih und erhlaßte troß feiner veilchen- 
blauen Weinwangen; denn er hatte 
den Mann, einen Zinspflichtigen des 
Stiftes, Fürzlich im Uebermuth und um 
Ichlechten Vorwand hart gebüßt und 
ihm die einzige Kuh aus dem Stall 
getrieben. Schnell aber nahm er fich 
wieder zuiammen, und wie das bie 
GerichtSherren im Brauch haben, wenn 
ihnen ein Untergebener vorfommt, bem 
fie Unrecht getban, ward er grob und 
begann den Filzdracken zu inquiriren, 
was er bier in der Stube juche, mie 
er gleich Diebsgeſindel bereingefom: 
men, weshalb er ihn bösmillig erfchrede 
und mehr dergleichen, wobei er ihm 
fchließlih mit Keuche und Nuthenitrei- 
hen drohte. Der Filzdrad ließ fich 
aber des Geitrengen Zorn nicht irren, 
ftellte fich jteif vor ihn bin und hielt 
ihm mit einer Feuerzange einen alten 
zerbrüdten Bauernhut hin, ohne ein 
Wort zu jagen. 





) Moorland mit niederem Buſchwerk. 


„Was jollen die Narretheien!* 
grollte da der Vogt; „weshalb bringt 
Er den Hut in der Zange? Was 
treibt Er für Gefpötte mit mir?” 
Dabei riß er dem Bauer den Hut 
weg, zerbrüdte ihn mit beiden Fäuften 
und trat dann mit den Füßen darauf 
herum. Der Filzdrack aber öffnete 
jein breites Maul und begann faul 
und eintönig: „ch habe Em. Geftren: 
gen nur berichten wollen, wie es fi 
mit dem Hute verhält, weil das eine 
befondere Sache ift und mir viel zu 
bedeuten deucht. Mein Bub, der Jürge— 
naß*), hütet die letzten zwei Gailen, 
die Em. Gnaden mir noch übrig ge— 
laffen, müßt Ihr willen, und die trieb 
er heute in das Wäldlein gegen bie 
Wildfteig hin. Da jaß der Bub und 
weinte, weil ihn hungerte und er 
alaubte, man müſſe dann efjen. Er 
ift noch dumm und weiß nit, daß 
Em. Gejtrengen es nicht leiden mögen, 
wenn wir Bauern jatt find, und uns 
darum das Tiſchtuch kürzen. Wie er 
jo heulte, fam mit einemmale ein 
wunderliches Männlein, jchier nadend, 
mit einem Zaubgürtel um die Lenden 
und ein Hütlein auf, aus dem Wald 
gelaufen und ehe mein Bub vor Angit 
und Furcht entlaufen konnte, hatte es 
ihn erwifcht und hielt ihn am Kittel 
feft. Das Männlein, jagt der Bub, 
war fäfebleih und gelb, zottig von 
Haaren, ſah darein mit gläjernen 
Augen und Frächzte ein Kauderwelſch 
mit weinerliher Stimme Meinem 
\ürgena ward todtenübel, er riß ſich 
mit Gewalt los und rannte heimwärts; 
das Männlein aber fpraug ihm nad) 
eine gute Weile und jchrie dazu: 
„Wehe und aber wehe!“ daß es wie- 
derhallte im Holz. Wie mir der Bub 
die Märe vorgefeucht, Taufe ich weid— 
lih hinaus, das Männlein zu jehen. 
Es war aber verkommen und jein 
Hut lag am Boden, dem es meinem 
Buben hatte jchenfen wollen, Worauf 
mir fchnell beifiel, ich habe einmal 


*) Georg Ignaz. 


235 


gehört, wie damald, al3 der große 
Sterb gewüthet im Land, ebenfalls ein 
nadend Weib zu einem Hirtenmäbel 
aufs Feld gefommen und ihm ein 
Paar Strümpfe geichenft habe; wie 
dann alljogleich die Dirn an der Pe— 
ftilenz verftorben und mit ihr viel tau- 
jend Menichen, die allein im milden 
Freithof liegen oder bei St. Ruperts 
Münfter, das nun zufammengefallen 
it. Da ſprang ih in meiner Einfalt 
zu Em. Gnaden und wollte vermelden, 
was geichehen und mie ich feit glaube, 
daß dieß Weſen das Männlein ift 
vom jelbigen Weiblein und alsbald 
ein großer Sterb und Tobfall anheben 
wird. In dem Hute hat es uns bie 
Veit gebracht und darum habe ich ihn 
auch nur mit der alten FFeuerzange 
angefaßt, fintemalen ich gar aut weiß, 
daß man fie erbt, wenn man auch nur 
mit der Fingerfpige ein verpejtet Ding 
berührt. 

Kaum hatte der Filzdrack dieß 
Wort geiproden, jo hättet ihr ſehen 
jollen, wie der Vogt von Neuem er: 
blaßte und hinſank in die Kiffen. Er 
hatte ja ven Hut des Peſtmännleins 
mit beiden Händen erfaßt; er mußte, 
daß es wahr fei, was der Bauer 
vom Peſtweiblein erzählt, deun er 
hatte es in einer Chronifa gelejen, die 
im Klofter lag. Er fühlte fih mit 
einemmale todtfrant und elend; er 
hatte die Veit. Der Filzdrad, als er 
des geftrengen Herrn Uebelbefinden ver: 
merkte, lachte boshaft; jener aber 
griff nach der filbernen Pfeife auf 
dem Tijchlein und wollte den Frohn: 
fneht rufen, damit er den Boten des 
Todes falle. Der Filzdrack aber jpürte, 
wo das hinaus follte, ſchlug ihm die 
Pfeife aus der Hand mit der Eifen- 
zange, lupfte jeine Lederkappe und 
ging von dannen, indem er noch als 
ein B'hüt Gott zur Thüre hineinrief: 
„Ich wünſch Euch wohl zu ſterben, 
geſtrenger Herr!“ 


Dem Vogt aber warb noch erbärm- 
licher zu Muth, und er legte fich den 
Abend noch hin und ftarb uriter unſäg— 
lihen Martern gerade um zwölf Uhr 
Nachts. Er konnte bald nicht mehr 
reden, nicht beichten, noch beten, ſon— 
dern fuhr hin in feinen Sünden, voll 
Grimm und Wuth auf jeinem rothen 
itolzen Geficht. Bei feinem Tode ent: 
jtand ein großes Geſchrei und allge: 
mein ward die Furcht, daß die Pefti- 
lenz wieder losbreche. — Man begrub 
darum den böſen Pfleger von Rotten- 
buch in dem wilden SFreithöfle, ohne 
Segen und Weihbrunnen, ohne Licht 
und Leucht. Der Schinder mußte ihn 
verfcharren. 


Darauf erzählte man überall von 
dem „Beitmännlein‘‘. Mancer hat e8 
geliehen, wenn er dur einen Wald 
ging ; bie Hirten auf bem Felde ichredte 
e3 und wild jchreiend lief es Einzelnen 
nad). 

Bald war e8 da, bald dort. Einer 
hatte es auf dem Berg*) gefehen, der an: 
dere traf e* im Taftwalde am Lech. Da 
befehrten Tich die Menſchen in ihrer 
Todesangft, die Pfaffheit warb barm— 
berziger gegen die Bauern und allzu— 
fammen beteten um Abmwenbung der 
großen Noth zu Gott und St. Seba- 
ftian. — Es fam auch Niemand mehr 
um denn einzig der gemaltthätige 
Vogt, den der Herrgott aetroffen hatte 
mit feinem ftarfen Arm. Gar viel 
Leute meinten auch, feine Seele habe 
feinen Frieden und er geilte mit dem 
neidigen Schaffner, der den Armen 
das Brot zu Flein gab, unten in ben 
fteinernen Stuben am Strausberg in 
ber Ampenleithe. Das Peſtmännlein 
aber verſchwand und jeitdem hat man’s 
nicht wieder geſehen. 


*) Den Berg nennt man in Lechrain vor- 
zugsmeife den Weißenberg mit feiner herrlichen 
Ausſicht. 


236 





Kleine 


Unſer Schillertag. 
Wien, im November. 


Die hundertjährige Schillerfeier im 
Jahre 1859 gab in Wien den erſten 
Anſtoß zur Errichtung eines großartigen 
Scillerdenfmals in der öfterreichifchen 
Hauptjtadt. Der Verein „die Glode“, 
weldher am Abende des Wiener Schiller: 
feſtes 1859 von Wiener Bürgern ge: 
gründet wurde, war e8, der 1868 auf's 
Neue die Anregung gab zur endlichen 
Errichtung eines Schillerdenfmals. Im 
März 1868 murde ber herrliche, von 
dem Obmanne de3 Sciller:Comites, 
Anaftafius Grün verfaßte Aufruf zu 
Beiträgen für ein Schiller-Denfmal in 
Wien veröffentlicht. Des Kaifers Spende 
von 1000 Gulden war der erfte Beitrag 
zu dem fchönen Werfe. Später gewährte 
der Monard 50 Gentner Erz im Werthe 
von 9000 Gulden zum Zmwede des 
Monumentes. Im Jahre 1870 waren 
50.000 Gulden gefammelt, die either 
auf das Doppelte angewachſen find. 
Damald wurde die Aufforderung zu 


Entwürfen eines Schiller » Denkmals 
ausgefchrieben. Unter vierundvierzig 


Entwürfen ging der des Profefiors 
Schilling in Dresden ald angenommen 
hervor. 


Vor dem neuen pradhtvollen Gebäude 
der Mfademie der bildenden Künſte 
wurde das Denkmal aufgeftellt. Dasjelbe 
iſt 33 Schuh hoch. Aus rothem ſchwe— 
difhen Marmor gehauen find die vier 
maffigen Stufen, die zum vieredigen 
Sodel aus Bronze hinanführen. Aus 
den vier Eden des Letzteren ragen alle: 
gorifche Figuren hervor, die vier Men: 
fchenalter darjtellend. Darüber erhebt 
fih ein Eleiner Sodel, auf deflen vier 
Seiten in Hautrelief3 die Geſtalten des 
Genius, der Mufe, der Weltweisheit 
und der Humanität ftehen. Und hoch 
über all’ dem ragt das eilf Schuh hohe 
erzene Standbild Schillers. 


Taube. 


Am 10. November dieſes Jahres, 
als am hundertſiebzehnten Geburtstage 
des großen Dichters, wurde das herr: 
lihe Monument enthüllt. Schon der 
Vorabend verfegte die Kaiferftadt in 
Feſtſtimmung. In den Theatern und 
Vereinen wurden Schiller® Dichtungen 
aufgeführt und vorgetragen. Am bedeu: 
tungsvollften darunter war die Auf: 
führung der „Räuber“ von den Stu: 
denten im Stadttheater. Eine echtere, 
begeiftertere Huldigung des Dichters läßt 
fich nicht denken, als diefe Wiedergabe 
des jturmbewegten Freiheitöfanges von 
der alademifchen Jugend. Die mahre 
Begeifterung erſetzt bisweilen vollends 
den gejchulten Künftler und nur die 
Jugend, die heigblütige, die für das 
hohe Ideal erglühende, vermag die 
„Räuber“ fo wieder zu geben, wie fie 
Schiller gemeint hat. Es war fein Spiel, 
e3 war ſchäumend Yeben, und die Bretter 
waren zur ſturm- und leidenſchaftdurch— 
brauſten Welt geworden. 

Schiller lebt nicht allein in ſeinen 
Dichtungen, er lebt im Fleiſch und 
Blute unſerer Jugend. 

Man hat Scheffel den Studenten: 
Dichter geheifen — er iſt's in der 
Kneipe; Schiller ift’3 in der Aula und 
überall, wo der Jüngling die emigen 
Güter der Menfchheit anftrebt. 
Selten oder vielleiht nod) nie werden 
die „Räuber“ von Dilettanten mit der 
Vollendung gegeben worden fein, als 
am 9. November im Stadttheater zu 
Wien, unter der Leitung des Profefjors 
Strakoſch. Abgeſehen von dem mufter: 
haften Zufammenfpiele, wie man es bei 
den „Meiningern“ nicht befjer haben 
‚Tann, waren die Rollen des Franz, des 
Karl Moor , des alten Moor, des 
Spiegelberg, Schweizer, Roller, Koſinsky, 
des Paſtors u. ſ. w., wahre Meifter: 
leiſtungen. Wenn fih die Wiener Preſſe 
‚diefer Aufführung gegenüber theilweife 
| etwas rejervirt gehalten bat, jo that 


— 


237 


fie recht; junger Ehrgeiz ift bald ent: 
zündet, die Bühne verlodend — und 
ichlieglih würde doh nicht Jeder als 
Schauſpieler feinen Meifter jtellen fönnen, 
den er, unterftüßt durch die Urſprüng— 
feit feiner Begeifterung und durch die 
Meiheftimmung des Feſtes bei der 
Aufführung der „Räuber“ hervorzufehren 
Gelegenheit hatte. 

Am 10. November, Schlag 12 Uhr 
Mittags, ift die Hülle vom Standbilde 
Schillers gefallen. Das Donnern des 
Volfsjubels erfüllte den weiten Platz, 
aber der ſchneeſtöbernde 
umbraufte das eherne Bild, das nun 
in der Zeiten Sturm und Sonnenſchein 
ragen foll, ein glorreiher Hort des 
Ideals, hoch über dem Gewühle Fünf: 
tiger Geſchlechter. 

Nah der Enthüllung war ein Felt 
mahl privaten Charakters, an welchem das 
Scillercomite und einige andere Perfön: 
lichkeiten, die zum Feſttage in näherer 
Beziehung ftanden (darunter ein Enkel 
Schiller's) theilnahmen. Die Feſtſprüche 
waren zahlreich. Prof. Schröer gedachte 
in edlen Worten des Dichterd Anton Auers: 
perg, eriten Bräfidenten des Comité's. Bor 
Allem zu bemerken ift die Nede Heinrich 
Laube's, welche, bisher nicht veröffent: 
licht, ich zur Verfügung ftellen fann. 
— „Es gibt eine Stadt in deutjchen 
Landen”, ſagte Laube, „welche unfern 
Friedrich Schiller gleihfam zu ihrem 
Schutzpatron erwählt hat. Nirgends fonft 
wo — und id) bin viel herumgefommen 
in deutfchen Städten — habe ich eine 
fo begeifterungsvolle Verehrung und 
Liebe für einen Dichter gefunden als 
in Wien für Friedrih Schiller. Soll 
ih an das Scillerfeit vom Sahre 1859 
erinnern ? Es ift faum je fo was erlebt 
worden. Vom Praterftern im Norden bis 
zum Paradeplag im Süden, die ganze 
Breite der Stadt Wien hindurh Menſch 
an Menſch und bis zu den höchſten 
Dadfenftern hinauf Kopf an Kopf und 
auf dem Paradeplage Leib an Leib und 
unter al’ den SHunderttaufenden der 
einftimmige Ruf: „Schiller! Schiller!“ 
Und dies in einer politifch ſehr ge 


Winterjturm | 





ipannten Zeit. Wir Hatten eben ben 
franzöſiſch-italieniſchen Feldzug verloren 
und aus dem ganzen Weiche erhob ſich 
der Nuf nad einer PVerfaffung. Ein 
Ausbruch des Vollsunmillens war überall 
zu befürchten. Wie gefährlich diefer Mo- 
ment war für eine öffentliche eier, das 
bewies mir der Zorn des damaligen 
PVolizeiminifter® , des Freiherrn von 
Thierry. Er machte mir Vorwürfe, daß 
ih ala Hofbeamter — ih war Director 
des Hofburgtheaters — in erfter Neihe 
ftünde bei einer ſolchen Unternehmung, 
ihlug Alles ab, namentlich den Fackel— 
zug durch die Stadt, und rief entrüftet:: 
Wollen Sie die Verantwortung über: 
nehmen, wenn der Tumult ausbricht 


bei folder öffentliher Reizung ? — 
Ja, Ercellenz, ermiderte ich, ich über: 


nehme fie, denn ich fenne die poeti- 
fhen Wiener und bin überzeugt, daß 


‚fie ihren Schiller über Alles ftellen und 
‚bei feiner Feier nichts Anderes einmifchen 


werben. Das glaube ih nid, 
ihloß er, und es bleibt bei dem Ber: 
bote. Mir aber gelang es, die Frage an 
den Kaifer zu bringen und der Kaifer, 
aud ein Verehrer Schillers, bemwilligte 
Alles, auch den großen Fadelzug durd) 
die ganze Stadt. Und die Wiener be: 
währten fih. Nicht ein Laut ließ ſich 
vernehmen als der Name: Schiller! 
Schiller! Das höchſte Intereſſe, die tiefite 
Verehrung, der Gedanke an den hohen 
Dichter allein mwaltete in den Menjchen: 
mafjen, mie eine weihevolle Andacht. 
Könnte das außer Wien in irgend 
einer großen deutſchen Stadt gejchehen ? 
Ich fage: Nein! Und aud die Her: 
ftellung des koſtbaren Denkmales be: 
treffend, wer hat es zu Stande gebradt ? 
Wien! Neun Zehntheile der Kojten 
zahlte Wien. 

Wien ift geradezu eine religiöfe 
Gemeinde Schillers und fo rufe id 
getroft am heutigen Feiertage. Es lebe 
die deutiche Schillerftadt, es lebe Wien !” 

Eine ganz befondere Stimmung 
hatte der Fadelzug, den an dem Abende 
des Feſttages die Studenten Wiens 
den Manen Schillers bradten. Es 


238 


mögen an die taufend Lunten geweſen 
fein, welche in einer endlofen Reihe vom 
Stubenring heranflutheten, von Mufik, 
Trommelgemwirbel und Volfsgejohle um: 
raufht, von Schneegeftöber ummeht, 


vom Sturm des Winterabends durch: | 


brauft, jo daß die Flammen jegt in 
tiefer Nöthe hoch auffladerten in den 
finfteren Rauch, jetzt im weißen, mild: 
brilfenden Lichte zudten und raften — 
hoch gehoben über den jungen Trägern, 
die in raſchen Schritten dahintrabten, 
— fröhliche Revolutionäre, das feurige 
Schwert des Lichtes ſchwingend. Empor 
über die Paläfte des Ring wirbelte 
der geröthete Raud, und der Himmel 
leuchtete, wie vom Feuerſchein eines 
großen Brandes. Wohl! das heilige, 
welterhellende, mitunter auch gefährliche 
Feuer jugendlicher Begeifterung mar 
entfacht und ftedte aud die Menge an, 
die wie ein finfteres Meer links und 
rechts der lodernden Kette bahinwogte. 
Die Polizei war auf der Wacht, zu 
Fuß und hoch zu Roß, und in Bereit: 
ſchaft ftanden die gewaltigen Kaſernen 

- aber nein, e8 war nit Sturm und 
Drang, ed mar der helle Cultus der 
Liebe und Dankbarkeit dem Genius des 
deutſchen Volfes. 

Der Lichtſtrom des Fadelzuges 
ergoß fih auf den Scillerplag und 
umfluthete im Wirbel das Denkmal, 
defien hohes Standbild einfam ragte in 
die fliegenden Wolfen des Rauches. 
Laut erflang das (saudeamus und 
manch' begeiftert Wort ſcholl über die 
Menge hin und mwedte die Herzen, und 
da wurde wohl in Mandem das Be: 
wußtjein wach: Defterreih, du bilt es 
werth, die großen Dichter des deutſchen 
Volles auch dein zu nennen! 

Endlich bewegte fi) der mänadiſche 
Zug gegen die Votivfirdhe hin und die 
Studenten eilten in ihre Feſtcommerſe. 
Die Fadeln waren erlofhen und auf 
dem Ring funfelten wie immer die 
taufend und taufend blaſſen Gasflammen 
in den Xaternen. H. M. 


Für Diesmal genug! 


| „Sinder, jetzt iſt's genug!” rief 
uns der Vater zu in unferen hals: 
brecherifchen Productionen über Stühle 
und Bänke, zu denen er jelbft uns an: 
fangs angeeifert hatte, um zu fehen, 
wie hoch wir flettern und wie flinf wir 
ſpringen fonnten. Aber die Geifter, die 
er rief, wurde er nicht eher los, als 
bis fich einer oder der andere von uns 
Rangen eine Beule an der Stirne ſtieß 
oder ein Loch in den Kopf fiel, oder 
gar den Fuß brad, wie es des Nach: 
bars Engelbert einmal erging. 

„Jetzt ift’3 genug, Kinder!“ mag 
die civilifirte Welt und die Wiſſenſchaft 
den Seefahrern zurufen, die immer und 
immer wieder von Nenem ihre Bravour: 
fahrten nach dem Nordpol unternehmen. 
Die Nordpolerpeditionen haben es längſt 
fihergeftellt, daß der Nordpol nicht er: 
reichbar, oder wenn durd die außer: 
ordentlichite Gunſt der Zufälle erreichbar, 
derjelbe für unſere praftifchen Beftre: 
bungen durchaus nuglos ift. Thatſächlich 
fommt jede neue Erpedition ihrer voran— 
gegangenen ſtets um etlihe Minuten 
voraus, dafür weiß fie dann nur von 
noch größerer Kälte, von noch diderem 
Eife, von nod längeren Nächten zu er: 
zählen, als die Vorfahrer. 

Angeeifert durch die öjterreichifche 
‚Nordpolfahrt, die allerdings für Die 
Wiſſenſchaft einigen Werth aufzumeifen 
‘hat, ging im Juli 1875 eine englifche 
| Erpedition mit den zwei Schiffen „Alert“ 
und „Discovery“ nad dem Norden ab. 
Diejelbe kehrte im October diejes Jahres 
zurüd mit der Meldung, daß die „Er: 
reihung des Nordpols unthunlich“ jei. 
Diefe Entdedung fojtete der Expedition 
vier Mann, welche unterwegs zu Grunde 
gegangen waren. 


Die Erpedition verließ Port Foulfe 
am 29. juli 1875 und gelangte in die 
Eisregion auf der Höhe des Caps Sabine 
(an der weſtlichen Küfte des Smith: 
Sundes unter 79 nördlicher Breite). 
Nach mühevollen Anftrengungen erreichte 
fie die Nordfeite von Lady Franklins 


239 


Bay (zwifhen 81% und 82° nördlicher 
Breite), wo die „Discovery“ zurüdblieb, 
um dajelbft den Winter zuzubringen. 
Der „Alert“ erreichte die Grenze der 
Schifffahrt am Geſtade des Polarmeeres, 
wo das Eis an Dide bis zu 150 Fuß 
vartirte. Das Präfidentenland (angeblich 
unter 84°) eriftirt nicht. 


Der „Alert“ brachte den Winter 
im 820 27° nördlicher Breite zu. An 
diefem Punkte ging die Sonne während 
eined Zeitraumes von 142 Tagen nicht 
auf und der verfpürte niedrigjte Kälte: 
grad war 23 Grad. Mit dem Reiſen 
waren ungewöhnliche Mühſeligkeiten ver: 
fnüpft. Eine nordwärts abgejendete 
Mannjhaft war 70 Tage abmwefend und 
erreichte den 83" 20° nördlicher Breite. 
Eine Expedition umfuhr das Gap 
Colombia, den 830 7° nördlicher Breite 
fituirten Punkt von American: Yand, 
und bereifte dad Land 220 Meilen 
weftlih. Auch Grönland wurde weit 
nah Oſten durchforſcht. Der nördlichſte 
Punkt von Grönland wurde unter 82V 
57’ gefehen. Die Mannſchaften der 
Schlitten litten alle durch Sforbut und 
fanden fein Wild. Hans GChriftian 
Peterſon jtarb. Ein Seemann vom 
„Alert“ und zwei Matrofen von der 
„Discovery“ ftarben auf der Schlitten: 
reife. Esfimos wurden nicht angetroffen, 
Die alten Spuren hörten nördlich von 
800 52° nördlicher Breite auf. Eiöberge 
wurden jenjeitd des Caps Union (83°) 
nicht gefehen. 

Außer der Bermuthung, daß ber 
Nordpol mit 200 Fuß diem Eife 
umgeben jei, mußten die Engländer, 
fo viel bis jest befannt, nichts Neues 
zu erzählen, was nicht ſchon Weyprecht, 
Payer und die Früheren uns erzählt 
hätten. 

Für heute genug. Seiner Seit, 
wenn die Seefahrt wieder ein Stüd 
vorgefchritten fein wird, wenn Wiſſen⸗ 
ſchaft und Induſtrie den Menfchen neue 
Mittel gegen elementare Hindernifje an 
die Hand gegeben haben werden, dann 
wieder eine Fahrt gegen den Pol — 


— — — — — —— 
— — — — ———— —— — — — — — — — — — — — — — — 


denn wohl anſteht es ja dem Ge— 
ſchlechte der Menſchen, wenn es die 
Mittel geſtatten, ſeine Heimat, den Erd— 
ball, zu durchforſchen, bis in den letzten 
Winkel. 


Vom rothen Cardinal. 


Am 6. November ſtarb zu Rom 
Jakob Antonelli, der Staatsſecretär des 
Papſtes, welcher auf die unſeligen Ge— 
ſtaltungen der kirchlichen Verhältniſſe in 
unſerer Zeit ſo großen Einfluß geübt 
hat. Antonelli war mitten unter Räubern 
geboren, der Sohn eines Rinderhirten. 
Noch heute ſollen einige Verwandte des 
Cardinals das Räuberhandwerk treiben. 
Er ſelbſt war niemals Brigant geweſen. 
Seine großen Reichthümer, die er theils 
ſeinen Verwandten, theils dem päpit- 
lihen Stuhle vererbt hat, ftammen 
jelbftverjtändlich wo anders her. Anto— 
nelli fam frühzeitig nah Nom in ein 
Seminar. Papſt Gregor XVI. entdedte 
den talentvollen Kopf, zog ihn in feine 
Nähe und beftimmte ihn für die jtaats- 
männifhe Yaufbahn. Seit 1847 war 
er Gardinal und jeit diejer Zeit der 
einflugreichite Nathgeber Pius IX. 


Antoneli war — mie 9. Gras: 
berger in feinem geiftvollen Eſſai (Prefle, 
7. November) jagt — der böje Schatten 
des guten Papftes, Sr. Heiligkeit un— 
heiliger Diener, in Begleitung reichlichen 
Segens ein lud. Pio Nono wurde 
immer geliebt, Antonelli nie; Pio Nono 
wurde nie gefürchtet, Antonelli ftets ; 
mit der langen Regierungszeit Pio 
Nono’3 verjöhnte man fih troß allen 
Gelüften nad einem neuen Conclave 
immer wieder, aber man fand es unver: 
zeihlih, daß der langlebigſte Papſt aud) 
den langlebigften Cardinal-Staatsjecretär 
zur Folge haben follte. Die inftinctive 
wie die principielle Abneigung gegen 
Antonelli reihte aus dem Volke auch 
in die Prälatenfreife hinauf. Es mar 
Einer der unabhängigften Monfignori, 
der, keineswegs von Ehrgeiz oder Riva: 


240 


lität getrieben, dem Papſt in’s Geficht 
erklärte, Antonelli ſei Pio Nono's Sünde. 

Auch in anderen Sachen waren die 
beiden Männer Antipoven. Pio Nono 
ift heiter, Antonelli war grämlid. Pio 
Nono ift Leutjelig, zugänglid und hat 
unter allen Umftänden ein Scherzwort 
und ein Lächeln in Bereitfchaft, Anto: 
nelli bildete zu alledem eine wenig er: 
quidlihe Kehrſeite; Pio Nono ift „ein 
Fanatiker des Vertrauens”, um uns 
des Ausdruds eines deutſchen Diplo: 
maten zu bedienen, Antonelli war ein 
ftändiger Zweifler und Peſſimiſt; Bio 
Nono wollte nachgeben, wo Antonelli 
unbeugfam mar, und umgekehrt; Pio 
Nono endlih hat Glück und Erfolge 
aufzumeifen, während Antonelli mit all’ 
feinem Weitblid und feiner diplomatifchen 
Kunft doch nur einem unabwendbaren 
EC hidjal ein langfameres Tempo aufzu: 
nöthigen vermochte. Antonelli war der 
unpopulärfte Minifter des populärften 
Papſtes. 


In der Chriſtnacht. 


Im Palaſt, im ſchmucken Saale 
Flammt ein Chriſtbaum lichterloh; 
Um ihn ſteh'n verſammelt alle, 
Jung und alt, Familienglieder 


Wer ſoll da an Kummer denken, 
Denken, daß ein Leben bricht? — 


Unter trauernden Cypreſſen, 
Am verſchneiten Grabgefild' 
Aber friert und weint indeſſen 
An der Mutter friſchem Grabe 
Ein verlaſſ'ner Waiſenknabe, 
Von des Todes Hauch umſpielt. 


Weint und ruft und bittet klagend, 
Will zum Mütterchen bineiu ; 
Wirft fih auf das Grab verzagend, 
Und — ein Engel hat Erbarmen; 
Sanft gewiegt in feinen Armen 
Scläft er auf dem Hügel ein. 


Heller Mond und Sterne ſchimmern. 
Die Cypreſſe auf dem Grab’ 

Iſt fein Ehriftbaum, Leuchtend flimmern 
Eisfryftalle an den Zweigen, 

Und auf Strahlenleitern fteigen 
Lichtgeftalten auf und ab. 


Und der Knabe ſieht's im Traume — 

Ach, wie ift fein Traum fo ſchön! — 

Mutter winft vom Himmelsraume, 

Engel um die Krippe fingen, 

Und empor auf Seraphſchwingen 

liegt er zu den lichten Höh'n. — 
Felix Ende, 


December. 


Und Gelad’'ne hoch und nieder, 
Heiter und des Feſtes froh. 


Gold'ne Ehriftgefhenfe prangen 

Um den heiligen Weihnadhtsbaum ; 
Aber alle Blide hangen 

An dem Anäblein, hold und blühend 
An den Eltern, wonneglühend, 

In des Kreiſes Vorderaum. 


Welch' ein Jubel, welch' Entzüden ! 
Wie das Anäblein jauchzt und lacht! 
Wie die Eltern frob ſich büden 

Zu dem hoffnungsvollen Kleinen, 
Wie die Seelen laut fi einen 

In des Glüdes Zaubermacht! 


Heit're Mienen, frohe Herzen, 

Selig jedes Angeficht ! 

Bei dem Glanz von taufend Kerzen, 
Bei den pruntenden Gefchenten, 


Der zwölfte und legte Monat un: 
fere8 Jahres. Bei den alten Römern, 
die ihr Jahr mit dem März anfıngen, 
war er der zehnte gewefen, daher der 
Name des Monats (vom lateinischen 
decem, d. i. zehn). Karl der Große 
hat für diefen Monat den Namen Heil: 
mond aufgeftellt, weil in denfelben das 
Feſt der Geburt des Heilandes fällt. 
Die Deutfchen haben diefe Benennung 
lange beibehalten, endlich ift Chriftmonat 
an feine Stelle getreten, eine Benennung, 
der auch Völker nicht chriſtlicher Con— 
feffionen beigeftimmt haben. — Der 
December ift in Mitteleuropa in ber 
Regel der trübfte Monat des Yahres. 
Der Tag fcheint zu verfterben, die we: 
nigen Sonnenftrahlen, die durch den 
Nebel brechen, in Eiszapfen zu erftar: 


241 


ren. In den Stäbten brennen die Gas: 
flammen faft den ganzen Tag über. 
Alle Feld: und felbjt die meiften Gar: 
tenarbeiten find eingeftellt; der Land— 
mann, muß er nicht noch im Walde ſich 
das Wärmholz jchlagen, hat ſich ein- 
gepuppt in fein Haus. Spinnen, Späne: 
flieben, Bejenbinden und dergleichen 
Heine Dinge find nebjt der Stallarbeit 
feine Beihäftigung. Wohl eine ganze 
Woche nimmt die Vorbereitung für die 
„Feiertage“ in Anſpruch und fein Feſt 
im Jahre feiert der Landmann fo cere= 
moniös und pietätvoll, als das Weih— 
nachtsfeſt. Die Kirche beginnt ein neues 
Jahr, fie feiert in ihren nächtigen No: 
raten den Advent, am 8. die unbefledte 
Empfängnig Mariens und fiebzehn Tage 
fpäter das Chriftfeftl. Der Bergmann 
begeht am 4. Dezember das Felt feiner 
Schußpatronin Barbara. Die fleinen 
und großen Kinder treiben am 5. und 
6. den gemüthlih tollen Niklo- und 
Bartelfultus. Freunden des Spuf: und 
Herenwejens zu Troft fommt die Tho: 
masnacht als die längjte, und Sylvefter 
als die legte geheimnigvolle Nacht des 
Jahres. 

Vom Himmel fallen dicht die Flo: 
den, auf den Straßen fchellen die Schlit- 
ten und ungen im freien formen 
johlend ihr Ebenbild aus Schnee. Und 


Adjwänke. 


Ein Gefhihtlein aus dem Stubir: 
zimmer. 


Draußen im Schwabenland, fo um 
Freiburg und Karlsruhe herum, ift es 
der Braud, daß jeder Pfarrer feine 
Köhin hat. Die Küche heift man dort 
des Pfarrers Studirzimmer und den 
Keller des Pfarrers Bibliothef. So 
war's einmal im Studirzimmer, daß die 
Köchin juft das Frühftüd für den Herrn 
bereitete, Forellen mit Eier und Schnitt: 
lauh drauf. E3 war nämlid Freitag 
und der Herr Pfarrer hielt ftark aufs 
Falten; der hätte um Alles in ber 
Melt am Freitag fein Ochjenfleifch ge: 
geſſen, umfomehr, als im Dorfe gar 
‚fein Ochſenmetzger wohnte, fondern nur 
\ein Kuhmeßger. 
| Klopfts an die Küdenthür. Ein 
Bäuerlein ftedte den Kopf herein und 
getraute ſich das Uebrige, was nod) 
‚daran hing, nicht recht nacdhzuziehen. Die 
Dauern hatten vor der Jungfer Annas 
Margreth einen fchauderlihen Reſpect 
und fie wußten warum, 

„Der Sepp-Toni !” rief die Ködin, 
„was wollt ihr denn?“ und wendete 
die Filhe in der Pfanne um, daß fie 
brotzelten. 

Da ſchob ſich das Bäuerlein vollends 





bald kommt junger Wald hereingewan- zur Thür herein, ballte in den Händen 
delt in die Stadt, in den Familien bes ſeinen Dreifpig: „Hätt' halt gern mit 
ginnt ein heimlidy Treiben; in den Kin- | dem geiftlihen Herrn felber geſprochen.“ 
dern erwacht die Vorahnung einer herr: „Selber geſprochen! Natürlich, man 
lihen, glüdfeligen Stunde. Und wir | meint, der Herr wär’ nur wegen eud) 
Alle, Alle werden zu Kindern an jenem | Bauern da! Der Herr —“ und fie 
heiligen Abend und die mitternächtigen | fchlug die Eier in die Pfanne, „wird 
Glocken weden längftvergangene Zeiten | jest gleich feine Morgenandadt verrich— 
in und auf. ten und da darf man ihn nicht ſtören!“ 

Dann acht Tage no, und zufries „So, fo“, murmelte der Bauer 
den oder enttäufcht begraben wir das | mit einem finnenden Blid auf die Fo— 
Jahr und ftreden unfere Arme fehnend |rellen, „will halt jpäter wieder fommen, 
einem neuen entgegen, überſchwänglich wenn die Morgenandacht vorbei iſcht.“ 
an Furcht oder Hoffnung. Denn aud) „Na, fo was wollt's denn?” fragte 
das neue Jahr bringt wieder die alte | die Köchin etwas freundlicher; fie hatte 
Sonne und die alten Menſchen. in feiner Handein ledern Beutelchen erblidt. 

„hät halt gern — — wiſſet Se, 
Jungfer, von wegen meined Bruders 
jeinem Sohn die Frau, der Marei 


Rofegger’s „Heimgarten‘* 3. Heft. 16 


242 


ihrem Gefhwifterfind, Bärbele hat fie | 


geheißen, für die möcht! ich gern ein’ 
Meß leſen laſſ'n —.“ Und der Bauer 
that fein Beutelden auf, legte vier 
Sechſer auf die Ede des Küchentifches, 





„da ifcht auch gleich die Bezahlung — 
's wird ſo recht fein.“ 
Die Jungfer ſchob mit dem Koch— 





löfel die Geldſtücke auseinander, da 
ſtieg ihr das Blut zu Geſicht: „Was, 
ſechs Batzen und da noch ein Coburger 
drunter! Seid Ihr verrückt? Na, das 
wär’ mir! Da fönnten wir weit fommen 
bei den theuren Zeiten. Um ſechs Baten 
eine Mei! — Verftehts!” und fie ftellte 
fi mit geftemmten Armen ihm fed vor 
die Nafe: „Unter dreißig Kreuzern leſen 
wir feine — gut ifts und aus iſts!“ 

„Halt ja, halt ja“, ſagte der vor 
dem fuchtelnden Kochlöffel zurüdge: 
ſchreckte Bauer, „ih laß’ mid) ja berich— 
ten“, und legte nod einen Sechſer dazu. 

„So, Toni“, drauf die Köchin, be- 
fänftigt das. Geld in ihren Küchen: 
ſchurz ſteckend, „am Sonntag nad) der 
Predigt wollen wir fie leſen.“ 

—- „Das ift ſchon e Malefiz-Perſon, 
die Anna: Margreth“, murmelte der 
Bauer, ala er den Pfarrhof verließ. 
„Die iſch durd. Ich erlebs noch, daß 
die auf der Kanzel ſteht! Das Maul: 
werk hat fie dazu.“ 

Der Bauer hat die Gedichte im 
Adler erzählt. Und fo ift in derjelben 
Gegend bis auf den heutigen Tag — 
wenn man anbeuten will, wer in irgend 
einem Haus die Hofen anhat -— das 
Sprihwort geblieben: „Unter dreißig 
Kreuzer lieſt fie feine”. 





Spradliher Unterridt. 


Das Du und Er und Ihr iſt in 
der Umgangsſprache zwifchen nicht ver: 
trauten Perſonen eigentlich ſchon abge: 
fommen, aber der Herr Polizeidirector 
von ©. hat immer nod die Gemwohn: 
beit, faft Jedermann, ſelbſt adıtbare 
Männer, mit Ihr oder gar mit Er an: 
zureden. Bor Kurzem nun hatte ber 
Herr Polizeidirector einen Mann zu 





verhören, der fi durchaus artig und 
böflih benahm, deſſen geſchmeidig ver: 
ſchmitztes Weſen jedoch fo viel Verdacht 
und Mißtrauen erwedte, daß der Poli: 
zeimann im Zorne ausrief: „Ad, Er 


iſt ein Spigbub!“ 


Ganz fühl und in belehrendem 
Tone antwortete Jener: „Man fagt: 
Sie find ein Spigbube, Herr Polizei: 
director. !* 


Tapfer! 

's iſt immer ſchön, wenn man ſich 
einer heldenhaften That zu rühmen hat; 
und dem jungen Soldaten aus dem letzten 
Kriege ſollte man, wenn ſchon nicht ein 
Gedenkzeichen auf die Bruſt, ſo doch eins 
auf die entgegengeſetzten Theile geben. 

„Ja!“ ſagte dieſer junge Held, 
„bei Weißenbach habe ich doch einem 
Franzen die Beine abgehauen, daß es 
nur gleich ſo!“ 

„Die Beine?“ entgegnete ein An— 
derer, „warum nicht gleich den Kopf?“ 

„Ah, der war fchon fort‘, 





Man weiß doch, wovon man fett 
wird, 

„Wie gehen fie e8 an, Better“, 
fagte im Eifenbahncoupe ein magerer 
Reifender zu feinem ſehr mwohlbeleibten 
Nachbar, „wie gehen Sie es an, Better, 
daß Sie jo prächtig ausjehen ? 

„Ja“, antwortete der Dide, „das 
ift feine Kunft — vom Kukuruz leb' ich.“ 

— Vom Kufuruz, — das ließ fi 
der Magere gejagt fein. Kufuruz ift 
ein nahrhaft Ding — fo will er fid 
nun ftet3 mit dieſer Frucht ernähren, 
damit er doch ein bischen was auf 
feine Knochen befommt. — 

Beiläufig nah einem Jahre kamen 
die Beiden wieder zufammen. Der Wohl: 
beleibte war ſeither noch dider, ber 
Magere noch dünner geworden. 

„Zum Kukuk“, Vetter, fagte diefer, 
„jet würge ich ſchon feit einem Jahre 
alle möglichen Kufuruzfpeifen hinab und 
werde nur immer nody mägerer. Sagen 
Sie mir dod, wenn Sie vom Kufuruz 


243 


leben, wie Sie fih die Sad denn zu: 
bereiten, daß fie Ihnen fo gut befommt ?“ 

„Ei“, antwortete der Dice, „Jo mag 
ich den Kukuruz nicht, ich füttere ihn den 
Schmeinen und erft die Schweine effe ich.“ 

Und fo that ein Mann, der von 
der naturwiſſenſchaftlichen Theorie der 
Metamorphoje faum jemals ein Wört: 
chen gehört hatte. 





Die neue Statue. 

Ein Lieferant — man muß juft 
nicht wiſſen, was für einer — fam fid) 
fo intereffant und nicht allein für die 
Mit, fondern auh für die Nachwelt 
fo bedeutend vor, daß er vor einem 
Jahre in feinem großen Parke, in wel: 
chem ohnehin ſchon viele fteinerne Figu: 
ren von Löwen, Tigern, Adlern und 
anderen Raubthieren ftanden, fih aus 
Marmor die Statue feiner eigenen Per: 
fon errichten ließ. 's ift ein fchönes 
Kunftwerf geworden ; der Lieferant führt 
feine Gäfte gerne in den Park, um es 
bewundern zu laſſen. 

So aud an einem der Dctobertage, 
die dies Jahr fo ſchön waren. Der 
Lieferant hatte einen General und einen 
Negierungsrath bei ſich und als er mit 
ihnen im Parke wandelte, glüdlic über 
das Lob, welches die Herren feiner 
Statue ſchenkten, fchritten zwei Bauern 
durh das offene Thor, 
folder Gelegenheit ebenfall3 die Herr: 
lichkeiten zu bejehen. 


„Aha“, flüfterte der Lieferant, „da 


fommen aud ein paar; möchte doch 
willen, welchen Eindrud die neue Statue 
auf ſchlichte Naturmenfhen madıt. Bitte, 
treten wir auf einen Augenblid hinters 
Gebüfch und hören wir, was fie fagen.“ 

Es geſchah. Die Bauern traten 
näher und fahen lange mit offenen 
Augen und Mund auf das Steinbild. 

„Sauber ift er wohl“, fagte der 
Jüngere, der feines aufrechten Ganges 
wegen Soldat zu fein ſchien, „es wun— 
dert Einen nur von fo einem Herrn, 
daß —“ 

„Was meinſt?“ fragte der Aeltere. 


um ſich bei | 


„Weißt, Hanns, ed ftaunt mid) 

daß er feine Handſchuh' anhat‘. 
„Ah geh’, fagte der Andere, „der 
braucht feine Handſchuh', der hat ja 
feine Hände immer in unferen Tafchen.‘’ 


nur, 


Warum fol ich’s leſen? 

Der alte franzöfiihe Schriftiteller 
Fontenelle begegnete einft einem ihm 
befannten Dichter, der mit glühenden 
Mangen, bebenden Lippen und mwüthen: 
den Geberden in einer Flugſchrift las. 

„Was gibts, was gibts?‘ redete 
diefen Fontenelle an. 

„Eine Schmähſchrift gegen mich‘, 
ftieß Jener hervor. 

„Und darum ſo erhitzt?“ fragte 
Fontenelle, ‚‚lieber Freund, fommen Sie 
mit und trinfen Sie ein Glas Wein 
bei mir.” 

Und als fie beifammen faßen und 
Mein tranfen, rief Fontenelle plötzlich 
feinem alten Bedienten: „Jakob, bringe 
mir den Schlüffel vom großen Koffer !‘' 

Der große Koffer war ein unge: 
heurer Kaften, der faft eine ganze 
Wand bevedte. Fontenelle öffnete ihn; 
der Kaften war mit lauter Heften und 
Büchelchen angefüllt. ‚Sehen Sie“, 
fagte der Greis zu feinem Gajte, „das 
find lauter Kritiken und Schmähſchrif— 
ten, theild gegen meine Perfon, theils 
gegen meine Werke. 
| „Iſt Das möglich!’ vief Jener und 
jetzt ſah er erft, daß die Brojchüren 
nicht einmal aufgefchnitten waren. „Es 
ſcheint, Sie haben von diefen Schriften nicht 
eine einzige geleſen!“ 

„Warum fol ich fie leſen?“ fagte 
Fontenelle, „das Gute, das fie etwa 
‚enthalten fonnten, erfuhr ich fiher und 
'fchon viel früher von meinen Freunden 
und fonnte es benügen; das Schlechte 
und Biffige würde mid) nur geärgert 
haben. Meine Ruhe war mir viel zu lieb.“ 

Fontenelle ift hundert Jahre alt 
geworden — das wäre faum von ihm 
zu fagen, hätte er den Geifer der gif: 
tigen Zungen nicht zu meiden gemußt. 








16* 


244 


Rüder. 
Geſchichten aus Tirol und Oberbaiern 


von Joſef Friedrih Lentner (weite 
Auflage), Verlag von Emil Baenih in 
Magdeburg. 


Zu Anfang der Fünfziger = Jahre 
erfchienen die „Geſchichten aus den 
Bergen“ von dem bairischen Dichter J. F. 
Lentner, Sie fpielten in Tirol und Ober: 
baiern. Die meiften derfelben waren ent: 
ftanden noch bevor Auerbad) die „Dorf: 
geſchichten“ entvedt hat; fie find mohl 
nod unberührt von jenem ®eifte, der 
ſpäter die Dorfgefchichte zur Runftnovelle 
erhoben hat, aber aud noch frei von 
jenen Clementen der Sentimentalität 
und der Neflerion, die fpäter die Dorf: 
geſchichte wieder gefährdeten. Lentner's 
Gefhichten waren furz in der Form 
und wahr im Inhalte; fie haben ihre 
Freunde gefunden und waren feit jahren 
im Buchhandel nicht mehr zu haben. 


Da veranlafte mi im lettver: 
gangenen Sommer der erleger der 
„Geihichten aus den Bergen“, Herr €. 
Baenfh in Magdeburg, von dieſem 


Lenter'ſchen Buche eine zweite Auflage 


herauszugeben. Wir verftändigten uns, 
ob und inwieweit dad Buch umgear: 
beitet und für die heutigen Tage zurecht: 
gerüdt werden folle. Als ich mich jedoch 
an eine wiederholte Durchficht der Ge: 
ſchichten machte, fand ih, daß bier 
nichts geändert werden dürfe. Das nahm 
mich zwar bei den eigentlichen Dorf: 
geihichten und Sagen nidt Wunder, 
denn jolche, echt und ewig Menjchliches 
behandelnd, bleiben immer das, was fie 
find, und merden verjtanden fein zu 
jeder Zeit, ganz bejonders heute, da die 
Ziteratur fi immer mehr dem Realen 
und dem Volksthume zumendet. Doc 
findet fih im Lentner'ſchen Buche ein 
Anhang, der eigentlih nicht zu den 
Dorfgefchichten gehört, den wir „Som: 
merfrifchleben“ bezeichnen, und von dem 
ich fürdhtete, daß er — mohl fchon in 
den Vierziger-Jahren verfaßt und viel 


| philofophirend — heute nicht mehr in der 
Gunft der Geifter fein dürfte. — Ich 
habe den Streichftift umfonft gefpigt. 
Die touriftiichen Plaudereien über die 
Umgebung von Innsbruck und Bozen 
fönnten in vieler Beziehung gejtern ge: 
fchrieben fein. Und ſelbſt das, mas ge: 
wiſſermaßen bereits veraltet, wollteich nicht 
ausfcheiden, weil es durch die mißige 
und Humoriftiihe Schreibmweife immer 
noch unfer Intereſſe beanfpruden darf. 
Menn und Lentner in feinen „Gefchichten“ 
als jchlichter, treuherziger Bauernpoet 
entgegentritt , in feinen anmuthigen 
Schilderungen, tragifhen Bildern und 
Iuftigen Schmwänfen nicht über den Kreis 
des bäuerlichen Fühlen®e und Denkens 
hinausjpringt, hingegen innerhalb des: 
felben um fo padender wirkt: fo haben 
wir im „Sommerfrifchleben“ den tief: 
gebildeten und erfahrenen Weltmann 
vor uns, der die großen Zuftände des 
menſchlichen Denkens, Schaffens und 
Ningens dem Dorfleben und der unent- 
mweihten Alpennatur gegenüberitellt. Und 
dabei — wo er geht und fteht, ſei's im 
Thale des Inn, ſei's auf dem Mittel: 
gebirge bei Innsbruck, ſei's auf dem 
luftigen Nitten, fann er das Fabeln nicht 
lafien. Und fo vernehmen wir im frohen 
Wandern mit dem Moeten bald Die 
treffendften Charafterifirungen und Er: 
läuterungen des Volkslebens, bald pathe: 
tiſche Reminiscenzen aus der Geſchichte, 
bald die anmuthendften Sagen undMärchen 
Tirols. Lentner iſt ein redlicher Schat: 
gräber auf den irrlihtumgaufelten Un 
‚gründen des Volfsthums, der Volta: 
‚phantafie in Sage und Märden; frei 
von den Schladen tendenziöjer Zuthaten 
weiß er das Goldkorn zu heben und fo 
in feinem Buche ein Schapfäftlein uns 
zu bieten, das wir ehren und wahren 
mögen als Kleinod von einem der 
waderjten Stämme des deutfchen Volkes, 
als gerettete® Bruchtheil des in den 
Abgrund gemworfenen Nibelungenjhates. 

Bei Wiedereinführung eines jolden 
Werkes ift dem Herausgeber befondere 
Gewifienhaftigfeit geboten. Ich erlaubte 
mir nur etlihe Sätze zu glätten, einige 





245 


Fremdwörter durch deutfche zu erfegen, 
ein paar Gapitelüberfchriften zu ftellen 
und den Haupttitel zu ändern. Der ur: 
fprüngliche Titel des Buches : „Gefchichten 
aus den Bergen” war mir für unfere 
dorf: und berggefchichtenreiche Zeit etwas 
zu wenig genau; aljo taufte ih, den 
Schauplag der Darftellungen näher an: 
deutend, das Buch:, Geſchichten aus Tirol 
und Oberbaiern.“ 


So weit unterridtet, möchte der 
Lefer nun wohl aud fragen nad) einer 
Kunde über das Leben Joſef Friedrich 
Zentnerd. Unfere Literaturgefchichten find 
hierin recht verfchwiegen und berühren 
nur furz, doch anerfennend des Mannes 
Bedeutung als Volksfchriftfteller. Einige 
biographifhe Nachrichten habe ich mir 
von dem perfönlihen Freunde des 
Dichters, Herrn E. Baenſch, erbeten. 


Joſef Friedrich Lentner ftammt aus 
Münden, wo er aud feine Ausbildung 
empfing. Er follte Theologie ftudiren, 
doch die Schwarzröde verleideten ihm 
das Handwerk. Sein frifcher Geift ließ 
fih nit niederhalten, er wendete ſich 
ber Kunft zu. Er war ein großer Freund 
der Natur, wurde Landfchaftsmaler und 
hielt fi gern in Tirol auf. Auch be: 
ſchäftigte er fich viel mit Literatur, und 
auf eine Protection des damaligen Kron- 
prinzen Marimilian und bes Herzogs 
Marimilian in Baiern wurde Lentner 
mit fchriftftellerifchen Arbeiten betraut. 
Er bewohnte auf Koften feiner hohen 
Gönner abwechſelnd die Schlöffer Poflen: 
hofen , Berdteögaden und Hohen: 
ihwangau. Im Revolutionsjahre ging 
er nah feinem geliebten Meran, um 
feine angegriffene Gefunbheit zu ftärfen. 
Wenige Jahre hierauf erlöfte den noch 
jungen Mann der Tod. 


Außer den Gefchichten erfchienen von 
J. 3. Lentner „Das Tiroler Bauern: 
ſpiel“ (1841), „Ritter und Bauer“, 
Roman in vier Büchern (1844), und 
dad „Novellenbuh“ (1848). 


AM diefe Bücher find heute ver: 
griffen und dürften wohl, zum größten 


Theile wenigftens, neuer Auflagen mwerth 
fein. 

Lentner’3 Geiftesfinder find — wie 
ihr Vater jelber gefteht „etwas 
zigeunerhaften Urfprungs. Sie find ge: 
boren in vieler Herren Länder: in dem 
alten hemdärmeligen München mit dem 
Bierfruge, im bairifchen Oberlande unter 
dem Sennhüttendad, oder neben dem 
Himmelbettlein eines alten Schlofjes 
ftand ihre Wiege; eines kroch Hinter 
einem böhmifhen Zaune hervor und ein 
anderes genof feine erjte Bildung unter 
den Studenten von Padua. — Seht 
fteht das Häuflen am Pulte; fie follen 
in die Melt hinaus. Es erübrigt nichts, 
als fie mit dem beften Segen ihrer Wege 
zu jchiden. In ihrem neuen Xeip- 
ziger Mefrödlein werden fie fih dem 
Lefer vorftelen und eben ſchwätzen, 
wie ihnen der Schnabel wuchs. — 
Was feine Lebensart anbelangt, ſtehe 
ich für nichts, aber Eins möchte ich ihnen 
nachſagen dürfen: 's find gute Kinder 
— und mit einem Stüd Schwarzbrot 
nebjt freundlichem Geberblid jo zufrieden, 
wie mit Marzipan und gnädigem Stirn: 
küſſen.“ 

Lentner hat mit Adalbert Stifter 
Manches gemein; wie dieſer war er 
dem prieſterlichen Stande beſtimmt, wie 
dieſer gab er ſich der Malerei hin, wie 
dieſer wich er vielleicht abſichtlich der 
Revolution aus. Auch in ſeinen Schriften 
zeigt Lentner eine gewiſſe Verwandtſchaft 
mit dem Dichter der „Studien“, beſon— 
ders in der Objectivität ſeiner Geſtalten, 
in ſeiner liebevollen Natur- und Cha— 
rakterſchilderung und im feinen Humor. 
In ſeinem Erzählen von Sagen hingegen 
erinnert Lentner an Peter Hebel. Und 
ſo mag er wohl auch, wie die beiden 
genannten Dichter, ein lieber Hausfreund 
der deutſchen Familien werden. 


P. A. Roſegger. 


246 


Wohlthäter der Menfchheit. 


Herausgegeben von Franz Otto, Leipzig Hermann 


Otto Spamer. (Zweite Auflage.) 


Nichts ift geeigneter, empfängliche 
Gemüther zu dem Idealen hinzuleiten, 
den jugendlihen Sinn mit Liebe für 
das ewig Wahre und Schöne zu er: 
füllen, als die Betrachtung des Lebens 
großer Menfhen. Darum ijt befonders 
für die Jugend das vorgenannte Buch 
nicht genug zu empfehlen. Dasselbe führt 
eine Anzahl wahrer Freunde der Menfch: 
heit, Kämpfer für die Cultur und Hel- 


und bemweift die Wahrheit der Worte 
Zinggs: 

Von Aegyptens Pyramiden 

Bis zu Delphi’s Priefterin 

Und zu Ganges’ Tempelfrieden 

Serrfhe einer Lehre Sinn: 

Troft zu fpenden, Schmerz zu lindern, 
Licht zu weden weit und breit, 

Freiheit allen Erdenkindern, 

Freiheit, Liebe, Menſchlichkeit. 





Juſchu. 


den des Friedens vor. Den Blicken Tagebuch eines Schaufpielers. Roman von 
des jungen Leſers zieht eine Reihe der Hans Hopfen. Verlag: Eduard dallberger, 


verehrungswürdigſten Menſchen vorüber. 
Da kommen: der edle Prieſter Las Ca— 


ſas, der chriſtliche Sendbote und uner: |man das Bud) 
Indianer; | bleibt fühl. 


müblihe Fürſprecher der 


Stuttgart. 
Mit vielen Erwartungen beginnt 
zu leſen und 
Das ift wieder einmal 


Friedrich von Spee und Chriftian Tho: |ein Tagebuh, das immer nur für den 


mafius, die Belämpfer des Hexenweſens | da zu fein fcheint, 


(Siehe Seite 196 des „Heimgarten“); 
Auguft Hermann Frande, der Armen: 
und Waifenfreund; der Abbe de l'Epée, 
Samuel Heinide und Valentin Hauy, 
die MWohlthäter der Taubftummen und 
Blinden; Peſtalozzi und Salzmann, die 
Neformatoren des Unterrichtes deutfcher 
Jugend und freunde der Erzieher ; 
Sellert, der Fromme Sänger und Lehrer; 
Ernft Ludwig Heim, der leidenden Menſch— 
heit Beiſtand; William Wilberforce, der 
Fürfprecher der Negerfllaven ; Fröbel, 
der Begründer der Kindergärten; Die: 
fterweg, der wadere Pädagoge; Nathu: 
fius, der Gefhäftsmann, wie er fein 
ſoll; Sir Dſchamſidſchi Dſchiſchibhoy, 
der Wohlthäter Indiens; George Pea— 
body der Wohlthäter Englands und 
Nordamerikas; Guſtav Werner, der 
hilfreiche Begründer vieler Wohlthätig— 
keitsanſtalten und endlich eine Gruppe 
edler Frauen, Schutzengel der Gefan— 
genen, Gefallenen, Kranken und Ver— 
wundeten. — Mehrere tüchtige Schrift— 
ſteller im Vereine haben das Buch ge— 
ſchrieben und Otto Spamer, der Bücher: 
mann der deutſchen Jugend, hat es mit 


der es geſchrieben 
hat. Man will ſich nicht weiter zwin— 
gen, ſondern die Zeit für ein ande— 
res, intereſſanteres Buch eignen. Aber 
dieſes Tagebuch eines Schauſpielers aus 
der Hand zu legen, will ſeltſamer 
Weiſe auch nicht gelingen. Man lieſt 
wieder ein Stück weiter. Lauter Schil— 
derungen, Betrachtungen, Geſpräche, 
Tändeleien — und es geht nichts vor 
von alldergleichen, was ſonſt einen Ro— 
man ausmacht. Wieder will man das 
Buch fallen laſſen — ſiehe, es klebt 
an der Hand, die Finger halten es 
feſt und nun werden wir uns der Um— 
ſtrickung und Spannung bewußt, die 
uns bereits gefangen genommen hat. 
Lebendig wird unſer Intereſſe für die 
wenigen Perſonen, die in dem Buche 
vorkommen und deren eigenartige Cha— 
raktere mit bewunderungswürdiger Mei: 
ſterſchaft geſchildert ſind. So ſeltſam 
haben ſich die Dinge allmälig gewen— 
det, daß unausbleiblich iſt eine ſchwere 
Kataſtrophe, der wir raſch und raſcher 
über die Zeilen hin mit fiebern— 
dem Athem entgegeneilen. — Plöglich 
ft fie da mit erfchütternder Ge: 


vielen Bildern ausgeftattet. Für Yung | malt — und nun erft weiß man, warum 
und Alt anregend zu leſen, rechtfertigt | daS Buch gejchrieben worden iſt. — 
diefes ſchöne Weihnachtöwerk fein Motto | Der Roman fpielt in der Kaiferftadt an 


247 


der Donau. Er führt unter Schaufpie: 
ler und Mebdiciner und ftellt uns be: 
ſonders die leteren mit einer ſolchen 
Wahrheit und FFeinheit vor, dak wir 
in Hans Hopfen wohl entfchieden einen 
der allerbejten Charalterzeichner unferer 
Zeit begrüßen fönnen. Zudem fcheint 
uns in Hopfens Dichtungen der Rea— 
lismus jhön und natürlid mit dem 
Idealen gepaart. Warm anheimelt uns 
der Schlußſatz feines Romanes „Juſchu“: 
Zufall? und wenn aud wirflih nur 
diejer ? Sit denn der Zufall etwas Ge: 
ringeres, als der Fleine Finger an ber 
Hand des allmächtigen Gottes ?! 


Deutihe Hochlandsgeſchichten. 
Von Auguſt Silberftein. Verlag: Eduard 
Hallberger, Stuttgart, 

Auguft Silberftein ift es, der das 
jo beliebt gewordene Genre der Dorfge: 
ſchichte in Defterreih eingebürgert hat. 
Und unjer Alpenland ift unermeßlich 
reich an poetifchem Volfsthume; es wa— 
ren vergrabene Schäße, erft die „Dorf: 
ſchwalben“ haben davon gefungen. Dann 
famen die Schatgräber all und gruben 
— Viele unfundig, in taubes Erdreid, 
Manche auf wunderbar ergiebigem Bo- 
den der Urjprünglichfeit. — Und als 
Eilberftein nah Jahren wieder als 
Dorfgeihichtenerzähler kam, ſchien er 
äußerlich nicht mehr jo eigenartig, hin: 
gegen unterfchied er fich durch die künſt— 
leriiche Vollendung feiner Geftalten um 
jo vortheilhafter von feinen Epigonen. 
Die „Hochlandsgeſchichten“ („Der Gems— 
jäger vom Atterſee“, „Auf der Alm 
des Salzburger Gaisberg“, „Chriſtkindl 
im Schnee”, „Das Kräutlein Widertod‘, 
„Die Schifferdirn‘, „Der Hochzeitsbit— 
ter”, „Der Salzgräber von Halljtadt‘‘ 
und „Der Schuß bei Zell am See‘‘) 
find Prachtſtücke der Dorfgeſchichte. Wer 
Silberſtein noch nicht fennen follte, dem 
rathen wir nur, das „Chriſtkindl im 
Schnee” zu lefen und er wird einen 
liebtrauten Erzähler und Freund ge: 
funden haben, von dem er fi fobald 
nicht mehr trennen mag. 


Ziroler Bolkstypen. 
Beiträge zur Gefhichte der Sitten und Klein- 
induftrie in den Alpen von Dr. Ludwig 
vb. Hörmann, Verlag Earl Gerold’s Sohn, 
Wien. 

Mit Spannung erwartete man die: 
jes Merk eines der gründlichiten Kenner 
Tirols. Die Volkskunde ift durch das: 
jelbe um einen hochſchätzbaren Beitrag 
reiher geworden. Volfögeftalten, die 
uns bisher in der alpinen Literatur nod) 
jelten oder gar nicht begegneten, treten 
uns entgegen: die Robler und Dör- 
cher, die Saltner, Züchner und Granat: 
ler, die Montafoner Krautfchneider und 
die Ameifenheren — das find neue, 
und jedem Freund des Volksthums 
willflommene Gäfte, wenn fie uns ein 
Führer, wie Hörmann es ift, vorftellt. 
Ein ſolches Bud ift eine That nicht 
bloß für heute und morgen — es hat 
bleibenden Werth. 





Geſchichte der Peſt in Steiermarf. 
Bon Dr. Ridhard Peinlich, Graz, Verlag 
des Daupt-Stadtpfarramtes. 

Bis zum Auguft des Jahres 1875 
ftand auf dem Hauptplage zu Graz ein 
Denkmal aus der Meftzeit, die Drei: 
faltigfeitöfäule. Die Entfernung diejer 
Bildfäule regte zu Betradhtungen und 
zum Studium über die furchtbare Geißel 
an, welche einft die Völker heimgefucht 
hatte, und fo gab uns Dr. Richard 
Veinlih ein Werk, für welches die Hi— 
itorifer und die Freunde der vater: 
ländifhen Geſchichte ihm nicht genug 
danken können. Schon der erfte Theil 
des Werkes berechtigt zu Ddiefem Aus: 
ſpruche. Derfelbe ift theils einleitend 
und lehnt fih an die Geſchichte der 
Peſt im Allgemeinen, er ſpricht von dem 
Weſen der Peſt und ihren Drangfalen, 
von den Urfachen der Peſt und der Infee— 
tion, von der Contagion (Uebertragung 
und Vererbung), von den Vorzeichen 
der Peſt und von den Vorkehrungen 
gegen diefelbe. Wir finden in dieſen 
Darftellungen nicht bloß den Fleiß des 
Forfhers und Sammler (in unferem 
hronifenarmen Lande all die nöthigen 


248 


Quellen aufzufinden, war gewiß feine 
Kleinigkeit), fondern auch ein tiefes 
Verftändniß jener längjt vergangenen 
Zeit, deren Denfmale, weil fie jo 
häufig an Drang und Trübfal ge: 
mahnen, den Kindern der heutigen 
Tage nicht behagen. Mögen wir, von 
unferen neuen Errungenfdaften etwa 
übermüthig gemacht, nicht jpotten über 
unfere Vorfahren, die ihre befte Kraft 
und ihren ganzen Scharffinn zur Selbit: 
vertheidigung gegen wilde Feinde aller 
Art verwenden mußten. Peinlichs Bud) 
it fo reich an intereflanten Ein: 
zelnheiten, daß und aus demjelben ein 
Hares, freilih alzu düfteres Bild aus 
jener Epoche aufgeht. Die mebicinifchen, 
polizeilichen, religiöfen und allgemein 
wiſſenſchaftlichen Zuftände des 16. und 
17. Jahrhunderts, die verſchiedenen 
Zandplagen jener Zeit treten und vor 
und die Wirkungen derfelben auf das 
menſchliche Gemüth und auf die volf3: 
wirthſchaftlichen Beftrebungen. In dra= 
ſtiſchen Zügen ift Vorurtheil und Aber: 
glauben des Volkes und der Gelehrten 
gefhildert und — mas bejonders zu 
bemerfen — dieſes Alles ift mit jener 
ftrengen Objectivität behandelt, die lei: 
der bei den Geſchichtsſchreibern immer 
feltener wird und den Autor eben dort 
fo gerne verläßt, wo es fih um Bar: 
teiftandpunfte dreht. 

Den zweiten Theil diefes verbienit- 
fihen Werfes erwarten wir mit Span 
nung, er wird die Peftchronif der Steier⸗ 
marf enthalten. Der Neinertrag diefer 
Schrift ift einem fünftlerifhen Zwecke, 


Stadtpfarrfirche in Graz gewidmet. Bei 
der Gefchmadlofigfeit des Baues und 
der inneren Einrichtung unferer Kirchen, 
die fih bis in die jüngften Tage herauf 
in jo unglaublicher Weife breit gemacht 
bat, begrüßen wir diefe fpecielle Beſtim— 
mung des Buches mit befonderer Freude. 


Poftkarten des Heimgarten: 


M. Sch. in Badenweiler. Herzlichen Dank 
für ihr Wohlwollen. Leider liegt Ihr freund- 
licher Eurort dem Intereffe unferer Lefer zu 
ferne, als daß wir von Ihrem Anerbieten Ge- 
brauh maden könnten. 

R. in 6. Als Neuling madhen Eie keine 
ſchlechten Berfe, doc vergeflen Sie über der 
Form den Inhalt. Wer nad dem Krug greift, 
den dürftet nah Wein, 

3. 3. in A. Der Styl Ihres Begleit- 
ſchreibens fchredte uns ab, das Manufcript 
zu lefen. Wiefo famen Sie auf die Idee, daß 
Sie ein Dichter wären ? 

3. 3. in 6. Sie dichten Waffer, ja wenn 
ed noch reines Waſſer wäre! 


Herrn R. 3. R. Wien. Fahren Sie nur 
fort. Solche Peffimiften, die fid an den Be- 
ftrebungen und Erfolgen Anderer freuen Eön- 
nen, find uns ftets willtommen. 


$. M. Im Stadtpark haben Sie am 6. 
November 1876 gedichtet, dab, wie die Blätter 
vom Baume fallen, fo aud die Menfden 
fterben müffen. Wir find auf Ihren Wunſch 
gerne bereit, dieſe traurige Wahrheit öffent- 
li zu conftatiren. 

Dr. &. 3. in Trieſt. Viel zu troden und 
ftizzenhaft für unfere Zwecke. 

Herrn W. 3. in 3. Ihr Dialektgedicht 
wißig; nur Schade, daß Sie feinen volfs- 
thümlichen, urfprünglichen Stoff gewählt haben, 
fondern in der naiven Sprade des Landvol- 
tes für Offenbachs „Schöne Helena” Propa- 


nämlich der Nenovirung der Haupt und | ganda madyen. 


Drud von Leplamsofefsthal in Graz. — Für die Nebaction verantwortlid P. A. Kofegger. 


— - 





Jänner 1877. 





Es HA, 2. Marla 


E Se a 


— — — 








Ein Weg zur Schuld. 


Erzählung aus dem Bolfsleben von P. R. Roſegger. 


Beim Wiefenwirtd am Zechtiſch junge Mann beim Wieſenwirth hat 
fauern zwei Männer und fchnarchen. auch ſchon eines. Es ift die fchöne 


Man fieht von ihnen nur die ftruppi- 
gen Häupter, das eine röthlich behaart, 
das andere grau. Die Gefihter find 
in bie Aermel gepreßt. In den halb: 
geleerten Weingläfern, die davor auf 
dem Tiſche ſtehen, jchwimmen ein 
paar ertrunfene Fliegen. 

Bei einem andern Tiſch, der am 


d 
wächſt 


Wirthstochter, die Walpa, die feurige 
Augen hat und jenes reiche, rothbraune 
Haar, das nur auf den Häuptern 


er Heißblütigſten und Begehrſamſten 
AS die Walpa dem jungen Tou⸗ 


riſten das Weinglas vorgejeßt, hat er 
ihre Fingerchen erhajcht, hat fie hier- 


Dfen fteht und der eigentlich eine Bett: auf an der Hand gefaßt und weiß an 
ftatt ijt, welche des Tages mit einer ihren nadten runden Armen immer 
Holzdede überfchlagen eine Gafttafel | weiter hinanzutaften. Beim Grübchen 
bildet, fißt ein junger Mann, ber des Ellbogens angelangt, jagt er ihr 


bäuerlihe Kleider trägt, fonjt aber 
recht ftäbtiich ausfieht. Er hat bie 
Haare glatt nah rückwärts gefettet, 
jo daß fie in der Mitte ben ſchnee— 
weißen Scheitel bilden und er trägt 
etwas feingefämmten Badenbart. Er 
Teint zu ber neuzeitlichen Secte der 
ZTouriften zu gehören, welche auf allen 


einen Schrei aus, denn fie it „brem— 
ſelig“. Die beiden Schläfer fchlafen 
behaglich weiter. 

Des kecken Stäbterd weiße Hand 
umfpannt des Mädchens Oberarm, jo 
weit das Hemd zurüdgeichlagen ift; 
dann will er fie niederziehen auf fei- 
nen Schoß, der heute ja in einer Dis 


hohen Bergen herumklettern und alle| den Vockledernen ftedt. Das Mädchen 


hübſchen Landmäbchen beunrubigen. Der 
Bofeggers „Heimgarien“ Heft 4. 


fträubt fih eine Weile, dann fügt es 
17 


ih doch; Walpa ift Schon manchem 
Burſchen auf dem Leber geſeſſen. 


250 


Das Mädchen deutete auf jenen 
der Schlummernden, der die grauen: 


Manche Gäſte haben das gern und) den Haare hatte. — „Was darf ich 
schen bafür umſo waderer und der | bringen ?” 


Wieſenwirth kann es feiner Tochter 
nicht oft genug ſagen: Nur fort hand— 
ſam ſein mit den Gäſten und unter— 
haltſam — man weiß heutzutag, ſeit 
die Poſtwägen aufgehört haben, ohne— 
hin nicht mehr, wie man die Kreuzer 
in's Haus bringt. 

Da nun die Walpa auf ſeinem 
Schenkel ſitzt, ſchlingt der junge Fremde 
— ſie kennt ihn gar nicht, er iſt 
das erſtemal im Hauſe — ſeinen Arm 
um ihre Geſtalt, beugt fein Haupt 
jo nahe zu ihrem Gefichte, daß ſein 
Athemhauh ihre Wangen bethaut. 
Dann jagt er leife das Wort: „Aber 
Du gefallit mir, Mirzel!” In Steiers 
marf, meint der Touriſt, müfje jedes 
Bauernmäbchen Mirzel heißen. Die 
Walpa date, weiß er meinen Namen 
nicht, jo braucht er ihn auch nicht 
zu willen. „So“, jagte fie, „will ber 
Herr noch einen Wein?“ 

„Einen Kuß!“ 

Wenn Der nicht mehr als ein 
Seitel trinkt, dachte Walga, jo iſt es 
nicht ber Mühe werth, daß ih auf 
feinem Knie fig’, und machte fich mit 
einem entfchiedenen Ruck los. Er er: 
haſchte fie und raubte ihr einen Kuß; 
fie blieb dabei anfcheinend falt, wie 
eine Marmorjäule Aber aus ihrem 
Auge ſprühte ein Feuerftrom, vor 
welhem dem Gtäbter graute. Haß 
oder Liebe? Er wollte e8 unterfuchen, 
da traten zur Thür drei Männer ein. 

„Ich komme wieder, mein Kind“, 
jagte der junge, hübjche und jo freund: 
lie Städter, ihre Hand drüdend und 
ein gutes Trinkgeld reichend, „bleib’ 
gefund, Mirzel, wir werden noch recht 
befannt werden miteinander, Adieu, 
Schatz!“ 

Er ging und die Angekommenen 
traten in Herrſchaft. 

„Der Wieſenwirth daheim?“ fragte 
Einer der Dreie. 





„Weckt ihn auf!“ gebot einer der 
Ankömmlinge. 

„Wenn die Herren mit meinem 
Vater was zu ſchaffen haben“, ſagte 
die Walpa, „ſo müſſen Sie wohl ein 
anderesmal kommen. Heut' iſt's nichts, er 
iſt ganz —“. Sie machte eine Geberde 
gegen die Stirne, anzeigend, daß der 
Mann heute nicht zurechnungsfähig. 

„Wieſenwirth!“ rief der Mann 
und ſchlug mit dem Stock auf den 
Tiſch, „die Schätzungscommiſſion iſt 
da!“ 

Der Wirth pfuſterte, hob ein wenig 
ſein roth angedunſenes verſchlafenes 
Geſicht, murmelte etwas, dann ſank 
das Haupt wieder auf den Arm nieder. 

„Laſſet ihn“, ſagte ein Anderer, 
„wir haben ja Alles ſchon in dem 
Protokoll, wir wollen heute nur die 
Objecte mit Beſchlag legen. — Du, 
Mädchen, biſt wohl die Tochter. Nimm 
die Schlüffel und fomme mit uns. 
Auch ein Kerzenlicht brauchen mir.” 

Die Walpa wußte ſchon, was es 
geſchlagen. Die ganze Feine Wirth: 
ichaft war verfchuldet. Wenn fchlechte 
Zeiten find, dann mag das Wirths— 
töchterlein den Gäften auf den Knieen 
boden wie fie will — es gibt nichts 
aus. 

Die Gerihtsmänner durchſtöberten 
Kiften und -Käften, Vorrathsfammer 
und Keller, brüdten überall das Amts— 
jiegel auf und dann gingen fie ruhig 
wieder davon. 

Da mar es öde im Wirthshauſe, 
die Walpa jaß auf der Ofenbank und 
ſchluchzte. 

Endlich, als in der Stube die 
Dämmerung des Abends zu herrſchen 
begann, regte ſich der Schläfer mit 


dem fuchsrothen Haupthaar und ver— 


langte Wein. Es war ein Mann von 
etwa fünfunddreißig Jahren, knochig 
und rauh von Figur. Die Wangen 
und das Kinn waren glatt raſirt, 


851 


der rothe Badenbart unter den Obren 
und ber Schnurbart ftanden jteif und 
ftruppig; die Augen waren grau und 
tiefliegend und die Knochenwände, bie 
darüber hervorftanden, ließen wohl den 
eifernen Willen vermuthen, der in die— 
jem Kopfe ſchlummerte. Im Webrigen 
waren die Züge jo wie bei anderen 
Bauersleuten, und doch wieder anders; 
fie waren abſtoßend und doch inter: 
eſſant. Als er feine Augen vieb und 
das Mädchen erblidte, nahm er eine 
freundliche Miene an. 

Jetzt wachte auch der Graufopf 
auf und ſchrie nach Wein. 

„Ihr habt zu lang geſchlafen“, 
jagte Walpa, „dieweilen find Gerichts— 
leut' dageweſen und haben Alles ver— 
petſchirt. 

„Herr Jeſſes! bei den Weinfäſſern 
werben fie doch ‚nicht geweſen ſein!“ 

„Freilich, auch bei den Wein: 
fäſſern.“ 

„So bring’ einen Holzapfelmoſt!“ 
befahl der Wirth. 

„Ja“, jagte das Mädchen, „das 
Moftfafjel Haben fie auch verpickt.“ 

„Himmelherrgottsdiru, jo trag ei: 
nen Branntwein her!” 

„Iſt Alles verichmiert, Vater, und 
‘hr denkt nur fort an's Trinken,“ 

„Ra, jo bring’ was zu eſſen?“ 

„Ja, zu effen haben mir freilich 
auch nichts, das Mehlfaftel und der 
Schmalztopf find verfiegelt. Wir find 
fertige Bettelleut’.“ 

Jetzt wurde der Wieſenwirth nüch— 
tern. Zuerſt polterte er mit dem Mäd— 
chen, daß es Alles habe verſiegeln laſſen, 
dann fluchte er über das Gericht, über 
die Gläubiger und über die ganze 
Welt; ſchließlich fragte er, ob ein Strick 
noch im Hauſe wäre, er hänge ſich auf. 

Der Andere, der neben ihm erwacht 
war, lächelte hämiſch und murmelte: 
„Biſt ein verzagter Steffel, Du. Weißt 
ja, daß Du einen guten Freund haſt. 
Ich bleib' auch jetzt noch bei meinem 
Wort, und wenn Du ja ſagſt, Wirth, 
ſo reiß' ich Dich auf eins zwei aus 


der Klemm'.“ Er riß eine bauſchige 
Bruſttaſche aus dem Sack. 

„Was hilft mein Jaſagen, Du 
Tropf, wenn die Dirn nicht will!“ 

„Wenn die Dirn nicht will — 
nachher — — iſt's freilich was An— 
ders,“ ſagte der Rothaarige und ſchob 
die Geldtaſche wieder ein. 

Der Wirth war aufgefprungen und 
hatte feine Tochter bei der Hand ge: 
faßt. „Walpa,“ ſagte er, „laß’ 
noch einmal mit Dir reden. Schau, 
zweiundzwanzig Jahr bift alt. Schöner 
wirft nimmer. Stolz jein, das tragt’3 
Dir nicht; 's ſelb' magft mir ſchon 
glauben. Jetzt freilich noch hupfen Dir 
allerlei Mannerleut nad. Die werben 
Dih bald nicht mehr kennen. Nur 
zum Zeitvertreib bift ihnen gut, hei— 
raten will Dich eh’ feiner. 's wird 
Dich reuen, fo viel Du Haar auf dem 
Kopf haft, wenn Du jetzt beim braven 
Seizmüller nicht ja jagt.“ 

Das Mädchen hielt die Schürze 
vor das Gefiht, und ja jagen von 
Herzen, das könnt’ fie halt nimmer. 

„Was willft denn anheben?” fragte 
fie der Vater. „Vielleicht morgen ſchon 
fommen jie und werfen uns aus dem 
Haus. Du kommſt, wenn's gut ge: 
räth, in einen harten Bauerndienft ; 
wirft nicht zu lachen haben dabei. 
Und Dein alter Vater geht mit dem 
Betteljad um.” 

Seine Augen waren immer naß 
und roth unterlaufen, an ihnen war 
eine Gemüthsbewegung nicht zu merken. 
Hingegen weinte Walpa bitterlih und 
der Nothhaarige — das war ja ber 
Seizmüller — trommelte mit den Fin: 
gern auf dem Tiih. — 

Noh am jelben Abend lief bie 
Malpa zu der Nahbarin: „Thorhof: 
bäurin, ein Stein liegt mir auf...” 
Und fie ſchluchzte. 

„Maria und Joſef, Walpa, was 
ift denn geſchehen?“ 

„Weiß mir nimmer zu belfen. 
Heut’ haben fie uns Alles verfiegelt 
und jegt ſoll ich den Seizmüller neh: 
men.” 


17* 


252 


„Was ſagſt?“ 

„Der Seizmüller gibt das Geld 
ber, wenn ich ihn heirate, und daß ſich 
mein Vater wieder kunnt heraushelfen.“ 

„Es ift kaum ſechs Wochen her, 
jeit er jein exit Weib in den Freithof 
hat tragen laſſen,“ jagte die Thorhof: 
bäurin. 

„Desweg, das gefällt mir jchon 
gar nicht und mich deucht, diefen Men: 
chen heiraten, das kann ich nimmer. 
Ich hab’ nichts gegen den Seigmüller, 
aber allweg kommts mir vor, das iſt 
für mich nicht der Rechte, und es geht 
mir halt was zu Sinn. Thorhofbäu: 
rin, ich bin ſchon heil verzagt.” 

„Walpa,” jagte die Bäurin, „ſetz' 
Di her und iß mit uns Schmalz: 
nocken.“ 

Dann kam auch der Thorhofbauer 
herbei, der ſagte: „Mit euch Mädeln 
iſt's halt ein Kreuz. Ihr wollt's was, 
und wißts nicht was, und da habt ihr 
ſo allerhand Einbildungen. Ich weiß 
nicht, warum Du den Seizmüller 
nicht ſollt'ſt nehmen. Ein braver, flei— 
ßiger Mann, der reichſte in der Ge— 
gend. Oft eine Andere wär' zu tauſend— 
mal froh über eine ſolche Heirat, und 
es iſt ja ein Glück, das euch Gott 
vom Himmel ſchickt, jetzt, wo die trau— 
rige Sach mit der Pfändung vor der 
Thür iſt. Mit allen Vieren greif' zu, 
Walpa, das kann ich Dir ſagen.“ 

Als ſie davon wollte, eilte ihr die 
Thorhofbäurin noch bis zur Thür 
nach und that dort mit leiſer Stimme 
die Frage: „Ja, Walpa, weißt Dir 
einen Andern? 

„Gar nicht, gar nicht,“ verſicherte 
das Mädchen und hat jo ein Geheim: 
niß verichwiegen. 

Ungetröftet ging fie heimmärts. 

Am andern Tag, als fie zur Meile 
ging, redete fie mit dem Kirchenvater, 
dem Erlsberger, was denn ber meine. 

„Gefreut mich, daß Du meinen 
Nath verlangft, Dirndl,” fagte der 
Erlsberger, „ſchau, mi geht das 
Ding nichts an, kann auch nicht jagen, 
daß ich auf den Seizmüller ertra was 


hielt’; er ift bisweilen ein biffel kno— 
pfig; aber ich thät Dir doch rathen, 
daß Du ihn nimmft. Es wirds Schon 
thun. Immer eine Ehe, die aus lauter 
Liebſchaft geichloffen wird, iſt zuletzt 
gar nicht glücklich, und immer eine, 
bei der ſich die zwei anfangs völlig 
nicht mögen, macht ſich nachher recht 
gut. Das iſt halt, wie die Leut zuſam— 
men geſchaffen ſind. Eine Einſicht hat 
er doch auch, der Seizmüller, und 
wenn er jetzt um Dich anhält, ſo wird 
er auch brav auf Dich ſchauen. Und 
mußt wiſſen, Walpa, in ſolchen Din— 
gen muß man ſeinen Eltern folgen. 
's iſt doch auch was, wenn Du Dir 
Dein Lebtag lang ſagen kannſt, Du 
haſt Deinen Vater aus der Noth ge— 
riſſen, und bei ſo einem Kind wird 
der Gottesſegen auch nicht ausbleiben.“ 

„Wenn ich nur ein Biſſel was 
verſpüren thät,“ meinte die Walpa, 
„und er iſt halt gar ſo viel herb und 
wirbt um mich, als wollt' er — Gott 
wirds mir verzeihen — einen Mühl— 
eſel kaufen. Iſt halt ein trauriger 
Werber, der keine Lieb' mitbringt.“ 

„Wesweg will er Dich denn, 
wenn nicht aus Lieb',“ wendete der 
Bauer ein, „er könnt' wohl gewiß 
reichete haben, als Du biſt — auf 
das mußt Du denken, Walpa und ſo 
mußt Dir's auslegen. 

„Vergelt's Gott, Erlsberger,“ 
ſagte nach einer Weile die Wirthstoch— 
ter, „Ihr habt mir leichter gemacht. 
Ja, ja 's wird das Beſte fein, ich 
probir's.“ 

„Mit dem Probiren iſt's nichts, 
Walpa. Sagſt ja, ſo ſagſt es für's 
Leben. Und da möchte ich Dir noch 
rathen, daß Du, wenn Du Dich ſchon 
entſchloſſen haſt, friſch und munter 
drein gehſt. Das Wanken und Zwei— 
feln und Fürchten taugt nichts. — '8 
wird ſchon gehen, er iſt brav, ich bin 
brav und uns hat Gott zuſammenge— 
führt — ſo mußt Dir denken. Na, 
Dirndl, wünſch' Dir viel Glück!“ 

Darauf, wie ſie den Vater ſucht, 
daß ſie ihm's ſagte, ſie wäre bereit, 


253 


findet fie ihn unten im Keller. Hat|ren noch als Poſtillon duch die Ge: 
von der Pippe des größten Faſſes das | gend gefahren und hatte das Poſthorn 
Amtsſiegel herabgeriifen. geblajen, daß es eine Herzensluft gemwe: 
„Aber um der Heiligen Willen, | jen. Beim Wiejenwirth war er ftet3 ein: 
Vater, was treibt Ihr denn?“ gekehrt, wenn auch nur auf ein Elein 
„Trinken.“ Tröpfel zum Staubhinabſchwemmen — 
„Da ſperren fie Euch ja ein!“ llänger wollten die Rößlein und die Rei— 
„Deß' will ih mich früher er: |fenden nicht warten. Dem Blafi war 
Jäufen.“ die Walpa nicht ein einzigmal auf dem 
Nun fagte ſie's, fie wolle den Seiz: | Bein gehodt, wie etwa dem fürmigigen 
müller nehmen. Darauf tranf er erft | Stabtheren, der unter der Bodleder: 
recht. nen ſchauderlich dürre Knochen gehabt 
Keine Zeit war zu verlieren, denn | hatte. Der Blafius hatte fie auch nie jo 
die Gant des Wieſenwirthshauſes war genedt, nie bewitzelt, war immer ernſt— 
ausgejchrieben. Am nächiten Tage wurde haft und freundlich geweſen und hatte 
die Walpa Braut des Seizmüller. Der immer gerade am Wieſenwirthshaus 
Bräutigam lachte viel und zeigte, daß | jeine ſchönſten Weifen geblafen. Hätte 
er gemüthlich fein könne. Alljogleich | Einer die Walpa gejehen, wie fie 


faufte er ihr im nädjten Städtchen 
Stoff für ein goldgelbes Kleid und 
eine hochaufgebauſchte Haube mit feuer: 
rothen Bändern, wie fidh’3 für eine 
Frau Müllerin wohl geziemt. Aber 
Walpa dachte, wenn ich diefen Anzug 
muß tragen, jo zeigen die Leute mit 
Fingern auf mid. 

No in den legten Tagen vor der 
Hochzeit ging Walpa zu ihren Belann- 
ten um, und fragte, wie fie denn dran 
jei, ob fie den Müller doch nehmen 
fole. Die Allermeiften riethen dazu, 
und bie ihr davon abrebeten, von de: 
nen fagten wieder Andere: „Geh, geh, 
wenn man auf To Leute Reden lojen 
wollt’! Die wiſſen gegen Jeden was, 
wen er heiratet, das ift jchon jo der 
Braud. Aber wenn Du nachher allein 
daftehft und Hilf brauchſt, helfen thun 
Dir nit.“ 

Sin der legten Nacht vor der Trau- 
ung ift der Walpa im Traume die 
verjtorbene Mutter erjchienen, die hat 
gewintt, hat die Tochter bei der Hand 
genommen, al3 wollte fie fie davon— 
führen. Es war ein füßer und babei 
wieder ein angjtvoller Traum. Die 
Böllerfhüffe haben fie davon geweckt. 

Unter den vielen Hochzeitsgäften 
war auch der Blafius Steiger, ein 
frifcher, jauberer Burjche, den die Walpa 
wohl fannte. Er war vor zwei Jah: 


diejem Blafen zuhörte, jo hätte ber 
leicht merken können, daß die Burſchen 
alle genarrt waren, denen fie auf der 
Ledernen ſaß. Der hätte ahnen mögen, 
daß dieſes Mädchen nicht jo ſeicht 
wäre, als es fih mwohl geben mußte. 
Seit der Eijenbahnzeit war der Bla— 
fius im Pongau drüben gewejen; nun, 
und heute war er unter den Hochzeits— 
gäften, eigentlich unter den Mufifanten ; 
er blies das Flügelhorn. Nur ein- 
oder zweimal hatte Walpa den Bur: 
ihen verftohlen angeblidt — nichts 
weiter, fein Ehrentängchen, fein Lächeln, 
fein freundlich Wort über vergangene 
Beit . . 

Mittags, zehn Minuten nad eilf 
Uhr, war Walpa das Weib des Geiz: 
müllers geworben. 

Nach der Trauung ließ fie fih im 
Wirthshaus ein Stübchen aufiperren, 
um die Kleider zu wechjeln. Sogleich 
ftand ihr Mann da: „Was willft denn?” 


„3 thut mir leid um das ſchöne 
Gewand,” fagte fie, für's Effen und 
Tanzen will ich einen leichteren Rock 
anlegen.“ 

„Weißt, Walpa,“ verjegte er, „wenn 
's mir nicht leid thut d'rum, fo brauchft 
feine Umftänd’ zu machen. Es geht 
aus meinem Sad, mußt nit ver: 
geſſen.“ 


254 


„Ich Hab’ nur gemeint,“ entgeg: | das Nechte zu finden, um den Haus: 
nete fie leije, „weil's die Andern auch Frieden zu erhalten. 
al’ jo machen.” Ben der Kirche ging fie auf den 

„Auf die Andern haft gar nicht | Frievhof und legte einen Kranz auf 
zu ſchauen, Walpa; ich bin der Herr, | da8 Grab des erjten Weibes ihres 
mir haft zu folgen, und das kannſt | Gatten; der Erdhügel war ganz Fahl, 
Dir merfen ein für allemal.“ nicht ein einziger Grashalm ftand da— 

„Hätt' mir doch gedacht, daß ich rauf. Walpa Hatte ihre Vorgänge: 
von meinen Kleidern anlegen kunnt, rin nicht näher gekannt, diefe hatte 
was ich jelber wollt? — und das muß immer ganz zurüdgezogen in ihrem 


ih Dir Schon fagen: theuer mag das 
Kleid wohl gemwejen fein, das Du mir 
gefauft haft, aber jauber ift es nicht.” 

„Isa hörst, Weibel, wem willit 
denn jeßt ſonſt noch gefallen? Etwa 
dem Boftbuben — den Du voreh fo 
verliebt angelugt haft? Du, das ſag 
ih Dir, in ſolchen Sachen verjteh’ ich 
feinen Spaß!” 

Ziemlich jchwer ließ der Seizmül- 
ler bei dieſen Morten die Fauft auf 
den Tiſch niederfallen. Walpa jagte 
fein Wort mehr und behielt das oranz 
genfarbige Kleid und die Flitterhaube 
mit den feuerrothen Bändern am Leibe. 
Sie war den einfahen geihmadvollen 
Anzug der Oberländerinnen gewohnt, 





fie wußte wohl, wie fein ihr derjelbe 
ließ. — Nun wäre fie am liebften gar 
nicht mehr unter die Leute gegangen, 
aber fie wollte ihrem Manne feinen 
weiteren Anlaß zur Unzufriedenheit 
mehr geben, und jo fügte fie fich in 
das für fie recht traurige Hochzeitsfeit. 

Der Wieſenwirth war dabei gar 
luftig; gab's ja viel Wein und auch 
daheim waren wieder alle Spundlöcher 
offen, ſeitdem der Seizmüller:Schwie: 
gerjohn das Geriht und die Gläubi: 
ger durch etliche große Banknoten be: 
Ihmwichtigt hatte. 

Laut war’3 im Feithaufe, und die 
Leute können heute noch nicht Wunders 
genug jagen, wie es dod jo Luftig 
gewejen wäre bei des Seizmüllers 
Hochzeit. — 

. Am andern Tage, als Bater und 
Gatte noch jchliefen, ging Walpa in 
die Kirche und betete unter heißen Thrä- 
nen um Gnade und Kraft, ſich gedul— 
dig in das Ehejoch zu fügen und ftet3 


Haufe gelebt und erjt von ſich fprechen 
gemacht, ald es hieß, ein im Wetter: 
fturm nieberftürzendes Dachbrett habe 
die Seizmüllerin erſchlagen — Walpa 
wußte aber, daß es die Ehmänner nicht 
ungern jehen, wenn bie zweite Gattin 
das Andenken der erjten ehrt, und da— 
rum den Grabfranz. 

Etlihe Tage ſpäter jagte der 
Miller zu feinem Weibe: „Ich habe 
gehört, auf dem FFreithof draußen bei 
meiner Alten jol jo ein Laubwiſch 
liegen. Haft Du's gethan, jo will ich 
Dir nur fagen, es ftünd’ Dir beſſer 
an, Du thätit Dich um die Lebenbi- 
gen kümmern, al® um die Xodten. 
Wie jchaut demm mein zerriffen Unter: 
leibel aus?“ 

„Da bitt’ ich Dih wohl um Ber: 
zeihung, ich hab’ gar nicht gewußt, 
daß Du ein Unterleibel tragjt.“ 

„Trag' auch keins, aber könnt' 
eins tragen, und eine gute Hausfrau 
thät' wenigſtens darnach fragen.“ — 

So iſt dieſe Ehe angegangen. Dieſe 
Ehe, die zum größten Uebel hat geführt 
und deren Geichichte über manchem 
Thore jtehen ſollte als Warnungstafel : 
Verbotener Weg! 

Der Seizmüller, jo heiter und 
laut Iuftig er in Gefelichaft und 
im MWirthshaufe bei Kameraden fein 
mochte, fo finjter, herrifch gab er ſich 
zu Haufe. Er konnte feinen Wider: 
fpruch leiden, widerſprach aber jelbft 
in allen Dingen. Troß reizte ihn, und 
auh Milde; und wenn er gereizt war, 
jo jchlug fein ſonſt höhniſches Wejen 
in einen förmlichen Wuthraufch über 
— und in jolden Momenten Fannte 
er feine Leberlegung. 


255 





Ditmals Hat fih in dem jungen 
Weibe der Trog aufbäumen wollen, | 
wenn ihr jo jehr Unrecht geſchah; dann 
aber fagte fie wieder: Nur noch ein 
Eichtel Zeit hab’ Geduld, Leicht kommt 
noh ein Friedensengel in's Haus. 
Böſ' und Schlecht ift er ja doch nicht, mein 
Man, nur herb und ein wenig wun— 
derlich ; mein Gott, er hat feine Sorgen 
und Wergerniß in der Wirthichaft. — 

In der Wirthichaft jtellte der Seiz- 
müller feinen ganzen Mann. In der 
Mühle flapperten allfort vier Gänge 
und daneben ging eine emfige Bretter: 
jäge. Dann war auch eine Stampfe 
für Leinſamen dabei, die jedesmal im 
Winter, wenn die Säge ftillitand, viel 
verdiente, Die Aecker und Wiejen, die 
zur Mühle gehörten, mwurben gut be— 
wirthſchaftet. Freilih that auch die 
Walpa viel dazu, um durch Güte die 
Dienftleute und Mühljungen zu be: 
ihmwichtigen, wenn fie die Grobheit und 
Unbilligfeit des Müller8 zu vertreiben 
drohte. 

Bei ſolch einer Gelegenheit, als 
fie einem Mühlburfchen, der in ber 
Kammer jeit einigen Tagen frank lag, 
eine fräftigende Fleiſchbrühe zufchanzte, 
die jonft nicht gebräuchlich war, be: 
fam die Walpa von ihrem Manne den 
eriten Schlag. -„Heimlichkeiten mit dem 
Mühljungen !” qurgelte erberaufcht von 
Mein, dem er immer mehr und mehr 
zuſprach, „wächſt fi die Kellnerin: 
liebelei jo aus? Walpa, Walpa, Dich 
muß man anders biegen, mit der Gü— 
tigfeit richtet man bei Dir nichts !” 

Unter Weinen lachte fie auf. 
Mit Gütigfeit! jo jagte Der, von dem 
fie faum ein einzig freundlich Wort 
noch gehört hatte. 

Sonſt war fie zu ihrem Water ge: 
gangen, um ſich an feiner Bruit aus: 
umweinen. Seht, ein Jahr nad der 
Müllerspochzeit lag der Wiefenmwirth | 
unter der Erde. In jeinem Keller war 
er todt gefunden worden. Da flagte 
fie ihre Noth; anderen Leuten, und da— 
rüber jagte ihr der Gatte einmal: 
„Du bift Schon ein fürnehm Ehweib 


— — ——— ——— — — — — ——— —— —— — — 





Du, gehſt von Haus zu Haus und bringſt 
Deinen Mann um den guten Namen, 
machſt mich zum Tyrann, zum Wild: 
fang, zu was weiß Gott Alles! Du, 
Walpa, ich ſag' Div’s, gib Obacht, daß 
e3 nicht wahr wird, was Du jprichit !” 

„O, das ift lang ſchon wahr!” 
tief fie aus, „und ich weiß nicht, wie 
ih mich denn jo verfündigt hab’, daß 
ih an einen ſolchen Menjchen Hab 
müſſen gebunden werden. Sein größe: 
res Kreuz auf der Welt!” 

„Ja freilih, winſeln und flennen, 
das iſt noch Dein Beſtes, Du Bettel: 
dien!” und er ftieß fie hintan, daß 
ihr Leib an Die Kante des Herdes fiel 
und fie zuſammenbrach. 

„So — jo —“ jtammelte fie mit 
dumpfer Stimme, „an mir — weil 
id wohl, daß Dir nichts gelegen iſt, 
aber daß Du Dein Kind im Mutter: 
leid — —“ 

Da late er auf und meinte, das 
müſſe man erft unterfuhen, ob es 
fein 

Das Weib lag in einer Ohnmacht. 

Tagelang jchwebte fie zwiſchen Le— 
ben und Tod, und als fie endlich — 
der Gatte hatte fie in der Krankenftube 
faum ein einzigmal befuht — inſo— 
weit gerettet war, daß fie wieder zu 
denfen und zu finnen vermochte, Teufzte 
fie ein um das anderemal: „Das ijt 
eine Ehe! o Gott, mein Gott, verlaß' 
mich nicht!“ 

Und im Traume hörte fie das 
Poſthorn Eingen; da rief fie mehrmals 
laut den Namen: Blafius. Und auf: 
wacend flehte fie zur Mutter Gottes; 
„Bewache mich, daß diejes Wort nit 
nod einmal über meine Lippen fommt, 
jonft iſt's mein Verderben.“ 

AS fie wieder jo meit genejen 
war, daß fie — ein Schatten gegen 
früher — in das Freie wanken konnte, 
ſuchte fie den Pfarrer auf und fragte 
ihn, ob es denn gar fein Mittel gebe, 
daß fie von dieſem Menſchen, dem Seiz: 
müller, wieder befreit würde. 

Der geiftliche Herr riß die Achſeln 
empor und gab ihr jchöne Lehren. 


22 


256 


„Ei, ei?“ unterbrach ihn die Walpa, | Sterben nicht erfahren, daß ich in fol- 
„was der Herr da fagt, das hab’ ich | her Angelegenheit bin dageweſen.“ 


lang’ ſchon gewußt und gethan. Scei- 
den laffen will ih mich.“ 

Der Pfarrer machte ein ſaures 
Gefiht und lächelte. — „Scheiben 
laffen — das ift leicht gejagt, meine 
liebe Seizmüllerin. Bon Tiſch und 
Bett könnt' ihr euch trennen, aber vor 
Gott feid ihr doch ein Ehepaar.” 

„Bor Gott find wir nie ein Che: 
paar gewejen!” jagte das Weib, „ich 
bin [hier mit Gewalt in dieje Ehe 
bineingebrängt worden, mein Herz hat 
nicht3 davon gewußt, nnd immer ift 
es nicht gut, wenn das Kind feinen 
Eltern folgt.” 

„Müllerin”, verfegte ber Pfarrer, 
„das iſt feine chriftliche Red’, und 
wenn man Euch hört, jo fönnte man 
faft meinen, e8 wäre an Euch jelber 
die Schuld." — 

Ganz ohne Troft, nur noch vath: 
loſer und erbitterter verließ fie den 
Pfarrhof. 

Eine gutmüthige Nachbarin rieth 
ihr, ſie ſollte zum Gericht gehen. Sie 
ging zum Gericht und drängte auf 
Scheidung. 

— Eheſcheidung?! Das war was 
Neues, das war in der Gegend ſeit 
Menſchengedenken noch nicht vorge— 
kommen. 

„Liebe Frau,“ ſagte einer der 
Herren, „zum Eheſchließen müſſen Zwei 
jein, und zum Ehetrennen auch. Wird 
Euer Mann einwilligen ?” 

„O,“ rief das Weib, „der will 
wen zum Beinigen haben, ber wird 
fein Lebtag nicht einwilligen.“ 

„Dann ift nichts zu machen. Das 
Beſte, Ihr verſucht e8 noch einmal 
neu, Euch gütlic miteinander zu ver: 
tragen. Wenn es Euch recht ift, fo 
wollen wir Euren Manı, ben Geiz 
müller, rufen laſſen und ihm feine 
Verpflichtungen vorhalten, damit —“ 

„Um Gotteswillen, nur das nicht! 
Menn ich Schon bei ihm bleiben muß, 
jo darf er’3 um al’ mein Leben und 


„So geht heim und verjucht e3 
noch einmal, e8 wird ſich geben, nur 
der redlihe Willen gehört dazu. Be: 
hüt' Gott!” 

— &o vernünftig reden fie und 
wiffen nicht, wie e8 in der Mühle 
ausſieht — Zank und Hader, Troß 
und MWildheit, Haß und Gewalt. Die 
Walpa fol wieder zurüdfehren zu 
ihrem größten Feinde. 

Da beſann fie fih. Hoch oben auf 
dem Zinfen jteht eine Kapelle mit ei- 
nem wunberthätigen Marienbilde. Schon 
Viele find durch der Jungfrau Fürs 
bitte befreit worden aus ihrer Noth. 
Sie ftieg mit Mühe den hohen Berg 
hinan. Und dort oben zmwijchen ben 
Felſen, wo fein Bäumlein und fein 
Blümlein mehr wächſt, lag fie vor dem 
Bilde und betete: „Gib mir ein, o 
Mutter, was ih thun ſoll! Weiſe 
mir einen Ausweg, und wenn jchon 
fein anderes Mittel ift, jo laſſ' mid 
fterben.” 

Am Eingang der Kapelle jtand, 
von ihr unbemerkt, ein Tourift und 
hörte ihr zu. — Ein blafjes, hübjches 
Weib betet vielleicht in Liebesjehnjucht ? 

As ſich Walpa erhob, trat er 
zu ihre; er erkannte fie nicht mehr, 
fie fah es, das mar der junge fede 
Städter, mit dem fie vor länger als 
einem Jahre in ihrem Heimatshaufe 
zujammengejellen war. 

„Bit ganz allein bier oben?” 
fragte der Fremde, „dann will ich 
Dich führen und will Dir aud den 
Ausweg weifen, um ben Du eben 
gebetet haft.“ 

„Wohin wollen denn Sie mid 
führen, wohin 2” 

„Einjtweilen bis zu den Zirm— 
büfchen hinab, bier geht ein fcharfer 
Wind.“ 

Walpa ftieg an feiner Hand hinab 
und gedachte dem Fremden, der ihr 
ihon das zweitemal freundlich genaht 
war, ihr Anliegen mitzutheilen. 


257 


Auf dem Bergmoos zwifchen Dich: 
ten Sträuchen, die fie wie ein undurch— 
dringliher Wall umgaben, jaßen fie 
und Walpa fchüttete ihr Herz aus 
vor dem, der ihr jo theilnahmsvoll 
zubörte. 

Und als fie ſchluchzend geendet 
hatte, jagte er: „Was Du da erzählit, 
das fönnte Einem da3 Herz durch— 
jchneiden. Das hält fein Menſch aus; 
diefer Seizmüller muß eine elende 
Greatur fein. Von dem mußt Du Dich) 
befreien. Wenn Du es nicht fchon 
jo machen kannſt oder willft, wie es 
die Kathrina Schmadegger gemacht 
bat, deren Proceß vor wenigen Tagen 
abgelaufen ift, jo — nu, fo mußt 
Du es eben anders machen. Du bift 
hübſch und noch jung, meine Freundin, 
Dir kann's nirgends fehlen. Gehe in 
die Stadt . 

Nimmer konnte es das harmloſe 
Landweib verſtehen, was der Fremde 
meinte. — In die Stadt gehen, das 
gefiele ihr ſchon. Wenn ſich nur Alles 
ſo einrichten ließe, daß kein Aufſehen 
entſtünde und daß der Seizmüller 
ſchließlich nicht etwa ihren Aufenthalt 
entdeckte. Lieber wäre ihr freilich noch 
ein anderer Ausweg, als den ange- 
trauten Ehmann jo zu verlaffen — und 
was denn die Kathrina Schmachegger 
gethan habe, von ber er vorhin ge- 
jprochen ? 

„Die Schmachegger war eine Bäue— 
rin aus dem Unterſaß“, belehrte ber 
Fremde, „dieje hat ihrem Chgatten, 
mit welchem fie im Unfrieden lebte, 
in einer Krankheit, die über ihn ge: 
fommen war, ben Beiftand verjagt 
und ihn verderben laſſen. Sie ift aber 
freigefprohen mworben, denn e3 war 
doch nicht bewiefen, daß ihre bejondere 
Pflege ihn geſund gemacht hätte, Und 
e3 war nur die Unterlaffung einer 
"Tugend, zu der das Geſetz nieman: 
ben zwingen kann.“ 

Darauf hat die Walga ftillge- 
ſchwiegen und der Stabtherr, der in’s 
Gebirge gefommen war, um die Natur 


breitet, fie möge ihn für den Freund 
halten, fie möge fich entjchädigen für 
das harte Kreuz, das fie tragen müſſe, 
und fie möge biejes Kreuz mit aller 
Macht abſchütteln. 

Still war's; auf ſolchen Höhen 
ſummen keine Mücken und die Vögel 
hatten ſich verſteckt in's traute Heim 
unter den Büſchen. Der Zirm ſchien 
höher und höher zu wachſen, ein 
weißer Schmetterling gaukelte im Zickzack 
heran. 

„So!“ rief die Walga plötzlich 
und ihre Stimme war laut, „ein ſol— 
her Freund find Sie?" — Nein, 
lafjen Sie mi! Jetzt fit doch ſchon 
überall der Hölliiche, wo man hin: 
ſchaut!“ 

Sie floh davon und wie lange 
der Bergwanderer noch gelegen ijt 
zwijchen den Büſchen, man weiß es 
niht — verlangt es auch nicht zu 
willen. 

Walpa war wieder zurücgefehrt 
in die Mühle und hatte fich noch ein- 
mal feſt vorgenommen, dem Müller 
ein treues Ehemeib zu jein, Alles, was 
über fie fommen follte, mit Ergeben- 
heit zu tragen und ihr Herz verhärten 
zu lafjen zu einem Stein. 

Mohl, Herzen fönnen verhärten, 
bleiben aber dennoch heiß und ſchwer 
und glücbegehrend. Walpa jah andere 
Ehen voll ftilen, fröhlihen Glüdes ; 
ſah an ihrem Haufe vorbei manch 
freudige® Paar wandeln, manchen 
Brautzug, ſah mand Kindlein tragen 
von den Engthälern heraus gegen die 
Kirche zur Taufe. Sie könnte e8 auch 
jo haben, — Ob der Blafius wohl 
ihon ein Weib hat? — Der liebe 
Schutzengel behüte vor aller Berfuchung. 
— Ihr Mann ijt ja auch ein Menfch, 
fie will ihn ſchätzen, will ihn pflegen ; 
er bat ja doch niemanden auf ber 
Welt als fein Weib. — Die mildeften 
Worte hatte fie für den Gatten und 
mit Sorafalt bereitete fie ftet3 fein 
Mahl. Er aß es brummenb und 


zu genießen, bat feinen Arm ausge- |finfter. Wenn er nüchtern, jo hörte fie 


258 


von ihm faum ein Wort. — Das | Er langte nah ihren Locken, fie 
war ihre glüdliche Zeit und fie dachte, ſtürzte davon, draußen, hart am Mühl- 
jagt er nichts, fo wird er wohl zus bache ſank fie zu Boden. 
frieden fein. Aber wie jelten! — & — Ihrem Leben ein Ende machen? 
verging kein Tag, an welchem fie | — Noch jo jung, jo weltbegehrend — 
von ihrem Manne nicht eine neue und biejes Wütherichs wegen jterben ! 
Rohheit erfuhr. Er polterte und fluchte — — Nein, dafür haßt fie ihn zu jehr. 
und jpöttelte und höhnte, er that ihr Sie kennt mun ihren Entſchluß, fie 
Schimpf um Schimpf an und wenn ſinnt nicht mehr, ſie weint nicht mehr 
ſie dagegen auftrat, ſo gings ihr hart — in ſtiller Nacht, während der Mann 
wie einer Sklavin, wie einem Hund, im Wirthshauſe ſitzt, ſchnürt ſie ihr 
den der Zornige mit Fußtritten von Bündel und geht davon. Wohin fie 
fih ftößt. Es ging aud die Wirth: kommt, was mit ihr geſchieht, — 
Schaft jchlechter und in ber Mühle  alleins. In alles erbenflihe Elend 
ruhten die Näder öfter als es Sonn: | will fie fich lieber ftürzen als bei 
tag war. Den Seizmüller reute das | diefem Teufel zu leben. 
Geld, welches er für den Wiefenwirth | Mit der Haft einer Verbrecherin 
ausgegeben hatte, anftatt er Braut: floh fie, alles zurüdlaffend, was ihr 
habe hätte befommen follen. „Wie eigen war auf Erd. Mit dem erjten 
mich der Teufel nur fo hat verblen- Schritte über die Markung der Mühle 
ben mögen!” rief er im Grimme, hinaus war fie in Acht und Banı 
„daß mir fo ein Bettelmweib hat Fön: | der Armuth und Noth. Aber fie freifchte 
nen gefallen. Deine Schönheit? Ha, auf vor Luft, als fie fich frei fühlte. 
da muß ich lahen! Angetban hat fie So mweit man fie noch kennt, ift fie 
mir’3 und jeit fie in der Mühl’, iſt die Müllerin, die mit ihrem Bündel 
fein Segen mehr.“ ‚eine drüben in ber Scharn erfranfte 
Da hob die Walpa zu ihm die Muhme heimjucht. Später, wo ſie 
gefalteten Hände: „Lieber Mann, jo | wer anfrägt, ift fie eine Schnitterin 
laß’ mich wieder fort! Ich ſeh's ja aus dem Unterſaß und geht aus auf 
auch ein, wir taugen nicht für ein: einen Verdienſt. — Sie hätte jo viel 
ander, wir können beide nicht dafür. Aehnlichkeit mit der Seizmüllerin in 
Ich will ja mein Lebtag lang feinen der Transau, jagte ihr ein alt Weib: 
andern Mann, ich will Dir danfen |lein. „Ya“, entgegnete die Walpa, 
bis zum legten Athemzug, nur fort | „ich bin mit ihr verwandt.“ 
laß’ mich, ich bitte Dih um des hei- „Wie's nur fein hat mögen, daß 
ligen Kreuzes Jeſu willen!“ die das große Glück mit dieſer Hei- 
„Ah!“ jtieß der Seizmüller ſchnau- rat hat gemacht ?” meinte das Weiblein. 
bend heraus, „davonlaufen, das geht „Nach der ihrem Glüde verlang’ 
Dir noch ab, Du Zigeunerdirn. Meinft ich nicht“, ſagte die Walpa. 
ih wollt’ nicht auch meinem Gott dan— „So ſollt's legtlich doch wahr fein, 
fen, wärſt Du aus dem Haufe? — was die Leut’ reden?” warf bie 
Thätſt Dir wohl in die Fauft lachen, | Alte ein. 
wenn die Leut’ mit Fingern auf mich „Wüßt' nicht, daß die Leute viel 
zeigten: jchau, ſchau, das ift der alte) drüber thäten reden.“ 
Ejel, dem ift fein Weib durchgegangen ! | „Daß der Müller jo ein Wildling 
In's Unglüd haft mich Schon gebracht, | wär! jagt man. Allerweil im Raufd). 
jetzt willſt mid auch noch in die) Soll’8 denn wahr fein: das erfle Weib 
Schand bringen? — Jeſſ es, mir zus hätt' er erſchlagen und dem zweiten 
den gerade die Händ’! in die Mauer | Weib wollt’ er’3 g'rad fo machen. — 
wollt’ ih Dih — Du — Du Krea: Ich glaub’s jhon! vom Seigmüller 
tur!” glaub’ ich Alles, mit dem ift mein 











Hanfel in die Schule gegangen und 
der weiß jaubere Sachen zu erzäh: 
len. Ein durch und durch jchlechter 
Menih, der Müller. Die arme Haut, 
die Walpa !” 

„Am beften wär's, der lieb’ Herr: 
gott thät fie zu fich nehmen“, verjeßte 
ein neu hinzugetretenes Weib mit 
einem Seufzer. 

„Geh', Närriſch!“ rief die Alte. 
„Die Walpa ift ja feinem Menjchen 
im Weg auf der Welt, aber den 
Müller joll der leidig Teufel holen!” 

„Berzeih’ Dir die Sünd'!“ fiel die 
Andere ein. 

„Ra, grimm’ Dich nicht. So eine 
Sünd’ wird der Herrgott gerne vers 
zeihen. Wenn's Alles wahr ift, was 
die Leut’ jagen, wahrhaftig, jo thät 
id mir gar fein Gewiſſen draus 
machen, diefem Menjchen mas anzu: 
thun.“ 

„Ich ſag', es ſoll Jeder Gott 
danken, dem's beſſer geht“, meinte die 
Walpa und eilte weiter. 

Tagsüber irrte ſie in den Berg— 
wäldern. Von Müdigkeit übermannt, 
ſchlief ſie auf einer Steinplatte, über 
welche der Epheu ſpann 
Eidechſen hin- und herliefen. 


Auf dieſem Stein — ihr ſchönſter 


Schlummer war's geweſen. Im Klange 


eines Poſthorns hatte ſie der Jugend 


fröhliche Zeit geſehen — da fühlte ſie 
plötzlich einen Stoß, als ſei die Welt 
zerſprungen. Raſch fuhr fie empor. Es 


war dunkel im Wald und nur auf 
hohen Gipfeln lag des Abends gold: 


reiher Sonnenſchein. 


und die 





Und neben Walpa ftandb der Seiz: 


müller und grinfte. Wie ein 
ſchrecktes Reh ſprang fie auf und 
einen getrennten Fetzen ihres Kleides 


no zurüdlaffend in feiner frampfigen | 
Fauft, lief fie den Hang hinab über 


das fantige Geftein und der finfteren 
Schlucht zu. Hinter fich hörte fie das 
Dröhnen feiner Sprünge, hörte feine 
ichnaubenden Flüche. Gott rief fie an 
und ihren heiligen Schußpatron — 


und huſchte durch dorniges Gefträuche | Der Müller Flagte es mit 


ge: | 





und glitt nieder über jchroffe Lehren, 
daß Moos und Sand in den Lüften 
wehten. — Sie entkommt ihm, fchon 
ift fie feinen Augen entſchwunden und 
das Braufen eines Wildbaches vereitelt 
ibm das Geräufh ihrer Schritte. — 
Da ſteht fie jählingg am Wafler und 
fann nicht weiter. Sie eilt am Ufer 
auf und ab und hört de Mannes 
Lachen. Ein wildäftiger Tannenbaum, 
vom Sturme gebrochen, liegt über dem 
giichtenden Bache. Auf diefen jpringt 
fie, um hinüber zu Elettern. 

Der Mann ftürzt ihr nad. Die 
morjchen Aefte krachen. Walpa’3 Haare 
verjchlingen ſich in's dürre Gezweige, 
da faßt er ſie — und hier auf dieſem 
unheimlichen Grunde, der Verzweiflung 
voll und der Wuth, ſtemmt ſie ſich 
wie raſend ihm entgegen und ihre 
Finger zucken nach ſeiner Gurgel. So 
ringt das Ehepaar auf der wilden 
Brücke, daß der Baumſtamm ächzt 
und aus dem mächtigen Abgrunde 
herauf ſchimmert der Schaum des 
Bergſtroms. — Walga fühlte, daß es 
ihr Verderben, wenn fie den verhaßten 
Mann in diefem Augenblide nicht zu 
vernichten vermöge, doch fie vermag 
nicht aufzufommen gegen des Mannes 
Kraft, nur einen Augenblid loszu— 
machen fucht fie fich von feinen ehernen 
Armen, um fi in die Tiefe zu ftürzen 
— da erfaßt er fie noch, reißt fie 
zurüd und jchleudert fie hinan das 
Ufer. 

Blutend und betäubt liegt fie im 
Brombeergebüjch und der Müller, an 
den Lippen noch den Schaum der 
Wuth, fteht hohnlachend vor ihr. — 
Leicht hätte man es jehen mögen, daß 
es ihm zur Luft und Leidenſchaft ge: 
worden — vielleicht zu jeinem höchiten 
Zebensgenuß, fein armes hilflofes Weib 
zu peinigen. Darum hatte er fie ver: 
folgt mit heißer, verlangender Gluth, 
darum brachte er fie nun tief befrie- 
digt zurüd in jein Haus. — 

Bon diefer Zeit hatte man die 
Walpa tagelang nicht mehr gejehen. 
befüm: 


260 


merter Miene den Leuten, fein Meib 
ſei franf und es made fih in ihr 
etwas wie eine Geiftesftörung bemerf: 
bar. Wohl fei fie bisweilen launenhaft, 
auch tückiſch und trogig geweſen, aber er 
babe doch jtet3 die Nachfiht und Liebe 
mit ihr gehabt, die einem Ehemanne 
ziemet. Nun aber, wahrfcheinlich von 
einem unruhigen Gewiſſen gequält, 
oder vielleicht auch durch andere Zu— 
ftände verwirrt, litte fie am Berfol- 
gungswahn. So ſei fie vor einiger 
Zeit mitten in der Naht aus der 
Mühle davon und in den Scharnwald 
hinüber, wo fie fih in das Waſſer 
jtürzen wollte. Juſt daß er — der 
geängftigte Gatte — noch zu rechter 
Zeit nachgekommen fei und fie gerettet 
habe. Seitdem müffe er die Arme be: 
wachen, er hoffe aber, daß durch eine 
richtige Behandlung fih die Sache 
wieder jchlichten werde. 

Walpa war eingefperrt in eine 
Kammer rüdwärts der Mühle, wo ber 
Müller Kornjpreu und verborbenes 
Getreide gelagert hielt. Auf dem 
Spreuhaufen lag fie und wühlte bie 
Körner hervor, die fie gierig ver: 
ihlang. Durd ein vergittertes Fenfter 
ftarrte eine kahle Felswand herein, 
und das ewige Rauſchen des Fluders 
betäubte das Ohr. 

„Jetzt ſehe ich es Far”, murmelte 
fie, „Gott fei Dank, daß ich es endlich 
jehe. Alle Stege find gebrochen. Nur 
ein einziger liegt noh da — nur 
noch ein einziger. Walpa, das ift ein 
Ihwindelnder Steg! — Mein junges 
Leben, du bift das einzige, was id) 
noch hab’, dich halte ich feit. — Ob 
ibn das Gericht verurtheilen thät, 
wenn es willen fönnt’, wie er mich 
martert? Das kann's aber nicht 
willen, er ſagt's nicht und man fann 
e3 nicht jagen, weil es nicht zu jagen 
ift. Gott, der’3 weiß, verurtheilt ihn 
gewiß.“ 

Aus tiefen Träumen fuhr fie 
manchmal empor und fagte: „ES ift 
feine Sünde und bie Kathrina Schmad): 
egger hat fih auch geholfen,“ — 


| Damm betete fie ein Waterunfer um 
das andere und in die Worte: „Führe 
uns nicht in Werfuchung, Sondern er: 
löſe uns von dem Uebel“, legte ſie 
ihr ganzes Herz. 

Bon draußen hörte fie zuweilen 
das Poltern und Fluchen des Müllers. 
Dann wieder in den Nächten vernahm 
jie neben und über fih das Unweſen 
der Mäufe und Natten und oft that 
fie einen Schrei des Grauens, wenn 
fo ein Thier über ihren Körper lief. 
Danı des Morgens, wenn bie alte, 
taube Magd mit augjtvoller Geberde 
das jpärliche Brot brad)te, jtellte ſich 
die Walpa fchlafend oder ftarrte in die 
Finſterniß hinein. — Man wird fie 
doch wieber freilaffen, man muß ja, 
denn fonft würden die Nachbarn kom— 
men und die franfe Müllerin jehen 
wollen. Dann will fie ihre Erlöſung 
vollenden. 

Mas will fie? So weit hätte fie 
ihn ſchon zurüdgelegt den Weg bes 
Leidens, der Schmach, der Anfechtung, 
der Hölle, daß fie jetzt auf der legten 
Station fteht? Wiejenwirthstochter ! 
Du, mit deinem guten, liebevollen 
Meibesherzen, eine Einzige aus Mil: 
lionen, die das vollbringt? — 

Endlih war die alte Magd ein: 
mal davon gegangen, ohne die Thür 
der Kammer zu verichließen. Die 
Walpa blieb nod. Sie jah einem 
Spiele zu. Nein, es it nur dem 
Menſchenauge Spiel — dem Thiere 
iſt e8 Arbeit und Streben nad feinem 
Lebensziele. Don der morjchenben 
Dede, von der bei allen Erfchütterun: 
gen in der Mühle dev Moder nieber: 
ftaubte, ging ein feiner Faden herab 
bis gegen die Füße der MWalpa. An 
diefem Faden ftrebte eine Kreuzipinne 
empor. 

— Sept, das foll mir das Zeichen 
fein und der Richterſpruch, dachte 
Walpa und ftarrte auf das Thier. 
Kann e8 nicht hinauf bis zur Dede 
ober bricht der Faden, jo gehe ich und 
werfe mich in den Räderdumpf. Kommt 


261 


die Spinne hinauf, jo bringe ich ihn 
um. — 

Das Thier krabbelte träge und 
langſam und mußte oft raften. Es 
war jchwer, e3 war noch weit unten 
und der Faden fchien fich bismeilen zu 
dehnen. Dann wieder nahm die Spinne 
einen raſchen Lauf, und dann wieder 
ftand fie lange ftill auf einer und der: 
jelben Stelle. Es war ein gejpenftig 
Weſen und das weiſe Kreuz auf feinem 
Nüden — ein Grabfreuz — went galt 
e3, ihr oder ihm? 

Endlich, die Spinne war noch eine 
gute Elle von der Dede entfernt, wollte 
fie nicht mehr weiter, ja kehrte ſich ein 
paarmal um, und war dann wieder 
bewegungslos. 

Walpa zitterte, ſchier ſtockte ihr 
der Athem. Das Thier blickte mit 
ſeinen vielen großen Augen gegen den 
Boden hinab. — Soll ſie in's Grab? 
Iſt auch bei dieſem Gethier, das kein 
Geſetz kennt, das tödtet, wenn es nicht 
ſelber getödtet werden will, kein Er— 
barmen? ... 

Plötzlich nahm die Spinne eine 
Wendung und lief haſtig den ganzen 


Faden empor bis zum Holzmoder, wo 
ſie herfiel über eine im Netze gefangene 
Fliege. 

„Es iſt gut“, ſagte die Walpa 
laut. 

„Was iſt gut?“ rief der Müller 
ſcharf zur Thüre herein, „willſt noch 
trotzen? Heraus geh'!“ 

Sie ging zu ihm heraus. „FJetzt 
ijt mir ſchon wieder befjer“, ſagte fie 
heiter, „jegt, Mann, will ich recht 
fleißig fein, daß ich die Zeit wieder 
einbring’, in der ich krank geweſen 
bin,” 

„Ja, möcht” mich gefreuen !* 

„Aber die vielen Natten in ber 
Mühl’, die muß man doch abfüttern.” 

„Die Ratten allein freffen mein 
Gut nicht auf“, gab er zur Antwort. 

Ihr Geficht blieb freundlich. Sie 
ging an ihre Arbeit. Sie ftäubte mit 
Sorge die Kleider ihres Mannes aus, 
fie überzog jein Bett mit frifcher Lein- 
wand, fie jegte ihm das beftgefochte 
Ejien vor und hatte dazu ein gütiges 
Wort. Und auf al’ feine Rohheiten 
ſchwieg fie ftill. 

(Schluß folgt.) 


Fink. 


Was ich gethan und was id) lieh, 

Ihr werdet es einft nicht verbuchen... 
Wie meines Lebens Räthſel bieh, 

Richt noch in meinem Staube fuden. 


Ich weiß, es wird Vergeſſenheit 

Mein Loos — wie heute fie mein Hoffen — 
Nach troftlos langer, dunkler Zeit, 

Die ich durdjlebt, zu Tod getroffen. 


Vergeſſen, raſch vergeſſen wird 


Des heißen Herzens lautes Klagen... 


Der Schmerz nur dur die Lüfte irrt, 


Den meine Seele ftumm getragen. 


Ada Ehriften, 


262 


Der junge Better. 
Eine Gefhichte von A. C. Müller. 
(Schluß.) 


Sie berichtete den wichtigen Fall| fein, wie die Schreiberin dieſes Briefes 


mit allen Nebenumftänden an Freundin 
Helene, und mit mufterhafter Pünfkt: 
lichkeit jandte dieſe am dritten Tage 
eine lange, wohldurchdachte Antwort, 
die im Weſentlichen darauf hinauglief, 
daß die Herren gerade für diejenigen 
Damen das regfte Intereſſe hätten, 
die fie am meiften ärgerten ober quäl- 
ten; eine Anficht, die freilih Marga- 
retha nicht theilte, die das Bild durch— 
aus für eine Malice oder günftigften 
Falls für das Product der Langweile 
hielt, „in welcher er das Bild eines 
armen Mädchens carrifirte, welches ihm 
aus irgend welchem unbekannten Grunde 
nun einmal mißfiel*. 

„Intereſſe für mich!” fchrieb fie 
an Helene zurüd, — „ja, wenn i 
eine landwirthſchaftliche Mafchine wäre, 
ein Dampfpflug oder eine Patent-Egge, 
da möchte er mich vielleicht beachten. 
Du meinft, er habe mir doch eigent: 
li nie Beweife von Gehäffigfeit ge: 
geben, das ift richtig, aber er ift zu 
wobhlerzogen, um unböflih ober un: 
angemefjen gegen mich zu banbeln; 


ihn anfah, denn ſchon am Morgen nad) 
feiner Rückkehr begleitete er fie in den 
Gemüfegarten, wo fie Spargel jtechen 
wollte. Die Begleitung machte fie ei- 
nigermaßen verlegen und fie mußte 
nicht recht, wie fie fich mit ihm unter: 
halten follte. Um wenigſtens etwas zu 
lagen, fragte fie ihn, da fie ihn ohne 
die gewohnte Gigarre jah, warum er 
nicht rauche? 

„Ich glaubte bemerkt zu haben,” 
jagte er, „daß Ahnen der Rauch un: 
angenehm ift, und da Sie mir erlaubt 
haben, Sie zu begleiten, jo wollte ich 
Sie Ihre Güte nicht bereuen laſſen, 
indem ich Sie beläftigte.“ 

„Sie geniren mid) durchaus nicht. 


ch Aber jagen Sie mir, ift das Rauchen 


nicht eine feltfame Augewohnheit! Ich 
fann mir faum vorjtellen, welchen Ge: 
nuß es gewähren joll, eine Rolle trod: 
nen Krautes anzuzünden und dieſe in 
Brand zu halten.” 

„Das Rauchen,” entgegnete er, 
„it Doch etwas mehr, als Sie glauben. 
Diefe ſcheinbar nutzloſe, häßliche Be: 


ich ſchiebe ſeine Abneigung gegen mich ſchäftigung iſt von wohlthätiger Wir— 


einzig und allein auf perſönliche Ab— 
neigung; und mit dieſem Gedanken 
will ich mich beruhigen. Die Zeit 
meines hieſigen Aufenthaltes wird in 
nicht allzuweiter Ferne ablaufen, er 
wird ſchon früher nach Hauſe zurück— 
kehren, und was iſt dann weiter? 
Zwei Menſchenkinder ſind ſich auf ei— 
ner Station der großen Landſtraße des 
Lebens begegnet, haben ſich begrüßt, 
mit einander gegeſſen und getrunken 
und find dann nach verſchiedenen Rich: 
tungen auseinander gegangen, um — 
fich nicht wieder zu ſehen und fi zu 
vergeſſen.“ 


fung. Aus dem blauen, ſich ktäuſelnden 
Rauch, aus dem milden Aroma einer 
guten Cigarre entiteigen allerlei Ge— 
danfen und Empfindungen , oft poeti- 
ſcher Art, und diefe trodne Rolle ift 
ein angenehmer Geſellſchafter, der, 
wenn man mit ihm allein ift, die Lang: 
weile verſcheucht. Die Cigarre bejchäf: 
tiget ung; man muß fie pflegen, in 
Brand halten, die Aſche abſtoßen, aus 
dem Munde und in denjelben thun, 
furz, in jedem Nugenblide gewährt fle 
uns Beihäftigung, und offenbar wirkt 
fie belebend und anregend auf den 
Geift. Jeder Gelehrte, Staatsmann, 


Ganz jo mochte aber der Ange: | Feldherr und Dichter follte rauchen und 
klagte doch wohl nicht denken oder ich übertreibe wohl nicht, wenn ich 


— 2 


fage, daß brei Viertheile der Männer: 
welt wirflih der Havanna oder den 
Pfälzern huldigen.“ 

„Sie ſind ein beredter Anwalt 
Ihres Lieblings,“ ſagte Margaretha, 
„und in Anerkennung Ihrer Verdienſte 
erlaube ich Ihnen, jetzt einen braunen 
Sorgenbrecher als Freudenopfer zu 
Aſche zu verbrennen.“ 

Er machte von dieſem Anerbieten 
Gebrauch, und ſo ſchritten beide zu 
den Spurgelbeeten. 

„Man muß den Spargel von nun 
an in Ruhe laſſen,“ meinte er, „eine 
Zeit ift um, und wie Alles in der 
Welt muß er jegt Blüthe und Frucht 
treiben. Das ift der Zweck jedes 
Pflänzchens, das ijt ber Zweck ber 
lebenden Mejen, des All's.“ 

„So hat alſo aud die Menjchheit 
diefen Zweck?“ fragte Margaretha 
ſchüchtern. 

„Gewiß, ſie hat ihn.“ 

„Und was iſt die Blüthe des 
Lebens?“ 

„Die Liebe“, erwiderte er ernſt. 

Sie fühlte, wie ſie erröthete. Die 
Liebe die Blüthe des Lebens, Zweck 
des Daſeins, und ſie hatte dieſe Liebe 
ganz aus dem Leben ſtreichen wollen! 

„Und was iſt denn die Frucht des 
Lebens?“ fragte ſie weiter. 

„Unſere Werke,“ antwortete Wolf— 
gang, „das, was wir ſchaffen mit 
aller Kraft in dem uns zugewieſenen 
Kreis des Daſeins. Wer dieſen ausfüllt 
und ſchaffend mitarbeitet an dem Werk 
der Menſchheit — deſſen Leben hat 
Frucht getragen.“ 

Er brach ab; vielleicht bereute er, 
mit einem jungen Mädchen über ſolche 
Dinge geſprochen zu haben, und im 
nächſten Augenblick hatte er dem Ge— 
ſpräch eine ſcherzhafte Wendung ge— 
geben. 

Margaretha ſtach inzwiſchen den 
Spargel und legte ihn in das Körb— 
chen. Dabei fiel ihr das Meſſer aus 
der Hand, ſie bückte ſich und griff 
darnach, er gleichfalls, und, war es 
Zufall oder Abſicht, ſeine Hand ſtreifte 


die ihrige und hielt ſie eine Secunde 
lang; dann hielt er das Meſſer und 
überreichte es ihr. 

„Sie kennen den alten Aberglauben, 
daß überreichte Meſſer die Freund— 
ſchaft zerſchneiden,“ bemerkte er lächelnd, 
„ich denke, wir beide ſind von ſolchem 
Glauben frei.“ 

„Gewiß,“ ſagte ſie etwas zerſtreut, 
„ich denke an ganz andere Dinge.“ 

„Ei,“ meinte Wolfgang heiter, „ich 
möchte einmal in ein ſolches Köpfchen 
hineinſehen können und die bunten 
ſchelmiſchen Gedanken ſchauen, die da— 
rin niſten. Da iſt gewiß lauter Leben, 
Maienluſt und Blumenduft und Er— 
innerungen an die letzte Saiſon, an 
Cotillonorden, Bouquets und — “ 

Ein Blick aus ihrem Auge, der 
nicht gerade ſehr ermunternd war, 
veranlaßte ihn, ſich zu unterbrechen. 
Und indem er ihr die Hand hinhielt, 
fragte er ſie, ob ſie ihm zürne? 

Margaretha reichte ihm die ihrige, 
denn was ſollte ſie thun? Sie war 
froh, als die Arbeit beendet war und 
ſie dem Hauſe zuſchritten; aber nach— 
denklich hatte dieſer Vorfall fie doch 
gemacht, und fie war ziemlich fill und 
einfilbig, biß ber Onkel fie auf andere 
Gedanken brachte, indem er eine Fahrt 
zur Familie von Goben vorfchlug, die 
auf den Mittag angetreten wurde. 

Das Wetter war köftlih, die Ge- 
ſellſchaft, die man dort vorfand, ſehr 
animirt, der Herr Vetter, ganz Humor 
und Vergnügen, war aufgeräumt, wie 
ſie ihn noch nie geſehen hatte. Mar— 
garetha ſchob das auf Emmy's Nähe, 
und die junge Baroneſſe ſah mit ihrem 
Lockenköpfchen und in der hellen Som— 
mertoilette allerliebft aus und erzählte 
mit großer Xebendigfeit, wie viele 
Metzen Kirſchen, Beeren und Nüſſe ſie 
in dieſem Jahre einmachen wollte, 
welchen Ertrag die Obſtbäume ver— 
ſprachen, und Margaretha ſah ſchon 
im Geiſte Wolfgang als Emmy's Gat— 
ten und wünſchte den Beiden von gan— 
zem Herzen Glück, natürlich in Ge— 
danken. 


264 


Am Nachmittage unternahm man 


einer Frau nur eine MWirthichafterin 


einen Spaziergang nah einer alten | jehe? 


Burg, die in der Nähe des Gut lag 
und als eine reizende Ruine gerühmt 
war. Sin derjelben vertheilte fich bie 
Geſellſchaft in den verichiedenen meit- 


„Durchaus nicht,“ Tautete feine 
Antwort. „Kann man nicht das Eine 
thun, ohne das Andere zu laſſen? 
Kann eine Frau nicht reizende Gemälde 


läufigen Räumen, und Emmy nahm ſchaffen und doc eine gute Köchin fein, 


den Arm eines Hauptmanns von Bel: 
ter an, Wolfgang aber bot feiner ſchö— 


fann fie nit Beethovens Compofitio- 
nen jpielen und gut Gurfen einmachen, 


nen Gegnerin den Arm und führte | das Kochbuch jekt und Romane nad): 


fie duch Thore, Gänge und Gemächer, 
indem er mit großer Sadfenntniß bie 
Einrihtung einer alten Veſte erklärte. 
„Hier war der große Saal,“ fagte 
er, „in welchem bie Ritter fneipten; 
aber ich bedauere, gnädiges Fräulein, 
Ahnen eine Illuſion ftören zu müfjen. 
Unfere Romantiker haben uns meift jehr 
poetiiche Bilder von Nittern, Burg: 
fräulein und holden Liebesicenen ge: 
jchildert, die das Mittelalter in dich- 


ber leſen? Ich denfe, das wäre mög: 
ih, ebenfo gut, als ein Dichter ein 
jehr vernünftiger, praktiſcher und arbeit: 
jamer Mann jein fann und nicht mit 
Ichiefgetretenen Stiefeln, wallenden 
Loden und unjauberem Kragen als 
verfanntes Genie umberzulaufen braucht. 
Jedes Ding hat eben feine Zeit —“ 

„gupinen und Berje,“ warf fie 
muthmwillig ein. „Wollen fie auch dieje 
beiden Begriffe mit einander verjöh- 


teriichen Duft und Nebel hüllen. Lei: | nen ?“ 


der waren die Burafräulein ebenfo: 
wenig ätheriſche XTransparentwejen, 


„Ih kann es,“ ſagte er ruhig; 
„it die Lupine nicht eine ungemein 


al3 unjere modernen Damen. Wie dieje | buftige, freundliche Blume, ein poeti- 


ein Beefftead oder ein Dutzend Auftern, | 


einen Kelch Bier oder ein Glas Punſch 
nicht verihmähen, mit holdem Mund 
oft arg die Zofe auszanken oder in 
Küche und Keller rumoren, jo waren 
die Burgfräulein richtige Landpomeran- 
zen mit Schlüffelbund und Spinn— 
roden, die in der Milh: und Käſe— 
fammer, in der Küche und auf dem 
Boden wader mit angegriffen und 
keineswegs ein Gejhäft Daraus machten, 
feufzend auf dem Altan zu jtehen, 
Stidereien für den Geliebten zu machen 
und Zither ſchlagend den Rhein hinauf 
oder die Elbe hinunterzufchauen. Und 
die jo zart gemalten Ritter waren derbe 
Landjunker, die befjer im Pferdeſtall ala 
in der Literatur Bejcheid mußten. Dieje 
angedichtete Romantif hat mich von 
jeher geärgert, denn ich liebe die 
Salonpuppen nicht, weder im vier: 
zehnten, noch im neunzehnten Jahr: 
hundert.” 

Margaretha glaubte darin eine 
Anspielung jehen zu müflen, und fie 





ſches Kind der Flur, ein dankbares 
Geſchöpf des Bodens, der fie nährt, 
ein Sinnbild der Beicheidenheit? Und 
welchen reizenden Namen bat ihr ber 
Vollsmund gegeben: Je länger, je 
lieber! heißt fie. Iſt das nicht Schön 


‚und finnig? Iſt das nicht ein holdes 


Gelübde Liebender Herzen? Ye länger 
ich dich jehe, je lieber hab’ ih Dich; 
je länger ih Dich liebe, je lieber haft 
Du mich; je länger ih Dich hege, je 
Schöner ſcheinſt Du mir; je lieber ih 
Dich pflege, je theurer bin ih Dir. — 
Laſſen Sie die goldige Zupine gelten, 
liebe Margaretha, und bie Dichter da— 
zu, und,“ fuhr er lächelnd fort, „Gnade 
auch für Lupinendichter !” 

Die Vershen über die Qupine 
hatten Margarethen nicht mißfallen ; 
fie hätte gern gewußt, ob er fie 
jelbit gemacht. Aber fie wollte nicht 
darnach fragen, und Wolfgang machte 
fie fogleih auf die Sonne auf: 
merfjam, die jo eben in das Meer 
tauchte. Er verglich fie mit der Menſch— 


fragte etwas gereizt, ob er denn in heit, mit den Dingen der Welt, die 


265 
auch ihren Untergang finden; er er: ihm Necht, daß er die Melt nicht wiſ— 
innerte fie daran, daß die Natur im: |fen ließ, was in feinem Herzen vor: 
mer wieder aus fich jelbit erſteht, ſich ging; aber fie bedauerte ihn auch we: 
ewig neu verjüngt, und daß wir auf nen des Verluſts Emmy's, dem, jagte 
Gräbern wandeln und unjere Blumen | fie fih, wenn diefer Mann liebt, jo 
aus Grüften blühen; er zeigte, wie Ge- | geſchieht es gewiß mit der ganzen 


ſchlechter vor ung lebten und liebten und | Energie und dem ganzen Ernſt, ber 


vor uns hinabftiegen, daß Geſchlechter 
nah ung da fein werden und auf unfern 
Todtenhügeln jcherzen und fingen. 
Dann aber entjchuldigte er fich, 
ihr den ſchönen Abend, wie er es 
nannte, mit Philoſophien verdorben 
zu haben, die nicht einmal den Reiz 
des Neuen bejäßen, und führte fie hi- 
nab zu der übrigen Gefellihaft, die 
fi) wieder gejammelt hatte; und von 
da ab machte fi) der Hauptmann zu 
Margaretha’3 Cavalier und unterhielt 
fie höcht lebhaft von Prinzeſſin Eleo: 
nore, vom Frankfurter Pferderennen, 
von Verdi’3 Opern und von Hundes 
drefjur, bi8 man endlich daheim war, 
bald darauf zum Souper ging, und 
endlich zwei Stunden jpäter den Heim: 
weg antrat, Margaretha in der feften 
Ueberzeugung, daß zwifchen Wolfgang 
und Emmy nun „Alles richtig” jei. 
Wie ſehr jah fie fi deshalb drei 
Tage jpäter überrafht, als die Nach— 
riht bei der Tante und dem Onkel 
eintraf, daß Emmy fich verlobt hatte 
— mit dem Hauptmann von Zelter! 
Der Onkel las die Anzeige vor, und 
Margaretha meinte, Wolfgang müſſe 
fih jett entfärben und würde äußerſt 
überrajcht fein, aber er zündete nur 
ruhig eine neue Cigarre an und ſagte: 
„Das ift ja prächtig. Der Hauptmann 
it ein jehr braver Manı, und Emmy 
wird eine vortreffliche Hausfrau fein. ch 
wünſche ihnen von ganzem Herz Glück!“ 
Ja, es mar erjtaunlich, wie ſich 
diejer Herr Vetter in der Gewalt hatte! 
Keine Miene, kein Zuden feiner Lippen, 
fein Zittern der Stimme verrieth die 
Pein, die er nah Margaretha’s Ueber: 
zeugung doch fiher in diefem Augen: 


‚feinem Mejen eigen ift; und wenn 
ih auch mit ihm auf jchlechtem Fuße 
jtehe, jo muß ich doch zugeben, daß 
er ein ehrenwerther Mann ift. 

Eines nur war ihr unerflärlich, 
nämlih, warum Wolfgang, deifen Be: 
ſuch doch nur von furzer Dauer hatte 
fein jollen, noch immer nichts von jei- 
ner Abreife vernehmen ließ; aber fie 
hatte nicht viel Zeit, fi den Kopf 
darüber zu zerbrechen, denn jchon wieder 
gab es etwas Neues und zwar etwas 
ganz Unermwarteted. Von der Freundin 
Helene fam nämlich ein Brief mit der 
aufregenden Nachricht, daß Helene 
Braut ſei, die Braut des Aſſeſſors, der 
jeit einigen Monaten in ihres Vaters 
Haufe verkehrte. 

Das war abjheulich von der Freun— 
‚din, die damals in Margarethen’3 Ar- 
men geſchworen hatte, daß fie nie, 
niemal® „heiraten würde, weil Die 
Männer ſowohl im Ganzen als im 
Einzelnen unmwürdig wären, und nun! 
— Aber jo ſehr unangenehm mußte 
ein Brautftand doch auch nicht fein, 
denn in Helenens Brief war lauter 
Jubel und heller Sonnenſchein, und 
Margaretha hätte — matürlid nur 
aus Wißbegierde — gar zu gern eine 
Idee gehabt, wie einer Braut eigent: 
(ih zu Muthe ift; und hübſch mußte 
e3 Doch geweſen fein, als der Aſſeſſor 
zu Helenen gefommen war, vor ihr 
gefniet und ihr gejtanden hatte, daß er 
fie liebte, anbetete, vergötterte und daß 
fie allein ihn zum Glüdlichiten aller 
Sterblihen machen könnte, daß er aber 
fterben müßte, wenn Helene ihn ver: 
ftieße. Da hatte diefe natürlich feinen 
eventuellen Tod nicht auf ihr Gewif: 


blid in feinem Innern fühlte. Er blieb | fen nehmen mollen, und der Afjeflor 
ruhig, als ob nichts gejchehen wäre. | hatte fie gefüßt. Freilich Hatte fie erft 
Margaretha bewunderte ihn und gab die Abſicht zu jchreien, aber fie befann 


Kofeggers „Heimgarten‘* heſt 4. 18 


266 


fi doch wieder und ba das Küſſen 
gar nicht wehe that, jo Füßte fie wie: 
der — und das Alles lad nun Mar: 
garetha Schwarz auf weiß. Natürlich 
ging fofort ein langer, langer Antwort: 
brief mit Glückwünſchen nad ber Ne- 
ſidenz, und in der unvermeiblichen 
Nahichrift, die in dem Brief einer 
Dame niemals fehlen darf, jtanb fo 
Allerlei von Nefignation und das Ganze 
Ihloß mit der wehmüthigen Betrach— 
tung: „Entbehren und Entjagen ge: 
winnt das Himmelreich !” 

Und nun war gar noch Marge: 
retha’8 Geburtstag herangefommen. 

Heut wurde fie achtzehn Jahre, 
und das machte fie ehr, jehr nachdenklich. 

Der Onkel und die Tante waren 
die erften, die ihr gratulicten, dann 
famen ber Inſpektor, der Verwalter, 
die Haushälterin und das Gefinde. Alle 
hatten fie gern, das jah fie ihnen an, 
und rei, überreihlich wurde fie be— 
ſchenkt. Bon den Eltern kamen Ge- 
Ichenfe und Briefe, von Helenen eine 
lange Epijtel, die ganz warm war 
von heißer Freundfchaft und glühender 
Liebe, mit welcher auch die Braut 
noch ihrer gedachte und des Aſſeſſors 
Photographie überlandte, und Marga— 
reiha war jo glüdlih, fo froh, daß 
fie hätte binauslaufen mögen, um 
draußen im ftillen Walde mit ihrem 
Glück allein zu fein. Aber es regnete, 


liebte fie ja nicht und fie liebte ihn 
nicht, aber er hätte doch troß all’ jei- 
ner Abneigung gegen fie ſchon aus 
Höflichkeit rückſichtsvoll fein müſſen, 
hatten doch jelbft der Hauptmann und 
Emmy gejchrieben ! 

Da ließen fih Hufichläge auf dem 
Hofe vernehmen; fie hörte Wolfgangs 
Stimme und ein tiefer Groll gegen 
ihn überfam fie. Er ging in fein Zim— 
mer; er hatte fie vergefjen. Doch was 
war das? E3 Elopfte. 

„Herein.“ 

Die Thüre öffnete ſich — Wolf: 
gang trat, ſchnell umgekleidet, im ele— 
ganten Promenadenanzug in ihr Zim— 
mer, und ſie fühlte, wie ihr das Blut 
in's Geſicht ſtieg. 

„Verzeihen Sie, Fräulein Marga— 
retha“, ſagte er freundlich, „daß ich 
mir erlaube, Sie hier aufzuſuchen, 
und geſtatten Sie mir, Ihnen dieſes 
Bouquet als den beſcheidenen Herold 
meiner herzlichiten Glüdwünfche über: 
reihen zu dürfen, und nehmen Sie 
dies Album von mir an, es ilt ein 
ſolches, wie Sie vor einigen Tagen 
zu befigen wünſchten.“ 

Bouquet und Album waren in 
Wahrheit prächtig zu nennen; und in 
diefem Augenblid, wo Wolfgang fo 
freundlichrubig vor ihr jtand, hätte 
fie ihm nicht mehr böje jein können, 
und wenn er fie früher auch noch fo 


was vom Himmel wollte, und fo jaß ſehr gefränft hätte. 


fie denn bald allein in ihrem Zimmer 
faltete bie Hände und überdachte bie 
Zeit, die fie verlebt, Glück und Un: 
glüd, das fie erfahren. Achtzehn Jahre! 
Eine kurze Zeit und doch eine jo lange, 
der Mai des Lebens, die Blüthe des 
Dafeins. Aber der Mai ſchwindet und 
die Blüthe welkt, das junge Herz wird 
einft alt und das blonde Haar ergraut 
— fie wurde ganz ſchwermüthig . . 

Ale hatten gratulirt; nur er hatte 
fih nicht einmal jehen laffen; ja, er 
war, wie fie erfuhr, ganz in der Frühe 
fortgeritten, offenbar, um fie zu ver: 
meiden; und das fränfte fie tief. Sie 
hatte ja feine Anfprühe auf ihn, er 


Sie dankte ihm freundlich und be— 
mwunberte die Gejchenfe, In dieſem 
Augenblide trat die Tante ein. 

„Ab,“ rief fie, „ba ijt der Defer: 
teur alio wieder! Sieh’ nur, Kind, 
diefen Böſewicht; reitet uns in aller 
Frühe davon, jagt fait zwei Meilen 
im tolliten Regen —“ 

„Aber Tanthen — !* 

„Nein, feine Gnade! und macht 
denselben Weg zurüd, um uns aus 
der Stadt diejes Album zu holen.” 

„Und um meinetwillen find Sie 
in dieſem Unwetter jtundenlang zu 
Pferde geweſen,“ ſagte fie in großer Ver: 
legenheit, „wie fol ich Zhnen danken 2* 


267 


Sie reichte ihm die Hand und er 
füßte fie. Noch nie hatte fie ihn Je— 
mandes Hand küſſen jehen, fie glaubte, 
e3 jei dies gegen jeine Grundjäße — 
wenige Secunben jpäter war er, als 
ob er jein Thun bereute, aus dem 
Zimmer und die Tante folgte ihm. 

Erit bei der großen Haupt: und 
Staat3action des Tages, beim Feſtdiner 
zu Ehren „des achtzehnjährigen Din: 
gelchens,“ in nüchterner Proſa Margare: 
tha genannt, Jah fie ihn wieber, als fie im 
Vollbewußtſein ihres würdigen Alters 
und „unter der Laſt der Jahre gebückt“ 
in heller Sommertoilette in den Speife: 
jaal „ſchwebte“, um an der Seite bes 
„Lupinendichter8” der Küche der Tante 
alle Ehre zu erweifen. Der Herr Bet: 
ter brachte den Toajt auf die Gefeierte 
aus und ftieß mit ihr an, trank auch 
ein vollesGlas auf ihr Wohl, wurde dann 
aber jhweigjam, als ob diejer Toajt jein 


ganzes Waarenlager von Reden gewejen | 


und dasjelbe nun total erjchöpft wäre. 
Inzwiſchen hatte der Regen aufgehört, 
die Sonne lachte freundlich von oben 
und trodnete die naffe Erde, und Mar: 
garetha pilgerte auf eigene Fauft hinaus 
an den Strand und wanderte biejen 
entlang, das Köpfchen jo recht voll von 
allerlei Gedanken und Träumen, Plöß- 
lih vernahm fie Schritte Hinter fich, 
wandte fih um, und Molfgang trat 
grüßend zu ihr und reichte ihr Die Hand. 

„Darf ich Ahnen meine Begleitung 


anbieten, Fräulein Margaretha?” fragte, 


er, „oder ftöre ich Sie vielleicht in 
Ihren Gedanken, denen Sie foeben 
Audienz zu ertheilen jcheinen 2” 

„Wenn Sie mich geleiten wollen”, 
jagte fie, „jo wird e8 mir ſehr ange: 
nehm jein. Meine Gedanken können 
inzwischen im Vorzimmer Plat neh: 
men, und übrigens hoffe ich, daß Ihre 
Unterhaltung mich diefelben durchaus 
nicht wird vermiſſen lafjen.” 

„Da haben Sie eine jehr gute Mei- 
nung von mir,“ erwiederte er jcherzend, 
„und ich werde mich bemühen, mir 
dieje zu erhalten; mir liegt an der gu— 
ten Meinung jedes ehrlichen Menſchen.“ 


„And Halten Sie mich für einen 
ſolchen?“ 

„Ja; ohne Complimente. Dieſes 
Geſicht, Fräulein, kann nicht trügen, 
ſo wenig als die reine Sonne dort, 
die ihr goldnes Strahlenſiegel auf das 
blaue Himmelszelt gedrückt hat.“ 

„Der ſchöne Tag begeiſtert Sie 
zu dichteriſchen Bildern; das iſt mir 
neu an Ihnen; ich glaubte, Sie hul— 
digten nur dem realen Sein und lach— 
ten über uns ſentimentale Seelen.“ 

„O nein; jeder Menſch iſt eigent— 
lich Dichter“, entgegnete er, „und 
nebenſächlich iſt es, ob er ſeine Dich— 
tungen der Preſſe übergibt, oder ob 
er ſie für ſich behält, vielleicht ver— 
ſchließt. Die Fähigkeit des Reimens 
macht den Dichter nicht.“ 

„Sie ſagen, jeder Menſch ſei Dich— 
Gilt es demnach von Ihnen auch?“ 
„Es gilt,“ ſagte er lächelnd. 
„Alſo iſt es wahr,“ rief fie, „was 
ih ſchon vor Wochen hörte! Und den- 
noch haben Sie uns Ihre Werke vor: 
enthalten. Das ift ein Unrecht gegen 
ung —“ 

„Das Sie mir, bitte ich, verzeihen 
wollen! Wenn es Ahnen Vergnügen 
macht, jo werde ich mir erlauben, bei 
unferer Rückkehr Ihnen meine Bücher 
zu überreihen. Unfere Dichtungen find 
die Ergänzungen unſeres Thuns. Sie 
haben mich im Uebrigen fennen ge: 
lernt, mögen Sie nun Ihr Urtheil 
über mich vervolljtändigen; ich hoffe 
und wünjche, daß e3 nicht allzu ftreng 
ausfalle. Ich habe in mir das Pro— 
blem zu löſen verſucht, ein thätiger, 
praftiiher und nüchterner Mann zu 
jein und doch mir die Poeſie des Le— 
bens, die Wärme des Gefühls, Die 
Idealität der Anfchauungen zu be: 
wahren.” 

„Es iſt Ihnen gelungen,” jagte 
Margaretha nachdenklich. „Ich hatte 
oft den Wunſch, einen Dichter zu ſehen; 
dieſer Wunſch iſt nun erfüllt —; frei— 
lich ſind Sie anders, als ich mir in 
meiner Phantaſie einen Muſenſohn ge— 
dacht hatte, und ich geſtehe Ihnen offen, 

18* 


ter. 





268 


daß mir Doppelflinte, Sautgetreide, 
Patentpflüge und Dreſchmaſchinen an: 
fänglic als jehr wunderliche Attribute 
eines Poeten erjchienen find ; aber ich 
babe dieje Widerfprüche jet mit einau— 
der verjöhnt, weil ich fie in Ihnen 





verjöhnt finde.” 

„IH danke Ihnen für Ihre gute 
Meinung über mich,“ unterbrad er 
fie. „Aber e8 wird Zeit, an ben Heim: 
weg zu denken; die Tante erwartet 
und zum Eſſen, und, ehrlich geitanden, 
ic habe auch noch nicht gelernt, Son: 
nenſchein zu jpeifen und Mailüfte oder 
Zephyrwinde dazu zu trinken.“ 

Er bot ihre den Arm und fchritt 
langjam mit ihr dem Haufe zu, wo 
die Tante bereits ihrer wartete. Eine 
halbe Stunde fpäter war Margaretha 
im Befige der verjprochenen Bücher 
und war nicht wenig überraſcht, in 
ihnen Gedichte und Erzählungen wieder: 
zufinden, die im legten Winter in der 
Refivenz fo bedeutendes Auffehen er: 
regt hatten, um fo mehr, da ber Ver: | 
faſſer derjelben nicht befannt geworden 
war. Beſonders aber interejjirte fie 
der legte, ihr noch völlig unbekannte 
Band, der furzweg „Eine Gejchichte 
aus dem Leben” benannt war. Ya, 
das war wirklich aus dem Leben, aus 
dem vollen, warmen Leben, jo einfach 
und doc fo großartig, jo tief poetifch 
empfunden und gefhildert, jo alle Luft 
und alles Leid zujammenfaflend, daß 
fie mehr als einmal das Buch nieder: 
legte und fich fragte, ob dies wirklich 


derjelbe Mann gejchrieben, ber da vor | 


ihr wandelte, der mit ihr im Wagen 
gejeffen, der fie beim Regen in den 
Mantel gewickelt und ihren Eierfuchen 
gelobt hatte — der Lupinendichter ! 

Sie ſetzte fih am Abend an den 
Schreibtiih und trug etwas in ihr 
Tagebuch ein; und da wir einen Paſſe— 
partout als Schriftiteller Haben, fo 
haben wir der ſchönen Gorrefpondentin 
über. die Schulter gejehen — natür: 
ih nur im Intereſſe unferer verehr: 
ten Leſerinnen — und geben bier den 
betreffenden Abjchnitt wieder: Vortreff- 


liher Mann, Wolfgang, Dichter von 
Gottes Gnaden, vergieb mir den jchnö- 
den Lupinendichter, den ich Dir in 
meiner Unwifjfenheit angehängt Habe, 
vergieb mir alle meine Fieinen Bos— 
heiten und die ſchlechte Meinung, die 
ich von Dir hatte, denn fiehe, ich thue 
Abbitte, zwar nicht auf meinen Knien 
in Anbetracht meiner neuen Nobe, und 
weil es nicht reputirlich wäre für eine 
junge Dame aus der Nefidenz, aber 
verzeihe mir meine Ungezogenheit, wie 
ih Dir die Beiftiftzeichnung „Salon: 
puppe und Hausfrau” und nicht mins 
der das unbefugte Einwickeln von da— 
mals vergebe. Du bilt ruhiger und 
verjtändiger gewejen, als ic), aber das 
war, genau genommen, natürlich, denn 
Dein Taufihein zeigt ein um mehr 
als zehn Jahre älteres Datum, als 
der meinige, und außerdem gehörft 
Du zum ftärferen Gejchlecht, was bei 
Deiner Fräftigen Figur ganz augen: 
fällig ift, ich aber zu dem jchwächeren, 
oder, wie Du bei der Strohhut:Affaire 
als wohlerzogener Mann behauptet 
haft, zu dem jchönen Gejchleht. Nur 
noch einmal, mein braver Lupinendich- 
ter, erlaube mir, Dir diefen Namen 
zu geben und Dir zu bemerken, daß 
ih jetzt vollftändige Buße gethan und 
mein Gewiſſen Dir gegenüber falvirt 
habe. Damit mußt Du zufrieden fein, 
wenn Du es auch nicht gehört haft, 
denn es ift das Neußerfte, wozu ſich 
Deine Hausgenoffin verjtehen kann. 
Punktum. 

Nun war aber der für Marga— 
retha's Abreiſe beſtimmte Termin nahe 
gerückt; es wurde Zeit, daß ſie ernſt— 
lich an den Abſchied dachte, und ſo 
beſuchte ſie denn noch einmal alle die 
Orte, die ihr lieb geworden waren, 
meiſt begleitet von dem pfiffigen weiß— 
gelben Dock, der faſt nie mehr von 
ihrer Seite wich und den der Onkel 
ihr als Geſchenk zugeſagt hatte. Auch 
Wolfgang ſprach von ſeiner Abreiſe, 
und Margarethen fiel das Wort ſchwer 
auf's Herz; ja, als ſie allein war, 
kamen ihr Thränen in die Augen. 


269 


E3 ift eben ein eigen Ding, von einem | Scheidend wäre und — bat Marga: 
Menjhen gehen, mit dem man ſo retha um Berzeihung, wenn er fie je: 
mandhen Tag gemeinjam gelebt, den mals irgendwie gefränft haben follte, 
man jchäßen und würdigen gelernt |und daß fie ihm eine freundliche Erin- 
bat; und ganz melandoliih mar fie, |nerung bewahren möchte. Damit leerte 
al3 am Nachmittag ein Spaziergang er fein Glas auf ihr Glück und Wohl: 
unternommen wurde, vermutblich der |ergehen, nachdem er mit ihr angeftoßen. 
legte. War es Zufall oder Abſicht, Nach dem Effen muficirte er mit ihr 
fie trug den Strobhut, der damals |und ſang Geibel’3 Gondellied, welches 
ihre erjte Belanntichaft mit Wolfgang er damald auf dem Meere gefungen 
vermittelt hatte, und er, er führte bie | hatte: 
Gejellichaft gerade nad der Stelle am) O komm’ zu mir, wenn durd die Nacht 
Strande, wo dies gejchehen war — | Wandelt das Sternenheer! 
und erzählte ſcherzend die ganze Ge: | So hatte feine Stimme noch nie ge: 
Ihichte, zur Beglaubigung — Mar: | Elungen; jo hatte fih Margaretha noch 
garethen’s Strauß, hübſch getrodnet, |nie ergriffen gefühlt, und als gar die 
aus einem kleinen Etui präfentirend. | Worte kamen: 

„Er hatte ihn alfo nicht in’8 Meer | Das ift für Liebende die Stund', 
geworfen“, dachte Margaretha, „das Lieben, wie ih und Du; 
gefchieht erit, wenn ich fort bin.” Sie da hätte fie ihm um den Hals — 
wagte nicht aufzubliden und bejchäf: | doch nein, das ſchickte ſich ja nicht für 
tigte fich angelegentlich mit dem Hunde, |ein wohlerzogenes junges Mädchen, 
der mit ihr gehen und Nefivenzbe: | und es unterblieb; aber das Herz hätte 
wohner werben follte, von dem aber ihr jpringen mögen. Glücklicher Weiſe 
Wolfgang mit feinem Lächeln behaup- fam der Onkel dazu und unterbrach 
tete, daß das treue weißgelbe Land: fie, und fie dankte ihm innerlich für 
find dennoch wohl feine Tage einft im | diefe Dazwiſchenkunft. 
Dorf beichließen würde, eine Neuße: Stunde auf Stunde verrann und 
rung, die Margaretha nicht ver: |fie wurde immer unruhiger; alles Den: 
fand. — — — fe, alles PVhilofophiren ließ fie im 

Und nun war endlich der vorlegte Stih, ihr Verſtand war ohnmächtig, 
Tag erihienen, und mit ihm ſtellten als das Herz ſprach, am Liebjten wäre 
fih in Margaretha’s Köpfchen zahl: | fie fogleih davon gefahren, um mur 
reihe Gedanken ein, und endlich kam) der Dual zu entriunen. Sie war in 
fie zu dem Schluffe, daß es aut jei, ihr Zimmer gegangen und lehnte ſich 
daß ſie ſcheide und Wolfgang nicht in ihr Sopha; ſie ſchloß die Augen, 
mehr wiederſehe. Aber ein | | um nichts zu denken, aber da erjt recht 
Andenken wollte fie ihm bewahren, |famen ihr taufend und aber tauſend 
hatte ſie doch von ihm ſo manches ge- Gedanken; aus allen Winkeln und 
lernt, hatte ſie ſich doch, ohne es ſelbſt Ecken ſchlüpften ſie hervor und um— 
zu ahnen, an ſeiner geiſtigen Reife tanzten fie, und fie fühlte ſich jo recht 
und Weberlegenheit herangebildet, wie | unglücklich, daß es zum Herzbrechen war. 
ihr jegt plöglih Har wurde, Mochte | Südlicher Weiſe geht es mit dem 
er nun fie immerhin vergeſſen — was | Herzbrechen nicht jo eilig, und das 
that es, was war fie ihm! Und dann | mar gut. 
— aber fie wollte gar nicht mehr an Enblich eilte fie hinaus und fuchte 
ihn denken, das hatte fie fich Schon Ruhe im Garten. 
längſt vorgenommen. Wolfgang war Am Rande des Gartens erhob fich 
an diefem Tage merkwürdig fill; bei ein Hügel mit blühendem Gehölz und 
Tiſch ergriff er fein Glas und erin: am Fuße desſelben ftand eine Bank 
nerte daran, daß dies der Tag des von Gebüſch umgeben, fo heimlich und 





270 


lauſchig, Jo einfam und traulich, daß 
fie Margarethen immer ber liebfte Plat 
und der Ort ihrer Träume geweſen 
war. Sie ſetzte ſich nieder und hatte 
bald die Welt und Alles um fich ver: 
geſſen. Mechanifch zeichnete fie mit 


ihrem Sonnenſchirm Kreife und Linien 


auf den Boben. 

Wie lange fie jo geſeſſen hatte, 
mußte fie nicht; da vernahm fie plöß- 
ih Schritte unmittelbar an ihrer 
Seite; fie blidte auf, und — Wolf: 
gang ftand neben ihr. 


Mit der ihm eigenen freundlichen 
Ruhe begann er das Geſpräch: 

„Berzeihen Sie, wenn ih Ihre 
Einjamteit ftöre”, fagte er, „wenn Sie 
befehlen, ziehe ich mich fogleich zurück.“ 

Margaretha lud ihn zum Sigen ein. 


„Sie haben“, fing er wieder an, 
„Ion Alles zu Ihrer Abreife vorbe- 
reitet; Sie wollen alſo wirklich mor: 
gen fort?“ 

Sie bejahte dies. 

„Und Sie jcheiden ohne Bedauern 
von diefem friedlihen Ort?“ 

„Ohne Bedauern? Nein, Hier ift 
mir Alles lieb geworden, und es wird 
mir jchwer, davon zu gehen. Aber 
einmal muß doch Abichied genom: 
men werben, und je jpäter e8 ge: 


„Wenn Menfhen auseinander gehn, 

So jagen fie: Auf Miederfehn !" 

Er fette fih neben fie, während er 
bisher geftanden hatte. Dann fuhr 
er fort: 

„Fräulein Margaretha, ein gütiges 
Geſchick hat Sie auf meinen Weg ge: 
führt, und lange habe ich das Glüd 
gehabt, unter einem Dache mit Ihnen 
zu wohnen, mit Ihnen zu leben. Sept 
wollen Sie gehen, und Alle fehen Sie 
mit Schmerz fcheiden, alle Herzen be: 
wahren Ihnen eine treue Erinnerung ; 
— dürfen wir hoffen, daß aud Sie 
uns nicht vergefjen werden; dürfen wir 
glauben, daß Sie aud in der Ferne 
an die Strandbewohner zurückdenken?“ 

„Gewiß, gewiß!“ 

„Und wenn Sie fo in ftillen Stun: 
den träumen, fi erinnern an bie 
Tage, die Sie hier verlebten, darf ich 
zu hoffen wagen, daß auch ih in 
Ihrem Gedächtniß Tebe, daß Sie —“ 

Er faßte ihre Hand mit feiner 
Rechten; fie wollte ſich erheben; aber 
er hielt fie mit ſanfter Gewalt zurüd. 

„Nein, gehen Sie nicht, Marga: 
retha”, bat er bewegt, „bleiben Sie, 
ich bitte! Ich kann nicht ſcheiden, kann 
nicht ſo von Ihnen gehen, und dieſe 
ſchöne Stunde darf noch nicht enden. 
Margaretha, was ich ſeit vielen Wo— 


ſchieht, deſto ſchwerer möchte es fein.“ | chen tief im Herzen trage, ein Geheim— 


„Sie haben Recht,“ ermwiberte er 
finnend, „wir find ja überhaupt nur 
Gäſte auf Erden, und unjer Reben ift, 
genau genommen, nur ein immer wie: 
derholtes Gehen und Kommen. Bald 
jo, bald fo, bald hier, bald dort jchei- 
den wir von Menjchen und Dingen, 
mit denen wir lebten und vielleicht 
fogar glüdlich waren. Und nur ein 
Troft bleibt uns in diefem Lauf der 
Welt.” — 

„Und diefer Troft iſt?“ 

„Das Wiederſehen!“ — — 

„Und doch“, meinte Margaretha, 
„lollte, wer jcheidet, immer jcheiben, 
als ob er niemals wiederkehrte.“ 

„O nein, nein!“ unterbrach Wolf: 
gang fie lebhaft: 


niß, das mich unſäglich elend und 
unſäglich glüdlih macht, Sie müſſen 
e3 erfahren, und von Ihren Lippen 
will ich mein Urtheil hören! Marga— 
retha“ — und leije legte er den Arm 
um ihre Schulter, „ich liebe Dich, ich 
liebe Dih mit aller Kraft meiner 
Seele, jeit jenem Tage, wo Du mir 
den Strauß gegeben haft; ich liebe 
Dih und Dein Bild, Dein ſüßes Bild 
allein erfüllt mein Herz, mein ganzes 
Sein und Denken; und nun, nun 
ſprich: Iſt die Hoffnung, die ich hegte, 
Deine Gegenliebe zu erwerben, ift fie 
ein leerer Traum geweſen, oder darf 
ih Did in meine Arme jchließen, 
darf ich dies Köpfchen an meine Bruft 
lehnen — Margaretha ?“ 


271 


Sie wußte nicht, wie e3 gefommen 
war, aber feine Arme umijchlangen 
fie, ihr Haupt ruhte an feinem Her: 
zen, fie mweinte vor Wonne und Selia- 
feit, und dann ein langer, langer Kuß, 
und ihre Hände lagen ineinander; die 
Bäume raufchten, die Blumen nidten, 
die jcheidende Sonne übergoß die bei: 
den Liebenden mit ihren vothglübenden 
Strahlen. 

„Margaretha, meine Margaretha!“ 
jubelte Wolfgang, und fie flüfterte ſei— 
nen Namen, und es war eine Stunde, 
wie fie eben nur einmal im Menfchen: 
leben blühen kann. Zwei glüdliche 
Menſchen dachten den höchiten aller 
Gedanken, fühlten das hehrſte aller 
Gefühle: die Liebe. Und nun erzählte 
er ihr, wie er fie gleich zu Anfang 
gern gehabt; aber er hatte es nicht 
merken laffen, um fie erit zu ftubiren 
und kennen zu lernen, denn er hatte 
fie der Gaderobe wegen für eine ober: 
flächliche Salondame angejehen. Dann 
aber im Berlauf der Zeit war er eines 
Beiferen belehrt worden, und ganz 
hatte jie jein Herz gewonnen, als er 
ſah, daß fie aud für das Praktiſche 
reges Jntereſſe hatte. 

Ihr unbemerkt hatte der Böſewicht 
ſie erzogen; ohne es zu wollen, hatte 
ſie ſich nach ihm gebildet. Er meinte, 
nun paßten ſie Beide zu einander, wie 


nur zwei Seelen paſſen könnten, und 


er hatte Recht. Es war abſcheulich 
von ihm, jo mit ihr zu verfahren. 
Aber er leitete nun auch Abbitte, 

So ſcherzten, lachten, plauberten 
fie miteinander. Da erichallte des On— 
fel3 Stimme im Garten, welche nad) 
Margaretha rief. 

Sie ftand auf. 

„Laß uns gehen,” fagte fie, „und 
Deinem Princip getreu das Praktiſche 
mit dem SYdealen, das Poetiſche mit 
dem Materiellen harmoniſch zu ver: 
binden, wollen wir dem Souper ber 
Tante unfere Aufmerkjamfeit ermweijen. 
Er milligte fröhlich ein; und bevor fie 
ih noch widerfegen konnte, ergriff er 
fie, hob fie empor, wie ein Kind, und 





trug fie jubelnd duch den Garten, 
obgleich fie fich fträubte. 

Bor der Laube ftand die Tante, 
im Begriff, ein Brett mit Tellern auf 
den Tiſch zu ſetzen, als fie die Beiden 
erblidte. 

„Um Gottes Willen, Wolfgang“, 
tief fie ihm entgegen, „was gibt es 
denn 2?” 

„Eine niedlihe Kleine Braut!” 
jubelte er laut, „und einen glüdlichen 
Bräutigam!” 

In demjelben Augenblid flogen 
Brett und Teller klirrend auf den Bo: 
den; Wolfgang aber der Unmenſch, 
legte die kleine Margaretha in bie 
Arme der Tante, die nun Beide um 
die Wette herzte und füßte, daß ihr 
die hellen Thränen über die Wangen 
liefen. Der Onkel fam natürlich bald 
hinzu, und die Scene jpielte noch ein: 
mal. Margaretha weinte mit; ber 
Onkel und Wolfgang lachten; Dod 
bellte Iuftig dazwijchen. Da hob Wolf: 
gang den Hund empor und rief: 
„Sieht Du, Dod, Du kommſt nun 
doch nicht in die Nefidenz, Du gutes 
Vieh! Das fleine Gretchen bleibt ja 
jelber auf dem Lande und an ber 
See und wird nun — im Vertrauen 
gejagt — die allerliebite Landpome— 
ranze!“ 

„Wolfgang“, ſagte der Onkel, „Du 
haſt mehr Glück, als Du verdienſt!“ 

„Ich weiß es“, rief er lachend, 
„aber ich bin nicht böſe darüber!“ 

Noch an demſelben Abend ging 
die telegraphiſche Meldung von dem 
Geſchehenen an Margaretha's Eltern, 
und demnächſt an Helene ein Brief, 
deſſen letzte Worte unſere ebenſo lehr— 
reiche als wahrhaftige Geſchichte be— 
enden ſollen: 

m. + Wolfgang tritt in dieſem 
Moment zu mir und trägt mir herz: 
lihe Grüße an Dich auf, die ich hier: 
mit ausrichte. Bald jehe ich Dich wie: 
der und umarme Dich; bis dahin ge: 
dulde Dich und — der Herr Rupinen: 
dichter küßt mich eben auf den Mund 
und meint, das jei der befte Schluß !"— 


272 


Hausfprüde. 


Bon Hans Grasberger. 


Der befte Grund, der eig'ne Grund, 
Das fchönfte Haus, das eig'ne Haus, 
Der beite Wein vom eig'nen Spund; 
Erwerben macht den Segen aus. 


Rechtſchaffen 

Heißt Recht ſchaffen. 
Mit einem Thunichtgut 
Thut's nicht gut. 





Die Sindfluth fteigt, ein off'nes Grab, 
Der Wirbel faßt und fehlingt hinab, 
Entweicht, fo lang es Zeit, dem Grant, 
Der Rettung Arche heißt: das Haus. 


Haft gleich den ftattlihen Palaſt Du, 
Du fühlt in ihm Did nicht zu Haus, 
Und diefe Billa, jene haft Du, 

Und füllft der Häuſer Feines aus, 
Statt Ruhe findeft farge Raſt Du, 
Dieweil dahier ein flüchtiger Gaft Du. 





Nicht jedes fremde Bette 

It eine Schlummerftätte;, 

Man muß im neuen Rod erft ſchwitzen, 
Dann wird er ſitzen. 

Und wer fein häuslich Glück will rein leben, 
Muß erft ſich einleben. 

Der Unraft Wildnik muß durchmeflen fein, 
Des Haufes Friede will erfeffen fein. 





Das ABE. 


Die Wildheit, die Verwilderung 
Sind Eins, ob alt, ob jung; 

Man muß in beiden fhlimmen Lagen 
Nach gleihen Rettungsmitteln fragen 
Und predigen wie vor und ch 
Kultur, der wahren, ABC: 

Bom Boden, der und Alle nährt, 


Daß Pflug und Art und Spaten ehrt, 

Daß Arbeit Pflicht, dab Schwindel ſchändet, 
Daß Eins dem Andern ift verpfündet, 

Daß Redlich edler ift als Klug 

Und Zuviel weniger als Genug, 

Daß Mürde ging und Bildung aus 

Rom eignen Zelt, vom Heim und feften Haus. 





Der Plug. 


Bedenke Jeder, der fein Brot verzehrt, 
Was er dem Boden ſchulde, der uns währt. 


Gefiel's dem Bauer, diefes Jahr zu raften, 
So müßten Spaten, Schwert und Feder faften. 


Mie body der Geift zu nehmen wagt den Flug, 
Ein Faden Mnüpft, ein Tau ihn an den Pflug. 


Ein Cato, wißt, hat Aderbau "getrieben, 
Virgilius Georgica gefchrieben. 


Vom Pflug eilt Eincinnat zum Schladhtenglüd 
Und kehrt, ein Held, zu feinem Pflug zurüd. 


Den Garten zu Salonä zu beitellen, 
Läßt Iovius fein Meich den Heergefellen. 


Denkt, wer „Der Bauer ift fein Spielzeug‘ 
fang, 

Als noch der Vogt das Volk zur Robot zwang. 

Ein Gröf’rer fang vom ew’gen Stiftungsbunde 

Des Menſchen mit dem mütterlihen Grunde. 


Noch wirft die Weihe jener Scholle nad, 

Die Iofef einft, der Menſchheit Schätzer, brad. 

Der Menſch, der edle, liebt die gute Erde 

Und theilt den Schweiß, auf daf fie fruchtbar 
werde ; 


Was er auch wagt und fchafft mit Mannes- 
nutb, 
Ein Theil der Sorgen kommt dod ihr zugut. 


273 


Die Salzburger 


in Oftpreußen. 


Von R. 3. Schröer. 


Da mid diefen Sommer befondere 
Verhältniffe privater Natur in das 
ferne Oftpreußen führten, das nicht 
jo bald ein Defterreiher zur Sommer: 
friſche wählen wird, beichäftigte mich 
überall der Gedanfe: wie e8 denn ge- 
fommen, daß aus diefem uriprünglich 
nicht einmal deutjchen Erdenwinkel die 
Großmacht Preußen und damit aud) 
das mächtige neue deutiche Kaiſerthum 
hervorgehen konnte. Was mar 
Preußen im 12. und 13. Jahrhundert? 
eine Wildniß, bewohnt von barbarifchen, 
heidniſchen Völkern. Das war die Zeit 
ber erften Blüthe der deutjchen Lite: 
ratur, als Defterreih allen andern 
deutſchen Gauen voranftand, als dort 
die Lieder der deutſchen Heldenjage 
ihre legte Geftalt gewannen und ver 
Hof von Wien die gepriefene Freiftätte 
der deutichen Dihtung war! — Wal— 
ther von der Vogelweide war längit 
Ihon todt und die Blüthezeit des deut: 
Then Minnelanges vorüber, als Königs: 
berg gegründet wurde. Ottokar von | 
Böhmen und Marfgraf Dtto von 





In den erjten Tagen meines Aufent: 
haltes hier war ich von einer gräfli: 
chen Familie auf dem Lande zu einem 
Kinderfeft geladen. Solche Kinderfeite 
geben hier, immer einmal im Sommer, 
die Gutsbeſitzer den Schulkinder, bie 
fih auf der Herrichaft befinden. Da 
famen nun die Kinder, von den Leh— 
rern geführt, aus verfchiedenen Orten 
in den gräflihen Park angezogen, alle 
mit ſchwarzweißen Fähnchen, nur Eine 
große deutsche Fahne mar zu ſehen. 
Es wurden nun Kinderipiele im Freien 
angeordnet und die Kinder wurden 
mit Speife und Tranf erquidt, und 
am Abend fammelten und orbneten 
ih die Schaaren wieder vor dem 
Schloffe, e8 wurden Danfreden gehal: 
ten vom evangeliihen Pfarrer und 
einem Lehrer, dabei ward des deut: 
chen Naterlandes und des deutjchen 
Kaiſers und preußiichen Königs ge: 
dacht, und mit der preußifchen Volfs- 
hymne marjchirten fie mit ihren ſchwarz— 
weißen Fahnen wieder ab. — Auf 
mich machte bejonders die Erjcheinung 


Brandenburg brachen mit einem Kreuz: | Eindrud, wie die ſchwarzweiße Fahre 
heere, zur Befehrung der Heiden, im hier doch noch im Ehren jteht, der 
Fahre 1255 in Samland ein und er: | preußiiche Staatsgedanfe! Soll ih an 


bauten in dem Walde Twomgſte die 
Feſte Königsberg, die dann 1457 zum 
Site des Hochmeiſters des deutichen 
Drden® und 1525 bis 1618 unter 
den preußifchen Herzogen zur Haupt: 
Habt Preußens erwachſen follte. Erſt 
1618 fiel Preußen an Brandenburg. 
Welch' glänzende Stellung nahm indeß, 
jeit dem 13. Jahrhundert in Deutjch: 
land Deiterreih ein! Ihm ſchien dje 
Sendung der Führerfchaft in Deutich- 
land zugefallen, durch fein Herrſcher— 
haus jchien es beitimmt, den alten 





Glanz eines mächtigen deutſchen Reis | 


ches wieder herzuftellen, eine Sendung, 


die dann auf das Fleine Preußen über: | 
gegangen und von ihm nun erfüllt u] 


— Wie ift das nur gefommen? — 





den öſterreichiſchen Staatsgedanken er: 
innern, an die Farben jchwarz:gelb ? 
In meiner Jugend waren e3 noch die 
Reichsfarben, auch in Ungarn und 
Siebenbürgen ſah man fie noch. Und 
jest! — Man fürdte hier nicht eine 
Glorifivation von Schwarzweiß und 
Schwarzgelb mit allem was darunter 
veritanden wird leider identificirte 
fih mit dem Staatsgedanken auf bei: 
den Seiten die Neaction; ich ſah mich 
nur zu einer Parallele veranlaßt beim 
Anblid jener ſchwarz-weißen Fähnchen ! 
Sie erinnerten mih an einen ftarfen 
Staat, erfüllt von ftarfem Willen, der 
von Erfolgen begleitet iſt. 

Tiefer noch griff mir 
al3 Defterreiher an’3 Herz eine andere 


— — — 


274 


Erſcheinung in Oftpreußen: bie bier 
1732 augefievelten Salzburger! 
Neihe Grundbefiger, angejehene, in 
hoher Achtung ftehende Männer der 
Bevölkerung, namentlich von Preußiſch— 
githauen, find die Nachkommen jener 
Salzburger, die um 1732, weil fie 
Proteftanten waren, auswandern muß 
ten! Daß das Erzbistum Salzburg, 
nicht Defterreich, jene Proteitanten ver: 
trieben habe, kann mich als Defter: 
reicher über das Geſchehene nicht be: 
ruhigen, wenn ich an die ähnlichen Aus: 
treibungen in Ober: und Niederöfter: 
reich, Steiermark 2c. denke. Das Dogma, 
um das es ſich handelte, findet heut: 
zutage wenig Theilnahme bei der gegen 
Glaubensſachen theilnahmslofen Welt 
und ich will davon hier nicht |prechen. 
Daß aber jene einfachen Menſchen von 
einer unmiberftehlichen Macht, wie von 
einer Naturnothwendigfeit getrieben 
waren, fi von der römifchen Hierar— 
hie loszufagen, wird jeder Unbefan— 
gene erkennen, Der erwägt, daß bie 
Erſcheinung gleichzeitig in der ganzen 
germanifchen Welt auftrat, bei Eng- 
ländern, Schweden, Dänen, Holländern 
und Deutichen. Die germanifche Welt 
jprengte die römischen Feſſeln. Es voll: 
309 fi) die große Scheidung zwiſchen 
der romanifhen und germanijchen 
Melt! — 

Es ift nicht von geringer Bedeu— 
tung, daß die preußiichen Herricher 
diefer die germanifche Welt bewegen: 
den Strömung von Anfang an mit 
aller Entichiedenheit fih anſchloſſen. 
Schon 1544 gründeten nnter andern 
auch die Herzoge von Preußen bie 
Univerfität zu Königsberg mit rein 
proteftantiihem Charakter. — 

In Salzburg hatte der Proteftan: 
tiömus, ſchon im Jahre 1520 Wurzel 
gefaßt. Als der Erzbifchof Lange einen 
gewiffen Mathäus wegen Verbreitung 
evangelifher Lehre gefangen nehmen 
ließ, befreitenihndie Bauern. 
In nächiter Umgebung des Erzbiſchofs 
befand fich Luthers Freund Johann 
von Staupit als Hofprediger, und Paul 


Speratus verfündigte im Dom zu Salz: 
burg die evangeliſche Lehre. Wohl er: 
ſchrak der Erzbifchof darüber und Spe— 
ratus mußte vor feinen Werfolgungen 
nah Wittenberg zu Luther flüchten. 
Er ftarb zu Königsberg in Preußen 
1554 als evangelifher Biſchof, ein 
Vorgänger der fpäter vertriebenen, 
nah Preußen ausgewanderten Salz: 
burger. Denn der Proteftantismus 
war in Salzburg nicht auszurotten, 
wen: man aud die proteftantiichen 
Prediger vertrieb und hinrichtete. Schon 
1588 erfchien ein erzbifchöfliches Ebdict, 
durh das alle Proteflanten Landes 
verwiejen wurden. Es wanderten ſchon 
damals Viele aus, aber bei den Zu: 
rücbleibenden mwurzelte im Geheimen 
(fort der Proteftantismus. In ben 
Jahren 1613—1615 fanden PVerfol: 
gungen der Proteftanten ftatt, daß 
man denfen fonnte, nun müſſe bie 
neue Lehre bi auf die legte Spur 
vertilgt fein. Bei alledem blieben bie 
ı Herzen der Salzburger dem Proteftan: 
tismus zugewandt. Ich will die grau: 
famen Berfolgungen und Gemwaltthaten 
nicht wiedererzählen, die vergeblich an— 
gewandt wurben, um fie zu befehren. 
Im Winter 1685 ließ der Erzbifchof 
alle, die als MProteftanten befannt 
waren, gemwaltthätig austreiben, indem 
er ihnen ihre Habe, ja ihre Kinder 
vorenthielt! Aus dem Tefferegger Thal 
wurden allein 429 Perſonen vertrieben, 
denen 311 Kinder und ein Vermögen 
von 6000 Gulden vorenthalten wurde ! 
Vergebens nahm ſich damals jchon der 
große Kurfürft Friedrich Wilhelm von 
Brandenburg unaufgefordert, aus eige— 
nem Antrieb der Unglüdlihen an. Er 
richtete in der Angelegenheit ein eigen— 
bändiges Schreiben (12. Februar 
1685) an den Erzbiihof. — Im Fahre 
1727 kam in Salzburg Erzbiſchof 
Leopold Anton zur Regierung, von 
dem bekannt iſt, daß er den Schwur 
gethan: er wolle die Ketzer aus dem 
Lande haben und ſollten darüber auch 
Diſteln und Dornen auf den Aeckern 
wachſen! 








275 


Er hat den Schwur gehalten und | fort; über 14.000 Menfchen wurden 


fegtere8 Ziel erreicht! — 


in biefer Zeit, mit Losreißung 


Die damals verkündete Berfügung von den Kindern, ausgetrieben — 


des Papſtes, Daß die fatholifchen Ehriften 
fi mit den Worten: „Gelobt fei Jeſus 
Chriſtus!“ grüßen follen, mit der Ber: 
heißung, daß man für jeden folchen 
Gruß 200 Tage früher aus dem Fege: 
feuer fomme, empörte die Proteftanten 
Salzburgs. Sie wollten den Gruß 
nit annehmen und verriethen fich 
dadurch als Proteftanten. Nun began: 
nen erjt die Verfolgungen gegen jeden 
Einzelnen. Um aber die Sade mit 
Einem abzuthun, erging die Weifung, 
daß Alle zu befennen haben: ob fie 
Proteftanten find oder nicht. Es follten 
ihriftlihe Namensverzeichniffe ange: 
fertigt werden. Man hoffte offenbar, 
daß die Meiften vor dem Bekenntniſſe 
zurüdichreden würden, dann konnten 
fie, al3 Katholiken, zu den Gebräuchen 
der Kirche gezwungen werben. Uner— 
wartet raſch füllten fi die Namens: 
Verzeihnife. Zwanzigtauſend— 
ſechshundertachtundſiebzig 
Perſonen erklärten ſich als Proteſtanten 
und baten um freie evangeliſche Reli— 
gionsübung oder um freien Abzug in 
proteſtantiſche Länder! Darüber 
war man faſſungslos. Man wollte von 
den Erklärungen nichts wiſſen, warf 
Viele in Gefängniſſe und verhinderte 
ſie, ſich an den Kaiſer zu wenden. Den 
Kaiſer erſuchte man aber um Truppen, 





— 


Im Gerichte Werfen z. B. waren 
von 500 Angeſeſſenen kaum 7 Bauern 
auf ihren Höfen geblieben! Dornen 
und Diſteln wuchſen auf den Aeckern. 
— Da erließ der König von Preußen 
Friedrich Wilhelm J. den 2. Februar 
1732 ein Patent, worin er ſich bereit 
erklärte, die evangeliſchen Salzburger 
in Preußen aufzunehmen und ihnen 
daſelbſt Ländereien anzuweiſen. 

Die proteſtantiſche Geſinnung des 
preußiſchen Herrſcherhauſes ſteht wohl 
über jeden Zweifel erhaben da in der 
Geſchichte. Friedrich Wilhelm J. war 
aber nicht nur ein frommer, ſondern 
auch ein ſorgſamer Hausvater feiner 
Unterthanen. Bei ihm fam allerdings 
neben der Sympathie mit den leiden: 
den Proteftanten auch noch die Ein: 
fiht, die er ald Monarch befak, in 
Rechnung: welchen großen Werth für 
den Staatshaushalt tühtige An: 
fiedler in voltleeren Gegen: 
den haben. Er fand in Litthauen 
1713 bei feinem Regierungsantriite 
60.000 Hufen herrenloje Land und 
reijte ſelbſt nach Inſterburg, um 
fih aus eigener Anſchauung von ben 
BZuftänden der Provinz zu überzeugen. 

Er hob die Leibeigenjchaft auf und 
vertheilte die herrenlojen Ländereien 
an Goloniften, mit Abgabenfreiheit auf 


„um die Nebellen zu züchtigen”. Die |drei Jahre. In dem von Natur aus 
Soldaten rücten ein und nun begann fruchtbaren Lande fand er aber überall 
die Austreibung erbarmungslos. Man „polniſche Wirthſchaft“. Die Mafuren 


ergriff die Leute, wo man fie antraf 
und geftattete ihnen nicht, Abſchied zu 
nehmen oder nöthige Kleider und Hab— 


jeligfeiten zu holen. Man ergriff zuerft | 


die beſitzloſen Knechte und Mägde und 
hoffte durch die gegen dieſe Armen 
angewandte Strenge den wohlhabenden 
Bauernftand abzujchreden. Statt aber, 


daß dies Verfahren abgejchredt hätte, 


ſchloſſen fich den mit Kolbenftößen ge: 
triebenen Schaaren freiwillig auch Die 
verſchont gebliebenen Bauern an! Die 
Austreibungen dauerten zwei Monate 


der Umgegend lebten gerne in Saus 
und Braus, träge, gedanfenlos, gajt> 
frei, dem Trunfe ergeben. Wir kennen 
dergleichen Wirthichaft auch in Ungarn. 

Die neuen Wirthe ließen, nad) 
Ablauf der drei Freijahre, ihre Wirth: 
ſchaften im Stih und gingen nad 
Polen. Die heimlich Entmweichenden 
wurden vergeblih mit dem Strange 
bedroht. Da reifte der König 1722 
wieder nach Litthauen und erließ neue 
Patente mit den größten Begünftigun- 
gen für Einwanderer. Die jährlichen 


276 


Staatseinnahmen von Preußen be: Sobald fie aber bei ihrer Ausmwande- 
trugen damals nicht mehr als 7,400.000 | rung die Grenze überjchritten, hatten ihre 
Thaler und der jparfame König, der|Leiden ein Ende. Ihr Auszug durch 
für feine Krönung nur 2547 Thaler | Deutjchland gli einem Triumphzuge. 
9 Pfennige bemilligte, gab zur Hebung | — Auf die Nachricht, daß 2000 Salz: 
Litthauens 6,000.000 Thaler aus! burger in Regensburg angefommen , 
— Man kann fi denfen, wie will: | fchrieb König Friedrich Wilhelm zurüd: 
fommen dem Könige die fleifigen Salz: | „Gott Lob ! Was thut Gott dem branden: 
burger waren! Sie erfchienen ihm wie | burgiſchen Haus für Gnade; denn 
ein wahrer Segen des Himmel! — |diejed gewiß von Gott herkömmt!“ 

63 war in der That ein ganz | ALS der preußifche Commiſſär v. Göbel, 
anderes Volt, dieſe fleißigen, von faſt erichroden über die Anzahl, mel: 
einer ſittlichen Idee gehobenen Salz: | dete, er hätte num ſchon 6000 Salz: 
burger. Den Unterricht ihrer Kinder | burger übernommen, es fämen aber 
hatte man abfichtlich verabfäumt, da: immer noch mehr, antwortete ber 
mit fie nicht proteftantiiche Bücher | König: „Gott Lob, und wenn Zehn: 
fefen, die Bücher hatte man ihnen ge- taufend kommen!“ Bald waren e8 aber 
nommen, die Prediger vertrieben und über Siebzehntaufend, Alle erhielten 


fie hielten, Generationen hindurch, aus 
und wunterrichteten ſich ſelbſt. In 
Wäldern hielten ſie Bibeln und Ge— 
ſangsbücher verborgen und gingen mit 
der Art, wie zur Arbeit, zur Waldes— 
andacht, um fich zeitweiie zu erbauen. 
Im Haufe unterrichteten fie Weiber und 
Kinder. In der größten Bedrängniß 
eilten Boten durch die Gebirge und 


NReifediäten vom Könige und überall 
wurden fie von der proteftantifchen 
Bevölkerung mit Begeiiterung aufge: 
nommen, bejchenft und bemirthet. Als 
aber in Klein-Nördlingen die Katho: 
lifen ihnen das Waſſer verweigerten, 
führten die Juden fie zu ihren Brunnen 
und reichten ihnen überdieß Brot und 
Bier. — Es ijt überhaupt ergreifend, 





beriefen eine heimliche Verfammlung | wie theilnehmend die armen Juden fich 
auf den 5. Auguft 1731. Damals |zu den Auswanderern verhielten. In 
ward der berühmte „Salzbund“ ges | verjchiedenen Städten ſammelten fie für 
ſchloſſen. An 300 Abgefandte waren die Pilger und bejchenkten fie. Im 
an dem Tage auf heimlichen Pfaden | Yudentempel zu Halberſtadt wurde 
in Schmwarzah zufammengefommen. |verfünbet: „Der ſei verflucht, der den 
Die Aelteften ermahnten Diejenigen, | geringjten Vortheil an dielen Leuten 
die fih ſchwach fühlten, zurüczutreten, | fucht !“ — Sie dachten an den Aus— 
denn ſie ſeien gekommen, dem evange- zug ihrer Ahnen aus Egypten. — 
liſchen Glauben Treue zu ſchwören Gott müſſe Großes vorhaben, da ſolches 


bis in den Tod! — Wie, nach 
zweite Chronik Capitel 13, Vers 5, 
Jehova mit David und ſeinen Söhnen 
einen Salzbund ſchloß, ſo ſchloſſen ſie 
einen Salzbund mit Gott dem Herrn. 
Salz war aufgeſtellt, Jedes tauchte 
den Finger darein und that ſeinen 
Schwur. Dann knieten ſie nieder zum 
Gebet. Noch wird im Gaſthauſe zu 
Schwarzach ein Tiſch gezeigt, auf deſſen 
Platte jene Begebenheit in Oel gemalt 
dargeſtellt iſt. — Sie haben ihren 
Schwur, allen Martern und Qualen 
zum Trotze, gehalten! — 


geſchehe, ſagten ſie. In Frankfurt an 
der Oder und in Berlin thaten ſich 
die Juden beſonders hervor durch 
Wohlthätigkeit gegen die Salzburger. 
Sie prieſen die Weisheit in den Ant— 
worten, die ihnen die Salzburger 
gaben. 

In Berlin, wo nach und nach 
14,728 Salzburger durchkamen — die 
Uebrigen gingen über Stendal und 
Frankfurt an der Oder — begrüßte 
ſie der König perſönlich. Er unterhielt 





ſich mit Einigen über Lehren des Evan— 
geliums und forderte dann Alle auf, 


mit ihm das Kicchenlied von Sigmund | Man fieht aus Allen, daß fie in ihrem 
Weingärtner anzuftimmen : Lande müſſen gute Wirthe gemejen 
‚fein, denn ihre Wirthichaft it auf das 


„Auf meinen lieben Gott 

Trau id in Angit und Roth! 

Er kann mich allzeit retten 

Aus Trübjal, Angſt und Nötben: 

Mein Unglüd kann er wenden, 

Steht All’ in feinen Händen! ” 

Die Salzburger hatten wohl Ge— 
ſangbücher, in denen das Lied ftand, 
aber die Singweiſe war ihnen nicht 
befannt. Als fie dies äußerten, jagte 
der König in feinem heiligen Eifer: 
„Dann will ih fie Euch lehren!” und 





Ordentlichſte eingerichtet. — Es bleibt 
auch dabei, daß dieje Leute allen andern 
Coloniften den Ruhm nehmen werden. * 

Sept find ihre Nachkommen in Oſt— 
preußen ein reich begütertes, wohl: 
habendes Geſchlecht. Nah der gütigen 
Mittheilung eines angejehenen Salz: 
burgerd, — die Nachkommen werben 
noch jo genannt, — der in Gumbinnen 
eine hervorragende Stellung einnimmt, 
hat fich ihre Zahl in Preußiſch-Litthauen, 


begann mit donnernder Stimme ihnen wo fich zehntaufend niedergelaffen, auf 
das Lied vorzufingen. Schon bei ber |preißig- bis vierzigtaufend vermehrt. 
zweiten Strophe fielen die Salzburger | Die meiften find angefiebelt in Gum: 
ein und jo fangen jie, vor dem Könige hinnen, Stallupönen, Pillfallen, Ragnit, 
vorbeimarjhirend, das Lieb mit ihm Tilſit, Goldap, Darkehmen und Inſter— 
bis zu Ende. — Das iſt feine Sage hurg. Viele von ihnen find Abgeordnete 
etwa, jondern eine hiſtoriſche Thatſache des Neichstages und des preußifchen 
und wer ben Charakter des lichten, | Abgeordnetenhauſes. — Die Salz 
ehrlich = frommen Königs kennt, wird | hurger Mundart wird nur mehr in 
auch ſogleich zugeben, daß dieſe wun- einigen Dörfern des Stallupöner und 
derbar ergreifende eier, mit der er des Goldaper Kreiſes geſprochen, die nur 
die Salzburgec empfing, feine überlegte yon Salzburgern bewohnt find, 
Komödie war, jondern unmittelbar | Man hört fie auch noch bei einigen fehr 
aus feinem treuen Herzen Fam. Die alten Leuten im Salzburger Hofpital 
ſtaatspolitiſchen Abfihten, die er mit |zu Gumbinnen. Sie ftehen noch im 
den Salzburgern vorhatte, traten hier allgemeinen Anfehen als gute Haus: 
ganz in den Hintergrund: die Haupt: | wirthe und rechtliche , zuverläffige 
ſache war ihm bier ber evangeliiche | Menjchen. 

Glaube und die gottergebene Gefinnung Das „Salzburger Hofpital” in 
der Auswanderer. — Aber, fragen wir Gumbinnen, eine wohlthätige, groß: 
uns, mußte ein joldes Auftreten eines | artige Anftalt, wurde noch unter für- 
Königs, ein ſolch herzliches, bürger- ſorglicher Mitwirkung des Königs 
liches Hand -in: Hand: gehen mit den Friedrich Wilhelm I. gegründet. Es 
Strömungen des deutſchen Volkes nicht | pefigt ein eigenes ftattliches Gebäude 
einſchlagen in die Herzen? und eine eigene Kirche, 

Die Eingewanderten wurden Fragen wir noch, was Preußen 
alle in Oft: Preußen untergebracht, | groß gemacht? — Es war von jeher 
wobei der König, fortwährend auf von einem mächtigen Staatsgedanfen 
ihre Wohlfahrt bedacht, überall per: | erfüllt. E3 ging mit dem Strome der 
jönlih eingriff, wo eine Verfügung | Zeit, mit den Sympathien eines großen 
zu ihren Gunften zu treffen war. Volkes. Es verftand es, zu colonifiren. 
1734 im Sommer wurde jchon an) Es wußte den Werth fleißiger Colo- 
den Hof berichtet: „man fiehet jegt |niften zu fchägen und mußte fie zu 
auf den Feldern ungemein viel Salz: ſchützen. Jh will nicht von Coloniſten 
burger in ihren kurzen Nöden, welche | in unferer Monarchie jprechen ; ich könn— 
bei ihrem Aderbau ſich luftig, munter, | te in centraliftiiche Gedanken hineingera- 
vergnügt, gut und emfig bezeigen. |then, was ja bekanntlich verpönt ift. — 





278 


Ich bin auf den Gegenftand, die — ein ſolches ift unfer Volt doch — 
deutſchen Golonien in Ungarn, Sie: was ein von der Natur reich ausge: 
benbürgen und Krain, Schon jo oft zu | ftattetes Land — auch das haben wir 
ſprechen gekommen, indem ich der Er: | — irgend Großes erreichen könne! — 
forſchung ihrer Mundarten meine Auf- | Freilich, der Uebergang von verrotteten 


merkfjamfeit widmete, daß ich mir’s 
ſchon gefallen lafjen muß, wenn man 
mir in dieſer Nichtung eine gewiſſe 
Voreingenommenheit zufchreibt, al3 ob 
ih hierin ein Stedenpferd ritte. Den: 
noch glaube id, daß die Bedeutung 
der deutſchen Colonien in den nicht: 
beutjchen Ländern der Monarchie nicht 
zu verfennen iſt. Die arpadijchen Kö— 
nige Ungarns mußten fie wohl zu 
ſchätzen, fie gaben ihnen die Freihei- 
ten, die ihnen in unjerer Zeit leiber 
genommen werben! Treuere und nütz— 
lihere Unterthanen bat die Monarchie 
faum, als jene Coloniften. Sie zu 
Ihügen liegt im Staatsintereffe. 
Nun, wir haben ja jegt eine Ver: 
faflung, die in der That von dem 
Geifte der Humanität gejchaffen ift, 
mit der, jollte man denken, Alles zu 
erreichen ilt, was ein begabtes Volk 


Zuftänden zur freien Entwidelung aller 
Kräfte hat feine Schwierigkeiten. Der 
Beamtenjtand hat jeine alten Trabi: 
tionen aus früherer Zeit, und jo lange 
die der Fall ijt, dauern bie alten 
Zuftände latent fort und führt die 
Verfaſſung nur ein Scheinleben. Unjere 
Verfaffung kann nur Wahrheit werben, 
wenn von maßgebenden Stellen her 
unzweideutig der Geijt ausftrömt, von 
dem unſere Verfaſſung durhdrungen 
ift, jo daß jede Hoffnung auf Umfehr 
ausgefchloffen ift und Diejenigen Ele: 
mente wie welfes Laub abfallen, die 
eine Umfehr für möglich halten und bie 
durch ihren geräufchlojen Widerftand 
derart wirken, Daß es geradezu herfömm: 
[ich geworben ift, an allem wahren Fort: 
jchritt zu verzweifeln. Doch) wo gerathe 
ih bin? — Ich wollte ja nur von den 
Salzburgern in Oſt-Preußen berichten ! 


Als ih candidirte. 


Humoreste von Leon R—g. 


Mein Freund war nach der gewonz: | hoffe, Sie werben mir ihre Stimme ge: 
nenen Schadhpartie guter Laune und | ben.” Ich jchaute mir das faum 4 Fuß 
tief mir nah, als ich eben im Be- hohe Männlein an und konnte mich, 
griffe jtand, das Kaffeehaus zu ver- der ich nahezu ſechs Fuß meſſe, bei 
laſſen: „Herr Meier, candidiren Sie dem Gedanken, wer nicht alles gewählt 
denn heuer nicht für ben Gemeinde: | werben wollte, eines Lächelns nicht gut 
rath?“ erwehren. 

Ich zuckte die Achſeln und ging. Wie Seitdem die Pariſer Commune eine 
ſollte ich auch den Wunſch, der ſchon ſo welthiſtoriſche Bedeutung gewonnen 
längſt in meiner Bruſt gehegt wurde, hat, iſt die Würde eines Gemeinde— 


vor ein paar Leuten, die eben zur 
Verdauung ihren Kaffee einnahmen, 
bekannt geben! Im Nachhauſegehen fiel 
mir aber doch die Kundmachung des 
Bürgermeiſters bezüglich der Gemeinde— 
rathswahlen auf und ich blieb ſtehen 
um fie zu lejen. Hinter mir ftand 
mein Nachbar Breiling, der mir jagte: 
„Am 7. finden die Wahlen ftatt, ich 





rathes ſelbſt in Krähmwinfel auf ein 
höheres Poſtament geftellt — jo dachte 
ih, als ich zu meiner rau eintrat, 
die gerade unjer Jüngſtes abhielt, mit 
jeinen fettigen Fingerchen einen Pracht: 
band der Bibliothek zu ruiniren. Kaum 
erzählte ich ihr jedoch, was mich be- 
ſchäftigte, ließ fie Frig und Goethe 
[08 und ihr Gefiht verflärte ſich zu— 


279 


jehends. „Hieronymus“ fagte fie, „Du 
wirft doch eine jo ſchöne Gelegenheit, 
und zu einem Titel zu verhelfen, nicht 
unbenüßt vorbeigehen laſſen. Warum 
follteit Du es auh? Ach bitte Dich, 
candidire, Du bijt e8 Frau und Kin— 
dern ſchuldig!“ Fri Friegte hier einen 
Klaps, weil er im Begriffe war, ein 
paar Blätter aus Fauft zu reißen, um 
fie als Düte zu gebrauchen. „Oder 
glaubſt Du etwa“, fuhr fie fort, „daß 
Du diejen Poſten minder gut ausfüllen 
wirjt als Arnheim oder Heuering ?” Daß 
meine Frau mir gerade die unfähig: 
ften Mitglieder des bejtehenden Gemein: 
derathes entgegenftellte, ärgerte mich 
nicht wenig, der ich mich im Gehei— 
men mit den Beſten verglichen hatte, 
Schon wollte ih ihr in ziemlich unbe: 
jcheidenem Tone entgegnen, al® mir 
mein Buchhalter melden fam, ein jäu- 
miger Schuldner, den wir die Abficht 
hatten, pfänden zu lafjen, jei im Bureau 
und erbitte ih unverichämter Weiſe 
eine neuerliche Frifterftredung zur 
Zahlung feiner jahrealten Schuld. 
Gegen diefen armen Mann, einen 
Tiſchlermeiſter, wollte id) meinen ganzen 
Herger loslaſſen, als mir noch recht: 
zeitig einfiel, daß derſelbe ein einfluß- 
reicher Wähler jei, den ich jegt, ſchon 
um meiner Frau zu beweijen, was ich 
gegebenen Falls Leiten könne, nicht ver: 
legen durfte. Statt ihn barſch anzufah: 
ren, wie mein ganzes Perjonal er: 
wartete, ſtreckte ich ihm freundlich die 
Hand entgegen, hieß ihn Plat nehmen 
und bot ihm eine gute Gigarre an, wie 
er fie wohl in feinem Leben nicht wie: 
ber rauchen wird. Der Manıt jelbjt traute 
faum jeinen Sinnen und brachte ſchüchtern 
jein Anliegen vor. Jh kam ihm aber 
auf halbem Wege entgegen, jagte, daß 
ih ihn für einen ehrlichen Menschen 
halte, daß es nichts ausmache, wenn 
er jpäter zahle und daß er ſich wegen 
diefer Schuld feine Sorgen machen 
jolle. 

Dabei lag ein fortwährend mwohl- 
mwollendes Lächeln auf meinen Lippen. 





jo hieß der Mann, und ich gab ihm 
bis zur Thüre das Geleite. Dort aber 
hielt ih ihn, wie mich plötzlich be— 
finnend, an und frug ihn, in gleich: 


giltig jein jollendem Tone: „Bei Ge: 


legenheit, wer hat denn jetzt Hoffnung 
in den Gemeinderath zu fommen ?” 

Der Mann entgegnete, daß wohl 
wieder Candidaten in Vorſchlag gebracht 
jeien, daß aber erſt eine heute Abend 
in der goldenen Ente jtattfindende Wahl: 
beiprehung zu einer Klärung führen 
dürfte. Er wollte darauf gehen, ich 
aber hielt ihn am NRodärmel feft. 

„Willen Sie“, fagte ih mit ge: 
dämpfter Stimme — ich mochte nicht, 
daß ber in der Nähe Lampen pußende 
Burjche eine Lüge höre —, „daß meine 
Freunde die Abficht Haben, mich durch: 
zubringen!“ 

„Wenn Sie candibiren wollten,” 
entgegnete der Tiſchler, „Sie hätten 
viel Chancen.” 

Mein Herz hüpfte vor Freude, 
ih brüdte ihm jehr warm die Hand 
und Ffehrte hierauf finnend zu mei— 
nem Schreibtijche zurüd. Mein Buch— 
halter, erlaubte fih, zu bemerfen, 
daß ich nicht gut daran gethan Hätte, 
dem Manne die Zahlungsfrift zu er: 
jtrefen, ich hörte aber gar nicht auf 
ihn. Ich dachte nur an die goldene 
Ente, an die Wähler und die Ganbi- 
datenrede, die ich halten wollte. Bis— 
her hatte ich zwar nie öffentlich ge- 
jprochen, jegt aber war mein Ehrgeiz 
erwedt und da hieß es die natürliche 
Schüchternheit befämpfen. Was aber 
jagt man den Wählern, das war bie 
Frage, bie mich bejchäftigte; noch mehr 
die andere: wie jagt man ihnen 
dad, wovon ich noch nicht mußte, 
was e3 fein werde. Welchen Ton jchlägt 
man an, welche Haltung gibt man 
jeinem Körper und namentlich was macht 
man mit den Händen während der Rebe ? 
Ich dachte auch einen Augenblid da— 
ran, meiner etwas taub Flingenden 
Stimme durch roh genofjene Eier nad) 
Art der Dpernfängerinnnen einen hüb- 


Ganzverwirrt verabjchiedetefih Schmidt, | ſchern Klang zu geben. 


280 


In allen diefen hübſchen Betrachtun- nicht, hat Jemand ein Erbrecht auf 


gen aber wurde ich geftört: da famen 
Geichäftsfreunde, die mich jprechen 
wollten, Depefchen liefen ein, die ich 
ducchlefen mußte, Briefe waren zu 
unterfertigen und Rechnungsauszüge 
zu prüfen — ih war fat verjucht, 
meine Thätigfeit als Chef eines Bank— 
hauſes zu verfluchen,. Wäre lieber ein 
Tischler ohne Beihäftigung. Und in 
dem Momente, als ſich troß alldem 
einige Gedanken für die Nede bei mir 


anjegen wollten, war es fieben Uhr: 


das Ende der Bureauzeit, das geräuſch— 
volle Zuflappen der Geſchäftsbücher, 
das Empfehlen des Perſonals und die 
Stimme der Magd, die mich zum 
Kaffee rief, da die gnädige Frau be- 
reit3 warte, Meine Frau erzählte mir 
fie habe Beſuch gehabt: Frau Thener 
das größte Plappermaul der Stadt, 
und fie habe ihr mitgetheilt, daß ich 
canbidire. Das hieß dem Reuter’fchen 
Telegraphenbureau eine Senſationsnach— 
richt mittheilen. Nun waren die Schiffe 
hinter mir verbrannt, es hieß fie 
gen oder ſich blamiren. Die Zärtlich— 
feiten meiner Kinder, die alle gleichzeitig 
auf mich herauffriechen wollten, ließen 
mich falt; ich achtete nicht auf die 
Klagen meiner Frau, daß die Kö— 
hin neuerdings einen Topf zerbrochen, 
nicht auf die Bemerkungen meiner 
Schwiegermutter, daß uns dieſe Ber: 
fon noch ruiniren werde (indem fie 
monatlich Geſchirr von zwanzig Kreu— 
zern zerbrach); ich goß den Kaffee in 
mich hinein und ging raſch in's Ca— 
fino, unter Menfchen, unter Wähler. 
Der Erfte, der mir dort entgegenkam, 
war mein Verwandter, der penfionirte 
Hauptmann Balfinger, ein Gemeinde: 
rath, der dieſes Jahr austrat und 
wieder gewählt werben wollte. 

Er empfing mich mit einem: „Was 
höre ih, Sie wollen aud) in den Ge: 
meinderath ?” welche Frage nicht ironi- 
ſcher hätte klingen fönnen, wenn ich 
auf Petri Stuhl Aufprühe gemacht 
hätte, 

Ich entgegnete erregt: „Warum 


diefe Würde?” 

„Nein,“ fagte er, „aber ich würde 
Ahnen keineswegs rathen, zu candidiren, 
Sie haben nicht die mindejten Chancen.” 

„Wie können Sie das willen?“ 

„Man kennt Sie nicht. Ihr Reich: 
thbum, Ihre Stellung als Bankier 
geben Ihnen noch feine Berechtigung — 
im Gegentheil. Das Volk will Leute 
aus feiner Mitte, will Leute, die feine 
Wünſche kennen, will feineswegs ſolche, 
deren Neichthum im ewigen Wachjen ift 
zum Schaden der Gejammtheit.” 

„Here“ brach ich los, haben Sie fo 
wenig Begriff von der Volkswirthſchaft, 
daß Sie glauben, der Reichtum des 
Einen bedinge die Armuth des Andern? 
Willen Sie nicht, daß jede probuctive 
Arbeit, gleichzeitig indem fie das In— 
dividuum bereichert, der Menge zu gut 
fommt? haben Sie denn einen Smith, 
Nicardo, Mill, Rau undRöfcher ftubirt 2“ 

Ich wußte, daß er fie nicht ſtu— 
dirt habe, wie überhaupt Manches 
nicht und traute mich deshalb, fie in 
die MWagichale zu werfen — ich der 
ich fie gleichfalls nicht ftubirt Hatte und 
nur aus dem Dühring’schen Werfe 
kannte, 

Es traf fi gut, daß diefe lebhafte 
Converſation durch einen Herrn unter: 
brochen wurde, der für einen verun— 
glücten Diener des Gafinos eine Sam- 
lung veranftaltete und ſich mit einem 
einladenden: „Sie werden doch Ihr 
Scherflein beitragen“ an mich wendete. 
Yedes andere Mal hätte ich mich mit 
einer Kleinigfeit aus einer ſolchen 
Affaire gezogen; demm wenn man reich 
ift, hat man das Necht wenig zu ge 
ben, weil man behaupten kann, man 
gebe oft; jetzt aber galt es von ſich 
reden zu machen und für die Armen 
etwas zu thun: ich warf eine große 
Banknote in den Teller und — ging. 
Aber nur bis in's nächite Zimmer, von 
wo ich nach einer Weile umfehrte um 
mih an der Wirkung zu erfreuen, 
die meine große Gabe hervorgebracht 
haben mußte. Gewiß jpricht Alles da: 


281 


von, dachte ih, als ich wieder in's wie dieſe Leute, die ich nie im Le- 
große Zimmer trat. Aber kein Menſch | ben gejehen hatte und mit benen ich 
ſprach davon, man fpielte Karten, nicht gern in einem Hohlwege zu: 
Domino, Shah wie vordem; es war |jammen getroffen wäre, jo mußte das 
wie wenn nichts geichehen wäre. Selbft |jchließlih eine ganz hübſche Sippe 
der Veranftalter der Sammlung rauchte | werben. 
ruhig feine Cigarre, ohne mir bie min) Der Kellner kam. „Bier gefällig !* 
defte Dvation darzubringen. „Ja, bringen Sie mir weldes.“ 
Es ſchlug neun Uhr, fonft Zeit) „Vielleicht auch ein Stückchen 
nad Haufe zu gehen, heute Beginn | Wurſt?“ Ich dachte am mein gutes 
der Wahlverfammlung in ‚der Ente. Abendeffen zu Haufe, ich ſchaute mir den 
Auf der Stiege traf ich mit meinem Fettfleck auf dem Fracke des Kellners an, 
Schwager zufammen. Du gehſt heim, der den halben Schultertheil einnahm, 
frug er mich. Ich ſchämte mich, ihm | und fagte abwehrend: „Nein.“ Die 
die Wahrheit zu geftehen und entfernte | Wurft ift gut, ſagte Einer von der 
mich mit einem unverftändblichen Brum— Gefellfchaft, den ich im Verdachte hatte, 
men. er habe fie jelber fabrizir. Er war 
Ich muß es geftehen, es wurde aber kein Selcher, wie ſich dann her: 
mir falt und warm, als ich vor dem | ausitellte, ſondern erzeugte Stiefelwichfe. 
Gafthaufe ftand und im Begriffe war | Um Wurft und Bier drehte fih nun 
die Thüre zu öffnen, hinter der wohl | das Geſpräch eine gute Weile. Ich 
Hunderte von Mitbürgern verjammelt | hätte nie gedacht, daß dieſe beiden 
waren, um die Beſten aus ihrer Mitte | Genußgegenftände bei oberflächlicher 
für die Verwaltung ihrer nädhiten | Behandlung eine jo lange Auseinan— 
Angelegenheiten zu erwählen. Cäſar | derjegung zuzulaſſen im Stande wären. 
am Nubicon mag nicht mehr Beklom- Von Zeit zu Zeit fam ein Gaft ober 
menbheit gefühlt haben. Aber die Er: | Wähler und ließ fich nieder. Keiner 
innerung an ihn gab mir Muth — |war mir befannt: ich weiß wahrlich 
ih überfhritt die Schwelle. Die gol: |nicht, wo diefe guten Leute das ganze 
dene Ente war ein Gafthaus dritten | übrige Jahr fteden mögen. Enblich ein 
Ranges, das ich heute zum erjten male | befanntes Gefiht: mein Schneider, 
betrat. Der Speijefaal, wo die Ber: | über den ich mich nie jo gefreut habe 
Fee, ftattfinden follte, war ziem- | wie jeßt. 
lich groß, matt erleuchtet und zu mei- B : 
em gcoen Eau von TE | oe et Mas Ham 
bis fieben Individuen befucht, die an (etjtunde fpäter waren wir etwa 
i Heinen Tiſche in einer Ede bei: e Pe 2 Era 
vn | zwei Dugend beijammen und ein ält- 
Jammen jagen. Im erſten Augenblide licher Herr, von dem ich glaube, daß 
un id), ie a — * haben, er ein Winfeljchreiber war, klopfte be- 
. = eb ai iſchler ir auf * zu deutungsvoll auf den Teiler und er— 
und lud mich freundlich ein, Platz zu zarte die Wahlverfammlung für er: 


nehmen. Er rauchte noch immer an|. ; ; 
meiner guten Cigatte und e8 ft mit |uNp die Ciladht benin. Aber. e 
noch jest ein Rätbel, wie dieſe acht wurde darauf wieder jtill und ftiller 
Stunden vorhalten Fonnte. nur bie und da ericholl der Ruf: „Kell: 

„Alſo doch bier“ jagte ich, „aber | ner, ein Bier!“ Endlich faßte einer den 
gewip nicht heute.“ Muth und fagte: „Meine Herren, ich 

„Heute, heute,” jagte mein Mann, |glaube es märe gut, wenn wir ein 
„es werben ſchon bald die Andern kom: | Comité wählten, das die Gandidaten 
men.” Wenn die Andern jo ausfahen, | bezeichnen joll. 


Kofeggers „‚Heimgarten‘‘ 4. Heft. 19 


282 


„Ja, ja!“ jehrie die Menge, und 
Einige wieder, wohl zum zehnten Ma— 
le: „Kellner, Bier!” 

Sept hielt ich e8 an der Zeit, in 
Action zu treten und fagte meinem 
Tiſchler, ih wünſchte in's Comite zu 
fommen. 

„Wählen wir Herrn Meier hinein !” 
ſchrie der Mann. 

„Isa, ja, Herrn Meier!” rief das 
halbe Dugend, mit dem ich eine mar: 
tervolle Stunde vollbracht Hatte. 

Zehn Gemeinderäthe waren vom 
dritten Wahlförper zu wählen, zehn 
Mitglieder famen in's Comite, das fi) 
in eine Ede zurüdzog und bejchloß, 
daß Jeder von ihnen einen Gandibaten 
mittelft Zettelabgabe bezeichnen follte. 
Die Zettel wurden feierlih aus dem 
Hute gezogen und — fonderbar — jedes 
der zehn Comitémitglieder erſchien als 
Candidat auf der Xifte, Die ausgefer: 
tigt wurde. 

Der vorerwähnte alte Herr verzog 
feine Miene als er dieſes Refultat er: 
fuhr. Mit einem gewiſſen Anftanbe 
trat er wieder, wie wir Alle, unter 
die harrende Menge (14 Berjonen) 
und verfünbete die Namen der Ge: 
wählten. Lautes Bravo ertönte, be: 
jonderd von meinem Tijchler, als er 
hörte, daß ich gleichfall3 von den Er: 
wählten jei. Ich glaubte mic) tief ver: 
neigen zu müſſen als „Meier“ verlejen 
wurde. Dann beantragte man, die Lifte 
noch in dieſer Nacht druden zu lafjen 
und morgen ber Bevölkerung durch 
Plakate bekannt zu geben. Wurde an: 
genommen. 

Ein Rauchfangkehrer, der ſich die 
ganze Zeit über nach Bier heifer ge- 
geihrien hatte — und nicht vergebens 
— umarmte mich jegt zu öftern malen, 
jedesmal länger in meinen Armen lie: 
gend, jo daß ich befürchten mußte, er 
werde ſchließlich in denfelben einfchlafen. 
Ich warf ihn daher zulegt gelinde in 
einen Stuhl; meine Wäfche aber hatte 
entjeglich gelitten. 

Es ſchlug eilf Uhr — ich eilte 
beim. Meine Frau war noch wach, 


|fe eilte mir bis zur Stiege entgegen. 
„Gewählt“, rief ich ihr zu, und „ge 
ı wählt“, jubelte fie inmeine Arme ſinkend. 

„Haft Du geſprochen?“ frug fie 
dann. 

„Nein, ih kam, ſah, nund ſiegte.“ 

Aber wie Wenige wir geweſen, 
daß unter dieſen Wenigen Manche 
wahrſcheinlich gar nicht wahlberechtigt 
waren und wer dieſe Wenigen waren, 
alles dies hielt ich nicht für angemeſſen, 
ihr auseinanderzuſetzen. 

Ich ſchlief erſt um drei Uhr Mor— 
gens ein; ich dachte an den Effect, den 
die nicht gehaltene und gar nicht aus— 
gedachte Rede hätte machen können und 
war ſchon um ſieben Uhr auf den 
Beinen. „Will ein bischen ſpazieren 
gehen!” ſagte ih, aber ich wollte 
meinen Namen auf den Plakaten lefen. 

Und richtig! Gleih an der erften 
Ede lebte eines und die Hempel, Müller 
und Meier prangten in fauftbiden 
Lettern: man hätte fie eine halbe eng- 
lihe Meile weit fehen können. Warum 
foll ich es nicht geftehen? Mir lachte 
das Herz vor Freude. Troßdem aber 
[a3 ih den Zettel mit einer fo un- 
Ihuldigen Miene, als menn mir die 
geftrigen Vorgänge gar nicht befannt 
gewejen wären und wunderte mich jchier, 
daß mein Name gleihfall® auf der 
Lifte jtand. Ich Heuchler! Beim zweiten 
Plafate — fünf Schritte weiter — 
die Teufelsferle hatten fie an jeder 
Ede angebracht — wiederholte ich das— 
jelbe Manöver. Wem that id damit 
was zu Leid? Neben mir ftanb dies: 
mal ein anderer Herr, der gleichfalls 
die Candidatenlijte mufterte, und fich 
dabei vergeben? abmühte, aus einem 
erlöfhenden Cigarrenſtümpfchen Rauch 
zu ziehen. Als er den letzten Namen 
halblaut abgeleſen hatte, rief er ärger— 
lich: „Pfui“, warf die Cigarre weg 
und ging von dannen. Ich hätte etwas 
darum gegeben, zu wiſſen, wem dies 
Pfui galt. 

In dieſem Augenblicke tauchte am 
anderen Ende der Gaſſe ein in faden— 


ſcheinigen ausgewajchenen Kleidern 


283 


ſteckendes, einen burch Regengüffe und ‚trieb hervor. 


Mögen alle andern 


Sonnenftrahlen ſtark mitgenommenen |Neune in die Naht bes Vergeſſens 
Hut tragendes, bärtiges und bebrilltes | finfen, wenn nur mein liebes Jh aus 


Individuum auf, das in Wochentagen 
und gewöhnlichen Zeitläuften Advoca- 
tenſchreiber war, nach wichtigen Ereig- 
niffen aber fid als Gorrefpondent 
einer großen Yeitung in der Refidenz 
entpuppte. Der Mann war mir von 
früher ber verpflichtet: ich hatte ihm, 
als er noch ftudirte, zu verjchiedenen 
malen nicht ganz abgetragene Stiefel 
geſchenkt und ich nahm mir bei feinem 
Anblide vor, erſtens feine Meinung 
über die Erleſenen der goldenen Ente 
zu hören, zweitens bei der Wichtig- 
feit, die ich bdenfelben beimaß, zu er: 
fahren, ob er bereit3 telegraphiich, 
oder mindeſtens mittelft empfohlenen 
Schreibens ihre Namen feiner Zeitung 
mitgetheilt habe. Ich fteuerte aber 
nicht direct auf das Ziel los, fondern 
erfundigte mich vorerft nad feinem 
Wohlergehen. Nun erwartete ih, er 
werde al3 gebilbeter Menjch einjehen, 
Daß mir dasjelbe jehr gleichgiltig fein 
müfe und mir eine kurze Antwort 
geben ; alleiner ſchien gar feine Lebens: 
art zu befigen und lieferte mir feine 
vollftändige Biographie: daß er ver- 
heiratet jei, mit feinen Schwiegereltern 
in Hader lebe, zwei Kinder habe, und 
ein drittes erwarte; daß eines ber 
Kinder an den Maſern frank liege und 
das zweite Zähne befomme, daß bie 
Zeiten fchlecht wären, und jo fort. Da— 
bei hatte er den Blid immer zu Bo: 
ben geſenkt, jo daß ich vermuthen 
fonnte, er ftubire den Stand meiner 
gegenwärtigen Beſchuhung, um ihre 
Brauchbarkeit für fi zu ermitteln. 
Ich unterbrah ihn kurz und machte 
ihn auf den Anſchlagzettel aufmerkſam. 

„Ich habe ihn geleſen,“ ſagte er mit 
trauriger Stimme, bie mir hier jehr un- 
paſſend erjchien, „aber“ — „Aberwas ?” 

„Dieſe Lifte hat feine Hoffuung, 
durchzugehen.“ Damit entfernte er fi. 

Einen Augenblid blieb ich zurüd, 
wie mit kaltem Waſſer übergofjen, 
Dann aber trat der Selbfterhaltungs: 


der Urne bervorgeht. Die Lifte hat 
feine Hoffnung, hat denn aber Keiner 
von der Liſte Hoffnung? Indeß war 
mir doh ein Stüd Glückſeligkeit ab- 
handen gefommen und es berührte mich 
faft unangenehm, als mir meine Frau 
beim Nachhauſekommen leuchtenden Au: 
ges erzählte, unſere Bonne hätte mich 
auf ber Gandidatenlifte gejehen. 


„Sandibaten find noch feine Ge: 
wählten,” ſagte ich ihr und ging in's 
Bureau. 

Um meine fortwährende Aufregung 
theilweije zu beſchwichtigen, hätte ich 
dasjelbe am liebſten big zum entjcheiden- 
den Tage fperren mögen. Mich 309 es 
hinaus, auf die öffentlihe Meinung zu 
horchen. Was waren mir jebt Cours— 
berichte aus Wien, Berlin und Ham: 
burg, id wollte nur Eines willen: 
welden Cours meine Gandibatur habe. 
Und deshalb ging ich hinaus auf den 
Markt, wo ein Tebhafterer Berfehr 
ftattfindet und wo auch richtig eine 
Gruppe vor unferen Plakaten ftand. 
Ein dicker Herr las unfere Namen in 
jehr ironischem Tone gerade in dem 
Augenblide ab, als ich vorbeiging und 
meinte zulegt, da8 wäre weniger eine 
Lifte von Gemeinderäthen, als von 
Komödianten. Ein wieherndes Gelächter 
folgte diejer Bemerkung. Ich hätte 
diefem Manne den Hals umdrehen 
mögen. Wäre aber der atlantifche Ocean 
dort in der Nähe gewejen, ich weiß 
nicht, ob ich mich damals nicht hinein- 
geworfen hätte. Aber ich jperrte mic) 
zu Haufe in meine Stubirftube ab 
und juchte Troft in Schopenhauers 
Auseinanderfegungen tiber die Schled: 
tigfeit der Menjchen. Die Frau des 
Tiſchlers hätte ich aber damals un 
barmherzig zur Witwe gemacht, wenn 
er ſich bei mir gezeigt hätte. 

Am nächſten Morgen war ich 
ruhiger, Pulsichläge nur noch 150 in 
ber Minute. Gallergießungen im Nach— 

19* 


284 


lafjen. Ausfehen übernädhtig. Ich ſaß 
ruhig in meinem Burau und heuchelte 
mir Intereſſe für die gewohnte Be: 
ichäftigung vor. Da fiel wieder der erjte 
Lichtjtrahl in meine Bruft: unfer Pro— 
vinzblatt brachte einen Bericht über die 
Verſammlung in der Ente, ohne irgend 
eine Bemerfung an die Namen der 
Canbdidaten zu knüpfen. Alfo die öffent: 
lihe Meinung bielt ung nicht für 
Komöbdianten oder gar für Seiltänzer, 
wie jener dicke Herr mit feinem Chore. 
Und ald nun gar mein Freund Rath 
Willig zu mir fam und feine Befrie— 
digung darüber ausbrüdte, daß ich 
in die Gemeindevertretung kommen 
wolle (e8 handelte fih nit um's 
Mollen, jondern um’3 Können), da 
fingen die Schatten in meinem Ge— 
müthe zu verfchwinden an. Ich erfuhr 
auch von ihm, daß an jenem Abende 
im Nathhausjaale eine Wählerver: 
jammlung ftattfinde, zu ber er mir, 
fich verabjchiedend, rieth, nur recht viel 
Freunde hinein zu ſchicken. Das war 
ein Wink, den ich nicht mißverſtand. 
Eben jtedte unſer Hausfenfal feine 
Nafe zur Thüre herein — ih frug 
ihn, ob er von der heutigen Verfamm: 
lung etwas wife. Der Mann erwartete 
von Wechſeln, Rimeſſen und Devifen 
zu hören und war ganz verbußt über 
meine Frage. Auch der alte Bud): 
halter, der es ftet3 als eine Entwür— 
digung der heiligen Gejchäftshallen 
anfah, wenn von etwas Anderem als 
vom Handel in benjelben gejprochen 
wurde, erhob feinen Kopf aus den 
Zehen, in denen er ftedte. Ich aber 
jagte: „Meine Herren, jchicen Sie fo- 
viel Freunde als möglich zur heuti- 
gen Berfammlung, Sie werden mid) 
jehr verpflichten.“ 

Und fie thaten, was fie konnten. 
ALS ich Abends im Nathhausfaale er: 
ſchien, war derfelbe gefüllt von Ge: 
jihtern, die mich anlächelten und es 
fehlte nicht viel, daß fie einftimmig 
bei meinem GEintritte Vivat gerufen 
hätten. Ya, die Gefellichaft war fo 
jehr zu meinen Gunften disponirt, daß, 


wenn ich es gewollt und nicht eine 
lebenslänglihe Verſorgung in einem 
Staatsgefängniffe gefcheut- hätte, fie 
mir fogar zugerufen hätten: Es lebe 
der Kaiſer. Von diefen Leuten, vielen 
Lieferanten meines Haushalte und 
Clienten meine Banfgejchäftes, hätte 
ich alles erwarten können, wie gejagt 
au einen Thron, aber fo hoch ver: 
ftieg fich vorläufig mein Ehrgeiz nicht, 
ih begnügte mich damit, mit Jubel 
wieder als Candidat aufgeftellt zu fein. 

Das machte meine Gegner ftußig. 
Ich hatte deren nicht nur unter den 
mitconceurrirenden Gandidaten, jondern 
auch unter all’ ihren Verwandten big 
in’s fünfte Glied. Ich hatte aber auch 
Gegner unter den Leuten, die gar 
nicht candidirten, e8 aber nicht leiden 
fonnten, wenn es ein Anderer that. 
Die Hauptgegner aber, Gegner auf 
Tod und Leben, hatte ih an ben 
Männern der Freundinnen meiner 
Frau, die ſchon im Intereſſe des 
Friedens in ihrem Haufe e3 nicht zu: 
geben Fonnten, daß meine Frau Ges 
meinderäthin werden follte. Von ben 
jogenannten confervativen Leuten will 
ih gar nicht reden, die beim Alten jo 
lange verharren möchten, bis es ver: 
fault. 

Der ſchon erwähnte Hauptmann 
in Penſion, Balfinger, erfah wieder eine 
Gelegenheit, mich anzupaden, gebrauchte 
aber diesmal andere Waffen. „Sehen 
Sie”, jagte er, „Sie find noch zu 
jung, es gibt ältere Leute in der Ge: 
meinde, die auf dies Ehrenamt An: 
ſpruch machen können, Sie erzeugen 
durch Ihre Candidatur eine Spaltung, 
die Ihnen nichts nügen wird und Anderen 
ſchadet“. 

Da der Mann diesmal den Socia— 
liſten abgelegt hatte und ſich nur als 
Friedensapoſtel präſentirte, hatte ich 
leichteres Spiel und ſetzte ihm aus— 
einander, daß Spaltung immer ein— 
treten müſſe, wo nicht alles ein Stück 
bleiben wolle, daß Jugend kein Ver— 
brechen ſei, und die Frage vom Nutzen 
und Schaden bei jeder verſchiedenen 


285 


Beleuchtung ſich anders ausnehme. 
Zum Schluſſe jandte ih ihm aber noch 
eine Kugel nach: daß ich die Candidatur 
fefthalte allen Gegnern zum Troße. 

Die Wellen der Wahlbewegung 
gingen von Tag zu Tag höher. Die 
Candidatenlifte der Berfammlung in 
der Ente, die faft nur neue Namen 
zu Tage gefördert hatte, regte alle 
Ehrgeizigen der Stadt an, ſich in die 
Gemeindevertretung wählen zu lafjen. 
Wo man hinfam und hinfah gab es 
Sandidaten. Nur im Scoße jeiner 
Familie, umgeben von Weib und Kin: 
bern, ſah man feine Mitbewerber, wie 
man aber nur über die Schwelle feines 
Hauſes fam, ftieß man auf fie bei 
jedem Schritte. Möglich auch, daß die 
Aufregung die Phantafie erhigte und 
man Gejpenfter jah, wo feine waren. 
Einmal jah ich einen Herrn, der ein 
Paket Schriften trug und alle Welt 
höflich grüßte. Jch hätte gewettet, das 
jei ein Candidat; es war jeboch nur 
ein Briefträger. 

Wo man hinfam, wurde von den 
Wahlen gejprohen und ich glaube 
auch da, wo man nicht hinkam. Ich 
zeigte mich überall, nur nicht in meinem 
Bureau. 

Im Kaffeehaufe las ich einmal die 
Zeitung, als ein jogenannter Freund, 
deſſen Bruder gleichfall3 gewählt wer— 
den wollte, auf mich zufam und mic) 
in einem impertinenten Tone frug, 
wie ich es denn wagen könne, zu canz 
bidiren. Ein hitziger Menjch hätte mit 
einer Obrfeige geantwortet, ein ruhiger 
weitergelefen — ich aber entgegnete 
mit jcheinbarer Ruhe, daß das größte 
Wagniß bei der Sache nur das jei, 
von ungejchliffenen Leuten Grobheiten 
hören zu müfjen. 

Indeß ärgerte mich die Sache. Es 
gab häufig Momente, wo ich es leb— 
haft bedauerte, aus meinem ruhigen 
Leben herausgetreten zu fein und Ans 
laß gegeben zu haben, daß alle böjen 
Leidenſchaften gegen mid) wach wurden. 
Konnte ich aber zurüd? Nein. Ich 
mußte vorwärts, ich mußte fiegen; 





nicht um meinen Ehrgeiz zu befriedigen, 
jondern um meine Feinde, und ganz 
beſonders um meine Freundezu ärgern. 
Da hieß e8 aber auch, allen Vorfällen 
Aufmerkſamkeit widmen und fich nichts 
entgehen laffen, was zur Förderung 
des Zweckes nothwendig wäre. 

Der doppelte Stempel, den ich 
als Gandidat befommen hatte, befrie: 
digte mich nicht ; ich wußte, daß nicht 
viel dahinter fei, daß die eigentliche 
Bevölkerung noch nicht geiprodhen hatte. 
Parteien gab e3 in der Gemeindever: 
tretung feine, ober wenigjtend noch 
nicht jolche, die fih auffällig von ein— 
ander unterichieden. Nur daß die Jün— 
geren im Nathhausjaale für Verſchö— 
nerung der Stadt uud alle möglichen 
Neuerungen, die natürlid mit ent- 
Iprechenden Ausgaben verbunden waren, 
eintraten, während die Alten Die 
Pfennige feithielten und mo möglich 
den status quo erhalten wollten. 

Einige Tage vor der ftattfindenden 
Mahl rührte fih endlich auch die 
Bürgerfchaft: fie wählte ein Comité, 
das die definitiven Candidaten auf: 
jtellen follte und bier erit hieß es: 
Hier iſt Rhodus, zeige Dich als ges 
ſchickter Turner. 

Das Comité beitand aus einem 
Dutzend Perjonen, die aber, man war 
durch die Erfahrung gemwibigt, Keinen 
aus ihrer Mitte wählen durften. Da: 
gegen follten Diejenigen, die fie vor: 
ichlugen, unbedingt als Kandidaten 
angenommen werben. Es war dies 
Comité, wie man fieht, ein reiner 
Wohlfahrts-Ausſchuß, und fi die 
Gunſt desfelben erwerben, hieß die der 
Gejammtheit befigen. Mit jenem un: 
bejtimmten Gefühle von Furcht und 
Hoffnung, das den Angeklagten be: 
ichleihen muß, wenn er die Lifte der 
Geihmworenen lieft, die über ihn 
urtheilen follen, prüfte ich die Namen 
diejes allmächtigen Dutzends. Ich er: 
tappte mich einmal dabei, wie id) mic) 
im Geifte flehentlih an fie menbete 
und fie, umgekehrt wie ein Angellagter, 
mit erhobenen Händen bat, fie mögen 


286 


Gnade üben und mich ſchuldig Iprechen, 
vier Jahre im Gemeinderathe feftge- 
halten zu werben. 

Daß das Comité meift aus Be- 
fannten beftand, verfteht fich in einer 
mittleren Provinzftabt, wo alle Welt 
fih fennt, wohl von felbit. Was mir 
aber nicht befannt fein fonnte, war, 
wie fie über meine Candidatur dachten. 
Einer von ihnen, das wußte ich gewiß, 
war mein erflärter Feind: weil mein 
Soncurrent im Bankfahe. Genaueres 
hierüber ift in dem jchönen Gapitel 
von Darwin: Kampf um's Dafein, 
nachzulefen. Ein Zweiter war mir nicht 
hold: fein Schwager und ber meine 
führten einen langjährigen Proceß 
miteinander. Dafür konnte ich zwar 
wenig, aber die Sünde warb heim: 
geſucht an Schwägern und Vettern, wie 
wir e8 ſchon aus ber Bibel wilfen. 

Meine Frau warf einen Blid in 
die Lifte. Einer der Frauen dieſer Ge- 
waltigen war fie jeit Jahr und Tag 
einen Beſuch ſchuldig, den fie fich bis- 
ber noch nicht hatte entſchließen können, 
abzutragen. jene Dame war nämli 
nur bie Gattin eines Detailhändlers, 
alfo eine® Mannes, der Woll: und 
Seidenſtoffe nad) der Elle verkaufte, 
die alfo auf einer niedrigen Sprofje 
der gejellichaftlihen Leiter ſtand; 
während Bunkiersfrauen bekanntlich 
Ihon auf einer fehr hoben Stufe 
ftehen, höher als die Großhänblerinnen, 
in gleihem Range mit den Frauen 
der hohen Beamten und faft in gleichem 
mit denen des niebrigften Adels. Ya, 
fie bilden fi fogar ein, nicht viel 
weniger Werth zu befigen, als herab: 
gefommene Gräfinnen, was indeß von 
ftarfer Weberhebung zeugt und nur 
dann einen Schein von Berechtigung 
für fih haben fann, wenn bejagte 
Gräfinnen ſchon fehr herabgefommen 
find. Denn hätte dieſe Einbildung 
etwas an fih, dann Fönnte man bas 
ftolge Wort jenes Schufterfohnes be- 
greifen, der, als ihm feine Geliebte 
jagte, — fie war eines Schneiders 
Tochter — ihr Vater werde nie in 








die Heirat willigen, weil er feinem 


Stande nicht? vergeben wolle, darauf 
furz und mit dem echt demofratifchen 
Zuge unferer Zeit entgegnete: Bin ich 
denn weniger als er? 

Meine Frau aber, mir ergeben 
und ehrgeiziger als ich, beſann fich 
nicht lange, warf fi in Sammt und 
Seide und ftattete der Schnittwaaren- 
händlerin einen Beſuch ab, der volle 
3,, Stunden dauerte. Jene war darüber 
fo entzüdt, daß fie ihrem Manne gewiß 
die Augen ausgekratzt hätte, wenn er 
für mich nicht ftimmen würde; ja, ich 
glaube, fie wäre in einem ſolchen Falle 
im Stande gewejen, fih von ihm 
ſcheiden zu laſſen, troß der ſechs Kinder, 
mit denen ihre Ehe gejegnet war. 

Einer war gewonnen und ben 
zweiten führte mir mein Glüdsjtern 
zu, als meine Frau eben weg war, 
um ben erften zu angeln. Er war 
Beamter und hatte einen verwidelten 
Erbichaftsproceß in einer entfernten 
Stadt, deu er mit Hilfe meiner ein: 
flußreihen Bekanntſchaft in derjelben 


ch auf gütlihem Wege auszutragen ge: 


dachte. Ich behandelte ihn mit aus: 
nehmender Höflichfeit, ftellte ihm meinen 
ganzen Einfluß zur Verfügung; ja, 
wenn er e3 verlangt hätte, ich hätte 
ihm einen unbejchränften Creditbrief 
auf Rothihild in Wien gegeben. Zum 
Glück brauchte er ihn jedoch nicht und 
zu noch größerem Glüde ftand ich mit 
Rothſchild gar nicht in Correfpondenz. 
Ich gab ihm aber bis zur Stiege das 
Geleite, indem ich ihm vor und hinter 
jeder Thüre die Hand drückte. Neun 
mal im Ganzen. Wäre das Küffen 
nicht außer Mode gekommen, ich hätte 
ihn, trogdem fein Schnurbart ein flei- 
nes Magazin von Schnupftabaf ent: 
bielt, herzlich gefüßt. 

Bei den Namen diefer Beiden aber 
machte ih rothe Stride. (Ich hatte 
gerabe einen rothen Stift zur Hand.) 

Mein gutes Geihid mollte es 
auch, daß ich zufällig, ober ſoll ich 
jagen : in Folge nervöfer Aufregung 
natürlicher Weife, Zahnweh befam und 


237 


einen Zahnarzt auffuchen mußte. Ach | 
fand ihn nicht zu Haufe, wohl aber, 
eine dicke Heine unreinlihe Köchin am 
Herde, die fih bald als feine Frau 
entpuppte, nachdem fie fih gewaſchen 
und eine Haube aufgejeht hatte. Wenn 
man fie fo allein am Feuer ftehen ſah, 
jah man e3 ihr gar nicht an, daß fie 
jo viel reden konnte. Was die Zange 
ihres Mannes gut machte, das machte 
ihre Zunge ſchlecht. Aber mitten unter 
ihren enblojen Erzählungen, die ich 
neben dem Zahnweh über mich ergehen 
lajlen mußte, und von dem mir nur 
das in Erinnerung geblieben ift, daß 
der Herr Doctor, als er um feine 
Frau warb, grüne Sammethojen trug, 
was mich vermuthen ließ, baß er 
ſpaniſcher Abkunft fei, lang mir eine 
Nachricht entgegen, um deren willen 
ich diejes Tratſchmaul mit einem Kuſſe 
hätte jchließen mögen: der Doctor‘ 
war, wa3 ich überjehen hatte, Mit: | 
glied des mächtigen Comité's. | 

Man wird es begreifen, daß ich nun 
der Frau jo andächtig zuhörte, wie ein 
frommer Jude den Gejängen feines 
Vorbeters; man wird ſich nicht wun— 
dern, daß ich feine Miene verzog, als mir 
der Mann ben rechten und gleichzeitig 
einen unrechten Zahn zu Tage für: 
derte; man wird nicht ftaunen, daß 
ih ihm ein Honorar gab, das nicht 
nur für die Mühe, zwei Zähne (ach!) 
gerifjen zu haben, hinreichte, ſondern 
das, ich bin davon überzeugt, ihm einen 
guten Theil der für fein Stubium, die 
Bange zu hantiren, aufgewendeten Koſten 
reihlih dedte. Jh gab ihm auch die 
Berfiherung, daß ich mich freue, un: 
fere auf etwas ſchwachen Beinen ſte— 
hende Bekanntſchaft erneuert zu haben. 
Und natürlih wird man es auch fin= 
den, daß er mir beim Weggehen er: 
zählte, es hätte geftern einen Kampf 
um mich gegeben, worauf ich lächelte; 
natürlih, daß ich der Frau galant 
die Hand küßte, die etwas nad 
Zwiebeln roh und am natürlichiten, 
daß der Zahnkünftler nicht begreifen 
konnte, wie man einen bejjern Candi— 








ausrichten ; 


daten finden fönnte als mich, was 
die Frau beftätigte. 


Gegen jo viele Verbündete fonnte 
mein Gollege im Bankfache nicht3 mehr 
ih wurde in zmölfter 
Stunde in die Lifte aufgenommen. Um 
diefen Collegen zu gewinnen, hatte ich 
ihon daran gebadht, ein Gerücht aus: 
jprengen zu laffen, daß mich eine Bör— 
jenoperation zum größten Theil rui- 
nirt babe. 

Eines Gegners muß ich noch er: 
wähnen, eines Mannes, der als Wahl: 
agitator feines Gleichen juchte und der 
allein das ganje Comit& aufwog. Die: 
ſem Manne gefiel, wie es jcheint, 
mein Name nicht und ich weiß noch 
heute nicht, wa8 Einem an dem Namen 
Meier nicht gefallen kam; er ift Doch 
jehr unſchuldig. Zudem mar jeine 
Frau gewohnt, von jedem armen Can— 
didaten einen Handkuß zu befommen, 
und id armer Candidat war zu ftolz 
gewejen, ihr einen zu geben. Meine 
Frau hätte mir auch die Augen aus: 
gefragt, wenn ich e3 gethan hätte. E83 
blieb mir demnach nur das fleinere 
Uebel zu wählen, die Frau des Agi- 
tator3 ftatt der meinen zu erzürnen 
und durch fie ihren Mann. Er war 
wohl mädtig, allein viele Mächte 
waren mit mir. 

Den Abend vor der Wahlſchlacht 
ſaß ih im Kreiſe der Meinen mit 
jener ermwartungsvollen Gemüthsun— 
ruhe, wie fie Ludwig Philipp nad) 
der Julirevolution gehabt haben mochte, 
al3 er jeden Augenblid die ihm nun 
fichere franzöfische Krone erwartete, als 
der ſchon erwähnte Balfinger Tächelnd 
in's Zimmer trat. Sein Lächeln war 
eine Molke für meinen Himmel, aus 
dem die Geigen zu verjchwinden an: 
fingen. 

„Das Comité hat Sie gewählt”, 
fagte er, „und Sie glauben nun jchon 
fiher auf den Sik im Gemeinberathe 
rechnen zu dürfen; aber das Comite ift 
noch nicht die Wählerſchaft; Einige wer: 
den demjelben folgen, Viele nicht, und 


288 


Ihre Gegner entwideln eine nie gejehene 
Nührigkeit. Man ift nie jo nahe dem 
Durdfallen, als wenn man fi am 
ficherften glaubt. Und dazu kommt 
no Eines, was Sie ganz überjehen 
haben: Sie heißen Hieronymus Meier; 
Ihr Better, der Eijenhändler, trägt 
den gleichen Bor: und Zunamen. Ge: 
fett, Sie fommen aus der Urne ber: 
vor, dann wollen die Gegner dieſe 
Mahl anfechten und behaupten, nicht 
Sie, fondern der Andere fei gewählt 
worden, und ob ſich die Stabt ein 
zweite® mal Shretwegen in Bewe— 
gung jegen wird, ijt eine Frage. Hät- 


ten Sie fih nur nicht in das Ganze 


eingelaſſen.“ 

Der Mann hatte mir einen Gift: 
tropfen in's Herz gejegt und ging. 
Wohl jagte mir mein gejunder Sinn, 
daß es Sophismen waren, die er vor: 
gebracht, daß das Comité, das mich 
aufgeftellt hatte, den erößten Theil 
der Bürgerichaft repräfentirte; daß 
die Gegner gar nicht Urſache Hatten, 
jo wüthend gegen mich zu fein, und 
daß mein gleichnamiger Vetter gar 
nicht wählbar, weil unter dem gejeß- 
lich vorgefchriebenen Alter ſei: allein 
meine Ruhe war hin, mein Herz war 
ihwer. Und mas meiner Tante anno 
dazumal eingefallen war, ihren Jungen 
gerade Hieronymus und nicht anders 
zu nennen, während ihr doch Tau: 
jende jchönerer Vornamen zu Gebote 
ftanden, das war mir damals auch 
unverftändlih. Hätte er doch Klaus 
geheißen, es hätte ihm ficherlich in 
jeinen Garriere nicht gefchadet ! 

Meine Frau tröftete mich, es fei 
nicht wahr, was Belfinger ſagte; er fei 
unfer Feind und fie ſehe mich Schon 
im Geifte als Gemeinderath vor fich, 
— aber die böjen Ahnungen behielten 
die Oberhand. Nachdem ich lange ge: 
ſchwiegen, fagte ich ihr in einem 
ironisch fein follenden Tone: 

„Du glaubit alſo wirklich, es fei 
mir jo jehr darum zu thun, in Kräh— 
winfel Gemeinbevertreter zu werben? 
Habe den Spaß eine Weile getrieben, 


Inun wird er mir bald zu bunt, und 
ih werde froh fein, wenn ich durch— 
falle. Glaube mir, wenn es fih um 
eine Krone handelte, e3 wäre nicht 
der Mühe werth, feine Ruhe auf's 
Spiel zu feßen. Iſt nicht jener rö— 
milche Imperator vom Throne herab: 
geitiegen, um Kohl zu pflanzen, wor: 
aus Du erjiebit, daß das Glüc weder 
auf den rothſammtenen Kaijerftühlen, 
noh auf den braunledernen Gemein: 
derathsſtühlen zu finden ſei.“ 

Trotzdem wollte mir fein Biſſen 
vom Nadteffen munden und im Bette 
Ichloß ich wohl die Augen — denn wes— 
halb follte ih in's Finftere ftarren ? 
— aber einzufchlafen war es mir 
unmöglich. 

Der Morgen vom 7. Dctober fam ; 
e3 wurde 9 Uhr; der Rathhausſaal 
wurde geöffnet; die Wahlcommilfion 
nahm Pla; die Bürger famen ans 
fangs jpärlich, dann in großer Menge 
zur Urne; auf der Gafje und in dei 
Corridoren juchten die Agitatoren noch 
die Einzelnen umzuftimmen; es gab 
dort Lärm und Bewegung ; auch eine 
Menge Grobheiten und einige wenige 
Ohrfeigen wurden im Gebränge aus: 
getheilt und empfangen ; Volizei mußte 
zur Herftellung der Ruhe aufgeboten 
werben ; e3 wogte und wimmelte; und 
Einer, der Alles aus einer Ede er: 
wartungsvoll anjah, empfing jedesmal 
einen Stich durch's Herz, wenn ein 
vermeintliher Gegner feinen Zettel 
abgab. Diejer Eine war ich, und mein 
Herz ein Sieb bis zum Abend, als ber 
Obmann der Gommiffion die Wahl 
für beendet erflärte. 

Das Scrutinium begann; allein 
mir fehlte die Kraft, demfelben bei— 
zuwohnen und neuerdings Stiche in's 
Herz zu empfangen, jo oft ein Zettel 
ohne meinen Namen verlefen wurde. 
Ich ging nah Haufe, nahm einen 
falten Umſchlag um den Kopf und 
griff — zur Bibel. Um fromme Ge: 
müther nicht zu täujchen, will ich bier 
gleich erflären, daß dies nicht geſchah, 
um Troft zu juchen, ſondern um meine 





— 


Unruhe zu verbergen und daß ich eben 
ſo gut zum Krakauer Kalender gegriffen 
hätte, wenn er zur Hand geweſen wäre. 

Die Kinder wurden zu Bette ge— 
bracht, nachdem ſich Fritz vergebens 
bemüht hatte, mir den Umſchlag vom 
Kopfe zu reißen. Meine Frau blickte 
mich oft an, aber ſie ſchwieg. Ich 
las die Stelle von David's Erhebung 
in den Königsſtand wohl ein dutzend— 
mal. Was manche Leute für ein Glück 
haben, dachte ich. Dann erhob ich mich, 
um, eingehüllt von den Schatten der 
Naht, in meinem Schlafzimmer über 
meine Chancen ungejtört nachdenken 
zu können. Da erſchollen Schritte auf 
der Stiege — mein Schwager kommt, 
um mir die Nachricht mitzuteilen, 
daß von den 600 abgegebenen Stimm: 
zetteln bisher 300 entrollt jeien und 
ih auf 160 berjelben als Candidat 
ericheine; aljo bisher immer mehr als 
die nothwendige Hälfte hatte. Meine 
Frau jubelt auf — id aber ſage 
nichts als: Gute Naht — gehe zu Bett 
und ziehe die Dede über die Ohren. 


Ich lag noch im Halbichlafe, als 
mir des andern Tags das Dienft: 
mädchen die Zeitung und eine Gorre: 
Ipondenzfarte brachte. Auf diejer ftand 
wörtlich folgender Morgengruß : 

„Mein Herr! An Narren hat e8 bis— 
ber in unferer Gemeindevertretung nicht 
gefehlt, warum wollen Sie die Zahl 
derjelben noch um einen vermehren ? 
Warum wollen Sie ein öffentlicher 
Narr werden, nachdem Sie bisher nur 
ein privater gewejen? Genügt Ihnen 
die bisherige beſcheidene Stellung nicht 
mehr und muß denn die Welt erfahren, 
wer Sie find? Ein Freund,“ 


Die Correſpondenzkarten find, mie 
man fieht, das billigfte Beförberungs: 
mittel von Grobheiten. 


Aus der Zeitung aber erfuhr ich 
meine Wahl zum ®emeinberathe. 


So hat mir e3 mein Freund Meier 
erzählt und fo erzähl’ ich e8 zu Nuß 
und Frommen fünftiger Gandidaten 
wieber. 


An eine Philofophin. 


Das krauſe Räthfel diefes Lebens 

O laſſ' es ruh'n! — wir löfen’s nicht, 
An dem JIahrtaufende vergebens 

Die Weisheit fi den Kopf zerbricht; 
Laſſ' uns nit finnen, rathen, fragen, 
Wo Keiner Antwort je gewußt! 

Wir find nun einmal da, zu tragen 
Des Lebens Web, des Lebens Luft. 


Mie Vieles aud dom Weltgetriebe 
Sich dunkel nur begreifen ließ — 
Ein Klares gibt e8 doch: die Liebe, 
Und diefes Eine ift uns gewiß 

Auf Erden und in Geifterlanden, 
Beahnten über Raum und Zeit — 
Denn Herzen, die fi Einmal fanden, 
Die finden fi in Ewigkeit! 


Ernfi Raufder. 


290 


Unheimlihe Gäfte. 


Ballade von Anafltafius Grün. 


Das war der Dedant von Haſelbach, In’s Salzfah ſtreu' Sanct Stefansjalz, 

Der gaitfrei und ehrenfefte, Ein Kruzifig begleit’ es, 

Er fegnet beim Opfer Brot und Wein, Gieß Weihbrunn in die Kannen ein, 

Doch trinkt und ißt er nicht gern allein Die Krüge füll’ mit Kirdenwein, 

Und denkt fhon der kommenden Gäſte. 3um Imbiß bring’ nur Geweihtes.“ 

Da fteht mit dem Kännlein der Miniftrant | Mefiglödlein rufen die Junker zum Mahl, 
Und flüftert in's Ohr ihm leife: Doch tafeln fie unerſchrocken; 

„Sie fommen nit! Denn der Eine jagt, Weihwafler laffen fie Waffer fein, 

Der Andr’ erwartet die neue Magd, Sie tauchen den Baum in den Opferwein, 
Der Dritte rüftet zur Reife.” In’s heilige Salz die Broden. 

Dem Alten entglitt der Meßkelch faft, Und Abend wird's; vom Altare holt 

Des heiligen Ortes vergeffen : Der Knabe gemweihte Kerzen ; 

„Der Dachs im Bau nur fhmauft allein, Sie zünden am Licht die Pfeifen an, 

Da lad’ ih mir lieber drei Teufel ein!’ Verfhwinden in Nebeln und Wolken dann, 
Im Schmerze ſchwört er's vermeffen. Man hört nur ihr Singen und Scherzen. 
Doch kaum geſprochen, bereut er's ſchon; Wie er ſo tapfer ſie zechen ſieht, 

Im Pfarrhof ſitzt er jetzt betend, Dem Dechant beginnt zu bangen: 

Da klappert im Hofe Pferdegetrab, „Die Zeiten werden gar fhlimm und ſchwer, 
Drei feltfame Junker fpringen ab, Selbit Teufel glauben am gar nichts mehr! 
Flint in die Hausflur tretend. Mein Mittel will nicht verfangen.” 

Er feufzt: „Aha, da find fie ſchon!“ Da wünfhen die Junker ihm: „Wohl be- 
Doch artiglic grüßen die Andern : fomm's! 

Wir hörten vom gaftlihen geiftlihen Herrn |1md danken für Trank und Speifen : 

Und lüden aud uns zu Tiſche gern „Wenn wir dereinft im eigenen Dans, 

Mit Hunger und Durft vom Wandern.“ Vergelten wir gern den heutigen Schmaus, 


D lt’ uns die Ehr' erweifen.‘ 
Er nit fein Ia, fchlägt ftill fein Kreuz a 


Und weiß ſich ſchnell zu faffen ; „Verzeiht, ihr Herren, mir thun nicht gut 
Doch reicht er den Bäften nicht die Hand, Die überheizten Gemäder ; 

In ihrem Handfhub glimmt ja ein Brand, | Auch fchmedt verbrannter Braten nicht fein, 
Drum wagt er nicht, ihm zu faflen. Hab’ lieber den eigenen fauren Wein, 


d Sch lim B * 
Er muſtert die Drei vom Scheitel zur Zeh', a a ee ih En de 


Ein Büfchlein am Hut trägt jeder, Längft ward zu Gaſt von größerem Herrn 
Das Schuhwerk ſcheint nit vom zierlichften | Der gute Alte geladen ; 

Bau, Jetzt blickt er von feinem Stern in's Land, 
Den Pferdfuß darunter erkennt er genau, Hat längft in den Gäften von damals erfannt 
Wie oben die Hahnenfeder. Studenten auf Wanderpfaden. 
Er denkt: Die Mahlzeit verleid’ ich euch), Und der euch gefungen diefen Reih'n, 
Ihr ſollt's nicht zweimal wagen! Mar felber bei der Gefchichte, 
Dann winkt er den Meßnerjungen herbei: War Einer von den fahrenden Drei'n, 
„Bich" Deinen Ehorrod an als Livrei Er hat getrunken des Dechants Mein, 
Und rothen Talar und Kragen. Geküßt des Dechants Nichte. 


„Su der Veranda.“ 


291 


Ein neuer klimatifher Wintercurort. 


„Eine neue mebicinifhe Reclame 
mit Paukenſchlägen und Xrompeten- 
fanfaren für einen neuen Gründungs— 
ſchwindel?“ So rufit Du, geehrter 
Lejer, unwillig aus, Wenn nun weis 
ter3 gejagt wird, daß durch dieſen 
neuen Gurort den tiefgefühlten Be: 
bürfniffen von Taufenden unferer franz 
fen Mitmenfhen abgeholfen wird, 
große Summen, bie früher nutzlos 


beffen ganzer Luftkreis nah faulen 
Seewafjer riecht, nicht das häufigen 
Temperaturwechſeln in Folge Falter 
Winde ausgejegte Genua, nicht das 
ftaubige Pifa. Er muß fort, nad 
dem Süden, minbeftens bi8 Neapel. 
Dort und in Sicilien wäre e3 vielleicht 
für Gefunde, die fi vor dem Bri- 


gantaggio nicht fürchten, nicht unan— 


genehm. Der arme Bruftfranfe, den 


vergeubet wurden, erjpart werben, | man hinunter hetzte, hat hier aber mit 
u. ſ. w., fo mwitterft Du hinter allen den ihn auf Schritt und Tritt ver: 
diefen Verfiherungen mit gerechtem , folgenden Vorurtheilen der Staliener 
Miptrauen ein Attentat auf Deinen zu kämpfen, da die Tuberculofe eine 
ohnehin von anderer Seite genugjam im höchften Grabe anftedende Krank: 
geſchröpften Gelbbeutel und fränft mit heit fei und man beim Verfehr mit 
kalt-kritiſcher Nüchternheit: Gibt es ſolchen Patienten alle erdenkliche Vor: 


denn nicht ſchon genug klimatiſche 
Wintercurorte, wozu brauchen wir 
einen neuen? 

Dieſe Frage kann uns jedoch nicht 
in Verlegenheit ſetzen. Wir beantwor— 
ten fie ruhig und wohldurchdacht da⸗ 





fiht anmenden müffe, während doch 
im Gegentheile gerade der Patient 
beſſer daran thäte, fi) vor der Mehr- 
zahl der italienifchen Aerzte in Acht 
zu nehmen. 

Auch die Inſelſtationen haben ihre 


hin: Weil die bisherigen Himatifchen | Schattenfeiten. Bekanntlich führen noch 
Eurorte allefammt nicht3 taugen. ‚feine Brücden über das Meer, und der 

Jeder von ihnen hat den gemwiffen | Kranke muß deshalb eine längere See— 
wunden Fleck, von dem er wünfcht, daß reife unternehmen, deren Veſchwerden 
er von ber Sonde der Kritik nicht bes | (insbefondere die wivermeidliche See- 
rührt werde. In Krems, das ſich gerne | krankheit) auf jein Allgemeinbefinden 
Öfterreichifches Nizza jchimpfen läßt, in hohem Grade ungünftig einwirken. 


ift der Winter für Mitglieder eines 
Eislaufvereined ebenſo angenehm, wie 
in Wien oder Prag. Meran, Bozen 
und Görz haben alljährlih, aus: 
nahmsweiſe in biefem Jahre, einen 
ganz ungewöhnlich ftrengen Winter. 
Ebenjo bieten Arco, wo man nur 
zwiſchen hohen Gartenmauern prome: | 
nirt, das geljenreihe Riva, das arifto- 
fratifch-bureaufratiiche Abazzia mur 
berrlihe Spätherbft: und Vor-Früh— 


In Malta quält den Kranken der 
‚Staub. Auf den jonifhen Inſeln 
‚tritt das MWechjelfieber endemifch auf, 
‚und wenn die Freunde Madeira’s 
beſagten, daß das Klima gerade dieſer 
Inſel für Tuberculoje fo heilfam fei, 
jo mögen fie und erflären, warum 
gerade in Madeira (nicht minder in 
Korfu und Malta) eine jo große An: 
zahl ber Eingeborenen an Lungen: 
ſchwindſucht zu Grunde geht. Außer 





lingstage. Wer aber auch im Decem: | den jpeciellen Gebrechen, die jedem 
ber, Jänner und Februar frifche Luft | diejer „Wintercurorte” anhaften, ver: 
im Freien während des ganzen Tages einen fie eine gemeinfame Summe von 
mit Sicherheit genießen will, der muß, | Unannehmlichkeiten, die den Kranken, 
von der Naßkälte gejagt, fi viel der doch ſtets nervös, reizbar und 
weiter in ben Süden flüchten. Dem | empfindlicher als der Gefunde ift, dop— 
Hilft nicht das melandholifche Venedig, | pelt hart betrifft. 





292 


Da fteht er, ferne von der Hei: 
mat, ferne von dem troftreihen Zu— 
ſpruche feiner Lieben im fremden Lande, 
deſſen Sprache er nur mangelhaft oder 
gar nicht Fundig iſt. Ihm fehlen all’ 
die taufend Kleinen Aufmerkjamfeiten 
und Bequemlichkeiten, mit denen Freun: 
deshände fein trübjeliges® Dafein zu 
verjchönern bemüht waren. 

Ah, wie martert ihn die Lang: 
weile, für welche es bier gar fein 
Mittel gibt. Zu lefen, zu arbeiten, 
viel zu denken, verbietet der geſchwächte 
Organismus, 
Paufe, die er jonft zu Haufe jo be 
baglid mit Eſſen ausfüllte, ift ihm 
bier vergällt. In welcher Beziehung 
ift nämlich der Menſch am intoleran- 
teften? In Bezug auf den Stände: 
unterfchied, auf Religion, auf Natio: 
nalität? Nein. Die Bauern und bie 
Feudal-Ariftofraten vom veinften Waf- 
fer, die Juden und Katholiken, die 
Slaven und Germanen werben ficher 
in allen anderen Punkten ihre diver— 
girenden Anfihten mehr rejpectiren, 
als in Betreff des Ejjens. Da hält 
ſich jeder für berechtigt, feinen Nach— 
bar für den ärgften Tölpel zu erflä- 
ren. Gangfett, Butter, Schweinſchmalz 
und Del find die vier Elemente ber 
Kochkunſt ebenjo vieler Nationen ; und 
wer nad) dem Süden wandert, nehme 
von den erſten Dreien Abjchied, denn 


Del wird von nun an ausfhliehlic | 


die Fettjtoffe in allen feinen Mahlzei— 
ten vertreten. 

Wir gehören nicht zu jenen Ma: 
terialijten, welche hierin eine Verlegung 
der menſchlichen Würde ſehen; aber 
hart ift e8, wenn man zu Haufe die 
belicateften und zweckmäßigſten Spei- 
fen haben könnte und nun der Gnade 
und Willfür eines italienifchen oder 
griehifhen Boutikenkoches preisgege— 


und ſelbſt die kurze 


die heimiſchen Wein- und Bierſorten 
wohl mitführen oder ohne zu große 
Gefahr durch die ortsüblichen vertre— 
ten laſſen; was wir aber in der Fremde 
abſolut entbehren müſſen, obwohl es 
für unſer Gedeihen viel nothwendiger 
iſt als alle geiſtigen Getränke, das 
iſt das heimiſche gute Trinkwaſſer. 
Gutes, reines Trinkwaſſer iſt jedoch 
für die Geſundheit des Organismus 
ebenſo nothwendig, als die Einath— 
mung einer temperirten Luft. 

In den meiſten ſüdlichen Winter— 
curorten, beſonders in Oberitalien, 
muß man aber gutes Trinkwaſſer ent— 
behren und erſetzt es nothdürftig durch 
eine filtrirte, im Eis gefühlte Flüſſig— 
keit, an welche ſich nur ſehr kräftige 
Organismen gewöhnen können. Daß 
dieſe Gewöhnung bei geſchwächten, Fran« 
ken Organismen nur ſehr ſchwer 
ſtattfindet und in vielen Fällen eher 
die Auflöſung beſchleunigt wird, liegt 
auf der Hand. In dieſem Momente 
möchten wir auch den Schwerpunkt 
der Unzulänglichkeit der bisherigen 
klimatiſchen Curorte ſuchen. Ob reich, 
ob arm, ob vom raffinirteſten Luxus 
umgeben, ob auf die beſcheidenſten 
Mittel beſchränkt, keiner der in Win— 
tercurorte Exilirten entgeht der Noth— 
wendigkeit der Akklimatiſation. Den 
Einen trifft ſie ſchwerer, weil er von 
Haus aus verwöhnter, weichlicher er— 
zogen, kleine Veränderungen härter 
empfindet; dem Andern thut ſie um 
ſo mehr wehe, weil ſeine beſcheidenen 
Mittel ihn manche Annehmlichkeiten, 
die er zu Hauſe umſonſt genoſſen, nicht 
verſtatten, ſich in der Fremde für Geld 
anzuſchaffen. 

Trinkwaſſer und Koſt, Einwirkung 
auf Geiſt und Gemüth, veränderte 
Lebensweiſe, ja das Klima ſelbſt ſollen 


angewöhnt ſein, und noch dazu nicht 


ben iſt. Zur Noth helfen reiche Mittel, von Geſunden, ſondern von Kranken! 


vernünftiges Anſchmiegen an die Lan— 
desſitte und weiſe Auswahl aus dem 


Ian diefe Opfer und Anftrengungen, 


denen gar Mancher unterliegt, find 


jeweilig Gebotenen über die ärgjten |aber nußlos. Hat der Kranke endlich 
Klippen hinweg. Anders verhält es | feinen Afklimatifationsproceh glücklich 


fih mit dem Getränfe. 


Mir können durchgemacht und ihn nicht mit dem 


Leben bezahlt, fo muß er jchliehlich 
doch wieder in die Heimat zurück. Und 
bier? — Hier Fann er wieder von 
vorn anfangen. Seht ift er an das 
ſüdliche Klima, die fremden Sitten, 
die fremde Lebensmeije, Koft und 
Trinkwaſſer gewöhnt. Das Alles muß 
er wieder abftreifen und feinen Orga: 
nismus wieder in neue Bande zwän— 
gen, welche in den meijten Fällen wies 
der die alten Leiden hervorrufen. 

Wir fehen demnach, daß die Eli- 
matifchen Wintercurorte, in welche un: 
jere Kranken gewöhnlich geſchickt wer: 
den, in der Praxis lange das nicht 
leiſten, was mander Theoretifer fich 
von ihnen verſprochen. 

In vielen Fällen find fie geradezu 
von Schaden. Niht nur für Sene, 
beren Leiden fich in klimatiſchen Win: 
tercurorten verſchlimmern, fondern auch 
für Jene, welche, weil es ihre Ge: 
jchäfte oder ihr Geldbeutel oder ihre 
Krankheit nicht erlaubt, zu Haufe blie- 
ben, und fih nun mit dem Gedanken 
quälen, wie gut e3 ihnen gegangen 
wäre, wenn es ihnen möglich gemwejen 
wäre, einen MWintercurort aufzujuchen. 
Wie behaglihd und mohlthuend für 


Herz und Geldbeutel ift dagegen ber reiner ift als dieſes Waſſer. 
athmen eine Luft, welder in gas 


Er ift ohne Mühe | förmiger, aljo unfichtbarer, aber ohne 


klimatiſche Curort, für den wir hier 
Neclame maden. 
und Koften für Kranfe und Gefunde 
erreichbar, gejtattet die Verpflegung 
zu den billigiten Preifen, aber auch 
Befriedigung der Iururiöfeften Paſſio— 
nen. Curtaxe wird nicht eingehoben, 
dafür werben aber auch die Ohren 
der P. T. Curgäſte von feiner fa- 
den Curmuſik malträtirtt. Die ge: 
jammte Curordnung inclufive ſämmt— 
liher Vorſchriften des Gurarztes be: 
fteht aus einem einzigen Paragraph, 
welcher lautet: Bleib’ im Lande 
und nähre Did redlid. 

Diefe Vorfchrift, ftrenge und con- 
jequent durchgeführt, genügt aber, um 
jedes Kranfenzimmer in einen Flimati- 
ſchen Curort zu verwandeln. Wir 
glauben, unfere Kranken vedlich zu 
nähren, wenn wir fie mit den ausge: 


293 





fuchteften Delicateffen vollftopfen, alle 
Medicamente der lateiniihen Küche in 
fie füllen. Wenn es die gejchäßten 
Leſer des „Heimgarten“ intereffirt, 
werden mir ihnen ein andere mal 
nachmweilen, daß an der gejammten 
franzöfiichen und Tateinifchen Küche 
beinahe nur die Gier mit Gemwißheit 
als ungefälfchte redliche Nahrung be 
trachtet werden dürfen. Für diefesmal 
wollen wir nur auf jene maßlofe 
Verfälihung des unentbehrlichiten aller 
Nahrungsmittel hinweiſen, welches un- 
bedingt hinbeigejellt werden muß, wenn 
das SKrankenzimmer den Chrentitel 
eines Elimatifchen Curortes verdienen 
fol. Es ijt dies die Verfälſchung der 
Luft, die wir athmen und die ganz 
gewiß das wichtigste Nahrungsmittel 
ift, da wir von der Wiege bis zum 
Grabe gar fein anderes in folchen 
Maffen conjumiren müfjen, wenn wir 
uns am Leben erhalten wollen. Wer 
wird das Waſſer trinken wollen, in 
das fein befter Freund hineingeſpuckt 
hat? Mit Efel wendet ſich Jeder ſchon 
bei dem bloßen Gedanken ab. Und 
doch athmen die Meiften in gejchlof- 
jenen Zimmern eine Luft, die viel un: 
Sie 


jedes hemijche Reagenz durch die Ge- 
ruhsorgane erfennbarer Form eine 
Maſſe von Unrath beigemijcht iſt. In 
der Luft des Krankenzimmers finden 
wir die Producte der trockenen Deſtil— 
lation des Tabaks, die Reſultate der 
Athmung von Menſchen, Hunden, 
Katzen und Stubenvögeln, die Aus— 
dünſtungen der Auswurfsſtoffe der 
Kranken. Stellt in die Krankenſtuben 
einen gut ventilirenden Ofen, lüftet 
überdies fleißig, indem ihr Bor: und 
Nachmittags eine Stunde bei offenem 
Fenfter heizt, und entfernt Alles, was 
zur Verſchlechterung der Luft beiträgt. 
Die minutiöfeite Neinlichkeit ift für 
unferen Zweck unentbehrlih und muß 
unaufhörlihd mit größtem Berftänd: 
niffe durchgeführt werben. 


294 


Die modernen Aerzte jehen mit 
geringihägendem Lächeln auf die älte: 
ren herab, welche verpejtete Kranken: 
zimmer durch Näucherungen mit Efjig 
ober Weihrauch zu „desinficiren” glaub: 
ten. Sie jagen, das Räuchern fei eine 
Selbittäufchung, die nur bezwedt, einen 
unferen Geruchsorganen wiberlichen 
Dunft dur einen wieder unangeneh- 
men zu bemänteln, und daß die Luft 
dur die gemeinfame Wirfung bes 
urfprünglidhen und des daraus erzeug: 
ten Dunſtes gerade doppelt jo jchlecht 
ſei al3 vordem. Sie verfallen ja in 
diefelbe Selbfttäufhung. Sie „begin: 
fiiren“ mit Garbolfäure und find 
überzeugt, Wunderwerfe für die Sa— 
nität vollführt zu Haben, wenn die 
ganze Atmojphäre ihrer Krankenftuben 
vom Garbolgeftanfe durchdrungen iſt. 


Die Carbolfäure, die ſchon in 
Heinften Mengen niedere Organismen 
töbtet, ift ganz gewiß, fortwährend 
eingeathmet, auch höher organifirten 
Weſen (befonders Franken) nicht zu: 
träglich. 

Sorgt für reine Luft in den Kran— 
fenftuben, dann braucht ihr weder 
Weihrauch, noch Carbol; dann braucht 
ihr aber auch nicht eure Kranken nad) 
dem fernen Süden zu jenben, um fie 
für theures Geld unter fremden Leuten 
auf einen Sonnenftrahl warten zu laf- 
jen, der ihnen erlauben würde, unter 
großen Opfern in Bezug auf alle au: 
deren Lebensgenüſſe im Winter im 
Freien manchmal einen Mund voll gu- 
ter Zuft zu atmen, — denn dann habt 
ihr zu Haufe ben beiten Elimatijchen 
Wintercurort. 

Dr. €. Lewy. 


Anſere Schwächen. 


II. 
Deutſches Leſepublikum. 


Wir ſtehen vor folgendem Zwie— 
jpalt: Das deutfche Volk hat unter 
allen europäifchen Völkern die meiften 
Dichter und Schriftjteller und bie 
wenigſten Bücherfäufer. 

In den beutjhen Salons findet 
man Alles, was das In- und Aus: 
land an Schönem und Anmuthigem 
hervorbringt — nur feine Bücher. 
Auf dem Tiſche wohl ein paar präch— 
tige Einbände mit etwas Inhalt, dann 
irgend einen Bilderatlas, dann ein Mo- 
dejournal (von Zeitungen fol hier 
nicht die Nede fein), ſchließlich noch 
eine ober die andere neue Novität, 
die weder gut noch ſchlecht, fondern 
blo8 in der Mode zu fein braudt — 
und bie geiftigen Schäge des Hauſes 
find gezählt. 

Nicht doch! Im Schlafgemadh ber 
Dame, auf dem Nachtkäftchen, Tiegen 
ein paar jchöngeiftige Werke, aber in 
einem Zuftande, der e8 nur der größ- 


ten Toleranz zu danfen bat, im ele- 
ganten Gemache ber Frau mitten unter 
dem Feinften und NReinften der Linnen 
und Seiben ruhen zu dürfen. Denn 
gudet einmal und — nein, gudet 
lieber nicht. Ihr würdet auf dem Bett: 
tiichchen der Frau, die ihr bisher ja 
doc gewohnt jeid, fo hoch zu achten, 
ſchlechte Bücher finden, eine recht un— 
jaubere Lectüre, wie ihr fie der Dame 
wohl nie zugetraut hättet. Wir ſpre— 
hen bier nicht vom Inhalte, es it 
wahrſcheinlich Paul Heyfe, oder Victor 
Sceffel oder Abalbert Stifter oder 
Robert Hamerling, oder Guftav Frei: 
tag, oder fonjt einer unferer großen 
Erzähler — das Unfaubere Flebt gott: 
lob nur außen dran. Es find Erem: 
plare von ber Leihbibliothef. Sie find 
eben jchon in allerlei Geſellſchaft ge: 
wejen. Aber es kommt eben billig, 
und biejelbe Dame, die alljährlih für 
Handjhuhe zwei: ober breihundert 
Gulden ausgibt, ift jparfam wie eine 
Höderin, wo es fih um Bücher han- 
belt. Nicht als ob fie nicht bie eif- 


— 


rigſte Leſerin wäre; aber wozu, meint ſtock hat gelegentlich den Wunſch aus— 
ſie, wären die Leihbibliotheken, wenn geſprochen, er wolle weniger gelobt, 


man ſich die Bücher anſchaffen wollte? 
Und wozu die Bücher, wenn man ſie 
durchgeleſen hat? Hinausgeworfenes 
Geld. — Dieſe letzte Aeußerung bringt 
uns ſchier auf das Vermuthen, daß 
unſere Leſerin mit leichterer Waare 





vorlieb nimmt als ſolcher, wie wir 
oben angedeutet haben, etwa mit einer 
Lectüre, die man mit einmaligem Durch: 
fliegen für ſich vollends entwerthet. 
Dann freilid werden und auch die 
verjchiedenen Küchenjpuren, die Fett— 
und Wachsflecken, der Schnupftabaf: 
ftaub u. ſ. w. erklärlich — und es 
freut uns nur der demokratiſche Sinn 
unjerer feingebildeten Dame, die ihre 
geiftige Nahrung mit dem Dienftboten- 
und anderen Volke aus einer Schüj: 
ſel ißt. 

Selten ift ein entlehntes Buch in 
jenem äußeren Zuftande, wie wir es für 
unjere liebenswürdige Leſerin wünjchen 
möchten, es müßte denn ganz neu oder 
gar nicht begehrenswerth fein. Je in- 
terefjanter das innere eines Buches, 
defto unappetitlicher fein Aeußeres, und 
gerade oft auf einer Seite, wo fich etwa 
eine parabdiefiiche Idylle abipielt, prangt 
ein Merkmal, deſſen räthſelhafter Ur: 
ſprung mit den äſthetiſchen Intentio— 
nen des Dichters nachgerade gar nichts 
gemein hat. 

Unſere Beurtheiler, die entweder 
aus moraliſcher Entrüſtung gewiſſe 
Bücher verdammen oder ſolche mit 
heimlichem Vergnügen leſen und ſie 
dann zerzauſen, um zu beweiſen, daß 
ſie ſcharfe Krallen haben — ſie arbei— 
ten für die Leihbibliotheken. Schlechte 
Bücher will man nicht kaufen, gute 
nicht leſen. Daher läßt man ſich die 
erſteren aus der Leihanſtalt holen und 
die letzteren verſtauben und vergilben 
im Magazin des Verlagsbuchhändlers, 
wenn dieſer ſo unvorſichtig war, die 
Auflage über das erſte Tauſend hin— 
aus zu erweitern, und wenn der Re— 
cenſent ſo gutmüthig oder ſo boshaft 


aber mehr geleſen ſein. Der Arme 
wird leider gelobt noch bis auf den 
heutigen Tag und weder Buchhändler 
noch Leihbibliothekare machen mit ihm 
auch nur ſo viel Geſchäfte, was das 
Salz in ihrer Suppe koſtet. 

Doch dem Rechnung tragend, hat 
man ſich heute modificirt. Ein Wiener 
Schriftſteller vertraute uns vor Kur— 
zem, daß die Wiener in der Regel 
nur ſolche Bücher leſen, welche „or— 
dentlich heruntergeriſſen“ worden wä— 
ren, und das ſei auch die Urſache, 
weshalb in der Kritik jener gewiſſe 
burſchikoſe und peſſimiſtiſche Ton Mode 
geworden wäre, der hier Aerger her— 
vorbringe, dort Lächeln, da Beifall, 
aber Reſpect nirgends. 

So löblich uns einerſeits die Ab— 
ſicht einer Recenſion erſchiene, die durch 
ihre Pikanterien das Publikum für die 
in Frage ſtehenden Bücher gewinnen 
wolle, konnten wir doch eine ſolche 
Charakteriſirung unſeres literariſchen 
Richterſtuhles nicht oder nur beſchränkt 
gelten laſſen. 

Sei das wie immer, wir erinnern 
uns hier an einen Berliner Verlags— 
buchhändler, welcher ſeinem Recenſen— 
ten ein neues, etwas obſcönes Werk 
überreichte: „Meiſter, ſchreiben Sie 
etwas darüber!“ 

„Aber, lieber Freund“, verſetzte 
der Berichterſtatter, „über dieſes Buch 
vermag ich wohl nichts Anſtändiges 
zu ſagen.“ 

„So ſagen Sie Unanſtändiges“, 
rief der Buchhändler, „loben Sie es, 
verſchandiren Sie es, wie Sie wollen, 
nur ſchreiben Sie etwas.“ 

Schuld an ſolch ungeſunden Zu— 
ſtänden iſt indeß weniger der Recen— 
ſent als das Publikum. Wo Lärm 
gemacht wird, dort laufen eben die 
Leute zuſammen und wenn ſie es zehn⸗ 
mal im voraus wiſſen, daß es wieder 
ein Lärm um nichts iſt. 

Die Leihanſtalt iſt für uns ein 


war, das Werk zu loben. Schon Klop- | zu intereſſanter Ort, als daß wir nicht 


296 


noch einmal in dieſelbe zurückkehren 
ſollten. Hier könnte der deutſche Schrift— 
ſteller die fruchtbarſten Studien machen. 
Hier ſagt das große Publikum, was 
es haben will. Es will das Kraſſe, 
das Extreme, das Aufregende, das 
Pikante und Leichtfertige, das Ga— 
lante, Graziöſe und Charmante — 
es will — den Franzoſen. Aber nicht 
kaufen, ſondern nur ſeine flüchtige Be— 
kanntſchaft machen. Vor Allem wird 
der Schriftſteller dabei das Eine wahr— 
nehmen, daß das Publikum weder be— 
lehrt, noch erbaut, ſondern lediglich 
nur unterhalten ſein will. Gleichzeitig 
aber wird er auch eines Exempels deut— 
ſcher Sparſamkeit inne werden. Die 
reichſte und vornehmſte Kundſchaft 
bringt es über ſich, die Lectüre des 
intereſſanteſten Romans bis zur Dis— 
poſition eines nächſten Bandes auf 
Tage, ja auf Wochen zu unterbrechen, 
bevor ſie ſich entſchließt, das Werk zu 
kaufen. 

Und begegnet die Ariſtokratin in 
ſchwerer Seidenſchleppe einmal dem 
Schriftſteller, ſo weiß ſie ihm kein 
feineres Compliment zu ſagen, als 
daß ſie herablaſſend mittheilt, ſie habe 
ſein neueſtes Buch eben — aus ber 
Leihbibliothel holen laffen oder fonft 
wo entlehnt. Nur der Gelehrte und 
der Bürger, der SKleinbürger, ber 
Handwerker fauft die Bücher, in bie 
er fih dann förmlich verjenft. 

Wir wünſchen ja von Herzen den 
Leihbibliothefen gutes Gedeihen. Ob: 
zwar fie es einerfeit3 find, welche ben 
Verlauf der Bücher und fomit das 
berechtigte Einfommen der Schriftiteller 
einschränfen, jo mögen es anbererjeits 
eben wieder biefe Leihbibliotheten fein, 
auf welche mander Verlagsbuhhänd- 
ler baut. Weiß er 3. B., e8 gibt 700 
größere Leihbibliothefen in Deutſch— 
land, jo fann er bei einem neuen 
Nomane wohl ziemlich bejtimmt auf ben 
Abſatz von 700 Eremplaren rechnen, 
während ihm das faufende Publikum 


Aber daß es nicht die ärmeren, 
fondern die wohlhabenderen Glafjen 
find, welche den billigen Vortheil der 
Bücherleihanftalten für fi in Anſpruch 
nehmen, und daß gerade bie gebildete 
Welt ihren Bücherfhranf draußen in 
einem öffentlichen Gewölbe ftehen hat, 
das befremdet. — Man mag uns der 
Uebertreibung anflagen; jchöne Aus: 
nahmen gibt es ja, aber im Ganzen 
haben wir leider recht. 

Menn fih unfere guten Häufer, 
die ja überall dort glänzen, wo es 
Edles und Schönes zu fördern gibt, 
entjchließen wollten, jo wie die Fran 
zofen und Engländer, ſtets das Beſte 
der neuen literarijchen Erjcheinungen 
ihrer Nation fi anzueignen — wie 
wäre das plößlich anders! Die jchöpfe- 
rifchen Geifter, die Träger der erha- 
benften Ideen ihres Volkes, würden 
nicht fortweg zu Hagen haben über 
materielle Sorgen. Die Bücher würden 
um niedrigeren Preis verkauft werben 
fönnen und aljo auch den Unbemittel- 
ten zugänglider werben als bisher. 
Und, was wohl eine Hauptfache wäre: 
der Salon hätte feine Bibliothef. Wel- 
chen Converjationsftoff, welche Gele: 
genheit zu geiftigen Ercurfionen gäbe 
eine ausgewählte Bücherfammlung ! 
Und weld’ eine Zierde — ſchön ges 
bundene Bücher in einem jchön ge: 
formten Schranf! — Der Engländer 
nimmt fich nicht viel Zeit zum Xejen, 
aber er kauft die Bücher ſchon zu 
dem Zwede, um die großen Geijter 
feines Baterlandes um ſich zu haben, 
und daß die pradtvoll gebundenen 
Folianten feine Wohnung ſchmücken. 
Der Franzofe fauft die Bücher ſowohl 
zur Ergößung feines Geiftes, als aud) 
zur Zierde feines Salons. Auch der 
vornehme Staliener, der Ruſſe uud 
jelbft unfer politifher und fiamefijcher 
Zwillingsbruber, der Ungar, halten et: 
was aufeine gut gewählte und georbnete 
Bibliothef. Nur der Deutſche will le: 
jen, ohne das Buch zu kaufen. Er 


faum den Conſum von 10 Eremplaren | füllt die Wände feiner Salons und 


fichert. 


Wohnzimmer oft lieber mit allerlei Ge- 


mu 


297 


jpiegel, Hirfchgeweihen, barofen Möbel: | noch jagt, in welden Punkten er mit 
ftüden und verschiedenen ungereimten | dem Verfaffer des Buches einveritan- 
Dingen, al3 daß er durch einen zier- den war, oder welch’ anderer Anficht 


lihen Bücherfchranf das Zeichen gei- 
ftigen Lebens aufitellte. 

Die eigentlihe und tiefe Bedeu: 
tung einer Hausbibliothef aber Tiegt 
noch ganz wo anders. Selbitverjtänd: 
lih würden für den Hausſchatz nur 
gute und gediegene Bücher gefauft. | 
Diejelben würden allmälig von den 
Familienmitgliedern gelejen, beiprocen, 





mit Nandglojien verjehen. So gehen 
fie dann über zu den Nachkommen 
und vermitteln die geijtige Richtung 
der ganzen Gefchlechtslinie. Doppelt | 


er geweſen ift. 

Die Blüthezeit der deutſchen Li- 
teratur — So beißt es — ift vor: 
bei; aber die Fruchtzeit muß erſt kom— 
men. Die allgemeine Einführung der 
Bücher in’d Haus wäre eine Epoche 
des wahren Erntens, nicht allein für 


‚ Schriftitelleer und Buchhändler, — in 


eriter Linie wohl für das Publikum 
jelbit. 

Und die holde Leſerin in ihrem 
Boudoir würde freudig erjtaurfen, wenn 
fie anjtatt eines unjauberen Schartef: 


werth und wichtig muß dem Kinde |leins plöglih ein geihmadvoll ge: 
ein Bud fein, in welchem es noch die | bundenes Buch mit ſchneeweißen Blät- 
Nandbemerkungen von jeinem längit- |tern in der eben jo weißen Hand 
verftorbenen Vater findet. Sit ihm doch | hielte — und dieſes Buch mit feinem 
der Water gemifjermaßen jelbit zum | geiftreichen und herzenswarmen Inhalte 


Schriftiteller geworben, der es heute 


— ihr Eigentfum wäre! H.M. 


Fine 


Poge. 


Aus dem Franzöfifhen von Quadrelles. 


Kennen Sie Herren Pinglet? Nein. 
Nun gut, Herr Pinglet ift Admini— 
ftrator einer anonymen Lebensverfiche- 
rungs-Gejellichaft. 

Was das für eine Gefellichaft ift? 
Sch weiß e3 nicht. Sie hat ihren klei— 
nen Adminijtrationsrath, ihre kleinen Bu— 
reaur, ihre Kleinen Proſpecte, ihre Eleinen 
Berficherten, kurz Alles wie eine andere. 
Sie zahlt zwar feine Dividenden, wer 
wird aber auch Alles haben wollen! 

Herr Pinglet beſchränkt jich indefjen 
niht darauf, einen Adminiftrations- 
rath zu bejigen: er hat auch eine Frau, | 
eine Schwiegermutter, eine Schwäge- 
rin, drei Kinder... . kurz, von Allem 
etwas. — Eines Tages trat er ftrah: 
lend in den Kreis feiner verfammelten 
Familie. 

„Rathet, was ich euch mitbringe!” 

„Du bringft uns etwas? Ach! wie 
liebenswürdig Du bift !“ 

„Lab doch jehen!“ 


Bofeggers „‚Heimgarten‘‘ 4. Heft. 





„Sehen laffen? nein, nein, rathet!“ 

„Etwas zu eijen?“ 

„Nein, etwas Beſſeres.“ 

„Als zu ejjen?“ 

ir a.” 

„Iſt's ein Kleid für mich?” jagt 
die Schwiegermutter. 

„Das nicht.“ 

„Ein Velociped?“ ruft der ältefte 
Rabe. 

„Rein.“ 

„ven Pelz, welchen ich gewünfcht 


habe?“ fragt die Schwägerin. 


„Auch das nicht.“ 

„Sag’ es ſchnell!“ 

AIch bringe 
eine Loge.“ 

„Iſt es wahr?” 

„Und zwar für das Gaité-Theater!“ 

„Nicht möglich!“ 

„Hier iſt die Karte.“ 

„Ah, wie herrlich, wie ſchön! 
Da kann man ſich unterhalten!“ 

20 


euch .. 


298 


„Ich habe eine große Profceniums: | 


loge genommen. Wir werden dba Alle 
fehr bequem Raum haben.“ 

„Du bift ein Schatz!“ 

„Der befte der Gatten!“ 

„Und der Väter !“ 

Die Freude ift eine allgemeine, 
man ift entzüdt, man macht über: 
ſchwängliche Pläne. 

„Es wird doch gefungen, ſprich?“ 

„Gewiß. Vorzüglich !” 

„Gibt man den Orpheus in ber 
Unterwelt ?” 

„Etwas viel Beſſeres. Glaubt ihr, 
ih würde eine Loge zu Offenbach 
nehmen? Ich bin für ernfte Stüde, 
für die großen Schöpfungen unjerer 
claſſiſchen Meifter.“ 

Man macht bebenflih Tange Ge: 
ſichter. 

„Was gibt man denn alſo?“ 
fragt unſicher Frau Pinglet. 

„Athalie! .... Nichts Geringe— 
res als „Athalie“ von unſerm unſterb⸗ 
lichen Racine!“ 

„Sie haben aber doch von Geſang 
geſprochen“, wirft Mile. Nemufet, die 
Schweiter der Frau Pinglet, ein; 
„ich glaubte, wir würden lachen.” 

„Ihr werdet die bewunderungs— 
würdigen Chöre von dem unfterb: 
lihen Mendelsjohn hören !“ 

„Mendelsſohn .. . . ein Preuße!“ 
ſeufzt enttäuſcht Frau Pinglet. 

„Das Genie hat kein Vaterland, 
Madame Pinglet. Sie werden doch 
Ihre Kinder nit in's Gaite-Theater 
führen wollen, um ihre Augen und 
Ohren beihmugen zu. laffen durch den 
Anblid und das Anhören einer folchen 
Schändlichfeit, wie Orpheus es it? 
... Außerdem haben wir ihn Schon 
vier mal gejehen!“ 

„Ih mwürbe ihn recht gern noch 
einmal ſehen!“ 

„Ich auch aber nicht mit Clemens, 
Anatol und Valentin. Sie find jeht 
Ihon zu groß, um ohne Gefahr den 
Olymp und die Unterwelt anjehen zu 
fönnen, Athalie bietet feine ſolchen 
Unzufömmlichfeiten wie Orpheus“. 











„Oh! nein!“ feufzt Die ganze Ver- 
wandtſchaft niedergeichlagen. Die Klei- 
nen find entzüdt. Sie quält fein Zweifel 
über da3, was fie erwartet. Nur ein 
Umftand madt fie traurig: daß fie bei 
Tage ind Theater gehen follen, ftatt 
Abends wie die großen Leute. — 
Herr Pinglet hätte gewünſcht, daß 
man den Abend damit zubrädte — 
in feiner Abweſenheit — das Stüd 
den Kindern vorzulejen, damit fie die 
Handlung beſſer auffaffen möchten. 
Frau Pinglet jedoch zieht es vor, 
ihnen die Heberrafhung nicht zu rau— 
ben. Die drei Kleinen legen fi früh 
zu Bette, um am nächſten Tage recht 
friſch zu jein. 

Am nähften Tage beim erjten 
Morgengrauen warf fih Herr Pinglet 
in ein Sagbfoftüm. Die Jagdtaſche 
umgehängt, daS Gewehr auf der 
Schulter, erfhien er vor den Augen 
feiner erftaunten Ehehälfte. 

„Nun, wohin gehen Sie denn in 
diefem Aufzuge?“ 

„Sie jehen e8 doch, ich gehe auf 
die Jagd.” 

„a8 
dee?” 

„Es ift bereit3 zwei Monate ber, 
daß ich meinem Freunde Paturel ver: 
ſprochen, ein paar Schüſſe in feiner 
Gejellichaft zu thun, und immer babe 
ih ihm faljche Zuficherung gegeben. 
Heute iſt Schönes Wetter; ihr werdet 
euch unterhalten, aljo fann ich ohne 
Gewiſſensbiſſe gehen.” 

„Indeſſen ...“ 

„Ich bedaure unendlich, das Mei— 
ſterwerk unſeres unſterblichen Racine 
nicht mit euch hören zu können. Ich 
kenne nichts von ähnlicher Schönheit 
... Aber Paturel würde mir zürnen. 
Unterhaltet euch gut.“ 

Und Herr Pinglet entfernt ſich, 
indem er die Arie aus dem zweiten 
Acte des „Orpheus“ vor ſich her— 
trällert. 

Eine halbe Stunde nach dem Ab— 
gange ihres Gatten tritt Frau Pinglet 
bei ihrer Schwefter ein. Sie hat eine 


ift denn das für eine 


299 


äußerft geſchmackvolle Toilette gemacht: 


Und Mile. NRemufet, mit zorngerö- 


ſchwere Seide und Sammt mit werth: | theter Stirne läutet dem treuen Antonin. 


vollem Pelzwerk und ein perlengefticttes 
Jäckchen. 

„Schon angekleidet ... 
Hut auf dem Kopfe?“ 

„Ja wohl; ich gehe zur Mutter. 
Ich habe ihr verſprochen, ſie zur Ein— 
uhr-Meffe in die Notre-Dame-Kirche 
zu begleiten.” 

„Du wirft aber nicht zur rechten 
Zeit zurüd fein.“ 

„Ih habe deshalb auch darauf 
gerechnet, daß Du die Kleinen ins 
Theater führen wirft.” 

„Wie? ... Du willft mich allein 
lafien ?” 

„Ich habe einmal der Mutter ver- 
ſprochen, fie in den Segen zu begleiten. 
Der Abbe Chantehoeur wird über die 
Enthaltjamfeit der flavijhen Stämme 
in ber zmeiten Hälfte des zwölften 
Yahrhunderts ſprechen; freilich wird 
das weniger amufant fein al3 das 
Meifterftüd unferes unfterblichen Racine 
und ich bedaure lebhaft, an dem Ber: 
gnügen ber Kinder nicht theilnehmen zu 
fönnen. Aber fann ich denn die Mutter 
um biefen Vortrag bringen, nur um 
ind Theater zu gehen?” 

„Gut, gut! Gehe nur... laß 
mir den Frohndienft ... ich bin da— 
ran ſchon gewöhnt ... Ich bin ja bie 
Veberflüffige in der Familie.“ 

Es entjpinnt fih ein Wortwechiel. 
Der unfterblihe Nacine erhält einige 
Kothipriger. Der ausgezeichnete Herr 
Pinglet fommt gleichfall ſchlecht weg. 
Madame verläßt ihre Schweiter nad) 
einem unſanften Wechſel jüß-faurer 
Redensarten. 

„Das ift wirklich ausgezeichnet !...“ 
ruft Me. Réemuſet. „Sch bin gut 
dazu, die Athalie zu hören . 
Athalie ift gut genug für mid! 
Während meine Schwefter Pr&3-Saint- 
Gervais, den Thierbändiger Bibel, 
Girofle-Giroflä, kurz alles Mögliche 
zu jehen befommt, part man mich für 
die Athalie auf... das muß ein 
Ende nehmen.“ 


und den 


Antonin ift der Kammerdiener des Herrn 
Pinglet, ein verläßliher Man. 

„Antonin, wollen Sie die Kinder 
ins Gaite-Theater begleiten?” 

„Wäre dad möglih! ... Ins 
Saite ... Ah! Da wird es einmal 
was zu lachen geben.” 

„Laſſen Sie Ihre Arbeit ruhen.” 

„Ja wohl, Mademoifelle.” 

„Und machen Sie fich bereit.” 

„Jetzt ſchon?“ 

„Hier iſt die Karte. Proſcenium— 
loge Nr. 1, acht Plätze. Sie werden 
es dort ſehr bequem haben.“ 

„Iſt das für Matinée?“ fragt mit 
kläglichem Tone der treue Antonin. 

„Ja, für eine Matinée. Da gibt 
man Athalie”. 

„Athalie? Iſt das von einem ver: 
ftorbenen Dichter, Athalie ?“ 

„Das ift das größte Werk unferes 
unjterblichen Racine.“ 

„Das iſt ... Jh Habe meine 
Lampen noch zu putzen, die Kamine 
blank zu ſcheuern. Madame würde 
jehr unzufrieden fein, wenn .. .“ 

„Aber, Unglücklicher! Athalie ift 
ein Meijterwerf !” 

„Die clajfiihen Stüde, Mabemoi- 
jele, um Ihnen die Wahrheit zu ge— 
ftehen, find mir jchredlih. Ich liebe 
die Stüde, bei denen man lachen kann, 
Wenn Mademoijelle e8 erlauben, wird 
der Hausmeifter an meiner Stelle ge 
ben. Joſeph war noch jehr jelten 
im Theater, Er wird vielleicht im 
Stande jein, das zu vertragen.“ 

„So ſei es denn! ... Sagen Sie 
ihm, er joll fi) bereit machen. Hier 
find fünf Franc, Sie werden ihm die— 
jelben geben. Damit fol er die Schlie— 


.| Berin bezahlen und den Kindern wäh— 


rend der Zwijchenacte Backwerk kaufen.“ 

Der Hausmeijter jagt zu. Man macht 
fih auf den Weg. Die Kleinen ftrah- 
len vor Vergnügen. Herr Joſeph ift 
unruhig. Man kommt im Theater an; 
die Freude der Kinder ftreift an En 
thuſiasmus. Sie ftürzen fich in bie 

20* 


300 


Loge und verſchlingen den Zuſchauer— 
raum mit den Augen. Sie beflatjchen 
den Luſter, das Orcheſter, während es 
ftimmt, die Schließerin und ihre Sige, 
die Berfäuferinnen von Operngläfern und 
Theaterzetteln; fie beklatſchen Alles. 
Man gibt das dritte Zeichen. Wie fie 
jih in den Vordergrund der Loge 
ftürzen! Sie wollen ſich nicht nieder: 
jegen. Wie fie fih zujammendrängen, 
Seite an Seite, im Knäuel; die Ell— 
bogen auf die Sammtbrüftung geftügt, 
Augen und Ohren weit aufgerijjen, 
hängen fie mit dem halben Körper 
über die Loge hinaus, wechjeln freude: 
ftrahlende Blide und machen fich ge 
genfeitig durch leichte Stöße aufmerkjam. 

Die Duverture erjcheint ihnen 
zwar ein wenig ernſt, aber fie find da, 
um fi zu unterhalten, und unterhal- 
ten ih. Sie Hatjchen in die Hände 
wie berufsmäßige Glaqueurd. — Der 
Vorhang geht in die Höhe. Kaum 
haben fie Joad und Abner erblidt, jo 
ſchlagen fie ein helles Gelächter auf. 
Das Publikum blidt überrafht auf 
fie, Here Joſeph zieht fich beftürzt in 
ben Hintergrund der Loge zurüd und 
ermahnt fie von weiten, zu jchweigen. 
Eben jo gut könnte man aber einem 
Orkane Stilljehweigen gebieten, wenn 
er vor den Thüren jauft. Sie find 
außer Rand und Band; Alles ruft 
ihre Heiterfeit hervor. Sie halten Joad 
wegen jeined großen Bartes für einen 
Zauberer und Abner für einen Schot: 
ten wegen feiner nadten Beine. Nach 
und nad mäßigt fich ihre Begeifterung 
und da fie nichts verjtehen, beruhigen 
fie fi allmälig. 

Herr Joſeph findet, daß Joad, Ab- 
ner und Sezabel viel zu lange reden, 
ohne etwas zu jagen. Eine Luft zu 
ſchlafen wandelt ihn an, die er nicht 
mehr bewältigen fann. Während des 
eriten Actes hat er diefe Anwandlun— 
gen wader niebergefämpft; er wagt 
es aber faum zu hoffen, daß ihm das 
au ein zweites mal gelingen werde 
uub weil er einen jehr lärmenben 
Schlaf hat, zieht er es vor, auf bie 


Gaffe zu gehen und dort feine Pfeife 
tauchend das Ende des Stüdes abzu- 
warten, nachdem er vorher den Kin- 
dern einen Kuchen zugeitedt hat. 

Wie fich diefe in ihrer großen Loge 
mit dem jchredlich dunklen Hintergrunde 
allein jehen, werden bie BVerlaffenen 
traurig. 

„Unterhält euch das Stüd?“ fragt 
Balentin. 

„Und Dich?“ Fragt Clemens ent: 
gegen, der fich noch nicht aussprechen will. 

„Oh! Ich bin groß genug, um 
mich zu unterhalten: aber, mein Gott, 
wie ihr euch langweilen müßt!“ 

„Ich habe Durſt.“ 

„Ich auch! Wollen wir nicht ins 
Freie gehen? Wir könnten ja allſogleich 
wieder zurückkommen, damit ſich Joſeph 
nicht beunruhigt.“ 

Schon ſind ſie auf dem Gange. 
Sie miſchen ſich in die Menge, welche 
gegen den Ausgang drängt. Bei der 
Ausgangsthüre angelangt, befindet ſich 
Clemens, welcher vorausgeht plötzlich 
einem Herrn gegenüber, welcher ihm 
eine Karte präſentirt. 

„Nimm ſie nicht an!“ flüſtert ihm 
lebhaft Valentin ins Ohr. „Man könnte 
vielleicht etwas dafür bezahlen müſſen.“ 

So treten alle drei aus dem Theater, 
ohne das ihnen angebotene Retourbillet 
anzunehmen. Und zum erſten male 
befinden ſie ſich nun allein auf der Straße. 

„Valentin ... haft Du Furcht?“ 

„Ich habe nie Furcht.“ 

„Ich auch nicht. Wilft Du, daß 
wir jet ſogleich wieder zurüdfehren ?“ 

„Ich habe Durft. Und dann brin- 
gen fie ja die Leute um mit ihrem 
Stüde.” 

„Gehen wir doch zurück.“ 

„Noch nicht. Es wird ja ohnehin 
nur der Schluß unterhaltend fein. 
Habt Ihr nicht auch Durft ?“ 

„Mir if, als hätte ich einen 
Schwamm im Magen.“ 

„Würdeſt Du Di getrauen, in 
einem Schanfladen etwas zu trinken, 
vor Leuten, die Du nicht kennſt?“ 
fragt Anatol den Valentin. 


301 


„Ih? ... das kannſt Du ſogleich 
jehen. Wie viel Geld habt ihr denn 
in ber Tajche ?“ 

„Ich habe noch 43 Sous, welche 
mir von Neujahr geblieben find.” 

„sh 37.“ 

„Und ih 52. Wie viel gibt das 
zujammen 2“ 

Nach vielem Hin- und Herrechnen 
fommt man zum Schluffe, daß das 
127 Sous ausmache. Jetzt langen fie 
vor einem MWeinladen an. Im Hinter: 
grunde des Ladens find noch Pläße frei. 

„zreten wir ein!“ ruft entjchloffen 
der Neltefte. „Man wird uns wohl 
nicht aufefjen.” 

Ein Kellner tritt zu ihnen. 

„Womit kann ich den Herren die— 
nen ?” 

„Geben Sie uns um 127 Sous 
etwas zu trinken“, ermwiderte Valentin, 
die Fauft in die Seite gejtemmt. 

„Um 127 Sous? Um 127 Sous, 
aber was?” 

„Kann man vielleiht um 127 
Sous mehrerlei Sadhen haben?” fragt 
äußerſt verjtändig Anatol. 

„Gewiß!“ 

„Dann geben Sie uns alſo von 
Allem etwas.“ 

Verblüfft ſucht der Kellner ſeinen 
Patron auf. Er ſetzt ihm auseinander 
welchen Auftrag er erhalten. Selbſt— 
verſtändlich lacht man weidlich am 
Schanktiſche. Alle Augen richten ſich 
auf die Kleinen. Valentin allein behält 
ſeine Faſſung. Der Wirth nimmt eine 
Flaſche von ungewöhnlicher Form, 
eine kleine durchſichtige Büſte angefüllt 
mit einer goldgelben Flüſſigkeit, ver— 
picht und verſiegelt: Rübenſaft mit 
Knoblauch gemiſcht, Zuckerbranntwein, 
engliſcher Senf und Anis. Das führt 
den Namen: „Liqueur du bon pa- 
triote“, DieBüfte, welche diefen Götter: 
trank umjchließt, ift die Thiers’. 

„Bier das Belte, was wir haben“, 
jagt der Kellner und feßt den erjtaun- 
ten Kindern bie Flaſche und drei Bier: 
gläjer vor. „Sie können das unbeforgt 
nehmen.“ 


„sit das für 127 Sons?“ fragt 
der weiſe Anatol. 

„Ganz genau für 127 Sous.“ 

Nah Ablauf von zehn Minuten 
hatte Herr Thier3 fein Hirn leer; am 
Ende der erften Viertelftunde fängt 
jeine Nafe an burchfichtig zu werben 
wie ein fleines Seefrebschen; nad) ei: 
ner halben Stunde hat der „bon 
patriote“ nichts Nöthlihes mehr als 
jeine Kravate. Die Kleinen find ange: 
trunfen wie Lumpenfammler. Man 
umgibt fie, man fragt fie aus. Valen— 
tin tanzt um den Schanftifch. Clemens, 
den ein Herzleid überwältigt, weint 
heiße Zähren und fragt alle Vorüber- 
gehenden um feine Tante Rémuſet, 
währent Anatol einen Gaffenhauer 
verfucht, den ihn ein Todtengräber zu: 
fällig gelehrt. Die Flajche ift leer; 
das Ganze ift höchft erbaulich. 

Als feine Gäfte an den Kleinen 
feine Unterhaltung mehr finven, ſetzt 
fie der Wirtd — ein Familienvater — 
vor die Thüre. Clemens, der einen 
ihmweren Rauſch hat, erinnert fich zu— 
erit an Sofeph und „Athalie”. An bie 
Mauern taumelnd, athemlos, von ber 
Menge genedt langen die drei unglüd- 
lihen Opfer des Herrn Thierd am 
Säulengange des Gaite-Theaters an. 
Der Controlor verjperrt ihnen den 
Meg; Anatol und Clemens weinen 
bitterlih, während Valentin ſich den 
Eintritt zu erzwingen jucht. 

Um fieben Uhr findet fie Joſeph 
auf dem Polizeibureau, wo fie um bie 
Wette Schnarchen. Herr Joſeph ift eben 
nicht ftolz, als er die Kleinen ihrer 
Familie zurüditellt. Ale Welt be: 
Ihuldigt alle Welt und wäſcht ſich 
felbft jo weiß wie Schnee. Am Ende 
liegt die ganze Schuld an Racine. 

„Das ift einerlei!” murmelt Mile. 
Rémuſet, indem fie ihren Neffen einen 
Kamillenthee bereitet. „Das werben 
drei fede Burfchen werden. In ihrem 
Alter in drei Stunden Athalie und. 
einen „bon patriote* auszuhalten, das 


zeugt von großer Leiftungsfähigkeit !” 


Armer Racine! 


302 


Ein ſeltſam Büdlein. 


In Staub und buntem ZTrödlertand 
Id einft ein uralt Büchlein fand 
Mit blaffem Rand von Gold, 

Das id) um Hellerswerth erftand, 
Meil id) es lefen wollt‘, 


In meiner Stub’, bei Lampenfchein 
That ich den eriten Blid hinein, 
Forſcht' eine Weil’ darin, 

Doch 's mußten Bauberworte fein 
Mit rätbfelhaftem Sinn ; 


Denn jeglih Sprüchlein, jeglid Wort 
Mar wie von Zaubernacht umflort 
Und jeder Deutung bar, 

Id) legte drum das Büchlein fort, 
Vergaß es endlih gar, — — 


Man Iahr verging und mandes kam 
Und brachte Leid und Luft und Gram, 
Als durch des Zufalld Spiel 

Das alte Büchlein wunderfam 

Mir in die Hände fiel, 


Ih ſchlug e8 auf und — fonderbar — 
Das, was mir einft ein Räthſel war, 
War mir nunmehr enthüllt, 

Gleich einem Born, aus weldem Klar 
Die Lebenswahrheit quillt ! 


Da ftanden Weisheitsfprüche drin, 
Die wiefen auf die Jahre hin 

Aus der Vergangenheit ; 

Und Deutung fand und Maren Sinn, 
Ein jeglih Glüd und Leid. — 


Manch Blättchen hab ich noch gefehn, 
Deß Inhalt mir noch ungefchehn 

Und darum deutlos war. 

Mand Leid und Glück muß drüber gehn, 
Bis mir aud) diefer Mar. 


Rahm ich das Buch oft ſchmerzbewegt, 
Ih hab’ es lächelnd mweggelegt, 

Durd Glüd und Leid belehrt: 

Durch's Leid, wie man es ftandhaft trägt, 
Durch's Glüd, wie man’d vermehrt. — 


Und modt id in das Büchlein ſchau'n, 
Bei Sonnenſchein, bei Wettergrau'n, 

's war Troft zu jeder Zeit, 

Es zog in's Herz mir wie Vertrau'n 
Und Hoffnungsfreudigkeit. — 


®. $. Müller. 


Planzen und Thiere im deutfhen Volksglauben. 
Don Ludwig vd. Hörmann, 
II. 


Das innige Naturgefühl, welches 
unfere Vorwärter die Erjcheinungen 
des Pflanzenlebeng mit lebhafter Theil: 
nahme betrachten und deuten ließ, 
machte in noch höherem Grade die 
Thierwelt zum Gegenjtande aufmerf: 
jamer Beobadhtung und Verehrung. 
Aus ſolchen Anſchauungen entiprang 
die Thierfage, diejes Erbgut der mei: 


jten arifchen Wölfer, in welder uns| 


Thiere, Neinhart der Fuchs, Sen: 
grimm der Wolf ꝛc. gleich Menjchen 
denfend, redend und handelnd vorge: 





führt werden. Denn gerade dieſe dem 
mit Vernunft begabten Menjchen zu: 
nächit ftehenden Weſen wurden als 
mit bejonderen Wunderfräften begabt 
angejehen und in inniger Beziehung 
mit den Göttern und Halbgöttern ge: 
dacht. So erichienen Götter und Göt— 
tinnen im Falfenkleide, Helden ver: 
wandelten fih in Schwäne, ſelbſt der 
Altvater Wuotan verſchmähte es nicht, 
ih von Adlersihwingen durch Die 
Lüfte tragen zu laſſen. Wenn biefe 
Thiere aljo verehrt wurden, fo galt 


303 


biefe Verehrung ursprünglich nicht 
ihnen jelbit, jondern dem höheren 
Weſen, das fie bewohnte. 


Für das edelfte Thier hielt man 
von Alters ber das Pferd. Der 
treuefte Gefährte des Helden in Kampf 
und Schlaht war fein Roß, fein 
liebjter Freund, mit dem er fich trau: 
ih unterrebete und mit dem er Freud 
und Leib theilte. Weiße Roſſe waren 
den Göttern geweiht und wurden in 
heiligen Hainen gehalten. Wenn zu 
beiliger FFeitzeit der Gott feinen Um: 
zug dur das Land hielt, fo zogen 
die heiligen Roffe den Wagen; aus 
ihrem Wiehern meisjagten die Prie: 
fterinnen, und begehrte die Gottheit 
ein Dank: oder Sühnopfer, jo rauchte 
das Blut der eblen Thiere auf dem 
Altare. Sogar im abgejchnittenen 
Pferdehaupte wohnte noch eine ge: 
heimnißoolle Zauberkraft. Wer fennt 
niht das Märchen vom treuen Fa: 
lada, deffen über dem Thore ange: 
nagelter Kopf mit der vermeintlichen 
Bänjemagd ſpricht und dem Königs: 
paar auf diefe Weije ihre Fönigliche 
Herkunft entdedt? Noch findet man 
auf den Giebeln mancher Bauernhäufer 
in Tirol gejchnigte Pferdeföpfe. Die 
Bauern fagen, es fei dies ein alter 
Brauch und für Vieles gut. 


Das Rind war den Alten gleich: 
fall3 ein heiliges Thier. Vor bie 
Wägen deutiher und norbijcher Kö— 
nige mwurben Hengfte oder Stiere ge: 
ſpannt; desgleichen hielt die Göttin 
Nerthus ihren Umzug in einem von 
Kühen gezogenen Wagen. In Tirol 
findet fih noch ein Nachflang dieſes 
ehemaligen Cultus in ber ſchönen 
Nothburgalegende, nad) welcher zwei 
Ochſen den Leichnam diefer frommen 
Magd in einem Wagen durch den 
hochangeſchwollenen Innfluß zogen und 
jelben im St. Rupredtsfirchlein in 
Eben vor dem Altare niederjeßten. 
Auh von redenden Dchjen erzählt 
die Sage, doch reden dieſe nur in 


der Nacht vor dem hl. Dreilönigsfefte. | hat, ſich zu rächen. 


Einem Bäuerlein fam einmal ein 
Zweifel gegen die Wahrheit dieſes 
Glaubens und er horchte deswegen an 
der Stallthüre. Da fagte ein Ochs zu 
dem andern: „Dieſe Woche werden 
wir Holz zur Säge ziehen — dem 
Bauer zur Todtentruhe.“ Und jo ge: 
ſchah es, der vorwitzige Bauer er: 
franfte und ftarb. Aus den Brettern 
eines Fichtenftammes machte der Tijch: 
ler den Sarg. Thiere als Verkünder 
des Todes kennt auch die griechiiche 
Sage. So wird dem Achilles, als er 
zur Schlacht fährt, von feinem Pferde 
Nanthos der nahe Tod vorausgejagt. 
Das Schwein, der entartete 
Vetter des dem Gotte Fro gemweihten 
Ebers, hat faſt ganz fein Anfehen ver: 
loren. An feine einftige Bedeutung als 
Opferthier mahnt nur noch der Ge 
brauch des tirolifchen Bauers, zu 
Weihnachten ein Schwein oder Ferkel 
zu jchlachten. An diefer Sitte wird 
aber auch mit aller Zähigkeit feſtge— 
halten, und es muß jchon ein jehr 
„Fröttiger (armjeliger) Kleinhäusler“ 
fein, wenn e3 ihm diefen Weihnachts: 
ſchmaus nicht trägt. Es ijt dies eine 
ſchwache Erinnerung an bie große 
mwinterliche Fyeitzeit der Germanen, wo 
man in den Zwölften den Juleber 
ichlachtete und dazu Fros Minne tranf. 
Sie transit gloria mundi! Jetzt be: 
deutet ein über den Meg laufendes 
Schwein Unglüd, wie umgekehrt eine 
vorbeiziehende Schafheerde für ein 
glückliches Leichen angejehen wird. 
Nicht viel beſſer als dem Schweine 
ergeht es den Katzen. Einft zogen 
dieje gejchmeidigen Thiere den golde: 
nen Wagen der jchönen Göttin Frou— 
wa, jeßt aber ftehen fie in fchlechtem 
Geruche; beſonders folche, die einen 
langen Schweif haben, gelten im 
Volksglauben für verwandelte Heren, 
die gerne in die Schlafzimmer jchlei- 
hen, ben Schlafenden in den Hals 
beißen oder ihn gar mwürgen. Darum 
fol fich jeder hüten, einer Kae ein 
Leib anzuthun, damit fie feine Urjache 
Denn ift dieſes 


304 


der Fall, jo erfcheint Nacht3 in ber 
Kammer des Webelthäters die ganze 
Sippe dieſes Thieres mit brennenden 
Lichtern in den Pfoten, und der Er— 
ſchrockene wird mit den ſcharfen Krallen 
tüchtig zerkratzt und geſchunden. Trotz 
ſo wenig ſchmeichelhafter Eigenſchaften 
haften manche Züge an dieſem Glau— 
ben, woraus ſich die einſtige Bedeu— 
tung dieſes der Liebesgöttin Frouwa 
heiligen Thieres erkennen läßt. Dahin 
gehört der Glaube, daß Liebende und 
beſonders Bräute den Katzen ſchmei— 
cheln und ſie gut füttern ſollen; und 
in einem Tiroler Märchen „vom Kö— 
nigsſohne“ gewährt die freundliche 
Göttin in Katzengeſtalt dem Jüngling 
die gewünſchten Gaben. Welch große 
Rolle dieſe Thiere im Hexenglauben 
unſeres Volkes ſpielen, iſt bekannt. 
Noch eine Eigenſchaft der Katzen darf 
ich nicht vergeſſen, die ſie vermuthlich 
ihren feinen Naſen zu danken haben; 
ſie ſind vorzügliche „Viſitenſchmecker“. 
Putzt ſich nämlich ein Kätzchen mit 
der rechten Pfote, ſo kommt ein Be— 


ſuch oder eine Neuigkeit, geſchieht es 


aber mit der linken Pfote, ſo geht 
Jemand aus dem Hauſe. 

Das ſchnelle Wieſel mit den 
klugen Augen, in Tirol „Harmele“ 
genannt, kennt die „Springwurzel“. 
Das iſt nämlich ein Zauberkraut, mit— 
telſt welchem man Schloß und Riegel 
öffnen kann. Erzürnt Jemand ein 
Wieſel, ſo holt es ein Blatt von die— 
ſem Kraut und bläst damit den Feind 
an, damit er mitten entzweibricht. Gu— 
ten Morgen! 

In der alten Thierfabel find die 
wejentlichften Thiere Bär, Wolf 
und Fuchs So groß mar bie 
ſcheue Ehrfurcht vor denjelben, daß 
man ihre Namen gleich denen der 
Götter nicht zu nennen wagte; man 
nannte ſie mit umſchreibenden Schmei— 
chelnamen; ſo den Bären den „Alten“, 
„Großvater“ oder gar „Süßfuß“, den 
Wolf „Hölzing“, „Goldzahn“. Seit 
aber die Urwälder Deutſchlands ein 
Opfer des fällenden Eiſens geworden 


find, wurden auch die Bewohner der: 
jelben faft zur Sage und die ver: 
Ihwundenen Thiere jpielen im Volks— 
glauben feine hervorragende Rolle mehr. 
Der Fuchs aber, der liſtige Schleicher, 
it zum Unglüdspropheten geworben 
und der Bauer, dem Morgens ein 
Fuchs begegnet, jchidt ein frommes 
Gebet zum Herrgott, daß er das be- 
vorjtehende Böſe gnädig abwenden 
möge. 

Von viel größerer Bebeutung als 
die vierfüßigen Thiere find die Vö— 
ael. Die Bewohner der Lüfte find 
Göttern und Geijtern näher und be: 
figen Kunde von ihren Geheimnijfen. 
Götter verwandelten ſich in Vögel und 
‚wählten biejelben zu ihren Boten. Sie 
müfjen weit ausfliegen über Berg und 
Thal und wenn fich die geflügelten 
Sefandten verfammeln, jo beiprechen 
‚fie fi über das, was fie gejehen und 
gehört haben, in einer eigenen Vogel: 
ſprache. Darum achtete man von je: 
her auf das Erſcheinen diefer Götter: 
lieblinge, auf ihren Geſang, auf ihren 
Zug, auf ihre Gejchrei in der Nähe 
der Menſchen. Auch die Seite, von 
welher man den Ruf des Vogels 
hörte, oder von welcher er zuflog, 
war bedeutjam; die rechte galt immer 
als die glücliche. 

Der Rabe, Wuotans heiliger Vogel, 
iſt weiſe, ja allwiſſend. Er riecht das 
Pulver, ſagen die Schützen, darum 
kann ein Rabe ſo ſchwer getroffen 
werden. Aus ſeinem Erſcheinen wird 
Unglück prophezeit. Krächzt er auf 
einem Hauſe, ſo ſtirbt darinnen Je— 
mand; auf einem Friedhofe bedeutet 
es, daß jüngſt Einer lebendig begra- 
ben worden. Wenn auf einer Alm 
über einer gewillen Stelle die Raben 
freifen und zu Boden fahren, jo wird 
auf jelbem Plage in kurzer Zeit ein 
Stück Vieh zu Grunde gehen. Auch 
‚dem Hühnerhof verfündet das Gejchrei 
des Naben die Nähe des würgenden 
Geiers. Die Naben haben in ihren 
Neftern einen wunderbaren Stein, durch 
deſſen Kraft man fi unfichtbar machen 











n 
| 











305 


kann und deſſen Beſitz außerordentlich 
glückbringend ſein ſoll. Iſt der alte 
Rabe bedroht, ſo ſchluckt er denſelben 
und entgeht ſo den Augen des Jägers. 
Derjenige nun, der ſich einen ſolchen 
Stein auf den bloßen Arm bindet, 
ſowie jeder Gegenſtand, der mit dieſem 
Talisman in unmittelbare Berührung 
kommt, wird unſichtbar. Dieſe Sache 
hätte allerdings etwas Verlockendes 
für einen gewiſſen Induſtriezweig und 
Mancher aus dieſer edeln Zunft ſoll 
ſich bemüht haben, den Wunderſtein 
zu finden; allein dies iſt kein Leichtes, 
da Neſt und Inhalt nur mit Hilfe 
eines Spiegels entdeckt werden können. 

Von den Raben und Krähen 
wird faſt in ganz Deutſchland eine 
ſchöne Legende erzählt. Dieſelben waren 
einſt ſchneeweiß und ſehr ſtolz auf 
ihr Gefieder, weswegen ſie ſich oft 
badeten. Da geſchah es zu der Zeit 
als der Heiland noch auf Erden wan— 
delte, daß der göttliche Knabe großen 
Durſt hatte und aus einem Bächlein 
trinken wollte. Darin ſaßen aber die 
Raben, die unaufhörlih das Waifer 
trübten. Da ſprach Jeſus: „Weil ihr 
jo undankbar und jo ſtolz auf euer 
blendend weißes Gefieder ſeid, follt 
ihr zur Strafe von nun an bis zum 
Weltuntergangeſchwarze Federn haben.” 

So wie der Rabe für feinen Fre: 
vel beftraft wurde, ebenjo reich mit 
allerlei Tugenden gefegnet iſt ber 
Krummihnabel, der Chriſtus 
vom Kreuz befreien wollte. Die be: 
fannte, von Julius Moſen glücklich be- 
handelte Legende iſt auch in Tirol 
verbreitet. Faft in jeder Bauernftube 
wird ein Krummſchnabel gehalten, denn 
die Leute glauben, daß er alle Krank: 
heiten, welche bie Hausbewohner be: 
befallen würden, an fich ziehe. Auch 
das Waſſer, von dem ein Krumm— 
Ihnabel getrunfen hat, ſoll ein Heil- 
mittel gegen die Gicht fein. Ebenfo 
beliebt wie der Krummfchnabel find 


die freundlichen Boten des Frühlings, | 
die Shwalben. Sie find Mutter: | 


gottespögel: 


„Im Maria Verkündigung 
Kommen die Schwalben wiederum.‘ 


und: 
„Maria Geburt 


Ziehen die Schwalben furt” 


jagt das befannte Bauerniprüchlein. 
Die Schwalben haben Gott Bater den 
Himmel bauen geholfen; darum be: 
deutet ein Schwalbenneit am Haufe 
Glück und wo fie ihre Wohnung auf: 
ihlagen, ift Frieden und Gottes Se- 
gen und fein Blitz jchlägt in das 
dur ihre Anweſenheit geweihte Haus. 
Schredlich find die Strafen, die Den: 
jenigen treffen, der ben Schwalben 
etwas zu Leide thut. Tod der liebiten 
Angehörigen, Unglüf, Feuersbrunſt 
und Biehleuchen ereilen den Frevler. 
Im Puſterthal jagt man, wer eine 
Schwalbe tödtet, deſſen Kühe geben 
rothe Milh und fterben. Auch die 
Schwalbe kennt die Springmurzel, 
Menn man das Neft mit einen Faden 
ummidelt und jo den Eingang ver: 
fperrt, muß fie diefelbe bringen. Wenn 
Schwalben fieben Jahre in einem 
Neſte brüten, fo Hinterlaffen fie darin 
ein Steinden von wunderbarer Schön: 
heit und großer Heilkraft, befonders 
gegen Augenleiden. Auch Derjenige, 
der im Frühjahre die erfte Schwalbe 
fieht, kann in Beſitz eines kräftigen 
Heilmittel3 gegen das falte Fieber ge: 
langen. Er jtehe nur allfogleich ftill 
und grabe mit einem Meſſer unter 
feinem linfen Fuße nad, jo wird er 
eine Kohle finden, durch deren Kraft 
die böſe Krankheit weichen muß. 

Die Schwalbe bringt Glück und 
Segen, der Kufuf aber bringt — 
Geld. Man darf nur in der jchönen 
Maienzeit fleißig den Geldbeutel ein- 
ſtecken; denn die Depthaler verfichern, 
wenn man zum eritenmale den Kukuk 
jchreien hört und Geld im Sade hat, 
jo gehe Einem dasjelbe das ganze Jahr 
nicht aus. Wie, fönnte man da nicht 
in der Wohnung unjeres Finanzminis 
jter3 ein paar Steigen voll dieſer 
Bögel aufhängen? — Der Kufuf jagt 
auch dem Fragenden, wie lange er 


306 





noch lebt. 
Kinder: 
„Bugge Lüger, 
Leutbetrüger, 
Wie viel Iahre leb’ ich noch ?“ 


So vielmal der Kufuf fchreit, fo 
viele Jahre hat man noch zu leben. 

So fröhlich die ermachfene Jugend 
den Iuftigen Vogel zur Frühlingszeit 
begrüßt, — denn: Wenn der Kukuk 
fohreit, ift für die Lieb die Zeit — 
fo ungern hört man ihn nach Johanni; 
denn ba bebeutet fein Ruf Mißwachs, 
falten Winter und Theuerung ; läßt 
er fih aber zufällig bei einem Haufe 
jehen, jo wird in diefem Jemand fter: 
ben. Diejelbe üble Bedeutung hat auch 
das Geſchrei der Nachteule, der 
Dhreule — Buhin, wie fie der 
Tiroler nennt — des Käuzchens, 
ver Dohlen und Elftern. Lebere, 
welche auch oft als verwandelte Heren 
angejehen werben, bringen Unfriebe 
und böſes Geſchwätz. Mit den Gebei- 
nen und Eingeweiden ber Nachteule 
fann man AZauberfünfte treiben; bie 
jogenannte Klag aber, oder das 
Käuzchen galt Schon im Alterthume 
al3 todverfündender Vogel, fein Ruf 
tönt dem Volke wie „lich“, Leiche, kla— 
gend wie das Weinen eines Kindes, 
und wer ihn hört, ſtirbt bald. 


Von den geflügelten Hausthieren 
umgibt den Hahn der Nimbus der 
Heiligkeit, und zwar den weißen, der, 
wenn man ihm begegnet, als Glücks— 
vogel angejehen wird. Hingegen das 
Träumen von weißen Hennen verfün- 
det den Tob eines Freundes ober 
Bekannten. Auch der Hahn auf unje 
ren Kichthürmen mag ein heibnifcher 
Abkömmling fein. 

Bon zwei fabelhaften Vögeln jei 
no bier die Nede, welche, obwohl 
fie wenigjtens folcdhergeftalt in feiner 
Naturgeſchichte zu finden find, dennoch 
im Bolfsglauben eine große Rolle 
jpielen. Es find der Alber und bie 
Habergeis. Unter dem Alber ftellen 


fih die Degthaler einen feurigen Vo— 


In Leutaſch rufen die gel vor, in dem der leibhaftige Teufel 


ftedt. Er wohnt in ben Höhen bes 
Gebirge in einem Felsloch, das er 
alle fieben Jahre verläßt, um fich auf 
anderen Bergen einen Aufenthalt zu 
juchen. Wenn man ihn fieht oder wenn 
er fih gar in der Nähe eines Dorfes 
bliden läßt, jo muß man fich fegnen 
und befreuzigen, auch gemweihte Rojen: 
fränze follen ein gutes Mittel fein, 
um ben boshaften Geift in refpect- 
voller Entfernung zu halten. Nicht 
überall tritt er jedoch als ſchadendes 
Weſen auf; an vielen Orten wirft er 
ſegensreich als guter Geift. Gewiß 
hat Jeder, der es liebt, auf Höhen 
und Alpen herumzuſteigen, bemerkt, 
wie oft auf den Mulden neben kargem 
Grasboden ein Streifen des üppigſten 
Grüns ſich findet. „Da iſt der Alber 
darüber gegangen“, ſagt das Volk, 
denn er hat ſchmalzige Füße und ſein 
bloßes Auftreten düngt die Erde, daß 
ſaftiges Gras emporſprießt. 

Mehr gefürchtet iſt ſeine hölliſche 
Baſe, die ſogenannte Habergeis. 
Fragt man die Bauern, was denn 
das eigentlich für ein Vogel ſei, ſo 
hört man gar ſeltſame Geſchichten. 
Der Eine ſagt, die Habergeis ſei halb 
Vogel, halb Geis und ihr Geſchrei, 
ein langgedehnter Pfiff, ähnlich dem 
Meckern einer Ziege, bedeute Unglück 
und Tod. Nach Andern iſt ſie ein 
großer abſcheulicher Vogel mit drei 
Füßen oder ein geflügelter Drache, 
in dem der Teufel wohnt. Darum 
ſagen die Bauern, wenn dieſer Vogel 
ſchreit: „Der Teufel juchzt.“ Das 
Nachäffen ſeiner Stimme erzürnt ihn 
und lockt ihn herbei, und wer ſich 
nicht ſegnet und ſchützt, der wird 
jämmerlich von ihm zerriſſen. In Ober: 
ſtein iſt es Sitte, daß mit dem heili— 
gen Nikolaus vier Männer als Haber— 
geis vermummt anſtatt des Klaubaufs 
auftreten. Daß darin einer der vielen 
Anklänge an den Cultus des Donar, 
dem bekanntlich der Bock heilig war, 
zu ſuchen ſei, hat die deutſche Mytho— 
logie längſt anerkannt. 


307 


Wer Fennt nicht die liebliche Sage 
von der Krönlnatter, die aus dem 
Schüſſelchen des Kindes Milch trinkt 
und jpäter aus Dankbarkeit der er: 
wachſenen Jungfrau die Glück und 
Segen bringende Krone zum Braut: 
geihente gibt? Die Hausnattern gal- 
ten und gelten noch in ganz Deutſch— 
land gleihfam ald die Schußgeifter 
der Menihen und des Haufes. Ihre 
Gegenwart bringt Glück und Segen; 
mit ihrem Tode welft auch das Leben 
des Menjchen. Anders die Kreuzotter. 
Die Schönheit ihrer Form und bie 
Gefahr ihres Biffes gebieten Ehrfurcht 
und Schen. Im Ultener ;Thale willen 
die Leute eine Zauberformel zum 
„Würmerbannen”. Mittelft diefer wer: 
den diejelben durch ein Feuer gejagt und 
fo getöbtet; ifl aber ein weißer Wurm 
darunter, fo ift die Grecution des 
Beichwörerd fiherer Tod; denn das 
Unthier überfpringt das Feuer und 
fährt ihm mitten durch den Leib. 

Die Blindheit der Blindſchlei— 
hen ift Strafe eines Frevels, den 
fie begangen. Sie waren einſt jehend, 
aber jo bösartig, daß fie dem begeg- 
nenden Menjchen mitten durch pen 


Leib fuhren. Aber ſeitdem eine ber: 
felben die Mutter-Gotte8 heftig er: 
ſchreckte, tragen alle die Strafe für 
dieſes Vergehen. 

Dagegen ift die häßliche Kreuz 
fpinne ein Liebling ber heiligen 
Yungfrau und ihr Erfjcheinen in Haus 
und Stall al3 ein glücliches Vor: 
zeihen angejehen. Man jchreibt ihr 
eine prophetifche Kraft zu und manches 
arme Tirolermütterlein ſperrt fie des— 
halb in ein Glas und legt neunzig 
Nummern dazu. Diejenigen Nummern, 
weldhe die Spinne am Dedel anfpinnt, 
werden das nächſte mal in der Lot: 
terie gezogen und Mancher joll Glüd 
und Reichthum dem umſcheinbaren 
Thiere zu verdanken haben, welches 
wir Ungläubigen jo verächtlich mit 
Füßen treten. Die Spinne war der 
Hulda heilig, jener freundlichften aller 
deutſchen Göttinnen, der Gönnerin 
aller waderen Spimnerinnen und Be: 
fchirmerin des Hausfriedens. 

Auch die Mäuſe müſſen einft in 
großer Verehrung geſtanden jein, ba 
ihrer in Sagen häufig Erwähnung 
geſchieht und mander abergläubifche 
Gebrauch damit zufammenhängt. 


Als Großvater freien ging. 
Ein Gefhichtchen von P. R. Rofegger. 


Beim Kreuzwirth auf der Höh’ 
faßen fie um den großen Tiſch herum: 
Fuhrleute von oben und unten, Gewerbs⸗ 
leute von Pöllau und Borau, Holz: 
arbeiter vom Rabenwald und Mafen- 
berg, Grenzwädter von der un 
gariichen Markung. Mein armer Groß- 
vater, der Bauer von Alpl war auch 
unter ihnen. Er war damals eigentlich 
noch lange nicht mein Großvater, und 
ihm war fie noch voll und rund, bie 
Welt, die jpäter jedesmal ein Loch be: 
fam, jo oft das jchlimme, tollwitige 
Enfelein nicht bei ihm war. So geht's 
auf der Welt, man meint in jungen 
Jahren, man hätte es fertig mit Allem 


und ahnt nicht, welche Herzensgewalten 
no in der Zukunft jchlummern. 
Und daß ich denn erzähle. Mein 
Großvater — Natz — Nat, wie er eigent: 
ih hieß... nein, da ich einmal da 
bin, fo will ich ihn doch lieber Groß: 
vater heißen jchon in feiner Jugend: 
zeit — mein Großvater aljo ging da— 
mal3 gerade „im Heiraten um”. Im— 
mer war er auf dem Biehhandel aus, 
oder im Moftlaufen, oder im Wall- 
fahrten , oder in diefem und jenem 
— und feinem Menfchen jagte er’3, 
warum er eigentli wanderte. Der 
hübſchen Mägdlein und jungen Witwen 
gab es genug im Lande; mancher 


— 


Bauer ſagte, er gebe auch eine gute Aus— 
fteuer mit, bevor man noch wußte, daß 
er eine heirat3mäßige Tochter habe. 
Aber mein Großvater war einer von 
denen, die nad) etwas Anderem guden. 
Er hatte den Glauben, für jeden Mann 
gebe e3 nur Ein Weib auf der Welt, 
und ed fäme für ben Heiratsluftigen 
darauf an, dasjelbe aus allen anderen 
lächelnden und minfenden Weibern 
herauszufinden. Er hat nach jahrelan: 
ger Suche jchließlih die Rechte und 
Einzige gefunden, aber nicht in ber 
weiten Welt draußen, fondern ganz 
nahe — zehn Minuten - feitab von 
feinem Baterhaufe. Dort war fie eines 
Sonntags im langen Heidebeerfraut 
berumgegangen, um für ihre Mutter 
friihe Beeren zu fammeln. Das 
Lodenköpfchen und vom Bufen ein er: 
Hedliher Theil ragte hervor, alles 
Andere ftaf im Kraut. 

Mein Großvater Iugte ihr dur 
das Gezmweige des Dickichts zu, ſprach 
fie aber nicht an. Und als fie fort 
war, ſchlich auch er davon und dadıte: 
Jetzt geh’ ich morgen noch einmal in 
die Pöllauergegend hinab, und wenn 
mir feine Gejcheidte (hier fo viel ala 
pafjende) unterfommt, jo laß ich's gut 
jein und nimm Die da. 

So war er no einmal in der 
Pöllauergegend gewejen. Und dort 
hatte er richtig Eine aufgetrieben, die 
reicher und jchöner war, als da3 Mä— 
del im Heidekraut; aber gar zu gern: 
gebig. Das freute ihn wohl für den 
Augenblid, doch ließ er's dabei bewen- 
den; eine Häusliche wollte er haben 
und er lenkte feine Schritte heimmwärts 
— ber Sparjameren zu. 

Und da ward unterwegs, daß er 
beim Kreuzwirth auf der Höh’ ein- 
fehrte. Er ſaß anfangs abjeit3 beim 
Ofenbanktiſchchen, trank ein Glas Apfel: 
moft und biß ein Stüd ſchwarzes Brot 
dazu. Seine Gedanken hatte er — 
wie alle Freiersleute — nicht beiſam— 
men; feine Ohren nahmen wohl Theil 
an dem lebhaften Geſpräche der ge- 
mijchten Gejellihaft, die um den gro: 


Ben Tiſch herumſaß und Wein tranf. 
Die Grenzwächter hatten draußen in 
der Holzhauerhütte ſchwerverpönten 
ungariichen Tabak gefunden und mwoll- 
ten demnach den Eigner desjelben mit 
fih fort zum Gerichte führen. Da 
famen jeboh andere Männer des 
Maldes herbei und mit gehobenen Knüt— 
teln ftellten fie den Grenzwächtern die 
Mahl, was ihnen lieber wäre: Prü— 
gel oder zehn Maß beim Kreuzwirth, 
denn mit dem Schergengejchäft wär's 
diesmalnichts. Wollten die Ueberreiter, 
wie man die Grenzer nannte, fofort 
zu ihren Gemwehren greifen; dieſe wa— 
ren aber jählings in den Händen ber 
Holzhauer, — ſonach wählten fie von 
den beiden verfügbaren Dingen Die 
zehn Maß Mein beim Kreuzwirth. 
Nun ſaßen die Grenzmwächter Tuftig 
unter den luftigen Zechern, hielten 
Bruderichaft mit den MWaldleuten und 
Fuhrmännern und ftopften fchließlich 
ihre Pfeifen mit jenem Tabak, den 
fie in der Holzhauerhütte in Beichlag 
genommen hatten. 

Zum Kartenjpielen kam's und 
viel Silbergeld Eollerte auf dem Tiſch 
herum. Einer der Holzhauer ein fchie- 
lendes, weißhaariges Männlein, war 
nicht glücklich; fein bodleverner Beu— 
tel, der manchen gewichtigen, jchrillen- 
den Fall auf den Tiſch gethan hatte, 
der immer tiefer umgeftülpt werben 
mußte, bis die dürren gierigen Finger 
auf fein filberne® Eingeweide kamen 
— .der Beutel gab endlich nichts 
mehr herfür. Da 309 das Männchen 
feine Taſchenuhr hervor: „Wer kauft 
mir den Knödel ab?“ Die Uhr ging 
im Kreis herum; es war ein tüchtiges 
Zeug mit drei ſchweren Silbergehäu- 
jen und einer Schildfrötenfchale am 
Rücken, welde ringsum mit Silber: 
nieten bejegt war. Ein Spinbelwerf 
ferner, mit einem gewaltigen Ziffern: 
blatt, auf welchem der Mejfingzeiger juft 
die dritte Nachmittagsftunde anzeigte. 

Dreißig Gulden verlangte der Mann 
für die Uhr; man lachte ihm hell ins 
Geficht, der Eigenthümer aber behaup: 


tete: „Was wollt ihr wetten! ehe ber 
Zeiger auf halb vier jteht, ift bie 
Uhr verkauft!” darauf lachten fie noch 
unbändiger. 

Mein Großvater, der hatte von 
jeiner Ofenbank au3 die Sache jo mit- 
angejehen. Dieje verfäuflihe Uhr mit 
dem Scildfrötengehäufe, fie machte 
ihm die Seele heiß. So eine Uhr war 
längſt jeine Paſſion gemwejen; und 
wenn er nun als Bräutigam eine 
fönnte im Hojenbujen tragen, oder 
wenn er fie gar der Braut zur Mor: 
gengabe jpenden möchte! Eine Uhr! 
eine Saduhr! eine filberne Saduhr 
mit Scildfrötengehäuje! — 

So weit kam's, daß mein Groß- 
vater aufftand, zum großen Tiſch hin- 
ging und das Wort ſprach: „Geh, laß 
mich das Zeug anjchauen !“ 

„De, Du bift ja der Bauer von 
Alpl!“ rief der alte Holzhauer, „na, 
Du fannft leicht ausruden und Dir 
darf ich's unter vierzig Gulden gar 
nicht geben!“ 

Mein Großvater hatte aber nicht 
viel im Sad; darum ſagte er: „Stei: 
ne haben wir dies Jahr mehr im Alpl 
ala Geld.” 

„Was willſt denn, Bauer, Haft 
nicht groß Haus und Grund?“ 

„Im Haus fteht der Tiich zum 
Eſſen, aber auf dem Grund wächſt lauter 
Heidekraut,“ entgegnete mein Großvater. 

„Und Korn und Hafer!” rief Einer 
drein. 

„Wohl, wohl, ein wenig Hafer“, 
ſagte mein Großvater. 

„Hafer thuts auch”, rief der Weiß— 
fopf, „weißt Bauer, wenn Du einver: 
ftanden bift, ich lafj’ Dir die Uhr billig.“ 

„Damit bin ich ſchon einverjtanden,“ 
antwortete mein Ahn. 

„But,“ und damit riß ihm der 
Holzhauer die Uhr wieder aus ber 
Hand, wendete fie um, daß das Schild» 
frötengehäufe nach oben lag, „fiehit 
Du die Silbernieten da am Rand 
herum ?“ 

. „Sind nicht übel,” entgegnete mein 
Großvater. 


309° 


„Webel oder nicht,” rief der ſchie— 
lende Weißkopf, „nach diejen Nieten 
zahlft mir die Uhr. — Für die erfte 
Niete gibft mir ein Haferforn, für 
die zweite gibft mir zwei Haferförner, 
für die dritte vier, für die vierte acht, 
und jo verboppelft mir ben Hafer bis 
zur legten Niete, und die Uhr gehört 
Dein mitjammt der Silberfette und 
dem rauenthaler, der d’ran hängt.“ 

„Gilt ſchon!“ lachte mein Groß: 
vater bei ſich bedenkend, daß er 
für eine ſolche Uhr eine handvoll Ha— 
fer doch leicht geben könne. 

Der alte Kreuzwirth hatte im ſel— 
ben Augenblid meinen Großvater noch 
heimlich in die Seite geftoßen, der 
aber hielt das für luſtige Beiftimmung 
und jchlug feine Rechte in bie des 
Alten. „ES gilt, und alle Manner, 
die beim Tiſch figen, find Zeugen !“ 

Er hatte aber feinen Hafer bei fich. 

That nichts. Sofort brachte der 
Kreuzwirth ein Schäffel herbei um, durch 
Zählen der Körner, wie mein Ahn 
meinte, die Rechnung zu beftimmen. 

Sie jegten fih um den Hafer zu: 
jammen, mein Großvater, vom frifchen 
Apfelmoft im Kopfe erwärmt, lachte 
in feinen jungen Bart; des Gemwinnes 
gewiß, freute er fih jchon auf die 
großen Augen, die Das Heidebeermägd⸗ 
lein zur gewichtigen Uhr machen werde. 

Zuerjt wurden die Nieten gezählt, 
die um das Scildfrötenblatt herum: 
liefen ; e8 waren beren fiebzig. Dann 
fam’3 an die Haferförner; mein Grof- 
vater jonderte fie mit den Fingern, 
der Holzhauer zählte nah, und bie 
Anderen überwadhten das Gejchäft. 

Erjte Niete: ein Korn; — zweite 
Niete: zwei Körner; — dritte Niete: 
vier Körner; — vierte: acht Körner; 
— fünfte: ſechzehn; — ſechſte: zwei— 
unddreißig; — ſiebente: vierundſechzig; 
— achte: hundertachtundzwanzig; — 
neunte: zweihundertſechsundfünfzig; — 
zehnte Niete: fünfhundertzwölf Körner. 
— „Wirthin, den kleinen Schöpflöffel 
her!“ — Das iſt gerade ein geſtrichener 
Schöpflöffel voll. 


310 


Mein Großvater ſchob die Körner 
mit der Hand hin: „Macht 's weiter, 
ih ſeh's ſchon, es wird ſchier ein 
Metzen herauskommen.“ 

Und die Anderen zählten: Eilfte 
Niete: zwei Schöpflöffel voll Hafer; 
— zwölfte Niete vier Löffel voll; — 
dreizehnte: acht Löffel voll; — vier— 
zehnte: jechzehn Löffel vol. Das macht 
eine Maß. — fünfzehnte Niete: zwei 
Maß; — jechzehnte: vier Maß. — 
Das ift ein Maßl (Schäffel). Siebzehnte 
Niete: zwei Mahl; — acdhtzehnte: 
vier Maßl; neunzehnte: acht 
Maßl; — zwanzigfte Niete: fechzehn 
Maßl, oder ein Wecht. — 

Seht that mein Großvater einen 
hellen Schrei. Die Anderen zählten fort 
und bei ber dreißigſten Niete Foftete 
die Uhr über taufend Wecht Hafer. 
Das war mehr, al3 die Yahresernte 
der ganzen Gemeinde Alp. 

„Set hab’ ich mein Haus und 
Grund verfpielt,“ murmelte ber Freier. 

„Sollen wir noch weiter zählen?” 
fragten die Männer. 

„Wie Ihr wollt,“ antwortete mein 
Großvater. 

Bei der breiundvierzigften Niete 
hatten fie eine Million Wecht Hafer. 
Bei der fünfzigften rief mein Groß- 
vater die Hände zufammenfchlagend aus: 
„DO Du bimmlifcher Herrgott, jetzt 
hab’ ich Deinen ganzen Hafer verthan, 
den Du feit der Schöpfung der Welt 
haft wachſen laſſen!“ 

„Sollen wir weiter zählen?” frag— 
ten die Männer. 

„Richt nöthig,“ antwortete das 
weißköpfige Männlein gemeſſen, „das 
Uebrige ſchenk ich ihm.” 

Mein Großvater — er erbarmt 
mich heute noch — war blaß bis in 
den Munb hinein. Er hatte es in 
feiner Kindheit ſchon gehört, die Welt: 
fugel mit Allem was auf ihr, drehe 
fih im Kreiſe; jetzt fühlte er's deut: 
lih, daß es jo war — ihm jchwindelte. 
— Da geht er in's Heiraten aus und 
verthut fein ganzes Güte. — „Alle 
Nöffer auf Erden” rief er, „freffen 


nicht fo viel Hafer, als die lumpigen 
paar Nieten da in der Uhr!” 

„Sted’ fie ein Bauer, fie gehört 
ja Dein,” fagte der alte Waldmann, 
„und zahl den Bettel aus.” 

„Ihr Leut’” ftotterte mein Groß— 
vater, „hr Habt mich übertöppelt 
(überliftet).“ 

„Du bift auch nicht auf den Kopf 
gefallen,“ entgegnete man ihm, „Du 
fannft zählen, wie jeder Andere, — 
und bie ehrenmwerthen Zeugen!” 

„3a, ja, die ehrenwerthen Zeugen,“ 
rief mein Ahn, „lauter Zeut’, die ges 
ſchwärzten Tabak rauhen!” 

„Sei fill, Bauer!” flüfterte ihm 
ber Kreuzwirth zu, „umliegend (rings⸗ 
um) ift der Wald! wenn fie Dich an- 
gehen, ih kann Dir nicht helfen.“ 

Der alte Weißkopf ſchielte in den 
mwurmftihigen Tiſch hinein; er mochte 
merken, baß für ihn hier eigentlich doch 
nicht3 Rechtes herausfam, er jagte da— 
ber zu meinem Großvater: „Weißt, 
Bauer, Du fönnteft jett mwohlfeil zu 
einem Körndl (Korn, Getreide) fommen. 
Ich will Hafer verfaufen. Gib mir 
dreißig Gulden für den ganzen.” 

Abgemacht war’3. Leichten Herzens 
legte mein Großvater dreißig Gulden 
auf den Spieltiih und eilte davon. 
Im freien Wald jah er auf die Uhr; 
der Zeiger ftand auf halb Bier. 

Mein Ahn kehrte heim, warb um 
das Heidebeermädchen und verehrte 
ibm die Uhr zum Brautgejchenf. 
„Aber,“ jagte er, „mein Schaf, das 
nehm ich mir aus, Du mußt mir für 
bie erfte Silberniete da ein Buffer! 
geben, und bei jeder weiteren Niete 
die Buſſerln verdoppeln !” 

. Das argloje Mädchen ging d’rauf 
ein. — 

Die Leuten find über achtzig 
Jahr alt und mährend dieſer Zeit 
meine Großeltern geworden, doch jtars 
ben fie lange, bevor die Uhr bezahlt 
war. Und mir Nachkommen werben 
faum jemal3 im Stande fein, dieſe 
Schuld ver Großmutter vollends wett 
zu machen. 


Wan 5 Diandl deafad ſuachn. 


In oberfteierifher Mundart*) 


V. R. Roſegger. 


Gets Mona, gets, 

As moants and räids 

Wias as daftets. 

Däi, hoaßts, and däi, 

Dos ift die Recht! 

— Klewa, daß fd Augn dadrat, 
Mochts as ſcha ſchlechd. 

Do zoags glei: Di Doußi, 

Di Doutzi ſchauts on, 

Bart d Fadſchn nou noch 

And mäichd ſchan an Mon! — 
Ais Maner, äis frali, 

Wan enk Dani gfold, 

Ks gets as käik on, 

And in Sol hobs as bold. — 
Oma mir ormi Diandla, 

Wan mir i da Ghoam 

A Biabl gern hobn, — 

Mia gen aus, mia gen hoam, 
Mia doan niz dasgleichn, 
Mian d Augn zan Boun fchlogn, 
Mian d Liab ftil bigrobn 

And deafn nig fogn. 

— Mian woatn, mian mwoatn, 
Bis a felba fimp frogn ... 


- 


Und wan Dana fimp, 

Der Dani gern mäidhd, 

Sar is 8 gwis an Onerer 
And feltn da Recht. 
Wunaſeltn da Rechti, 

Af den ma hot denkt, 

And den ma ſei Leib and Sel 
Mad Freidn bed gichentt. 
Owa weil ma fi grimp, 

8 Kunt da Recht nid meh fema, 
Sa muas mar afd Läift 

Ab in Unrechtn nema. 

An Unglit fi Zwoa! 

Dwar ausbleibn funts ab, 
Wan 8 Diand! deafad ſuachn 
Wou der Irige wa 

And warn jn hed gfundn, 
Deafad nema ba da Hond: 
Du gfolft mar, and mogft mi, 
Sa bleim ma banond. — 
Duft monigas Ehpoar 

Is nid glidlar and gfäignt, 
Weil's Diandl nid räidn deaf, 
Wan ia da Liabfti bigäignt. 


*) Diefes Gedicht ift möglichft ge mau der urfprünglichen Aussprache nadhgefchrieben. Das 


di darf nicht ähnlich wie etwa ei ausgefproden werden, fondern fo, daß das ä und das 
i gefondert zum Wusdrude kommt. Das n als m ift ein Nafenlaut. 


312 


Kleine Saube. 


Januar. 


Ein neues Jahr. Jänner heit der 
erſte Monat oder Januar, benannt nad) 
dem römifchen Gotte Janus, der das 
Doppelgefiht hatte eines blidte 
nad rückwärts, das andere nad) vor: 
wärts. Auch der Menjc hat zum Schluffe 
und zum Beginne eines „Jahres dieſes 
Doppelgefiht, fein Gedanke ift: Ber: 
gangenheit und Zufunft. Trogdem nimmt 
er auch die Gegenwart wahr. Kaum 
find die heiligen drei Könige als die 
legten Weihnadtsgäfte fort, fo naht 
der Tolle mit der Schellenfappe, der 
Hofnarr der Civilifation — der Gar: 
neval. Leider ift das heutige Geſchlecht 
nicht mehr froh und wißig genug für 
die Narrheit und darum heißt der a: 
nuar aud der Starr: oder Langweil— 
monat. Friſcher geht’8 draußen zu, 
Schlittenfahren, Schlittfhuhlaufen und 
Eisſchießen belebt den kurzen Tag und 
wenn der Sonnenftern am tiefblauen 
Himmel funfelt und der Schnee auf 
den Flähen und auf den Bäumen 
gligert, und unter den Füßen des Wan: 
belnden doch der Pfad knarrt in 
Harer Kälte — dann ift’3 ein Januar: 
bild, das den Menſchen erquidt. Der 
Landmann benügt den Schnee, um in 
Wald und Feld Fuhrwerke zu verrich— 
ten, die zu anderen Zeiten fchmwieriger 
wären. Die Holzjchläger brauchen den 
Schnee als Rutſchbahn für die in das 


Thal zu befördernden Baumftämme. An | 


Teihen und Tümpfen wird Eis ge: 
ihnitten, um fo ein Stüd erfprieflicher 
Kälte auh für den Sommer zu be 
wahren. Die Kirche begeht außer dem 
Neujahrstag: „Beichneidung des Herrn“, 
und SHeiligbreifönig das Namenjefufeft 
mit dem achttägigen Ablafje; es iſt 
der Monat, in welchem ber Fatholifche 
Cultus die wenigften Geremonien auf: 


weil. Am 25. Januar ift Pauli Be: 
fehr — „Schlitten weg, Wagen her‘, 
wie das Sprichwort fagt. Auf den 
Dächern aber liegt immer fo viel frifcher 
Schnee, daß die Spuren der Ammern, 
Heher und Spaten zu fehen find und 
all der Vöglein, die mit ihrem befchei: 
denen Gefang den Winter preifen. 


Bunte Dentzettel. 
Von Oskar Blumentbal. 


Das praßtifhe Jahrhundert. 
Wo lodert noch ein Herz im wilden Brand ? 
Nur lind und lauwarm riefeln unfere Triebe, 
Verlor man fonft vor Liebe den Verftand, 
Berliert man heute vor Verſtand die Liebe. 


Der neue Glaube, 
Es bildet fih der Glaubensfag allmälig: 
Der liebe Gott ift todt — Gott hab’ ihm felig! 


Aus Wien. 
Einft fah ein Freund der Mimik fort und fort 
Hier Rangers Poſſen, Weilens Dramen 
dort. 
Da mußt’ ihn jäh fein Schidfal denn ereilen: 
Der Aemfte ftarb an Langerweilen! 





Beitungskritiken. 
Der Autor befhaut’s nicht, 
Den Lefer erbaut's nicht, 
Den Beweis bleibt man ſchuldig — 
Das Papier ift geduldig. 





Einem Liebhaber. 
Du ſtellſt im Luftfpiel mit guter Routine 
Als feſcher Liebhaber ftets Deinen Mann: 
Mich wundert nur, daß die heutige Bühne 
Wirklich noch Liebhaber finden kann ! 


313 


€. Marlitt, 
Sie ift das treuefte Conterfei 
Bon phrafentrunfener Blauftrümpfelei. 
DO wäre doch Alles, was fie gefchrieben, 
Der alten Mamſell Geheimniß geblieben! 


Offenbach. 
Wohl littet Ihr's, wenn er es wagte, 
Die Bühne ſchamlos zu entweihn. 
Doch daß er Euch fo ſehr behagte 
Das konntet Ihr ihm nie verzeihn! 





Modernfies Srühlingslied. 
Es ziehn die goldnen Wolfen 

Morüber in der Luft, 

Es zieht in alle Gemüther 

Der mächtige Pebensduft. 


Es zieht in Dichterherzen 
Der Morgenfonnenfcein. 
Es zieht der geiteigerte Miether 
In neue Wohnungen ein. 


Es zieh'n die Wanderbögel 
In Schaaren zu uns ber: 
Ah, nur der Gründungsfhwindel 
Bieht leider gar nicht mehr. 





Das Jahrhundert, in welchem wir leben, 
bat längit im Glauben ein ber gefunden 
und ihn daher als Aberglauben über Bord 
geworfen. 


Je früher dem Menichen die Augen auf- | 
geben — defto früher wird er begehren, fie 
zu fchließen, 


Wenn es überhaupt einen Finger Gottes 
gibt, fo hängt er nicht mit dem Arm der Be- 
rechtigfeit zuſammen. 





War es wirkli fo weife vom Diogenes, 
daß er eine Laterne anzündete, um einen 
Menfhen zu ſuchen? Er hätte fie vielleicht 
lieber auslöfchen follen, um — feinen zu 
finden... . 





Da es kein Mittel gibt, fih das Leben 
zu verlängern, fo muß man nah Mitteln 
fuden, fi die Zeit zu verkürzen. 





Bofeggers „Heimgarten‘‘ 4. Heft. 


Mas fann man auf diefer langweiligen 
Lehmkugel Vernünftigeres thun, als unver- 
nünftig zu fein? 





Wer kennt nicht die Gefhichte von jenem 
Herrn, der feinem Affenpintfher die Obren 
abjchneiden wollte? „Damit es der Beitie 
nicht fo weh thät“, fchnitt er täglid nur ein 
Stüdchen ab. 

Wir find die Affenpinticher des Schidfals. 





Es ift kein Wunder, daß die Meiften fich 
felbft nicht fennen: es ift bei den Meiften 
eben eine unlohnende Bekanntſchaft. 





Man glaube nicht den Thränen der Neue: 
die Reuigen beweinen meift ihre Strafe, fel- 
ten ihre Schuld. 





Dürften die Menfhen auf ihren Neu- 
jahrswunfchkarten aufrihtig fein, fo fände 
ſich hinter dem üblihen P. £. auf manden 
vielleicht noch ein u. i. 





Die Gejellfhaft fordert von Keinem, daß 
er etwas fagt, fondern nur, dab er etwas 
redet. . . 

Meiber ohme Weiblichkeit find nur für 
Männer ohne Männlichkeit. 





Den bäflihen Mädchen muß man Vieles 
verzeihen: fie find oft nicht einmal Schuld 
an ihrer — Unſchuld. 





Mard ein Mädchen, das dir Liebe ſchwor, 
die Frau eines Andern, fo gibt es dafür nur 
einen Troft: — daß fie nicht die Deine ge- 
worden. 





Um Frauen zu gefallen, it oft nichts 
weiter nöthig, als daß man fie begehrt. 





An den nüßlichſten Lebensregeln ift ge- 
wöhnlich doch Eines unnüg: daß fie gegeben 
wurden. 





20 8 


314 


Schmünke. 
Wie Graf Adlerſtamm den Hahn 
ſchoß. 


Im RM. ..... auerthale ſteht die 
alte moosbärtige Fichte, an welcher das 
Wunder geſchehen iſt. Dort hat der 
Graf Adlerſtamm den Hahn und der 
Preiner⸗Michel den Bock geſchoſſen. 

Im letztvergangenen Frühjahre war's, 
als der Graf in Nimrods kecker Ruſtung 
in's Thal fuhr. Der Oberförſter hatte 
für Jagd und Wild zu forgen. Er 
war rathlos. In die nahe Holzinedt- 
hütte ging er hinüber, hieß den Bor: 
hader, den Preinermichel mit fi, und 
als fie allein durch den Wald gingen 
und der Michel feinen Tabakbeutel 
vom Nüden herüberzog, wo er ihn im 
Gurte fteden hatte und feine Pfeife 
füllte, fagte der Förfter: „Möcht' ich 
wifjen, wie wir das anfangen.” 

„Iſt was anzufangen?" fragte ber 
Michel. 

„Der Graf ift da und will morgen 
früh einen Auerhahn ſchießen.“ 

„Dem gehört die Jagd, der kann's 
thun. ” 

„Der kann's nicht thun”, fagte 
der Oberförfter. 

„Warum? Heuer gibt’3 ja Hähne 
genug, weiß jelber einen ober zwei. 
Der Herr Graf muß halt gut auf den 
Stand geführt werben.” 

„Das ift zu wenig, mein Lieber, 
der Graf trifft nichts. Cs muß was 
gejchehen. et, dent Dir einmal, iſt's 
heuer das zehnte Jahr, daß der Herr 
auf den Hahn fommt, und hat nod 
nicht ein einzig Federl gefchoflen. Er 
wird Dir endlich verzagt, verkauft die 
Jagd und das wär’ arg; Du weißt, 
Michel, er gibt —“ und machte mit 
den zwei Gebefingern eine bedeutſame 
Gefte. „Kurz, er muß morgen den 
Hahn ſchießen. Wenn ic) mir das nur 
anzufhiden wüßt'.“ 

„Binden wir ihm den Hahn auf 
den Baummipfel”, meinte der Preiner: 


| Graf höflich gemwedt. 


zwifchen bie Vorderzähne und ftedte 
den Tabakbeutel wieder in den Gurt. 

„Anbinden”, ſagte der Förſter, 
„dran habe id) ſchon gedacht, aber 
es ift zu wenig; er trifft ihm nicht.“ 

„Wenn er aber zweis und dreimal 
hinaufbrennen kann?“ 

„Trifft ihn nicht. Der Graf ift 
furzfichtig, das weißt, hat feinen feften 
Anſatz und feine fihere Hand und feine 
Geduld und Ruh’; dem fehlt nicht 
mehr als Alles zum Jäger.“ 

„Nachher Funnt ich feinen Rath 
geben”, fagte der Michel. 

„Es gibt nur ein Mittel”, ver: 
feste der Förfter mit leifer Stimme, 
al3 traute er nicht einmal den Bäu— 
men, „und "weil es das einzige ift, 
muß ed ausgeführt werben.” 

„Nachher iſt's ja recht !” 

„Aber dazu brauch’ ih Dich, Michel. 
Los einmal.“ 

Und fie blieben jtehen und der 
Förfter brachte dem Vorhacker was bei. 

„Ra, Du“, fagte diefer, plötzlich 
laut auflachend, „das thu’ ih nicht!” 

„Kannft es ganz ruhig thun; 's ift 
gar feine Gefahr. Er fchießt zum mil: 
deften eine Klafter weit an Dir vorbei.” 

„Su dem Geſchäft ſuch' Dir einen 
Andern, Förfter. ” 

„Nun, zu Deiner Beruhigung — 
Du weißt ja, daß ih dem Herrn den 
Büchfenfpanner abgebe — merde id 
das Gewehr blind laden.” 

„Das iſt eine Ned’. Jetzt haft mid). 
Wo mill der Herr Graf den Hahn 
ſchießen?“ 

Oben im Donnerwald, etwa bei der 
Zwiſelfeichten. Je weiter und ſchwieriger 
der Weg, deſto größer das Vergnügen. 
Kennſt ja das von den hohen Herren. 
Und um drei Uhr, wo's g’rad nod) die 
rechte Finftere hat.“ 

„Iſt recht.“ 

Sie verabredeten noh Manches und 
verloren fih im Walde. 

Um Mitternadt wird der Herr 
Er beladet fi) 
mit Allem, was dem echten Jägers— 


Michel, nahm feine angeftopfte Pfeife mann an den Leib fteht. Und wenn 


315 


der Förſter meint, das oder das fei 
heute nicht nöthig, fo fagt der Graf 
fürfichtig, 's wär’ immerhin befjer, man 
hätt's bei fich. 

„Excellenz!“ fagt der Förfter un: 
terwegs, „heut? gilt’s Einen. ch fag’s. 
So ſchön ift mir noch Keiner geftanden 
wie der heutige.“ 

„Sol Sein Schaden nicht fein. 
Doch — hat Er’3 gehört, jet? iſt das 
nicht ein Schuß gemefen ?“ 

„Wahrhaftig“, lachte der Förfter, 
„auf's Haar wie ein Schuß; das hat 
mih anfangs auch immer getäufcht. 
Nein, Ercellenz:Herr, eine Lawine iſt 
im Höllgraben drüben abgegangen. Das 
ift um diefe Zeit nichts Seltenes.“ 

Se höher fie emporfamen gegen den 
Donnerwald, defto leifer wurde ihr Ge: 
ſpräch. Als fie bei der Nothbuche wa: 
ren und horchten, hörten fie das erfte 
mal Balzen. Nun hub das Laufen an, 
um dann, während der Hahn wieder 
ſchwieg, jtarr wie ein Baumftrunf ftill 
zu ftehen. 

So waren die beiden Jäger allmä- 
lig zur Zwiſelfeichten gekommen, in 
deren buſchigem Gewipfel das Thier 
ſchnalzte und balzte, daß es eine Luft 
war. 

Der Förfter führte den Grafen auf 
den rechten Standpunft und fragte 
flüfternd, ob er dort oben den Hahn 
wohl jehe. 

„Wohl, wohl! 's ift ein ſakriſch 
mädtiger Kerl.” 

„Natürlich, das ſchwarze Bündel 
dort ift der Baummipfel. Daneben der 
Heine Punkt .... 

„Gut, gut!“ entgegnete raſch der 
Graf und fuhr mit dem Schaft zur 
Wange. — Puff! war auch ſchon der 
Knall da. Man meinte, ſchier zu früh, 
aber ſiehe diesmal Glück! Das 
Thier rauſchte herab von Aſt zu Aſt 
und ſchwer fiel es nieder auf den 
Boden. 

Der Graf ſprang hinzu, jauchzte, 
jubelte; es war auch ein prächtiger Vo— 
gel. — Das Telegrafenamt! Allſogleich 
berichten der Gemalin, den Freunden: 


Vivat, den Hahn geſchoſſen. 
großer Schmaus! — 

Ein herrlicher Vogel, fürwahr, und 
gerade mitten in die Bruſt getroffen! 
Aber — was hängt doch dran? An 
den Klauen hängt ein Knollen, was 
das ſein mag? — Sogleich iſt Licht 
gemacht — welch eine Erſcheinung?! 
In die Klauen verhackt lag ein vollge— 
dunſener Tabakbeutel. 

„Verdammter Eſel!“ fluchte der 
Förſter und raſch ſetzte er bei: „Der 
erſte Fall in meiner Praxis, Ercellenz: 
Herr, wo mir das vorfommt, was er: 
zählt wird, daß Auerhähne bisweilen 
in die Nähe der Holzarbeiter dringen 
und verſchiedene Gegenjtände, die die 
Leute irgendwo bei Seite gelegt, mit 
fich forttragen. Ich wette, diefe Tabaks— 
ift ein folder Raub. Seltfam, 


Morgen 


ſeltſam!“ 

Der Graf ſtarrte drein und ſagte 
kein Wort. Den Vogel lies er liegen; 
auf dem kürzeſten Wege eilte er dem 
Bahnhofe zu. 

Und der Michel kletterte verzagt von 
der Zwiſelfeichten, von welcher er früher 
den todten Vogel herabgeſchleudert hatte. 

„Was kann denn ich dafür!“ be— 
theuerte er dem Förſter, „Ihr ſeid zu 
früh dageweſen. Wie der Schuß fällt, 
hängt der Vogel noch feſt an meinem 
Gurt. Ich reiß' ihn eilends los, nu, 
und hab' halt meinen gottverbligten 
Zabafbeutel mit hinabgeworfen.” 

In acht Tagen war das Revier 
verkauft. 


Der große Hanns. 


Papſt Nifolaus V. hatte einen et: 
was munderlihen Cecretär, der aber 
wieder einen Gecretär hatte, den er 
feinen Schreiber hieß. So hatte der 
Schreiber das Amt und der Gecretär 
die Würde. Diefe vortrefflihe Einthei- 
fung ift heute nod nicht abgefommen ; 
der Eine trägt Pfliht und Arbeit, der 
| Andere Titel und Mittel. 

Eines Tages bradte der Schreiber 
dem Gecretär den Entwurf eines Brie: 


316 


fes, der etwad mangelhaft war und | Mann und fprad mit dumpfer Stimme 
deshalb dem Verfaſſer zurüdgegeben | folgende Worte: ‚Wenn Sie erlauben, 


wurde mit dem Befehle, er folle das | meine Herrſchaften, jo möchte ih Ihnen 


Schreiben befjer maden. Am andern | 
Morgen fand fih der junge Menſch 
mit feinem Briefe wieder ein, hatte 
aber fein Wort daran geändert, fondern 
feine Abendzeit hoffentlih angenehmer 
verbracht, ala Schreibfehler auszubeflern. 

„Ih glaube, mein Freund‘, fagte 
der Cecretär, „Du hältft mid für den 
großen Hanna ?“ 

„Warum, Herr Secretär, wer war 
diefer große Hanns?“ 

„Dad will ih Dir fagen. Der 
große Hanns, das war ein Mann, der 
weder Verſtand befaß, noch was gelernt 
hatte — fonnte nicht lefen und ſchrei— 
ben, rechnen nur nad den zehn Fin— 
gern*), und der es dod zu Ehren und 
Reichthümern gebraht hat — mie es 
folh aroße Hänfe wohl noch heute in 
der Welt gibt. Er hatte feine Secre: 
täre, die für ihn fchreiben mußten, und 
um dieſen Refpect einzuflößen, pflegte 
er jedesmal, wenn fie ihm Briefe zum 
Unterzeichnen bradten, ſich zu jtellen, 
alö ob er diefe Briefe aufmerkſam durd: 
läfe. Hernah gab er fie zurüd und 
fagte: Taugt nichts, macht es befier. 
— Seht weißt, was ein großer Hanns 
ift und jegt geh.‘ 

Der Schreiber ging nah Haufe, 
änderte nit einen Buchſtaben und 
bradte am andern Morgen die Briefe 
wieder. 

Der Herr Secretär las fie auf: 
merffam dur, nidte mohlgefällig mit 
dem Kopfe und fagte: „Gut, recht gut 
fo, jegt bin ich zufrieden.‘ 








Wenn Sie erlauben, meine Herr: 
ſchaften! | 

Nah einem Gaftmahl war's, mir 
faßen arglo8 und heiter beifammen um 
den ſchwarzen Kaffee. Da erhob fid plöß: | 
lich aus unferer Mitte ein blafjer junger | 





*) Aha, das Decimalfpitem! Anmerkung 
des Scepers. 


bei dieſer jchönen Gelegenheit 
neueftes Drama vorlefen.‘ 

Ein Anderer rief auf diefe Worte 
ein halblautes Bravo, mir übrigen 
ftarrten in die großen Nauchmwolfen, die 
wir bliefen. 

Haftigen und ficheren Griffes, wie 
der Bandit nah dem Dolce haſcht, z0g 
der Dichter ein grauenhaft dickes Heft 
aus der Taſche. „Die erfte Scene‘, 
hub er erflärend an’, fpielt in Capa— 
docien. Sie müſſen fih, meine Herren, 
in dieſes Land verjegen und in den 
Charakter der Nation eingehen.” 

Darauf entgegnete Einer aus der 
Geſellſchaft: „Können Sie uns aud die 
Verfiherung geben, daß hr Stüd die 
Reiſekoſten deckt?“ 

„Glaubt Ihr der Poet hätte uns 
einen verächtlichen Blick zugeſchleudert 
und wäre, ſich eines Beſſeren bewußt, 
hintangeſchritten? Nein. Mit rührender 
Sanftmuth begann er ſein Werk zu 
leſen. 

Als er damit fertig, war Niemand 
mehr da als der alte Diener, welcher 
die Porzellantaſſen und Aſchenſchalen 
wegräumte. 

„Wo ſind die Herren“, fragte der 
Dichter befremdeten Blickes. 

„Wahrſcheinlich nach Capadocien.“ 

— Der junge Mann iſt heute noch 
nicht geheilt, ſondern ſchmuggelt ſich 
immer noch in Geſellſchaften, beſonders 
in Theezirkel ein, um die Leute meuch— 
lingd mit irgend einem neuen MWerfe 
zu überfallen. 


mein 


Wie einmal der Dichter den Juden 
geprellt Hat. 

Ein armer Dichter war einem reichen 
Juden hundert Dufaten ſchuldig. Dar: 
über lies fih der Jude mund graues 
Haar wachſen, während des Dichters 
Loden hübſch Ffaftanienbraun blieben. 
Auch der Bart wollte in ähnlicher Farbe 
leihtfertig wuchern, doch der Dichter 


317 


hatte ſich jeit jeher für ein glattes Ges | blifum die Lyrik in Mißcredit gebradt. 


ſicht entjchieden. 

Eines Tages, er ſaß gerade in der 
Barbierftube und der Haarfünftler hatte 
ihm eben das Antlitz vollgefeift, trat 
der Jude ein. 

„Ei, ei”, fagte der Sohn Iſraels, 
„da hinter der Seife ſteckt wohl das 
fehr verehrte Geficht des Musjeh, der 
mir feit Jahr und Tag hundert Dur 
caten jhuldig ift. — Mer ein graußes 
Vergnügen, den Herrn hier zu treffen.“ 

„Ah, Sie fuchen mich, um mir die 
Schenfungsurfunde einzuhändigen, von 
der bereits die halbe Stadt jpricht !” 
rief der Dichter mit freudiger Geberde. 

„Wie haißt Schenfungsurfunde ? 
Mein Geld will ich haben.“ 

„hut mir leid“, antwortete der 
Dichter, „daß es mir in diefem Mo: 
mente nicht möglid ift, Ihrem Wunſche 
zu entſprechen. Hätten Sie vielleiht die 
Güte, zu warten, bis mir diefer Herr 
den Bart abgenommen hat ?“ 

„Ei bitte, gern, gern will ih fo 
lange warten“, fagte der Jude erfreut.” 

„Wohlan“, ſprach der Dichter zum 
Frifeur gewendet, „Sie find Zeuge, 
mein Herr!“ Stand auf und ging mit 
ungejchorenem Barte davon. 


Bücher. 


Gemüth und Welt. 

Gedichte von Friedrich Marx. (Dritte um 
die Hälfte vermehrte Auflage). E. J. Gunther, 
Leipzig. 

Ein formfertiges Gedicht zu machen— 
iſt gar keine Kunſt, ſondern eine Künſte— 
lei, die heute von aller Welt geübt 
oder zum mindeſten verſucht wird, ſo 


etwa, wie man ſich mit Rebusauflöſen 


bejhäftigt. Die Meiften unferer Verſe— 
mader jind nichts als Wortkünſtler, 
oder vornehmer gejagt: Phrajeurs. Ihre 
Spielereien wären an und für ſich ganz 
unſchuldig, ja vielleiht fogar löblich — 
doch ift der Schaden groß, den jie ver: 
urjadht haben. Sie haben vor dem Pu: 





Ein neues Bändchen Gedichte mit Gold— 
Schnitt! wie fich gleich Alles wegmwendet ! 
— Dann heißt e8, die Welt wäre pro: 
jaifch geworden. Das ift nicht wahr; 
die Menfhen werden immer das Ber 
dürfniß haben, den Ausdrud, die Ver: 
förperung ihrer tiefften Gefühle und 
Stimmungen vor fich zu jehen, um dadurch 
gemahnt und überzeugt zu werden, daß fie 
mit ihrem großen Glück oder Leid, dasihnen 
das Herz will zerbrüden, nit einfam 
und unverftanden find, daß Seelenluft 
und Herzweh Gemeingut Aller ift. — 
Aber nicht Wortgeflingel will das tim: 
mungsfchwere Gemüth; nad heiligen 
Sonntagsglodenklängen jehnt es fi, oder 
nad) dem Geſange der Lerche über den 
friedensreihen Wäldern. 


Darum wendet fi das Publifum 
von der heutigen Lyrif ab und traut 
auch den Recenjenten nicht mehr, welche, 
wenn fie wohlmwollend find, jedes derglei: 
chen Büchelchen anpreifen als „eine ſchöne 
Ausnahme von der Dutendwaare, die den 
Büchermarkt überfluthet”. 


Und wenn endlich einmal eine wahrhaft 
bedeutende Erſcheinung in der Lyrik auf: 
taucht, welches Mittel gibt es denn noch, 
diefelbe dorthin zu leiten, wo fie hinge: 
hör, in das Wolf? Keined. Die land: 
läufigen Beſprechungen werden ignorirt, 
die große Trommel zu rühren verjchmäht 
die Sade. Und fo ift ed einem echten Buche 
ganz anheimgeftellt, ſich ſelbſt allmälig fein 
Reich zu gründen, indem es durch der 
Jahre Lauf immer tiefer und tiefer in 
das Volf und in die Herzen bringt. 
Die Wenigen unferer bedeutenden Lyriker 
haben auf dieſem weiten aber natürli: 
hen Wege ihr Anrecht erlangt. 

Zu diefen Wenigen mögen wohl aud) 
die Poeſien unferes Friedrid Marr 
zählen. Vor jahren ift die erfte Auflage 
jeiner Gedichte „Gemüth und Welt“ 


‚erfchienen. Sie haben nit jenes Auf: 


ſehen gemadt, wie etwa Dichtungen, 
die nur auf jenen Theil des menſch— 
lihen Herzens [peculiren, welder am 
heißeften und am ſchwächſten ift und 


318 


den Geldbeutel in feiner Nachbar: 
Ichaft hat. Hingegen find Marr’ Gedichte 
heute nicht vergejlen, find lebendiger 
alö je, haben im Laufe der Zeit man- 
ches dankbare Gemüth gefunden und 
erquidt. Heute feiern fie die dritte Aufer: 
ftehung und zwar mit neuen Gaben 
reich verſehen. Dieſes Buch ift nicht 
mehr auf den Bafjirfchein der Preſſe 
angemwiefen, es iſt geborgen und hat das 
Heimatöreht. Aber — da mir fo oft 
in die Yage fommen, die Nichtigkeit und 
Anmaffung neuer literarifcher Erzeug- 
niffe zu erfahren — jo möchten wir 
zur eigenen Genugthuung einmal laut 
gejtehen, wie dankbar wir Jedem find, 
der uns eine wahrhaft gute Gabe 
ſpendet. 


Gemüth und Welt! zuſammen ein 
einziges Ganzes und doch ſtets in zwei 
Theile geſchieden zum ewigen Zwieſpalt. 
Wie aber verſöhnen dieſe Gedichte nach 
beiden Seiten! Ein reines, treues Buch 
ohne jene bewußten Prätenſionen und 
Effecthaſchereien, aber voll inniger 
Seele, voll männlichen Ernſtes und 
tiefer Gedanken, voll Liebe zu allem 
Schönen und Edlen. In herzenswarmen 
Liedern feiert der Dichter die Liebe zum 
Geſpons, zu Eltern und Kindern, zum 
Freund, zum Vaterlande; in ſtimmungs— 
vollen idyliſchen und in hymnenſchweren 
Geſängen verehrt er die Natur und 
vor Allem ſeine Heimat, unſer herr— 
liches Alpenland. Wohl etwas ſchwer—⸗ 
müthig zuweilen, dann aber wieder welt: 
freudig und fromm blidt dieſes gottge: 
fegnete Auge hinaus, und mo Andere 
Elend, Troftlofigkeit und Niedergang 
ſehen, dort erblidt eö Hoffnung und Ur: 
ftänd des Idealen. 


Mer diefe Stunden und Stimmun: 
gen wahrnimmt, dem wird das Bud) 
von Friedrich Mare zur Freude fein. 

R. 


Dorfleben im adhtzehnten Jahr: 
hundert. 

Culturhiſtoriſche Skizzen aus Inneröfterreich 
von Dans vd. Zwiedinef-Südenhorit. 
Verlag Earl ®erolds Sohn, Wien. 

Wir fennen culturgefcichtliche Werke, 
welche dem Gelehrten zu oberflächlich 
und dem großen Publitum zu gelehrt 
find. An diefem Büchlein mögen 
Männer der Wiffenfhaft wie Laien ihre 
Freude haben. Es läßt an Neichhaltig: 
feit von Driginal:Urfunden und Acten 
nichts zu wünſchen übrig, von Urfun: 
den, deren Stil fo vertrodnet und ver: 
ſchnörkelt ift, daß ſelbſt der ffeptifchfte 
Forscher an ihrer vollften Echtheit nicht 
wird zweifeln fönnen. Aber es find 
nur folhe Stoffe aus den bäuerlichen 
Zuftänden des 18. Yahrhunderts aus: 
geſucht, die jedermann interejfiren müf: 
jen. Es find Dorfgefhicdhten im alten 
Kanzleiftile, und zwar Dorfgefchichten, 
die ſcharf in die Weltgeſchichte eingrei: 
fen. Der Titel erfcheint uns vorläufig 
wohl etwas vielfagend, doch glauben 
wir, daß der Autor es nicht bei diefen 
uns dargeftellten einzelnen Fällen aus 
Kärnten und Steiermark bewenden laj: 
fen, fondern durch weitere Lieferungen 
den Titel vollftändig rechtfertigen wird. 

Uns freut vor Allem das Verftänd: 
niß und die Achtung, welche der Ver: 
fafler dem Bauernthume entgegenbringt. 
„Der Bauer“, fagt 9. v. Zwiedineck, 
„iſt und fremd geworden, fremder als 
unferen Vorfahren; durd viele Yahr: 


Dod will ein Igrifches Gedicht nicht | zehnte hindurch hat ſich der Städter 


nur recht gemacht, es will auch recht | mit einem fehr wenig vornehmen Dün- 
und zu rechter Zeit gelefen fein. Die | fel von ihm abgemwendet und ſich um alles 
Andaht des Herzens ift abzumarten. | das, was fein inneres Xeben betraf, 
Das Lied hat — wie der ernfte/faum mehr befümmert. — Selbft un: 
Ruf des Nachtwächters und wie das |fere Richter und Aerzte, unfere Advo: 
Jauchzen des Schäfers auf fonniger  caten und Kaufleute, die in fleineren 
Au feine Stunden und Stim: | Drten leben, fennen den Bauer nicht 
mungen. immer. Gie wiffen zwar Mandes von 


— 





319 


feinen Schrullen und Eigenheiten zu 
erzählen, jchiden jich wohl auch in fein 
Begehren, wenn fie dadurd Nuten er: 
zielen fönnen, doch fie willen nicht, wie 
er jo wurde. Niemand hat ihnen von 
der Entwidlung des bäuerlichen Charaf: 
ters etwas erzählt, fie ſelbſt forſchen 
nicht darnach und dünfen fi ganz an: 
ders geartet, obmohl fie felbft fo man: 
hen Zug vom Nahbarn aus der Dorf: 
gemeinde angenommen haben. Gewiß ift, 
daß der Strom des bäuerlichen Lebens 
nur breite ruhige Wellen wirft, nur 
jelten wird er in feinen Tiefen aufge: 
wühlt. Viele Bewegungen, die in ben 
Städten von jedem Einzelnen Tebhaft 
gefühlt werden, gehen an den Dörfern 
ſpurlos vorüber. — Daran werden aud) 
die Eifenbahnen nichts ändern. 

Und Eines föünnen mir”, ſetzt 
Zwiebined hinzu, „aus den (in feinem 
Buche gebotenen) Erzählungen ohne 
viel Nachdenken entnehmen: wie der 
Bauer zu allen Zeiten den här— 
teften Kampf um's Dafein zu füh- 
ren hat, wie alle Refultate höherer 
Gultur auf feiner Leiſtung beruhen, 
wie alle Laſten des größeren Befites 
auf feine Schultern überwälzt werden, 
und mie der doch felbjt in den An: 
fprüden, die er an den Staat mad, 
ftets der Beſcheidenſte bleibt. Ich 
würde mich glüdlich preifen, wenn die 
Bilder, die ih aus dem Leben des vo: 
rigen Jahrhunderts flüchtig zu zeichnen 
verjudht habe, nur einige meiner Leſer 
bewegen würden, in der Beurtheilung 
unferer Bauernihaft etwas mehr Ge: 
rechtigfeit walten zu laſſen, als es ber 
fonders in unjeren ‚liberalen‘ Kreifen 
Mode ift. Nicht mit dem Singen der 
„Vierzeiligen“, mit Jodeln und Juchzen, 
nicht durch den Gemsbart am Hut und 
grüne Strümpfe wird das Verſtändniß 
für das Leben geweckt, das außerhalb 
der großſtädtiſchen Schlagbäume ſich auf 
und nieder bewegt, — die Laſt und 
den Kummer, den geheimen Groll und 
den offenen Ausbruch lange unterdrück⸗ 
ter Xeidenfhaft, das Gute und Böfe 
im Herzen des Bauerd muß man fennen 


lernen, wenn man diefen ſchätzen und 
lieben will.‘ 


Allerhand Ungezogenheiten. 

Von Oscar Blumenthal. (Fünfte Auf- 
lage.) €. I. Günther, Leipzig. 

Die Welt entfchuldigt diefe Unge: 
zogenheiten und der Leer freut ich, 
daß hier ein rückſichtsloſer Sarkaftifer 
den Leuten einmal die widerhaarige 
Wahrheit jagt. Weil ſich Keiner für 
den getroffenen hält, wird dieſe geift- 
volle Lectüre jedem Vergnügen machen. 
Zwar werden Etliche mit dem Namen 
gezeichnet, aber das gefällt den Ande— 
ren gerade. Noch entzüdender ift frei: 
[ih das, was allgemeine Schwäden, 
Verprehtheiten und falfhe Richtungen 
betrifft. Da ift 3. B. ein böfes Capitel 
über die Vorleferepidemie, ein anderes 
über Aehnlichkeitäjäger, über Kritiker 
und Künftler, über Deutfchthümelei. Da 
finden wir ein ftarfes Pülverlein gegen 
die unzähligen Verſemacher, welches in 
feiner Nebaction belletriftiicher Blätter 
fehlen follte. Im Auffage: Kuhmägde 
der Literatur wendet Blumenthal feinen 
Wurffpieß gegen jene Art von Dorf: 
gejhichten, welche mit großer Wichtig: 
thuerei erzählen, wie die Bauern ver: 
dauen und Mift führen. Auch auf die mo— 
derne Erfcheinung der Gebirgsreifenden 
und Naturenthufiaften ift unfer Sati- 
rifer nicht gut zu Sprechen. — „Wie“, 
jagt er, „viefer Naturenthufiasmus ma— 
nierirt ift, erfieht man ſchon aus feinem 
zudringlichen Pathos. Wer einem land— 
ihaftliden Anblid gegenüber ein „fa= 
mos!“ in die Welt fchmettert, zeigt 
ihon dadurch die geringe Innigkeit 
feines Naturverftändniffes. Und wie 
blafirt, wie armfelig, von einer Wiefe 
zu jagen, fie fei ausgebreitet wie ein 
Teppich, oder von einem See, er fei 
far wie ein Spiegel — als wenn die 
Natur erſt anfinge, ſchön zu werden, 
wenn man das Meublement eine an: 
'ftändigen Salons darin wiederfindet.“ 
‚Wir freuen und über diefe Bemerkung, 
‚fie beweift, daß dem Verfafler der „Un- 


320 


gezogenheiten” doc auch etwas Anderes 
innewohnt, als der Geiſt der Vernei— 
nung, den man ihm zum Vorwurf 
madt. Allerdings, eine eben große 
Freude zeigt Blumenthal im Allgemeinen 
an diefer Weltorbnung nicht, und im 
Grunde möchten wir uns mit feinen 
Negationen nicht immer einverftanden 
erklären; man freut fich eben nur an 
dem Geifte, der gerade aus den elen- 
ften Zuftänden den Stoff zu gewinnen 
weiß, um und Andere zu ergößen. Ein 
folh mohlthätiger Dämon ift Oscar 
Blumenthal. Einige feiner Epigramme, 
die wir an anderer Stelle mittheilen, 
werden es bemeifen. 


—- 


Italienische Blätter. 
Bon Robert Schweicdel. Verlag Otto 
Janke, Berlin. 


Kalten ift unerfchöpflih und macht 
auf die verfchiedenen Beſucher desjelben 
verſchiedene Eindrüde. Daher begrüßen 
wir jede neue Schrift über diefes wun— 
derbare Land mit Intereſſe, und mit 
ganz befonderem, wenn ein jo geiftreicher 
Schriftjteller, wie Robert Schmweichel 
fie uns bietet. Wir reifen in dieſem 
feinem Buche mit ihm, leben mit ihm 
und laſſen uns von diefem Führer 
gerne belehren über Alles, was in 
funftgefchichtlicher, culturhiftorifcher oder 
ethnographifcher Beziehung wiſſenswerth 
ift. Schweicheld Darftellungen find an: 
muthig, lebendig und ftimmungsvoll, 
und werden ‘jedem, der Italien fennt 
oder fennen zu lernen wünfcht, willkom— 
men fein. 


Hoftkarten des Heingarten: 


Fräulein B. R. in 6. Cie bitten verge- 
bens um Antwort, fo lange Sie uns Ihre 
Adreſſe nit nennen. 

Herren M. $. in B. Danken verbindlichſt 
für Ihre freundliche Sendung; Ddiefelbe wird 
den Anſprüchen unferer Lefer zurecht gelegt 
werden. 

Herrn R. 3. M. in Dresden. Sie freuen 
fi, daß wir den Auerbach „verriffen* ? Wir 
bedauern, daf ‚Sie den Artikel mißverftanden 
haben, deflen etwas raifonirendes Gehaben 
nur von den neuen PDorfgejhidten 
handelt. Wir chren Berthold Auerbah und 
glauben mit gutem Gewiffen conftatiren zu 
fönnen, dab weder in Dresden, noch in Graz 
ein Dorfgeſchichtenſchreiber lebt, der dem 
Schwarzwälder Erzähler nahe gejtellt werden 
könnte. 

An mehrere Einſender. Der „Deimgar- 
ten‘ ift fein Magazin für Eritlingswerfe, 

Herrn J. R. in P. Sie find mit Ihrer 
Ballade um hundert Jahre zu fpät gefommen. 

3 W., Wien. Verfchonen Sie den 
„Heimgarten“ mit Arancesconi-Eultus. Der 
Begenitand ift, abgeſehen von dem gräßlichen 
Morde und der Dinrichtung, durd die Sen- 
timentalität und Bejtialität der Menge uner- 
quidlich genug geworden. Ein Volt, das jeine 
Verbrecher in fo begeifterter Weife feiert, iſt 
.... (Das llebrige unter Goupert.) 

a. W. St. Oswald. Hübſch, aber für 
uns zu fentimental. Auch foll bei Gedichten 
die letzte Strophe die beite fein. 

R. 3. R. Wien: Haben Ihnen raſch die 
Seite 311 verehrt. 

T. 3. in Prag. Leider haben Sie Recht, 
wenn Sie Stelzhammer's Dialektfchriften einen 
verfintenden Schatz nennen. Schuld daran 
trägt theild der Eigennuß, theils die Fahr- 
läfligkeit der betreffenden Verleger, welche das 
Recht auf neue Ausgaben von Stelzhammer's 
Merten weder gegen billigen Erſatz bergeben, 
noch jelbit ausüben. Gin Beweis, weldes 
Intereffe das Publitum dem oberöjterreidhifchen 
Dichter noch entgegenbringt, iſt die enthufia- 
ftifhe Aufnahme von Stelzhammer's bod)- 
deutichen Liedern „Liebesgürtel“, welde vor 
einem Jahre bei Heckenaſt erſchienen find. 


Drud von Legfam-Jofefsthal in Graz. — Für bie Rebaction verantwortlih P. A. Rofegger. 











1 
PERS 
— 


| Heft 5. 


, 
m: 
im 


webruar 1877. 











vEEITErTT 


I. Jahre. 








Der Kampf eines Poecten. 


Novelle von Ludwig Habicht. 


Sa, es ift ſchön auf dem Lande, 
in einer friedlichen, aumuthigen Natur ! 
Wie lat der Himmel, wie grünt die 
Erde, wie viel Frieden ſenkt fich ba, 
leife und unfichtbar in’s Herz! Und 
doch auch das Leben in einer großen 
Stadt entbehrt nicht aller Poefie, ge 
währt und Stunden ftiller Einkehr, 
tieffter, feligfter Befriedigung. 

Wie wunderbar fühlt fi die Seele 
berührt, wenn fie mitten in dem wil- 
ben, ewig tobenden Menjchenocean ſich 
eine Feine Stätte gefchaffen, wo fie 
ruhig träumen, denken, fih in fi 
jelbft zurüdziehen und wieder auf bie 
Ziele befinnen fan, die ihr in folchen 
Meiheftunden leuchtend vorſchweben. 
Die Rouleaur find heruntergelaſſen, 
bie Lampe brennt auf dem Schreib: 
pulte — draußen mogt und brauſt 
das Leben ruhelos weiter und doch, 
wie ftill wird es im Herzen! — Da 
liegen Bücher — Alles, was ber 
Menichengeift Großes und Herrliches 


Kofeggers „Heimgarten“ 5. Heft. 





geichaffen, breitet fih in wunderbarer 
Fülle vor und aus, .... . wir Fönnen 
träumen und ſchwelgen in einer anderen 
Welt und troßdem bleibt uns das 
fihere Bemußtfein, daß wir niemals 


‚in Gefahr ſchweben, von diefen Träu— 


mereien entnerot zu werden, denn ein 
Schritt aus unferem Zimmer und wir 
erwachen — wir befinden uns wieder 
im Strudel des Lebens — ftehen 
wieder in ber wildeften Brandung, 
die all’ unfere Kräfte fordert und uns 
beftändig aufitahelt, in dem allge: 
meinen Ningfampfe unferen Platz 
würdig auszufüllen . . . 

Es ift der Scharfe Gegenſatz zwiſchen 
der lärmenden Welt da draußen und 
ber ftillen, geheimnißvollen in unferem 
Innern, der uns bier jo mächtig er: 
faßt und bewegt. 

Draußen tobte uud rafte das Le- 
ben der Hauptitabt unaufhaltſam 
weiter. Der junge Mann, der in feinem 
Studirzimmer bei der Lampe jaß, 


2l 


322 


merfte nicht8 davon; er hatte joeben 
ein Buch aus der Hand gelegt, ftüßte 
jegt den Kopf in die Nechte, und blickte 
halb träumeriſch, halb gebanfenvoll 
vor fih hin. Es war ein blafjes, aus: 
druckvolles Geficht, das jegt von ber 
Lampe ſcharf beleuchtet wurde. Auf 
ber hohen gemölbten Stirn thronte 
fihtbar ein Gedankenreichthum und in 
den grünsgrauen Augen leuchtete eine 
fanfte Schwärmerei, bie auf ein echt 
poetiſches Gemüth jchließen ließ. 

Endlich erhob ſich der ftille Denker, 
ftrih mit der Hand über die Stirn 
und wanderte mit heftigen Schritten 
im Zimmer auf und ab. Seine Augen 
verloren den träumeriſchen Ausdrud, 
fie begannen wunderbar aufzuleuchten, 
feine Bruft hob fih, der Athem ging 
raſcher und mit einem ſelbſtbewußten 
Läheln um die blühenden Lippen 
murmelte er vor fih bin: „Nein, ich 
werde niemal® dem Gejchmade des 
großen Haufens fröhnen, mag man 
immer meine Arbeiten zurüdjenben, 
mögen meine Freunde mir beftändig 
rathen, zum Publikum jo tief hinab: 
zufteigen, bis es mich verfteht. Ich 
fann es nicht; Lieber will ich meine 
Feder zerbrehen und auf all’ die 
Träume verzichten, die von Kindheit 
auf durch meine Seele gegaufelt.” — 

Er trat wieder an den Schreibtiich 
zurüd, legte die Hand auf das Bud 
und fuhr, wie im ſeligen Raufce, 
begeiftert in feinem Selbitgejprädhe 
fort: „DO, wie recht hat der Dichter: 

Entledige Dich der Feſſeln allen, 

Die gutgemutbet Du bisher getragen, 
Und wolle nidyt mit findifhem Verzagen, 
Der ſchnöden Mittelmäßigfeit gefallen. 

Die legten Zeilen wiederholte er, 
wie ſich jelbft zum Troft und zur Er- 
munterung. 

Dann that er einige Schritte zu 
jeinem Bücherfchrant, ließ finnend den 
Blick über die ftattlichen Reihen gleiten 
und rief in tiefer, ſchmerzlicher Erre- 
gung aus: „War e8 Euch Glüdlichen 
allein vergönnt, zu ſchaffen und zu 
geftalten, was leuchtend vor Eurer 


Seele Iebte, und müfjen wir Armen 
ganz darauf verzichten?! Sollen wir 
allein dem Gott des Tages dienen, 
nur um gehört zu werden? Während 
diefen Geiftesheroen das beneibens- 
werthe 2008 zufiel, ihren Zeitgenoffen 
eine ideale Welt hinzuzaubern, die bis 
in die jpäteiten Jahrhunderte ihren 
Glanz behalten wird, fordert man von 
uns die Wiedergabe der alltäglichiten 
Wirklichkeit und jeden erhebenden Ge- 
danken, jedes fühne, in die Zukunft 
weijende Wort belächelt man, wie das 
Bemühen eines abjonderlihen Thoren, 
ber die Gegenwart nicht verfteht, nicht 
veritehen will.“ 

„Schon wieder über unfterblichen 
Werfen brütend? — Stubenhoder ?“ 
ließ fih eine fräftige Stimme ver: 
nehmen, und ein breitfcehultriger robufter 
Mann ftand plößlich vor dem Sinnen: 
den und wedte ihn unfanft aus feinen 
Gedanken. Deutlih prägte fich auf 
dem beweglichen Antlit des Andern ber 
Unmuth aus, den er über die uner— 
wartete Störung empfand. 

„Mache nicht erft ein grämliches 
Gefiht, lieber Leopold,” lachte ber 
Anktömmling, „ih wußte jchon, daß 
ih nicht willfommen war, denn Deine 
Wirthin wollte Dich verleugnen, nur 
läßt fih ein Menſch, wie ich, mit 
ſolchen Redensarten wie: der Herr ift 
nicht zu Haufe — nicht jo ohne weiteres 
abjpeifen. Du haft wohl über Deinem 
poetiihen Träumen ganz vergefien, 
daß heute Mittwoch iſt?“ 

„SH babe wirflih nit daran 
gedacht, Gottfried,” war bie zerftreute 
Antwort. Man konnte deutlich bemerken, 
baß der junge Mann Mühe hatte, 
aus feiner Idealwelt in die Wirklich: 
feit zurüdzufehren. 


„Gewiß brüteft und feilt Du 
wieder über eine Novelle, in der Du 
die wunderbarſten Gedanken nieder: 
legen, bie tieffinnigften Probleme Löfen 
willſt, anftatt, wie ich Dir beftändig 
tathe, herzhaft darauf los zu jchreiben 
und Dich um alle Regeln ber Aeſthetik 


323 


nicht zu kümmern, nach denen unjer 
leſendes Bublifum ohnehin wenig fragt.“ 

„Ich habe nicht gejchrieben,” ent: 
gegnete Leopold ausweichend. 

„Roh ſchlimmer! Das müßige 
Grübeln taugt nicht3!” war die Ant: 
wort Gottfrieds. „Doch nun raffe Dich 
auf, kleide Dich raſch um, die Freunde 
werden uns jchon erwarten.“ 

„Ich wäre heute am liebiten zu 
Haufe geblieben.“ 

„Daraus wird nichts!” rief ber 
Freund mit großer Entjchiedenheit und 
jeine ohnehin Fräftige Stimme nod) 
erhebend fuhr er lebhaft fort: „Wie 
willft Du das Leben ſchildern, wenn 


blühenden Zippen, das bei aller Träu— 
merei doch zumeilen wunderbar auf: 
bligende Auge davon, daß der junge 
Mann einem heiteren Sinnengenufje 
nicht ganz verſchloſſen ſei. Leopold von 
Ferber machte ſchon auf den erfien 
Bid den Eindrud eines feinen 
ariftofratifhen Geiftes; auch jein 
ganze8 Auftreten mar von großer 
Liebenswürdigfeit, wern auch anfangs 
ein wenig zurüdhaltend. Er ſprach 
gerne leife und nur in Momenten der 
Aufregung ließ er fich hinreißen, dann 
befam feine Stimme einen mächtigen 
Klang, ohne deshalb an Wohllaut zu 
verlieren. Neben feinem freunde er: 


Du es nicht fernen lernſt? Der Schrift: | hielten jeine feinen Formen eine faft 


fteller muß hinaus, der Wirklichkeit 
ihre Geheimnifje ablaufchen, dann erft 


mädchenhafte Zierlichkeit. 
Gottfried Schmidt war eine herku— 


liefert er die rechte Nahrung für das liſche Geftalt; groß, breitichultrig, 


Volt” — und als er ſah, daß fein 
Freund gegen dieſe Behauptung Wi- 
derſpruch erheben wollte, fette er raſch 
hinzu: „Wir wollen heute die alten 
Streitfragen unberührt laſſen, jebt 
verlange ih nur, daß Du in fünf 
Minuten fertig bift. Ich werde inzwiſchen 
bier, wie Mirza Schaffy, der Erwar— 
tung Pfeife rauchen” und der Freund 
machte fich’8 auf dem Sopha bequem, 
zündete fih langſam eine Cigarre an 
und dampfte große Rauchwolken vor 
hin. 

Wenn nad dem ziemlich allgemein 
geltenden Grundſatze Gegenſätze ſich 
anziehen, ſo waren zwiſchen den beiden 
Freunden deren genug vorhanden, 
melde ihren gemüthlihen Verkehr 
rechtfertigten. 

Leopold von Ferber war kaum 
von mittlerer Größe, ſchlank und zart 
gebaut, mit einem bleichen, burchjich- 
tigen Gefiht, das durch das lange 
Ihwarze Haar noch mehr hervortrat 
und das man, einmal gejehen, nicht 
jo-leicht vergaß. Um die fein gebaute 
Nafe fchlängelte fih ein Zug von 
Stolz, ja vielleicht von Hochmuth, und 
während bie obere Partie des Gefichtes 
mit ihrer hohen gewölbten Stirn mehr 
den Denker befundete, fprachen bie 


etwas aus dem Groben gehauen, aber 
der gutmüthige Ausdrud in dem 
breiten, von einem mächtigen hell 
blonden Bart umrahmten blühenden 
Gefiht verjöhnte damit. Auch bie 
Stirn war ziemlich hoch, über den 
Augen ftarf gewölbt; fie verrieth einen 
tüchtigen, ſoliden Menjchenverjtand, 
auf der etwas plumpen, bereit3 röth: 
lich ſchimmernden Nafe hodte ziemlich 
nadhläffig eine goldene Brille, Hinter 
der Heine Fuge Augen bervorlugten. 
Der große Mund mit feinen ftarf ent— 
widelten Kauwerkzeugen befundete, daß 
Gottfried Schmidt den Genüffen einer 
guten Tafel nicht abhold war. 

Er hatte etwas von einem beutjchen 
Reden und das blonde, beinahe aſch— 
farbene Haar, die blauen, gutmüthig 
dareinfhauenden Augen würben ohne 
die goldene Brille das Bild vervoll: 
ftändigt haben; der alte Burjchen: 
ſchafter blieb aber auf jeden Fall übrig 
und fein ganzes Auftreten verrieth, 
daß er fich darin gefiel, nody immer 
den Studenten herauszufehren, obwohl 
er Schon mehrere Jahre die Univerfität 
hinter ſich hatte. 

Schmidt Hatte freilih ein paar 
Semefter länger als üblich die alma 
mater befucht und e8 war fein Wunder, 


21* 


324 


daß ihm der alte Burſche tief im 
Fleiſche ſaß; er Hatte anfangs, aus 
Liebe zur Mutter, Theologe werden 
wollen, als dieje aber plötzlich ftach, 
raſch noch einmal umgefattelt und Jura | 
ftubirt, und jegt war er wirklich ſchon 
als Referendar bei einem vorzüglichen 
Rechtsanwalt der Nefidenz beichäftigt. 


Leopold von Ferber dagegen hatte 
eine bejtimmte Fachwiſſenſchaft nicht 
ergriffen; er hatte eine Menge Collegien 
gehört, aber von Jugend auf hatte 
e3 ihn mit ummwiberftehliher Gewalt 
zur Poeſie gezogen; ſchon auf der 
Univerfität entftanden eine Menge 
Dramen, die freilih alle unaufgeführt 
blieben, doch einige feiner Lehrer in: 
terejfirten fich für das junge, vielver: 
ſprechende Talent und nach Abjolvirung 
feiner Studien beichloß Leopold, ſich 
ganz der Schriftjtellerei zu widmen. 

Ein fleines Vermögen ficherte ihn 
wenigftend® für den Anfang gegen 
die drückenden Nahrungsjorgen. 


Obwohl der junge Dichter nun 
ſchon feit drei Kahren an allem Mög: 
lichen feine Kraft verjucht hatte, waren 
al’ jeine Bejtrebungen bisher vom 
Glück wenig begünftigt worden. Hier 
und da hatten wohl die Journale ein 
eines tief empfundenes Gedicht oder 
irgend eine Abhandlung gebracht; aber 
feine größern Arbeiten kehrten mit 
rührender Treue zu ihm zurüd. 

Niemand mochte den Verſuch 
wagen, gerade jolde Saden von 
einem ganz namenlofen Autor zu 
bringen. Xeopold von Ferber und Gott: 
fried Schmidt waren jchon auf der 
Univerfität befreundet gemwejen und 
diejes Berhältniß war mit den Jahren 
no berzlicher geworden. Es verging 
wohl fein Tag, wo nicht die herkuliſche 
Geftalt Gottfried's bei dem Freunde 
erihien und wäre e8 nur gemelen, 
um ihm einen guten Morgen zu jagen. 

Trotz der großen Verſchiedenheit 
ihrer Charaktere, ihrer Anfichten und 
ihres Temperaments, fühlten ſich doch 
Deide von einander angezogen ; ber 


junge Dichter empfand die derbe Na- 
türlichfeit, Friſche und Geſundheit 
Gottfried’S wie eine Ergänzung feines 
Weſens, und diejer hatte doch den in: 
ftinctartigen Drang, durch den An 
Ihluß an ben ibealiftiichen Freund fich 
vor der Gefahr zu Shügen, im rohejten 
Materialismus völlig zu  verfinfen. 
Jetzt erichien Leopold aus feinem 
Schlafzimmerchen und während er noch 
jeine Handſchuhe anzog, ſagte er eifrig: 
„Wir können jegt gehen, ich bin bereit.“ 
Schmidt dehnte fih noch behag— 
liher auf dem Sopha. 
„Laſſ' mich erft meine Cigarre zu 
Ende rauchen, es hat nicht ſolche Eile.“ 
„Aber warum brängteft Du mid 
jo?” fragte Leopold verwundert. 


„Ih wollte Dih nur aus Deiner 
Träumerei aufrütteln”, war die Ant: 
wort de3 Neferendard, er ftrich jetzt 
bedächtig die Aſche von feiner Gigarre 
ab, und das Aichenhäuflein aufmerkſam 
betrachtend, als ſei es der jorgfältigften 
Studien würdig, fuhr er langſam 
fort: „Ja, was wollte ich Dir denn 
ſagen? Richtig, da fällt mir's ein. 
Die Humoreske, die ich in einer müßigen 
Stunde flüchtig hingeworfen und die 
Du als roh und realiſtiſch hart ver— 
urtheilt, hat der Redacteur der „Dor— 
nen“ mit Entzücken angenommen, ſo— 
fort abgedruckt und mich zu der Ein— 
ſendung neuer Arbeiten dringend auf— 
gefordert. Ich ſehe auch wirklich nicht 
ein, warum ich mich nicht ebenfalls 
der Literatur in die Arme werfen 
jollte.* Schmidt hatte in einer fo 
nadhläffigen Weile geſprochen, als 
handle es fih um die gleichgiltigften 
Dinge von der Welt, und er blidte 
halb fragend, halb herausfordernd zu 
dem Freunde auf. Diejer ließ ſich davon 
nicht täuſchen; er kannte Schon bie 
Manier Gottfried's, der fih gern das 
Anjehen gab, als jtehe er über dem 
Allen. 

„Ich warne Dich ernftli davor”, 
rief Leopold ungewöhnlich Tebhaft. 
„galt Du nit an den bittern Er: 


325 


fahrungen genug, die ich mache? Gibt 
e3 wohl einen härtern Kampf als den 
de3 jungen Schriftjteller®, und wer 
bürgt dafür, daß al’ jein heißes 
Ringen und Streben endlich noch zu 
einem befriebigenden Ziele führt ?” 
Der junge Mann hatte mit großer 
Wärme geiprohen und jeine Augen 
nahmen einen jchwermüthigen Aus: 
drud an. Er mußte an jein eigenes 
Schidjal venfen, das noch jo wenig 
entichieden war. Mit welchen Hoffnun- 
gen hatte er dieſe Laufbahn betreten 
und wie war ihm jeitdem jchon oft 
der Muth entjunfen! 

„Du redeft mir jo entjchieden ab; 
wenn ich eine mißtrauifhe Natur 
wäre, müßte ih glauben, daß Du 
mich einmal zu fürchten hätteft”, er: 
widerte Gottfried mit furzem Auf: 
laden. 

Leopold machte eine abmwehrende 
Bewegung; er nahm die Bemerkung 
nicht ſcherzhaft auf und entgegnete 
baftig: „ES geichieht wirklich aus 
reinſter Freundichaft, wenn ich dringend 
abrathe, nicht den Weg zu betreten, 
welcher Dir feine Roſen bieten kann,“ 
und mit jener herzlichen Offenheit, die 
er feinen Freunden ftet3 bewies, fuhr 
er fort, indem er die Hand auf die 
Schultern des Neferendars legte: „Du 
bift ein prächtiger Menjch, ein wackrer 
Freund, ein Elarer, praftiiher Kopf; 
aber wa man von einem Poeten for: 
dert, das haft Du nicht und jo viel 
Selbitfenntniß traue ih Dir zu, um 
dies ebenfall3 zu wifjen.” 

„Bolllommen, und trog alledem 
werde ich es verfuchen” — mar Gott: 
fried’8 ruhige Antwort. 

„Ab, Du willſt Dich unglücklich 
machen?“ 

„Laſſ' mich nur ausreden,“ ent— 
gegnete der Referendar, und behag— 
lich den Rauch ſeiner Cigarre vor 
ſich hinblaſend, fuhr er fort: „Ein 
praktiſcher Kopf, wie Du mich eben 
zu nennen beliebteſt, läuft nicht ſo 
leicht in ſein Unglück. Wir ſind jetzt 
in der Literatur bei der Kleinmalerei 


angelangt. Nun, ich habe mich nicht 
umſonſt in der Welt umhergetrieben, 
ich werde ſie ſchildern, wie ſie iſt, die 
Leſer werden entzückt davon ſein, die 
Redactionen ſich um meine Erzählungen 
reißen, ich werde herzhaft darauf los— 
fchreiben und in wenigen Jahren habe 
ih mein Schäfchen im Trocknen.“ 

„Ah, laſſ' die alten Scherze! 
Mir ift heute durchaus nit ſpaßhaft 
zu Muthe.” 

„Wer jagt denn, daß ih Spaß 
treiben will?“ entgegnete Schmibt, 
und jein breites, volles Geficht verän— 
derte fich nicht im Minbdeften. „Bei 
meinem üppigen Vollbart, es ift mein 
beiliger Ernft” — und er ftrich mit 
der Hand über das helle Buſchwerk, 
auf das er nicht wenig ſtolz mar. 
„Wie ich nun einmal Oben angefchrieben 
jtehe,” fuhr er langſam und bedächtig 
fort, „habe ich jobald auf eine etat3- 
mäßige Nichterjtelle nicht zu hoffen. 
Hier dagegen winkt mir ein hübjcher, 
angenehmer Erwerb. Huſſah, ich werbe 
Erzählungen fchreiben, welche man ver: 
ſchlingen fol. Dorfgeſchichten, Erimi- 
nalnovellen, Humoresken, — alles 
derb, gejund, der Wirklichkeit abge 
lauft. — Die Kritif, die anfangs 
mit offenem Munde meine Sachen an: 
gaffen und nicht willen wird, was fie 
dazu fagen fol, muß endlih Rad 
ſchlagen vor Entzüden, denn bier wie 
überall entfcheidet nur der Erfolg.” — 

Leopold jchüttelte den Kopf; er 
wußte noch immer nicht, ob er bie 
wunderlihen Reden Schmibt’3 für 
Ernft oder für Scherz nehmen follte, 
denn der Humor des Freundes gefiel 
fih darin, mit der nüchternften Miene 
von der Welt allerhand tolles Zeug 
auszuframen und e3 ftet3 unentſchieden 
zu laffen, wie er eigentlich) eine Sache 
gemeint habe. 

„Sieb mich immer verwundert 
an,“ rief Gottfried lachend: „Ich 
werde Dir doch beweijen, wie e8 ein 
praftiiher Kopf anfängt, um ohne 
alle Poeſie fih in der Literatur eine 
Stellung zu erwerben. Jetzt aber lafj’ 


326 


uns aufbreden und made nicht ein 
ſolch' bedenkliches Gefiht, ich bin 
heute noch ganz nüchtern und deshalb 
gar nicht zum Spaß aufgelegt.” — 

„Run, um jo jhlimmer, wenn Du 
im Ernft Dich ſolchen Illuſionen hin: 
geben follteft,“ entgegnete Leopold und 
jein Gefiht nahm einen bedenflichen 
Ausdrud an. 

Schmidt lachte noch Fräftiger: 
„Made Dir um mein Schidjal feine 
Sorgen. Es ift mein fefter Entichluß, 
ih gehe unter die Schriftfteller und 
weiß genau, was ich dort erwerben 
fann: — viel Gelb und viel Ehre. 
— Du folft noch Wunbderdinge an 
mir erleben.“ 

Sein Freund wußte jekt genug; 
er fannte jchon den harten Kopf Gott: 
fried's, der niemals vox einer Sache 
abließ, die er einmal erfaßt hatte, 
und daß ihn jeder Widerfpruch noch 
bartnädiger machte; es war deshalb 
ale Mühe vergebens, dem tollen 
Menſchen Vernunft zu prebigen, troß- 
dem mochte er ihn nicht in feiner 
fühnen Zufunftsträumerei beftärfen, 
und er fagte deshalb ohne jeden Rück— 
halt: „ch fürchte, daß Du weder das 
Eine noch das Andere finden wirft.” 

Gottfried zudte mitleidig bie 
Achſeln. Er war feines Erfolges viel 
zu gewiß und er erwiberte etwas ge: 
reizt: „Komm' nur enblih, beim 
zweiten Glaje wird Dir die Gefchichte 
ſchon in ganz anderer Beleuchtung er- 
ſcheinen,“ und er zog ben Freund mit 
ſich fort. 

Die Mittwochgeſellſchaft, welche 
jet die Beiden auffuchten, beſtand 
aus einem Fleinen Kreife von jungen 
Shhriftftellern und Künftlern, ber fich 
almwöchentlih an diefem Tage regel- 
mäßig verfammelte, um durd einen 
lebhaften Austausch ihrer Anfichten, 
Hoffnungen und Träume fich gegen: 
jeitig anzuregen unb weiter zu ent: 
wideln. 

Faft al’ die hier Verſammelten 
hatten fein anderes Vermögen unter 
der Some, als ihren Lebensmuth, 


diefe unverfiegbare Kraft der Jugend, 
und ihre Hoffnungen dieſe Million der 
Armen. AS die Freunde erjchienen, 
war die kleine Geſellſchaft beinahe 
volftändig verfammelt unb die leb— 
baftefte Unterhaltung hatte bereits 
begonnen. 

Wie viel Träume von künftigem 
Glück und Ruhm gaufelten an diejen 
jugendlichen Herzen vorüber, die, im 
Beſitz ihrer zwanzig Jahre, alle Ent: 
behrungen und Täuſchungen nicht 
völlig entmuthigen konnten. — Ad, 
wie fie laden und jauchzen die jungen 
Talente, die jo zuverfichtlih an ihren 
guten Stern und ihre Zukunft glauben! 
— Dort der blaſſe, hagere Menſch 
mit bem langen Haar und ben funfeln: 
den Augen hat feine anderen Gebanten, 
als einmal Cornelius und Kaulbad) 
zu verbunfeln; er fpricht Dies mit 
jugendlicher Kedheit offen aus — unb 
wie würde fein ehrgeiziges Herz zu: 
fammenzuden, wenn er einen Blid in 
die Zukunft thun, und ſich nach zehn 
Yahren als armer Photograph ſehen 
fönnte, ber froh ift, wenn ſich ein paar 
Kunden in fein Atelier verirren. Wer 
ihm dies Schidjal prophezeihen wollte! 
Der junge Künftler würde laut auf: 
laden und dieſe Zufunftsmalerei als 
Wahnfinn bezeichnen — und doch wird 
nah zehn Jahren jeine ftolze Seele 
längft den fühnen Flug verlernt haben, 
der junge Aar flügelgebrochen, philifter- 
haft ftill und dumpf brütend, in feinem 
Käfig boden. 

Jener junge Journaliſt mit dem 
blonden, koketten Bärtchen und ber 
iharfen Stimme träumt von großen 
Staatsumwälzungen, bei denen er eine 
hervorragende Rolle jpielen muß, — 
vielleicht winkt ihm der Präfidenten- 
ſtuhl — und in zehn Jahren figt der 
feurige Republifaner im Nedactions: 
bureau eines Negierungs:Drgans und 
wendet jeßt allen Wit daran, um 
die Ideen zu befämpfen, für bie er 
einft geſchwärmt. 

‘a, wer all’ den hier Verfammelten 
die Zufunft deuten könnte; wie viel 


327 


bittere Täufchungen, wie viel Ummege 
wären ihnen erjpart, aber auh um 
wie viel beglüdende Illuſionen wären 
fie ärmer ... 


Zu den Uebermüthigften und Lu— 
ftigften gehörte ein fleiner blondhaariger 
Menih: er Hatte ein gemöhnliches 
Geficht ; nicht3 verrieth die Bedeutung 
ſeines Innern, und doch beſaß er, 
wie al’ feine Freunde anerkannten, 
ein bervor.agendes Talent. Der Heine 
MWildbah hatte die größten Anlagen 
zum Satyrifer, die aber durch ange: 
borene Gutmüthigfeit gemildert wurden. 
Er war ber heiterfte Gejellichafter, 
deſſen unverfiegbare gute Laune nicht 
wenig dazu beitrug, daß fich die er: 
bigten jugendlichen Geifter, die oft 
hart an einander prallten, immer wieder 
verföhnten. 

„Es ift Zeit, daß Ihr kommt,“ 
rief Wildbad) fogleich den eintretenden 
Freunden zu. „Bon heut ab beginnt 
für uns eine neue Nera und Ihr 
follt fie mit genießen.“ 

„Ab, verſchone und mit dieſen 
„arariihen Hoffnungen”, witzelte der 
Sournalift, „die in einem echten Demo: 
fratenherzen nie wieder Wurzel jchlagen 
fönnen.” 

An Dich, politifcher Schwarzfärber, 
babe ich dabei auch gar nicht gedacht,“ 
entgegnete Wildbach, „nur für uns 
Söhne des Apoll minft ein neues 
Daſein.“ 

Man fragte lebhaft durcheinander. 
— Iſt ein Karl Auguſt geboren wor: 
ben, ein neuer Cosmo de Medici in 
ber Hauptftabt eingetroffen? Scherze 
und übermüthiges Gelächter folgten von 
allen Seiten. 

„Nichts da, laßt mid nur zu 
Morte fommen!” rief der Kleine, und 
jeine Stimme gewaltig anftrengend, 
fegte er im feierlichen Tone Hinzu: 
„Ein Buchhändler wird fi heute 
Abend bei uns einfinden.” 

Ein allgemeines „Ah“ des Er- 
ftaunend war die Antwort; nur ein 
junger Lyriker jchrie ganz erbittert: 


„Ich will von diefen Ungeheuern nichts 
willen ; fie find unfere Todfeinde.“ 

„Weil fie durch trübe Erfahrungen 
gewigigt, von Deinen unfterblichen Ge: 
dichten, dunkler Ahnungen voll, ſich 
entichloffen abwenden?” fragte Wild— 
bach jpottend. 

„Diefe Buchhändler find die ge: 
tährlichften Mitglieder der menſch— 
lihen Gejelichaft; fie verlegen alles 
Schlechte, Unbebeutende, während fie 
der wahren Poeſie rückſichtslos den 
Meg verlegen,” erklärte der Lyriker. 

„Isa, al’ diefe Barbaren haben 
Dein legtes großes Epos ſehr gewiſſen⸗ 
haft zurüdgejhicdt, weil fie aus Er- 
fahrung wiſſen, daß von jolchen 
Saden nicht zehn Eremplare abgelegt 
werden. Ich würde einen Buchhändler 
bemitleiden, der fih noch von ben 
Gedichten eine8 jungen Poeten ein 
Geſchäft verſpricht,“ mifchte ſich Gott: 
fried mit ſeiner nüchternen Lebensan— 
ſchauung in die Debatte. 

Während ſeiner Rede war geräuſch— 
los ein junger Mann eingetreten; er 
mußte die letzten Worte Schmidt's 
noch gehört haben, denn ſein kluges, 
intelligentes Geſicht überflog ein bei— 
fälliges Lächeln und er betrachtete mit 
Aufmerkſamkeit den Sprecher. Jetzt 
hatte auch Wildbach den Ankömm— 
ling bemerkt: „Ach, meine Freunde, 
hier kann ich Euch unſern beſten Ver— 
bündeten vorſtellen, Herrn Verlags— 
buchhändler Burchardt; er will den 
nicht verachtenswerthen Muth haben, 
ein Häuflein junger Talente um ſeine 
Fahne zu ſchaaren.“ 

Man begrüßte den Verlagsbuch— 
händler mit großer Zuvorkommen⸗— 
heit; manchem angehenden Schriftfteller 
pochte unruhiger das Herz, denn von 
diefem Manne konnte leicht das Schid- 
jal feines ganzen Lebens abhängen 
und da Herr Burchardt das Liebens- 
würdigfte Benehmen entfaltete, befand 
fi die Heine Geſellſchaft bald in der 
behaglichſten Stimmung. 

Mie wurden erft die jugendlichen 
Geifter entzündet, al3 der Buchhändler 


328 


die vertrauliche Mittheilung machte, 
daß er ein neues belletriftiiches Your: 
nal gründen und den Rath der An- 
wejenben über Form und Inhalt des 
Blattes hören wolle. 

Nun Schwirrten die Anfichten bunt 
und wirt durcheinander. Jeder hatte 
feine bejondere dee, von der er ſich 
den glänzendſten Erfolg veriprad). 

Der Buchhändler hörte aufmerkfjam 
zu, wie Jemand, welcher fi) eifrig 
bemüht, aus einer Menge Spreu einige 
Körnchen Wahrheit zu entdeden. 

Nur Leopold und Gottfried hatten 
fich jtill verhalten, freilih aus ganz 
verschiedenen Gründen. Der Eine, weil 
ihm das Geſchäftliche diejer Angele: 
genheit fein Intereſſe einflößen konnte, 
der Andere, weil er die ausgeframten 
fühnen Ideen lächerlich fand. 

„Ihr habt ja gar noch nicht3 ge: 
jagt,” wandte fi endlich Wildbach 
an die beiden Freunde: „Lieber Leopold, 
warum willſt Du nicht auch Deine 
Meinung zum Beiten geben?“ 

Noch ehe diejer eine Antwort er: 
theilen fonnte, fuhr Gottfried mit 
feiner kräftigen Stimme dazwijchen : 
„Laſſen Sie fi, lieber Herr Burchardt, 
von diefen fühnen Träumereien nichts 
einreben. Veredelung des Ge: 
Ihmades, forgfältige Kritik-Lectüre 
für die Gebildetend— damit find meine 
Freunde rajch bei der Hand und das 
Hingt Alles recht Schön, aber wir 
haben derlei Journale im Weberfluß 
und bier ift nirgend eine Lücke vor: 
handen, aber was wir brauchen, ijt 
ein Blatt für die unterften Schichten 
des Volfes — derbe, gejunde Koit, 
dabeiäußerft billig — ich verficherefhnen, 
ein ſolches Unternehmen, geihidt an: 
gefaßt, hat noch eine große Zukunft.“ 

Die Aeußerung Schmidt's medte | 
bei den jungen Idealiſten den leb— 





bafteften Widerſpruch, doch Gottfried 
war nicht der Mann, der fich jo leicht 
einschüchtern Tieß. Se heftiger. man 
ihn befämpfte, je rüdjichtslofer jchlug | 
er jeine Gegner aus dem Feld und 
mit der ihm eigenen Verſtandes ichärfe | 


verfocht er feine Anficht. Jedes feiner 
Worte befundete den nüchternen, praf: 
tiſchen Menſchen, der jorgfältig allen 
Träumereien und Selbfttäufhungen 
aus dem Wege ging. Ye länger ber 
Neferendar ſprach, je beifälliger hörte 
der junge Buchhändler jeinen Ausein- 
anberjegungen zu und als die erhigten 
Köpfe ein wenig ruhiger geworden 
waren, löfte er endlich jein Fluges 
Schweigen und Gottfried die Hand 
hinreichend, jagte er mit freundlichem 
Lächeln: „Sch theile volllommen Ihre 
Anfichten, Herr Schmidt, und werbe 
fie mir bei Gründung meines Blattes 
zur Richtſchnur dienen laſſen.“ 

„Das freut mich,“ entgegnete Gott: 
fried gejchmeichelt und blidte trium— 
phirend auf feine Freunde. 

„Und damit Sie jehen, daß es 
mir damit Ernſt ift,“ fuhr Herr 
Burchardt ruhig fort: würde ich jehr 
glücklich fein, wenn Sie die Redaction 
meined® neuen Blatte® übernehmen 
wollten.“ 

Der Vorſchlag fam den Anweſen— 
den jo unerwartet, daß fie in ein un— 
auslöjchliche8 Gelächter ausbradhen. 
Freund Schmidt, Nebacteur eines belle: 
triſtiſchen Blattes — der Gedanke 
ſchien den jungen Dichtern und Künft- 
lern zu komiſch — ihre Heiterkeit 
wollte fein Ende nehmen. Selbft über 
das ernfte Antlit Leopold’ glitt ein 
Lächeln. Er adtete wohl den 
Charakter jeines Freundes; aber von 
jeinen Geiftesgaben hatte er feine jo 


‚hohe Meinung und am wenigſten hielt 


er den miüchternen, bausbadenen Ge— 
jellen für fähig, einem ſolchen Unter: 
nehmen vorzuftehen. 

Das Anerbieten des Buchhändlers 
fam zwar Schmidt ein wenig über: 
rafchend, aber er faßte ſich fchnell. 
Sein ſtark ausgeprägtes Selbſtbewußt— 
jein fühlte fich den jchwierigften Auf: 
gaben gewachſen, und da jeiner Derb: 
heit jede Empfindlichkeit fremd mar, 
nalım er nicht einmal das höhniſche 
ı Gelächter der Freunde für eine Belei- 
digung auf, ja er hielt es nicht ber 


329 


Mühe werth, diefe unpaffende Heiter: 
feit gehörig abzutrumpfen. 

„Wenn wir ung über das Re: 
dactionshonorar einigen fünnen, dann 
nehme ich jofort Ihr Anerbieten an 
und ich hoffe, das neue Journal bald 
zu dem gelejenften Blatte zu machen.“ 
Trotz jeiner gewaltigen Stimme hatte 
Gottfried alle Mühe, das Gelächter 
zu durchdringen, das noch immer nicht 
enden mollte. 

„Er ift fühn, dieſer literariſche 
Bayard,“ rief der junge Sournalift, 
und Wildbach ſetzte ſpottend Hinzu: 
„Unſer Freund beſitzt nun einmal jene 
Verwegenheit, die vor keinem litera— 
riſchen Verbrechen zurückſcheut,“ und 
das Lachen begann von Neuem. 

Weder Schmidt noch der Buch— 
händler ließen ſich von dem kecken, 
übermüthigen Benehmen der Anderen 
irre machen, ſie zogen ſich in eine Ecke 
des Gemaches zurück, und während 
die kleine Geſellſchaft noch immer über 
den drolligen Einfall witzelte und das 
Ganze für einen Scherz hielt, brachten 
die Beiden ihre Angelegenheit raſch 
in's Reine. 

Der junge Buchhändler hatte mit 
ſcharfem Blick erkannt, daß er gerade 
an Schmidt den rechten Redacteur für 
fein neues Unternehmen gefunden. Al’ 
jeine Anfichten waren verftändig, hat: 
ten Hand und Fuß und erhielten Bur: 
chardt's vollen Beifall. Auch über das 
Honorar einigte man fich jchnell, da 
Gottfried für den Anfang feine über: 
triebene Forderung ftellte. 

Nach wenigen leifen, geflüfterten 
Morten waren fie einig und Schmidt 
trat jogleih mit einem triumphirenden 
Lächeln an den Tiſch zurüd und rief 
mit einerStentorftimme: „Meine Freun: 
de, die Sache iſt abgemacht. Ihr jeht 
den wohlbeſtallten Redacteur des neuen 
Journales vor Euch.“ 

Einige lachten wieder hell auf und 
fanden die Geſchichte doch zu beluſtigend; 
Andere zeigten ſich plötzlich ernſt. Die 
Sache mußte ihre Richtigkeit haben, 
das zeigte ſchon das Benehmen des 


jungen Buchhändler, und mun Fam 
Manchen doch der Gedanke, daß fie 
für die Nebaction weit bejjer gepaßt 
hätten als diejfer rohe Burſche. Re: 
ferendar Schmidt, Nebacteur eines 
Blattes, das ging über allen Spaß! — 

„Ich hoffe, daß Ihr mich Alle 
mit Euren Talenten unterftügen werdet 
— id will mit allen Traditionen 
brechen und mich wenig um bie gefeier- 
ten Namen kümmern; wer mir eine 
gute Novelle einſchickt, der joll mir 
willfommen fein, gleichviel, ob er Hinz 
oder Kunz heißt.“ 

„Bravo, der neue Nedacteur fol 
(eben! Seine Anfichten find vielver: 
ipredhend für uns Namenloje!” rief 
MWildbah und erhob fein Glas, Halb 
war es Spott, halb Ernft — Schmidt 
nahm ‚es für das Lebtere, ergriff jein 
Glas und ftieß mit feinem zukünftigen 
Mitarbeiter fräftig an. 

Das Beilpiel fand Nahahmung. 
Mit der Beweglichkeit der Ingend 
fügte man fi raſch in die veränder: 
ten Umftände. Dem Referendar war 
einmal duch blindes Glück die Nedac- 
tion zugefallen und es wäre Thorheit 
gewejen, ihn länger vor den Kopf zu 
ftoßen. Er war plößlich eine einfluß- 
reiche Perjönlichfeit geworden, deren 
Gunſt man nicht verjcherzen durfte. 
Jeder von den jungen auf: 
ftrebenden Schriftftellern dachte ſchon 
an die im Pult liegenden Novellen 
und Gedichte, die endlich durch Schmidt 
die Bewunderung und da Entzüden 
der Melt erregen jollten, denn es 
war felbitverftändlih, daß ihr alter 
Freund dieſe Sachen zuerft in feinem 
Blatte bringen mußte. 

Mährend der Neferendar Schmidt 
in dieſer Gejelichaft von Schöngeiftern 
und jungen Poeten bisher nur gebul- 
bet wurde und Mander an feiner 
projaifhen Denkweiſe den härteften 
Anftoß nahm, war er ganz unerwartet 
der Mittelpunkt des Eleinen Kreiſes ge: 
worden. Mit der ihm eigenen Kedheit 
maßte er fich raſch eine größere Herr: 
ſchaft an; er hatte ſogleich das volle 


330 


Bewußtſein feiner veränderten Stellung 
und ließ e8 auch ſofort den Freunden 
fühlen. 

Wenn man jet von allen Seiten 
auf ihn einredete, ihm verſprach, aus 
reiner Freundſchaft bie befte Novelle, ben 
glänzendften Artifel ihm zu überlaffen, 
fagte er nur troden: „Schidt e8 mir 
ein, Kinder, ich werde Alles gewiſſen— 
baft prüfen.” 

Während die jungen Apolloföhne 
das neue Unternehmen beſprachen und 
Jeder feine perſönlichen Hoffnungen 
darauf fegte, verhandelte Gottfried 
mit dem Buchhändler das Geſchäftliche 
weiter; man einigte fich über Format, 
Preis, alle Neußerlichkeiten, und Herr 
Burchardt gewahrte immer mehr, daß 
er an Schmidt den rechten Mann ge: 
funden, denn berjelbe entwicelte für 
al’ diefe Dinge eine Umfiht und Ge: 
wanbtheit, die ihm bie beſte Bürg- 
Ihaft für das Gelingen feines Inter: 
nehmens war. Er nahm deshalb auch 
‚feinen Anftoß daran, daß Schmidt 
den baldigen Abſchluß eines Gontrac- 
te3 forderte und ficherte ihm benjelben 
bereitwilligft ſchon für den folgenden 


g zu. 
Gottfried hätte am Tliebften bie 
Sade auf der Stelle jchriftlich abge- 


als der junge Journaliſt fcherzenb 
ausrief: „Der neue Redacteur müſſe 
jeine Mitarbeiter jogleih mit Cham: 
pagner bewirthen,“ und bie Meiften 
diefem genialen Vorſchlage zujubelten, 
ließ er fih durdaus nicht verblüffen 
und entgegnete rüdhaltslos mit lauten 
Aufladen: „Fällt mir gar nicht ein. 
Ihr habt jegt alle Urfache, mich warm 
zu halten, nicht aber ih Euch.“ 

Gottfried war durchaus fein Knaufer, 
in Iuftiger Gejellihaft Tieß er gern 
etwas b’raufgehen; es wiberftrebte 
jedoch feiner felbftfüchtigen Natur, 
Andere freizubalten, und mie er 
auch gern ben alten Burſchen heraus: 
fehrte, in diefem Punfte entwidelte er 
ftet3 eine zähe Schlauheit, die ſich 
hütete, für gute Freunde die Zeche 
zu bezahlen. 

„Dann wollen wir den neuen Re— 
dacteur bewirthen, um ihn bei guter 
Laune zu erhalten“, rief Wildbad) 
übermüthig und beftellte Champagner. 

„Du wirft Dich zu Grunde richten”, 
warnte ein Freund, 

„Bah, ob ih ein paar Thaler 
mehr Schulden habe, joll mir morgen 
feine Kopfichmerzen machen. Ich liebe 
das Heute,” war bie Antwort, und 
mit dem Leichtfinn ber Jugend ſtimm— 


macht ; aber er mochte fein allzugroßes ten Andere dem Gollegen zu. 


Mißtrauen zeigen, um jo weniger, als 


Die Heine Geſellſchaft wurde immer 


ber junge Buchhändler der Inhaber | heiterer, die Lebensplane eines Jeden 


einer alten, im beften Rufe ftehenben 
Firma war. Deshalb wußte er, daß 
er fein unermwartete® Glück in feften 
Händen hielt, und zugleih war er 
von fich felbft überzeugt, daß er 
e3 nicht mehr loslaſſen würde. Als 
fih daher der junge Buchhändler bald 
daraufempfahl, thaute Schmidt vollends 
auf. Er hatte fich bisher bei feinen 
Freunden immer etwas zuſammenge— 
nommen und jeinem „eigenartigen” 
Humor nicht die Zügel hießen laſſen, 
nun fehrte er mit ficherem Behagen 
die wahre Seite jeined Weſens heraus. 
Die überſchwänglichen Glückwünſche, 
die noch einmal auf ihn einſtürmten, 
nahm er äußerſt gleichgiltig hin, und 


wurden immer kühner — und unbe— 
kümmert, ob man in dem allgemeinen 
Wirrwarr Beachtung fand, ließ man 
die Hoffnungs-Raketen luſtig ſteigen. 
Wie rauſchten ſie glänzend durch die 
Luft, um dann vielleicht in ewige 
Nacht zu ſinken ... 

Je mehr die Anderen ſprachen, 
deſto ſtiller war Leopold geworden. Die 
Träumerei der Andern brachte ihn 
plötzlich zum Bewußtſein, daß er an 
demſelben Fehler litt. Welch' über— 
ſchwellende Hoffnungen, welch' kecker 
Uebermuth, der das Höchſte zu leiſten 
meint, weil er noch nicht die eigene 
Kraft völlig erprobt. — Litt er nicht 
an derſelben Unreife, die ſich unerreich— 


331 


bare Ideale Schafft und der Melt feind: 
li gegenüberftellt, weil fie ihr eigenes 
Können weit überſchätzt? — Wenn 
bie geachtetiten Blätter ihm und feinen 
Freunden bisher den Raum in ihren 
Spalten verweigert hatten, jo mußte 
doch wohl ein anderer Grund vorhanden 
fein. Gemwiß lag es nicht an der uner: 
gründlichen Tiefe ihrer Probuctionen, 
fondern an der mangelnden Welt: und 
Menſchenkenntniß, welche auf himmel: 
blauem Grunde nur romantifche 
Schattenbilder entwarf, anftatt der 
vollen blühenden Wirklichkeit, welche 
man von den Schöpfungen der Gegen: 
wart forbert. 

Schmidt war auf dem Heimmeg 
in befter Laune, er fchob ben Arm 
in den feines Freundes, und faum 
hatten fie das Local verlaffen, da 
tief er lahend: „Die Narren glau- 
ben wirflih, daß ich ihren phan- 
taftiichen Krimskrams aufnehmen und 
damit mein Blatt im erften Biertel- 
jahr zu Grunde richten werde. Außer 
Wildbad und Dir haben bie Anbern 
nicht das mindefte Zeug zum Schrift: 
fteller. Nun, Ihr könnt lange warten.” 

„Du haft es ihnen aber doch ver: 
ſprochen.“ 

„Daß ich ihre Beiträge prüfen 


welch' innere Kämpfe Leopold ſoeben 
durchgemacht. Um ſo behaglicher ent: 
wickelte er noch einmal ſeine Anſichten, 
was man dem Publikum bieten müſſe 
und wie man es anzufangen habe, 
deſſen Beifall zu finden. Aufmerkſam 
hörte ihm der Andere zu und Schmidt 
fühlte ſich davon außerordentlich ge— 
ſchmeichelt. 

Als die Freunde ſich trennten, 
drückte er Leopold ſo heftig die Hand, 
daß ſie dieſen ſchmerzte: „Von heute 
an gehört die Zukunft uns. Wir 
wollen das Eiſen ſchmieden, ſo lange 
es warm iſt,“ und mit einem kräftigen 
„Gute Nacht“ eilte Gottfried ſeiner 
Wohnung zu. 


E3 = * 

Das neue illuftrirte Volksblatt er: 
blickte wirflih das Licht der Welt und 
Gottfried fchrieb gleich für die erfte 
Nummer unter dem buftigen Namen 
„Gottfried Roſen“ eine Criminalge— 
ſchichte, die feine Leſer auf eine fo furcht— 
bare Folter fpannte, daß fie die Fort: 
fegung nicht erwarten konnten. 

Das Glüd der neuen Zeitfchrift 
war damit gemadht. 

Mährend fonft derartige Unter: 
nehmen ftet3 mit großen Schwierig: 


werde”, war Schmibt’3 Antwort; „ich ‚feiten zu fämpfen haben, ftrömten dem 
fann mir jedoch die Mühe fparen, Schmidt'ſchen Blatte zahlreihe Abon- 
denn ich weiß ſchon, daß all’ die Ge- nenten zu; freilich famen fie aus ben 
ſchichten nicht einen Pfifferling werth | unterften Volksſchichten, aber Gottfried 
find.“ hatte mit ſcharfem Blicke gerade nur 
„Dann werde ic mich hüten, Dir für dieſe Kreife Form und Juhalt 
ein Manufcript anzuvertrauen.“ feiner Wochenſchrift eingerichtet und 
„Ah, das ift ganz was Anderes, | der intelligente Verleger war mit ber 
Du bift mein befter Freund! Freilich | Wahl feines Redacteurs außerordent— 
mußt Du Did auch etwas herunter: | lich zufrieden. 
ſchrauben, wenn Du für mein Blatt Wenn auch Gottfried mit derber Rüd— 
geeignete Beiträge liefern willſt.“ ſichtsloſigkeit feines Weges wanderte und 
Es hob Gottfrieb’3 Selbitbewußt: | der fteigende Erfolg feine unbefangene 
jein nicht wenig, als ihm der Freund, | Grobheit noch ftärfer hervortreten ließ, 
anftatt wie jonft lebhaft zu wider- | für die Freundſchaft hatte er ſtets in 
Iprechen, ruhig zuftimmte. „Er beugt | feinem robuften Herzen eine gemifje 
ebenfall3 fih jchon vor dem künftigen | Schwäche gehabt, und beſonders war 
Redacteur” — dachte er jelbitgefällig, |e8 Leopold, an welchem er wirklich in 
denn er hatte feine Ahnung davon, | ehrlicher Gefinnung fefthielt und für 


332 


den er fogar bereit war, fih in Be: 
wegung zu jegen, wenn es galt, ihm 
irgend einen Dienft zu erweiſen. — 

Deshalb blieb Schmibt’3 uner: 
wartete Uebernahme einer Redaction 
auch auf das Schidjal und den Lebens: 
gang feines Freundes nicht ohne Ein: 
fluß. Nah Tebhaften Auseinander: 
jegungen und Erörterungen gelang es 
Leopold, einen realiftiichen Beitrag zu 
liefern, der Gottfried’3 Beifall fand 
und zu deilen Annahme er fich bereit 
erflärte, wenn ihm der Freund kleine 
Kürzungen und Abänderungen geftatten 
wolle. 

Leopold hatte ohnehin nicht, mie 
fonft, die Arbeit mit vollem Herzen 
geichrieben ; fie war ihm deshalb weit 
gleichgiltiger und er willigte gern in 
die Forderungen des neuen Redacteurs; 
aber als er dann ſeinen Beitrag ge— 
druckt ſah, fühlte er ſich doch unan— 
genehm berührt, denn der Freund war 
mit ſeinem kleinen Werke allzu willkür— 
lich umgeſprungen. Er hatte nur ſpär— 
lich einige Gedanken und poetiſche 
Reflexionen eingeſtreut, aber auch dieſe 
waren dem unerbittlichen Rothſtift des 
Redacteurs zum Opfer gefallen. 

Der junge Dichter konnte nicht 
umhin; er mußte ſich bei dem Freunde 
beſchweren. 

Dieſer lachte hell auf, als Leopold 
um ſeine weggeſtrichenen Gedanken 
jammerte, und ihm derb auf die 
Schulter klopfend, ſagte er in beſter 
Laune: „Klag' nicht um Deine tief: 
ſinnigen Betrachtungen; hätte ich ſie 
ſtehen laſſen, dann wäre ich ſicher, daß 
Tauſende meiner Leſer aus Langerweile 
den Gähnkrampf bekommen hätten.“ 

„Du willſt alſo, daß in die Seelen 
dieſer armen Leute nicht ein Lichtſtrahl 
fallen ſoll?“ 

Schmidt zuckte mitleidig die Achſeln: 
„Wie oft ſoll ich Dir's noch ſagen. 
Mein Leſer will, nachdem er Tages— 
laſt und Hitze getragen, unterhalten 
jein; — da muß immer was vor: 
gehen, was ihn tüchtig in Athem hält 
und auf die Fortſetzung gefpannt 


macht; jede, felbft die ſchönſte Reflerion, 
fieht er für ein unmüges Beiwerk an, 
das ihn nur aufhält und das ihm die 
ganze Gejhichte verleidet, wenn es zu 
oft fich hervorzutrauen wagt.“ 

„Und denkſt Du denn nie daran, 
welche Verantwortung Du haft? Daß 
Dir die Schöne Aufgabe geworden, das 
Volk zu erziehen, feinen Geſchmack all- 
mälig zu läutern und ihm den Blid 
für das wahrhaft Gute und Schöne 
zu öffnen?“ 

„Gewiß, theurer Freund“, ver: 
fiherte Schmidt zuverfichtlih: „Laſſ' 
und nur erit die Abonnenten völlig in 
dem Sad haben, dann wollen wir an 
das Erziehungswerf gehen,” und der 
junge Redacteur nahm eine jehr ftolze 
Haltung an. 

Die Aufnahme der Novelle, die Leo: 
pold unter dem Autornamen „Leonhard 
Fernthal“ veröffentlicht, hatte wenig: 
ſtens das Gute, daß auch andere 
Blätter auf den jungen Schriftiteller 
aufmerffam wurden; er befam von 
mehreren Seiten Aufforberungen zu 
der Mitarbeiterfchaft, und nach Ber: 
lauf von zwei Jahren war fein literari= 
ſcher Nuf ſoweit gegründet, daß feine 
Beiträge auh in den beften Zeit: 
ſchriften Aufnahme fanden. Was zu 
der Seltenheit gehört, auch ihr beider: 
jeiter Erfolg trennte die Freunde nicht. 

Schmidt war viel zu jehr von fich 
eingenommen, um auf ben jungen 
Ruhm Leopold’S eiferfüchtig zu fein. 
Wurden die Novellen des Dichters 
„Fernthal“ auch von einigen Bad: 
fiſchen und geiftreichen Frauen gern 
gelejen, was wollte das gegen jeine 
eigene literarifche Thätigfeit viel be: 
deuten? — hm Elatichte das ganze 
Volk ſtürmiſchen Beifall zu, und wenn 
er in ein öffentliches Local trat, mar 
er ficher, daß ihm eine ſchwielige Hand 
dankbar die Hand drückte für die köſt— 
liche Gejchichte, mit der er feine Lefer 
jüngft beglüdt. — 

Gottfried war auh der Mann 
dazu, dieſe Popularität mit vollem 
Behagen zu genießen; es verging fein 


333 


Tag, wo er nicht feinem Freunde ein 
ſolch' kleines Begegniß erzählte, das 
feine wachſende Berühmtheit in’s 
glänzendfte Licht ſetzte. Was wollte 
da die Wirkſamkeit Leopold's viel be: 
deuten? — Und hatte diefer nicht all’ 
feine Erfolge ihm allein zu verdanken? 


Wenn irgendwo der Dichter Fern: 
thal genannt wurde, fonnte Gottfried 
nie umbin, laut zu verkünden, daß er 
allein dieſem Schriftjteller den Weg 
gebahnt habe, und daß er ohne ihn 
zu Grunde gegangen wäre. 


Obwohl Leopold dem Geichmade 
des großen Haufen nicht mehr, wie 
im Anfange, dieſelben Goncejfionen 
machte und fih Form und Inhalt 
des Schmidt’schen Blattes nicht im 
Mindeſtens geändert hatte, nahm Gott: 
fried dennoch bereitwillig von dem 
Freunde Beiträge auf; ja, er ver: 
zichtete dabei jogar auf fräftige Hand: 
habung feines Rothſtiftes. 

„Da ſiehſt Du meine Freundſchaft,“ 
rühmte er ſich ſelbſt; trotzdem war 
dies bei dem ſchlauen Praktikus nicht 
der einzige und letzte Grund. Zur 
Abwechſelung für ſeine Leſer konnte 
eine ſolch' ſtille Geſchichte auch nichts 
ſchaden und es ſchärfte nur den Appe— 
tit für die kräftigeren Speiſen, die 
ſeine übrigen Mitarbeiter und vor 
allen Dingen er ſelbſt dem Publikum 
zu bereiten mußten. 


Schmidt Hatte damals Recht ge: 


habt. Bon ben Freunden, die mit‘ 


jugendlicher Schwärmerei den QTempel 


der Kunft umlagert, war ed nur noch 


Einem gelungen, die Pforten zu 
Iprengen und fi den Eingang zu er: 
fämpfen — dem Heinen Wildbach, 
und mit ihm blieb Leopold im leb- 
bafteften Verkehr. 

Während Gottfried die Schrift: 
ftellerei immer handwerf3mäßiger auf: 
faßte und nur darauf bedacht war, 
fih mit feiner Feder jo viel Geld wie 
möglich zufammenzujchreiben, blieb 


Leopold fand deshalb bei dem Fleinen 
Freunde jo manche Berührungspunfte. 

War Schmidt in ihrer Gejellichaft, 
dann wußte er ftet3 die Unterhaltung 
auf das Niveau des Alltäglichen herab: 
zubrüden, dann wurde vom Geichäfte 
geiprodhen, von Erzählungen, welche 
man bei ihm beftellt, und höchitens 
von dem jtürmijchen Beifall, den ihm 
irgend ein jchlichter Handwerker ge: 
ſpendet; — waren aber bie beiben 
Freunde fich jelbit überlaffen, jo wen: 
deten fie ihre Aufmerkſamkeit Dingen 
zu, die allein ihre Seelen ausfüllten. 

Bei jolden Gelegenheiten mußte 
Leopold ſtets das feine Empfinden, 
das Scharfe Urteil Wildbach's aner- 
fennen; aber noch mehr wurde er 
überrafcht von der Tiefe und Gluth, 
mit ber fein Kleiner Freund feinen 
Lebensberuf erfaßt. Seitdem ſich die 
Beiden näher aneinander ſchloſſen, 
geſtattete Wildbach zuweilen einen Blick 
in ſein Inneres, und zu ſeinem Er— 
ſtaunen gewahrte Leopold, daß in 
ſeiner Bruſt die Flamme einer hohen 
Begeiſterung nicht reiner und heiliger 
lodern konnte, als in der des Freundes, 
während er doch aller Welt gegenüber 
den Satyriker oder den harmloſen 
Lebemann herauskehrte, der es ebenſo 
leicht mit Ausübung ſeiner Kunſt nahm. 

Als ihm einſt Leopold dies Ver— 
ſteckſpiel vorhielt, entgegnete Wildbach 
lächelnd: „Wer ſein innerſtes Empfin— 
den wahrhaft lieb hat, darf es nicht 
der Welt enthüllen. Uebrigens iſt, 
was in mir lebt und glüht, nicht mein 
Wert, — die Flamme hat meine 
Schweiter angezündet, und oft fommt 
e8 mir vor, daß fie nur jo lange 
brennen wird, als dieje fie ſchürt.“ 

„Deine Schwefter?” rief Leopold 
erftaunt, ich habe bisher nicht einmal 
gewußt, daß Du eine Schwefter haft.” 

„Wir hatten immer jo viele Ideen 
auszutaufchen, daß wir noch niemals 
bis zu Solch’ perfönlichen Geihichten 
gefommen find’, entgegnete Wildbad 








Wildbach ebenfalls einer idealen Auf: | — „und doc jollte ich Dir Schon immer 
fajlung feines Lebensberufes treu und | jagen, daß es meiner Schweiter Ver: 


334 


gnügen machen würde, den Dichter 
Fernthal kennen zu lernen“. 


Leopold erröthete. „Das haft Du 
nicht nöthig“, ſpottete ſogleich jein 
kleiner Freund: „Meine Schweſter iſt 
ſchon längſt, was die Welt eine alte 
Jungfer nennt; aber da ich mich ein— 
mal ihres Wunſches erinnert habe, 
wie wäre es, wenn wir ihn erfüllen 
wollten?“ Wildbach ließ ſeine klugen 
Augen auf dem Freude ruhen. 


„Ich bin auf der Stelle bereit“, 
erwiderte Leopold, der mit Mühe ſeine 
Enttäuſchung zu verbergen ſuchte, um 
Wildbach nicht Gelegenheit zu geben, 
feine ſatyriſche Neigung an ihm aus: 
zulaffen. 

Die Freunde machten fih auf den 
Meg. Wie dies in einer großen Stabt 
nicht8 Seltenes if, hatte ſich früher 
ihr Verkehr darauf bejchränft, an 
einem verabredeten Abende im Kaffee 
hauſe zufammenzutreffen, und erjt in 
jüngfter Zeit hatte Wildbach den Freund 
in feiner Wohnung aufgefucht, ohne 
je ihn ebenfalls einzuladen. 

Leopold war deshalb etwas neu: 
gierig, wie fich fein Fleiner Freund, 
der noch feinem feiner Bekannten einen 
Einblick in feine Häuslichkeit geftattet, 
eigentlich eingerichtet habe. 

Der Weg war ziemlich lang und 
führte zu einer Vorftabt, die vorwie— 
gend von Arbeitern bewohnt wird. 

„Ein Anderer würde Ihnen viel- 
leiht jagen, er babe feine Wohnung 
nur beshalb hier gewählt, um feine 
Studien unter diefen Leuten zu machen ; 
— ih erfläre Ihnen aber ganz ehrlich, 
daß mid die Noth dazu getrieben‘, 
meinte Wildbad, und auf ein Eleines 
Haus mweifend, vor dem fie angelangt 
waren, jegte er lachend hinzu: „Da 
it unjere Höhle.“ 

Gerade diefe Bezeichnung verdiente 
das fleine Gartenhaus am wenigften, 
das, hinter grünen Bäumen verftedt, 
inmitten der gewaltigen Häufermaffen, 
bie e8 von allen Seiten umringten, 
beinahe idylliſch hervorlugte. 


Die mächtigen Akazienbäume rag« 
ten über das Dach des kleinen ein— 
ſtöckigen Gebäudes hinaus. 

Wildbach führte ſeinen Gaſt die 
Stiege hinauf: „Wir haben die ganze 
Etage inne“, ſagte er lachend, „was 
freilich nicht viel bedeuten will.“ Auch 
die Zimmer, die ſie jetzt betraten, 
waren klein, ein wenig niedrig, aber 
ſtatt der ärmlichen Einfachheit, welche 
Leopold erwartet hatte, fand er eine 
Eleganz, die ihn überrafchte. Die 
ganze Einrichtung verrieth nicht nur 
das jorgfältigfte Beftreben nach Com: 
fort, fondern auch ben feinften Ge— 
ſchmack. 

Die klugen Augen Wildbachs muß- 
ten in dem Antlig Ferber's gelejen 
haben, denn er bemerkte raſch: „Nicht 
wahr, es fieht recht leichtfinnig aus, 
daß ein Schriftfteller, welcher noch 
mit der verhängnißvollen Namenlofig- 
feit zu kämpfen hat, ſich mit ſolchem 
Zurus umgibt? Und doch geftehe ich 
Dir, daß ich diefen hübſchen Trödel 
brauche und mir lieber in allem Andern 
Beſchränkungen auflege.“ 

„sch theile ganz Deinen Gefhmad“, 
entgegnete Leopold, „und wenn mir ein: 
mal das Glüd wird, eine Häuslich— 
feit zu gründen, dann müßte ich eben 
ein jolch reizendes kleines Neſt haben“, 
und feine Blide ruhten mit Behagen 
auf den freundlichen Zimmerchen, die 
nur buch Portieren von einander 
getrennt waren. 

„Freund Schmibt:Rofen würde uns 
freilih für Narren erklären”, bemerkte 
Wildbad, „er jchreibt feine unfterbli- 
hen Werke in einem verräucherten 
Malepartus, in dem ich feine Zeile 
bervorbringen könnte.“ 

Wildbah gewahrte wohl, daß 
Ferber eine Frage auf den Lippen 
hatte: „AK richtig, ich ſoll Dich ja 
meiner Schwefter überliefern”, ſetzte 
er lebhaft Hinzu; „da wir fie bier 
nicht getroffen, müſſen wir uns ſchon 
in den Garten bemühen.” 

Durch die Andeutungen bes Freun: 
des war unmilltürlih in der Seele 


335 


Leopold’3 ein Bild von dem alten 
Mädchen entitanden. — Ein kleines, 
zierliches Figürchen, ein fchmales, geift: 
reiches Geficht, das durch jeine Häß— 
lichkeit intereffirt, und dabei eine poe- 
tiſche Schwärmerei, die zu ben vier: 
unddreißig Jahren nicht mehr recht 
ftimmen will, — fo dachte er fich die 
Schweiter Wildbach's, und als fie 
jegt in den hinter dem Haufe gelegenen 
Garten hinaustraten, beachtete er des— 
halb die hohe Frauengeftalt nicht, Die 
in einem Seitengange auf und ab wan— 
derte; — im leichten Sommerfleide, 
den breiten Strohhut auf dem Kopfe, 
ein zufammengeflappte® Buch in ber 
Hand, in das fie den Zeigefinger ge: 
ſchoben. Diefe ftattlihe Erjcheinung, 
deren Haltung und Bewegungen jo 
viel Jugendlichkeit verriethen, konnte 
unmöglich die zehnJahreältere Schweſter 
des Freundes fein; aber jet rief ihr 
ihon Wildbad zu: „Guten Morgen, 
Emilie, wir fuhen Dich!” 

„Ih bin leicht zu finden“, ent: 
gegnete fie mit einer Fräftigen, voll- 
tönenden Stimme und wendete nun 
ihr Antli den Ankömmlingen zu. 

Set konnte Ferber wohl bemerken, 
daß fie über die erjte Jugend hinaus 
war, denn bie Züge ihres regelmäßigen 
gebräunten Antlitzes hatten jchon einen 
recht jcharfen Ausdrud, troßdem war 
die Schweiter Wildbadh’3 noch immer 
eine feffelnde Erfcheinung, die Niemand 
jo ohne weiteres zu den alten Jung: 
fern zählen konnte. Schon ihr hoher, 
ſchlanker Wuchs, die Raſchheit all’ 
ihrer Bewegungen erinnerten nicht an 
ihre Jahre, noch weniger bie tieflie- 
genden bunflen Augen, bie jet wun— 
derbar aufbligten, als Wildbad den 
Namen de3 Freundes nannte. 

„E3 freut mid, Ihre Belannt: 
ihaft zu machen“, jagte fie und in 
ihrem Munde langen die Worte nicht 
wie eine gewöhnliche Redensart. Sie 
ſtreckte ihm dabei die wohlgepflegte kleine 
Hand entgegen. 


ichaft verrathen habe”, fette Wildbad) 
hinzu. „Gegen alle Welt werde ich 
Deine Pfeubonymität auf's ftrengite 
zu wahren wiffen, aber Emilie ge- 
hört mit al’ ihren Seelenfräften zur 
Gilde, vor ihr brauchen wir fein Ge: 
heimniß zu haben.” 

„Ja, ich habe alle Novellen von 
Fernthal gelejen und deshalb ift es 
mir beſonders angenehm, ihren Ver: 
faſſer kennen zu lernen.” 

- „Um ihn mit Schmeicheleien zu 
füttern“, nedte der Bruder. 

„Du weißt, daß mir dies unmög— 
ih it“, entgegnete Emilie und fie 
bob ein wenig den Kopf ftolzer in den 
Naden. 

„I haſſe auch nichts fo jehr wie 
Schmeidheleien, die nur auf unfere 
Dummheit oder Eitelfeit zu wirken 
ſuchen, mir ift dagegen ein unum— 
wundenes Urtheil unſchätzbar.“ 

„Das ſoll Ihnen werden“, ent— 
gegnete ſie raſch und jetzt ſtreifte ihr 
Blick mit unbefangener Neugier den 
jungen Dichter. Sie ſchien mit dem 
Reſultat zufrieden zu ſein, denn ſie 
nickte, wie befriedigt, mit dem Kopfe. 

Es lag in ihrem ganzen Benehmen 
ein unverkennbares Selbſtbewußtſein 
und eine gewiſſe geniale Nachläſſigkeit, 
die es mit den Formen nicht allzu 
genau nimmt, und doch hatte ihr Auf: 
treten hinwiederum nichts Abftoßendes, 
e3 hielt fich noch immer in den Schran= 
fen der Meiblichfeit — jobald man 
eben nur ben Frauen eine ftärfer aus: 
geprägte Individualität geftattet. 

„Gehen wir in bie Laube, dort 
läßt fich ungeftörter plaudern”, ſetzte 
Emilie Hinzu, und fie nahm ſofort 
den ihr gebotenen Arm Ferber's, 
während der Bruber ihnen langjam 
folgte. 

Es war gar nicht, als ob die 
Beiden fih zum erjtenmale gefehen ; 
Emilie ſchlug jogleih einen Ton an, 
als ob der junge Dichter ſchon jeit 
Jahren zu ihrer vertrauteiten Bekannt: 


„Du wirft mir nicht zürnen, daß |fchaft gehöre, und Leopold wußte jelbft 
ih meiner Schwefter Deine Autor: |nicht, wie e8 kam, fein im Grunde 


336 


fcheues, ſchüchternes Weſen war diefem 
Mädchen gegenüber völlig verſchwun— 
den, er gab ſich willig dem behaglichen 
Eindrud hin, welchen e8 immer madt, 
dort eine Herzensthür jchon offen zu 
finden, wo wir glaubten, erſt mühlam 
aufichließen zu müſſen, und unmwillfür: 
lih gab er diefem Gedanken Ausdrud. 

Ueber Emiliens Antlitz flog ein 
Lächeln, das fie noch mehr verjüngte: 
„Ja, diefen BVortheil hat der Schrift: 
fteller, daß man bei ihm beimifch wird 
und längft die tiefften Blicke in feine 
Seele gethan hat, no ehe man ihn 
perjönlich kennt.“ 

„Und fo habe ich mich wohl auch 
ſchon Ihnen völlig enthüllt?” fragte 
Leopold. 

„Das möchte ich doch nicht be- 
haupten. Man gewahrt wohl in Ihren 
Arbeiten einen gewiſſen Reichthum, 
aber auch, daß fie ihn noch nicht völlig 
zur Schau legen durften.” 

Ferber blidte überraſcht in ihr 
Antlitz. Er mußte ſich geftehen, daß 
fie dad Rechte getroffen. 

Emilie bemerkte jein Erftaunen 
und fuhr ruhig fort: „Oft Tegt ein 
junger Schriftjteller den Schaf feiner 
Lebenserfahrungen, al’ feiner Geban- 
fen in jeinem erjten Werfe nieder und 
in feinen fpäteren Arbeiten bleibt ihm 
nichts übrig, als fich zu wiederholen; 
ein Anderer greift mit jedem Werke 
nur um fo tiefer in ben unerjchöpf: 
lihen Born feines Junern, und was 
er und gibt, bleibt und ewig neu und 
überrafchend. Sie ftehen ebenfalls erft 
am Anfang ihrer Laufbahn.” 

Ein junges, mit fih und der 
Welt ringendes Talent fühlt fich immer 
unfiher, heute glaubt e8 an die Macht 
jeines Könnens und morgen verzwei— 
felt e8 an Allem. So berührten auch 
Leopold diefe aufmunternden Worte 
mwunberbar und mie ein belebender 
Haud. Sie Hatte jo ruhig und mit 
ber ihr eigenen Sicherheit geſprochen, 
als habe fie nur völlig objectiv eine 
Beobachtung zum Beften gegeben, und 
da fie jegt in der Laube angelangt 


waren, machte fie eine einlabenbe 
Handbewegung, auf der einfachen Holz: 
bank Plap zu nehmen. 

Wildbach war ihnen fo dicht gefolgt, 
daß er ihr Gefpräh hören mußte; 
er ſetzte ſich an die Seite der Schweiter, 
und feine Hand leicht auf ihre Schul: 
ter legend, ſagte er mit einem bitteren 
Aufzuden im Gefiht: „Was Hilft ung 
das Alles! Gerade das gebilbetfte 
Publikum hält meiftens feine Lectüre 
mit den Glaffitern für abgeſchloſſen 
und läßt die neuen Hervorbringungen 
unbeadhtet. Der Dichter muß hinab: 
fteigen, um gehört zu werben, und 
zulegt weiß er felbft nicht, wie tief 
er dabei herabgefommen, wie die reis 
hen Schätze ſeines Innern tobtes 
Geſtein geworden, weil er ſie nicht 
zur rechten Zeit an das Licht fördern 
durfte.“ 

„Das iſt eben die ſchwere Kunſt, 
ſich oben zu erhalten und dennoch die 
Menge zu gewinnen,“ entgegnete Emilie. 
„Ich glaube, ein Ausweg wird nur 
dann gefunden, wenn der Schriftſteller 
durch den ſtofflichen Gehalt ſeines 
Werkes die weiteſten Kreiſe zu befrie— 
digen und durch die feine Form auch 
die Gebildeten anzuziehen weiß.“ 

„Ich kann Dir nicht ganz Recht 
geben”, war Wildbach's eifrige Ant— 
wort. „Das ganze Unglück iſt, daß 
der große Haufen nicht denken, nicht 
ſich weiter entwickeln, ſondern nur 
unterhalten ſein will, deshalb ſtößt 
ihn ſchon die geſchliffene Form zurück; 
man ſoll ihm ſeine derben Lieblings— 
gerichte auch in irdener Schüſſel vor— 
ſetzen, wer ſie ihm in ſilbernen Scha— 
len zu bringen wagt, den behandelt er 
mit Mißtrauen. Unſer Freund Gott— 
fried verſteht das Geſchäft; er hat 
ſich zum erſten Schank- und Speiſe— 
wirth aufgeſchwungen und bald wird 
er ſeine kecke Drohung, die uns damals 
ſo lächerlich erſchien, wahr gemacht 
haben.“ 

Das Geſpräch bewegte ſich jetzt 
von Einem zum Andern und immer 
blieb es intereſſant und anregend. 


337 


Emilie entfaltete eine Tiefe des 
Geiftes und Vielſeitigkeit des Wiſſens, 
die jedem Gegenftande eine neue Seite 
abzugewinnen mußte, und Leopold 
Ihied in einer jo behaglichen Stim— 
mung, wie er fie lange nicht empfunden. 

Er fand fih jekt ſehr oft bei 
Wildbad ein, bald war er ber täg- 
lihe Gaſt, und er blieb, ſelbſt wenn 
jein Freund gar nicht anmwefend war. 
Zulegt fühlte er ſich ſtets am wohl: 
ften, wenn er mit Emilien allein war, 
und hatte Wildbah feine Neigung 
errathen oder wurde er durch Arbeiten 
in Anſpruch genommen, genug, er 
überließ die Beiden fich felbit, und 
un empfand e3 wie ein höchftes 

ück. 


Wohl hatte ſein Herz ſchon einige 
Vorſtudien durchgemacht, im lyriſchen 
Drange eine Schönheit beſungen; es 
war jedoch mehr der junge Dichter 
geweſen, der für die Ueberfülle ſeiner 
Empfindungen irgend ein Object geſucht, 
das er zu beſingen vermochte; aber 
noch niemals hatte ein junges Mäd— 
chen einen ſolchen tiefen Eindruck auf 
ihn gemacht, wie die Schweſter Wild— 
bach's, welche ſich ihrer vierunddreißig 
Jahre ſo bewußt war. 

Ihr Benehmen gegen den jungen 
Mann war deshalb deſto unbefangener 
und natürlicher; — ſie hegte die Ueber— 
zeugung, daß ſich in ihr beiderſeitiges 
Verhältniß keine ſchwärmeriſchen Ge— 
fühle miſchen konnten und in dieſer 
Sicherheit gab ſie ſich ganz dem Be— 
hagen hin, das für ſie aus dem An— 
ſchluß des jungen Schriftſtellers ent— 
ſprang. 

Ihr Bruder war im Grunde eine 
zu reflective, ſatyriſche Natur; auf 
ihn konnte ſie nicht den begeiſterten 
Drang ihres Herzens ausſtrömen und 
ihn mit fortreißen. Leopold dagegen 
folgte willig ihrem kühnen Gedanken— 
fluge und ihr Einfluß machte fich bald 
in feinen neueften Arbeiten geltend. 
Er beſprach mit ihr die Stoffe zu 
Novellen; fie wußte oft mit feinem 
fünftlerifchen Verftändnig den urfprüng- 


Wofeggers „Heimgarten‘ 5, Heft. 


lihen Plan zu erweitern und zu ver: 
tiefen, und wenn er dann ihr bie 
fleine Dichtung vorlas und fie fich 
billigend darüber ausſprach, fühlte er 
fih reicher belohnt, al8 durch den 
etwa folgenden Beifall des Publikums. 

Niemals war ihr Lob überſchwäng— 
(ih, ermüdend, immer enthielt e8 zu: 
gleich den Stachel zu neuen Anftren- 
gungen und wie glänzten dann ihre 
großen dunklen Augen, wenn fie mit 
brennenden Wangen von den Zielen 
ſprach, die ihm noch vorjchwebten. 

Was Leopold bejonders an jeiner 
Freundin ſchätzte — fie hielt nie nad) 
Frauenart irgend eine weibliche Arbeit 
in der Hand, jobald er ihr vorlag; 
jondern opferte ihm willig die ganze 
Zeit, ließ müßig die Hände in ben 
Schoß finfen und auf ihrem aus: 
drudsvollen Antlig prägte ſich beutlich 
die gejpannte Aufmerkjamleit aus, 
mit der fie feiner poetiſchen Schöpfung 
folgte. 

Der junge Dichter mußte dies 
Opfer zu würdigen, und die Theil: 
nahme, welche fie feinen literarijchen 
Beftrebungen entgegentrug, jenkte immer 
wärmere Strahlen in jein Herz. 

Er vergaß den Unterfchied ber 
Jahre; für ihn war Emilie noch von 
wunderbarer Schönheit und in vollfter 
Jugendblüthe. Was ihr die Jahre ge- 
nommen, das erjehte fie reichlich durch 
ihren Geift, mit dem fie Alle über- 
jtrahlte. Er ſah nicht eine alternde 
Jungfrau vor fi, jondern nur eine 
ideale Frauengeftalt, die erſt mit ihrer 
fühnen, feurigen Seele in ihm bie 
Flammen ber echten Poefie weckte, 
jeinem noch zaghaft herumtaftenden 
Talent die Richtung gab. Sie war e8, 
die beftändig ihn drängte, fi dem 
Drama zuzumenden, das allein dem 
Dichter den höchſten und ſchönſten Lohn 
gewähre. 

„Ale andern Hervorbringungen 
find vergänglich” — darauf Fam fie 
immer wieder zurüd — „fie mögen 
heut noch fo fehr die Bewunderung 
der Menge erregt haben, morgen find 

22 


338 





fie vergeſſen, höchftens ſchmeichelt fich | heftiger als fonft: „aber einmal wird 


noch das Lied in das Andenfen bes 
Menſchen ein, aber wer für die Nach— 
welt wirfen will, muß fih die Bühne 
zu erobern ſuchen.“ 

In ſolchen Augenbliden erfchien fie 
Leopold von einer hinreißenden Schön: 
heit. Wie wunderbar leuchteten ihre 
Augen, wie bebten ihre Lippen vor 
innerer Erregung und welch’ bezau- 
bernden Klang hatte dann ihre tiefe, 
fonore Stimme. 

Sa, fie war die echte Muſe eines 
Dichterd, die mit ihm jubelte, mit 
ihm träumte und ihm in leuchtender 
Ferne das glänzende Ziel zeigte, 
wenn er ermattet mitten auf bem 
ſchweren, dornenvollen Wege zujam: 
menbrechen wollte... 

Mie hätte er ihrem Drängen, 
welches ihn jo unendlich glücklich 
machte, widerſtehen können! — Von 
ihrer flammenden Begeiſterung fort— 
geriſſen, ſchrieb er in kürzeſter Friſt 
ein Drama. 

In ruhigen Stunden ſagte er ſich 
wohl ſelbſt, daß ſeine ideale Dichtung 
den realiſtiſchen Anforderungen der 
Bühne von heute nicht entſprechen 
würde; aber als er Emilien ſein 
Werk vorlas und ſie ihm mit Enthu— 
ſiasmus zujubelte, es gerade eines 
echten Dichters würdig fand, daß er 
dem Geſchmacke des großen Haufens 
nicht frohne, da vergaß er all’ feine 
Bedenken und in höchſter Aufregung 
reichte er ihr die Hand: „OD, wie 
dan?’ ich Ihnen für Ihren Beifall, 
mehr bedarf ich nicht, nun bin ich 
reich genug belohnt.“ 

Auch Emilien hatte heut’ ihre ge 
wöhnliche Ruhe etwas verlafjen. Biel: 
leicht jchwellte doch etwas das ftolze 
Bewußtſein ihre Bruft, daß fie allein 
diefe Dichtung hervorgerufen und ihr 
Wort mädtig genug war, in feiner 
Seele jede noch ſchlummernde Kraft 
zu weden. 

„Dan wirb das Drama nicht gleich 
aufführen, nicht heute, nicht morgen“, 
jagte fie raſch und ihre Bruft hob fich 


— — — — — — — — — — — 
————— —— — — — mm — 


doch ſeine Stunde ſchlagen, früh oder 
ſpät iſt Ihnen der Erfolg gewiß“. 

Sie ſprach mit jener Sicherheit, 
die ihr eigen war und ihre dunkel 
blitzenden Augen ſchienen prophetiſch 
in die Zukunſt zu blicken. Wie jubelte 
und jauchzte es in dem Herzen des 
jungen Schriftſtellers! Solch' glühende 
Theilnahme konnte nur eine wahrhafte 
Liebe zeigen, und von diefer edlen, 
feurigen Seele geliebt zu werben, 
dünkte ihm das höchfte Glück. — Wohl 
wagte er fein Wort der Erklärung, 
aber wie mit magnetifher Gewalt 
zog es ihn zu Emilien, ihre Unter: 
haltung erjeßte ihm Alles und er 
ihloß fi immer mehr gegen die 
übrige Welt ab. 

Wildbad gemwahrte wenig von der 
wachſenden Neigung des Freundes zu 
feiner Schmweiter oder mochte nichts 
gewahren. Für Emilie hatte er nicht 
zu fürchten; er kannte fie zu genau, 
ihr Harer, ſelbſtbewußter Geift ließ 
fih nimmermehr von einer blinden 
Leidenschaft unterjochen, und für den 
Freund jah er darin weiter fein großes 
Unglüd. Was konnte es ihm jchaden, 
wenn fein Herz in lebhaftere Schwin- 
gungen verjegt wurde ? — der Schrift: 
jteller 309 gewiß daraus ben reichlich: 
iten Gewinn. — 

Leopold hatte fein Drama an die 
deutſchen Bühnen verfandt, von einigen 
völlig ablehnende, von andern hin: 
zögernde Antwort erhalten; feiner war 
geneigt, die Arbeit eines dramatifchen 
Anfängers raſch zu bringen, obwohl 
fih derfelbe bereit8 auf anderen Ge- 
bieten einen geachteten Namen erworben. 

Der geiltanregende Verkehr mit 
Emilie war für das Schaffen des jun: 
gen Dichters vom allerbelebendften Ein: 
fluß. Seitdem jchien feine Kraft gewach— 
fen zu fein, eine novelliftiiche Arbeit 
nad der andern entjprang feiner jeßt 
raftlofen Feder; aber er jchrieb nur 
im Hinblid auf die Geliebte. 

Sie drängte ihn immer wieder 
zu neuen Productionen, und von ihr 


339 


ein beifälliges Lächeln zu erhalten, ein |vorging, daß er bereits längft ihrer 
aufmunterndes Lob, war ihm der ein: | Weifung gefolgt war und fie liebte, 
zige und höchſte Lohn. Mas die übrige | jo tief und ſtürmiſch, wie er nur ein 
Welt zu jeiner jchriftjtelleriihen Thä- Mädchen zu lieben vermochte? — aber 
tigfeit jagte, war ihm völlig gleich würde fie ſonſt fo unbefangen dieſes 
giltig ; mochte fie feine VBerfuche bewun: Thema berührt haben. 

dern oder verurteilen, es härmte ihn „Und wenn nun wirflih ſchon 
wenig; — an dem Urtheil Emiliens ; diefe Liebe in meine Bruft eingezogen 





allein lag ihm Alles — und er jchuf 
nur fo raſch neue Arbeiten, um ihren 


‚ wäre?” fragte er mit zitternder Stimme 
‚und feine Augen ruhten voll tiefer, lei- 


raſtloſen Geift beftändig zu beſchäftigen. denfchaftliher Empfindung auf Emilien. 
Wenn er ihr eine Novelle vorlag, „IH Tann die Spur davon in 
fie eingehend fich mit Form und Inhalt Ihren Arbeiten nicht finden“, war 


berjelben befchäftigte, dann fonnte er 
bemerfen, wie glüdlich fie dabei war, 
wie fie nur in einer Idealwelt lebte, 
und darüber die Wirklichkeit vergaß. 
ALS er ihr eines Tages wieder 
eine Erzählung mitgebracht hatte und 
fie nad) deren Borlejen längere Zeit 
ſchwieg, fragte er lebhaft: „Sind Sie 
Damit nicht zufrieden? Halten Sie mit 
Ihrem bärteften Urtheil nicht zurück; 
Sie willen, daß ich’8 vertragen fann 
und nur das einzige Ziel im Auge 
babe, mich weiter zu entwideln.“ 
Emilie zögerte noch eine Meile 
mit der Antwort; fie hielt nach ihrer 


Gewohnheit die Hände läflig im Schoß 


und ihn mit ihren großen dunklen 
Augen anblidend, entgegnete fie ruhig: 
„Ih wollte e8 Ahnen ſchon immer 
jagen, ich hielt mich jedoch meiner 
Sache nit völlig gewiß; jetzt aber 
bin ich von der Richtigkeit meiner Ent: 
deckung überzeugt; — Ahnen fehlt noch 
eines, um ein großer Dichter zu wer: 
den, Sie müfjen ſich Teidenjchaftlich 
verlieben.” — 

In ihrem ſchönen regelmäßigen 
Antlige regte fich bei diefen Worten 
feine Muskel; fie jprach ihren eigen: 
thümlihen Rath fo ruhig aus, wie 
ein Arzt, der endlich die richtige 
Diagnofe gemaht zu haben glaubt 
und dem Kranken die heilende Arznei 
verordnet. 

Der junge Dichter wurde von 
ihrer Bemerkung feltfam überrafcht : 
fein Herz gerieth in bie heftigſte Wal- 
lung. Ahnte fie nicht, was in ihm 


'ihre Antwort, und Ton und Haltung 
blieben diejelben. 

„Weil fie nur in meinem Herzen 
lebt. O, Emilie, willen Sie denn noch 
immer nicht, daß ich Sie verehre, wie 
ih noch nie eine Frau verehrt habe, 
daß Sie mir Alles, Alles geworden 
find und jeder Athemzug, jeder Puls: 
ihlag nur Ihnen gehört?” Er wollte 
auf fie zueilen, fie ſtürmiſch an feine 
Bruft ziehen; aber fie blieb unbemeg- 
li fißen, fein Zug in ihrem vollen 
Antlige veränderte fih und fie ent- 
gegnete mit befonnener Ruhe: „Ih 
ahnte wohl, daß es jo kommen, daß 
Sie fih einmal jelbit über Ihre 
Gefühle täufhen würden, — doch 
glauben Sie mir, die ich zehn Jahre 
älter bin als Sie, was Sie für mid) 
empfinden, ift nur eine ſeeliſche Freund: 
ſchaft, — hr Geift fühlt ſich zu 
mir bingezogen und ihr jugenbliches 
Herz nimmt irrthümlich für Liebe, 
was niemal® auf diefe Bezeichnung 
Anſpruch machen kann.” 

„Nein, nein, ich liebe Sie mit der 
ganzen Gluth meiner Seele und jeder 
Gedanke — mein beſſeres Selbſt weilt 
nur bei Ihnen,“ rief Leopold in leiden— 
ſchaftlicher Erregung und ſuchte ihre 
Hand zu erfaſſen, ſeine feurigen Blicke 
in ihr Auge zu ſenken, um dieſelben 
Flammen dort anzuzünden, die in ſeiner 
Bruſt loderten. 

Emilie hatte längſt den Ausbruch 
dieſes Sturmes vorausgeſehen und ſie 
war deshalb davon nicht im Mindeſten 
überraſcht. Ihr klarer, unumwöllter 


22° 





340 


Geift war fi viel zu objectiv gewor- 
ben, um nicht ihr Berhältniß zu dem 
jungen Schriftfiellee bis in feine 
Heinften Einzelnheiten zu überfehen. 
Sie wußte, daß feine Liebe nicht Dauer 
haben würde, denn fie fannte jchon 
dieſe flüchtigen, leicht erregbaren Dich- 
terherzen, die ewig auf der Wanderung 
find nad) irgend einem Ideal — und 
fie machte fich feine Illuſionen darüber, 
daß er früh oder ſpät aus feinem 
Traume erwadhen und in der einit 
Vergötterten die zehn Jahre ältere Frau 
entdeden mwürbe, und fie war viel zu 
ſtolz, um den Gedanken zu ertragen, 
daß ihn einmal nicht3 Anderes an 
fie fefleln folle al3 die Pflicht. — 
Dennoh mochte fie ihm gerade biefe 
Vedenken nicht mittheilen; fie wußte 
ſchon, daß ein leidenſchaftlich erregtes 
Herz auf jolde Einwürfe doch nicht 
hört, und jtet3 von der Emwigfeit feiner 
Gefühle überzeugt ift, deshalb entgeg- 
nete fie ausmweichend: „Ich bin nicht 
bie pafjende Frau für einen Dichter. 
Sie muß ihm mit geiftiger Schmieg- 
famfeit überall bin folgen, ſich ihm 
zu Seiten willig unterordnen, ihn ftets 
bewundern, und ich fönnte ewig nur 
die Muſe eines Dichters fein, welche 
aufftadhelt, die Flamme ſchürt und ihn 
an die fernen, unerreihbaren Ideale 
mahnt, die ewig vor feiner Seele 
ftehen müſſen“ — und als er fie 
unterbrehen und ihr jagen wollte, 
daß fie ja damit alle feine Anſprüche 
erfülle, ſchien fie feine Gedanken er: 
rathen zu Haben, denn fie fuhr in 
größerer Erregung fort: „Mir würde 
niemals jein Schaffen genügen, ich 
würde ihm niemal® Ruhe gönnen, 
etwas Höhere, Größeres von ihm 
fordern, bis feine Kraft erjchöpft zu— 
fammenbräcde.” 

Leopold hatte Emilie noch niemals 
fo gefehen, ihre Augen leuchteten in 
faft wildem Feuer, fie hatte die Hände 
auf die hochwogende Bruft gedrückt 
und ihre Lippen zudten. Ein Dämon 
Ihien fie erfaßt zu Haben und mit 
fortzureißen, und noch ehe Ferber et: 


was ermwiebern fonnte, ſetzte fie raſch 
hinzu: „Mein theurer Freund, id) 
tauge nicht zur fanften, gebulbigen 
Hausfrau eined Dichters, und weil 
ich es eben weiß, bis zur Weberzeugung 
weiß, jo mag ih Sie und mich nicht 
erſt unglücklich machen.” 

Sie hatte das entſcheidende Wort 
mit einer Sicherheit ausgeſprochen, die 
von vornherein jeden Einwand abwies, 
Sept reichte fie ihm die Hand, fie war 
wieder völlig die alte, ihr wilder Baroris- 
mus, der fie noch eben heimgejucht 
und ftürmifch mit fortgeriffen, fchien 
erlojhen und mit dem Verſuch eines 
Lächelns jagte fie jo ruhig wie immer: 
„Sie jehen, wie furchtbar ich werben 
fann und beshalb fliehen fie mich, eh’ 
e3 zu ſpät iſt.“ 

Der junge Dichter gab noch nicht 
all’ jeine Hoffnungen verloren ! er be- 
bielt ihre feine Hand in feiner Rechten 
und fie finnend betrachtend, als wage 
er nicht, ihr in's Antlig zu bliden, 
entgegnete er in tiefiter Bewegung: 
„Und haben Sie mir nicht eben be- 
wiejen, daß Derjenige der glüdlichite 
Sterblide if, dem Sie für immer 
zur Geite treten, denn Ihre ftolze, 
unbeugjame Seele zeigt ihm beftänbig 
das leuchtende Ziel und Sie ftacheln 
ihn von Neuem auf, wenn er ermattet 
zufammenbrechen will.” 

„Ih jagte Ihnen ſchon, daß mir 
fein Mannes, auch Fein Dichterherz 
genügt. Unvereinbares fordere ih. Wen 
ich Lieben joll, den muß ich bewundern, 
zu ihm aufjehen können, und doch 
würde mein Stolz nicht eher ruhen, 
bis ich ihn zu mir herabgezogen, und 
wäre mir dies gelungen dann müßte 
ich ihn verachten.“ Ihre dunklen Augen 
leuchteten wieder jo unheimlich wie 
vorher und auf ihrem jchönen Antlig 
prägte fich deutlich der geiftige Hoch: 
muth aus, der ihr eigen war und ber 
noch niemals fo Scharf und rückhaltslos 
zu Tage getreten, als in diefer Stunbe. 

Der junge Schriftjteller wurde von 
diejen Worten in's innerfte Herz ge: 
troffen. — Er fühlte e8 deutlih, — 


ein Riß ging durch feine Bruft, fie 
waren nach diefem offenen Bekenntniß 
getrennt auf immer. 

War's nur eine Anwandlung von 
Ueberjpanntheit, zu ber ihr hochfliegen- 
der Idealismus hinneigte, oder hatte 
fie damit das tiefite Geheimniß ihres 
inneren enthüllt? Leopold wußte es 
nicht, er wußte nur jo viel, daß ihr 
unerträgliher Hochmuth auch feinen 
Stolz geweckt und das fchöne, befeli- 
gende Verhältniß zerbrochen vor feinen 
Füßen lag. Sie hatte ihn alfo nur 
ertragen, weil jie ihn tief unter fich 
gedacht und fie bebte vor dem Ge— 
danken zurüd, daß er ihr gleich und 
zulegt über ihr ſtehen folle. — 

Die widerftreitendftenEmpfindungen 
burhmühlten feine Bruft. Und biefes 
Mädchen, dad ihn mit ihrem wahn— 
finnigen Dünkel wieder herabzuziehen 
drohte, wenn er fi auf irgend eine 
Höhe geſchwungen, hatte er geliebt 
und al3 den Genius feines Lebens 
betrachtet ? j 

Welch' ein fürchterliches Erwachen 
aus dem erträumten Himmel! Er rich: 
tete fih in die Höhe, ſtrich mit der 
Hand über die Stirn, als könne er 
damit die letzten füßen Phantom: 
bilder verfcheuchen, und fo ruhig, wie 
e3 nur jeine innere Erregung zuließ, 
fagte er nad einer langen Pauſe: 
„Ich danke Ihnen, daß Sie mich von 
meinem Irrthum geheilt haben. Ach 
glaube nun auch nicht mehr, daß 


eine Tobtenbläffe, fie hielt die Hände 
übereinanbergefaltet und nicht das 
leifefte Zuden verriet, was in ihr 
vorgehen mochte. 

Kein Laut fam als Antwort über 
ihre Lippen, fie ließ den Freund ruhig 
hinausgehen ; aber als fi die Thüre 
hinter ihm leife ſchloß, das Geräuſch 
feiner Tritte auf dem Flur verhallte, 
da fam plöglih Bewegung in ihren 
Körper, ihre Lippen öffneten fih uud 
mit einem wilden, verzweifelten Auf: 
jchrei rief fie feinen Namen. — Er 
war fort — er fam nicht wieder . . . 
Sie rang jammernd die Hände — 
Vergeblich flüfterte ihr die Vernunft 
zu: es mußte fein — dieſer eine heiße 
namenloje Schmerz erjpart dir taufend- 
faches Leid und furchtbare Demüthi- 
gungen — fie ftürmte in wahnfinniger 
Berzweiflung durch das Zimmer und 
endlich Löfte fich ihr Schmerz in einem 
unaufhaltfamen Thränenftrom. 

So fand fie der Bruber. Er ahnte 
fogleih den Zuſammenhang: „Und 
meine felbitbewußte Schweſter hat den— 
noch dieſes große Leid über fich ge: 
bracht?“ fragte er voll zärtlicher Theil- 
nahme; „troßdem weiß ih, daß Dein 
Stolz ihn zuerft vergefjen wird, damit 
Du von ihm nicht vergeflen wirft.” 

Sie fchüttelte düfter das Haupt 
und mehr für fich jelbit, al3 zu dem 
Bruder gewandt, rief fie mit ſchmerz— 
lich zuckenden Lippen: „Mußte ich ihn 
denn aufgeben? Und wäre es mir 


Ihnen die Kraft innerwohnt, mich auf nicht möglich gemwefen, ihn für immer 


die Höhe zu bringen, die Ihnen vor: 
Ihmwebt und bamit wird Ihnen auch 
der Schmerz erjpart werben, nich als: 
dann wieder herabzuziehen. Leben Sie 
wohl, Emilie, und welch tiefe, unbeil- 
bare Wunde Sie auch meinem Herzen 
geſchlagen haben, jeien Sie überzeugt, 
daß ih das Andenken von Ihrer 
Freundſchaft Heilig Halten werde.“ 
Seine Augen ruhten noch einmal mit 
einem tiefichmerzlihen Ausdrud auf 
ihr ; fie ſchien feine Blicke zu fühlen, 


zu feſſeln?“ Unwillkürlich warf fie 
dabei einen Blick in den Spiegel, als 
wolle fie prüfen, ob ihr nicht von 
ihrer Schönheit noch fo viel geblieben, 
um fich fein Herz zu fichern. 

„Nein, Du haft Recht gethan!“ 
entgegnete der Bruber mit großer 
Beftimmtheit und feine Augen ruhten 
voll inniger Theilnahme auf der ge: 
liebten Schwefter: „wenn auch Dein 
Geift über Deinen Körper eine ver: 
jüngende Macht geübt, jo wäre doch 


aber fie regte fih nicht. Ihr vorher der Unterfchieb der Jahre fpäter weit 
noch jo glühendes Antlitz bedeckte jett | jchärfer hervorgetreten und Du darfſt 


342 


nicht vergeffen, daß er zur Gilde der ſamkeit wußte er ihr überall hin zu 
Poeten gehört. Dieſe Dichter ſchwär- folgen. — 


men unb brennen ſtets für eine ein- 
gebildete Gottheit und fie haben nichts 
als ein wenig Aſche für die einfache 
Sterbliche, die fie ebenfalls zu lieben 
fih zuweilen einbilden, oder nur vor: 
geben, denn ihre vagabundenhafte Phan: 
tafie feſſelt fih an nichts und folgt 
jeder raufchenden Robe und jedem 
flatternden Bande. Glaube mir, der 
ih mic) ebenfalls zur Zunft zählen 
fann und Selbftfenntniß genug befige, 
um die und anhaftende Schwäche ein: 
zuſehen.“ 

Emilie hatte ſich dieſe herben 
Wahrheiten nur zu oft ſelbſt geſagt, 
waren ſie doch mächtig genug geweſen, 
ſie zu dem heiligen Entſchluß zu drän— 
gen; trotzdem klang nur durch ihr 
Inneres ein einziger Schmerzſchrei, 
daß fie ihn verloren . Sie war 
fih ftets fo jeelenftarf vorgefommen 
und hatte immer das Bemwußtjein ge: 
habt, daß fie jolch’ jentimentalen An: 
wandlungen nicht unterworfen ſei und 
abfeit8 von der Menge, einjam und 
ruhig, unbeirrt von leidenfchaftlichen 
Empfindungen ihres Weges gehe. Nie: 
mals hatte fie es für möglich gehal- 
ten, daß fie einen Mann lieben würde, 
Smmer waren ihr die Repräfentanten 
des fogenannten jtarfen Gejchlechts 
ſehr ſchwach vorgekommen; ihr ge: 
ſchärfter Blick hatte überall kleinliche 
Schwächen und unangenehme Eigen— 
ſchaften entdeckt, welche ſie abſtießen. — 
Nun kreuzte Leopold ihren Lebensweg 
und der junge Mann ſchien ihr wie 
das Ideal ihrer Mädchenträume. — 
Alle ſeine Anſchauungen trugen den 
Stempel des Edlen und Reinen, ſeine 
feurige Seele nahm gern den Flug 
zum Höchſten und mit geiſtiger Schmieg— 


Weil ſie ihr Herz ſchon durch 
den Unterſchied der Jahre für ſo 
ſicher gewähnt, hatte fie ſich rüdhalt- 
los dem Genuß hingegeben, der für 
ſie in dem Verkehr mit dem jungen 
Dichter lag. Ihr Stolz fühlte ſich ge— 
ſchmeichelt, daß ſie das Feuer in ſeiner 
Bruſt ſchüren, ihm den Weg weiſen 
konnte, der ihn zum Ziel führen mußte, 
und eh' ſie es ſelbſt geahnt, war eine 
tiefe, glühende Liebe in ihr Herz ein— 
gezogen. — Sie ſah, daß auch die 
Gefühle Leopolds eine andere Färbung 
erhielten und nun begannen für ſie 
die tiefſten und furchtbarſten Seelen: 
fämpfe. 

Wohl war fie jetzt feiner Liebe 
fiher; aber wer bürgte ihr für das 
flattrige Herz eines Dicters! und 
fie hätte niemal® den Gebanfen er: 
tragen, daß eine Zeit kommen jollte, 
wo fie dem theuren Mann nicht mehr 
Alles wart — Mer weiß, ob fie 
jelbjt fo viel Entjagungsfraft bejeilen, 
um auf immer fein Herz mit jeiner 
Mufe zu theilen! — Der Mann, den 
fie liebte, ſollte ihr allein gehören und 
doch jagte ſich wieder ihr reflectiren: 
der Verftand, daß Leopold dies nicht 
dürfe, wenn er jein Talent nicht unter: 
graben wolle und daß fie ihm das 
Letztere ebenfalls nicht verzeihen würde, 

Für diefe tiefen, unverföhnlichen 
Widerſprüche gab es nur eine Löſung — 
das Scheiden auf immer und ſie hatte 
heute dieſen Ausweg gewählt, — wie 
viel er ihr koſtete, das vermochte ſelbſt 
ihr Bruder in ſeinem ganzen Umfange 
nicht zu ahnen. Es war die erſte und 
einzige Liebe, die ihre Bruſt erfüllt 
und es brach ihr ſtolzes, ſtarkes Herz, 
auf das ſie ſtets ſo gepocht, in Stücke. 


Fortſetßung folgt. 


343 


Ein Weg zur Schuld. 
Erzählung aus dem Volksleben von P. R. Roſegger. 
(Schluf.) 


Am nächſten Sonntag fagte fie: 
„Haft nichts dagegen, Mann, jo wollt’ 
ih heute gern eine Kirchfahrt verrich- 
ten zu Danf für die wiebererlangte 
Gejundheit. Wollteft mitgehen ?“ 

„sa, ja, häng' Dih dem Herr: 
gott nur recht an die Zehen, Du Bet: 
ſchweſter und verfcherg’ (verſchwärze) 
mich bei ihm, verjchergft mich ja fo 
gern.” 

Sie ging hinaus gegen den Marft 
Salgftein. Sie fuchte die ödeften Wege, 
wo die wenigſten Kirchengänger wan— 
delten. Sie hatte Angft, fie werde fich 
durh ihre Miene verrathen beim 
Kaufmann, wenn fie Rattengift ver: 
lange. Das mußte fie gut machen, 
fie mußte fih üben. In einem ver: 
lafjenen Waldſchachen ſtellte fie ſich 
zuerſt vor einen fahlen Baumſtrunk, 
dann vor einen grünen Strauch, 
endlich wendete ſie ſich gegen ein Eich— 
hörnchen in den Zweigen, hielt geſittig 
das Sacktuch in den Händen vor der 
Bruſt und ſagte halblaut, wie ſich 
Bäuerinnen in Kaufmannsgewölben 
gerne ſtellen: „Hätt' auch gern ein 
wenig was. — Aber das ſind ſaubere 
Seidentüchel, die koſten gewiß recht 
viel. Schön ſind ſie. Ja, daß ich ſag, 
ein Hüttenrauch zum Rattenfutter hätt' 
ich gern.“ Sie war aber nicht ganz 
zufrieden. Ob ſie vom Rattenfutter 
lieber gar nichts ſagen ſollte? Wenn 
man Hüttenrauch kauft, ſo verſteht 
ſich's ja von ſelbſt, daß man es als 
Rattengift braucht. 


Im Kaufladen zu Salgſtein waren 


„Wir haben ſo viele Ratten in 
der Mühle.“ 
| „Da müßt Ihr Euch wohl aus— 
weiſen, wer Ihr ſeid, meine &iebe, 
jonft darf ich fein Arjenif hergeben.“ 

„Ra, na”, rief Einer aus der 
Menge, „bei Der ift’S nicht jo gefähr: 
(ih, das ift die Seizmüllerin in der 
Transau.“ 

„Nachher hat's keinen Anſtand“, 
ſagte der Kaufmann. „Thut das Ding 
nur gut verwahren, ’3 iſt ein wildes 
Gift.“ 

ALS die Walpa auf dem Heimmeg 
an dem Salgfteiner Armenhauje vor: 
beiging, jaßen davor etliche Pfründner. 
Ihr Herz war heute jo jehr zum Wohl: 
thun aufgelegt, daß fie alles Geld, welches 
jie bei fih trug, an die armen Leute 
verſchenkte. Dann eilte fie der Transau 
zu. Wer fie heute jo hätte gehen ge: 
jehen, die jchöne Frauengeftalt, im 
einfachen Sonntagsftaate, an weldhem 
nicht Eitelkeit, wohl aber guter Ge— 
ſchmack zu jpüren war! Tauſend rohe 
Worte hatte fie darüber erbulden müſſen, 
aber die gewohnte Art, fich zu kleiden, 
hatte fie den Launen ihres Mannes 
nicht zum Opfer gebracht. Ihr Antlig 
war in feiner Bläffe nur noch jchöner ; 
doch mwehte heute über ihre Wangen 
zuweilen ein rofiger Hauch. Ihr Auge 
leuchtete in lebensvoller Klarheit, als 
fie hinanblidte zu den fangumjauchzten 
Wipfeln des Waldes und zum Himmels: 
blau. — Ihr war wohl, wie einer 
wiedergeborenen Seele. — Man hat nur 
ein einzig Leben, und das joll man 
fi) wahren, von dem foll man Alles 





h 





nad) dem Gottesbienfte viele Leute bei- fernhalten, was häßlich ift und ver- 
jammen. Walpa verlangte zwei Ellen | derblih, um das fol man Alles ſam— 
blaue Hemdſchnüre, um fünf Kreuzer | mein, was Freude wedt. So aud 
Neugewürz und um drei Zehner Hüt- | Hieften e8 bie anderen Menfchen, fie 
tenraud). mochten jung fein ober alt, weltlich oder 

„Wozu braudt Ihr den Hütten= | bigott; fo hielt es felbft das Thier 
rauch ?” fragte der Kaufmann. und jedes Geihöpf. — Und endlich 


344 


follte fie — die Walpa — ja der Welt 
wieder fein, follte leben, wie Menſchen 
leben mit jungem frifchen Blute und 
fröhlihem Sinn. Sommerlicher Hauch 
vol Waldodem jpielte um ihr lodig 
Haupt. Ihr Fuß jchien den Kalkſand— 
boden des Maldmweges faum zu be: 
rühren ; es hätte ihr auch weh gethan, 
heute eine Ameife, ein Wiürmlein zu 
zertreten. So freudvoll war fie und 
die Arme breitete fie aus: Sei gegrüßt, 
mein ſüßes Leben! — An einer alten 
Rothföhre fam fie vorüber, an welcher 
das Bild der Jungfrau mit dem Kinde 
bing. Diefem Bilde gab fie einen 
Kranz von Glodenblumen und wilden 
Lilien. 

Zur fpäten Nahmittagszeit nad 
Haufe gekehrt, fand fie ihren Mann 
in der Stube auf einer Wandbant aus: 
geftredt und ſchlummernd. Lange ftand 
fie da ftil und blicte ihm in's An— 
gefiht. Der harte Zug auf dem 
jelben war verfchmunden, fanfte Ruhe 
lag darüber hingegoſſen. — Wie ſchön 
war diefer Mann, wenn er fchlummerte! 
— — AS fie jo auf ihn hinſah, 
leuchtete ihr Auge. Seine rechte Hand 
hing über die Bank hinab, fanft hob 
und bradte fie dieſelbe in eine be- 
quemere Lage. — Er hat Mühjal 
und Sorgen, wie gut wirb ihm bas 
Schläſchen thun! 

Auf dem Tiſche, in Papier halb 
eingeſchlagen lag neuer lichtblauer 
Schafwollenſtoff für ein Frauenkleid. 

— Den hat er mir heute gekauft, 
's wird ja mein Tag fein in ber 
Woche! jubelte das Weib im Herzen, 
nein, er ift gewiß micht jo hart, wie 
er thut. Er ift doch ein guter Mann. 
Gott verzeih’ mir Alles! — Ahr 
Herz wurde warm. Wie wollte fie ihn 
jo gerne liebhaben! — — Es ver: 
langte ihr, ihm einen Kuß zu geben. 
Sie beugte fih zu ihm nieder — fein 
Athem roch nah Fufel. Haftig ſchreckte 
der Mann auf, fprang empor —- 
ftarrte fie an und grinfle. 

„Daft gut geichlafen”, ſagte Walpa 
janft. 


„Was ſoll's denn!“ fuhr der 
Müller los, „Sol ich etwa nicht mehr 
ihlafen in meinem Haufe? Was 
ihleihft denn jo um mic herum? 
Willſt mir die Augen ausfragen ?“ 

„Geh’, Mann“, verjegte die Walpa 
lächelnd, „das ift ja doch nicht Dein 
Ernit. Weißt es wohl, Du meinft mir’3 
befjer, al3 Du's jagen magjt. Ich be: 
dank mich für den ſchönen Rockzeug.“ 

„Bedanfit Dich!“ lachte der 
Müller auf, „meint, er gehört Dein ?” 

„Wüßte nicht, wem fonft“, fagte 
fie, „oder weißt eine Andere dafür?” 

„Und wenn auch!“ fohrie er und 
ftarrte fie mit rothunterlaufenen Augen 
wild an, „haft Du mich etwa gepadhtet ? 
Wie viel haft denn "geben für’s Jahr, 
he? Zehn Beflere weiß ih, und Du 
bift mir die Schlechteft’ !” 

Das war ihr wie ein Stich in’s 
Herz. Ohne noch ein Wort zu jagen, 
ging fie hinaus, — 

Ymmer mehr ergab fich ber Seiz- 
müller dem Trunfe, 

In der Gegend Hatte fi ein 
zweiter Müller angefiedelt, ein ferner 
Verwandter von der Walpa. Er ver: 
ſchlechterte dem Seizmüller das Ge— 
ſchäft; dieſer ließ es ſeiner Frau 
entgelten. Seine Luſt war, ihr wehe 
zu thun, ſeine Labe der Krug. Oft gab 
es Stunden, da er in Tobſucht aus— 
brach und ſich ſein Weib gar nicht 
vor ihm ſehen laſſen durfte. Der Arzt 
kam in's Hans, dem weinte fie bitter: 
lid vor. 

„Iſt traurig, liebe Müllerin“, 
jagte diefer, „aber das mag Euch noch 
tröften: jchlecht ift er nicht. Und das 
mögt Ihr fiher glauben, wenn er Euch 
wehthut, jo ift ihm auch felbft nicht 
wohl. Er ijt frank, er leidet an fo 
einer Art Manie und er kann felber 
nicht anders,” 

— An fo einer Art Manie! dachte 
die Walpa bei fih, — daß er neben 
mir andere Meibsleute hat, denen er 
Geſchenke macht — ift das aud fo 
eine Art Manie? — Seine aufgededte 
| Treulofigfeit hatte in ihrer Seele einen 


345 


Dämon erwedt, ben fie früher noch 
nicht gefannt, der nun fort und fort 
an ihr rüttelte, wenn fie fonft in 
Stumpfheit verfinfen wollte; da bäumte 
fie ih auf und ihre Nerven bebten 
und ihr ganzes Wejen bürftete nach 
einer That. 

Ihre Obliegenheiten im Haufe be- 
jorgte fie mit auffallender Milde und 
Sanftmuth. Ihr Angefiht war bla, 
oft fait fahl, die Augen waren mie 
eingefallen unb dennoch voll ſeltſamen 
Glanzes. 

„Weiß gar nicht“, bemerkte in 
dieſen Tagen eine Magd des Hauſes, 
„wie mir neuzeit unſere Müllerin 
vorkommt; mich deucht alleweil, die 
lebt uns nicht lang.“ 

Vor der Hausthür mehrten ſich 
die Bettler; denn es waren die Gaben 
größer geworden, und Walpa reichte 
den Armen mit vollen Händen. 

Eines Tages hatte ſie einem müh— 
ſeligen alten Weiblein drei Silberzehner 
in die Hand gedrückt: „Sieh, das nimm 
Dir, und thu' beten für mich!“ 

Ueber den Hof hinabtorkelnd be— 
gegnete die Beſchenkte dem Müller, 
aus Herzensfreude und Dankbarkeit 
wollte ſie ihm die Hand küſſen: „Für 
das viel Geld, Seizmüller, für das 
viel Geld. Dein Weib hat mir drei 
Zehner geſchenkt. Davon leb' ich wie 
ein Graf; vergelt's Gott bis in den 
Himmel!“ 

Eilte der Müller in's Haus, be— 
ſchuldigte ſein Weib der Verſchwen— 
dung und ob ſie das Geld auf der 
Straße aufzuheben habe, daß ſie das— 
ſelbe wieder auf die Straße werfe; und 
ſie ſei nur zum Verſchleudern da, er 
ſehe ſchon, er müſſe ſie todtſchlagen, 
wolle er nicht, daß ſein ganzes Haus— 
weſen und er ſelbſt zu Grunde gehe. 
Und gleichzeitig hat er ihr einen 
Schlag verſetzt auf das Haupt, daß 
ſie in die dunkle Nebenkammer taumelte. 

Er ſtand auf ſeinem Flecke wie 
angewurzelt ſtill und ſchrie: „Komm' 
heraus, Walpa, komm' nur noch ein- 
mal heraus!“ 





Sie meldete ſich nicht, kam nicht 
heraus. Da trat er mit geballten 
Fäuſten in die Kammer und ſah, wie 
ſein Weib eben etwas hinter dem 
Wandſchrank verbarg. 

„Was haſt Du dort! Gib her!“ 
ſchrie der Müller und haſchte nach 
ihrer Hand. Dieſe war leer. 

„Heimlichkeiten?!“ ſagte er und 
grinſte vor Hohn und Wuth. 

Ihre Gurgel war einen Augenblick 
wie zugeſchnürt, ihre Augen traten 
ſchroff hervor; bald aber entgegnete ſie 
voll ſtumpfer Ruhe: „So ſchau, ſo 
ſuch', was ich für Heimlichkeiten hab’, 
wirft es wohl jehen.” 

Vom Gewehr, das an der Wand 
hing, riß er den Ladftod herab und 
ftöberte mit bemfelben hinter dem 
Wandſchranke herum. Ein paar halb: 
blinde Müden kamen zuerit hervor, 
dann etwas Staub, dann der FFegen 
eines Spinnengewebes, dann etliche 
alte Papierſtückchen, dann eine blaß— 
rothe Halsichleife. 

Der Müller hob mit dem Stäbchen 
die Schleife empor und fragte: „Was 
ift denn das, meine Liebe?" 

„Das ift ein Halsband“, antwortete 
fie ruhig. 

„Das weiß ich wohl, Du Schlange 
Du”, verjegte er, „aber warum haft 
Du denn dieſes Halsband vor mir 
verbergen wollen, he?“ 

„Weil — weil ih mich nicht ge— 
trau, weil Du fo hart bift auf mich.” 

„Biel taufendmal zu gut bin ich 
noch für Dich, Du ſchlechte Creatur!“ 
ſchrie er, „jetzt auf der Stell' ſag' 
mir, wo haſt Du dies Halbband her, 
oder ich erſchieß' Dich mauſetodt!“ 

„Sagen will ich Dir's wohl, 
Franz“, antwortete ſie gelaſſen, „dies 
Band hab' ich vor Yeit von einem 
Buben friegt; das Band ift ſchon lang 
blaß und der Bub’ ift lang ſchon ver: 
ftorben, und jegt weißt es.“ 

Da lachte der Seizmüller wild auf 
und rief mit einer Stimme, die man 
faum verftand, dazwiſchen: „So wohl, 


346 


Walpa, fo wohl! Der Bub’ wird noch 
nicht verftorben fein!“ 

„Ru, jo lebt er noch“, antwor: 
tete fie. 

„IH ſteh' ihm nicht gut auf drei 
Tage. Und Dir, Weib, Dir jchlag’ 
ich die eheliche Lieb’ noch mit Haſel— 
ſtöcken hinein, darauf leg’ ich Dir ein 
Jurament ab!” Und er ftürzte aus 
dem Haufe. 

Die Walpa ftand eine Weile wie 
betäubt und trodnete ſich mit einem 
Tuche das Blut, das ihr aus dem 
Munde floß. Dann verriegelte fie bie 
Thür und juchte Hinter dem Wand— 
ſchranke ein blaues Papieren hervor, 
das fie in der Eile dort hinabgeworfen, 
und welches fie dadurch vor den gieri- 
gen Bliden des Müllers zu fichern 
getrachtet, daß fie das alte Halsband 
als den Gegenftand ihres Geheimnifjes 
ausgegeben hatte. Das Halsband war 
eine Brautgabe ihres eigenen Mannes 
geweſen; wäre jedoch dasjelbe nicht 


Ein Aufſchrei aus ihrer Bruft. Es 
war ein Schredruf; er hatte geglaubt, 
es wäre ein Schrei des Geſtändniſſes 
gewejen. „Mein Geld ift weg!“ rief 
er, „lag’, Beitie, wo haft Du meine 
Brieftafche? Ah, jetzt meiß ich's, Die 
haft Du geftern hinter der Wanblad’ 
verftedt, Du faljher Satan, Du!” 

„Mißhandle mich nur nicht, ich 
jage Dir Alles.” 

Er ließ fie los: „So jag’ eg!“ 

„Bei meinem Gott, Franz, von 
Deinem Geld weiß ich nichts.“ 

„Here, Dir will ich die Wahrheit 
noch herausziehen!“ Und fofort begann 
ein Auftritt, ben der Erzähler nicht 
Ichildern kann. 

Später, als Licht gemacht wurde, 
fand fich die Geldtaſche auf der Bett: 
dede de3 Müllers, auf welche fie aus 
dem Rodjade gefallen war. 

Walpa fauerte in einem Winkel; 
fie klagte nicht, fie ſchluchzte nicht. Kein 
Menſch hat das fchredlihe Beben ihres 


als fremdes Liebeszeichen vorgefchügt | Herzens vernommen. — Vielleicht er- 


worden, jo hätte der Müller weiter 


geſpäht und das blaue Papier mit 
feinem ‚Inhalte gefunden. 

Nun aber hatte Walpa die lebte 
Brüde hinter fih abgebrochen. Sie 
mußte, welch’ neue Waffen fie durch 
ihre Angabe dem Gatten an die Hand 
gegeben hatte, daß e3 nun in feiner 
Macht lag, feine Rohheit gegen fie vor 
allen Leuten zu rechtfertigen und ihre 
Ehre vollends zu nichte zu machen. -— 

Am andern Morgen jtieg der Seiz- 
müller zu ſehr früher Stunde aus 
dem Bette Er wollte auf den Korn: 
markt fahren. Draußen Elapperte die 
Mühle, er rief fein Weib; das hörte 
ihn nicht jogleih. Er tappte im Fin: 
ftern an feinen Kleidern umber, er 
riß das Minkelfäfthen auf, das in 
der Ede hinter feinem Bette ftand. 
Dabei hub er zu laden an und fein 
Lachen war wie ein Röcheln. Und als 
die Walpa kam, fuhr er fie an: „Du, 
jegt weiß ich's, Du kannſt leicht Al- 
mojen geben. Du haft mir mein Gelb 
gejtohlen.“ 


wartete fie num von ihrem Manne 


Abbitte. Diefer hatte ſich wortlos aber 


pfufternd angefleidet und plöglich ſagte 
er! „Wer weiß es, kannſt das Geld 
doch am Leib’ gehabt und mir dasjelb’ 
nur jo auf’3 Bett hingeworfen haben. 
Dir trau ih nimmer. — Troll’ Di 
jegt, Du Kröte, und hau, daß ich 
mein Frühſtück Erieg’ I” 

Noch zwei Augenblide war Walpa 
nah diefen Worten gefauert in ihrem 
Winkel. Dann erhob fie fi, richtete 
ihre Angefiht gegen die Dede bes 
Zimmers empor und ging in die Küche 
hinaus, Sie war wieder die Emfige, 
und bald ftand das Frühftüd auf dem 
Tiihe. Walpa ging mit feltiamer Ge: 
(affenheit an weitere Arbeiten. 

Der Müller, immer noch grollend, 
ichnitt Brod in den Kaffee. Dann af 
er und gab indefjen durch furze, ber: 
hervorgeftoßene Sätze Befehl, mas 
während feiner Abwejendheit im Haufe 
zu gejchehen habe. 

Plöglih hielt er ein und jah 
jeinen Löffel an. Dann ftarrte er in 


347 


bie Schon halbgeleerte Schale und fog 
mit ber Zunge an feinem Gaumen. 

„Du, Walpa”, fagte er hierauf, 
und feine Stimme war unficher, fajt 
mweih, „Du Walpa, geh ber da. Iß 
mit mir Kaffee: er ift übrigs genug 
für allzwei.“ 

Sie ſchichtete fein Bett auf, ging 
dann in die Vorſtube und überhörte 
die Einladung. 

Erregt, indem er fih mit ber 
flahen Hand über die Stimme fuhr, 
fand der Müller vom Tiſche auf 
und fagte noch einmal in gedämpftem 
Tone: „Weib! verfoft’ mir jet den 
Kaffee! 

Die Walpa ftürzte zur Thür 
hinaus. 

„Herr Jeſu! Herr Jeſu Chriſt!“ 
ſchrie der Müller, „jetzt hat ſie mich 
vergiftet! — Jetzt bin ich hin! — 
— Du Weib! — mußt mit mir!“ 

Hinaus raſte er. Im Vorhauſe 
erfaßte er mit krampfhaft zucken— 
den Armen ein ſchweres Beil und 
ſtürzte damit der Fliehenden nach. 

Die Walpa floh über den Hof, 
floh, an Stock und Pfeiler rennend, 
durch den Wagenflur, floh in die 
Mühle — der Müller in wüthender 
Haſt, doch ſchwankend, ihr nach mit 
gezücktem Beil und ſchäumendem Mund. 
Um den Mehlkaſten noch ging der 
Beiden raſender Lauf, da erreichte 
Walpa wieder die Thür, ſchlug dieſe 
hinter ſich zu und ſtand im Freien. 

Noch hörte ſie es, wie er inner— 
halb der Thür mit einem gräßlichen 
Schrei zuſammenbrach. 

Dann ging ſie im Morgengrauen 
davon. Sie war ledig und erlöſt, ſie 
war frei. Ihr Herz jubelte, ihr Ge— 
wiſſen war leicht und licht, wie nach 
einer guten That. 





licht geworden. Walpa ging dahin und 
ſah nicht um und für jeden ihr Be— 
gegnenden hatte fie einen heiteren 
Morgengruß. 

„Wohin jo früh?“ rief ihr ein 
junger Fuhrmann zu. 

„In die Kir’, wenn Du willſt 
mitgehen.” 

„Ob, da vergehft Dich ja, Seiz— 
müllerin, der Meg führt fein Lebtag 
nicht in die Transau.“ 

„So wird er wohl wo anbers 
binführen.“ 

„Ei freilich, Freilich, Seizmüllerin, 
das ift gewiß.” 

ALS fie zur Brüde fam, wo ber 
Meg über den Fluß jegt und ein 
ſchmaler Steg über ben hier fi ab- 
zweigenden Mühlbach leitet, begegnete 
ihr eine lebhafte Schaar von Schul: 
findern. Die Erfahrung zeigt, daß 
zur Serbftzeit die Kinder viel Tebhaf: 
ter und lauter find, als in anderen 
Jahreszeiten Naturforfcher haben den 
Grund dafür in der Kühle und Dünn: 
beit der Luft gefunden. So johlten 
auch heute die Kinder hüpfend und 
muthwillig heran, nedten fi gegen: 
jeitig, jchlugen fih mit ihren Hüten, 
Hauben und Schulfäden, warfen fich 
auf die Straße hin und lachten dabei 
und kletterten auf die Zäune und 
Sträude, auf das Brüdengeländer 
aud und büpften über den Mühlfteg 
bin und ber und warfen Steine in's 
Maffer und ftießen mit Stangen in 
die Dümpfe unter den Uferrajen hinein 
und lärmten in heller Luft, wenn 
fie eine Forelle aufjchredten. Plötzlich 
ein Schrei, ein hohes Aufgitichen im 
Flufe und: „der Michel, der Michel 
ift in's Waſſer gefallen!” zeterten bie 
Kleinen durcheinander. 

Die Walpa, noch nicht weit von 


der Stelle, eilte zurüd, ſah, wie der 


Ueber dem Thale thaute ein bünner | Knabe, von dem jet nur noch ein 
Herbftnebel; neben dem Wege, auf Fuß hervorftand, im tiefen Wafler 
welchem Walpa hineilte, lagen grünende | davonrann. Ohne Bedacht ftreifte fie 
Rübenfelder und abgeweidete Wieſen, ihren Ueberrod von fi und fprang 
auf denen bie blafjen Kelche der Zeit | in den Fluß. Sie rang mit den Wellen, 
loſe ſtanden. — Allmälig war es|fie verlor allen Grund und Halt, fie 


348 


fiel um, wallte davon und verfchwand | heute ftede und daß für ben Abend 
unten, wo fih die Weidenbüfche ſchwer | auch er ſelbſt in's Wirthshaus fomme. 


und bunfel über den Fluß mölbten. 

Die Kinder fchoffen planlos um: 
ber; nur ein ahtjährig Mädchen blieb 
gefaßt und fagte zu einem andern: 
„Du, jest muß ich zum Pfarrer gehen, 
daß geläutet wird, weil der Hütten: 
baumer Michel und die Seizmüllerin 
ertrunfen find.” 

Da wand fih unten zwifchen den 
Sträuden die Walpa hervor, in ihrem 
Arm den bewußtlofen Knaben haltend, 
aus deſſen Mund ein Waflerftrom 
hervorquoll. Sie legte ihn fofort über 
der nächſten Feldplanke auf den Bauch, 
fo, dak Haupt und Füße zu beiben 
Seiten niederhingen, fie preßte alles 
Waſſer hervor und rieb feinen Leib 
— da hub der Kleine wieder an zu 
athmen. 

Bald kamen mehrere Leute zuſam— 
men und der Michel und die Walpa 
wurden unter freubiger Erregung nad) 
Transau gebradt. 

„Heut’ hat die Seizmüllerin ben 
Hüttenbaumer Buben aus dem Waller 
gezogen!” Die Kunde verbreitete fich 
bald im ganzen Thale. „Sie wäre 
felber ſchier dabei ertrunfen. Sie iſt 
aber ein Fräftiges und muthiges Weib, 
bat fih und den Knaben mit Noth 
noch herausgearbeitet. Jetzt ift fie im 
Pfarrhof unten und der Richter ift 
zu ihr gegangen und die Herren find 
alle beifammen und loben die Walpa ; 
und die Hüttenbaumerleut’ find auch 
ihon herausgelommen von ihrem Gra- 
ben und fie wiſſen gar nicht, was fie 
der Müllerin Gutes anthun follen.” 

E3 war auch fo. Die Walpa 
wollte fort; aber fie ftaf in den Klei— 
dern der Pfarrersköchin, denn Die 
ihren waren nod nicht getrodnet. 
Eine große Unruhe war in ihr, aber 
fie mußte aushalten und für den 
Abend wollte man zur eier ber Hel- 
denthat eine Unterhaltung anitellen ; 
— und dem Müller wollte man es jchon 
zu wiffen thun, wo fein braves Weib 


Da berichtete Einer, der Seizmüller 
wäre heute gar nicht daheim und dem 
lauten Klappern nah ginge auch 
die Mühle ſchon den ganzen Vormit— 
tag leer. 

„Ja, find denn ſonſt feine Leute 
auf der Mühl?” fragte man. 

Der Miühlburfhe fei vorgeitern 
davon und die Anderen wüßten nicht 
Befcheid. Auch könne man gar nicht 
in die Mühle hinein, fie ſei verjperrt 
und e3 würde doch nöthig fein, daß 
die Müllerin auf ein halbes Stünd: 
hen nad Haufe gehe. 

Als Walpa gegen die Mühle kam, 
eilte ihr eine Magd entgegen: „Sie 
folle doch nicht gar zu hart erſchrecken 
um bes lieben Gottes Willen, in der 
Mühle ſei Heut’ was gejchehen.“ 

Wortlos aber feiten Schrittes 
ging Walpa weiter. Die Thür der 
Mühle war bereit3 weit offen, das 
Räderwerk war geftillt. Nacbars- 
leute ftanden herum, ſprachen viel hin 
und ber, und als nun die Walpa 
nahte, ftellten fie fidh bei Seite und 
redeten nichts. Nur Einer trat ihr 
entgegen: „Müllerin, dieweilen Ihr 
heut’ fo wader ſeid geweſen, ift ba- 
heim Schlecht gehauft worden. — 
Kein Menſch weiß, was ihm wider: 
fahren.“ 

Er führte fie in die Mühle und 
deutete im Dunkeln hinter der Thür 
zu Boden. Dort lag, hart am Pfoften, 
der Seizmüller ftarr und tobt. 

Die Leute hatten fi herange— 
drängt, um zu fehen, wie fi das 
Weib bei dem todten Gatten geber: 
den werde. Set blidten fie fih ge: 
genfeitig an. Walpa ftand an ber 
Leiche ohne ein Zeichen des Schmer- 
zes, ohne ein Wort der Klage. Nicht 
einmal Ueberrafhung war an ihr zu 
merken. In grauenhafter Ruhe ftand 
fie vor dem Todten. 

„Da kann er nicht liegen bleiben“, 
fagte fie endlich, „die Leute ſollen ihn 
ins Haus bineintragen.” 


349 


„Nein“, verjegte einer der Männer, 
„das darf nicht geſchehen; wir müſſen 
ihn liegen laſſen, bis der Arzt und 
bie Herren vom Bezirksgericht da find.” 

„Was wollen denn bie?” fagte 
die Walpa falt, „daß er tobt ift, das 
feht ihr auch, und jo hat man nichts 
weiter zu thun, als ihn zu begraben.” 

Die Leute ftußten. 

„Der liegt Schon lang’ da hinter 
der Thür”, bemerkte ein Bauer, „viel 
leicht jeit früh, da die Müllerin 
jelber noch in der Mühl’ gemefen ift!” 

„Leicht fieht fie ihren todten Mann 
jegt nit das erftemal”, fagte ein 
Anderer. 

„Das Schaut feltfam aus.” 

„Die zwei Leut' Sollen fich ja 
jpinnefeind gewefen fein.“ 

„3 geht nicht recht her.“ 

„Am Ende hat fie ihn umgebracht“, 
warf Einer ein. 

Sie fonnte e8 gehört haben, that 
aber nichts besgleichen. 

Da ftellte fih Einer vor fie hin 
und rief: „Du, Müllerin, viel wett’ 
ih nicht, Du haft was angejtellt !“ 

„IH?“ verjegte fie mit den Au: 
gen zudend, „was kann ich denn an- 
geftellt haben?” 

„Wird fich weiſen!“ — 

Spät Abends kamen Werzte und 
Herren vom Gericht. Sie jahen zu: 
erft die Leiche des Müllers und be: 
Ichrieben, wie fie lag hinter ber 
Thür. Sie fagten: „Es läßt ſich 
ziemlich fiher conjtatiren, daß er eines 
natürlichen Todes nicht gejtorben ift.” 
Die Herren vom Gericht gaben Wei— 
jung, daß fofort das Haus bewacht 
werben folle, jo daß niemand dasſelbe 
verlaffen könne. Hierauf ftellten fie 
eine Bank mitten in der Mühle auf, 
legten die Leiche auf diejelbe hin und 
ließen mehrere Spanlunten anzünden. 
Friſch mit dem Meffer machten fie 
fih daran. Ziemlich wortfarg ging 
die Arbeit vor fih, nur mandhmal 
ein furze3 Gemurmel, ein verftänbniß- 
voller Blick. 


Nah kaum einer Stunde war’ der 
zerriffene Körper mit einem meißen 
Tuche bededt. 

Die Herren begaben ſich — es 
war ſchon Mitternacht — in die Stube 
der Müllerin. Diefe lag angefleibet 
auf dem Bette und barg ihr Geficht 
in das Kiffen. Man rüttelte fie auf. 
Sie ſtrich fih mit Haft die Haare 
aus der Stirne und ftarrte ben 
fremden Männern ind Geficht. 

Einer von dieſen erhob feine 
iharfe Stimme und fagte: „Euer 
Mann, der Seizmüller, ift dur Ar- 
jenif vergiftet worden.“ 

„So?“ antwortete fie, „dann hat 
er Rattengift gegeifen.” 

„Man bat ihm das Gift in ben 
Kaffee gethan!“ 

„— Wer wird ihm denn das Gift 
in ben Kaffee gethban haben”? fagte 
fie dumpf. 

„Es iſt alles bemwiefen. Hier ift 
der Reſt in der Kaffeefchale, die ihr 
ihm jelbit vorgefeßt habt. Euch Hilft 
gar nicht3 mehr, Seizmüllerin, gefteht 
es nur, ihr habt Euern Mann ums 
gebracht.“ 

Da fuhr die Walpa zufammen, 
ein wilder Krampf jchien durch ihr 
ganzes Weſen zu toben. Die Männer 
ftanden bewegungslos da und blidten 
fie an. Nun löfte fi allmälig bie 
grauenhafte Starrniß, ihre Arme 
janfen auf den Schoß und fie hauchte: 
„Da — da bin ih. Hab's ja gewußt, 
diefe Ehe bringt mid noch auf den 
Galgen.“ 

Am nächſtfolgenden Tage iſt ſie 
dem Gerichte überliefert worden. 


* 
* * 


Zange ließ man die Seizmüllerin 
nicht in ihrem Gefängniffe. Wozu ſoll 
der Staat ein ſolches Wejen noch 
füttern? hieß es. 

Eine Woche vor dem Allerheiligen— 
feſte, zur Zeit, da in der Gegend die 
lautluſtigen Kirchweihen abgehalten 
wurden, führte man die Walpa in 
den Gerichtsſaal. Da ſtand fie vor 


350 


dem grünen Tifhe, auf dem das 
Kruzifir und zwei rothe Kerzen ragten. 


F 
Hinter dem Tiſche ſaßen die Richter. darmen ſtanden, 


Nicht weit von der Sünderbank 
Walpa, neben welcher zwei Gen— 
wieder an einem 


Links davon auf einer Doppelbank eigenen Tiſchchen, ſaß endlich ein ganz 


waren zwölf Männer, theils in ſtäd— 
tiſcher, theils in ländlicher Kleidung. 
Walpa ſah Bekannte darunter. Da 
war der Thorhofbauer, der ihr einſt 
zur Heirat mit dem Seizmüller ge— 
rathen, da war der Erlsberger, der 
ihr auch nicht abgeredet hatte. Neben 
dieſem ſaß der Kaufmann von Salg: 
ftein, der ihr das Nattengift verkauft 
hatte; nicht weit von dieſem ber 
Hammerſchmidt, welcher ihr mehrmals, 
fie bedauernd, zu verftehen gegeben, 
der wilde Seizmüller würde fie noch 
eine? Tages todtichlagen, jo wie er 
fein erſtes Weib todtgejchlagen habe. 
Und endlich jaß noch Einer unter den 
ernfthaft dreinichauenden Männern, 
bei deſſen Anblif der armen Walpa 
das Herz weinte. Es war ber einftige 
Poftillon, der Blafius Steiger — nun 
ſchon glücklich verheiratet — es war der 
Mann, an den fie Liebend und fehn: 
juchtsvoll jo oft gedacht hatte. — Das 
waren jegt ihre Richter, die Gefchwornen. 

Rechts vom grünen Tiſch, vor 
einem Pulte ſaß auch ein Bekannter, 
Es war jener Herr, den die Walpa 
ſchon zweimal gejehen hatte. Das erfte- 
mal vor etlihen Jahren, no im 
Wieſenwirthshauſe; das zweitemal 
ſpäter oben auf dem Zinken bei der 
Kapelle und bei den Zirben. Er 
hatte damals Manches zu ihr ge— 
ſprochen, woran ſie ſeither oft und 
oft gedacht, er hatte ihr ja einen ganz 
neuen Lebensweg vorgeſchlagen — „er 
hätte es gewißlich gut mit ihr ge— 
meint”. 

Heute trug er einen jchmarzen 
Frad, deſſen Aufſchläge mit filbernen 
Borten und Knöpfen geziert waren. 
Er warf nur ein paar furze Blicke 
auf die Angeklagte hin, blätterte dann 
eifrig in den Schriften und Büchern, 
die vor ihm lagen und jchrieb zu: 
weilen mit dem Bleiftift etwas auf 
ein Blatt. 


fremder jchwarzgefleideter Mann mit 
dunklem Vollbarte und blaffem Ge: 
fiht. Auch der hatte ein Buch vor 
ſich liegen, doch ftülpte er fein Haupt 
auf den Elbogen und ftarrte vor ſich 
in das Leere. 

Walpa ſah nicht um, merfte aber 
feiht, daß hinter ihr eine große 
Menſchenmenge verfammelt war. Diefe 
flüfterte und war unruhig und fonnte 
den Beginn der Berhandlung faum 
erwarten. 

Endlich begann das Verhör. Der 
Richter fragte die Angeklagte, was 
fie veranlaßt habe, ihren Mann aus 
dem Leben zu jchaffen. 

„Ich habe mir nicht anders zu 
helfen gewußt“, antwortete die Walpa. 

Hierauf wurde Punkt für Punkt 
erörtert, von der Werbung des Geiz: 
müller8 bi8 zu deſſen Xobe, Die 
Miphandlungen und Rohheiten, die 
fie zu erdulden gehabt, ihre Verjuche, 
von ihm loszufommen, ber Feimende 
und wachſende Gedanke endlich, ſich 
dur) das legte Mittel von ihrem 
Peiniger zu befreien. 

Malpa gab auf die Fragen, die 
ihr geftellt wurden kurze, aber ent: 
jchiedene Antworten. Eine befonbere 
Aufregung war an ihr nicht au merken, 
und als fie der Richter fragte, ob 
fie denn feine Neue empfinde, die 
That begangen zu haben, die ihr 
Lebensglüd, vielleicht ihr Leben ver: 
nichtet habe, antwortete fie: „Es ift 
nicht möglich, daß es noch jchlechter 
mit mir wird, als es gemejen ift.“ 

Nah alldem und Anderem begann 
fih der Mann zu rühren, der rechts 
vom Richtertiich bei feinen Schriften 
ſaß und während des Verhörs immer 
in feinem Buche geblättert hatte. Er 
erhob fi nun, und derjelbe, der jeiner- 
zeit im Gebirge zu Walpa gejagt 
hatte: dieſer Seizmüller muß eine 
elende Kreatur jein, von dem mußt 


351 


du bich befreien, — begann nun eine 
Rede zu Halten, in welcher er die 
Guttenmörderin mit den ſchärfſten 
Morten anflagte und jeden Erſchwe— 
rungsgrund angelegentlichit hervorhob. 
Und feine Rede jchloß er mit folgen: 
den Worten: „Sie jehen alfo, meine 
Herren, daß bier ein Langgeplanter, 
zielbemwußter, meuchlerifher Gatten: 
morb vorliegt. Das ſchwärzeſte Blatt 
in den VBerbrecherannalen heißt Gatten: 
mord. Dieſes Verbrechen richtet die 
Familie zu Grunde und erjchüttert 
dadurch die Grundfeften des Staates. 
Ferner müflen Sie erwägen, wie tief 
verborben ein Weib fein muß, das 
im Stande ift, gerade jenen Mann 
auf die graufamfte Weife zu tödten, 
ber fie al3 die Kiebfte erforen, dem 
fie ewige Treue geichworen, ber fie 
zur geachteten Stellung der Frau er: 
hoben hat, der ihr Ernährer und Be- 
Ihüger war. Sie haben gejehen, wie 
die Angeklagte gerade in der größten 
Berlegenheit eines zerrütteten Haus: 
weſens, ich möchte jagen, als Bettel- 
dirne von dem Seizmüller aufgenom: 
men morden ijt, wie der Seizmiüller 
ihren Batter gewifjermaßen vor bem 
Untergange gerettet hat. Wer folche 
Wohlthaten mit dem Giftbecher Lohnt, 
der verdient das Leben nicht. — Ad 
babe mich ſehr nach Milderungsgrün: 
den umgejehen, denn der Staat, wel: 
hen bier zu vertreten ich bie Ehre 
habe, kennt Feine härtere Aufgabe, 
al3 einen feiner Bürger vom Leben 
zum Tode bringen zu müffen. Es 
mögen in den Fall allerbing® Um: 
fände hineinjpielen, welche Sie, meine 
Herren, zur Milde ftimmen könnten ; 
aber prüfen Sie ftrenge! Selbit ein 
Mann, der Brot entwendet, weil feine 
Kinder hungern, wird verurtheilt. Was 
bier vor ung liegt, ift ein faltberedh- 
neter Gattenmorb, und die vollftändige 
Reulofigkeit, weldhe Sie auf dem Ge- 
fihte der Angeklagten leſen, fie gelte 
Ihnen mehr, als alle Erſchwerungs— 
gründe, ſie mahne Sie, durch ein ge— 
rechtes Urtheil weitere Verbrechen zu 


verhüten. — Was Ihnen etwa noch 
geſagt werden mag von Menſchlichkeit 
und Milde, ſo bedenken Sie, meine 
Herren Richter aus dem Volke, daß 
Sie nicht geſchworen haben, hier Ver— 
brechen zu verzeihen, ſondern dieſelben 
nach Gerechtigkeit zu beſtrafen. Laſſen 
ſie ſich durch falſche Gefühle zu einem 
milden Urtheile beſtimmen, wohlan, 
ſo geben ſie allen Ehefrauen, auch den 
Ihren, meine Herren, das Anrecht, 
ſich ihrer etwa unbequemen Gatten 
durch ein übelgewürztes Frühſtück zu 
entledigen. Ich verliere weiter kein 
Wort, ich verlange für die Gatten— 
mörderin Walpurga Wiesamer den 
Tod durch den Strang!“ 

Nach dieſen Worten ließ ſich der 
Staatsanwalt mit faſt gleichgiltiger 
Miene nieder auf ſeinen Sitz und 
ergriff eine Bleifeder, um damit zu 
ſpielen. Walpa richtete ihr großes 
Auge auf dieſen Mann, der, wie ſie 
ſah, da war, um ſie zu verderben. 
Sie bewahrte auch jetzt noch ihre 
Ruhe, nur fuhr fie fih mit dem 
Hermel einmal über die Stirne. Sie 
erwartete nun von dem Richter das 
Urtheil. Diejer aber ſagte falten Tones: 
„Der Herr Bertheidiger.” 

Sofort erhob fih der jchlanfe, 
blafje Mann, welcher in der Nähe der 
Angeflagten feinen Plag hatte, und 
blidte zuerjt mit befümmerter Geberbe 
die Nichter und die Gejchwornen an. 
Plötzlich nun ſchoß ein Leuchten aus 
jeinen Augen und er begann anfangs 
in etwas beißender, dann in warmer 
Betonung fo zu fprechen : 

„Meine Herren Richter! 

Der Herr Staatsanwalt hat ſich 
Mühe gegeben, mir, dem Sie um 
Milde und Menfchlichkeit Bittenben, 
Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch 
erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen 
gar nicht bedarf, daß ich in dieſem 
heutigen Falle nur Ihre Vernunft ans 
zurufen brauche, um eine Unglüdliche 
zu retten, die erbarmungslos in den 
Tod geftürzt werden joll, weil fie in 
der Nothmwehr ihren größten Feind ges 


352 


töbtet hat. — Nie noch ift mir mein ſchen vermählt. Walpurga hatte ben 


Fürſprecheramt leichter geworben, als 
heute, da die Verhandlung jo Har 
und deutlich gezeigt hat, daß weder 
Böswilligkeit noch ſchmutziger Eigen- 
nuß, noch ein anderer Zug eines 
ſchlechten Charakters die begangene 
That verurfaht hat. Lediglich die 
Liebe zum nadten Leben hat biejes 
Meib auf die Sünderbank geftoßen. 
Und wer, meine Herren Gejchwornen, 
wer wollte nicht leben! Lebenwollen 
ift ein Naturgefeß, deſſen fich ſelbſt der 
binfällige Greis nicht entjchlagen kann, 
geſchweige denn ein warmes Blut 
von fiebenundzmwanzig Jahren. Sie 
haben ja gehört, wie entjeglich ber 
Seizmüller jein Weib gequält hat, 
wie er fie beiſpielsweiſe wochenlang 
in einer finftern Kammer gefangen 
bielt, wie er fie ſchlug und der Un: 
treue und Unreblichkeit zieh, während 
er gewiſſenlos alle Rechte der Frau 
mit Füßen trat. Sie finden in bem 
Charakter des Mannes nit einen 
lihten Punkt; er war ein ganz jchlech- 
ter Menſch, deſſen empörende Roh— 
heiten durch nichts zu entſchuldigen, 
die für ihn ſelbſt zwecklos waren und 
ſogar für den Pſychologen abſtoßend 
und völlig intereſſelos ſind. Sie haben 
gehört, wie dieſer Wütherich ſeinem 
ſanftmüthigen Weibe wiederholt mit 
dem Todtſchlagen gedroht. Der Seiz- 
müller hätte jein Wort gehalten. 
Hätte die Malpurga, nachdem Alles 
vergebend gemwejen, fih von ihrem 
Folterfnechte freizumachen, das Los 
ihrer Vorgängerin theilen ſollen? Oder, 
im beſten Falle, meine Herren, ſagen 
Sie ſelbſt, ob es für ein junges, lebens— 
beiteres Weib möglich ift, neben einem 
Menſchen, wie diejer Seizmüller war, 
zu eriftiren? Und bie freunde, an die 
fie fi gewendet in der Noth, haben 
fie verlaffen, ja, haben ihr ſelbſt viel: 
leicht den Gedanken des einzigen, legten 
Mittels beigebracht. Lag es doch offen 
da: dieſe beiden Menſchen mußten 
gejhieden werben. Sie waren ja nicht 
vor Gott, fondern nur vor den Men- 


Müller nicht geliebt und nicht ermählt ; 
nur ein Opfer war ihr Entichluß, 
den Mann zu nehmen; dieſes Opfer 
bat fie ihrem verzweifelten Vater ge: 
bracht. Aus einer Tugend, aus der 
Kindesliebe, ift diefe That entiprungen, 
die vor der Welt nun als Verbrechen 
gelten fol. Sie haben bei der Unter: 
juhung gejehen, meine Herren Ge: 
ſchwornen, welche Kämpfe das arme, 
einfame Frauenherz durchgerungen hat, 
bi8 es dem Dämon der Natur unter- 
legen ift. Wie unfagbar fie, die wohl— 
erzogene und gefittete Frau, gelitten 
haben mag, das Täßt fich freilich in 
einer Unterfuhung nimmer zeigen. ch 
fage abfihtlih, die mohlerzogene, ge: 
fittete Frau, denn im vorliegenden 
Falle hat der PBertheidiger wahrlich 
nicht nöthig, auf die beliebten Milbe- 
rungsgründe einer ſchlechten Erziehung 
binzumeifen. Auch Unzurehnungsfähig- 
feit und Srrfinn mag ich gerne ent: 
behren, denn meine Glientin hat logisch 
und fo gehandelt, wie fie handeln 
mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte 
mit größerer Intelligenz oder mit 
weniger Ehrlichkeit begabt, fie wäre 
nicht in’8 Criminal gekommen, fie hätte 
leicht Mittel gefunden, den Verdacht 
eined Mordes von fich abzulenken ; 
und der Seizmüller wäre vor den 
Augen der Welt eines jähen Todes 
geftorben, wie auch deſſen erftes Weib 
eines jähen Todes geftorben fein fol. 
Daß aber die Angeklagte ihre That 
nicht einen Augenblid geleugnet hat, 
daß fie jelbft in diefer Stunde noch 
ruhigen Gemüthes dafteht, das beweilt: 
ihr Gewiſſen klagt fie nicht an, 
der ftrengfte Richter in der eigenen 
Bruft klagt fie nidt an! — Und 
fällt e8 Ihnen nicht auf, meine 
Herren Gejhmworenen, daß die Vor: 
jehung durch einen Zufall dem armen 
Meibe, wenn nicht ihre Beiftimmung, 
fo doch ihre Gnade geoffenbart hat? 
Walpurga hat in derjelben Stunde, 
ba ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem 
andern Hoffnungsvollen Menjchen das 


353 


—— ⸗—— — 


Leben gerettet. Wollen Sie, meine 
Herren Richter, den Tod mit dem 
Tode beſtrafen, ſo müſſen Sie auch 
das Leben mit dem Leben belohnen. — 
Wenn mein geehrter Herr Vorredner 
behauptet hat, Sie gäben durch ein 
mildes Urtheil Ihren Frauen das An— 
recht auf eine gleiche That, ſo ſage 
ich: das, was Sie an dieſer Frau 
ſtrafen, verſchulden Sie in demſelben 
Augenblicke in einem viel höheren 
Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, 
jo ſchwören Sie moralijch zur Tyran- 
nenherrichaft des Ehemannes und be: 
gehen einen Verrath an den Frauen. 
Ya, um es kurz zu jagen, fie begehen 
einen Verrath an fich jelbit, an der 
Menichheit und Menjchlichkeit, wenn 
Sie nah dem ftarren Buchitaben ein 
bedrängtes Herz mit dem Tode richten, 
das den Tod nicht verdient. Und wenn 
Sie, meine Herren aus dem Volfe, 
im Pharifäerftolge das Schulbig fällen, 
dann fteige mit der armen Walpurga 
Miesamer auch noch mand)’ Anderer 
mit hinauf zum Schaffot, dann Iprechen 
Sie ein Schuldig über Alle, die mit 
ihrer ganzen Kraft um's liebe Dajein 
fämpfen. — Nein, meine Herren, Sie 
fliegen aus dem Herzen des Volfes 
empor zum Nichterjtuhle, und Ihre 
Stimme ift Gottes Stimme. Gott ijt ge: 
recht und gütig und barmberzig, — 
feien Sie es auch, und laſſen Sie 
dieſes Meib, das bisher nichts vom 
Glüde der Erde genofjen, das mit 


heißer Lebensſehnſucht im Auge ftumm | 


Sie anfleht — laffen Sie e3 leben!“ 


einer langen, ernften Reihe aus dem 
Saale in das Nebengemad. 

Und nun berrichten im Gerichts: 
jaale jene für das Publikum jo auf: 
regenden, für den Angeklagten jo gräß: 
lihen Minuten des Schwanfens zwijchen 
Freiheit und Kerker, zwiichen Leben 
Sterben. Staatsanwalt und Vertheidiger 
ſaßen ‚anjcheinend ruhig auf ihren 
lägen, ihrer Morte Frucht gemärti- 
gend. Der Richter ſaß zurüd in feinen 
Seſſel gelehnt und ſchloß halb die Augen. 
Die Angeflagte fauerte auf ihrer Bank 
und bewegte ſich nur ein wenig, To 
oft fie tiefen Athem jchöpfte aus ihrer 
Bruft. Ihre Züge waren wie die Wand 
jo blaß. Einen umflorten Blid that 
fie gegen das Fenfter hin, zum hellen 
Sonnenjchein. — Diejes liebe goldene 
Licht! oder die ewige Naht! — 
Welches ſoll nach menschlicher Sagung 
num ihr Antheil jein? — 

Endlih ging die Thür auf und 
in einer ernften Reihe, wie fie hinaus: 
geſchritten waren, jchritten die zwölf 
Geſchworenen wieder in ben Saal und 
nahmen Platz in ihren Bänken. 

Dann wurde das Verdict der Ge: 
Ihwornen verkündet: Auf den Antrag, 
Ihuldig zum Tode durd den Strang, 
hatten eilf Stimmen mit Ja, eine mit 
Nein geantwortet. 

Walpa hatte e8 gehört. Sie richtete 
jih auf und mit feiter Stimme ſagte 
fie: „Ich bitte nur um Eins. Lapt 
mir’? willen, welcher hat mir das 
Nein geſchenkt?“ 

Keine Antwort. Finfter blickten 


Erjchöpft war der Sprecher zurüdige: | Nichter und Geſchworne drein. Nur 


junfen auf den Stuhl. Auch die Walpa | Blafius Steiger, der einftige Burfche 
ließ fich nieder auf ihre Bank, In mit dem Poſthorn, ſchlug fein Auge 
ihrem Auge ftand eine ſchwere Thräne. | nieder und wurde roth und blaf. 

Der Vorſitzende fragte die Ange: Walpa jah es und aufathmend, 
klagte, ob fie irgend noch was zu be: | hell wie im Jauchzen rief fie das 
merken habe. Sie verneinte mit einem | Wort: „ch hab's gewußt, er kann 
Niden des Hauptes. So erhoben fich | mich nicht verdammen. Nun habe ich 
nun die Gejchwornen und fchritten in | gelebt, nun will ich fterben!” 


Rofengers „Heimgarten‘‘ 5. Hefl. 23 


354 


Altdeutfhe Bilder. 


Bon R. 3. Schröer. 


Ein Mutterfegen. 
In alten, alten Zeiten ftand 
Ein Mütterlein an Bergesrand. 
Und unten zog ein junger Deld, 
Ihr Sohn, fort in die weite Welt! 


"Ihr war, fie wußte felbft nicht wie, 
Da fiel fie nieder auf die Knie. 
Und, wie fie ihn fah ferne zieh'n, 
Hob fie die Hände über ihn: 


„Ich hau Dir nach und jende Dir 
Mit jeder meiner Hände Dir, 

Mit jeder Hand fünf Fingern mein, 
Dir fünfundfünfzig Engelein! 


„Daß Bott Dich einft mit gutem Glück 
Mir wieder jende heil zurück; 

Er öffne Dir das Freuden Thor 

Und ſchließ vor Dir der Leiden Thor, 


„Er jei vor Dir und binter Dir 
Und ober Dir und unter Dir!“ 
Und wie fie ſprach jo inniglich, 
Verklärten ihre Züge ſich. 


„Und wo Du wallef, wo Du eilt, 
Sei Frieden mit Dir, wo Du weilit, 
Sold Frieden, wie er war beitellt, 
Da unfer Seiland kam zur Welt !“ 


Der Mutter Segen zog mit ihm 
Mie Seraphim und Cherubim ; 

In Glück und Unglück ibn umtreift 
Der Mutter liebevoller Geift. 


Dod als nad) Iahren ihn das Glück 
Führt! in die Heimat heil zurüdt, 

Da wurde ihm das Herz jo ſchwer, 
Da ftand der Mutter Hüttlein leer! 


Sie lag im ftillen Grab allein, 
Bededt von einem ſchlichten Stein. 
Da kniete lang im Abendwind 
Der beimgefehrte Mann, ihr Kind, 


Die Brave Htiefmutter. 
(Motiv eines Poltsliedes.) 


„3wo Sonnen ſah idy am Simmel ftebn, 
Ich ſah's mit bangem Muth, 

Und vor eurem Fenſter eine Fahne weh'n, 
Da ſchoß mir zum Herzen das Blut.” 


„Ad Dirnlein, liebes Dirnlein mein, 

Mit den Wangen fo frifc und roth: 

Zwo Sonnen nidt fünnen am Simmel jein; 
Die Fahne mir kündet den Tod! 


„Verlaffen muß ich, jo ift mir's beſtimmt, 
Meinen Deren und die Waislein mein; 
Mein Herr dann Dich zur Gemahlin nimmt, 
Du wirft feine Hausfrau jein 


„Und wenn Du wirft jeine Dausfrau jein, 
Und wenn Du recht glücklich bift, 

So thu' an meinen Waislein Bein, 

Mas gut und was menfdlich iſt! 


„Wenn Du Deinen Kindern gibit weißes Brod, 
Gib audy meinen, wenn ſchwarzes aud nur; 
Wenn Du Deinen Kindern gibjt Wein fo rotb, 
Gib auch meinen, wenn Wafler auch nur! 


„Und jchüttelft Du Deinen das Federbett 
Und find fie recht frifch und froh: 
Gib aud meinen Raum zur Lageritätt‘, 
Gib ihnen, wenn aud nur Stroh!“ 


Die Frau ift geftorben, der Herr, er nahm 
Das Pirnlein, das junge Blut. 

Doch als fie jelber Kinder bekam, 

Da that fie menſchlich und gut: 


Den Waislein gab fie das weiße Prod, 
Den eig'nen das jchwarze nur; 

Den Waislein gab fie vom Wein jo rotlı, 
Den Eignen vom Wafler nur. 


Den Waislein gab fie ein Federbett, 
| Da waren fie frifh und froh! 

‚Den eignen gab fie zur Lagerftätt 

| Auf der Erde ein Schäublein Strob. 


| Da jpridt eines Tages der Herr zu ihr; 
„Du liebe Hausfrau mein, 
‚Mas gibft Du nicht gleich, o ſage mir, 


All unſern Kindelein ?" 


Das Pirnlein kömmt zur Frau hinein, 
Der Morgen dämmerte faum: 
„Ach Arauchen, liebftes Frauchen mein, 
Wer deutet mir den Traum ? 


„Deine erſte Frau mid bat, wenn Du 
‚Mein Ehgemal einft bift: 

Daß ich an ihren Kindern thu' 

Mas gut und menjchlich iſt!“ 


355 


Das Porträt. 


Der Bejuch der kleinen Refibenz: 
ftabt hatte mich einen ganzen Tag 
feitgehalten. Der Hofgarten mit jeinem 
Belvedere, von dem man die Ausficht 
auf die dunfelblauen Berge bat, ber 
fleine, von Trauerweiden beichattete 
Tempel am Teiche mit feiner Statue 
der Penelope als PBerionification der 
Gattentreue, das fleine Theater, wo 
einjt mythologische Allegorien und fran: 
zöſiſche Paftorale aufgeführt wurden, 
fie gaben Stoff genug zur Betrachtung. 
Ich belebte mir die verlaffenen Räume 
mit den Gejtalten der Hofherren in 
der Puderperrücke und der goldbetreften 
Roquelaure, die mit leicht tänzelndem 
Schritt die großen Bandroſen ihrer 
Schnallenſchuhe zeigen, mit den Ge: 
jtalten der Hofdamen in baujchiger 
Robe, die auf ihrer hohen Fontange: 
frijur den feinen Schäferhut tragen. 
Ich wandelte im Geijte in der Zeit 
des Nococo. 

Eine Allee von uralten Platanen, 
der Gartenjcheere längft entwachjen, 
führt zu einem ſeltſamen eliptijchen 
Bau: dem Gartenjaal. Ich ließ mir 
ihn aufjperren. Statuen ftehen umher 
in den Nifchen, bier Pan mit der 
Flöte am Munde, hier Paris mit der 
phrygiſchen Müte auf dem feinen 
Köpfchen, hier Frau Venus mit ihrem 
Söhnlein, hier die Göttin der Yagd 
mit der Hinde. Schwarze Neger: 
könige mit Federfronen tragen bie 
vergoldeten Leuchter, auf denen ſonſt 
Gruppen von Wachskerzen geſtanden, 
ein ungeheurer Kronleuchter hängt 
von der mit reicher Stuccatur ge: 
ihmüdten Dede herab. Alles ift 
wohlerhalten, aber verblaßt und er: 
ftorben, ein jeltjamer Modergeruch 
erfüllt den Raum. Gerade fünfzig 
Jahre iſt's her, daß diejer vom Groß: 
vater des jetzt regierenden Herrn er: 
baute Saal das legte Feſt geſehen 
hat. Seitdem iſt er verſchloſſen geblie- 
ben, fein Sonnenjchein ift mehr hineinge: 


|drungen, fein Kerzenglanz hat ſich in den 
ovalen Trumeaur wiedergejpiegelt. 

Die Geſchichte aber, weshalb er 
jeit jener legten Feſtnacht geichloifen 
gehalten wurde, hat fih noch in der 
ı Erinnerung einiger alten Leute erhalten. 

Ich gebe fie einfach, ohne Aus: 
ihmüdung wieder. 


I 


Franzisfa von Marwitz hatte fich 
faum ein Jahr nah ihrer er: 
beiratung auf eine traurige Reife 
begeben müſſen. hr junger, vor 
furzem noch blühender Gemahl war 
an einem jchleichenden Leiden erfranft, 
die Nerzte meinten, daß nur von einem 
milden Klima Heilung erwartet wer: 
den könne. So lebten die Gatten 
einen Winter in Venedig. Aber bie 
Krankheit ſchritt ohne Stiljtand vor: 
wärts, der Tod raffte den jungen 
Mann dahin und ald Witwe von zwan: 
zig Jahren kehrte Franziska in die 
Heimat zurüd. 

Die beiden Gatten hatten ſich 
unausiprechlich geliebt. Vor dem Schei- 
den loderte die Leidenſchaft in beiben 
Herzen noch einmal fo hoch auf. Es 
mar nur eine freie Neußerung ihres 
Schmerzes, dab Franzisfa am Bette 
des Sterbenden das Gelöbniß ablegte, 
dem Geliebten noch über dag Grab 
hinaus die Treue zu bewahren und 
fih nie wieder zu vermählen. 

Drei Jahre hindurch hatte fie 
jede Freude, jede Zerftreuung ge: 
flohen und war nicht zu bewegen ge: 
weien, ihr jchwarzes Witwenfleid ab- 
zulegen. Wilft Du denn, fragten fie 
täglich ihre Verwandten, Dein junges 
Leben ganz vertrauern? Meint Du, 
daß die Todten darum willen, ob wir 
Ihwarz dahergehben? Du haft lange 
geweint, es jei genug. Du haft genug 
Freuden an Dir vorüberziehen lafjen, 
es ijt Beit, wieder zur Welt zurüd: 
zufehren, 





28* 


356 


Franziska hatte gegen das Männer: 
geſchlecht die größte Gleichgiltigkeit 
bewahrt. Nun näherte fich ihr ber 
Fürft, ein Schöner, noch junger, lediger 
Mann. Er machte ihr zuerjt von acht 
zu acht Tagen einen Beſuch, nun 
bewog er fie, ind Theater zu gehen 
und ſich ein ernſteres Stüd anzujehen, 
er zeigte fi dann unfehlbar in ihrer 
Loge. Das gab viel zu reden in ber 
Refidenz, denn noch feiner anderen Dame 
war bieje Ehre widerfahren. 

Der Fürft verbarg feine Gefühle 
nit. Er ſagte wiederholt zu feinen 
Freunden: Es gab nie eine liebens— 
werthere Frau, als Franziäfa von 
Marwig. Ich würde mich glücklich 
Ihägen, wenn fie meine Hand annähme. 
Sie erfuhr dieſe nicht unabfichtlich 
fallengelafjenen Aeußerungen; aber fo 
oft der Fürft ihr näherrüden wollte, 
war's, als träte ein Hinderniß zwi— 
jhen Beide: der Todte, dem fie die 
Treue überd Grab hinaus gelobt. 

Indeſſen konnte die treue Anhäng- 
lichfeit und warme Verehrung eines 
jo waderen Mannes wie der Fürft 
war, ihren Eindrud auf das Herz 
der jungen Witwe doch nicht ver: 
fehlen. Frau von Marwitz zeigte an, 
daß fie dieſen Winter bei ben Hof: 
feften erfcheinen werde. 

Sogleih fagte der Fürft ein 
coftümirtes Ballfeft an, um den Ein: | 
tritt würbig zu feiern. 

Alles was die Stadt und bie 
Umgegend an vornehmen und vor: 
züglihen Perſönlichkeiten befaß, war 
geladen worden. Der eirunde Garten: 
jaal war mit den fchönften Gewäch— 
jen der fürftlihen Treibhäuſer ge: 
Ihmüdt, der mächtige Kronleuchter 
ergoß jein Licht auf ein Gebränge 
von frohen Gäften, unter denen die 
reizvolliten Frauen nicht fehlten, Die 
Ihwarzen Negerfönige mit den Feder— 
fronen hielten ihren Strauß von 
Wachskerzen gleihjam in heiterer 
Dienftbarfeit empor... ALS Frau 
von Marwitz, die Königin des Feſtes, 
den Saal betrat, fiel die Mufik mit 


einem feitlihen Jubel ein. Das Be: 
wußtjein, daß das Feſt ihr gelte, 
machte fie ftolz und gab ihrem fonft 
jo ernten Gefichte einen heiteren Zug. 
Aber fie hatte kaum einige Schritte 
vorwärts gethan, als fie jtodte. Sie 
fühlte fih genirt in ihrer Robe von 
carmoifinfarbener Seide und bewegte 
fih nur wie ſcheu. 

Der Eintritt zahlreiher Masten 
jteigerte indeß die laute Heiterkeit 
ber Gäſte. Es wurde nach dem Takte 
der Mufif eine Promenade burch den 
Saal ausgeführt. Die ganze Geſell— 
ihaft 309 in den abenteuerlichiten 
Schlangenwindungen paarweije dahin, 
Franzisfa am Arm des Fürjten. 

Der Fürft hatte feine Dame eben 
verlaffen und die Muſik jchwieg, als 
eine männlihe Maske in jchwarzer 
Kleidung an Frau von Marwig heran: 
trat. Die Maske hatte kaum einige 
Worte mit der jchönen Frau gewech— 
jelt, als fie ein goldene® Medaillon 
aus der Bruft 309. Dabei ftreifte der 
hwarze Ritter den Handſchuh ab, 
er drückte eine Feder und hielt der 
Dame ein Miniaturporträt entgegen. 

Die Wirkung war eine jchredliche. 

Frau von Marwig war augen: 
blicklich ohnmächtig geworden und 
wurde todtenblaß und bemwußtlos von 
den Armen der Umftehenden aufge: 
fangen. 

Ein Bild des Schredens, eilte der 
Fürſt herbei. 

„Einen Tragjeffel!” hörte man 
ihn rufen. 

Man ſah fich beftürzt an, man 
jtellte fich in Hundert Formen die Frage 
wie das gelommen? Niemand wußte 
eine Erklärung. Man fuchte nun den 
ſchwarzen Ritter, den Unheilftifter. 

Aber er war verſchwunden. 

Bald darauf hörte man einen 
Wagen rafjelnd davonfahren. Es war 
die Hofequipage, die Frau von Mar: 
wig nad Haufe brachte. 

Der Ball hatte ein rafches Ende 
gefunden. 


— 


357 





I. 

Als Frau von Marwik langiamı 
unter der Obhut ihrer Tante zu fich 
gefommen war, erzählte fie Folgendes: 
„Du weißt Doch wie alles war. Der 
legte Tag war gefommen, die Nacht, 





von ber ich nicht wußte, daß fie bie 
legte fein jolle. Ich hatte ein wenig 


meinen Schwur gemahnt. Ich darf 
den Fürften nie mehr jehen.“ 
Troftlo8 verließ der Fürſt das 
Haus, ohne Franziska gefehen zu haben. 
Während man die Kranfe zu Bette 
brachte, ſprach der Medicinalrath mit 
den Angehörigen. 
„Wir haben es“, fagte er, nachdem 


geichlafen. Da ließ mich Marwig rufen. |er deren Erzählung angehört, „mit 
Ich trat an's Bett. Seine Augen einer ftarfen Nervenerjhütterung im 
erfannten mich nicht mehr, wohl aber | Folge eines gehabten Schredens zu 
noch da3 Medaillon mit dem Porträt, |thun. Doch an der Heilung der Pa: 
das er in Venedig hatte malen laflen. |tientin wird dem Bolizeidirector ein 
Er hatte es während feiner Krankheit ebenſo wichtiger Antheil wie dem Arzte 
nie von fich gelaffen, er 309 e8 immer |zufallen. Die Sade it far. Man 
wieder aus der Bruft hervor und hat das Grab des Herrn von Marwitz 
blidte e8 an. „Ich habe eine Bitte beraubt und das Medaillon wieber 


an Dich“, flüfterte er, — ad, mit 
welcher Stimme, jo hohl — jo klagend 
— „es ijt mein legter Wunſch, Du 
wirft mir ihn erfüllen. Laß mir dies 
Medaillon, gib es mir in's Grab 
mit...” Ich verjprad es ihm. Er 
wollte mir danfen, feine Stimme ver: 
jagte den Dienft, aber ich fühlte den 
Drud feiner Hand. E3 fam ein letter, 
furchtbarer Anfall und er erlebte den 
Tag nicht mehr.“ 

„Run, und“ — 

„Nun, das Medaillon, das er nicht 
von fih laſſen wollte, das Porträt, 
dad man ihm feinem Wunſche gemäß 
in’3 Grab mitgegeben, Er hat es mir 
entgegengehalten! Er — denn ich weiß 
ihm nicht anderd zu nennen. Ich er: 
fannte das Bild, Zug um Zug, ich 
erkannte das Medaillon.” 

„Eine jchredhafte Einbildung !“ 

„Nein, feine Einbildung. Wohl 
aber eine Erſcheinung. Was ich ge: 
jehen, hab’ ich geſehen.“ 

Der Fürft ließ fih melden. 

„Ich darf ihn nicht wiederjehen“, 
tief Franziska, erſchreckt aufipringend. 
Nie, nie mehr. Warum fam Er und 
hielt mir das Bild entgegen, ſchwei— 
gend, wie mit vorwurf3vollem Blide? 
Weil er um mich geworben — weil 
ih nahe daran war — doch nein, 
nichts mehr davon. Er hat mich an 





zu Berfauf gebradt. Ein Böswilliger 
hat e8 erftanden und es Frau von 
Marwig triumphirend vorgemwiejen. Es 
war ein graufiger Scherz und daß ber 
Thäter die Tragweite desſelben kannte, 
beweift der Umftand, daß er nicht mehr 
aufzufinden if. Der Mann in ber 
ſchwarzen Maske ift ein Räthſel.“ 


III. 
Das Fieber, das Frau von Marwitz 
befallen hatte, war ſchwer und führte 
jie bi$ an den Rand des Grabes. In 


‚ihren Phantafien ſprach fie immer von 


ihm, der aus dem Grabe gefommen 
jei, ihr ihre Untreue vorzuhalten. 

Sie lag noch zwiſchen Tod und 
Leben darnieder, als ein junger Menjch, 
der fich durch feine äußere Erfcheinung, 
wie durch fein gebrochenes Deutjch als 
Fremder und zwar als taliener ver: 
rieth, fih im Haufe meldete und Die 
Dame zu jprechen begehrte. 

Man ermwiderte ihm, daß fein Be 
ſuch vorgelafjen werben bürfe. 


„Ich ftelle mich Ihnen”, ſagte nun 
der Fremde zu den Angehörigen „als 
den Unglüdlichen vor, der unmiffentlich 
und ohne es zu beabfichtigen, die eble 
Frau jo jehr erichredt hat. Als ich 
von den Folgen meiner Unvorfichtigfeit 
hörte, bin ich tief erfchroden, ſeitdem 
lage ih mich fortwährend jelbit an 
und bin zurüdgeeilt, das Räthſel, das 


358 


fie beftürzt hat, zu löjen. Ich bin ein | betrachtete es lange, legte es dann 
Venetianer, der Sohn des Malers wieder ſcheu weg. 
Signorelli, der die Dame in Venedig Sie ſchien der Etzadlung keinen 
gemalt hat und ſelbſt Maler. Ich ſah rechten Glauben beizumeſſen. 
die Dame im Atelier meines Vaters, Der Fürſt verdoppelte ſeine Auf— 
ich beneidete ihn um das Glück, das be ı merkjamfeit, die ſich ‚sranzisfa mit 
zaubernde Bild malen zu dürfen und einer milden Freundlichkeit gefallen 
copirte e3 im Stillen für mich, während | ließ. So viel treue Liebe, durch alle 
mein Vater daran arbeitete. Derjelbe | Vorkommniſſe noch vertieft, ſchien end- 
Goldſchmied verfertigte die beiden Me: | [ih belohnt werben zu ſollen. Man 
daillous. Eins wurde Herrn v. Mar: ſprach wieder von einer bevorftehenden 
witz übergeben, das andere behielt ich | Heirat, aber je näher der Tag fam, 
zurüd... Als eintheures Andenken habe | der die Beiden hätte vereinigen jollen, 
ih es bei mir getragen. Auf einer deſto ernfter und bläffer wurde Fran: 
Reife duch Deutichland begriffen, 
fonnte ich an der Etadt nicht vorüber: | eine unrubige, jprunghafte Stimmung 
gehen, in der die bewundernswürdige auf, die der jonft jo ruhigen, gleich: 
Frau mohnte. Ich kam am Tage des | mäßigen Frauennatur gänzlich fremd 
Ballfeſtes an, mein Wunſch, fie zu war. Endlich erklärte fie, e8 könne von 
fehen, war unbezwinglich, ic) verjchaffte | einer Verbindung zwiſchen ihr und dem 
mir einen Masfenanzug und bin unter | Fürjten feine Rede fein, fie wolle dem 
deſſen Schuß in den Saal gelangt. | Todten die Treue bewahren. 
Ich Habe mich ihr, das Bild in der Im nächſten Winter — gerade am 
Hand, vorjtellen wollen — doch fie | Jahrestage jenes Feſtes mit traurigem 
verjtand nicht meine Anjprache, meine | Ausgang — erkrankte Frau von Mar: 
Bewegung muß mich ihr unheimlich ha- | wit ein zweitesmal. Nach drei Tagen 
ben ericheinen lafjen: ich jah wohl, daß |raffte fie der Tod hinweg. 
fie mid) wie eine Geiftererjcheinung Der Fürft ließ ihr zur Erinnerung 
anftarrte. ALS ich fie ohnmächtig Jah, den Tempel am See erbauen und 
entfloh ih. Mehrere Tage habe ich |ftellte darin die Statue der Penelope, 
mich in ber Nachbarſtadt aufgehalten. |die an fie erinnern follte und ihre 
Dort erſt erfuhr ich, welches Unheil | Züge trug, auf. 
ich angerichtet. Aber der arme Signo- Der Gartenjaal wurde für immer 
relli ift unfchuldig! Die edle Frau hat geſchloſſen. 
feinen wärmeren Verehrer. Kann das Der Fürft lebt noch, ein Greis 
Medaillon die Kranke von ihren Vor- | und unverheiratet. 
ftelungen heilen — bier — fo werth — 
es mir war, ich laſſe es in Ihren Als ich Abends noch den Teich 
Händen zurück. Es hat ſchrecklich ge- entlang ging, überglänzte ihn die 
wirkt in meiner Hand, nie mehr könnte niedergehende Sonne und ließ den 
ich es ohne Schmerz betrachten“ ..... ſchilfumrankten grünen Punkt in der 

Das Räthſel war hiemit gelöſt, Mitte wie eine Geiſterinſel erſcheinen. 
aber Frau von Marwitz war nicht in Ich trat in das kleine Heiligthum des 
der Lage, die Löſung zu vernehmen. Tempels, das mich jetzt mehr als vor— 
Ihr Geiſt irrte noch in dem wilden | hin anzog und las auf einer Granittafel 
Gebiete der Fieberphantafien umher. am Sodel folgende Zeilen: 

Sie kam doch auf. Die böſen „Zur Erinnerung an Franziska 
Geifter fchienen für immer in die | von SINN: —— 

= : Dauernder in den Steir 

u ent | Aid ine de, arten 


; — Jenſeits noch werd' ich Dich lieben, 
Zaghaft nahm fie es in die Hand, Gibts für ums ein and'res Sein.“ 














359 


Der jchmerzlihe Gedanke, der in 
biefen einfachen Worten zum Aus: 
druf kam, feſſelte mih und ließ 
mich einen Augenblid zögern. Auf 
dem Seejpiegel vor mir zogen Schwäne 
ihre Kreife. Zwei berjelben, ganz 
ihwarz, in treuer Gattenliebe vereint, 
zogen immer paarweiſe, ein dritter, 
grauer, war allein. Nun tauchte Eins 


der beiden Gefährten unter, erfchien 
wieder und verſchwand auf ber Inſel. 
Der Zweite folgte. Der Graue war: 
tete, als ob fie mwiederfehren würden, 
dann ſchien er fih einfam zu fühlen 
und wollte folgen Laß fie, dachte 
ih bei mir, fie find einander genug. 
Störe fie nit auf ihrer Geifterinfel! 
Alfred Meiner. 


00% 


Pord Byron’s erſter Schritt in’s öffentlide Peben. 
Bon Emilio Cafelar. 
Deutfh von Prof. Julius Shan; in Rom. 


Der Eultus der Kunft hätte im 
Leben Lord Byron’s für die von feinen 
Eltern vernadhläfjigte Erziehung und 
jeine erjte unglüdlihe Jugendliebe 
einen wohlthuenberen Erſatz bieten kön— 
nen. Eine dee abjorbirt das Leben 
dermaßen, daß fie dem Herzen feinen 
Raum läßt, auf andere Gedanken zu 
fommen, no dem Willen die mate: 
vielle Zeit, fih mit dem Böjen zu be 
Ihäftigen. Das unenblihe Vergnügen 
an ber Arbeit, an der langſamen Aus: 
arbeitung eines Werkes, an der beftän- 
digen Betrachtung jener Urbilder, welche 
uns durch den Sinn ziehen, vertreibt 
in Wahrheit allen Gejhmad an der 
niedrigen Wolluft der Materie. Es 
gibt Fein phyfiiches Vergnügen, wel- 
ches fi mit der geiftigen Freude an 
großen Künftler-Schöpfungen oder an 
großen wiſſenſchaftlichen Entwürfen 
vergleichen läßt. Die Kunft erzog 
Michelangelo, die Mathematik Newton, 
die Philojophie Kant zu einer jo reinen 
Keuſchheit, daß fie gewiſſermaßen bis 
zu einer myſtiſchen, ja einer klöſter— 
lihen Jungfräulichkeit ging. Ihre Liebe 
war das Ideal, ihre Geliebten waren 
die been, ihre Nachfommenjchaft die 
Statue der Nacht, die Kritik der reinen 
Vernunft, die Berechnung bes Unend- 
lihen. Byron gehörte der Menjchheit 
mehr an als dieſe Genien, die eine 
Art Solitair des Gebanfens, eine Art 


lihen bee erleuchtet werden ; Byron 
war gejhaffen, um zu lieben und um 
geliebt zu werden. Ohne Zweifel war 
jedoch die Begeifterung, die Gegenwart 
des Idealen, der reinen Liebe zu den 
reinen Formen der poetiihen Schön: 
beit, alles Große, was ihm die Seele 
erfüllte, mächtig genug, um ihn nicht 
in jene® namenlofe brutale Lieben 
verfallen zu laffen, das zwei in bas 
unreine Vergnügen eine® Moments 
verjunfene Körper empfinden, der vor- 
übergeht wie der Schwindel des Rau— 
iches, um im Geifte nur eine Erinne: 
rung voll Beihämung und im Herzen 
das Gefühl einer ewigen Enttäufchung 
für das ganze Leben zurüdzulaffen. 

| Gleichwohl war er auch im Eul- 
tus der Kunft unglüdlid. Er ftrebte 
vor der Zeit nach Ruhm und begeg- 
nete dem herbiten Tadel. 

Man muß mit dem Berufe zum 
Schriftiteller geboren jein, um die Un— 
geduld zu begreifen, mit der man im 
eriten Jünglingsalter feine Werke ge: 
drucdt zu fehen wünſcht; und wenn 
fie gebrudt find, die Ungeduld, mit 
der man jedes Urtheil jammelt, mit 
ber alle Stimmen gewogen werben. 

Die Eigenliebe vergrößert das 
eigene Verbienft in einer ungeheuer: 
lichen Weiſe. Allein diefe Unruhe 
über das Urtheil Anderer ift ein Be: 
weis bes Mißtrauens gegen fich jelbit, 


Statuen find, welche von einer unfterb: | ein Beweis, wie das Gemiffen im 


— 


Menſchen über jeder Leidenſchaft, auch Seine Ideen gingen weder über das— 


über der Liebe zu ſich ſelbſt ſteht. 


ſelbe Niveau hinaus, noch darunter 


Unzähligemale wird der Beifall, herab, gerade wie ein ſtehendes Ge: 


den man der Mittelmäßigfeit leicht 
zugefteht, dem ungewöhnlichen Ber: 
dienfte verweigert. Sebe große Natur 
bat etwas Unbegreifliches. Jede große 
Eigenichaft hat etwas Erhabenes. Und 
das Erhabene erdrüdt uns mit einer 
unberechenbaren Laft, vor allem wenn wir 
jeine Größe nicht zu fallen vermögen. 

Wie viele Leute habe ich gefehen, 
die, nachdem fie das Gewölbe ber 
Sirtiniichen Kapelle, da8 Wunderwerk 
Michelangelos, jene Legion von Ti: 
tanen, Phropheten und Sibyllen, welche 
die äußerften, dem Ausdrud der Seen 
zugeitanbenen Grenzen berührt, und bie 
höchſten Gipfel der Kunft erreicht haben, 
eine zeitlang betrachtet hatten, nichts 
davon trugen als aus all’ ihrer Betrach- 
tung einen großen Schmerz im Naden. 

Und nichts ift leichter als jchlecht 
über das reden was man nicht be: 
greift. Noch mehr, e3 gibt literarische 
Schulen, wie es politiiche Schulen 
gibt, die alles verwerfen, was nicht 
in ihre Aeſthetik oder in ihre Ber: 
faflung paßt. Der Mord. und die 
Verleumdung erjcheinen ihnen als gute 
Waffe gegen ihre Feinde. Diejenigen 
vorzüglich, die einen langen Zeitraum 
hindurch den Ruhm monopolifirt haben, 
können feinerlei Mitbewerber vertragen, 
noch dem Sünglinge es verzeihen, ber 
ihren Plag einnehmen will. Sie haben 
ein Symbol des fritiihen Glaubens 
gebildet, eine Kirche des Geſchmacks 
gegründet, ercommumiciren die Ketzer 
und verbrennen ihnen, da fie fie nicht 
mit Haut und Haaren verbrennen 
fönnen, das Blut. 

Byron trat mit feinem erſten 
Band Poeſien vor dieſe Gerichtähöfe 
der Kritif, vor die berühmte Nevue 
von Edinburg. Diejed angejehene Jour— 


nal goß geihmolzenes Blei in bie, 
Wiege des Dichters. Nie war die 
Kritif jo hart, nie fo unverjöhnlich. | 


Der junge Autor hatte e8 nicht ein: 


wäſſer. Man nannte ihn minderjährig 
im Tone der Entjhuldigung und warf 
ihm die Minderjährigfeit vom Anfang 
bis zum Ende feines Werkes als un: 
zertrennliche Begleiterin jeines Styles 
vor. Es war ihm wie allen ergangen: 
er hatte von feinem Austritt aus dem 
Golleg bis zu feinem Abgang von 
der Univerfität eine lange Reihe aben- 
tenerlicher Verje geichrieben. Man hielt 
ihm vor, daß man, um Dichter zu 
fein, zum wenigſten ein bischen Ge- 
fühl und ein bischen Phantafie haben 
müffe. Die Nahahmungen Oſſian's 
und Homers waren nicht mehr als 
gute Probearbeiten für eine Claſſe 
der Nhetorif, und verdienten daher 
nicht veröffentlicht zu werden. In der 
Mitte des Artikels machte fich der 
Hauptgedanfe geltend, daß der edle 
Lord nicht zum Dichter geboren jei 
und eine fo jeltene Kunft befjeren 
Talenten überlaffen müſſe. 

Lord Byron fühlte den Schlag 
mit der den Dichtern eigenthümlichen 
nervöfen Reizbarfeit. Der Faden diejer 
Kritik ging ihm durch's Herz. Seine 
Lippen jpien Blut und Galle. In 
jeinem Schmerze wendete er fidh er: 
zürnt gegen das Vaterland und gegen 
ſämmtliche Zeitgenofjen, die mit mehr 
oder minder berühmten Namen ge: 
ihmüct waren. Alle die jatanijchen 


Eigenſchaften, mit denen er mit jehr 


ı 


| 





wenig Cigenliebe begabt zu jein 
glaubte, hoben fich ab von dem dunklen 
Grunde feiner Satyre: der Cynismus, 
die Ironie, der Sarkasmus, die Wuth, 
der ungejchliffene Groll und die Rach— 
luſt. Der hinkende Unfterbliche tritt wie 
Bulfan mit dem glühenden Ham: 
mer in den Olymp Englands und ver: 
ichont dort auch nicht eine der Statuen 
feiner Gottheiten. Zu den einen jagt 
er, daß fie geizige Kaufleute und Feine 
beaeijterten Dichter find, zu den anderı, 
daß man, da ein Jdiot zum Helden 


mal bis zur Mittelmäßigfeit gebracht. | eines Werkes gewählt wurde, nad) der 


361 


Lectüre desjelben nicht wife, wer der |fahrenheit, daß er ihm ein Buch ge: 
Idiot jei, ob der Held oder der Ver: | widmet habe, indem er verficherte, das 
faffer des Buches; zu dieſen, daß fie | jämmtlihe Blut der Howards reiche 
ein furchtbares Duell mit Piſtolen nicht bin, um aus einem Grobian 
ausfochten, die mit Staub geladen |einen Gavalier, aus einem Einfalts- 
waren; zu jenen, baß fie Camoëns mit | pinfel einen Weifen zu machen. Der 
engliichen Spigen befleideten ; zu einem | Grund zu dieſer unfterblichen Rache 
edlen Lord, daß jeine Diner mehr | verdient befannt zu werden, denn er 
werth jeien als jeine Weberjegungen;|fteht im engiten Zujfammenbang mit 
zu einem berühmten Gefchichtsichreiber, | einem der Gefichtöpunfte, unter denen 
daß er jchreibt, weil er ift und ißt wir Byron betrachten, mit feiner Be: 


weil er jchreibt; zu den Lords, daß 
fie Gejellichaften bejuchen, wo ſich ihre 
Töchter unter einer Schaar bezahlter 
Gunuchen dem lasciven Tanze und fie 
fih dem ruinirenden Spiele ergeben, 
während jich jeder -in dieſem laiter: 
baften Babel fjchmeichelt, das Geld 


deutung als Nebner, und mit einem 
der wichtigften Ereigniffe feines Lebens, 
mit jeinem Eintritt in die Kammer 
der Lords von England. 

Lord Byron hatte Carliſte um 
Schu und Beiltand gebeten, damit 
‚er der Berfammlung vorgeftellt werde. 





und das Weib des Nächiten zu ge: | Nichts natürlicher als der Wunſch, 
winnen. Man ftelle fi vor, melche in diefer großen Oligarchie zu figen, 
Wirkung dieſe Satyre in einer Geſell- | die durch ihre Aehnlichkeit, bejonders 
ichaft bervorbringen mußte, wo die dazumal, mit dem römiſchen Senat 
Achtung vor der Scham jo gewifjen: | und dur ihren Einfluß in der Welt 
haft beobachtet nird, in der die Lip: | die Einbildungsfraft des Dichters aller: 
pen jo keuſch find und die Spracde | dings erwärmen und entflammen fonnte. 


jo rein! Man ftelle fich vor, wie die 
von diejem feurigen Genie Getroffenen 


ih gegen die Hände wenden mußten, | 


die ihnen das Fleiſch verbrannten ! 


Eine Molfe von Schmähungen über: 


309 den oeten. 
Dieſe verwünjchte Satyre trug nicht 
wenig zu dem unverjöhnlichen Haile 


bei, mit dem er von jeinen Zeitge: 


noſſen verfolgt wurde. Lord Byron 
veröffentlichte fie anfangs anonym 
und ſetzte jchließlih feinen Namen 
davor, indem er erklärte, daß er in 
London jede gewünjchte Satisfication 
geben würde. Und da ſich alle darauf 
bejchränften, zu murren, ohne ihn her: 
auszufordern, rief er traurig aus: 
„Die Zeiten der Nitterlichkeit find vor: 
über !” 

Unter den am ärgiten Mitgenom: 


menen befand ſich einer der Seinen, | 


Garlifta, der jein Vormund geweſen 


war. Der edle Jüngling bereute es 
nie, Die3 gethan zu haben. Sim Gegen: 


theil beflagte er in einer der Aus- 
gaben jeiner Werke jeine eigene Uner: 


In der Seele Lord Byrons wohnte 
‚neben jenem bei allen ungewöhnlichen 
und genialen Talenten natürlichen 
Heimweh ein außerordentlich lebhaf— 
ter Ruhmdurſt. Und der größte, der 
‚beraufchendfte menſchliche Ruhm ift 
ohne Zweifel der Ruhm des Redners, 
der ohne einen Tropfen Blut zu ver: 
gießen, ohne feine Zorbeeren mit den 
unjeligen Trophäen des Soldaten 
zu befleden, von der Tribüne herab 
die Herzen feiner Zuhörer erobert und 
fie alle mit feiner Seele in Eins ver: 
ihmilzt. Es gibt fein ähnliches Schau: 
ſpiel, das fih mit dem Redner ver: 
gleichen läßt, der gleichzeitig Philo- 
ſoph, Dichter, Künftler, Mufifer, Taf: 
‚tifer jein muß, aus ber Tiefe jeiner 
Seele die Schätze des Gedankens zie— 
ben, fie mit jener ſchöpferiſchen Kraft, 
die gleih dem Morte Gottes Welten 
erſtehen läßt, und durch ein Wunder 
der Intelligenz und des Willens unter 
nicht endenben Beifallsjtürmen unficht- 
bare Ketten flechten muß, an welche 
die Herzen fi wie die Sklaven jener 





362 


Magie hängen, deren übernatürliche |einem Knaben herrührten, feinen Na: 
Macht eines der tiefften Geheimniffe men feiern und unfterblih machen 
des Geijtes ift. Byrons unruhige, thä- |follten, als feine eigenen Thaten, feine 
tige Seele träumte ſich ſchon in den Thaten als gereifter Mann, jchon 
Viſionen ihrer eigenen Phantafie als | vergeffen waren. Und er weigerte ſich 
Siegerin über alle Feinde durch die ſogar, dieſes große Genie, das unter 


Meifterfchaft des Wortes und im 
Dienfte des Menſchengeſchlechts durch 
die Heiligkeit der been. 


Ja jener Mann, den bie Gegner 
als gleihgiltig für alle menjchlichen 
Leiden, al3 einen Zmeifler an allen 
been, al3 einen Werächter feines: 
gleihen und als einen Widerſacher 
Gottes ſchildern, der nur dem Cul— 
tus jeiner Eitelkeit und ber Be- 
friedigung feiner Laſter ergeben iſt, 
hatte in der Tiefe feiner großen Seele 
einen der Religion der Unterbrüdten 
vorbehaltenen Altar: den Fortjchritt, 
der ſtreng genommen nur die Erfül- 
lung der göttlichen Gejege der Ge- 
rechtlichfeit auf Erben ift. 


feiner Stirne einen Himmel voll Poeſie 
trug, dem Oberhauſe vorzuftellen. Lord 
Byron trat in dasjelbe in Begleitung 
eines entfernten Verwandten ein, ben 
er faum fannte. 

Das hohe Haus widmete fich den 
gewöhnlichen Geſchäften mit jener 
mathematiſchen NRegelmäßigfeit, die 
dem englifchen Leben eigenthümlich iſt. 
Niemand in diefer ariftofratifchen Ver: 
jammlinng vermuthete, daß der edle 
Lord, der gekommen war, um einen 
diefer curuliichen Stühle einzunehmen, 
in Zufunft der Dolmetjch des Gedan— 
kens feines Jahrhunderts fein würde, 
der Sänger feiner Schmerzen und 


ı Zweifel. Vielleicht ſah Byron aus 
d 1 d Gr ‚ d ‚ , . bi 
Es lag nicht allein ein Gefühl eooie| er Tiefe der Erniedrigung, in bie er 


verfallen war, und troß des Sfepti- 


ſtiſcher Eigenliebe in der gerechten Un: | igmus, den bie brutalen Kritiken ihm 


geduld Byrons, die Rechte zu verlan: 
gen, die ihm der Erbfolge nad zu: 
famen, jondern es leitete ihn dabei auch 


in die Seele geworfen hatten, mit 
dem Bemußtjein des eigenen Werthes 
und mit dem natürlichen Blick des 


die edelſte Liebe zur Menjchheit, wie Genies den unter der Dornenkrone 


er ſpäter bewies, als er jein kräftiges 
Wort zu Gunften der Katholifen Jr: 
lands einjeßte und damit den Samen 
der Inſtitutionen ftreute, die in unfrer 
Zeit aufgehen ſollten, ein Prophet, 
wie alle großen Geifter, einer neuen 
focialen Welt. 


Allein auf alle dieſe edlen Wünjche 
antwortete Lord Carliſte mit einer 
verdammungsmwürdigen Gleichgiltigkeit. 
Doh nein, wir haben uns falſch aus: 
gedrüdt: er antwortete mit dem leb- 
hafteften Wunfche, den wenn auch ehr: 
geizigen, aber immerhin heiligen Be: 
ftrebungen des Neffen entgegenzutreten, 
Er vernichtete die vom Geſetz gefor: 
derten Documente, damit feine offi- 
cielle Aufnahme in das Oberhaus ver: 
zögert würde. Er nahm mit Ent: 
rüftung die Widmung einiger Dich— 
tungen auf, die, obwohl fie nur von 


| verborgenen Zorbeerfrang und die der 


Zufunft ſeines Talentes vorbehaltene 
Verklärung voraus. Ohne Zweifel 
mußte den Jüngling eine geheimniß— 
volle Atmojphäre umgeben und eine 
glänzende Aureole um feine Schläfe 
itrahlen. Er war ſchon damals einer 
jener Symbol: Menfhen, die unter 
vielen auserwählt find, ein Jahrhun— 
dert zu perjonificiren und zu reprä= 
jentiren. Ganz wie unfer Zeitalter 
mußte er Seinen Körper wie ein Nep: 
til am Boden dahinjchleppen und feine 
Seele wie ein leuchtended Sternbild 
durch die Unendlichkeit ; finnliche Freu— 
den ſuchen und nur Eine volle Freude 
an der Betrachtung der been haben ; 
den Glauben lächerlich finden und für 
ſeine Ueberzeugung jterben ; einen bru— 
talen Epifuräismus erheucheln und es 
‚verdienen, durch fein Leben unter die 


363 


Helden und durch jeinen Tod unter 
die Märtyrer gezählt zu werben. 
Seine Figur, die jchönen Züge feines 
griechiſchen Kopfes, feine breite Stirn, 
die geſchwungenen Augenbrauen, bie 
Tiefe feiner Augen, die bald heiter 
ausfahen wie der Himmel, bald dun— 
fel wie ein Abgrund, gleich einem 
Ocean verworrener Gedanken, die über: 
aus jhöne Form feiner Lippen, die 
wie geihaffen zu jein jchienen um 
ewige Gejänge ertönen zu laffen, feine 
Adlernaſe, fein mit einer unvergleich: 
lien Grazie gewachſener Bart, die 
olympijche Geberde, die majeftätifche 
Haltung, die durch Güte gemilderte 
Grandezza, das Genie, welches aus 
jever jeiner Stellungen ſprach, Diele 
bleihe und bronzene Farbe gleich einem 
Marmor, der von der Sonne und den 
Sahrhunderten gebräunt ift, fein gan— 
zes Weſen, feine ganze Perfönlichkeit 
mußte es offenbaren, daß Gott ein 
fo vollendetes Gefäß nicht ſchuf, da— 
mit e3 leer fein jolle, jondern um es 
mit unfterblihen Efjenzen zu füllen. 
Sein Eintritt in das Dberhaus 
war falt und fürmlid. Die Sikung 
war eine gewöhnliche und nur wenige 
Lords anmwejend ; der Kanzler nahm 
ihm den Eid ab und erklärte feine 
Zulafjung wie man eben ſtets und überall 
dergleihen übliche Formen herjagt. 
Ich babe den alten Parlaments: 
palaft nicht gejehen, allein ich kenne 
den neuen und fann verfihern, daß 
er in mir einen unvergänglichen Ein: 
drud zurüdgelaffen hat, ähnlih wie 
die Kathedrale von Toledo, wie das 
Golofjeum in Rom, wie der Kirchhof 
von Piſa. Troß der unglüdlichen Dri- 
ginalität der Architeftur und der all: 
zugroßen Häufung der Ornamente laf- 
jen die hohen gothiſchen Mauern, die 
furdhtbaren Thürme, die Größe der 
Berhältniffe, die durch den Rauch aus 


die von den Strahlen einer geheim: 
nißvollen Sonne erleuchtet werben, 
in der Seele ein unerflärlihes Bild 
von Größe zurüd, gleihjam als der 
erhabene Ausdrud der Souveräni: 
tät eines Volkes, der durch die Sanc- 
tion der Jahrhunderte in's Riefige 
gefteigert wurde. Die Gemälde und 
die Sculpturen zeichnen fih nur durch 
ihre Unzulänglichfeit aus. Doc die 
hohen Bogen und die ausgedehnten 
Linien geben dem Geifte gewiß eine 
See von allem Großen. Allein das 
was euch überrafcht, ift nicht ſowohl 
‚das, was ihr jeht, ald vielmehr das, 
wad ihr unter diefen Wölbungen 
denkt: die Macht der Auftitutionen, 
die Größe der Freiheit, der Fortſchritt, 
der feine Unterbrechung erleidet, das 
Anfehen eines Volksſtammes, der feine 
Rechte zu retten wußte vor der all: 
gemeinen Sklaverei, in die alle ande: 
ren im jechzehnten Jahrhunderte ver- 
fielen, al3 der Abjolutismus eingeführt 
wurde, der alles nieberwarf. 

Ich für meine Perſon dachte in 
diefem ungeheuren Palafte an ben 
unermeßlihen Schaden, den fie ihrem 
Paterlande zufügten, als fie Byron 
duch ihren unbejonnenen Haß von 
diefen Bänken ausſchloſſen. Vielleicht 
würden ihn die hohen focialen Ideen 
und die fortfchrittlihen Neformen dem 
Abgrunde entriffen und feinem unend— 
lihen Verlangen nach Liebe Nahrung 
gegeben, vielleicht würde die Leiden: 
ſchaft für die Freiheit feine Seele 
pofitiver erfüllt haben als die Leiden: 
ihaft für das Ideal, vielleicht würde 
er zu den Glorien ber Poeſie auch 
die Glorien der Berebtjamfeit gefügt 
haben. Die Freiheit ift feine Bacchan— 
tin wie die Fortſchrittsmänner in der 
Melt fie darftellen, ſondern die treue 
Braut ernfter Tugend und Feufcher 
Fruchtbarkeit. Wir können für fie lei- 


den Efjen der Fabriken und bie neb- den, kämpfen, fterben, in ber Weber: 
ligen Ausdünftungen der Themſe noch !zeugung, daß künftige Jahrhunderte 
erhöhte dunkle Farbe, die Bergol- |die Frucht al’ unſ'rer Opfer ernten 
dungen der Bogen in den hohen Kup: | werden. Der gegen Byron verjchmworene 
peln, dunklen Cypreſſen vergleichbar, | Haß zwang ihn, nicht allein die Kam: 


364 


mer zu verlaffen, fondern auch das 
Vaterland. 


In feiner Verzweiflung brachen 
tauſend Verwünſchungen aus feinem 
Bujen. England trieb ihn von fich 
fort, ohne zu willen, daß er einer ber 
Ihönften Sterne jeine® Firmaments 
werben jollte. 


Dies Scheiden Byron’3 war feine 
Reife, jondern eine Verbannung. Er 
jelber jagt ung, daß er aus England 
traurig ging, wie Adam aus dem 
Paradieſe. 


Wenn euch euer Vaterland für 
unverträglich mit ſeiner Ruhe, ſeinen 
Staatseinrichtungen oder ſeinen An— 
ſchauungen hält, bleibt euch kein an— 
derer Ausweg, als es zu verlaſſen, 
obgleich ihr mit ihm die Hälfte des 
Lebens verlaßt, Luft gibt es überall, 
allein es iſt nicht die Luft, welche die 
Seufzer der erſten Liebe vernahm. 
Alle Nationen können euch ein Obdach 
bieten, allein nirgends findet ihr das 
Haus, wo ihr den Segen eurer Mutter 
empfinget. Der Himmel iſt groß und 
breitet ſich über die ganze Erde aus, 
allein nirgends findet ihr den Himmel, 
unter dem ihr mit euren in der Blüthe 
geſtorbenen Hoffnungen träumtet und 
glücklich waret unter lachenden Illu— 
ſionen. Jeder Winkel der Erde kann 
eure Leiche bergen; aber ach! eure 
Gebeine werden einſamer in der un— 
geweihten Erde ruhen, welche die Ge— 
beine eurer Väter noch nicht birgt. 
Auf fremder Erde ſterben iſt die 
größte aller Strafen. Nicht umſonſt 
wurden wir in einem Lande geboren. 
Wir nahmen vom Boden einen ähn— 
lichen Saft auf, wie ihn die Wurzel 
des Baumes aus der Erde zieht; wir 
erhielten von unſerem Himmel einen 
unvergänglichen Kuß auf die Stirne 
gedrückt, unſer Herz wurde hier aus 
dieſem Thon geknetet, unſere Ideen 
verſchmolzen ſich gewiſſermaßen mit 
den Worten, die das Vaterland uns 
auf die Lippe legte. Die Verbannung 
verwandelt fich jchließlich in eine mo: 


EEE 


raliſche Gemüthskrankheit. Ihr wünſcht, 
ihr ſehnt euch, euch unter Leuten zu 
finden, mit denen ihr durch jene Ge: 
meinſchaft des Urfprungs, des Blutes, 
der Sprade, des Lebens verbunden 
ſeid, welche das Weſen eures Vater: 
landes, die Erweiterung eures eigenen 
Weſens bildet. Und wenn, nachdem 
ihr die größten Nationen der Welt, 
die berühmteſten Städte, die erhaben— 
ſten Monumente geſehen, nachdem ihr 
mit den ruhmreichſten Männern ver— 
kehrt, nachdem ihr eine große Sitzung 
in den Kammern von Paris oder Lon— 
don, einer Meſſe in der Sanct Peters: 
firhe in Rom, einem Sonnenunter: 
gang in der Bucht von Neapel, einer 
Serenade auf dem Canal grande 
in Venedig beigewohnt und eine Er: 
curfion auf die Gipfel der Alpen, un: 
ter den ewigen Gletfchern, bei dem 
Getöſe der Waflerfälle, die braufend 
in’8 Thal herniederjtürzen, und dem 
Donner der Lamwinen, bie den Schnee 
gen Himmel wirbeln, mitgemacht habt, 
wendet ihr bie Augen traurig dort: 
bin, in das ferne Land, wo eure 
Wiege gejtanden, und ſetzt allen euren 
Ehrgeiz darein, der lebte feiner Bür: 
ger, der unbefanntejte feiner Söhne 
zu fein, um beute unter eurer Fa— 
milie und ben Freunden ein Haus 
und morgen in der Erde eurer Väter 
ein vergeflened Grab zu haben. 

Die Liebe, nur die Liebe hätte 
für Byron eine neue Welt des Glüds 
und der Hoffnung Schaffen Fönnen. 
Allein die heftigſte Liebe feines Le— 
bens, die erfte, wahrhaft große Liebe 
feines Herzens, fand nicht die Erwi- 
derung, die fein dauernde Glüd ge: 
worden wäre. Lieben und nicht geliebt 
werden! Könnt ihr euch eine größere 
Dual vorftelen? Nur in einem ein: 
zelnen Herzen wachſen Schlangen wie 
in der Wüſte. Niemand kümmert fich 
um euer Leben und intereffirt fich für 
euer Schidjal. Die ſchönſten Gedanken 
verfinfen duch ihre eigene Schwere 
in den Abgrund der Seele, denn ihr 
habt Niemanden, dem ihr euch mit: 


365 


theilen könnt. Ihr könnt ausgehen jo 
oft ihr wollt, ohne daß euch Jemand 
anhält, und wieder heimfehren, ohne 
daß euch Jemand erwartet. Da eure 
Gejundheit nur euch angehört, gebt 
ihr fie der eriten beften Gefahr preis, 
jegt ihr fie auf die erfte bejte Karte. 
Weil der Tod nur ein einfames Herz 
treffen kann, erwartet ihr ihn mit 
Gleichgiltigkeit. Iht habt Niemanden, 
mit dem ihr euren Kummer, Nieman: 
den, mit dem ihr eure Freuden thei- 
len könnt. Die Seele, die fih, wenn 
fie jih unter Zwei theilt, bis in’s 
Unendlihe vergrößert, jchrumpft in 
Egoismus zuſammen und vertrodnet 
wie jene Früchte, die grün vom Baume 
abfallen. 

Wenn die jtarfen Regungen einer 
männlichen Bruft, wenn die rauben 
Seiten eines Charakters, der viel zu 
fämpfen hatte, nicht vom Lächeln eines 
geliebten Weibes gemildert werden, 
nehmen fie etwas Verwildertes an, 
wie bie unbeftellt gelafjenen selber. 
Nach einem Sturme tritt feine Ruhe 
ein, auf die Nacht folgt Fein Früh: 
roth, aus dem Zweifel entipringt fein 
Glaube; nad dem Schmerze gibt es 
feinen Troſt — ein Leben ohne Liebe 
ift ein Himmel ohne Sterne. Miß 
Chamworth raubte Byron, indem fie 
ihn verftieß, vielleiht die Fittige, 
mit denen er gen Himmel geflogen 
wäre, und gab ihn mitten im 
Strudel der Welt den Leidenjchaften 





und der Einfamfeit des Gedankens 
preis. 

Vor feiner Abreiſe wollte der 
Dichter fie noch einmal jehen. Er 
hatte in der That den Muth, den 
Blick jener Frau zu ertragen, Die 
glücklich in den Armen eines Anderen 
war, der nicht ihr erjter Geliebter ge: 
wejen. Indem er feinem Herzen und 
feinem ganzen Innern Gewalt anthat, 
trat er in jene3 Zimmer, das er für 
bejtimmt gehalten hatte, der Tempel 
jeine® Glüds zu fein. Das blonde 
Haupt verneigte ih, um ihn zu grü- 
Ben. Die Augen der beiden Liebenden, 
die für immer getrennt waren, begeg- 
neten fich bei diefem legten Lebewohl. 
Byron erflärte ihr, daß fein einziger 
Wunſch das Glück jeiner Freundin 
war und daß er zufrieden abreije, da 
er fie glücklich ſehe; daß er einen 
großen Schmerz empfinde, allein daß 
er vor und über Allem eine unenb- 
lihe Freundſchaft für fie fühle, die 
jo weit gehe, daß er fähig fei, ihren 
Gatten zu lieben, weil er fie liebe. 
Als er das Kind Maria’3 ſah, das 
damals faum zwei Jahre zählte, als 
er in feinem Gelihte Spuren ber 
Phyfiognomie des Vaters entdedte, 
brach jein Herz vor Eiferfucht in tau— 
jend Stüde; allein al3 er es näher 
betrachtete und die Augen jeiner Mut: 
ter erblidte, brüdte er e8 an das 
Herz und küßte es bis zum Erftiden. 
Endlich entſchloß er ſich zur Abreife. 


Be. 


Don einem vergeflenen Dichter. 


Ein Kiteratur und Yebensbild aus vergangenen Tagen. 


Bon Pr. Anton Schloßar. 
I. 


Das 3. Heft des „Heimgarten” 
brachte eine Reihe „Verſe unter dem 
Ihmwarzen Kreuz” von Johann Ritter 
von Kaldhberg, von einem Manne, 
der jeinerzeit Ruhm und Anjehen ge 
nofjen wie wenige Poeten der Steier: 
marf, deſſen Werke Hoch und Nieder 
mit Entzüden gelefen, der zu den beiten 
Schriftſtellern Deutſchlands gezählt hat, 
den in: und ausländiiche Blätter — und 
das letztere wollte damals mehr jagen als 
heute — mit den glänzenden Sternen 
verglihen, melde gleichzeitig am 
deutjchen Literatenhimmel aufgegangen 
waren, von einem jener echten und 
rechten Dichter, wie fie nicht jedes 
Yahrzehnt, ja nur jelten jedes Jahr— 
hundert hervorbringt. 


Und was ijt aus dem Ruhme dieſes 
Mannes geworden? Er ift unverbient 
verblihen in der Reihe der darüber 
binweggezogenen Jahrzehnte, er ift faft 
ganz vergeffen worden. Auch die Bücher 
der deutjchen Literaturgejchichte gönnten 
dem ſteiermärkiſchen Dichter nicht eben 
viel Raum; die Nachrichten über fein | 
Leben, über jeine Thätigfeit, waren | 
und blieben Lüdenhaft und feine Dich: | 
tungen, die jchönften derjelben kennt 
heute der Steiermärfer jelbft faft nicht, 
ih müßte denn eine oder die andere 
dramatiſche Arbeit — nicht einmal die 
beſte — ausnehmen. 


Die nahfolgenden Zeilen find nun 
dazu beftimmt, den Vergefjenen wieder 
befannt zu machen, ein poetijches Ta- 
lent Steiermarf3, Oeſterreichs, ja 
Deutichlands vorzuführen, das, wenig: 
ſtens innerhalb der Grenzen bes 
Staates, in dem e3 lebte, nicht feines 
Gleichen hatte ; die nachfolgenden Zeilen 
wollen das Leben und Dichten jenes 


Mannes Schildern, welcher für die ganze 
literariiche Bewegung Defterreih3 zu 
Ende de3 vorigen Jahrhunderts von 
folder Bedeutung war. Damals kannte 
und liebte man den Dichter, jeine ge: 
müthvollen Erzählungen waren all: 
überall verbreitet, feine freundlichen, 
wohllautenden Berje ſprachen die Herzen 
an und ergriffen, von der Bühne herab 
geiprodhen, jo mädtig das Gemüth 
der Zuhörer, und als die Bücher, in 
welchen feine Werke gedrudt ftanden, 
erſchienen, da konnte man fie bald bei 
Hoch und Nieder finden; man betrachte 
heute dieje vergilbten, zerlefenen Bände, 
wenige nur wird man überhaupt noch 
finden, aber die man findet, find alle, 
alle durch viele Hände gegangen, fie 
tragen die Spuren vielmaligen Leſens 
an fi; heute noch wird jedes Bänd- 
hen von Kalchberg, das zufällig ir: 
gendwo zum Verkaufe ausgeboten ift, 
raſch von irgend einem Freunde der 
Poefie angefauft ; denn fo vergefjen ift 
doch, Gott jei Dank, der Dichter von 
einft fo bebeutendem Namen nicht, daß 
nicht hier und da ein Freund des 
Schönen fi fände, der es hegt und 
pflegt und fi durch die zerlejenen 
Blätter erzählen ließe in Vers und 
Profa von den ritterlihen Thaten 
jeiner Ahnen, von der fchönen Welt 
vergangener Jahrhunderte; der fich 
niht an der Hand ber anmuthigen 
Dichtkunft führen Tiefe in ihr herrliches, 
zaubervolle® Reich durch einen ihrer 
bedeutendfien Jünger. Dieje kleine 
Schaar jollen die nächſtfolgenden Blätter 
mehren und vergrößern und dem 
Dichter der „Tempelherren“ wieder 
einen Theil jenes Ruhmes zuführen, 
deſſen Glanz ihm vor achtzig und mehr 
Jahren geleuchtet. 


Das Mürzthal in Oberfteiermarf | und von manderlei Krankheiten heim- 


it die Heimat des Dichters. 
lebten zu Anfang bes vorigen Jahr— 


Dort | gejucht, entfaltete ſich jpäter der Kör— 


per des Kindes, wie auch der Geift 


hunderts in dem Orte Wartberg die | desfelben ſchön und kräftig. Früh von 


Großeltern Kalchberg's noch mit dem 
ſchlichten bürgerlichen Namen Veit 
Kalchegger und Johanna Katharina 
Kalchegger. Ihnen wurde am 10. Jän— 
ner 1704 ein Sohn geboren, der den 
Namen Joſef Jakob Erhard erhielt 
nachträglich mit Diplom vom 30. De— 


zember 1760 in den Adelsſtand erhoben 
Er hieß nun Joſef Jakob 


wurde, 
Erhard Kalchegger von Kalchberg und 
it der Stammvater des ganzen 
Geſchlechtes, das ja befanntlich heute 
noh fo bebeutende, hervorragende 
Mitglieder aufweiſt. Er verehlichte fich 
viermal, zuerft mit der „edlen, ehr: 
und tugendjamen Frau” Anna Maria 


Faſching, Witwe nah Joſef Faſching 


in Krieglach, dann mit der Jungfrau 


Katharina Kippner von Kapfenberg, 


ferner mit der „gnädigen Frau“ Anna 
Maria de la Mare, verwitweten Ba— 
roneſſe von Ghabelkhofen. Wie die 
beiden andern Gattinnen, ſo ſtarb auch 


der Mutter einem geliebten jüngeren 
Bruder nachgeſetzt und von dem viel 
beſchäftigten Vater wenig beachtet, 
blieb der feurige Knabe mit allen in 
ihm ſchlummernden Kräften und An— 
lagen faſt ohne Führer und Freund, 
FR jelbft und der Natur überlafjen, 
an die er fi aber auch mit deſto 
innigerer Liebe anſchloß. Noch in ſpä— 
ten Tagen erinnert ſich Kalchberg feiner 
Jugendzeit und der prächtigen Natur: 
umgebung des heimatlihen Schlofies ; 
in feinem Aufjage „das Mürzthal“ *), 
welcher eine Reife durch Oberjteiermarf 
bejchreibt, ruft er beim Nahen an 
‚feinen Geburtsort aus: „Je näher ic 
ihm fomme, je traulicher jprechen alle 
Gegenſtände mid an. Selbjt die Luft, 
die ich einathme, jcheint mich als eine 
altbefannte Freundin zu umjäujeln. 
Diefe Straße, dieſe Felder, dieſe 
Bäume, ſelbſt diefer Hohlmeg von 
Geſträuchen überſchattet, den ich hier 





dieſe nach kurzem ehelichen Glück und zur Linken erblicke — alles iſt mir 
Kalchberg ſchloß die vierte Ehe mit ſo bekannt, ſcheint mich freundlich zu 
dem „hochedelgebornen“ Fräulein Anna ‚begrüßen und erweckt in meinem Ge— 


Katharina Wampl, Edl. v. Summers- | 
torff. Indem ich die Kinder aus den 
früheren ehelichen Verbindungen über: 
gehe, führe ih nur an, daß die leßte 
Gattin ihn mit drei Kindern befchentte. 
Franz X., Alois und Johann Nep. *); 
ber [eftgenannte ift unfer nachher zu 
jo bebeutendem literarischen Rufe ge: 
langter Johann Nitter 
Kalchberg. 


müthe ſüße Jugenderinnerungen. Es 
iſt doch ſonderbar, daß die Erfahrungen 
aus der Blüthenzeit, ja ſelbſt aus der 
Kindheit unſeres Daſeins, daß ſogar 
unbedeutend ſcheinende Ereigniſſe einen 
unauslöſchlichen Eindruck in unſerer 
Seele zurücklaſſen, indeß die ſpäteren 
Erſcheinungen, wenn ſie auch wichtiger 





von ſind, einen ſchwächeren Eindruck auf 


unſer Gedächtniß machen.“ Und er trifft 


Er ward am 15. März 1765 auf immer wieder alte liebe Stellen; hier 
dem väterlichen Schloſſe Pichl im lief er den Schmetterlingen als Knabe 
Marzthale geboren. Anfangs ſchwächlich nach, hier ſaß er als Jüngling, „hier“, 


rührt er rührend fort, „unter dem 


9 Dieſe Daten find authentiſch, ich ent- | 


nehme fie den Aufzeihnungen aus den Ma- 
trifen zu Krieglach, welche mir durch die Güte 
des hochw. Herrn Ioh. C. Röſch (im 9. 1869 
Kaplan im Krieglach) zufamen und ergreife 
gleidyzeitig freudig dieſe Gelegenheit, dem ge- 
nannten geiftlihen Herrn für diefe Auskünfte 
meinen verbindlichiten Dank auszuſprechen. 
D. Verf. 





*) 3. Mitt. v. Kalchberg's ſämmiliche 
Merfe. V. ©. 84. Ein für allemal bemerfe 
ich, dab meine Citate fih auf die genannte 
Ausgabe beziehen, welde in den I. 1816 u. 
1817 in Wien (Gerold) in 9 Bänden er- 
ſchienen ift. Vorkommende Ziffern weifen alfo 
ı auf Band u, Seite diejer Gefammtausgabe bin, 


grünen Dache der jchattigen Linde, bei 
dem fernen Geräufhe des Waſſer— 
falles, jenfte fich zumeilen aus ben 
leife liſpelnden Aeſten der Dichtkunft 
heilige Mufe zu mir berab, und ber 
Jüngling machte jeine erften Verfuche.“ 
Und dann gibt er wieder in einem 
Ihönen Gedichte, das dem genannten 
Aufſatze eingefügt und ihm fo recht 
aus dem Herzen gefloſſen tft, feiner 
Stimmung Ausdrud. Aus diefem Ge- 
dichte jeien nur wenige Strophen hieher 
geſetzt: 


„Kleines Plätzchen auf der großen Erde, 
Wo mein Aug’ der Sonne fid) erjchloß, 
Mir als Kind am lieben Vaterherde 
ESilberrein die Lebensquelle floß, 


Sei gegrüßt mit deinen heil'gen Mauern! 
Hier, wo fih mein Dornenpfad begann, 
Sceinet alles über mid zu trauern, 
Ah, und fpriht mid doch fo traulid an. 


Wie ein Beift aus andern Weltgefilden 
Seinen Staub befucht, jo ſteh' ich bier; 
Fremdling ward’ id, nur in Traumgebilden 
Schwebet die Vergangenheit vor mir. — — 


Diefe Thürme, diefe traute Linde, 

Dort des Bades naher Wafferfall, 
Rings umber die grünen Wiefengründe 
Und die Bäume, Berge, Thäler al — 


Web, fie ſprechen laut zu meinem Herzen: 
Alter Freund warum entflobeft du! 

Fandft du Troft für deine Seelenfchmerzen, 
Fandeſt du im Weltgewühle Ruh? — 


Doch nun wieder zurüd zur frühen 
Jugendzeit unjered Dichters. Die an- 
muthige Lage des Schloſſes Pichl 
und die herrliche Umgebung übten, 
wie man jchon aus dem Erwähnten 
fieht, auf die poetiihen Anlagen des 
Knaben einen nachhaltigen Einfluß aus. 
Das Schloß ſelbſt ift ein echter alter 
Herrſchaftsſitz mit vier alterthümlichen | 
Thürmen und einer Linde im Hofe, 
welhe die Schloßmauern überragt. 
Eine Kapelle, getäfelte Gemächer mit 
Heinen enftern und vielen uralten 


Gemälden befinden ſich Hinter diejen 





Mauern. Ueberall, wo man binfah, 
erinnerten damals Reliquien an eine 
längſt entſchwundene Vorzeit, alte 
Waffen, Nüftungen, ein Turmirſattel, 
legterer „ein wahres Meijterjtüd der 
Kunſt“, wie e3 der Dichter ſelbſt nennt, 
gemahnten noch an die prachtliebenden 
Zeiten des ritterlichen Heldenthums. 
Was Wunder, daß die Phantafie des 
Knaben in ſolcher Umgebung gemwedt 
und angeregt wurde! 


Den erften mangelhaften Unterricht 
erhielt Kalchberg von einer im Schloſſe 
lebenden alten Tante. Die Schidjals- 
ſchläge des Lebens jollten ihn ſchon in 
der Jugend hart treffen, denn er er: 
reichte faum fein eilftes Jahr, als er 
feinen Vater verlor. Der Knabe wurde 
nun einem benachbarten Pfarrer in 
Hohenmwang übergeben, um von diejem 
in der lateiniſchen Sprache unterrichtet 
zu werden. Der geiftlihe Herr mar 
aber ein übler Zehrmeifter, ftatt feinem 
BZöglinge mit Liebe und Vertrauen ent: 
gegen zu fommen, kannte er mur 
Schläge und Mifhandlungen als Hilfs: 
mittel der Erziehung, ja er brachte es 
damit jo weit, daß der arme Knabe 
beinahe Abſcheu vor aller Wiſſenſchaft 
erhielt und fich leider ſchon in jener 
zarten Jugend der Hang zur Melan- 
holie und Schwermuth in Kaldhberg 
entwidelte, der jpäter feinen büftern 
Schatten über des Dichters ganzes 
Leben warf. 


Drei peinvolle Jahre machte der 
Knabe hier durch, endlich erfchien auch 
für ihn die Zeit der Erlöſung; er 
fam in das k. k. Seminarium nad 
Graz zu feiner höheren wiſſenſchaft— 
lichen Ausbildung. Allerdings lebte er 
bier düfter und förmlich menſchenſcheu. 
Wenn feine Kameraden fih in mun— 
teren lauten Spielen ergögten, blieb 
der „Landjunker“ in irgend einer Ede 
fiten und wurde wohl auch von den 


' Spöttereien der übrigen verfolgt. Die 


Anftalt hatte damals eine treffliche 
Dberleitung, es dirigirte fie ber für 
die Jugendbildung jener Zeit jo ein: 


369 


flußreiche Gelehrte GajparRoyko*). 
Das Seminar faßte junge Leute aus 
allen „Klaffen, Berufsarten und Stän- 
den; Stiftlinge und Koftgänger, Gym: 
nafialen, Zöglinge der Philofophie, 
des Rechtes und der Theologie”. Der 
Director fannte jeden einzelnen dieſer 
BZöglinge genau und wachte, ohne über: 
trieben ftreng zu fein, al3 wahrer Pä- 
bagoge über bdiejelben. Dem armen, 
nun ſchon dem Sünglingsalter fich 
nähernden Knaben war anfangs bier 
jelbft die Welt des Geiſtes verjchlofjen, 
ja in einer handjchriftlihen Lebens— 
beſchreibung des Dichters, welche nie— 
mand Geringerer, ald die Tochter des: 
jelben, Emilie v. Kalchberg, eine geift- 
volle Dame, verfaßt hat und die fi 
nun in meinen Händen befindet, er: 
zählt die jedenfall competente Bio- 
graphie, daß einmal Kalchberg es einem 
freundlichen Kameraden beinahe übel 
nahm, als diejer ihm zumuthete, ſich 
die Zeit mit Lejen zu vertreiben; ber 
künftige Dichter verficherte, er habe 
jhon an den Büchern in feinen Lehr: 
ftunden genug. Bald lernte er feinen 
Irrthum einjehen; die großartigen 
Schöpfungen unjerer clajfiihen Dichter, 
in ihrer herrlichen Zeit lebte ja Kalch— 
berg, wurden ihm bekannt und bald 
war jein Geift, der nur auf einen An— 
ftoß gewartet hatte, faft übermältigt 
von den Schönheiten der damals mo: 

dernen Dichter Klopftod, Leſſing, Wie: 
land, Uz, Schiller, Goethe u. N. 
Freilich wurden ſelbſt hier dem nad 
Erlöfung ringenden Geiſte Schranfen 
gejegt, es war ftreng verboten, fich 
mit Lecture zu befaſſen, die nicht der 
genaueiten Prüfung der Leiter einzelner 
Abtheilungen der Anftalt unterzogen 
wurde und die Bücher unferer claffi: 
jhen Autoren waren es bejonders, 
welhe den Zöglingen jo wenig als 





*) Das Nähere über dieſen ausgezeid)- | 


möglih zu Gefihte fommen burften. 
Manche Naht ſaß nun Kalchberg im 
hellen Mondſchein an feinem Fenfter 
und verjchlang mehr als er las bie 
herrlihen Schöpfungen der großen 
Geilter des Jahrhunderts. 

Aber einem Manne war das Rin— 
gen dieſes Geiſtes doch aufgefallen, 
nämlich dem Director Royko ſelbſt; 
dieſer erkannte in dem Jüngling das 
erwachende Genie und wandte ihm nun 
beſondere Aufmerkſamkeit zu; er zog 
ihn in ſeinen näheren Umgang, machte 
ihn ſogar zu ſeinem Tiſchgenoſſen und 
geſtattete ihm den unbeſchränkten Ge— 
brauch ſeiner ausgezeichneten Biblio— 
thek, die beſonders an Dichtungen der 
neueſten Literatur reich war. Einem 
Manne, wie Royko nachzufolgen, ward 
gar bald des jungen Dichters eifrig: 
jte8 Beftreben und jo wurden in bes 
Jünglings Bruft die Triebe jener 
edlen Ehrbegierde gewedt, die, ein 
mächtiger Sporn, ihn auf der Bahn 
des Willen! und Wirkens raſtlos vor: 
wärts trieb bis zu jeinem Lebensende. 
Das Fahftudium, dem fih Kalchberg 
eigentlich gewidmet hatte, war das ber 
Rechte, daneben betrieb er aber bald 
auh mit großer Vorliebe biftorifche 
Studien; von literariichen kann feine 
Nede fein, weil eine beutjche Literatur: 
wiſſenſchaft damals faft gar nicht 
eriftirte und bie wenigen Vorlefungen 
über Aeſthetik, welche allenfall3 ab: 
gehalten wurden, bebeutungslos8 und 
jehr wenig anziehend waren. Der be: 
gabte junge Mann, welcher fih nun 
bald mit den Wiſſenſchaften vertraut 
gemacht, verjuchte fih dann bald auch 
in eigener Produktion und war erjt 
einundzwanzig Jahre alt, als die dra— 
matijche Erftlingsarbeit: „Agnes, Gräfin 
von Habsburg” (Gräß 1786), von ihm 
im Drude erjchien. Mit diefem Drama, 
auf das ich noch eingehender zu ſpre— 
hen komme, hatte Kaldhberg ein Ge: 


neten Mann findet Derjenige, welder fi) dar- | hiet betreten, das bis dahin von den 


über Auskunft zu verfhaffen wünſcht, im| 


meinem „Grazer Leben zu Ende des vorigen 
Jahrhunderts” II. 5. in der (Grazer) Tages- 
poft v. 27. September 1876. M.Bl. 


Bofeggers „‚Heimgarlen‘‘ 5. Heft. 


Schriftjtellern Oeſterreichs und Steier: 
marks noch geringer Aufmerkſamkeit 
gewürdigt worden war: das des hi: 


24 


370 


ftorifchen vaterländifchen Schaufpieles, | förderes der deutjchen Literatur ihm 


und ſchon diefe Arbeit lenkte die Auf: 
merkjamfeit auf den ftrebjamen Ver: 
fajler, da der Stoff der ganzen höchft 
gelungenen Dichtung erſt auf dem 
mühſamen Wege des Forichend aus 
Familien-Urkunden mit Fleiß zufam: 
mengetragen und dann dramatijch bear: 
beitet worden war. 

Kalchberg hatte zu dieſer Zeit 
jeine Studien beendet; er follte fich 
zur Wahl eines Lebensberufes ent: 
ſchließen und dieſe warb dadurch ent: 
ihieden, daß er im Jahre 1785 in 
k. k. Bankaldienfte trat, deren trodene 
Berufspflichten freilich mit der Streb- 
jamteit des feurigen Geifte® wenig 
harmonirten. Er verließ diejes Amt 
auch bald und verbrachte eine Zeit 
auf dem heimatlichen Schloffe Pichl, 
woſelbſt ihm ein bis in’s Alter treuer 
Freund, der Dichter Franz Schram, 
dejjen Namen wir nod in Diefer 
Skizze begegnen werben, Gejellichaft 
leijtete. 

Was feine literariihe Thätigfeit 
betrifft, jo erjchien inzwifchen im Jahre 
1788 das Drama „Die Tenpelherren“, 
welches der Dichter jchon in feinem 
19. Jahre entworfen Hatte und das, 
zu jeinen beften Zeiftungen zählend, 
ihm bald einen bedeutenden Nuf im 
In- und Auslande verjchaffte. Gleich: 
zeitig war eine Sammlung Iyrijcher 
Gedichte aus der Feder Kalchberg's 
erichienen, die ebenfalls nicht verfehlte, 
bei den damaligen jo unendlich trau: 
rigen Literaturverhältniffen Defterreichs 
Aufjehen zu machen. Die Anerkennun: 
gen blieben nicht aus; Kalchberg ge: 
noß in demjelben Jahre die Auszeich— 
nung, von der arkadiſchen Geſellſchaft 
in Nom deren Diplom überjendet zu 
erhalten. Indem ich vorgreife, erwähne 
ih noch, daß die herzoglich beutjche 
Sejellihaft zu Jena im Jahre 1793 
ihn, „deſſen Liebe zu den jchönen Wiſ— 
jenichaften, deſſen Eifer für Die Chre 
unjeres Baterlandes den würdigſten 
Beifall der Kenner und den Ruhm 
eines edelmüthigen und geſchickten Be: 


| 
| 


ſchon längft erworben”, zu ihrem „vor: 
nehmen“ Mitgliede ernannte. 

Im Jahre 1788 vermählte fi 
der Dichter zum erjtenmale mit einer 
jungen Witwe, Hedwig von Gemiljcheg, 
die ihm aber ſchon nad) drei Jahren 
duch den Tod entriffen wurde. Durch 
eine Neife juchte ber tief gebeugte 
Mann feinen Geift aufzurichten; er 
durchreifte den größten Theil Ober: 
italiens und fehrte ſodann über Trieft 
zurüd. Hier war es, wo er ein mit 
vortrefflihen Eigenſchaften des Geijtes 
und Gemüthes ausgejtattetes Mädchen 
feinen lernte, das er nach der Ueberwin— 
dung vielfacher Hinderniffe, die ihm da— 
bei in den Weg gelegt wurden, zum 
Altare führte und mit der jungen 
Gattin jodann auf feinem väter: 
lichen Schloffe bleibenden Aufenthalt 
nahm. — Schon 1789 gab Kalchberg 
die für die dichteriſchen Verhältniſſe 
der Steiermark jo intereffante und 
bedeutjame Sammlung, „Früchte var 
terländiſcher Muſen“, heraus, den er: 
ten Mufenalmanah, der im Lande 
erichien, und 1790 folgten „Die Gra- 
fen von Gilli”, zwei zuſammenhän— 
gende Schaufpiele, die ſich durch präg- 
nante Charakteriftif und eine glän- 
zende Diction auszeichnen. 

Die Stände Steiermark, welche 
dem nun immer bedeutender werben: 
den Manne ihre Aufmerkjamfeit zu: ' 
wendeten, wählten ihn 1791 zu ihrem 
Ausſchußrathe, welche Stelle er zwar 
annahm, aber Schon 1792 wieder zu: 
rüclegte und nah Wildbad, einem 
Gute im Marburger Kreije, 309, das 
er nah dem Verkauf von Pihl an 
ih gebracht Hatte. Kalchberg ftand 
damals mit den ausgezeichnetiten Män- 
nern des In- und Auslandes in Ver: 
bindung. Von hier aus erjchienen die 
folgenden Dramen: 1792 „Die Ritter: 
empörung“ (in der Folge in Berje 
umgearbeitet und „Andreas Baum: 
kircher“ betitelt), 1793 „Maria The: 
reſia“ und 1796 „Die deutjchen Rit: 
ter in Accon“, eine vorzügliche dich— 


371 


terifche Leiftung, anläßlich welcher eine 
Kritik bemerkte, Kalchberg verdiene 
duch fie „unter den deutſchen Schrift: 
ftelleen wirklih einen claſſiſchen 
Rang”. 

„Attila, König der Hunnen“, das 
legte Drama Kalchberg's, erichien 1806. 
Bor nun an widmete fi Kalchberg 
aber ausschließlich den ernjten Studien 
der Geichichte, und zwei Bände im 
Jahre 1800 gebrudte hiftorifche Skiz— 
zen zeugen von feinen Arbeiten auf 
diefem Gebiete, wenn er den Poe— 
ten freilich auch bier nicht verleugnen 
fonnte und die Refultate feiner Stu: 
bien in heitern oder ernften, doch poe- 
fizvollen Darſtellungen niederlegte, die 
zu den gelejenften Büchern ihrer Zeit 
gehörten. 

Die Stände wählten 1796 jchon 
ben Dichter wieder zum Ausjchußrathe, 
und er nahm diesmal die Stelle mit 
allen ihren jchwierigen Pflichten auf 
fih, ohne fie wieder zurüdzulegen. 
Kalchberg's Amtsgeihäfte nahmen ihn 
immer mehr in Anſpruch, er ward 
Mitglied mehrerer ftändiichen Deputa- 
tionen und Commiſſionen, Kanzlei— 
director, Theatercenfor und Mitglied 
ber ftänbifchen Oberleitung des Thea: 
ter3 und überall arbeitete er mit Auf: 
wand aller Kräfte. Eine Folge feiner 
ausgezeichneten Leiftungsfähigfeit war, 
daß er im Sahre 1810 von ben 
Ständen zum zweiten Verorbneten bes 
NRitterftandes erwählt wurde. Nach 
einer Wahl mit gleihem Rejultat im 
Jahre 1816 rüdte er 1817 zum er: 
ften Verorbneten der Stände vor und 
ward 1823 nochmals als ſolcher be- 
ftätiget. 

Ein bejonderes Verdienft hatte fich 
Kalchberg durch bie eifrige Theilnahme 
an der Gründung jener vortrefflichen 
gelehrten Anftalt in Graz erworben, 
bie unter dem Namen des „Joan— 
neums“ heute noch jo glänzend ba- 
fteht. Ein ausgedehnter Briefwechſel 
mit dem eigentlihen Begründer des 
Soanneumsd, mit Erzherzog Johann 
jelbft, von dem es ja ben Namen 


trägt, zeigt das warme Intereſſe, 
welches der Dichter für diefes fo be- 
deutfame Unternehmen (die Anſtalt 
wurde im Sahre 1811 gegründet) 
immer gehabt hat. Erzherzog Johann 
ernannte denn- au dur ein vom 
26. November 1811 datirtes Schrei- 
ben den Grafen Ferd. v. Attems, den 
Abt zu Admont, Gotthard Kuglmayı, 
und den „Herren Johann v. Kalchberg, 
befannt durch feinen literariichen Auf, 
durch feine Landeskenntniß und feine 
Denkart“ zu Guratoren des Joan— 
neums.*) Kalchberg widmete ſich nun 
faſt ausſchließlich ſeinen ſtändiſchen 
Geſchäften und den Pflichten, welche 
ihm durch fein Curatorenamt bezüg—⸗ 
lich des Joanneums auferlegt waren. 


In Verbindung mit dem Archivar 
Wartinger hinterlegte er ſogar ein 
Capital, von deſſen Intereſſen jährlich 
eine paſſende Medaille angeſchafft und 
dem in der ſteiermärkiſchen Geſchichte 
kenntnißreichſten Jünglinge übergeben 
wurde. Zahlreiche gelehrte und für 
Verbreitung des Schönen und Nütz- 
lihen geitiftete Gefellfchaften hatten 
den Dichter inzwiſchen durch Berlei- 
hung von ehrenhaften Mitgliederbiplo: 
men aufgezeichnet. „Seine Kenntniß- 
fülle, feine durch lichtvolle Darftellung 
ausgezeichneten Ausarbeitungen, fein 
durch vieljährige Uebung erlangter 
praftifcher Tact, der im wirren Knäuel 
ftreitender Intereſſen den Faden glüd- 
lihen Entwindens fo oft getroffen“, 
entging dem Scharfblid höherer Be: 
börden nicht, daher v. Kalchberg jpä- 
der dem 1820 eingetretenen Grundſteuer⸗ 
Proviforium und bei der darüber auf: 
geftellten Commiſſion zum Referenten 
ernannt worden war. 


Doh Hatten den Armen jchon 
früher harte Schidjalsfchläge getroffen. 
Eine ſchwere Krankheit hatte im Jahre 
1812 ihn faft bis an den Rand des 
Grabe gebradt; ein ſchleichendes 


*) Näheres hierüber zu finden in Dr. 
Göth's „Das Joanneum in Graz“, Gray, 
1861, ©. 14 ff. 


24* 


Nervenfieber, in welches eine heftige 
Lungenentzündung übergegangen war, 
war jeiner phyfiihen Kraft unendlich 
nachtheilig geworden. Kurz zuvor er: 
litt Kalchberg durch den Verkauf von 
Gütern und die nachher eingetretene 
unglüdliche Finanzoperation des Jahres 
1811 enorme Vermögensverlufte; ber 
Gebanfe, die materielle Eriftenz jeiner 
Familie nicht gefichert zu jehen, mag 
wohl nicht wenig zum Ausbruche der 
langwierigen Krankheit beigetragen ha= 
ben. Mehrere Todesfälle, Darunter der 
eines alten Jugendfreundes, Joſef 
Linze, wirkten zu jener Zeit nicht 
minder nachtheilig auf das ohnehin 
ſchon zerrüttete Gemüth des zartfüh: 
lenden Mannes. Mit unermüdlichem 
Fleiße widmete er fih von Neuem 
den Gejchäften feines Berufes und 
ging beinahe ganz in benjelben auf. 
Durch diefe in Anſpruch genommen, 
fonnte er, mie feine Tochter erzählt, 
den eigenen Arbeiten immer feltener 
einen Augenblid widmen, obſchon er 
oft ganze Nächte hindurch am Schreib: 
tiſche ſaß. Seine literarifchen Arbei— 
ten beſchränkten ſich aber von nun an 
nur auf Aufſätze und Gedichte in 
Journalen und Zeitſchriften; beſon— 
ders enthält das vortreffliche von 1811 
an in Graz unter der Redaction Koll 
mann's erjchienene Blatt „Der Auf: 
merkfjame” manchen intereffanten Bei: 
trag aus Kalchberg's Feber. 

In den Jahren 1816 und 1817 
erschienen des Dichter Werke gejam- 
melt bei Gerold in Mien, nachdem 
fih das Bedürfniß einer ſolchen Ge- 
jammtausgabe längft gezeigt hatte. 
Die Ausgabe umfahte 9 Bände. We— 
niges und nur Trauriges ift ed, was 
man über die legten 10 Lebensjahre 
des Dichters noch zu berichten vermag. 
Sein Geift erjchien gebrochen, fein 
Körper fiechte dahin. Eine unglüdliche 
Induſtrieunternehmung, durch die er 
jeine und feiner Familie materielle 
Lage zu verbefjern gedachte, ſchlug 
ebenfall8 fehl und der gebeugte Mann 
ward 1824 noch einmal an den Nand 


des Grabes gebradt. Zum Tekten 
male erholte er fih noch, aber die 
Bruſtkrankheit wollte ihn nun nimmer 
verlaffen. Vielleicht war auch feine 
troß des Körperleidens nicht zu unter: 
drüdende geiftige Regſamkeit Urſache 
de3 fchnelleren Todes. Am 3. Fe: 
bruar 1827 war fein jchmwerer Kampf 
mit dem Leben ausgefämpft. Freilich 
war für ihn das Grab nicht tief, ſon— 
dern, um mit ben Worten des großen 
Sean Paul zu ſprechen, der leuchtende 
Fußtritt eines Engels, der ihn lange 
ſuchte und endlich die Dornenfrone 
von jeinem Haupte nahm. 

Wie die Gefchichte jeines engern 
und weitern Baterlandes dem Dichter 
bei Lebzeiten jchon eine treue Freundin 
war, jo wollte er auch im Tode einem 
der intereffanteften hiſtoriſchen Denk: 
mäler der Stabt nahe bleiben: ber 
durch ihr Alter ausgezeichneten Kirche 
der bdeutichen Drdenscommende am 
Leech. „Ih wünfche, an der Leechkirche 
begraben zu werden“, jchreibt v. Kald): 
berg in einem ſchon im Jahre 1812 
verfaßten in meinen Händen befind- 
lihen Teftamente, „da ich einer der 
Erften war, die in der Steiermarf 
die Liebe zu den Wiſſenſchaften wieder 
belebten, dem Staate fünf, den Ständen 
vierzehn Jahre unentgeldlich diente, 
jo könnte man diefen Wnnſch wohl 
erfüllen.” In demielben Schriftjtüd 
bittet er um einen Grabſtein mit fol— 
genden von ihm verfaßten Berjen als 
Inſchrift, die ich bieherfege, um das 
Gemüth und das Herz des Tichters 
zu beleuchten: 

Wandrer, ich war nur ein Menſch, ein Freund 
der Natur und der Mufen, 
Viele verftanden mich nicht, Wenige fannten 
mein Gerz. 
Halt du Sinn und Gefühl, jo ſchentk' ein 
Thränchen dem Menſchen, 
Weih' ein Blümchen dem Grab, wo bier 
der Dichter verftummt.*) 


) In der Gefammtausgabe T, ©. 212, 
ſteht dieſes Gedicht auch, doch weichen die 
Schlußzeilen in Einigem von dem oben ange- 
führten ab, ich lieh abfichtlich die Verſion nad 
der Handſchrift, die mir vorliegt, ſtehen. 


Uebrigens drückte Kalchberg feinen 
Wunſch, an der Leechfirche begraben 
zu werben, auch jpäter (1823) in 
einem Gedichte an die Stände aus, 
das ebenfall® im Auszuge bier feinen 
Plag finde : 


Ein armer Pilger, der des Wallens müde, 
Sich ſchon nad einem Ruhepläßchen ſehnt, 


Wo in der Mutter Schoß der ew'ge Friede | 


Sein fchlummernd Haupt mit Todtenbiumen 
frönt, 

Hat fid ein ſolches Plägchen auserjehen, 

Und bittet nun mit frommer Serzlichkeit, 

Es ihm zu gönnen, wenn im Thal der Meben 

Der Todesengel feine Hand ihm beut. 


Dort an der Kirche mit zwei Heinen Thürmen, 
Morauf die Zeit jelbit Eiſenkreuze bog, 

Die Alles beugend, unter taufend Stürmen 
In ſechs Iahrhunderten vorüberzog, 

Wünſcht er zu ruben, nah’ dem Marmorbilde 
Des alten Ritters, und ein Meiner Stein 
Soll an der Kirchenmauer im @efilde 

Des Todes feines Grabes Herold fein. — — 


Vielleicht, dak mander von den Enfeljöhnen 
Dort noch fein Grab befucht in jpäter Zeit, 
Ihm, wenn der Seimchen Abendlieder tönen, 
Gerührt ein jegnend Angedenken weiht; 
Vielleicht, daß dann auch manche ſanfte Schöne 
Mehmüthig auf den kleinen Hügel blickt, 

Des Dichters Grab bethaut mit einer Thräne 
Ind es mit einen Myrtenkranze ſchmückt. 


Kalchberg ift denn auch in ber 
That feinem Wunſche gemäß an bie: 
jem altehrwürdigen Bau, dem älte- 
jten Denkmal ächter Gothif in Steier: 
marks Hauptftadt, begraben worden. 
Der Grabjtein erſcheint au der Süd: 
jeite des Kirchleins eingemauert, wahr: 
jcheinlich hatte der Dichter aber jpäter 
über bie Inſchrift anders verfügt; die 
beigejegten Verſe wenigſtens find nicht 
diejenigen, welche er in der obengenann- 
ten legten Willensverfügung wünſchte. 
Diefe Inſchrift Tautet: 


Hier ruht 


Johann von Kaldhberg, 
gelehrten Gefellfchaften, Verordneter der fteier- 


märkifhen Herren Stände und Gurator des 


Mitglied mehrerer 


Joanneums, welder geboren warden 13. März 
1763*) und ftarb den 3. Februar 1827. 
Dir geweihet, Vaterland ! 
War fein Dichten, war fein Leben 
Und — ſchon an des Todes Hand 
Nod dein Beil fein höchſtes Streben. 
Mander deiner beiten Söhne 
Denkt in fpäter Zeit noch fein 
Mit des Danfes ftiller Thräne. 


Als Denkmal der Liebe ihm geweiht von den 
Seinen. 


Von den Nachkommen des Dichters 
lebt noch ein Sohn Heinrich und eine 
Tochter Emilie. Der befannte Staats: 
mann Sofeph Freiherr v. Kalchberg, 
ehemals Statthalter von Schlefien und 
ſpäter k. k. öfterreichifcher Handels: 
miniſter, iſt ein Neffe von Kalchberg 
und hat ſeinen gegenwärtigen Aufent— 
halt in Graz. 

Das Leben eines Poeten ſind ſeine 
Lieder, ſind ſeine Werke, dort hat er 
Alles niedergelegt, was er gefühlt und 
gedacht; dort hat er die ganze Kraft 
ſeines Geiſtes zuſammengefaßt, und 
wenn wir bisher in Kalchberg den 
Menſchen und den tüchtigen Beamten, 
den für das ganze öffentliche Wohl 
jo einflußreihen Mann kennen gelernt, 
fo wollen wir uns in dem Nadh- 
folgenden mit jeiner BDichtfunft be: 
Ihäftigen und einen Blid werfen auf 
fein geiſtiges Schaffen. Um diejes 
aber recht beurtheilen zu können, iſt 
e3 nothwendig, einen Blick auf die da— 
maligen AZuftände ber Xiteratur zu 
werfen. 

Es ift befannt, wa für einen 
Einfluß auf das bis etwa um bie 
Mitte des 18. Jahrhunderts ziemlich 
regungsloſe Leben der beutjchen Litera— 
tur die Schöpfungen derjelben hatten, 
welche in ber zweiten Hälfte und be: 
fonders im letzten Drittel desjelben 
Jahrhunderts zu Tage getreten find, 
die Anafreontifer Schon, jene Sänger, 
wie Uz, Gerftenberg, Gleim, die im 


*) Diefe Datirung ift, wie man aus 
meinem oben mitgetbeilten nachgewieſenen 
Datum erfieht, unrichtig. 


374 


— — — 


Anklange an den griechiſchen Dichter 
der Liebe, Anakreon, ihre Stimme er— 
hoben, gaben dem bis dahin ſo 
trockenen Tone der Dichtung einen 
bedeutenden Umſchwung; ihnen folgten 
die Fabeldichter Gellert, Pfeffel, Licht— 
wer und Hagedorn, und die großen 
Geiſter unſerer Nation, wie Klopſtock, 
Leſſing, Wieland, Herder, Schiller und 
Goethe waren ihnen theils zur Seite 
getreten, theils bald nachgekommen, 
ſo daß der deutſche Parnaß nun auf 
das würdigſte vertreten erſchien. 

Ich habe ſchon oben erwähnt, daß 
die Lecture der genannten und anderer 


Nachtheil waren; ſelbſtverſtändlich über⸗ 
wog die Wiſſenſchaft der Theolo— 
gie und jede andere Kunſt und Wil: 
ſenſchaft erſchien der Gottesgelehrheit 
untergeordnet. Daher fommt e3 denn 
au, daß lichtvollen Schöpfungen bes 
Geiſtes nur bebingungsmeife ber Ein: 
gang zur Jugend, ja ſelbſt in das 
größere Publikum geftattet wurde, 
daß beiſpielsweiſe die Dichtungen eines 
Leffing verpönt waren, daß man mit 
mißtrauifchen Augen über jeden Schrift: 
fteler wachte, welcher freiheitlihem 
Geifte die Zügel ließ ; dazu fam weiters 
die volftändige Abhängigkeit ber 


ungenannten großen Geifter belebend | Preſſe von der Biücherrevifion, von 
und anregend auf die Production | der Genfur. Heutzutage, in unferer 
Kalchbergs auf poetiihem Gebiete ge: lichtvollen aufgeflärten Leit begreift 


wirft hatte. Es laſſen fih in ben 
einzelnen uns von Kalchberg vorlie- 
genden Iyriihen und lyriſch-epiſchen 


man ben großen Zwang gar nicht, 


der damit auf den jchöpferifchen Geift 
ausgeübt wurde; mußte doch Jeder 


Gedichten die Richtungen leicht be— fürchten, ſeine beſten, trefflichſten Ge— 


zeichnen, denen er folgte. Schillers 
„Jugenddramen“, von den „Räubern“ 
angefangen, müſſen ſelbſt bis in die 
gebirgigen Gaue der Steiermark 
einen ungeheuren Einfluß auf die Ge— 
müther der Jugend ausgeübt haben, 
auch ſeine Gedichte fanden bald Ein— 
gang in alle Herzen und das in ihnen 
pulſirende Leben hatte auf die ganzen 


danken von ber Büchercenſur unter: 
drüdt zu ſehen. Wenige mwagten es 
daher, mit neuen Schöpfungen ben 
Meg der Deffentlichkeit zu betreten, 
ja wenigen jogar war es vergönnt, 
die großen Werke ber neueften Dichter 
auch nur zu fennen, die vielleiht an- 
tegend auf ben gährenden Geift ein- 
gewirkt hätten. Zu dieſen wenigen 


Literaturverhältniffe eine lange, nach: | gehörte Kalchberg, der mit feinem 


baltige Wirkung ausgeübt. 


pofitiven Wiſſen auch ein bedeutendes 


Aber die Bedeutung, welche die Formtalent verband und daher bald 


erſten poetiſchen Schöpfungen Kalchbergs 
errungen, liegt noch in einem eigen— 
thümlichen Umſtande, der ſich ſpeciell 
auf das Geiſtesleben Oeſterreichs in 
jener Periode bezieht, die man die 


Aufklärungsperiode zu nennen pflegt. ſicht nach, 


Bis zu den Zeiten Joſephs II. laſtete 
ein Drud 
leben innerhalb der öfterreichifchen 
Grenzen. Die Sefuiten hatten bie 


nah feinem Belanntwerden den da— 
maligen Heroen der Wiener Literatur: 
Denis, Maftalier, Ratſchky u. a. an 
yereiht wurbe, obgleich er an Schwung 
und dichterifchem Feuer, meiner An: 
alle Genannten übertraf. 
Die „Gedichte“ Kalchbergs im 


auf dem ganzen Literatur: | engeren Sinne des Wortes jeien es 


zuerft, welche wir einer Betrachtung 
unterziehen wollen, hier ſchon betone 


niebere und höhere Ausbildung der ich jedoch, daß des Dichter ganzer 


Jugend in ber Hand, fie Hatten jede 
Art von Gelehrſamkeit zu vertreten. 
Man braudt fich auf feinen politifchen 
Sonderftandpunft zu ftellen, um ein: 


Ernft eigentlih im Drama liegt, auf 
welches ich in einem Folgeartikel zu 
Iprechen fomme. Die erfte Sammlung 
Heinerer Poeſien erſchien im Jahre 


zuſehen, wie ſehr dieſe Einflüſſe auf 1788 und nachher öfter, die voll: 
die Entwicklung des Geiſteslebens von ſtändigſte befindet ſich in dem J. Bande 


der „Sämmtliden Werke“, daran 
ſchloſſen ſich im Jahre 1789 und 1790 
zwei Bändchen, „Früchte vaterländifcher 
Mufen“ betitelt. Um bie Bedeutung 
auch diejes Unternehmens ganz würdigen 
zu fönnen, muß man wiſſen, wie 
wichtig die Entftehung der Mufenal: 
manache für bie Literatur des 18. Jahr: 
hundert3 geworden ift. Die Mufenal- 
manache wurben, ſeitdem der erfte (von 
je'nem Drudorte jogenannte Göttinger) 
von Boie und Gotter herausgegebene 
derartige Almanad) erihien, der Sam: 
melplag aller damaligen poetifchen 
Größen der deutjchen Nation: Klopftod, 
Goethe, Schiller, Bürger, Gleim, Hölty, 
Leſſing u. a. m. betheiligten fich 
eifrig mit Beiträgen, geben auch wohl 
jelbft derartige Anthologien heraus. 
Karl Goedeke zählt zwei enggedruckte 
Seiten nur von Titeln ber erfchienenen 
Mufenalmanade auf; die jchönften, 
unvergänglichften Perlen deutſcher Boefie 
wurden oft bier zuerft veröffentlicht. 
Ein folder Almanach war auch Kalch— 
bergs Unternehmen, allerdings waren 
es meiſtens Beiträge provinzieller 
Dichter, welche er enthielt, aber wir 
finden hier Stücke von großer Schön— 
heit und, was die Hauptſache iſt, dieſe 
Sammlung zeigt den Anſchluß an das 
große deutſche Literaturleben, zeigt 
den Abglanz jener Beſtrebungen auf 
geiſtigem Gebiete in der ſchönen 
grünen Sieiermarf und darum iſt fie 
für die ganze Geifteswelt des Defter: 
reich jener Zeit jo wichtig und bebeu- 
tend. Unter den nennenswerthen Mit: 
arbeitern der „Früchte vater!. Muſen“ 
finden wir die Namen, Dr. %. €. 
König, Franz Schram, Xav. v. Un: 
ruhe, J. J. Sceiger, vor Allem ift 
der Herausgeber jelbit durch Moefien 
vertreten. Ausführlicher darüber habe 
ih an anderem Drte gehandelt*) und 
nur Kalchbergs Lyrik ift hier ins 
Auge zu faſſen. 

Der eigentlich Iyrifhen Gedichte 
finden fich nicht überwiegend viele, 


— 


mehrere erinnern im Metrum und im 
Tone an die Oden Klopſtocks, manche 
in derſelben Weiſe an Schiller. Ein 
echter Freund ſeiner Heimat zeigt ſich 
der Dichter gleich in dem Eingangs— 
gedichte „An die Steiermark“, von 
dem ich einige beſonders wohllautende 
Strophen hieherſetze: 


O du in deſſen waldigem Schoß mein Aug’ 
Den erſten Strahl der wärmenden Sonne tranf, 
Du, deß forellenreiche Ströme 
Einſt um die Wiege des Dichters ſauſten, 


Dir, holdes, theures Vaterland, tönt mein Lied 
Dir, das ich liebe glühend und innig, wie 
Der gute Sohn den Vater, wie die 
Zärtliche Tochter die Mutter liebet! 


Schön biſt du, unter Oeſterreichs Töchtern, ſchön, 
Es gab Natur der Reize ſo viele dir; 

Auch ihres Segens ganze Fülle, 

Reichlich zu nähren die guten Kinder. 


Die antiken Metra, welche Klop— 
ſtock zuerſt wieder in die deutſche 
Literatur einführte und welche bekannt— 
lich auch von Denis, Maftalier und 
anderen Wiener Dichtern gepflegt wur: 
den, finden fich in Kalchbergs Iyrifchen 
Gedichten nicht felten vertreten, jeden: 
falls find dies Anklänge an die Jugend: 
lectüre des Dichters. Daß Kalchberg mit 
dem Dichterfreife der öjterreichifchen 
Nefidenz in Verbindung jtand, be: 
weifen ja zahlreihe Stellen in jeinen 
Werfen und beijpieläweile die Ode 
„An die Freiheit”, welche an jeinen 
„Freund“, den Dichter Neger in Wien 
gerichtet ift, die mit der Strophe 
beginnt: 

O gold’ne Freiheit! Süßer ald Sphären-Klang 
Dem Dichter, als dem durftigen Wanderer 
Der kühlen Quelle fernes Murmeln 
Tönt mir entzüdend dein holder Name. 


Mancher wird vielleicht heutzutage 
diefes oder jenes der Gedichte Kaldı- 
bergs etwas phantaftiih, wohl aud 
in der Form nicht ganz correct finden. 
Hiezu mag wohl die Jugend des 
Dichters viel beigetragen haben; jagt 


*) „Grazer Leben z. €. d. dv. 3.” IT. 4. er doch felbft in der Vorrede zu ber 


Gejammtausgabe, welche an den Erz. | Ah! ſchon fing mein Hoffen an zu wanten, 
berzog Johann, feinen hohen freund: | Schon verfanf ich tief in dem Gedanken, 


lihen Gönner, gerichtet ift: „Die 
meiften dieſer Geifteserzeugniffe ent: 
ftanden in jener früheren Epoche meines 
Dajeind, wo no der Jugend er: 
wärmenbe Frühlingsftrahlen Phantafie 
und Herz mit rofigem PDämmerlichte 
erfüllten.” Welch’ ein edles Herz dem 
Dichter im Bufen jchlug, zeigt jede 
Seite der Gedichte, man leſe die „Phan— 
tafien eines Weltbürgers”, das Gedicht 
„Auf den Tod Leopold’8 Herzogd von 
Braunſchweig“, die prächtige, melan- 
holifch:ernfte „Elegie“ und man wird 
nit nur ben gemüthvollen Dichter, 
fondern auch den für bie höchſten 
Soeale "der Menjchheit begeifterten 
Menſchen Eennen lernen. 


Aber auch der Frohfinn und bie 
Luft nahen dem Sänger: 


Laßt uns fröhlich fein, ihr Brüder! 
Und genießen unfere Zeit.... 


Die Vergangenheit wird immer 

Unfrer Macht entriffen fein; 

Schwacher Menfchenblid dringt nimmer 
In der Zukunſt Tiefen ein. 


Nur die Gegenwart, ihr Brüder, 
It dem Menſchen zugetheilt, 

Die ihn füffet und dann wieder 
Raſch aus feinen Armen eilt.... 


Bon den Liebes: und Freund: 
ſchaftsliedern erinnern manche über- 
raſchend an Vorbilder ber gleichzeitigen 
claffifchen Literatur, jo beiſpielsweiſe 
das Gedicht „An Mariannen”. 


Holde Schöpferin geheimer Triebe! 

Die mich mit den Fefleln heißer Liebe 
Schnell an ihren Siegeswagen band, 

Gute, traute, fanfte Marianne! 

Heil mir, daß auf meinem Lebenstahne 
Ih im Ocean der Welt Di fand. 


Lange, lange ſucht' ich ſtets vergebens 
Unter Traumgeftalten diefes Lebens 
Eine weiblihe Bolllommenheit ; 
Nicht allein zum Durfte nied’rer Sinne, 
Auch gemacht zur höhern Geifterminne 
Und zur mwechfellofen Bärtlichkeit. 


Daß mein Suchen ewig fruchtlos fei; 
DO, da fah ih Dich, erhab'ne Schöne! 
Und der erite Deiner Silbertöne 

Machte mid) von meinen Zweifeln frei. 


Gedanke und Form laffen hier 
den Einfluß von Schillers Jugend— 
lyrik nicht verfennen, Humor und 
Scherz find dem Dichter nicht fremd, 
das zeigen manche humoriſtiſch ange— 
hauchte Verſe, ſo das Gedicht „Der 
Weiberfeind“ oder „Die zweifache 
Schminke“, „Siegeslied eines Weiber: 
helden“, „Mädchenlaunen” u. 4. 


Bemerkenswerth erjcheinen in ber 
Sammlung auc) die Balladen. Kalchberg 
war ber erfte, ber fich in Defterreich 
ber Balladendichtung wieder zumenbete. 
Die Wiener Dichter pflegten zu jener 
Zeit nur die Lyrif im engften Sinne 
des Wortes, und die in den „Früchten 
vaterländifcher Muſen“ zuerft veröffent- 
lichten, fodann in die Sammlung auf: 
genommenen Balladen bürften wohl 
zu ben erften gerechnet werben können, 
die überhaupt in der Steiermarf, ja 
im ganzen Staate diefe Gattung der 
Dichtkunft belebten. „Hans von Stein“, 
„AndreasEberhard vonRauber”, „Heinz 
von Plaßmann“ gehören bhieher, bie 
Stoffe entnahm auch hier der Dichter 
meift der Gejchichte feiner Heimat. 
Die dramatische Belebtheitder Handlung 
zeigt in biefen einer frühen Zeit an- 
gehörigen Dichtungen ſchon deutlich 
die Gejtaltungsfraft Kalchbergs, welche 
den „Dramatiker“ in der Folge fo 
berühmt gemacht und den wir noch 
eingehender beſprochen in einem Folge: 
artifel fennen lernen werben. 

Man wird es dem Dichter viel- 
leicht übel nehmen, daß manche ber 
Verſe einen, wenn ih mich fo aus: 
drüden darf — lüfternen Charafter 
an fich tragen. Diefer Vorwurf fönnte 
aber nur einen Dichter treffen, der 
heute fo fchriebe; damals lag ber 
Ton im Gejhmade der Zeit, man 
durchblättere nur die Schiller'ſchen 


377 


Gedichte der erften Periode, die 
Goethe'ſchen Poefien vom Ende bes 
18. Jahrhunderts und bie Merfe 
anderer Igrifcher Feitgenoſſen Kalchbergs. 
Kürzere erzählende Gedichte Kalchbergs 
und einige Fabeln gemahnen an 
Gellert und Leſſing. 

So ſehen mir überall Anklänge 
an die große Flaffifche Zeit, Anklänge, 
die um fo bezeichnender genannt 
werben müflen, als fi daneben auch 
wirffihe Originalität und Selbft- 
ftändigfeit bei Kalchberg geltend macht. 


Der erſte Theil biefer Skizze 
ſchließe nun mit einem ber hübſcheſten 
aus den Fleineren Gedichten der Samm- 
lung: 

Gleichniſſe. 
Ein Merk des Wißes iſt ein ſchimmernd Aleid, 
Es blendet nur des Pöbels Sinn; 
Dod mit dem flüht'gen Reiz der Neuigfeit 
Stirbt bald auch die Bewund'rung bin. 
Ein fanftes feelenrührendes Gedicht 
Iſt wie der holde Abenditern: 
Iahrtaufende ſchon ftrahlt fein mildes Licht, 
Noch trinkt e8 unfer Auge gern. 


— — — — 


Drei Zigeunerburſche zogen. 
Von 


Auguſt Silberſtein. 


Mit Trompet und Fiedelbogen 
Drei ZSigeunerburſche zogen 
Ueber Ungarns Saideland. 
Froſtig war's und fdhneebededet 
Lag die Erde hingeftredet 

Bis zum fernen Nebelrand. 


Keine warme Schenfe rauchte, 

Nur der böfe Nordwind haudhte 
Raftlos feinen Athem aus. 

Singt er aud fein Lied den Ohren, 
Eilen heißt es underfroren, 

Denn es harrt das Hochzeitshaus. 


Plöplih bei dem Weiterfputen 
Seh'n fie's fern wie Kohlengluthen 
Und Geheule dringt berbei. 
Herrgott ! Diefe graufe Stimme — 
Wölfe find's im Hungergrimme, 
Angft erftidt den Todesſchrei! 


Starr gewurzelt auf’ den Plähen 
Steh'n die Spielleut vor Entfepen, 
Blaß wird felbft ein braun Geficht ! 
Und ſtets eng’re Kreife ziehen 

Iene Grimmen — ein Entfliehen 
Gibt e8 für die Opfer nicht. 


Da — ſchon wär: er matt gefunfen, 
Zuckt's dem Geiger wie ein Funken 
In's Gehirn, dad Nacht umfing; 

Und er leget bloß die Fiedel, 

Streiht darauf gar feſt ein Liedel, 
Daß ed durd die Rüfte dring' ! 


Eilig folget der Trompeter 

Mit dem Blafen, und nicht fpäter 
Stimmt des Bafles Geiger bei. 
Wölfe, derlei nicht gemärtig, 
Steh'n und friegen’s nimmer fertig, 
Was da nun zu machen fei. 


Schnuppernd mit der ſcharfen Nafe, 
Prüfen fie Gegeig', Geblafe, 
Halten auch die Ohren fteif. 
Endlih, zum Entfchluß gefommen, 
Wenden fie ih um zum Frommen 
Mit tief eingeflemmtem Schweif. 


Immerfort mit Melodeien 

Die Zigeuner fih befreien, 

Bis die Wölf auf ferner Fahrt. 
Nur beim fpäten Hochzeitseſſen 
Iene fih mit Wölfen meffen 
Und trinten nah Mufltantenart ! 


378 





Aus dem Stimmen: und Paut:Concert der niederen 
Thierwelt. 


Wir beftaunen ben wunderbaren und zum Theil auch in Noten auf: 


Drganismus der menschlichen Sprache, 
wir laufhen dem füßen Gefang der 
Nachtigall, das markige Gebrüll des 
Löwen flößt und Nefpect ein vor dem 
„Wüſtenkönig“, die mannigfachen Laut: 
äußerungen zahmer unb milder Vier: 
füßler find uns vertraut, auch aus 
ber Kleinwelt deffen, was da „kreucht 
und fleugt“, entfinnen wir und manches 
unverbrofjenen Schreihalfeg, mandes 
aufdringlichen Lärmmachers. Aber nur 
dem fleißigen und jchärfer aufhordhen- 
ben Ohre des Naturforfchers, des ge— 
naueren Beobachter der Thiermwelt, 
ift befannt, daß es unbedingt jtumme, 
jeder Fähigkeit einer Lautäußerung 
beraubte Thiere, jelbft unter den ver: 
bältnigmäßig Heinen und kleinſten, 
beinahe gar nicht gibt. In der That, 
auch das Fleinfte Thierlein will fein 
bischen Stimme oder Laut haben, um 
jein bishen Seele hineinzulegen, 
und wenn es nicht miteinftimmen dürfte 
in das große Concert der Lebendigen, 
jo würde es feine Freude haben am 
Daſein. 

Sich äußern will jede Creatur 
und wenn ihre Kehle von der Natur 
nicht bezogen iſt mit der ſchwingenden 
und tönenden Saite der Stimmbe— 
gabten, jo macht fie wenigftend ein 
Geräuſch zu ihrem Vergnügen, in- 
dem fie gewiſſe Gliedmaßen rhythmiſch 
gegeneinander reibt und fo, wenn nicht 
fingt, doch mufizirt. 

Da fam mir fürzlih ein merk: 
würdiges Buch in die Hände, ein echt 
deutſches Buch, betitelt: „Thier: 
ftimmen von Dr. 9. Landois, 
Prof. der Zoologie“ (Freiburg 
i. Br, Herder’jhe Verlag 
handlung 1874). Sn diefem Werke 
find mit deutſcher Gründlichkeit alle 
Stimmen der niederen Thiere belaujcht 


geichrieben. Es wird Bericht erftattet 
über die Lautäußerungen der Mufcheln, 
der Schneden, der Krebfe, der Spinnen, 
der Grillen, Heufchreden und Küchen: 
Ihaben; der Negflüger, ber Fliegen 
und Mücken, der Schmetterlinge, der 
Bienen, Ameijen, Käfer und fonftiger 
Inſekten; ferner der Fiſche — ja, 
wahrhaftig auch der Fiſche! — ber 
Molhe, Fröfhe und Kröten, ber 
Schlangen, Krofobile und Schildkröten. 
Von allen diefen wird erörtert und 
erwiejen, wie und warum und womit 
fie raſcheln, rafjeln, quiden, quaden, 
zirpen, pfeifen, pfauchen, jummen, 
brummen, ſchnarren, knurren, Eniftern, 
fnarren u. f. w. Sorgſam in Noten 
aufgezeichnet find bie Melodien oder 
„geitmotive” der verfchiedenen Grillen: 
arten, der Feldheufchrede, des Moſchus— 
bod3, der Schnabelwangze, der Schmeiß— 
fliege; desgleichen die Melodien unter: 
i&hieblicher Fliegen und Mücden, wie 
der Mittags, Stuben, Schwebe:, 
Schlamm: und Schnabelfliege, der ge 
meinen und der geringelten Stechmüde ; 
ferner die der Erbhummel und Moos: 
hummel, der Wegmwespe und ber Blü— 
benbiene, auch die des Landfrofches, 
Laubfroſches, grünen Waſſerfroſches 
und der Kröte. 

Man kann übrigens neben den 
Sängern recht gut die verſchiedenen 
Inſtrumentiſten und Orcheſtermitglieder 
der kleineren Thierwelt unterſcheiden. 
Es gibt Bläſer, Pfeifer, Geiger, 
Trommler u. ſ. w. 

Geiger ſind z. B. die Grillen und 
Heimchen, ganz beſonders aber die 
Feldheuſchrecken. Ihr Schenkel entſpricht 
dem Fiedelbogen; eine längs der Flü— 
geldecke verlaufende ſcharfe Kante ver— 
tritt die geſpannte Seite, als Fiedel— 
bogen dient eine gezahnte Ader bes 


379 


Schenkels, die jogenannte „Schrille durch deren mieberholte® Auffchlagen 


aber” ; al3 Reſonnanzboden tönt beim 
Anftrih der Saite die ganze Flügel- 
decke mit. Auch die Küchenjchabe ift 
nad den Beobachtungen der Natur: 
fundigen zu den Geigern zu rechnen, 
indem bie Männchen, wenn fie fich zur 
Paarung anfhiden, ihre leberartigen 
Flügeldeden in kurz abgebrochenen 
Stößen an einander reiben, was mit 
einem ſchwachen rhythmiſchen Geräufch 
verbunden ift. 

Die Termiten find Trommler, 
was ihrem beherzten und Friegerifchen 
Charakter gut entſpricht. Einige ſchla— 
gen, beſonders in der Aufregung, mit 
dem Kopfe, andere mit dem Hintertheil 
zu wiederholten malen jcharf gegen 
die Wand ihrer Gebäude, oder gegen 
eine fonftige fefte Unterlage und brin- 
gen damit einen Ton hervor, ben man 
4—5 Fuß meit ungefähr wie das 
Piden einer Taſchenuhr vernimmt. 
Etwas Aehnliches wird von ben weißen 
Ameifen berichtet. Auch das Käferlein, 
da3 den jchauerlihen Namen ber 
„Todtenuhr“ führt, ift nur ein arm— 
feliger Trommler. Man muß nämlich 
das Pochen, welches durch das Zer— 
nagen des Holzes von Seite der Zar: 
ven biefer Käferchen entfteht und das 
abſichtliche Klopfen des Thiercheng unter: 
jcheiden. Will man dasjelbe beim Ticken 
beobachten, jo braucht man nur mehrere 
Individuen diefer Art in ein Holz 
döschen zu fperren. Klopft man her: 
nach in ihrer Nähe mehrere mal hinter: 
einander mit dem Nagel auf den Tifch, 
jo beantworten die Thierchen jofort 
den vermeintlichen Lodruf, ja, fie find 
jo fed, daß fie auch bei geöffnetem 
Dedel ihr Trommeln fortjegen und 
man kann bann genau beobachten, wie 
fie dasjelbe zu Stande bringen. Sie 
jeßen ihre ſechs Beine feit an einer 
Stelle auf; dabei machen fie mit dem 
Körper abwechjelnd in der Richtung 
nad) vorn und nach hinten ſchlagende, 
hämmernde Bewegungen. Man überzeugt 
fih bald, daß es die Oberfiefer bes 
fapuzenartig eingebogenen Kopfes find, 


das regelmäßige Getid entfteht. 

Als fimmkräftige Trompeter 
im großen Concert fungiren die Fröſche. 
Sie find von der Mutter Natur mit 
einem Stimmorgan ausgerüftet worden, 
deſſen Stärke und Ausdauer begreiflich 
wird, wenn man bie äußerft grob- 
maſchigen Zungen dieſer Thiere be- 
trachtet. Die außerorbentlihe Menge 
von Luft, weldhe in den Froſchlungen 
gleihfam aufgeſpeichert ift, vermag 
natürlih auch die Stimmbändber in 
eine ftarfe und ausdauernde Schwin- 
gung zu verfegen, nicht zu reden von 
dem ftimmverftärfenden Apparate, der 
fogenannten Schallblafe, die fih am 
Kopfe des Froſches angebracht findet. 
Jedoch nur am Kopfe des männli- 
hen Froſches — denn es ift eine 
ebenfo merkwürdige als unbeftreitbare 
Thatjache, daß, während beim Men: 
ſchengeſchlechte die Zahl der Sänge- 
rinnen unb Glavierflimperinnen faft 
noch größer ift, al8 die der muficiren- 
den Männer, im Thierreihe der mu— 
fitalifche Beruf faft ausfchließli dem 
männlichen Geſchlechte vorbehalten ift. 
Die männlihe Waflerwanze 3. B. be: 
figt einen eigenthümlichen Reibapparat 
zur Erzeugung von Tönen, von mel: 
chem man faum eine Spur bei ben 
Weibchen antrifft. Bei den Weibchen 
der Feldheuſchrecke bleibt die Reibleifte 
zeitleben® im Larvenzuftande. Pries 
doch ſchon der alte Grieche Xenarchus in 
einem Epigramme die Cicaden glücklich, 
weil ihre Weiber — ftumm find! 

Dagegen gereiht es ben Thier- 
weibchen zur Ehre und könnte vielleicht 
als ein Vorzug vor ben Weibchen ber 
menſchlichen Art bezeichnet wer: 
den, daß fie, wie es namentlich bei 
dem Vogelgeſchlechte jo ſchön hervor: 
tritt, mehr durch bie edle Kunftfertig- 
feit, alfo bie äfthetiichen Vorzüge ihrer 
Bewerber, al3 durch gemeinere Eigen- 
ſchaften berfelben beftochen und gewon— 
nen werben. Die Cicadenmweibchen ver: 
jammeln ſich um,mufizirende Männchen, 
die fi, al3 Rivalen in ber Liebe, in 


380 


eine Art Wettjang einlaffen. Bei den 
Schlammfliegen fieht man zumeilen im 
brennnenden Sonnenschein das Meibchen 
ruhig auf einem Blatt oder einer 
Blüthe ſitzen und fich behaglich ſonnen, 
während gerade fenfrecht über ihm in 
gewiſſer Entfernung ein Männchen fich 
jchwebend erhält und dabei einen un- 
abläffigen, gleihmäßig hohen Sington 
von fih gibt. Zuweilen jchießt e8 auf 
einen Augenblid herab, jtreift bas 
Meibchen und ftößt es flüchtig an, wie 
um jeine Aufmerkjamfeit noch ftärfer 
anzuregen. Ueber diefem Männchen 
ſchwebt dann zuweilen, ebenfo raft- 
[08 jummend und ebenfo von Zeit 
zu Zeit das Weibchen ftreifend, ein 
zweites. Selbit der männliche 
Alligator tummelt ih brüllend in 
der Lagune und hält dies für eine 
Galanterie gegenüber dem’ Weibchen ! 

Daß die Thiere und Thierchen 
auch ohne Rückſicht auf das Geſchlecht 
mit ihren Lauten einander anloden, 
ift gewiß und bies geht jo weit, daß 
man fie häufig durch Nahahmung 
ihrer Stimmen täufchen und herbei: 
ziehen kann. Unſere gemeine Stech— 
mücke läßt an warmen Sommerabenden, 
wenn fie in Schwärmen wolkenartig 
umberfummt, ihre Stimme in der 
Höhe des Tone „e“ oder „d* ver: 
nehmen. Singt man diefen Ton in der 
Nähe eines derartigen Schwarms oder 
ftreiht ihn auf der Violine an, fo 
läßt ſich plöglich der ganze Schwarm 
auf den Sänger oder Geiger hernieder. 
Menn man die Stimme des Laub: 
froſches nahahmt, fo ftimmt er fofort 
ein: „Ich habe Jahre lang”, jagt 
unfer Autor, „Laubfröſche in Glas: 
behältern gehalten, welche auf das 
Signal „pp, äpp, äpp!“ mit mir 
ein Duett fangen.“ 

Kein Wunder übrigens, wenn in 
einer Melt, die ebenjowohl auf den 
Streit, als auf die Liebe gegründet 
ift, auch das Stimmchen des Thier- 
leins nicht immer ein Lockruf ift, fon: 
dern gar manchmal aud ein Streit: 
fignal, ein Warnungsruf oder ein 


|Nothichrei. „Wird das Heimchen“, jagt 
| Darwin, „während ber Nacht über- 
raſcht, jo gebraucht e3 feine Stimme, 
um jeine Genofien zu warnen.“ 

Unter ben Käfern gab es, wie 
unfer Autor fih ausdrückt, Kanoniere 
ſchon lange, bevor Berthold Schwarz 
das Pulver erfunden hatte. Die Bra: 
chinusa ten erwehren fich ihres Feindes 
auf ganz militärifhe Manier, indem 
ſie ihm durch ein Bombardement von 
fich abzuhalten juchen. Gelingt es einem 
ſolchen „Bombarbierkäfer” nicht, feinem 
Verfolger zu entjchlüpfen, jo erwartet 
er ihn in anjcheinender Ruhe, läßt 
ihn bi8 auf eine gewiſſe Entfernung 
heranfommen und eröffnet ſodann das 
Bombarbement, d. h. er ftößt einen 
blauen, unangenehmen Dunft mit einem 
hörbaren Knall nach feinem Feinde 
aus. Durch Beugung der Bauchgelente 
fann er dem Schuß eine beliebige 
Richtung geben. Erjchredt zieht der 
Verfolger fih auf einen Augenblid 
zurüd, wiederholt dann feinen Angriff, 
wird aber immer auf die gleiche Weife 
empfangen, bis er fich entſchließt, fein 
Wild fahren zu laſſen. Dies eigen: 
thümliche Schugmittel des Käfers be: 
jteht in einer ätzenden Flüſſigkeit, bie 
jo flüchtiger Natur ift, daß fie fi in 
Berührung mit der Luft in einen 
bläulihen oder weißlichen Dunft ver: 
wandelt. 

Höchſt anerkennenswerth ift ohne 
Frage der Eifer, mit welchem unfer 
treffliher Autor den Zwecken nad; 
jpürt, welche die Kleinwelt der Thiere 
in Lieb’ und Streit, in guten unb 
böfen Augenbliden mit ihren Laut: 
äußerungen verbindet. Aber ich glaube, 
einen Fal und nicht den jeltenften, 
bat er zu wenig hervorgehoben: mie 
die Thierlein auch ohne allen Zweck 
und Grund, zu ihrem bloßen Ber: 
gnügen, fih äußern, klangfroh fich 
deflen erfreuen, was die Natur an 
Zautfähigkeit in fie gelegt hat. Es ift 
die reine Dafeinsluft, die von feinem 
menſchlichen Peſſimismus angefränfelte 
Lebensfreude, die aus allen Stimm: 


und Lautbegabten hervorjauchzt, 


erihöpft in ſüßen Frühlingsliebern, 
bis hinunter ſogar zu dem gräulichen 
Geihlehte der Klapperſchlangen, die 
in der Einjamfeit transatlantischer, 
frühlingsduftiger Wälder, zu zwanzig 
in einen Knäuel geſchlungen, ihr Ver: 
gnügen darin finden, mit erhobenen 
Köpfen zu ziſchen und dazu aus Leibes: 
fräften mit ihren Klappern zu rafjeln... 
Dürfte man den Biographen eini- 
ger berühmter Componiften und Vir— 
tuofen glauben, jo hätte bei manchem 
Thiere die Freude an Sang und Klang 
— durch „Anpaffung und Vererbung“, 
würden vermuthlih die Darmwinianer 
jagen — zu einer Art von mufikali- 
ſcher Kennerſchaft fich entwidelt. Die 
Rolle, welche befanntlih der Delphin 
in der Lebensgeſchichte des Arion jpielt, 
wird in den Biographien einiger mo- 
derner PVirtuofen, 3. B. Paganini’s, 
den Spinnen zugetheilt, die fich, jo 
oft ihr Lieblingsgeiger oder Pianift 
in jeinem Gemach mufizirte, von der 
Dede des Zimmers auf das Inſtru— 
ment des Künftler3 herabgelafien haben, 
um feinen Tönen zu laufchen. Das ijt 
aber noch gar nichts im Vergleich zu 
dem, was dem yriechifchen Lauten: 
ipieler Eunomos von Seite einer Ci— 
cade widerfuhr. Als nämlich diefem 
bei feinem Wettjtreite mit dem Arijton 
eine Saite jprang, ſetzte fich eine zu— 
horchende Gicade auf jeine Laute und 
half für die Töne der geiprungenen 
Saite mit ihrer Stimme jo gut aus, 
daß fie ihrem Schügling den Sieg 
über feinen Nebenbuhler verſchaffte. 
Die Griechen ſchwärmten für die 
Gicaden; müchterner jtand ihnen der 
Nömer gegenüber. Birgil beflagt fi 
geradezu, daß ihm die Gicaden den 
Hain „vergällen”. Wer hat Recht? 
Ich für meine Perfon halte es bei 
Tage mit den Griechen, bei Nacht mit 
Virgilius. Was jedoch unſern thierjtim- 
menzfreundlichen Autor betrifft, jo er: 
Härt diejer, auch jeine Nachtruhe mit 
jergnügen zu opfern, um das Concert 


| Belten gab”, 


von der kleinen Schreihälfe nicht zu vers 
dem Vogel auf dem Baume, der fich | jäumen. 


„Man wird freilich”, jagt 
er, „dieſem Gicadengefange den Bor: 
wurf der Einförmigkeit machen können; 
aber bei aller Einförmigkeit hat ber: 
jelbe doch etwas ungemein Sanftes (?) 
und Rührendes (!), das fih beſon— 
ders in der ftillen Naht dem 
Gemüthe des laufchenden Menjchen 
leicht mittheilt! — Habeat sibi! 
Sind doch aud über die Fröjche 
und ihre muſikaliſchen Leitungen die 
Stimmen jehr getheilt. Ziemlich unge— 
ſchlacht läßt ſich z. B. der alte Abra- 
ham a Saneta Clara in feinem „Yu: 
das der Erzichelm über diefelben ver: 
nehmen. „Die grüngehojeten Laden: 
dreicher”, jo jchreibt er, „verbringen 
ja eine verbrießliche Muſik vie mehrejte 
Zeit, wenn fie auf einem moofigen 
Geſtade eines Fiſchweihers oder Teiches 
ihre Pfundgojhe aufjperren, daß fait 
der Kopf nicht ficher ift, daß er nicht 
zum Maul berausfalle; ſie machen 
ſolche Triller in ihrem Geſang, daß 
gegen ihnen ein kropfeter Pinzger 
ein lieblicher Amphion im Singen 
fcheint zu fein, und joniel man ben 


Text ihres lieberlichen Liedes verfteht, 


jo quafezen fie nichts anders, als: gib 
Acht, gib Acht, gib Acht!” Auch da: 
gegen hat unſer Autor jehr viel ein: 
zuwenden. Er ift ein Sohn Weſtphalens, 
welches, wie er fi ausdrüdt, „ſeines 
feuchtwarmen, amphibiotiſchen Inſel— 
klimas und ſeiner zahlreihen Lachen 
wegen einer überaus großen Anzahl 
von Fröjchen einen beliebten Aufent- 
halt bietet“. Er ijt der Meinung, dab 
des Froſches Stimme und Geſang 
„eben ſo gut zur Frühlingszeit ge— 
hört, wie das Lied der Nachtigall“. 
Und er verfihert, „tüchtige Muſik— 
fenner in Städten“ gefannt zu haben, 
die „fih im Garten unmittelbar in 
der Nähe ihrer Wohnungen eigene 
Froſchteiche anlegen ließen 
und ganz verjtimmt wurden, als die 
gefangene Schaar, trotz ſorgſamſter 
Pflege, ihr lärmendes Lied nicht zum 
— Sind ohne Zweifel 


382 


auch Weftphalen gemejen, diefe „guten 
Leute” und trogdem nicht „Ichlechte 
Mufilanten” — wir Anbern aber, 
um beren Wiege die Fröjche nicht jo 
zahlreih gefungen haben, befreunben 
uns in der Regel etwas ſchwerer mit 
ihnen; wir finden das Froichgequad 
in ber Frühlingsnacht begreiflich und 
verzeihlih, aber nicht immer ange 
nehm, unb wir tröften ung dann höch— 
ftend mit dem Gedanken, daß in ber 
Nähe unferer Schlafgemäder wenig: 
ftend der Aderfroſch und der nord- 
amerifanifhe Bull ober Ochſen— 
froſch fih nicht anfiebeln, von denen 
der erjtere ſich durch ein „heftiges 
Brüllen“ auszeichnet, „welches viele 
Aehnlichkeit mit dem einer Kuh hat“, 
während der lettere die Größe eines 
Heinen Kaninchens befigt, mit welcher die 
Stimme natürlich im Verhältniß fteht. 

Glücklicher Weile ift auch das 
Geſchlecht der Riefen-Cicaden nur jen- 
jeit8 bes Oceans heimiſch. „Jeder, 
der in einem tropiſchen Walde um— 
hergewandert iſt“, ſchreibt Darwin, 
„wird über den Klang erſtaunt gewe— 
jen fein, den die männlichen Cicaden 
hervorbringen. Der von ihnen bervor- 


gebrachte Laut konnte deutlich am 
Bord des Beagle gehört werben, als 
dieſes Schiff eine engliſche Viertelmeile 
von der Küfte entfernt vor Anker lag, 
und Gapitän Hancock fagt, daß ber 
Laut in der Entfernung einer eng— 
liihen Meile gehört werden könne.“ 

Eine Schilderung des Gejanges 
diefer Cicade gibt Lenz: „Sie trillert 
meiften® das zweigeftrihene e mit 
dis eine halbe Minute lang ſehr jchnell 
und zieht dann duch die zwiſchen e 
und dem eingeftrichenen g liegenden 
Töne zu legterem Intervalle herunter, 
jo ald wenn man auf einem Saiten: 
inftrumente mit ben Fingern ſchnell 
nieberruticht unb dabei doch mit bem 
Bogen auf berfelben Saite ftreicht, 
worauf fie entweder im eingeftrichenen 
g ſchließt oder zu einer neuen ‘Periode 
wieber zum zweigeftrichenen e hinauf: 
zieht, und dabei immer auf dem An: 
fangston der Periode länger als auf 
dem Schlußtone verweilt.“ 

Es jcheint, daß dieſe Cicadenart 
im Thierreiche die „Muſik der Zu— 
kunft“ vertreten will und des Bay— 
reuter Meiſters allein ſeligmachende 
„unendliche Melodie.“ R. H. 


Die Dankfagung. 


Eine Hochzeitsrede aus Oberfteier, 


Wenn Gäfte, die vom Feſtgeber 
zu einer Mahlzeit geladen wurden, 
ſchließlich 
ber zahlen müſſen, ſo iſt das eine 
kurioſe Sach'. 





Auf der Bauernſchaft Rede, 


Kreuzköpfel auf hat und der Sachen 


4 










































































ihr Speid und Trank jel: | herein und hält die „Dankſagung.“ 


Die Dankjagung, das ift eine 
die in ſpaßhafter Weiſe das 


ift das nichts Seltenes : und wo fäme | Anliegen des, Speifemeifters" (Wirthes) 


der junge Gamshofer oder Wiesbauer, 
oder wie er jchon heißen mag, wo: 
fäme er hin, wenn er die ſechzig ober 
achtzig Perfonen, die er zu feiner 
Hochzeit laden muß, weil es lauter 
Nahbarsleute und Blutsfreunde find, 
aus eigenem Sädel einen ganzen Tag 
füttern wollte, und noch dazu mit 
dem Köftlichften, was das Dorf zu 
bieten vermag! Sein ganzes Gütel 
ginge drauf und die erheiratete Sach’ 
von jeinem Weibe mit drein. 

Am Hochzeitämorgen im Haufe 
der Braut ein Frühftüd, das „guat 
und gmua iS“, das gibt man ohne: 
hin. Das Hochzeitsmahl aber, das 
nah der Trauung meift von der 
Mittagsjtunde bis in den Dunkeln 
Abend Hineinwährt und aus einem 
dbreimaligen „Zujammenfigen” (jedes 
Zujammenfigen mit fünf bis jechs 
Gängen) befteht, dad muß jeder Gaft 
jelber zahlen. Nun mögen es aber 
die Alten jchon gefühlt Haben, und 
vielleicht merfliher als heute die 
Yungen, daß es doch feinen rechten 
Schick hat, wenn plöglich, mitten in 


vorbringt und endlich den Betrag an: 
gibt, den jeder der Hochzeitsgäfte zu 
entrichten bat. Dieſe „Dankſagungen“ 
find verjchieden und je nach dem Ta— 
lente eines vielleicht längſt verjtorbe: 
nen Verfaſſers oder des Nebners, 
mehr oder weniger wißig. Sch habe 
in meinem „Volksleben in Steiermarf” 
bei der Schilderung ber Bauernhoch— 
zeit Gelegenheit gehabt, ein paar 
ſolche Feitreden wiederzugeben. Heute 
liegt mir ein andere dieſer Rede— 
ftüde vor; dasjelbe ift jchon auf 
Veranlafjung des Volksfreundes Erz 
herzog Johann aus der Gegend von 
Fohnsdorf im Murthale hervorgeholt, 
bisher aber nicht veröffentlicht wor: 
den. Es charakteriſirt jo recht den 
Bauernſpaß, ift aber auch noch darum 
erhaltenswerth, weil derlei Dentmale 
bäuerlichen Humors ohnehin mehr und 
mehr in Vorfall kommen. 

Unfere jungen Bauern haben fein 
Dergnügen mehr an ben eigenartigen 
Sitten und Iuftigen Schnaden der 
Vorfahren, und neuzeitlih findet man 
äußerft jelten mehr eine jener bunten, 


der feitlichen Luftbarfeit, der Wirth | humor- und poefievollen Bauernhoch— 
mit jeiner Kreide kömmt und den |zeiten, bie einft jo berühmt unb ge- 
Leuten das Sünbenregifter ihrer Völ- ſucht geweſen find. Heute — je mehr 


lerei vormadht. 


durch welche in Inftiger Weile das 
traurige Zahlen, das „Meijen”, wie 
es auf Hochzeiten heißt, eingeleitet 
wird. 


So tritt zur Stunde, wenn das 


Mahl zu Ende ift, entweder der „Bi: | bemerken fie ihn, 


oder ein 
der „ein 


delmann“, Hochzeitäleiter, 
Anderer aus dem Dirt, 


Sie haben ſich daher alte Leute auf der Hochzeit find, deſto 
Geremonien und Sprüche ausgebacht, | heiterer geht’3 dabei zu. — Ein 


Bei: 
jpiel den Jungen, wie die Alten jun- 
gen, jei die „Dankſagung“ hierher: 
gejekt. 

Der Mann tritt mit fomijch- 
pathetiſcher Geberbe zur Thür herein; 
fo wird's gleich 
ftil im Feſtſaal. Mancher ift jchon 
begierig, ob jein Weisgeld, das er in 


384 


ber Hofentafche bereit hält, auslan— 
gen oder davon gar noch was übrig 
bleiben wird. 

Snmitten des Saales bleibt der 
Mann, gegen die Ehrentafel, mo 
Bräutigam und Braut figen, gewen— 
det, ftehen, und fängt an jo zu reden: 

„Diaz bin ih mehr amol bo, 
meini liabn Hochzatleit. Hiaz wa 3 
ma wul bold jchleht gonga.“ 

„Zwe dan? zwe dan?“ 


„30. Ih und da Wirt hetn ing 
bold zgreint. 's het wos ogebn, wan 
er nit rund gonga wa.“ 

„Zwe dan? zwe dan?“ 

„35 geh in Keller einhi, hon 
welln an Wein hobn. Do huft er 
hintern Foß, und mocht da mit da Kreibn 
daheifti Krotza. — Wos er bantat? frog 
ih’n. — Zſomroatn, wos ös vaſoffn 
hobs. jogt er. — Auweh! ſog ih 
drauf, hobn dan d Leit jo viel 
trunfn? Muaßt wul na du jelba 
gſoffn Hobn, weil da des einbilbit. 
— Glei fluigt er ber af mih, will 
mar Dans einigebn. Bin oba gſchwinda 
gwen, ſchmeißn hinta d Faſſa, daß 
er gmegazt hot. Ih ren zan Foß, 
wiſch d Strichla glei wek und denk: 
hiaz hots da grotn. Daweil ſteht da 
Wirth wieder auf, gibt ma guati 
Wort und ih ſult ſo guat ſein, ſuln 
8 Sachl zſomroatn helfn. — Mochſt 
an Gſcheitn, ſog ih, ſo will ih da 
helfn. — Na guat, mir hebn on zan 
roatn — und roatn — und roatn, 
und wos er voron hot aufgſchriebn, 
hon ih hintnoch wieda wekgwiſcht 
und hon ma denkt, ſo geht da Hondl 
ſcha guat. — Oba da Wirt, des is 
an Odrahta (ein Schlauer)! Bringts 
Luader auſſa, die Poſchaun (Perſon) 
ſult a zwoanzg Guldn zohln. — Je— 
gerlas! hon ih drauf gſogt, du biſt a 
Nor! wia kuntn dan d Leit ſo viel 
zohln, des wa gfahlt! Koan Danziga 
kam da mehr ins Haus! — Und 
bon onghebt zan hondln, bi grob 
worn; 


brocht bis af drei Guldn und hon 
ma denkt, hiazt hots da grotn. 

Daweil kimt da Breitigon zu 
mir, frogt, wos ih mochad. Ih dazehl 
eahm die Gſchicht, daß s zan Zohln 
wa. — Sult ſtill ſein, ſogt er, ſult 
nix varothn, er thats Olls ſelba 
zohln. — Scha Nor! hon ih gſogt, 
wos folt da dan ein! Wirſt dei Selb 
ha no braudn; Fehr um d Hond, 
fonft a Wiagn kafn, a Fatſchn. Wa 
weit gfahlt! Muaßt kluag (jparfam) 
wern! Zwe juln dan d Leit nit jelba 
zohln, wos j geſſn und trunfn hobn, 
fein jo lauta rundi, bravi Leit — 
wia da Hulabar, — ber hot jo jo 
viel gefin, daß n d LXeiblfnepf afn 
Hiasbarn fein Tala jein umigiprunga. 
Und da Tonibar hot mi in jei Briaf- 
toſchn loſſn ſtirn (ftarren), de iS da 
jo jo wompab (baudig) gwen, daß er 
flewa ba da Tir hot einigmedt. Da 
Meftlbarin hobn d Dar(Eier-Jfreiger 
in Kidljof die Knia aufgwezt; wuaſcht 
(würde) vula Grand fein, wan fie 8 
wiada miad hoamtrogn. — Na, aftı 
hots da Breitigon loſſn gelten unb 
hot mih betn, ih mecht mih ban enk 
holt wul gſtot jeina bedonkn. 

— Und zan Erftn, olo, bebanft 
fih der ehrnwerti Breitigon mit jeina 
liabn Jungfrau Braut, daß ſeids 
fema zan Ehrntog und hobs valiab: 
gnoma mit an Leffl Suppu, und daß 
eahna 8 Bloat (Geleite) hobs gebn 
von eahna n Haus iba Gofin und 
Stroſſn bis zu da lobwirdige Pfor- 
fichn, zan heilign Pforpatron Ruperti 
(oder wie er eben heißt), und hobn 
in hochheilign Meßopfer und da Kup: 
lazion beigwohnt. Bedonkn fih, daß 
eahna wiada hobs 3 Bloat gebn iba 
Goſſn und Stroßn, iba Weg und 
Steg, ber bo, bis zan ehrnwertn 
Hern Speismoafter, in Joglwirt (oder 
wie er eben heißt) und hobn eahnern 
Ehrntog mit Lujtbarkeit und Freidn 
und in da liabn Danigkeit zuabrodt. 

Ban Zweitn bedonkt fi da Her 


eahm is da Schiah ongonga | Speismoajta, daß oll jeids kemen 


(hat ſich gefürdtet), hon an owa und mit den kloan Traktament valiab 


385 





hobs gnoma. Hot zwor wul gjogt, der Eriti. Ma fon nit DMi af vanmol 
daß feini Geſt wos Beſſers warn |zgleich ehren. 

wert gwen, hot ah a Duzat Fiſcher Aft wird af an iadn Tiih a 
und Jager und Wildihign ausgichikt. | Startin Johanesjegn aufgwelzt wern, 
D Fiſcha warn datrunfn, d Jaga den jultS fein briaderli zuatrinfn, 





warn va die Wildſchitzn dajchlogn 
mworn, und die Wildſchitzn hetus ein 
gfongt. — Mei, mei, bon ih gſogt, 
jog ih, 3 wird Koana humeri (hun— 
gerig) hoamgehn derfn; d Monleit 
hobn eahneri Seckl und Hiat ongfült 
mit Bichoadelin, des ibabliebn is, 
und d MWeibaleit hobn eahnan Toal 
ins Firter eingfoßt. — Aft hot? n 
jelber ah wiada gfolln. 

Und zan Drittn bedonfn ſih d 
Spielleit fir Olls und fie mechtn | 
winſchn, das des Lebn an ocht Tog 
a jo tat daurı. Ih blibad weida mul 
jo lang do, wans enf recht wa. Wos 
olli Tiih efin, mecht ih gern zohln, | 
oba wos d Leit braun, von jebin 
gang ma da Schiad) on. 

Zan Teirl eini, da Wirſcht dojcht, 
da Her Speismoaſta, will ih fogn, 
moht ſchon a ſaurs Gſicht — er 
wurd jcha gern 3 Geld hobn. Na jo, 
wand as ehanta nit vaſtondn hobs, 
jo jog ih enf3 holt nohamol: d Mons— 
bilda jultn zohln na glei a drei Gulon ; 
oba d Weibsbilda, de hiſch viel Dar- 
geld in Sof hobn, mian zohln drei: 
hundert Kreizer. — 


Und weil bes hiaz amol in da 
Nichtifeit is, jo wird af d Leßt der 
ehrjami Brautfihra fema, wird d 
Jungfrau Braut aufbegehrn von Tiich 
af a drei Tanz af an ehrlicha Tonz- 
ftot. Sul an Jada (Jeder) fein Ehrn: 
tonz mit ihr mochn. Sul ſih Koana 
vaftefn, jul af jein Ort fign bleibn; 
e3 jul der Erjti jo guat fein, wid 
ba Leßt, und da Leßti jo gut, wia 











Kofegaer's „‚Heimgarten‘‘ 5. Heft, 


‚Daner in Onbern. Und hiazt mochts 


gichleini (ichleunig) in Beidl auf, 


zohlts in Wirſcht aus, und iber a 


Kloans hobs mih gjehn, und iber a 
Kloans ſechts mih neama.“ 

Iſt der Nebner verſchwunden, fo 
fommt der „Speifemeifter”, vom Braut: 
führer begleitet, mit einem weißen 
Teller, geht damit unter Muſikklang 
die Tiichreihen ab und Jeder legt die 
verlangten Gulden auf. An Braut 
und Bräutigam aber eilt der Teller 
flüchtig vorüber; deren Theil ift bereits 
den Anderen miteingerechnet worden. 

Es laſſen fih die Feitgeber von 
ihren geladenen Gäjten freihalten; — 
und doch fühlt fich Jeder erfreut und 
geehrt, der zur Hochzeit geladen 
worden. — Manchem mögen berlei 
alte Dinge unweſentlich erjcheinen. 
Doch näher bejehen haben fie nicht 
allein für den Freund des Volksthüm— 
lihen, fondern auch für den Eultur: 
und Sprachforfher und dem Ethno— 
graphen einen gewiſſen Werth. Die 
Volkskunde ift eine Wiſſenſchaft ge: 
worden und Jeder, der zur Vervoll: 
ftändigung derſelben ein Scherflein bei: 
trägt, dient jener Richtung unferer 
Zeit, die der Gefellihaft neue Kräf— 
tigung aus dem Materiellen und der 
Urfprünglichkeit zuführen zu müſſen 
glaubt. 

Anundfürfih intereffirt ung das, 
was das Bauernvolf denkt, ſpricht 
und treibt in ber Regel nicht — nur 
die Leute jelbft wollen wir dadurch 
lennen lernen. Und das ift wichtig. 

>. K. Roſegger. 


386 


Das Kräutlein für den Tod. 
Ein Geſchichtchen, wie ſich's das Volk erzählt. 


Aus den Thalgründen der Maros 
erhebt ſich ein finfterer Fels, fo fteil 
wie eine Wand und von Weiten zu 
jehen über der Ebene ragen wie eine 
graue ungeheure Feſtung. Dieje Fe— 
ftung ift ein Schagfäftlein der Volks— 
poefie. Sagen und Lieder gehen im 
weiten Ungarland vom ſchatzreichen 
Geifterfchloß, an deifen Grund die 
gelben Wellen der Maros fluthen, 
herangewogt aus Siebenbürgens fer: 
nen Bergen. Im Innern des Felſens 
Gold und Edelgeftein, und außen an 
den wüſten Schroffen ſeltſam blaue 
Blümlein, die nirgends fonft wachſen 
auf der Erbe, Heilkräuter, Wunder: 
pflanzen, — darunter auch das Kräut— 
lein für den Tod. — Das FKräutlein 
für den Tod, jagen die Leute und 
verftehen barunter ein Mittel, ben 
Tod zu tödten. Iſt ſchon Mancher 
emporgeflettert die finjtere Wand an 
der Maros, aber das Wieslein, wo 
jene Kraut wächſt, war noch Keinem 
erreihbar. Man fieht3 von unten, es 
it wohl fiebenmal jo hoch oben, als 


jo wird ſchon das Gethier die Kräut: 
lein finden; gar der Bär und ber 
Wolf werden froh fein, wenn der 
Tod nicht mehr lebt. 

Da laden die Andern. Wenn 
der Tod nicht mehr ift, dann muß 
der Bär und der Wolf felber ver: 
jterben ; oder wovon leben tenn bie 
Raubthiere? vom Tode Anderer. Und 
weil der Menſch das größte Raub— 
thier ift, jo könnte leicht er am we— 
nigften leben, wäre ber Tod umge: 
bracht. 

Das iſt den Erſten wieder nicht 
recht und ſo bilden ſich um den Fel— 
ſen an der Maros zwei Parteien; die 
eine ſagt: der Tod iſt das Leben, 
und die andere ſagt: das Leben iſt 
der Tod. 

Und über all dem Streit bleibt 
der Fels wie er war. 

Am Fuße des Felſens und hart 
am Ufer des Fluſſes lebte ein Mann. 
Er war anſcheinend arm und nährte 
ſich von Feldbau und Fiſcherei, aber 
die Leute ſagten, er ſei in Freund— 


die höchſte Eiche kann ragen, es iſt ſchaft mit den Geiſtern des Berges, 


nicht ſenkrecht, es iſt überhängend und 
das Moos und die Kräutlein wachſen 
von oben herunter. Und alte Leute 
ſagen, dieſe Pflanzen wüchſen immer 
länger aus dem Stein, und vor ein 
halb hundert Jahren hätte man ſie 
noch nicht ſo herniederranken geſehen 
wie jetzund, und allmälig würden ſie 
ſich ſchon herabſchlängeln und von 
den Menſchen erreicht werden. 

Ja, ſagen Andere, die keinen 
Glauben mehr haben an die liebvollen 
Wunder der Welt: herabſchlängeln 
werden ſie ſich ſchon, die Kräutlein für 
den Tod, aber der Tod wird ſich 
wohl beeilen und die Menſchen früher 
vertilgen. 

Wenn auch, ſagen wieder die Er— 
ſten, und iſt der Menſch nicht mehr, 


welche die ungeheuren Schätze bewad: 
ten, und biefe ließen ihn nicht bar: 
ben. Darum famen fie in ihren Nö- 
then auch oft zum Manıe, auf daß 
fie ihn um Nath fragten. Sie mein- 
ten, wenn fie den guten Alten um 
guten Rath baten, fo würde er ihnen 
vielleicht Flingendes Silber und Gold 
geben — denn es gibt auf ber Welt 
fein befjeres Auskunftsmittel, als das 
liebe Geld. Aber der Mann am Fuße 
des Felſens gab fein Schärflein in 
Worten. Zu verachten war's auch 
nicht, gewißlich nicht, und die Leute 
jahen es bald ein. Der Mann war 
jo gut und theilnahmsvoll und troft- 
reih und weile, daß ‚Mandhem mit 
einem Wort aus feinem Munde mehr 
gedient war, wie mit einer Hand voll 


387 


von Silberlingen. — Nicht Alle wiſſen trank den Reit nicht aus, der vor 
e3, was ein rechtes Mort zu rechter ihm im Glaſe ftand, er küßte ber 
Zeit werth ift, aber der Alte freute | jungen Schenfin auch nicht mehr ben 
fit) darüber, daß er einen Schaf be- | Thau von dem Mund, der ganz nahe 
ſaß, von dem er reichlich theilen fonnte, |an den feinen herangehaucht gefom: 
ohne daß er zur Neige ging. men war, er ftand auf und ging ber 
Aber der Mann, der Anderen | Heimatshütte zu. 
Gutes that, hatte ſelber ein tiefes Er hielt fih drei Schritte vor 
Leid im Herzen und das fonnte Nie: | dem Kranfenbett und ftarrte mit wir: 
mand von ihm nehmen, und das ver: ren Augen auf den blaffen Vater hin. 
bitterte ihm fein Leben. Wenn er’3 „Aha,“ ſagten die Leute, „jebt 
auch erreichen hätte fönnen, das Kräut: |ift er da, daß er ja die Erbſchaft 
lein für den Tod, er hätte es nicht nicht verſäume.“ 
gepflüdt. E3 war ihm ein Trojt, daß „Kind,“ jagte der Alte mit trü- 
er fterben fonnte. Der Mann hatte|ber Stimme, „ich jehe Dih doch noch 
nämlih einen Sohn, der ungerathen | einmal. Komm’, daß ich Dich jegne !“ 
war. Ungerathen, jo wußte er e8 und Und als der Sohn jah, es gebe 
jo jagten die Leute. Der Sohn war | feine menfchlihe Hilfe mehr für fei- 
leichtlebig und ging feiner Jugend nen Vater, da wartete er nicht auf 
nad. Er trank feurigen Wein in den den Segen und nicht auf bie Erb- 
Schenken und fang dazu Lieder, welche |jchaft. Haftiger noch, als er gekom— 
die jhönen Mägdlein heranlodten, | men, ging er wieder davon. Die Leute 
und die Mägblein, die nahm er dann | jchauten ihm ftaunend nach, mit Stod 
gefangen in feine beiden Arme. Eins |und Hafen und Strid gerüftet ftieg 
um's andere, ja, und ließ fie nicht er den Felſen hinan. 
mehr los. Den alten Vater aber ließ — Mo mill er denn hin? Weiß 
er in der Einjamfeit der Hütte, die/er da oben eine Schenfin? — Man 
unter der finfteren Felswand ruhte, ſah es bald, er fletterte dem Ueber— 
am Ufer der Maros. Selten fam ber hange zu, an welchem das Kräutlein 
Sohn nah Haufe und vernahm die | für den Tod wuchs. — Iſt er wahn- 
liebreihen Worte des Baterd. Er finnig geworben? 
borchte ihrer mit Andacht und guten Hoc ftieg er empor, feitwärt3 an 
Borjägen, aber als die Melt mwieber |der Wand, wo er fih an Strupp und 
winkte, ging er wie vor und eh fröh: | Strunk halten konnte. Er verſchwand 
ih ihren Freuben nad. im Gebüſch. — „Ei,“ jagten fie, 
Aus Gram darüber wurde der | „der geht ander&wo hin, als um 
Alte krank — Schwer und bis auf! Medicin für feinen Vater!” 
den Tod frank. Da famen die Leute Nah einer Stunde baumelte hoch 
herbei, die ihn ehrten, und verjuchten, oben über der wilden vorjpringenden 
ihn zu tröften, zu erquiden und zu Wand an einem Seil ein Menjchen: 
heilen, mit ihren armen Mitteln, die |förper nieder — fo, als ob eine 
nicht8 beleben und fräftigen fönnen, Spinne herabichwebe an ihrem dün— 
al3 einzig nur die Hoffnung. Der alte nen, unfichtbaren Faden. Und dort, 
Mann aber hatte die Hoffnung, daß wo eine Felsleiſte hinausftand, klam— 
er von feinem Herzleide nun bald |merte fi der Tollkühne an's Geftein 
erlöst werben würde, denn daß er/|und fletterte quer an demſelben wei— 
ein mißrathenes Kind hatte, das hielt ter. Wie ein Schattenpunft an ber 
er für das größte Unglüd auf der | glatten Wand, jo bewegte er ſich da— 
Welt. bin; von unten ſah man die Fleinen 
Endlich hörte auch der Sohn von | Vorjprünge und Sträuche nicht, die 
der Erfranfung jeine® Vaters. Er aus den Sprüngen wucherten, und 


”25 








388 


die Leute wollten lärmen vor Staunen 
und Bewundern, und fie konnten vor 
Angft kaum Athem holen. Er bat 
auch längſt den Strid nicht mehr um 
jih, der viel zu kurz geworden war, 
und es war feine Menjchenmöglichkeit 
da, wieder heil vom Gewände zu 
fommen. 

Der Kletterer hatte nicht mehr 
weit zur Stelle hin, wo vom Weber: 
hange nieder das MWunderfräutlein 
wuchs. Vor ihm war noch eine Kluft 
zu überjprirgen und dann wäre er 
dort, wo er wie eine Fliege müßte 
Heben können am UWeberhange, wollte 
er nicht auf der freien Zuft ftehen. 
Er ftand fill und blidte um fi, als 
jähe er fich noch einmal die Welt an. 
Wie roth leuchtete der Abendſchein 
unten in den Fluthen! — dann wen: 
bete der junge Mann jein Haupt 
nieder gegen die Hütte des Vaters, 
und dann — dann machte er einen 
weiten, fräftigen Sprung; noch ein: 
mal: berührte fein Fuß einen Stein, 
während er mit der Hand gegen bie 


in Halmen und Blättern niederhän- 
genden Kräuter fuhr — und der 
zweite Sprung fand feinen Boden 
mehr — im Bogen zuerjt und dann 
jenfrecht ftürzte er nieder wohl an die 
fiebzig Klafter, und fiel in die Krone 
einer Eiche, wie fie unten ftanden, 

Gar zerichlagen und zerriffen ha: 
ben fie ihn in die Hütte gebracht, 
den Todten, der frampfhaft in feiner 
"Hand noch hielt das Kräutlein für 
den Tod, 

Der Alte hatte Thränen gelacht 
und dann von dem Kräutlein etliche 
Blätter an die Lippen geführt. Und 
wiſſet, daß er wieder gefund worden 
iſt! — 

„Bin ich auch ganz allein auf 
Erden,“ hatte er noch oft geſagt, „ſo 
freut mich jetzund doch wieder das 
Leben, da ich weiß, ich hab' ein gutes 
Kind gehabt, Und mache ich die Augen 
zu, ſo bleibt's noch für andere Eltern 
wahr: ein liebes, braves Kind holt 
das Kräutlein für den Tod. 


— — — — —— 





R. 


Der Weltverdruß. 


In öfterreihifcher Mundart von Franz Reim.*) 


Mir is mei Bater g’ftorb'n, 

Mir is mei Mutter g'ftorb'n, 

I hab fa Schweiterl und fa Brüederl kennt. 
I bin a ledigs Kind, 

Als wiar a Staudn im Wind: 

3 bin der Weltverdruß, — fo hams mi gnennt. 


Oft fteh i draußt im Feld 

Und fhau in d' weite Welt 

Und dent: Wer bat denn 8° Glüd fo ungleid) 
thalt ? 

Der Ane kennt fa Not, 

Der Andre kränkt fi z' Tod, 

Wann Aner herzkrank is, er wird nöd ghalt. 


I foll mi luſti ftölln, 

Weil D’Dirndeln danzen wölln — 

So danzt's nur zua! i fpül eng auf zum Dany! 

I kanns ka'n Menſchen fag'n, 

I kanns ka'm Menden klagn, 

Für mi hat d' Welt fa Freud und d' Sun 
fan Glanz! 


I hab wul glaubt amal, 

Daß i an Pirndel gfall; 

Da hab ich gjuchazt, gjuchazt, daß 's bat gällt! 
Und i hätts wifin folln, 

Du haft an Andern wolln, 

Es blüet fa Blümerl für mi auf der Welt! 





So pfüet Di Gott, ma Schatz, 

J fuh an andern Plap, 

I mueh in d’ weite Welt, mir lahts fa Ruah. 
So lang mei Geig'n no fingt, 

So lang mei Herz nöd fpringt, 

So lang ertrag i's, — aft nader is's gun! 


*, Berfaſſer des Iraueripiels „Sulamith“. 


389 


Kleine 


Ein Capitel das uns nahe geht. 


Der Menſch — er mag wiſſens— 
denkbaren Bereiche der’ 
Schöpfung durchwandern — intereffirt 


durftig alle 


ſich doh vor Allem für ſich felbit. | 
Auch ift er, wie ein berühmter Gelehr: 


ter jagt, das Maß und der Mefler der Gurt 


Schöpfung; er kann daher erft dann 


mit Erfolg das Studium der äußeren 


Welt betreiben, wenn er fich felbft Tennt. 

Das Grundwefen unferes Lebens — 
die Seele — entzieht fich freilich noch ſehr 
unferen Beobachtungen, doch was in 
ihrem Bereiche der Philofoph nicht leiſtet 
das vollbringt vielleicht der Statijtiker. 
Wo alle Propheten jhweigen, da fommt 


er zieht aus taufend und taufend beobad): 
teten Fällen das Mittlere 
jtellt diefes als Norm hin und jagt: 
Willſt du wiſſen, Menfch, wie es mit 


$Saube. 


eine gleich große Zunahme des Menjchen: 
gejchlechtes herbeiführen, wenn nicht von 
Zeit zu Zeit Kriege und andere außer: 
"halb des regelmäßigen Ganges der Na: 
tur liegende Ereignifje wieder eine Ab: 
nahme der Menjchenzahl nad) fich zögen. 
Einen wefentliden Einfluß auf Ge: 
und Tod üben die Tageszeiten 
aus, und zwar will man bemerft haben, 
daß Geburten ſowohl ala Todesfälle 
am häufigjten während der Naht — 
vornehmlih von Mitternacht bis 6 Uhr 
früh — vorfallen. 
Hängt ſchon Geborenwerden und 


| Sterben an gewiſſen, gleichförmig wal: 


tenden ewigen Geſetzen, fo herrſcht ein 


er :mit der Wobrfeinfichleitsreiuung; | re Gefeg rüdfigtlig der verſchie 


denen Geſchlechter. Die Bergleihungen 
Hufeland’s über das Zahlenverhältnig 


heraus, | der beiden Geſchlechter lieferte nämlich 


folgende Reſultate: Während bei den 


Thieren in der Regel das weibliche 


dir im Beſonderen iſt und ſein wird, Geſchlecht in der Zahl ein bedeutendes 


jo fieh, wie is im Allgemeinen fteht — 
darnach richte dich ein. 

Auch dieſes Hauptjtüd hat 
Wahrſcheinlichkeitsrechner gefchrieben. 


Die Bevölkerung der Erde wird zur | das weibliche hat, 


Zeit auf mehr als 130 0 Millionen gefchägt. 


Uebergewicht über das männliche hat, 
\fteht bei den Menfchen das Geſetz 


ein | feft, daß das männlige Geſchlecht ur: 


ſprünglich einen Fleinen Ueberſchuß über 
der fi wie 21 zu 


20 verhält, fih aber ſchon vor dem 


Das mittlere Yebensalter des Menſchen 14. Lebensjahre wieder aufhebt und fo 


beträgt ungefähr 33 Jahre 6 Monate. 
Ein Viertel der Geborenen ftirbt vor 
dem 7. und die Hälfte vor dem 47. 
Jahre. Von 100 Berfonen erreichen 
ſechs das Alter von 60 Jahren und 
darüber; von 500 wird eine 80 Jahre 


und von 1000 nur eine bis 100 Jahre | 


alt. Jedes Jahr fterben 33 Millionen 
Menfchen, aljo im Durchſchnitte 96.000 


den Tag, 3730 die Stunde, 60 die 
Minute, 1 die Sekunde. Mithin macht 
durchfchnittlich jeder Schlag des Sefun: | 


denpendel3 ein Menjchenleben erlöjchen. 
Die jährlihen 33 Millionen Todesfälle 
werden aber durch 42", Millionen 
Geburten mehr als erfegt und es würde 
der Ueberihuß von 9%, 


Millionen | 


die völlige Gleichzahl der Geſchlechter 


herjtellt. Nah Hufeland ift diefes be: 


‚stimmte Verhältnig über die ganze Erde 


verbreitet und in 
nämliche. 

Das neugeborne Kind wird von 
der äußeren Luft, in die es jetzt zuerſt 
tritt, ſo gewaltig angegriffen und ge— 
reizt, daß ihm der Schmerz die erſten 
Töne des Schreiens auspreßt; aber 
eben durch dieſes Schreien lernt es 
athmen. (Haller.) 

Nach Ariſtoteles lachen die Kinder 
nie vor dem vierzigſten Tage. Den 
Alten galt das frühe Lachen der Kinder 
für eine gute Vorbedeutung. Die Tra— 
dition erzählt, daß Zoroaſter ſchon am 


allen Zonen das 





390 


Tage feiner Geburt gelacht und bie | 
Hand der MWehmutter vom SKopfe ge: 
ſchüttelt habe. 

Ein Kind hat in der Regel mit 
drei Jahren die Hälfte feiner Länge 
erreicht; wenn wir noch einmal fo lang 
würden, ald mir bei fünf Jahren 
waren, jo würde ein Riejengefchlecht 
die Erde bewohnen. (Erdmann, Pſychol. 
Briefe.) 

Die Höhe (Länge oder Statur) 
des Körpers, welche beim Erwachſenen 
etwa fünf bis ſechs Fuß beträgt, wird 
hauptſächlich durch die Höhe des Knochen: 
gerüftes bejtimmt. Sie erreicht erſt im 
fünfundzwanzigſten bis dreißigften Jahre 
ihr Marimum und nimmt mit dem 
fünfzigften Jahre wieder etwas ab. Im 
Allgemeinen findet fih in den gemäßig: 
ten Zonen ein größerer Menſchenſchlag, 
als in den heißen und falten Klimaten. 

Der Umfang, die Breite und Dide 
des Körpers wird bedingt: durch Die 
Entwidlung des Anochengerüftes, durch 
die Ausbildung der Muskulatur und 
durh den Fettreichthum. Im Allge: 
meinen trifft man magere und fchlanfe 
Körper bei den Bewohnern der heißen 
Erditriche, dicke und breite Dagegen bei 
denen der falten. 

Dad Gewicht des Körpers, welches 
durchſchnittlich beim Manne bei 60 bis 
64 Zoll Höhe, 125 bis 150 Pfund, 
bei der Frau bei 56 bis 60 Zoll Höhe 
110 bis 150 Pfund beträgt, richtet 
fi bejonders nad) der Ausbildung der 
Knoden und Muskeln und hängt des: 
halb vorzüglich von der Statur und 
dem Umfang des Körpers ab. Der 
Mann erreiht das Marimum feines 
Gewichtes gegen das vierzigfte, das 
Weib erft gegen das fünfzigfte Jahr; 
dann nehmen beide merflicd wieder ab. 

Es fallen nad Solon gegen das 
7. Jahr dem Menſchen die erften Zähne 
aus und erfcheinen die  bejtändigen. 
Ludwig XIV. bradte drei Zähne mit 
auf die Welt, womit er feinen Ammen 
fo bejchmwerlih fiel, daß man zus 


ichlagen das Beißen abgewöhnte. Hugo 
Grotius gab dies jcherzhaft in einem 
Briefe an Drenftierna für eine Bor: 
bedeutung fünftiger Naubgier aus, was 
nur zu fehr eintraf. 

Gegen dad 14. Jahr wird der 
Leib mannbar und mir fehen gegen 
das 21. den Bart wachſen und die 
Bruft fi vorzüglih ermweitern. Das 
4, Stufenjahr wird durd viele Krank: 
heiten und in gefundem Zuftande durch 
das Eintreten der höchſten Muskelkraft 
merflih. Es findet fih im 5. Stufen: 
jahr die reifere Vollendung des Zeu: 
gungätriebes, im 6. die Mäßigung der 
Begierden, im 7. die Reife des männ— 
lihen Verſtandes und der Ueberzeugung, 
im 8. bliebe es fo beharrend, im 
9. nehme es ab, im 10. reife ber 
Menfh zum Grabe. 

Als ein feltenes Beifpiel von Ueber: 
eilung der Natur führt die Geſchichte 
Ludwig IL, den Frühzeitigen, König 
von Ungarn, auf. Er fam zu früh, 
faft noch ganz ohne Haut, auf die Welt, 
hatte im 14. Jahre ſchon vollfommenen 
Bart, im 18. graue Haare und ward 
im 20. auf der Flucht nah der un: 
glüklihen Schlacht bei Mohäcs (1526) 
von den QTürfen getödtet. Diefem rafchen 
Procefje der Natur war auch der Lauf 
feiner Scidfale ganz angemefjen. Er 
war fchon verlobt, ehe er noch geboren 
war, wurde im 2. Jahre gekrönt, fam 
auf den Thron im 10. und heiratete im 
15. Jahre. 

Der Körper des Menſchen befteht 
aus 245 Knochen und hat über 500 
animale (millfürlihe) Muskeln. Die 
Menge des Blutes ift nad Alter, Kör: 
perbau, Temperament und Lebensweiſe 
jehr verfchieden; man ſchätzt die ge 
fammte Blutmenge bei Erwachſenen 
auf acht bis 10 Pfund, etwa des 
ganzen Körpergemichtes. 

Die Entdeckung des Blutfreislaufes 
war befanntlih dem großen Engländer 
Wilhelm Harvey aus Falkſton (geb. 
1578, gejt. 1657) vorbehalten, mel: 


legt eine Bäuerin zu dem Gefchäfte | her, durch 17jährige gründliche Forſchung 
nahm, die ihm in der Angft durch Zus | hierüber ficher geworden, zuerft im Jahre 


391 


1619 die Nüdfehr des Blutes durch 
die Venen und zulegt durch den großen 
Stamm der Hohlvene in die rechte 
Herzlammer lehrte, ſowie das Aus— 
ſtrömen aus dieſet nach den Lungen 
und von hier zurüd nad der linken 
Herzlammer, welche dann das neu be: 
lebte Blut dur die Arterien nach allen 
Theilen ſendet. 

Der Puls fchlägt im neugeborenen 
Kinde circa 140, im einjährigen 124, 
im zweijährigen 110, im dreijährigen 96, 
im fiebenjährigen 86, im Jünglinge 80, 
im Manne 75, im Greife 60mal in 
einer Minute; in krankhaften Fällen 
fann die Pulsfrequenz fich bedeutend 
erhöhen und ebenfo vermindern. Nimmt 
man das Körpergewicht für einen er: 
wachſenen Menſchen zu 140 Pfund an, 
jo würde fih deſſen Blutmenge auf 
circa 11 Pfund belaufen. Ungefähr 
2/, Pfund Blut werden mit jeder ein: 
zelnen Herzzufammenziehung durch den 
Körper getrieben, und demnach, etwa 
27 Zufammenziehungen für einen Um: 
lauf der Gefammtblutmenge erforderlich 
fein. Die Zeit binnen welcher dieſe zu 
Stande fommen, beläuft fih auf drei— 
undzwanzig Secunden. Eine Herzzufam: 
menziehung nimmt alfo nicht ganz eine 
Secunde in Anjprud. 

Die Zahl der Athemzüge beträgt 
bei Erwadfenen etwa 12 bis 20, bei 
Säuglingen gegen 40, bei größeren 
Kindern 24 in der Minute. Ein Er: 
wadjener gibt per Stunde 40 Gramm 
Kohlenfäure und 20 Gramm Wafler 
von ſich. Was Kinder betrifft, jo gehen 
hier nicht etwa, wie anderwärts deren 
zwei auf einen Erwachſenen, fondern 
ein Kind von 50 Pfund Gewicht pro: 
ducirt ebenfoviel Kohlenfäure, wie ein 
Erwachſener per 100 Pfund Gemidt. 

Der menschliche Körper enthält durch: 
ſchnittlich etwa 70 Percent Waffer. Auf 
ein Körpergewicht von 130 Pfund wür— 
den demnach etwa neunzig Pfund Waf: 
fer fommen. ®erliert der Körper bei 
anhaltendem Dürften täglich etwa 5 Pfund 
Waſſer, jo finkt fein Waffergehalt nad) 


nad zwei Tagen auf circa 66 Percent, 
nach ſechs Tagen auf 60 Percent, nad 
10 Tagen 50 Percent. Sind auch dieſe 
Zahlen nur annähernd richtig, fo find 
fie doch hinreichend, zu erläutern, warum 
der Menſch einige Tage dürften fann, 
ohne daß Gefundheit und Leben ernft- 
lih bebroht werden. Der Körper hat 
in feinem Innern fo viel Wafler auf: 
gefpeichert, daß innerhalb weniger Tage 
beim Dürften der durchſchnittliche Waſ— 
fergehalt feiner Theile nur um wenige 
Percent herabgedrüdt wird. 


Ein erwadhfener Mann hat in uns 
feren Elimatifhen und fonftigen Ber: 
hältniffen im Durdfchnitt tägli un: 
gefähr nöthig 2500 Gramm MWaffer 
und außerdem (alles Folgende im trode: 
nen Buftande gedacht) etwa 100 Gramm 
Albuminate (ftidjtoffhältige, eiweißähn— 
lihe Körper), 250 bis 350 Gramm 
Kohlenhydrate (kohlenftoffhaltige Körper : 
Stärke, Zuder 2c.), 100 Gramm Fette 
und 25 Gramm Salze. 


Das Vermeilen der Nahrungsmittel 
im Magen beträgt, je nad) der Löslich— 
feit derfelben, zwei, vier, ſechs Stunden ; 
die Zeit, binnen welder Genoſſenes 
den Verdauungskanal paflirt, ift ge: 
wöhnlich 12—18 Stunden. Kerne fah 
man erft nach drei bis vier Tagen ab» 
gehen. Nah den Beobachtungen des 
Amerifanerd Beamont macht Rinder: 
braten drei, Kalböbraten vier, Kaffee 
und Butterbrot vier und ein halb, hartes 
Ei fünf, eingefalzenes Schweinefleifch 
gar ſechs Stunden unferem Magen zu 
ſchaffen. 

Von acht Pfund Speiſen bleibt nur 
der fünfzigſte Theil, etwa 35 Loth 
im Körper; alles Webrige geht durch 
die Verdunftung und dur die Excre— 
mente ab. Aber felbft diefe 5 Loth ver: 
mehren das Gewicht des Körpers bei 
ausgewachſenen Menfhen und im ge: 
funden Zuftande fat um nichts; aud 
fie verdunften theilweife allmälig. mit. 

Die Oberfläche des menschlichen Kör: 
perd wird im Mittel auf 14 bis 15 


einem Tage auf circa 68 Percent, | Duabratfuß berechnet, jo daß der Drud 


392 


der Atmofphäre auf diefelbe über 300 
Zentner beträgt. Die Zahl der Lungen— 
zellen ift fo bedeutend, daß fie, in einer 
Ebene ausgebreitet, 14.000 Quadrat: 
fuß oder einen halben preußifchen Mor: 
gen bededen würden. 


Für die normale Lebensdauer gab 
der franzöfifhe Phyfiolog Flourens als 
Formel an: die Zeitdauer des Wachs— 
thums (der Körper wächſt fo lange, als 
die Knochen mit ihren Anſätzen nicht 
verbunden find) mit fünf multiplicirt. 
Darnad ergibt fich ald normale Lebens: 
bauer für den Menfchen 100 (für den 
Elephanten 200, das Kameel 40, das 
Pferd 25, den Ochfen und Bären 20, 
den Hund 19) Jahre. Die Meflungen 
von Quetelet habe indeß erwiefen, daß 
feineswegs mit dem zwanzigiten Lebens— 
jahre, wie Flourens annimmt, das Yän- 
genmaß des Mannes beendet ijt. Die 
Zeitdauer der Knochenentwicklung bei 
Thieren ift jest faum annähernd befannt. 


Mas die durdhfchnittliche Lebens: 
dauer anbelangt, jo beträgt fie nad ge: 
madten Beobachtungen bei Geiftlichen 
65, Kaufleuten 62, Gelehrten und Land— 
leuten 61, Militärperfonen 59, Yuriften 
58, Künftler 57 und Aerzten 56 Yahr. 

Nah den Ländern claffıficirt: für 
Rußland 21, Preußen 29, Schweiz 34, 
Franfreih 35, Belgien 36 und Eng: 
land 38 Jahre. Diefe letteren, fchein- 
bar viel ungünftigeren Zahlen erflären 
fi Teiht dur die große Sterblichkeit 
vor erreihtem 20. Jahr. 

Nah mebdizinifchehiftorifhen Nach— 
weiſen follen die meiſten Menfchen, die 
nicht von Epidemien weggerafft werden, 
in ber Nähe ihres Geburtstages oder 
Zeugungstages fterben. 


Der menschliche Leihnam bedarf un: 
mittelbar in der Erde faſt nur eines 
Frühlings und eines Herbjtes, um zu 
verwejen. Die Beichaffenheit des Bodens 
bewirft indeſſen zumeilen aud ein 
Debergehen der Leihen in Fettwachs— 
bildung, wie das noch vor nicht fehr 
langer Zeit in Worcefter und Zürich 
nachgewiefen worden ift. 


An letzterem Drte fand man auf 
dem Kirchhofe an der Promenade, wel: 
her im jahre 1849 eröffnet wurde, 
ald man die Umlegung der Leichen vor: 
nahm, ſämmtliche Leihen in Leichen: 
fett verwandelt. Es ift dies eine Maſſe, 
die die Form: und Geſichtsbildung ganz 
deutlich erhält, eine totale Verfettung 
des menſchlichen Körpers. Sie fommt 
ftet3 nur da vor, wo Xeichen längere 
Zeit 11, bis 2 Jahre auf einem 
lehmigen Boden und vollitändig im 
Waſſer eingebettet liegen. Aehnliche 
Wahrnehmungen hat man früher fchon 
in Venedig, Brüfjel, Paris, Touloufe 
ꝛc. gemadt. 

Auh die Verwefung unferes Hör: 
pers ift eine Entwidlungsftufe der ewig 
jungen, ewig fproffenden Natur. Nur 
in dem Momente des eintretenden To: 
des ift der Stoff unjeres Körpers zweck⸗ 
und leblos; der erjte Augenblid des 
Todes ift ſchon wieder der erfte Augen: 
blid eine neuen Lebens. Das Tage: 
werk ift aus; die Stofftheilchen, die 
fih gemwiffermaßen als Arbeiter ver: 
dingt und zufammen eine Körperfchaft 
gefchlofjen hatten, gehen auseinander — 
jeder zu den Seinen — um aber als: 
bald wieder neue Verbindungen einzu: 
gehen, und allmälig fo im Dienfte aller 
Weſen zu arbeiten, die auf Erden leben. 


Die Wiffenfhaft wird humoriſtiſch. 


Ein mißiger Kopf hat es unter: 
nommen, die Darminifche Lehre von 
der Abjtammung des Menſchen aus 
der Thierwelt in fchöne Verslein zu 
bringen. Für alle Jene, welche ſich 
auf dieſem noch ungewöhnlihen Weg 
über die epochemachende Theorie zu 
unterrichten wünfchen, fei hier ein Feiner 
Vortrag aus dem Bude: „Das neue 
Laienbrevier des Hädelismus* von M. 
Reymond dargelegt: 


Meine Herren ! 


Der Menſch ift ein gelehrtes Haus, 
Weiß überall, wo ein, wo aus; 


Indeß — Sie nehmen mir's nicht krumm — 


In einem Stüd ift er dDodh dumm: 
Ihm fehlt's an mäherer Bekanntſchaft, 
Mit feiner eigenen Urverwandticdaft ! 
Um diefe Lüde auszufüllen, 

Will mein Spitem ih nun enthüllen, 
Mit dem ich's Mar herausgebradt, 

Wie fih die ganze Sache macht; 

Dod muß ab ovo ich beginnen, 

Will Ihr Verftändnik ich gewinnen ! 
Id frage gar nicht, was ein Ei 

Nach Weſen und Beftimmung fei ; 
Denn Ihre Antwort wär! — id) wette: 
„Der Stoff zu einer Omelette!“ 

Wie fehr der Menih auch Bildung heuchelt 
Und cultivirt zu fein ſich fchmeichelt, 
Er weiß vom Ei nur dies genau: 

Man kauft es bei der Eierfrau ! 
Erfahret d’rum aus meinem Munde 
Zum erftenmal die ernfte Kunde : 

Das Ei ift eine fimple Zelle, 

Des Lebens primitivfte Quelle ; 

Dem Ei fo Menſch als Thier entfpringt 
Und nit der Storch die Kinder bringt ! 
Habt diefes Ihr erfaßt mit Fleiß, 

So höret, was ich weiter weiß: 

Der Embryo im Mutterleib 

Verwandelt ſich zum Zeitvertreib, 

Bevor er, wie es meift gefchieht, 

„Bapa zum Spreden ähnlich ſieht“, 

In Beitien jehr verfchied'ner Art, 

Erft gleicht er der Amöbe zart, 

Da er als Ei, wie Ihr ſchon wißt, 
Einzellig nur, gleich diefer, ift. 

In feiner nädhften Wandelform 

Dient die Gafträa ihm als Norm; 
Seefheidenartig nimmt er dann 

Die Grundform eines Wurmes an. 


393 


'bemalten Brieffajten 
welchem die Engel, als die himmlifchen 


Die Briefpoft in den Himmel. 
Ein Beitrag zur Geſchichte des Aberglaubens. 


Daß Kinder in befonderen Anliegen 
dem lieben Gott oder der Jungfrau 
Maria Briefe fchreiben, dieſelben nad 
dem Himmel adreffiren und in den 
Brieflaften werfen, iſt ſchon öfters ge: 
ſchehen. Wenn das aber auch Er- 
wachſene thun, fo ftedt der Narr da— 
hinter oder wer Anderer. 

Sin den hinteren Ländern von Süd— 
amerifa, weitab von den Gultur: 
völfern, ift fo ein Winkel, wo e3 un: 
glaublich zugeht. Dort war es, wo in 
den Fünfziger-Jahren die Gläubigen, 
befonders die Frauen und Jungfrauen 
aufgefordert wurden, fih mit der 
Mutter Gottes in Correfpondenz zu 
ſetzen, um berfelben ihre geheimiten 
Anliegen und Bitten vorzutragen. Die 
Briefe waren zu verfiegeln und mit 
Piaftern zu franfiren. Die Frauen: 
firhe in Sanjago (Chile) war eine 
berühmte Wallfahrtsjtätte. Am Ein: 
gange derjelben hatte man einen ſchwarz— 
angebradht, zu 


Briefträger, die Schlüffel beſaßen. Schon 
vor Jahrhunderten hat ein Heiliger 
Kircbenlehrer gefagt, daß die Engel 
Gottes im Dienfte des Priefters ftünden. 

Jede Frau und jedes Mädchen hat 
mindeftens ein Geheimniß, das fchier 
zu ſchwer ift für ein weiblich Herz, 
oder zu dunfel für den Mitmenjchen, 
oder gerade ſüß genug für ein hold: 
jelig Engelein, dad es der himmlischen 


Drauf ähnelt er — 'd ift wirklich tomiſch — Drau unterbreitet. Manden ift bloß 


Dem Fiſch, wenngleih nur anatomiſch; 
Dod; bald geftaltet er fi um 

Zum richtigen Ampbibium. 

Um daun durch weiteres Bariiren 

Zum Schnabelthier zu avanciren, 

Und dieſes fpigt fid) mälig zu 

Zu einem netten Kängurub. 

Das Beutelthier, es wird zum Affen, 
Aus diefem wird der Menſch gefhaffen. 








‚um die Mittheilung ihres Geheimnifjes 


zu thun, den meiſten freilid um Ab: 
hilfe in irgend einer Noth. 

Mädchen von 12 und 14 Jahren 
fhreiben in Südamerika ſchon ganz 
intereffante Briefe. Bräute brauchen 
die Mutter Gottes in der Regel nicht, 
denn alle Herzensdinge fommen ſchnur— 
gerade dem Bräutigam zu. Hingegen 
waren hoffnungslos liebende Fräulein 
und eiferfüchtige Ehefrauen die eifrigften 
Himmel3correfpondenten. Mander Jung: 


394 


frau Sehnen blieb nicht unerfüllt und 
geruhte die gnabenreiche Empfängerin 
der Briefe zumeilen als Vollſtrecker 
ihrer Huld irgend einen Erdgebornen 
zu bejtimmen, 

So find denn jeden Abend ums Dun- 
feln die jungenFrauen dem geheimnißvollen 
Brieffaften der Wallfahrtskirche zu San: 
jago zugehufcht und haben in volliter Zu: 
verficht, deren gläubige Gemüther fähig 
find, ihre verfiegelten Schmerzen und 
Wünſche auf die Himmelspoft gegeben. 

Freilich find hinterher bald die Ver: 
lobten und die Gatten und die übrigen 
Intereſſirten gefhlihen und haben mit 
Leimftäbhen die Briefe wieder aus 
der Lade geholt. Da hat's dann Auf: 
tritte gegeben, bei denen die Vermitt: 
lung der himmliſchen Adreſſatin nicht 
im Mindeften zu verfpüren gemejen. 

Geſetzlich war diefen Frevlern des 
Briefgeheimniſſes nicht beizukommen, 
denn die diesbezüglichen Beſtimmungen 
Südamerikas gelten nur für die irdiſche 
Poſt. Die Geiſtlichkeit mußte ſich ins 
Mittel legen; ſie verordnete die Auf— 
ſtellung des Briefkaſtens im Innern 
der Kirche. Die Wallfahrtskirche war 
prächtig aufgeputzt; jede Andächtige 
hatte einen Kranz, einen künſtlichen 
Strauß, ein Band, einen Schleier ge— 
opfert. 

Am Hochaltare war der Himmels— 
briefbeutel angebracht ; dort wurde er 
an beftimmten Tagen geöffnet, dort 
wurden die Briefe dur den Priefter 
während einer Mefje, vor aller Leute 
Augen verbrannt. Es hatten fih näm— 
lih böswillige Gerüchte verbreitet, Die 
zu widerlegen ſich die Geiftlichfeit an- 
gelegen jein ließ. Freilich flüfterte die 
Bosheit weiter, wären die verbrannten 
Stüde nur leeres Papier; die echten 
Briefe wife man ſchon bei Seite zu 
ſchaffen, um diefelben gelegentlih zu 
berüdfichtigen. 

Lafjet böfe Zungen ſchwätzen. Die 
Gläubigen mußten doch, daß in Ge: 
ftalt des Rauches ihre Anliegen ge: 
gen Himmel ftiegen und dort oben beim 


Marienbilde genau in jenen Worten | 


ausflängen, in welden fie hiernieben 
aufgefchrieben worden. Es ift mas 
MWunderbare3 um den Glauben, er ift 
ein Zauberftab, ihm ift Alles möglich. 
Er ift, von außen befehen, Täufhung, 
aber feine Wirkungen im Menfchenge: 
müthe find thatſächlich, und fo ift 
der Glaube eine reale Kraft. 

Der auffteigende Rauch von ben 
verbrannten Briefen fonnte alfo den 
Herzen der Gläubigen nur nützen, lei: 
der haben die damit auffteigenden Flam— 
men nicht immer basfelbe gethan. 

Am 8. Dezember 1863 bei der 
Frühmefje war's, als vom Altare eines 
der Flammenzünglein emporflog in das 
Flitter⸗ und Bänderwerk des Marien: 
bildniſſes und dasſelbe ergriff. In un: 
beſchreiblicher Haſt ſtoben die Flammen 


weiter, nach wenigen Augenblicken 
brannte das ganze Innere der mit 
Menſchen überfüllten Kirche. Alles 


drängte in wahnſinniger Flucht dem 
Ausgange zu. Viele wurden erdrückt, 
zertreten, erſtickten im Dunſt oder ver- 
brannten. Faſt die ganze Verſammlung, 
zumeiſt aus Frauen beſtehend, iſt zu 
Grunde gegangen. Wilder, ſchwarzer 
Qualm iſt über dem Klageſchrei der 
Sterbenden gegen Himmel geſtiegen. 
Sind auch die ſe Briefe geleſen worden 
dort oben? 

In der Stadt Sanjago brach über 
dieſes Ereigniß eine förmliche Empö— 
rung aus. Gegen die Prieſter gings 
los, auch gegen die Unſchuldigen. Und 
die Himmelsbriefpoſt iſt ſeitdem aufge— 
laſſen worden. 


Gedichte 
von Stephan Milow. 
Aeber Nacht. 

Geſtern Knospe, noch verhüllt; 
Heute eine offne Roſe, 
Farbenglühend, reich gefüllt — 
Schnell entfalten ſich die Loſe. 
Geſtern ſcheu der erſte Kuß, 
Banges Zaudern und Verhehlen; 
Heut — o ſüßer Ueberfluß! — 
Küffe, nimmermehr zu zählen. 


395 





Mad) der Arankdeit. 
Du arme Seele, bimmelftrebend, 
Du arme Seele, jo genügfanı ; 
Noch geftern ſtolz dich überhebend, 
Und heute fhon fo ftill und fügfam. 


Das war ein Sadern, rollen immer 
Im Ringen nad dem höchſten Preife, 
Und jept, o welch ein Gnadenſchimmer, 
Daß Du nur wieder athmeft leife. 
(„In der Sonmenmwende”.) 


Yebruar. 


Der Hornung, oder wie der Deutjche 
lieber fagt, der Feber (Februar, ge: 
nannt nah dem altitalifhen Gotte 
Februus), iſt ein recht merkwürdiger 
Monat. Er ift der Fleinfte von den 
zwölfen, aber an ihm allein liegt es, 
ob das Jahr ein Gemein: oder ein 
Schaltjahr fein fol. Er ift ein über: 
müthiger Gefelle und fchellt mit feiner 
Narrenfappe die ganzen Nächte hin: 
durch. Plötzlich wirft er fie weg und 
wäſcht fein Antlig mit Aſche, bis es 
ganz fahl wird und fpielt den Büßer. 
In feiner tollen Zeit ift der Feber ein 
arger Kuppler, er möchte aus den 
jungen Männern und Mädchen Iauter 
Liebespaare und aus den Liebespaaren 


lauter Eheleute machen. Die geriebenen | 


Städter gehen ihm, mas das Leßtere 
betrifft, nicht fo leicht in die Falle; 
aber die Baueröleute laſſen fich maſſen— 
haft fangen, und diefe Gefangenen 
reibt er dann mit Ajche doppelt ein, 
und am beiten hilft fich jedes über: 
Iiftete Paar dadurch, daß es ſich bie 
Aſche gegenfeitig von der Stirne füßt. 
— Der Feber ift der Heiratmonat und 
darum iſt es vielleicht nicht ungefchidt, 
daß er fo wenige Tage hat. — Mit: 


ten im übermüthigen Garneval meiht 


die Kirche (zu Lichtmeh) die Opfer: 
und die Sterbeferzen. Schon vor dem 
Eintritte der eigentlichen Faftenzeit ver: 
hüllt fie ihre Altäre, fo wie draußen 
die Natur ihren feuchten Nebelmantel 
über das Land breitet. Aber unter der 
grauen Larve feimt der Lenz- 





Schwũnke. 


Ein luſtig Stücklein von 
hohen Herrn. 


Von einem volksthümlichen öſter— 
reichiſchen Prinzen wird Folgendes er— 
zählt: 

Derſelbe gab in ... berg, wo er 
fih im Sommer mit Worliebe aufhielt, 
einmal einen Ball. Da waren alle 
Jäger und Förfter und Werksbeamte 
dabei, und die frifcheften Bauern der 
Gegend, und die hübfcheften Schwaige: 
rinen fehlten auch nicht. Der Iuftigjte 
darunter — ein echter Waldburſch über 
und über — in Bodlederhofen und 
bloßen Hemdärmeln — war der Prinz. 
Ein ſolches Beifpiel voran, gings toll 
zu bei der felbigen Luftbarfeit. — Nach— 
ber aber, als beim Wirth die Rechnung 
zu zahlen war, ſchnitt diefe fo tief im 
die Hunderter hinein, daß es den hohen 
Herrn gar verbroß. Nicht ala ob er's 
nicht gehabt hätte, das Geld, was 
andern Leuten jo häufig paffirt; aber 
dad offenbare Unrecht, das ihm ge: 
Ihah, that dem Herrn gerade fo weh, 
ald es unfereinem armen Gaudh ans 
Herz geht, wird man gleih auch nur 
um etliche Kreuzer befchwindelt. — Und 
von diefer Zeit an hat der Prinz an 
die zehn Jahre und länger . . . berg 
nicht mehr befucht. 

Endlich aber, da jener gewinnſüch— 
tige Wirth und feine Mithelfer nicht 
mehr an der Stange waren, iſt er doch 
wieder gefommen, und ift oft gelommen 
und die guten Yeute ließen ſichs nicht 
nehmen, ihn ſtets mit Pfeifen, Gloden 
und Trommeln zu empfangen, gleich: 
wohl unjer lieber Erzherzog allerorts 
mit ländlicher Muſik, Pöllerfnall und 
Glodengebimmel genugſamlich gequält 
wurde. — 

„'s iſt ihm zuwider“, meinten Einige. 

„Ah, 's g'freut ihn doch“, ſagten 
Andere, „jo Herren finds gewohnt 
‚und 's thät armfelig ausfchauen, wenn 
er g’rad bei uns nit befjer ala mie 
‚die alt! Hammerfchmiedin einfahren 
müßt’, und nichts wie die Hund’ thäten 


einem 





396 


dem Wagen nachkeifen — na, na, das 
thät's nit.“ 

Und einmal wieder fo. 

Im Dorfe . . . berg war der 
Prinz angefagt. Am Abend wurde er 
erwartet. Der alte Schullehrer dreffirte 
tagsüber als Kapellmeifter feine Notte 
— und ging dann des Abends auf 
Schleihwegen aus, um noch rechtzeitig 
das Nahen des fürftlihen Wagens zu 
erfpähen. Es murde finfter und die 
meiften der Mufifanten waren am Ein: 
gange des Dorfes bereits verfammelt. 
Nur der alte Schmied:Michel, das 
budelige Kerlchen, das fich arg ver: 
fäumt hatte, fchnaufte noch der Kirche 
zu und die Chorftiege hinan, um die 
zwei Feltpaufen zu holen. Bald Fam 
er follernd damit die Treppe wieder 
herab, rannte jchnaufend im Finftern 
dur den Baumgarten, um noch recht: 
zeitig — man hörte über den Yinden- 
bühel jchon den Wagen raſſeln — 
bei den Mufifanten zu fein. 

„He, Alter, wohinmitDeinenKübeln?“ 

rief eine Stimme im Buſchweg dem 
Schmied-Michel zu. 
„Wer hätt’ denn jetzt — Zeit zum 
Antwortgeben!” ächzte diefer ohne aufzu— 
bliden, „werd's leicht doch willen — 
daß der Prinz fommt.” 

„Du ſchleppſt ja aber wie unfinnig“, 
ſagte der Andere, „halt, lange mir her 
die eine Paufe, will fie Dir tragen. 
Vielleiht fann ih aud beim Mufik: 
machen mitthun.“ 

Üeberließ ihm der Schmied brum: 
mend das Inſtrument — und bald 
darauf jtanden die Beiden mitten unter 
der mit einer Spanlunte beleuchteten 
Dorffapelle. Aber der Schulmeifter war 
noch nicht da, und ed war die höchſte 
Zeit zum Anfangen, der Wagen — es 


war am meiden Rollen die prinzliche 


Caleß' Teicht zu erkennen — fam jchon 
nahe. Der Kaufmann fjchwingt feine 
rehte Hand als Dirigentenftab: „Eins, 


— zwei — drei — bums! fielen die | 


Da — verftummten jählings die 
vorderften Bläferr und die anderen 
hinterher und nur die zwei Paufen- 
ſchläger donnerten noch eine Weile drein. 

Das Stüd ift deshalb nicht ausge— 
jpielt worden, weil im Wagen, der 
mittlerweile angehalten hatte, fein Brinz 
zu fehen war. Die zwei Laternen am 
Bock jtrahlten in das breite, lachende 
Geſicht des alten Schulmeifters, welcher 
drinnen jaß. 

Enttäufhung und Gejohle. 

„So hör’ doch Du einmal auf, Du 
verbligter Trommler mit Deinem hölli— 
ihen Lärm!” jchrie Einer dem immer 
noch polternden, fremden Baufenjchläger 
zu. Da ftieß der Schmied:Michel ſchon 
den Schredhauh aus: „Herr Helles, 
das iſt der leibhaftige Prinz!” 

Hat ſich nicht geirrt — ed war 
der leibhaftige Prinz. 

Hinter dem Lindenbühel drüben 
hatte der hohe Herr den lauernden 
Schulmeifter entdedt, aufgegriffen und 
ihn in den Wagen geftedt, während er 
jelber auf Fußwegen heranfhlid, um 
aus dem großen Pathos einen großen 
Spaß zu machen. Zufällig begegnete 
er im Baumgarten dem Paukenträger, 
dem er, da er fchon einmal in Iuftig: 


ſter Yaune war, feine Dienfte anbot, 


um das Stüdlein zu frönen. 

Seither hatten die guten . . . berger 
den Prinzen nie mehr mit Muftf em: 
pfangen. Der leutfelige Herr fam nun 
aber um jo öfter in ihr Dorf, als fie 
ihn unbehelligt kommen und ziehen ließen. 
Er übte dafelbft jo mand’ kleinen 
Scherz und bedachte den Ort mit fo 
manch’ großer Wohlthat. Mit dem 
alten Schmied: Michel hielt er's befonders 
gern und hieß ihm nie anders, alö den 
Gollegen in der Mufil. 


Johannes aber taufte... 
Bauern find zumeilen fürchterlich 


Paufen drein und die Pfeifen jodelten |in ihrem Humor, wie folgendes Ge: 


durcheinander. 
„Hoch, Vivat!“ — 


ihichtchen zeigt, das fi die Kärntner 
gerne erzählen, und das wir als harm— 


ofen Volksſchwank, bei dem 
Ertraftube Priefter und Laien 
wiedergeben. 


Im Liejerthale lebte ein Pfarrer, 
der auf der Kanzel häufig gegen die 
Uebertretung des Faſtengebotes predigte; 
eines Sonntags ſchloß er feinen Vor: 
trag mit den Worten: „Wer am hei: 
ligen Freitag Bratel (Braten) ißt, der 
wird felber einft ein Höllenbratel wer: 
den, Amen”, 


Ein Bäuerlein, das e8 hörte, ver: 
droß das und es dachte bei fih: Un 
ſerm Pfarrer thu’ ich doch wahrhaftig 
was an. Und am nächſten Kirchenfefte, 
dad auf einen Freitag fiel, lud das 
Bäuerlein den Pfarrer demüthiglich ein 
zu einem Löffel Suppe, und der hoc): 
würdige Herr follt! halt zufrieden fein 
mit dem Menigen, was der arme Tifch 
bieten könnte. 


Redensart, denkt fich der Pfarrer, 
und jtellt jih mit gutem Appetit beim 
Bauer ein. Die Stube hübſch ausge— 
ſcheuert, gelüftet, der Tiſch ſchneeweiß 
gedeckt. Da kommt eine Einbrennſuppe. 
Der Gaſt ißt davon nur ein paar Löf— 
fel voll, will ſich den Appetit nicht vor— 
zeitig verderben. Nach der Suppe ſitzen 
fie da und reden von allerhand und — es 
fommt nicht8 mehr. Etliche male zieht 
der Pfarrer die Uhr aus der Tajche 
und endlich meint er, der verehrte 
ESpeifenmeifter möge ſich nicht geniven 
und das Weitere nur bringen laſſen. 

Der Bauer fieht den Gaft erftaunt 
an und jagt ganz Heinlaut: „Mu 
wohl recht um Berzeihung bitten, aber 
bei mir wird an Freitagen halt fonft 
nichts gefoht — mein Gott, man will 
doch auch die Gebote halten.“ 

— Haft mid) überliftet, Fuchs, denkt 
fih der Pfarrer, aber wart’, das bleibt 
dir nicht geſchenkt. Mit dem Schulmei: 
fter redet er fi ab, wie er es dem 
Bäuerlein am Beften eintränfen könnte. 
Der Schulmeifter rathet unter anderm, 
mit der Bibel ihn in PVerlegenheit zu 
feßen, darin ſei der Bauer gewiß 
nicht bewandert. 


in Der 
lachen, 


Und bei einer nächſten Gelegenheit, 
wieder an einem Faſttag, wird das 
Bäuerlein vom Herrn Pfarrer zum 
Speifen geladen. Aha, denkt fich das: 
jelbe, gejcheidt fein, heut’ thut er mir 
was an. Höflich findet es fich im Pfarr: 
hofe ein; iſt jchon Alles bereitet, der 
Schulmeifter ift auch da. 

Sie fegen fi zu Tifche. Die Suppe 
wird guten Muths verzehrt. Nun folgt 
ein fein zubereiteter Fiſch mit Sauce. 
— Sei auf der Hut, Bauer, denkt der 
bei ſich ſelbſt. 

„Meine lieben Gäſte“, ſagt der 
Pfarrer, „wiſſet, bei mir iſt's der 
Brauch, daß Jeder bei dem Heraus— 
nehmen eines Stückes auf den Teller 
irgend einen Spruch aus der heiligen 
Schrift aufſagt. Ich beginne ſonach und 
ſage: „Im Anfange ſchuf Gott Himmel 
und Erde!“ Dabei hob er die obere 
Hälfte des Fiſches auf ſeinen Teller. 

Der Schulmeiſter aber ſpricht: 
„Gott iſt von Anfang bis zu Ende!“ 
und nimmt vom Fiſch die andere Hälfte. 

Für den Bauer iſt nichts mehr 
da, als die Sauce. Wohlan, er erhebt 
ſich feierlich, ergreift die Taſſe und 
mit den Worten: „Johannes aber 
taufte Jeſum im Jordan!“ gießt er 
die Sauce über das Haupt des Pfarrers. 


Bücher. 


Novellen aus Oeſterreich. 
Von Ferdinand von Saar, Verlag von 
G. Weiß, Heidelberg. 

Dieſe Sammlung beſteht aus den 
fünf Erzählungen: „Innocens“, „Ma— 
rianne“, „Die Steinklopfer“, „Die 
Geigerin“ und „Das Haus Reichegg“. 
Wenn die neue Literatur ein Dutzend 
muftergiltige Erzählungen aufzumeifen 
hat, jo gehört Saar’3 „Innocens“ da— 
zu, eine Erzählung, die jo allfeitig be 
fannt und anerfannt worden ijt, daß 
hier weitere Worte überflüffig find. 
„Marianne”, ein eigenartiges Stück in 
Tagebuhform, reiht ſich dem erjten 


398 


trefflih an. Schwächer erfcheint „Das 
Haus Reichegg”, trot des außerorbent: 
lich guten Tone im Eingange. Die 
ergreifende Geſchichte von der „Geige: 
rin” erzählt das unglüdliche Leben und 
Lieben eines Mädchens, welches fein 
gutes, treues Herz an einen Unwürdigen 
hing. 

Die Dorfgefhihte „Die Stein: 
flopfer” fpielt am Semmering und 
in unferer Steiermarf. Wir wollen fie 
etwas näher befehen. 

Ein gemeiner, halbfieher Soldat 
verliebt jih in ein armes Mädchen, 
erjchlägt deſſen Vater und führt es 
davon. Iſt das ein Gegenftand für eine 
Novelle? Iſt das nidt ein Fall für 
die Gerichtöhalle ? — Sachte! 

Es war zur Zeit, ala über den 
Semmering die Eifenbahn gebaut wurde. 
Da ftieg eines Tages ein fieberfranfer 
Urkauber den Berg binan, um bei dem 
Baue Arbeit zu fuchen. Im Haufe des 
Arbeitsauffehers traf der Soldat ein 
Mädchen, das den Ankömmling freund: 
lih und mitleidig aufnahm. Der Auf: 
jeher Hingegen, des Mädchens Stief: 
vater, war ein gar roher, böſer Menſch, 
der die Gtieftochter nicht felten miß- 
handelte und aud den neuen, armen 
und kränklichen Arbeiter in herzloſer 
Weife quälte. Georg und Tertfchla, wie 
die beiden Leutchen hießen, hatten 
gar Niemanden auf der Welt; jo 
ſchloſſen fie fi) einander an. Tertſchka 
nährte und pflegte den Urlauber, bis 
er genas; fie arbeiteten zufammen im 
Steinbrud, Mopften fleifig Steine und 
erleichterten fich gegenfeitig die Bürden 
des Tages. Bald aber gemahrte ber 
Auffeher das freundliche Verhältniß der 
jungen 2eute, und nun war es fein 
angelegentlichjtes Werk, fie zu trennen. 
Aber Georg und Tertſchka famen am 
Sonntag auf dem Kirchwege zufammen, 
gönnten fih mandes ftile Stünddhen 
im Waldesfhatten, und da vertraute 
dad Mädchen dem Freunde einmal, wie 
der Stiefvater, der auch ihre Mutter 
in das Grab gebracht, gegen fie, die 
Tochter, Abfihten hege, die er, wenn 


niht mit Zärtlichkeit, fo mit Gemalt 
zu erreichen hoffe. Das erbitterte den 
Urlauber noch mehr gegen den Aufjeher. 
Sonft fanften, nadjgiebigen Charalters, 
befhloß Georg, das Mädchen zu [hüten 
und ed um jeden Preid von dem Un- 
holde zu befreien. So verlangte er eines 
Tages vom Stiefvater, mit Hinweis auf 
obige Thatfache, freien Abzug des be- 
reits? großjährigen Mädchens. Das 
bradte den Auffeher in Wuth, er warf 
Tertichla hinter Schloß und Riegel, 
und auf weitere Andringen des Sol: 
daten ftürzte er mit einem Mefjer auf 
diefen los. Im Drange der Nothwehr 
erraffte Georg den Steinhammer und 
verfegte damit dem Wüthenden einen 
Etreih auf die Bruſt. Der Urlauber 
wurde als Todtſchläger in das Stock— 
haus gebradt; er fam mit einer mehr: 
monatlihen Unterfuhungshaft davon, 
aus welcher ihn Tertſchka zu befreien 
mußte. — Bei Ehrenhaufen in Steier- 
marf fteht ein Bahnmwächterhaus, darin 
follen Georg und Tertſchka mit mehre- 
ren Nachkommen zu finden fein. 

Das ift der Grundzug der einfachen 
Gefhichte, die und Ferdinand Saar fo 
Ihliht und wahr erzählt. 

Es ift behauptet worden, daß Ar: 
muth, Entbehrung und das Tagesmühen 
gewöhnliher Menfchen im Reiche der 
Poeſie nicht das Bürgerrecht befäßen. 
Dem miderfprechend, fönnten wir darauf 
binweifen, daß Noth beten lehrt, erfin- 
deriſch madt und Eifen bricht, und daß 
die ehernften, impofanteften, ja vielleicht 
gediegenften Charaktere in der Regel 
nicht aus den licht: und überflußvollen 
Salons hervorgehen, fondern meit eher 
aus der herben Noth armer Hütten. 
Das ift uns fein braver Xefer, dem 
Herzenstreue und Geelengröße nicht be 
hagt, weil der Arbeiterfittel darüber 
hängt. Wir felber tragen mit wenigen Aus: 
nahmen den Rod des Arbeiters. Auch 
unter und und tiefer und ſelbſt in den 
ärmften, verfommenften Kreifen können 
einzelne große, edle Menjchen leben, 
deren Seelenbilder des Dichtergriffels 
würdig find. 


399 


Saar's „Steinklopfer* find ein 
neuer Beweis dafür. Sie mögen ftein- 
Hopfen immerdar ; fo lange in ihnen 
die Ergebung in ihre Pflicht einerjeits 
und die heldenhafte Entfchloffenheit an: 
dererſeits, und fo lange die Liebe und 
die Treue in fo reiner Geftaltung fteht, 
wie fie bier gejchildert wird, — fo 
lange müfjen wir dem Dichter danken, 
der und mit folchen Menfchen zufam: 
menführt. 


Naſia & Comp. 
Eine Familiengefhichte von®.M. VBacano, 
Verlag von Eduard Schröder, Teſchen, Leipzig. 


Ein ganz kleines, rothwangiges 
Bud. Aber die Bücherpolizei hat da- 
für Reclame gemadt. Confiscirt und 
wieder freigegeben ! fteht mit großen 
Zettern über dem Titel. Was muß das 
doch für ein böſes Büchlein fein? Man 
will wiflen, daß der Verfafjer mit 
feinem Helden eine befannte Perfön- 
lichfeit meint. Wäre das wahr, fo 
müßten wir das Werkchen mit aller 
Entſchiedenheit zurüctweifen. Doch fehen 
wir feinen Einklang zwiſchen Diefer 
Dichtung und jener Wirklichkeit. 's ift 
nichts weiter, als ein Roman in felt: 
fam phosphporeäzirendem Schimmer. 


Deutſches Dihterleriton, 


für Freunde der Literatur zufammengeftellt 
von Franz Brümmer. Berlag der Krüll!- 
fhen Buchhandlung, Eichftätt und Stuttgart. 

Trog al’ unferer Lexikas und 
Literaturgefchichten haben wir bis heute 
fein biographifch:bibliographifches Nach— 
ſchlagebuch der deutfchen Dichter und 
Scriftfteller gehabt, das fo wie diejes 
gediegene Werk den Bebürfniffen ent: 
Iprähe. Es hat zwei Bände und er: 
zählt und das Wichtigſte aus dem Leben 
und Wirfen von 3500 deutſchen Dich— 
tern und belletriftiijhen Schriftftellern, 
unter denen mehr als 700 Autoren 
der Gegenwart, mit weldien der Heraus: 
geber in birecten Verkehr getreten  ift. 
Wenn wir gleihwohl im erften Band 


| Namen vermiffen wie 2. Anzengruber, 


N. Bittner, A. Dur, H. Grasberger, 
U. v. Hörmann u. a., fo fällt das in 
einem fonft fo ausführlihen Merfe 
ſtark auf. Indeß erfcheinen alljährlich 
Nachträge, welche die Fehlenden und die 
Neuen hoffentlih mit Gemifjenhaftigkeit 
nachbringen werben. 


In der Sonnenwende. 

Nenefte Gedihte von Stephan Milom. 
Verlag von Georg Weiß, Heidelberg. 
Das Bändchen ift eingetheilt im 

„Lieder“, „Vermiſchte Gedichte”, „Hym— 

nen der Liebe“ und einen philofophifchen 

Winkel: „In der Einfamfeit.“ Man: 

ches feelenvolle Gedicht ift hier nieder: 

gelegt. Von großem Weiz find die 

Hymnen der Liebe, die in ihrer ge: 

funden Sinnlichkeit an Mirza Schaffy’s 

Lieder erinnern. 


Liederquelle. 
Ausgewählte Lieder für Defterreihs Volks— 
und Bürgerfchulen, herausgegeben von Adal— 
bert Proſchko und Franz Pammer, 
Verlag M. Quireins, Linz. 

Mas Eingt jo Lieblich und fo Har? 
Mas ift jo * und doch fo wahr ? 
Was dringt fo mächtig zum Demuth 7 

Es ift des Volkes ſchmucklos Lied. 
Freudigft begrüßen mir den Gefang 
in der Volksſchule zu einer Zeit, da 
die Inſtrumentalmuſik mehr und mehr 
untergeht. Und doppelt zu begrüßen ift 
eine gute Auswahl von Liedern für die 
Kinder und Jugend zu einer Zeit, die 
das Beitreben hat, der Kindſchaft all- 
zufrüh die profaifhe Praxis des Lebens 
einzupfropfen. Märchen und Geſang 
find des Kindes geiftig Leben. Darum 
die Freude, die wir an dieſen vorlie: 
genden Liedern hegen; diejelben find 
für die Zeit vom 1. bis zum 8. Schuljahre. 
Spiel, Turn, religiöfe, patriotifche 
Lieder u. f. w. nad Grundlagen der 
einfchlägigen Werfe von Ludwig Erf, 
Heinrich Hoffmann, Fallersleben, Hugo 
Holtſch bilden die Reihe. Die patrioti= 
ſchen Lieder, deren Einbeziehung in die 


Sammlung der Landesſchulinſpector 
Adam angeregt hat, ftammen tertlich 


zum großen Theil von Dito Prechtler 


und Johann Nep. Vogl. Die Melodien 
find faft durchwegs dem Schatze des 
deutichen Volksliedes entnommen. 


Handbudh für öfterreihifche Ge— 
ſchworne 
von Dr. Victor Leitmaier, Verlag Ip. 
von Kleinmayr und Ferd. Bamberg, 
Laibach. 

Dieſes Büchlein iſt allen, die ſich 
für das Geſchworneninſtitut intereſſiren, 
insbeſondere aber den Geſchwornen ſelbſt 
auf das wärmſte zu empfehlen. 

Der Verfaſſer hat im erſten Ka— 
pitel die allgemeinen Rechtsgrundſätze 
des Strafgeſetzes behandelt und die für 
die Folgerung eines gegebenen Falles 
unter das Strafgeſetz aufgeſtellten Re— 
geln an den wichtigſten und am häufig: 
ften vor das Forum der Geihmwornen 
fommenden Delicten erläutert. 

Das zweite Kapitel behandelt fohin 
nebjt einer furzgebrängten Geſchichte des 
Gejhworneninftitutes die wefentlichen 
Grundfäße der neuen Strafproceforb: 
nung und erläutert ſchließlich die wich: 
tigften Beſtimmungen dieſes Geſetzes 
inſoweit ſie auf das Verfahren vor den 
Geſchwornen Bezug haben. Der am 
Schluſſe dieſes Kapitels erzählte Schwur— 
gerichtsfall ſoll den Geſchwornen ein 
klares Bild von der Hauptverhandlung 
geben und das Verſtändniß des letzten 
Kapitels vorbereiten, in welchem die 
Aufgabe der Gefchwornen auseinander: 
gejegt und die Wege und Mittel zu 
ihrer richtigen Löſung nebft den haupt: 
ſächlichen Rechten und Pflichten der Ge: 
Ihwornen erörtert werben. 


400 


Boftkarten des Heimgarten: 


Einfender von Erzählungen werden er- 
ſucht, in einem beiliegenden Briefe an die 
Nedaction den Inhalt der offerirten Ar- 
beit kur und bündig darjuthun. Wir 
haben nur Zeit, folde Erzählungen näher zu 
prüfen, deren Gegenftand originell, bedeutend 
und von allgemeinem Interefle ift. 

R. 3. R. Wien. Befonderen Dank für 
Ihre freimüthige Beurtheilung, fie ift uns 
fräftigend. Von R 9—g finden Sie ſchon 
in dieſem Hefte einen uenen Beitrag; über 
Anaftafins Grün’s neues Buch im mädhiten 
Defte Die Gefhichte, wie Defregger Maler 
geworden, fommt jpäter. 

6. 3. 3. Manufeript liegt zum Abholen 
bereit. 

9. M. in Gray, 3.6. in Hamburg. Auf 
Beurtheilung don Gedichten können wir und 
nicht einlaffen. 

Rothe Maske: Ihre Frage ift ſchwer zu 
beantworten. Selbft der würdige Hiddigeigeri 
im „Trompeter von Sädingen” bat fi mit 
diefem Probleme vergebens beſchäftigt: 

Warum küflen fi) die Menjchen ? 

's ift nicht Daß, fie beißen ſich nicht, 
Hunger nicht, fie freffen fih nicht. 
's kann auch Fein ziwedlofer, blinder 
Unverftand fein, denn fie find fonft 
Klug und felbitbermußt im Dandeln. 
Warum alfo, frag’ umfonft ich, 
Warum Füffen fih die Menjchen ? 

Beffer, Sie gäben Antwort, anftatt zu 
fragen. 

Herrn 9. Martini in Cilli. Beglüdiwün- 
ihen Sie zu der ſchönen Idee umd prächtigen 
Ausführung des Anaitafius-Grün-Bildes mit 
den Anfichten der Mohnhäufer unferes Dic- 
ters. Den zahllofen Verehrern A. Grün’s 
wird diefes Bild willtommen fein. 

Freund Petöf’s: Bezüglich der angedeu- 
teten Erzählung „Ein Walzer von Strauß‘ 
ift, fo lange wir Sie nicht kennen, feine Zu- 
fage möglid). 

3. E—pf, Trieſt. Sie wollen durch Ro- 
manleftüre Culturgeſchichte ftudiren? dann 
lefen Sie Stifter's „Witiko“ und Scheffel’s 
„Eklehard“. 

U! Zahlreiche Klagen, beſonders von Re— 
daktionen, laufen uns ein darüber, daß Heim— 
gartenhefte unter Kreuzband ihre Adreſſe nicht 
fänden. Mo bleiben die Seudungeu? 

3. ©. Wien. Bon dem Bergfturg bei Stein- 
brüd hoffen wir im nächſten Hefte ein mög- 
lichſt vollftändiges Bild bringen zu können. 


Drud von Leylam-Jofefäthal in Graz. — Fr bie Rebaction verantwortlid P. A. Nofegarr. 


— 


Beit 6. 


März 1877. 


— in * 


— — ar — 


* eittinar el en — 


— — 





1. Sabre. ie \ 


Der Kampf eines Poecten. 
Novelle von Ludwig Yabidt. 
(Bortfegung.) 
Für das Herz des jungen Schrift: | wurben jeine Arbeiten eifrig begehrt 


ſtellers war dieſe bittere Erfahrung 
ein harter Schlag; aber für fein lite 
rariiches Schaffen wurde fie von ber 


und gebrudt ; verjuchte er jeboch, fich 
ganz in eine Idealwelt zu flüchten, 
Alles das wiederzufpiegeln, was fein 


höchſten Bedeutung. Jetzt erſt zeigten | eigenes Herz gelitten und gefühlt und 
jeine Arbeiten jene Wärme und Tiefe, höhere Gedanken und Anfchauungen 


welche der Dichter aus einem leibbe- 
wegten Innern ſchöpft. Was feine 
Seele erfüllte, erhielt Form und Ge: 
ftalt, er fand nun wieder fein einziges 
und reinftes Glüd in feiner fchriftitel- 
leriſchen Thätigfeit ; aber wie verwan— 
belt fehrte er zu einem Schreibtiſch 
zurück! Was er früher nur durch Re— 
flexionen erzeugt, brach jetzt voll und 
friſch aus ſeinem tief verwundeten 
Herzen. Er kannte nun Liebesluſt und 
Leid aus eigenſter ſchmerzlichſter Er— 
fahrung und wußte es zu ſchildern .. 


Aber damit wiederholten ſich auch zu 


weilen die alten Kämpfe. 
Wenn er dem Gejchmade bes 
großen Haufen —— machte, 


Rofeggers „‚geimgarten" 6. Heft. 





zu weden, dann fanden feine Broduc- 
tionen wenig Abnehmer, denn die Zahl 
jener Blätter, die einen wahrhaft ge: 
bildeten Leſerkreis um fich zu verſam— 
meln gewußt, war noch gering. 
Erhielt der junge Schriftiteller 
dann eine ſolch' jorgfältig gehegte und 
gepflegte Arbeit zurüd, während weit 
füchtigere Erzeugniffe mit Vergnügen 
acceptirt worben, dann überfam ihn 
doch eine rechte Muthlofigleit und der 
Gedanke von dem Vergeblihen all’ 
. [feines Ringens und Strebens kehrte 
immer öfter bei ihm ein. — Er fühlte 
ſich frei von Neid und doch, wenn er 
fah, wie fein Freund Gottfried und 
Ale, welche ihr literarifches Wirken 


26 


402 


eben jo handwerksmäßig auffaßten, 
die Helden des Tages geworden, ba 
fonnte er fih kaum einer bitteren 
Empfindung erwehren. Er grollte die: 
fen ſcheinbar Glücklichen nicht, bie 
gerabe in ihrer Mittelmäßigfeit gol- 
dene Ernten bielten, während Derje: 
nige, der ed Ernit mit feinem poeti- 
jhen Schaffen nahm, fi kaum das 
Nothwendigfte erwarb; aber er grollte 
einer Zeit und einer Welt, welche in 
ihrem Materialismus auh auf dem 
Gebiete der Kunft und Poeſie gern 
den robeften Talenten zujubelte. — 

Da ſchwellte plöglich ein unerwar— 
tetes Glüd feine Dichterbruft. — Das 
Drama, das bei allen Bühnen jo 
lange unbeachtet gelegen, war durch 
Zufall einem Manne in die Hände 
gefallen, der beim Theater einen gro- 
Ben Einfluß bejaß und der nicht eher 
ruhte, al3 bis wirklich das Stüd zur 
Aufführung angenommen wurde. 

Leopolds Herz ſchlug in ftürmifcher 
Erwartung. Jetzt nahte ſich die Ent: 
ſcheidung feines ganzen Lebens. Emilie 
hatte ihm gejagt, daß feine Kraft im 
Drama liege und er fühlte es jelbit. 
Hatte doch all’ jein Sehnen ihn dahin 
gebrängt und nur die zwingende Noth: 
mwendigfeit ihn bisher daran gehin- 
dert, fi auf dieſem Gebiete mit vol- 
ler, bingebender Begeifterung herum: 
zutummeln. 

MWelh’ wunderbare Hoffnungen 
jchwellten feine Bruft und doch auch 
wieder welch’ angitvolle Befürchtun: 
gen fuchten ihn heim. Er wagte nicht, 
jeine Pjeudonymität aufzugeben und 
bat feinen Freund Gottfried, ben Pro- 
ben in feinem Namen beizumohnen, 
der fi gern dazu bereit erklärte. 

Der Tag der Aufführung rüdte 
immer näher. Man war auf das 
Drama um jo geipannter, als fich 
Leonhard von Fyernthal bereit? auf 
novelliftiichem Gebiet einen jehr geach— 
teten Namen gemacht hatte und alle Lite: 
traturfreunde dann recht gut wiffen, wie 
viel gerade ein folder Autor auf das 
Spiel ſetzt. Das ehrenvolle Ringen 





und Streben von zehn Jahren kann 
jegt ein einziger unglüdjeliger Theater: 
abend vernichten. — Für den Schrift: 
jteller, der fich bereit3 auf andern Ge: 
bieten eine Stellung errungen, ift ber 
Erfolg feines erjten Drama's bejon- 
ders verhängnißvol,. Das Drama 
eines völligen Neulings in der Kite 
ratur wird weit unbefangener beur: 
theilt, während man an das Werk 
eines befannten Schriftiteller8 mit An- 
fprüchen und meift zu hochgefpannten 
Anſprüchen berantritt, welche Teicht 
zur Ungerechtigfeit verführen. 

Auch Leopold follte e8 büßen, daß 
er ſich nicht mit dem Erfolge begnügt, 
der ihm auf novellijtiichem Gebiet 
bereit3 geworden war; alle jungen 
und alten Dramatiker ftimmten ohne 
jede Verabredung darin wunderbar 
überein, den feden Eindringling zurück— 
zuweilen und noch ch’ der Vorhang 
aufging, hatte Leonhard Fernthal die 
Stimmung eines Theiles der Zuſchauer 
gegen fi. Obwohl Leopold Anfangs 
der Muth fehlte, ber erften Borftellung 
beizumohnen, ließ er fich doch dazu 
von feinem Freund Schmidt überre- 
den und er mußte dem alten Praktikus 
Recht geben, der behauptete, daß der 
junge Dramatifer durhaus die Wir: 
fung feines Stüdes zu beobachten habe. 

In einer der dunfeljten Barfetlogen 
harrte Leopold auf das Aufgehen des 
Vorhanges. Er fühlte das heiße, ſtür— 
miſche Klopfen feines Herzens und 
dennoch faß er ftill und unbeweglich 
da. Niemand Hätte in dem blaffen, 
ſchweigſamen Mann den Verfaffer des 
Stüdes vermuthet. Nun jollten die 
Geftalten, die bisher in feiner Seele 
gelebt, verkörpert vor ihn hintreten 
und fih die Gunft des launenhaften 
Bublifums erobern... 

In athemlojer Spannung Taujchte 
Leopold auf jedes Wort — jede jchlechte 
Betonung einer Silbe machte ihn er: 
zittern, jedes Geräufch der Zuſchauer 
erfüllte ihn mit namenlojer Unrube, 
denn Beides konnte den Erfolg feines 
Stücdesbeeinträchtigen. Der Angſtſchweiß 


perlte ihm auf der Stirn, wenn eine | Die Dppofition die Oberhand. Der 


Stelle fam, von der er fich eine mäch— 


tige Wirfung verfprochen und die fpur- 
los vorüberging. 


Nun gewahrte er erſt, an welch’ 
Fleinen Steinen das Ganze fcheitern 
konnte, — Das Ungefhid des Stati- 
ften, ein bei einer Verwandlung zu: 
rüdgelafjener Sefjel war im Stande, 
den Eindrud der beften Scenen zu 
ftören. — Und wie verzerrt ftarrte ihn 
feine Dichtung an, wie war fie von 
der Negie verftümmelt worden und 
wie thaten jekt die Darfteller das 
Uebrige, um fie dem Berfaffer un: 
kenntlich Zu machen. 


Trogdem gingen die beiden erjten 
Acte mit fteigendem Beifall vorüber, 
und ſelbſt die ewigen Nihiliften, die 
grundſätzlich nichts anerkennen dürfen, 
um ihren überlegenen Geift und ihr 
fritiiches8 Talent zu zeigen, wagten 
fi) jo wenig mit der Oppofition ber: 
vor, wie bie dramatijchen Gollegen 
Leopold's, die mit der Abficht gekom— 
men waren, Leonhard Fernthal mo 
möglid für immer von der Bühne 
zurüdzufcheuchen. 

Der dritte Act wies jchon einige 
Längen auf, der Darfteller des Helden 
hatte noch dazu jchlecht gelernt und 
ſprach beshalb in Momenten leiden— 
Ichaftliher Erregung jo gedehnt, wie 
ein Sonntagsnahmittagprediger, um 
nur jedes Wort vom Souffleur bequem 
abzufangen. 
fälle erregten zuweilen Heiterfeit am 
unrechten Orte und die Oppofition 
wußte dies geſchickt auszunutzen; — 
fie erweiterte das leije Geräuſch zu 
einem Gelächter. 

Nun war einmal die gute Stim— 
mung des Bublifums erjchüttert. Moch: 
ten immerhin die folgenden Acte noch 
tiefgreifende, echt poetiſche Scenen 
und Gedanken bringen; fie wedten 
fein Eho mehr; — die entjchloffenen 
Gegner des Drama’3 braten einzelne 
Beifallgzeichen jogleich zum Schweigen 
und am Schluffe des Stüdes behielt 


Unbedeutende Zwiſchen— 


Vorhang fiel unter Lärmen und Zifchen. 

Wie Leopold dad Theater verlaf- 
jen, wußte er felbft nicht. In feinem 
Ohre klang nichts weiter als dies ver: 
bängnißvolle Ziſchen, er hörte es be- 
ftändig und auf Tritt und Schritt, 
‚die ganze Nacht über, es kam fein 
Schlaf in feine Augen und am andern 
Morgen war fein Entihluß gefaßt. 

Mit diefem einzigen harten Schlage 
war Alles in ihm zerbrochen, jede 
Hoffnung erloſchen. Er war es mühe, 
noch ferner um die Gunjt des Publi- 
fum3 zu bublen, ja müde, nur je 
wieder eine Feder anzufegen. Sein 
Ehrgeiz fühlte fi) zu tief verlegt und 
‚eine völlige Abneigung gegen Alles, 
was ihm bisher fo theuer und heilig 
geweſen, bemächtigte fi feiner Bruft. 
— Er wollte mit feiner Vergangen— 
beit brechen, auf immer breden, das 
ftand unerjchütterlih in ihm feft und 
wie ihm bisher die Ausübung feiner 
Kraft Alles geweſen war, fo follte 
ihn von jekt ab nichts mehr daran 
erinnern. Sein Entihluß war bald 
gefaßt und mit jener unbeugfamen 
Hartnädigfeit, der er bisher feine Er: 
folge zu danken hatte, führte er ihn aus. 

Seine Freunde trafen ihn nicht 
mehr heimiſch; ſelbſt als Gottfried 
kam, ließ er ſich verleugnen. Er be— 
durfte keiner Troſtworte — was in 
ihm bisher gelebt, war herausgebro- 
hen — eben fo wenig mochte er ihre 
vernünftigen Vorftellungen hören. Sie 
würden feinen Schritt thöricht, unſin— 
nig ſchelten, ihn mit Aufbietung aller 
Ueberredungsfraft davon abzubringen 
ſuchen, das wußte er Schon, und doch 
wollte er ihnen die Mühe erjparen ; 
was er jebt that, geſchah nach reifli- 
cher Ueberlegung und feine Macht der 
Erde konnte ihn mehr davon abbringen. 

Wie er feine Vergangenheit haßte 
|feit jenem Abend, an ben er nicht 
denfen durfte, ohne daß ihm nicht ein 
Ekel anfam vor Allem, was auf Li— 
teratur nur irgend Bezug hatte! Seine 
Hoffnungen und idealen Träume lagen 


26* 


404 


tief eingefargt; er war jet ein müch- 
terner, realiftiicher Menſch wie fie alle 
— der fühl und verftändig feines 
Meges ging, und deshalb wollte er 
in einem Welttheil fein Heil verjuchen, 
der am entjchiedenjten mit dem Ydealis- 
mus gebrochen hatte — in Amerika. 


Dort, fern von den Menjchen, 
auf einer einfamen Farm, mollte er 
vergeffen, was einft feine ganze Bruft 
erfült — dort drängten fi nicht 
mehr poetifhe Träume und Gedanken 
zu feinem unruhig zuckenden Hirn, 
dort brauchte er nur feine Arme, und 
er wollte fie kräftig rühren, um den 
bisher raftlo8 arbeitenden Kopf in 
Ruhe zu jegen. 

In kurzer Zeit war er zur Aus- 
mwanderung gerüftet, unb ohne von 
feinen Freunden Abſchied zu nehmen, 
die e8 endlih müde geworben, ben 
allzuempfindlichen Menjchen aus feiner 
Schwermuth aufzurütteln, fuhr er 
auf den Bahnhof, um zuerft Hamburg 
zu erreihen. — 

Mit welch’ eigenthümlichem Beha— 
gen hatte er all’ feine Bücher ver- 
fauft, aus denen er einft fo viel Glüd 
und reine Befriedigung geichöpft! We: 
der Feder noch Tinte Hatte er in 
feinen Neifekoffer gepackt — er empfand 
einen förmlichen Efel vor all’ diejen 
Dingen, und er hatte fich gejchworen, 
fie nie wieder zu berühren. 


Wie frifh und gefund fam er fich 
augenblidlih vor, ſeitdem er diejer 
papiernen Welt den Rüden gekehrt! 
— Selbſt fein Aeußeres hatte er 
völlig verwandelt und als er jegt im 
Wartefalon auf: und abging und fein 
Blick zufällig in den Spiegel fiel, war 
er mit fich zufrieden. Er ſah bereits 
wie ein Landwirth aus, mit dem man 
gewiß nicht literariſche Geſpräche ein: 
zufädeln weiß, denn vor nichts graute 
ihm mehr, als nur durch ein flüchti- 
ges Wort Anderer an feine Vergan: 
genheit erinnert zu werben. Sie jollte 
für immer aus feinem Gedächtniß, 


Mit welcher Ungeduld wartete er 
des Nugenblides, welcher ihn davon: 
trug! — Endlich wurden die Wagen: 
thüren geöffnet, er durfte einfteigen, 
die Signale erſchallten und der Zug 
jegte fih in Bewegung. 

Wie er aufathmete, als die Loco— 
motive mit ihm davonbraufte und 
er nun glüdlid die Stadt zurüdlafjen 
fonnte, die ihm fo bitter wehe gethan ! 
— Nun mußte bad Zijchen in feinen 
Ohren verftummen. — Was bärmte 
ihn noch alle Kritik, alle Gleichgiltig- 
feit des blafirten Publikums — er 
fuhr einem neuen Leben, einer neuen 
Welt entgegen, und wie von einer 
furchtbaren Laſt befreit, hob fich feine 
Bruſt. — Ihm war's, als habe er 
bisher in einer erſtickenden Atmoſphäre 
ſein Daſein zugebracht und er athmete 
nun erſt freie reine Luft. 

In ſeinen Selbſtbetrachtungen ver: 
ſunken, hatte er anfangs gar nicht 
auf ſeine Umgebung geachtet; erſt 
nachdem die Fahrt eine längere Zeit 
gedauert und die Hauptſtadt ſich immer 
mehr in einen Nebelſtreif gehüllt hatte, 
gewahrte er, daß er im Coupe nicht 
allein jaß. Am andern Fenſter hatte 
ein alter dicer Herr und ihm gegen: 
über eine Dame Plat genommen, die 
einen tiefen Schleier über das Geficht 
gezogen und von Zeit zu Zeit den 
Raub mit ihrem Taſchentuche weg: 
wehte, den ihr der alte Herr mit jei- 
ner Fräftig dampfenden Cigarre rück— 
ſichtslos ind Geficht blies. 

Plöglich erhob fih die Dame und 
faßte einen raſchen Entſchluß. Sie 
nahm ohne weiters Leopold gegenüber 
Pla und fih an ihn mwendend, jagte 
fie mit einer leichten Verbeugung: 
„Berzeihen Sie, daß ich mich hierher 
flüchte, aber wie ich jehe, rauchen Sie 
nicht, und da ich leider in einem Da- 
mencoupe feinen Plat mehr erhielt, 
muß ich wenigſtens verjuchen, mich 
vor dem Tabaksqualm joviel wie mög: 
lich zu ſchützen.“ 

Früher würde Leopold dies etwas 


jeinem Herzen ausgelöfcht ſein .. .. ſichere Auftreten nicht ſehr bewundert 


405 


haben, jegt, in feiner angehenden Far: 
merjtimmung, war er entzüdt bavon. 

Die Stimme ber Fremden hatte 
einen weichen, angenehmen Klang; er 
konnte fich nicht denken, daß die Be 
figerin derjelben häßlich jei, obwohl 
es ihm unmöglid war, hinter dem 
dichten Schleier ihre Gefichtszüge zu 
erfennen. 

„Ihr Vertrauen wird Sie nicht 
täuſchen, da ich überhaupt nicht rau— 
che,“ erwiberte er verbindlich. 

„Das freut mich”, war ihre raſche 
Antwort, „mein voriges Gegenüber 
verftand oder wollte nicht verftehen, 
daß mir der Tabakrauch läftig war.” 
Sie ſprach fo laut, daß es der alte 
Herr hören konnte, der nun doc aus 
jeinem Gleihmuth aufgerüttelt wurde 
und ein jehr ärgerliches Geficht machte. 

Herrn v. Ferber gefiel dieſe rück— 
haltlofe Offenheit immer mehr; er 
bemühte fi) deshalb, das Geſpräch 
fortzujegen: „In Amerifa würde es 
fein Herr wagen, ohne bejondere Er: 
laubniß der Damen weiter zu rau: 
hen und da ich dahin unterwegs bin, 
muß ich mich ſchon auf dieſe Pflich- 
ten gegen das fchöne Geſchlecht etwas 
einüben. 

„Sie wollen nach Amerifa? Ach 
habe auch Verwandte drüben und jchon 
immer Luft gehabt, diejes merkwürdige 
Land kennen zu lernen.” 

„Was hindert Sie daran?” fragte 
er zurüd. 

Sie lachte ganz unbefangen. „Für 
eine alleinftehende Dame hat eine ſolch' 


weite Fahrt doch ihre großen Be— 


denken.“ 

Ihr Lachen klang ſo friſch und 
ſilberhell. Sie konnte unmöglich alt 
ſein. Er wollte den heiteren Plauder— 
ton beibehalten, vielleicht entlockte er 
ihr wieder ein Lachen, das ihn ſo 
angenehm berührte. „Aber Fräulein, 
haben Sie nicht ſchon den Muth zu 
dieſer Reiſe gehabt?“ fragte er weiter. 

„Ach, mein Herr, ich komme nicht 
ſoeben aus der Penſion, ich bin eine 
alte Frau, die ſchon ſeit Jahren ge— 


zwungen iſt, auf eigenen Füßen zu 
ſtehen.“ 

Alſo doch nicht mehr ein junges 
hübſches Mädchen, wie er gehofft! Er 
bedurfte all’ jeiner Artigkeit, um feine 
Enttäufchung zu verbergen. Das Ge: 
ſpräch plöglich abzubrechen, wäre un- 
böflih gemwejen; er mußte e8 weiter 
jpinnen, obwohl es für ihn alles In— 
terefje verloren und er am liebiten 
fih in einen Winkel gedrüdt und von 
dem Urwald geträumt hätte, ber ihn 
erwartete. 

„Dann find Sie glüdlich zu prei- 
jen, denn nur wenige Frauen lernen 
dies zur rechten Zeit“, raffte er ſich 
nach einer Pauſe zur Entgegnung auf. 

„Nein, nein“, war ihre lebhafte 
Ermiberung ; „es gibt für eine Frau 
nichts Dualvolleres, al3 das Allein: 
ftehen ; wir find nun einmal dazu nicht 
geihaffen“, und etwas wie ein Seufzer 
entichlüpfte ihren Lippen. 

Leopold hätte laut auflachen mö— 
gen. Eine alte Frau, die dennoch ihre 
BVerlaffenheit beflagte! — Hatte fie 
noch immer nicht ihre Hoffnungen auf: 
gegeben und ſuchte fie vielleicht jet 
noch einen Gatten al3 Stüge für ihr 
Alter? Die Dame fteuerte mit ameri- 
kaniſcher Rückſichtsloſigkeit auf ihr 
Biel los. 

Mer bürgte ihm dafür, daß fie 
nicht im nächften Augenblid das Aner: 
bieten machte, ihm über den Dcean 
zu folgen? Es war Zeit, ſich vorfich- 
tig zurüdzuziehen. — Um fie abzu- 
Ihhreden, entgegnete er deshalb: „Und 
ih habe feinen andern Wunſch, als 
ganz allein zu fein, deshalb werde ich 
mid im fernften Weſten Amerifa’s 
anfiebeln.“ 

„In unferem Erzgebirge gibt es 
auch noch Stellen, die an Einſamkeit 
nicht8 zu wünſchen übrig laffen”, war 
ihre Antwort, „und ich habe ebenfalls 
auch das Glüd, einen ſolchen Winfel 
mein zu nennen.“ 

„Ich beneide Sie darum”, ent: 
gegnete er raſch und bereute fofort 
feine Webereilung. Wenn dieſes hei- 


ratsluftige alte Meibsbild ihn nun 
einlud, dieſes Glüd mit ihr zu theilen? 

Zu feiner Beruhigung zudte fie 
mit den Achſeln und ſchwieg. Leopold 
glaubte fi nun auch jeder weite 
ren Antwort überhoben, lehnte ſich 
in feiner Ede zurüd und ſchloß raſch 
die Augen, als jei er ſehr ermübdet 
und bebürfe der Ruhe. Schade, daß 
fein Gegenüber eine alte Frau war, 
— ihr rejolutes Wefen gefiel ihm, fie 
wäre eine paflende Gefährtin geweſen, 
auf dem neuen Lebenswege, ben er 
jeßt eingefchlagen und ben er fejt ent: 
ſchloſſen war, bis an's Ende zu gehen. 
— Einen fol’ praftifchen, nüchternen 
Charakter brauchte er — das fühlte 
er felbft, das allein konnte ihn vollends 
in feiner, dem Realen zugewandten 
Richtung befeftigen. — 

Was war es für ein verworrener, 
phantaftiicher Traum gemwejen, der bis: 
ber feine Sinne umnebelt! Seht fuhr 
er der Wirklichkeit entgegen, das Leben 
nahm ihn auf feine ftarfen Arme, er 
brauchte nicht mehr dies Doppeldafein 
zu führen, das ihm jo viel gefoftet 
und jo wenig eingetragen... 

Bilder einer glüdlihen Zukunft 
gaufelten vor feiner Seele und all: 
mälig fchlief er wirflih ein. Der 
wunberlichite Traum verfolgte ihn. Er 
hatte das Ziel erreicht und ſaß vor 
jeiner Blocdhütte, um von des Tages 
Arbeit auszuruhen; da erjchien plöß- 
lich Emilie vor ihm, ſah ihn mit 
ihren bunflen Augen verwundert an 
und überhäufte ihn mit bitteren Vor: 
würfen, daß er ber Poefie untreu ge- 
worden — er vermodte fein Wort 
hervorzubringen, aber die Fremde trat 
ganz unerwartet vor Emilie hin, jtieß 
ihr helles, glückliches Lachen aus und 
ihlug ein Schnippdhen in die Luft, 
al3 wolle fie jagen: — „Was härme 
ih mi um Dein phantaftiiches Ge- 
ſchwätz!“ — und dankbar eilte er auf 
fie zu, um ihr die Hand zu drücken 
— da erwadte er. 

Sein Traum war jo lebhaft ge 
wejen, daß er die Hand ausgeftredt. 


— — — — — —— nn a nam —— — — — 


406 


Er mußte ſich erſt einen Augenblick 
beſinnen, wo die Wirklichkeit eigentlich 
begann. — 

Vor ihm ſaß wohl noch die Fremde, 
aber es war keine alte Frau, ſie hatte 
jetzt den Schleier zurückgeſchlagen und 
zeigte ein hübſches, freundliches Geſicht, 
welches höchſtens einer Zwanzigjährigen 
gehörte. Es machte freilich auf hervor— 
ragende Schönheit keinen Anſpruch, 
im Gegentheil war das Geſichtchen mit 
feinem ſtumpfen Näschen und feinen 
blauen, ziemlich ausbrudslojen Augen 
etwas alltäglich ; aber dennoch war in 
diefen Zügen fo unverkennbar eine 
große Herzensgüte ausgeprägt, Die 
unwillfürlih für die Fremde ein: 
nahm. Auf dem Antlig Leopold's 
mochte fich zu deutlich feine Verwirrung 
gezeigt haben, denn fie mußte lächeln 
und fagte dann wie zu ihrer Ent- 
ihuldigung: „Sie haben trefflich ge: 
Schlafen, mein Herr!” 

„Und inzwiſchen hat fich viel ver: 
wandelt,“ entgegnete er raſch: „aus 
der alten Frau, welche mir vorher 
gegenüber ſaß, ift ein junges Fräu— 
fein geworben.” Da die Fremde fidh 
jo zwanglos benahm, glaubte auch er 
einen feden Ton anfchlagen zu dürfen. 

Sie erröthete anfangs bis in bie 
Schläfen, dennoch ging fie fofort auf 
den Scherz ein: „Sie unterfchäßen 
mein Alter, ich bin ſchon ſeit Jahren 
Witwe,” 

Ferber machte ein ſehr verwunber: 
tes Gefiht: „Dann müflen Sie ſehr 
jung das Glüd der Ehe gefoftet Haben.“ 

„Es war fein Glüd dabei,” er: 
widerte fie mit jener Offenheit, die 
ihn bei jeder Anderen abgeftoßen hätte 
und die ihm an der Fremden außer: 
ordentlich gefiel, vielleicht weil fie mit 
ihrem ganzen Wejen völlig harmonirte. 
Diefes runde friſche Gefichtchen mit 
den blühenden Lippen und ber etwas 
nieberen Stirn war wie zum heiteren 
Lebensgenuß geſchaffen; dieſe junge 
Frau gab fi, wie fie war, unbefan: 
gen, jorglos, ſogar no mädchenhaft 
naiv; fie hütete ſich wohl, tieffinnige 


407 


Gedanken auszuframen, bie fie nie 
gehabt hatte, und beſprach nur Dinge, 
die in ihrem Gefichtsfreije lagen. Für 
den ausgepfiffenen Dramatiker, der 
feft entſchloſſen war, allem Geift, aller 
AHeithetif für immer den Rüden zu 
fehren, war bie Unterhaltung mit 
einem ſolchen Naturkfinde eine wahre 
Erholung und äußerft bequem. 

Mit einer zutraulihen Offenheit, 
die für Leopold etwas Rührendes 
hatte, erzählte fie ihm ihre Vergan: 
genbeit, ihre früheren Lebensſchickſale, 
die jo einfach waren, mie fie ſelbſt .5. 

Die Fremde war die älteſte Toch— 
ter eines Landedelmannes, deſſen Ehe 
mit jo viel Töchtern gefegnet worden, 
daß er froh war, als ſich ein Bewer: 
ber um die Hand feiner Welteften, in 
Geftalt eines feiner Freunde fand, ber 
mitten im Erzgebirge ein anjehnliches 
Beſitzthum hatte. 

Nah dem Willen Emma's mwurbe 
nicht viel gefragt; fie war ohnehin 
erft 16 Jahre und konnte froh fein, 
eine jo hübſche Verjorgung zu finden, 
und ein junges Mädchen, deſſen Eltern: 
haus noch von Geſchwiſtern wimmelt, 
verläßt es ohnehin weit leichter — 
wie der halbflügge Vogel, dem das 
Neit zu enge wird. 

Die Ehe mit dem alten kränklichen 
Manne war natürlich Feine glüdliche. 
Der fiebzigjährige Gemahl ließ an 
jeiner jungen Gattin all’ feine üble 
Laune aus und fie ertrug biefelbe mit 
ziemlicher Geduld. Ihre Unbekannt: 
ſchaft mit der Welt half ihr über das 
Schlimmſte leichter hinweg. Noch eh’ 
ihr heiteres Gemüth verbittert, ihre 
offene Gerabheit völlig gebeugt werden 
fonnte, ftarb der alte Herr. Nun war 
fie mit 18 Jahren frei; — aber auch 
gezwungen, die Verwaltung eines weit: 
läufigen Gutes auf ihre jungen 
Schultern zu nehmen. War ihr Sinn 
ihon von je auf das Praftijche ge: 
richtet geweſen oder hatten erſt bie 
neuen Pflichten benfelben in ihr gemeckt ? 
— jebt war fie ficher eine Frau, bie 
mit ruhigem Blicke und ficherer Hand 


ihr Beſitzthum verwaltete, ſich bie: 
jer Lage gewachſen und darin wohl 
fühlte. 

Troß ihres fiheren Auftretens, 
das fie fih buch die Verwaltung 
ihres Gutes erworben, mußte fie doch 
das Bebürfniß nach irgenb einem An- 
ſchluß empfinden, denn fie machte am 
Schluſſe ihrer Erzählung Leopold bie 
Mittheilung, daß ber Zweck ihrer 
Reife fei, fih aus Hamburg eine Ge: 
jelichafterin abzuholen, eine Freundin 
aus den Kindertagen, die eben wieder 
aus Amerika zurückkehre. 

Das Geipräh mit ber Fremden 
erhielt für den zukünftigen Farmer 
einen immer höheren Reiz. Gerade 
die Abmwejenheit al’ derjenigen Unter: 
baltungsitoffe, die Gebildete herbeizu- 
ziehen fuchen, war ihm fo erquidlich. 
Mit feinem Worte wurde die Litera- 
tur, die Kunft, das Theater berührt 
— für den verunglüdten Dramatifer 
die wunbefte Stelle. — Man plauberte 
über den Zanbbau, über die Induſtrie 
bes Erzgebirge und die junge Frau 
wußte über Land und Leute bie an- 
ſchaulichſten Schilderungen zu geben! 

Sie bewies mit jedem ihrer Worte, 
daß fie mit offenen Augen bie Welt 
betrachtete und an dem Geſchick ihrer 
Umgebung denlebhafteften Antheilnahm. 

Dem ehemaligen Schriftjteller ver: 
flogen über diefem Geplauder die Stun: 
ben der Fahrt wie Minuten, und er 
war ganz überrafht, als der Zug 
ſchon die prächtige Handelsſtadt erreicht 
hatte. Er mußte ſich geftehen, daß er 
jeit langer Zeit nicht eine fo erfrifchende 
Unterhaltung geführt, als mit ber 
jungen Witwe, 

Die Schaffner öffneten die Wag— 
gonthüren und Alles ftrömte hinaus. 
Auch die Fremde erhob fih raſch, 
nidte Leopold freundlich zu, wünſchte 
ihm eine glüdlihe Weiterreiſe und 
eilte dann mit rafchen, fiheren Schritten 
der Gepäckkammer zu. 

Mie auch v. Ferber fich feft vor: 
genommen hatte, mit feiner Vergan— 
genheit völlig zu brechen und ein tüch- 


408 


tiger Nealift zu werben, etwas von 
ber alten Träumerei fehrte jett doch 
zurüd, Eine Wehmuth überfam ihn, 
wenn er daran dachte, wie von jet 
ab Alles flüchtig an ihm vorüberftrei: 
fen würde ... 

Was er jetzt noch ſah, von dem 
mußte er ſogleich auf ewig Abſchied 
nehmen. 

Unwillkürlich begleitete ſeine be— 
wegliche Phantaſie die junge Frau 
auf ihrer ferneren Lebenswanderung. 
— Sie kehrte nach wenigen Tagen 
mit ihrer Geſellſchafterin in ihr ſtilles 
Gebirgsthal zurück — und nun fan— 
den die beiden ehemaligen Freundinnen, 
daß fie ſich zuſammen noch mehr lang— 
mweilten, als jede vorher für fich allein. 
Sept ftellten fih die Gutsbefiger ber 
Nachbarſchaft ein, denn die junge 
Witwe konnte endlich jchiclicherweife 
Beſuche empfangen, einem ber jungen 
Herren gefiel die hübſche Frau oder 
das hübſche Befigthum, und nun ver: 
lebte fie bie friedlichften Tage, war 
eine glüdliche Mutter und Hausfrau 
und ihre Gedanken verirrten fich nie: 
mals wieder zu dem Manne, mit dem 
fie harmlos ein paar Stunden geplau: 
dert und der jetzt einfam in feiner 
Blodhütte ſaß und noch immer von 
der Erinnerung jenes fleinen anmuthi- 
gen Reifenbenteuers zehrte ... 


So vor fi Hinträumend, hatte 
es Leopold mit dem Auffuchen ber 
Gepädfammer nicht ängftlich gehabt, 
und als er jegt enblih in den Be- 
fig feiner Neifefahen fam, war bereit3 
alles Fuhrwerk in Beſchlag genommen. 

Er wollte verbrießlich in die Bahn: 
hofshalle zurücfehren, um die Ankunft 
anderer Drojchfen abzuwarten, da 
winkte ihm aus einem eben abfahren: 
den Wagen eine Dame zu; es war 
die Witwe. Sie mußte jchon erfannt 
haben, in welcher Berlegenheit ſich ihr 
Neifegefährte befand, denn fie rief ihm 
ſogleich freundlich zu: „Fahren Sie 
mit mir, wir haben noch Beide Platz 
im Wagen.“ 


Er nahm ohne weiteres ihr lie— 
benswürdiges Anerbieten an und bald 
ſaß er an ihrer Seite, ihr herzlich 
dankend, daß fie ihn durch ihre Güte 
des läftigen Aufenthalts überbhoben. 

Sie lehnte beicheiden alle Verbind— 
lichkeit ab. „Ich würde jedem Frem— 
den dieſe Gefälligfeit erwiejen haben.“ 

„Und bin ich Ihnen nicht eben: 
falls ein Fremder?“ fragte Leopold 
lächelnd. 

Die Witwe erröthete ein wenig, 
dann entgegnete ſie raſch: „Doch nicht 
ganz. Auf Reiſen macht man ſchnell 
Bekanntſchaft und zu Ihnen konnte ich 
gleich Vertrauen faſſen.“ Sie ſprach 
das wieder in ihrer offenen, rückhalt— 
loſen Weiſe, die ihm gerade an dieſer 
Frau ſo wohl gefiel. Und als empfinde 
ſie ſelbſt, daß ſie zu viel geſagt habe, 
fuhr ſie lebhaft fort: „Aber welchen 
Gaſthof haben ſie gewählt, damit der 
Kutſcher bald die Richtung dahin ein— 
ſchlagen kann?“ 

„Ich habe mich gar noch nicht 
entſchieden und wollte das dem Zu— 
fall überlaſſen,“ war ſeine Autwort. 

„Dann wäre es vielleicht am ein⸗ 
fachſten, Sie ftiegen in dem Hotel mit 
ab, das mir empfohlen worden.“ 

„Ad, diefen Vorſchlag nehme ich 
mit Vergnügen an.“ 

Ueber das frifche Geficht der Witwe 
flog wieder ein Lächeln. Leopold hatte 
mit einer Wärme zugeftimmt, als 
wenn ihm damit ein unermartetes 
Glück geboten wäre. Er hielt e8 nun 
doh an der Zeit, der Fremden, bie 
ihm mit jo liebenswürdiger Offenheit 
entgegengefommen war, jeine Karte 
zu überreihen, und auch fie nannte 
ihren Namen: „Emma Wiefenburg“. 

Seht hielt Schon der Wagen vor 
dem Hotel und die Kellner eilten mit 
dem geliehenen Lächeln und den Büd- 
lingen herbei, die auf den Neijenden 
jtet3 jo widerwärtig wirken. 

Eine Menge Leute hatten fich der 
Reiſeſachen bemächtigt und wollten 
ſie in alter Gewohnheit ſo hoch wie 
möglich ſchleppen; aber kaum war die 


— 


junge Witwe auf der erſten Stiege ſtand nach Amerika; — er wollte die— 
angelangt, ſo erklärte ſie entſchieden, ſer papiernen Welt auf immer den 
daß man fie nicht weiter bringen Rücken kehren. — Man hatte ihn zu 
dürfe und fie hier ein Zimmer haben ſchnöde und rückſichtslos behandelt. — 
wolle. Und wozu dies ohnmächtige Ringen um 

„Es ift nur noch ein Feines Stüb: | den Beifall des Publitums, da ein- 
hen vorhanden.“ mal jein Inſtrument nicht die Saiten 

„Um jo beffer, ich lege darauf | bejaß, die den Leuten bie gefälligften 
Beihlag,” war ihre Antwort. Melodieen aufjpielten ? 

Der Oberfellner blickte verlegen auf Das Bild der Fremden kehrte be- 
ihren Begleiter, den er für ihren ſtändig und immer anmuthiger zu 
Mann hielt und bemerkte mit einem ihm zurück. Je mehr er fich ihren 
Bückling: „Ihrem Herrn Gemahl | Charakter zurechtlegte, defto mehr ge: 
fönnten wir aber nur in ber britten fiel fie ihm. 

Etage ein Zimmer überlafien, wenn) Nein, fie war fein Charakter, aber 
Sie niht —" eine Natur und zur Lebensgefährtin 

„Der Herr wird ſich wohl in das für ihm wie gejchaffen. Die ewig in 
Unvermeidlihe finden,” jagte fie mit | Idealen fehwelgende Emilie hätte ihn 
einem hellen Aufladen und ih gegen | mit ihrem hochſtrebenden Geifte zulegt 
Leopold verneigend. unendlich elend gemacht — diefe Frau 

‚ Der angehende Farmer nahm den jedoch bewahrte ficher für ihn diefelbe 
Heinen Zwiſchenfall nicht jo unbefanz| gleichmäßige Gemüthswärme, die ftet3 
gen hin, wie die junge Witwe; uns| fo wohltuend berührt, heute nicht erfäl- 
willkürlich kam ihm der Gedanke, — tet und morgen nicht erhitzt. 
wenn er bies reizende friſche Geſchͤpf Wenn er ihr nun ben Vorſchlag 
zu ſeiner Lebensgefährtin erhalten, fie] einer ehelichen Verbindung machte? 
wäre mit ihrer Heiterkeit im Stande, Er ſteuerte ja dem Lande zu, wo foldh’ 
vollends ben legten dunklen Tropfen rafche Entjchlüffe an ber Tagesorb- 
aus feinem Blute zu verdrängen und nung waren, und warum follte er 
Ahn zum Genuß ber Wirklichkeit noch yicht auch bei Beiten feine Seele ame: 
kräftiger aufzuftacheln. 2. |tifanifiren ? 

Sie hatte wohl jchwerlid eine Da fiel ihm ein, baß fie bie Be: 


| 
— u > De je figerin anſehnlicher Güter war und 
fagte flüchtig: troß jeiner Sehnſucht nach dem Ur— 
„Ufo, ic habe wohl noch das wald regte ſich in ihm das zarte Be⸗ 
Vergnügen,“ und dann war fie ſchon — * — De Ta F— 
er x eine jolch’ fede Werbung a nöde 
in ihrem Stübchen verſchwunden. Gewinnfucht gelten Tonnte. 


Leopold hätte noch lange an der ar. 
Thür ftehen mögen, hinter der ſie ES war nihts — er mußte bie hüb- 
Ihe Witwe wieder in ihr Erzgebirge zie— 


verſchwunden war; aber die Kellner ‚ur 
machten mit den Reifefachen jo viel hen lafjen und allein die Wanderung 
in den Weften Amerika's antreten... 


Geräufh, daß er aus feiner Träu— 
merei auffchredte und ihnen langjam Ferber raffte ſich gewaltſam auf; 
ſolch' wunderliche Träumereien waren 


folgte. 

Nachdem die dienſtbaren Geiſter keine würdige Vorbereitung für fein 
endlich verſchwunden und v. Ferber künftiges Farmerleben, und anſtatt noch 
allein war, begann erſt das Jüngſt- länger die unnützen „wenn“ zu erwä— 
erlebte in ihm nachzuwirken. Auch gen, beſchloß er, wie ein echter Yankee 
dies kleine Reiſeabenteuer hatte ſeinen unverwirrt das Auge auf die Gegen— 
Entſchluß nicht erſchüttert — fein Sinn | wart zu richten Er trat ſogleich feine 


— 


Wanderung an, um ſich nad dem ſſehen und genoſſen als fie, 


nächſt abgehenden Schiffe zu erfunbi- 
gen und bie Meberfahrt zu verabreden. 
Das Schiff ging erft in zwei Tagen 
unter Segel; er miethete jeinen Platz 
und damit fühlte er fich bereits ent: 
wurzelt. — 

Nun gab es fein „Zurück“ mehr 
— eine neue, unbekannte Zukunft that 
ih vor ihm auf... Wie lag bie 
Vergangenheit plöglich weit, weit hin: 
ter ihm! ... Er mußte lächeln, wenn 
er daran dachte, wie tief und frank: 
haft er ſich in ein Dafein eingefchloffen, 
das eigentlich keins mehr war, weil 
es der vollen, blühenden Wirklichkeit 
entbehrte. — Die Gedanken und Ge- 
Ipräche al’ feiner Freunde hatten fich 
ewig nur um literariiche Dinge ge: 
dreht — fie lebten in einem fchrift- 
jtelleriichen Bannfreis, der alles Anz 
bere ausſchloß. Ihr Verkehr beichränfte 
fih beinahe ausſchließlich auf Collegen 
— wie jorgfältig beftillitt war da 
Alles, was fie noch etwa in fi auf: 
nahmen! Anftatt aus friichem, unbe: 
rührtem Boden, zogen fie ihre Nah: 
rung und ihre Kraft aus einem geifti- 
gen Erdreih, das ſchon taufenbfältig 
durcheggt und burchpflügt war. — 

Nun lag diefer Brennpunkt des 
Geiftes glüdlich Hinter ihm und ein 
friiher Hauch berührte feine Stirn. 
— Sn der prächtigen Hafenftabt, Die 
es vorwiegend mit leiblichen Genüſſen 
hält, ſchwanden wie von ſelbſt die 
blaffen Gedanken und Träume... 

Das Leben an bdiefem Orte war 
die befte Vorbereitungsfchule für den 
Weiten Amerifa’s. 

In diefer guten, angeregten Stim: 
mung vergaß er jogar jeine Reijege: 
fährtin und murbe erft bei ber Mit: 
tagstafel an fie erinnert, wo fie gleich 
ihm erſchien und deshalb ohne Wei: 
teres, nach einem freundlichen Gruße, 
an feiner Seite Pla nahm. 

Wie ſich von felbft verftand, taufch: 
ten fie zuerft die Eindrüde aus, bie 
fie von der fremden Stabt empfan- 
gen, und da Leopold weit mehr ge: 


mochte 
unmillfürlich der Gedanfe in ihr auf: 
fteigen, wie jehr ihr Geſchlecht ihr doch 
bei jolchen Gelegenheiten im Wege ftand, 
denn fie bemerkte plöglih: „Wäre nur 
erft meine Freundin bier, es ift doch 
für eine alleinftehende Frau ganz un: 
möglich, aus dem Reifen ben rechten 
Genuß zu ziehen.“ 

„Barum nehmen Sie nicht vorläu: 
fig mich als Gejellfchafter an?“ fragte 
er rajch und blidte mit einem Lächein 
auf feine Nachbarin, das unentjchieden 
ließ, ob er im Ernft oder Scherz die 
Bemerkung bingemworfen. 

Sie zeigte fih anfangs von dem 
wunberlihen Einfall überraſcht, dann 
aber vermochte fie faum ihre Heiter: 
feit zu unterbrüden: „Ihr Vorſchlag 
verdient Ueberlegung,“ fagte fie, nad) 
dem fie ihn flüchtig angeblidt und 
jegt wieder all’ ihre Aufmerkfamfeit 
dem Zertheilen des Bratens zumanbte. 

„Erſt übermorgen geht mein Schiff 
ab und bis dahin jtelle ich mich Ihnen 
bereitwilligft zur Verfügung.“ 

Sie wiegte nachdenklich das kleine 
Köpfchen Hin und ber, während fie 
dabei Gabel und Meffer in Häuden 
behielt ; dann wandte fie ihm plößlich 
ihr frifches, fröhliches Geficht zu und 
fagte lächelnd: „Ich bin bereits fertig 
mit meiner Weberlegung. Warum jollte 
ich nicht von Ihrem freundlichen An: 
erbieten Gebrauch machen? Dies Allein: 
herummandern ift zu langweilig und 
da —“ troß ihrer Offenherzigkeit ftodte 
fie nun doch, den Nachſatz auszu— 
ſprechen. 

Leopold hatte ihre Gedanken er— 
rathen. — „Und da Sie übermorgen 
nach Amerika abſegeln und ich in's 
Erzgebirge zurückgehe, ſo kann ja ein 
läſtiges Verhältniß daraus nicht ent— 
ſtehen. Wollten Sie das nicht ſagen?“ 
Und er beugte ſich zur Seite, um ihr 
neckend in's Antlitz zu ſehen. 

Sie hielt ſeinen Blick ruhig aus: 
„Ja, das wollte ich ſagen,“ entgegnete 
ſie ohne Bedenken. 


„Unfer Pakt gilt alfo?“ rief herrſchenden Tebenftrogenden Philofo- 


v. Ferber eifrig; er erfaßte ihre Hand, 
die fie ihm willig überließ. 

„Es gilt,“ entgegnete die Witwe 
mit ihrer gewohnten Entjchlofjenheit. 

„Und wanı wollen wir unjere 
gemeinschaftliche Wanderung antreten?” 

„In einer halben Stunde.” 

Da an ihrer Tafel wenig Gäfte 
faßen, hatten fie ihre Unterhaltung 
ganz ungeftört führen fönnen. Jetzt 
war das Diner zu Ende und v. er: 
ber reichte der Witwe artig den Arm, 
den fie ohne Weitere annahm. 

Mit einer den Frauen ungewöhn: 
lihen Pünktlichkeit war fie nah Ab» 
lauf der halben Stunde fofort bereit, 
und mit einer Eindlichen Neugier, als 
ob fie Beide erft jept die wunderbarſten 
Dinge entdeden würden, traten fie 
ihre Wanderung an. 

Der junge Doctor fühlte ſich wie 
verwandelt — nun ſchwand ber lekte 
Hauch von Träumerei aus feiner Seele. 
— In dem Zufammenfein mit diefem 
friſchen, fröhlichen Geſchöpf beftand 
ein erquidender Genuß, der ihn wie 
Frühlingsodem belebend anmwehte. Er 
hielt gefliffentlih in der Unterhaltung 
Alles fern, was ſicher über ihre Gei- 
ftesbildung hinausging, und doch hatte 
er das behagliche Gefühl, daß er noch 
niemals ſolch' angenehme Stunden ver: 
lebt, al3 mit diefer anfpruchslofen Frau, 
die mit ihrer herzgewinnenden Natür: 
lichkeit ihn völlig gefefjelt nahm. 

Er wagte gar nicht, an das Ende 
der glüdlihen Zeit zu denken. — 
Warum jollte er ſich nicht voll und 
ganz dem Genuß des Nugenblides 
hingeben und fih bie gegenwärtige 
Seligfeit durch den Gedanken trüben 
lafien, daß fie morgen vorüber, auf 
immer vorüber fei... 

Mar nicht jo flüchtig jedes Glück? 
— Was ließe fich wohl ewig in diejer 
vergänglichen Welt fefthalten? — Ob 
Stunden, ob Jahre, einmal entwin- 


phie huldigen. 

ALS aber der legte Morgen herauf: 
bämmerte und nun wirklich das füße, 
faum gefannte Glück in Nichts zer: 
rinnen jollte — erfaßte ihn doch eine 
Schwermuth, ber er vergeblih Herr 
zu werben fuchte. Das Scheiden von 
der Heimat, von Allem, was ihm 
bisher lieb und theuer gewejen, hatte 
feine Bedentung verloren — nur ber 
Schmerz um ben Berluft diefer an: 
mutbigen, belebenden Frauenjeele nagte 
mit vernichtender Gewalt an feiner 
Bruſt ... 

Als er jetzt hinunter ging, um 
von Emma Abſchied zu nehmen, ver— 
mochte er kaum, ſeine tiefe Bewegung 
zu verbergen. 

Trotz der frühen Morgenſtunde 
war ſie bereits völlig zum Ausgehen 
angekleidet, „Ich habe Sie ſchon er— 
wartet,“ ſagte ſie ſo ruhig-freundlich 
wie immer: „Sie haben mir bisher in 
liebenswürdiger Bereitwilligkeit Ihre 
Zeit geopfert, daß Sie mir geſtatten 
müſſen, Sie nun auch meinerſeits auf 
Ihrer letzten Wanderung auf dem Con— 
tinente zu begleiten.“ 

Ferber konnte ſeine freudige Be— 
wegung nicht verbergen: „Das iſt ein 
größerer Beweis von Freundſchaft, als 
ich erwarten konnte, wie danke ich 
Ihnen!“ und er ſtreckte ihr ſeltſam be— 
wegt die Hand entgegen. 

Sie ſchien zerſtreut ſeine Bewegung 
nicht beachtet zu haben, und indem 
ſie das Band ihres Hutes feſter knüpfte, 
ſagte ſie mit gezwungenem Lachen: 
„Ja, müſſen Sie nicht ſelbſt geſtehen, 
daß wir in der kurzen Zeit recht gute 
Freunde geworden?“ Sie wandte dabei 
das Geſicht nach dem Spiegel, als 
wolle ſie noch einmal ihren Anzug 
prüfen. 

Leopold durchſchaute ihre weibliche 
Kriegsliſt, und zum Ueberfluß warf 
ihm der Spiegel ihr Bild zurück, und 


det ſich doch Alles unſeren zitternden er konnte deutlich die Thräne bemer: 
Händen! — Er wollte als künftiger ken, die in ihrem Auge zitterte. So 
Bewohner Amerika's auch der dort war auch ihr die Trennung nicht gleich— 


412 


giltig und fie empfand dies Scheidten! Emma verjuchte jet ihren Nach— 
für immer als einen fchmerzlichen | bar plötzlich anzubliden, aber dieſer 
Berluft. Er hätte über dieje Entdeckung ſchlug nicht die Augen auf und ſchaute, 
laut aufjubeln mögen und doch zer: | ohne zu antworten, nachdenflih vor 
Ihnitt fie ihm zugleich das Herz... ſich Hin. Diefe ſeltſame Mittheilung 

Ein unerbittliches Verhängnif ri feiner Neifegefährtin brachte fein Herz 
fie auseinander — nein, nur die in wunderbare Schwingungen. Wenn 
jenigen Mächte, die freilich bei ung er num ebenfo vajch und entſchloſſen 
noch größere Gewalt ausüben, als das | die Hand nad) einem Glück ausitredte, 


ſtärkſte Schickſal. — Peinlihe Rück— 
ſicht — feige Furcht, ſich durch Ent— 
hüllung der uns beherrſchenden Gefühle 
den Andern preiszugeben. — | 

Sie trug vielleicht diefelbe Her: 
zenswunde in ihr jtiles Thal, wie er 
nach dem Weſten Amerifa’s, und doch | 
gebot e3 die althergebrachte Ordnung, 
die Rüdfiht auf das Schickliche — 
ſchweigend auseinander zu gehen, den 
Abſchied in der pajlenden Form zu 
nehmen. Er durfte ihr doch nicht fagen: 
behalte mich hier — denn fie war ja 
Beſitzerin anjehnliher Güter, und er 
bejaß faum fo viel, um fi in Amerika 
bequem arzufiedeln — und auch fie 
durfte nicht die Schranken durchbrechen 
und ihm offen befennen: „Geh' nicht 
erſt über den Ocean, komm mit mir.” 





das ihm in wenigen Secunden auf 
immer zu entjchwinden drohte... . 


Auf feinem blaffen Antlige moch— 
ten fich deutlich feine Gedanken und 
Empfindungen ausdrüden, denn um 
den Mund der jungen Witwe zudte 
e3 jchmerzlih auf und nachdem ihr 


‚Auge flüchtig auf ihm geruht, ſenkte 


fie jett ebenfall8 den Blid zu Boden 
und jchwieg. 

Es war eine traurige Fahrt und 
wie fchmerzlih auch Beide bemegt 
waren, fie dünkte ihnen doch viel 
zu fur. 

Nur fo lange noch hatten fie das 
füße qualvolle Glück, neben einander 
zu fißen, ihre Athemzüge zu hören, 
eine ftumme und doch beredte Sprache 
zu führen. Viel zu jchnell war ber 


Beide ſaßen lange nebeneinander | Hafen erreicht: — Welch prächtiges, 


im Wagen, ohne ein Wort zu fprechen, | Farbenreiches Leben entfaltete ſich vor 
fie wagten nicht einmal, ſich anzujehen, ihnen! — Wie bie zahllojen Wimpel 
als fürchteten fie, daß dann doch ihre luſtig flatterten, dort der Rauch aus 


Gefühle mächtiger würden als fie jelbit. 
Endlih unterbrah die Witwe das 
Schweigen. „Denken Sie, Herr von 


Ferber, ih muß wieder jo leer nad) | 


Haufe reifen, wie ih gefommen bin.” 

„Warum?“ fragte Leopold zer: 
jtreut und ftarrte gedankenlos auf bie 
Häufermafle, die an ihm vorüberglitt. 

„Ich babe heut die Nachricht von 
meiner Freundin erhalten, daß fie auf 
dem Schiffe die Bekanntſchaft eines 
Arztes gemacht, mit dem fie fih noch 
auf der See verheiratet hat und fofort 
wieder nad) New-Norf zurückgekehrt ift. 
Man fieht, daf fie nicht ohne Nuten 
ih jahrelang in Amerika aufgehalten 
und dort gelernt hat, raſche Entſchlüſſe 
zu faſſen.“ 


den Schloten fuhr, und jo weit das 
Auge reichte, ſich das Bild einer rie- 
jenhaften, raftlojen Thätigfeit in ewig 
wechjelnder Geftaltung bot! — Sie 
hatten heut für dies großartige Rin— 
gen und Arbeiten feinen Blid. 

Das Boot ftand ſchon bereit, das 
ihn zum Schiff bringen follte, und 
faum noch feiner Sinne Herr, unfähig, 
ein Wort bervorzubringen, wollte er 
ihr zum Lebewohl die Hand reichen. 

„Ih begleite fie bis an das 
Schiff, das Boot kann mich ja zurüd: 
bringen,“ ſagte fie leife, und er wagte 
feinen Widerſpruch. 

Mit rafhen Schlägen glitt ber 
Kahn durch das Schiffs: und Bootge: 
wirr des Hafens. 


413 


Dort jtand jchon das Ungeheuer, 
das ihn dem fernen MWelttheil zutragen 
jollte. Aus der Eije wälzten fich bereits 
dide Rauchwolken und Alles auf dem 
Schiffe verrieth, daß es in ber näch— 
ten Stunde unter Segel ging. Die 
Schiffstreppe fiel — der Europamüde 
wurde oben erwartet. — Nun endlich 
mußte gejchieden werden. — 

Langſam erhob ſich Leopold, fein 
Herz ſchlug hörbar; er verſuchte zu 
lächeln, als er ihr noch einmal feine 
zitternde Hand entgegenftredte; — fie 
fühlte das Glühen derjelben und jah 
ihn mit einem jo zärtlichen bitten- 
den Blid an, daß er im Innerſten 
erbebte. Er wandte das Geficht von 
ihr und wollte die Treppe zu errei- 
hen ſuchen; aber fie hielt noch immer 
jeine fiebernde Rechte feit, und als er 
jest dennoch mit dem Aufwand all’ 
jeiner Kraft den Fuß auf die erſte 
Sprofje jegte, flüfterte fie ihm in tief- 
fter Bewegung zu: 

„Leopold, muß ich Ihnen denn 
jagen, daß Sie nicht fort dürfen, wenn 
Sie nicht Alles mitnehmen wollen, was 
mir lieb und theuer iſt?“ — Er zog 
den Fuß zurüd — ein Freudentaumel 
erfaßte ihn und er hatte Mühe, ich 
aufrecht zu erhalten. — Emma! — 
mehr brachte er nicht über feine Lippen. 

„Kommen jie mit mir?” fuhr fie 
mit leuchtenden Augen fort: „Sie fin- 
den bort diejelbe tiefe Einſamkeit, die 
Sie juhen, aber zugleih ein Herz, 
das nur für Sie lebt und athmet.“ 

„IH komme mit Dir!” jauchzte 
Leopold, „ich juche weiter nichts; Du 
allein kannſt mir Alles erjegen.” 

Und zur Berwunderung des Schiffs: 
perjonales fuhr der Europamüde wie— 
der dem Lande zu. — Die beiden Glück— 
lichen jaßen Hand in Hand; fie küm— 
merten fi wenig um den Spott und 
das Gelächter, das ihnen folgte. 


* 
* * 


Erzgebirges und war der Gatte Emma 
Wieſenburg's. 

Selbſt Amerika hätte ihm keinen 
Winkel zu bieten vermocht, der ſo zu 
ſeinen jetzigen Neigungen paßte, wie 
die Beſitzung ſeiner jungen Frau. 

Das Gebirge, welches durch feine 
einförmigen Fichtenwälder und traurig 
ih Hinziehenden Moorgründe jo leicht 
dad Auge ermüdet, war für feine 
Stimmung wie gejchaffen. Er hätte 
gar Feine Gegend vertragen können, 
die durch ihre lachende Schönheit feinen 
ihwermüthigen Sinn zu berüden ge: 
jucht, gerade dieſe büftere Staffage 
brauchte er für das Einfiedlerleben, 
das er mit feiner jungen Gattin füh- 
ten wollte. 

AS er ſich entſchied, Emma zu 
heiraten, hatte er wohl auf jeine 
Träumerei von einer Blodhütte in 
Amerifa verzichtet; aber wer hinderte 
ihn daran, bier das jchönfte Farmer— 
leben zu führen? Es waren hier frei: 
ih feine Urwälder zu lichten; aber 
Leopold Hatte fih auch nicht nad) der 
Arbeit, ſondern nad der Lage eines 
Hinterwäldlers gejehnt, und diefer ftille, 
abgelegene Gebirgswinfel verrichtete ihm 
diefelben Dienfte. — 

Er war deshalb entjchloffen, feine 
Zeit mit Jagen, Fiſchen, Reiten oder 
Herumpftreifen in dem Gebirge zuzu: 
bringen; er wollte nie wieber ein 
Bud, eine Zeitung in die Hand neh: 
men, auf alle Correſpondenz verzichten 
und Papier und Tinte mit wahren 
Abihen aus dem Wege gehen. — 
Nur an jeinen alten Freund mußte 
er noch jchreiben, ihm die Wandlung 
jeines Schickſales mittheilen, und er 
lud ihn dabei ein, ihn zu bejuchen, 
um auch einmal das Glüd zu koſten, 
das in dem Zurücklaſſen aller Bil- 
dungsmijere, in dem Genuß einer 
erfrifchenden, belebenden Wirklichkeit 
liegt. 

„Komme hieher, wenn Du einmal 


einen tüchtigen freien Athemzug thun 


Vierzehn Tage jpäter ſaß v. Ferber willſt,“ jchloß er feine Epiftel, „ſeit— 
in einem ber abgelegenften Thäler des dem ich die Schriftftellerei an ben 


414 


Nagel gehängt, fühle ich erft, daß ich 
ein wahrer Menſch geworden. Der 
Dichter Fernthal hat mich vor ber 
Zeit alt und müde gemadht — bier 
werde ich wieder jung, und Du, der 
Du ftet8 mit gefunden Sinnen das 
Leben erfaßt, Du mußt bieher fommen, 
ehe Dir die Literatur das frijche Heiz: 
blut abzapft; dann aber erwähne mit 
feinem Wort gegen meine Frau, daß 
ich je die Thorheit begangen, mid) mit 
ber Schriftftellerei abzuquälen. ch 
will nicht vor diefer frifchen, gefunden 
Natur erröthen; fie hat feine Ahnung 
davon, wel’ Literarifcher Verbrechen 
ih mich früher ſchuldig gemacht, und 
fie fol e8 auch nie erfahren. Für fie 
bin ich der Doctor v. Ferber, der Jura 
ftubirt, das trodene Jus jatt befom- 
men und in die Urmälder Amerifa’s 
gehen wollte, um feine Kräfte emplich 
auszutummeln. Deshalb find auch bei 
mir Tinte und Feder verbotene Dinge, 
die Du in unferem Haufe vergeblich 
fuchen wirft — die ſchlimmen Werk: 
zeuge, mit denen ich noch dies letzte 
Handſchreiben an Dich ermöglicht, flie- 
gen fofort zum Fenfter hinaus und 
bei uns ſollen dieſe Plagegeifter wei— 
ter fein Unheil anftiften.“ 

Nachdem v. Ferber den Brief be 
enbigt und gejchloffen, führte ev buch: 
ftäblich feine Drohung aus. Er wollte 
fih unter allen Umftänden vor jedem 
Rückfalle in die alte Schreibjeligfeit 
fihern. Seiner Frau hatte er bald 
nad ihrer BVerheiratung mitgetheilt, 
daß er gegen Bücher und Schreibereien 
eine unüberwindlihe Abneigung habe. 
Sie nahm es anfangs Tcherzhaft und 
entgegnete, daß die Ausübung dieſer 
ſchwarzen Kunft ein nothwendiges Uebel 
jei und er wohl das Führen von 
Wirthſchaftsbüchern und Aufjchreiben 
von Wäjchezetteln gejtatten würde; 
aber als fie jah, daß er alles Ernſtes 
fih die Aufitellung von Büchern und 
Schreibmaterialien verbat, fand fie ſich 
raſch in diefe wunderliche Grille, mit 


ramentes. Und wenn er von ihr ge 
fordert hätte, daß fie eine Dornhede 
um ihre ganze Befigung ziehen follte, 
um fi auch ſymboliſch von ber Welt 
abzufondern, wie es ſchon thatſächlich 
der Fall war, ſie würde ihm gewill— 
fahrt haben. Sie las ſeitdem keine 
Zeile — wenigſtens nicht in ſeiner 
Gegenwart — er ſah weder Feder 
noch ein Buch in ihren Händen. 

Leopold mußte ſich geſtehen, daß 
die Wahl ſeiner Lebensgefährtin eine 
außerordentlich glückliche war. — Sie 
entſprach all' den Erwartungen, die 
er auf ſie geſetzt. Niemals ſuchte ihn 
Emma durch geiſtreiche Geſpräche auf— 
zuſtören, immer war ſie einfach und 
natürlich, die echte Hausfrau eines 
Mannes, der feſt entſchloſſen, dem 
Daſein nur die ideale Seite abzuge— 
winnen. 

Er nahm ſich mit großem Eifer 
der Wirthſchaft an und bereitwillig 
ging ſie auf ſeine Verbeſſerungspläne 
ein, die ihm durch den Kopf ſchwirrten. 

Sein täglicher Umgang waren jetzt 
Voigte, Förſter, Knechte; von ihnen 
ließ er ſich in die Geheimniſſe des 
Landbaues, der Vieh- und Forftwirth: 
haft einmweihen und er wibmete ſich 
diefer neuen Aufgabe mit bderfelben 
Ausſchließlichkeit, mit der er fich einft - 
dem poetiichen Schaffen hingegeben. 

Seine Frau war anfangs entzüdt 
über den raftlojen Eifer, den er ent: 
faltete, jah fie doch darin feine glü- 
hende Xiebe, die ihr manche Laft von 
den Schultern abnehmen und ihr in 
der That die einzige und befte Stüße 
jein wollte. War e8 nicht bewunderungs— 
würdig, daß ein Mann, der Jura 
ſtudirt, fich jeßt aus Schwärmerei für 
jeine Frau, zum tüchtigſten Defonomen 
umzuformen juchte? — Und was ihr 
Entzücden noch vermehrte, fie hörte 
fein Lob aus Aller Munde, 

Ihr erjter Gemahl war ein echter 
Theoretifer geweſen; er hatte al’ 
jeine SKenntniffe nur aus Büchern 


der ganzen Fügſamkeit ihres Liebens: geſchöpft und mit allerhand Neuerun: 
würdigen und liebebebürftigen Tempe: | gen, wunderlihen Maſchinen und Erpe: 


415 


timenten, feine am Alten bängenben 
Leute nicht wenig geärgert. Da war 
zu ihrer großen Herzenserleichterung 
der junge Herr ganz anders. Er 
mochte von der Bücherweisheit gar 
nicht3 willen, die Praris galt ihm 
über Alles und er hörte bereitwillig 
auf die Rathſchläge alter, erfahrener 
Leute. — Das war ein Mann nad 
ihrem Herzen und fie wurden nicht 
mübe, ber gnäbigen Frau fein Lob 
zu fingen, um jo mehr, als fie wohl 
bemerken Eonnten, wie gern fie dies 
örte. 

Freilich hätte ſie es lieber geſehen, 
wenn ihr theurer Gatte ſeine Aufgabe 
nicht gar ſo ernſt genommen; er fand 
kaum noch Zeit, mit ſeiner jungen 
Frau ein Stündchen zu plaudern. 

Schon am frühen Morgen eilte er 
hinaus und er war in Feld und Wirth— 
ſchaft überall geſchäftig, um hier anzu— 
ordnen, dort zu überwachen und dafür 
zu ſorgen, daß Alles im rechten Ge— 
leiſe ging. Wenn er dann zu Tiſche 
kam, war er abgeſpannt und ermüdet, 
und die Unterhaltung wollte niemals 
recht in Gang kommen. 

Was ſollte auch beiprochen werden, 
was nicht ſchon zehnmal erörtert wor: 
den? — Es waren ja immer diejel- 
ben alltäglihen Vorkommniſſe, die das 
Thema zu liefern hatten, denn andere 
höher liegende Gegenftände wagte bie 
junge Frau nicht zu berühren. Er 
hatte in feiner vorwiegend praftijchen 
Neigung zu deutlih merken laſſen, 
daß ihm äjthetiiche Geipräche wider: 
wärtig jeien, und fie liebte ihn viel 
zu jehr, um ſich nicht auch in dieſe 
mwunberlihe Eigenheit zu fügen und 
von ihm nicht zu fordern, was er nicht 
mehr bieten konnte oder wollte. — 

Emma beobachtete jehr Scharf, und 
deshalb mußte fie ihr Benehmen ben 
Wünſchen und Anforderungen ihres 
Gemahls forgfältig anzupafjen. Er hatte 
nicht die mindefte Ahnung davon, 
welhe Mühe es ihr koſtete, ganz und 
gar die Frau zu werben, wie er fi 
das Ideal berjelben gedacht. Ihr Leo: 


pold wollte nun einmal eine fchlichte 
Hausfrau haben, einfach, ſorglos — 
ſtets bereit, fih für Wirthichaftsfachen 
ausjchließlih zu intereffiren, und fie 
war ein viel zu weicher, ſchmiegſamer 
Charakter, um fih nicht jchließlich 
in jede Form drüden zu laſſen. Wie 
fie auh in ihrem Innern manchen 
Kampf durchgekämpft — äußerlich zeigte 
fie ſich ſtets friedfertig, fogar etwas 
ichwerfällig und bequem. 

Wie hätte ihr Gatte dahinter kom— 
men follen, was in ihr lebte und was 
fie jet künſtlich in fich abfterben lieh. 

Mit ihrem fcharfen Blid war es 
der jungen Frau nicht entgangen, daß 
ihr Mann mit feiner raſtloſen Thätig- 
feit irgend einen geheimen Schmerz zu 
ertödten juchte — aber was ihn eigent- 
lich quälte, vermochte fie nicht zu ergrün: 
den. War es eine unglüdliche Liebe, 
die er Durch dieſen fieberhaften Schaffens: 
trieb begraben wollte oder hatte fein 
juriftifcher Ehrgeiz nicht die rechte Be— 
friedigung gefunden? — Sie wußte es 
nicht und wagte auch nicht, nach die— 
fer Seite hin fein Herz zu ſondiren. 

Da fie die Urſache feines heimli- 
hen Schmerzes nicht Fannte, vermochte 
fie ihn nicht zu heilen, ja fie durfte 
ihn nicht einmal, wenn auch noch fo 
fanft, berühren, und mußte es ber 
Zeit überlaffen — dann erſt Fonnte fie 
darauf rechnen, ihn völlig zu befigen. 

Leopold dagegen jah in feiner Frau 
nicht weiter, als die ſchlichte, einfache 
Natur, und es famen bereitd Stunden, 
wo fie anfing ihn zu langweilen. Es 
war doch etwas gar zu eintönig, mit 
der guten Seele von weiter nichts 
reden zu fönnen, als vom Sartoffel- 
bau und al’ dem Wirthichaftströbel, 
der täglich derjelbe blieb. Er machte 
ihr durchaus feine Vorwürfe, fie war 
ja no immer die Frau nah dem 
Wunſch feines Herzens, aber zumeilen 
fam ihm doch der Gedanke, daß es 
wohl angenehmer wäre, wenn fie ihn 
ganz verftehen, und ihm überall Hin 
folgen könnte, ſelbſt auf Gebieten, die 
ihr leider völlig fern lagen. Wie anders 


416 


waren die Stunden mit Emilien ver- 
flogen und die wenigen Minuten, die 
er mit feiner jungen, hübjchen Frau 
zubringen mußte, zogen jo bleiern an 
ihm vorüber... 

Das Leben in biefem einfamen 
Erdenwinkel bot doch nicht die Befrie- 
digung, die er davon erhofft. — Er 
hatte in dieſer abjoluten Abjperrung 
von aller Welt die höchite Seligfeit 
zu finden gemeint, und nun begrüßte 
er das Eintreffei eines Briefes von 
jeinem Freunde Gottfried mit einer 
Freude, die er ſelbſt faum begreifen 
fonnte. 

Der wadere Volksſchriftſteller war 
in feinem Schreiben jo robuft unb 
gefund wie immer. Er machte jeinem 
Freunde Vorwürfe, daß er die Büchſe 
jo rafch in das Korn geworfen. Was 
wollte da8 Durchfallen eines einzigen 
Stüdes viel bedeuten, in einer Zeit, wo 
ohnehin das Theater nicht mehr das 
allgemeine Intereſſe in Anjpruch nahm! 

„Du warft auf dem beften Wege, 
Dank meiner guten Lehren,” fuhr ber 
Freund mit aller Selbftgefälligfeit fort, 
„ein tüchtiger Novellift zu werden, das 
haft Du nun Alles in den Wind ge- 
ſchlagen; zum Glück bift Du wenig: 
ftens bei Deiner Heirat vernünftiger 
zu Werke gegangen, als je in Deinem 
Leben und dafür erhältit Du mein 
ungetheiltes Lob. Was wirft Du dazu 
jagen, daß ich die Yunggejellenwirth: 
Schaft auch fatt befommen und ganz 
ernftlich auf Freiersfüßen herumlaufe. 
Meine literarifche Stellung erlaubt mir, 
bei der Wahl meiner fünftigen Gattin 
über das Vacat eines Vermögens hin- 
wegzuſehen. Die unvermeiblihe Hoch— 
zeitSreife werben wir natürlich) dazu 
benugen, um Dich mit umzuftoßen und 
Euch ein bischen aufzufriſchen. Ihr 
werbet es jchon bedürfen. — 

„Da hätte ich bald vergefjen, Dir 
einen Brief beizulegen, dev noch an 
den Dichter Fernthal gerichtet ift und 
unſerer Redaction zur Abgabe einge: | 
ſchickt worden. — Der Handſchrift nach, | 
gewiß irgend eine Verehrerin Deiner | 


Muje! Sieht Du mun ein, welches 
Verbrehen Du an Dir felbit durch 
Deinen übereilten Rüdzug begangen ? 
Ich dagegen weiß, was ich der Nation 
Ihuldig bin, ich werde nicht ſobald 
die Waffen ftreden und dem Publikum 
das Herzeleid zufügen, daß es auf 
meine jpannenden Erzählungen verzich- 
ten joll, denn bie Kunft, den Leſer fo 
recht zu paden, veritehen doch alle 
meine Mitarbeiter nicht. Ich jehe nicht 
ein, warum ich das nicht jagen joll, 
da es bie volle Wahrheit ift. 

„Webrigens ift es gut, dab Du 
mir Deine Idioſynkraſie gegen Tinte 
und Feder ehrlich befannt haft; damit 
ih mir bei unferem Beſuche mein 
Handwerkszeug mitbringen kann, denn 
hoffentlich wirft Du wenigftens geftatten, 
daß Dein alter Freund auch bei Dir 
jeinen Pflichten gegen die Menfchheit 
nachkommen und feinen Leſern die ver: 
Iprochene „Fortſetzung folgt” jelbft aus 
Deinem Tuskulum heraus liefern kann.“ 

Leopold fühlte fi von dem Briefe 
jeine8 Freundes nicht jehr erbaut. 
Die literariiche Aufgedunfenheit Gott: 
fried8 machte doch auf ihn einen ab- 
ftoßenden Eindrud und er empfand 
wieder das ganze Behagen, das in 
jeiner Abgejchloffenheit von al’ diejen 
Dingen lag. Er hatte zu oft Gelegen- 
heit, es zu beobachten, daß gerabe bie 
unbedeutendften Talente auf die Elein- 
ften Erfolge den größten Werth legten, 
mit denen ein glüdlicher Zufall fie 
begünftigt. Und wie jpreizten und brü- 
jteten fich diefe Menfchen, als ob künf— 
tige Jahrhunderte Schon ftaunend und 
bewundernd hinter ihnen ftänden, wäh: 
rend ihr betriebjames Schreibwerf 
Ihon der nächite Tag verjchlang. Wie 
war jein feinfinniger Geift, der nie- 
mal3 mit ſich jelbft und mit feinen 
Arbeiten zufrieden war, von dieſer 
anmaßlichen Selbftgenügfamfeit ange: 
widert worden, und nad bem Leſen 
dieſes Briefes bereute er weniger als 
je feinen Entjchluß. 

Das beiliegende Schreiben wollte 
er ſchon uneröffnet vernichten. — re 


417 


gend eine überipannte Nomanlejerin 
ſprach gewiß darin ihre Anerkennung 
über eine jeiner Novellen aus. — 
Er Hatte ſtets Schmeichelei 'ge- 
haft und war ihr forgfältig aus dem 
MWege gegangen, weil er recht gut 
wußte, wie viel die Elle von dieſem 
Zeuge koſtete. — Zum mwohlbegrün- 
beten Tadel gehört Berftand und ſorg— 
fältige Prüfung einer Arbeit. — Lob 
dagegen jpendet Derjenige gewöhnlich 
am freigebigften aus, der bamit feine 
völlige Unbekanntſchaft verbeden will. 
Warum follte er aber den Brief nicht 
lejen? Er half ihm über einige lang: 


weilige Minuten hinweg, und ba er! 


jeine Feder für immer aus der Hand 
gelegt, konnte ihm ja die ſchwärme— 
riihe Anwunderung nicht mehr ſcha— 
ben, ihm höchſtens jet ein ironiſches 
Lächeln entloden. — Er brach bes: 
halb das Schreiben auf, das fein und 
zierlih und doch nicht allzu fofett aus: 
ſah. Gleichgiltig wollte er das Papier 
überfliegen, aber jchon die erften Zeilen 
wedten fein Intereſſe, und aufmerf: 
jamer als er fich vorgenommen, las 
er ben folgenden Brief zu Ende. 
„Aus Ihren poetiſchen Schöpfungen 
babe ih jo viel Vergnügen, jo viel 
Troft geichöpft, daß ich nicht Länger 


tiefen umverftandenen Seele jchlägt 
aus Ihren Arbeiten die Augen zu 
und auf und feufzt nach einer ver: 
wandten Bruſt. — Und nun geht 
das Gerücht, Sie wollten Ihrem jchö- 
nen Berufe entjagen, weil ein übel- 
launiges Publikum Ihr erſtes Drama 
mißhandelt hat. Ich will's nicht glau— 
ben, weil ich es nicht für möglich 
halte, daß ein Talent, welches es bei 
ſeinem Schaffen ſo ernſt nimmt, welches 
ſo große herzerhebende Gedanken in 
ſeinen Werken niedergelegt, nun plötz— 
lich ſeiner ſchweren und dennoch be— 
neidenswerthen Aufgabe ſo leicht ent— 
agen kann. Denken Sie dabei nicht 
an die Vielen, die in meiner Lage 
ſind und die durch Ihr Schweigen 
um höhere Genüſſe kommen, als Sie 
vielleicht in Ihrer Beſcheidenheit ahnen? 

„Ich bin gewiß zu weit gegangen 
— weit über die Grenzen des Schick— 
lichen, und doch iſt es mir, als dürfte 
ich Ihnen, gerade Ihnen, Alles ſagen? 
— Zürnen Sie wenigſtens nicht meiner 
Offenheit, und ich wäre glücklich, wenn 
Sie mich durch zwei Zeilen darüber 
beruhigen wollten, daß Sie mir meine 
Zudringlichkeit verzeihen. Vielleicht laſ⸗ 
ſen Sie mir dieſelben unter der Chiffre 
‚A. H., Dresden, zukommen, ſobald 


dem Drange mwiberftehen kann, Ahnen | das Fire Zeit erlaubt.“ 


zu ſchreiben. Muß es doch den Dichter 
erfreuen und ihn zu neuen Schöpfun— 
gen anſpornen, wenn er ſieht, welches 
Echo er zu wecken vermocht. Gewiß 
haben Sie bei Ihren Productionen 
auf die Allgemeinheit zu wirken ge— 
ſucht, aber mir war es oft, als hät— 
ten Sie nur zu mir allein geſprochen 
und die Gedanken und Gefühle in 
wunderbarer Schönheit zum Ausdruck 
gebracht, die ſich dunkel und unklar 
in meiner Bruſt bewegt, und deshalb 
bildete ich mir zuweilen ein, Sie hätten 
nur für mich geſchrieben, für mich 
ganz allein, während Ihre Bücher 
doch von der gebildeten Welt geleſen 
und bewundert werden. Ja, Sie ſind 
ebenfalls ein Dichter von Gottes Gna- 
den; denn das ganze Herzeleid einer 


Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 6. Heft, 


Die Lectüre des Briefe Hatte 
doch Gedanken und Träume in ihm 
geweckt, die er bereits eingefargt wähnte. 
So war doch ein Herz auf ber Welt, 
das Antheil au ihm nahm und ben 
Moeten in ihm entdedte! — Er hatte 
jo oft an fich felbjt gezweifelt und 
ih in Stunden der Entmuthigung 
gejagt, dak al’ fein Ringen vergeb: 
[ih jei. Aber wenn feine Gedanken 
und Empfindungen in einer einzigen 
Seele nachzittern, war dies nicht Lohn 
genug? — 

Wohl war diefer freundliche Zu: 
ſpruch nit im Stande, ihn feiner 
Refignation untreu zu machen, doch 
er mußte wenigſtens der liebenswür— 
digen Schreiberin antworten, dad war 
er ihr ſchuldig. Er wollte es jofort 


27 


thun, eh’ die gute Schreibjtimmung 
entflog und ſah fich jetzt nach Tinte 
und Feder um. Es war im Zimmer 
nichts zu entdeden, und nun fiel ihm 
ein, daß er felbft über dieſe Dinge 
den Bannftrahl gejchleubert. 

Er Elingelte und befahl dem ſo— 
fort erjcheinenden Dienſtmädchen, ein 
Tintenfaß zu bringen. 

Die Dirne blickte ihn ganz er: 
ftaunt an, „Ein Tintenfaß?“ wieder: 
— ſie, als habe ſie nicht recht ge— 


— wohl und Papier und Feder“, 
drängte Leopold ungeduldig. 

„Sie haben ja ſelbſt befohlen, 
gnädiger Herr, daß wir in Ihren 
Zimmern kein Tintenfaß aufſtellen 
dürfen.“ 

„Dann frage meine Frau danach, 
vielleicht hat ſie Schreibzeug.“ 

„Ja, bei der gnädigen Frau hab’ 
ih eins gejehen, das fteht aber in 
ihrem Schlafzimmer und dort fchreibt 
fie wohl alle Morgen.“ 

„Dann hole e8 und das bald“, 
drängte der gnädige Herr. 

Leopold betrachtete inzwiſchen noch 
einmal den Brief. Die zierliche feine 
Handſchrift machte Schon äußerlich den 
beiten Eindrud, und nur ſuchte fein 
aufgeregter Geift weitere Schlüffe zu 
ziehen. Eine Seele, die ein jo zartes 
Verftändniß für Poefie hatte, konnte 
er fih unmöglich alt und häßlich den: 
fen, fie mußte jung und hübſch ein. 
Warum hatte fie nicht eher feinen 
Lebensweg gefreuzt! Ein fol’ finni- 
ges Gemüth zur Frau eines Dichters 
wie geſchaffen. — Wie anders war 
die Sprade der jchönen Schreiberin 
al3 die Emiliend, deren glühende 
Seele ein ewiges Feuer forderte, das 
jelbft die reichte Bruſt endlih aus: 
brennen mußte. 

Warum?! — a, warum! — 
Aus jeinem Hinbrüten wurde er durch 
das Erſcheinen Emma's aufgeſcheucht. 

Seine Forderung war ihr ſo un— 
erwartet gekommen, daß ſie das Schreib— 


zeug felbſt brachte; dennoch wußte ſie aus dem Schlummer 


ihr Befremden geſchickt zu verbergen, 
und ſo ruhig, wie immer, fragte ſie: 
„Genügen Dir ein paar Briefbogen 
oder —“ 

„Ich habe nur einem alten Freunde 
zu antworten, der mich um Nachricht 
quält“, entgegnete er etwas unſicher. 

„Dann will ich Dich nicht länger 
ſtören“, war ihre Antwort, und mit 
einem freundlichen Lächeln, das dies— 
mal ihr Gemahl nicht erwiderte, ver: 
ließ fie das immer. 

ALS jeine Gattin gegangen war, 
verglih er fie unmillfürlich mit dem 
Bilde, welches er ſich von der hübſchen 
Briefſchreiberin gemacht. 

Sie mußte ſchön und jung ſein 
— von dieſem Gedanken konnte er 
ſich einmal nicht trennen! Und wie 
vertraut war er bereits mit dieſer 
Unbekannten! Er ſah ſie vor ſich, ein 
zartes, blaſſes Geſicht mit blaſſen 
Augen, in denen ſich ein ganzer Him— 
mel wiederſpiegelte. Von dieſer feinen, 
ſinnigen Seele allein wurde er ver— 
ſtanden, ſie konnte mit geiſtiger Schmieg— 
ſamkeit ihm überall hin folgen — 
ſie wußte ſein ganzes Leiden und 
Lieben, denn ſie hatte das, was er mit 
dem Herzen geſchrieben, auch mit dem 
Herzen geleſen, während ſeine arme 
Frau niemals den Schlüſſel zu ſeinem 
tiefinnerſten Weſen finden konnte, hatte 
ſie doch nicht die leiſeſte Ahnung von 
ſeiner frühern literariſchen Thätigkeit, 
ja ihrer durchaus praktiſchen Lebens— 
richtung war die Poeſie überhaupt ein 
fremdes Feld. Er konnte mit ihr nie— 
mals Gedanken austauſchen, denn fie 
batte feine, höchſtens die allerhaus: 
badenften. 

Und dennoch mochte er fi jelbft 
nicht geitehen, daß er ſich bei der 
Wahl einer Lebensgefährtin übereilt 
und damals feine Anforderungen zu 
niedrig geitellt hatte. 

War fie {hm damals nicht als das 
deal einer Frau erjchienen ? Seine 
Gattin jollte ihn ja nur zerjtreuen, 
erheitern — er wollte nicht durch fie 


aufgeſcheucht 


419 


werben, in ben er jeine Seele zu wie: | für edle, zartbefaitete Frauenherzen 


gen juchte. Nach der ewig in Idealen 
ſchwebenden Emilie war ihm bie Be- 
rührung mit diejer einfachen, ſorglos— 
heiteren Frau mie die munderbarfte 
Erquidung erjhienen, und er mußte 
jelbit befennen, Emma hatte ſich nicht 
im Mindeften geändert, fie war noch 
immer jo herzlich offen, jo friſch und 
natürlih, wie am erften Tage. Er 
durfte nicht ungerecht gegen fie fein 
und trotzdem fiel der Bergleich zwifchen 
ihr und der unbefanuten Briefjchrei- 
berin zu ihren Ungunften aus. Leopold 
fügte lange den Kopf in die Hand 
und ftarrte finnend vor ſich Hin, eh’ 
er feine Gebanfen zu einer Antwort 
orbnen konnte. — Endlich warf er 
haftig einige Zeilen auf das Bapier. 

„Ihr Brief erreichte mich in einem 
Augenblid, wo ih, anjtatt Andere zu 
tröften, des Troſtes jelbit bebarf. 
Wohl hab’ ich meine Feder zerbrocdhen, 
weil ich in einer finjteren Stunde auf 
immer an meinem Xalent verzweifelt, 
aber Glück und Zufriedenheit, die ich 
in einer praftiichen Thätigkeit zu fin: 
den gemeint, find mir nicht geworben. 
Sch fühle bereitä den tiefen Zwieſpalt, 
ber fih in meinem Innern regt, und 
boch bin ich durch die bittern Erfah: 
rungen, die ich in meiner literarijchen 
Laufbahn gemacht, zu tief verwunbet 
worden, — ih habe nicht mehr die 
Kraft und die Unbefangenheit, in jene 
Welt zwrüdzufehren, die mir eimft 
Alles war. — Ihnen mache ich dies 
Bekenntniß, Das ich mir bisher felbit 
faum zu geftehen wagte, weil e3 mir 
it, als hätte mein beſſeres Selbit bei 
Ihnen eine Heimat gefunden. Wie 
tief und eigenthümlich hat mich hr 
Belenntniß berührt, daß ich Ihre ge 
heimſten Gedanken und Empfindungen 
errathen und daB es Ihnen gemejen 
jei, als hätte ich ausſchließlich für 
Sie gejchrieben. Dies Wort wird mir 
die buftigfte Roſe bleiben, die mir 
aus meiner früheren Thätigkeit ent- 


ih nichts — Ihre verftänbniß- 


zu Schreiben, in denen jeder Ton har: 
monifch wieberflingt, den der Schrift: 
fteller anfhlägt, und der Yweifel an 
diefer Befähigung hat meinen Ent: 
ihluß beſtärkt, meinem früheren Be: 
rufe Valet zu jagen. — Wer weiß, 
ob ich dazu den Muth gefunden, wenn 
Ihr Brief eher eintraf. Dennoch be- 


volle Theilnahme bat mid für bie 
Vergangenheit reich belohnt und bleibt 
mir ein freundliches Gedenken für 
alle Zeit... .* 

Er wagte den Brief nit mehr 
durchzuleſen; jchrieb dann noch ein 
paar Zeilen an Freund Gottfried, in 
welhen er jeinen Glückwunſch und 
die Freude ausbrüdte, ihn bald hier 
zu jehen und ihn zu gleicher Zeit 
bat, ben beigejchloffenen Brief auf die 
Poſt zu geben — er jei einer jungen 
Dilettantin, die fih an ihn gewandt, 
diefe Antwort ſchuldig. 

Zur größeren Sicherheit wollte 
Leopold den Brief felbjt in ben Poſt— 
fajten fteden, der im nächſten Dorfe 
augebradht war. 

Er nahm deshalb die Flinte auf 
den Nüden, pfiff einem Hunde und 
gab fih den Anfchein, als wolle er 
anf die Jagd gehen. Er hatte es in 
leter Zeit auch mit biefer Zerftreuung 
verfudht und war eifrig im Walde 
umbergeftreift, aber troß jeines guten 
Willend und der unermüdlichen Wei: 
jungen des alten Förfterd war aus 
dem früheren Biücherhelden fein tüch— 
tiger Waidmann geworben. 

Es war jo prädtig, mit der 
Büchſe auf dem Nüden in dieſer 
tiefen Waldeinſamkeit herumguftreifen 
und ben Athemzügen zu laufchen, bie 
bier die Natur förmlih leife und 
verfiohlen zu jchöpfen wagte. Dann 
beſuchten wohl die alten Träume feine 
Bruſt, er dachte an das reine, wun— 
derbaxe Glück, das er ftet$ empfunden, 
wenn er fich in feine Welt zurückge— 


gegen gehlüht. — E3 war ftet3 mein |zogen, die fich immer new uud wech— 


höchſter 


und beſeligendſter Wunſch, ſelnd geſtaltete, je nachdem es ſeiner 


27° 


420 


Phantafie gefiel. — In der Wirk: 
(ichfeit war Alles feftitehend, unbe: 
weglih; wie viel Mühe foftete es 
nit, nur ein Stüd unbedeutenbes 
Land in einen Garten zu verwandeln. 
— Mo bisher jeine Heimat gemejen, 
da entjtand Alles mit einem Zauber: 
ichlage und war jo unvergänglid, — 
wie jedes Seal . . 

Kein Wunder, daß der ehemalige 
Dichter nur jelten aus der Traum: 
welt ſich ermunterte, um irgend ein 
Wild zu erlegen, das ihm jhußgerecht 
in den Weg lief. 

War dann feine Jagd ganz ohne 
Erfolg geweſen, juchte er gewöhnlich 
noch den alten Förfter auf, der ihm 
irgend eine Jagdbeute heimlich in die 
Taſche ftedte, damit fein Herr wenig: 
jtens nicht ganz leer nach Haufe kam, 
und von Ferber ließ es ſtillſchweigend 
gejchehen. Heute war Leopold, nad): 
dem er jeinen Brief fortbejorgt, mehr 
als je der Wirklichkeit entrüdt; — 
er juchte die ftillften und einjamiten 
Plätze des Waldes auf und er dachte 
nicht einmal auf dem Heimmege daran, 
ih durch den alten Förfter feinen 
leergebliebenen Yagdranzen füllen zu 
lafjen. Wie immer empfing ihn feine 
Battin an ber Thür und hieß ihn 
mit ihrem gewohnten Lächeln will: 
fommen. Sie gewahrte wohl in neue: 
jter Zeit feine wachjende Verftimmung ; 
aber die junge Frau ſchrieb dieſelbe ande: 
ven Urſachen zu, dem fie war ſich 
bewußt, daß ihre Benehmen ihrem 
Marne nicht die geringite Veranlaſ— 
fung zum Trübfinn gab, zeigte fie 
ihm doch jtet3 dasſelbe frifche Naturell, 
dieſelbe harmlofe Heiterkeit, die ihm 
jeit der erften Stunde ihrer Belannt- 
haft jo unendlich wohl gethan. 

Mit ihren ſcharfen Augen bemerkte 
fie fogleih feine leere Jagdtaſche. 
„Richt einmal ein Rebhuhn?“ fagte 
fie ſcherzend. „So fehl haft Du ja 
noch nie getroffen.“ Der ehemalige 
Scriftfteller dachte daran, daß fie 
gewiß anderer Meinung fein würde, 
wenn fie von feinem ausgezijchten 


Drama Kenntniß gehabt; aber er ver: 
ihmwieg klüglich, was ihm unwillfür- 
lih eingefallen war und entgegnete, 
den Scherz erwibernd: „Man darf 
nicht in Allem Glück haben“, und er 
ſchenkte feiner Frau einen freundlichen 
Blick. 
Gerade, weil er ſelbſt fühlte, daß 
er im Begriff war, dieſem liebens— 
würdigen Geſchöpf heimlich Unrecht 
zu thun, das ihm die gleiche Herz— 
lichkeit entgegentrug, mochte ſein Be— 
nehmen ſein, wie es wollte, drängte 
es ihn heute, ihr wenigſtens ein an— 
erkennendes Wort zu ſagen. Und ſie 
war dafür ſo dankbar! 

Auf ihrem hübſchen, friſchen Ant— 
litz ſpiegelte ſich die Freude wieder, 
die ihr ſeine Entgegnung gemacht, ſie 
reichte ihm nochmals die Hand: „Ja, 
Du haſt Recht, wir haben für uns Beide 
Glück genug und brauchen nach nichts 
weiter auf der Welt zu fragen.“ Sie 
zeigte deutlich die Zuverſicht einer 
Frau, die des Herzens ihres Gatten 
völlig ſicher iſt — und merkwürdig 
genug, dies Auftreten verſtimmte ihn 
wieder. Wie kam ſie dazu? — War 
ſie denn davon ſo ſehr überzeugt, daß 
ſie alle Eigenſchaften beſaß, die einen 
Mann, wie ihn, auf die Dauer feſſeln 
konnten? — Was wußte ſie, wie viel 
und wie ſtürmiſch es in ſeiner Bruſt 
auf und nieder wogte, welch' zweite 
Welt noch immer ſeine Seele umſchloß, 
von der ſie nicht einmal die leiſeſte 
Ahnung hatte ... 

Auch heut beim Abendbrot drängte 
ſich ihr Geſpräch wieder um die all— 
täglichſten Dinge — und damit glaubte 
die gute Frau ihn angenehm unter— 
halten zu haben. Und während ſie 
wie immer Wirthſchaftsgegenſtände mit 
ihm beſprach, wurde er den Gedanken 
nicht los, in welche Schwingungen die 
unbekannte Briefſchreiberin ſein Herz 
verſetzt haben würde, wenn ſie, ſtatt 
dieſer ſchlichten einfachen Frau an 
ſeiner Seite geſeſſen. 

Das eheliche Zuſammenleben mit 
einer Frau, die für Literatur und 


Poeſie auch nicht das mindefte Inter: als bis fie feine Gründe zu dieſer 
eife hatte, war doch weit langweiliger, | Weigerung erfuhr, mußte er ſchon 
als er e8 je für möglich gehalten. | mit dem Bekenntniß herausrüden, daß 
Daß er ſelbſt den Geiprächsftoff be |ihm jede Berührung mit Leuten vom 
ſchränkt und durch feine Abneigung | Theater verhaßt jei. 


gegen Bücher und Schreibereien in] Immer wieder dieſelbe Abneigung 
ihr die Meinung erzeugt, fie müſſe gegen alles, was ſich auf Kunft und 
ihm zu Liebe dieſe Anſchauungen oefie bezog! — Aber, warn wäre 
theilen oder fich wenigſtens biefen Anz | 23 nicht einer Eugen, liebenswürbigen 
ſchein geben, fiel ihm nicht ein. Er rau gelungen, den nod fo feiten 
war überzeugt, in Emma eine Fran | Entichlug des Mannes wanfend zu 
zu befigen, beren ſchlichter, einfacher | machen! Auch Emma verftand fo lange 
Sinn aller Bücherweisheit wiberftand, zu fchmeicheln und zu bitten, bis Leo- 
und fie hinwiederum wurde immer holds Widerſtandskraft gebrochen war, 
mehr in der Meinung beftärkt, daß Er willigte endlich in die Reife, unter 
fein Haß gegen Alles, was Literatur der einen Bedingung, daß ihn fein 
bedeute, unaußrottbar fei. künftiger Schwager und deſſen Anhang 
Ihre zweitältefte Schweiter vers | mit allen äſthetiſchen Geſprächen ein- 
mählte fih mit einem höheren Beam: für allemal verfchonen wollten. 


ten des Dresdener Theaters. 
Als fie ihrem —— die Einla⸗ Von den Brautleuten kam die Zu— 


IR «+, fiherung ein, daß man gemwillenhaft 
* — Rn u den Wunſch erfüllen würde, ſchon um 
ihrer Wunſche ablehnend. Er wollte das Vergnügen zu haben, dieſen Sohn 
unter feinen Umftänden der Feier bei: der Wildniß kennen zu lernen. 
wohnen, und da fie nicht eher rubte, (Schluß folgt.) 


Reiſch. 


Ein Bild aus dem Herzen des Volkes von 
P. R. Roſegger. 


Jetzt biſt du noch in Sorgen und in Kummer und Drangſal haben ge— 
Kummer; in einer Stunde wirſt du lebt. Das iſt bisher dein Lebenslauf 
fröhlich fein. Jetzt biſt du noch de: geweſen. Aber heute — Maria Stein: 
miüthig und mußt dienen; in einer | wenderin — heute ift dein Mann nach 
Stunde wirft du bereichen. Jetzt bift | Landeel gegangen, um befjere Zeiten 
du noch arm — in einer Stunde wirft | heimzutragen in bein Haus. Geld wird 
du reich jein. Gutes Weib, liebe Maria er bringen, viel Geld, jo Lafterhaft 
Steinwenderin, wie ift dir um's Herz? | viel Geld, daß du jetzt Schon anfängft, 
Dein lebelang haft du Feinen laften= dich vor der Hölle zu fürchten, bie 
freien Tag gehabt; ſchwer arbeiten nach der Bibel reichen Leuten fo ge- 
vom frühen Morgen bis in den fpäten | wiß ift. 

Abend und dann die müden Hände Zwölf Wochen mögen nun aus 
erſt aufheben zur Bitte um's tägliche | fein, oder gar ein Vierteljahr — mie 
Brot. Und vor dem Einfchlafen die | doch die Zeit vergeht! — ſeit du das 
Angft, deinen Kindern könne es einft | geftridte Gelblädlein gefunden haft. 
noch ſchlechter gehen, als dir, und im | Unten auf der Innbrücke mwar’s, und 
Schlafe träumen von beinen verftor: | juft zwiſchen zwei Balken iſt's gelegen, 
benen Vater und Mutter, die wie du |und wenn die Balken um ein nabel: 





422 


ſpitzbreit weiter auseinander geweſen daß ſie es gar nicht wagte, in das 
wären, ſo wäte das Säcklein in's Städtchen zu gehen, um ſich von ihrer 


Waſſer hinabgefallen. 


Es war nicht Enuttäuſchung zu überzeugen. Dajchleppte 


gar dick, ei zuſammengerunzeltes Hei: | ſich ein Dörchergeſpann bes Weges, 
ligenbilbchen war drin — der heilige | das die Bauernhäufer und Kleinhäus: 
Jakobus — und vier Zehnkreuzerſtücke. ler abbettelte und ablauerte, ob nicht 


Als wie wenn es glühende Kohlen 
gemwejen wären in deiner Hand, jo bift 
du mit dem Fund in ben Pfarrhof 
gelaufen und dreimal ift’3 verfündet 
worden auf der Kanzel: e3 wär’ auf 
der Stubener Innbrücke ein Geldjädel 
gefunden worden und der Verluftträger 
möge e3 im Pfarrhofe abholen. Ber: 
wunderlich! ’8 ijt Niemand gefommen 
um bas Geld und dasſelbe ijt der 
Maria Steinwenderin al3 Eigenthum 
anheimgeftellt worben. 

Darauf hat fie eine ganze Nacht 
nicht Schlafen mögen, hat fimulirt, was 
fie denn anfangen ſollt' mit dem Fund, 
daß er ihr am beften gebeihe und auch 
der armen Seele des Berluftträgers 
noch zugute fommen möge. Und ba 
— wie jhon der Hahn das erftemal 
fräht draußen in der Lauben, fält 
ihr jählings ein, daß der heilige Ja— 
fobus, der beim Gelb gelegen wäre, 
ein Batron für die Lotterie ift. Ordent— 
ih einen heißen Stich gibt’3 ihr im 
Herzen; ja, in die Lotterie jegen will 
fie die vier Münzen und das wird zum 
Glücke fein. Sie betet noch ein Vater: 
unjfer und dann will fie einjchlafen, 
da ift jhon die Zeit zum Aufitehen 
und fie muß die Steine abtragen von 
des Nachbars Kornfeld. Und am Sonn: 
tag, wenn ihr Mann heimkommt von 
der Holzarbeit und bie zwei Kinder 
hütet, geht die Marie nah Lande 
und jet drei Nummern — mie fie 
ihr zufällig in den Kopf kommen — 
in die Lotterie. Sie hat jo große Hoff: 
nung auf den Gewinn, daß fie den 
Kindern zwei Lebkuchen kauft und ihrem 
Manne neue Schuhriemen und, weil 
fie immer noch Geld in ber Taſche 
hatte, auch einen großen Weder. Je 
näher aber die Zeit der Ziehung kam, 
deſto Eleiner wurde die Hoffnung und 
am legten Tage war fie jo muthlos, 


irgendwo etwas heimlich zu erhajchen 
wäre und das den Leuten die Nummern 
angab, welche bei der nädhften Ziehung 
herauskommen müßten. 

Die Maria Steinwenderin ſchenkte 
dem Gefindel ein paar Stüde Brot 
und fagte, um neue Nummern wär’ 
ihr nichts, aber die zuletzt herausge: 
fommenen möchte fie wiſſen. 

„Kahn ja gern fein, Bäuerin“, 
gab ein altes Fraulein zur Antwort 
und holte mit den erdfalben Fingern 
ein PBapierftüdchen aus ihrem Wanber: 
buche, „derlei heißt Eins fort mit, 
wenn man aus ber Stabt geht. Sind 
brühwarm, find erft geftern heraus: 
gekommen.“ 

Die Maria griff nad) dem Papier, 
ſah, las die Ziffern und erjchraf fo 
heftig, daß fie fih auf die Bank ſetzen 
und das Fraulein bitten mußte, es 
möge ihr die Gutheit thun und ein 
Schöpfel friſch' Wafler holen vom 
Brunnentrog. 

Die Ziffern, mit wiberfpenftigem 
Dleiftift von der ftarren Hand einer 
Bettlerin auf das zerfnitterte Löſch— 
papier geftigelt, jagten der Maria, 
daß fie rei war, daß fie wohl — — 
jett mußte das Weib auf die Bank 
ſinken — wohl an die taufend Gulden 
baar -in der Stabt liegen Habe, bie 
ihr und ihrem Manne und ihren Kin- 
dern alle Noth ein Ende machen foll: 
ten. — Weiter konnte fie nicht mehr 
denken, bis das Wafler fam. Unb 
während fie, die Elbogen zitternd auf 
die Knie geftemmt, trank und abjeßte, 
um tief Athem zu holen und wieber 
trank — trottete das Dörchergeſpann 
träge davon. 

Und noch an demſelben Tage hat 
fie in's Holz zu ihrem Manne geſchickt, 
er ſolle Alles liegen und ftehen laſſen 
und eilends heimkommen. 


— 


„Na, in Gottesnam'!“ ſagte der 
Gatte, als er die Botſchaft hörte, 
„jetzt kann ich mich zuſamm'halten, 
jetzt iſt daheim was geſchehen. — Das 
Haus ſteht noch?“ fragte er den Boten. 

„Warum ſoll's denn nimmer ſtehen?“ 

„Hat mein Weib ſelber mit Dir 
geredet?“ 

„Sie hat mich ſelber geſchickt.“ 

„Und hätteſt auch noch einen klei— 
nen Buben geſehen?“ 

„Zwei Bübeln — recht flinke, 
ſaubere Bübeln — ſind vor der Thür 
herumgelaufen.“ 

„Hui!“ jauchzte der Holzer auf, 
„ſonſt kann's ſein, was es will!“ und 
eilte nach Hauſe. Daß anſtatt dem 
großen Unglücke ein großes Glück da 
war — wie hätte der arme Mann 
daran denken können! 

Als er vernahm, ſie hätten einen 
Terno gemacht, faßte er ſein Weib 
mit beiden Armen um die Mitten und 
rief: „O du ſakriſche Mirzel!“ 

Dann verglichen ſie die Nummern 
mit denen auf dem Setzſchein und es 
waren dieſelben — das Glück war 
verbucht. 

Und am Tage darauf ging alſo 
der Holzer Simon hinaus nach Landeck. 
Er nahm einen ſchweren, knorzigen 
Weißdornſtock mit ſich, er ſchliff ſich 
noch das Tiſchmeſſer, das ſonſt zum 
Brotſchneiden war und fledte es in 
den inwendigen Rodjad, denn das 
wußte er, wer Geld hat, der muß auch 
Mehr haben. Als er fortging, ftolperte 
er noch über ben holperigen Fußboden 
ber Vorfammer und brummte lachend: 
„on verfluchtlete Keiſchen, du alte, von 
dir laß ich mir Schon lang noch feinen 
Fuß brechen!“ 

Und nun verging im Haufe der 
Bormittag und die Maria zählte die 
Stunden auf ber wurmftihigen Wand: 
uhr bis zur Rückkehr des Simon. Die 
Uhr Hatte mit ihrem hölzernen Zeiger 
fünfzig Jahre oder mehr herabgemeſſen, 
aber mit dem heutigen Tage wollte 
fie nicht fertig werben. Jetzt war's 
um zwei Nachmittag. Die Maria hatte 


ein gutes Mittagefien fertig, das fie 
auf dem Herde forgfältig mit einer 
umgeftülpten Rochpfanne zubedte. Sie 
aß jelbft feinen Biſſen davon, mit ihm 
zufammen wollte fie heute Mahlzeit 
halten und in einer Stunde konnte 
der Simon ba jein. 

Aber das Glück — weil's ch fo 
jelten fommt — muß man höflich em: 
pfangen. Zuerſt warf die Maria ihre 
rauhen beflidten Werktagskleider weg 
und 309 was Beſſeres an. Dann wuſch 
fie den beiden Knäblein Geficht und 
Hände und verfah diejelben mit frifchen 
Hemdchen. „Müßt nicht ſchlimm fein 
heut”, jagte fie, „es kommt ja das 
Geld !” 

„Sit das Geld brav?” fragte ber 
fleinfte Knabe, der in feinem ſchnee— 
weißen Hemdchen auf dem Strohpolfter 
ſaß, mit feiner zarten Hautfarbe ſchon 
jegt anzufehen mie ein Herrenfind, das 
nur zufällig in die Holzerhütte gekom— 
men fein mochte. 

„Ja freilih, Tonel“, antwortete 
die Mutter, von freubigfter Hochſtim— 
mung getragen, „das Geld ift wohl 
brav. Wifjet Kinder — geh her, Sepple, 
und je’ Dich da auf die Bank und 
[aß mir das Fingerfugeln fein! — 
jest Tofet einmal zu. Wenn der Vater 
mit dem Geld fommt, nachher kaufen 
wir das Hochbrunnerhäufel, wo wir 
geftern oben geweſen find.“ 

„Und den Taubenfobel auch dazu?” 
fragte der größere Knabe. 

„Freilich Sepple, auch den Tauben: 
fobel dazu. Und nachher kauf ich euch 
ein ſchönes Gewandel, wie bie Schlag: 
wirthbuben haben und nachher gehſt 
mir mit dem Schlagwirthbuben in die 
Schul’, Sepple, und lernt was und 
fommft nachher gar auf Sprugge und 
fannft ein Pfarrer werden. Wirſt aber 
jauber jein, wenn Du in ber weißen 
Pfaid prebigen thuft und nachher mußt 
für Deine Mutter jhön eine Meh’ 
lefen —” 

„And wenn Du ftirbit, fo werde 
ich Dich einjprengen” (einfegnen), fagte 
ver Kleine. 


424 


Sie lachte über den Einfall des wird er jagen, der Sepple hat ch 
Kindes, doch das war doch ein Dämpfer | feinen Finger im Maul.“ 
gewejen und fie brad die weiteren Da 309 der Junge feinen Beige: 
Schilderungen von ihrem fünftigen | finger aus dem Mund, ballte bie 
Pfarrer ab. Hand und ftedte fie rajch in die Ho- 

„Herentgegen du, Tonel“, fagte ſentaſche. Ging aber nicht lang ber, 
fie aber zu dem kleinſten Knäblein ſo fand er ben Finger wieber zwi— 
„Du wirft nachher Schön daheim blei- | Then den Lippen ; ganz von jelber und 
ben, wirft Dein’ Vater und Mutter | ohne daß es der Sepple gemerft hatte, 
haufen helfen und in zehn Jahren | war er hineingefommen, dafür bif der 
mögen wir leicht einen großen Hof Junge jegt die Zähne darüber zujam: 
kaufen, den Thalfchlöfferhof, weißt, men, um ben Ungeberbigen zu ftrafen 
wo der große Kettenhund ift.“ * age > * — 

gang | Finger ihm jetzt ſelber weh tha 

— - — Die Maria Steinwenderin aber 
graute vor dem Kettenhund, der ihm hub nun an, zum Fenſter hinauszu: 
in Erinnerung war, weil derſelb' vor guden. Der Simon fonnte ſchon ba 
etlichen Tagen, als er mit bem Water ſein oder fie follte ihn für's wenigit 
am Hofe vorbeigefommen, fo ſchauder dort über bie Grabenwieje berangehen 
haft bös gebellt hat. ſehen. — Im Schlagwirthshaus unten 

Mein’s Närrle Du!“ rief bie wird er vielleicht ein halb Stündlein 
Mutter, „wenn Du Bauer auf ben | Fraken. — * — — 
Toalihlfferher hit, mitt ion ft) her fang’ Beit sr wicht file, das 
fein, wenn Du einen jcharfen Ketten: veiß ich nr fo möcht” er Schon da 
hund haft. Der Thalfchlöfferhofer Hat... 3 ab he: 
piel Sachen, ba find bie Gehelm’felt, — Mens mans aber vecht be 
(Diebe) nit weit. — 9a, Büble aber dentt, fo fann er noch nicht leicht da 
halt’ Mill, daf ich Sir Es Raible fein. Das Geld werben fie ihm nicht 
fann eintnöpfeln! Du magft doch nit — Be cu — a eins 
a ae a Sa Sen arten (nen, Genen); ba ie 
Zhalictöferhofbaner” Hit, wirft jon | Ing zu Ahım ein ab alle Ge 
gemwetten (eingeipannt) werben. Alle ichrift ausgeitellt werden müffen, 8 


Kammern voll Korn und alle Ställ' gsi Mo: 
— iſt kein' kleine Sach'. Oder zuletzt hat 
voll Küh und Dchfen wirft haben, die Lotterie gar nicht einmal fo viel 


Lämmle auch! Freilich Lämmle aud). ir , : 
Und Dienftknechte wirjt haben müſſen ae — pol —— 

und Mägde, daß es nur ſo ſtaubt 
‚| nur nicht überdöppeln (übervortheilen) 
im Hof. Nachher bift angejehen weit | fügt und da wir Alles kriegen, was 
und breit, und nachher mußt Dir ein | „ng gebührt! — So fimulirte das 
Weib Heiraten —" Weib, und es waren ſchon neue Sor: 
‚ „And nachher Eriegft Du kleine gen da, bevor noch das Geld Fam. 
Kinder“, ergänzte der Sepple mit — Daß ihm unterwegs nur nichts 
ernithaftem Kopfneigen. Böfes begegnet fein wird! dachte fie 
„Ja, und Du laß’ lieber das | weiter, es gibt allerhand fo Leute auf 
Fingerjugeln fein!” mahnte die Mutter |der Straßen, und daß Einer in ber 
den Größeren, „weißt, was ber Vater Lotterie was gewonnen hat, kommt 
jagen wird, wenn er heimfommt und |gleih auf. — Nein, ’3 iſt ja ber 
einen Zebzelten (Lebkuchen) mitgebracht | helllihte Tag. Wenn au; den Holz: 
hat? Den geb’ ih allen dem Xonel, | meifter haben fie auch beim helllichten 


— —— — — — — ñ — —— — — — 


425 


Tag in's Maffer geworfen und haben 
ihm das Geld mweggenommen, mit 


dem er hätt’ follen die Knecht aus: 


zahlen. Vor einem Jahr wird’ ge: 
weien jein, und bie Leut’ find heut’ 
auch nicht befler, wie dazumal und 


Maria, da jchrien die Kinder: 
fommt das Geld!” und polterten ber 








‚trat 


„seht 


Thüre zu. Dieje ging jehärfer als 
gewöhnlich auf und nicht ganz ohne 
Gefahr für die Kleinen. Der Simon 
herein. Wortlos jchob er die Kin: 


das Gefindel wird allerweil mehr auf|der von feinen Knien weg, fchritt 


der Straßen. 


dann jchwerfällig über die Stube, zog 


‘Immer tiefer dachte fie fih in feinen Janker aus und warf ihn auf 


die Angft hinein. Da rief der Sepple, | die Bank hin. 


der auf ber Bank kniete und zum 
Fenfter hinauslugte: „Der Bater geht 
über die Grabenwieſen!“ 

„Du machſt wieder ein’ Poſſen!“ 
rief die Mutter, als wollte fie die 
Kunde erft nicht glauben. 

„Sa, und aufrichtig Gott wahr, 
er geht über die Grabenwieſen!“ 

Die Marie ſah es nun jelbit. 
Mit großen, aber jehr Tangjamen 
Schritten ftieg der Simon über den 
weichen Moorgrund, wo bie und ba 
ein Brett, ein Stein lag, um ben 
Fuß darauf zu jegen. Seinen Stod 
benüßte er als dritten Fuß, auf wel: 
hem er fi bisweilen über einen 
Sumpf oder Wafjergraben ſchwang. 
— Iſt fo viel wie gar fein Meg, 
da von der Straßen bis zum elen- 
digen Steinwenderhäufel. Ein emwiges 
Glück, daß Eins von diefem Grund 
einmal erlöft wirb. 
zu Boden ſchaut, der Simon, und in 
die Erden hineinlaht! Und nicht ein- 
mal die Pfeifen bat er heut’ im 


Davor erjchraf Die 
Maria etwas. Er hing den Rock ſonſt 
immer hübſch an ben Nagel, wenn 
er ihn auszog, und heute, wo in 
dem Sad die volle Brieftafche ftaf, 
follte er's ſchon ganz beſonders thun. 
Der Simon wird doch von denen 
Keiner jein, die leichtfinnig werben, 
fobald fie Geld haben! Nein, das 
nicht, ein Seitel getrunken bürft’ er 
haben — das macht nichts, jegt wirb 
er fih wohl was vergunnen bürfen. 

Der Simon, ben Hut noch auf 
dem Kopf, etwas in's Geſicht herein- 
geichoben, ging in der Stube fo hin 
und ber, griff ein um's anberemal 
auf die Leiften hinauf, als ob er was 
fuchte, fuhr fih dann mit den Hemd— 
ärmeln über das rauhe und geröthete 
Geficht, wobei er in feinem Schnur: 
barte eine arge Verwirrung anrichtete. 
Dabei fnurrte er gegen die Wand ge: 


— Und wie er|fehrt ein paar Silben, die nicht ver: 


ftanden werben konnten. 
Sein Weib war nicht weit von 
der Ofenbank geftanden und hatte ihn 


Mund. Dem fieht man’s leicht an, ſo von der Seite angejehen. 


daß er ertra was hat. Glaub's gern, 


„Na“, ſagte fie endlich, „jetzt 


ber ift feiner Tag mit Taufendern |rud’ nur aus.“ 


noch nicht viel umgeiprungen. — So 


„Ein höllvermalebeites Glumpert!“ 


war wieder das Denken der Häus- |ftieß der Mann wild Bervor. 


lerin. 


Aber, Sim, was —? wirft 


Als der Eimon von ber Wieſe doch nit! ftotterte das Weib. 


über die Holzichranfe auf den Haus: 


anger hereinftieg, brach er einen Zaun- ſchrie ihr in's Geficht: 


Da wendete er fich gegen fie und 
„Derftunfen 


fteden, daß es krachte, und ſchleuderte und derlogen iſt's!“ 


ihn dann von ſich. — Wie er ſchon 


„Wird leicht doch nicht ſein“, 


übermüthig iſt! dachte Marie, nun, hauchl⸗ ſie. 


wir brauchen auch dieſen alten Zaun | 


gar nicht mehr. 


„Keinen Hunds⸗Kreuzer haben wir!” 


' rief er, „wit eine Nummer ift ba, 


„Jetzt, Kinder, jeid hübſch ruhig, nit eine, die auf unferm hölmentifchen 


jegt fommt das Gelb!” flüfterte die | Fetzen Reht. 


's ift eine angefpielte 


426 


Sad’ ober ’3 ift ein helles Teufels: 
o’ipiel, daß die Nummern, die Du 





Io 


„Der ift Dir niedergebrannt und 
darfft mit einmal Brandſteuer 


Dir von dem Strolchen haft aufſchwatzen Sammeln gehen.“ 


laffen, juft zufammpaßt haben. Aus— 


„Und follten wieder fortradern 


g'lacht haben fie mich, wie ich, der und fortfümmern in der Elendigkeit.“ 


Narr, heut’ Hintrott' und 's Geld 
ze will. Und gemeint Hab’ ich, 
ei der Gurgel paden müßt‘ ich ihn 
auf der Stell’ den Lotteriefchreiber, 
bi8 er mir mein’ Sad’ weiſt. Zum 
G'rathen, daß fie mich nit eingefpert 
haben. Ich fag’ Dir, Alte, eine Beftie 
fannft werden, wenn Du Dir zuerft 
einbildeft, Du hätteſt die Sädel voll 
Geld und ein einzig Wort, ein Rau: 
bermwort, greift Dir hinein und reißt 
Dir's weg. So ein Rauberwort ift 
das gewefen, wie ber Schreiber den 
Feen anſchaut und jagt: Was wollt's 
denn Ihr? Habt's ja nichts errathen ! 
Lump! ſag' ih ihm in's Ge 
fit, weil Ihr meint's, ein Arbeits: 
menſch kunnt fih nit verefentiren 
(vertheidigen), jo wollt's ihm's ab: 
laugnen. a, mie ih jag’, ein 
feines Gfehlt hat's g’habt, daß 
fie mich nit in die Keichen (Arreft) 
ſtecken.“ 

Die arme Maria war blaß ge— 
worden. Sie ſetzte ſich jetzt auf die 
Ofenbank und ſagte kein Wort. Die 
Kinder kamen zu ihr und fragten, 
wo das Geld wäre. Dem Kleinen 
reinigte ſie mit ihrer Schürze das 
Näschen. Und mit derſelben Schürze 
fuhr ſie ſich dann ſelbſt zu Geſichte, 
um anſcheinend ein ähnliches Geſchäft 
zu verrichten, in Wahrheit aber, um 
in die Leinwand zu ſchluchzen. 

„So was halt' ich für das größte 
Unglück“, verſetzte der Simon und 
ging, die Hände in den Hoſentaſchen, 
raſch über die Stube. 

„Iſt es auch“, antwortete das 
Weib, „und oft genug hat der Schlag: 
wirth gefagt: Die Armuth kennſt 
nur, wenn Du einmal reich geweſen 
biſt. Jetzt trifft's uns ſelber. 
Ich hab' mir ſchon den Thalſchlöſſer— 
hof gekauft gehabt“, lachte ſie mit 
naſſen Augen. 


Er blieb vor ihr ſtehen und die 
Fäuſte in den Taſchen machten zwei 
große Anoten an den Hüften: „Weißt, 
daß ih jetzt ein ſchlechter Menſch 
werben kunnt?“ 

Sie ſah ihn an. 

„IH trau’ mir nimmer.” 

„So mußt Halt nicht benfen“, 
ſagte fie. 

„Wenn's mir einmal fo zujeßt, 
daß, wenn Eins ſchon bettelarm ift, 
man vom Herrgoft noch obendrein zum 
Narren gehalten wird — nachher bin 
ih Alles im Stand.” 

„So undrifilih möcht’ ich mir 
auch wieder nicht denken“, ſagte das 
Weib. 

„Ich möcht” auch nicht!“ rief er, 


„aber wenn’s Einen jo überfält und 


der Menſch in den Inn geftürzt ift, 


mit dem ich heut’ unten bei der Kreuz: 
ward zufammenfommen bin —“ 

Sie ſprang von der Bank auf, 
daß das Sepple, welches ihr in dem 
Schoß gehodt war, orbentlih auf ben 
Boden hinabkollerte. 

„Jeſu Ehrifti — Simon !* Freifchte 
fie, „wirft doch nichts angeftellt Haben !” 

„Schon vor dem Poftwirthshaus 
3’ Landeck Hab’ ich ihn ’troffen. So 
ein Stabtherr, der fih vor lauter 
Gutleben in der Stadt gar nimmer 
zu helfen weiß, daß er für nicht3 im 
Gebirg herumfteigt, weil er fein Lebtag 
einmal möcht’ müd' und hungrig werben. 
Mit einem Hunderter hat er den Poſt— 
meifter auszahlt ; hab’3 wohl gejehen, 
hat noch mehr jo Papier gehabt in 
feiner Brieftafchen. Und nachher, wie 
ich fpäter hell verzagt auf der Straßen 
daher geh’, zur linken Hand die Stein- 
wänd, zur rechten das Waſſer, und 
fein Menſch ift weit und breit, als 
wie der Stabtherr, der ein paar Büc;- 
ſenſchuß vor mir hinfteigt, To hab’ 
ih mir denkt: Simon, weil’3 heut’ 


fo jchlecht ausgangen ift und daß bit 
noch verlacht worden bift, dieweil deine 
Elenbigfeit wieder neudings anhebt, 
mag’ einmal ein ander G'ſpiel.“ 

„Simon!“ jchrie das Weib, und 
als wie wenn fie ihn würgen mollte, 
fuhr fie mit den Fingern gegen jeinen 
Hals: „Reb’ mir mit weiter!” 

„Weiß auch nicht3 mehr”, ſagte er. 

„Der lieb’ Herrgott wird Dich be: 
ſchützt haben!“ 

„Auf den hab’ ih nit denkt. — 
Du bift mir eingefallen — die Kin: 
ber —“, bie Stimme verſchlug's ihm. 

„Geh'“, fuhr er dann fpöttifch 
fort, „grimm’ Dich nit um den Stabt- 
bern, der fteigt friſch und geſund 
dem Engabin zu, und Du haft ja jo 
viel einen braven Mann, der läßt 
Weib und Kind fchon noch eine zeit- 
lang Hbungerleiben.“ 

„Vom Hungerleiben ift gar feine 
Red'“, jagte fie, „und wenn wir und 
unfere Kinder in Plag und Kümmer: 
nuß fortleben müffen, fo ift das frei- 
lich wohl bös, dieweils Anderen fo 


Wahr iſts: wer einmal heiratet, der 
begeht ſiebenmal eine Narrheit und 
neunmal eine Dummheit, und gar 
eine Straf’ Gottes iſt's, wenn Bettel- 
leut’ zuſammenheiraten.“ 

So ging’3 zu, und ed mar ein 
rechtes Elend zu diefer Stunde in 
dem fonft jo friedlichen Steinwender— 
hauſe. Der Mann grollte, das Weib 
ihmollte, die Kinder jchluchzten. Der 
Sepple aber, ber fi) gar nicht beru: 
higen wollte, weil er das Böfe, jo 
in’8 Haus eingefehrt war, ſchon ahnte 
— er befam von der Mutter endlich 
doch eine Birne geſchenkt, bie ihm ben 
Mund ftopfen follte. Der Tonel hodte 
in einem MWinfel, nicht3 am Leibe, 
al8 das weiße Hemdchen, das ihm 
zur Feier des Tages angethan wor: 
den mar. Das erwartete Glüd 
aber ließ fich fein entjchuldigen, es 
jei bei Fürften und Grafen gelaben, 
e3 könne nicht kommen, fchide aber, 
da bie alte Armuth denn einmal ab- 
gedankt ſei, eine neue in’8 Haus. — 

An der äußeren Seite der Stuben: 


gut geht, aber day Eins desweg' thür war ein Taſten nach ber Klinke, 


jchlecht werben müßt’ —“ 

„Sei lieber ftill!” fuhr er fie an, 
„wir find einmal für bie Mühfal auf 
der Welt, und dba Hilft fein Neben. 
Du bift auch jo dumm! Hätteſt das 
Geld, das Du haft gefunden, Lieber 
im Sad behalten, anftatt dem Kaiſer 
einzufpielen, der eh genug hat, wär’ 
mir der heutige Tag verjpart blie— 
ben und bie Aergernuß. Das hätteft 
Dir denken mögen, hätteſt ein Tüpfel 
Berftand in Deinem biden Kopf.” 

„Freilich!“ entgegnete fie gereizt, 
„su tobt gern haft mir's glaubt, wie 
ih Dir vom Glück hab’ erzählt. Und 
jegt hätt’ ich bie Schulb! — Geht’3 
weg, ihr Gezücht!“ damit fchob fie 
die beiden Kinder, bie fih an fie ge 
drängt hatten, unwirſch von fid. 
„Euretweg hat man nichts But’3 und 
fein Stündel Ruh’ auf der Welt, und 
letztlich gebt’3 auch Ihr Einem die 
Schuld feiner Tag, wenn’ euch nit 
jo geht, wie's euch thät taugen. — 


ein unſicheres Drüden an berjelben, 
bi3 endlich die Thür ein Hein wenig 
aufging, dann aber wieder langjam 
zugezogen wurde. Dem Kleinen fam 
das jo unheimlich vor, daß er tro& 
Allem von feinem Winkel zur Mutter 
ſchoß. Aber draußen war feine Ruhe 
und an ber hölzernen Thürklinke 
knarrte und ächzte es leiſe, bis es 
dem Simon zu toll wurde. Er trat 
zornig zur Thür, tif fie auf — da 
follerte ein alter Bettelmann, ber fi) 
an ber Klinke geftügt haben mochte, 
über die Schwelle herein zu Füßen 
des Holzers. 

Diefem wäre ber Bettler jehr ge: 
legen gefommen, um an ihm feine 
Wuth auslaffen zu können; aber vor 
Allem mußte der Alte von der Erbe 
aufgehoben werben. That wohl felbft 
das Möglichite, der breithafte Mann, 
um wieder auf die Beine zu kommen, 
aber der ftarfe Arm de3 Simon war 
doch auch möthig. Und als der Holzer 


ſah, wie ihn der Alte mit feinem | Mitleid, den alten Mann bejchaute ; 
abgezehrten, ftoppelbärtigen Gefichte, an ihrem Arm das Fleine herzige 


mit feinen miüben und trüben Augen 
fo traurig und dankbar anblidte, da 
verging ihm alle Wilbheit. 

„Wie närriſch, daß ihr da herein: 
gefallen ſeid?“ jagte er. 

Der Alte blidte ihn an und ant: 
wortete nicht. 

Stand auch ſchon die Marie dba 
und fragte: „Mas wollt Ihr denn? 
St Euch letz geworben, gelt?” 

Er richtete fein müdes Auge auch 
auf fie; mit halbgeöffnetem Munde 
und vorgebeugtem Haupte ftand er 
da und fagte noch immer fein Wort. 

„Mein Gott, Ihr feid ja hell 
nit bei Euch felber !” rief das Weib. 

Da taftete der alte Mann zitternd 
nah ihrem Arm, um fi zu jtügen, 
und mit der andern Hand fuhr er 
gegen den Mund und machte die Gefte 

des Eſſens. 
Sept blidte die Marie ihren Mann 
an und er fi. Nun mußten fie, der 
Greis hatte Hunger. 

Der Simon hieß ihn auf die Ofen- 
banf niederfegen, aber der Alte hörte 
die Einladung nicht, er wanfte wieder 
zur Thür hinaus und vor berjelben 
auf der Wandbank legte er mühevoll 
fein Bündel ab und fette fich mit 
Hilfe ſeines Stodes daneben Hin. 
Mel’ eine Mühſal, ber jelbit das 
Abraften jo fauer wird! 

Das kleine Tonele auf dem Arm, 
das fi feſt an fie jchmiegte, eilte 
die Maria Steinwenderin in die Milch: 
fammer und brachte eine volle Rein 
Milch heraus, von der fie nicht ein- 
mal die Rahmſchichte weggeblajen 
hatte, wie fie fonft ftet3 that, wenn 
fie den Ihren die Gottesgabe auf: 
tifchte. 


tiefer, als fonft. 

Und als die Maria an der Thür 
ftand, an ihrer Seite der neugierige 
Sepple, der an feiner Birne nagte 
und dabei, halb in Furcht, halb in 


Der Simon nahm aus der 
Tiihlade den Laib Brot, ſchnitt ein | fort. 
Stück davon ab und das Meffer ging | 


Knäblein in weißem Linnen, mit apfel- 
rothen Wangen und feinen paar klaren 
Augenfternen — ein engelhaft holdes 
Kindestöpflein, fid an den Mutter: 
bufen jchmiegend, und wie fie, Die 
Maria, in ihrer drallen Geftalt, mit 
zierlich geflochtenem Blondhaar, da— 
ftand und mit einem Angefichte voll 
Milde und Wohlwollen die Milch: 
ichüffel reichte, da blidte der Simon 
nur jo hin. — Und als der alte 
taubftumme, allverlaffene Mann vor: 
gebeugten Leibes mit zitternder Be: 
gier nach der Schüffel Iangte, während 
die blaffen Lippen zudten und aus 
den ftieren Augen ber Hunger gloßte, 
da blidte der Simon nur jo Hin. 

Und während der Greis draußen 
Milh und Brot verfchlang und Maria 
in die Stube zurücgefehrt war, jette 
fih der Holger auf einen Dreifuß, 
hielt die Elbogen auf feine nadten 
Kniee geftügt und ſah zu feinen Schub: 
ipigen hinab. 

„Geh' ber ein wenig, Maria“, 
fagte er nad) einer Weile, ohne auf: 
zubliden. 

Sie ging ganz leife zu ihm, neigte 
ihr Haupt nieder zu dem feinen und 
ſagte: „Willſt mir was, Simon?” 
Ihre Stimme war weich und innig. 

„Maria“, verjegte er und zog mit 
beiden Händen, aber läflig die Riemen 
feiner Bundſchuhe feſter. „Mußt nit 
bös ſein deſſertweg, daß ich ſo bin 
geweſen. Mußt mir die Red' ver— 
zeihen, ſo ſchlecht, wie ich's geſagt, 
hab' ich's nit vermeint.“ 

„Geh', ſei nit närriſch“, war die 
Antwort. 

„Gar verſündigen kunnt man ſich 
mit ſolch gottloſem Zeug“, fuhr er 
„Wenn man's nimmt, möcht' 
wiſſen, was uns fehlt? Sind geſund, 
mögen unſere Sach' verdienen, haben 
unſer Dach und Fach, halten brav 
zufamm’ und haben feine Feindſchaft— 
lichfeiten herum. Naher — Maria — 
ihau Dir einmal die zwei Buben ba 


429 


an. Friih wie's Leben. — Wenn 


früher jo wirt niebergehangen. 


Er 


man’ nimmt und wenn man ben|mwar geftärft. Und als er jah, daß 


alten Haſcher anſchaut da draußen, | die Eheleute auf 


ihn Hinfchauten, 


jo fann man wohl jagen, wir find tappte er mit dem Finger feiner rech— 


nit arm, wir find reiche Leut'!“ 


Darauf antwortete das Weib: 
„Gerad' wie Du's jekt gejagt halt, 
jo hab’ ich denkt, wie ich dem armen 
Manır das Neindl Milch hab’ gereicht. 
Der ijt alt und krank und Hat leicht 
feinen Menſchen auf der Melt, zu 
dem er kunnt feine Zuflucht nehmen. 
Und jein Anliegen, das kann er nit 
jagen, und wollt’ ihn wer tröften, jo 
kann er's nit hören. Halb blind iſt 
er auch Schon. — Der ift arm und 
bob weiß man’s nit, ob er auch un— 
glücklich iſt. Zwiſchen Armuth und 
Unglück liegt ein tiefer Graben, hab' 
ich oft gehört. Und andertheils, wenn 
man bedenkt, daß wir reich ſind, da— 
mit allein wär’ ih noch lang’ nit 
zufrieden. Im Herzen drin muß Einem 
leicht jein — und bas ift mir jeßt 
wieder. Schau’ mich an, mein Simon! 
Belt, Du verzeihft mir das grob’ 
Wort, das ich voreh Hab’ daherge— 
ſchrien, wo ich jelber nit dran glaubt 
hab. Belt’ Simon, 's thut Dir nit 
mehr weh ?” 

Er neigte mit dem Kopfe tief 
hinab, zog die Schuhriemen ganz über- 
mäßig feit zujammen und jah ftarr 
zu Boden. Sie braudt es juft 
nicht zu willen, daß jeine Augen 
naß find. 

Yet ging wieder die Thür auf, 
ganz leife, aber weit, und herein 
Ihaute der alte Bettelmanı und der 
hatte ein ganz anderes Geſicht, als 
das erjtemal. E3 war nicht fo ſchmal 
und blaß, es lächelte und die Augen 
waren viel lebhafter und von der 
grauenden Haarlocke frei, die ihm 


ten Hand auf die linke Seite feiner 
Bruft und zeigte darauf haftig mit 
demjelben Finger nad) oben. 

„Geſegne Euch's Gott!” rief ihm 
die Maria zu, gleichwohl fie jchon 
die Meberzeugung gewonnen hatte, daß 
er taubſtumm war. 

Der Simon fprang auf, rajcher, 
als man es ſonſt thut, will man ein 
gut Werk verrichten, ſchnitt noch ein 
Stüd Brot ab und reichte e8 dem Alten. 

Diefer dankte duch allerlei Ge— 
berden, dann trippelte er auf feine 
Banf zurüd, lud das Bündel auf 
den Rüden, faßte den Stod und wan— 
delte davon. Völlig friſch und munter 
jah er aus, der Beſättigte, aber ber 
Schüfel, die auf der Bank ftehen 
geblieben, war es nicht anzujehen, 
was heute in ihr gewefen jein mochte. 
Nur Kettenhunde fegen fonft die Schüſ— 
jeln jo blank und rein. 

Der Simon hatte dem Alten eine 
Meile nachgeblidt; dann fegte er fi 
wieder auf den Dreifuß, aber mit 
der Miene des Behagend. Dann that 
er einen Pfiff und fagte: „Geht her, 
Buben, wir wollen Ein's hopſen mit 
einand! — Und Du, Mutter, wenn 
Du was zum Eſſen haft, jo bring’s 
herein, jonft krieg' ih Schaben im 
Magen.“ 

Da war fie die gefchäftigfte Haus: 
frau und das glüdjeligfte Weib. Und 
der Simon, als er am Tiſche ftand 
und Brot in die Suppe fchnitt, 
wadelte mit dem Haupte und mur— 
melte: „Du verdangelte Sad’! jet» 
und wär’ ich heut’ bald verrüdt wor: 
den. Eine Schand für die Welt, daß 
der Bettelmann muß reich machen !” 


430 


Aus der Rinderſtube. 


Aus dem Italienifhen des Emilio Praga. Deutid von Bulius Schanj. 
1. 


Er fchlug an jenem Tag die Fenfter auf, 
Und grüßte dankbarfroh der Blumen Düfte, 
Und fah mit Dank zum Yyurblau hinauf, 
Und fprad : Wie lieblich fäufelt ihr, o Lüfte! 
Fahrt wohl! rief er den Schwalben zu mit 
Schalle, 
Fahrt wohl und fegne Bott euch Wand'rer alle! 


Beim Worte Bott durdrann mit fühem Graus 
Die Ehrfurdt ihn und mit geheimem Beben 
Iehovah! Schöpfer! Water! rief er aus, 
Heil Allen, die auf diefer Erde leben, 
Vergangenheit und Zukunft zu vereinen, 
Läßt er ein Unvergängliches erfcheinen. 


Und zu ſich felbft fprad er: Ambroſ'ſche Luft 
Will mir des Herzens tiefite Pforten fprengen ! 
Vertauſendfachtes Glück der Menfchenbruft, 
Ström' ans dich in begeifterten Geſängen. 
Ein Kind, ein Kind, ein Knäblein ift erfchienen, 


Er kam, er fam der Knabe zart und fein. 
Als ein Meſſias in das ftille Häuschen 

3og der erfehnte Freudenbringer ein. 

Im weißen Hemden und im bunten Kräuschen, 
Mit Stidereien links und rechts gezieret, 
Liegt er in feinem Wieglein einquartieret. 


Schon hab’ verſunken in fein fromm’ Geſicht 
Ich jeden fühen Simmelstraum geträumt ; 
Nun glaub’ id an die Engel und das Licht, 
Das ihre Stirn mit Glorien umſäumt. 

Ihr Bücher, lebet wohl; in diefer Stunde 
Hab' ih die Welt erkannt im tiefiten Grunde, 


Was fein Levit, fein Weifer euch enthüllt, 

Erſchloſſen liegt e8 frei vor meinem Blide; 

Die Thräne, die im Aug’ des Kindes ſchwillt, 

It das Geheimniß unferer Gefchide: 

Lebt wohl, ihr Zweifel, ihr geträumten Schmer- 
zen, 


Friſch, kräftig und mit gottgeküßten Mienen. | Ih ſchau und fühl’ und fegne Gott im Herzen. 
II. 


Nun wirft Du gebadet, 
Mein herziges Kind, 
Der Dichter liebt nur 
Mas lieblih und Lind ; 
Das fühe Wunder 
GErfülle die Luft, 

Wie Vehreugefäufel 
Und blumiger Duft. 


Es fei in Gedanken 

Ein Kranz ihm geweiht, 
Doch keuſch und gefällig, 
Doch ſchön und leicht: 
Das Shidfal zu lefen 
Und glüdlid zu fein 
Benüget fein Kuß 

Und fein Herz uns allein. 


Wenn Dornen hohnlachend 
Der Pöbel uns flicht, 
Beihüg’ uns fein Feines 
Unfhuldig Gefidt, 

Und wenn in der Welt uns 
Ein Kranz noch umlaubt, 
So ſchmück' er fein blondes, 
Sein fonniges Haupt. 


Und du, ob du Schidjal, 
Ob Zukunft did mennft, 
Das allein feine Freuden 
Und Thränen Du kennft, 
O blid’ ihn mit heiteren 
Augen nur an, 

Vergold’ ihm wie Yrühroth 
Die duntele Bahn. 


Und ift ihm des Genius 
Stempel verlieh'n 

Und muß mit dem Brandmal 
Des Dichters er zieh'n, 
Dann fehre noch einmal 

Die Zeit des Gefangs, 
Unfterblien, zarten 

Und kräftigen Klange. 


Doch befier, weit befler, 
Wenn einftmal fein Loos, 
Ein friedlihes Häuschen 
Der Ruhe im Schoß; 

Bon Schwalben umniftet 

Zu Shup und Wehr 
Häng's zwifchen dem Himmel 
Und zwiſchen dem Meer, 


Barum mein Knabe, 
Barum fo bleid ? 

Was blidet Dein Auge 
So blau und fo weid, 
Das nie ein Schleier 
Des Zweifel umfing, 
Stets nad) des Himmels 
Azurenem Ring ? 


Blid’ nicht fo ſchmachtend, 
Lieb Knabe mein, 

In jenen Baldadjin 
Gottes hinein, 

Denk' nicht in’s Ienfeits 
Von mir zu flieh'n, 

Wo nur die Todten 
Hinüber zieh'n. 


Schau’ nit in den täufchenden 


Spiegel hinein, 


Eing', plaud’re, mein Knabe, 


Du fingft ja fo fein! 

Auch ih, o mein Knabe, 
Auch id), fieh her, 

Erhebe mein Aug’ 

Zu den Wolken nicht mehr, 


Flieht, Wolken, geh auf 
Du azurenes Licht, 

IH ſchau nur allein 

In Dein ſchönes Geſicht! 
Eeitdem id Did) wiege 

An diefer Bruft, 

Steigt wieder zu mir 


Paradiefifche Luft. 


Dein zartes Geficht 

Mit dem goldenen Haar — 
Es gibt feine befjere 

Bibel fürwahr, 

D'rauf niederzulegen, 
Wenn Zorn uns durdhbebt, 
Die Hand, die bereits ſich 
Bur Rache erhebt. 


Dein zartes Geſicht 

Mit dem Näschen darin, 
Geformt wie ein Blättlein 
G'rad wie der Jasmin, 


431 


E 


Mit jenen rofigen 
Wänglein klein, 

Wie die Mimofe 
So zart und fein. 


Wenn auf dem Schoße 
Der Mutter Du 

In feligem Schlummer 
Dein Aug’ ſchließeſt zu, 
Und wenn im Traume 
Du fhüttelft den Kopf 
Wie ein Alter, der träumt 
Vom Nahtmüpentnopf; 


Wenn übereinander 
Die Aermchen gededt, 
Die keinen Händchen 
Breit ausgeftredtt, 

Aus Deinem Bettchen 
Du ſchaueſt nad) mir, 
Als ftünd’ ohne Kappe 
Ein Mönd vor Dir: 


Dann tauchet empor 

Die Erinnerung fo gern, 
Dann fhweif ih und fuche 
In dümmernder fern’ 

Und ſuch' den Verbannten 
Und find’ ihm zulept, 

Den Knaben, den Iüngling, 
Den Bater anjept. 


Ih find’ ihn: befchäftigt 
Im Geift auf dem Land, 
Steht er an den ſchwarzen 
Schiefer gebannt,*) 

Ih feh mit der Schweiter 
Zur Besper ihn geh'n 
Und in der Taſche 
Brotfügelchen dreh'n, 


Anftatt zu beten 

Den Roſenkranz; 

Ih ſah ihn verkläret 
Bon Beifall ganz, 

As vor deu Seinen 

Er zog an das Licht 
Sein erftes, den Glocken 
Abgelerntes Gedicht. 





*) Un die Schreib und Redpeutafel 


Sch ſchwör' es den Menſchen 
Und ſchwör' es zu Gott, 
Daß dankbar ich ſegne 

Den Haß und den Spott, 
Die jemals im Leben 

Den Pfad mir umranft, 
Wie einem alten 

Freunde man dankt. 


Mein Knabe voll Unſchuld, 
Du Gottcreatur, 

Wachſ' auf und belaufche 
Das Herz der Natur, 
Wachſ' auf zu reiner 
Freuden Genuß, 

Dem Herzen entitröme 
Dein leberfluß. 


In die Schule gehen 

Zum Wald wir hinaus: 
Bon Blumen und Blättern 
Und Wogengebraus, 

Auf Höhen und Tiefen 
Hallt wieder dort 

Bis in den Himmel 
Hinauf mein Wort. 


Bwei echte Poeten, 

So ſtolz als ſchlicht, 
Begehren Pedanten 
Und Pfaffen wir nicht. 
Zum Teufel fahre 

Die Heuchelei, 

Wir glauben und lieben 
Allein und frei. 


IV. 


Zur Abendftunde, wenn die Bloden ſchweigen, 
Singt dem Gemüthe, das nad) Ruh’ begehrt, 
Der Frieden und die Liebe ihren Reigen. 


Müd' ift der Mann vom Tagwerf heimgefehrt, 

Des MWeibes Aug’ von feuchtem Glanz; um- 
ſchwommen, 

Ein gold'nes Kirchlein iſt der traute Herd. 


Indeß die Flamme lichterloh entglommen, 

Wächſt und berabfintt, kämpfend mit der 
Selle 

Des Mondeslicht's, das till herbeigefommen: 


Indeß der ſchwarze Kater an der Schwelle 
Geheimnißvoll in tiefem Traume ruht, 
Als rüd’ er niemald mehr von diefer Stelle: 


Steig’, wie ein Taucher in die Meeresflutb, 
Ich in das Herz, das mir ein Bott gegeben, 
Mein athmend Kind, es fhläft fo fanft und gut, 
Zeigt mir den Weg, den Perlenfhaß zu heben. 


V. 
Memento. 


Ach läge nicht die Ahne längſt im Grabe, 


Ihr Hügel ſehnet ſich nach Deiner Wiege, 


Wenn fie noch, die zuerſt geliebt ich habe, Komm, laſſ' uns geh'n und ſehen wo fie liege. 


Sid wie vor Zeiten unter ums bewegte, 
Was müßte das ein Glüd fein, wenn ich legte 
And Herz ihr diefe junge Liebesgabe. 


Was wäre das ein Jubeln und Frohloden, 
Ihr Silberhaar und Deine blonden Loden, 
Dein Haar von Gold zu ſchau'n mit ihr im 
Bunde ! 
Wie müßt’ mein Knabe lächeln froh erſchrocken, 
Lebt! unf're Urgrofmutter noch zur Stunde. 


Sei ftill, mein Kind, wenn ich im Arm did) wiege, 
Und lerne feſt mir in das Auge ſchauen, 
Denn ein Geheimnik will ich Dir vertrauen : 





Hier ift das Grab der Bütigen bereitet, 

Die liebevoll und ſchweigend mid) begleitet, 
3og ich im Geift zu fernen Länderftreden 
Mit frifhem Winde, der die Jugend leitet, 
Goldland und Perlenküften zu entdeden. 


Im Ocean, in weiter, weiter Ferne 

Auf meiner Weltfahrt arg verfchlungnen Bahnen 

Liep mehr als Gold und Perlen Dich das 
Mahnen 

Des eignen Herzens jene Heil'ge ahnen, 

Mein Kind, glei einem ſchönen Zufunfts- 
fterne. 


433 


Sie legte fih in's dunkle Arab danieder, 
Und nimmer aus der falten Erde wieder 
Mird fie empor an's Licht des Tages fteigen: 
Ein neu Geſchlecht ließ hier im Haus fich nieder, 
Das einft ihr Tempel war, nun unfer eigen. 


Doch mein Idol ftarb auf dem falten Pfühle 
Richt ganz, umd ihre heiligiten Gefühle, 

Sie wurden nicht im Sarg mit eingefdloffen: 
Eie find ein Schak, der, über das Gewühle 
Der Welt hinaus, auf uns fi ausgegoffen. 


Ich erbte ihn für Dich, mein ſüßer Anabe, 
Dein Herz mit diefer jelt'nen Himmelsgabe 
Bu engelreiher Schönheit zu erziehen. 

Zu jener Schönheit, die nod) aus dem Grabe 
Uns anhaudt in Gefang und Melodien. 


Ich werd’ an Poefie und Schwindſucht fterben: 
Befing' (auch Du, mein fünftiger Rhapfode 
Weißt dann, wie Liebe raſch oft geht in Scherben!) 
Großmütterlein und mich in Einer Ode 
Und Bott wird mir auch gnädig fein im Tode. 


Die lebte Gabe. 


„on der Veranda’, eine dichterifche Nachlefe von Anaftafius Grün. (Brote'jche 
Verlagshandlung, Berlin). Beſprochen von R. 3. Schröer. 


In dem vorliegenden Büchlein er: 
halten wir eine Gabe, wie fie nicht 
jede Meſſe bringt. Das Vermächtniß 
eines großen Mannes, der rein wie 
ein Lichtftrahl fein ganzes Leben Hin- 
buch der Mitwelt vor Augen geftan- 
den. Wie jchmerzlih empfinden wir, 
daß es ein Vermächtniß if. E3 war 
nit dazu beftimmt. Schon im April, 
an feinem 70. Geburtstage, follte das 
Buch erſcheinen. Aeußere Umſtände 
haben die Veröffentlichung hinausge— 
ſchoben und der Tod hat inzwiſchen 
den Dichter ſelbſt uns plötzlich, uner— 
wartet entriſſen! Er ſollte das Büch— 
lein nicht mehr erleben, ſollte nicht 
mehr ſehen, welchen Eindruck es her- 
vorbringt! — 

Ich hatte das unſchätzbare Glück, 
ihm perſönlich näher zu ſtehen und 
ich kann nicht umhin, bei ſeinen Ge— 
dichten ſeiner Perſon zu gedenken. 
Auersperg dachte von ſeinen Dich— 
tungen ſo beſcheiden, daß ich nicht 
ſelten überraſcht war über ſeine Aeuße— 
rungen. Ich fragte ihn wiederholt: ob 
er denn feine zerſtreut in den Sour: 
nalen erjchienenen Gedichte nicht in 
einer Geſammtausgabe erjcheinen Laffen 
werde, ober aber fie bei einer neueren 
Ausgabe feiner Gebichte nicht einzu: 
reihen gedenke? Jedesmal ermiberte er: 
er wiſſe denn boch nicht, ob er daran 


denfen jolle. Viele, dachte er, wären 


Hofeggers „„Geimgarten‘‘ 6. Heft. 


doch ſchon veraltet; und fie einzu— 
reihen in die „Gedichte“ jchien ihm 
ein Unrecht gegen die Abnehmer ber 
früheren Ausgaben! — Wie angenehm 
war ich daher überrafht von einem 
Briefe vom 5. März 1875, in dem 
er mir fchreibt, daß er doch mun ben 
Gedanken ventilire eine Nachlefe von 
Gedichten zufammenzuftellen, ja, in dem 
er jogar mir einen Fleinen Antheil an 
diefem Entſchluß freundlich zufchreibt. 
Schon in einem Briefe vom 13. Fe 
bruar 1875 hatte er mich mit war» 
men Worten erfreut, mit denen er 
mein Buch: „Die deutiche Dichtung im 
19. Jahrhundert (Leipzig 1875)” be— 
urtbeilte, und den 5. März überraſchte 
er mich nun mit ber Mittheilung, daß 
das Buch für ihn eine praftiiche Be: 
deutung gewonnen habe, Ich hatte 
gefagt „Teine Gedichte veralten nicht”, 
und das veranlaßte ihn, allen bis: 
herigen Bedenken entgegen, die Gedichte, 
die in der Sammlung nicht enthalten 
find, doch zufammenzuftellen, um fie 
mir gelegentlich mitzutheilen, mit ber 
Aufforderung, ſie einer rüdhaltslojen 
Kritik zu unterziehen. Wirklich erhielt 
ih im Sommer 1875 das ganze Ma- 
nujeript und es begann ein lebhafter 
Briefmechiel darüber, wobei ih meine 
Aufgabe darin fah, mich wiederholt 
für die Veröffentlihung auszufprechen 
und alle Bedenken dagegen zu befiegen. 
28 


Die Sammlung ift in ber That ein 
Merk von größter Bebeutung; fie be- 
gleitet die Entwidlung ber Geichide 
Defterreih3 vom Jahre 1842 bis in 
unfere Tage mit warmen Herzichlägen 
eines reifen Geiſtes und ift ſchon von 
biefer Seite aus betrachtet, ein Denk: 
mal von bleibendem Werth. Sie zeigt 
uns zugleih im Zufammenhange das 
Verhältnig des Staatdmannes und 
Dichters zum öffentlichen Leben, wie 
wir dies auch aus der Reihenfolge 
feiner epifchen und aus feinen bisher 
befannten lyriſchen Dichtungen erkennen 
fonnten, Ein Irrthum ift die Annahme, 
daß die Sammlung nur folche Gedichte 
enthalte, die jchon in Zeitfchriften und 
Almanaden erjchienen waren. Dies 
überall zu beftimmen hält wohl ſchwer. 
Auersperg wurbe jo vielfach von Unter: 
nehmern von Zeitfchriften, Jahrbüchern 
u. ſ. f. um Beiträge angeſprochen, 
denen er immer zu entjprechen bemüht 
war, daß es ſchwer ift, mit Beitimmt: 
heit von jebem Gedichte zu jagen: ob 
und wo e3 einmal gedrudt war. Ich 
fragte ihn darüber jelbft und erhielt 
ben 1. April 1876 zur Antwort: „Wie 
Ste ganz richtig vermuthen, ift ein 
großer Theil der in diefer Samm— 
lung zufammengeftellten Gebichte no ch 
ungebrudt. Ich nenne beifpiels- 
weile bie älteren Liebeslieder, 
einige Sonette, die Fortiegung 
ver Walhalla-Nichtgenoſſen, 
den Nachklang nad dem 
Shüpenfefte, fämmtlide 
Sprüde, dann die Rebe, „zur 


434 


zeit nad) vom Jahre 1842 bis 1876, 
bis zu feinem 70. Lebensjahre und wir 
müfjen geftehen, daß an ihnen vom 
eriten bis zum legten nicht eine Spur 
von Abnahme der Kraft wahrzunehmen 
ift. Es fönnen feine legten Gedichte 
neben feine Jugendgedichte geftellt 
werden und wenn ein Unterjchied wahr: 
zunehmen ift, jo liegt er nur barin, 
daß der Ausdrud in den fpäteren Ge: 
dichten die früheren an Klarheit über: 
trifft, wenn auch gewiſſe Härten, bie 
das Verftändniß manchmal erfchweren 
und deren er fi) wohl bewußt mar, 
ihm immer eigenthümlich geblieben find. 

Vorherrfhend gehören die Ge: 


dichte nicht in das Gebiet der Lyrif. 


Des Dichters Auge ift meift auf das 
Menjchenleben mit feinem Wohl und 
Wehe gerichtet. Intereſſante bedeutende 
Situationen hält er feft. Dabei ftehen 
ihm nun bie großen Gaben zu Gebote 
ſowohl plaftiicher Geftaltung, als auch 
ſpannenden Vortrages, echt epiſcher 
Kunſt. Oft iſt ſeine Dichtung voll 
glänzender Gedanken und erhebt ſich 
mit rhetoriſchem Schwung, an Schiller’3 
Gedankendihtung erinnernd. Zumeilen 
aber gibt er ſich auf das anmuthigfte 
rein dichteriſchem Spiele hin und läßt 
dann immer bie reinſte poetiſche 
Wirkung zurüd. Wir wollen nur Ein- 
zelne3 hervorheben, um das Gejagte 
zu iluftriren. Schon daraus werden 
wir erjehen, mit welcher Gabe von 
bleibendem Werth unfer Schriftenthum 
durch dieſes Büchlein beſchenkt ift. 
In einem Gedicht ald Vorwort 


ihönen Wirthin“, Unheim: ſagt ber Dichter, bezeichnend genug für 


lide Gäfte, Eine Jahres: 
feier (ber Polen), Der Erzher— 
309 Reichsverweſer u. ſ. w. 


ſeine freie und unerſchütterlich hoff— 
nungsfreudige Natur: „Der ich einſt 
ſpazieren ging, raſte nun in grünen 


Ich kann die Liſte nicht vollſtändig Laub 


geben, da ſich das geordnete Inhalts— 
verzeichniß mit dem Manuſcripte in 
Berlin befindet.“ 

Da das Ganze nun gedruckt vor 
uns liegt, jehen wir leicht, daß es 
unter allen Publicationen des Dichters 


auben ; in dem wechjelvollen Ring 
blieb mir Eines doch: mein Glauben! 
Glauben an die Sonnenfraft, die im 
Menfchengeifte lodert; Glauben an den 
Lenz in Haft, der jein Recht bes 
Freien fodert; Glauben an das Vater: 
land, an das große, deutſche Eine, 


eine hervorragende Stelle einnimmt. ob auch ein geriſſ'nes Band heute noch 


Die Gedichte reichen ihrer Entjtehungs- | man Aug’ beweine.“ 


Aber alles 


435 


Enbliche vergeht, ſelbſt das Herz altert, 
die Freunde bes Dichterd aus jeiner 
Sugendzeit find dahin. Er fühlt fich 
einfam. „Doch, fieh da,“ fährt er 
fort, „ein Zodenhaupt naht zu laufchen 
meinen Saiten; freunblih, wie ich 
faum geglaubt, winft e8 Beifall gar 
zu Zeiten, Fühlt das Kind der neuen 
Zeit heute no, wie wir gejungen? 
Klingt der Alten Luft und Leid tönend 
fort durchs Herz der Jungen? — — 
— Diejes Bild, noch halt ich's feit 
mit den friſchen Farben allen, wenn 
die müde Wimper läßt drüber ihren 
Vorhang fallen.“ Obwohl dieſes Ge— 
dicht nicht ſein letztes iſt, können wir 
es doch ſeinen Schwanengeſang nennen, 
deſſen Schluß uns jetzt doppelt ergreift. 
Es ſpricht übrigens ganz fein fieg- 
hoffendes Weſen aus. Wenn ſeine 
Ideale ſich auch nicht unmittelbar ver— 
wirklichten, wenn auch manche politiſche 
Beſtrebung, an der er betheiligt war, 
ſcheiterte, ſo fühlte er doch, daß ſein 
Wort Herzen gewann und ſah ſich 
durch die wachſende Zuſtimmung von 
allen Seiten getragen, gleichſam von 
Sieg zu Sieg! Das gab ihm den 
„Glauben an die Sonnenkraft, die im 
Menſchengeiſte lodert; Glauben an den 
Lenz in Haft, der ſein Recht des Freien 
fodert“. — Er hoffte nicht jo ſehr 
Dauer feiner Gedichte, aber zuver- 
fihtlich feiner Gedanken. Die Herzen, 
die das freie Wort gewann, waren 
ihm Bürgſchaft für den endlichen Sieg. 
— Gingeleitet wird die erſte Abtheilung 
der Sammlung (Lied und Leben) durch 
ein wunderbar zartes Gedicht: Läute: 
rung. 

Daß wir glüdlih waren, jagt der 
Dichter hier, willen wir erft wenn wir es 
nicht mehr find. Eines Menfchen ganzen 
Werth zu fennen, müßt ihr ihn begraben. 
Was uns lieb ift, wird uns durch die Ferne 
noch jchmerzlich lieber. Diefe Gedanken 
ihließt nun die prachtvolle Strophe: 
„Blick' nieder, wo von ihrem Gruß 
Die Friedhofhügel wogend ſchwellen, 

Des dunteln Stromes grüne Wellen, 
Der fo viel Liebes ſcheiden muß! — 


Sie fpülen Makel weg und Fehle, — 

Und wie ein Schwan beim Wellenfchein, 

Im Drüberflug ahnt deine Seele: 

Hier bad’ id einft den Flügel rein!“ 


ch übergehe die Hier fich anrei- 
henden föftlihen Perlen der Lyrik 
Auerspergs und hebe daraus nur Eine 
hervor: Weihe Roſe, ©. 32, die 
fih gewiß des größten Beifall er: 
freuen wird. Die nächſte Abtheilung 
(„Zeit:Rlänge”) begleitet, wie gejagt, 
die Zeitgejchichte vom Jahre 1842 
bis 1873. 

Dies find nun allerdings Zeit- 
länge von wahrhaft hiſtoriſchem Werth, 
nah allen Seiten hin helle Lichter 
werfend. Rußland unter Nikolaus ; die 
felbft in ber Verbannung uneinigen 
Polen; Ludwig von Baiern, der mit 
feiner Walhalla ein deutjches National: 
werk jchaffen wollte und unfern Kaiſer 
Joſeph, unjern Andre. Hofer und 
ebenjo Zuther aufzunehmen zu Elein- 
denfend war; das gefnechtete Deutjch: 
land von 1847 — alle dieſe Erinne: 
rungen erſcheinen bier in bebeutenden 
Zügen dargeftellt. Aber von wahrhaft 
entzüdender Schönheit find die vor 
Ausbruch der Revolution entjtandenen 
politifchen Dichtungen Vorboten. ©. 
60—68, wo er mit echt bichteriicher 
Kunft das Bild unferes guten Kaiſers 
Ferdinand vor uns entftehen läßt. Er 
preift ihn „dem's faft gelang, durch) 
Milde zu verjöhnen“. 

„Weil alle Wirklichkeit zu arm für deinen 
Drang zu helfen, 

Verliehen deinem Königsarm Heilkräfte milde 
Elfen; 

Ein offner Kelch ward deine Hand, drein 
güt’ge Feen giehen 

Die Wellen Golds, die dann vom Mand 
verſchwendriſch überfließen.“ 

Aber umſonſt. Bei aller Güte des 
Kaiſers verfällt das Reich und das 
Volk iſt unglücklich. 

„Leg' auf fein Haupt die Königshand, heil- 
fräftig nod zur Stunde, 
Senf an fein Herz dein laufhend Ohr, da 
pocht dir ſolche Kunde: 
28* 


„Ih knirſch' im Born ob deines Reichs “| 
rühmlihem Berfallen, 

Das ragen könnte body und ftart, der Stolz 
und Preis von allen !" — — 


„D önnt' an Fürftenmilde nod ein Bölfer- 
herz gefunden, 

Benefen wäre ſchon dein Bolt und längft 
vernarbt die Wunden, 

Seit du den Ahnenthron beftiegft in liebli- 
chem Geleite: 

Die Gnade rechts, Verzeihen links an ſchöner 
Herzensſeite, 


Drum ſchaare, Herr, um deinen Thron, in 
deiner Fürſtenhalle, 
In ſchöner Gliedrung deines Volks Vertreter 
Alle, Alle! 
Dann weht im Baldachin ob dir ein Säuſeln 
und ein Mahnen, 
Als ſteh' die heilge Linde hier, wo einſt getagt 
die Ahnen.“ 
Aus der Reihe all der „Zeitklänge“ 
lacht uns auch der herrliche „Feſtgruß 
zum Schützentag in Wien 1868“ ent— 
gegen, der wohl noch vielen Tauſenden 
lebhaft in der Erinnerung lebt, wenigſtens 
die Wirkung, die er hervorgebracht. 
Wie uns damals die Worte ergriffen: 
Sie hat den Feſtſchmuck angethan, die Kränze 
grüner Reiſer, 

Berjüngt vom Lenzhauch neuer Zeit, die alte 
Stadt der Kaiſer! 

Bon ihrer Mauerfrone weh'n die Blumen 
und die Bänder, 

Den Leib umflieht in Faltenpracht das reichte 
der Gewänder. 

Eie ſchwingt das alte Banner hoch in matel- 
lofer Reinheit. 

Das alte Schwarzrotbgold ift noch der Hort 
der Volkeseinheit.“ — 

Mit dem herrlichen, hinreißenden 
Schluß ! 

Man that Unreht, wenn man 
Auersperg beutich = Öfterreichifche Ge— 
finnung abſprach und ihn „preußiſcher“ 
Tendenzen beichuldigte. Er erkannte 
die Senbung des deutſchen Elementes 
in Defterreidhh ganz genau und mußte 
wohl, daß in ihr eine Lebensfrage 
der Monarchie enthalten ift. Der 
Deutihe hat den Nationen dieſes 


436 


Reiches den Mittelſtand gegeben, ber 
ihnen fehlt, und ihnen Bildung und 
Gefittung gebracht. Durch ihn find 
fie ein Ganzes. Kein treuerer öfter: 
reihiicher Unterthan als der Deutiche 
in Böhmen, Ungarn oder Siebenbür: 
gen, fo lange er ein Deutjcher iſt; 
wie er fi entnationalifirtt, wird er 
zum jchlimmften Gegner der Staats: 
einheit, wie alle Profelyten bie Er: 
treme lieben. Es ift fein Zufall, 
fondern eine Nothwendigfeit und eine 
Wohlthat für Defterreich’3 Völker, daß 
an ihrer Spite ein deutjches Herricher: 
haus fteht. Ohne ungerecht gegen an: 
dere Nationalititen zu fein, foll es 
deutſche Bildung ſchützen und pflegen, 
zum Mohle Aller. Im Klaren Er: 
fennen dieſer Aufgabe liegt das Große, 
das die Melt an Kaifer Joſeph be: 
wundert. Das hat Auerdperg wohl 
erfannt. Wie jchon in den Spazier: 
gängen, wies er auch jpäter immer 
wieder auf Kaifer Joſeph zurüd. So 
noch 1871 beim Grillparzerfeit. Das 
fchöne Gedicht fteht in der „Veranda“ 
S. 93. Er führt da den Gedanfen 
dur, daß auch in Grillparzer jofephi- 
niſcher Geift fortlebte. Er jei geboren 
furz nach Joſeph's Tode: 
„Kaum im Fürſtenhaus gebrodhen war das 
Der; dem Habsburgfohne, 
Der ein Bürger war im Purpur, der ein 
Meifer mit der Krone, 
Ienes Herz, das für fein Deftreid, 
für die Menfchbeit auch gefdlagen, 
Das in ſich fo viel der Liebe, doch auch bittern 
Leid's getragen. 
Seine Sterbenshaude mwehten falt 
noch auf dein Wieglein nieder, 
In dein Schlummerlied, o Meifter, klangen 
nody die Trauerlieder.“ 

Er erinnert an den Moment, da 
Grillparzer Radetzky zurief: in deinen 
Lager it Defterreih! Da fällt ihm 
der ſeitdem eingetretene „Dualitmus“ 
ein und er ſagt mit tiefem Schmerz: 
„Jenes Saatforn ward zertreten, jene Stapfen 

längft verfchüttet, 
Ein zerbrochner Banberfpiegel 
liegt der Heimat Bild zerrüttet. 


437 


Still davon, o ftill! wenn Liebe heit're Feſte 
geht zu feiern, 

Wil fi ziemen, Trauerbilder zu verhängen 
tief mit Schleiern!“ — 

Daraus wird man wohl erfennen, 
daß der Dichter als Dejterreicher fühlte. 

Wie er die Aufgabe der Deutjchen 
auffaßte, die unter andern Nationali: 
täten leben, jehen wir in dem Gedichte 
an bie deutſchen Studenten in Prag 
(1873) S. 97. Er mahut fie, das 
Erbe der Eultur zu wahren. Es jei 
ihrer Hut anvertraut, aber nicht nur 
für Einen Volksſtamm beſtimmt: 
„Deutſch fein heißt: offene Freundes: 
arme für alle Menjchheit ausgejpannt ; 
im Herzen doch die ewig warme, bie 
einziae Liebe: Vaterland!” 

Noch gar Manches wäre hervorzube: 
ben aus den Zeitklängen. Ich gedenke nur 
noch des Prolog! zu einer Akademie 
für das Schiller-Denfmal (1869), ©. 
89. Dort führt er aus, wie Schiller 
einft als Flüchtling feine Heimat ver: 
laſſen, von Fürften » Ungunft bedroht, 


eingehen wollte, wie viel gäbe es noch 
hervorzuheben aus den „Bildern und 
Geitalten” S. 241—307! Hier be- 
ſonders tritt glänzend hervor Die 
Plaftit und Lebendigkeit der Geftalten, 
die wir in Aueröperg’3 Gedichten finden, 
3.2. in den prächtigen Bildern Gnei— 
jenau in Erfurt, ober in Kabinetftüden 
wie: Querjad, wo er einen Bettelmönd 
ſchildert, der fih auf einen Meilen: 
ftein jeßt und fi vom Schweiß bie 
blanfe Glage rein wiiht, um in 
Träumereien zu verfinfen. — Wunderbar 
durchgeführt ift das Bildchen „Ein 
Liebesbote”, ©. 291. Ein Mädchen 
beichtet, ihr Geliebter fei ala Mäbchen 
verkleidet zu ihr gefommen. Sie bittet 
den Mönch, daß er ihm jage, er 
möchte das nicht mehr thun unb daß 
es ihm das Ninglein zurüdgebe, das 
fie von ihm erhalten. Der Mönd 
überbringt die Botjchaft und der Ge: 
liebte erfennt darin die Lift des Mäb- 
hend, die ihm auf dieſe Weiſe ben 
Meg zeigt, zu ihr zu kommen. Er be- 


und wie er zulegt in der Fürſten- folgt den Winf und bie Liebenden 


gruft zu Weimar fein Grab gefun: 
den! So jei in Defterreich auch einft 
fein Geift, wie ein Berbannter, auf ver: 
hülltem Pfad geirrt, dem jet ein Denk: 
mal vor allem Volk erfteht in Wien! 

Die nächſte Abtheilung enthält So: 
nette, unter denen beſonders hervorzu: 
heben die ergreifenden, die an Lenau ge- 
richtet find, alle jhon an ben bereits 
Wahnfinnigen. — Noh wäre Manches 
zu jagen über die Sprüche ©. 149 bis 
158, über die Dichtungen aus Krain 
©. 169—184, aber die Palme ge: 
bührt den rein dichterifchen, meift epi- 
ſchen Dichtungen, die den Schluß. des 
Buches bilden, von S. 191 bis 307. 
Boran fteht der Herrliche Romanzen: 
cyclus auf Prinz Eugen, aud ein 
Stück öſterreichiſcher Geſchichte und 
eine wahre Bereicherung unſeres hei— 
miſchen Romanzenſchatzes. Ein ähn— 
licher Eyclus ergreifender Zeitbilder 
zur Geſchichte Oeſterreich's iſt der 
Tambour von Um S. 221 — 238. 
Aber wenn man auf alles Einzelne 


find glüdlih. Der Mönd in feiner 
Belle blidt Abends hinaus zu bei 
Sternen und wie Roſenſchimmer jpielt 
ein Lächeln ihm um's Geſicht: 
„Bleibt nur in dem Wahn, ihr guten Kinder, 
Daß ich nichts errieth, ein Blöd’ und Blinder !” 
Erhebend und Höchft anziehend ift 
„Ein Dichterhaus“. Es mahnt 
diefe Dichtung wohl an Schiller, ob: 
wohl es eigentlih mehr den Dichter 
überhaupt barftellt. Er ſchrieb mir 
darüber den 24. October 1875: „m 
„Ein Dichterhaus“ ift wirklich 
Schiller und deſſen Geburtshaus in 
Marbad gemeint; aber es ift auch 
auf bie jpäteren Wohnftätten Bezug 
genommen. Bei der Zuſammenfaſſung 
örtlich fo verſchiedener Lebensmomente 
in den Rahmen einer bejtimmten Lo: 
calität würde bie ausbrüdlichere Hin- 
weifung auf Schiller nicht zutreffeud, 
vielmehr beirrend fein; ich z0g es 
daher vor, Ueberſchrift und Tert mehr 
allgemein zu halten, ein Dichterſchick⸗ 
jal als folches, nicht aber das einer 


438 


bejtimmten bichterifchen Perfönlichkeit | die für den König gefallen, bier ge: 
zu Schildern“. Sch denke, daß dieſe floffen ift; die Bloufenmänner jagen: 
Abficht des Dichter volltommen ges | hier find die Volksmänner gefallen 


rechtfertigt ift. 
Aber 


für unfer Recht; davon blüht ber 


id muß nun fchließen. | Baum. 


| 
Ein Bericht über ein jo reidhhal- „Sie wähnen jede Ader des Baumes über- 


tige8 Büchlein kann nicht Alles be: 
ſprechen, was beſprechenswerth ift! 
Nur auf Ein Gedicht will ih noch Hin- 
mweijen, das den Schluß bildet: „Ein 
Baum“! — Schön menschlich, hoch über 
allen Parteien ftehend, nimmt bier 
der Dichter Abjchied von und. — Er 
betrachtet einen jchönen blühenden 
Kaftanien-Baum im Tuileriengarten. 
Die Edelleute jagen von ihm: er blühe 
jo jhön, weil das Blut von Edelleuten, 


boll 
Geträntt mit ihrem Hader, mit ihrem Zwiſt 
und Groll ! 
Dod Er, o mildes Taufchen! er läßt ihr 
zürnend Weh' 
Im Blätterfrang verraufchen, verweh'n im 
Blüthenfchnee. 
Verraufhe und verwehe fo unfer Reid und 
Streit! 
Den Blüthenkranz nur fehe davon die Enkelzeit. 


Bon einem vergeffenen Vichter. 


Ein Literatur. und Lebensbild aus vergangenen Tagen. 
Von Dr. Anton Schloßar. 
I. 


Darauf, daß Kalchbergs poetifches | von Ritterfchaufpielen zu Folge gehabt ; 


Talent vor allem in der dramatifchen 
Geftaltung mwurzelte, habe ih jchon in 
bem erſten Auffate über dieſe bebeu- 
tende bichteriihe Kraft Steiermarfs 
aufmerkſam gemadt. Es ift bekannt, 
daß bie fchönften Erzeugniffe der dra— 
matifchen Literatur Deutichlands in 
das letzte Drittel des achtzehnten Jahr: 
hunderts fallen, alle diefer Erzeugnifie 
überhaupt, welche irgend einen bebeu- 
tenden Einfluß auf das Literaturleben 
ber Folge ausgeübt, in die zweite 
Hälfte des genannten Jahrhunderts. 
Hieher rechne ich vor Allem Leſſings 
muftergiltige Meifterfchöpfungen: „Min- 
na von Barnhelm”“, „Emilia Galotti“, 
„Nathan der Weiſe“; Goethes edelſte 
Dramen, insbejondere „Iphigenia“ 
und „Taſſo“, und Schiller? „Don 
Carlos“, ſowie die demjelben folgen: 
den Schaufpiele des geliebteften aller 
beutfchen Dichter. Der „Götz von 
Berlichingen“ des Altmeifterd Goethe 


mit den Romanen von Spieß, Vulpius, 
Cramer u. A. erfchienen von dieſen 
Verfaſſern Ritterftüde der verjchieden: 
ften Art, und ber Geſchmack des Pu— 
blitums begann ſich ganz biefer „Rit- 
terliteratur” zuzuwenden. Das Thea: 
terpublitum fannte nah dem Er: 
ſcheinen des „Götz“ nichts Feſſelnderes, 
als die Darſtellung kühner Abenteuer 
und Schickſale ſeiner ritterlichen Ah— 
nen auf der Bühne und dieſe eigen— 
thümliche Geſchmacksrichtung hatte ſich 
lange Zeit erhalten. 

Es iſt begreiflich, daß unter ſolchen 
Umſtänden ein wirklich begabtes Talent 
doppelt Aufmerkſamkeit erregen mußte, 
welches, obgleich ſeine dramatiſche 
Richtung in dem erſchienenen Erſtlings⸗ 
werke eigentlich dahin zielte, aus dem 
Leben der vaterländiſchen Vor— 
fahren wirkliche Vorgänge poetiſch zu 
geſtalten und auf die Bühne zu brin— 
gen, in ber Zeit doch auch weit zurück— 


hatte aber auch zugleich eine Unzahl griff und dem momentanen Leitge: 


439. 


ihmade, ohne unfinnige Worgänge 
und Begebenheiten zu erdichten, voll: 
fommen Rechnung trug. 
man auch den damaligen Zujtand ber 
Schauſpieldichtung in Defterreich ſelbſt 
zu erwägen und zu bebenfen, baß ge: 
rade Dramatifer unter ben hervor: 
ragendften Dichtern der Monarchie, 
(ih nenne etwa Denis, Maitalier, 
Blumauer), jehr jelten anzutreffen 
waren, wie man ja die poetiſche Kunft: 
gattung des Drama’ in Wien, dem 
Gentralpunft des öfterreichiichen Kite 
raturlebens überhaupt faft ganz ver: 
nadhläffigte, Talente der älteren Leit, 
wie Ayrenhoff und jelbit Gollin aber 
in Scherz und Ernſt ihrer Stüde 
nichts Feſſelndes mehr darboten.. 

Es war im Jahre 1786, als in 
Graz das Schaujpiel Kalchbergs: „Ag: 
nes Gräfin von Habsburg“ 
erſchien. Der Dichter, damals erft 
21 Jahre alt, entfaltete in diefer Jugend: 
arbeit, — hatte er doch ſchon im 19. Le: 
bensjahre den Plan dazu entworfen, — 
eine überrafchende dramatifche Kraft. 
Der Stoff zu dem Stüde, das jpäter 
unter dem Titel: „Wülfing von 
Stubenberg“ umgearbeit erjchien, 
war der SHeimatsgejchichte entlehnt, 
biftorifche Forſchungen, die ſchon der 
Süngling jo gern betrieb, als jpäter 
der ernite, gereifte Mann, waren ge: 
hit mit wenig phantaftifher Zu- 
gabe vermengt, benüßt und jo dem 
Dichter ein farbenreiches dramatiſches 
Gemälde gelungen. 

Dies erfte Stück Kalchbergs ſchon 
kam auf die Bühne nd gefiel aus: 
nehmend wohl. Man war über das 
ih in einem Landsmanne fundgebende 
Talent überrafht und jah der Ent: 
widlung besjelben mit Spannung ent: 
gegen. Diefe Entwidlung jollte auch 
nicht fange auf ſich warten laſſen. — 
Kaum zwei Jahre fpäter erichienen 
„DieTempelbherren“, eine brama: 


Dazu hat 








überhaupt das erjte bramatijche Ge: 
dicht von Bedeutung, welches in der 
Steiermark entjtanden ift) hat ſich fein 
geringeres Vorbild genommen, als ben 
großen Schöpfer des „Nathan“ jelbft, 
ohne daß natürlich damit gejagt fein 
ſoll, Kalchberg habe dieſen gerabezu 
nachahmen wollen; die Zeichnung der 
Scenerie jedoch, einzelne Züge in den 
vorgeführten Charakteren und die 
Gruppirung des Ganzen weiſen darauf 
hin, daß der Steiermärker ein wür— 
diger Nachfolger ſeines Vorgängers 
geworden. Eine Inhaltsangabe möge 
die Fabel des Stückes klarlegen, 
welche um ſo kürzer ſein kann, als 
auch hier der ſtreng hiſtoriſche Boden 
nirgends verlaſſen iſt. Der Groß— 
meiſter des Ordens der Tempelherrn, 
Jakob von Molai, und fein Verhält—⸗ 
niß zu Philipp dem Schönen, der be— 
kanntlich den ritterlichen Templer den 
Flammen des Scheiterhaufeus über: 
antwortete, bildet die eigentliche ge— 
ſchichtliche Grundlage dieſes drama— 
tiſchen Bildes. Molai ſtößt Alles 
zurück, was ihn den Satzungen ſeines 
Ordens abwendig machen will, ſelbſt 
die Liebe der Tochter des Königs 
Blanca vermag ed nicht, ſeine Stand⸗ 
haftigfeit zum Wanfen zu bringen. 
Den Gegenjag zu den beiden edlen 
Charakteren Molais und Blancas bildet 
der charakterloje Kanzler Wilhelm von 
Nogaret; um jeden Preis will dieſer 
die Templer ins Verberben ſtürzen — 
der Verräther Noffo Dei, ein ausge— 
ftoßener Tempelritter, der um jchnöben 
Gewinn feine früheren Gefährten und 
Freunde ind Unglüd ſtürzt und 
die buhleriihe Mathilde, Nogarets 
Tochter, des Königs Geliebte, welche 
ihr Auge deſſenungeachtet auch auf 
Molai geworfen und da er alle ihre 
nur allzudeutlichen Anträge zurückweift, 
grimmen Haß und Tod dem Gegen: 
ftande ihres Verlangens geſchworen 


tiſche Arbeit, in der uns bes Dichters hat. Die in den drei genannten Per— 
Talent ſchon geklärt unb gereift ent: 'fonen verförperten böjen Gewalten 


gegentritt. 


Dieſes in Jamben ge— vereinigen fih zum Sturze bes Groß: 
ſchriebene dramatiſche Gedicht (es ift | meiſters und jeiner 


edlen Schaar. 


440 


Molai wird in ben Kerfer geworfen, 
jeine große Seele weiſt die Rettung 
aus demjelben, welche ihm noch Blanca 
zu Theil werden laffen will, edel und 
ftolz zurüd, Mathilde hat unterdeſſen 
Alles daran gejegt, den König zur 
Unterzeihnung des auf Scheinbeichul- 
bigungen und auf das faliche Zeug: 
niß Nogarets erlafenen Todesurtheiles 
zu veranlaffen ; lange ſchwankt Philipp, 
endlich unterliegt der gute Genius in 
ihm und Molai endet auf dem Scheiter: 
haufen, in befjen Flammen Mathilde 
aus dem Fenfter hohnlächelnd und 
ſchadenfroh blidt. Blanca aber, un: 
fähig al’ das Grägliche zu überleben, 
tödtet fich ſelbſt, man findet fie 
durchbohrt von jenem Schwert, 
Mit dem ihr Molai einft auf der Jagd 
das Leben rettete, und das er ihr, 
Nah ihrem Wunfh — zum Angedenten 
ſchickte. 

„Die Tempelherren“ waren es ins— 
beſondere, welche Kalchbergs Namen 
weit außerhalb ſeinem Vaterlande be— 
kannt machten und auch Deutſchlands 
Aufmerkſamkeit auf das gewaltig an: 
gelegte Talent lenkten. 

Deſſenungeachtet verließ der Dich: 
ter nicht den eigentlihen Boden, in 
dem alle jeine Produfte murzelten, 
den heimifchen Boden des Vaterlandes 
nämlid. Schon das nächſte Stüd, 
welches er verfaßte, gibt Zeugniß hie: 
von. „Die Grafen von Eilli, 
Eine Begebenheit der Vorzeit” benennt 
er den erften 1790 erjchienenen Theil 
eines in zwei Abtheilungen geglieder: 
ten Dramas, welches uns zwei Haupt: 
figuren, des einft jo glänzenden eblen 
Geichlehtes und ihre Schickſale vor: 
führt, die in der That fo unendlich 
viel zu einer dramatifh bewegten 
Handlung darbieten. Die zweite Ab: 
theilung der „Grafen von Eilli” er: 
Ihien drei Jahre jpäter als die erſte 
und beſchloß mit dem Tode des legten 
jener jtolzen Edlen die dramatifirte 
Gefhihte der Eillier Grafen. Wie 


zeihnung ber Geftalten vortbeilhaft 
bemerfbar, befonder8 das erfte Stüd: 
„Friedrich, Graf von Cilli“, ift ein 
Mufter in dieſer Beziehung. Ohne 
bie hiftorifche Treue zu verlegen, weiß 
der Dichter den Gang ber dramatiſchen 
Handlung feilelnd zu geftalten und 
im bunten Wechjel der Scenen ben 
Grundton doch immer durchklingen zu 
laſſen. Anfänglid Hatte Kalchberg 
mit dem Erſcheinen diejes erften Theiles 
der „Grafen von Eilli” gar nicht be— 
abfihtigt, ein Schaufpiel zu ſchaffen 
und daher auch die Eintheilung in 
11 Abjchnitte getroffen, mie fie fich 
in der erften Ausgabe findet. Aber 
die Begabung, welche in ihm ſchlum— 
merte, hatte beinahe unbewußt ein 
wirkliches dramatiſches Gemälde ge: 
ihaffen, da8 den Leſer und ben Hörer 
zu fejleln weiß. Der Inhalt des 
Ganzen ift, wie erwähnt, biftorifch, in- 
wieweit er allenfall3 von der Ge 
ſchichte abweicht, möge derjenige, wel- 
cher mit berfelben vertrauter ift, aus 
einer furzen Inhaltsangabe entnehmen, 
die zugleih für den, welchen mehr 
die poetiſche Seite des Schaujpieles 
interejfirt, al3 eine gebrängte Zujam: 
menftellung der wichtigften Vorgänge 
dienen fann. 

Friedrich iſtder Sohn Hermanns IL., 
Grafen von Eilli, eines fehr herrſch— 
ſüchtigen, ehrgeizigen Mannes, der auf 
den Ruhm und Glanz feines Ge: 
ichlechte8 und nur auf dieſen allüber: 
all bedacht ift. Ein Liebesverhältniß, 
das Friebrih mit Veronika von Deſſe— 
nig, einem Mädchen aus dem niederen 
Adelsftande, Schon lange fortführt, hat 
daher feine Ausfiht, von dem Vater 
gebilligt zu werben und ba es ziem:- 
lich gewiß ift, daß Hermann nie feine 
Einwilligung zu einer Verbindung ge: 
ben werde, jo heiraten Friedrich und 
Veronika heimlich und leben zufammen 
auf dem Schloſſe Gurkfeld, doch nicht 
jo verborgen als Friedrich glaubt, 
defjen Feind, der Ritter Jobſt von 


in den früheren Dramen, jo macht | Helfenberg, Alles ausgefundichaftet hat. 
ih aud hier die treffliche Charakter: | Yndeffen werben große Feſtlichkeiten 


441 


auf der Burg Eilli zu Ehren der An: 
wejenheit von Hermanns Tochter, der 
Königin Barbara von Ungarn ahge- 
halten. Barbara, eine troß ihres 
hohen Ranges verworfene niebrige Na: 
tur, die der Dichter eigentlich noch 
glimpflicher behandelt, als jie die Ge: 
ſchichte darftellt, erfährt von der Ber: 
mählung Friedrichs und ihr Haß trifft 
vor Allem Beronifa; auch Hermann 
mwüthet und verlangt die Trennung 
biefer Ehe. Friedrich wird in ben 
Kerker geworfen. Unterdeſſen jucht 
Beronifa verfleibet von Gurkfeld zu 
entfliehen, wird aber von Jobſt von 
Helfenberg erreiht und im Einver: 
ſtändniß mit Barbara auf dem Schloſſe 
Dfterwig gefangen gehalten. Ein 
Fteund Friedrihs, Jakob von Edling, 
befreit jedoch, indem er das or: 
gehen Hermanns uud Barbara’s gegen 
Friedbrih befreundeten‘ Nittern des: 
jelben mittheilt, dieſen im Xereine 
mit den Rittern aus dem Kerker. 
Alle eilen nun nach Oſterwitz. Eben 
will Jobſt von Helfenberg die Vero— 
nifa zwingen, einen Becher mit Gift 
zu leeren oder fih ihm zu ergeben. 
Zur rechten Zeit ift Friedrich einge: 
troffen. Auh Hermann trifft auf 
dem Schloffe ein, die Nachricht von 
dem Tode jeine® zweiten Sohnes 
Ludwig bat ihn mild und gefügig 
gemacht, er verzeiht Alles und Bater, 
Sohn und Schwiegertochter find ver: 
jöhnt. Aber die wüthende Barbara 
erſcheint verjchleiert und unerkannt 
in der Verfammlung und gerabe nad) 
dem Hermann Friedrih und Veronika 
gefegnet und mit den Worten: „Dies 
mein Wunſch — mein Segen!” ge 
endet, tritt die ruchlofe Königin her— 
vor und ftößt Veronika einen Dolch 
in die Bruft mit dem Ausınfe: „Und 
dies die Mitgift einer Schwägerin !“ 
„Barbara von Eilli”, ruft fie dann 
aus „rettete die Ehre ihres Stammes“ 
und geht davon, während e3 Niemand 
wagt, fih ihr zu mähern. Dies bie 


beiläufige Inhaltsſkizze des „Friebrich | 


Graf von Eili”. 


| raktere 


Auch in dem zweiten Drama: 
„Ulrich Graf von Eilli”, ſpielt die 
jelbe Barbara, von deren lafterhaftem 
Leben alle Schriftfteller ihrer Zeit 
genug zu erzählen willen, eine Haupt: 
tolle. Der Kampf Ulrih3 von Eilli 
mit Labislaus und des Grafen Unter: 
gang ift in diefem übrigens ebenfalls 
ganz jelbftftändigen Drama gefchilbert. 
Barbara, welcher ihr Neffe Ulrich 
niht den Schu gewährt hat, ben 
fie, au8 dem Klofter entflohen, von 
ihm verlangte, reizt unter der Maske 
einer Zauberin den Hunyaden Zabis- 
laus Corvinus gegen Ulrih auf. Doc 
wird berjelbe von dem Grafen ge: 
fangen, freilich fol er noch in der 
Gefangenschaft auf Anrathen Barbara's 
Ulrichs Gemahlin, in die er heftig 
entbrannt, eutführen, Ulrich jelbit aber 
hindert ihn hieran. Den Schluß des 
Ganzen bildet die Ermordung Alrichs 
durch Verfchworene, an deren Spiße 
Ladislaus fteht, abermals durd Bar: 
bara, das böje Weib verblendet und 
gegen den Grafen von Eilli aufgefta: 
chelt, welcher, der legte des edlen Stam- 
mes auf fo traurige Weife um’3 Leben 
fommt. — Leben und Wärme zeigen 
alle Geftalten in Kalchbergs „Grafen 
von Eilli”, man fühlt e8, daß man 
e3 mit Weſen zu thun ‚habe, die eri- 
firen und die der Dichter oft mit 
wenigen Strichen meifterhaft entworfen 
bat. Die Sprache ift fräftig und da— 
bei den Situationen angemeſſen. 

Die deutſche Kritik ſprach ſich 
ſchon nach dem Erſcheinen des erſten 
Theiles der „Grafen von Cilli“ rück— 
haltslos günſtig über das Talent 
Kalchberg's aus, welches auch in keinem 
der bisher erſchienenen Werke ſo zwei— 
fellos zu Tage getreten war, als hier. 
Eine kritiſche Stimme*) erklärte: 
„Man kann dieſes Stück als ein 
dramatiſches Gedicht anſehen; beſon— 
ders da die Schilderung der Cha— 
trefflich, die Sprache dem 


*) Oberdeutfche allgemeine Literaturzei- 





|tung vom Jahre 1791. CXU. Stüd, 


442 


15. Jahrhundert anpafjend und über: | hervorragendfte Leiftung des achtzehnten 


all das Coſtüm beobachtet worden ijt.“ 
Wenn ich jelbft heute noch eine Mei- 
nung faflen und hier niederlegen darf, 
jo jei es die, daß durch eine Umarbei- 
tung in Verſe auch die „Grafen von 
Cilli“ unendlich viel gewonnen hätten 
und den übrigen dramatiſchen Gebich- 
ten bes Dichters nicht nur ebenbürtig 
angereiht werben fünnten, jondern bie 
meiften berjelben noch — da Kalchberg 
die Sprade ganz in feiner Gewalt 
hatte und den Vers (wie wir gejehen) 
leicht und glatt handhabte — an poe— 
tiſchem MWerthe weit übertroffen 
hätten. 

Ich übergehe nur in ber Zeitfolge 
einige dramatiſche Arbeiten des Dich: 
ter3, auf welche zurüdzufommen, 
ih weiter unten Gelegenheit bieten 
wird, um jogleih auf des Pichters 
beftes Werk hinzumeifen, nämlich auf 
das im Jahre 1796 im Drud erjchie- 
nene, ſchon auf dem Titel als „dra— 
matiſches Gedicht“ bezeichnete Schau: 
jpiel „Die deutſchen Ritter in 
Accon“ (VIL, ©. 117, umgearbeitet 
und mit dem Titel „Bertram von 
Dietrichftein”“ verfehen). 

„Die deutſchen Ritter in Accon“, 
jagt eine zur Zeit des Todes Kalch— 
berg's erjchienene Beiprehung des Dich— 
ter8 und feiner Werfe*), „bilden den 
Culminationspunft feiner dichterijchen 
Plaſtik“. 

Dieſes Drama hängt nun freilich 
nur loſe mit der Geſchichte des Heimat— 
landes zuſammen, da die eigentliche 
Begebenheit, welche das Stück darſtellt, 
zu Accon im Jahre 1291 zur Zeit 
des letztes Kreuzzuges vor ſich geht, 
und die ganze Fabel beruht diesmal 
nicht auf ſtreng geſchichtlicher Grund— 
lage, ſondern iſt eine Erfindung dich— 
teriſcher Schöpferkraft. 


Oeſterreichs dramatiſche Literatur 
hat jedenfalls in dieſem Stücke die 





*) Steiermärf. Zeitſchrift von 1827, in 
dem von Prof. Appel verfahten „Nekrolog“. 


Jahrhundertes aufzumeijen, das ſowohl 
in technifcher, als auch in poetifcher 
Beziehung allen Anforderungen ent: 
jpriht, die man an ein bühnenge- 
rechtes und dabei ohne Effecthafcherei 
von tiefer Empfindung belebte8 bra- 
matiſches Gedicht ftellen kann. 

Eine Inhaltsſkizze mit eingefloch: 
tenen charafteriftiihen Scenen, fo 
weit fie der Raum zu geben geftattet, 
wird dieſe Bemerkungen deutlicher 
machen. 


Bertram don Dietrichftein, ein 
fühner Nitter des deutſchen Ordens, 
befindet fich im deutſchen Haufe zu 
Accon und nimmt von dort aus Theil 
an den Kämpfen gegen die Türken, 
indem er Wunder von Xapferfeit 
übt. Aber ein tiefes Leid trägt er 
in feinem Herzen, Ida von Kheven: 
hüller, welche er mit aller Gluth 
jeines Herzens noch in der beutjchen 
Heimat geliebt, ift, während fie ihm 
Hoffnung auf ihre Liebe gab, mit 
Wilhelm von Seinsheim entflohen. 
Doh die Neue kam über Beide und 
fie ziehen als Pilger in's heilige Land. 
Hier treffen fie mit Bertram zuſam— 
men, ber in einer ſchönen Scene, in 
welcher fie ſich gegenjeitig erkennen, 
Alles vergibt. Unterdeſſen hat Ber: 
tram Emma, die Geliebte des Sultans 
Khalil, welche von einer Rotte gemeiner 
chriſtlicher Reijigen verfolgt wird, geret= 
tet, und jendet fie in's Türkenlager ohne 
Löſegeld zurüd. 

Der Sultan, dem Emina zurüd: 
gebracht wird, jubelt über ihre Net: 
tung, er erfüllt jogleih das Ber: 
iprechen, welches das Mädchen dem 
Nitter gegeben und gibt allen gefan- 
genen Chriften die Freiheit. Leider 
zweifelt er jedoch nicht ;lange darauf 
an Emiend Qugend, die Bewunde— 
rung, welche jie dem Ritter Ber: 
tram offen zollt, verdächtigt das Mäd— 
hen in des Sultans Sinn; darüber 
empört, gibt ihm Emina ihre Verach— 
tung Bund: 


— 


Emina hat Dir nichts — nichts mehr zu 
ſagen. 
Zerriſſen iſt das Band! — Ich haſſe Did. 


Dein Anblick ſei auf ewig mir verächtlich. 


Du mähnft vielleiht, es fürdte ſich die 
Sklavin ? 

Wer vor dem Tod mit bebt — verladht 
Thrannen. 


Und wollte Khalil Sultans Macht aud je 
An mir verüben — gut; dann wird ein Dold 
Mit meinem Blute fein Gelüfte fühlen. 


Der Sultan nimmt alle Verfpre: 
Hungen, die er gemacht, zurüd und 
läßt den Befreiten nacheilen, gleich: 
zeitig machen die Chriften einen Aus: 
fall, Wilhelm wird gefangen und vor 
Khalil gebracht. Bertram eilt ihm 
nad. Eine lebendige Scene jchließt 
den Act. 

Bertram (inner der Scene): 
Ad, Wilhelm! Wilhelm ! 
Khalil: 
Melde Stimme? Bord... .! 
(Bertram erfdeint) 


Ha! bift Du da, verruchtefter der Deutſchen! 
(Stürmt auf ihn loß). 


Bertram: 
Halt, Sultan! Eh’ ein Wort — dann fteh 
ih Dir. 
Mein Freund ift Dein Gefangener , gib mir 
Ihn frei, ich biete taufend Sarazenen. 


Khalil: 
Auch nicht um Hunderttaufende. 


Bertram: 
So ſei's! 
Das Löfegeld ift — 
Bertram ! 
Khalil: 
Voraus mit Dir; er folge bald Dir nad. — 
(Er ftürzt auf ihn los, fe fümpfen. Bertram 
wirft den Gultan zu Boden und jept ihm 
das Schwert an die Bruft.) 
Bertram: 
Ergib Did, Sultan! 
(In diefem Augenblid eilt Omar mit mehre- 
ren Sarazenen hervor; fie entwaffnen ihn.) 


Khalil: 
Sklave! Da Dein Sigg. 
Mit taufendfahem Zode ſchlacht' ich morgen 
Auf Aecons Trümmern Dich und Deine Hunde. 


Bertram: 
Verachtung Dir, marklofer Knabe! 


Khalil: 


Laß' mir ihn frei: 


Ha! 
(er haut nad) Bertram ; diefer fängt ihm den 
Arm auf, reißt iym den Säbel aus der Hand 
und ſchlägt fi durch; Alle eilen ihm nad.) 


In Accon herrſcht großer Jammer 
über die Gefangennahme der Ritter. 
Ida klagt über den Berluft des Gat- 
ten, da Bertram zurüdfehrt, iſt 
die Ueberraſchung allgemein. da bit: 
tet ihn, der jo viel vermag, den ge 
liebten Gatten zu befreien. 

Und Bertram’3 Ebdelfinn läßt es 
nicht zu, weiter zu miberftehen, er 
ſchleicht fih in’ Lager der Sarazenen, 
dort trifft er Eminen; welche Ueber: 
rafhung für ihn, als er in einem 
Geſpräche mit ihr entdedt, fie jei — 
Ida's Schweiter, ihr Vater jei ein 
deutjher Ritter, Khevenhüller, gewe— 
jen, bei Askalon hätten Sarazenen 
ihre Mutter geraubt. Mit Hilfe Emi- 
nens erfährt er nun die Loſung, es 
gelingt ihm, den Sultan jelbft zu 
rauben und nad Accon zu bringen, 
gegen deſſen Auslieferung erhalten 
Wilhelm und alle gefangenen Chriften 
die Freiheit. Emina und Ida erfen- 
nen einander nun als Schweitern, 
Bertram gefteht Eminen jeine Liebe, 
Khalil hat Eminend Flucht erfahren 
und ftürmt wortbrüdig den Chriften 
nad, noch erreihen aber alle bie 
Schiffe und der Sarazenen Wüthen 
ift vergebend. Damit jchließt das 
Stüd, deſſen dramatiſche Lebendigkeit 
ſchon in dieſer Inhaltsſkizze hervor: 
treten dürfte, deſſen Gliederung ſich 
daraus erkennen läßt. 

Wie in den meiſten Dramen Kalch— 
berg's, ſo iſt auch hier die Zeichnung 
der Charaktere vortrefflich gelungen. 
Wir ſehen in Bertram den kühnen 
Ritter, der vor keiner Gefahr zurück— 
bebt, ein Bild echter Männlichkeit, 
begeiſtert für den Dienſt, dem er ſich 
gewidmet hat, und doch mit einem 
Herzen voll Milde und Güte. Ber— 
tram's Geſtalt belebt, wo ſie auftritt, 
ſie wirkt auf den Zuſchauer wie eine 
Erſcheinung aus einer beſſeren Welt; 
er erhebt, ermuntert in dem Drama 
überall, wo er ſeinen Einfluß geltend 
macht. Dieſer Heldenfigur gegenüber 
ſteht Emina, die zarte Frauengeſtalt, 
welche trotz aller Unterwürfigkeit dem 


444 


Sultan die ganze Macht ebler|zum Vorwurfe; in der Umarbeitung, 
MWeiblichfeit fühlen läßt. Das reuige | welche verfificirt ift — zuerft erfchien 
Paar, Wilhelm und Ida, gibt Ber: es in Profa — erhielt e8 eine ganz 


tram vielfach Gelegenheit, feine Her: 
zengeigenfchaften im glänzendſten Lichte 
zu zeigen, Wilhelm ſelbſt wird ber 
Freund Bertram’3 und ift ihm treu 
ergeben, Ida, von der fi ja bie 
Liebe Bertram’3 gewandt, büßt ihr 
Vergehen bitter genug, um jo tiefer 
fühlt fie ihre Schuld, als fie in Ber: 
tram den Einzigen fieht, ber den Gat— 
ten retten kann und dieſe Rettung 
auch wirklich unternimmt. 

Es ift daher auch begreiflich, daß 
„Die deutſchen Ritter in Accon“ auf 
den Bühnen de3 In- und Auslandes 
mit großem Beifalle aufgeführt wur: 
bei, daß eine wichtige kritiſche Stimme*) 
erklärte, daß „unter den ziemlich ma- 
geren Geiftesproducten, die jeßt zu 
Mien von Zeit zu Zeit erjcheinen, 
biefes Gedicht jehr vortheilhaft her: 
vorragt”, daß „Alles, was man dar: 
über zum Lobe des Verfaſſers jagen 
könnte, für Diejenigen, die das Stüd 
nicht jelbft gelefen oder auf der Bühne 
gut vorgeftellt gejehen haben, zu jchmei- 
chelhaft jcheine”, daß die „ſchöne, reine 
und durchaus richtige Sprache” und 
viele andere Vorzüge dem Dichter 
„unter ben beutichen Schriftftellern 
wirklich einen claffifchen Rang” fichern. 

Damit komme ich wieder auf die 
der Zeit nach früher erfchienenen dra— 
matifchen Arbeiten Kalchberg's zurüd, 
die einen minder poetifhen Werth 
haben dürften, als die bejprochene, 
jevenfall® aber für die Entwidlung 
im geiftigen eben bes Verfaffers und 
auch andererſeits von Intereſſe er: 
feinen. Hieher gehört zuerft „Die 
Ritterempörung“, eine wahre Be: 
gebenheit der Vorzeit, umgearbeitet unter 
dem Titel: „Andreas Baumkircher“. 

Das Stück hat ben fteierijchen 
Nationalhelden Baumkircher und dei: 
fen merkwürdige traurige Schidjale 

*) In der fhon erwähnten „Oberdeut- 
fen allg. Literaturztg.“, 1796. CLU. Stüd, 
vom 2]. December, &. 1195. 


veränderte Geftalt, und zwar zu fei- 
nem Vortheile. Schon der Titel 
weift auf den Inhalt Hin, wel: 
her fi) wieder ftreng an bie hiſto— 
riſche Ueberlieferung hält. Kalchberg 
jelbft jagt in der Vorrede: „Die er: 
findende Dichtkunſt gab nichts dazu, 
als ein einfaches, wenig geſchmücktes 
Gewand.*) In der Gefammtausgabe 
geht dem Drama eine treffliche hiſto— 
riſche Einleitung voraus, die viele 
heute noch wichtige Detail® zur Ge- 
ſchichte Baumkircher's enthält. 

So plaſtiſch uns die Geſtalten 
Baumkirchers, feiner Gattin Marga— 
retha, ſeines Eidams Hanns von Stu— 
benberg entgegentreten, ſo gelungen 
die Figur des Kanzlers Riederer ſich 
zeigt, ſo fehlt doch dem Ganzen jene 
gewiſſe Abrundung, die bei den andern 
früheren Stücken Kalchberg's zu Tage 
tritt; auch die ſcharfe Charakteriſtik 
vermiſſen wir hier, dafür hat der 
Verfaſſer es an mehreren Bühnen— 
effekten nicht fehlen laſſen, die ſich 
jedesmal noch als wirkungsvoll er: 
weilen. Warum bat ſich aber gerade 
dieſe dramatiſche Dichtung vor allen 
andern jo lange auf dem Repertoire 
erhalten, während die andern Arbeiten 
Kalchberg's unverdienter Vergeſſenheit 
anheimgefallen ſind? Die Beantwor: 
tung dieſer Frage iſt leicht. Das Bild 
Baumkircher's iſt nach und nach von 
dem Schleier der Sage umwoben wor: 
den, er wurde, was uud bie ftrenge 
Geſchichte darlegen mochte, zum Heros 
feines Volkes, deffen Sympathie ihm 
durch die Jahrhunderte hindurch zu— 
gewendet blieb, in berjelben Stabt, 
wo das Stück gegeben wird, jpielt 
fih der blutige Schluß der ganzen 
Begebenheit ab; wie erwähnt, ift 





*) Ueber das ftreng Biftorifhe, Baum- 
firder betreffend, eriftiren mehrere trefflicdhe 
Arbeiten des Biftorifers Krones, insbejon- 
dere „Andreas Baumkircher“. Gin Lebens- 


und Zeitbild. Graz, 1869, 


45 





das Stück mit dramatiſchen Effecten 
reich ausgeftattet. Grund genug, daß 
Kalchberg's Baumkircher am wenigiten 
von Kalchberg's Dramen in Vergeſſen— 
heit gerathen ift. 

Auh das folgende dramatiſche Ge- 
dit: „Maria Therefia“, leidet 
an verfchiedenen Mängeln, welche des 
Dichters übrige Schaufpiele nicht auf: 
zumweifen haben, insbejondere nicht bie 
früheren Stüde. Welche Momente aus 
dem Charakter der Regentin Kalchberg 
in diefem Drama befonder3 hervorheben 
wollte, zeigen bie Worte jeines Vor: 
berichtes zu demjelben: „Wenn wir 
die Gejchichte mit einem forfchenden 
Blide durchgehen, fo fehen wir im 
Spiegel der Vergangenheit zwar manche 
große Frau, die durch Schönheit und 
Geiftesgaben geflimmert und die Men: 


als Geiftlicher der Fatholifchen Kirche 
Ruhe und Schuß vor ſich jelbit, vor 
feinem eigenen inneren Kämpfen gejucht, 
aber nicht gefunden hat.) Es wäre 
eine intereffante Aufgabe, die beiden 
dem Inhalte nah gleihen Dramen 
miteinander zu vergleichen, wiürbe aber 
bier zu weit führen. Werner’3 Tra- 
gödie, jo viel bemerfe ich, ift wild, 
phantaftifch, zeigt das zerriffene Ge- 
müth des Verfaffers; in Kalchberg’s 
„Attila“ macht ſich des Dichters Ta: 
(ent in ruhigerer, nur bier und ba 
von den Ausbrüchen der Leidenfchaft 
bewegterer Darftellung kenntlich. Kalch— 
berg’3 Attila ift fein unedler Charakter, 
der Schluß des erften Actes, da ber 
Franke Hagano den Hunnenfönig er 
morben will und dieſer dem Mörder 
verzeiht, nimmt den Leſer, beziehungs: 


ichen beherricht hat; aber mur felten | weile Hörer für den König nicht wenig 
finden wir eine, bie von ber oft kargen ein. Ich führe ben legten Theil der 
Natur mit einem alumfaffenden Ber: | Scene hier an: 


fand ein gleich edles Herz empfing. 
— Unter diefen Wenigen glänzt Maria 
Therefia, wie der Mond unter den 
Sternen. Dieje große Tochter Habe: 
burgs beſchenkte die ewige Worficht 
mit ihren drei größten Gaben: Schön: 
beit, Weisheit und SHerzensgüte und 
um ihr Meifterftüd zu vollenden, ſetzte 
fie diefelbe auf einen der höchiten 
Throne dieſes Erdenrundes, damit diefe 
Tugenden befto heller ftrahlen und ber 
ſpäten Nachmelt noch zum Mufter 
dienen ſollen.“ Thereſias Geftalt tritt 
auch in der That jo vortrefflich ge: 
zeichnet, wie nur überhaupt der Dichter 
feine Figuren zu zeichnen gewohnt war, 
überall in glängendem Lichte hervor; 
dem Drama als ſolchem aber fehlt troß 
vieler lebendiger, ergreifender Scenen 
die eigentliche Handlung. 

„Attila, König der Hunnen“ 
benennt der Dichter das legte dramatiſche 
Produkt, welches im Jahre 1806 er: 
ſchienen iſt und fomit den „Deutichen 
Nittern in Accon” folgte. Zwei Jahre 
jpäter erfchien unter gleichem Titel eine 
Tragödie von Zacharias Werner, jenem 
wilden, ruhelojen Talente, das zuletzt 


Hagano: 
Was du verfagit, das will ich ſelbſt mir nehmen. 
Frei fei Hagano, frei fein Vaterland. 
(Er führt mit gezüdtem Dold den Stoß nad) 
Attila's Bruft, der ihm raſch in den Arm fällt 
und den Dolch entwindet.) 


Attila: 
Tolltühner Bube! 
Dagano: 
Grauſames Geſchick! 
Attila: 
Geſteh': wer dingte dich zum Meuchelmörder? 


Hagano (entſchloſſen): 
Die Liebe für mein Vaterland, die Menſchheit. 


Attila: 
Nicht auch der Römer Gold? 


Hagano: 

Solch eine Frage 
Geziemet ſich nur für Thyrannenknechte. 
Mein Haß iſt es, Despot, weil alle Völker 
Du graufam unterjocheit, unerfättlich 
Nach Leihen bungerft und nad) Blute düritejt. 
Von dir die Menfchheit zu befreien war 
Mein Zweck; er ift mir leider nicht gelungen. 
Nun denn, auf deine Henker. — Süßer ift 
Der Tod, als dies entehrend Sklavenleben. 


*) Zacharias Werner hatte fpäter auch 
Steiermark beſucht und im Jahre 1813 in der 
BWallfahrtstirhe Maria Troft bei Graz gepredigt. 


Attila: 
So ſprech' ich jept dein Urtheil. — Attila, 
Der ftet? nah PBlute dürftende Tyrann 
Verzeiht dem Mörder, — ſchenket ihm die freiheit. 
Sagano: 
Thrann! Du glaubft, daß dein Geſchenk mich 
rühre ? 
Nimm es zurüd! ich kann nicht dankbar fein, 
Kann meinen Haß in Liebe nicht verwandeln. 
Den Tod ertrag ich, deine Großmuth nicht. 
Aitila: 
&o lohne denn mit Undank meine Gnade. 
Dein Hak und deine Liebe find mir gleich. 
(Wirft ihm verädtlih den Dolch vor die 
Füße und gebt ab. Hagano fteht einige Augen- 
blide betroffen da, rafft dann ſchnell den Dolch 
auf, und eilt davon.) 


Auch die Liebe des Hunnenkönigs 
zu Hildegunden ift tief, und die Scene, 
in welcher er Walther dieſe Xiebe 
fundgibt, zeigt den ganzen leiden— 
ichaftlihen und doch wieder mild ver: 
jöhnlichen Charakter des Königs. Mit 
wenigen Strichen weiß Kalchberg das 
Berhältnig Walthers zu Hildegunden 
zu zeichnen und jene Scene, in ber 


a. 


der Verſuch gemacht ift, in populärer, 
allgemein verftändlicher Form hiſtoriſche 
Begebenheiten, welche der Lanbesge- 
jhichte entnommen find, durch eine 
hübſche, anziehende Darſtellung einem 
größerenLejerkreifezugänglich zumachen. 
Der Verſuch gelang volllommen, Kalch— 
berg’3 Erzählungen dieſer Art wurden 
bald jehr beliebt bei Hoch und Nieder 
und gehörten zu den in Defterreich ge: 
lefenften Büchern dieſer Art. Heute 
noh wird man fait alle Stüde mit 
demfelben Intereſſe, mit demſelben Ber- 
gnügen an der einfachen, Maren Dar: 
ftelung durchlejen und wenn auch der 
Beitgefhmad, für ben manches, 3. B. 
der an manden Stellen etwas füßliche, 
lüfterne Ton berechnet war, fi ge 
wendet bat, jo wird doch ber Freund 
einer hiſtoriſchen Lectüre — die auch 
dem romantifhen lemente gerecht 
werben will, bei der bunten Bilderreibe, 
die der Dichter in diefen Skizzen vor: 


Walther diefer feine Liebe erklärt, ift | führt, gerne verweilen. 


eine der jchönften, welche ber Dichter 
überhaupt entworfen. 

Kalchberg hat nachher fein Drama 
mehr geichrieben, der finnige Dichter 
hat die Feder meggelegt, der ernſte 
Geſchichtsſchreiber hat fie wieder er: 
griffen, Forfchungen auf dem Gebiete 
der Landesgefhichte, der Specialge: 
ſchichte Inneröſterreichs waren es, mit 
denen er ſich von nun an beſchäftigte. 
Und dennoch ließ ſich der poetiſche 
Drang im Imnern unſeres Dichters 
nicht unterbrüden, auch die Nejultate 
feiner jegigen Forihung mußte er, 
wenn auch in fchlichter Proia, feilelnd 
und anziehend zu geftalten und in 


Strenger Hiftorifer ift Kalchberg 
in ber vortrefflihen Arbeit: „Ur: 
fprung und Berfaffung ber 
Stände Steiermarfs“, die ich, 
obgleich wir es hier mit dem Dichter 
zu thun haben, doch zur Bervollftän: 
digung ermähne. Diefe Abhandlung 
bearbeitet ihren im Titel angegebenen 
Stoff in Harer, lichtvoller Darftellung 
an der Hand von vielen bis dahin 
nicht befannt gewordenen Quellen und 
gibt eine treffliche geichichtliche Ueber: 
ficht des fteiermärfifchen Ständeweſens. 
In der Gefammtansgabe findet fich 
der Auffaß in V. ©. 3. — Freund— 
lihe Landſchaftsbilder, durch hiſtoriſche 


Form von Erzählungen und Schilde: | Ercurfe belebt, bietet endlich bie zuerft 


rungen fanden auch biefe Arbeiten | im 


„Aufmerkſamen“ veröffentlichte 


Kalchberg's einen großen Leſerkreis. Neifefchilderung „Das Mürzthal“, in 
„Hiftorifhe Skizzen“ betitelte der auch fo manches ſchöne Gedicht, 
fi eine Sammlung ſolcher Erzählungen, | fo manche poetiſche Erinnerung an bes 
die im Jahre 1800 erſchien. Er hatte | Dichters Jugendzeit enthalten ift. Im 
bier eine Reihe von lesbaren, anziehen: | erften Theile der gegenwärtigen Dar- 
den geſchichtlichen Erzählungen geliefert, | ftelung *) ſchon, anläßlich ber Bes 
die großen Anklang beim — — des Jugendlebens Kalchberg's 


fanden und insbeſondere dadurch au 
für die Folge wichtig wurden, daß darin 


) Im Februarheft des „Heimgarten“. 


— 


447 


babe ih einige Stellen aus dieſer gere Arbeit „Ueber Urjprung und Bes 

finnig=gemüthvollen Neifebefchreibung | Ichaffenheit der Urbarialabgaben in 

citirt. nneröfterreich” (1818), die bes treff- 
Die ſchriftſtelleriſche Thätigkeit | lichen hiſtoriſchen Materiales eine Fülle 

Kalchberg's ericheint damit abgeichloffen, | enthält. 

da3 Bild vollendet, welches ich von Ich bin zu Ende, und jeder, ber 


dem Manne zeichnen wollte. diefe Zeilen über den Dichter auf- 


Noh fand fih ein Band neuerer, : - 4 
1825 gefammelter Werte hanbjcprifttich | Meriam burcgelefen, wird mir bei 


im Nachlaß vor, welcher der Bücherrevi- —— —— re 
fionsbehörde vorgelegen ift und, vielfach en frifch, fo A rüngli u ala 
durch die Striche des Cenſors reducirt, , ab 
. in Defterreih jelten zu finden war. 
hätte gebrudt erjcheinen follen. Aber * 
Mag man über des Dichters Jugend— 

er erſchien nicht, ſei es, daß die dem|.. a z 

; lieder, vielleicht auch über mande der 
Dichter Naheftehenden nach feinem Tode |. . 2 

j ag x fpäteren Iyrifchen Poeſien lächeln und 
die Auffäße nicht verftümmelt gefammelt fie unbeachtet bei Seite legen, fie 
jehen wollten, ſei es, daß andere äußere A gen, — 
Hinderniffe dazroifchen getreten find, zeugen doch von einem gemedten — 
dieſer Band wurde niemals gedruckt. — eo... N. Ser 
Zehlreiche Gebiäte barin zeigen ben Boefte "Fr jene Zeit eine gar jeltene 
Dichter von der Seite des freimüthigen, Sadı J g 
wahrheitsliebenden edlen Mannes, als ur 
der er ja au im Xeben immer er: Der Gedanke, eine neue Ausgabe 
ſchienen. Beſonders der poetifche der Werke Kalchberg's zu veranftalten, 
inhalt des Bandes ift zum großen iſt jchon öfter angeregt worden, möchte 
Theile ungebrudt und um fo charaf-|er endlich zur Wirklichkeit werden und 
teriftiicher, al er Gedichte aus der in feinem, im deutſchen Wolle jene 
Periode nach dem Erfcheinen der Ge: Unterſtützung finden, welche zur end- 
fammtausgabe enthält, aljo aus einer | lichen Ausführung beiträgt. In ben 
Zeit, in welcher der greife Sänger | verjchiedenen Literaturgefchichten ift der 
jelten mehr feine Leier ertönen ließ. | Dichter, wo er erwähnt erjcheint, mit 
Die Proſaſtücke jchließen fih den ähn: |einer jo auffallenden Unfenntniß feiner 
lihen Schilderungen und Erzählungen, | Werke behandelt, daß man es deutlich 
von denen ich oben geſprochen, an, fie | fieht, wie wenig fein Talent gekannt, 
find gefammelt aus den Zeitfchriften, | wie jehr im Laufe des Yahrhunderts 
in welhen fie zum erftenmale er= einer der beften dramatifchen Dichter 
ſchienen; zur Landesgeihichte Inner: | Defterreihs vergefjen worden ift, ber 
öſterreichs liefern fie eben jo intereffante | für den Literarhiftorifer eben jo be- 
Beiträge, wie die beiprochenen Skizzen | deutjam, als für den Freund finniger, 
und Schilderungen. Beſonders bemer: | gemüthvoller Dichtung zu Herzen ſpre— 
kenswerth ift darunter auch eine Tän=! chend genannt werben muß. 


Heber 3. Kürnberger’s „Piterarifhe Herzensſachen“. 
Bon Robert Yamerling. 


„Literarische Herzensſachen“ betitelt |tabeln würde, wenn das Princip und 
Ferdinand Kürnberger einen Band von |die Tendenz und die perfönliche oder 
gefammelten Fritifchen Journalartikeln. Parteiftellung zur literarifhen Indi— 
— Die Kritif aljo Sache des Ge: |vidualität des Autors es gerabe ver: 


müths, bed Herzens, der Stimmung? 
Warum nicht? Wenn die poetifche und 
fünftlerifche Production mehr und mehr 
zur Berftandesfahe wird, warum 
jollte nicht dafür die Kritit zur Her- 
zensjahe werden? — Ober mißver: 
ftehen wir den Titel vielleicht? Nein, 
Herr Kiürnberger jagt es felbft in der 
Vorrede, daß bei feiner Kritif „ein 
vielleicht allzu übervolle8 Herz feine 
ſtarke Subjectivität ausfpielte”. Mit 
diefem Geftänbniß entwaffnet ber Autor 
diejenigen, die ihn um eines ſcharfen 
oder heftigen Wortes willen angreifen 
möchten. Und wenn man fich anberer- 
feit8 einigermaßen wundert, zu fehen, 
daß Herr Kürnberger Necenfionen 
Ichreibt über Bücher, die ihm debicirt 
worden find, fo fommt er aud in 
diefem Punkte dem Vorwurf zuvor, 
indem er ausbrüdlich zugibt, daß er 
zuweilen, wenn auch nur „ausnahm®- 
weile”, aus „Höflichkeitsrüdfichten”, 
über das eine oder das andere Buch 
eine perſönlichen oder literarifchen 
Freundes ein „literarifch - Fritifches 
Lebenszeichen“ gibt. 

Herr Kürnberger kann aljo auch 
höflich fein. In der That, dies Buch 
beweift auf vielen Seiten, in welchem 
Maße er e3 fein kann, wie zart und 
rückſichtsvoll in Lob und Tabel er fi 
auszudrüden im Stande ift. Er trieft 
förmlih von MWohlwollen. Wenn er 
einen Roman von Erwin Schlieben 
wit feinfter Delicateffe getadelt hat, 
jo fügt er hinzu: „Es müßte ent- 
züdend fein, von der Hand dieſes 
Dichters ein reines und tabellofes 
Kunſtwerk zu befigen.” Er ift ein 
Meifter in der Kunft, zu loben, wo 
man auch tabeln könnte, wenn man 
wollte, ja maßlos tabelı könnte und 


langte. 

Aber man darf fih dadurch an 
Herrn Kiürnberger nicht irre machen 
lafjen. Er lobt im Grunde doch nur 
mit dem Kopfe ; die eigentliche Herzens: 
ſache bleibt ihm der Nerger, und ber 
Kampf jein Element. Kritiſche Wölfe 
nehmen manchmal einen Schafspelz 
um, hätſcheln und verhimmeln zur 
Abwechslung Einen mit demfelben Eifer, 
mit welchem fie die Anbern zu zer: 
reißen pflegen. Auch Herr Kürnberger 
ift im Stande, das ganze Alphabet 
durcdhzuloben, um feinen Invectiven 
gegen X, D, 8, auf die es ihm 
eigentlich ankommt, ein größeres Relief 
zu geben. 

Sn Einem Punkte aber unter: 
jcheidet fich Kürnberger von Allen, bie 
ihm etwa fonft in Betreff des „über: 
vollen Herzens“ und ber „ftarfen Sub: 
jectivität” gleihen. Er ſudelt nie 
mals. Mit flüchtig und bedachtlos hin- 
gemworfenem, leichtfertigem Geſchimpfe 
Seiten oder Spalten zu füllen, wie 
es wohl Andere fich geftatten, denen 
e8 doch auch nicht an Geift mangelt, 
ift feine Sache nicht. Was er jchreibt, 
ift immer wohl überdacht und ausge: 
klügelt, ja reflectirt und raffinirt bis 
zum Exceß. Er ift in dieſer Beziehung 
der gewiſſenhafteſte Schriftfteller, ben 
ich kenne. Er macht bismweilen uner: 
hörte Anstrengungen, um das, was 
er behauptet, auch zu beweiſen; er 
will überzeugen, und wenn er jeine 
Bemweisführung hie und da foreirt, 
ober fie in einer Weiſe zufpigt, daß 
die Spite abbricht, jo bleibt fein Vo- 
tum, fein Meinungsausbrud unter 
allen Umſtänden ein Eleines, fein cije- 
lirte8 Kunſtwerk, das bie Eriftenzbe- 
rechtigung in feiner Form hat. 


449 


In jeiner Meinungsäußerung liegt | gliede jtehen fünnte), oder: „es war 
immer etwas Prägnantes, Einſchnei- als ob der Zephyr die Blumen küſſen 
dendes, Frappantes, jo daß fie ent:|würde” — „er jahaus, als ob ihn 
weder zu lebhafter Zuftimmung ober | die Sache niht3 angehen würde” 
zu lebhaftem Widerſpruche reizt. Sie |u. dal. 
vegt zur Gloſſirung an, und da es Ein Theil unferer Bubliziften wagt 
meift intereffante literariiche oder fo: | ſchon nicht mehr zu fagen : „ih ginge“, 
cinle Tagesfragen find, welche Kürn- „ih böte“, „ihträte”, „ih höbe“ 
berger behandelt, jo lohnt es ih auch, ꝛc. Man wählt eine jchwerfällige, oft 


ihn zu gloffiren. 

Gleich die erften Artikel des Buches, 
„Die Blumen des Zeitungsſtyls“ und 
„Spradhe und Zeitungen“, find eben 
jo treffend als unterhaltend. Aber 


gleich hier möchte man die Bemerkung | 


hinzufügen, ob denn die Schärfe völlig 


berechtigt jei, mit welcher der Autor 


unter Anderem den öfteren und allge: 
meineren Gebrauh der Ausdrücke 
„Tragweite“ und „Sendung“ ver: 
urtheilt. Sie haben eine tropijche oder 
eine emphatiiche Bedeutung, jagt Kürn— 
berger. Ganz recht; aber ift unfere 
Sprade nicht voll von urjprünglich 
bildlichen und emphatifchen Ausdrücken, 
deren Bedeutung fich abgejchliffen hat, 





geradezu fehlerhafte Umjchreibung, man 
läßt die vorhandene organische Form 
durch Nichtgebrauch ſchnöde verfüm: 
mern. Dergleichen führt zum allmä— 
ligen Erſterben des Sprachorganismus 
überhaupt, und dagegen ſollte jeder 
Schriftſteller mit allen Kräften ſich 
ſtemmen. 

Gelegentlich räth Kürnberger einem 
„aufmerkſamen Leſer in der Provinz, 
der ſeine Zeitung wirklich noch liest“, 
ſich die Mühe zu nehmen, und ſich 
die ſprachlichen Wunderlichkeiten zu 
notiren, die ihm nach und nach vor— 
kommen. Dabei mußte ich ſogleich 
eines ganz ſpezifiſchen Lieblingsaus— 
drucks der Grazer Schriftſprache, des 


und die heutzutage, jo zu jagen, zur | Wörtleins „Anwurf“ gedenken. In 
Heinen Münze des alltäglichen Sprach- Grazer Blättern erjcheint Fein Einge: 
verfehr8 gehören? Wer möchte dem |jendet, in welchem micht irgendwer 
Entwidlungsgang einer Sprache Halt | einen „Anwurf“ zurückweiſt; im Grazer 
gebieten, und den Punkt beftimmen, | Gerichtsfaal entkräftet der Vertheidiger 
von welhem am nicht mehr gejchehen |die „Anwürfe“ des Staatsanwaltes, 
joll, was bi! dahin erlaubt war? — | und jelbft in der Grazer Lanbftube 

Wie kann man übrigend? — will ſchwirrt es von „Anwürfen“, welche 
ih bier jo nebenbei fragen — über die Parteien einander zujchleudern. 
Sprachverderb jchreiben, ohne des neue: | Died unappetitlihe Wort, das man 


ften und ſchlimmſten ſprachlichen Gräuels 
zu gedenken, der aus den Zeitungen 
auch ſchon in einzelne Bücher über— 
geht, und der nicht eine Weiterbildung, 
ſondern eine Rückbildung, eine Ver— 
kümmerung, eine Preisgebung werth— 
vollen Sprachbeſitzes in ſich ſchließt: 
ich meine die um ſich greifende ängſtliche 
Vermeidung der organiſchen Verbal— 
form im bedingenden Satze, das häß— 
liche: „Wenn ich wiſſen würde 
ꝛc., jo würde ih ꝛc, oder: „Würde 
ih die8 gewußt haben, fo hätte 
ich nicht jo gehandelt“ (mo das „würde 





vergeblich in einem beutfchen Wörter: 
buche juchen wird, ift das merfwürdigjte 
mir bekannte Beijpiel eines auf eine 
einzige Stabt bejchränften, aber hier 
auch in der Schriftipradhe mit palfio: 
nirter Zähigkeit fejtgehaltenen Local: 
ausdruds. — 

Wenn Kürnberger in dem Artikel 
„Bücher-Frou⸗Frou“ gegendie moderne, 
faft kindiſche Illuſtrationsmanie zu 
Felde zieht, jo wird man jeinen Eifer 
nicht in der Sache felbit, jondern nur 
in der Art der Begründung etwas 
allzu bilderftürmerijch finden, und un: 


ih“ correct nur im zweiten Satz- | bebingt wird der Befonnene auf feine 


Kofegaer's „„Geimgarten’* 6. Heft. 


29 


450 


Seite treten, wenn er in ben „talfchen | jeliger, ja trübfeliger Schluß beein- 


Anfichten” Die 
„geißelt”, die fich für die Beurtheilung 
von Charakterzügen und Lebensver— 
hältniffen der Dichter — natürlich nur 
der längjt verftorbenen — allerlei ver: 
meintlich zartjinnige, in der That aber 
unberechtigte und zum Theil wider: 
finnige Standpunfte zurechtmacht. 
Schlagend genug ſchildert Kürn— 
berger in den Artikeln über Bogumil 
Goltz den „Naturalismus“ des tief: 
finnigen und gemüthvollen Polterers. 
Aber e8 wundert mi, daß feiner 
Wahrnehmung, wie e8 jcheint, ent: 
gangen ift, wie nicht dieſer Naturalis: 
mus an und für fi, Sondern der 
Gonflict desjelben mit jeinem Ge— 
gentheil in der Bruft des merkwürdi— 
gen Mannes, der unverjöhnte MWider- 
ftreit zwiſchen Herz und Geift, in 
welchem fein Denken und Empfinden 


moderne Affectation | trächtigt die Geſammtwirkung bes jo: 


vialen, nur leider plans, ziel- und 
formlojen Buches. 

Zu dem Schärfften, was Kürn- 
berger gejchrieben, gehören feine Auf: 
läge über „Denkmäler“ und insbe: 
jondere über den „Denkmalbettel“, 
mworunter er das Eintreiben von Bei: 
trägen für Denkmäler duch „Haus: 
bettel“, wie er es nennt, und perjön- 
lihe Preſſion verfteht. 

„Den ehrliebenden Verleger,“ 
jchreibt er, „der einem todten Dichter 
aus jeinen eigenen Werfen ein Denf: 
mal jest, läßt man im Stich, pfropft 
aber Erzpuppen auf Erzpuppen, wenn 
der Denkmalpfennig erpreßt wird von 
reclamefüchtigen Auffehenmachern, wel: 
hen man die Thüre zu weiſen zu 
ſchwach it.” 


Es kommt jogar eine Stelle, wo 


zeitlebens befangen blieb, und der in | Herr Kürnberger nach der Polizei ruft. 
Geſprächen und perfönlihem Gebahren | „Es ift hohe Zeit,” jagt er, „daß der 
feine jchärfften Spiten hervorkehrte, obrigkeitliche Schutz eintritt, und daß 


den eigentlichen Schlüſſel ſeines leiden— 
ſchaftlichen, weil innerlich widerſpruchs⸗ 
vollen und nicht zur Harmonie durch— 
gedrungenen Weſens bildete. 

Eine wahre Herzensfreude bereitete 
mir der Artikel über Claude XTillier 
und feinen „Onkel Benjamin“. Auch 
ih madte vor Kurzem zufällig die 
Belanntfhaft diefer unvergleichlichen 
Farce, und empfehle Jedem, der fich 
einmal gründlich ergögen will, itatt 
jo viel ſchalen und alltäglichen Zeuges 
dies originelle, naturwüchfige Buch zu 


lefen, das ben derben Humor eines | 


Rabelais oder Fiſchart mit dem Esprit 
eines modernen Franzoſen vereinigt. 
„Warum ift dies Buch nicht welt: 
berühmt und in Aller Händen ?“ fragt 
man fich, während man es lieft. Aber 
freilih, die Antwort liegt ziemlich 
nahe, jobald man e3 zu Ende gelejen. 
Die Schilderung eines gutmüthigen, 
jovialen, aber unverbefjerlich leicht- 
finnigen Saufaus, höchſt ergöglich im 


der Regelung des Dentmalbetteld die 
Gejeßgebung ihr Auge zumenbet. Ich 
ipreche vom Denfmal-Bettel al3 Hau $- 
bettel, wohl gemerkt!" — Sollen 
Denkmäler gelegt werden, jo will er 
fie auf Staatsfoften, oder durch wirk— 
ih freiwillige Subfcriptionen begrün- 
det wiffen. „Nur jo,” fährt er fort, 
„kann ſich der Eultivirte das Denfmal- 
ſetzen denken bei einem Gulturvolfe. 
Die dritte Art dagegen, daß jeder 
Nächftbeite fich zu einem Denkmalvater 
aufwirft, ein paar Freunde als Co: 
mit wirbt und mit polizeiliher Nach— 
ficht nun getroft auf den Hausbettel 
ausgeht: dieſe Art jcheint mir an: 
ftändiger für Tungufen und Peſcherähs, 
al8 für ung. — Aber mit deinen 
aufliegenden National» Subfcriptionen 
fommt in Emigfeit nichts zufammen ! 
Bit: Nicht jo laut! Nicht jo unvor: 
fihtig! Das ebenift ed ja, was 
ih hören wollte hr jeid mir 
vortrefflih aufgeleffen. Kommt nichts 


Einzelnen, bat doch auch etwas Un- |zufammen — und ich habe es immer 
erquicliches im Ganzen, und ein arm: |jo geahnt — dann ift eure ganze 


451 


Denkmaljegerei eben nicht National- 
ſache, wie e8 eure Phraſen jo wiber: 
fih lügen, fondern fie ift Privatjache, 
fie ift Sache eurer perjönlichen Lieb- 
haberei, um nicht das Schlimmere zu 
jagen, eurer perfönlichen Eitelfeit. Dann 
bat der Banquier Königswarter u. U. 
auch nichts für Schiller gegeben, Jon: 
dern er hat gegeben für Herrn X, den 
Sammler und Glaubensgenoffen, der 
ihn perſönlich bedrängte. Und bier 
eben iſt's, wo ich nach der Polizei 
rufe... Ich fürchtete anfangs, gegen 
den Strom zu jchwimmen, aber ich 
fange an zu capiren, daß ein Strom 
überhaupt nicht eriftirt, daß die öffent: 
lihe Meinung vielmehr dem Denfmal- 
bettel von Herzen gram ift, denn alle 
Perfonen, jo viel und jo bunt ich 
beren noch Sprach, fand ich von jeltener 
Einigkeit in dem Abſcheu gegen den 
Terrorismus des Denfmalbetteld. Ich 
fand fie alle nah einem Gideon 
jeufen, nad) einem Manne, ber den 
Muth hätte, das Wort des Wiber- 
ſpruchs zum erjtenmal laut auszuſpre— 
chen.” 

Diejes Gideon-Muthes wird Herr 
Kürnberger fi nicht mehr ſonderlich 
rühmen bürfen. Der humoriſtiſchen 
Blätter nicht zu gedenken, ftellt das 
Feuilleton der gefammten Wiener Preſſe 
fi) auf beiläufig denjelben Standpunft, 
jeit in Wien, nachdem man das Schil- 
lerjtandbild faum enthüllt, auch jchon 
für ein Grillparzer-, ein Beethoven, 
ein Grün-Lenau:Monument gefammelt, 
und ein Mozart, ein Haydn, ein 
Goethe-Dentmal in Ausfiht genom: 
men wird. In welchem Berhältnifie 
ftehen die zahlreichen Dichterfefte und 
Denfmäler zur wirklichen Begeifterung 
der Nation, zur thatſächlichen Aner: 
fennung der Dichter? Wie reimt der 
Eifer, mit welhem man Schillerbilder 
aufrichtet, fih damit zufammen, daß 
man unter Kritifern, unter Leuten, die 
„auf der Höhe der Zeit” ftehen, es 


nicht mehr ohne verſchämtes Erröthen 
‚fen Zwed jehr Leicht weit beſſer Geeig- 


wagen darf, Schiller fir einen großen 
Dichter zu halten? 


Eine feiner ausführlichften Erör— 
terungen widmet unjer Autor dem 
Rhapfoden Jordan. Man wird ihm 
zuftimmen müfjen, wenn er es als 
einen Irrthum diefes an fi fo an- 
erfennenswerthen epiſchen Meifters be- 
zeichnet, aus altem, den @eift ganz 
anderer Zeiten wiederjpiegelnden Sagen 
gewebe, das im Bewußtjein des Volkes 
längft nicht mehr lebendig ift, Lafje 
ih nachträglich auf fünftlihem Wege 
ein Nationalepos ſchaffen, welches für 
die Deutſchen das jei, was die Jlias 
für die Griechen. Nur muß man fic) 
auch einigermaßen wundern, daß Kürn- 
berger ſpäter, wo er von Gottfried 
Keller3 „Sieben Legenden“ mit über: 
ſchwenglichem Lobe jpricht, fein Wort 
des Bedauerns mehr hat für eine 
dichteriſche Kraft, die an einen noch 
weit weniger lebendigen Stoff, an eine 
wunderliche firchliche Legendenwelt ver: 
ſchwendet ift. Ueberdies muß bemerkt 
werden, daß in dieſem Aufjake über 
Jordan der Autor im Bemühen, 
gründlicher al3 gründlich zu fein, und 
eine Sache, an welcher Niemand zweifelt, 
zu beweilen, ſich in einem ermübenden 
hiſtoriſchen Execurs verliert und jeiten- 
lang vom Katheber herunter redet wie 
ein Privatdocent. 

Wie bier zu umständlich in ber 
Beweisführung, ift er anderswo zu 
jubtil, klügelt Motivirungen aus, die 
nur das Intereſſe der Sonderbarfeit 
für fih haben, wie zum Theil in den 
Artifeln über Turgenjem und über 
Grillparzer. 

Daß Kürmberger immer nur mit 
dem jchweren Geihüß des Gedanfens 
wie bed Ausbruds ins Feld rück, 
haben wir ſchon gejehen. Bon ihm 
läßt fi in der That jagen, daß er 
„mit Kanonen nah Spatzen ſchieße“. 
Wozu z. B. ber Lärm ©. 119 über 
eine mittelmäßige Horaz:Ueberjegung ? 
Wollte er wirklih an einem Beijpiel 
zeigen, „welcher Schund in Deutidh- 
land gedruckt wird“, jo hätte er fir die— 


netes, d. h. Schlechteres finden können. 
29* 


452 


In einem Nekrolog auf Moriz 
Hartmann macht Kürnberger die Be: 
merfung, Hartmann habe das Weſen 
des Hellenen mit dem bes Juden 
in feiner Natur vereinigt. Möglich, 
daß dies fich jo verhielt; dann war 
aber Hartmann eine Merkwürbigfeit 
ohne Gleichen, und ich begreife nicht, 
wie Kürnberger eine ſolche Verſchmel— 
zung jübifchen und helleniſchen Weſens 
für eine leicht mögliche, ja naheliegende 
Sache nehmen mag. Größere Gegen: 
ſätze kennt die Weltgeſchichte nicht, 
als den naturinnigen, naiven Hellenen, 
und ben durch und durch ſpiritualiſti— 
ſchen, verſtandeskalten, zerſetzenden Se— 
miten, und da der Jude von Natur 
ein unwandelbares, auf ſich beruhen— 
des Weſen iſt, ſo fällt es äußerſt 
ſchwer, an die Verwandlung eines 
Juden in einen Hellenen, oder an die 
Verſchmelzung eines Juden mit einem 
Hellenen zu glauben. Wenn ein Heine 
mit ſeinem Hellenismus prahlte, ſo 
wird das doch Niemand für Ernſt ge— 
nommen haben? — 

Die reihen jüdiſchen Banquiers 
der Reſidenz jcheint Kürnberger ent: 
ſchieden nicht zu den bellenifirten 
Semiten zu rechnen. Diefen gegenüber 
verläßt ihn feine „Höflichkeit“ und 
daß er auf ein Gouvert an ihren 
gaftfreien Tiſchen verzichtet, beweiſt 
der Xrtifel, den er dem „Berhältniß 
der Wiener Börfenmänner zur Litera- 
tur” widmet. Hier beginnt denn doch 
die heftige und draſtiſche Art Kürn— 
bergers etwas unerquicdlich zu werben. 
Die armen Reihen! Kümmern fie fich 
nicht um Literatur und Kunft, jo 
ſchilt man fie; fümmern fie fi darum, 
jo verhöhnt man fie! — 

Ein Meifterftücd in der Form, dem 
Inhalt nad eine große Schrulle ift 
der Artikel über Friedrih Halm und 
jeinen „Fechter von Ravenna“. Kürn: 
berger beweift bier auf ein paar Sei: 
ten nichts Geringeres, als — man 
höre! — „die ſpecifiſche Nichts: 
würdigfeit diefer Schandko— 
mödie!” — Da haben wir ein Exem— 


peljener „pradtvollen Strenge”, 
über welche fi Kürnberger auf S. 326 
freut wie ein Kind, wenn fie von 
einem feiner Gollegen geübt wird. 
Wenn Hinz und Kunz, meint er, vor- 
ber in Notizen gelobt worden find, 
hernach aber der höheren Kritif vor 
die Klinge fommen, dann „merkt man 
e8 der pradtvollen Strenge 
der leßteren ordentlih an, daß fie ihr 
Nächeramt mit einem langgejparten 
Grimm und avec une sorte de gaite 
verwaltet“. — Ohne e8 zu wollen, 
berührt Hr. K. hier die wunde Stelle 
unferer Tageskritif, Weil Hr. A. den 
&. gelobt hat, ſchreibt Hr. B. über 
denjelben &. einen wüthenden Schmäh: 
artifel. Ueber dieſe „prachtvolle Strenge“ 
freut fih Herr Kürnberger. Und das 
Publitum? Ye nun, das Publikum, 
zwifchen ben Lobenden und ben maß: 
[08 Schimpfenden geftellt, glaubt weder 
dem Einen mehr noch dem Anbern. 

Amüfant geftaltet fih das Schau: 
jpiel, wenn eine „starke Subjectivität“ 
auf eine andere, ihr verwandte ftößt. 
Dies gejchieht in Kürnberger's Feuille- 
ton über Melchior Mayr’3 „Geſpräche 
mit einem Grobian“. Nicht als ob ich 
fonft Kürnberger und Melchior Meyer 
nebeneinander ftellen möchte; Hr. Kürn- 
berger ift ein Kopf von Diftinction, 
der ſelige Meldior Mayr dagegen 
ſcheint, wenigſtens nah den von K. 
angeführten Proben zu fchließen, fi 
innerhalb ziemlich enger geiftiger Schran: 
fen bewegt zu haben. Aber fie gehören 
beide zur Claſſe der Nervöſen. „Mel: 
chior Mayr's Zorn“, jagt ung Kürn: 
berger, „iſt zumeilen ſehr ſchön. Gut 
gedacht, heiß empfunden, hinreißend 
wahr und energiſch im Ausdrude, zer: 
mwettert er, wie der Blitz, was er trifft.“ 
Auf der nächften Seite: „Gegen dieje 
Siehlinge (A la Melchior Mayr) mit 
der moraliichen Gehirnerweihung und 
Herzbeutelwafferfuht, gegen die Ber: 
jöhnler und Ohnmächtler, welche jeder 
Tragödie einen gemüthlichen Circum— 
fler anfhänden, werben wir noch aparte 
Geißeln mit Skorpionen Flechten und 


453 


fie manches Jahr unjers Lebens durch: 
ſtäupen.“ — „Man fängt oft an, den 
Autor liebzugewinnen und ift im Be: 
griff, ihm herzlich die Hand zu drücken.” 
Und wieder: „Ei, fo wag's doch, 
wißiger zu jein als Heine! Wer hin: 
dert di daran, kleine, neidgift- 
platzende Kröte?“ — So med: 
felt Anziehung und Abftoßung, Bru— 
derfuß und Obrfeige, und man bedauert, 
daß der felige Mayr das Eine wie 
das Andere nicht erwidern kann. 
Einer merkwürdigen Stelle muß 
ih noch Erwähnung thun, in welcher 
Hr. Kürnberger die „allgemeine Ber: 
lotterung bes deutſchen Nationalgeiftes” 
in Ausfiht ftellt, weil — ja meil 
einmal Gott weiß welder Recenjent 
„Homer und Hamerling“ neben ein- 
ander genannt hat. Hier geht Hr. 
Kürnberger in feiner Bejorgniß offen: 
bar zu weit. Hat doch ein bedeutender 
Wiener Kritifer den Berfaffer des 
„Neuen Tannhäufer” mit Dante und 
Shakespeare zufanmengeftellt und ges 
funden, daß jener dieſen in einigen 
Beziehungen ſogar noch überlegen ift. 
Der „deutſche Nationalgeift” hat fich 
jo ziemlich gewöhnt, die Privatanfich- 
ten der Kritiker ohne Schaden an fich 
vorübergehen zu laſſen. Wenn mic 
eine halbverblaßte Erinnerung nicht 
trügt, hat Hr. Kürnberger vor Jahren 
jelbft den ethiſchen Gehalt der Werfe 
bes PVoeten, den er heute fo gründlich 
verachtet, auerfannt, nnd ich möchte 
glauben, daß die vorurtheilslofe und 
aufmerffame Lectüre diefer Werke, 
weit entfernt, der Verlotterung bes 
Nationalgeiftes Vorſchub zu Teiften, 
vielmehr ein wirkſames Gegengift gegen 
die Verlotterung wäre. Ich möchte 
mir bei biejer Gelegenheit erlauben, 
den Ausspruch eines Holländers, des 
Herrn U. ©. van Kamel, anzuführen. 
Diefer Kritiker, im fernen Holland, 
völlig außerhalb der literarifchen Bar: | 


viel ober zu wenig gelobt mworben, 
hat er zu viel oder zu wenig Erfolg 
gehabt, jondern das, was der Poet 
geichrieben, unbefangen auf fich wirken 
lafjend, hat in jchroffem Gegenjag zu 
beutfchen Feuilletoniſten bie folgende 
Heußerung gethan: „Dies dürfen wir 
verfichern, daß das Reich der Humanität 
den Menfchen einen Schritt näher 
gerückt fein wird, wenn Hamerlings 
Leſer feine Poefien genießen können 
mit derfelben Einfachheit und Reinheit 
des Herzens, mit derjelben Liebe für 
Alles, was ſchön und gut ift, die den 
Dichter befeelten, als er fie ins Leben 
rief.” — Ich citire diefe Stelle nicht, 
um mir etwas Darauf zu gute zu 
thun; es bleibt der Leſewelt anheim— 
geftelt, wen fie lieber glauben will, 
dem „übervollen Herzen“ und ber „ftar: 
fen Subjectivität“, oder dem hollän- 
diſchen Phlegma. 

Ich beihäftige mich vielleicht ſchon 
zu lange mit Herrn Kürnbergers Buche. 
DhneZweifel erregt e8 Kürnbergers Un: 
willen, daß ich mir angemaßt habe, 
ihn in fo vielen Punkten zu corrigiren 
und zu meiftern. Aber diesmal ift er 
der Autor und ih der NRecenjent ; 
ein Kritifer aber ift befanntlih un: 
fehlbar und verfteht Alles beſſer als 
der Autor. Im Uebrigen, da für 
mein Urtheil über einen Menjchen 
nit das maßgebend ift, was er von 
mir hält, jondern das, was ich von 
ihm halte, jo bin ich weit entfernt, 
Herrn Kiürnbergers Vorzüge irgendwie 
herabfegen zu wollen. Herr K. ift, 
von feinem Erzählertalent abgejehen, 
unter allen Umftänden ein gewaltiger 
Held der Feder, ein halbmythijcher 
Vogel Greif im Haufen der Rohr: 
ſperlinge. Es ift pure Schelmerei, 
wenn er ©. 147 von fich felber jagt, 
er fei in der Publieiſtik „längſt nicht 
mehr ber Erſte“. Herr Kürnberger 
weiß es jehr gut, und befjer vielleicht 


teien Deutſchlands ftehend, nicht fra: | als irgend Einer, daß er, fo lang er 
gend: ift der Autor dieſes Buches zu | will, noch immer ber Grfte iſt. 


Der Vergſturz. 


Epifoden aus der Kataftrophe bei Steinbrüd. 


Zwei Eheleute in ihrer Stube Das Blei fiel zifchend in das 
machten fi Iuftig über die Sylveſter- Wafler und lag auf dem Boden der 
nacht, in welcher fie mitten drin jaßen. | Schale. Sie gudten nad) der Form. 

Das Weib hielt einen Blechlöffel Der Mann late: „Da haft es, gar 
über die Nerzenflamme; der Löffel nichts ift d'raus worden. Was joll 
war unterhalb jchon kohlſchwarz von denn das vorftellen? Einen Stein: 


feinftem Ruß; im Löffel rutichte eine 
fih löſende Maffe wie Quedfilber 
bin und her — da3 war Blei. 


Der Mann bereitete eine Schale 
Waſſer und fagte: „Schau aber, daß 
was Rechtes herausfommt, Geld oder 
jo was; weißt ja, daß ich in diejem 
Yahre mein Haus vergrößern will. 
Und um Gotteswillen!” ſetzte er 
nedend bei, „oib Acht, Weib, daß 
nicht wieder ein kleines Kind d’raus 
wird!” 

„Sei mir ftil davon!“ verwies 
fie, „haben eh ſchon ſechſe.“ 

„Ja, dann hätten wir bie fieben 
Schmerzen beifammen.” 

Das von den Sehien war feine 
Mähr; um ben Dfen und an den 
Wänden herum fchliefen fie in Eleine- 
ren und größeren Betthen — Knäb- 
lein und Mägdlein — lodige, roth— 





haufen, wenn Du willſt.“ 

Ein Knäblein regte fih und ver: 
langte zu trinfen. 

„Ja, mein Lieber”, ſagte ber 
Mann, „andere Leute trinken jebt 
Champagner — Du wirft wohl mit 
Wafler fürlieb nehmen müſſen.“ Und 
er reichte dem Kleinen ein grünes 
Krüglein. 

„Butes Waſſer ift auch nicht zu 
verachten”, bemerkte das Weib. 

„Ja“, jagte er, „wenn das nicht 
Sannwaſſer, wenn e8 ber friſche Brun- 
nen von der Plejchen wär’, der uns 
neuzeit den Dienſt aufgefagt hat —“ 

„Du, jeßt weiß ich’3, warum der 
Brunnen ausgeblieben ift“, jagte fie, 
„exit Fürzlih hat mir's die Nachbarin 
erzählt.“ 

„Haft Dich wieder einmal an: 
ſchwatzen laſſen!“ 

„Mein, ich glaub’ ſonſt nicht auf 


wangige Köpfchen in kindlicher An- ſolche Sachen, aber das möcht” doch 
muth und ſüßem Schlummerfrieden. wahr fein. Vom vothbartigen Ita— 
Man hätte fi recht gerne noch ein liener, weißt, der lang auf der Bahn 
fiebentes hinzugedacht, und — die gearbeitet hat. Da ift einmal ein 
Schüſſel auf dem Tiſche braucht des- mühjeliges Bettelweib dahergegangen, 
wegen nicht größer zu werben, nur hat fih am Bahndamm niedergefetzi 
der Löffel müſſen um einen mehr fein. | und ben Staliener um einen Trunt 
Das jei dem Bater gejagt, dem bra- | Waſſer gebeten. Aber der hat ihr ein 
ven Steinmeg, der das Brot für | hartes Mort fürgeworfen: Wenn fie 
Weib und Kind allerdings hart und | Durft hätt’, fo follt’ fie fich ihr Waf- 
daß es oft Funken gibt, muß heraus ſer felber holen, er hätte was Belle: 
ſchlagen aus den Steinen. res zu thun, als wie Bettellent’ zu 

Das Blei war nun vollftändig | bedienen. — Darauf fol die Alte 
jerronnen. cheltend fortgehumpelt fein, und Abends 

„Seht gilt's“, fagte die Frau, d'rauf, wie fih ber Staliener fein 
„8 it ja nur ein Zeitvertreib, glau- Kochwaſſer holen will, ift der Brummen 
ben thut man ohmehin nicht d'rauf. | troden und ſeit der Zeit rinnt er 
Na, jo ſchau!“ nimmer,” 


455 


„Die Mähr ift nicht dumm“, ent:| Am Eifenbahndamm bdahinfchrei- 
gegnete der Mann, „und ich denk’, tend, blidte er noch mehrmals zurüd. 
das neue Jahr ift jegt da — leben Senjeit3 des Fluſſes ftand die 
wir halt weiter, Weiberl, wie bisher, | Delfabrif und auf der Anhöhe das 
und jest gehen wir jchlafen; morgen | Herrenhaus und das Kirchlein. Wie 
muß ich bei Zeiten fort.” bejcheiden war hingegen biesjeit3 fein 

Still war es im Oertchen Briſche Heim, das fi mit noch ein paar 
und vernehmbar nur das Raufchen | anderen Häuſern jo traut an die Berg: 
der Sann und bisweilen das Braujen lehne ſchmiegte. Die Hänge waren 
eines vorübertofenden Eifenbahnzuges. ſchneelos und zwiſchen dem kahlen 
An den Feljen und fteilen Erdiehnen Buchengeftämme blinfte das Gerölle 
des Plefcheberges, der hinter den drei und Erbreid. Zur Sommerzeit ift 
Häufern des Dertchens aufftrebte, la- es dort oben gerne lebendig, unb 
gen die blafjen Schleier des Mondes Steinhen hört man riejeln, als ob 
und über der ganzen herrlichen Berg- Gemſen umftiegen. Aber auf dem 
gegend, die fih von Cilli bis weit | Boden liegt die „Sommerg’frier“, und 
in’3 Kraineriſche hinein erſtreckt, ruhte die Ebene auf dem Berge heißt bie 
der geheimnißreihe Friede der Syl- gefrorene Wieſe. Trogdem ift in bie: 


veſternacht. 

An einem der nächſten Tage nahm 
der Steinmetz ſeinen Korb, um in's 
Tagwerk zu gehen. Die fröhlichen 
Kleinen umkreiſten ihn und als ſie 
ſahen, daß er die Schranken durch— 
brach, hingen ſie ſich an ſeinen Rock 
und wollten mit. Es war eine Mühe, 
ſich loszumachen, aber dem Manne 
lachte das Herz; das Kleinſte hob er 


noch zu ſich herauf und koſte es, die 


Größeren nahm er ſchäckernd bei den 
Ohrläppchen. 

„Ich weiß nicht“, ſagte das Weib, 
„ich ſelber laſſe Dich nicht gern fort, 


wenn Du in den Steinbruch gehſt, 


und wenn man nachdenft, was bei 
jo einer Arbeit Alles fein kann — 
gib mir doch nur Acht!“ 

„Oh“, entgegnete der Mann, „die 
Steine ftürzen nicht jo leicht herab, 
die find allzufeſt zuſammengewachſen, 
das verjpürt mein Stemmeijen jchon 
noh am beiten. Behüt' Euch 
Gott miteinander! Und jet, Kinder, 
laſſet los — eilomarjch !“ 


Er job und commanbirte fie 
von ſich; das Hündlein Tief und bellte 
ihm noch eine Weile nad; mit einem 
Steinwurf mußte er es zurüdicheuchen, 
dann that’3 ihm doch wieder leid 
um das treue, anhängliche Thier. 


jem Winter noch fein Eiszäpfchen ge: 
jehen worden — hingegen wachſen 
"blaue und weiße Blümlein um die 
Meihnachtäzeit und das ift er: 
freuli und grauenhaft zugleich, denn 
in den DPecemberblumen blüht bie 
Drangjal, haben alte Leute gefagt; 


wird wohl doch nicht wahr fein. 


„Schlag' nicht gar zu viel drein 
die Moden, Nachbar!” rief ber 
Schmied von feiner Effe durch bie 
Thür heraus. 

„Und Du aud nicht”, antwortete 
ber Steinmeß, und das war der Gruß. 

Er ging über die fteinerne Brücke, 
von welcher der Punft „Steinbrüd” 
beißt, er ging die vaufchende Save 
entlang und in's Kraineriſche hinein. 





In Sagor hatte er feine Arbeit. 


Er war friſch beim Gefchäft; 

hart arbeiten den ganzen Tag ift nicht 
einmal jo ſchwer, wenn man babei 
dent, daß man’s für Weib und Kin: 
der thut. Und jchläft man die Nächte 
‚um jo beſſer. 
Der Steinmetz blieb mande Nacht 
über in Sagor, er hatte dort ſtets 
das Gejchäft zu überwachen, und es 
wäre auch weit geweſen, jeden Abend 
zu den Seinen heimzufehren. 

In der Sonntagsnacht auf den 
15. Jänner aber war er mehrmals 
wach geworden und da war ihm ge: 








weſen, als ginge draußen ein Sturm: | 
wind. Er ftand auf und horchte — | 


e3 war bie ruhſamſte Nacht. | 


156 


„Sie können vielleiht noch am 
Leben fein“, antwortete endlich der 
Bote. Da fragte der Andere nicht 


Am andern Tage wollte die Ar- | mehr weiter. 


beit nicht recht von jtatten, es war 
ein fo trübjeliges Wetter und ber 
Nebel umflorte auch die Fröhlichkeit 
des ſonſt jo emfigen Steinmeßmeifters. 
Plöglih ftand das Hündlein von da— 
heim zu feinen Füßen und jchnupperte 
ihn an und wollte bellen, war aber 
ganz beifer. 

Was Toll denn das bedeuten? 
dachte ber Mann, iſt der Hund da, 
fo muß eins von meinen Leuten nicht 
weit weg fein. Allein lauft er nicht 
jo weg vom Haus. 

Da kam ein VBahnarbeiter von 
Brifhe daher; er war jehr eilig ge: 
gangen, aber als er jet den Stein: 
metz ſah, blieb er jtehen, kehrte fich 
um, als wollte er die Gegend um 
Sagor anjehen — und fah doch nichts 
als Nebel, Endlich trat er auf den 
Steinmet zu und murmelte etwas. 
„Kommft Du zu mir?“ fragte) 
diefer. | 

„Sollſt geſchwind eingehen“, ſagte 
der Bote, „es gibt Steine wegzuar— 
beiten vor Deiner Hausthür.“ 

„Wie ſo denn?“ fragte der Ar— 
beiter und langte ſchon nach ſeinem 
Oberrock. 

„Ja, geh' nur geſchwind, es iſt 
eine Lawine vom Berg gekommen und 
jetzt können Deine Leute nicht aus 
dem Haus.“ 

Sie eilten mitſammen davon. Der 
Steinmetz wollte nachfragen, aber es 
war ihm die Bruſt ſo eng. 

„Die andern Häuſer hat's auch 
verſchüttet“, ſagte der Bote und ließ 
ſeinen wirren Blick überall herum— 
zucken, nur den ſah er nicht an, der 
neben ihm daherlief, den armen Mann, 
deſſen Gut und Glück die Erde ver— 
ſchlungen in dieſer Nacht. 

„So red', was iſt geſchehen?“ 
br der Steinmeß ein um’3 andere 
mal. 





Nah Stunden, als fie gegen Stein: 
brüd kamen, hafteten auf allen Wegen 
Männer mit Eifenframpen und Spaten 
dahin, und als jie in das Engthal 
der Sann famen, bevedten wogende 
Menihenhaufen die Straße und den 
Eifenbahndamm, und Gendarmen mit 
funfelnden Bajonneten hatten zu thun, 
um Orbnmung zu Schaffen. 

„Da kommt er! hier iſt er!“ 
flüfterte es allerfeit3 in der Menge, 
und Alles drängte ſich an den Stein: 
meß heran, um zu ſehen, wie er ſich 
nun gebahren würde. Der Pfarrer 
von Laak trat ihm entgegen, faßte 
ihn an der Hand und mit einer Thräne 
im Auge fagte er die Worte: „Nur 
gefaßt fein, lieber Matſchek, Gott hat’8 
gegeben — Gott hat's genommen!” 

Und jegt ftand der Mann da und 
ftarrte wirr um fih — wo waren bie 
Häuſer — wo jein Haus? 

Eine ungeheure Wucht von Schutt 
lag da und von der Bergmulbe nie— 
der leuchteten die grauen Erdwände 
einer niedergegangenen Lawine. 

Einen Schrei nach feinem Weibe, _ 
nach feinen Kindern jtieß ber Unglüd: 
lihe aus und ftürzte bin auf ben 
Schutthaufen und wühlte mit ben 
Händen im Erbreid). 

Drei Häufer mit Nebengebäuben 
waren auf dem Platze geſtanden 
auch micht die kleinſte Spur davon 
war geblieben, nicht ein einziger Bal— 
fen noch war an's Tageslicht geichafft 
worden, troß der zahlreichen Arbeiter, 
die an der Stätte bereits beichäftigt 
waren. 

Der arme Mann mwurbe in das 
nahe Wirthshaus jenjeit3 des Fluſſes 
gebracht; er ließ es willenlos gejche: 
ben, mar ftarr vor Entſetzen. Im 
MWirthshaufe, das von Menjchen voll: 
gebrängt war, ſaß der Schmied und 
mußte immer und immer wieder er: 
zählen, was er mußte Auch fein 


457 


Haus war begraben, aber er hatte] 
ſich und etliche Andere noch glücklich 
gerettet. 


„So gegen halb vier Uhr in der 


Naht mag's gewejen jein”, erzählte 
der Schmied, „da weckt mich jäh ein 
Fenfterflirren auf. Na, dent’ ich, 
Zumpen, jegt werfen fie mir die Fen— 
fter ein! Aber als das Zündhölzel 
brennt, jeh’ ich, wie mir Steine und 
Erde in die Stube fahren und das 
ganze Häufel kracht. Jeſus, denk’ ich, 
was ift das? lauf' hinaus und hör’ 
das Braufen, juft als wie wenn ein 
Eifenbahnzug auf die Häufer losging’. 
— Leut'! fchrei’ ich zum Nachbar 
hinein, Tauft’3 gejchwind aus! Was 
es iſt, das weiß ich nicht, 


— Gleich fahren fie 


will nah dem Gewand greifen, ift 
ſchon allzufpät ; 


paden und hinausichleppen, das Haus 


wanft — mit dem nadten Leben tern fanden bereit, 


jpringen wir in ber finfteren Nacht 
davon — da kracht's hinter mus, 
daß e8 ein Graus ift, und nachher 
rauſcht's noch eine Weil’ vom Berg 
herab und nachher iſt's till. — Sonjt 
weiß ich jelber nichts, und mie wir's 
beim Licht anfchauen, fehen wir, 's 
ift Alles bin, fein Haus und feine 
Maus ift Davongefonmen. Der Bahn: 
heizer und fein Weib und die Mut: 
ter und die Kinder find bin, und bie 
Dienftleut’, und dem Steinmeg find 
halt Alle weg. — Gemeint hab’ ich 
hell, der jüngfte Tag iſt da.“ 

Wieder andere Leute kamen in’s 
Haus und denen mußte der Schmieb 
wieder erzählen, und von Steinbrücd 
und von Römerbad kam ſtets Bier 
und Wein und unter ber Menge gab 
es Leute, die fich recht gut unterhielten. 

Der Steinmeß jaß in einem Min: 
fel und ftartte auf den Boden, und 
ET das AZureben ber Menjchen 
nicht. 

Plötzlich ſprang er auf und rief: 
„So geht, Leut’, jo helfet graben. 





aber es 
fallen die Häufer um, das obere Haus 
- ift ſchon weg. 
ans dem Schlaf; die alte Mutter‘ 





'im Mutterherzen 
die Buben müſſen fie 





Sie leben ja noh!” Er ftürzte zur 
Unglüdsftätte, wo in die Richtung 
gegen jein Haus bereits ein Stollen 
angelegt wurde, um Xebenbige etwa 
noch zu retten. Er meinte, er müſſe 
mit feiner Stimme das Erbreich durch: 
dringen, um feiner lebendig begrabe- 
nen Familie Troft und Kunde von 
der nahen Rettung zuzurufen. 

Nicht Tange, To ftießen fie auf 
eine arg zermalmte Kindesleiche von 
der Heizerfamilie. Und fie fanden in 
den durchnäßten Erbmaffen den oberen 
Körpertheil von dem Heizer und 
feinem Weibe, legteres nur mehr an 
den blonden Haaren zu erkennen. 

Das Meib war noh am Abend 
vor der Unglücksnacht Hoch in der 
Hoffnung geweſen, jebt fand man an 
ihm das neugeborene Kind. Was da 
vorgegangen jein mochte im Haufe, 
— mer kann es 
denken? 

Zwölf Särge aus weißen Bret— 
und die Leute 
arbeiteten Tag und Naht gegen das 
"Haus des Steinmeß hin und am 
dritten Tage gelangten fie an deſſen 
Dachſtuhl. Mit ernenerter Anſtrengung 
wurde gegraben ; in der Nacht erhell: 
ten zahlreiche Spanlunten die Unglücks— 
ftätte. 

Schon vermeinten fie die Ver— 
jchütteten zu finden, und ber arme 
Gatte und Bater hielt feine Arme 
ansgeftredt nach Weib und Kind — 
da war's plöglih in der Nacht auf 
den Freitag, daß von den Mächtern, 
die am Hange aufgeftellt ftanben, das 
Zeichen gegeben wurde, die Arbeiter 
jollten fih eiligft davon machen, es 
bebe oben auf dem Berge wieder an 
zu krachen. Wie das Saufen des 
Mindes war es von der Höhe nieder 
zu hören. Sie liefen nad) allen Sei- 
ten hinweg, nur ein Bergfnappe dachte, 
feinen Hut ließe er nicht im Stich, 
eilte zurüd und ift den anderen nicht 
mehr gefolgt. — Ein furzes, ſchweres 
Tofen war's, ein Beben in der Erbe, 
ein Stoß in ber Luft, ein Aufgifchten 


458 


— und dann wieder Alles ftarr und 





„Da bin ich”, fagte er und war 


ftil. Noch ein Schrillen in den Tele recht blaß im Gefichte, „iſt jeltiam, 
graphendrähten war gewejen und dann jegt bin ich beim Wirthshaus da.“ 


hörte man nichts, 
Rauchen der Sann. 


nicht einmal das 


„Haſt Dih doch wo gebudt? 1° 
fragten fie ihm entgegen, „ja, das 


ALS fih die Leute endlich wieder |ift ein Glüd, wie haft es denn ange 


hinwagten, um zu jehen, was denn 
jest Unerhörtes geſchehen jein konnte 
— ja, da ſahen ſie's. Es gab keine 
Eiſenbahn mehr und keine Straße, 
und es gab keinen Fluß und es gab 
fein Thal mehr, Ein Berg lag nieder: 
geftürzt in die Enge, und unterhalb 
desfelben gegen Steinbrüd hin jchlän- 
gelten und zucten die Fiſche auf waſ— 
jerlojem Grunde und oberhalb gegen 
Nömerbad hin ftaute fih die Sann, 
die jeit Jahrtaufenden hier geronnen 
fein mochte, ohne daß ihr fo gemalt: 
jam ber Lauf verlegt worden war. 

So lange noch die Brüde hielt, 
eilten die Arbeiter über diefelbe dem 
Wirthshaufe zu; 
drängniß war der Bahnwächter. Bon 
oben herab und von unten herauf 
. waren Züge fignalifirtt. Gegen Römer: 

bad ſchickte er feinen Sohn mit ber 
Nachricht und er felber fprang über 
die Schon ſchwankende Brüde und über 
die fih noch in Bewegung befindenben 
Schuttmafjen hinweg nah Steinbrüd, 
um dort das Ablaffen des Zuges zu 
verhindern. 

Es war ſtockfinſtere Nacht und 
man wußte nicht, was geſchehen, und 
raſch ſtieg der mächtige Alpenfluß und 
trat über die Ufer hinaus. 

Die Verwirrung in den nahen 
Häufern und in der Fabrif war eine 
unbejchreibliche ; im Kirchlein läuteten 
fie Sturm und die Leute meinten, ber 
jüngfte Tag ſei gefommen. 

Aber das Trinken ſchmeckt immer, 
und das Wirtshaus ſtand gefichert 
auf der Anhöhe; da drinnen faßen 
Arbeiter und bedauerten ihren verun— 
glüdten Kameraden, der feines Hutes 
willen wohl viele Klafter tief in Schutt 
begraben war. — Da trat der Berg: 
fnappe, allerdings wieder ohne Hut, 
zur Thür herein. 


‚jest 
aber in großer Be: 


ftellt 2 

„Was weiß ich ?” jagte der Knappe, 
„was das jet ift gemwejen, weiß ic) 
nicht und wie ich über das Wafler 
gefommen bin, weiß ih auch nidt. 
— Ich juch’ noch den Hut, dba hat's 
mir binterwärt8® auf einmal einen 
Nud gegeben, und wie ich wieder zu 
mir jelber fomm’, lieg’ ich da draußen 
beim Gartenzaun, und wie ich mic) 
zujammenflaub’, fehlt nicht ein Stüdel, 
ganz bin ih und gejchehen iſt mir 
gar nichts.” 

„Das ift ein wahrhaftiged Mira: 

fel”, riefen fie, „darauf mußt Du 
brav trinken.” 
Das ließ der Knappe ſich nicht 
zweimal jagen, und es begann ein 
Iuftige8 Zehen, während unten das 
abgefperrte Waffer immer höher und 
höher ftieg. 

AZulegt kam auch noch ein Bauer 
dazu, der in einem der verjchütteten 
Häufer feine Wohnung gehabt hatte. 
Den Hatte fein befter Freund, ber 
Mein, gerettet. Der Bauer war bie 
Nacht über, als der erfte Erdſturz 
|gefchah, im Wirthshaus gewejen. Aus 
Dankbarkeit für den Netter Hatte er 
fich feither nicht mehr von dem Glafe 
getrennt; vorausfichtlih wird er dem 
Freunde ewige Treue und Anhänglich— 
feit bewahren. 

Die Nahriht von dem neuen 
Berafturze war, trotzdem der Telegraph 
zerriſſen, bald nad) allen Seiten hin 
gebrungen und als e8 Morgen ward, 
jtrömten Menjchenmaffen nad) der Uns 
glüdsftätte. Und da gab's ein Stau: 
nen und Verwundern. Das Thal war 
vollſtändig abgefchnitten. Ein viele 
Klafter hoher und wohl an Hundert 
Meter breiter Sattel aus gelblich: 
grauer Erdmaſſe lag da und auf 
demjelben ftanden und Tagen wirr 


459 


durcheinander die Bäume des Buchen: 
waldes, der geftern noch hoch oben 
auf dem Berge, weit ober der erjten 
Rutſchung geweien war. 

Links an der Sann waren bie 
Maſſen niedergefahren, war die Eifen- 
bahn gegangen, waren die brei Käufer 
geftanden. Und recht3 derjelben, hoch 
an der Lehne des Berges, war der 
größte Haufen, waren jeßt die Schwel- 
len, Eiſenſchienen, Telegraphenftangen 
und dort und da das Stüd eines 
Dacftuhles, und fogar mafjige Stüde 
der Duadernmauer, bie brüben eine 
Heine Eijenbahnbrüde geſtützt hatte, 
Alles über die weite, tiefe Schlucht 
hinübergefchleudert und den Gebäuden, 
die zur Fabrif gehörten und auf der 
grünen Anhöhe jtanden, vor die Thür 
geworfen. Und unten in der Fabrif 
ergoß ſich das Waſſer zu den Fen— 
ftern hinein, ein gehobener Dachſtuhl 
glitt dahin und allerlei Geräthe, und 
Hunderte von Delfäffern ſchwammen 
auf tem Wafjerfpiegel, der wie ein 
See jhon bis gegen Römerbad hin- 
aufreichte. Weite, braune Delfchichten 
glitten in munberlichen Formen über 
die Flähe Hin und die Holzbrüde 
hatte fih Fradhend gehoben und war 
geborften. Aus Römerbad, aus Tüffer 
famen Nachrichten, das ganze Thal 
jei in Gefahr, Gebäude und Brücden 
ftünden unter Waffer. Und gegen 
Steinbrüd Hin ragte im Flußbett das 
trodnende Geftein, und allerhand Waſ— 
jergethier trieb ſich bedrängnißvoll in 
den noch übrigen Dümpfen herum 
und verendete. Aber jedes große Un: 
olüd wirft Beute ab für Naben und 
für Hungernde, darbende Menjchen. 
Unten fingen fie Fiſche, oben hockten 
alte Weiblein in den Pfügen und 
ihöpften Del. 

Von dem Plejcheberg nieder aber 
ftarrte die ungeheure Mulde, und 
man jah bem Berg in das Herz hinein. 

Arbeiterzüge langten an. Die nahen 
Fabrifen, die Gewerkſchaft Trifail, 
die Sübbahn u. ſ. w. ftellten ihre 
verfügbaren Kräfte. Hunderte und Hun— 








derte von Menſchen arbeiteten am 
Durchſtich. Ingenieure und DOfficiere 
commanbirten laut, als gälte es, einen 
feindlichen Feftungswall zu erjtürmen. 
Männer der Willenichaft jtellten ihre 
Beobadhtungen an, unterfucdhten das 
Erdreich, ftiegen den Berg hinan und 
brachten Kunde zurüd, daß oben viele 
Klafter tiefe Spalten und Klüfte gähn: 
ten und ein newer, noch größerer 
Sturz wahrſcheinlich fei. „Der 
Plefcheberg ift beiläufig 1500 Fuß 
hoch und wird ſüdlich von einem jäh 
auffteigenden Korallenkalfriffe gebildet ; 
zwilchen dieſem und dem eigentlichen 
Felsſtock des Pleſche ift eine Mulde, 
durch welche früher ein Eleines Bäch— 
lein niederfloß. Die Mulde befteht 
aus einer dunfelbraunen, weichen Te: 
gelmafje, welche durchweicht eine jei- 
fige Art annimmt. Das Wafjer fiderte 
ein, burchfeuchtete das Erdreich und 
war Urfache des Abfturzes. MWenigftens 
zwei Millionen Kubifmeter Erdmaſſe 
find niebergefahren.“ 

Von dem Ausgraben der verfchüt: 
teten PVerfonen war nun feine Rebe 
mehr; waren ja doch durch den zweiten 
Sturz auch die Särge verfchüttet wor: 
den, die jene hätten aufnehmen jollen. 
Der arme Steinmeß ſaß auf dem 
Schutt — hatte Alles verloren, bis 
auf das Hünblein, das nimmer von 
ihm wich, das traurig zu feinem Ge: 
fichte auffah, als wollte e8 ihm er: 
zählen von der gräßlichen Stunde 
jener Nacht, von dem legten Auffchrei 
des Meibes, von dem Wimmern ber 
fterbenden Kinder. 

„War's denn eine VBerfündigung“, 
murmelte der Mann, „daß ich in ber 
Neujahrsnacht gejagt: Wenn zum ſechs— 
ten noch eins kommt, ſo haben wir die 
ſieben Schmerzen beiſammen! — O, 
mein Gott, Du haft es ja gewußt, 
fie find mein Leben gewejen. — Ad, 
wenn fie nur im Augenblid zu Grunde 
gegangen find! Wenn fie in dem feften, 
gemauerten Haufe nur nicht etwa noch 
eine Zeit gelebt haben — lebendig 
begraben ... Jeſus, Jeſus!“ 


460 


Sie durften ihn nicht allein Taffen. | 

Am Gemwände des Berges hinan | 
waren Soldaten aufgeftellt, welche von 
Zeit zu Zeit, wenn das Gejchütte oben 
riefelte und wieder in Bewegung zu 
fommen schien, Sianalfchüffe abfeuerten. 

Gegen Abend des Freitag war 
das Maffer um fünf Klafter geftiegen. 
Die Delfabrif ftand im See, die 
Straße zur Rechten war überſchwemmt, 
ber Eifenbahndamm zur Linken ragte 
noch etwas aus der Fluth. 

Die Neifenden aus der Richtung 
von Trieft, Agram und Wien fonnten 
nicht weiter und ftauten fich in ben 
engen Bergichludten an der Sann 
und an der Save. 

Taufende von Menfchen Eletterten 
am Gejchütte und an den Berglehnen 
bin. Buben mit Erfrifhungen waren 
aufgerichtet an den Hängen gegenüber 
dem Bergfturze. Da gab es ein Stau: 
nen und Klagen und Muthmaßen, und 
fo oft ein Signalfhuß hallte, war 
das ein aufgeregte® Erwarten eines 
neuen Ereigniſſes und meil es 
nicht fam, jo wurde Manchem end» 
ih die Meile lang und er Eletterte 
aus dem Bereiche des Bergfturzes, 
der gemwifjermaßen zu einem Nolksfefte 
geworden war. 

Einer ging in der Menge mit 
dem Hut herum und jammelte milde 
Gaben für bie Geretteten, unb dieſes 
Manöver lichtete das Gedränge erfolg: 
reicher, als die Gendarmerie, welche 
die Menſchenmaſſen von den gefähr- 
lihen Stellen zurückzudämmen hatte. 

Als es am Abende zu bunfeln be: 
gann, machte Einer ben Vorichlag, 


große Dochte in das ſchwimmende 
Del zu werfen, bdiejelben anzuzünden 
und jo den Arbeitern eine Leuchte zu 
ihaffen. Der Durdftih war endlich 
jo weit gelungen, daß das Waſſer 
jelbft zu mwühlen und zu bohren an- 
fangen konnte. Da brad es zuerft 
riefelnd, dann raufchend und endlich 
wild ſchäumend und braufend durch. 
In trüben Fluthen ergoß es fich gegen 
Steinbrüd und ſchwemmte manches 
Stüd von den verjchütteten Käufern 
aus der engen Klaufe hervor. 

Und der arme Witwer jaß am 
Ufer, auf daß er, wenn auch nur 
eines jeiner Lieben oder wenigſtens 
einen Ballen feines Haufes wiederjehe. 
Auch das blieb ihm verfagt. Sn tief: 
fter Seele traurig ging er davon — 
ſuchte eine Bibel, um die Weiffagung 
zu lefen von der Auferftehung der 
Todten. 

Mocenlang arbeiteten Hunderte 
an ber Negulirung des Fluffes, an 
der Miederherftellung der Eifenbahn 
und ber Straße. Aber die Spuren 
diefer Kataftrophe werben unvergäng: 
[ih fein, e8 müßte fih denn ein 
neuer, noch größerer Bergſturz ereig- 
nen und den alten begraben. 

Da man die Leichen ber zwölf 
Verſchütteten nicht fand, fo ift ber 
Schutthügel durch eine kirchliche Ein- 
fegnung zum Friebhofe gemacht wor: 
den, wohl des Landes eigenartigfter 
Friedhof, über melden ber fchöne, 
mächtige Fluß aus den Sulzbacher— 
alpen und die bebeutenbite Verkehrs— 
aber des Neiches ihren Lauf nehmen, 


Auf dem Tchenmarkt zu Gras. 


Eine Erinnerung aus der Knabenzeit von 9. R. Rofegger. 


Als Knabe litt ih häufig an Heiz | 
nen Augenentzündungen ; Daran Urjache | 
war das nächtliche Leſen bei trübem | 
Kienſpanſchein. Unſere Nachbarin war 
ihres Augenübeld wegen zu einem 
Stadtdoftor gegangen; jo jagte ich 
eines Tages zu meinen Eltern, ic) 
würde auch meiner Augen wegen nad) 
Graz gehen müfjen. Freilich der Augen 
wegen, aber nicht, weil fie frank waren, 
als vielmehr, weil fie Graz jehen 
wollten. Der Better Franz hatte mir 
oft „nach Graz gezeigt” ; da hatte er 
meinen Kopf zwijchen feine beiden 
Hände, wie in eine Zange gepreßt, 
mi jo eima einen Schuh hoch vom 
Boden emporgehoben und gefragt, ob 
ih ſchon nah Graz jähe Ich Jah 
zwar noch lange nicht über die Wald: 
bergrüden hinaus, aber um wieder 
auf die Füße zu fommen und mein 
Haupt zu befreien, gab ich vor, ſchon 
nah Graz gejehen zu haben. Die 
Poſſe erregte aber meine Sehnfucht 
und jo ging ich nun mit Zuſtimmung 
meiner Eltern „der Augen wegen” nad) 
Graz. 

Ich nahm meinen Weg über bie 
Fiſchbacher Alpe; dort begegnete mir 
ein Almhalter mit einem Knüttelftode, 
fragte mich, ob ich eine Saduhr ober 
Geld bei mir hätte. E3 freute mid) 
jehr, daß er an mir eine Saduhr 
vermuthete, denn — weil Bauernfnaben 
dergleichen nur jelten im Sade haben 
— fo mußte er mich für einen erwad): 
jenen Burfchen halten, der ich mit 
Sehnfuht jo lange gerne gemwejen 
wäre, bis ich einer war, Dann freilich 
hätte ich wieder lieber ein Kind jein 
mögen. Aljo: 

„Uhr,“ fagte ih, „habe ich feine 
bei mir, aber vier Gulden Geld.” 

„Und fürchteſt Du Dich jo allein 
auf dem Wege nicht vor den ſchlech— 
ten Leuten?” fragte der Almbalter. 


„Fürchten thu' ich mich nicht,“ 
war meine Antwort. 

„Aber was wirft denn machen, 
wenn Dir Einer das Geld wegnehmen 
will?” 

„Ich rauf’ oder ich lauf’.“ 

„Damit wirft nicht weit kommen. 
Hörft, wenn Dir auf der Straße Einer 
unterfommt, dem Du nicht recht trauft: 
nur gleich anbetteln. Ked das Hütel 
herab und anbetteln; gibt er Dir 
nichts, jo nimmt er Dir nichts. Behüt’ 
Did Gott und laſſ' Dir Zeit auf 
dem Weg.“ 

So der Almhalter, dann ging ic) 
fürbaß. Kam nah Fiſchbach, wo die 
beruf’nen Raufer daheim waren; fam 
duch den großen Fiſchbacherwald, in 
dem ein hohes vothes Kreuz fteht, als 
Denkmal, wie dort einft einem Sonn: 
tagsjäger ein Hirſch erjchienen war, 
der zwifchen den Geweihen ein Kruzifir 
trug; fam nad) Birkfeld, wo der ge: 
ftrenge Dechant wohnte, der zu ben 
Schulprüfungen auch ſchon mehrmals 
in unfere Gegend gegangen war; kam 
nad) Anger, wo auf dem Berge das 
graue Gemäuer eines Raubjchlofies 
ſteht; fam nach Weiz, wo der Kerker 
war, in welchem alle Diebe und Wild: 
ſchützen aus der Fiſchbachergegend ein- 
gejperrt wurden — und mir ift auf 
dem ganzen Weg nichts zugejtoßen, 
al3 ein großer Qunger, ben ich beim 
Fleiſchhauer in Weiz durch eine Schüfjel 
„Spedfled“ vertilgte. Bei demſelbigen 
Fleiſchhauer jchlief ich die Nacht über 
in einem Stall, in weldem die Maft- 
ochſen aufbewahrt wurden, die am 
nächſten Morgen geichlachtet werden 
follten. Die armen Genoſſen bezahlten 
diefe Nachtherberge mit ihrem Leben, 
ih mit ſechs Kreuzern, wovon einer 
derart breitgejchlagen war, daß ihn 
die Wirthin anfangs für einen alten 
Groſchen, dann aber, als ich fie auf: 


462 


merffam machte, es jei nur ein ge- 
flopfter Kreuzer, gar nicht nehmen 
wollte. 

Ich kam glücklich durch die Raab— 
ſchlucht, wo das Hochwaſſer gerade 
vor mir eine Brücke mit dem Schutz— 
engelbilde mweggeriffen hatte und mid) 
ein Müllerburſche über den Bach tra- 
gen mußte; fam nad) Albersborf, wo 
ein großer Hund mich wohlmwollend 
anjchnüffelte, weil ih in ängitlicher 
Gelaffenheit an ihm vorüberging und 
wo mih ein kleiner Pintjch in die 
Made biß, weil ih mit dem Stode 
ihn genedt hatte; und ich Fam auf 
die Höhe, von wo aus man das erfte- 
mal die jchimmernden Thürme von 
Mariatroft fieht und im Hintergrunde 
den Grazer Schloßberg, umhüllt von 
blauem Dunfte. 

Im Walde hinter Mariatroft lag 
auf dem Bauche ein Handmwerfsburiche ; 


„Wir gehen mitfammen.“ 

Das war ein braver Menſch. Und 
weit gereift! Er erzählte mir unter: 
wegs, daß Graz ein Dorf fei gegen 
die großen Städte Wien, Prag und 
Pribram. In Pribram war er daheim. 
Als wir zu einem Bächlein Famen, 
nahm er mi um die Mitte und 
bob mich hinüber; dabei hatte ſich 
jeine Hand zufällig in meine Hoſen— 
tafche verannt, fo daß ich jagte: „Er 
wird mir doch meinen Geldbeutel nicht 
ftibigen wollen!” Er lachte, es war 
ja nur im Spaße gejagt. In Krois: 
bad, nicht weit von der Kohannes- 
fapelle [ud mich mein Gejelle ein, 
mit ihm in ein Wirthshaus zu geben, 
er wolle mir ein Glas Wein zahlen, 
auf baß wir vor unferem Auseinan- 
vergehen miteinander Gefundheit trin- 
fen könnten. 

Iſt Schon geſcheidt, dachte ich, Ge- 
jundheit kann man wohl brauden — 
und ging mit. Nach dem erſten Glafe 
fam ein zweites und, weil es juft 
Mittag war, ein zwiefacher Schweing: 


braten auch noch dazu. E3 ging mir 
ſehr gut und zum Meffer- und Gabel— 
abwiſchen war ein rothes Tiſchtuch da, 
das zu allen Seiten weit über ben 
Tiſch Hinabhing. Mein Herz mwurbe 
für den guten Handwerfsburfchen immer 
wärmer und ich dachte mir höfliche 
Morte aus, in denen ich mich bedan— 
fen wollte, wenn wir auseinander: 
gingen. 

Als es zum Zahlen fam, fuhr er 
mit beiden Händen in jeinen Säden 
herum und that einen Fluch um den 
andern. Der Rod war wahrhaftig 
nicht mehr neu, der Sad war grund- 
(08 und der arme Burſche hatte fein 
Geld verloren. Ich muß blaß wie die 
Wand geweſen fein — das Gelbver: 
lieren war bei uns daheim das Schreck— 
lihfte, was wir uns denken konnten, 
und vielleiht auch das Unerhörtefte, 
denn wir hatten jelten eins. 

Der Unglüdliche bat mich traurig, 
daß ih einftweilen für ihn zahle; 
und bieje Bitte riß ein gutes Dritt- 
theil von dem Inhalte meines Geld: 
beutel3 hinweg. 

Verftimmt ging ih zur Stadt 
hinein, auf deren Anblid ich mich 
ihon jo jehr gefreut hatte. Aber der 
Handwerksburſche neben mir, der hatte, 
wie ein rechter Mann, fein Unglüd 
bald verwunden. Er pfiff und ließ 
feinen Stod dazu tanzen, er legte mir 
von Zeit zu Zeit feine Hand auf bie 
Achſel und vertraute, wie er mid 
liebgewonnen babe, da ih ihm in 
feiner Noth jo chriftlich beiftehe und 
wie er mich, der ich das erftemal in 
der Frembe jei, um feinen Preis ver- 
lafjen wolle. 

Da fam ein Mann mit Säbel 
und funfelnden Nodfnöpfen auf uns 
zu und fragte den Burfchen nach dem 
Paß. Diefer zog haſtig etlihe Papiere 
aus dem Sad. Der befäbelte Mann 
wollte fih damit nicht zufriedengeben, 
aber der Burſche fagte, alles Weitere 
hätte er verloren. Der Mann machte 
ein ſehr finfteres Geſicht, brummte 
Einiges und führte meinen Genofjen 


\ 


463 


mit fih. — Weiß heute noch nicht, 
wie es zuging, daß der Sicherheits: 
mann nicht auch mich angehalten hatte; 
ih hätte in meiner Lodenrocktaſche 
nur ein Papier gehabt, und zwar die 
„Sieben Himmelsriegel, fieben fräftige 
Gebetter, die den, der fiean der Bruft 
trägt zu Wafler und zu Land von 
allen Gefahren behüten”. Weiß nicht, 
ob fie den Mann befriedigt hätten, aber 
— jo meinte nachher, als ich die 
Sade zu Haufe erzählte, die Muhm’ 
Kathel: „Hätteft nur die Himmels— 
riegel nicht bei dir gehabt, wurd'ſt 
ſchon gejehen haben, wie dich ber 
Standar angehalten und zuſammen— 
gepadt hätte!“ 

Allein ging ich weiter durch das 
Geidorf herein, wo mitunter jchon 
ein recht fchöne® Haus ftand, aus 
welhem Mufifflänge auf mich nieder: 
famen, von denen ich mir nicht hätte 
denfen fönnen, aus was für einem 
Inſtrumente fie entitanden fein moch— 
ten. Es war aber fein Lied und fein 
Tanz und fein Marſch und auch feine 
Kirhenmufif, fondern ein Gemifch von 
allem zufammen. Heute zmweifle ich nicht, 
daß damals mand ein ſchönes Fräu— 
lein auf dem Glavier etwas „Klaffi- 
ſches“ gejpielt haben wird. — An den 
meiften Käufern war auswendig To 
Ihön zu leſen, wer drinnen mohnte 
und was er für ein Gejchäft hatte 
und das mußte ich doch gleich daheim 
dem Köhler-Yörgel rathen, der fich 
ohnehin jelber jo gern laut mad: 
er foll mit großen Buchftaben aus- 
wendig auf feine Hütte oder auf ben 
Meiler jchreiben laffen: „Georg Ober: 
leitner, Kohlenbrenner und Strohforb- 
flechter — brennt Tag und Nacht und 
fliht Körbe um drei Groſchen“. — 
An den Thüren der Wirthshäufer 
waren allerlei Sachen aufgejchrieben, 
die man drinnen befommen konnte und 
der Preis dabei, jo daß man bie 
Rehnung auch ohne Wirth machen 


Hauſteiner-Bäck bädt zweimal bie 
Mode und da noch muß es kranke 
Zeut’ geben, daß er die Semmeln alle 
anbringt. Freilih, in jo einer Stabt 
wird’3 wohl auch viel Eranfe Leut' 
geben. 

Endlih jtand ich dort, wo man 
die Herrlichkeit fieht. Ein weiter grüner 
Plag und rundum lauter prächtige 
Häufer und mitten der Schloßberg. 
Ich kehrte mich linker Hand und ging 
über den Plat, der jo glatt wie eine 
neugemäbte Wieje war, voran. 

Jeſſes und Heuländ! Die Menge 
Leute dort! ift denn was geichehen? 
Kirchtag war in Graz — ja noch mehr, 
der Tandelmarft, von dem ich daheim 
ihon jo Vieles und Wunderliches 
erzählen gehört hatte, wurde juft ab: 
gehalten. 

Damals war der Grazer Fetzen— 
markt noch in jeiner Blüthe. Zweimal 
im Jahre und zwar in Verbindung mit 
den zwei großen Jahrmärkten in Graz, 
welch’ leßtere aber nicht auf dem Glacis, 
fondern auf dem Lendplage ftatthatten, 
wurbe der Fetzenmarkt abgehalten — 
zu Mitfaften und zu Anfang Septem- 
ber, jedesmal dauerte der Fetzunmarkt 
zwei Tage lang. Heute ift der Jahr: 
marft auf der Zend derart zufammen- 
geſchrumpft, daß er neben ſich auch 
dem Fetzenmarkte Platz gemacht hat. 
Dieſer iſt ſeit der Anlage des Stadt— 
parks von den Glacisgründen ja ver— 
bannt worden und hat ſeitdem ſeine 
Originalität verloren. 

Damals ging der Fetzenmarkt vom 
Cirkusgebäude (Stadttheater) faſt bis an 
die Stelle, wo heute der Stadtparkbrun⸗ 
nen fteht. Daswarein Meervon Menſchen 
und Buden und Feen. Wenn man ein 
paar Jahrmärkte zufammenftellt, und 
ein Volksfeſt hinein und ein Dutzend 
Schnaps, Käſe-, Salami-, Kaffee 
Boutiquen und etliche dreißig Trödler— 
hütten und inzwijchen jedes noch übrige 
Stückchen des grünen Erdbodens mit 


fonnte. An den Bäderhäufern ftand | Feen und Gerümpel büngt und fäet 


zu lefen: „Dreimal friſches Gebäck.“ 
Ich dachte: wozu bie Umftände? der 


vornehme Stadtherren und Stabtfräu- 
lein, Bauernvolf, Krämervolf, Stu: 


denten, Tafchenfpieler, Froatijche Zwie— 
belhändler, Yuben, Soldaten und ein 
paar Hundert Bettler hinein — fo 
hat man den Fetzenmarkt beiſammen, 
wie er noch vor fünfzehn Jahren war. 
Gewinnſucht und Elend, Luſtbarkeit 
und Hunger fanden fich ein; es war, 
al3 ob der Herrgott eine ganze Welt 
mit Reich und Arm in Fetzen zerriſſen, 
durcheinandergemengt und auf das 
Grazer Glacis hingejtreut hätte. Und 
der Contraft jpielt in's Lächerliche und 
in’8 Tragifche. Hier friſche Eßwaaren, 
dort verdorbene, hier ſchwere Seiden— 
fleider, dort Halb verfaulte Lumpen. 
Möbel aller Art, mit vergoldetem 
Prunf, mit kunſtvoller Arbeit, mit 
Wanzen ; Bettjtätten mit Bildern, Stüh— 
len, Büchern und Vogelkäfigen gefüllt. 
Kunftreihe Gpsfiguren und grobes 
Töpfergejchirr daneben ; funkelnde Stahl- 
waaren und roſtige Eifenwerfzeuge 
für alle Stände, Bücher — neue, 
alte, zerfegte, bejubelte Bücher auf 
Tiſchen aufgehäuft oder in großen 
Körben oder auf den nadten Erbboben 
hingeworfen ; manch vielbändiges Werk 
in Schweinsleder oder Reinwand, manch 
nadtes Büchlein ohne Umschlag, ohne 
Titel, jo daß es felbft nicht einmal 
weiß, wie e8 heißt. Daneben einzelne 
Blätter als die legten Ueberreſte eines 
vielleicht bedeutenden Werkes noch 
einen Käufer fuchend. Dazwiſchen 
Kupferftiche, Gemälde mit fein gefchniß- 
ten Rahmen und durchlöcherter Lein- 
wand, Familienbilder und Hausjchilver, 
alte Lederſtücke, verroftete, verbogene 
Schuhnägel haufenweije, Shmudgegen: 
ſtände und fettfledige Kellnerfräde und 
zerriffene Beinkleider und manch joli- 
der Rod darunter, von feinem unfoliden 
Befiker an den Wucherer bingegeben. 
Und Schuhwerk, unzählig Schuhwerf, 
das längft Schon alle möglichen Hüh— 
neraugen gebrüdt, jet nad neuen 
jucht. Dann Reitjättel, aus denen das 
Eingeweide grinft, alte Matragen, 
Sophas, Spielfarten und Würfel, 
Dolde, Eäbel und Degen, die ich 


möchte über ihren vergangenen Lebens: 
lauf. Dann wieder buntbemalte Thee: 
Ichalen, an denen manches Frauen: 
zünglein gejchärft, pakfongbeichlagene 
Tabakpfeifen, über denen mancher 
Traum von Vergangenheit oder Zu: 
funft geträumt worden fein mochte. 

D, was war in dem bunten Trö- 
del für Menfchenleben und Menfchen: 
glüd und Unglück durcheinanderge- 
ſchüttelt! Wie viel Geiftesarbeit ruht 
in den Millionen Blättern Papier, 
die hier auf dem Boden zerftreut lie: 
gen, wie viel Studium, wie viele 
durchwachte Nächte! und wie werth 
mochten fie die jeweiligen Befiger 
gehalten haben — jetzt find fie in 
den Wind geflogen und wenn fie Nie: 
mand mag, der Käjeftecher wird fie 
ſchon kaufen. Gegenftände, die vielleicht 
vor Kurzem noch die freundliche Woh— 
nung glüdliher Menfchen ſchmückten, 
an denen vielleicht Tangjähriges Wün— 
ihen und Trachten gebaut hatte, die 
durch Liebe alte Erinnerungen mit 
hoher Weihe ummwoben worden waren: 
die theuren Gegenjtände find hier 
hinausgejchleudert auf die Straße, 
unter bie Fußtritte fremder Menjchen. 
Marktjchreier rufen fie mit rohen 
Späßen aus, Wucherfeelen dürften 
nah dem Blutgelde des Gemwinnes, 
der dreimal jo groß jein muß, als 
der Betrag, welchen fie dem zum Ber: 
faufe Gezwungenen dafür bingegeben 
haben. Oder es fißt bei einem Häuflein 
von Trödel eine blafje Frau in ſchwar— 
zem Kleide oder es kauert ein trüb- 
äugiges Mütterlein dabei. Sie haben 
das Marktſchreien und das Feilſchen 
nicht gelernt und die Menfchen eilen 
und haften vorüber uud wenn doch 
ein Blif auf die ärmlichen Waaren 
fällt, jo ift e8 ein geringſchätziger — 
denn Keiner fieht den ftillen Schmerz 
der Frau, die Nahrungsforge des 
Mütterleins. — Wer denkt auch auf 
dem Iuftigen Fetzenmarkt an die Fetzen 
zertrümmerten Glüdes ! 

Und wie ſchon der Weltgang it, 


nicht gerne zur Verantwortung ziehen | dem Elende fpielt man Mufif auf. 


465 


Hier ein Leierfaften, dort eine Dreh: 
orgel, da ein trillernder Kanari im 
Käfig, ein plappernder Staar, ein 
Papagei. Eine Zigeunerbande weiter 
bin, und die Klänge bei den Ringel: 
jpielen, Seiltängern, Guckkäſten und 
Gauflern. — — 

Verkommene, abenteuerliche Ge: 
ftalten, die man felbft in der Stadt 
das ganze Jahr Hindurd nicht zu 
Gefihte befommt, find aus ihren 
Schlupfwinkeln hervorgefahren und wan— 
ben, huſchen, lungern auf dem Fetzen— 
markte herum und machen Geſchäfte 
nad ihrer Art. 

So iſt dieſer fonderartige Markt, 
wie ihn außer Graz nicht leicht eine 
Stadt aufweiſen wird, zum Tummel— 


platz für alle Stände und zweifel- 


haften Unternehmungen geworden. Mich 
ſetzt das ſchillernde, ſchellende, tolle, 
armſelige Weſen und Treiben dieſes 
Schacherfeſtes ſtets in eine unangenehme 
Stimmung — als ahnte ich den Tag, 
an welchem all das, was jetzt mein 
Haus ſo heimlich und traut macht, 
die lieben erinnerungsreichen Gegen— 
ſtände, die Reſultate meines geiſtigen 
Strebens einſt auf dem Fetzenmarkt 
verjüdelt oder verſchleudert werden 
ſollen. — Wie wäre es doch ſchön, 
ein eigenes feſtes Heim zu haben, in 
welchem ſelbſt nach dem Tode den 
Nachkommen all die Dinge in ihrer 
Ganzheit beiſammen blieben, die zu 
ſchaffen und zuſammenzuhalten die 
Hauptaufgabe eines Lebens war. 
Andererſeits iſt doch der Fetzen— 
markt wieder eine wohlthätige Gele— 
genheit für jene armen Leute, die von 
Zeit zu Zeit ein Kleines an Trödel 


und Fetzen erübrigen, um ohne Zwi— 


ſchenhändler dafür 
einzunehmen. 

Zur Zeit, als ich das erſtemal 
nach Graz kam, fand der Fetzenmarkt 
noch mit all ſeinen Eigenthümlichkeiten 
ſtatt. Vom Lande herein war ein 
großer Zulauf und manches Bäuerlein 
ſparte im Gange des Jahres all ſein 
Geld, um auf dem Tandelmarkt Ein- 


Rofeggers „Heimgarten‘‘ 6. Heft. 


einige Groſchen 


| fäufe machen zu können. Auf Kleine 
Hauseinrihtungen, Arbeitswerkzeuge 
und Wäſche gings bejonders los; und 
das war dann ein Beguden und Feil— 
ſchen, um Hoſen und Pfaiden, deren 
einziger Vorzug oft nur darin bejtand, 
daß fie jchneeweiß gewaſchen waren, 
Der Bauer kauft nichts ohne zu feil— 
jhen, aber mitunter waren auf dem 
Fetzenmarkte die Preije dieſes Nudel: 
brette8 oder jenes Stiefelpaares fo 
unter aller Erwartung niedrig, daß 
der Kaufluftige wortlos nah feiner 
Geldtafche langte und nur Acht haben 
mußte, daß er fih etwa durch eine 
gewiſſe Haft im Auszahlen nicht ver: 
rathe, wie frevelhaft billig er ben 
Gegenftand halte. Mancher hat fich 
freilich jpäter überzeugt, daß er beim 
Handel doch nichts gewonnen. Anderen 
wieder kam's wohl zu ftatten. In ber 
Birkfelder Pfarre war ein Schubflider, 
jtet3 mit grauem Garnloden gekleidet 
wie ein armieliger Häusler ging er 
einher. Der kam eine® Tages von 
Graz als nobler Herr zurüd. Ein 
feines ſchwarzes Beinfleid und einen 
Frad hatte er am Leibe und einen 
Gilinder hatte er auf dem Haupte; 
das Beinfleid war ihm zu lang, fo 
daß es über den Anöcheln in vielen 
Falten zufammenjaß, ähnlid, wie es 
erſt viel jpäter bei den Stabtherren 
in die Mode fam; die Aermel bes 
Frades hinwiederum waren fo kurz, 
daß fie nicht allzumweit über die El: 
bogen hinansgingen. Der Gilinder 
war tadellos, nur wollte man in 
Birkfeld willen, in der Stabt trage 
man in der Negel nur ſolche, die 
feine Narben, Höder und MWiderhaare 
hätten. Den ganzen Anzug hatte ber 
—— auf dem Fetzenmarkt um 
einen Gulden ſechsunddreißig Kreuzer 
gekauft. — 

Da ih nun damals in die Stadt 
gefommen, fah, daß Fetzenmarkt war, 
beichloß ich ſofort, mich in anderen 
Auslagen möglichit einzuichränfen, um 
Einiges von den Schägen zu erjtehen, 
die hier ausgebreitet lagen. 








30 


466 


Ein Meines Haustheater ftach mir 
in die Augen. Ich hatte daheim aus 
Papier auch jo ein Theaterchen ge- 


der Doktor Fauft auf feinem Mantel 
in bie Lüfte fliegen und ihn endlich 
ber Teufel in Stücke zerreißen werde. 


jchnigt, wie ich e3 einmal zu Krieglach Das Eine wie das Andere fam nicht 


auf dem Kirchtag von wahrbaftigen 
Komödianten gejehen ; hatte die Fleinen 
Figuren hübſch bemalt, fie dann von 
rückwärts aus auf ber Bühne mit 
den Fingerjpigen hin: und hergefchoben 
und den Tert dazu ertemporirt. Meine 
Geſchwiſter mußten zufehen oder zu: 
hören und hätten nach meiner Meinung 
bravo rufen follen; aber fie [achten 
mich aus und bald war der Zuſchauer— 
raum leer. Ich hätte daher zur Beſſe— 
tung ber Theaterverhältniffe die nette 
Bühne auf dem Fetzenmarkte jehr gerne 
fäuflih an mic gebradt, aber wie 
fie nah Haufe bringen? Die Sache 
unterblieb. Hingegen erſtand ich ein 
Budfäftlein mit den drei Weltſtädten 
Paris, London und Neapel — zufam: 
men um achtundbvierzig Kreuzer. Auch 
das Meer mar darin und der feuer: 
fpeiende Berg; ich meinte, ich müſſe 
in die Lüfte fliegen vor lauter Glüd- 
jeligfeit. Später habe ich für nächtliche 
Zeit durch Fleine Nadelftihe in den 
Bildern bei diefen Städten die Gas— 
beleuchtung eingeführt und damit da: 
heim unter meinen Genoſſen mehr 
Süd gehabt denn ala Theaterdirektor. 

Die Schilderung meiner jonftigen 
Abenteuer in Graz gehört nicht hierher. 
Die Uhr und die „Lijel“ auf dem Schloß: 
berg und die Kettenbrüde, und bas 
eiferne und das gemalte Haus und 
die Thierfammlung im Soanneum 
bilden für den Landmann, jo ziemlich bie 
hervorragendften Sehenswürdigkeiten, 
die auch mich höchlich interefjirten. 
Den Abend verbrachte ich im vierten 
Stode des landihaftlihen Theaters; 
zuerft ſchaute ich auf die Köpfe hinab, 
die unten wimmelten und glaubte hei: 
läufig, das wäre ſchon die Borftellung, 
his der Vorhang aufging und mir nım 
erft die Aehnlichkeit dieſes Haufes mit 
den früher geſehenen kleineren Bühnen 
auffiel. „Fauſt“ wurde gegeben ; durch 
das ganze Schaufpiel wartete ich, wie 


und ich verließ unbefriedigt das Theater. 

Am andern Morgen fand ich mic) 
zeitlich wieder auf dem Fetzenmarkte 
ein. Ein Ueberjchlag in Bezug meiner 
Geldverhältniffe hatte mir gezeigt, daß 
ih noch Einiges einkaufen dürfe. Ich 
entfchied mich für Bücher. Da lagen 
auf grünem Raſen die fieben Todſün— 
den von Eugen Sue; um dreißig 
Kreuzer jchienen fie mir alle fieben 
nicht zu überhalten; aber die dritte 
fehlte. 

„Ja, die ift Schon weg,“ ſagte mir 
die Verfäuferin, „die hat früher gerade 
ein alter Herr mitgenommen.” 

„Und vom Born fehlt auch ein 
Stüd.“ 

„Nein, ich bitte, das wird bei der 
Trägheit liegen.” 

Mährend diefer Unterfuchungen 
fam ein betagter Herr berbei. 

„Junger Mann,” ſagte er und 
flopfte mir auf die Achjel, „das find 
für Sie feine Bücher!“ zog feine Gelb- 
tafhe und faufte mir die ſechs Tod— 
jünden vor der Naje weg. Mögen fie 
ihm wohlbefommen. Sch habe ein Leben 
Ehrifti erftanden, das mir fpäter da- 
heim die Muhm’ Kathel in den Ofen 
geworfen bat, weil es von Martin 
Luther geichrieben gewejen mar. 

Ich wollte mich jchon wenden, da 
ſah ich auf dem Fetzenmarkte plöglich 
meinen Handwerksburſchen von gejtern 
wieder. Wie er der Behörde entfom:- 
men, bas weiß ich nicht; er feilfchte 
eben um einen grauen Tuchrock. 

„Wenn der nicht feine ſchweren 
ſechs Gulden werth ift!“ rief der Ver— 
fäufer und riß das Kleidungsſtück beim 
Henkel in die Höhe, „To foll mich auf 
der Stelle der Erdboden verjchlingen! 
Nur weil heut’ der heilige Aegyditag 
ift, laß’ ich ihn um fünfe. Gerade erft 
hat mir ihn ein Herr verfauft, ein 
jehr folider Herr, ich könnte fagen um 
ſechs Gulden, wenn ich Lügen wollt’; 


467 


aber mein Prinzip ift die Ehrlichkeit, | „wie mir jegt wieder Einer aufge: 
um fünf Gulden hab’ ich ihı gekauft, ſeſſen ift? Eine alte Brieftafche habe 


um fünf Gulden jollen Sie ihn haben 
— nur Sie! find ein Neijender? na 


| 


ih in den Rockſack gethan, kaum er 
fie bemerft, hat er angebiffen. Der 


ja, weiß es au, wie es Einem da ) wird Augen machen, wenn er die 


geht. Sie, ich bin Ahnen durch ganz 
Ungarn und Siebenbürgen zu Fuß ge: 
reift, bis hinein nach Paris. Na, den 
Rock müfen Sie mir abfaufen, meil 
ih ihn eben kriegt hab’! Nur daf 
was gehandelt wird, jag’ ich aller: 
weil!“ 

Trog ber jchönen Rede wollte fich 
der Handwerksburſche wegwenden, denn 
der Rod jchien nicht drei Gulden 
werth zu jein, ba blieben jeine Augen 
plöglih daran hängen. Er befühlte 
ihn noch eine Weile, ob wohl ein 
guter Stoff, Tieß ihn aber nicht mehr 
aus den Händen und zahlte — er 
mußte glüdliher Weiſe fein Geld 
wieder gefunden haben — die fünf 
Gulden. Ohne noch einmal umzuſehen, 
machte er ſich davon. 

„Haft Du's gefehen,“ Tachte ber 
Kleiderhänbler zu feinem Nachbar, 


Brieftafche unterfuht und auf dem 
Zettel das Wort: Spigbub! lieſt — 
ba, ha!” 

JH ging meines Weges und pries 
insgeheim die Gerechtigkeit des Schid: 
jals, welche an dem Strolche heute 
ſchon beftrafte, was berjelbe gejtern 
am mir gefündigt. Freilich hätte ich 
e3 noch treffender gefunden, wenn ich 
wieder zu meinem Gelbe gefommen 
wäre, anftatt daß der fchlaue Kleider: 
händler den Profit eingeftrichen hat ; 
aber das Schidfal ift ja blind, und 
jelbft in der „Klinik“ zu Graz gibt e8 
feinen Doktor jo hoch ftubirt, daß er 
dieſem Blinden zu feinem Augenlicht 
verhelfen könnte — während ich meine 
ſchwachen Augen durch das Schauen 
der Welt beilte, befriebigte und mit 
erweitertem Geſichtskreiſe wieder heim- 
fehrte in das Thal der Wälder. 


30* 


Sleine Saube. 


Wie Bienen Hochzeit halten. 


Das Voll der Bienen befteht aus 
Männden (Drohnen), Weibchen und 
Geſchlechtsloſen. Letztere find zwar 
auch Weiber, aber unfrudtbare, doch 
machen fie fi) anderſeits nützlich ge: 
nug — fie find die Arbeiter, während 
erftere nur das Geſchäft der Fort: 
pflanzung zu beforgen haben iſt dieſer 
Pfliht Genüge gethan, fo verfommen 
fie oder werden von dem Wolfe der 
Arbeiter ermordet. Ein Bienenftaat hat 
nur ein Weibchen — die Königin, 
welche einen männliden Harem von oft 
6—800 Männchen befigt. 

Hat fih ein Bienenfhwarm mit 
feiner jungen Königin vom Mutterftamme 
losgelöft und ſich auf feiner neuen An: 
fiedlung niedergelafjen, jo ift nun das 
erfte und wichtigſte Geſchäft die Hoch— 
zeit der Königin. Dabei geht's luſtig 
zu und Alles ift auf den Beinen und 
Flügeln; felbft auf die Arbeit wird 
vergefjen, und das will bei den Bienen 
fhon viel jagen, es wäre denn, daß 
die Gemächer der Braut noch ordent: 
lich gereinigt, mit Wachs tapeziert mit 
Nahrung und Dienerfchaft verforgt 
werden müßten. Cin helles Summen 
und Singen ift das im Reiche und ein 
Balgen und Schwelgen und Alles fchaart 
fih um die Königin, die Holde und 
Hehre, die Schöne, minnevolle Frau. 
Aber nicht weil fie Königin ift, wird 
fie fo hoch verehrt, ſondern weil fie die 
Mutter der Nachkommenſchaft werden foll. 

Da fliegen ein paar Bienen in's 
Freie, fehen nad, wie es mit dem 
Wetter ſteht. Warm und mwindftill, 


fein Wölklein am Himmel und die Sonne 
leuchtet nieder über die weite, grünende, 
blühende Welt. Diefe Nachricht bringen 
fie in die Stadt. Das ift ein Tag 
zur Hochzeitsreiſe. Der Ehemänner et: 
liche haben fich vielleiht an der Feſt— 
tafel etwas zu gütlich gethan, haben 
den Honigopfern, welche die Arbeiter 
aus der Muttercolonie noch mitjchleppen 
mußten, vielleicht in zu reihem Maße 
zugejproden und möchten nun am lieb: 
ften ein bischen Sieſta halten. Aber 
die Königin ift höchft aufgeregt — fie 
verlangt nah einem Ausflug und 
das Volk drängt auch darnach und ge 
traut ſich'ſs wohl zu jagen, daß ihm 
fehr um einen Thronerben und über: 
haupt um jungen Nachwuchs zu thun 
ift. Die faulen Ehegatten werben 
förmlih aufgetrieben und aus dem 
Haufe gejagt — und endlich erhebt fi) 
der Hochzeitäzug in die Lüfte. 

Die Arbeiterbienen bleiben discreter- 
weiſe zurüd, umtanzen aber fortwährend 
den Stod und find in großer Erregung. 
Mit Aengſtlichkeit bewachen fie ihren 
neuen Heimatsort und weder Menſchen 
noch Thieren wäre zu rathen, fih in 
diefer Zeit dem Stode zu nahen. Dann 
wieder beobachten fie den Himmel, ob 
wohl feine gefahrdrohende Wolfe auf: 
taucht, die dem Brautzug gefährlich 
werden fünnte. Und wenn fi ein 
Wind erhebt, welch' eine Verwirrung, 
welder Schref und Sammer in der 
Menge, wel’ wildes Summen und 
Umberfchießen! Boten werden audge: 
ſandt, um nad der Richtung zu jpähen, 
in welcher ſich der Hochzeitäzug erhoben 
hatte, und um, wenn er einzuholen ift, 


469 


ihn zu warnen und zum Rückzuge zu 
bewegen — denn die Hochzeiter felber 
fommen faum dazu, erſt eine Weile 
nah dem Wetter zu lugen. Aber fie 
find nicht zu finden. 

Die Königin ift mit ihrem Harem 
davon und hat fich gefreut darüber, 
daß der Plebs zurüdgeblieben. Die 
Ehemänner fchlugen zuerft das grüne 
Geäfte einer Linde zum Ruheplatz vor. 

„Nein“, fagte die Königin (und 
die Bienen haben ihre Sprade fo aut 
wie die Menfchen), „nein“, fagte fie, „da 
find die Müden und die Hummeln, 
und die Käfer und die Ameifen fteigen 
den Stamm herauf — mir mollen 
höher fliegen.” 

Und als fie um die Wipfel und 
Kronen des Waldes tanzten, mollten 
die Herren fich dort niederlaffen. 

„Nein“, fagte die Königin, „hier 
flattern noch die Schmetterlinge, ſchwirren 
die Häher und die Meifen und anderes 
Boll. Wir wollen höher fliegen.“ 

Und als fie jo hoch in den Lüften 
waren, daß der Zug von unten wie ein 
winziged Rauchwölklein zu jehen, und 
als fie ſich überzeugt hatten, daß fein 
Habiht und Feine Lerhe und fein 
anderes Weſen mehr in der Nähe war 
— und ala die Gatten hier wieder 
angefragt hatten — ſchwieg die Köni— 
gin ftil. — In diefem Brautgemache 
des hohen Himmels konnte fein unbe: 
rufene® Auge ihre Fraulichfeit mehr 
verlegen. — Ruhig ſchwebt das Häuf-: 
lein auf einem Punkte und die Jüng— 
linge bringen der Braut ihre Huldi— 
gungen. — 

Erſt nad zwei Stunden denken fie 
wieder an die Heimkehr — aber wer 
weiß jeht den Weg? Da unten der 
weite Wald mit feinen taufend MWipfeln, 
bort die Wiefen, dort wieder der Wald 
— mo ift ihr Heim? — Ueber den 
Bergen fteigen Wolfen auf, durch bie 
Luft geht mander Stoß und fchiebt 
unfere bangenden Hochzeiter vor fi 
bin. Sie find rathlos, hilflos. Sollen 
fie fi niederlaffen auf fremdem Gebiet ? 
Wie fih ernähren? Das Arbeiten 


| baben fie nicht gelernt, den Genuß und 
‚den Lurus find fie gewohnt und Nach— 
fommenfchaft iſt zu erwarten. Gi 
eine fremde Golonie, ein Hummel:, ein 
Wefpenreih erfämpfen, den Honigvor: 
rath rauben? Die Königin wirft bie 
Frage auf; die Ehemänner zittern. — 
„FFeiglinge!“ ruft fie ihnen zu, „nur 
'im Genuß und in der Eiferfucht feid 
ihr ftarf, im Heben und Läftern, und 
im Uebermuth erftecht ihr euch felber; 
— wo's was Rechtes gilt, da ſeid ihr 
Memmen. Ad, wäre ich bei meinem 
Volke daheim ?“ 

Mittlerweile fieht fie ein Bienlein 
beranfliegen. Es ift Einer aus den Ar: 
beiterfchaaren ihres Reiches. Sie eilt 
dem Sendling zu, er will fie auf feinen 
Rüden nehmen und nad Haufe tragen, 
er hat den Weg gut gemerkt, den er 
hergefommen und findet leicht zurüd. 

Mit Jubel wird fie daheim em: 
pfangen. Ein fleiner Theil der Che 
männer ift ihr gefolgt, aber Keiner im 
Staate kümmert fih jest mehr um 
die männlihen Gatten. Hingegen mwirb 
die Königin mit um fo größeren Auf: 
merffamfeiten überhäuft, und einige 
aus dem Volke treten vor unb ver: 
beugen fi tief und ſprechen von ber 
hohen Ehre, die ihnen zu Theil werde, 
indem fie erwählt wären, dem Volke 
die Meberzeugung zu verſchaffen, inmie- 
weit die Hochzeitsreiſe von allgemei- 
nem Nuten geworben wäre. 

Die Königin hat feine Urfache, bie 
Folgen geheimzuhalten, kann obendrein 
den Begriffftügigeren no mit einem 
handgreiflihen Beweis erfüllter Pflicht 
dienen, indem fie wohl im Stande ift, 
irgend ein Härchen vom männlichen 
Barte vorzumeifen. 

Die Zukunft ift geſichert, der Ju— 
bel ift grenzenlos. Alles Wolf ftredt 
die Hinterbeine aus und fächelt mit 
den Flügeln und jauchzt und fingt und 
drängt fi herbei, die Königin mit 
Lecken und Beftreiheln zu liebkoſen. 
Und fofort beftimmt e3 ihr einen Hof: 
ftaat von zehn oder auch zwanzig Bie- 
nen, welde fie überall hin zu begleiten 


m——— 


und für alle Bebürfniffe zu forgen 
haben. 

Und ſchon nad) wenigen Tagen 
muß die Wiege her. Die Königin legt 
Eier, je eines in eine bejondere Zelle, 
jeden Tag über hundert bis taufend 
Stüf — vermag im Laufe des Som: 
merd 30—40.000 Eier zur Welt zu 
bringen. — Glüdliher Weife hat fie 
für eine Familie felbft nicht zu ſorgen, 
das thut das Volf. Nur zu bald aber ift 
eine junge Königin da, oder es find deren 
gar mehrere, und die Königin-Mutter 
muß dad Feld räumen, will fie nicht 
von ihren Unterthanen erftochen werben. 

Die Bienen find feltfame Xeute, 
fie fennen fein Mitleid, feine Dankbar: 
feit und feine Penfion; fie halten Je— 
den aufrecht, fo lange er dem allge: 
meinen Wohle nöthig ift — dann aber 
ſchaffen fie ihn raſch aus dem Felde. 

R. 


Wie das Publitum, jo die Kunſt. 


Seit dem benfwürdigen 9. Mai 
1873, an dem die Aera des „volfs: 
wirthichaftlihen Aufſchwunges“ wie mit 
einem Donnerichlage ein jähes Ende 
erfuhr, um einer Epoche Plab zu maden, 
welche fich leider immer mehr als jene 
des vollswirtbichaftlihen Niederganges 
manifeftirt, herrſcht aud an jenen Stät- 
ten, wo biö dahin die Mufen ein gold: 
ftrahlendes Heim gehabt, äſthetiſches 
Heulen und Zähnellappern. Die Thea: 
terbirectoren, welche vordem nicht ohne 
Geringſchätzung auf die Revenuen der 
glüdlichiten kaliforniſchen Diamanten: 
fucher geblidt haben mögen, fahen mit 
einemmale ihre eigenen Goldgruben 
in einen finfteren, gähnenden Abgrund 
verwandelt, der alles Gold verfchlang 
und aud nit das kleinſte Körnlein 
wiedergab. Dieſer aufreibende Kampf 
mit dem Deficit hat noch immer fein 
Ende nit erreicht. Es ift eine Situa: 


en 


Wort, dem aber leider die unerbittliche 
Logik der Thatfahen bereits einen bau: 
ernden Pla in der Terminologie ber 
Kunſtchronik angemwiefen zu haben fcheint. 

Die Wechfelbeziehung, welche zwi: 
jhen der eingangs ermähnten Zeit: 
ftrömung und der Kunjt befteht, ift 
leicht gefennzeichnet. Zur Zeit, da Alles 
in Millionen ſchwamm, wurde aud auf 
den Bühnen ein Lurus eingeführt, 
welder in feinem Berhältniffe jtand zu 
den Durchſchnittseinnahmen, die ein 
Theater in normalen Zeitläuften er: 
zielen fann. Aber es herrfchten eben 
feine normalen Verhältniffe und jo 
fonnte aud die Differenz bald durd) 
eine allgemeine und namhafte Erhöhung 
der Eintrittöpreife ausgeglichen werden. 
Die Erhöhung wurde willig zugeftanden 
beftand doch das Publikum fait 
durchwegs aus ſolchen Glüdlichen, von 
denen jeder Einzelne, wie der mwadere 
„Don Yanuario“, gern hunderttaujend 
Viftolen darum gegeben hätte, um nur 
zu erfahren, wie reich er eigentlich fei! 
Dasſelbe Publikum war aber durd die * 
Genüffe, welche der leihterworbene Reid): 
thum ihm bot, und durch den Luxus, 
mit welchem es in immer wahnfinnigerer 
Verfchwendung ſich umgeben fonnte, bald 
fo blafirt geworden, daß auch das aus: 
gefuchtefte Naffinement der Bühnen: 
productionen feinen abgejpannten Ner: 
ven feine Empfänglichleit mehr zu ver: 
leihen vermochte. Wohl war der Büh— 
nenflitter von einft der echten und 
wirklichen koftbarften Pracht gewichen, 
aber das müde Auge ruhte gelangweilt 
auf ihr ; die Kunft, welche früher durd) 
ihren Adel gewirkt, madte nun Harle— 
finfprünge, aber nichts verfing — zum 
Teufel war der Spiritus, dad Phlegma 
war geblieben. Erſt als nad) dem tollen 
Fafchingstaumel der Börje endlich der 
finanzielle Aſchermittwoch fam, wurden 
die Theaterbireftoren mit Schreden ge: 
wahr, welde gefährlihe Bahn fie be: 


tion, die Unternehmungen und Eriften: | treten hatten, und wie ſchwer die Um: 


zen zerjtört und für melde die Nefi: 
gnation die moderne Bezeichnung „Thea: 
terkrach“ gefunden ein häßliches 


| fehr ei. 


Wir ftehen heute — trogdem 


auch bereit3 der Gulden allmälig mie: 


471 


der eimen Hang in der bürgerlichen 
Gejelihaft einzunehmen beginnt 
vor der Thatfache, dab an die Leiſtun— 
gen der Bühnen in ber Regel nod 
immer nad jeder Richtung hin der 
Mapftab der meitgehenditen Anſprüche 
angefegt wird, daß aber der überreizte 
Gaumen des Publikums nur ſchwer 
Geſchmack an den Productionen der 
Kumft findet: mit einem Worte, daß 
das Publikum die Gegenleiftuna, einen 
entjprechenden Theaterbefuh, einfach 
ſchuldig bleibt. 


Mo ift die Urfache diefer Erfchei: 
nung zu fuhen? Hat unfer Publikum 
fein Geld für den Theaterbefuh, oder 
nicht das ausreichende Verſtändniß für 
die Gulturmiffion der Bühne? Uber 
find die Leiftungen der Theater fo 
ſchlecht, daß dieſe der Unterftügung 
eines urtheilsreifen Publifums nicht 
werth erfcheinen? Oder endlich find es 
etwa gar die Zeitungen, melde ihren 
Einfluß auf das Publikum zu Ungunften 
der Theater ausüben ? 


Leider können nicht alle dieje Fra: 
gen verneinend beantwortet werben. 
Immer deutlicher treten in den letzten 
„Jahren Symptome dafür zu Tage, daß 
das hauptftädtifhe Publilum die Be: 
deutung, welche die Theater für die 
allgemeine Bildung haben, weit unter: 
ihägt, und daß es fich entweder gar 
feiner moraliſchen Pflichten diejen Pfle— 
geftätten der Kunft gegenüber bemußt 
zu jein jcheint oder doch zum Mindejten 
diefe Pflichten fehr leicht nimmt. In 
funftliebenden Städten bildet beijpiels: 
weile die Neubejegung irgend eines 
claſſiſchen Stüdes ein Ereigniß — bei 
uns dringt die Würdigung eines folchen 
Ereigniſſes faum über die Kreife der 
TIheaterfritifev hinaus. Hier wie dort 
ift es der nüchternſte geſchäftliche Stand: 


betreffende Theater ſtets ungleich nad): 
haltigere Mißerfolge nad fi, als der 
glüdlichite Griff ihm Erfolge gebradt, 
und dann find die leeren Häufer an 
der Tagesordnung und — die Direc- 
toren fämpfen Tag für Tag einen ver: 
zweiflungsvollen Kampf um das Heute. 
Auch das aufmunternde und mahnende 
Wort der Zeitungen — wer wollte es 
diefen verargen, wenn fie den Theatern 
gegenüber das möglichſte Wohlmwollen 
befunden? — verhallt wirkungslos ge: 
genüber dem Publiftum. Cs fehlt das 
pietätvolle Intereſſe für die künſtleri— 
ihen Bejtrebungen, und man ſcheint 
denjelben leider nur infofern eine Be: 
rechtigung zuauerfennen, als fie ber 
momentanen Genußfudht der Menge 
auch thatjächliche Befriedigung zu bieten 
vermögen. 

In um fo reicherem Maße — und 
hier fommen wir zu einer wahren Xei: 
densftation unjerer heutigen Betradhtun: 
gen — pflegt die Theilnahme unferes 
Publikums ſich ſolchen Productionen 
zuzuwenden, bei welchen weder der Geiſt, 
noch das Herz, noch das Gemüth, ja 
nicht einmal der nüchterne Verſtand 
auch nur im Geringſten engagirt wer— 
den. Leute, die ſich den Gulden zwei— 
mal beſehen, ehe fie ihn auf dem Altar 
der dramatifchen Kunft opfern, drängen 
fich oft nicht ohne Lebensgefahr an die 
Caſſen des Hippodroms, und es ift 
eine Thatfache, die wir nicht ohne Be: 
ihämung regiftriven, daß der Circus 
Garre oder Suhr Wochen hindurch 
tagtäglich bis auf das letzte Winkelchen 
ausverfauft war, während in Theatern 
den Anftrengungen der Directoren und 
ihrer Mitglieder zum Troße eine trüb: 
jelige Dede herrſchte. Täglich Füllten 
Tauſende und aber Taufende den Cir— 
cus, und täglich wiederhallte diefer von 
dem wiehernden Gelächter über die ab: 


punkt, den das Publikum den Divectio: | gedrojchenen Plattitüden der Clowns 


nen gegenüber einnimmt — volles 
Maß des Amüfements für den bezahlten 


—* von dem dröhnenden Applaus, der 
| 


irgend einem gliederverrenfenden Kaut: 


Preis, oder der Preis wird fhon beim |jchulmann, einem waghalfigen Trapez: 


zweitenmale unnacdfichtlih verweigert ! 
Der kleinſte Mißgriff zieht für das 


Karate einem dreſſirten Pferde geklatſcht 


wurde, Die große Menge folgt diefen 


472 


Productionen ohne jede weitere An: 


Ein paar dreffirte Pferde werden doc 


ftrengung ; das Auge gafft — bafta! wohl nicht das Um und Auf des un: 


Zu denfen gibt's gar nichts mehr dabei, 
niht einmal fo viel, 
ja eigentlih ſchon zu Olim's Zeiten 
und zum großen Theile auch ſchon in 
weit befjerer Ausgabe dageweſen. Erft 
wenn irgend eine Seiltänzerin oder eine 
arme Parforcereiterin ftürzt und Arm 
und Beine bricht, wird Publicus für 
einen Augenblid ftußig, um fih er: 
röthend einzugeftehen, daß es doch nicht 
eben rühmlih für das Menfchenherz 
fei, folhem gefährlichen Spiele mit dem 
Menjchenleben überhaupt beizumohnen, 
geſchweige denn, Gefallen daran zu 


daß Alles Dies 


widerftehlichen Zodmittels fein? Welchen 
äfthetiichen Werth fann es aber mohl 
haben, wenn ein Jongleur es glüdlich 
dahin gebracht hat, fünfzig Blechfugeln 
auf einmal in die Luft zu werfen und 
wieder aufzufangen? Oder wenn ein 
Clown feine jämmtlichen Collegen auf 
der Nafenipite balancirt? Oder fann 
irgend ein praftifher Nuten daraus 
refultiven, daß ein Afrobat auf dem 
Rüden des anderen die Geige Fragt, 
oder ein Dritter es richtig fertig ge 
bradt hat, mit dem Kopfe nad unten 
an dem Plafond zu fpazieren? Wir 


finden. Und jeder Einzelne aus diefem | geftehen, daß wir mit unferer — übri- 


vieltaufendföpfigen Ungeheuer, das man | 
richtung derlei „Kunftleiftungen“ 


Publikum nennt, entſchuldigt ſich dann 
wohl auch damit, daß er ja eigentlich | 


gens rein bürgerlihen — Geſchmacks— 
nun 
einmal aud nicht den allergeringiten 


nur „ausnahmsweiſe“ dageweſen ſei und | Reiz abzugewinnen vermögen, ja wir 
nun gewiß nicht wieder fommen werde. find unverfroren genug, in dem Ge: 
Am nähften Tage aber find fie Alle | fallen an folden Productionen fogar 
wieder da und Alle brüllen fie wieder |eine gewiſſe Art von Geſchmacksver— 


vor Freude, wenn der zinnoberwangige 
Clowm feinem „Couſin“ eine Obrfeige 
herunterklatſcht. An das Unglücksgeſchöpf, 
das geftern vom Seil gejtürzt und nun 
für’8 ganze Leben ein Krüppel ift, denkt 
Niemand weiter, und felbjtverjtändlich 
auch nicht an die edlen Vorſätze von 
geſtern .... 

Und fragt man, was das Publikum 
an derlei Productionen denn eigentlich 
ſo verlockend findet, 


ſich vom Standpunkte der geſunden 
Vernunft auch nur halbwegs motiviren 
ließe. Mit dem Galerie-Publikum mol: 
len wir da nicht weiter rechten, denn 
dieſes Steht ja durchſchnittlich nod auf 


man ſich's zum mindeften erflären kann, 
wenn ed ſolche Schaufpiele vorzieht, 
denen ed mit dem Auge allein eine 
ausreichende Aufmerffamfeit zuzuwenden 


vermag — und warum follte man aud) | 


fo wird man ver: | 
geblih nah einer Antwort fuchen, die 





irrung zu erbliden. 

Die Moral, melde aus alledem 
zu ziehen ift, liegt auf der Hand: 
Hunderttaufende von Gulden werden 
durch diefe Productionen jenen Inſtitu— 
ten entzogen, welche ein weit höheres 
Anreht auf die Theilnahme des Publi— 
fums haben. a wohl, ein Anrecht — 
denn die Theater amufiren ihr Publi— 
fum nicht allein, fie tragen auch nad): 
haltig zu deſſen Bildung und Veredlung 
bei. Wenn die unteren Rolfsflafjen im 
Theater nichts weiter lernen, als wie man 
geht und fteht, wie man in’3 Zimmer tritt 
und grüßt — fo hat ihnen das Geld, 
das fie für den Theaterabend bezahlten, 


jedenfalls reichlichere Zinſen getragen, 
einer fo primitiven Bildungsſtufe, daß 


als jenes, welches ſie dem Moloch der 
Mandge in den Rachen geworfen. Daß 
aber die Pflege der Kunſt auch nur 
dort von Erfolg ſein kann, wo man 
ihren Intereſſen die gehörige Würdi— 
gung entgegenbringt, iſt ein Satz, den 


beim Mob einen feineren Kunſtgeſchmack die Erfahrung ſanctionirt hat. 


vorausſetzen dürfen, als bei den ſoge— 
nannten „gebildeten“ Claſſen? Was 
aber finden dieſe Letzteren im Circus? 


3. —chnitzer. 


—— 


473 


Falſche Sprüche. 
Wie die Menfhen auf der Erde 
Doc zumeilen Kindifh find — 
Sagen da: Der Glaub’ macht felig 
Und die Liebe, die madt blind! 


Hat mein Liebfter doch bewiefen 

Und mir oft gefagt: „Mein Kind, 

Nur die Liebe, die macht felig 

Und der Glaube, der madt blind.” — 
E. A. Schroeder. 


Zu fpät. 
Wenn jeglih Wort, das mild und hold, 
Du tröftend heut für mid) erdenkſt .. 
Wenn Du mir heut der Erde Gold 
In einem einzigen Barren ſchenkſt; 





Wenn Du den Himmel plündern kannt, 
Und alle feine hehre Luft, 

Die Du der Gottheit abgewannft, 
Mir legteft in die öde Bruft: 


So kommt dies Alles doch zu fpät, 
Im all der Martertage Zahl, 
Wo jeder mir hinmweggemäht 
Ein Stüd des Ichs — mit blutiger Qual, 
Ada Ehriften. 


Je nun — jo dann! 


Am 17. Februar ift der Dichter |thal Folgendes verfügt: 


Mofenthal geftorben. 

Er war der Sohn jüdischer Eltern, 
in Kafjel geboren 1821. Im Sahre 
1842 ging er in die weite Welt und 
erfor fi die KRaiferftadt an der Donau 
zur zweiten Heimat. Seit 1851 lebte 
er zu Wien im Staatödienfte und wurde 
1871 in den Abelsftand erhoben. 1851 
trat er mit dem Mädchen feiner Jugend: 
liebe in den Eheſtand; feine Gattin ge: 
bar feine Kinder und mwurde ihm nad) 
zehnjähriger Ehe durch den Tod ent: 
riſſen. — Geither lebte er als „alter 
Junggeſelle“ fröhlich dahin, war ein 
überall gern geſehener Bonvivant; den 


| Ein neues Zeugniß von der Ge: 
müthstiefe dieſes Dichters liefert deſſen 
Teftament. In demfelben heißt es unter 
Anderem : 

„Saft fünfzehn Jahre find ver: 
flofien, feit mit dem Tode meiner ge- 
liebten Gattin mein Glück zu Grabe 
ging. Ich ftehe einfam und allein wie 
eine Schildwache, die pflichtgetreu und 
ein Lied pfeifend, warten muß, bis fie 
abgelöft wird; ih bin ein Gaft im 
Wirthshaus der Welt, der nichts be- 
gehren darf, als daß man ihn anftän- 
dig behandle, jo lange er feine Zeche 
zahlt. Ich bin nicht undankbar gegen 
meine Angehörigen und Freunde geme: 
fen. ch verzeihe Allen, die mich ab: 
fihtlih oder unabſichtlich gekränkt haben. 
Ihre Namen habe ich längſt vergeflen 
Ich habe abfichtlih Niemanden Böfes 
zugefügt und gern für jede freund: 
ſchaft zurüdgezahlt. Meine fünftlerifche 
Aufgabe habe ich ernjt und redlich zu 
erfüllen gefucht, und wenn ich der Eitel- 
feit und Gelbjtüberhebung geziehen 
wurde, fo weiß es Gott, daß ich in 
meinem Herzen alle Erfolge ala Ge: 
fchenfe feiner Huld erkannt habe und 
die Fehler meiner Arbeiten beſſer als 
meine höhnifchen Kritiker eingefehen habe.” 

Ueber feine Beerdigung hat Mofen- 
„Das weiße 
Atlaskiſſen und das Sterbefleid meiner 
theuren Lina fol man mir unter das 
Haupt in den Sarg legen. Gemalte 
Mappen verbitte id) mir. Meine Orden, 
die nicht zurüderftattet werben müffen, 
foll man in der Synagoge von Kaffel 
neben den Ehrenzeichen der Freimilligen 
aufhängen. ch will in meinem Salon 
aufgebahrt werden, nicht in der Todten- 
fammer des Friebhofs. Zelotifcher Eifer 
wird mir Blumen und Mufif an meinem 
Grabe nicht verfagen. Ich will an ber 
Seite meiner geliebten Lina begraben 
‚fein, und wenn die Friebhofägefege mir 
den bereits angefauften Pla nicht gön- 


Poeten hieß er ſchweigen, wo die Welt nen, fo foll ihr Staub erhumirt wer: 
fih laut madte. — Er dachte mit der |den und neben dem meinen ruhen und 


Bäuerin in feinem „Sonnenwendhofe” : 
de nun — fo dann! 


ein Orabftein gleih dem ihren foll 
meine Ruheſtätte bezeichnen.“ 


474 


Man ift heutzutage gewohnt, berlei 
Wünſche ald Schwärmereien eines über: 
fpannten Menſchen zu betradten. War 
denn aud der Lebemann Mojenthal ein 
folder ? 

Mofenthal hat 18 Dramen geſchrie— 
ben, wovon „Deborah“, „Der Sonn: 
wendhof“, „Der Schul; von Alten: 
büren” die beliebteften find. Ferner 
fchrieb er Terte für 16 Dpern, Ge: 
legenheitsfpiele, heſſiſche Novellen und 
Gedichte. 

Im  legtvergangenen Sommer be: 
gann der Dichter, fih an einem der 
Ihattigen Hänge des MWienermwaldes, 
von wo aus man tief unten die ftolze 
Kaiſerſtadt überblidt, ein Landhäuschen 
zu bauen. Bevor es fertig mar, trug 
man ihn hinaus zur Gruft. 

— Je nun — fo dann! 


März. 


Dieſer Monat war bei den Rö— 
mern dem Kriegsgotte geweiht. Es geht 
in demſelben auch kriegeriſch genug her 
— ein zarter Jüngling ringt mit dem 
ſtarren, finſteren Alten. Letzterer kämpft 
mit Eis und Schnee und all ſeinen 
Stürmen. Die Alpen umhüllt er mit 
froſtigen Nebelmaſſen, die Meere wühlt 
er in ihren Tiefen auf. Mit ganz an— 
deren Waffen ſtreitet der Jüngling; 
Sonnenſtrahlen ſind ſeine Schwerter, 
grüne Hälmchen ſeine Speere, Blumen— 
knospen ſeine Bomben. Ein warmer 
Kußhauch bricht die wüſte Macht des 
Alten. Der Jüngling ſiegt durch die 
Milde. — Frühling wird es wieder, 
und am 19. des Monats — am Feſte 
Joſefs — ſiegt der Tag über die 
Nacht 


Aller Winterſchlaf iſt vorbei, die 
Leute ſuchen wieder ihre Gärten und 
Felder auf und begraben freudig Frucht 
und Same in das Erdreich — „denn 
auferſteh'n wirft du nad kurzer Ruh'“. 

In den Kirchen aber ſchweigen alle 


i 3 lei Gab in. 
freudenreichen Klänge — und die Got: Iepte ODER Ein 


gegen. Ein einzig Felt fallt in die 
Düfternig der Faſtenwochen, ein Feſt, 
bei dem die Kirche wieder lächelt, wie 
zur holdfeligen Weihnachtözeit — der 
Erzengel Gabriel fommt in's Kämmer— 
lein zur Jungfrau Maria. Bald 
auch naht der „Palmeſel“, fommen die 
traurigen Paſſionsceremonien alle — aber 
der Monat ſchließt unter Freudenfeuern 
und Pöllerknall — in der Dfternadt. 


Sitten und Schmäünke. 


Das Klödeln. 


Adventnaht in einem Bauernhaufe 
des Kärntner Oberlanded. In der 
Gegend hoher Schnee. Der Bauer gudt 
in feinen Kalender; die Bäuerin und 
etlihe faubere Mädchen, Menſcher ge: 
nannt, fißen an ihren Spinnrädern. Da 
werden von außen Schritte vernehmbar 
und Glodengeflingel und an dem Fen— 
fter ein Klopfen und heftiges Boden. 

Die Bäuerin und die Mägde halten 
beim Spinnen inne, der Bauer ftust, 
und will fhon den Stod holen, um Orb: 
nung zu fchaffen und die Ruheſtörer 
zu züchtigen, da fällt es der Oberdirn ein, 
daß heute „Klödlerabend“*) iſt und 
draußen die Klödler ihr Mötten (Un: 
weſen) treiben. Auf dieſes aufmerk— 
ſam gemacht, ſtellt der Bauer den Stock 
bei Seite und läßt den alten Brauch 
ſeines Rechtes walten. 

Das Pochen wird immer ärger, da 
ſagt eine der jungen Dirnen: 

Biſt du a Mon 
So klock noch a mol on! 
Biſt du a Bua, 
So flog nar brav zua! 
hierauf „Klödeln“ die Burſchen noch 


*) An dem Donnerftag vor und an dem 
Donnerftag nad Nifolaitag ziehen die jungen 
Bauern und Burfchen im Drauthale und an 
den Adventdienfttagen im Möllthale von Haus 
zu Haus „anklöckln“ und heimfen hiefür aller- 
Der zweite Donnerftag und 
Dienftag im Advent heißt der beilige 


teshäufer dunfeln dem Charfreitag ent: | Klödlerabend. 


475 


Vebhafter an das Fenſter, bisweilen fo Die Dirnen haben die Spinnräder 
arg, daß die mit Eisblumen geziertenSchei: | bei Seite geftellt, und hänjeln Die 
ben in Trümmer gehen und der Bauer | Klödlerbuben, indem fie ihnen zurufen: 
mit dem Stode in die Horde fahren Unten im Moos 


muß und felbe zum Flüchten zwingt. | Ligt a toats Rob 
Sit der erfte Lärm vorüber, frägt Is hinin und vorn off'n 
die Bäuerin: | Seind die Klöckler draus g'ſchloff'n. 
Klödler, wog wöllts den drauf’ ? Natürlich bleiben die Klödler bie Ant: 


Seide topfer, jo fümt's in's Saus! | wort nicht ſchuldig. E3 geht nun ein 
\improvifirtes Wettreimen an. Schnei- 
dige Dorfjarfasmen in Knittelverfen 
und Vierzeilern werden losgelafjen, die 
nicht eher enden, ald bis die Bäuerin 
Mir wünfh'n in Baurn an goldanan Hof das Klödlergut auf den Tiſch ſtellt. 
Zwa rigglate Oxn, zwa bildſcheane Pferd; Selbes beſteht aus Würſten, Kletzen 
und eigenen runden Laiben Roggenbrod, 


Mir wünſchn dar Bäurin an goldanan Derd | ee ; 
Damit fie fon kochn was fie will und begehrt. welche Batzen, auch Klodler⸗Radlan ge: 


Mir wünſch'n dar Tochter a guldanas Radl, nannt werben. Nachdem fie bieje Ga⸗ 
Damit fie fon ſpinnan ihr feinaſtas Pfoadl; | ben erhalten und eingeheimit, siehen fie 
Mir wünfhn dar Dirn a goldane Stiagn, | weiter der nachſten Behaufung zu. Das 
Af an iedn Stapfl a Kind in dar Wiagn, iſt um Weihnachten und Neujahr bie 
Mir wünſchn in Knecht a goldane Hokn, Form des Glückwünſchens in Ober: 


hierauf jagen die NKlödler folgenden 
Spruch: 

„Heint is dar heilge Klöcklerobend, 

Den Gott dar Herr erſchoff'n hot! 


Daß er fie fon den Himmel einhokn (?) färnten. Audolf Weijer. 
Mir wünfhn den Kindern an goldanan Tiſch — 
In dar Mittn drinnan an bockanan Fiſch 
Af an iadn Eck' a Glaſele Wein, Wie man in Tirol das böſe Weib 
Das ſie dabei kinnant luſti ſein. austreibt. 
Mir wünſchn enk an Buſchn und Flindarlan Dumpfe Schläge gellende Gloden 
d’ron ; . / 
eifengequide, Raſſeln, verworrener 
Steckt's 'n afn Öuat, das recht ſchean werd's en geq * — 
davon 
t Feuer im Dorfe? 
Davor afn Zaun, ſitzt a Vögala braun | > am an der Straße 
So viel's Vögerl hot Federn und Hor | wirb’s hell. Glührother Fadelfchein 
— « —*55 ’ 
2 biel wünſcht mar Ent glüdlihe Jor! Weiber und Männer in verſchiedenen 
nd hiatz hörmar ſchon die Scheiter krochn Gruppen 


Die Bäurin wird uns eppas bochn, | gu 
Mir hörn a fhon die Schüffel klingen | „Ze brennt if Alter? Er 
| „Brennen ? Sie treiben das böje 


Vie Bäurin wird uns wos außa bringen! | Weib aus. — Marie, zur Thüre, die 
Nach Beendigung dieſes Spruches ſagt Burſchen ſind wild.“ 

die Bäurin: „Ih fürcht' mich nit, Vater, — 
Das KHlödlerguat findats berinnen am Tiſch, der Chriſtel ....“ 

Geais eina und holt' ent 's friſch! — Hei, da ſind ſie! Ohrenzerreißendes 


das laſſen ſich die Burſchen nicht zwei: | Fohlen und Toben, als ob eine Rotte 
mal jagen. Sie ftürmen herein ftams | junger Teufel der Hölle entjprungen. 
pfend und Elingelnd und repräfentiven | Der größte voran, ohne Müte, in 
ſich als eine ganz abjonderlihe Gefell: | Hemdärmeln, mit Kurzhoſen und barfup, 
ſchaft. in der Hand eine Pechfackel. Damit 

Die Joppen haben fie verkehrt an- ſchwingt er den Takt. Die Anderen 
gezogen, manche find mit Stroh ver: ſind Muſikanten. Hafendeckel, Kuh: 
mummt und das Ungeficht geſchwärzt. ſchellen, Gießkannen, Pfeifen und alle 





476 


denkbaren Tärmenden Geräthe brauchen 
fie als Inſtrumente. Der Letzte trägt 
ein Faß. Das bearbeitet er als tür: 
kiſche Trommel. 


tiges Gehöfte, eine® ber fchönften im 
Dorfe. 

Der Kranzbauer hauft dort, ber 
Kranzbauer, der morgen mit ber Vroni 


Vorbei ftürmen fie gleich der wil- | Hochzeit hält. Die Vroni ift ein armes 


den Jagd und fchreden die Mädchen. 

Was fol der Aufzug ? 

Auf dem Dorfplage maden fie 
Halt. Das Faß mird zur Tribüne, 
Der mit der Fadel ſchwingt ſich hin: 
auf. Ein Wink, und nur das ferne 
Echo gibt Zeugnik vom plöglich ver: 
ftummten Lärmen. 

„Rieder !* 

Auf die Knie ftürzen die Burfchen. 

„Wer zum Wittib ward und noch 
einmal freit, bleibt ein Narr für alle 
Ewigfeit.“ 

Der auf dem Falle lieft e8 von 
einem ſchmutzigen, zerfnitterten Blatte 
herab. 

„Amen“, [halt e8 im Chor. 

„Und nun lafjet uns beten für ihn 
die Litanei vom böfen Weibe”, tönt 
ed wieder im falbungsvollen Prediger: 
tone. 

„Von einem Drachenweib.“ 

„Verſchone uns, o Herr!“ 

„Von der, die den Teufel im Leib.“ 

„Verſchone uns, o Herr.“ 

„Von einer Rangenbrut.“ 

„Verſchone uns, o Herr.“ 

„Von der, die uns quält bis auf's 
Blut.“ 

„Verſchone uns, o Herr.“ 

„Ein Ausbund von Häßlichkeit.“ 

„Nie für uns.” 

„Ein Keflel voll Eitelkeit.“ 

„Nix für uns.” 

Und fo fort in diefem und nod 
derberem Tone. Eine Traveftie der 
firhlihen Litanei, wie fie der naivfte 
Vollswig nur grobkörnig zu fchaffen 
vermochte. 

Wehe Dir, wenn Du bei diefem 
tollen Acte zu lächeln mwagft! Gleich 
fpringen ein paar Burfhen auf Di 
zu und nehmen Dich gefeffelt in ihre 
Mitte. Was und wem foll aber der 
ganze Aufzug? Das Haus, vor dem 
fih die Notte aufgeftellt, ift ein präd- 


Mädel, ihr Bräutigam einer der Reich: 
ften weitum. Den Reichthum hat er 
aber nur erheiratet. Vor fünf Yahren 
nod war er ein armer Knecht. Damals 
hat er mit der Vroni angebandbelt und 
— die Kranzbäurin heimgeführt. Die 
aber ift vor Jahr und Tag geftorben. 
Morgen fol die Vroni an ihre Stelle 
rüden. Die Männer zudten die Achſeln, 
die Dirnen mifperten und flifperten 
am Dorfbrunnen. Der Kranzbauer lachte 
und gab der Vroni feine Hand. 

Und die Burfhen? Die fpielten 
dem Paare den eben geſchilderten Streich ? 

Weit vom Biel. Sie übten nur 
einen Braud nah altem Net, nad) 
alter Satzung. Wenn ein Wittib noch— 
mals heiratet, treibt die Dorfjugend 
ihm das böfe Weib aus. Sie rufen 
ihm bie böfen Eigenfchaften feines erften 
Meibes in’s Gedächtniß zurüd. 

Mit einem Kraftſpruche ſchließt bie 
Litanei. 

Der Burſche fpringt vom Faſſe 
und wird fofort von zwei Gefellen auf 
die Schultern gehoben. Ein Fenfter im 
erften Stodwerfe klirrt. Dahin tragen 
fie ihn. Ein Mann mit dunflem Voll: 
bart beugt fih aus demſelben. Das ift 
der Kranzbauer. Er ftredt die Hand 
vor. Im rothen Scheine der Fadel 
gligert und funfelt es hell in derfelben. 
Kling! fällt e8 auf den emporgehalte: 
nen Blechdedel des Burfchen. Und nod 
einmal ling. Hei, das find harte, 
blanfe Thaler, die der glüdliche Bräu— 
tigam gefpendet. Damit hat er fi 
vom böfen Weibe losgefauft. Ein Dan- 
feshalloh der Burfchen mit dreimaligem 
Tuſch. Kreifhend fliegen die Spaten 
und Schmwalben au8 dem Schlafe ge: 
fhredt ringsum von den Dächern. 

Die Unglüdlihen, die von den 
Burſchen gefangen, erzittern. Sommer: 
frifhler find e8, Opfer ihrer Neugier. 
Dorfbewohner kennen den Braud und 


477 


halten fih ferne. Wichtig naht fi 
ihnen der Führer, Auf ein Wort fal- 
len zerfchnitten die Fefleln. Mit bedeu: 
tungsvollem Schmunzeln aber hält er 
den Befreiten feinen Blechdedel ent: 
gegen. Das Löſegeld fällt reich aus. 
Die Städter freuen fih, fo leichten 
Kaufes den Händen der Notte entrin- 
nen zu fönnen. 

Zum Schluſſe ein „gemüthlider” 
Abend beim Dorfwirth. Gelage, Tanz, 
Rauferei. Dies krönt das Felt. 

Die Sitte findet fih auf dem Mit: 
telgebirge um Innsbruck und in Dör: 
fern des Oberinnthales. In feinem 
ber verbreiteten Werke über unjer Al: 
penland habe ich davon Erwähnung ge: 
funden. Ein Zufall nur hat mich zum 
Zeugen gemadht, wie man in Tirol 
das böſe Weib austreibt. 


Sofef Erler. 


Bücher. 
Der Schandfled. 


Roman von 2. Anzengruber. 


Diefer erfte Dorfroman von Anzen- 
gruber (Berlag 2. Rosner Wien) ift 
faft makellos bis auf den — Titel. 
Der „Schandfleck“ muß mweggepußt wer: 
den. Ich habe während der Zeit der 
Lektüre das broſchirte Bud in ein Um: 
ſchlagpapier gethban, um Umfchlag und 
Titelblatt zu fchonen; das war aber 
nur Borwand, denn gute Bücher 
lafje ih mir ſtets einbinden, nad): 
dem fie das erftemal gelefen find. 
Allein ich wollte nit, dag mein Stu: 
benmäbchen es fehen follte, daß ich einen 
„Schandfleck“ Tefe. Diefer Titel ift nicht 
einmal motivirt, ohne Gänfefüßchen 
ſchon gar nicht. Die Heldin des Romans 
ift nichts weniger, als ein Schandfled, 
ift ein Mädchen, an dem gewiß Jeder 


— ob jung oder alt, ob Land: oder! 


geheißen und nur felten find die An- 
deutungen, daß fie alö der Schandfled 
ihrer Familie betrachtet werde. Mag: 
dalena litt etwas ſtark an der Erbfünde, 
fie hätte nämlich nit auf der Welt 
fein follen. Der Mann ihrer Mutter 
war nicht ihr Vater. Das war das 
Unglüd ihrer Familie, jedoch ihr eigenes 
Glück und wir finden in dem poetifchen 
Bilde dieſes Menfchenlebens die Ber: 
heißung, daß die Sünden der Eltern 
fih nit an den Kindern rächen, gleich: 
wohl gerade das Gegentheil erwieſen zu 
werden ſcheint. Magdalena wird von 
ihrer Mutter und von ihrem Pflegevater 
nicht geliebt und daher nicht verzogen, 
wie die übrigen Kinder des Hauſes, 
welche fpäter die Eltern mißachten, den 
alten Vater fogar verftoßen. Freilich 
hatte Magdalena aud einen fchweren, 
vielleicht den ſchwerſten Sturm unter 
Allen zu beftehen gehabt. Sie liebte den 
bübfhen Sohn des Dorfmüllers, mit 
dem fie von Kindheit an befannt war ; aber 
ala fie fo recht in die Glüdfeligfeit 
hinein wollten, da mußten fie es er- 
fahren, daß fie Geſchwiſter wären. Der 
Müller hatte nicht immer auf feiner 
Mühle im Wafjergraben gemahlen, war 
in feiner Jugend ein arger Schelm ge: 
weſen, nichtöbeftomeniger von manchen 
Meibsleuten und fo aud von der ver: 
heirateten Reindorferin gern gefehen. So 
kams und fo mußten der Müllersfohn 
und das Reindorfer Mädchen auseinander. 
Der Burfhe wurde aus Verzweiflung 
darüber ein leichtfertiger Menſch und 
ging bei einem Raufhandel zu Grunde ; 
das Mädchen that gefcheidter, das ging 
in die Fremde, fam in den Dienft einer 
braven Familie als Wärterin eines 
mutterlofen Kindes. Der Müller daheim 
— als man ihm feinen todbten Sohn 
gebraht — hatte die Magdalena als 
jeine Tochter ind Haus und ins Teſta— 
ment nehmen wollen, aber das Mädchen 
hatte gemeint, dad Xeben wäre das 
MWenigjte, was Einem gegeben werden 


Stadtmenſch — feine Freude haben | könne, und was an ihr fonft wäre, das hätte 
mag. Auch wird fie von ihrer Umge- | fie dem Neindorfer zu verdanken, und 
bung gar nicht nad} dem häßlichen Worte | den Reindorfer erkenne fie als Vater 


478 


an. — Und fie that darnad. Sie 
heiratete den jungen Witwer, deſſen 
Kind fie gepflegt und dann nahm fie 
den alten verjtopenen Reindorfer 
der fie fonft als den Schandfled feines 
Haufes betradhtet hatte — zu fid. 

Man glaubt faum, daß man über 
eine fo einfache Gefchichte ein 370 Seiten 
großes Buch fchreiben kann. Und doch 
möchte ich feine Zeile ftreichen, auch 
eine ſolche nicht, welche den Bauers: 
leuten wirflih bisweilen Aeußerungen 
in den Mund legt, die bei unferem 
öfterreihifhen Landvolfe faum vorfom: 
men mögen. Aber diefe Gedanken find 
immer fo originell und geiftvoll und 
zwar ftet3 in fo volksthümlicher Form 
gejagt, daß man fie gerne aufnimmt, 
ohne daß dadurd der bezwedte Dichte: 
rifhe Eindrud geftört wird. Ein fein 
bischen ſchemenhaft erfcheinen die Stabt- 
geftalten und gerade diefen gegenüber 
tritt auch das Bauernmädchen Magdalena 
etwas aus der Richtung. Faft alle Dorf: 
gefchichtenerzähler dichten dem Dorfkinde 
in der Stabt eine zu auffällige Naivität 
an. Die Wirkung des Gegenſatzes ift 
verlodend. Der „Schandfleck“ erinnert 
nur in geringem Grabe an diefen allge 
meinen Berftoß. In allem Weiteren 
find die Geftalten dieſes Romans fo natur: 
wahr und realiftifch gezeichnet, daß man 
Aehnliches in der Dorfgefchichtenliteratur 
faum wieder findet. Aber der Erzähler bleibt 
im fünftlerifchen Bereiche, und fo wird 
jein Realismus poetifcher und erhebender, 
als die aus Thränen und Mondes: 
ftrablen oder aus Blut und Modergerud 
gewobene Schablone vielgepriefener Ro: 
mancierd. Beſchriebe uns Anzengruber 
den Stallduft — der, mie man fagt, 
in Dorfgefhichten nicht fehlen dürfe — 
wir hielten bei der Lektüre unfere leib- 
lihe Nafe zu, denn was er fchreibt, 
das genieken ordentlich die Sinne, und 
in diefer Hinficht ift er auch ala Er: 
zähler Dramatifer. 

Was nun den philofophifchen Stand: 
punft anbelangt, fo hat man unterwegs 
den Verfaſſer oft genug im Verdacht, 
er gebe nicht einen Grofchen für die 


Welt und die Menfchen, melde darauf 
leben. Da leſen wir, was der fterbende 
Müller Herlinger fagt: „Oft ift mir 
ſchon beim Baterunfer in den Sinn ge: 
fommen, auf die Legt hat unfer Herr: 
gott auch — mie Manche daherunten 
— doch zu viel Kinder und fann nicht 
für Jedes auf gleiche Weife forgen.“ 
Dover mas der Reindorfer einmal fagt: 
„Biel weiter, als das liebe Vieh, hat 
es der Menſch auch nicht gebracht, nur 
daß er fih ſchämen thut, das hat er 
voraus.” Oder was der Autor jelbft 
fagt: „Seltſame Menfchen! glaubt ihr 
nur darum an einen Gott des Erbar: 
mens, damit ihr alle Milde und alles 
Mitleid ihm allein anheimgeben könnt? 
Hofft ihr nur darum auf ein Neich des 
Trofte und der Gnade, damit ihr jedes 
verlangende Sehnen und jede mweinende 
Bitte dahin vermweifen könnt? Warum 
vermögt ihr nicht, milde zu fein Einer 
gegen den Andern und Herz zu faflen 
Eines zu dem Andern, warum nicht? 
Haß, fo groß und gewaltig er fein mag, 
zeigt ihr offen — Liebe, fo klein und 
gering fie fein mag, verbergt ihr ſcheu! 
D, wie ihr euch doch wehe thun mögt, 
jeltfame Menſchen!“ Oder wieder ein 
Wort des Reindorfer: „O du mein 
Herr und Gott! wie hilft fih doch A: 
les auf der Welt fo elendig durch, 
was geboren wird, bis es wieder ver: 
fterben muß !* Oder ein anderes: „Treu 
und Glauben find Narrenfadhen.“ 

Das ift unterwegs. Steht man aber 
am Ziele und blidt zurüd, fo findet 
man überall die poetifche Gerechtigkeit 
walten und die peffimiftifhen Ausfprüche 
mweifen fi als Geburten momentaner 
Stimmungen de3 Dichters. 

Wie herrlich feiert unfer Dichter 
das Haus, dad Familienleben! — „Auf 
Erden,” fagt der Neindorfer zu Mag- 
dalena, „ann es fein lieberes Anjchauen 
geben, als neben einem rechten Mann 
ein rechtes Weib.“ Und Guftan, der 
Bräutigam Magdalenens, fagt: „IH 
weiß mir nichts Beſſeres, als ein pflicht- 
getreues Weib! In der ferne alles 
Rechte, Liebe und Befte denken fünnen 


479 


und heimgefehrt e3 nicht anders finden, 
jeven Gedanken ald wahr, jedes Träumen 
ala wirklich — das iſt Glück!“ 

Und der Autor fagt: „Wunder, 
nicht außer und nicht über der Natur, 
fondern inmitten derfelben. Daß du bift, 
ift ein größeres Wunder, als alle, die 
uns überliefert werden, und es mieber: 
bolt fih und geſchieht und wird gewirkt 
in Jedem, fo viel ihrer unter dem Tage 
wandeln; daß Andere find, das ift ein 
gleiches, und daß rückwirkend mir ihnen 
find und fie uns, das ift das größte! 
— Der gemaltigfte Menfchengeift ver: 
mag nur nadzuftammeln, was ihm die 
urewige Natur vorfpricht, fo lieblich, fo 
geheimnißreih! Jahrtauſende ftammeln 
wir: Mutter und Kind! bei ihr fcheint 
es nur ein Wort, Sprud und Zauber 
zugleich, wer fpricht e8 ihr nah?“ — 

Das genüge, um den Geift des 
Buches anzubeuten. 

In manden bisherigen Fleineren no: 
velliftifchen Arbeiten Anzengruber’s fällt 
hie und da eine gewiſſe Edigfeit und 
Schwerfälligfeit der Spradhe auf; um 
fo angenehmer überrafcht in diefem neuen 
Buche die Einfachheit, Zierlichfeit und 
Klarheit der Form. Was die Schreib: 
mweife des Dialeftes anbelangt, fo be: 
friedigt diefelbe in Anzengruber’s Volks— 
ſtücken nicht immer ganz, eine gemifle 
Inconſequenz wäre nachweisbar, wenn 
nicht bedacht werben müßte, daß bier 
nur auf das Verftändnig und die Auf: 
fafjung des Schaufpielers Rückſicht zu 
nehmen war. Im Roman hingegen ift 
dad Nechte durchgeführt. Die Eigen: 
tbümlichfeit und der Reiz der Volks— 
mundart liegt nicht in den einzelnen oft 
unverftändlihen Worten und meift recht 
unfchönen Betonungen, fondern in ber 
Wortſtellung und Sagbildung. Wer aus 
einem bäuerlichen Idiotikon alle Worte 
zu fchreiben und zu fprechen gelernt hat, 
der kennt deswegen die Mundart noch 
lange nit; er müßte auch wiſſen, wie 
diefe Worte zu einander geftellt werden, 


auf daß fie die wahre Eigenthümlichkeit  — „Adelaide.“ 


des volfäthümlichen Gedanfens und Aus- 
drudes wiedergeben. Angengruber be: 


obachtet, wo er die Bauern fprechen 
läßt, die volksthümliche Satbilbung, die 
Worte jedoch ſchreibt er Hochbeutich, mit 
Ausnahme weniger, beſonders charakte— 
riftifcher, die aber durch Anmerkungen 
erläutert werden. — 

Es ift eine reiche Gabe, die Anzen- 
gruber in feinen Roman dem beutjchen 
Volfe Hingelegt hat. Ein Dichterwerf 
für Kopf und Herz, ein Gedankenbild 
der heutigen Zeit — eine meifterhafte 
Behandlung jenes gewaltigen Conflictes, 
der im Bauernhofe zwar feltener ein- 
fehrt, als anderswo, hingegen aber dort 
um fo bebeutfamere Wirkungen und 


Folgen nad ſich zieht. 


Eingelangt 
find neuerdings an den „Heimgarten“ folgende 
Bücher, deren gelegentlihe Beiprehung wir 
uns vorbehalten. 


2. Anzengruber: „Der ledige Hof“, 
Schaufpiel in 4 Alten. (X. Rosner, 
Wien.) 

F. v. Bärenbach: „Bom Baume 
der Erkenntniß“, Novellen (Carl 
Gerolds Sohn, Wien.) 


— „Herder als Vorgänger 
Dar wins und der modernen Natur: 
philoſophie“. Beiträge zur Gefchichte 
der Entwidlungslehre im 18. Jahr: 
hundert. (Theobald Grieben, Berlin.) 

L. Bühner: „Aus dem Geiſtes— 
leben der Thiere ober Staaten 
und Thaten der Kleinen“. (A. Hof: 
mann & Comp. Berlin.) 


Glara Cron: „Roſen u. Dornen.“ 
Geſammelte Novellen für die Frauen— 
welt. (E. Baenſch, Magdeburg.) 

— „Auf und ab.“ Geſ. Novellen 
für die Frauenwelt, neue Folge. 
(E. Baenſch, Magdeburg.) 


— „Regina.“ Ein Charakterbild 
für die Frauenwelt. (E. Baenſch, 
Magdeburg.) 


Ein Charakterbild 
für die Frauenwelt. (E. Baenſch, 
Magdeburg.) 


480 


2. Eihrodt: „Melodien.“ (J. B. E. Schatmaper: 


Megler, Stuttgart.) 

8. E. Franzos: „Aus Halb: 
Afien, Eulturbilder aus Galizien, 
der Bulomwina, Südrußland, und 
Rumänien. Zwei Bände. (Dunfer 
& Humblot, Leipzig.) 

— „Die Juden von Barnom“, 
Novellen. (Eduard Hallberger, Stutt- 
gart.) 

8. Francois! „Die letzte Recken— 
burgerin“, Roman. Dritte Auf: 
lage. (O. Janke, Berlin.) 

S. Friedl: Illuſtrirter Briefmarken: 
Katalog mit circa 800 Abbildungen. 
(M. Perles, Wien.) 

8. Gutzkow: „Die Zauberer 
von Rom“, Roman in neun Büchern. 
Vierte Auflage. (D. Janke, Berlin.) 

J. Fhr. v. Helfert: „Geſchichte 
Oeſterreichs vom Ausgange des 
Wiener October-Aufſtandes 1848“, 
4 Bände. (F. Tempsky, Prag.) 

H. Hopfen: „Verfehlte Liebe”, 
Roman in zwei Bänden. (E. Hall: 
berger, Stuttgart.) 

€. Klee: „Mignon: Maria.” Hi: 
ftorifche Erzählung aus dem Leben 
Sean Pauls. (Richter & Kappler, 
Stuttgart.) 

Kroner: „Rheinfahrt.” Won den 
Quellen des Rheins bis zum Meere, 
reich illuſtrirt, Schilderungen von 
K. Stieler, H. Wahenhufen, F. W. 
Hadländer. (Gebr. Kröner, Stutt: 
gart.) 

Dtto Rudwig: „Die Heiterethei 
und ihr Widerſpiel.“ Erzählung. 
(D. Janke, Berlin.) 

Emerih du Mont: „Der Fort: 
Ihritt im Lichte der Lehren 
Schopenhauers und Darwins.“ (FF. 
U. Brodhaus, Leipzig.) 

R. Peinlih: „Geſchichte der Peſt 
in Steiermarf”, erfter Band 
vollftändig. (Vereinsdruderei Graz.) 


„Die Kaifer 
reife durch Dalmatien.“ 
(Selbftverlag des Verfaſſers, Trieft.) 

A. Schmidt: „Epohen und Kata: 
ftrophen“. (N. Hofmann & Comp., 
Berlin.) 

R. Schweihel: „Der Bildſchnitzer 
vom Achenſee“. Roman. Dritte 
Auflage. (D. Janke, Berlin.) 

J. 2. Stiger: „Die amerikani— 
hen Frauen.” Abwehr gegen 
einen Angriff in der Augsburger 
„Allgemeinen Zeitung“. (Berlags:Ma: 
gazin, Zürich. 

Th. Storm: „GeſammelteSchrif— 
ten.“ Zehn Bände (G. Meter: 
mann, Braunfchmweig.) 

3. Zandler: „Sprudbüdlein“. 

(R. v. Waldheim, Wien.) 


Hoftkarten des Heimgarten: 


a. 6. Wien, M. v. J. Seitmerik, F. 3. 
Wien, %. A. Rönigsbere, 3. 8. Wien, 8. 3. 
Agram. F. R. Graz. Für und nicht verwendbar. 

©. C. Gray. Gute und originelle Schwänfe 
willtommen. Verlangte Adrefie: Wien, Magi- 
milianftraße 12. 

®. 3. R. Wien. Bitten um Ihre nähere 
Adreffe. 

KR. £ v. W. Baden. Ift nicht unfere 
Sache. Aus Billigfeitsgefühl möchten wir aber 
doh hinweiſen auf die „Neue Illuſtrirte 
Zeitung” und die „Heimat“ in Wien und Sie 
bitten, fich felbft überzeugen zu wollen, ob 
diefelben an Gehalt oder Ausitattung den 
beliebteften ausländifchen Wochenblättern nad)- 
ftehen. 

E. W. in 8. Willtommen! Oftergebräudje 
find zu allgemein bekannt; die andere treff- 
liche Skizze wird im Iunihefte erfheinen. 

3 M. in Wien. Ihre Anforderungen 
unferem ®Blatte gegenüber würden meniger 
ungerecht fein, wenn Sie daran die Ziffer des 
Abonnementspreifes betrachteten. Diefe fällt 
Ihnen natürlich nicht auf, weil Sie den „Deim- 
garten“ — gratis erhalten. 

4. d. £.d. „Bergflug”. Es mag die 
Schilderung in Nebenfählihem etwas did- 
terifch gehalten fein; daß fie aber im Wejent- 
lien, was die Kataftrophe anbelangt, ftreng 
richtig ift, davon haben wir uns an Ort und 
Stelle felbft überzeugt. 


Drud von KeylamsJofefstgal in Graz. — Für bie Rebaction verantmortlig P. 8. Kofegger. 


April 1877. 


VEN 
. 


I. Jahrg 





Bie Spielen um ein Her. 
Eine luftige Geſchichte von 
Hans Malfer. 


Im Korne lagen zwei junge Männer; 
bie vollen, reifen Aehren hingen ihnen 
nieder auf das wildumlodte Geſicht. 
Der Eine hatte Mähnen, die nicht viel 
dunkler waren, al3 die Aehren; ber 
Andere hatte dunkles Haar und an den 
Baden etwas ſchwarzen Bartflaum. 
Es waren Stubenten, Jugendfreunde 
auf Vacanzen, die, von dem biden 
Gutsbeſitzer Reichthal zu Gafte geladen, 
nun deſſen Getreide zerwälzten. 

Sie lagen nahe beiſammen; nur 
wenige Halme ſtanden zwiſchen ihnen 
empor. Keiner ſprach heute ein Wort. 
Der Goldlockige entblätterte eine Mohn: 
blume, bis er auf dem Stiel die nadte 
Kapſel hatte; der Dunkle zerdrückte eine 
Kornähre und faute an den Körnern. 

„Guido,“ ſagte diefer Letztere nun 
plötzlich, „ich werde Dir was mit- 
theilen.“ 

„Juſt habe ich auch den Mund 
aufthun wollen,“ antwortete der Andere. 

„Wohlan, ſo ſprich.“ 


Kofeggers „Heimgarten‘‘ 7. heſi. 


„Du haft den Anfang gemadt, fo 
ſprich Du zuerft, Adalbert.” 

„Nein, bitte! Ich werde jpäter 
vielleicht lang zu reden haben.“ 

„Meine Sache läßt ſich auch nicht 
mit zwei Worten abmachen,“ verjegte 
Guido. 

„Merkwürdig?“ ſagte Adalbert, 
„jetzt ſind wir ſeit Wochen beiſammen 
und ſchwätzen uns ſo gründlich aus, 
daß man meint, nicht ein Stäubchen 
Heimlichkeit wäre zwiſchen uns mehr 
vorhanden — und nun plötzlich gegen— 
ſeitig wichtige Mittheilungen!“ 

„Ich finde es auch merkwürdig.“ 

„Hier in der Hand halte ich zwei 
Halme, der eine hat eine Aehre, der 
andere nicht. Ziehſt Du die Aehre, ſo 
ſollſt Du zuerſt ſprechen — anders 
kommt man bei ſo rückſichtsvollen 
Freunden zu keiner Entſcheidung.“ 

Die letzten Worte waren fröhlichen 
Tones geſprochen worden. Guido zog 
den Halm mit der Aehre. 


3l 


482 


„Run?“ jagte Adalbert. 

„Ih bin verliebt,” fagte Guido. 

„Ich ja ebenfalls !” rief der Andere. 

„Aber ernftlih, wirklich, diesmal 
entſchieden; mit aller Leidenſchaft, wie 
noch nie, und mit Abfichten !“ 

„Freund, das ift ganz mein Fall,“ 
verjegte Adalbert ernithaft. 

„Und ich möchte Dich daher um 
einen Freundichaftsbienft bitten, den Du 
mir, wie ich Dich fenne, gewiß nicht 
abſchlagen wirft. Es handelt fich bier 
um feine Tändelei, wie jonjt oft, wenn 
wir einem hübſchen Kinde den Hof 
machten. Ich will Dich bitten, Adalbert,“ 
und die folgenden Worte ſprach er mit 
flehenber Stimme, „daß Du demFräulein 
Ada Feine Kirſchen mehr pflüdeft.” 

Adalbert erhob ſich Halb und jagte: 
„Wie meinft Du das?“ 

„I will damit jagen, daß es mir 
lieb wäre, wenn Du dem Fräulein Ada 
von nun an etwas mehr fern bliebeft 
als bisher.” 

„IH? Oh ganz im Gegentheil. 
Ich muß Dich erſuchen, lieber Freund, 
daß Du von jegt an die Erbbeerfpenden 
einjtellft, womit Du bisher Ada zu 


beglüden glaubteft. Ich werde mid) | 


zwei fchneeweißen Blättern lag eine 
gepreßte, aber noch nicht verblaßte 
Roſe; „die gab fie mir.“ 

„Ha, wie welt!“ 

„Weil ich fie Schon länger befige, 
als Du deine Pechnelfe, die Du Dir 
doch wahrſcheinlich felbft irgendwo ab- 
geriffen haft.“ 

Der Dunkle wollte eine zornige 
Entgegnung thun, da wurden fie eine 
Frauengeftallt gewahrt, die dem Feld— 
raine entlang herankam. 

„Sie iſt es,“ flüſterte Adalbert, 
„ich werde ſie begleiten.“ 

„Und ich ſie fragen, welchen von 
Beiden ſie will!“ 

„Das wäre toll. Sie würde uns 
beide auslachen und davonlaufen.“ 

„Du haſt Recht. Sie darf es auch 
nicht ſehen, daß wir hier im Korne 
niſten, wie ein paar brütende Feld— 
hühner. Wir müſſen uns ganz auf den 
Boden legen und ſtill verhalten, bis 
ſie vorüber iſt.“ 

Sie duckten ſich tiefer unter die 
Halme, aber ſo, daß ſie die Vorüber— 
ziehende noch ſehen und beobachten 
konnten. 

Ada war die einzige Tochter des 


noch heute dem Fräulein erklären, und Kaufmanns Settenbach, ſie hatte mit ihrer 
das iſt es, was ich Dir ſagen wollte.“ Mutter für die Sommermonate eine 


„Du willſt mit ihr ſpielen, wie 


Du mit manch Anderer ſchon geſpielt | Reichthal inne. 


Haft 2" 


Wohnung im ſchöngelegenen Schloſſe 
Unter einem Dache 
mit dem heiteren dicken Beſitzer des 


„Guido,“ ſagte Adalbert, „berlei Landgutes und mit den zwei luſti⸗ 


Bemerkungen muß ich mir verbitten. 
Ich habe die ernſteſten Abſichten auf 
Fräulein Settenbach!“ 

„Vielleicht ſind die meinigen min— 
deſtens ſo ernſt,“ bemerkte der Blonde, 
„auch will ich Dich verſichern, daß Ada 
ſich für mich intereſſirt.“ 

Der Andere lachte auf. Dann 
langte er nach ſeinem Hute, an dem 
ein Nelkenſträuschen prangte: „Das 
hat ſie mir erſt heute Morgens, als 


ih mit ihr im Garten promenirte, ge⸗ 


jpendet.” 

„Weil Du ihr e8 wirft abgeſchwätzt 
haben ‚“ jagte Guido und 309 jein 
Notizbuh aus der Taſche. Zwiſchen 





‚gen Studenten, die jeit einigen 
Wochen beim Alten zu Gafte waren. 

Ada war noch in jener Zeit, in 
welcher die Mädchen fich gerne älter 
anfagen, als fie find. Sie war faum 
fiebzehn. Aber groß und fchlank und 
ſchön — heiter wie eine Lerche zu 
Sonnenaufgang, und dann wieder ernft 
wie ein Nahtwächter zur mitternächtigen 
Stunde. Sie trug — als fie heute am 
Rande des Kornaders jo heranfam — 
ein weißes Kleidchen, das fo leicht und 


‚zart ſchien, wie die Blüthenblätter eines 


Schlehdornes, an dem fie dort unten vor: 
übergefommen war. Mancher Schmetter: 
ling und manches Bienlein, von denen, 


483 


die fie umgaufelten, mochte fie wirk- Jetzt aber thue ich es und ſchwöre 


lich für eine wandelnde Blume halten, 
ihre Wänglein und Lippen waren auch 
ſo roth und thauig friſch, und ihre 
Augen, die unter dem lichten Stroh— 
hütchen hervorlugten, hätte man leicht 
für zwei große ſchattige Thautropfen 
halten mögen. Sie trillerte ein Liedchen, 
das aber die zwei Burſchen im Korn— 
ſtroh nicht verſtanden, ſo ſcharf ſie die 
Ohren auch ſpitzen mochten. Sie bückte 
ſich ein ums anderemal und pflückte 
Blümchen weiß, blau und roth, wie 
ſie eben an ihrem Wege ſtanden. 

„Das wird ein Strauß für mich,“ 
flüſterte der Dunkle. 

„Oh, fie nimmt nur meine Lieb— 
lingsblumen, ſiehſt Du, das Frauen- 
ſchühlein, den Ehrenpreis, die Korn: 
blume.” 

„Das find meine Farben,“ ver: 
jegte Adalbert. 

„Seit warn das? erſt geftern haft 
Du den gelben Frauenfchuh bie Farbe 
bes Neibes geheißen.” 

„Pit! fie naht.“ 

Kaum drei Schritte von den Füßen 
der beiden Jünglinge pflüdte fie eine 
flammenfarbige Blume des wilden 
Mohns. Yedem zudte e3 heiß in ben 
gehen, als fie den Stengel abriß. 
Aber fie ging trillernd vorüber und 
hatte bie Studenten nicht bemerkt. 

Sie ging über die frifchgemähte 
Wieje hin, auf welcher das duftreiche 
Heu lag, und ging den Alleebäumen 
bes Schloßparfes zu, zwiſchen denen 
ihr Kleidchen noch eine Weile leuchtete 
und bann verſchwand. 

„Ein Engel!” fagte nun Adalbert, 
„Ad, wenn der erft meine Frau fein 
wird!“ 

„Guter,“ entgegnete Guido und 
erhob ſich, daß ſein Kopf über das 
Korn emporragte, „wenn Du glaubſt, 
mich ungeſtraft necken zu können, ſo 
täuſcheſt Du Dich.“ 

„Und ich ſage Dir dasſelbe. Haſt 
Du jemals geſehen, daß ich die rechte 
Hand an mein Herz gelegt hätte? 


Dir, daß ich Ada liebe.“ 


Guido ſchwieg und wand gedanken⸗ 
voll einen Buſchen Halme um ſeine 
Finger. 

„Du haſt keine Ahnung, Adalbert, 
wie mir das ſchrecklich iſt,“ ſagte er. 
„Wie hätte man meinen können, daß 
auch Du die Sache fo ernſthaft nimmſt!“ 

„Warum nicht? Soll denn ich nicht 
lieben, nicht freien? Und dabei habe 
ih feinen Freund — mußt du wiſſen! 
Da kenne ich Feine Rückſicht und in 
der Eiferfucht bin ich Alles im Stande. 
Ich werbe nicht von Ada laſſen.“ 
Ich auch nicht,“ fagte Guido 
finfter. — 

Nah einer Weile, als fih auch 
der Dunkle erhoben hatte und beibe 
aus dem Korn getreten waren, ſprach 
Jener das Wort: „Wenn e3 jo 
jteht, jo wird es fein anderes Mittel 
geben. Wir müffen uns auseinander: 
ſchießen.“ 

„Ein Duell! — Einen ſolchen 
Vorſchlag haſt Du heute, Du junger 
Doctor der Rechte, der Du mir erſt 
vor drei Tagen den kraſſen Unſinn 
und die Rechtloſigkeit des Duells aus: 
einandergeſetzt und es als ein alle 
Cultur ſchändendes Ueberbleibſel aus 
dem wilden Mittelalter erklärt haſt, 
das zu bekämpfen und zu beſiegen 
Du als die Hauptaufgabe Deines 
Lebens erachteteſt! — Du biſt ein 
Heuchler!“ 

„Und Du eine Memme! — Oh, 
oh, oh, das iſt nicht ſo ernſt gemeint. 
Siehſt Du, wie feſt Du ſtehſt? Ein 
einziges Wort könnte Dich hinreißen 
zu einem Acte, den Du an mir und 
allen Anderen ſo wüthend verdammen 
würdeſt. — Nein Guido”, fuhr Adal⸗ 
bert fort”, mit blinder Leidenſchaft 
fommen wir nicht an’3 Biel, weder 
Du, no ih. Wir müffen vernünftig 
handeln. Du ftehft freiwillig nicht ab 
von dem Mädchen, ih auch nidt. 
Beide Fönnen wir es nicht haben. 
Einer von und muß aus dem Wege.“ 


31* 


484 


„— Daß jo unjere Freundichaft 
enden muß!” ſeufzte Guido. 

„Warum denn enden 2“ 
der Dunkle, „wir haben uns einmal 
gefunden und dürften ung für's Leben 
noch öfter brauchen. Es gilt nur 
einen Kampf. Haben wir uns nicht 
oft gegenfeitig im Kartenfpiel, beim 
Schachbrett, auf der Kegelbahn, auf 
der Schußfcheibe befämpft ? Hatte ber 
Eine gefiegt, jo war der Andere jtet3 
unterlegen. Kam deshalb die Freund: 
ihaft zu kurz?“ 

„Ich begreife nicht, wie Du ſolche 
Zapalien in unferen gegenwärtigen 
Fall hereinzerren kannſt“,  verjegte 
Guido. 

„Du willſt Profeffor der Philo- 
jophie werben”, jagte Adalbert, „da 
ift Logik nun die Hauptfahe. Wenn 
man mit Karten und Kugel um einen 
fleinen Preis fpielen kann, jo —“ 
man kann um Gelb 


„Wohl, 


„Auch um Haus und Hof, um 
Städte und Länder.“ 

„Selbſtverſtändlich.“ 

„Um Ehre und Leben!“ 

„Um Ehre und Leben.“ 

„Auch — um ein Herz?“ 

„Auch um ein Herz“, 
der Dunkle gelaſſen. 

Sie ſchritten trotzig nebeneinander 
hin. 

„Mit Karten um ein Mädchen 
ſpielen, pfui!“ rief Guido nun aus. 

„Es müſſen ja nicht gerade Kar— 
ten ſein“, gab Adalbert, der eine 
merkwürdige Kaltblütigkeit zu Tage 
legte, zur Antwort. „Eine Kegel— 
partie ?” 

„Ab, weil Du weißt, daß id 
darin feine fihere Hand habe. Gut, 
damit Du fiehit, daß ich auch in ber 
Liebe der MUeberlegung fähig bin: 
jpielen wir. Der Perlierende Hat 
Reichthal auf der Stelle zu verlaffen, 
der Andere bleibe.“ 

„Einverftanden.” 

„Aber Schad.“ 


antwortete | vierzug nad) Wien ab. Punkt acht Uhr 


„Oho!“ rief Adalbert, „Dir ift 
befannt, daß ich auf dem Schachbrett 


fragte | niemals Glüd gehabt habe.“ 


Guido blieb ftehen und jagte: 
„Mir fällt was Beſſeres ein. Sieht 
Du dort am Bahnhofe links die vier 
Pappeln ſtehen?“ 

„Du meinſt, dort iſt die Schieß— 
ſtatt?“ 

„Es ſteht ſeit geſtern die Hertha— 
ſcheibe noch. Dort ſchießen wir um 
den Preis.“ 

„Nun endlich“, ſagte Adalbert, 
„alſo, wir ſchießen uns auseinander. 
Wir ſchießen ſo ziemlich gleich gut, 
oder, wie Herr von Reichthal ſagt, 
gleich ſchlecht. Zwei Schüſſe; wer 
zunächſt dem Centrum iſt, dem ge— 
höre das Feld.“ 

„Und der Andere fahre mit dem 


nächſten Zuge auf Nimmerwiederkehr 


davon.” 

„Brauchen wir einen Sefundanten?“ 

„Rein.“ 

„Alſo komm’. Unjere Gewehre 
‚stehen noch im Schügenhäuschen.“ 

„Sadte! Heute kann es nicht 
mehr geſchehen; wir müfjen die Kof: 
fer paden und die Abreife unauffällig 
machen. Morgen früh acht Uhr fie: 
benundzwanzig Minuten geht der Cou- 


find wir auf der Schießftatt.“ 

„Abgemadht.“ 

„Was gedenkſt Du heute noch zu 
beginnen?” fragte Guibo. 

„Das ift meine Sache”, antwor: 
tete der Andere furz. 

Auh die meinige“, ſagte ber 
Dlonde. „Meines Wiffens ift eine 
Kahnfahrt auf dem Teich mit ber 
Familie Settenbach verabredet.” 

„Run alſo — wozu fragen nad 
einer Sade, die man weiß ?“ 

„Hört Du, mein Lieber, aus ber 
gemeinfamen Kahnfahrt darf nichts 
werden. Das gehört zur Sache. Wer 
‚fie verliert, jol fie gar nicht wieder 
ſprechen; der Andere mag noch genug 


mit ihr kahnfahren.“ 


485 


„Ib laffe mir vor der Entjchei- 
dung nichts verbieten.“ 

„Wieder zu Hikig! Das Verbot 
fällt doch audh auf mid. Willft Du 
Doctor jus werden, jo ift Rechtsſinn 
die Hauptſache.“ 

„Du haft recht. Ich werde heute 
weder in ihrer, noch in Deiner Ge- 
ſellſchaft ſein. Von Dir verlange ich 
dasſelbe.“ 


Mit flüchtigem Gruße gingen ſie Ada 


auseinander. 

Jeder von den Beiden war auf— 
geregter, als er es zeigen wollte. Das 
Mädchen war vielleicht verloren, der 
Freund auf jeden Fall. 

Adalbert ſchritt dem Schloffe zu, 
das Hinter einem dichten Buchenwäld— 
chen hervorragte. 

Im Buchenwäldden auf einer 
Lehnbank jah er Ada figen und aus 
einem Büchlein lefen. Er hätte vor: 
überfchleihen können, ohne bemerkt 
zu werben; er ftand auch einen Mugen: 
blick unſchlüſſig, ob er es thun follte 


„Sehen Sie, Fräulein Ada, wären 
ſie Beide in Eine verliebt geweſen, 
ſo hätten ſie ſich ohne alle Secir— 
meſſer berühmter Aerzte ſelbſt aus— 
einandergeriſſen.“ 

„Und ſollte Aehnliches auch bei 
unſeren zwei Herren der Fall ſein?“ 
bemerkte das neckiſche Mädchen und 
ließ die Blätter ihres Buches ſpielen. 
„Und wenn es der Fall wäre, 
au 
Sie blickte ihn von der Seite an 
— mit einem merkwürdig fcheuen 
Blick. 

„Ach, laden Sie mich doch ein, 
daß ich mich zu Ihnen auf die Bank 
ſetze!“ 

„Ich bitte“, ſagte Ada gedämpft, 
rückte haſtig an den Rand hinaus 
und bauſchte ihr Kleidchen zuſammen, 
mehr als es nöthig war. 

„Wie Sie ja andeuteten, mein 
Fräulein, daß ich ſtets in Geſellſchaft 
des Herrn Stolling geweſen ſei, ſo 
mögen Sie ſich denken, daß ich Ein— 


ober nicht. Endlich eilte ex haſtig auf ſamkeit nicht gewohnt bin.“ 


das Mädchen zu und grüßte es mit 
einer hohen Schwenfung bes Hutes, 
und zwar jo auffallend, daß fie das 
Sträuschen erbliden mußte, welches 
fie ibm am Morgen gebunden hatte. 

„Ei”, lachte das Mädchen, „Herr 
Saltegg, wo haben fie denn heute 
Ihre Hälfte gelafjen ?” 
“ „Sollte ih mir nicht einbilben 
bürfen, mein Fräulein, daß Sie mich 
auh ohne meinen Collegen für volls 
ftändig hielten 2 

„Darüber habe ich wirklich noch 
feine Betrachtungen angeftellt”, ent: 
gegnete Ada jchalfhaft, „ich las nur 
einmal, daß die fiamefifhen Brüder 
bi8 zum Tobe zufammengewachfen 
verblieben, weil es die berühmteften 
Aerzte nicht wagten, fie zu trennen.“ 


andern Frau.” 
„Natürlich.“ 





| Ada 


Da laſen Sie wohl aud, daß 
die fiamefiihen Brüder verheiratet ge: 
weſen jeien — aber jeder mit einer | 
die 
der dicke Herr Neichthal mit feinem 


„Daß Sie Ihren Freund aber 
dann verlaffen haben, Herr Saltegg ?” 
verſetzte das Mädchen. 

„Das iſt, weil —“ er beſann ſich 
etwas und fuhr fort, „weil jeder junge 
Mann endlich zur Einſicht kommt, 
daß ein guter Freund für die Länge 
nicht die richtige Geſellſchaft ſein 
kann?“ 

„Warum denn nicht?“ fragte ſie 
und beugte ihr Geſichtchen über das 
Buch, in dem ſie blätternd etwas zu 
ſuchen ſchien. 

„Warum? Weil der gute Freund 
plötzlich treulos wird und ein Mäd— 
chen nimmt.“ 

„Ja, da muß der Andere eben 
auch ein Mädchen nehmen“, lachte 
auf. 

„Das meine ich ja eben!“ rief 
Adalbert entzückt und wollte ihre Hand 
faſſen. — Das Mundſtück eines ſehr 
langen Pfeifenrohres tippte ihm auf 
Finger. Hinter der Bank ſtand 


486 


gelblich-weißen Vollbart, feinem rothen 
Gefiht und feinen grauen, weißbufchi- 
gen Yeuglein. Der ganze Kopf ftaf 
in ber Bruft berunten, die breiten 
Achſeln gingen ihm bis zu den Ohren 
hinauf, über denen ein filbergeftictes 
Hauskäppchen ſaß. Der ganze Herr 
war in einem braunen Schlafrod, der 
durch eine rothe Schnur um den um: 
fangreihen Leib zujammengehalten 
wurde. Seht, da er mit jeinem Pfei- 


Der Herr von Reichthal war, wie 
er ja jelbit fagte, einmal ſehr jung 
gewejen und demzufolge ein Freund 
der Jugend geblieben. War lange ein 
bemofte8 Haupt gewejen, dann Soldat 
geworden, hatte ed zum Major ges 
bracht und fih dann penfioniren laf- 
jen, um auf feinem Lanbgute gemäch— 
li für fi Hinzuleben und mohlbe- 
leibt zu werben. In früheren Jahren 
waren die Forellen, Hafen und Reb— 


fenrohre ein ficherlich holbes Geſpräch hühner verfolgt worden, jet ließ ber 
geftört Hatte, Ficherte er Iebhaft und | behaglich gewordene Herr das Per: 


fein Kopf jchien fich dabei noch immer | gnügen Jüngeren über. 
tiefer in den Bruſtkorb einbohren zu | hatte er feine. 


wollen. 


Verwandte 
Zu den FFerialzeiten 
hatte er immer ein paar Stubenten 


„Daß doch der —!” rief er nun, |bei fich, die mit ihm farteten, fegel- 


aber feine Stimme war völlig tonlos | ten, 
als | firten, Knafter rauchten und Anderes 


und einem Röcheln ähnlicher, 


Pulver verpufften, Hunde dref- 


einem luſtigen Ausrufe, der's wohl | trieben, was ihren fröhlichen Seelen 


fein follte. 


und gelenfigen Leibern eben angenehm 


Die jungen Leute erhoben fich und | war. 


grüßten ihn. 

„Endlich weiß man's“, 
Herr von Reichthal, „wo man bie, 
jungen Herren zu juchen bat, wenn 
man mal 'n Spielhen machen will. | 


„Morgen wird wieder ein präd): 


gurgelte | tiger Tag jein zum Kojen“, fagte Herr 


von Reichthal unterwegs zu Adalbert, 
| „meinen Sie nit?“ 
„Dazu iſt mir jeber Tag und 


— Glaub's gern! Ein alter Rnafter: jedes Wetter gut genug.” 


bart und ein jung, bildſchön Fräulein, 
das ift 'n Unterfchieb. Nu — 
laßt Euch nicht ftören”, ſetzte er 
lächelnd bei, „hab' nichts gehört und 
nicht3 gejehen. 
jung gewefen, ſogar jehr jung. 
Na, behüt’ Sie Gott!“ 

Aber Adalbert und Ada * 
ein, ſie konnten nun nicht mehr bleiben 
im Schatten des Buchenwaldes. Ada 
empfahl fih flüchtig und eilte, um 
ihre Mama zu ſuchen; der Stubiofus 
ging mit dem alten Herrn in ben 
Hof, wo Lebterer fein Hunbearjenal 
hatte, vom feifenden Mops bis zum 
zottigen Neufundbländer — feine Wacht 
und Waffen in den öden Spätherbft: 
und Wintertagen, 
einfam und die heiteren Sommerpar: 
teien und Studenten wieder in die 
Stadt gezogen waren und den alten 
Herrn bei der ‚halbtauben Haushälte— 
rin allein zurüdgelaffen hatten. 


„Wenn's nicht zu feucht ift im 
Park“, bemerkte der Alte blinzelnd, 
„ih dächte denn, wir follten die ſchö— 
nen Tage vorderhand für was Ande— 


Man ift auch 'mal res benützen. Eine Spritzfahrt morgen 


in's Schlehenthal zum Förſterhaus! 
Was ſagen Sie dazu?“ 

„Auf morgen kann ich gar nichts 
beſtimmen“, antwortete der Studioſus. 

„Der Förſter hat vor etlichen Ta— 
gen eine friſche Weinladung erhalten.“ 

„Aha!“ 

"Der Förfter ſoll euch auf Hoch— 
wild führen. Ihr Herr Gollega ift 
gewiß mit einverftanden.” 

„Das weiß ich nicht.“ 

„Der Förſter befitt auch zwei 


wenn dad Schloß hübſche Töchter!” 


„Zwei ?” 

„Vielleich —“ und Herr von 
Reichthal drehte feine Aeuglein gegen 
Adalbert, „wären auch Frau und 
Fräulein Settenbach von der Partie?“ 


487 


„Rund gejagt”, verjegte Adal— Da ſah er ihre Lippen an. Sie 
bert, „ich traue dem Wetter nicht; aber Iugte durch das dünne Geflechte 
e3 309 heute Mittags der Südwind.“ der Krempe in fein Angeficht, in fein 

„Wir wollen e8 ja noch jehen. ſchönes, männliche Auge, das heute 
He, Sultan! Mohr! Hopp, huff!“ faſt ernft und betrübt war. Aber er 

Sie waren im Hofe. gefiel ihr fo. Immer luſtig und fed 
fein, fteht nur den MWildlingen gut. 
RR . Mer jedoch ein echter junger Mann, 

Fräulein Ada ging duch den der zum Philofophen geboren ift, 
Park, ging über ben Anger gegen ben der dem Freunde untreun wird und 
Teih bin und fand bie Mutter nicht. ein Mädchen nehmen wil, der muß 

An der Tehne, im Schatten eines | ernfipaft fein und ein bischen ſchwär— 
alten Ahorns lag ein Mann, er ſchien men können. Wie fchlant und frei 
zu jchlafen oder unverwandt in bie er daftand mit feinem dichten, wei- 
ſtahlblaue Fläche des Waflerd zu hen Gelode, das unter dem fchlich- 
ſchauen. Als er das Mädchen ges | ron Gute hervorquoll! Weſte und Hemd 
wahrte, erhob er jih und ging zwi | yaren zwar etwas Loder, fo daß ein 
ihen Ahorn: und Birkenſtämmen hin: Streifhen jehneeweißer Bruft hervor: 
weg. Es war Guido Stolling. fhimmerte. 

— Weshalb flieht er vor mir,) „Sie haben ja Ihr Halstuch ver: 
dachte dad Mädchen, war er doch fonft | foren“, fagte fie, „ba müflen Sie fich 
jo Lieb, jo herzlich? — Sollte ich ihn beſſer einhüllen, Herr Stolling, wenn 
irgendwie gefränft haben? ich wüßte wir auf dem Teich gehen.” 
nicht. Jedenfalls verdient jein unjchid- „Wir müffen do warten, bis 
lid) Benehmen, daß man ihn verfolgt. | auch die Anderen kommen”, wendete 
— Und fie eilte ihm nad und rief er ein. 
ihm ein ſtrenges Halt zu. „Ja, damit wir gar nicht fahren 

Guido blieb ftehen, that, al3 ob |fünnen. Der große Kahn ift geftern 
er das Fräulein jegt erſt bemerkte jchabhaft geworden; wir, ih und 
und trat ihr num einige Schritte ent: | Mama — ich fahre mein lebelang 
gegen. nicht mehr ohne Mann — find an 

„Sollte man's doch glauben!“ einen Stein angefahren und hätten 
rief fie ihm zu, „daß Sie jelbjt Ihrem | bald Schiffbruch gelitten. Heute ift 
Freunde untreu geworben find?” nur der Seelentränfer da und auf 

„Selbft meinem Freunde?” ent | demjelben hat entweder nur ber alte 
gegnete er befrembet, „wer hat denn | Herr Platz oder zwei leichte Perſonen, 


das gejagt?” heißt das, die nicht viel Gewicht 
„Bor einer Biertelftunde Ihr Herr | haben.” 
College.“ Ein Erröthen zeigte an, daß fie 


„So“, fagte er. Und im Stillen: |die Doppelfinnigfeit ihres Ausdrudes 
Schnurgerade ift er nach dem gege: | bemerft hatte, und fie bückte fich raſch, 
benen Worte, heute nicht mit ihr zu um nachzufehen, ob nicht Erdbeeren 
verkehren, gegangen, um das Wort da wären. 
zu brechen. Gut, jo muß ih es auch Guido hatte recht bald ein Sträuß: 
nit halten. hen zur Hand. Sie nahm es und 

Er nahm fie an der Hand und fagte: „Die wollen wir auf dem 
blidte ihr in's Auge. Waſſer miteinander effen.” 

„Wenn Sie mich fo Scharf anjehen, Sie ahnte nicht, daß der junge 
jo —” mit diefen Worten rückte en any in fi einen ſchweren Kampf 











ihr Strohhütchen über die Augen auszufechten hatte. — Adalbert, jo 
herab. ſann er, hat fein Wort gebrochen, jo 


488 


ift auch das meine gelöft. Wie? Wer 
hat es denn gelöft? Iſt ein Anderer 
Herr meines Wortes? Weil ein An 
derer pflichtvergefjen ift, darf deshalb 
ih es auch fein? Darf Einer, der 
fein echter Mann ijt, fein Auge zu 
diefem herrlichen Mädchen auffchlagen ? 
Und ift das ein echter Mann, ber 
fein Wort bricht ? — Aber, er könnte 
ihr heute das Geftändniß machen, fich 
ihrer Liebe verfihern und fo das 
ganze, eigentlich gewiſſenloſe Spiel, 
das geplant ift, überflüffig machen. — 
Und dann kann morgen Saltegg vor 
ihn Hintreter und ihm in ihrer Ge 
genwart vielleicht einen „Schuft !” in's 
Gefiht jehleubern. Nein. Ehrlich will 
er fein, die Liebe wird feine Hand 
fegnen, wenn die Kugel zur Scheibe 
fliegt, und er hat fich den Nebenbuhler 
aus dem Felde gejhoflen, der anders: 
wie jobald nicht befeitigt werben könnte. 
— Aus derlei bunten Gedanken ging 
die Bitte hervor, die Kahnfahrt auf 
morgen zu verjchieben und in jedem 
Falle feiner, Guido's, dabei freundlich 
zu gebenfen. 

Sie entgegnete mit Schalkheit, fie 
denfe immer nur an ben, ber ihr 
einfiele und demnach wäre es mohl 
an ihm und feiner Begleitung auf 
dem Teiche, fih in gutem Andenken 
zu bewahren. 


„Und an abwefende Freunde bäch- 
ten Sie nicht ?“ 


„Wenn fie mir einfallen, o ja. 
Aber wenn man Tuftig auf dem Kahn 
fährt, da fällt Einem ſchon gar Keiner 
ein, der nicht da ift.” 

„Da möchte ich nicht der Freund 
fein, der von Ahnen fort müßte“, 
fagte Guido mit einem leifen Seufzer. 

„Der müſſen Sie auch nicht fein, 
Herr Stolling, und ich habe über: 
haupt noch gar nie daran gedacht, 
daß Sie je fortgehen follten.” 


Vom Schloffe her Hang e8: „Ada!“ | 


„Mama ruft“, jagte das Mäd— 
hen, „fe ift ſchon wieder bejorgt; 


aber ih bin ganz ruhig, mir ift ja 
nichts geſchehen.“ 

Guido blidte fie ſchwermüthig an, 
dann hob er mit beiden Händen ihre 
Rechte, küßte fie heftig und jagte: 
„Ada, leben Sie wohl!” Ging bavon 
und ſah nicht mehr um. 

Ada blidte ihm lange nad. Jetzt 
bat fie das Erbbeerfträuschen noch in 
der Hand, und fie wollte ihn doch 
daran mitgenießen Laffen. 

Die Mutter, eine gejegte, aber 
noch recht behendige Frau, fam ihr 
entgegen. „Liebe8 Kind“, ſagte fie, 
„Du bift ja eine wahre Naturſchwär— 
merin gemworden, ich vermiſſe Dich 
von Tag zu Tag länger. Haft ſchon 
wieder Erbbeeren ?” 

„Sa, Mama, für Did.“ 

„Für mich?” entgegnete die Frau 
gedehnt. „Nun, diesmal will ich fie 
auf Treu’ und Glauben nehmen!“ 
Sie ſah das Mädchen etwas ftrenge 
an. Dieſes wurde roth, und Frau 
Settenbach j&hüttelte das Haupt, daß 
die blauen Haubenbänder raufchten. 











Als Guido Abends durch das Hof: 
thor fchritt, ging Adalbert an ihm 
vorüber. Sie warfen ſich gegenjeitig 
einen finfteren Blid zu und ſchwiegen. 
Seber ſchalt den Andern im Gedanken 
einen Wortbrüchigen. Auch Adalbert 
war nicht im Zweifel darüber, daß 
der College ihr „zufällig“ begegnet fein 
wird. 

„Ru, unge”, röchelte Herr von 
Neichthal dem nahenden Guido zu 
und blies reichliche Wolfen aus feiner 
‚langen Pfeife. „Rüften Sie fi, mor: 
gen wird in's Schlehenthal gefahren, 
zum Förſterhaus.“ 

„Guido blidte zum Himmel, drehte 
fich im Kreife und entgegnete: „Das 
Wetter wird nicht halten.” 

„Das Wetter? 's ift ja ber fchönfte 
Abend.” 

„Es ging zu Mittag der Nord: 
wind”, fagte Guido zerftreut. 


| 





489 


„Was ging?” pufterte der Alte, warm und theilnahmsvoll die Hand; 
„der Norbwind? Ihr ſeid mir rechte |rauchte in jeiner Stube noch eine ein: 


alte Weiber, bei meiner Seel’! der 
Eine will ſchlecht Wetter haben, weil 
der Sübmwind ftrih und der Andere, 
weil der Norbwind zog. Wiſſet, daß 
ih der alten blechernen Wetterfahne 
inder Sach’ mehr glaube, al3 zweien hoch: 
gelahrten Mufenjöhnen. Und die Fahne 
zeigt den Weſt. Da fällt in drei Wo: 
hen nicht für einen burftigen Gimpel 
Wafler.” 

„Nein, Herr von Reichthal, ich 
meine nur, weil mir vor zwei ober 
brei Tagen faum von ber Partie zu: 
rüd fein dürften.” 

„Berfteht fih, werden wir uns 
Zeit laſſen.“ 

„Und e3 möglich ift, daß ich ober 
mein College plöglich abreifen müſſen.“ 

„Was fol denn los fein?” 

„Da von mir eine Tante ſchwer 
frank if. —” 

„Haben Sie aljo doch Verwandte, 
indeß Sie mir erzählten, daß —“ 

„Heißt das, Salteggs Tante, die 
mir immer wie eine Mutter entgegen: 
gefommen iſt.“ 

„Ra, fo, jo, das ift was Anders. 
Schön von eu, daß ihr der alten 
Frau gedenkt. Hoffen wir, daß fie bald 
wieder hergeftellt ift und fie beide in 
ihrer Erholungszeit beruhigt fein 
können.” — 

Beim Abendtifhe waren die Stu: 
benten recht einfilbig. 

„Die Tante ift ſchwer Frank“, 
jagte Guido über den Tiſch zu Adal— 
bert und warf ihm einen ernten, be: 
beutungsvollen Blick zu, „wir müſſen 
ſtündlich gefaßt feinauf ein Telegramm.“ 

„Aber”, bemerkte Herr von Neid): 
thal, „daß Herr Saltegg nicht direct 
von der Erkrankung feiner Verwandten 
benachrichtigt wurde?“ 

„Man wollte Dich wahrſcheinlich 
ſchonen, indem man die Sache mir 
mittheilte“, ſagte Guido zum Collegen. 

„Danke“, verſetzte dieſer. 

Die Herren gingen bald zu Bette. 
Der Alte drückte den Beiden ſehr 





ſame Pfeife und murmelte ein- ums 
anderemal: „Die Tante iſt krank.“ 


Die beiden Studenten hatten Ein 
Zimmer. Geber von ihnen lag in 
diejer Nacht ſchlaflos auf jeinem Bette 
und ärgerte fi, daß der Andere jo 
ruhig jchlummere. 

Adalbert richtete es aber ein, daß 
er wie im Traume den Namen „Ada“ 
ftammelte, im Falle ber Andere doch 
wach wäre. Darauf brummte Guido 
mit ſchwerer Zunge: „Schufterle!”" — 
Kein Inſekt hätte den angehenden 
Suriften jo arg aus ber Nachtruhe 
aufftacheln können, als obiger Ausruf, 
aber er blieb ruhig und der Andere 
hatte das Wort ja doch nur im 
Traume gejagt. 

Meiter hatte fih in der Nacht 
nicht3 ereignet. 

ALS der Morgen graute, ſprangen 
die Beiden faft gleichzeitig aus ihren 
Betten und ftarrten ſich mit einer 
Miene an, ald ob Jeder in dem An: 


‚dern den Freimann fähe, von dem er 
‚heute gehenft werben follte. 


Berbiffen huben fie an, ihre Koffer 
zu paden. Ohne Ordnung warfen jie 
diefelben voll und als Adalbert ſchließ— 
ih ein letztes Paar Stiefel nicht 
mehr hineinbrachte, murmelte er: „Ah 
was, ich bleib’ doch da!” und jchleu- 
berte fie an die Zimmerwand. 

Guido hinwiederum hatte jo viel 
Bosheit, das Stubenmädchen für die 
weiteren Nächte um ein zweites Kopf: 
fiffen zu erfuchen, da er gewohnt jei, 
mit etwas erhöhtem Haupte zu fchlafen. 

Noch riefen fie zwei Knechte, daß 
biefelben, bevor fie aufs Feld gingen, 
die zwei Koffer auf den Bahnhof 
ſchafften. Dann verließen fie das 
Schloß. 

„Welcher zurüdtehren wird, ber 
joll die plößliche Abreife des Andern 
bei dem Alten entjchuldigen”, fagte 
Adalbert. 


„Schön“, antwortete Guibo. | 

Dann gingen fie, Adalbert voraus, | 
Guido hundert Schritte hinten drein 
ben Fahrweg entlang — und pfiffen 
Schelmenlieber. 

Die Schießſtatt, die Hinter dem 
Dorfe lag, aber zum Schloffe gehörte, 
war geichloffen. Guido hatte den 
Schlüffel bei fih. ALS fie eintraten, 
ſchlug es auf der Thurmuhr Acht. 
Bald darauf Fang vom Bahnhofe her 
das erfte Signal bes kommenden Zuges. 

Sie holten die Gewehre hervor 
unterfuchten biefelben, und unterfuchten 
bie Scheibe. Als fie auf dem Schieß— 
ftand ftanden, erhob Guido die Stim— 
me und jagte: „Nun alfo. Welcher 
am nächſten dem Gentrum ift, der 
bleibe, der Andere fahre mit dem 
nächſten Zug ins Weite.“ 

„Darüber noch ein Wort zu ver: 
lieren ift überflüffig,“ murrte Adalbert. 

Mit äußerer Ruhe und innerer 
Aufregung ſchickten fie fih an zum 
Schufle. Dort zwifchen den vier Pap⸗ 
peln, welche im Morgenwinde riefelten, 
ftand die Scheibe. Sie leuchtete, von 
ber Sonne bejdhienen, weiß herüber, 
aber der ſchwarze Punkt in berjelben 
war wie ein finfter blidender Augen: 
ftern, drohend dem frevelhaften Spiele 
um ein Herz. 

Es nallte. Der Pulverrauch ver: 
flog rajch, bie jungen Männer eilten 
ber Scheibe zu. Der Schuß fa — 
eine gute Spanne vom Gentrum ent- 
fernt — im britten Kreife. Adalbert 
murmelte einen lud; er war's ber 
geſchoſſen hatte. 

Mit friiher Hoffnung ſchritt Gui- 
bo zum Stand zurüd. Er bob das 
Gewehr, legte den Schaft an die heiße 
Wange und fein Auge ftach über bie 
Nabel der „Müde” hinaus auf ben 
Punkt. — Er dachte an Tell und ben 
Apfel auf dem Haupte des Kindes. 
Ihm war, als fege er noch mehr 
auf’3 Spiel, ald der Schweizerhelb : 
das Weib feines Herzens, die Zukunft. 


490 


zu zielen? — nein, nad) dem Unglüde 
zielt er — Muth! — Bebend brüdte 
er [o8, und faum der Knall in ben 
Buchenwäldern verhallt war, ftanden bie 
Beiden jhon an der Scheibe und 
fuchten den neuen Schub. Suchten 
und fanden ihn nit. Alle Löcher 
bis auf das, in welhem die Kugel 
Adalberts ftal, waren von geftern ver: 
nagelt — Guidos Blei hatte die Scheibe 
verfehlt und war ind Weite geflogen. 

Adalbert war Sieger. Bor bem 
Thore der Schießftatt reichten fie fich 
ftill die Hand. Guido taumelte gegen 
den Bahnhof hin. Adalbert flog dem 
Schloſſe zu. 

Einen Knecht, den er im Hofe 
traf, fandte er raſch nad) feinem Koffer 
auf den Bahnhof. Dann ging er ins 
Gartenhaus, wo Herr Neichthal bei 
feiner Morgenpfeife faß, eine land: 
wirthichaftlihe Zeitung in der Hand 
und etlihe Hunde unter ben Knien 
hatte. 

„Siebenfchläfer !” brummte er dem 
Studenten entgegen. 

„Ih komme ſchon vom Bahnhofe 
zurüd”, fagte Adalbert, „wohin ic) 
meinen Gollegen begleitet habe. Er 
läßt fih empfehlen, ein Telegramm 
rief ihn plötzlich.“ 

„Guten Morgen, guten Morgen, 
meine Herren!” grüßte die draußen 
eben vorüberfchreitende Frau Setten- 
bach ins Gartenhaus. Adalbert hatte 
bemerkt, wie ihr Blick und ihr freund: 
liches Lächeln auf ihn gefallen war. 

Ihm lachte das Herz. Die Gunft 
der Mutter ift eine Sicherung ber 
Tochter. 

Nah dem Frübftüd, bei welchem 
Reichthal den Stubiojus gefragt hatte, 
ob er es nicht auch gehört hätte, es 
wären heute früh in der Schießſtatt 
zwei Schüffe gefallen — begab fi 
Adalbert in den Park, Auf der Ban, 
wo er geftern Ada getroffen hatte, jaß 
heute deren Mutter, Frau Settenbad. 
Er grüßte fie fo artig, als es ihm 


Und wie? fleht e8 dem Menſchen an, nur möglich war, dann wollte er vor: 
nad jeinem Glüde mit dem Morbblei | übergehen, aber fie fragte ihn, ob er 


— 


nicht ein bischen bei ihr Platz nehmen 
wolle. Er that es und fragte Frau 
Settenbach nach ihrem Befinden. 

Sie beruhigte ihn und fragte 
ihrerſeils, wie ſich die jungen Herren 
auf Reichthal unterhielten. Sie hätte 
ſo wenig Gelegenheit, die Herren zu 
ſehen, aber ihre Tochter habe ihr ſchon 
ſo viel Schönes von ihnen erzählt. 

Glaubte ſich Adalbert recht höflich 
verneigen zu müſſen. 

„Ich denke mir oft“, fuhr die 
Frau fort, „auf dem Lande ſollten 
ſich ſo — ich weiß nicht — die Leute 
gegenſeitig nicht ſo gar abſchließen.“ 

„Gewiß, gnädige Frau,“ gab der 
Student mit Eifer zu, „die ſchöne 
Natur führt die Menſchen zuſammen, 
und ſo ſollten ſie ſich gegenſeitig an— 
einander ſchließen und die Freuden 
und kleinen Leiden mit einander thei— 
len.“ 


„Und beſonders auf einem ſo iſolirt 


ſtehenden Landſitze, wie z. B. Reich: 
thal, wo, wenn man nicht immer mit 
Bauersleuten verkehren will, der Brief⸗ 
träger der einzige Troſt iſt, da ſollten 
doch die wenigen Bewohner ſo — ich 
weiß nicht — eine Art Familienleben 
unter ſich bilden.“ 

„Wahrhaftig, gnädige Fruu, Sie 
ſprechen mir aus der Seele!“ rief 
Adalbert, ſchon immer umherlugend, 
ob ſich nicht Ada irgendwo blicken 
laſſe. 

„Wie gerne hätte ich z. B. ſchon 
in der vorigen Woche eine Partie in's 
Gebirge hinein gemacht, aber Sie 
wiſſen, ein paar Frauen allein, ohne 
männliche Begleitung — ich weiß 
nicht — kurz, man geht nicht gern.“ 

„Es iſt für die nächſten Tage vom 
Herrn von Reichthal eine Partie in 
das Schlehenthal in Ausſicht geſtellt —“ 

„Ach, wie ſchön!“ 

„Das wäre ganz außerordentlich 
lieb, wenn uns die Damen begleiten 
wollten.“ 

„Meine Tochter iſt leider abge— 


„Ab⸗ abgereiſt, Fräulein Ada?“ 
ſtammelte der junge Mann. 

„Sie muß in die Nähſchule, auch 
ſoll ſie den franzöſiſchen Cours in der 
Anſtalt des Fräuleins Rulde mit— 
machen — iſt Ihnen Fräulein Rulde 
befannt? eine erquifite Franzöſin. Nun, 
und jo habe ih meine Tochter heute 
in die Stadt gefhidt. Mein Mann, 
der vom Geihäft nicht fort fann, 
fühlt fich auch fo einfam, daher mußte 
der Zandaufenthalt eben abgebrochen 
werben.“ 

Adalbert war aus allen Himmeln 
geftürzt. — „Hat — bat nicht Herr 
von Neichthal gerufen?“ ftotterte er, 
„mir fam es fo vor.” Er erhob fi. 

„Der Herr von Neichthal kann 
gar nicht rufen“, lachte Frau Setten- 
bach, „Ihr Herr Collega dürfte es 
vielleicht gewejen fein.” 

„Der nicht, ber ift heute früh 
in die Stadt gefahren“, fagte Abdal- 
bert, „muß doch nachfehen, empfehl’ 
mic 4 


Träge, wie gebrochen ſchritt er 
hintan. 

Frau Settenbach hatte kein Wort 
mehr. Wie geſtern, fo ſchüttelte fie 
auch jetzt wieder das Haupt, daß die 
blauen Bänder rauſchten. 

„Er auch in die Stadt!“ hauchte ſie 
endlich, „ein Jammer mit den jungen 
Leuten heutzutage. Will man ſie aus— 
einanderbringen, ſo kommen ſie erſt 
recht zuſammen. Jetzt ſind ſie mit 
einander fort, gerad' — ich weiß 
nicht, als wie wenn fie ber Böſe ent- 
führt hätte!’ Sie ftand auf, raufchte 
davon und rief die Hände zujammen- 
ihlagend: „Das kann noch eine faubere 
Geſchichte werben !“ 





Guido ftand auf dem Waggon— 
brett und blidte träumend in bie 
Landſchaft gegen ben weißen viel- 
fenftrigen Bau, der zwiſchen grünen 
Matten und Büſchen hervorjchimmerte. 


reift“, verjegte Frau Settenbah und | Der Conducteur verjegte ihm einen 
ſchob etwas an ihrem Anzuge zurecht. | Ruck, daß er zum Waggonſchlag Hin: 


492 


eintaumelte. 
Bewegung. 

Da ſaß er nun, ber arme Junge, 
in dem engen, leeren Coupe, und 
ihm war zu Muthe, wie dem Adam, 
als er vertrieben mwurbe aus bem 
Parabiefe. Nein, nein, Adam, glück— 
liher Burjche, Du hatteft Deine Eva 
mit Dir! — Eher zu Muthe, wie einem 
unſchuldig Verurtheilten, der aus ben 
freundlichen Bergthälern bes Kaukaſus 
verbannt war nach Sibirien. 

— Das war ein jehlechter Handel 
von Dir, mein Guibo! fagte er zu 
fi fjelbft. Und daß Du ein in Ueber: 
muth und Leichtfinn gegebene Wort 
höher hielteſt, als bein und ihr 
Glüd, das war arge Sophiſtik. Er 
wird Ada nicht jo heiß und treu lie- 
ben, als bu, fie wird elend fein und 
bu haft fie verlaffen, haft fie einem 
Gejellen überantwortet, der fie betrü- 
gen wird. — Ein wilder Zorn kochte 
in feinem Herzen, er rüttelte am 
Schlag, ob er fich öffne, er wäre ab: 
geiprungen, aber die Thür lag feft 
im Schloſſe. — Wohlan, bei ber 
nächften Station wollte er ben Zug 
verlaffen, wollte zurückkehren nad 
Reihthal und wie ein echter Mann 
das Mädchen erringen. 

So wohl war ihm in biefem Ge- 
danken, jo warm und muthig ſchlug 
fein Herz — und wenn es darauf 
anfömmt, daß er noch einmal {hießen 
muß — nad ber Bruft des Neben: 
bublers, er wird befler treffen... 

Die Machine pfiff, der Zug ging 
langjam in bie nächſte Station ein, 

„Aufmachen!“ rief Guido zum 
Fenfter hinaus. 

Der Zug ftand ftil und in dieſem 
Augenblide hörte Guido aus dem 
Nebencoupe, das durch eine Halb: 
wand und oben durch ein Spagat: 
gitter von dem jeinen getrennt war, 
ein fruchtlos verhaltenes Schluchzen. 

Da er bereits aufgeftanden, jo that er 
einen Blick hinüber, Ein Frauenzim⸗ 
mer kauerte im Lederkiſſen, ein — 


Der Zug war ſchon in Gott! Gott! wäre das möglich? Einen 


Ruf der Ueberraſchung ſtieß er aus. 
Sie ſah erſchrocken auf. 

„Ada!“ rief er. 

Da flog der Waggonſchlag auf 
und Guido ſtieg jauchzend aus, um 
— bei der nächſten Thür wieder ein— 
— 

Er riß ſie an ſeine Bruſt, ſie 
küßte ihn heiß.. 

Dann, vor fich ſelbſt erſchrocken, 
drückte fie fih in die Ede und ver- 
hüllte ihr flammenbes Geficht und bat 
den jungen Mann, um Gotteswillen 
in ein andere Coupe zu gehen. 

Er 309 ihr die Hände vom Antlik 
und lachte mit feuchten Auge. 

„Du liebes Kind!” hauchte er 
entzüdt, „Du füßer Engel, wie danke 
ih Dir, daß Du mir gefolgt bift!“ 

‚Ss — Ihnen gefolgt? Im 
Gegentheile m entgegnete Ada, „Herr 
Stolling, ich — ich — 

„Du biſt ſo ſehr erregt, Ada — 
ſprich ein andermal, ich verſtehe Dich 
ja, wenn ich nur Dein Auge ſehe.“ 

„Sie verſtehen mich nicht, mein 
Herr!“ antwortete ſie gefaßter, „und 
wer gibt Ihnen das Recht, mich zu 
verfolgen?“ 

„Dich zu verfolgen? Das verſtehe 
ich allerdings nicht.“ 

„Muß Sie ſchon bitten, das — Du 
gegen ein anſtändigeres Prädikat um— 
zutauſchen!“ Sie war recht ernſt, 
vergaß im Augenblicke ganz darauf, 
wie glühend ſie ihn vorhin geküßt 
hatte. Er war nicht blöde und brachte 
ihr den Umſtand bald wieder in Er— 
innerung. 

Es brauchte ein Weilchen, bis ſie 
ſich inſoweit verſtändigten, daß Ada 
erzählen konnte, aus welchem Grunde 
fie reife. Sie hatte geſtern Abends 
mit ihrer Mutter einen Strauß ge 
habt der jungen Herren wegen, bie 
ihr nachftrebten und denen fie mehr 
Aufmerkjamkeit ſchenke, ala fie, die 
Mutter, e8 für gut finde Das 
Mädchen hatte Fein Hehl daraus ge- 
macht, daß die Iuftigen Studenten ihr 


493 


eben gefielen und daß man nicht auf 
Sommerfrifche gehe, um auf derjelben 
wie in einem Kloſter zu leben. — 
Gut, hatte die Mutter gejagt, wir 


| „Weiter, denke nah, Du mußt 
auch noch etwas Anderes gehört ha- 
ı ben.“ 

„Ja, die Kirchenglocken und auch 


werben es anders machen; der Vater ein paar Püffe von der Schießſtatt 
ſchrieb ohnehin, wir ſollten den Land- her.“ 


aufenthalt abkürzen, weil er ſowohl 


„Gut“, ſagte Guido, „die Püffe 


Dich wie mich zu Hauſe bedürfe. Ich haben mich gezwungen, mit dieſem 
erwarte bier noch den Beſuch meiner | Eiſenbahnzuge davonzufahren.“ 


lieben Jugendfreundin, der Doctorin 
von Trautnig, die ich ſchon jeit Jah: 
ren nicht mehr gefehen habe. — Dann 
gehen wir in die Stabt. — Ada aber 
it ein Trotzköpfchen. Papa Hat 
mir verfprocdhen, bi8 zum Frauentage 
auf dem Lande zu bleiben, und nun 
gehe ich früher einmal nicht fort! — 
So! hatte die Mutter gerufen, man 
ift Euch's jhuldig, nicht wahr? Be: 
fehlen wollt hr heut zu Tag mit 
Unjereinem, zum Dank für die Mühen 
und Sorgen, die man — ih weiß 
nit — mit jo einem Duälgeift hat. 
Du reijeft morgen früh in 
die Stadt! Hört Du? Kein Wort 
mehr! — 

So war e3 gefommen. Ada hatte 
die Scene ganz poflierlid) erzählt und 
fogar mit dem Kopfe dabei gewadelt, 
wie es ihre Mutter ftet3 that, wenn 
fie zornig war. 

„Und daß Sie jegt auch mitfah- 
ren, Guido“, ſchloß fie, „das ift recht 
böfe von Ihnen.“ 

„Freiwillig habe ich es nicht ge— 
than“, jagte der junge Mann mit 
Humor. 

„Wer hat Sie denn dazu gezwun— 
gen?” hierauf das Mädchen pilirt. 

„Iſt Dir nicht erinmerlih, Ada, 
etwas gehört zu haben, als Du heute 
in Reichthal auf den Bahnhof gingſt?“ 

„Was jollte ich denn gehört ha- 
ben? Der Schulmeifter hat die Kin- 
der in die Schule gerufen, juft als 
ih an feinem Haufe vorüberfam.” 

„Sonft nichts?“ 

„Und die Vögel haben gefungen 
und haben mich noch trauriger ge: 
madt, als ich ſchon war.” 


„Um des Himmels willen, Guido !” 
fie hajchte nach feiner Hand, „etwa 
gar verwundet! Doch — fein 
Duell!” 

„Etwas dergleichen.” — 

Und nun bat er die Gejchichte 
von dem wunderlichen Beitichießen 
erzählt. 

Ada Hatte gelaufht mit Angft 
und Luft, hatte den einen Arm gelegt 
auf feine Schulter und bald auch den 
andern, Hatte fich emporgejchmiegt an 
feiner Bruft, daß fie ihn fühlen konnte 
den warmen Athemhauch, der bie ſelt— 
ſame Kunde zu ihr brachte von dem 
Kampfe zweier junger Männer — 
um ihr Herz. 
| Und als er mit dem legten Worte 
einen Kuß auf ihre nahen Lippen 
preffen wollte, wendete fie fich raſch 
ab und fagte: „Herr Stolling, warum 
haben Sie jo jchlecht geſchoſſen?“ 

„Ich zitterte aus Angft und Liebe.“ 

„Das könnte jeder ſchlechte Schüße 
jagen.“ 

„Du weißt ja vom vorleßten 
Schießen her, wo Du mir den Strauß 
an den Rod ſteckteſt, daß ich nicht zu 
den ſchlechteſten Schüßen gehöre,” 

„Alſo fehlen Sie nur, wenn es 
mich gilt! — Ich muß Sie jehr 
entichieden bitten, mein Herr, fich dort 
in die andere Ede zu fegen und fein 
rubig zu bleiben.” . 


„Oho!“ rief er und mollte fie an 
fich ziehen. Sie drängte ihn unjanft 
bei Seite, mit gluthrothen Wangen 
und zornigen Lippen ftieß fie das 
Wort heraus: „Sie haben mid 
verjpielt!” 





494 


Guido Stolling und Adalbert Sal- 
tegg find heute längft wieder gute 
Freunde. Jeder hat ein Weib, aber 
feines berjelben heißt Ada. Sie ha: 
ben aus ihrem Iuftigen Jugend— 
leben bie eine Erfahrung bis heute 
nicht vergeilen, nämlih daß, wäh— 
rend junge Männer etwa jo oder jo 
um Mäbchenherzen zu jpielen glau— 
ben, diefe nur zu oft mit den Män- 
nern jpielen. 


„Ja wohl!” jchnauft der alte 
Onkel Neichthal, der heute noch lebt 
und feinen Stolz darauf jest, von 
allen Studenten, die je bei ihm zu 
Gafte waren, der Onfel Reichthal ge: 
nannt zu werden, — „ja wohl!“ 
fhnauft er, „das muß man noch in 
die Bibel fegen: Spielen wir Männer, 
fo find die Meiber der Preis; und 
jpielen die Weiber, jo find wir ihre 
Kartenblätter.” 


Des Förſters Toter. 


Ballade. 


Wer ift die tolle Alte, 
Mit welkem Angefidht, 
Die in die grauen Haare 
Sich Blumenkränze flicht ? 


Verwirrt find ihre Blide, 
Berriffen das Gewand, 

Und immer neue Kränze 
Fliht fie mit emfiger Hand. 


Des Dorfes kecke Jungen 
Bewerfen fie mit Koth, 
Mo fie erfcheint, Gelächter 
Und unbarmberziger Spott. 


Das ift des Förfters Tochter, 
In jener Nacht ergraut, 

Da fie in tiefem Walde 
Den LKiebften todt gefchaut; 


Wohl zu der hohen Kanne 
Kam fie, wie jeden Tag, 
Auch traf fie dort den Liebften, 
Im fühlen Moos er lag; 


Gebrochen war fein Auge, 
Ein Schuß ging durch die Bruft; 
Wer fo in’d Herz kann treffen, 
Das bat fie wohl gewußt. 


Der Liebfte war ein Wilddieb, 
Der Förfter traf fo gut, 
Rings um die hohe Tanne 
Mar Alles roth von Blut. 


Da trübte ſich ihr Denken, 
Vom Bater lief fie fort 
Und irrt nun in der Fremde 
Unftät von Ort zu Ort. 


Der Förfter hat die Augen 
Sich ausgeweint in Schmerz, 
Der ſchoß feit jener Stunde 
Keinem Wilddieb mehr in's Herz. 


Tont, 


495 


Der Kampf eines Poeten. 
Novelle von Ludwig Yabidt. 
(Schluf.) 


Das junge Ehepaar trat die Reije | 
an und das Herausreißen aus feiner | 
tiefen Einfamfeit wirkte doc auf Leo- 
pold etwas erfriſchend. Er war in: 
weit beflerer Laune, als je vorber, | 
und Emma glaubte ſchon jene glüd: 
lihen Tage ihres erften Beiſam— 
menſeins würben wieberfehren. 

Auch die Hochzeitsgäfte fanden ben 
jungen Mann ganz anders als fie er: 
wartet. 

Sie hatten geglaubt, einen rohen, 
ungefchliffenen Landjunker zu jehen, 
der ihnen durch fein linkiſches, tölpel: 
baftes Auftreten viel Vergnügen be: 
reiten würde, und nun war Herr 
v. Ferber ein mweltmännijch gebilbeter 
Mann, der, abgejehen von feiner wunder: 
lihen Schrulle, daß er allen Ge 
ſprächen über Kunft und Literatur 
forgfältig aus dem Wege ging, jo 
feine liebenswürdige Manieren hatte, 
daß er raſch Alle für fih gewann. 

Emma war überglüdlid. Man | 
nannte zwar noch ihren Gatten heim: 
(ih den Sohn der Wilbniß, aber 
Niemand fand an der Wahl ihres 
Herzend etwas auszuſetzen, vielmehr 
waren Alle von dem frijchen, herzge: 
winnenden Auftreten Leopold's entzüct, 
das ihnen um jo mehr gefiel, je 
weniger Anſprüche fie vorher geftellt 
hatten. Auch ihr Schwager, der in 
der beiten Gefellihaft eine hervor: 
tagende Stelle einnahm, fand an dem 
Benehmen ihres Gatten nichts auszu— 
ſetzen und flüfterte ihr vertraulich zu: 
„Te müfje nur den Sohn der Wildniß 
von feiner unberechtigten Abneigung 
zu heilen juchen,, dann wäre er in 
der That ein prächtiger Menſch.“ 





„Ich werde mich hüten, Diejes 
Erperiment zu maden,” entgegnete 
Emma lädhelnd: „Mein Leopold 
würde ja dann alle Originalität ver: 
lieren,“ und wenn fie dies auch nur 
im Scerze gejagt hatte, wagte fie 
wirklih nicht, ihrem Gatten Sim 
und lebhaftes Verſtändniß für Dinge 
einzuflößen, für die er einmal nun 
den entſchiedenſten Widermwillen an 
ben Tag gelegt. 

Das juuge Ehepaar hatte anfangs 
den Plan gehabt, einige Wochen in 
Dresden zu bleiben, aber faum war 
die Hochzeitäfeier vorüber, da wurde 
auch ſchon Herr v. Ferber unruhig 
und fehnte fich nach feinen Bergen zurüd. 

Die Feder, melde durch die Be: 
rührung mit ber Gejellichaft fo 
plötzlich hervorgefchnellt und ihn jo 
umgänglih und heiter gemacht hatte, 
ſchien bereits zerbrochen ; ber 
Sohn der Wildniß mußte feine ge— 
liebte Einjamfeit wieder haben, er 
wollte wenigftend® auf ein paar Tage 
nah Hauje fahren, um nad dem 
Rechten zu fehen, während feine Frau 
jo lange in Dresben zurüdblieb, bis 
er fie wieder abholen würde. 

Leopold möchte fich felbft nicht 
eingeftehen, was ihn eigentlich fort- 
trieb. Schwerlich war es die Sorge 
um die Wirtbihaft. Er wußte recht 
gut, daß er fih auf feine Leute ver: 
lafjen fonnte, es ging dort Alles im 
alten Geleife und dennoch fuhr er 
mit einer Haft feinem MWohnfig zu, 
al3 ob die wichtigften Dinge auf dem 
Spiele ftänden. 

Seine erfte Frage nah ber 
Heimkehr war, ob ein Brief ange 


496 


fommen? Seine Hoffnung hatte ihn | füchtigen Gemahl, der ficher realiftifch 


nicht getäuſcht, Haftig griff er 
darnach und zog ji in fein Zimmer 
zurüd. 


Gottfrieds Schreiben, obwohl es 
nur wenige Zeilen enthielt, warf er 
bei Seite, das hatte Zeit — aber 
darin war noch ein Brief eingejchlofien, 
wieder jo zierlih und jauber, wie 
das erfte Briefhen, das ihm ſolch' 
lebhaftes Intereſſe eingeflößt. Es war 
zu jeinem Bedauern jehr kurz, er 
hätte einen jeitenlangen Gedanken— 
austaufch nicht ermübend gefunden. 

„Wie bejeligt hat mich Ihr gütiges 
Schreiben, das mir einen Einblid in 
Ihr jegiges Seelenleben geftattet. 
Ich danke Ahnen herzlih für Ihr 
Vertrauen und ich hoffe, daß Sie 
doch wieder das Glück dort fuchen 
werden, wo es ein Dichter allein zu 
finden vermag — im Schaffen! — 
Und wenn Sie wieder ein Wort an 
mich richten wollen, dann jchreiben 
Sie eine neue Novelle, denn ich leſe 
Alles, was von Ihnen fommt. Unſere 
Correfpondenz dagegen darf ich nicht 
weiter führen und ich habe nur bie 
eine Beruhigung, daß Sie nie ent- 
deden werden, wer den Muth 
hatte, an Sie diefe Zeilen zu richten. 

Nur noch eine und die lekte 
Bitte: Sagen Sie mir, wenn Gie 
Ihre neue Arbeit begonnen.” 

Den Schleier des Geheimniß- 
vollen, den die Briefjchreiberin um 
fih zu verbreiten mußte, erhöhte 
vollends fein Intereſſe. Warum mollte 
fie plöglid den Briefmechjel ab: 
breden, der für Beide zur Quelle 
ganz ungefannter Genüffe werben 
fonnte! War es eine mädchenhafte 
Laune? Scheute fie vor der Gefahr 
eines ſolchen Gedanfenaustaufches 
zurüd und fürchtete fie dabei ihr 
Herz zu verlieren? Ach, fie konnte 
fiher fein; er war bereit3 gebunden 
— dieſer Briefmechjel hätte niemals 


genug war, dieſe Correſpondenz nicht 
jo harmlos zu finden, wie e3 feines 
Dedünfens in der That der Fall 
war. — 

Menigftens gab ihm dieſer zweite 
Brief Stoff genug zum Sinnen und 
Grübeln, daß ihm die Tage daheim 
raſcher verflogen als er gefürchtet. 
Zum Meberfluß waren aud bie 
flüchtigen Zeilen Gottfrieds inhalts- 
jchwer genug; er theilte ihm mit, 
daß er in vier Wochen feine Braut 
als Gattin heimführen und dann feine 
Hochzeitöreife nah dem Aſyl des 
Freundes richten wolle. 

Leopold hätte gar noch nicht daran 
gedacht, wieer, der grimmige Literatur: 
feind, feiner Frau gegenüber, die 
herzliche Freundichaft zu einem Schrift: 
fteller rechtfertigen jolle. 

Bah, er ift mein alter Univerfitäts: 
freund, wir haben mit einanber Jura 
ftubirt und deshalb muß ih ihm 
ſchon verzeihen, daß er der heiligen 
Yuftitia den Rüden gefehrt und ſich 
thörichterweife den Mufen in bie 
Arme geworfen. — Die Hauptjadhe 
blieb, daß Gottfried mit feinem Wort 
verrietb, welche Pergangenheit er 
jelbft hinter fih hatte. Er bat ihn 
deshalb noch einmal um  ftrengite 
Wahrung feines Geheimniffes und 
drüdte zu gleicher Zeit in feiner 
Antwort die herzlichite Freude aus, 
feinen alten, einzigen Freund bald 
wieder zu jehen. 

Da er am andern Tage wieber 
nad Dresden mußte, um feine Frau 
abzuholen, behielt er feinen Brief 
jo lange zurüd, um ihn dort auf 
das Poftamt zu geben, und jegt fiel 
ihm ein, daß jeine geheimnißvolle 
Gorreipondentin ihren Brief aus 
Dresden datirt hatte. 

Vielleicht gelang es ihm doch, ben 
Schleier zu lüften; deshalb machte 
er auch feine Schwierigkeiten, als die 


eine höhere Färbung erhalten! Aber | Verwandten ihn drängten, noch ein 
vielleicht war fie ebenfalls verheiratet | paar Tage da zu bleiben; er konnte 
und ängſtigte fi) vor dem eifer- | ja dieje Zeit am beften bazu benugen, 


497 


um ber intereffanten Brieffchreiberin |ihre Tritte. In wenig Augenbliden 
auf die Spur zu kommen. Gerabe, | war fie in der Thür verſchwunden. 
daß fie jo ängftlich jich verborgen | — Ferber gewahrte fofort die Ur: 
halten wollte, reiste feine Neugier. |jache ihrer rafchen Bewegung. Aus 
Er ftrich öfters im Hauptpoft: Amt | bem Fenſter des einftödigen Häuschens 
umher und juchte jo viel wie möglich, | jchaute ein Frauenkopf heraus, deſſen 


ohne gerade Aufjehen zu erregen, fich 
in der Nähe des Schalterd aufzu— 
halten, au dem die Poftreftantebriefe 
ausgegeben werben. 

Da, eined Tages — er wollte 
faum jeinen Ohren trauen, fam ein 
altes, grämlich ausjehendes Frauen: 
zimmer berbei und fragte, ob ein 
Brief unter der Chiffre A. H. 
Dresden eingegangen? — Der Poft: 
beamte verneinte es und bie Alte 
ſchlurrte langſam von dannen. 

Leopold hätte laut aufjubeln 
mögen, daß ihn der Zufall jo be: 
günftigt. Nun Hatte er bereitS den 
Zipfel des Geheimniffes in der Hand! 
Mad würde feine Schöne Brief: 
Ichreiberin für Augen machen, wenn 
er ihr triumphirend mittheilen konnte, 
daß er den Schleier dennoch zu lüften 
vermocht, den fie jo dicht um fich zu 
weben gejucht. — 

Er ließ die Fragerin nicht mehr 
aus den Augen. Freilid wäre es 
ihm lieber gewejen, jeine myjteriöfe 
Freundin hätte einen etwas freund: 
liheren Boten gehabt — dieſes alte, 
verbroffene Frauenzimmer wagte er 
nicht anzureben, es würde ihm doch 
feine Antwort gegeben haben, jo jauer: 
töpfiſch ſah es aus. 

Vorſichtig folgte er der Alten, die 
durch ihr träges Hinſchlendern ſeine 
Geduld auf eine harte Probe ſtellte. 
— Sie brauchte beinahe eine halbe 
Stunde, eh' ſie die Elbbrücke über— 
ſchritten und nun trottete ſie ebenſo 
langſam durch einige Straßen der 
Neuſtadt — ja, um ihn vollends zur 
Verzweiflung zu bringen, ſuchte ſie 
mehrere Kaufläden auf, und nun 
ſchlich ſie mit ihrem beladenen Korbe 
noch ſchwerfälliger dahin. Endlich 


zorngeröthete, ſcharſe Züge verriethen, 
daß die Dame bereits mit Ungeduld 
die Rückkehr der Magd erwartet. — 
Vielleicht war es die Mutter der 
Briefſchreiberin — ja, ſie mußte es 
ſein; in den großen, tiefliegenden 
Augen lag noch jetzt eine gewiſſe 
Schwärmerei, das längliche Geſicht 
mit den falſchen Schmachtlocken ſah 
ganz ſo aus, als ob es einer eifrigen 
Romanleſerin angehörte, die ihre 
Neigung für die Lectüre auf ihr 
Töchterchen übertragen, das freilich 
eine ſo ſorgfältige Erziehung genoſſen, 
daß bei ihm zum ſchönſten ſeeliſchen 
Schmuck wurde, was bei der nur 
halb gebildeten Mutter den Anſtrich 
des Lächerlichen erhielt. 

Die alte Dame mochte ſein An— 
ſtarren bemerkt haben, denn fie trat 
raſch vom Fenſter zurück und ſchloß 
es mit einer heftigen Bewegung. 

Leopold mußte ſich zurückziehen, 
wenn er nicht Alles vor der Zeit ver— 
derben wollte 

Die Hauptſache war erreicht und 
nun galt es, vorſichtig über die Be— 
wohner des Häuschens Erkundigungen 
einzuziehen. 

Er ging langſam die Straße hin— 
unter und fand am Ende derſelben 
eine kleine Schenkwirthſchaft. Zu 
dieſer Stunde war ſie ganz frei von 
Gäſten und in ſeinem Eifer, irgend 
etwas Näheres auszukundſchaften, 
betrat er ohne weitered das Local. 

Nur die äußerſt jauber gefleibete 
Wirthin war anwejend und mit ſäch— 
ſiſcher Höflichkeit fragte fie nach feinen 
Wünjhen. Sie mochte wohl ahnen, 
daß der fremde vornehme Herr in 
ihrer befcheidenen Schankwirthſchaft 
nicht Alles nah Wunſch finden würde 


ftenerte ſie auf ein Heines Garten: |und ſuchte duch um jo größere 
haus zu und plöglich beſchleunigte fie | Artigfeit das Fehlende zu erjegen. 


Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 7, heſl. 


32 


498 


Es wurbe deshalb Heren v. Ferber 
fehr leicht, mit der munteren, red— 
feligen Wirthin ein Geſpräch anzu: 
fnüpfen und allmälig auf denjenigen 
Gegenftand überzulenten, der ihn am 


meiſten bejchäftigte — das Ffleine 
Gartenhaus. 
Zum Glüd mußte die Kleine, 


hübſche Frau in der ganzen Nachbar: 
ſchaft Beſcheid, und da er vorgab, in 
diefer Gegend ein Beſitzthum Faufen 
zu wollen, nannte fie ihm fogleich 
Grundftüde, die zu haben jeien. 

„Willen Sie, liebe Frau,” jagte 
er jo unbefangen wie möglid: „Das 
kleine einftödige Gartenhaus mit den 
zwei Nußbäumen vor der Thür Hat 
mir am beften gefallen, das möchte 
ih kaufen.“ 

Die Wirthin lachte: „Ach, der 
Garten des Fräulein Herbert. Ich 
glaube nicht, daß die alte Jungfer 
ihn losſchlägt.“ 

„Ih ſah beim Vorübergehen eine 
Dame aus bem Fenfter blicken, mit 
langem, jehmalem Geficht und blonden 
Schmadtloden, war das Fräulein 
Herbert !“ 

„Gewiß, Fräulein Amalie trägt 
eine Perrüde, thut aber noch immer, 
als ob fie 18 Jahre alt wäre.” 

„Sie hat gewiß noch eine junge 
Verwandte im Haufe, woburd fie fih 
ebenfalls jung erhält.“ 

Nein, fie wohnt ganz einfam mit 
ihrer alten Magd.“ 

nicht 


„Und bat fie 
Beſuch?“ 

„Es kommen wohl manchmal 
Leute zu ihr; aber Niemand hält es 
gewiß länger als 24 Stunden bei ihr 


zuweilen 


müſſe, der ſie nur ſieht; dabei iſt ſie 
doch gewiß ſchon tief in den Vier— 
zigern und trägt eine Perrücke.“ 

A. H. Amalie Herbert. Alles 
ſtimmte. „Ahah!“ wiederholte Leo— 
pold, ſich ſelbſt verſpottend. 

Nun wußte der ehemalige Dichter 
genug. — Er mußte unwillkürlich 
an den Jünger von Sais denken — 
auch er hätte gewünſcht, daß er nie— 
mals die Hand darnach ausgeſtreckt, 
um den Schleier zu lüften, in den 
ſich ſeine Correſpondentin gehüllt. — 
So lange hatte ihm ſeine bewegliche 
Phantaſie ein reizendes Bild von der 
Unbekannten vorgegaukelt — blaue 
tiefträumeriſche Augen hatten ihn an: 
geblidt, friſche, rofige Lippen zuge: 
lächelt, und nun gehörte diefe fchöne 
Seele, die ihm jo verftändnißinnig 
zugejauchzt, einer alten Sungfer an, 
die eine Perrücke trug. 

Mad mar denn nun eigentlich 
durch dieſe Entdedung geändert? 
Blieben nicht dieſe Briefe eben fo 
anziehend, fein und poetifch, gleichviel 
ob die Schreiberin derjelben noch in 
der Jugendblüthe ftand oder bereits 
eine Ruine war. — Hatte benn im 
Neih der Ideale das Körperliche, 
Geftalt und Alter, irgend eine Herr: 
Ihaft? Und bob, der Zauber war 
dahin, melder bisher die Brief: 
ſchreiberin umgeben. 

In dem Unmuth über bie bittere 
Täuſchung fonnte er fich nicht helfen, 
er mußte ber alten Schwärmerin 
jofort mittheilen, welches Unglüd ihm 
pajfirt jei, vielleicht wurbe fie davon 
ebenfall3 etwas ermüchtert und be- 
trachtete fortan die Welt mit pro: 


aus, denn fie ift zu unausſtehlich ſaiſchen Augen. 


und zankt den ganzen Tag. Es ift 
eine alte Franzöfin, aber fie gibt 
jest feine Stunden mehr und hat 
ihr Schärfhen im Trocknen. Die 
Leute jagen, fie fei halb verrüdt; 
nun, etwas überjpannt mag fie wohl 
fein, denn fie lieft fortwährend Romane, 
und dann glaubt fie, daß fich jeber 
junge Mann fterblich in fie verlieben 


Herr von Ferber bat die Wirthin 
um Schreibmaterialien, die brachte 
bereitwilligft das Nöthige herbei, und 
ohne fich weiter zu befinnen, jchrieb 
er folgende Zeilen: 

„Mein Weg führte mid heute 
nah Dresden und ein Zufall lüftete 
zugleich das Geheimniß, das über 
der Berfafferin der A. 9. Briefe 


499 


ruht. Ich fah fie am Fenfter ; aber | Gegentheil hätte doch ſchließlich fein 
weil ich nun ebenfalls einjehe, daß es Berhältniß zu Emma erfchüttern können, 
weit beſſer ift, wenn unfere Bekannt- | und diejes hingebende, zärtlich liebende 
Ihaft nie den Boden ber Mirflichkeit | Gemüth verdiente es wahrhaftig nicht, 
berührt, verzichte ich auf das Ver- daß man fie aufgab, eines Schatten: 


gnügen, Fräulein A. 9. noch näher | 
fennen zu lernen. Ich begreife jekt 
vollflommen, warum Sie jo ängftlich 
fi in die tiefften Schleier zu hüllen | 
ſuchten und jeien Sie überzeugt, daß 
ih Ihre gute Abſicht von jegt ab zu 
ehren und zu achten weiß.” 

Er war zu verftimmt, um baran 
zu denken, daß bie Brieffchreiberin 
auf feinen Fall einen Solch’ ſarka— 
ſtiſchen Ton verdient. Sie hatte ihm 
ja nicht vorgeheuchelt, daß fie jung 
und hübſch jei und wenn ihm feine 
Phantafie diefen Streih gejpielt, 
mußte dafür die Brieffchreiberin 
büßen — beren Gebanfen und Em: 
pfindungen ja denjelben Werth be- 
hielten, gleichviel, ob fie von einem 
blühenden Mädchen oder einer alten 
vertrodneten Jungfer kamen ? 

Aber Leopold war viel zu ſehr 
Poet, um fol’ vernünftigen Re: 
flerionen Eingang zu geftatten, er 
fühlte eine ordentlihe Erleichterung, 
al3 er ben Brief gejchrieben und in 
den nächften Poftlaften geworfen. Nun 
lag auch biefe Illuſion glüdlich Hinter 
ihm... . 

Am anderen Tage fuhr er mit 
feiner Gattin nad) Haufe und war jo 
zärtlid und aufmerkſam gegen fie, 
wie in ber erften glüdlichen Zeit. | 
Wie friſch und rofig Emma ausjah ! 
Er madte fi Vorwürfe, daß er fie 
über ber Schwärmerei für die ge 
bheimnißvolle A. 9. ziemlich vernach— 
läfligt. Das hatte die hübjche, liebens— 
würdige Frau nicht verdient, daß fie 
einer alten Jungfer nachgejegt wurde, 
die weiter nichts bejaß, als das 
Talent, überfhwänglide Briefe zu 
ſchreiben. Wenn auch der Dichter die 
Täuſchung nicht jogleih überwand, 
ber Ehemann fühlte eine wahre Er: 
leihterung, daß fih A. 9. als alt 
und häßlich ausgemiejen das 


bildes halber. — Sie war die geſunde, 
unverfälſchte Natur, die ihn wunder— 
bar erfriſchte und belebte, ſobald er 
nur mit ſeinem ganzen Sinn zu ihr 
zurückkehrte. — 

Als er jetzt neben ſeiner jungen 
Frau im Wagen ſaß, die hübſcher 
und munterer ausſah denn je, mußte 
er daran denken, daß in dieſer 
Stunde vielleicht die alte Magd 
wieder auf die Poſt ſchlurrte, diesmal 
kam ſie wenigſtens nicht mit leeren 
Händen zurück — ſie brachte ihrer 
bereits ungeduldig am Fenſter har— 
renden Gebieterin den erſehnten Brief. 

Ein holdes, jungfräuliches Er— 
röthen, die Brille wurde geputzt und 
nun mit zitternder Hand der Brief 
geleſen. Wie ſich Fräulein Amalie 
würde in die Perrücke fahren, nad: 
dem fie damit zu Ende! — 

Er mußte bei diefem Gedanken un— 
willfürlich Taut aufladen, und als ihn 
Emma nad) ber Urſache feiner Heiter: 
feit fragte, entgegnete er ausweichend: 
„IH habe gegen die Abmahnungen 
unſers alten Voigtes einen Pflug 
nah neuer Gonftruction gefauft und 
malte mir ſchon das verbrießliche 
Gefiht aus, das der alte Knabe 
machen wird.“ — Immer dieſelbe 
Nüchternheit, derſelbe ausſchließliche 


‚Sinn für das Praktiſche. 


Wie fie auch ihren Gatten zärt- 
lich liebte, hätte fie doch gewünjcht, daß 
feine Seele fih etwas vom Boden 
erheben und noch andere Regionen 
aufjuchen könnte. 

Der längere Aufenthalt in Dres: 
den hatte ihr mieber Tebhaft zum 
Bewußtjein gebraht, was fie ent: 
behrte . . Dort umgab fie ein Kreis 
von gebildeten Menſchen, die Sinn 
und Verſtändniß hatten für Alles, 
was die Welt der Kunft und Poeſie 
Schönes und Großes bot — bie at: 


32” 


500 


regendſten Geſpräche belebten die Ge- ihrer Dresdener Verwandten zu ent: 
ſellſchaft — man konnte ſich für ein decken, die plötzlich die einfache ſchlichte 
neues Gemälde, ein neues Drama be- Frau in eine Richtung zu drän— 


geifteen — nahm für oder wider 
Bartei, und Geiftesfunfen jprühten 
zündend von dem Einem zum 
Andern . . 


Ihr Mann dagegen negirte mit 
einer KHartnädigfeit dieſe ideale — 
die Serle ewig friih und jung er: 
haltende Welt, die jhon an Barbarei 
ftreifte. 


gen juchten, die fie jchließlih in 
einen Zwieſpalt mit ſich felbft bringen 
mußte. Auf diefe gefunde Natur, die 
aber auch nichts weiter war, wie eine 
Natur, ließ fih nicht plößlich Die 
forgfältigfte Geiftesbilbung pfropfen. 
Zu feinem Verbruß bemerkte er, 
daß aus Dresden Bücher in ihr ein: 
james Schloß wanderten — er mochte 


Damals, in Hamburg war er ihr ſich nicht weiter um den Inhalt der: 


doch ambers 
Gemüthswärme 


erſchienen, 
hatte ſie 


die Sonuenſtrahlen einer heiteren 
Lebensanſchauung eingeſogen, die ſie 
über ihn ausgeſtrömt. 

Dieſes glückliche Bewußtſein, daß 
ſie ihm ſo unendlich viel war, daß 
ſie auf ihn erfreuend und erfriſchend 
zu wirken vermochte, hatte ſie am 
meiſten an den Fremden gefeſſelt, der 
damals zwar keine geiſtanregenden 
Geſpräche mit ihr geführt, aber auch 
nicht dieſe grundſätzliche Abneigung 
gegen die höchſten Bildungselemente 
an den Tag gelegt. Sie würde ſonſt 
nimmermehr ihr Geſchick an das ſeine 
geknüpft haben. 

Jetzt war es zu ſpät — aber 
nun gewahrte fie auch, daß ihr Schwa— 
ger Recht habe und fie endlich den 
Berfuh machen müſſe, dem Sohu ber 
Wildniß leife und vorſichtig die Pfor: 
ten einer Idealwelt zu öffnen. 
Ihr Bemühen hatte durchaus nicht 
den erwünjchten Erfolg, vielmehr wedte 
es nur fein Beftreben, ſich noch hart: 
nädiger dagegen abzujchließen. 

Seit der trüben Erfahrung mit 
jeiner geheimnißvollen Briefjchreiberin 
war ber ehemalige Dichter vollends 
für alle Jdeale unzugänglid) ; er wußte 
jegt, wie fragenhaft verzerrt fie in 
die Wirklichkeit traten. Und die ſchüch— 
ternen Anregungsverjuche feiner Gat- 
tin konnten ihn am wenigften beſtim— 
men; fie wedten nur ein mitleidiges 
Lächeln; er glaubte darin den Einfluß 


jeine | jelben kümmern, gewiß waren es von 
beftochen, | ihrem hochgebildeten Schwager org: 
und wie hatte feine verbüfterte Seele fältig ausgewählte Werfe 


die 
Emma jett im Schweiße ihres Ange: 


‚fihtes las und fie doch nicht verftand. 


— Sicher ftörte dieſe klaſſiſche Lectüre 
die Harmonie ihres Weſens; aber 
Leopold war zu ſtolz, um ſie an ſei— 
nen damals geäußerten Wunſch zu 
erinnern, daß er in ſeiner Wohnung 
ſolch' zudringliche Gäſte wie Bücher 
— nicht dulden wolle. 

Wenn ſie jetzt ſchon ſich an ſeine 
Bitte nicht mehr kehrte, ſo geſchah 
es ſicher aus einem Widerſpruchsgeiſt, 
deſſen gänzliche Abweſenheit ihm bis— 
ber fo wohl gethan, und ben er des 
halb um fo unangenehmer empfand. 
Wenn fie bereit3 zu Büchern ihre Zu: 
flucht nehmen mußte, die gerade ihrer 
eigenartigen Natur nichts zu geben 
vermodten, dann jtand es jchlimm 
um fie und da fih ihr Berhältniß 
ohnehin nur auf die Gemüthsfeite be: 
ichränfte, trat die dadurch entjtehende 
Grfältung um jo fchärfer hervor. 
Die beiden Eheleute gingen jetzt ziem— 
lih ſchweigſam und gleichgiltig an 
einander vorüber. 

Eifriger denn je widmete fih Leo— 
pold den Wirthichafts: Angelegenheiten, 
er fonnte damit am eheften den 
Schmerzſchrei dämpfen, der fich zu: 
weilen aus feiner Bruft emporarbeiten 
wollte. 

Auh in der Abgejchiedenheit von 
aller Welt, in dem Aufgeben feiner 
poetischen Träume, die ihn jo müde 


— 


gehetzt, fand er nicht das Glück, das 
er geſucht. Mo war es? .. und 
wurde es überhaupt einem Sterblichen 
zu Theil? War nicht immer jelbft 
das befcheidenfte Glück mit dem Auf- 
geben eine3 andern zu erfaufen? — 
Dft dachte er daran, daß er durch 
fein jetziges Leben Schätze in ich 
auffammle, die er bei einer etwaigen 
Wiederaufnahme 
Thätigkeit trefflich verwerthen konnte; 


aber er wies augenblidlich ſolch' thö— 


richte Gedanken weit von fid. 
Mieder fein Herzblut daran jeßen, 
um ſchließlich ausgepfiffen zu werden! 
Diefe Ausfiht hatte doch wahrhaftig 
nichts Verlockendes. 

Gottfried kündigte jetzt auf einen 
beſtimmten Termin ſeine Ankunft an 
und Leopold blieb deshalb nichts wei— 
ter übrig, als ſeiner Frau dieſe Mit— 
theilung zu machen. Um nun in den 
Augen der Gattin ſeine Verbindung 
mit einem Manne der Literatur zu 
rechtfertigen, begann er eines Tages 
bei Tiſche: „Da fällt mir ein, liebe 
Emma, wir werden nächſtens Beſuch 
erhalten, es iſt ein guter Freund von 
mir, er iſt aber Schriftſteller.“ Als 
ſie ihn nun verwundert anblickte, fuhr 
er mit ſarkaſtiſchem Lächeln fort: „Du 
haſt ganz Recht, darüber zu erſtau— 
nen, daß ich mit einem ſolchen Men— 
ſchen befreundet bin, unſere Bekannt— 
ſchaft rührt jedoch aus einer Zeit, 
wo es meinem Freunde Gottfried 
Schmidt noch nicht eingefallen war, 
ſich unter dem Namen Friedrich Ro— 
ſen an der Menſchheit literariſch zu 
verſündigen.“ 

„Friedrich Roſen, der Redacteur 
der Volksſchrift?“ fragte Emma bei— 
nahe haſtig. 

Jetzt war die Reihe des Erſtau— 
nens an Leopold. „Wie, kennſt Du 
ſeinen Namen?“ fragte er ganz ver: 
wunbert zurüd. 

„Ib jah vor kurzem das Blatt 
bei meinem Schwager,” fagte bie junge 
Frau vermirrt. 


feiner literariſchen | 


| „Hm, fie macht ja ganz reißende 
Fortſchritte“ — dachte ihr Gatte. 
Empma ſchien noch mande Fragen 
auf den Lippen zu haben, aber fie 
ſchwieg, denn fie hatte die wachjende 
Verſtimmung ihre® Mannes wohl be: 
merft. 

rend Schmidt kommt glüd: 
Ticherweife nicht allein,” fuhr Leopold 
nach einer längeren Paufe fort, „er 
\bringt feine junge Frau mit, die hof: 
‚Tentlich für Dich eine angenehme Be: 
ſellſchafterin ſein wird.” 

| „Ich hoffe es auch,” ſagte Emma, 
und ihr Mann konnte deutlich bemer: 
fen, daß fie die Nachricht mit großer 
Genugthuung aufnahm und dem Be: 
fuh mit Freuden entgegenfah. Sie 
empfand aljo ſchon eine ſolch' große 
Leere, daß fie jede Unterbrechung 
ihrer Einfamfeit mit Entzüden be: 
grüßte,; und anftatt ſich jelbft anzu: 
flagen, der allein dies alles verjchul: 
‚det, grollte er heimlich feiner armen 
Frau. 

Mit welcher Ungebuld erwartete 
Emma den Befuh, und doch auch 
wieder mit einer gewiſſen Zaghaf: 
tigfeit. 

Leopold gewahrte es nur zu gut 
und war darüber äußerft verbrießlich, 
wenn er auch mit feinem Worte feine 
üble Laune verrathen durfte. 

Marum zeigte fie eine ſolch' ftür- 
mifche Freude über die Ankunft von 
Bäften und gerade dieſer Gäfte? 
Wollte fie damit fich ihren Dresdener 
Verwandten gegenüber ein Relief ge: 
ben, oder juchte fie eine gewiſſe 
Schwärmerei für Schriftfteller mur 
um deshalb an den Tag zu legen, 
um ihrem Manne zu bemeijen, daß 
fie doch nicht fo ſchlicht und einfach 
und ihre Bildung fo mangelhaft jei, 
wie er ftet3 angenommen? für ihn 
war dieſes lächerliche Benehmen feiner 
Fran geradezu mwiderwärtig. 

Endlich fam Friedrich Roſen und 
mit ihm für Emma die Enttäufchung. 

Sie hatte von einem Schriftfteller 
eine ganz andere Vorftellung gehabt. 








502 


Schon die vierfhrötige, hagebüchene 
Geftalt Schmidt's machte auf fie nicht 
den angenehmften Eindrud, und noch 
mehr ftieß fie jein Inneres ab, das 
fich wo möglih noch vierjchrötiger 
und bagebüchener erwies. 

Nahdem der wadere Volksſchrift— 
jteller eine gewiffe Steifheit übermun- 
ben, von ber er bei ber erften Be— 
gegnung niemals losfam, zeigte er 
fih bald, wie er wirflih war. Sein 
Freund hatte ihm gejagt, er könne 
fih bier zu Haufe fühlen, und feine 
Emma jei eine einfadhe, ſchlichte Frau, 
die ihn ehrlich bewundern werde — 
dies genügte Gottfried, um es ſich 
etwas bequem zu machen und vor 
allen Dingen feinen berben Humor 
ſpielen zu laſſen. 

Leopold's literariſche Thätigkeit 
durfte er ja nicht erwähnen, um ſo 
beſſer, da konnte er dieſer ſchlichten 
Landpomeranze ordentlich klar machen, 
was für einen Mann ſie unter ihrem 
Dache beherberge. Und er that dies 
mit jener Aufgedunſenheit, die Fried— 
rich Roſen, durch ſein literariſches 
Glück begünſtigt, überall gern ent— 
faltete, wo er nur irgend willige 
Ohren fand. 

In ſeiner Gattin hatte Friedrich 
Roſen eine Frau gefunden, die ganz 
entichieden feinen wachlenden Größen: 
wahnfinn beförberte. 


Sie war feine außerordentliche 
Schönheit, aber durch ihre jchlanfe 
Geftalt konnte fie imponiren. Auf 
Geift durfte fie ſchwerlich Anſpruch 
machen; ja fie neigte fich entjchieden 
zur Dummheit. Mit weiblichem Syn: 
ftinct hatte fie jedoch das Band ent: 
dedt, mit dem fie unauflöslich ihren 
Gatten an fih zu fefleln vermochte 
— eine maßlofe Bewunderung. Fried: 
rich Roſen galt ihr als ber größte 
Dichter der Neuzeit — fie lag nur 


Die Unterhaltung des würdigen 
Paares wurde für jeden unbefangenen 
Dritten zur wahren Dual. 

Gottfried ſprach nur von fi und 
jeinen Erfolgen, und wenn er wirklich 
einmal gelegentlich eines Collegen er- 
wähnte, dann äußerte fich feine Frau 
alsbald jo wegwerfend über deſſen 
Talent oder Charakter, daß jelbft bie 
beiten Namen von dem ihres Mannes 
tief in den Schatten geftellt wurden. 

Schmidt widerſprach bei folder 
Gelegenheit niemals jeiner Frau, ſon— 
dern jchaute wohlgefällig drein und 
auf feinem derben offenen Geficht 
fonnte man beutlih leſen: a, ich 
bin ein ganz anderer Kerl. 

Emma bedurfte all’ ihrer Ziebens- 
würbdigfeit, um ihre Gäfte zu ertra= 
gen, die mit jevem Tage ihre boden- 
lofe Eitelfeit, ihre rohe Selbftjucht 
enthüllten. So war aljo einer jener 
Geiftesheroen, für die fie als blutjun- 
ges Mädchen gejhwärmt und nad 
deren Bekanntſchaft fie ſich ſchon im: 
mer heiß gejehnt ! 

Wohl gehörte Friedrih Roſen in 
die unterjten Reihen, aber jo roh 
und plump hatte fie ſich einen Schrift: 


fteller doch nicht denken können. Und 
wie handwerksmäßig faßte dieſer 
Menſch feine Thätigfeit auf. Er 


ihrieb jeden Tag die gleihe Anzahl 
Bogen, und feine Frau rühmte dann 
beitändig, wie viel er damit verdiene 
‚und daß die Blätter für die Erzäh: 
lungen ihres Mannes die höchſten 
Honorare bezahlen müßten. 
Bauersleute, die ihr Korn in bie 
Stadt braten, konnten nicht ängft: 
licher mefjen und mäfeln, wie biefe 
Leute. Es war ein wiberwärtiges 
Schaufpiel, wie dies Ehepaar das 
ohnehin Hägliche Ideal des letzten 
Schimmers entfleiveten. — Nun be 
griff Emma volllommen die Abnei- 
gung ihres Gatten gegen Literatur. 


noch jeine Erzählungen, alles Andere | — Er hatte ſicher Gelegenheit gehabt, 
ließ fie völlig gleichgiltig, und ihr | die Verfaffer perfönlich kennen zu ler: 
angebeteter Mann trug fie dafür auf nen und es waren ihm darüber die 
Hänben. Erzeugniffe jelbft verleidet worden. 


503 


Sie leiftete ihm ſchon jet heimlich 
Abbitte und beſchloß, nach Entfernung 
der Gäfte ihm offen zu befennen, wie 
Unrecht fie ihm gethan. 

Leopold merkte wohl, daß Gott: 
frieb auf feine Frau nicht den ange: 








„Berzeifen Sie den heiteren, 
ſcherzhaften Ton meines Briefe; aber 
ih bin heute jo glücklich! — Ich 
habe aus ficherer Quelle erfahren, 
da Ihr Drama hier zur Aufführung 
fommt und gewiß wird es bei unfe- 


nehmften Eindruck gemacht, und er rem funftfinnigen Publikum eine ganz 
war beinahe ſchadenfroh genug, ihr | andere Aufnahme finden, als in ihrer 
diefe Enttäufhung zu gönnen. Warum | blafirten Hauptſtadt. Wie will ich 
verfuchte fie mit der Literatur zu Ihrem Drama zujauchzen! Al’ meine 
fofettiren, ein Verſuch, ber ganz ent: | Freunde find ſchon für Ihr Werf 
ſchieden zu ihrem Nachtheil ausfiel. | eingenommen. — Sie werben einen 
Noch dazu nahmen ihn ganz amdere | glänzenden Erfolg haben und bamit 
Dinge in Anſpruch. — Bu feiner der Poefie wieder gewonnen fein. — 
Ueberrafhung hatte Freund Gottfried | Diefelbe Farbe, mit der ich die Lode 
ihm noch einen Brief von Fräulein | gebunden, will ih an Ihrem Theater: 
A. H. mitgebradt. Er wollte ihn jo: | abend in meinem Haare tragen, wer: 
fort vernichten, zuletzt fiegte doch die den Sie mich dann entbeden? — 
Neugier, was die alte Jungfer ant- | Und follte dies auch wirklich der Fall 
worten würde, und er bejchloß, auch |fein — dürfen Sie fih mir nit 


biefe Teste Pille hinunterzuſchlucken. nähern: 
die ih Ihnen für Yhren legten Brief 


Sein Erftaunen war noch größer, als 
er jetzt las: 

„I hatte mir feit vorgenommen, 
Ihnen nicht wieder zu jchreiben, aber 
Ihr legter Brief hat mich doch fo 
erheitert, daß ich Ahnen antworten 
muß. Sie waren in BDresben und 
glauben, mich dort entdedt und auch 
die Urfache herausgefunden zu haben, 
warum ich mich in ſolch' undurd; 
dringliche Schleier hülle. Meine alte 
franzöfiihe Sprachlehrerin war bisher 
jo freundlih, für mid bie Briefe 
unter der Chiffre U. 9. abholen zu 
lafien, da ich zur Wahrung meines 
Geheimnifjes dies nothwendig hielt 
und deshalb auch ihre Anfangsbuch— 
ftaben wählte. Gewiß haben Sie bie 
treue Seele am Fenſter gejehen und 
nun nicht weiter den Muth gehabt, 
den Boden der Wirklichkeit zu berüh— 
ren. — Forderten Sie denn über: 
haupt, daß Ihre Eorrejponbentin jung 
und hübſch fjeit! — Weil Sie mi 
aber für eine alte Jungfer gehalten, 
hide ich Ihnen eine Locke von mei: 
nem Haar — nun mögen Sie jelbft 
errathen, ob ich jung ober alt bin! 
Jedenfalls trage ich feine Perrüde, 
nicht einmal einen Chignon. 


das iſt bie einzige Strafe, 


zudictire. — Ich fühle jelbft, daß 
Sie nicht hart genug ift, doch in 
meiner feligiten Stimmung reichte 
meine Phantafie nicht aus — Furdt- 
bares zu erfinden. — Leben Sie wohl, 
und Muth, Muth! Nur der Seidenwurm 
legt ſich hin und ftirbt, wenn ihn auf fei- 
nem Weg zum Einfpinnen ein Zufall 
binabgejchleudert — das wahre Ta- 
(ent ermüdet und refignirt nicht fo 
ſchnell — es rafft fich ſelbſt nach je- 
der fcheinbaren Niederlage — neuem 
Kämpfen und Ringen auf . 


Nach Leſung dieſes — ge⸗ 


rieth Leopold in eine wahrhaft fieber— 


bafte Aufregung. Was mußte bie 
ſchöne Unbekannte von dem Schidjal 
ſeines Drama’3? Wollte fie ihn mit 
dieſer Nachricht ebenfalls neden, oder 
enthielt fie ein Körnchen Wahrheit ! 
— Bah, es war ja unmöglid. Welche 
Theaterverwaltung würde den Muth 
‚haben, ein Stüd aufzuführen, das 
auf der größten Bühne gnadenlos 
durchgefallen. 


Aber die Briefjchreiberin mußte 
die Flamme zu jchüren, das mußte 
er geftehen. Sie gab in diefem Punkte 


Emilien nichts nach und dennoch war | ganz uneigennüßig ging er bahei frei: 


ihre Art und Meije weit liebenswür: | lich nicht zu Werke. Seine 


diger und einfchmeichelnder. 


Frau be: 


Wenn gann fi in dem einfamen Gebirge 


ihm das Schidjal ein ſolch' bezau:|zu langweilen und fehnte fich nad) 
berndes Weſen zugeführt, anftatt ſei- Dresben, wo fie bereit3 vor. einer in- 
ner guten Frau — ja dann konnte timen Freundin eingeladen worben. 


noch einmal fein poetifches Schaffen 


Gottfried fand es deshalb ganz 


einen Aufihwung nehmen, jo aber nothwendig, daß fein Freund mit jet: 


war e3 mit ihm vorbei... 

Mie aufmerkſam betrachtete er 
das überfandte Haar. E3 war fo 
weich und glänzend und mußte einem 
jungen Kopf angehören. Bald jchien 
die Farbe ein prächtiges Kaſtanien— 
braun zu jein, bald jchimmerte es 
wie Gold. Seine Frau hatte beinah’ 
ähnliches Haar nur bejaß es 
nicht dieſen eigenthümlichen Glanz, 
der dur das blaufeidene Bändchen 
noch mehr hervorgehoben wurde. 

Leopold verjanf über die Kleine 
Haarlode in eine poetiſche Träumerei, 
wie er fie nicht für möglich gehalten, 
jeitbem er ſich jo entjchloffen der 
nüchternften Wirklichkeit in die Arme 
geworfen, und was ihn bald noch 
mehr überrajhen jollte — die ge: 
heimnißvolle Briefjchreiberin hatte mit 
ihrer Andeutung Recht gehabt, denn 
ihon am folgenden Tage erhielt Gott: 
fried, der öffentlich befannt gemacht 
hatte, daß alle Briefe an den Schrift: 
fteller Fernthal ihm zugejandt werben 
möchten, von der Direction des Dres: 
bener Theaters die Nachricht, daß 
man Anfang nächiter Woche das Fern: 
tbal’jche Drama zur Aufführung brin: 
gen werde und ſich von dem echt 
poetifhen Werk einen großen Erfolg 
verjpreche, obwohl es auf einer an: 
beren Bühne ungerechter Weiſe abge: 
lehnt worden. 

„Glück muß der Menſch Haben!“ 
jagte lachend Gottfried, und da er 
nit auf demjelben Gebiete thätig 
war, jo konnte er jchon feinem Freunde 
den kleinen Erfolg gönnen. Ja er 
nahm bald an der wunberlichen Ge: 
ſchichte ein wirkliches Intereſſe und 
drängte Leopold, unter allen Umſtän— 
den der Aufführung beizuwohnen. So 


nen eigenen Augen ſah, wie in Dres— 
den ſein Stück in Scene ging, und 
er hatte dabei die ſchönſte Belegen: 
heit, feine Frau abzufegen und mit 
Leopold allein zurüdzufcehren. Er hatte 
an dem Lanbaufenthalte außerordent: 
lichen Geihmad gefunden; am Mor: 
gen wurde das Penjum unerbittlich 
abgeichrieben, aber der Nachmittag ge: 
hörte dann ihm, und er fühlte fich 
wie neugeboren, wenn er mit ber 
Büchfe auf dem Rüden im Walde 
herumftreifen konnte. Mit feiner alten, 
geriebenen Schlauheit, die er bei all’ 
feiner geiftigen Beſchränktheit bejaß, 
ihlug er gern zwei Fliegen mit einer 
Klappe. — Seine Frau war unter: 
gebracht — er genoß noch ein paar 
Tage länger das Glüd, ſich gehörig 
auszutummeln und Leopold mußte 
von feiner neidloſen Freundſchaft die 
höchſte Meinung haben. 

Kein Wunder, daß es ihm gelang, 
den Freund jo lange zu bearbeiten, 
bis diefer, wenn auch noch fo wider: 
jtrebend, einmwilligte. in ſchicklicher 
Vorwand, der Leopold's Begleitung 
rechtfertigte, war leicht gefunden, er 
theilte feiner Frau mit, daß über: 
morgen ihre Gäfte nad) Dresden fah- 
ren würden und daß er die Gelegen- 
beit benugen wolle, um einige Ma: 
ichinen zu faufen, über die gewiß wie- 
der der alte Voigt die grämlichiten 
Gefichter fchneiden würde. Zugleich 
erwähnte er, daß Freund Gottfried 
jeine Frau in Dresden lafjen und 
auf einige Tage noch einmal mit ihm 
hierher zurückkehren wolle. 

Seltfam genug nahm Emma die 
Nahricht etwas verdrießlich auf. Sie 
ſchien ihr einen Strich durch die Rech— 
nung zu machen, aber nad ihrer Ges 


505 


wohnheit ſagte fie nichts. Hatte fie 
fih an ihre Gäfte endlich gemöhnt 
und nahm fie ihre Abreife für eine 
Kränkung auf, oder war ihr über: 
haupt die Einſamkeit Täftig, bie fie 
dann wieder erwartete? er wußte es 
niht — fiher war, daß fie fidh ver: 
ftinnmt zeigte und bald auf ihr Zim— 
mer zurüdzog. Schon war Alles zur 
Abreife für den anderen Morgen vor: 
bereitet, da erhielt plöglih Frau v. 
Ferber noch in jpäter Abendſtunde 
eine telegraphifche Depeſche, daß ihre 
Schwefter erfrankt jei und um ihren 
ſchleunigen Beſuch bitte. 

Emma eilte ſogleich mit dieſer 
Nachricht zu ihrem Manne und fügte 
dabei hinzu: „Nun mußt Du mir 
ſchon geftatten, daß ich Euch begleite.“ 

Leopold bedurfte aller Selbftbe- 
herrſchung, um nicht feine Beftürzung zu 
verrathen und fi unhöflich zu zeigen. 

„Aber ich babe fchon über ben 
morgigen Abend mit Gottfried ver- 
fügt,” jagte er nach einer Pauſe, mit 
Mühe feine Verlegenheit bemäntelnd.... 

„Schmidt bat fi mit ein paar 
alten Freunden in Dresden verabre: 
bet, und ich mußte ihm das Wort 
darauf geben, ihm dieſen Abend zu 
ſchenken, ich werbe deshalb leider nicht 
im Stande fein —“ 

„DO, lieber Leopold, Du weißt, 
daß Du um meinetwillen Dir niemals 
Zwang aufzulegen braudjt,“ unter: 
brach ihn Emma lebhaft. „Auch meine 
Schweſter wird es entjchuldigen, felbft 
wenn Du nicht Zeit findeft, ihr ſo— 
glei einen Krankenbeſuch zu machen.” 

Der junge Ehemann mußte fich 
geftehen, daß feine Gattin in folchen 
Dingen das Mufter einer Frau war 
— niemals wurde fie ihm unbequem 
und erleichterten Herzens theilte er feinem 
Freunde die veränderte Sachlage mit. — 

In aller Frühe des anderen Ta— 
ges wurde die Reiſe angetreten. 

Gottfried war in prächtigfter Laune, 
erzählte Iuftige Anefvoten aus ber 
Studentenzeit und feine Frau hörte 
mit wohlgefälligem Lächeln zu; höch— 





ſtens brachte fie zur Abwechslung ihren 
Freunden bie überzeugendften Beweiſe 
bei, von der außerordentlihen Popula— 
rität, die ihr Mann genoß; er fonnte 
feine Bierftube mehr auffuchen, ohne 
daß nicht irgend ein ehrlicher Hand— 
werfer oder Arbeiter auf ihn zuftürzte 
und ihm für irgend eine wunderſchöne 
Erzählung dankbar die Hand brüdte. 

Das andere Ehepaar im Wagen ver: 
hielt fich Dagegen jehr ſchweigend und gab 
fogar ziemlich zerftreute Zuhörer ab. 

Leopolds Gedanken weilten natür- 
(ih bei der Entſcheidung des heutigen 
Abends. — Er war bereit auf bag 
Schlimmfte gefaßt. Aber wenn das 
Drama gefiel? Was dann?! Sollte ernun 
jeinerjüngften Vergangenheit untreu wer: 
den, und wie würde fich feine projaifche 
Frau in feinen Dichterberuf finden? 

Emma war ebenfall3 in einer ficht- 
baren Aufregung, die Leopold voll: 
fommen begriff, da fie gewiß wegen 
der plöglichen Erkrankung ihrer Schwe- 
fter in Sorge war. | 

Man hatte mit den trefflichen 
Pferden den Weg ſehr raſch zurüd- 
gelegt und jchon Nachmittag trafen 
fie in Dresden ein, 

Wohl ftieg man im Haufe von 
Leopolds Schwager ab, der aber heute 
von feinem Beruf ganz in Anſpruch 
genommen wurde, und ba e3 hieß, 
daß jeine Schwägerin ſich Thon etwas 
befier befinde, ließ Herr v. Ferber 
feine Frau mit ben herzlichiten Wün— 
ihen baldiger Genefung zurüd und 
ſchloß fich feinen Freunden an. 

Auch die Gattin Gottfrieds war 
bald glücklich untergebracht. Sie ſchlug 
die Einladung zum Beſuch des Thea- 
ters rundweg ab; jelbft die Bemer— 
fung ihres Gatten, daß ein neues 
Drama von einem geachteten Dichter 
zur Aufführung komme, konnte fie 
nicht verloden. „Erftens bin ich er: 
mübet von der langen Fahrt und be: 
darf der Ruhe, und zweitens Fan 
ih mich für das Drama folder Neu: 
linge nicht intereffiren,” war ihre tro: 
dene Erklärung zur großen Heiterkeit 


506 


ihres Mannes, der jedes Wort feiner | 
| und al3 er dann in die friiche Luft 
hinaustrat, merkteer doch, daß er etwas 


einzigen Frau geiftreih und unüber- 
trefflih fand. 


Schmwerfällig erhob fih Schmibt 


Die Freunde waren enblich allein | zu viel getrunken habe. Leopold war vor: 
und von jedem Anhange glüdlich bes fichtiger gewejen, und hatte zuletzt das 


freit. Es war noch eine halbe Stunde 
bis zur Eröffnung des Theaters, und 
wie hätte man bie befjer zubringen 
ſollen, als bei einer Flafche Wein. 
Leopold erhob gegen den Bor: 
ſchlag Gottfrieds feinen Widerſpruch, 
jein Herz war in einer jo ftürmifchen 
Bewegung, daß er gern jedes Mittel 
ergriff, das ihm über die nächfte Stunde 
qualvoller Erwartung hinweghalf. 
Ein ftiller Winkel war bald ent: 


Zehen dem Freunde allein überlafjen. 
- Die Wanderung ging deshalb et- 
was langfam, und als fie endlich 
das Theater erreichten, hatte joeben 
die Vorftelung begonnen. Das Haus 
war ausverfauft und nur mit genauer 
Noth war e8 ihnen gelungen, zwei Plätze 
in der dunkelſten Barquetlogezu erlangen. 
Bei ihrem Eintritte in Die Loge, 
der von Gottfried nicht ohne Geräuſch 
erfolgte, blicten fi die vor ihnen 





dedt — Schmidt mußte geftehen, daß |figenden beiden Damen unmwillig um 
ber aufgetragene Wein ausgezeichnet | und Leopold wollte faum feinen Au- 
fei, und auch Leopold ſprach in feiner gen trauen — er ftarrte in die Ge: 
Erregung der Flafche fleißig zu. — ſichter feiner Frau und Schwägerin, 
Gottfried fand dies Ausruhen äußerft | die über dies feltfame Zujammentref- 


behaglih, und da fein Freund nicht 
die Unruhe verrathen mochte, mit ber 
e3 ihn zum Theater zog, mußte er 
nothgedrungen an der Seite Schmibt’s 


aushalten und durfte ihn mit feinem | 


Wort an den Aufbruch mahnen. 
Der wadere Volksſchriftſteller be— 


fahl noch eine zweite Flache; er! 


mwurbe immer aufgeräumter und ſchien 


fen ebenfalls fich nicht wenig beftürzt 
zeigten und fich bligjchnell wieder um- 
drehten, als könnten fie fi dadurch 
‚vor Entdedung fihern. — 

Geftern war wegen ber Krankheit 
feiner Schwägerin eine telegraphijche 
Depeiche eingegangen und heute be: 
fuchte fie das Theater. — Das mochte 
begreifen, wer da wollte — er nidt. 





ben eigentlichen Zweck ihres Ausflugs  Dennoh war jett feine Gelegenheit 
vergeflen zu haben. Vergeblich fuchte zum Ausfpredhen, denn das Stüd 
Leopold das Geſpräch zumeilen auf | hatte begonnen und bald weilten jeine 


dramatifches Gebiet zu fpielen, Gott: 
fried fam immer wieder auf die Er- 
folge zurüd, die er auf bem Felde 
ber Erzählung errungen. Endlich konnte 
der um fein Stüd bejorgte Dichter 
nicht länger an fi halten, er zog 
die Uhr heraus und rief haſtig: 
„Aber wenn wir noch in das Theater 
wollen, it e8 bie höchfte Zeit.“ 
„Ad, alter Freund, wir kommen 
noch zurecht” — entgegnete Gottfried. 
„Siehft Du, jet find wir wenigjtens 
in der rechten Stimmung. Nun mö: 
gen fie klatſchen oder pfeifen, es joll 


die 
ung nicht erjchüttern. Der Wein ke 


Gedanken wo anders. 

Ob feine interefjante Briefjchrei- 
berin im Theater war, wie fie ver: 
ſprochen? — Er forſchte mit feinem 
Dpernglafe überall herum, konnte aber 
feine Dame mit blauem Bande im 
Haar entdeden. Daß feine dicht vor 
ihm figende Frau ein foldhes Band 
im Haar trug, fiel ihm nicht einmal 
auf und er würde es für einen bloßen 
Zufall gehalten haben. 

Schon der erfle Act wurde ſehr 
günftig aufgenommen und man gewahrte 
große Theilnahme des Publifums. 
Jetzt erft, nah dem Fallen bes 


gut und wir haben eine Stunde ge: | Vorhanges, fand Leopold Gelegenheit, 


müthlich verplaubert die bleibt 


und auf jeden Fall.” 


feinem Erftaunen Worte zu leihen 
und etwas farkaftiih feine Freude 


507 


über bie fchnelle Genejung feiner 
Schwägerin auszuſprechen. Anftatt fich 
zu vertheidigen, ging feine Frau un: 
erwartet zum Angriff über und fragte 
ihren Gemahl ganz verwundert, wie 
er ſich babe bei feiner ungeheuren 
Abneigung gegen das Theater hierher 
verirren Fönnen. 


Der ehemalige Dichter war auf | fol’ 


wurfsvollen Blick zu, wie er ihn aus 
ihren janften Augen noch nie erhal: 
ten hatte. 

Wenn fih auch der Ehemann ba- 
von gekränkt fühlte, den Dichter be- 
rührte es ganz angenehm. Brachte 
fein Drama ſelbſt auf eine jo einfache, 
ſchlichte Natur, wie feine Frau, eine 
ergreifende Wirkung hervor, 


eine ſolche Bertheidigungsart heute | dann durfte er auf eine günftige Auf: 


am wenigften vorbereitet. „Mein 
Freund ließ mir feine Ruhe,” ſtam— 
melte er verwirrt, „aber daß ih Dich 
und Deine kranke Schweiter hier tref: 
fen würde, fonnte ih am wenigſten 
erwarten,” raffte er fih endlich auf. 

„IH war auch wirklich geftern 
ſehr krank,” entgegnete diefe, „doch 
bei der erften Aufführung mag id 
nicht fehlen, und wenn ich mich noch 
elender fühlte.“ 

„Iſt denn das ein folder Genuß?“ 

„Für mich unbedingt,” war bie 
Antwort der jungen Frau, „denn eine 
erfte Aufführung ift ein Schaujpiel 
im Schaufpiel — das uns in athem- 
lofer Spannung erhält — jeder Ein- 
zelne fühlt die Würde feines Richter: 
amtes unb kommt fich weit bebeuten- 
ber vor. Ich hoffe, daß Sie aud) 
herzhaft Ihre Hände in Bewegung 


nahme feines Stüdes bei einem Pu— 
blitum rechnen, das vorwiegend aus 
den gebilbeteften heilen ber Gejell- 
ſchaft beſtand. 

Der dritte Act erhöhte die gün— 
ſtige Stimmung des Publikums; die 
Rührung wurde allgemeiner — und 
doch bewunderte Jeder die Kraft des 
Poeten, der ohne melodramatiſche Effecte 
die Zuſchauer im tiefſten Innern zu 
berühren wußte. 

Seine Frau ſchluchzte, unbeküm— 
mert um den Tadel des Gatten vor 
ſich hin; ſelbſt ſeine Schwägerin, der 
er wahrhaftig Geiſt und höhere Bil— 
dung nicht abſprechen konnte, vergoß 
Thränen. — 

Wo mochte die Briefſchreiberin 
ſein und welche Wirkung übte auf ſie 
das Stück? — Wie lechzte er dar— 
nach, gerade in ihren Augen Thränen 


ſetzen. Wenn ich Ihnen das Zeichen zu ſehen — während die ſeiner Frau 
dazu gebe, dann können Sie es getroſt.“ ihn ſehr gleichgiltig ließen. — 


„Wirklich?“ fragte Leopoid und 
vermochte kaum ein ironiſches Lächeln 
zu unterdrücken. Seine kleine Schwä- 
gerin mußte ihn boch für den befchränf: 
teften Zandjunfer anfehen, dem Kunft 
und Literatur böhmijche Dörfer waren. 

Das Zeichen der Glode unterbrach 
ihr Zwiegeſprach, der Vorhang ging 
wieder in die Höhe und die Theilnahme 
der Zuſchauer wuchs. 

Die Damen begannen bereits bei 
ergreifenden Stellen zu ihren Taſchen— 
tüchern die Zuflucht zu nehmen. Auch 
jeine Frau meinte, wie er deutlich 
bemerken fonnte. 


Gottfried hatte fich bis zum Schluß 
de3 dritten Actes einem janften Schlum: 
mer bingegeben. Der gute Wein übte 
do feine Wirkung und die hinterfte 
Ede in ber dunflen Parquetloge war 
ganz geeignet, ein Schläfchen zu ma— 
hen. Zum Glüd ſah er nicht die ge— 
tingihägigen Blide, mit denen ihn 
die vor ihm figenden Frauen in ben 
Zwiſchenacten betrachteten. Der wadere 
Bolksichriftiteller, von dem fie ohne- 
hin feine hohe Meinung hatten, ſank 
vollends in ihrer Achtung. 

Selbft von dem immer lauter 
werdenden Beifall des Publikums 


„Das fieht fo fentimental aus,“ | wachte Gottfried nicht auf. Der Treff: 


flüfterte ex ihr zu. 
Haupt und warf ihm einen fo vor: 


Sie wandte das | liche erfreute fich ſtets eines gefunden 


Schlafes. 


508 


Bon der wachſenden Theilnahme | 


der Zuſchauer mit fortgerifien, leiſte— 
ten auch die Schaufpieler das Außer: 
ordentlichſte und die beiden letzten 
Acte wurden hier jo trefflich gegeben, 
daß fie zum glänzendften Erfolge bes 
Drama's fehr viel beitrugen. 

Die Begeifterung war allgemein, 


das Händeflatihen wollte fein Ende‘ 


nehmen unb man rief ftürmijch ben 
Verfaſſer. 

Auch die beiden Frauen zeigten 
einen Enthuſiasmus, den Leopold be— 
ſonders bei ſeiner Gattin nie für 
möglich gehalten hätte; ſeine Schwä— 
gerin drehte ſich mehrmals haſtig nach 
ihm um und flüſterte ihm zu: „So 
klatſchen Sie doch, Sie Barbar!“ — 


Die junge lebhafte Frau fühlte 


zum erſten mal eine wahre Entrüſtung 
über ihren Schwager, dem fie eine 
viel zu große Ehre angethan, daß fie 
ihn Sohn der Wildniß genannt. Er 


war ein echter Krautjunfer, ohne Ge: 


fühl und Perftand, dem ein Beet 
Kartoffeln lieber war, als alle Poeſie 
ber Welt. Wie ftarr und unbemweglich 
er bafaß — feine Hand rührend, 
während das Haus von Beifall wie: 
berhallte. 

Sogar Gottfried erwachte aus fei- 
nem Schlummer und murmelte mehr: 
mals noch ganz ſchlaftrunken: „bravo“ 
— dann rieb er fih die Augen und 
feine Befinnung fehrte almälig zu— 
rüd.. Er hörte die ftürmifchen Rufe 
nah dem Verfaffer und wurde er 
davon mit fortgeriffen, oder war fein 
Raufh noch nicht ganz verflogen, er 
ſprang auf, padte plöglich den Freund 
bei den Schultern und rief mit feiner 
fräftigen Stimme: 

„Es geht nicht anders, Du mußt 
Dih dem Publikum zeigen.“ Ohne 
auf jein Sträuben zu achten, zog er 
ihn gewaltfam mit fi) fort. 

Leopold befand fich ſelbſt in einem 
Taumel und ließ Alles willenlos mit 
fih geſchehen. 


ohne weiteres auf die Bühne, jchrie | 





zu: „bier bring’ ich den Dichter” und 
wenige Augenblide jpäter ftand er vor 
der Rampe — ein begeiftertes Publikum 
janchzte ihm ſtürmiſch zu — er mußte 
fih verbeugen und dann wurde er 
noch auf der Bühne von allen Seiten 
glückwünſchend umringt. 

Gottfried zog ihn ſtürmiſch an 
jeine breite Bruft und es war jeßt 
unentjchieden, ob jein oder der Rauſch 
des Freundes der ftärfere war. — 

Die beiden Frauen in der Bar: 
quetloge hatten die Vorgänge hinter 
ihrem Rüden wenig beadtet; ihre 
ganze Aufmerkjamkeit war auf bie 
Bühne gerichtet, wo man noch immer 
das Erſcheinen des Dichterd erwartete. 

Da wurde enblidy bie Ungebulb 
des Publikums befriedigt... — Ein 
ichlanter, blafjer Mann trat vor bie 
Lampen, und mitten in ben Jubel 


hinein rief Emma mit einer Stimme, 


in der die tiefiten und mwunderbariten 
Empfindungen miederzitterten: „Leo: 
pold !“ 

Ihr Gatte mußte den Ruf noch 
gehört haben, denn fein Blick ftreifte 
im Fortgehen die dit vor ihm lie: 
gende Loge. 

Die junge Frau ftürzte in einer 
folden Aufregung hinweg, daß ihr 
die Schwefter nicht zu folgen ver: 
mochte, die in ihrem maßlojen Er: 
ftaunen ſich ohnehin nicht zu faflen 
wußte. — Sie griff fih an den Kopf 
— drehte fi denn die Welt — der 
Sohn der Wildniß, ihr höchft profai: 
ſcher Schwager war ber Verfaffer des 
Drama's — ber Dichter Leonharb 
Fernthal. Es mar das tollite 
Märchen, das fie je gehört! Und doch 
mußte es Wahrheit jein — denn ihr 
Schwager würde doch nimmermehr 
ein ſolches Poffenipiel gewagt und 
fih als Dichter ausgegeben haben, 
wenn er e3 nicht wirflihd war — 
und jegt kam fchon ihr Gemahl in 


Schmidt fehleppte ihn die Loge, und brachte die Veftätigung. 


„Mein nüchterner Schwager Fer: 


ben Leuten mit feiner Stentorftimme | ber der Dichter Fernthal, wer würde 


309 


das für möglich gehalten haben!“ |konnte; aber troß ihrer ſchwärmeri— 
rief er ebenfalls in höchiter Aufregung. | chen Begeifterung hatte feine Ge- 
„Und ift es wirklich nicht ein | mahlin mit ihrer jcharfen Beobach— 
Scherz, den man fi mit ung er: tungsgabe feinen Blid, die fih daran 
laubt?” fragte die junge Frau, bie | knüpfende Vermuthung und ben jofort 
fi noch immer nicht an den Gedanz | in feinem Antlige auffteigenden Zweifel 
fen gewöhnen konnte, daß ihr Schwa- | bemerkt, und fie entgegnete mit einem 
ger ein Dichter ſei. Erröthen und einem Lächeln, das fie 
„Wo denkſt Du hin,“ ermwiederte | wunderbar verfchönte: „Es ift wirklich 
ihr Gemahl. „Dr. Schmidt, durch | Deine geheimnißvolle Eorrefponbentin, 
beffen Hände alle Gorrejpondenzen ges | die Du endlih doch entbedt; Deine 
gangen, hat mir fogleih in feinem Strafe ift gebüßt, ich opfere Dir 
Eifer die betreffenden Documente vor: | willig mein Geheimniß.” 
gelegt, als er mein etwas zweifel- Sept war e8 Leopold, ber jeine 
müthiges Gefiht ſah.“ Frau in ſprachloſem Entzücken in 
Inzwiſchen hatte Emma ſich durch ſeine Arme ſchloß. Ihm war's, als 
das Gewühl der Hinausſtürmenden habe er nun erſt die theure Lebens— 
zu drängen geſucht, nur- von dem gefährtin gefunden, die feine Seele 
einen Gebanfen bejeelt, dem theuren |fih erjehut. Sie hielten ſich innig 
Dichter — ihrem Gatten au die Bruft | umjchlungen, in ihnen jauchzte und 
zu fliegen ... . Endlich hatte fie die | jubelte das jelige Bemußtfein, daß 
Bühne erreiht — dort ftand noch ſie jegt voll und ganz fich angehörten 
Leopold in einem Kreife von Theater: | und die reinfte Harmonie fie um: 
freunden und Schaufpielern, Die ihn ſchlang 
umbdrängten und ihm mehr oder we- Wie viel hatten ſich die Beiden 
niger ihre Bewunderung ausbrüdten. |zu jagen und zu erklären. Und nun 
Leopold juchte bejcheiden alles Lob erſt erhielten fie die tiefften Einblide 
abzuwehren, Freund Gottfried Faffirte in das Sein des Anderen und damit 
e3 dafür in feinem Namen um fo!auc bie Löjung für all’ die wunder: 
behagliher ein. Er war es auch, der | baren Ueberrafhungen, mit denen fie 
das längere Verweilen auf ber Bühne | überfchüttet worben. 
veranlaßte. Emma war eine innerlich ftolze, 
Jetzt eilte Emma in höchſter Auf: | idealiftiiche, träumerifche Natur, die 
regung herbei, warf fih an die Bruft nah außen ſich bejcheiden, harmlos 
ihre Mannes und ſchluchzte hervor: | und anfchmiegend zeigte. Sie war's 
„In Dir finde ich alfo den Dichter | Überhaupt nicht gewohnt, ihre inner: 
Fernthal wieder, o wüßteſt Du, welch’ | ften Empfindungen preiszugeben, und 
unnennbare Seligkiit mein Herz durch: | deshalb entdedte Niemand fo leicht 
rauſcht.“ ihren inneren Reichthum und ihre 
Ihre Sprache, ihre tiefe Bewe- | Tiefe. 
gung war ihm neu. Eine ganz Andere Damals, auf ihrem Ausfluge nad 
Ihloß er in feine Arme — da fiel | Hamburg, hatte fie das Bedürfniß 
jein Blick auf ihren eigemmhümlichen | gefühlt, ſich zu zerfireuen, zu erhei- 
Kopfpug — das blaue Band, das tern; fie gab fich unbefangen ben 
heute jo prächtig glänzende Haar, | Eindrüden Hin, die Menfchen und 
erregte jeine Aufmerkjamleit, und ein | Dinge auf fie machten. — Gerade 
Gedanke ſchoß ihm durch deu Kopf. die Art und Weife, wie fi) Leopold 
— Wenn Emma jelbft! — nein, dag ihr gegenüber gehen ließ, Hatte fie 
war ganz unmöglih — fie hatte ihm | angezogen, und noch eh’ fie ſelbſt 
niemal3 Beranlaffung gegeben, daß |eine Ahnung davon gehabt, war bie 
ih ein ſolcher Verdacht in ihm regen Liebe in ihr Herz eingefehrt. 





510 


Nun warf die alte Zauberin ihren 
verflärenden Schleier über den theuren 
Mann, und als er dann die ganze 
Profa feiner Natur herausfehrte, 
folgte fie ihm willig überall hin — 
bi3 fie endlich zu ihrem Schmerz bie 
Leere empfand, die dieſes äußerliche 
Zujammenfein mit einem Manne ber: 
vorrief, der jeder jeeliichen Berührung 
forgfältig auswich ... 

Noch vor ihrer Verheiratung hatte 
ſie mit ihrem erſten Briefe dem Dich— 
ter Fernthal zugejubelt, aber ſelbſt 
in ihren kühnſten Träumen wäre ihr 
nicht der Gedanke gekommen, daß es 
ihr neben ihr kalt und verſchloſſen 
einhergehender Gatte war, an den ſie 


Worte des Troſtes und der Ermun— 


terung richtete. Auch Leopold hätte 
nimmermehr die hübſche geheimniß— 
volle Briefſchreiberin in feiner aller 
nächſten Nähe geſucht. 

Jetzt war dieſes Ausſprechen, die— 
ſes gegenſeitige Erklären eine uner— 
ſchöpfliche Fundgrube der Unterhal— 
tung, die immer neue Gedanken und 
Empfindungen heraufbeförderte. Sie 
war es auch geweſen, die in ihrer 
Theilnahme für den Dichter Fernthal, 
ihren Schwager, den Director des 
Theaters, ſo lange gedrängt, bis er 
ſich zu dem Wagniß hinreißen ließ, 
ein an anderer Stelle durchgefallenes 
Stück dennoch zur Aufführung zu 
bringen. 

Der Dichter Fernthal war der 
Poeſie zurückgegeben, und ſeine Frau 
folgte mit wunderbarer Seelentiefe, 
mit dem belebendſten Verſtändniß all' 
ſeiner Schöpfungen. Sie war die echte 
und unſchätzbare Lebensgefährtin eines 
Dichters und ihrem wohlthuenden, er: 
quidenden Einfluß verdanfte Leopold 
bie ſchönſten Erfolge — Der hellite 
Sonnenſchein und das beſeligendſte 
Glück ruhte jegt in biefen eng ver: 
bunbenen Herzen . . . 

Bei einem längern Aufenthalt in 
der norbbeutichen Hauptſtadt hatte 


| Leopold Emilie nicht wiedergefunden. 
Sie war kurz vorher geftorben; wie 
ber Bruber mittheilte, an einem Herz: 
leiden. Die Nachricht berührte ben 
Dichter tief und ſchmerzlich. Hatte 
ihre Feuerfeele ihn dennoch geliebt 
und fih in Sehnſucht verzehrt? Sie 
gehörte nun einmal zu jenen Geiftern, 
die mit ihrem unerfättlichen Idealis— 
mus auf dieſer Welt fein wahres 
Glück finden können. Leopold bewahrte 
ihr, der er fo viel zu verdanken hatte, 
lein theures Andenken, Ihm war e8 
oft, als ob ihr verflärter Geift ihm 
zuflüfterte: „Raftlos weiter zu ringen 
und nicht müde zu werden.” — Und 
daß er das nicht wurde, bafür jorgte 
ihon der milde, freundliche Genius, 
‚der an feiner Seite ftand, feine ange: 
betete, tief poetifche Frau. 

Der wadere Voltsfchriftiteller da— 
gegen entjagte jchon nach wenigen 
Jahren feinem Berufe. Das Bubli- 
fum war doch bald jeiner fchönen 
Erzählungen überbrüfjig geworben, ba 
er ſich's allzu bequem gemadt und 
mit unbedeutenden Veränderungen im: 
mer biejelben Gerichte gekocht hatte. 
Der naive Lefer fragt aber nicht nad) 
dem Namen eined Autors; er will 
um jeden Preis in Spannung gejeßt 
werden, unterhalten fein und wendet 
fih augenblidlid dem literariſchen 
Kochkünftler zu, der feinen Gaumen 
noch beſſer zu kitzeln weiß. 

Friedrih Nofen kehrte dem un: 
dankfbaren Volke, von dem auch jest 
feine Frau nur mit Verachtung ſprach, 
den Rüden, und er nahm bereitwil- 
ligft den Vorſchlag feines Freundes 
an, die Verwaltung von Emma’s 
Landgut zu übernehmen. 

Ter Dichter Fernthal und feine 
Frau Fehrten immer feltener und 
dann nur auf einige Wochen in bie: 
jen ftillen Winkel des Erzgebirges 
zurück. Eine reichere Welt der Bil: 
Pays des Geiftes lag vor ihnen, und 
fie ſchöpften daraus mit vollen Händen. 








Scheintodt. 


Selbſterzähltes aus dem Leben eines Familiendaters. 


Bis zum Jahre 1869 lebte ich 
in der Reſidenz, wo ich an der tech— 
niſchen Hochſchule als Aſſiſtent im 
phyſikaliſchen Kabinet und ſpäter ais 
Profeſſor thätig war. Im Jahre 
1869 wurde ich zum Bürgerſchul— 
direktor im Landſtädtchen B. ernannt. 
Im Vorfrühling des beſagten Jahres 
überſiedelte ich mit meiner Familie 
an den neuen Beſtimmungsort. Meine 
Familie beſtand aus der Gattin, mit 
welcher ich im neunten Jahre ver— 
mählt war, ferner aus zwei Kindern, 
einem Knaben von ſieben und einem 
Mädchen von ſechs Jahren. In B. 
bezogen wir eine geräumige und freund: 
lihe Wohnung und richteten uns fröh: 
lih ein. Ich hatte mir in der Refi- 
benz bie nöthigen phyfifalifchen und 
hemifchen Inſtrumente nebſt einer 
fleinen Sammlung von Mineralien, 
Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen 
Dingen erworben, wie fie jeder Schul: 
mann befigen fol. Ich ftellte dieſe 
Gegenftände in meinem geräumigen 
Arbeitszimmer auf; meine Oattin 
Ihmüdte die Fenſter mit ihrem klei— 
nen Herbarium, unb freute fich ber 
reinen Sonnenftrahlen, die bier nicht 
mehr von großftäbtiichem Staub und 
Nebel zurüdgehalten wurden, fondern 
hell und Tieblich auf die zarten Pflan- 
zen und jungen Blumen fielen. 

Die Kinder ergögten fih an dem 
Vogelgezwiticher vor ben Fenftern, 
hüpften um die Mutter, wenn fie 
emfig die neuen Berhältniffe ordnete, 
Iprangen in meinem Arbeitszimmer 
herum, waren ſtets gefchäftig und 
gelehrſam, und der Knabe verjuchte 
manches Snftrument, das ich wieder 
in den Stand jegte und einübte, auch 


zu handhaben, und zu feinem Jubel 
häufig mit Erfolg. 

Am glüdlichften waren die Kinder, 
wenn wir bie Elektrifirmafchine pie: 
len ließen, deren Strom uns burd: 
zudte und die Haare gegen Berg 
trieb. Bald verftand es ber Kleine 
jelbjt, die Batterie vorzubereiten und 
das Erperiment auszuführen. 

So waren wir Alle recht heiter 
und ich ahnte nicht, welche Schreden 
und welcher Jammer in biefem Haufe 
jo bald über mich kommen follten. 

Meine Gattin, von Natur aus 
etwas ſchwächlich und nervös, melde 
zuvor faum je einmal aus ber ge 
wohnten Atmofjphäre der Großftabt ge: 
fommen war, fühlte fih zu B. gleich 
in der erſten Zeit, wahrſcheinlich in 
Folge der fchärferen Luft und ber 
häufig wechjelnden Temperatur etwas 
angegriffen. Sie adhtete es nicht, be- 
ftellte, al3 der Schnee gejchmolzen 
war, den feinen erworbenen Garten 
— glüdlih darüber, ihren Lieblings- 
wunſch erfüllt zu ſehen und endlich 
einmal einen Hausgarten zu befigen. 
Wie furz war ihre Freude! — Am 
18. März fiel fie plöglich ein heftiges 
Fieber an, am 19. konnte fie das 
Bett nicht mehr verlaffen. In ber 
erften Zeit der Krankheit lag fie in 
fteter Fieberhige und zweimal brach 
fie in Delirium aus; in der legten 
Zeit war fie ruhiger, weil erjchöpft, 
und oft lag fie ftundenlang in einem 
ohnmachtähnlichen AZuftande. Bon den 
beiden Aerzten des Städtchens war 
ftet3 einer am Bette ber Kranken; 
am jechsten Tage ber Krankheit, als 
eine Art Krifis eingetreten zu jein 
ſchien, telegraphirte ich an einen ber 


512 


berühmteften Aerzte der Nefidenz, Pro: | Knaben, und ein Thränenftrom ergoß 
feffor N. Diefer langte noch an dem- | fi über ihre Wangen. 

jelben Tage ein; ein Confilium wurde Die Wärterin wollte die Kleinen 
gehalten und als Refultat desjelben wieder entfernen, allein die Kranke 


mir bedeutet, daß ich mich wohl auf 
alle Fälle gefaßt machen müſſe. 
Profeffor R. reifte wieder ab, 
nachdem er der Patientin ein hoff: 
nungsreiches unb mir ein troftlofes 
Wort zugeflüftert hatte. Ich kam nicht 


wehrte fih dagegen, preßte das Mäd— 
hen an ihren Mund, den Knaben an 
ihr Herz; mit fanfter Gewalt wollte 
man ihr fie entreißen, da rief fie 
laut: „Ich laß’ fie nicht, ich laß’ fie 


nicht von mir! — Jeſus Maria und 


vom Bette der Gattin; fie Schlummerte | Joſef!“ Mit diefem Schrei ſank fie 


zumeift, nur manchmal flug fie bie 
Augen plöglih wie erjchredt auf, | 


zurüd auf das Kiffen. 
Mir ftürzten um fie zufammen, 


blidte hafıig um fi, fah mich dann | fie war regungslos, ihr Auge war 
betrübt an, oder that mir wohl auch |ftarr. Die Wärterin wollte ihr einen 
ben Gefallen, ein wenig zu lächeln. | Tajchenipiegel an den Mund halten, 


Sie fagte mitunter einige Worte, die 
ganz deutlih und verftändig waren 
und verfiel dann bald wieder in den 
Schlummer. Yhre Gefichtsfarbe war 
jehr blaß geworben, nur bisweilen 
waren glührothe Fleden auf ihre 
Wangen, auf ihre Stirne gehaudt. 
Der Puls war auf 135 und 140 
Schläge in der Minute. 

Die Kinder waren vom Kranken: 
zimmer abgejondert; die Kranke fragte 
mehrmals nad ihnen, ich gab ihr die 
beiten Auskünfte über das Wohlbefin- 
den der Kleinen, und fo berubigte fie 
ſich ſtets. 

Am 26. März in der Morgen— 
ſtunde war's, als ſie mit größerer 
Entſchiedenheit als ſonſt nach den 
Kleinen verlangte. Wir ſagten, ſie 
ſchliefen noch. 

„So weckt ſie auf!“ ſagte ſie mit 
faſt heller Stimme, „ich muß ſterben 
und will noch einmal meine Kinder 
ſehen!“ 

Mir fuhr das Wort wie ein 
Meſſer ins Herz. 

Die Wärterin brachte die Kinder 
herein. 

„O, kommt, ihr lieben, armen 
Weſen!“ rief ihnen die Mutter halb 
aufgerichtet mit ausgeſtreckten Hän— 
den entgegen, „ihr habt keine Mut— 
ter, ihr lieben Kinder, ihr lieben 
Kinder!“ Sie herzte und küßte den 
Knaben, das Mädchen und wieder den 


wahrſcheinlich, um die Athemloſigkeit 
zu conſtatiren. Ich erinnere mich nur 
noch, daß ich derſelben den Spiegel 
aus der Hand ſchlug — weiter weiß 
ich nicht mehr, was in jener Stunde 
vorgegangen iſt. — 

| Ms ich wieder erwachte, ſaß ich 
‚im Lehnftuhl eines andern Zimmers; 
der Doctor ſtand neben mir und aus 
meinem entblößten Arm riefelte ein 
Blutquell in ein Beden. 

Der Aderlaß fol nöthig geweſen 
jein. Bald beſann ich mich auf Alles, 
was geſchehen war und verlangte 
nah dem Ruhebette meiner Frau. 
Sie hielten mich zurüd, verfuchten 
mich zu tröften und vorzubereiten. 
| „Laſſet das,” jagte ich, „ich weiß 
'ja, daß fie tobt if. Ich will aud 
jegt nicht zu ihr; laſſet mich allein 
oder bringt die Kinder zu mir.“ 

Sie ließen die Kinder herein. 
Dieje erzählten mir fogleih mit auf: 
gewedten Mienen, daß in meinem 
Arbeitszimmer Leute befchäftigt jeien, 
eine lange Bank aufzurichten und Die 
Wände und die Käften und die ſchö— 
nen Inſtrumente mit ſchwarzen Tü— 
chern zu verhängen. 

Von meinem Arbeitszimmer ging 
die Thür direct in den Vorſaal, da— 
rum hatten fie dasſelbe zur Aufbah— 
rung der Todten gewählt. 

Ein paar Freunde fuchten mich 
zu einem Spaziergang in den Früb: 








513 


lingstag zu bewegen. Ich fühlte das | geftellt hatte, dufteten ftarf, die Lichter 
Bedürfniß, die Todte zu jehen und | brannten fill — an ber Todten war 
an ihrer Bahre zu beten. Eben als feine Veränderung eingetreten; genau 
ih eintrat, hatte fie der Todtenbe- ſo, wie geftern, war fie auch heute 
ſchauer verlaffen; noch war bie Lein- zu jehen; die Zeichen der Verweſung 
wand zurückgeſchlagen von ihrem | hatten fi noch nicht eingeftellt. Ich 
Haupte. Ich meinte, fie schlafe, | füßte ihre Stirne, dann fniete ich 
ih wollte anfangs nicht glauben, daß |nieder und 309 ihr den Brautring 
fie todt jei. Zu balb nur ſah ich die vom Finger. Als das geichehen war, 
bläulide Bläffe ihrer Lippen, das | tauchte ich bie falte Hand wieder über 
ftarre, gebrochene Auge zwijchen ben ihre Bruft, auf der ein Kruzifir lag 
halbgeſchloſſenen Lidern; ich befühlte  — dann ging ich davon und mich in 
ihre falten, erftarrten, faſt bleifarbi: | das Unvermeidliche fügend, ſuchte ich 
gen Hände. — a, fie war dahin. ſo viel Ruhe und Kraft zu gewinnen, 
Ich wankte aus dem Zimmer, aus um das Begräbniß anzuorbnen. Sie 
dem Haufe, ging hinaus vor die Stabt | hätten e8 auch ohne mi gemadıt. 
und wandelte in Hhalbbetäubtem Zu- Auf dem Friedhofe war bereit? das 
ftande. Spät gedachte ich meiner Kin- | Grab fertig; der Schreiner zimmerte 
der und eilte meiner Wohnung zu. am Sarge; der Singverein hielt Schon 
Die Kinder waren bereit zur Ruhe | die Probe der Trauerlieder ab und 


gebracht ; fie waren ja jo früh gemedt 
worden. Dann waren fie an biefem 
Tage auch viel im Freien und im 
Haufe jelbft herumgeiprungen und 
hatten fi) manden Gegenitandes zum 
Spiele bemädtigt, der ihnen jonft 
verjagt gewejen war. Sie hatten feine 
eigentliche Aufficht, waren fich jelbft 
überlaffen, und jo mar biefer Tag 
ganz nach ihrem Gejchmade. Zwar 
fol das Mädchen dem Brüderchen 
wohl einmal den Vorſchlag gemacht 
haben, in das ſchwarze Zimmer zu 
gehen und bie Mutter zu mweden. Der 
Knabe mochte den Vorſchlag auch 
ausführen haben wollen, verweilte je: 
boh am Mineralienkäfthen, an wel- 
hem er das ſchwarze Tuch zurückzog 
und die Steinchen auseinanberlegte. 
Gerade wollte fih der Kleine auch 
an ben eleftriichen Apparat machen, 
um Funken zu erzeugen, wie er das 
wohl von mir oft gejehen hatte — 
als er aus dem Bahrzimmer entfernt 
wurde, 

Mir hat man das erft jpäter er- 
zählt, weil es für den Moment ja 
an und für fich nicht wichtig fchien. 

Am andern Morgen war mein 
eriter Gang wieder zur Bahre. Die 
Blumen, die man in das Zimmer 


Rofeggers „„Heimgarten‘* 7. Heft. 


mehrere Frauen des Stäbtchens janb- 
ten Kränze. 

Ich kehrte wieder zu meinem Haufe 
zurüd. Auf dem Betfchemel vor 
der Bahre fniete mander Fremde, 
dem e8 wohl im Gefichte zu leſen 
war, daß ihn nicht ſowohl WPietät, 
ald vielmehr Neugierde hergeführt 
hatte. Dann kamen Andere, beteten, 
flüfterten oder fuhren fih mit dem 
Sadtuh über die Augen, bejprengten 
die Leiche mit geweihtem Waffer und 
gingen wieder davon. Zuweilen war 
gar Niemand zugegen, und aus ber 
geöffneten Thür ftarrte das Tobten- 
bild in den öden Vorſaal. 

Ich ging auch davon. Ich mie 
die Menjchen und ging gegen ben 
Wald und dorthin, wo der Fluß 
über eine Wehr ftürzte. Das Rau: 
ſchen des Waſſers that mir wohl. Ich 
lag jtundenlang am Ufer, und es fa- 
men mir lebensgefährlihe Gedanken. 
— Da fielen mir wieder meine ar— 
men Kindlein ein, die verlaffen waren 
unter fremden Leuten in jenem Haufe, 
in welchem die todte Mutter lag. 

Ich eilte heimwärts. Ich eilte 
über die Treppen zu meiner Wohnung 
hinan. Kein Menſch war da; ſelbſt 


die Magd war ausgegangen, um ir— 


ER) 


514 


gend etwas zu holen. E3 wären — und ich wäre in die Nacht des Wahn: 


date id — wohl auch die Kinder 
mit ihr. Ich nahte der offenen Thür, 
die zur Bahre führte, und ſah es 
bald, da drinnen war Unordnung an— 
gerichtet. Von der einen Wand, wo 
in den Käjten die phyſikaliſchen Appa— 
rate ftanden, war der ſchwarze Tuch: 
verjchlag herabgerifjen. Einer der Kä- 
ften war geöffnet und die Eleftrifir- 
maſchine ftand auf dem Fußboben. 
Das Mädchen hocdte dabei und blidte 
bejorgt auf jeine Fingerhen. Der 
Knabe war zur Leiche emporgeflettert 
unb kicherte. Und was ih nun jah, 
das ift über alle Beichreibung grauen: 
haft. Die Gefichtszüge der Todten 
zuckten und verzerrten fi, fie ſchlug 
die Augen auf und ihre Lippen beb- 
ten wie im Krampfe. 

Ich glaube, daß ih im erften 
Momente, da ih diefe Erjcheinung 
ſah, über die Treppe hinabgeftürzt 
bin und nad Hilfe gerufen habe. So— 
fort aber fam mir der Gedanke: fie 
war fcheintodt, fie ift wieder erwadt. 
Ich eilte in das Zimmer zurüd und 
hin, um fie zu ſehen. Das Mäd— 
hen auf dem Boden hielt die Mafchine 
in Bewegung und ich jah, wie von 
diefer die Drähte um die Hände ber 
Aufgebahrten gewunden waren. Ich 
hörte das Aniftern des eleftrifchen 
Stromes; der Knabe lachte laut, als 
das Antlig und endlih auch das 
Haupt der Mutter fih mehr und 
mehr bewegte. 

Mein Erſtes war, daß ich die 
Bahrleuchter umſtürzte, der Aufge— 
bahrten das Kruzifir von der Bruft 
entfernte; dann riß ich fie empor, fo 
daß ihr Haupt an meinen Bufen zu 
lehnen kam. 

Seht eilten ſchon Leute herbei, 
die vor Entjegen aufjchrien, mich für 
wahnfinnig hielten, bis fie an der Tobt- 
geglaubten die Lebenszeichen jahen. 

Mas nun folgte, weiß ich nicht 
genau; was in mir vorging, kann 
ich nicht erzählen; faft war mir wirt: 
ih zu Muthe, alles ſei Blendwerk 


I 


| finn’3 gefallen. 


ALS die Wiedererwachte ſchon in 
ihr — oder vielmehr in mein Bett 
gebracht war, da man das ihre jchon 
zerjtört hatte, brachte mir ein Amts: 
bote ein gefaltetes® Stüd Papier. Es 
fam aus ber Ganitätsfanzlei. Es 
war der Todtenfhein meiner 
Gattin. 


Die Kinder Hatten ihre ſchein— 
todte Mutter durch den eleftrifchen 
Strom zum Leben erwedt. Sie wur: 
den nun in's Verhör genommen. Un: 
beauffihhtigt, wie fie waren, hatten fie 
fih in das Bahrzimmer begeben, hat: 
ten, unbefümmert um die Leiche, Die 
Inſtrumente hervorgeholt, von welchen 
fie geftern verfcheucht worden waren, 
und gedachten heute beſonders am 
eleftrijchen Apparat, der ftet3 ber Ge- 
genftand ihrer Wünſche gewejen war, 
ihr Müthchen zu kühlen. Sie wußten 
das Ding nah dem, mas fie von 
mir geſehen haben mochten, trefflich 
in den Stand zu ſetzen. Anfangs 
mußte das Mädchen die fpringenden 
Funfen aushalten, und that e8 jo 
lange, bis ihm die Fingerchen ver: 
brannt waren, Hierauf belub fich der 
Knabe felber fo lange, bis ihm alle 
Haare zu Berge ftiegen. Und fchließ- 
lih fam den Kindern der Einfall, die 
ichlafende Mutter wach zu elektrifiren. 

Daß die Schläferin erwachte, fehte 
nicht fowohl bie beiden Sinder, als - 
vielmehr die ganze Stadt B. und bie 
ganze Umgegend in mächtigfte8 Er: 
ftaunen. 

Noch vor Mitternacht dieſes merf- 
würdigiten Tages meines Lebens war 
nah vielen entſprechenden Mitteln 
und Maßregeln die MWiedererjtandene 
zu ihrem volliten Bemwußtfein gefom- 
men. Ihre Hände waren wieder weich, 
ihr Auge war wieder lebendig und 
Har, doch blidte es etwas verwirrt. 
Ich hätte ihre mit heiken Freuden— 
thränen mögen an die Bruft ſinken 
und ihr die Wucht, welche in mei- 





515 


nem Gemüthe lag, ausſchütten; die | etwas abgemagert, der Ning mühe 


Herzte aber bejchworen mich, jede 
Aufregung zu vermeiden und es in 
allem ganz jo zu halten, wie mit 
einem gewöhnlichen Kranken. 

Nah Mitternacht verfiel fie in 
einen ruhigen Schlaf, aus welchen 
fie gegen Morgen wieder ermwachte. 
Sie ſuchte mit den Augen mich, wen: 
dete fi) ein wenig zu mir und ſagte: 
„Mein Freund, jest ift doch alles 
gut. Aber das ift ein ſchwerer Traum 
geweſen; — den möchte ih nicht ein 
zweitesmal träumen!” Und hierauf 
erzählte fie, es fei ihr gemejen, als 
läge fie auf ber Bahre — viele 
Stunden lang. Man habe Anftalten 
getroffen, fie zu begraben, man habe 
ihon den Sarg in den Borfaal ge: 
tragen ; fie habe die Lichter der Bahre 
gejehen, habe jedes Geräuſch, jedes 
Wort, das in der Nähe geiprochen 
wurde, ganz genau gehört, jei aber 
nicht im Stande geweien, einen Laut 
oder auch nur das mindefte Lebens: 
zeichen von fich zu geben. Sie habe 
Ihon das gräßliche Geſchick, Tebendig 
begraben zu werben, vor Augen ge 
habt. Am jchredlichften fei ihr das 
berzerfchütternde Meinen ihres Gatten 
gewejen, der ihr ſchließlich den Ehe: 
ring vom Finger gezogen habe. — 
Als fie diejes erzählte, hob fie ihre 
Hand gegen dad Auge und jtieß ben 
Schrei aus: „Wo ift der Ring? 
Mein Gott, wo ift der Ring!” 

Wir ſelbſt Alle im tiefften Herzen 
erſchüttert, ſuchten fie zu beruhigen, 
ihre Hand wäre in ber Krankheit 


zufällig vom Finger geglitten jein 
und würde fich leicht finden. 
„O, nein, nein!“ rief fie, „das 


ift fein Traum gewejen! ch bin 
auf der Bahre gelegen!” Und fie 


verbarg ihr Gefiht mit den Händen 
und verfiel in ein jolches Zittern und 
Beben, daß ihr ganzer Körper jchüt- 
telte und wir fie mit kräftigen Armen 
im Bette niederhalten mußten. 

Die fürchterlihde Aufregung, in 
welder fie weinte, um Hilfe rief, mit 
Gewalt von dem Lager wollte und 
laut betete, dauerte etwa eine Stunde 
lang. Dann trat plögli die Abipan: 
nung ein, 

Noh an demfelben Tage, faft 
genau vierundzwanzig Stunden nad 
ihrem Erwachen aus dem Sceintode 
ift fie geftorben. 

Mieder verjuchten wir den elektri- 
ſchen Strom, aber vergebens. Die Ge: 
beimniffe der Natur find unerforſch— 
lich; ich veranlaßte, daß noch einmal 
die Kinder den eleftriihen Strom 
fammelten und leiteten — vergebens; 
die Schläferin wachte nicht wieder 
auf. Wir legten fie nicht mehr auf 
die Bahre, wir ließen fie auf dem 
Sterbebette ruhen, bis ſich — und 
das dauerte nicht lange — die erjten 
Symptome der Berweiung einftellten. 

Dann war das Begräbniß. 

Nicht in jenes Grab ließ ich fie 
jenfen, das bejtimmt gewejen war, 
die Scheintodte aufzunehmen. Eine 
neue Stätte wurde ihr bereitet. 

Möge fie im Frieden ruhen! 


33* 


516 


Das Rirdlein im Walde. 


Bon Fr. Ridter. 
Im Walde einfam fteht Der Altar ift gefallen, 
Auf grün bemooftem Stein Das ew'ge Licht ging aus; 
Ein Kirdlein, lind ummeht Der Beiten ſcharfe Krallen 
Bon Luft und Sonnenfchein. Bernagten das Gotteshaus. 
Die Mauern find zerfallen, Und unterm Altarfteine, 
Das Glödlein Klingt nit mehr; Da fprießt das Gras hervor, 
Die einftens heiligen Hallen Umranft vom wilden Weine 
Sind öde, wüft und leer. Sind Fenfter, Mauer, Thor. 
Die hohen Kirchenfenſter So haut das ftille Kirchlein 
Seh'n düfter in die Runde, Hinab auf's Hügelland, 
Manch fchauriger Befpenfter Und aud die weißen Birkflein 
Erwähnt die Sagenkunde. Von ihrem hohen Stand. — 
Kein Priefter lieft die Metten, In luftig blauer Höhe 
Kein Orgelton erfchallt, Da reift ein mächtiger Aar, 
Kein Volk ift da, zu beten, Er fchreiet dreimal: „Wehe ! 
Nur dumpf im Chor es hallt. D großer Ottokar!“ 
Um Mitternacht erdröhnt Der ritt nad feinem Schloſſe, 
Ein Geifter-Chorgefang; Im Höhepunkt der Macht, 
Ein Glödlein fhaurig tönt Auf weißem Kriegerroffe 
Das Kirhenfhiff entlang, Vorbei einft hier bei Nadıt. 
Sein Klang den Prieſter fündet; Da war noch Waldrevier, 
Und ringsum düftr’e Lichter, Kein Kirchlein hier noch ftand 
Bon Geifterhand entzündet, Als er geruht allhier 
Und graufige Geſichter. Und füßen Schlummer fand, 
Der Orgel Töne braufen, Ihm träumt, er ſiß' beim Königsmahle, 
Der Bottesdienft beginnt, Zum deutfhen Kaifer fhon gekrönt, 
Um's Kirchlein Sturmesfaufen, In Aachen's hohem Kaiſerſaale, 
Es heult und ächzt der Wind. Von Jauchzen und Muſik umtönt. 
— Wenn dann die Stund' zu Ende, Die deutfhen Wählerfürften alle 
Der junge Tag ergraut, Umftehen leuchtend ihn im Kranz, 
Dann ſchütteln ſich die Hände Der Mundſchenk mit dem Boldpofale 
Die Geifter ohne Laut. Bringt beften Wein des deutfhen Land's. 
Der ganze Spuf verſchwindet, Der Truchſeß, Kämmerer und Marſchall, 
Als wär’ nie was gejheh'n ; Sie find vollzählig heut’ erfdhienen 
Den neuen Morgen kündet Beim heutigen großen Feſtesmahl 
Der ſcharfen Lüfte Weh'n. Den deutſchen Kaifer zu bedienen. — 
Und Alles unverändert, Wonach ſtets Ottofar gezielt, 
Steh'n Mauern, Thurm und Baum Wonach gerichtet war fein Streben, 
Bon Sonnengold umrändert. — Das flieht im Traume er erfüllt, 


Es war wohl nur ein Traum ! Das nimmt Geftalt nun an und Leben. 


517 


Er ſieht erflommen nun die Höhe, 
Der Ehre Gipfel kühn erftiegen ; 
Die Stufe höchſter Macht in Nähe, 
— Ein wahrhaft fönigliches Siegen! 
Zum hohen Dom bei Feftgeläute 
Bieht er auf edlem weißen Roß, 
Ein großer Feittag ift wohl heute, 
Dies meldet ſchon des Königs Troß. 


In Bold gefleidet und in Stahl 
Wallt er an aller Fürften Spipe 
Mit vieler treuer Mannen Zahl, 
Zu thronen auf dem Kaiferfipe. 


Da gellt ein Mißton wilder Art, 

Wie Donnerklang fo furdtbar hart: 

Die Gloden fpringen plößlich alle, 

Der Thurm, er fällt mit ihrem falle. 
Der Dom verfinft und in der Höhe 

Kreift drüber hin ein mächt'ger Aar; 

Er hebt die Schwingen: „Dreimal Wehe ! 
Das war Dein Ende, Ottotar !" 


&o träumt, von Schweiß bededt, 
Er wohl geraume Weile, 

Bis daß der Knapp’ ihn mwedt; 
Dann rüften fle zur Eile, — 

Und Hoffnung, Angft und Sorgen 
Hat ihm der Traum gemadıt ; 
Noch lang denkt er am Morgen, 
Bas er gefhaut bei Nacht. 


„Zum ewigen Angebdenten“, 

— So ließ er laut verfünden — 
„Bedacht mit reich” Geſchenken 
Bil id nun hier begründen 


Ein Kirchlein ſchlank und hod) ; 
Der Mönde Chor foll beten 
In fpäten Zeiten noch 
Alltäglich hier die Metten.‘ 


„So wahr ih heiße Ottofar, 

Aus dem Gefchleht der Premisliden, 
Seit jenem Traum dom deutfhen Aar 
Bin feft ich endlich jept entfchieden. 


Der „Goldene“, wie fie mich heißen, 

Der „Eiferne”, wie man mid nannt', 
Der will ich fein, will ohne Gleißen 

Mir holen gleich ein Unterpfand, 

Will zwingen mir, was fie nicht geben, 
Zum Trutz dem Bannfluh, dem Verrathe; 
Will felbft zum Kaifer mid; erheben, 
Wenn dann befiegt fie fleh'n um Gnade.“ 


„So ftehe, Kirchlein, ftehe, 
Dem Waller zum Gedeih’n, 
Gleih mir auf mächtiger Höhe ! 
Hiemit will ih Di weih'n!“ 


Manch’ heiße Rampfesftunden 
Hat er dann durdgemadht, 
Bis dak an vielen Wunden 
Er fant in blutiger Schlacht. 
— In neblig düft'rer Höhe 
Da kreiſt ein mächtiger ar, 
Er fchreiet dreimal: „Wehe! 
O großer Ottokar!“ 


Das weite Marchfeld war geröthet, 
Das ſchlimme Schickſal war erfüllt 
Und Ottokar in's Grab gebettet, 
Vom Kriegermantel nur umhüllt. 


Das Kirchlein trauernd ſteht 
Im Wald auf mooſigem Stein, 
Bon Lüften ind ummeht 

Im Abendfonnenfdein. 


518 


Die Alte von der Eiche. 


Von Aglaia v. Enderes. 


Trümmermwerf, Solcher Anblid genügte, 
Jahr um Kahr, um das Volk der 
alte Saatfrähe in der alten Eiche, | Krä i i Mie 
draußen am Rande des Fichtenwaldes | jollte in all’ dem Neifig, in all’ den 
wohne; niemand wußte zu jagen, warn | Moosbüfcheln und dürren Halmen, Die 
fie dort zuerft gejehen worden, denn | da unten lagen, über Mein und Dein 
die jchwarze Krähe war älter als die entſchieden werben? Zornig faßten fie 


Niemand von allen den Leuten * 
Dorfe wußte zu ſagen, ſeit wann die 








alten Leute vom Dorfe. Dieſe wußten 
nur, daß ſie Jahr um Jahr mit jedem 
Frühlinge gezogen komme, daß ſie einſt 
mit einer anderen Krähe, mit einem 
fröhlichen, jungen Genoſſen ihres 
Volkes, dort oben in dem Aſtwerk der 


Eiche alljährlich ihr ſtattliches Neſt 


bewohnt und eine Schaar von kleinen 
krächzenden Rabenkindern großgezogen 
habe. — Aber dies war nun auch 
ſchon Jahre her und nun wohnte ſie 
allein dort oben in der knorrigen Baum— 
krone und hütete allein ihr einſames 
Haus. 

Die anderen Saatkrähen hatten 
fih in den Fichtenbäumen angefiebelt. 
In hellen Haufen kamen fie in den 
ersten jchneefreien Tagen bes Februar, 
mit dem erjten lachenben Sonnenschein 








an, die eifrigen Bauleute, mit Krähen— 
haft und nah Krähenart rüttelten und 
zerrten und zogen fie, oft zwei, oft 


‚drei an ein und bemjelben Zweiglein, 


frächzend flog jeder mit jeiner Beute 
von dannen und trug fie auf feinen 
Fichtenaft. Tagelang ging das jo fort; 
unten am Boden, auf der angrenzen: 
den Wieſe, in den nächiten Büſchen 
wurbe gerungen, mit den Schnäbeln 
gehadt, mit den Flügeln gejchlagen, 
oben unter ben Fichtenfronen wurde 
geftohlen, von einem Neft zum andern 
getragen, fortgeholt, was ſich fortholen 
ließ und im Entdedungsfalle mit dem 
Nachbar gefochten, gekrächzt, gelärmt, 
daß der Wald von dem Getümmel 
wiederhallte. 

Die alte Krähe ſaß indeifen ruhig 


in das Thal geflogen und in den dunk- in ihrem ftillen, einfamen Haufe und 
len Wald gejauft. Mit fröhlichem Ge— | ordnete darin, was es da nad Schnee 
tümmel begrüßten fie Die griufötf Wipfel, und Sturm des Winters zu ordnen 
die geheimnißvollen Verftede unter den gab. Zuweilen hielt fie in ihrer Arbeit 
Zweigen und das weite Aderland, das inne und horchte nach dem Tumulte 
ſich ſüdwärts über die Hügel dehnte.| hinüber. Ginft war auch fie mitten 
Mit Gefrächze und Gelärme wurde unter den anderen, einft ftritt auch fie, 
die Heimat begrüßt und dann wurde wie ſich's für eine echte, tapfere Saat: 
zur Arbeit gejhritten. Gab es da krähe geziemt; — aber das war lange, 
zu. Schaffen, zu orbnen, zu ſorgen! 1 lange ber und jegt ſchlug fie fich das 
Heimtückiſch, zornmüthig und rückſichts— | Tuftige, wirbelnde Flattern und Lärmen 
108 hatte der MWinterfturm in allen) aus dem müden Sinn. 
ben Horften und Burgen gehauft, nicht Von dem jungen Volfe fam feiner 
ein Neft war unberührt geblieben und herüber, fie zu ftören. Die alte Krähe 
überall lag am Boden zu Fühen ber und die alte Eiche gehörten zufammen. 
Fichten verwehtes und gebrochenes Das wußten fie, und Niemand hatte 


519 





ein Recht, an das moofige Reifig und | einfam wie früher. Nun hatte fie die 
Bauwerk zu greifen, das dort oben) Jungen auf bie Wiefen, auf die Aeder, 
jeit vielen Jahren lag; alte Sparren, | auf das Jagdland binauszuführen ; 
altes Fachwerk, ohne weiches Moos, | Niemand von Allen wußte ja jo gut 


ohne Flaum und Gräfer, nichts als 
ein kahles Gebälfe auf dem fahlen, 
fnorrigen, verborrenden Eichenbaum. 
„Der Wipfel ift dürr, die Nefte find 
morjch, das Herz ift frank an dem alten 
Stamm”, dachten wohl die jungen, 
fröhlichen, Tebensluftigen Krähen und 
ließen ben einfamen Vogel allein auf 
feinem einfamen, verfallenden Horfte. 

Indeſſen famen wärmere und wär: 
mere Tage. Der Streit im Fichten: 
walde war zu Enbe und in jedem 
Neite lagen vier, auch fünf junge Ra: 
benvögel und krächzten und fperrten 
die langen Schnäbel auf, während ihre 
Eltern in Haft und Eile nach den Fel- 
dern und Wiefen hinausflogen und an 
Würmern, Käfern und Raupen ein- 
trugen, was fih in dem Lande fin: 
ben ließ. 

Einige Wochen fpäter waren bie 
ungen flügge ; in mattſchwarzen, netten 
Kleidern ſaßen fie auf dem Neftrande 
und jchauten durch das dunkle, grüne 
Fichtengezweig in die helle Welt hin- 
aus. Jetzt fam die alte Krähe von 
dem Eichenbaum zu Beſuch in bie 
Fichten geflogen. Sie jeßte fich zu ben 
Kindern, die mit ängftlich angezogenen 
Schwingen an der Schwelle ihres Hau- 
jes ftanden, fie plauderte und knurrte 
ihnen Teife vor nach Krähenart, fie 
glitt dann ſachte vom Neftrande fort 
und wiegte ſich auf den weiten Flügeln 
und rief und lodte die Kleinen und 
endlich, wenn das jagende Volk ewig 


nicht fommen, nicht folgen wollte, ftreifte | 


fie mit der Spike ihrer Schwingen 
bald recht3, bald links an ber Kleinen 
Geſellſchaft vorüber, bis diefe aus dem 
Gleichgewicht kam, und, eiligit die Fall- 
ſchirme fpannend, halb erſchreckt und 
halb erftaunt von dem Fichtenzweige 
und dem Nefte fort, auf die Wieſe 
hinaus flog. 

Bon ſolch' denkwürdiger Stunde 
an war bie alte Krähe nicht mehr fo 


Beſcheid hier wie fie, Niemand, jelbit 
die Eltern nicht, die ja doch auch noch 
fo jung waren, wie die alte Krähe bei 
fih dadte. Und da ging dann ber 
ganze, große, dunkle Flug früh am 
Morgen ſchon, vom Walde fort in das 
Land hinaus. Wie eine ſchwarze Wolfe 
tauchte er aus dem Fichtengewipfel 
auf; Hunderte und Hunderte von glän- 
zenden Flügeln jchaufelten ſich im 
hellen Tageslicht und eine laute, kräch— 
zeude Morgenhymne tönte von einem 
Ende des weiten Thales zum andern 
wieder. 

Mitten unter dem Iuftigen Volke 
war die alte Krähe; fie jchlug wohl 
nicht jo übermüthig die Flügel wie die 
andern, fie fonnte auch nicht wie fie 
aus voller Bruft ihr Morgenlied fin- 
gen, aber fie freute ſich des Bewußt— 
ſeins, daß fie mitthue mit ihren lieben 
Ihmwarzen Leuten und freute ſich der 
Erimmerung an längftvergangene Zeit, 
in der fie mit ihren eigenen Kindern 
über Buſch und Haide flog. 

Dann führte fie die Jungen in 
das Aderland hinab ; Scholle an Scholle, 
und jede ein Verſteck für die Feinde 
der Saat; hier die Höhle des nagen- 
den Engerlings, da das Bett der ſchlum— 
mernden Larve, dort der Schlupfwinfel 
des Negenwurmes, daneben die Thüre 
zum Haufe ber Feldmaus, überall 
Spuren und Weg und Steg des ver: 
berblichen, verwüjtenden, nimmerruhen— 
den Gelichters, das Halm um Halm zu 
Tode bringt. Wie die Rächer des 
Frevels, der fich hier unausgeſetzt voll- 
führt, langte die jchwarze Schaar der 
Saatfrähen auf dem Felde au. Voran 
Ichritt die Alte, ftolz und aufrecht, im 
vollen Bewußtſein ihrer Führerichaft. 
Purpur und violett jehillerte ihr gläu— 
zend ſchwarzes Gefieber, hell Teuchteten 
ihre nußbraunen Augen und ftoßbereit 
trug fie den langen ſpitzen Schnabel; 
ober dieſem hatte fie eine fahle, raube, 


520 


feberlofe Stelle. In der Jugend war | das find vornehme Leute, die wohnen 
das anders; ba hatte fie auch ein; hoch oben unter dem Kirchendach und 
„glatte Geficht, wie die anderen Krähen | jchauen weit in das Land hinaus.“ 
vom Walde, aber das war jet längft | Und zu den Dohlen hielten fich bie 
vorbei, und die Arbeit in der Ader- | jungen Krähen, zu den vornehmen Leu— 
frume, das Auflefen der Würmer | ten, die vom Kirchthurm herunter famen 


und Engerlinge zwiichen ben rauhen, 


borftigen Stoppeln hatte die Harte, 


rauhe Schwiele in das alte Saatfrähen: 
Geſicht gebradht. 

Und nun führte fie die Jungen 
zur Arbeit. „Hübſch die Schollen um— 
gedreht, friſch hineingehadt in die Erbe, 
dort das Mäuslein gehajcht, nicht ge- 
zögert, wenn es gilt — nicht geraftet 
— fort und fort gejucht, geforjcht ! 
Die kranken Gräfer aus dem Boden 
gezogen; ba hodt der nagende Wurm 
an der Wurzel; die nadte Schnede 
weggeſchafft, die Heuſchrecke gehajcht, 
ben Käfer, der vorüber ſurrt — ſchnell, 
ſchneller müßt ihr fein, ihr Kleinen, 
täppifchen Leute, wollt ihr dem Saat: 
frähenvolfe Ehre machen.” — So be: 
deutete wohl die alte Krähe den Jun: 
gen, wenn fie vor ihnen herichritt, in 
dem Boben wühlte und manches Würm- 
lein vor die Füße der Fleinen Schaar 
hinwarf, die begierig darnach haſchte. 

Am Abend flogen fie heim, die 
ungen ben Fichten zu, die alte Krähe 
nad) ber Eiche hin. Glorreich ftand 
der mächtige Baum mit feiner zadigen, 
laubleeren Krone im glühenden Strahl 
ber finfenden Abendſonne, die auf das 
morſche Gebälfe des Krähenhorftes nie- 
berleuchtete und auf die breiten Schwin- 
gen des Vogels, der langjam von Aft 
zu Aft jchlüpfte und fih in feinem 
einfamen Hauſe zurecht machte. 

Die Jungen wurden fühner und 
flogen nad und nad) von den Wieſen 
und Feldern am Walde über das Dorf 
bin und nad ben jenfeitigen Hügeln. 
„Haltet hübſch zufammen und bebentt, 
daß ihr Saatkrähen ſeid“, lehrte Die 
Alte. „Mit Raben: und Nebelträhen 
pflegt nicht Gemeinschaft ; die find zorn- 
müthig und zankſüchtig und behaupten 
das Recht der Stärkeren unferem Volke 
gegenüber. Zu ben Dohlen haltet euch, 


und wieder zum Kirchthurm hinaufflo: 
gen und mit denen es fich bis unter 
die Wolken ſchweben ließ. 

„Morgen gibt es Wind“, fagten 
die Leute vom Dorfe, wenn fie bas 
ſchwarze Volk hoch oben kreiſen jahen. 

„Bald geht e8 an das Wandern“, 
dachte die alte Krähe, wenn fie von 
ihrem Horfte nah den Wolfen und 
nad) den jchwebenden Vögeln jpähte, 
und dann breitete fie fehnfüchtig die 
Flügel aus. Aber die trugen nur 
über die nächften Bäume und über 
die Gärten des Dorfes hin, und bort 
jaß die Krähe auf einem Baunpfable 
nieber und jah den Iuftigen, lachenden 
Menſchenkindern zu, die in der Dorf: 
gafje jpielten. 

„Gegen Süden geht euer Weg“, 
bebeutete die alte Krähe den heimkeh— 
renden Fliegern. „Jmmer dem Süden 
zu. Viele, viele werben fich zu euch 
gejellen, die Dohlen vom Kirchthurm, 
die Saatkrähen vom nächften Walde, 
und vom nächften und fo fort; zu Tau- 
jenden werdet ihr über Länder und 
Meere jchweben, ein ftolzes, fröhliches, 
glückliches Volk. Staunend werben die 
Menſchen nach euch ſchauen, bie jun- 
gen und bie alten. Seid vorfidhtig und 
Hug; nahe an der Erbe zieht jchwei- 
gend Hin, hoch oben unter den Wolken 
mögt ihr jauchzen und rufen; das ift 
jo alte, gute Saatfrähenfitte.” 

Die Tage wurden kürzer, die Nächte 
länger und falt. Der Norbwind jagte 
in das Land herein und fegte bie Nebel- 
wolfen das Thal entlang. Vom Kirch: 
thurm flogen die Dohlen auf und vom 
Fichtenwalde her bie Krähen; mit 
Saujen und Gebraufe begegneten fie 
fi über den Häufern des Dorfes und 
machten ſich zur Flugorbnung zurecht 
und riefen ihren Abſchiedsruf in das 
Thal binab. Höher, immer höher 


521 


ftiegen die ſchwarzen Gefellen, balb ihr vom Wandern vor unb bebeutete 
flogen fie vorwärts, bald fehrten ſie ihr, daß fie um ihretwillen noch ein: 
frächzend und lärmend um und ſchwenk- mal umgekehrt auf der luftigen Reife, 


ten im Kreife, bald jchoffen fie eilend 
weiter auf ber Iuftigen Bahn, bie 
Hügel entlang, an dem Walde vor: 
über, immer weiter und weiter, immer 
höher, bis ihre Stimmen immer leijer 
wurben, ihre Flügel immer unficht- 
barer und ber ganze Zug in ben fin- 
fenden Nebelwolfen verſchwand. 

Auf dem Gipfel der Eiche aber 
jtand die alte Krähe und jpähte den 
Ziehenden nad. Sehnſüchtig hob und 
dehnte fie die Flügel und neigte fich 
hinaus in die Luft. Wollten fie denn 
dieſe Schwingen nicht meiter tragen, 
nicht vom Norden fort, nie mehr dem 
warmen Süden zu? Sollte fie allein, 
vergeilen, verloren, einfam fterben, 
fie, die Mutter eines ganzen ungezähl: 
ten Saatkrähenvolkes — fie allein? 
Da rauſchte es und braufte es ober 
ihr in den Lüften, und eine ganze 
Wolke von Schwarzen Flügeln zertheilte 
ben Nebel und ein lautes, lärmendes, 
fröhliches Gekrächze ging los. Eine 
ganze unabjehbare ſchwarze Schaar 
umkreiſte und umflatterte die alte Eiche 
und umbrängte bie Krähe und jauchzte 


denn: „Eine Saatkrähe verläßt die 
andere nicht!“ Da kam Muth und 
Freubigfeit in das alte müde Herz 
und beglüdende Erinnerung, und bie 
gab den matten Flügeln Kraft und 
hinauf ging e8 nun mit ber jubeln: 
den Schaar in dieLüfte, dem Süden zu. 


„Was doch die Krähen heute für 
ein Gelärme vollführen”, fagten bie 
Leute vom Dorfe und fahen nad) dem 
Fichtenwalde hinüber. 


Am nächften Morgen aber war 
e3 dort ftille; die Krähen waren fort. 
— Und ftille blieb es bis zum nächften 
Frühling, wo die alte, Iuftige, kräch— 
zende Wirthichaft begann und wo alles 
wieder jo war wie die vielen, vielen 
Sahre her. Nur die Eiche ftand nicht 
mehr auf ihrem Plate, die hatte ber 
Sturm einer Winternacht nieberge- 
brochen, und die alte Krähe fam nicht 
mehr, um ihren Horft in dem morfchen 
Geäfte aufzufuchen, die hatte tief un: 
ten im blühenden Süben das tapfere 
Herz und bie müben Schwingen für 
immer zur Ruhe gebradit. 


Im Traum hab’ id; gefehen — 


Im Traum hab’ ich gefehen 
Mein Kind, mein liebes Kind, 
Das mir im Alter geftorben, 
Wo Kinder am liebften find. 


Mit Augen hab’ ichs verfchlungen, 
Inbrünftig and Herz gedrüdt, 
Bin nicht zu Athem gelommen, 
So war ih hochbeglückt. 


- 


Sein Stimmdhen hört’ ich wieder, 
Mie hell bat es gelacht, 

Ich zitterte, halb des Traumes 
Bewußt und bin erwacht. 


Noch fpür ih mir im Antlik 
Sein Händchen und feinen Kuß ; 
Noch immer bin ich glüdlich, 
Wenn ich aud weinen muß. 


Fudwig Eichrodt. 


522 


Im Hauſe der Schatten. 


Ein Gang durd die Irrenanftalt Feldhof bei Graz. 
Bon P. R. Rofegger. 


bald darauf Frühftüd. Mittagsmahl 
heit mit deinem Schikjal zu juchen um 12 Uhr, Abendeſſen um 6 Uhr; 
— bei den Elenden fannft du fie fin: | Schlafengehen um neun Uhr. Tags 
den. Bei ben Gefangenen wirft bu beine | über eine zweckmäßige Beichäftigung. 
Freiheit, bei den Kranken beine Ge: | An Sonn: und Feiertagen Gottesbienft 
junbheit, bei den Armen deinen Reich: |in der Kapelle. Bei günftiger Witte: 
thum, bei den Srren das Licht deines | rung Spaziergänge im Park und in 
Geiftes inne werben. Belanntlich find | der Umgebung. Eine gütige und lieb: 


Wenn du ausgehit, um Zufrieden⸗ 





es die Narren, welche Andere geſcheidt reiche Behandlung. 


machen. 


Jeder Angeſtellte 
hat dahin zu fireben, daß der Kranke 


Der Befuh im Srrenhaufe ift | feine unglückliche Lage möglichft wenig 


beſonders lohnend, denn da tritt ung 
das Elend oft ſogar lachend entgegen: 
Wenn ſchon wir Kranke heiter find, um 
wie mehr magft bu Geſunder es fein! 

Indeß waren es nicht berlei mo: 
raliſche Gründe, welche mich zum Be 
juhe der Srrenanftalt veranlaßten. 
Mir war darum zu thun, die Anftalt 
Feldhof und ihre Bewohner im Al: 
gemeinen fernen zu lernen. 

Der Februarmorgen war trübe 
und froftig und gerade recht bazu. 
Ich und ein Gefährte wanderten bem 
Feldhofe zu und ließen ums in der 
Srrenanftalt melden. Der Director 
der Anftalt jelber bot ſich in freund: 
liher Weiſe uns zum Führer an. 

Die Anftalt ift 1870—1872 mit 
einem SKoftenaufmand von 550.000 
Gulden erbaut worden. Sie fteht auf 
freier Ebene zwifchen Gärten und Fel— 
dern und bietet nad allen Richtungen 
bin ein herrliches Panorama. Sie 
befteht aus fieben jelbftftänbigen Ge: 
bäuben: ber Gentralanftalt, der Män- 
nercolonie, ber SFrauencolonie, ber 
Meierei, dem Penfionat, der Kapelle 
und dem Leichenhaus. 

Aus der Hausorbnung für bie 
Kranken: Aufftehzeit nach ſechs Uhr, 


empfinde. Höflichkeit und Anſtand ift 
wie gegen Gejunde zu bewahren. Der 
Wahn der Kranken ift möglichft un: 
berührt zu laffen. Um auf die Kran— 
fen erheiternd und beruhigend zu wir: 
fen, ſowie als Belohnung für ihre 


‚Arbeiten werben ihnen Erfriihungen, 


fleine Gejchente, Tabakrauchen und 
Schnupfen, Spiele und Feſtlichkeiten 
geftattet. — Beichränkungsmittel, als 
Iſolirung, Bettgurten, Zwangsjacke 
kommen nur in ſeltenen Fällen zur 
Anwendung. Als ärztliches Beruhi— 
gungsmittel iſt Morphin im Gebrauch. 

So viel war uns einleitend mit— 
getheilt worden, dann begann die Wan— 
derung. 

Zuerſt durchſchritten wir die Wirth— 
ſchaftsräume, die Vorrathskammern, 
die Küche, die Badezimmer, die Waſch— 
ſtuben u. ſ. w. Das iſt ein Staat im 
Kleinen, aber ein Staat, wie ihn 
die Communiſten denken — ein Staat 
mit Gütergemeinſchaft. In der Küche 
fanden ſich noch lauter vernünftige 
Leute, aber in den Waſchkammern 
knixte uns ſchon manches Weibchen 
anders zu, als es ſonſt Fremden ge— 
genüber Sitte ſein mag — ſchämig 
und ſchüchtern, ſchelmiſch und ſchalk— 


523 


haft — faſt jo kokett, wie unter den 
geicheidten Leuten hübſche Wäfcherinnen 
ſich geben. 

Dann kamen wir (uns zuerjt gegen 
die weibliche Abtheilung jchlagend) in 
bie langen Säle. Die haben auf der 
einen Seite ihre Fenſter und auf ber 
diejer gegenüber liegenden die Zellen: 
reihe. In diejen büfteren Zellen, wo— 
von jede durch ein Hofjeitiges, dicht 
verglaftes, engvergittertes, ſehr hoch: 
liegendes Fenſter matt beleuchtet wird, 
befinden ſich die einzelnen Lagerftätten. 
Die Wände find kahl, die meiften 
Kammern ohne alle Einrichtung, ohne 
Schrank, Tiſch, Dfen. Luftheizung be 
jorgt die erforderliche Temperatur. Die 
engen Thüren, welche dieje Zellen von 
dem gemeinjchaftlichen Saal abjchließen, 
haben Gudlöcher zum Zwecke der Ueber: 
wachung. 

Wir kamen in einen Saal, da 
waren Nähterinnen thätig. Sie ſaßen 
an langen Tiſchen oder gingen mit 
ihrem Arbeitszeug umher. Bei man— 
chen war es ein zweckloſes Nähen, denn 
entweder es hatte der Faden keinen 
Knopf und rutſchte immer leer aus, 
oder es wurde die Arbeit wieder auf— 
getrennt — es war bei den Meiſten, 
wie ein Spiel der Kinder. Andere 
zupften Charpie oder hatten ein Strick— 
zeug oder beſchäftigten ſich auf irgend 
eine andere Weiſe. Nur Wenige ſaßen 
bewegungslos da und ſtarrten vor ſich 
hin oder waren erſchrocken über unſer 
Erſcheinen. Mehrere eilten zu uns her: 
an, um ihr Leid zu Hagen und um 
Erlöfung aus dieſem Haufe zu bitten. 
Sie fühlten fih unjhuldig an dem 
Verbrechen, das man ihnen zur Laft 
legte und deswegen fie eingejpertt wor: 
ben waren. Das Verbrechen heißt 
Irrſinn. 

Eine Engländerin — früher Sprach— 
lehrerin bei mehreren angejehenen Fa— 
milien in der Stadt — ftellte uns in 
gebrochenem Deutſch vor, daß weder 
in England noch in Defterreich ein 


Menſchen, ja unter lauter Narren ges 
fangen gehalten werben könne; fie jei 
eine freie Bürgerin Englands und pro: 
teftire feierlichft gegen jegliche Gewalt. 
Eine andere Dame trat uns würdevoll 
an; unfer Führer betitelte fie mit 
„Majeftät”; — es war bie Kaijerin 
von Defterreich. 

Eine Polin beſchwor meinen Be: 
gleiter mit weinenden Augen und ge: 
rungenen Händen um Gerechtigkeit 
und Rettung. Aus Lemberg habe fie 
ihr Vermögen in Baargeld zu befom: 
men, dasjelbe befinde fich auch bereits 
auf der Poſt, nur wolle man es ihr 
nicht verabfolgen, und darum werde 
fie im Narrenhaufe gefangen gehalten, 
wo fie, noch dazu eine Frau von Diftinc- 
tion, vor allerlei Nachftellungen nicht 
fiher fei. Da müffe man freilich wahn: 
finnig werben, aber noch hoffe fie auf 
einen Funken Gerechtigkeitsſinn ... 
Mein Gefährte konnte nicht eher von 
ihr los kommen, al3 bis er verjprochen 
hatte, fein Möglichftes in der Sache 
zu thun, worauf fie hocherfreut fich 
taufendmal bedantte. 

Dort in der Fenſterniſche kauert 
ein Weib, das räth uns gütig, fie 
nicht zu beobachten, außer von Draußen 
herein, fie fönne nur durch das Fenfter 
angeſchaut werben. Eine Andere be: 
grüßt uns al3 Sparfafjebeamte, nennt 
den amnmefenden Arzt zärtlih ihren 
Haderlumpen, während fie den fie 
grüßenden Director mit geringſchätzi— 
ger Miene von ſich ſchupft. Der Vor: 
ftand ift gar manchem ein Dorn im 
Auge, fo freundlih er die Patienten 
behandelt — fie betrachten ihn eben 
als ihren Kerkermeiiter. 

Berjolgungswahn und Größenwahn 
heißen die zwei Dämone unferer Zeit ; 
Taujende von Seelen find davon be- 
jeflen und im Irrenhauſe finden wir 
ihre draftifchen Typen. 

Aber auch die Xiebe, die Eiferſucht, 
der Mammon find thätige Lieferanten 
des Irrenhauſes. Auf dem Bänklein 


Geſetz beitehe, nach welchem fie in dies | dort figt eine blaſſe Jungfrau, blau- 
jem Haufe, unter fo niedrigen, franten |äugig und blondlodig wie das Gret— 


524 





hen; fie feufzt nach ihrem Heinrich; 
aber wir in unjerem poetiſchen Wahn- 
finne jagen, ihren Fauft bat in Ge: 
ftalt eines reihen Bräutchens der Teu- 
fel geholt. 

Am gräßlichften offenbart fich ber 
religiöfe Wahn, denn fein Urbild ift 
bie Hölle. 

Wir meinen nicht jenes Mädchen, 
das im finfterften Winkel feiner Belle 
auf dem Boden Fauert, mit den Hän- 
ben das Geſicht bebedt, ftundenlang 
regungslos, wie verfteinert. Es will 
nichts von ber Welt, nicht einen Hauch 
friiher Luft, nicht einen einzigen Strahl 
der Sonne mehr — bie verkörperte 
Abtöbtung, der ewigen Seligfeit willen. 
Mir meinen nicht den Verklärten, der 
dort am offenen Fenfter niet und mit 
gefalteten Händen beweglos hinaus: 
ftarrt in das trübe Licht des Winter: 
tage3 oder in das ſonnige Himmelsblau 
bes Frühlingsmorgend, im Auge bie 
Begeifterung, in den Gliedern das 
Vibriren der Gottesfehnfudht... . . . 
Das ift ber Glüdlichften Einer von 
allen, die das Irrenhaus einſchließt, 
der Glücklichſten Einer von allen, die 
auf dieſem Planeten wohnen. Wenn 
ich von der Gräßlichkeit des religiöſen 
Wahnes ſpreche, ſo denke ich an jenen 

roßen Saal, der ſo freundlich gegen 

Den der Anftalt liegt, den die Mor- 
genfonne lieblich erhellt, von dem ich 
aber trogdem nur Ein würdiges Ne: 
benbild kenne: Dante's Hölle, 


Das ift der Saal der rafenben 
Weiber. 


Schon von weiten hört man das 


Gefchrei. Wir treten ein und im erften | b 


Augenblid verwirrt und ber Lärm, 
der Anblid die Sinne. Ein paar 
Dugend Furien find Iosgelaffen aus 
ihren Zellen. Sie wüthen nicht alle 
auf einmal; mandmal ift Eine ganz 
rubig und beobachtet die Andere und 
ſcheint fi in dem Augenblide ben 
übrigen finnlo8 Lärmenden überlegen 
zu fühlen, ftimmt aber balb mieber 
ein in das Gehenle. 


Dort und ba fauert in einem 
Sade ſteckend manch apathijches We— 
ſen, theilnahmslos für Alles ſtiert 
oder ſchlummert ſie hin, umtanzt vom 
wilden Hexenſabbath. 

Wild fahren ſie durch einander 
und im Saale hin und her, ringen 
die Hände, reißen ſich die Haare aus, 
ſofern fie nicht durch dicke Lederfäuſt— 
linge daran verhindert werden. Als 
wir eintraten, ſchoſſen Mehrere auf 
uns zu. 

„Jeſus, Maria und Joſef!“ kreiſchte 
eines der Weiber, welches ſo häßliche 
und vor Angſt und Verzweiflung ver: 
zerrte Züge hatte, daß daran bie Um— 
riffe des Ebenbildes Gottes faum mehr 
zu erkennen waren, „aus ift’3! aus 
iſt's! Judenburg ift hin, ganz Juden⸗ 
burg! Der Herodes ift da, der bringt 
die Chriftenfinder alle um! Lauter 
Chriftenblut auf der Mur, o bu armes 
Knittelfeld I” 

Bon diefem elegifchen Sammer ging 
es in rafende Wuth über: „Bift ſchon 
wieder da, bu Teufel, kohlſchwarzer 
Teufel mit deinen glühenben Hörnern! 
— Mid will er haben! Kommt mir 
zu Hilf, Leut’, treibt den Teufel aus, 
ih bin beſeſſen!“ 

Ihre Finger bohrt fie ſich ſelbſt 
in das Fleiſch und ihre Worte gehen 
in ein ſchrilles Heulen über, bis man 
keines davon mehr verſteht. 

Eine Andere hockt auf ihrem La— 
ger, ftredt die Arme aus und ruft: 
„Steiermarf, o Steiermarf! Du bift 
ein ſchönes Land! Du bift mein grau: 
james Verberben !” und wirft ſich nach 
rückwärts auf das Bett und verbreht 
ie Augen, wie in einem Anfall von 
Epilepfie. 

Eine Andere wälzt fih auf bem 
Boden herum und jchreit, wie doch 
das hölliſche Feuer jo heiß! Eine An- 
dere ift bie Braut bes linken Schä- 
chers und läftert Himmel und Erbe 
und wo fie ihr rhetorifches Vermögen 
nicht augreichbar glaubt, um genugjam 
zu jchmähen, dort nimmt fie ihre Ge- 
berbenfpradhe zu Hilfe — ba wende 


— 


ten wir uns raſch zur Seite. — Aber 
nun ſahen wir, daß wir von Furien 
umringt waren und unſer Führer ſelbſt 
hielt es hoch an der Zeit, uns aus 
dem Saale zu machen. 

Ich war ſchon betäubt und ſehnte 
mich ins Freie, allein der Director 
führte uns in die andere Abtheilung, 
tröſtend, daß es bei den Männern weit 
— hergehe als in den Frauen⸗ 
fälen. 

Und wahrhaftig, der Unterjchied 
ifterftaunlich groß. In mandem Saale 
der Männer herrjcht eine gewiſſe Be— 
haglichkeit und Gemüthlichfeit. Da 
gibt’3 auch tüchtige Arbeiter und große 
lichte Werkftätten find voll von emfi- 
gen Handwerkern. Gute Mufilanten 
gibt’3 darunter und ſeltſame Inſtru— 
mente find da von der hölzernen Mund: 
barmonifa bis zum Stiefelfnecht hinauf, 
der zu einer Geige umgeftalt:t worben. 
Ein junger Schuftergefelle bat den Vor: 
fand recht angelegentlih um bie Er: 
laubniß, Klarinett blajen gehen zu bür- 
fen; als ihm dieſes nicht verftattet 
wurde, kam eine große Thräne in 
jeine Augen und als ihm dann doch 
Hoffnung gegeben wurde, war ein Him⸗ 
mel von Glücjeligkeit auf jeinem Ant: 
lige zu jehen. — Die Muſik ift ein 


Gegenftand, der unter dem Landvolke 


viele Narren macht, bejonders in Ober- 
fteier find mufifaliihe Narren nichts 
Seltened. Sogar Compofiteure! Ein 
Schneidergeſelle ift mir befannt, ber 
weiß von nichts, als in feiner Art von 
Muſik zu ſprechen; ift jonft Niemand 
da, jo jpricht er darüber mit ſich allein 
und an jedem Abend nimmt er feine 
Ziehharmonika zur Hand und macht Zus 
kunftsmuſik bis in die fpäte Nacht hinein. 

Schwunghaft wird im Srrenhaufe 
die Fabrikation von Zündhölzchenſchäch⸗ 
telchen betrieben. Sie, die Umnachte: 
ten, arbeiten für unfer Licht ! Sie ſchmau— 
hen dabei behaglich ihre Pfeifchen. 
Aber auch eine commerzielle Seite hat 
das Bölflein. Da huſcht ein Feiner 
ſchwarzbärtiger Jude herum, der ſchließt 
allerlei Geſchäfte ab. 





„Nu,“ ſagte ber Führer zu bie- 
ſem, „wie gehts, lieber Freund ? Woll- 
ten Sie mir ein Pferb verjchaffen ?“ 

„Barum denn nicht?“ entgegnete 
der Mann interefirt, „aber weshalb 
nur eins? Mit zweien fährt ſich's beſſer.“ 

„Das zweite befige ich ſchon.“ 

„Ab jo. Na, ich weiß einen präch— 
tigen Schimmel, Herr.“ 

„Wie theuer ?* 

„Fünfzehnhundert Millionen.“ 

„Ei, das finde ih wohl etwas 
viel.“ 

„Aber Sie kriegen einen Gifen- 
Ihimmel, der jprechen kann!“ 

„Zweihundert Gulden biete ich!“ 

Da hob der Jude fchon bie Hand 
zum Einhlagen: „Dreihundert!“ 

„Topp 


Ein J gemüthlich dreinguckender 
Greis freute ſich, uns mittheilen zu 
können, daß er der Großonkel des 
Königs von Baiern jei. Ein anderes 
altes Männlein mit Adlernaſe und 
grauendem Vollbart war ber Prinz 
von Salerno. Momentan vergaß er 
faft auf feine Würde und ftellte fich 
den Anderen gleich; als ihn aber un= 
jer Führer daran erinnerte, warf er 
fih gewaltig in die Bruft, ertheilte 
ung kurze Aubienz und entließ uns 
mit einer leichten Hanbbewegung unb 
einem gnäbigen: „Grüß Sie Gott!“ 

In einem andern Saal fanden 
wir einen jungen Mann eifrig mit 
Schreiben beſchäftigt. Er war Schrift: 
fteller und zeigte auf unjer Verlangen 
mehrere Manuffripte. Ein Roman — 
die Sprache war gewählt, die Gedan— 
fen waren logiſch, die Handlung ließ 
fih fehr jpannend an, Der Schrift: 
fteller freute ih an dem wahrhaft 
aufrichtigen Lobe, das wir ihm zollten 
und er nidte dankend mit bem Haupte. 
Vor ihm lag ein offenes gebrudtes 
Bud; wir fragten, ob er daraus ftu- 
dire. Ja, meinte er, aus dieſem Buche 
jchreibe er eben feine Erzählungen ab. 

„Daß er's geſteht,“ jagte mein 
Gefährte, „das iſt an dem bie Narr: 
beit.“ 


526 


Dort ſteht ein jchlichter, achtzig:| 


Auf feine Frage, was es Neues 


jähriger Greis, mit treuherzigen Augen | gebe, theilte ihm unjer Führer mit, 
blidt er uns an. Den haben die Wei: daß bie Wirren in der Türkei immer 


ber zum Narren gemacht noch in fo 
jpäten Tagen. Sie verfolgen ihn, jebe 
will ihn haben. Er wußte ihnen nicht 
mehr zu entlommen, und fo fei er 
(nach eigener Ausfage) in's Irrenhaus 
geflohen. — Dabei glättet er forg- 
fältig feine grauen Haare und qudt 
verftohlen in feinen Taſchenſpiegel. 
Plöglih, ald wir jo durch die 
Säle jchritten, bemerkte ih, wie Einer 
mit feinem Tafchentuche meinen Rod- 
ärmel abwiſchte. Ich müſſe, meinte er, 
unverjehend an die Mauer geitreift 
jein. Hierauf ſah er mir und meinem 


noch nicht beendet wären und daß auch 
der neue Sultan Spuren von Irrſinn 
zeige. 

„Oho!“ rief der Irre und machte 
eine Miene des Bedauerns. 

„Bielleiht wären Sie 
Sultan zu werden?“ 

„Warum denn nicht? Ich würde 
die Türkei mit Ungarn und Defterreich 
vereinigen und mit einer ſolchen Macht 
* ſich ſchon gegen die Ruſſen zie— 
en.“ 

Man möchte eine ſolche Entſchie— 
denheit und Klarheit in den politiſchen 


geneigt, 


Begleiter in's Geſicht, verwunderte ſich Ideen nur auch den europäiſchen Ca— 


und ſagte: „Ja, die Herren muß 
ich kennen! — Das iſt der Dichter 
Hamerling. — Und dieſer Herr? Jetzt 
iſt mir nur im Augenblick der Name 
entfallen; ei, das iſt ja unſer guter 
— mein lieber Landsmann Roſegger!“ 

Jetzt war das Verwundern unjer: 


ſeits. 
„Ei freilich,“ ſagte er, „ich kenne 
die Herren nach der Photographie.“ 
Der Mann mochte fünfundvierzig 
Jahre zählen, hatte einen halb bäuer— 
lichen Anzug, einen hübſchen Vollbart 
und ein recht intelligentes Geſicht. Im 
Raabthale war er daheim. Wir wur— 
den näher mit ihm bekannt und er er— 
zählte uns von ſeinen beiden Frauen. 
„Aber das Geſetz geſtattet ja zwei 
Frauen nicht!“ wendeten wir ein. 
„Ei,“ meinte er, „der Kaiſer ſelber 
befigt mehrere Frauen, nur heißen fie 
Hofdamen. Und was foll ih denn 
machen?” meinte er, „wenn ich Un- 
garn und Steiermark regieren muß, 
fo brauche ich auch zwei Frauen, eine 
für Steiermark und die Andere für 
Ungarn. Ich will überhaupt die Hälfte 
bes Ungarlandes mit deutihen Män— 
nern bevölfern, denn bie Ungarn find 
faule Leute, Liegen halbnackt auf ihren 
Puften herum und man fieht ja an 
ben vielen Haiden und Sümpfen, was 
das für ein verwahrlofte® Land ift.“ 


bineten wünfchen. 

„Sagen Sie mir, Lieber, in wel: 
hem Jahre waren Sie in Egypten?“ 
fragte der Führer den Mann. 

Da legte er feinen finger auf die 
Stirne und jann: „Das war im Jahre 
Vierundvierzig — nein, doch nicht, — 
Neunundvierzig, Fünfzig, im Jahre 
Einundfünfzig war es, als ich mit 
Pio Nono Egypten bereift habe.” 

„Was Taufend, Sie find mit Pio 
Nono befannt ?” 

„Er ift ja mein Bater”, verſetzte 
der Raabthaler leife. 

„Aber Sie haben doch erzählt, daß 
Ihr Vater im Naabthal lebte?“ 

Da trat er einen Schritt näher 
zu und und flüfterte: „Ich habe zwei 
Bäter und eine Mutter. Meine Mut- 
ter foll eine jehr hübjche Frau geme- 
jen fein; mein Vater, heißt das, ber 
Ziehvater, ift mit ihr einmal nach Rom 
gegangen“ — und alles Weitere hat 
er in ganz logiihem Zufammenhange 
erzählt, hat mit großer Ruhe und Ge 
wandtheit bie Widerſprüche ausgegli- 
hen, in bie er mitunter verwidelt war 
und wir famen barüber in’s Reine, 
daß der Mann fein Lebtag her ein 
ercellenter Fabelhans gemwejen ſein 
mußte und daß er ſich ficherlih auch 
unter ben Narren recht gut unterhalte, 
infofern er fein Bublitum findet. Sein 


527 


Letztes an ung war bie Bitte um einen 
Ausflug in die Stabt. 

Unſer Führer theilte mit, daß ber 
intereffante, Fräftig ausfehende Mann 
an Gehirnerweihung leide und mur 
mehr kurze Zeit zu leben habe. 

Und zwiſchen ſolch emfig gefchäfti- 
gen, gejelligen Naturen wandeln und 
huſchen melancholiſche, finftere, unheim: 
liche Geftalten, die mit Hab hinbliden 
auf jedes Lächeln der fremben Be: 
jucher, welche ihr Leben in freier Welt 
genießen können unb die vielleicht nur 
gefommen find, um aus Neugierde bag 
namenlofe Elend der Mitmenfchen zu 
ſchauen. 

Und wahrhaftig, ich wollte einmal 
auch ſolche Narren ſehen, die man ein: 
geiperrt hält, wähnend, daß fie unter 
ihres Gleichen wieder vernünftig wer: 
den wiürben. 

Das außerhalb des Hauptgebäubes 
liegende Benfionat ift für „Leute von 
Stand“, bietet Hübjche ſeparate Woh— 
nungen, Babelammern, Speijefäle ıc. 
unb erinnert in feinen Einrichtungen 
an das Hotel eines Eurortes. 

Nahezu drei Stunden hatte die 
Befihtigung der großartigen Anftalt 
gedauert und noch hatten wir nicht 
Alles gejehen. Da übrigens der An: 
blid der Unglüdlichen jelbft, beſonders 
der Tobjüchtigen, ein überaus trauri- 
ger, ja peinliher und das Gemüth 
erſchütternder ift, jo bleibt der Beſuch 
einer ſolchen Anftalt eine jehr ermü—⸗ 
dende und mur für ftarfe männliche 
Nerven geeignete Aufgabe. Die weib: 
lie Neugier jollte von biefen Räu— 
men jo gut wie von Gerichtöverhand: 
lungen, Hinrichtungen u. dgl. ausge: 


ichloffen fein. Zu empfehlen wäre ber 
Beſuch vielleiht nur den Nerzten und 
etwa den Dichtern und Malern. Leb: 
tere könnten bier die Leidenfchaften 
ftubiren unb eine Galerie von Cha: 
takterföpfen fi Holen. Auch das 
fommt in Betradt, daß ein blofes 
Durdeilen der Säle ohne Nugen wäre 
und die Kranken meift durch entgegen: 
fommende Fragen eines Kundigen auf 
die Aeußerung ihrer firen Ideen u. 
j. w. gebradht werden müffen, jo daß 
die Befichtigung mit Zeitverluft und 
einer großen Bemühung des Füh— 
rers verbunden ift, welche nicht oft 
in Anſpruch genommen werben kann. 

So vorzüglich die Anftalt organifirt 
zu jein und verwaltet zu werben jcheint, 
jo gelingt ihr die Heilung doch nur etwa 
bei 17 Perzent ihrer Kranken. Früher 
bat man Narrenthürme gehabt, deren 
Namen Schon darauf hinweift, daß man 
in biefelben die Unglücklichen nur warf, 
um fie unfhädlih zu madhen! Die 
Heilanftalten der Irren find eben eine 
noch zu neue Einrichtung, als daß fie 
fih jchon tief genug in das Vertrauen 
der Bevölkerung eingebürgert hätten. 
So kommt es, daß meift nur unheil⸗ 
bare Kranke in die Anftalt geſchickt 
werben und jo fommt es wieder, daß 
diefelbe jo Wenige dem Leben mieber 
zurüdzugeben vermag. 

An demfelben Morgen, an welchem 
wir erjchütterten Gemüthes das Haus 
der Schatten durchzogen, lag in ber 
Tobtenfammer der Anftalt unter ber 
ftillglimmenden Ampel ein Erlöfter, 
der jahrelang mit jeinen finfteren Dä- 
monen rang unb ben bie legte Nacht 
endlich eingeführt hatte zum ewigen 
Lichte. 


528 


Aus der Weinflube. 


Bon Hieronymus Form. 
Als Student der Medicin wohnte | büftern Schatten über das Gemüth, 


ih in Wien in der Alfervorfiabt und 
für mein Leben hat mir biefer Bezirk, 
wie er damals beichaffen war, ein 
geheimes Grauen eingeprägt. Freilich 
hätte ih gleich anfangs erkennen 
müſſen, daß gerabe bie Fähigkeit, von 
ber äußeren Bejchaffenheit der alltäg- 
lihften Dinge und Vorgänge jo 
mächtig nachwirkende und über meinen 
ganzen Lebensgeift entſcheidende Stim- 
mungen zu empfangen, mich nicht für 
eine Kunft tauglich mache, die, wie 
die Heiltunft, das Schredlichjte und 
das Widerwärtigſte mit Gelafjenheit 
zu behandeln und zu bemältigen hat. 

Wodurch aber gerade dieje Wiener 
Vorftabt jo grauhaften Eindrud auf 
mich übte, ift Jedem leicht erklärlich, 
ber fie fennt. In ihr drängen fi 
die an ſich jo herrlichen Inſtitute zu— 
jammen, welche aufopfernde Menfchen: 
liebe dazu beftimmt bat, ben bem 
Eulturleben geopferten Eriftenzen, dem 
Menjchenelend in feinen mannigfachen 
Geftalten eine helfende oder rächenbe 
Ausgleihung zu fein. Hier hat jeber 
Sammer fein beſonderes Haus. Da 
gibt es ein Strafhaus, ein Gebär: 
haus, ein Findbelhaus, ein Sranfen- 
haus und ein Narrenhaus. Was thut's, 
daß alle diefe Stätten der Traurig: 
feit, mit ben Augen ibealer Betrach: 
tung angejehen, das Herz freudig 
erheben jollen, weil fie Zeugen 
und Zeugniffe find, daß die Humani- 
tät ben tüdifchen Dämonen, welche 
unaufhörlid aus dem Schoß der 
Natur und des Schickſals hervorbre- 
hen, mit fiegreiher Gewalt einen 
Damm gejeßt hat? Vor den realen 
Augen erjcheint nur das Tückiſche 
und Dämonifche felbft, welches jene 
Inſtitute Hervorrief, und breitet jo 


daß einem jenfiblen jungen Menjchen 
der ganze Erbenbau wie eine Zwangs— 
arbeitsanftalt vorkommen fann. 

Mit folder Anſchauung und Stim- 
mung jchrieb ich einem ältern Freunde, 
der feine erjte ärztliche Thätigfeit im 
Gebärhaufe verrichtete, in fein gold: 
berändertes Stammbuh bie Worte: 
„Geburt der Ereatur ift ſchwer und fdhmer- 

zensboll — 
Wer kennt und nennt den Schmerz, dem 
diefe Welt entquoll ?“ 

Allein jelbft ganz und gar ums 
fangen von einer jo büfteren Welt: 
betradhtung, leugnete ih mir ſchon 
damals nicht, daß, wenn es fraglid) 
ift, ob das Leben den Beſitz und bie 
Möglichkeit des Glüdes enthalten 
fönne, doch nimmermehr daran zu 
zweifeln jei, daß es der Freuden 
viele enthält. *) Das Glüd ift ein 
Dbject, welches als folches, nämlich 
greifbar wirklich, nirgends gefunden 
werden fann; die Freude ift ein 
Empfinden, zu weldem eine fub- 
jective Menfchennatur unter allen, 
jelbft unter den miferabelften Umftän- 
ben, präbisponirt fein fann. Ich aber 
fand in jener unglüdlichen Zeit und 
in jenem traurigen Stabtbezirf meine 
böchfte Freude dort, wo auch die Ge- 
meinbeit ihre niebrigfte findet : in ber 
Meinftube. 

Das Trinten fann ein Laſter wer: 
den, welches den Menjchen unter das 
Vieh berabjegt, ift ein alter morali- 
ſcher Erfahrungsſatz, an deſſen Ric: 
tigkeit nichts weiter auszuſetzen iſt, 
als daß damit das Thier zum Grab- 


) Bl. Emerih du Mont: „Der 
Fortſchritt im Lichte der Lehren Schopen- 
bauer’8 und Darwin’s. (Leipzig. 1876. Brod- 
haus.) 


529 


mejler der Verachtung gemacht wird. |zu empfinden vermag. Wenn bieje 
Ich habe überhaupt niemal3 begrei: | Gejellichaft die richtige ift, dann ge: 


fen können, wie ber Menſch 
dreiften mag, ben natürlichen Nah: 
rungsgenuß des Thieres, das hierin 
das zukömmliche Maß einhält, mit 
den gewöhnlichen Bezeichnungen „frei: 
jen“ und „ſaufen“ zu belegen, bie 
doch ausjchließlih auf die unnatür- 
lihe Völlerei der Menjchenbeftie an: 
wenbbar wären. So wenig aber wie 
in ber Orgie, liegt in der bloßen 
Stillung eines Teiblihen Bebürfnifjes 
das poetifche Geheimniß der Wein: 
ſtube. Der Weingenuß felbft, er mag 
noch jo groß fein, ift niemals für 
fih allein Schon das Paradies, er ift 
blos der Schlüffel, der es auffperrt. 
Ich kenne einen gereimten Weinſpruch: 
„Der Weiſe fieht behaglich, darf er beim 
Glaſe ruh'n, 
Die Schöpfung auf der Spitze der eig'nen 
Naſe ruhn.“ 

In der That, ſo weit die Naſe 
beim Trinken reicht, iſt die Welt von 
Rebenduft erfüllt, was ihr gewiß eine 
Art Berechtigung gibt, für die beſte 
aller möglichen Welten zu gelten. Bei 
ſolchem Schwung des Gemüthes ver— 
liert ſogar der Gedanke an den Tod 
ſeine Schrecken; er hat nur noch das 
einzige Fürchterliche, daß man als 
Leiche nüchtern bleiben muß; doch wie 
man auch beim Trinken über Leben 
und Tod denke — jedenfalls liebt 
man das Volle und gewinnt darauf 
einen natürlichen Abſcheu gegen das 
Leere, gegen das leere Wünſchen, wo— 
mit man ſich ſo oft den Genuß des 
Augenblicks verleidet, vornehmlich aber 
gegen die leere Phraſe, die man da— 
bei von Andern nicht hören will, ge— 
ſchweige denn, daß man ſie zum Ge— 
noſſen des Weines machen und mit 
ihm zugleich in den Mund nehmen 
möchte. 

Solchen Zuſtand negativer und 
poſitiver Weisheit bringt jedoch das 
Trinken nur hervor, wenn es kein ein— 
ſames iſt, ſondern in einer Geſellſchaft 
ſich vollzieht, die in gleicher Weiſe 


Rofegger’s „‚Heimgarten‘‘ 7. Heft. 


fih er- nügt e8 auch, daß fie zufällig nur 


aus einem einzigen Menjchen beftehe. 
Eine ſolche fand ich damals in dem 
nun vergefjenen, verjchollenen Schrift: 
fteller J. P. Lyfer. 

Wenn ih wüßte, aus welcher 
Schänfe er zulegt binausgeworfen 
wurbe, jo fönnte ich mich erkundigen, 
ob er wirklich bei diefer Gelegenheit 
das Leben verlor. Denn obgleich fein 
Name ſchon vor ungefähr dreißig 
Jahren in ber Lifte ber Verftorbenen 
zu lefen war, jo will e8 mich doch 
bebünfen, er brauche eine jo lange 
Reihe von Jahren nur, um den größ: 
ten feiner übermächtigen Räuſche aus: 
zujchlafen. 3. P. Lyſer war allerdings 
tief unter die Linie der Weinftuben- 
Poefie hinabgefunfen. Ein Talent in 
jeiner Art wie in ihrer Art Ort— 
lepp, Fritz Reuter, Griepen-: 
ferl, war er mit ihnen ber Vierte 
im Bunde befannt gemwordener Dich: 
ter, auf die ber lebenzerjtörende Dä— 
mon auf dem Grunde bes Glafes 
eine unmiderftehlihe Anziehungskraft 
übte. Ihm aber mag zur Entjcehulbi- 
gung dienen, daß fich ihm das phy: 
ſiſche Gebrechen der Taubheit zu lin: 
bern jchien, wenn fih der Geift bes 
Meines in die myftiihen Gehirnfunc- 
tionen der Gehörsnerven mijchte. 

Mozu aber überhaupt eine Ent: 
Ihuldigune für einen Dichter, ber 
ganz feiner Natur folgte und dem 
die Welt, ob er nun den Genius ober 
den Satan in fich lebendig werden 
ließ, nicht das Geringfte leiftete, was 
ihn hätte ftügen, warnen, erheben 
oder auch nur retten können! Das 
Talent ift au ſchon unter gewöhn— 
lihen Umftänden die Vorbeſtimmung 
zum Berwürfniß mit dem Leben. Der 
Dichter und die Welt find zwei Fac— 
toren einer immerwährend fich abjpie: 
lenden Tragödie. Dem armen Lyjer 
war die Welt noh am günftigjten 
in Geftalt der Vorwelt, die ihm 
manchen guten Stoff geliefert; die 

34 


530 


Mit welt aber hatte ihn gänzlich ver: 
nachläſſigt und die Nachmelt hat ihn 
vergeſſen. 

Wenn ihn der Wein geſprächig 
machte, dann ward ihm ſelbſt die 
Welt, die ihn noch umgab, zu einer 
Vorwelt. Denn er lebte in großen 
Erinnerungen, weil ſie Begegnungen 
mit großen Menſchen betrafen. Der 
Mittelpunkt dieſer Erinnerungen war 
wieder eine Weinſtube, die mehr durch 
ihre Gäſte, als durch ihre Getränke 
berühmte von Lutter und Wegener 
in Berlin. 

Bis in das Yahr 1821 reichten 
die ſchönen Reminiscenzen Lyfer’3 zu: 
rüd. In jenen Tagen bes auf bie 
jogenannte „Befreiung“ Deutjchlands 
gefolgten NReftaurationd:Schlafes, wel: 
her keineswegs bie Kräfte des Volkes 
oder des Staatslebens überhaupt, fon: 
dern nur die Kräfte der Polizei und 
der politiihen Reaction reſtaurirte, 
hatte der Romantiter E. T. A. Hoff: 
mann, ber von einem bämonifchen 
und ſeurrilen Humor bejeelte Novellift, 
den Bund der Serapionsbrüber ge: 
gründet, welchem fein fpäterer Bio- 
graph, der Criminalrath Hilzig, 
die Dichter Chamiffo und Fouque 
u. A. angehörten. Zu ihnen gejellte 
fi auch) bei Lutter und Wegener der 


verlor. Aus der gangen Art ber aus: 
geführten Scherze und vworgebrachten 
Reden gewahrte man die Einwirkung 
der Shateipeareihen Schänter-Scenen 
in Heinrich IV. 

Karl Hatte, eine Flafche bringend, 
auf irgend eine Frage eine barmloje 
Antwort gegeben, ald ihm Hoffmann 
einrebete, bie Antwort hätte eine po- 
litiſche Anſpielung enthalten. Eine 
ſolche Zumuthung teichte in bamaliger 
Zeit Hin, aud einem minder Einfäl- 
tigen über ben Spaß zu gehen; Karl 
aber gerieth barüber in Höllenangit, 
befonder3 weil Hoffmann beim Kam: 
mergericht angeftellt war. 

„Man hat es ausgefundichaftet, 
fagte Hoffmann, Du haft etwas Dema- 
gogiſches gedacht, Du bit ein 
Marquis Poſa.“ — Und Devrient 
half wader mit, den Beweis für die 
unausgeſprochenen politischen Gedanken 
des Kellners zu erbringen. 

Dieſer ſchwur mit weinerlicher 
Stimme, daß er niemals an etwas 
Anderes gedacht, als an die unbezahl: 
ten Schulden der Gäfte ; aber Hoffmann 
rebete ihm vertraulich zu, im Tone 
des guten Rathes, ſich gleich am nächften 
Morgen auf das Bureau des Eriminal- 
rathes Hilzig zu begeben. Diefem war 
natürlich die Geiſtesbeſchaffenheit Karl’3 


große Ludwig Devrient, der Erfte jehr wohl bekannt, Hoffmann aber 
und Berühmtefte dieſer Schaufpieler: | jagte: „Du bift verloren, wenn Du 


Dynaſtie. 

Lyſer wußte mir viel von einem 
Abend zu erzählen, den er in eigener 
Perſon mitgemacht, von einem Abend 
bei Lutter und Wegener, als von 
den Serapionsbrüdern nur Hoffmann, 


nicht dem Criminalrath morgen aus 
freien Stücken den Schwur ablegſt, 
daß Du niemals eine Satyre gegen 
politiſche Angelegenheiten, niemals ein 
witziges Pamphlet über die Lage 
Europa's im Allgemeinen verfaßt haſt. 


aber außerdem ber nie fehlende Dev: | Du kannſt Dich dabei auf mich berufen, 
rient anwejend war. Den Kreis um ich bin erbötig, wenn es nöthig if, 
biefe Beiden ſchloſſen nebſt Lyſer be= | Dir dies zu atteftiren.“ 


freumbete Lebemänner ohne berühmten 
Namen. 

Den erften Gegenftand der Be: 
Inftigung bildete der Kellner Karl, 


Der Kellner gerieth über diefen 
Vorſchlag in ſolches Entjeken, daß er 
laut nad feinem Herrn um Hilfe 
tief. Der Weinwirth Rutter erſchien 


ein jo einfältiger und gutmüthiger und ohne noch zu willen, um was es 


junger Burjche, daß Alles mit ihm 


vorgenommen werben Eonnte, ohne daß 


er den Spaß merfte ober die Gebuld 





fih handelte, beſchwichtigte er feinen 
Karl mit den Worten, die unter allen 
Umftänben zutreffend waren: „Du bijt 


Bl 


ein Schafskopf.“ 
ſich beruhigt. 


Und Karl entfernte 


Mit dem Weinwirth hatte es ein haft zu bleiben vermocht hätte. 


eigenes Bewandtniß. Er war ein rüjti- 
ger Mann, aber nit mehr in ben 
beiten Jahren hatte er fich eine junge 
Frau antrauen laffen, die er mit ber 
argwöhnifcheften Eiferfucht hütete. Nie- 
mal3 durfte fie vor ben Gäften er: 
ſcheinen. Hoffmann's Gefichtmusfeln 
zuckten eigenthümlih, den Freunden 
ein Zeichen, daß ſeine Weinlaune ihn 
nicht geiſtig ruhen ließ, als Lutter 
erſchien. In gutmüthiger Weiſe gab 
ihm Hoffmann den Rath, ſich nicht 
zu feſt darauf zu verlaſſen, daß Karl 
wirklich ein Schafskopf ſei, ſondern 
eingedenk deſſen zu ſein, was ſich vor 
nicht zu langer Zeit in Bamberg be— 
geben habe. 

Natürlih wurde nun Hoffmann 
von allen Seiten anfgeforbert, dieſe 
Begebenheit zu erzählen. Ganz in ben 
malerifchen Formen, bie er dem Schau: 
plat feiner Novellen ſtets zu geben 
wußte und mit der gleichen Einflech— 
tung ſatyriſcher Züge ſchilderte er nun 
bas ſüddeutſche Bamberg, die Gemüth- 
lichkeit der Bewohner, die gerne lachen, 
wenn fie Einen finden, der dümmer 
ift als fie, ma3 nad der Bemerkung 
Hoffmann’3 nicht ansfchließen fol, daß 
Jemand felte lache, und verlor fi) 
in das Bild eines alten Weinwirthes, 
der ein ſchmuckes Mägdlein heimführte. 
Rofa hieß es, und Rofa wurde heim— 
lih geliebt von einem jungen Men- 
chen, der fich ihr niemals erklärt hatte, 
den fie gar nicht kannte, der aber, als 
er erfuhr, daß fie ihm plößlich weg— 
eheiratet worben, ben finfteren Plan 
ämiebete, fih bei dem Weinwirth als 
Kellner zu verdingen, um unter der 
Maske der einfültigften Schafsföpfig- 
feit die Fran zu verführen und bas 
Haus zu Grunde zu richten. 

Wer weiß, was die Wirkung ber 
graufigen Schilderung auf Lutter ge- 
wejen wäre, wenn Hoffmann bei dem 


Uebermuthe, der mit dem Wein zu: 


| gleich in ihm glühte und ſprühte, ernſt— 


Er 
bejchrieb, wie der Weinwirth zu ſei— 
nem Entjegen plöglih den Verſtand 
des Kellners entdeckt, wie biefer, fich 
eutdeckt und in Gefahr fehend, eine 
Pijtole aus dem Bufen zieht und auf 
feinen Seren anlegt, wie da die Frau 
mit einem Schrei an die Bruft ihres 
bedrohten Mannes ftürzt, nun aber 
es fi herausftellt, daß der Kellner 
fid vergriffen und ftatt der Piſiolo 
eine halbe gejtohlene Salamiwurft aus 
dem Bufen gezogen hat. 

3. ®. Syfer Hat diefe Gefdhichte 
als eine fehr ernfthafte und ausführ: 
liche Novelle aufgefchrieben mit ber 
Angabe, daß er he aus dem Munde 
Hoffmamı’3 bei Lutter und Wegener 
vernommen hätte und mit einer vor: 
bergehenden Charakteriſtik diefer Wein: 
ftube. Doc weder Charakteriftit noch 
Novelle kömmt dem Werth feiner münd- 
lichen Mittheilung gleih, ſoudern 
ichleppt fih mit überflüffiger Breite 
dahin. Die Aufzeichnung erſchien noch 
zu feiner Lebenszeit in einer nun längft 
wie er ſelbſt verſchollenen und ver: 
geffenen Zeitung. 

Der Tiebenswürdige Friedrich 
Schlögl, der in feiner Art einzige 
Miener Humorift, zufällig untewrichtet, 
dab ih an Allem Intereſſe nehme, 
was die Gefchichte der Weinftuben und 
namentlih bie von Zutter und Wer 
gener betrifft, hat mich auf jeme Hei- 
tung aufmerkſam gemadt, Sie hieß 
„Der Salon”, wurde von Sigmund 
Engländer herausgegeben, erſchien in 
Wien in ben legten Tagen be3 Bor 
märz und ging nad ber Publikation 
weniger Nummern zu Grunde. So ik 
fie eine jener wehmuthavollen Gegen- 
Hände, die man gerne im Halbdunkel 
des von Neben burchbufteten Raumes 
beſpricht und wird mir darum vielleicht 
Anlaß geben zu einer newen Mitthei- 
fung aus ber Weinftube. 


34* 


532 


Derkehrte Welt. 


Aus den Ereigniffen des Jahres 1848, Von Freiherrn v. Helfert. 


Die Zeit feit 1815 war die Aera 
der Regierungen, mit dem März 
1848 jchien jene ber Völker ange- 
brodhen zu fein. Uber in welchem 
Buftande fand fie biefelben! Im erften 
Taumel meinten freilich nicht wenige, 
nun müſſe das goldene Zeitalter herein: 
breden. „Ya, Defterreich ift frei von 
Heuchelei und Kriecherei”, rief einer 
der Märzjubler aus, „frei von ber 
gräulihen Hydra Genjur, frei vom 
geiftesmörberifchen Terrorismus ber 
Bureaufratie, frei und taujendmal 
frei von Corruption, von unreblichen 
Minijtern, von jervilen Speichel— 
ledern!” Derlei Hymnen wurden ba- 
mals an allen Orten angeftimmt, und 
es gab vielleicht in ber That folche, 
die im vollen Ernft meinten, daß Die 
Welt ih mit einem Schlage ändern 
lafje. Vorderhand mußte ein großer 
Theil der Leute nicht im entfernteften, 
um was es ſich eigentlich handelte. 
„Cenſur“, „Bureaufratie”, „Sonftitu- 
tion” waren der großen Maſſe unge: 
hörte Worte und verknüpften fich in 
ihren Köpfen mit den fonderbarjten 
Begriffen. In einer von vielen Eleinen 
Tuhmadern bewohnten Stadt Böh- 
mens illuminirten die Leute auf bie 
Kunde von der erlangten „Preßfrei- 
beit” aus freien Stüden; fie meinten 
es würde jegt mit ben Privilegien der 
neu eingeführten Preßmaſchinen, bie 
ihr Gewerbe jo drüdten, ein Ende 
haben. Die Hauersleute in den öfter: 
reihifhen Weingegenden dagegen mein: 
ten, fie würden mun „frei preſſen“ 
können, ohne davon den Zehent ab: 
führen zu müffen, während ihre Nach: 
barn, die Bauern im Flachland, neidiſch 
ſeufzten: „Was nügt uns Preßfreiheit, 
wo wir feinen Weinbau haben?” Be— 


fannt find bie taufenderlei Mißver- 
ftändniffe, zu benen das Loſungswort 
der Freiheit Anlaß gab. Sie feien 
jeßt „frei“, meinten die Leute, und 
fönnten daher thun, was fie wollten. 
„Eine jaubere Freiheit, wenn man . 
nicht einmal einen Raufch haben darf“, 
tief ein Betrunkener, an den eine 
Patrouille Hand anlegte. Ein böh— 
mijcher Haufirer, dem fein Weib „ſchon 
lange nicht gefiel“, meinte, er könne 
es nun ohne weiters fortichiden und 
fi ein anderes nehmen, und war fehr 
betroffen darüber, als man das in 
einer Zeit der „Freiheit“ nicht gelten 
lafjen wollte. Eine der verbreitetiten 
Anwendungen ber neuen „Freiheit“ 
betraf das gutsherrliche Wild, nament: 
ih Rebhühner und Hafen. 

Selbſt nicht ganz ungebildete Leute 
hatten von Dingen, in welche darein 
zu Sprechen fie feinen Anftand nahmen, 
die jondberbarften Vorftellungen. Syn 
der Zeit, da über Wuhlreht und 
Wahlordnung viel bebattirt wurde, 
rief jemand mit dem Ausdrude eines 
Menſchen, der den Nagel auf ben 
Kopf getroffen: „Wir haben ja bie 
Genfur vom Hals, und jegt wollt ihr 
wieder einen Cenſus einführen 2” 

Derlei Mifverftändniß und Wider: 
finn waren befanntlich ſchon zur Zeit 
der erſten franzöfiihen Revolution 
vorgefommen; fie werben überall 
wieberfehren, wo ein lange in poli- 
tiſcher Unthätigkeit gehaltenes Wolf 
mit einemmal aus den engiten Schran: 
fen in einen Zuftand volljter Unge— 
bundenheit verjegt wird. Wenn es 
nicht in der Natur des Menjchen ge: 
legen wäre, über die Linie des Rechten 
und Schidlihen, wo ihm Gelegenheit 
dazu geboten ift, binauszugreifen, jo 


533 


hätte es nicht eine® ber Meifen 
Griechenlands beburft, ihm die Mah— 
nung zuzurufen: Halte Maß in allen 
Dingen! Wer bie Macht in Händen 
hat, macht davon, wie ber Lauf bie: 
jer Welt ift, häufiger mwillfürlichen 
Mißbrauch als weifen Gebraud. In 
gewöhnlichen Zeitläuften find es bie 
Völker, die über ihre Regierungen 
Hagen, in aufgeregter Zeit ift das 
Berhältniß umgekehrt: die Maffen 
ſcheinen fi dann dafür ſchadlos halten 
zu wollen, daß fie fi fo lang in 
Zaum und Zügel gebannt jehen muß: 
ten. Es gilt dann, fo raſch als mög: 
ih alle Arter von Mißbräuchen, 
wahren oder eingebildeten, abzufchaffen ; 
aber dem Mißbrauch im Großen find 
Thür und Thor geöffnet. So kam 
es auch im Jahre 1848, und bie 
cenjurzbefreite Preſſe half in allen 
biefen Dingen getreulih mit. Die 
pöbelhafteften Ausfälle auf bie ge: 
jtürzten Größen mifchten ſich unter die 
eriten von reiner Freude durchglühten 
Kundgebungen der ſchönen Märztage. 
Von da ſchien die Ausgelaffenheit von 
Mode zu Woche im AZunehmen zu 
fein. Mit erfchredender Fruchtbarkeit 
wucherten Giftpflanzen und Unkraut 
aller Art aus dem üppigen Boben 
hervor, die, wenn nicht bei Zeiten 
Maßregeln dawider ergriffen wurben, 
alle ebleren Reifer zu erftiden brohten. 
Mit Ekel wandten fih alle befleren 
Naturen von diefem Treiben ab und 
verlangten laut, daß ihm Einhalt ge: 
ſchehe. Noh in den Märztagen trat 
eine Anzahl Wiener Buchhändler zu: 
jammen, die einander Hand und Wort 
gaben, keinerlei Schmähjchriften an 
das Licht der Deffentlichfeit zu be: 
jördern und fi von jedem entwür— 
digenden Mißbrauche des neuen con- 
jtitutionellen Geſchenkes fernzuhalten. 
Auch die Regierung wollte Ernft zeigen. 
In Pet wurde der Entwurf einer 
Vorſchrift zur Negelung der Preßver: 
hältwiffe publicirt, in Wien erfchien 
ein proviſoriſches Preßgeſetz. Allein 


aus ben Reihen der Betroffenen unb 
jelbft einzelne Schriftfteller von Ruf, 
denen man beſſere Einſicht zutrauen 
konnte, ſtimmten in den allgemeinen 
Lärm. „Um Gotteswillen, gebt mir 
meine liebe Cenſur wieder!“ rief 
Saphir, als er den ungariſchen Ent— 
wurf zuGeſicht bekam; und von dem Wiener 
Proviſorium ſchrieb Hammerſchmidt: 
„Am 1. April erſchien ein Geſetz ge— 
gen die Preßfreiheit.“ Mit der Auto— 
rität des letzteren war es nun ein für 
allemal vorbei und die akademiſche 
Jugend von Wien that nur, was von 
der um nicht vieles geicheibteren 
Mehrzahl reiferer Leute gebilligt und 
beklatſcht wurbe, als fie das neue Ge- 
fe öffentlich verbrannt. Man meinte 
eben auch dieje Art Freiheit ſo zu ver: 
ftehen, daß ihr feine Schranke geſetzt 
werben bürfe. In der That gab es 
nun faum ein Schugmittel, die frechften 
Angriffe gegen den ehrlichen Namen 
und die perfönliche Sicherheit Einzelner, 
gegen alle Grundlagen bes Gemein: 
wohls und der allgemeinen Sitte zu 
verhüten, und fand fi faum ein Ge: 
richt, fie zu ahnden und zu ftrafenn. 
Wie nah einem heftigen Gewitter 
aus dem Boden allerhand garjtiges 
Gethier ſich herausarbeitet, dem es 
nirgends wohler ift al8 in dem Schmuß 
der zurücgeblieben, fo tauchte, nach: 
dem das große politiiche Unwetter 
über Mittel-Europa dabhingefahren, 
eine Unzahl obfcurer Scribler auf, 
denen eben jo improvifirte Winfel: 
preſſen die Mittel boten, ihre unſaubere 
Waare an das Licht der Oeffentlich— 
feit zu bringen. Zur Kennzeichnung 
diefer Leute, deren primitive Muſe 
jelbft mit Grammatik und Orthographie 
auf geipanntem Fuße lebte, mag 
dienen, daß noch zu Anfang ber fünf: 
ziger Jahre, aljo zu einer Zeit, wo 
das Unweſen bei weitem nicht mehr 
in ſolchem Maße wucherte wie 1848, 
der Vertheidiger eines wegen Preß— 
vergebens angeflagten Redacteurs als 
ı Milderungsumftand deſſen „Mangel 


jegt erhob fi gemaltiges Befehrei | an Bildung“ vorzubringen wagen konnte. 


34 





Wenn fih bie Journaliftit gern für) der naive Kinderglaube eines Volkes 
die Führerin ber öffenlichen Meinung | fein Vertrauen auf das gedrudte Wort 
ausgeben möchte, jo war im Jahre zu jo ſchändlicher Unzucht des Geiftes 
1848 fider das Gegentheil davon ber | mißbraucht worden wäre, mie eben 
Fall. Der Zeitungen und — | bier.“ 

waren verhältnigmäßig wenige, die fih Wenn jemand behaupten wollte, 
von dem ernftlichen Beftreben leiten e8 fei im Jahre 1848 zu dem von 
liefen, fi über dem Schwalle der | Volksreimern und Volkspinſlern jo viel 
wire durcheinander wogenden Tages: variirten Schauftüde: „Die verfehtte 
meinmngen zu halten, ihrem Leferkreife | Welt“ mehr als eine neue Abart 
Anhaltspunkte zu richtigerer Auffaffung | geliefert worden, jo würde er fi 


ber auftauchenden Fragen zu bieten 
und ihn daburh im mahrjten und 
beiten Sinne aufzuflären. Die Mehr: 
zahl der Blätter und Blättchen, deren 
in der heißeften Zeit jeden Tag neue 
auftauchten, von Zeuten in die Hand 
genommen, die, ohne ernftere Grund- 
jäge und Anftanbsgefühl, dem bloßen 
Broderwerb nachgingen — „Bauch— 
rebner könnte man fie nennen“, wie 
jemand bemerfte, — fröhnte den 
Leidenſchaften des Tages, höhnte jedes 
ſchüchterne Wort, das ſich gegen bie: 
jelben im Sinne der Ordnung hervor: 
wagte, lärmte mit, wenn auf der 





feiner Berfündigung an ber Wahrheit 
Ihuldig machen. Es hatte das jeine 
lächerlichen, e8 hatte aber auch jeine 
tiefernften und bedauerlichen Seiten. 
Mas in geregelten Zeitlänften bei Be- 
handlung öffentlicher Angelegenheiten 
fich beſcheiden zurüchalten muß, weil 
ihm ans triftigen Gründen die Eig- 
nung dafür nicht zuerkannt wird, das 
wurde im Jahre der Verwirrung in eine 
Neihe geftellt mit ben ſachgemäß Be 
rufenen, ja bevorzugt vor diefen, wo 
nicht gar mit ausfchließlichen Geredht: 
jamen auägeftattet. Oder war es et: 
was anderes als ein Stüd verkehrter 


Straße gelärmt murde, bewarf die Welt, wenn man jab, wie fi das 
Leute, denen das Gefinbel die Fenfter | Weib, gumider der Beftimmung, bie 
einfhug mit bem Unflath gemeinen | Natur und Sitte ihm angewieſen, in 
Schimpfes und Hohnes, fette alles |die Geſchäfte des Mannes mifchte ; 
Anfehen der tedtmäßigen Gemalten | wenn Frauen und Fräuleins in poli⸗ 
herab, und räucherte dafür wohldie- tiſche Clubs zuſammentraten und in 
neriſch det Maſſe, von deren zügelloſem unverſtandenen Phraſen über Dinge 
Treiben ſie lebte. Dieſe Art Preſſe | verhandelten, für deren Verſtändniß 
und die Gaffe waren wie jufammen: | ihnen alle Ruhe und Reife abging ? 
gewachſen, abwechſelnd die eine und | Spielten fie etwas anderes als eme 
die ambere oben und unten, gleich Art verfehrter Welt, jene „Damen“ 
Gymmnaften, die in einander verihlungen die, Striditrumpf und Kochlöffel bei: 
Purzelbäume fchlagen, nur daß bie |feite legend, fih die Muskete auf die 
legtern ihre Späße zur Erheiterung Achſel legten oder eine Hellebarde in 
des Publikums ausführen, während |die Hand nahmen und im närrijchen 
jene das ihrige zum Prügelfnaben Aufzuge mitten in einer ernften Zeit 
machten, ber früher ober fpäter dafür Fafmachtſpiele bei hellem Tage aufzu: 
zu leiden hatte. Adolf Pichler be: | führen fchienen? Es muß übrigens 
merft: „Man muß es geradezu fa: |bemerft werben, daß das Inſtitut 
gen, die Entwicklung gewiſſer Seiten | emancipirter Meiber bei uns feinen 
der Wiener Journaliſtik bleibt ein rechten Boden fand. Im Gegentheile 
unauslöſchlicher Schandfled in der der Wiener demokratische Frauenverein, 
Geſchichte deutſchen Lebens. Wir die Barricaden-Heldinnen, Die Amazonen 
haben weder in alten noch in neuen | der lebten Dctobertage und ähnliche 
Tagen ein Beifpiel, daß irgendwo | Auswüchle an andern Orten jchienen 


535 


mir da zu fein, um enbloje Garri- 
caturen und Wige, oft vom gröbiten 
Galiber, über fich ergehen zu laffen. 
So brachte der Wiener Punſch eine 
Blumenfprahe der Demokratinnen: 
„Aglei: Froh, ſchlampig verbuhlt — 
aber frei! — Nelke: Geſchwind, ehe 
ih ganz verwelle! — Schneeglödkhen : 
Auf der Barricade dort, im Unterröckchen! 
— Nachtſchatten: Das freie Weibhat tau- 
jend Gatten“ u. ſ. w. Auch in Deutich- 
lanb befam man bie Poſſen bald jatt. 
Der Berein demofratijcher Frauen in 
Berlin, in deſſen Ausfhuß eine reizenbe 
Brünette, Qucie Lenk, bie „Freundin 
Held's“ mitten in einem Kreiſe bereits 
tief im Sommer des Lebens befindlicher 
Colleginnen ſaß, wurde zuletzt durch 
Held ſelbſt geſprengt, der an der 
Spitze ſeines Anhangs in eine ihrer 
Sitzungen ſtürmte, ſich auf bie Neb- 
nerbühne pflanzte und herriſch erklärte: 
„Nun iſt kein Frauen-Club mehr, 
ſondern Volksverſammlung!“ 

Tief ergreifend als dieſe Aus: 
ſchreitung war eine anderer Art ſchon 
darum, weil dieſelbe von einem großen 
Theile der Bevölkerung jelbit gepflegt 
und gehätfchelt wurde. So mißgünftig 
das junge Yuftitut der Nationalgarde 
auf die alten Bürger-Corps blidte, 
die es als eine Ausnahme von der 
Negel allgemeiner und gleihmäßiger 
Volkswehrpflicht nicht weiter dulden 
wollte, jo bereitwillig räumte man ben 
Facultätsclaffen der ftubirenden Ju— 
gend eine Sonberftellung ein, die fie 
in allen Univerfitäts-Stäbten der Mon- 
arhie zu einer Art Corps d’Elite 
machte, uud die jungen Leute gaben 
ih dem Waffendienft, zu dem man 


Tage. Zu feiner Beit wurde daran 
gezmweifelt, daß die Jugend bie Zeit 
der Vorbereitung fei, um in reifern 
Jahren ihr Willen verwerthen zu kön— 
nen, und Daß es, wie Gicero’3 Aus: 
ſpruch lautet, die Drbnung verlange, 
baß erſt gehorchen lerne, wer bereinft 
befehlen wolle. Die Vorbilder des 
claſſiſchen Altertfums, auf die man 
in Zeiten politiſcher Aufregung in jo 
vielen Stüden hinzuweiſen pflegt, hatten 
in diefem Punkt von jeher nur eine 
Lehre. Bon einem der weijeiten ber 
Griechen wird berichtet, daß er feine 
Jünger zu fünfjährigem Schweigen 
verpflichtete, ehe fie fih mit einem 
freien Urtheil hervorwagen durften. 
Und nichts weitere gejtattete ber 
Römer mit feinem ausgebildeten Ge: 
meinwefen und öffentlichen Leben 
feinem zu fünftigem Staatödienfte be- 
rufenen Nachwuchs, als aufs höchite 
beu Berathungen der Männer als lern— 
‚begierige Zuhörer beizumohnen. In 
‚Wien im Jahre 1848 war bag anders! 
In allen größeren Städten ber von 
der Revolution heimgejuchten Länder 
hat die ftudirende Jugend ihre Nolle 
gefpielt; allein anderwärt blieb fie 
doch auf die bloße Theilnahme be: 
ſchränkt, war fie im ſchlimmſten Falle 
ein mitwirfenber Hebel bei der von 
gereifteren Männern geleiteten Bewe— 
gung. Der Hauptftabt Oeſterreichs allein 
war e3 vorbehalten, daß bie afabe: 
miſche Jugend fich weifer dünken durfte 
als die Maſſe jener, die ihre verjchie- 
denartigen Lehrjahre längſt hinter fich 
hatten. Die große Mehrheit fand 
durhaus nichts Ungehöriges darin, 
wenn ſich unreife Leute mit burjchikofer 


fie in jo auszeichnender Weiſe zuließ, Leichtfertigkeit über die ſchwierigſten 
mit um ſo größerem Eifer hin, je Fragen des Staatslebens hinwegſetzten 
weniger ſie dabei von Schulſtaub, Col- und tiefgreifende Probleme der ge— 
legien-Heften und Prüfungsnöthen zu |jelichaftlihen Ordnung mit einer 
verfoften befamen. Diefe Umwandlung | jeihten Phraje abfertigten, wie ic) 
der Jünger Minervens in Söhne des |etwa bei munterem Gelage unvorher: 
Mars und die unnatürliche Rolle, die | gejehene Zwifchenfälle mit einem jchlag- 
man fie an mehr als einem Drte | fertigen Wit abthun laſſen. Man ana: 
ipielen ließ, gehörte ohne Frage zu lyſire den Verlauf der Wiener Ereig: 
den fonderbarften Verkehrtheilen jener Iniffe vom März bis October und man 


DO _ 


wird finden, daß bei allen mwichtigeren | Wohin gehörten, im orbentlichen Laufe 
Momenten die alademijche Legion einen |der Dinge, jene Courtifanen und Ga- 


vorzugsmweifen, wo nicht gar einen 
maßgebenden Antheil genommen hat, 
und es ift durchaus feine Mebertreibung, 
zu behaupten, daß die Studenten mehr 
als ein halbes Jahr Hindurd das 
erfte Wort in Wien führten. Wenn 
ber Pariſer Revolution von 1789 nad): 
gejagt wurde, es hätten fie junge 
Leute gemadt, jo ließ fi) von ber 
Wiener fagen, es haben fie Knaben 
gemacht. So weit wurde ber Wider— 
finn getrieben, daß man es felbft in 
maßgebenden Kreifen ganz in ber 
Drdnung fand, jenen Schoßkindern ber 
Bewegung Ausnahmen von den Ge 
jegen zuzuerkennen, denen ſich alle 


leeren:Sträflinge („prostituees et for- 
cats“), von denen Proudhon, wie er 
jelbft erzählt, Anerkennungs-Adreſſen 
entgegennahm? Die Schuhmacherei ift 
ohne Frage ein achtbares Gewerbe, 
und die e8 treiben, find ehrſame Leute; 
dennoh gab es in Paris einzelne 
Perſonen, die zweifelten, daß Pierre 
Lerour im Nechte fei, als er bei einem 
Bankette, das Ende November bei 800 
Leiſtenſchläger abhielten, den Sa aus: 
ſprach, daß „die Schufter mehr von 
Affociation verftünden und befjer bar: 
über zu fprechen wüßten, als die Mit: 
glieder derNational-Verfammlung. Das 
war im Grunde nur minder verblümt 


übrigen Stände-Claſſen unmeigerlich | herausgefagt, wad man auch ander: 


beugen mußten. 

Bei all diejen Verkehrtheiten Tieße 
fih immerhin noch geltend machen, 
daß die akademiſche Jugend Kreifen 
angehöre, die einem edleren Berufe 
entgegengehen und höhere Bildung fich 
aneignen, wenngleih jener Beruf 
noch nicht erreicht, dieſe Bildung noch 
nicht vollendet fei. Allein feinen Be— 
Ihönigungsgrund folder Art hatte 
man vorzubringen, wenn man, mie es 
thatfählih geihah, noch weiter ging 
und den auf den unterften Stufen ber 
Bildung ftehenden Beichäftigungs: 
Claſſen eine fociale und politifche Be— 
deutung zuſprach, die man den höhern 
Geſellſchaftskreiſen ableugnete, und 
wahrhaft anmwibern mußte jebe beſſere 
Natur die Wahrnehmung, wie man 
in bie am meilten vermwahrloften 
Schichten der Benölferung hinabftieg, 
um Dinge von der höchſten Wichtigkeit 
dur fie zu einer After-Entſcheidung 
zu bringen. Dder wer waren in ben 
großen Zufammenftrömungspunften der 
Geſellſchaft jene Fabrifgarbeiter und 
Taglöhner, jene unſaubern Gejellen 
und „Baffermannifchen Geftalten” deren 


wärt3 in ber verjchiebenften Geftalt 
ber das Verhältniß der unteren zu 
den höheren Glaffen der Gefellichaft 
zu hören befam. Denn wenn die Lärm: 
macher jener Tage das „Bolt“, das 
„wadere”, „edle“, „unübertreffliche”, 
nicht genug preifen konnten, jo waren 
es immer nur die unterften Glaffen 
des Volfes, die damit gemeint waren, 
fowie die Eigenfchaft der „braven“ 
Arbeiter nur jenen zugedacht wurde, 
die fih mit dem gröbjten, materiellften 
Tagewerk abgaben. „In die bunfle 
Tiefe muß man fteigen, um die Perlen 
der Menſchheit zu filhen: auf ben 
glänzenden Höhen fpiegeln ſich blos 
falte Schneeflähen und Eisfelder in 
ftrahlendem Sonnenſchein. Nur unter 
dem f. g. gemeinen Bolfe findet man 
die braven Leute, nur Hinter dem 
Kittel und Hinter der Blouje jchlagen 
die treuen und eblen Herzen, wohnt 
Tugend und Mannesfinn. Im Frad 
und unter dem Gylinder fteden die 
Böfewihter. Die Bornehmen find nichts 
als verächtliches Gefindel, das vom 
Marke der ehrlichen Leute zehrt.“ Solche 
Sprache führte nicht etwa das „Wolf“, 


wirrer Haufe damals fo oft als „Volks- das in feiner Urfprünglichfeit wahr: 


verjammlung“ parabiren, deren ur: 


‚haft veblihe Volk: ſolche Sprache 


theilsloſes Zuſammengeſchrei jo oft führten die foyenannten Führer des 
als „Volkswille“ herhalten mußte?) Volkes, und fie führten fie nur zu 


— 


häufig gegen ihre eigene Ueberzeugung, 
gegen das Zeugniß ihres eigenen Vor— 
lebens und Entwicklungsganges. Louis 
Blanc ſprach ſeinen Fluch über die 
„unſittliche, ungerechte, ſchmachvolle“ Ge- 
jellichaft aus („societe immorale, inique 
et infäme“), deren Wucht auf ihm 
gelegen und gegen bie er den Ber: 
nichtungsſchwur Hannibal’8 geſchworen 
habe. Wer war Louis Blane, daß er 
ſo ſprechen durfte? Sein Vater hatte 
eine einträgliche und ehrenvolle Stel— 
lung gehabt; er ſelbſt hatte eine ſorg— 
fältige Erziehung, zum Theil auf 
öffentlihe Kojten, genoffen; er hatte 
fh zu Wohlſtand aufgefhmungen 
und hatte e8 eben im Jahre 1848 
dahin gebracht, einen der erften Staaten 
der Welt mitzuregieren: worin beftand 
jene Ungerechtigkeit der Gefellichaft, 
deren Wucht auf ihm gelegen? 

Aber e8 war nun einmal alles auf 
den Kopf geftellt! Früher war die 
Regierung obenauf, jegt waren es jene, 
die vordem die Negierten gemejen. 
Früher waren die Gejeße und die Be- 
hörden alles, jene, für bie fie zu ſorgen 
und zu wachen hatten, jtanden in 


zweiter Linie; jegt waren die leßteren | 


voran, bie erjteren galten foviel wie 
nicht3. Früher hatten die Großen ber 
Erde ihre Schmeichler, jeßt hatten ihre 
focialen Gegenfüßler die ihrigen, und 
die Wirkung war bier wie dort die— 
felbe: die Gefchmeichelten wurden — 
verborben. Dem, was man „Volk“ zu 
nennen beliebte, wurbe die Eigenjchaft 
der Souverainetät, d. i. der Allgemwalt 
und Unantaftbarfeit, ja ſelbſt bie 
Attribute der Souverainetät, das Kö— 
nigthum, zugefprodhen. „Ihr werdet 
nicht nur mächtig fein”, rief Louis 
Blanc im Lurembourg feinen Arbeitern 
zu; „Ihr werdet nicht nur reich fein, 
hr werdet Könige fein!” In jo ge 
wiſſenloſer Weife machte man ihnen 
Berheißungen, die fi nie erfüllen 
liegen, malte ihnen Genüffe aus, bie 
fie nie verfoften follten, und fchürte, 
indem man bie untern Glaffen ver: 
himmelte, einen grimmigen Haß gegen 





alles über ihnen Stehende, deſſen Be: 
friedigung nur ihnen jelbft zum Un: 
heil werden fonnte. Was hoch war, 
jollte fallen, wa8 Vermögen bejaß, 
durch die Progreſſiv-Steuer den Andern 
gleichgemacht, was Anfehen hatte und 
fi vornehm dünkte, gebemüthigt wer: 
den. Alles was vom Pöbel ausging, 
war gut und erhaben, was ſich die 
andere Seite erlaubte, war böfe und 
verrucht. Zu einer Zeit, wo es mehr 
als je des unerfchütterten Anſehens 
der Geſetze und Gerichte bedurfte, 
wurde die Aufhebung der Todesſtrafe, 
die Abſchaffung verſchiedener Arten von 
Züchtigung berathen, die man als 
entehrend, die Menſchenwürde verletzend 
hinſtellte, während dieß vielmehr von 
den Uebertretungen zu ſagen war, auf 
die ſie von der Geſetzgebung geſetzt 
worden. Es war als ob alle Begriffe 
von dem, was ſich gehört und was 
ſich nicht gehört, ihre Rollen getauſcht 
hätten. Was ſonſt für unrecht galt, 
wurde jetzt nicht bloß entſchuldigt, 
ſondern geprieſen; was früher alle 
Welt in der Ordnung fand, darüber 
wurde jetzt Zeter und Mordio geſchrien. 
Es gab einen Freibrief für alles, was 
von der urtheilsloſen Maſſe und deren 
Verführern ausging, aber das ſtrengſte 
Verdict gegen alles, was die Regierung 
und ihre Organe zu unternehmen 
wagten. Es war nichts als recht und 
billig, daß dem belaſteten Unterthan 
die Robot abgenommen wurde; aber 
es war in hohem Grade unrecht und 
unbillig, daß die dadurch in ihrem 
Eigenthum verkürzten Grundherren Ent— 
ſchädigung erhalten ſollten. Wenn die 
Miniſter in auftauchenden praktiſchen 
Fragen, wie z. B. Credits-Bewilli— 
gungen, dem öſterreichiſchen conſtituiren— 
den Reichstage die Befugniſſe einer 
verfaſſungsmäßig bereits conſtituirten 
Reichsvertretung in die Hände ſpielten, 
ſo war das ganz am Platze; aber 
wenn ſie, dieſen ſelben Befugniſſen 
gegenüber, der Krone das Recht des 
Veto vindicirten, ſo war das vor— 
greifende Anmaßung. Es gewann den 


538 


Anſchein, ald ob es munmehr nur aber jeder Verſuch, aus bem milben, 


zwei Glafjen von Perfonen gebe: ftraf: 
freie auf ber einen, vogelfreie auf der 
andern Seite. Das größte Verbrechen 
verlor jeinen verwerflichen Charakter, 
wenn fih der Dedmantel des neuen 
Freiheitsdranges darüber breiten ließ ; 
aber jeder noch fo gerechtfertigte Act 
der Nothwehr wurde zur graufamen 
Unthat, wenn berjelbe den Kundgebun: 
gen des fouverainen Pöbels im den 
Weg trat. Dem einen Theile war alle 
Art von Angriff erlaubt, beim andern 
war alle Art von Bertheibigung ver: 
pönt. Wenn wilde Rotten Hausherren, 
die ihren rechtmäßigen Zins forderten, 
Bädern und Fleifchhauern, die fi an 
die gelegliche Satzung hielten, Kaßen: 
mufifen brachten, welche die Nachbar: 
ichaft ganzer Stabttheile aus dem 


Schlafe auffchredten und in Angft und | 


Bangen verjegten ; wenn fie aus irgend 
einem Grunde mißliebigen Perfonen 
die Fenfter einfchlugen oder das Haus 
demolirten, jo waren das im ſchlimmſten 
Falle ungezügelte Ausbrüche entſchuld— 
barer Entrüftung; aber wenn bie ge 
jegliche oder gar die bewaffnete Macht 
zum Schuge der Mißhandelten ein: 
Ichritt, die Menge zu Paaren trieb, 
die Nädelsführer padte nnd einftedte, 
jo waren das Acte roher Gemalt: 
thätigfeit. Die Schüfle, die während 
der Prager Junitage in die Fenſter 
des Generalcommando:Gebändes flogen 
und denen die Fürftin Windiſchgrätz 
als ſchuldloſes Opfer fiel, waren 
Zufall, für den niemand konnte; aber 
die Schüffe, die das Militär von der 
Kleinfeite gegen den Hauptfiß der Auf: 
ſtändiſchen herüberfandte und wodurch 
die Altftädter Mühlen in Brand ge: 
riethen, waren teuflijch angelegte Bos⸗ 
beit. Die Barricaden-Rämpfer aller 
revoltirten Städte, die Bannerträger 
ber Unordnung und bes Umſturzes 
wurden als Helden, die gefallenen Auf: 
rührer als Blutzeugen der Freiheit 


gepriefen, Anarchie und Libertinage | 


jeder Art offen als Stüße und Trä— 
gerin des Volks-Souverainetät erklärt ; 


ausgelaffenen Treiben herauszukommen 
und in gejegliche Zuftände eingulenten, 
wurde als Reactiong-Gelüfte, jede Be- 
wegung, bie ſich auf der anderen Seite, 
bemerkbar machte, Gewalt mit Gewalt 
zu befämpfen, als Berrath am Volke 
und an ber Freiheit verfchrien. Die 
Vorfpiegelung der Wiener Detober⸗ 
Sendlinge, daß ma dem Lanbvolf 
die abgefchaffte Robot wieder auf den 
Naden fegen wolle, war ein erlanbtes 
Mittel, den Landſturm aufzubieten ; 
aber das Manifeſt bes Kaiſers, wodurch 
der Bauer über jenen lügenhaften 
Runftgriff aufgeflärt und beruhigt 
werben follte, war ein macchiavellifti- 
fher Schachzug der Gamarilla. 

Was aber al3 das widerlichſte an 
diefem Treiben erfcheinen mußte —- 
nicht bloß einzelne Bethörte waren es, 
denen man ſolch ſyſtematiſche Abtödtung 
des öffentlihen Gewiſſens, ſolch un: 
verantwortlihe Umftürzung aller fitt- 
lichen Anſchauungen vorzumerfen hatte: 
die höchſten Vertretungskörper ſelbſt 
luden die ſchwere Schuld auf ſich, an 
dieſem Werke der Finſterniß mitzu— 
arbeiten. Niemand geringerer als der 
Wiener October-Reichstag war es, der 
die cannibaliſche Hinſchlachtung Latour's 
als einen „bedauerlichen Act jchred: 
liher Selbithilfe des Volkes“ beſchö— 
nigte, während dieſelbe Verſammlung 
das Einſchreiten des Faiferlichen Feld— 
marſchalls gegen die der Anarchie und 
dem Terrorismus verfallene Stadt für 
„ungeſetzlich“ erklärte, den Vollzicher 
des faiferlihen Auftrages als „volfs: 
feindlih” verdammte. Unter folchen 
Umftänden war e8 nicht gu wundern, 
wenn Taufende ſonſt ehrlicher Leute aus 
dem rechten Geleife gebradht und auf 
Irrwege verlodt wurden, an deren 
Ende für fie Schmach und Schanbe 
warteten. Als der Gemeine bed 12. 
Jäger-Bataillons Stephan Dimsina 
am 27. Jänner 1849 zum Tode ge: 
führt wurde, vief er ſchmerzlich aus: 
„Bis zum fehlten October war id) 
als Menſch und Soldat ohne Malel. 


539 


Fluch der Aula! Fluch dem Reichs: | Weinheim (Baden, Unterrhein-Kreis, 
tag!” December 1848) über die Vorfälle im 

Mie weit man gekommen wäre, | vorangegangenen Sommer famen Ge: 
wenn der Lauf der Ereigniffe nicht | ftändniffe fondberbarer Art vor: ein 
einen vorzeitigen Abſchluß bekommen | Bürger hatte feine Pferde zum Herum: 
hätte, vermag niemand zu jagen. Anz | führen der Guillotine verſprochen; die 
zeichen vom Aeußerjten lagen mancherlei | Käufer, vor benen fie halten jollte, 
vor. Bei der Gerichtsverhandlung in | waren jchon bezeichnet. 


Bie Mutter. 


Tief in den Alpen, im balmigen Niet, Andere mwinten, 

Da ſitzt auf einem Stein Wallen und blinten 

Ein armes, greiſes Mütterlein Und nahen gewinnend und bringen 
Und fieht und fieht Gruß, 

In einen dunkelgrünen See. Mit filbernen Lippen Mingenden Ruß; 


Doch bringen fie micht 
Den geliebten Sohn. 
Die Mutter weinet. — 


Dies Auge, wie ringt es im ftrömenden Weh, 
Dies Herz, ad) wie ſchmachtet es tief nad) 
Erbarmen ! 





Wie fchmerzlich ihr Bufen im Schnen 
ſchwillt, 

Wie heiß die heilige Thräne quillt — 

Die Nigen ſchwimmen, 

Sinten und klimmen 


Im See find Nigen mit blanken Armen, 
Die famen gefhwommen 

Und haben der Mutter den warmen, 

Den blühenden Sohn genommen. 


Die Rigen kommen Vor ihrem Geſicht 
Und reihen fich dicht Mit jammerndem Ton, 
Um ihren Fuß Sie bringen ihr nicht 
Und bliden licht. Den geliebten Sohn. 


Die Monden, die Jahre floh’n, 
Die jungen Tage blüh'n 
Und fpiegeln fih rofig in Waſſer's Grün, 
Die Mutter weinet — 
Die Sonne fcheinet, 
Die Sonne fintt, 
Der Sternenhimmel winkt, 
Die Mutter weinet — weinet .... 
Ferdier von Steinwand. 


540 


Als id den Raifer Iofef ſuchte. 


Eine Erinnerung von P. R. Rofegger*). 


Heut’, mein lieber Waldbauernbub', 
heut’ magſt du deine Füße in meine 
Schuhe fteden, aber dazumal bin ich 
noch jelber barfuß gegangen, hab’ dir 
nicht helfen können, und wir haben 
allzwei nicht gewußt, daß es eine 
arge Sad’ ift, wenn man mit nadten 
Füßen den Schafen nad} über Stoppel- 
felder laufen, über Steinhaufen Elettern, 
über Brennefjeln fpringen muß. Wir 
haben das erft feither erfahren. Wer 
uns damals gejagt haben follte, daß 
der Neif, weldher am Herbitmorgen 
über Feld und Haide lag, für nadte 


Füße zu froftig wäre? Hatten denn 
die Schafe und die Ziegen Stiefel | 
an? Stiefel nicht, aber Schlappfhüh- 
Biſſen erhaſchen; erft fpäter kommen 


lein wohl. 

Nur nicht erſt auf die Kälte war: 
ten. Wir liefen und hüpften wie bie 
Lämmlein, bis die Sonne den Reif auf: 
ledte, al8 ob er Zuder geweſen wäre. 
Hätten wir dazumal nur von jenen 
Dihtern ſchon was gewußt, welche 
aus Thautropfen Diamanten machen, 


wir hätten uns leicht ein warmes Ge: zu wärmen war, und dann 


wand faufen mögen; in mander Mor: 
genfrüh hing jeder Grashalm voll von 
Diamanten. Aber jo ſchön vermochten 
wir uns das Scäferleben nicht aus: 
zumalen, als jene poetifchen Leute es 
können, welche noch nie mit nadten 
Füßen in Reif und Than geftanden haben. 

Ein graues Höslein hattet du an, 
von dem ich gejehen hätte, daß es 
nicht mehr ganz tadellos war, wenn 
deine® Vater langer Zwildhrod die 
anrüchigen Stellen nicht verdeckt hätte. 

Eine geftridte weiße Schafwollen: 
haube hatteſt bu auf dem Haupte, 
die aber — menn die heiße Sonne 








fhien — mehr jchadete als nützte, 
denn fie zwängte bie dichten, bujchigen 
Haare ein, die fonft dem Gefichte 
Schatten zu geben im Stande gewe— 
fen wären. Ei, mas lag dir am 
Schatten, du blafjer Waldbauernbub, 
blidteft ja ganz gefliſſentlich in die 
Sonne hinein, wollteft ein gebräuntes 
Geſicht haben, wie derKnierutſcher-Jakob. 

Haſt es nicht gern, daß man da— 
von ſpricht? Gut, ſo ſprechen wir von 
was Anderem. — Wenn man bie 
Schafe aus dem Stalle läßt und ſo 
lange ſie noch hungrig ſind, laufen 
ſie ganz gottlos über die Weide hin— 
aus — das weißt. Jedes will das 
vorderſte ſein und den ausgiebigſten 


ſie zur Ruhe und iſt der Heißhunger 
geſtillt, ſo graſen ſie behaglich. — 

Und das letzt', Halterbübel, gab 
für dich die rechte Zeit. Du ſtiegſt 
auf einen Steinhaufen, wärmteſt dir 
dort an den beſonnten Platten die 
Hände, die Füße und was ſonſt noch 
— ja 
jetzt hebt ein anderes Kapitel an — 
du zerrſt aus den Weiten deines viel: 
ſäckigen Nodes ein Buch hervor, legſt 
es auf bein lebendig Xefepult, bie 
Knie, und hebſt zu blättern an. 

Ja feht, das war berjelbe Junge, 
von dem ich euch ſchon einmal erzählt 
hab’, daß er von einem alten Bettel- 
mann das Leſen und Schreiben ge: 
lernt hatte und der alle Gebet:, Pre: 
digt- und Geſchichtenbücher ber Gegend 
um fich zufammenfchleppte, und von 
dem Einige fagten: „Das wirb noch 
ein Pfarrer!” und Andere: „Das 
wird ein SFabelhans, ein Tauge— 


*) Borliegende vervollftändigte Erzählung ift dem Manuftripte eines im nächſten Herbſte 
bei G. Hedenaft erfdeinenden Buches: „Kindheit eines Waldgebornen” entnommen. 


Die Red. 


541 


nichts!” — Meit fehl bat Keiner 
gerathen, heute verlegt er fich bismwei- 
len auf3 Predigen, aufs Fabeln und 
mitunter ein bischen auf gar nichts. 

Ya, das war derjelbige unge. 
Mit den Leuten ging er nicht allzu- 
gern um, fie waren meift recht roh 
oder bifjig gegen ihn — mögen Kei— 
nen, ber nicht überall mit ihrer Sache 
hält. So unterhielt er ſich mit Sol 
hen, die vielleicht weit, weit von ihm 


waren, vielleicht in prächtigen Palä— 


Raijerhaus, auf den Stefansthurm, 
ginge zum Donauftrom, wo Schiffe 
fahren, jähe Alles. Spräche dann mit 
den Wienern, fragte, wie es ihnen 
gehe, wie fie ’8 trieben, gäbe fi) als 
den Waldbauernbuben aus Alpel zu 
erkennen, welcher ihre Bücher läſe — 
und ſchlöſſe etwa gar Freundjchaft 
mit ihnen. 

Und da ift — bu armer fleiner 
Burſche — ein Sehnen und eine Un- 
ruhe in dich gefommen, daß du gar 


ften, vielleicht längft vermodert. Mit nicht mehr zu leſen vermochteft im 


ſolchen ging ber barfüßige Waldbauern- 
bub um und mit Solden faß er auf 
dem Steinhaufen. Sie waren nicht 
die Dümmften, fie wußten über alles 
zu ſprechen, von allem zu erzählen, 
bei allem zu vathen, waren recht jpaß- 
haft noch dabei. Die ganze Welt ijt 
nicht voll Stoppelfeldern und Stein- 
baufer unb alle Leute gehen nicht 
barfuß. Meere und Schiffe, Urmwälder 
und Städte gab e3, wundervolle Kunſt— 
werte und gemichite Stiefel. 
Wenn der kleine Burjche des Nachts 
in jeiner Strohfammer fchlief, fo 
träumte er bavon. 

Sekt auf dem Gteinhaufen, dba 
las ſich's befonders von ber Wiener: 
ftabt gut. Vom Stefansthurm, von 
der Türfenbelagerung, vom Volks— 
jänger Auguftin, vom Kaiſerhaus, vom 
Kaiſer Joſef, der unter das Volk ge 
gangen war, um ſeine Leiden und 
Wünſche zu erfahren; der unter die 
Bauern gegangen war, um zu ſehen, 
wie ſich ſo ein Pflug angreift. — 
So lieb gewannſt du den guten Kai— 
ſer Joſef, daß du das Buch an die 
Wange drückteſt, weil der Kaiſer Joſef 
ſelber nicht da war. Bilder waren 
im Buche und es ſchien die Sonne 
d'rauf; aber du wendeteſt dein Auge 
d'rüber hinaus. Dort hinter dem 
blauen Wechſel liegt die Wienerſtadt. 
— Wenn der Kaiſer zu den Bauern 
gegangen ift, warum ſollte der Walbd— 
bauernbub’ nicht zum Kaifer gehen? 


Buche, gar nicht mehr zu boden auf 
dem Steinhaufen. Mit dem langen 
Aermeln, die weit über die Finger 
binausgingen, hubſt du an zu fächeln, 
jagteft die Schafe heimmärts, Tiefft 
zu deiner Mutter. 

„Mutter, ich möcht’ jo viel gern 
nah Wien gehen.” 

„Wirkt Schon hinkommen, wenn 
du einmal Soldat biſt.“ 

„Nein, heute. Und ich erzähl’ dem 
Kaijer, wie e8 ung geht, und daß er 
auch einmal ins Alpel kommen möcht'.“ 

„ou Närriſch, was fällt dir denn 
ein?” rief bie Mutter, „wer thät 
denn die Schaf halten und wo nähmit 
du das Gewand und das Gelb her? 
Wirft jetzt nah Wien gehen!” 

„Die Schaf’ thät’ ih ſchon in 
die Hald (eingezäunte Weide) ſperren. 
Den Rod liehe mir der Knierutjcher: 
Jakob, die Hojen hab’ ich jelber und das 
Geld hab’ ich auch jelber — weil ich ja 
vorgeftern mein Lammel verkauft hab’.” 

Darauf die Mutter: „Du bift 
gar fo viel troß (fühn), Bub! Auf— 
halten wollt’ ich dich nicht; meinetweg 
fannft ſchon gehen, gleichwohl ich mich 
genug werbe grimmen (jorgen) müfjen 
um dich. Frag’ den Vater.“ 

Der Vater aber fagte: „Du Halb: 
narr!“ 

Hub das Waldbauernbüblein au 
zu murten — es fönne nicht all: 
fort ſchafhalten, e8 wolle ihm Feine 
Ruh’ geben, es müſſe Wien jehen; 


In einen ober zwei Tagen wäre er nachher möchte es ſchon wieder ba- 
dort — wäre in Wien, ginge ins |heim bleiben und brav arbeiten. 


542 


„Was thät denn das nutzen?“ Gs ift eine wahre Gefchichte. Ach 
rief ber Vater unwirſch, „möcht' kann ſie genau erzählen, ich bin dabei 
wiſſen, was du in Wien zu thun geweſen. 
hätteſt! Willſt zum Kaiſer um Geld, ſo An einem hellen Maitag war's, 
geh’! Glaub nicht, daß er bir ein's gibt, als ih von dem Berge niederhüpfte 
ehvor tragft du eins in's Wien. Und |und Hinausging die Waldſtraße bes 
nicht einmal eine Wallfahrt kunnt'ſt Alpfteigs gegen das grüne, breite Mürz⸗ 


dabei verriähten.” 


„Eine Wallfahrt kunnt er juft) ein buntelgr 


wohl dabei verrichten,” redete bie 
Mutter drein. „Nicht weit von Wien 
ift ja Mariafhus, da foll er ein Ge: 
bitt maden, daß doch die Saufranf: 
heit endlich einmal aufhören möcht’. 
Heut’ hat mir die Alte auch jchon 
brennheiße Ohrwaſchel.“ 

„Das iſt ſchon wieder ganz was 
anders,“ ſagte der Vater, „wenn er 
eine Kirchfahrt will verrichten und 
ſein eigen Lammelgeld dabei brauchen 
— ich gib keinen Groſchen — ſo 
mag er meinetweg ſchon gehen. Aber 
Bub, daß du mir übermorgen wieder 
daheim biſt, fonft kunnt ich bir für 
nichts gufftehen.“ 

Die Bewilligung in aller Form. 

Und jebt war's eime Freude! In 
zwei Stunden mar alles fertig. Die 
Schafe ftafen in der Halde und ber 
Hirt in des Knierutſcher-Jakobs 
Gewand. Noch während auf dem 
The Suppe und Sterz ſtand, auf 


Mer nah dem Kleibe frägt: 
aues Lobenhöfel hatte ich 
an und Kuhlederſchuhe, hübſch mit 
eifernen Nägeln beichlagen, baf bie 
Sohle geſchützt war, unb trug eine 
braune, grün ausgeichlagene Boden- 
jade. Der Bruftfled war aus rath⸗ 
gefärbter Leinwaud, das Hemd aus 
grauer; letzteres hatte am Halſe einen 
breitumgefchlagenen Kragen, ber mit 
einem blauen, etwas zu wulſtigen 
Tuche zufammengebunben war, jo bag 
der Hals nicht viel dünner ausjah, 
als der Kopf. Auf dem Kopfe ſaß 
meines Vaters Hut, der ging mir bis 
über bie Augen herein und tanzte 
ſtets ein Weniges, ſo oft ich mich 
raſch wendete. In der einen Haud 
trug ih das Bundel mit dem Brode 
und dem Straubenlaib, das mir die 
Mutter mitgegeben hatte, troß meines 
Sträubens, denn mir war es nicht 
recht fahlih, wie man in Wien auf 
das Efjen denken könne. Ju ber aue 
dern Hand ‚trug ich ben Stock, den 


thal. 


daß er fih für bie Reife fatt eſſe, ich das eimemal feit in ben Boden 
rebete ihm die Mutter zu, die Nacht | ftieß, das anderemal luftig in ben 
no daheimzubleiben unb erſt am | Lüften fehwang, jo wie es bie Hand⸗ 


nächften Morgen zu manbern. 


Ber: werksburſchen machen, wen fie bie 


geblich Bemtiben. Der Tleine Burſche Welt durchwandern. 


padte auf und fagte: „Seht geh’ ich.” 
Und die Mutter verfegte: 
Alles ?" 


„Ja.“ 

„Geh' nicht zu geſchwind und trink 
nicht zu gäh, und ſei ſchön ordentlich, 
wenn du unter fremde Leut' kommſt.“ 

„Bet' fleißig,“ ſetzte der Vater 

——— lieh’ uns Alle ein.“ 


Und dann ging er — ber Meine 


Fröhlich fam ich an Krieglach und 


„Saft Langenwang vorbei. Heute wlrbigte 


ich diefe Orte, bie ſonſt meine Städte 
geweſen waren, kaum eines Blickes. 
Wer nach Wien geht! — Als ich 
aber gegen den Gansſtein kam, ging 
die Sonne unter und cin blauer Duiſt⸗ 
gg fag über deu Meibenbüfchen 
er 


ſprach bei eimem Bauer ein, 


Ich 
Hirtenburſche — fort von ſeiner Eltern-⸗ bei dem ich nicht ganz unbelannt 
hütte in den Waldbergen — ging in war, weil er mit meinem Vater öfters 


eine große Stadt — er ahnte nicht, wohin. im 





Viehhandei ftand. -- Db ih über 


Naht im Stalle jchlafen dürfe? 


543 


„Habt ihr jegt zur Anbauzeit 
dem nichts zu thun baheim, daß bu 
jo herumgehſt?“ fragte der Bauer. 

„Ich geh’ zum Kaifer Joſef!“ 
antwortete ich troßig. 

Sah mid an. — „Der Bub — 
den kann’ ich,” fagte er zu feinen 
Lenten, „ber bat curiofe Flaujen im 
Kopf — der ift Alles im Stand. 
Der redt' mit dem Kaifer, wie Unier: 
einer mit dem Biertelrihter. Bon dem 
hören wir was, wenn er nach Wien 
geht — merdet es ſchon jehen. — 


Na ja freilih kannſt ſchlafen im 


Stall.“ 

Das war bie erfte Naht in ber 
Fremde, Das Heu hatte ſchon einen 
andern Duft, ald wie jenes daheim 
in Alpel. — I kannte einen Ober: 
länder, der Soldat war und gar ſehr 
un Heimweh litt. Er hatte aber nichts 
daheim, weder Vater noch Mutter, 
noch Geſchwiſter, noch Haus und Hof, 
no einen Schag. Er mußte lange 
ſelbſt nicht, warum er fich jo ſehr nach 
jeinen Bergen jehnte; endlich, als er 
einmal über ein ungariiche® Moor 
ging, wo jaure, welfe Gräjer rochen, 
wurde ihm far, er habe das Heim: 
weh nad) dem Alpenheu. — 

Am andern Morgen — es ſtand 
no das weiße Mondkipfel am Him- 
mel — war ich jchon auf der Straße. 
— Das Mondfipfel in die Milch der 
Milchſtraße tunken — wäre das nicht 


Meib, das hatte Semmeln und Nepfel. 
Hepfel im Mai — das muß eine 
gute Gegend fein! 

Bei Spital gab mir ein Reifen- 
ber, dem ich mich angejchloiien, den 
Rath, daß ich fechten ſolle. 

„Mit wenn denn?“ fragte ich er: 
ichroden, und als ich wußte, wie er’s 
gemeint, antwortete ih: „Nein, das 
mag ich nicht. Ich hab’ mein Lam: 
melgelb. ” 

Endlich bin ich zum Semmering 
gelommen. Dort habe ich an bie Eijen- 
bahnfahrt gedacht, die ich ein paar 
Jahre früher mit meinem Pathen fo 
fedlih unternommen. Ich hatte Heim- 
weh nad dem Pathen, wäre der bei 
mir, e3 würde ficherlich wieder ge: 
fahren — jo arg wir auch dazumal 
aufgejeilen waren. 

Ich Schritt die Höhe hinan und 
freute mich der Lärchenbäume, die au 
beiden Seiten des Weges fanden und 
mir fo heimlid waren, meil joldhe 
auh in unferem Walde wuchſen. 
Oben, wo ber große Kaiſer-Denkſtein 
fteht, jeßte ich mich ein wenig in's 
Grüne und trodnete mein Angeſicht. 
— Ob fie auch dem Kaifer Sofef, 
wenn er einmal geftorben fein wird, 
jo ein Denkmal jegen? Da müht’ 
wohl auch der Pflug hinaufkommen. 

Hier ift die Grenze Wie liegt 
das Defterreicherland fo tief unten! 
Und dort weit draußen Hinter ben 


ein gutes Frühftüd? — Wie, daß | Feljen die graue Ebene mit den Hei- 
ih heute, und fo früh jchon an's nen weißen Punkten. Dort fteht fidher- 
Efien dachte? lih die Mienerftabt. 

Am Ganzftein ftand ich ftill und Als ich jenſeits hinabjchritt, war 
blickte hinan zur Felswand, bie über | die Straße recht einfam und ich hörte 
den Tannenwald aufragt. In diefem nichts, als manchmal einen fernen 
Felſen ſoll ein großer Schat verbor- | Pfiff Herüber von den wilden Wänben, 
gen jein — ein Sonntagskind könnte in denen der Eifenbahndrache feine 
ihn heben. Ob ich ein's war? Wozu | Höhlen und Löcher gebohrt hat. In 
auch, Hatte ich doch mein Lammelgeld ſolcher Fremdheit Hub ich mich ſchier 
in ber Tafche. an zu fürchten. 

In Müurzzuſchlag ſchnalzten ſchon Bevor man noch in das Thal von 
die Fuhrleute durch den Markt, und Schottwien hinabkommt, ſteht rechts, 
beim Fleiſchhauer und beim Bäder abſeits von der Straße, eine Kirche 
gingen Weibsbilder mit Hanbkörben mit zwei Thürmen — Mariaſchutz. 
aus und ein. Am Eckhauſe ſaß ein | Ich ging Hin, um bie von meinen 


544 


Eltern ausbedungene Andacht zu ver: ich wieder um ein Mittagseffen an 
richten. Sch habe feither für mich jelber | und befam ebenfalld Sauerkraut. Es 
faum einmal jo finblich gebetet, als | jchmedte etwas minder, aber ich fagte 
damals für die Säue daheim, welche | Bergeltsgott und ging. Als ich hier: 
ung eine böſe Krankheit dahin zu raf- auf in ſchöner Beharrlichkeit beim 
fen drohte, eine Krankheit, die etliche | Nachbar das brittemal um ein Eſſen 
Tage früher bei einem der Nachbarn | bat, fluchte mich der Hausherr zur 
das ganze, hoffnungsvolle Schweine: | Thüre hinaus; ein „Bettelgefinbel“ 


völflein unter die Erde gebracht hatte. 
Ich bebauerte einen ſolchen Verluſt 
allerdings auch darum, weil er uns 
für's nächſte Jahr den Weihnachts— 
und Oſterbraten raubte, zumeiſt aber 
darum, weil ich das Leid meiner Mut— 
ter erwog, deren einziges Glück es 
war, uns zuweilen einen guten Biſſen 
auf den Tiſch zu bringen. Als ich der 
Mutter gedachte, hub ich an zu ſchluch— 
zen, ſchämte mich aber dann vor der 
lieben Frau auf dem Altare, weil 
dieſelbe leicht vermuthen konnte, ich 
weine um die Säue. 

Dann ſaß ich unter der Linde und 
das Herz war mir ſo weich geworden, 
daß ich ſann, wie es wohl wäre, wenn 
ich nun wieder umkehrte. 

Aber Wien! Das Kaiſerhaus und 
der großmächtige Herr, der es mit uns 
Bauersleuten ſo gut meinte! 

Ich wanderte weiter. Wanderte 
durch Schottwien und zwar eiligen 
Schrittes, bevor von den drohenden 
Hängen ein Felsblock niederging; wan— 
derte an Gloggnitz und anderen Orten 
vorüber, ſah merkwürdige Häuſer und 
Schlöſſer mit kirchthurmhohen Rauch— 
fängen. Jetzt zog auch wieder die Ei— 
ſenbahn neben der Straße hin und 
ſie war ſo glatt und eben wie früher, 
und man ſah es ihr nicht an, daß ſie 
aus unterirdiſchen Wildniſſen kam. 

Hinter Gloggnitz fiel es mir ein, 
das Lammelgeld wäre auch nicht un— 
vergänglich und der reiſende Menſch 
müſſe Alles probiren auf der Welt. 
In einem Bauernhauſe hielt ich um 
ein Mittagseſſen an und bekam Sauer— 
kraut. 
Vergeltsgott und dachte bei mir: Jetzt 
wenn ich nur noch einen Speckknödel 
hätte! 


bekam ich nachgeworſen — an dem 
hatte ich lange zu würgen, es ſättigte 
mich und ich habe das Fechten nicht 
wieder verſucht. 

Die Straße war heiß, die Felder 
ringsum waren grau vor Staub. Die 
Kuhlederſchuhe weten die Ferſen heiß 
— aber das wird Alles gut fein, jehe 
ih nur erjt den Stefansthurm. 

ALS ich zu den Häufern und Bär: 
ten fam, auf deren Ortstafel das Wort: 
„Neunkirchen“ ftand, waren die Berge 
weit zurüdgetreten und mit ihnen auch 
die Sonne. Die Pappeln, die an ber 
Straße ftanden, warfen lange Schatten. 
— Herberg nehmen? Nein — ein 
rechter Waldbauernbub kommt vor 
Mitternacht leicht noch nach Wien. 

Auf der jchnurgeraden Straße, bie 
über das Steinfeld führt, ging ich hin. 
Links die Bergkette mit ben röthlich 
grauen Wänden, die fich immer weiter 
zurüdzog ; rechts die unenbliche Ebene, 
auf die dad ganze graue Firmament 
niedergejunfen war. Die Straße war 
ftil und verlaffen, nur an der Bahn, 
die zur linken Hand mit ihren zmei 
Strängen Hinzog, braufte bisweilen 
ein Eifenbahnzug vorbei und bie Bahn- 
wächter zogen blutrothe Kugeln auf 
die Höhe. — Ad, was müſſen die 
Leute für Geld haben, die fo Luitig 
eijenbahnfahren können! Da rutjcht 
juft Einer gegen Wien hinaus. Wenn 
der Zugführmann wüßte, wie mich 
der Schuh weht, er nähme mich mit; 
eined ſolchen Bübels wegen dürfts 
doch nicht um ſo viel ſchwerer gehen. 

Dann kam der Föhrenwald. Die 


Es ſchmeckte, ich ſagte ſchön Sonne war trüb hinter den blauen Bergen 


niedergegangen; es hub an zu dunkeln 
und ich ſah es ordentlich, wie hinter 


Bei dem nächſten Hauſe hielt der weiten Ebene die blaue Nacht her— 


545 


auflam. Leibhaftig! Daheim im Ge- 
birge war der Tag da, oder es war 
die Naht da — aber jo von weiten 
herankommen hatte ich die Finfterniß 


So ging es denn fort durch die 
Naht und durch den Wald und immer 
‚duch die Naht und duch den Wald. 
E3 war mir angjt und bang. 


niemals gejehen ! Endlih tauchten vor mir in ber 

Jetzt wird doch bald wo ein Dorf | Ferne Kleine Lichtlein auf. E3 wurden 
ftehen ober ein Haus auf dem hand: | deren immer mehr und zuletzt lag 
ebenen Boden. Nicht ? Föhrenwald und | ein langer Streifen von Lichtern und 
Föhrenwald. Dort wird er gar, dort | Über demjelben ragte dort und da eine 
heben die Felder an. Ja, aber nur dunfleMafjeempor. Nun war ich plög- 
ſchmale Streifen, Haideitreifen, dann lich friſch — jegt fand ich vor Wien. 
wieder Föhrenwald. Die Bäume waren | Vor Wien, wie einft der Türke! aber 
Hein aber langäjtig, zwifchen den röth: ich ziehe ein und belagere es mitten 
lichen Stämmen jah man tief in die in der Stadt. — Sie find ſicherlich 
Dunkelheit hinein. Mein Schuhwerk noh Alle auf und figen in ihren Häu— 





war jchneeweiß vor Staub, aber ih 
vergaß, daß es mich gedrückt hatte, 


ih vergaß, daß ich müde geweſen 


war — ich ging und ging. 

Die Sterne waren aufgegangen; 
e8 waren Bekannte von daheim darun: 
ter, es war die NRomftraße da. — 


Wenn ih in Wien gewejen bin, dann 


gehe ih auch einmal nach Nom und | 


richte beim heiligen Vater einen jchö- 
nen Gruß aus vom Kaiſer Joſef. — 


Wenn der grünfunfelnde Stern dort 


noch um eine Klafter höher fteigt, fo 
ift die Geifterjtunde da. Die Geilter- 
ftunde mitten in einem großen fremden 
Wald ... Daheim werden fie jeßt 
von mir reden. — Mein, wo wird 
der Peter! jchlafen? wird die Mutter 
jagen. — Oh, wird der Pater ant- 
worten, der hodt jchon lang wo in 
einem warmen Neſt. Dem, wenn er 
Ihon in Wien ift, läßt der Kaiſer ein 
Bettitadel aufichlagen im Dachboden. . . 

Diefes Wien ijt doch meit weg. 
Wenn nur noch ein Wirth auf ift, 
bis ich hinkomm'! 

Hie und da ſah ich ein Licht lim: 
mern, bald blau, bald weiß und bald 
toth, aber es war fein Gejpenft uud 
es war fein Wirthshaus, es war von 
der Eiſenbahn. — Was den Stod 
betrifft, jo hielt ich's für gerathen, 
ihn nicht zu feit auf die Straße zu 


jern beijammen um den Tiſch oder 
fie ſpinnen und erzählen fih Gejchichten. 
Ich brauchte noch eine Weile, bis 
ih hinkam, aber endlich jchritt ich 
über lauter fteinerne Platten, und um 
mich ragten die dunklen, hohen Häufer 
auf. Vor den Häufern auf freier 
Straße brannten Laternlichter aus ei- 
fernen Kerzen hervor und fie waren 
jo groß und breit wie ein Schwalben: 
Ihwanzfalter, wenn er die Flügel aus: 
ftredt. — Hinter gläfernen Wänden, 
‚die noch viel jchöner beleuchtet waren, 
als daheim zu Weihnachten das Krippel 
‚in der Kirche, lagen Backwerk, Wiürfte, 
Tücher und allerlei Dinge. Und da 
gingen Leute herum, links und rechts, 
auf und ab, und jo oft ih au Einem 
vorbeifam, hob ich die Krempe meines 
Hutes ein wenig und ſagte „Guten 
Abend“. Aber es hörte mich Keiner ; 
das war ein Geräusch überall, noch 
fpät in der Nadıt. 

Jetzt Stand ich vor einem Haufe, 





das hatte auf feiner Wand mit großen 
Buchſtaben aufyejchrieben, wie e8 hieß: 
„Zum goldenen Hirſchen“. In das 
ging ich hinein und bat um Herberge. 
Der Wirth ſah mich an, und als ob 
ih ihm zu groß gemwejen wäre, jagte 
er: „Kein Platz“. 

Ich fand wie niedergedonnert ba 
und ich verwett’ was d’rauf, daß ich 
zu Hagen anhub, wenigjtens weiß ich, 





ftoßen. Möglichit fill Hinfchleichen, baß | daß die Wirthin daherfam und mich 


man feinen Räuber aufwedt! — 
Bofeggers „„Heimgarten‘‘ 7. Heft, 


dem Hausfnecht überlieferte, mit dem 
35 


546 


Bedeuten, daß er mir in irgend einem | Bein, als er jo lachte und mir jagte, 


Winkel des Haufes eine Liegerftatt 
anweiſen möge. Der Hausfnecht über: 
gab mich einer Magd. Wenn ich dem 
Wirth etwa zu groß war, jo war id) 
der vielleicht zu Fein — fie wollte 
die Auffiht über den Jungen nicht 
übernehmen und führte mich zum Stall- 
fnecht. 

Der Stallfxecht fettete feine Peitſche 
ein und fagte zu mir: „ch merk, 
dih ſchummeln fie im ganzen Haus 
herum”. Da brach ich in helles Mei: 
nen aus, 

„Du Lapp!“ rief er, „hier zwi: 
Ihen den Röſſern legſt dich nachher 
auf's Stroh — gibſt halt Obadht, 
daß du im Schlaf dem Braunen nicht 
unter den Bauch Fugelft, jonft bift des 
Mauſes. — Seh, magft ein Stüdel 
Speck?“ 

Er aß Speck und Brot und ich 
war ſein Gaſt. Dann ſchlief ich zwi— 
ſchen den ſtampfenden, ſchnobenden 
Röſſern. Und am anderen Morgen, 
als anſtatt der Stalllaterne durch ein 
trübes Fenſter der Tagesſchein fiel, 
ſah ich, wie zwiſchen mir und dem 
Braunen ein Scheidebrett aufgerichtet 
worden war, das mich vor Gefahr be— 
ſchützt hatte. 

Ich kleidete mich an und fragte 
meinen Herbergvater, was ich ſchuldig 
wäre für’8 Dableiben. 

„Seh nur, geh“, antwortete der 
Stallfnecht, „wirft jo viel Geld nicht 
im Sad haben.” 

Aber ich Tegte ein Vierkreuzerſtück 
auf die MWandleifte, wo er feine Klei- 
derbürfte, den Tabakbeutel und das 
Nafirzeug hatte. 

Hierauf fragte ich ihn, was er 
mir rathen könne, daß ih in Wien 
zuerft anfangen jolle. 

„Willſt nah Wien?” fagte er. 

Da mag ich ihn angeglogt haben. 

„Sa, wo bin ich denn?” flam: 
melte ich, „bin ich nicht in Wien?“ 

Es iſt erjchredlich, wen fo ein 
Stallknecht auflacht aus feiner ganzen 
Bruſt. Mir ging’ durch Mark und 





daß ih nicht in Wien, jondern in 
Wiener Neuftadt wäre und daß ich 


noch eine ftarfe Tagreije bis zur Kai— 


jerftabt hätte. 

Umfehren? nein. Ich machte mid) 
in Gottesnamen wieder auf die Wan: 
derung. Als ich in's Freie trat, war 
das Straßenpflafter jo glänzend, daß 
die Leute, die mit Regenſchirmen hin 
und ber eilten, fich faft darin ſpiegel— 
ten. In den Dachröhren rauſchte es 
und von dem grauen Himmel riejelte 
e3 nieder. — Macht Alles nichts; 
regnet es, jo ift’3 fühl. 

Noch ein Blick auf die zwei Thürme, 
die hoch oben durch eine Brüde ver: 
bunden find, des Weiteren hatte dieſe 
Stadt, die nicht Wien war, für mich 
feinen Reiz. Hinaus ging’3 auf ſchlam— 
miger Straße in den büfteren Tag. 

Ich kam zu einem Laubwald, in 
welchem ein zerftreutes Dorf lag — 
Therefienfeld. — Kommt der Name 
von Maria Therefia, der Mutter des 
Kaiſers? — Wieimmer, ich nahm hier 
mein Frühſtück, eine Schale Rindjuppe. 
Die gab neuen Muth. Dann ging’s 
wieder fort und fort. 

Was doch des Vaters Hut werth 
it — und ſchon gar in der Fremde! 
Mie auch der Regen riefelte, der Fleine 
Knirps unter den breiten Krempen blieb 
troden weit hinab, und hätten bie 
Füßlein nicht immer nad vor= und 
rüdwärts ſchlagen müſſen, fie wären 
auch noch geborgen gemwejen. Aber 
ſchwer wurde diefer Hut und noch 
tiefer fanf er über die Augen herab. 

Ein Kälberwagen knarrte baber; 
den Fuhrmann bat ih um Unterftand, 
da hob er mich unter das Gedache zu 
den armen gebundenen Thieren hinauf. 
— Kälber, fommt ihr etwa auch aus 
Steiermark? und fahrt nah Wien? 
Ihr wäret beifer daheim geblieben auf 
den grünen Weiden, für euch ift die 
Kaiferftadt fein guter Platz. — Der 
Gedanke wurde mir jo unheimlich, daß 
ich wieder auf die Straße jprang unb 
in Regen und Schlamm weiterwatete. 


547 


Wie waren in diefer Gegend die 
Wolfen träge und jchwer, fie lagen 
ganz auf dem Erdboden! Ich zählte 
die Straßen: und Meilenfteine, las die 
Tafeln und Wegweiſer und immer 
öfter und öfter zeigte fich ber Name 
„Bien“. Darum wurde ich an diefem 
Tage weder hungerig noch durjtig noch 
müde. An Dörfern, Märkten und Städ— 
ten muß ich vorbeigezogen fein, ohne 
fie vor Negen und Nebel gejehen zu 
haben. Endlich, zur Nachmittagszeit 
erhob fih ein Luftzug, der zerjtreute 
die regnenden Nebel; ſie ſchoben fich 
in dichten Ballen an den fernen Ber: 
gen zufammen, fie lagen in langen 
Streifen auf der weiten Ebene und der 
Himmel wurde blau. 

Aber die Gegend war öde. Dort 
in der Weite gab es noch manchen 
Thurm, manden Schlot, mandes 
Schloß, mande Ruine. Aber in der 
Nähe nichts, als gelblich = cothe Erde 
und Ziegelbrennereien. Kaum ein Baum, 
ein Strauch; eine traurige Haide. Ich 
hätte nicht geglaubt, daß das ebene 
Land, welches mir ftet3 al3 das deal 
einer fchönen, fruchtbaren Gegend vor: 
geſchwebt war, jo ödweilig jein könnte. 
Und die große Stadt, follte fie denn 
nicht zu finden jein? Hier war ja faft 
die Spur verloren. — Nur rüftig 
weiter. Die jehr breite und mit vielen 
ſchweren Fuhrwerken belebte Straße 
ging etwas bergmwärtd, einer ſanften 
Höhung zu, auf der eine Säule ſtand. 
Als ich näher fam, wuchs die Säule 
und zeigte allerlei Zaden und Sta— 
tuen. Und hinter derjelben aus einer 
Thalung huben jeltjame Dinge an 
aufzutauchen. Zuerſt ein Thurm, dann 
ein zweiter, dann Dächer, dunkle Grün: 
de, dann eine Kuppel um die andere, 
dann Thürme und Thürme, Zaden 
und Spigen joweit das Auge reichte, 
— ein dunfelgraues Meer, inmitten auf: 
ragend hoc) eine ſchwarze, ſchlanke Nabel. 

Nun — das mwar’d. Das war 
Wien — mußte es fein! — — War 


zwar ganz anders zu Sehen, als ich mir 

| gedacht hatte. — Weiße Häufer, friſche 
ı Gärten vor denjelben, Schöne Schlöffer 
mit goldenen und füibernen Zinnen, Kirch: 
thürmen, einer nach dem andern mit zin- 
noberrothen Zwiebelköpfen — das war 
mein Wien gewejen. Hier aber die 
verworrene, unabjehbare Maffe von 
Ihmwarzen Flächen, Giebeln, Würfeln, 
Schiefecken, taufendfältig ineinander 
verflemmt, verichoben und dazwiſchen 
finfterragende Maffen — dort und da 
ein Knopf, eine Scheibe funfelnd. Und 
über all dem ein mattblauer Rauch— 
ichleier, der Alles noch mehr verwiſchte 
und verwirren machte. So habe ich’3 
gefunden. 


Ich Hatte mich auf eine der ftei- 
nernen Stufen gejeßt, welche die Säule 
umgaben und hatte hinausgeſchaut. 
Ein jeltfames, dumpfes Geräuſch war 
in der Luft und da unten fott und 
fochte e3, ſummte und braufte e8, daß 
e3 gar nicht zu jagen war. 

Seht trat die Abendjonne hervor 
und da hub es auf dem meiten, dun— 
keln, vielgeftaltigen Grunde herrlich an 
zu gligern, zu funfeln. Und das war 
die Kaiſerſtadt. Da ftand der Türke, 
da ijt die wilde Revolution geweſen 
und die Veit, und da hat ber liebe 
Auguftin gelungen. Ich hatte wohl da- 
von gelefen! Das ift die Stadt des 
guten Kaifers Joſef. — Welches nur 
das Kaiferhaus fein mochte und wie 
ih es morgen würde finden können 
aus al’ den andern heraus? Und 
dann — was ich jagen würbe, wenn 
ih vor ihm ſtünde? ... 

Arges Peitſchenknallen der blau: 
fitteligen Fuhrleute jchredte mich aus 
meinem Sinnen. Ich ftand auf, ordnete 
meinen Anzug in den nöthigften Stüden, 
bog den vor Näffe fteif gewordenen 
Filzhut hübſch zurecht, reinigte im 
Gras die Schuhe und ftieg dann hinab 
| gegen das wilde Meer der Weltjtabt. 


(Schluß folgt.) 


85* 


Kleine Laube. 


Ueber die Aufbewahrung des Ber: 
mögens. 
Von Dr. Ed. Haile, 


Ich bin überzeugt, daß Jeder von 
Ihnen oft gehört oder gelefen hat, wie 
man Früchte, Gemüfe, Gurken, Para: 
beisäpfel aufzubewahren hat, ja jogar 
Fleiſch und Fifche jahrelang vortrefflich 
erhalten Fann. 

Wie man aber fein Vermögen vor 
den Mäufen, auch Diebe genannt, zu 
Ihügen babe, darüber hab’ ich nod 
nichts gelejen. 

Nun bemerfe ih, wie die jüngere 
Zubörerfhaft unruhig wird. „Wieder 
von dem abgejchmadten Gelde! Wenn 
wir eine® haben, fo geben wir es aus; 
haben wir feines, fo befommen mir 
es leicht." Sie haben auch ganz recht 
fo zu fpreden, Sie, die Sie jung, 
Ihön und liebenswürdig find; Seber: 
mann kommt Ihren Wünſchen ent: 
gegen, Eltern, Großeltern, Tanten und 
Onkel beeilen ſich, Ihnen Freude zu 
machen. 

Leider bleibt das nicht ſo; mit der 
Zeit werden wir alt und unſchön und 
wenn wir auch unſern allerletzten Freund 
verloren haben, ſogar übellaunig und 
mürriſch. Hat ſich doch die Welt ſo 
geändert, die Leute ſind nicht mehr wie 
ſonſt, freundlich und gefällig, ſondern 
abſcheulich intereſſirt geworden. 

Nicht die Liebe, ſondern das Inter— 
eſſe hält die Welt zuſammen. 

Nun fragen Sie: „Wer iſt denn 
der ſeltene, brave Freund? wie er— 
halten wir ihn, um ihn ja nicht zu 
verlieren?“ Dieſer letzte beſte Freund 


iſt das Vermögen, das uns Fleiß oder 
ein gütiges Geſchick zugeführt hat. 

Wer anfängt, etwas zurüdzulegen, 
wendet fich zuerft an die Sparcaffe, ein 
vortreffliches Inſtitut, welches nebft der 
größten Sicherheit und guter Berzinfung 
noch den Vortheil gewährt, jederzeit 
feine Einlagen ganz oder theilmeife zu: 
rüdzuerhalten. 

Dort befommen Sie ein Büchel, in 
weldem auf Ihren eigenen Bor: und 
Zunamen, der Betrag mit Ziffern und 
Buchſtaben ausgefchrieben und von drei 
Beamten der Anftalt beftätigt ift. 

Etwas Sichereres, Befjeres und Be: 
quemeres läßt fih gar nicht denlen. 
Aber wohin legen wir dieſes Büchel, 
damit es uns nicht gejtohlen wird ? In 
den Kaften etwa zwiſchen die Wäſche, 
in den Koffer tief unten, oder gar ins 
Bett, denn eine eiferne Kafja befigen 
wir nicht. Aber unfere Schlöfjer, wie 
ichlecht find fie! Geht ein Schlüffel ver: 
loren, jo findet fi bald im Haufe ein 
zweiter, ber auch jo gefällig ift, aufzu: 
ſperren. 

Eines ſchönen Tages wollen Sie in 
die Sparcaſſe gehen und das Büchel 
mitnehmen, doch Sie finden es nidt. 
Wenn uns etwas fo plöglic abhanden 
fommt, halten wir es anfangs gar nicht 
für möglid; es ift uns, als wenn ein 
Wunder gefhehen wäre. Wir fuchen 
zehnmal an demfelben Orte, wir trauen 
uns felbft nicht, ob wir es nicht ver: 
legt haben fünnten, wir durchwühlen 
Alles und finden doch nichts. Endlich erzäh— 
len wir davon fchüchtern unferer Umge: 
bung; „jeder rathet uns, nur glei in 
der Sparcafje die Anzeige zu machen, auf 
unjern Namen ja nichts zu verabfolgen. 


549 


% 


Wir eilen Hin, denn dort herrfcht 
die größte Ordnung, es wird nachge— 
ſchlagen und gefunden, daß diefes Büchel 
vor 8 oder 14 Tagen gänzlich behoben 
worden ift. „Wie ift das möglich auf 
meinen Namen ?* — „Das fümmert uns 
nichts, wer das Büchel bringt, ift ber 
Eigenthümer für uns”, ift die Antwort. 
Mas bleibt zu thun? die Polizei; ben 
Dieb fangen. Möglich, daß er das Geld 
noch bei ſich trägt — gewöhnlich Alles 
verloren. 

Der Zufall machte mich einige Male 
im Leben zum Zeugen des Jammers 
und der Entrüftung der Armen, Die 
das in langen Jahren mühſam Erfparte 
durh die Schledhtigfeit eines Andern 
verloren hatten. Es war ja der Noth: 
pfennig für Krankheiten und Alter. 
Manche erholten ſich nie mehr von diefem 
Schlage; fie bereuten fogar, es vom 
Munde abgefpart, ſich die Hände mund, 
die Augen halbblind gearbeitet zu haben, 
damit ein Elender es verfchleudere und 
verprafle; fo wurden dieſe Armen leicht: 
finnig und verfamen. 

Ich dachte viel darüber nad, ob 
diefem Uebelftande nicht abzuhelfen fei 
und warum das von der Sparcaije felbit 
angebotene Mittel, genannt „der Vor: 
behalt“, nur fo wenig benüßt werde. 
Es kann fih ein Jeder vorbehalten, 
daß nur gegen feine eigenhändige Un: 
terfchrift oder an einen Andern nur 
gegen eine rechtöfräftige Vollmacht die 
Rüdzahlung geleiftet werde. Wenn mir 
aber bedenken, daß Leute, die ſehr ſel— 
ten fchreiben, noch feltener fich unterfchrei= 
ben, wie die dienenden Claſſen, Land: 
leute, Arbeiter, eine Kinderfchrift haben, 
beinahe Einer wie ber Andere ohne 
harakteriftifhen Zug, ja daß der Unter: 
ſchreiber nicht einmal fich felbft zutrauen 
fann, daß er nad Sahren gerade eben: 
fo unterfchreiben werde und dadurch in 
Fatalitäten fommen könne, daß aud 
leicht feine Schrift nachgemacht merben 
fann, fo ift diefes feltene Benützen bes 


auöftellen, was mit Auslagen und Schwie- 
rigfeiten verbunden ift, die fih nidt 
lohnen; auch muß er eine Menge Leute 
von feinem Befite und feiner Verlegen: 
heit in Kenntniß jeßen, anjtatt einfad) 
durh fein Weib oder feinen Freund 
das Geld holen zu laſſen. 

Endlich fiel mir das einfachſte Schuß: 
mittel ein, welches ein Kind hätte er: 
finnen können. Man ſchneide ein Stüd 
des erften Blattes ab, am beiten von 
oben rechts, einen Ausfchnitt von 2 Zoll 
breit und 3—4 Bol lang. Auf die: 
fem Ausschnitte befindet fih die Ein: 
lagszahl und einige Unterjchriften der 
Beamten. Diefen Zettel hebt man ſepa— 
rat gut auf, was bei einem fo Fleinen 
Gegenftande leicht ift. Dadurch ift das 
Büchel in zwei Theile getheilt, in Kör— 
per und Seele; ein Theil allein ift 
nichts als ein werthloſes Stück Papier. 
Bringt der Dieb das Büchel allein, fo 
wird es als verdächtig zurüdbehalten, 
vom Auszahlen ift feine Rede. Bemerfe 
ih den Verluft nad Wochen, fo melde 
ih ihn ganz ruhig an, zeige den Ab- 
fchnitt vor und lafje das Büchel ungil- 
tig erflären, meine Intereſſen Taufen 
weiter, bis ich das Neue erhalten habe. 
Körper und Seele wird wohl der Dieb 
bei einigem Berftande und Vorſicht nie 
zufammen befommen. 

Um nebft einigen Zeitungsartifeln 
über diefen Oegenftand die Sache zu 
verbreiten, erſchien von mir in Roſeggers 
Volksfalender vom Jahre 1877 eine 
Erzählung: „Das GSparcafjebüchel”, 
worin ich meine Anficht möglichit Teben- 
dig und praktiſch darftellte. 

In Folge defien erhielten Herr 
Rofegger und ich jelbft viele Briefe 
und Anfragen über die Ausführbarfeit 
von Seite der Sparcafje; ob man nicht 
etwa Unannehmlichkeiten ausgefegt fei. 
Um eine beutlihe Antwort geben zu 
fönnen, legte ich den 29. November 1876 
in die fteiermärfifhe Sparcaſſe in Graz, 
welche nad der Wiener die Erfte der 


Vorbehaltes erklärlich. Wird der Be: | Monarchie ift, 50 fl. ein und erhielt 
fiter frank und braudt einige Gulden, | dagegen das Büchel Poft:Nr. 10065, 
fo muß er eine rechtäfräftige Vollmacht | Einlagszahl 335174. ch fehnitt ein 


550 


vierediges Stüd, 2 Zoll breit, 3 Zoll 


Noh habe ich die Bemerkung zu 


lang, von der obern rechten Ede ab, |beantworten, daß es geſchehen könne, 
worauf fi) die Einlagszahl, ein Theil | daß beim Tode des Beſitzers des Bü— 
meines Vornamens und die Unterfchrift | held das fehlende Stüd derart verbor- 
von 3 Beamten befand, um es bejon: | gen wäre, daß es nicht aufzufinden ift- 


ders zu verwahren und das Büchel da: 
durch werthlos zu machen. Den 15. De: 
zember 1876, bevor ich in die Spar: 
cafje ging, um 30 fl. zurüdzunehmen, 
befeftigte ih das Stüd genau anpaj: 
ſend, einen Zoll unter dem oberen 


In diefem Falle wird die Verlaf- 
jenfchaftsbehörde den Ausfchnitt amorti- 
firen und die Erben find immer noch 
befier daran, etwas zu warten, ala 
wenn der Berftorbene in feiner Aengft: 
lichfeit das ganze Büchel ebenjo geheim 


Rande, der Breite nad) mit einer Heiz | verftedt hätte, fie müßten dann da— 


nen Sicherheitsnadel, um jedes Herab- 
fallen zu verhindern, durchſtach dabei 


von gar nicht? und die Einlage wäre 
verloren. 





aud) das zweite Blatt des Büchels, um Ich erlebte felbit einen Fall, wie 
eine fejte Unterlage zu gewinnen. Das klug mande Leute im Verbergen find. 
Häfen kam an die Vorderfeite. Weis | Im Jahre 1860 legte ich im Keller 
ter unten bediente ich mid) einer Sted= | meines Landhauſes ein Champignonbeet 
nabel, um die beiden Theile an das an, dabei fand ich eine große Flafche, 
zweite Blatt feſtzumachen. Jede Linie, |die jorgfältig verfiegelt war, ein zu: 
jeder Buchftabe paßte zufammen und | jammengerolltes Papier war der Inhalt. 
fein Herummerfen konnte den Zufam: Es beitand aus ſehr gut erhaltenen 
menhang ftören. Ich hätte mich auch Wiener Bancozetteln vom Jahre 1800, 
einer Nadel und des Zwirns bedienen | die ganz werthlos waren. 

fönnen, was vielleicht noch leichter wäre. Nun wollen wir einen Schritt wei: 
So vorgerichtet, übergab ich das Büchel |ter gehen. Die meiften Befiger von 


dem betreffenden Beamten, diefer bejah 
e3 genau, wendete ſogar das Blatt um, 
fchrieb dann ein, ohne eine Bemerkung 
zu maden. In gewöhnlicher Ordnung | 


Staatspapieren legen diefe an 
einen ſichern Ort, fchneiden aber aus 
Vorficht die zwei nächſten Coupons ab, 
um im Falle eines Diebjtahls ſich aus: 


erhielt ich die 30 fl. und das Büchel weiſen zu können und Zeit zur Amor: 
mit der Unterfchrift von 3 Beamten und | tifation zu gewinnen. Damit glauben 
Bormerfung des Reftes von 20 fl. zurüd. | fie gefiert zu fein, weil Niemand foldhe 

Diefes Vorgehen der Sparcafje be: | Papiere faufen wird, an denen zwei 
weiſt es klar, daß diefelbe gegen das | Coupons fehlen. Das aber ift ein gro- 
Schugmittel feine Einwendung macht, | Ber Irrthum. Auch ſolche Papiere wer: 
wenn es genau ausgeführt wird. Na: | den von den Wechslern um einen min- 
türlicherweife kann bei einem Inſtitute deren Cours gefauft, da mande Leute 
von folder Ausdehnung, wo oft Hunderte | ihre Coupons früher in der Noth ver: 
von Perfonen warten, dem einzelnen feine | faufen oder verfegen, daher der Ankauf 
befondere Zeit gewidmet werden, um von derlei Obligationen nicht verboten 
ihm das Anpafjen und Befeftigen zu it. Einmal aber in der Hand bes 





bejorgen.*) 


*) Im Falle das Publitum den Wor- 
ſchlag acceptiren follte, würden die Sparcaffen 
vielleicht gut thun, das Sparcaſſebüchel mit 
einem Coupon zu verfehen, der bequem abge- 
trennt und angefügt werden könnte und ohne 
den ein Büchel ungiltig wäre. — Wir begmü- 
gen und damit, diefer wohlmeinenden Anregung 
in unferm Blatte Raum geboten zu haben. 

Die Red. 


Wechslers, ift jede Amortifation verge: 
bens, da er als rechtlicher Beſitzer be— 
trachtet wird. Benützen Sie dasfelbe 
Verfahren wie beim Sparbüchel für die 
Papiere. Die meiften betehen aus einem 
Umſchlagbogen, Staatsſchuldverſchreibung 
benannt, und aus einem zweiten mit 
den Coupons und dem Talon. Schneiden 
Sie von der Schuldverſchreibung ein 


551 


vieredige® Stüd oben links mit einem | 
Theile oder der ganzen Nummer heraus, 


und fein Wechsler wird, noch darf ein 
Papier faufen, welches den Stempel des 
Diebftahls an ſich trägt, nur müfjen Sie 
die zwei Coupond und den Ausjchnitt 
feparat und gut verwahren. 

So fomme ih zu dem Ausfprude: 
„Der Ausfhnitt ift die eim 
brudfidere Caffe des kleinen 
Beſitzers.“ Diefen Ausfchnitt benö- 
thigen Sie nur, wenn Sie einmal die 
Obligation verlaufen wollen, dann Ele: 
ben Sie, wie bei zerrifjenen Banknoten, 
ein Stück gummirte® Papier auf die 
Nüdfeite, was gar feinen Anftand hat, 
da die Nummer der Coupons oder des 
Talons die Zufammengehörigfeit be: 
weit. 

Nun no einen Schritt weiter. Der 
Pack der Papiere ift groß, ebenfo der 
der Coupons und Abjchnitte, wir befor: 
gen beſonders auf dem Lande Feuers: 
gefahr. Eine eiferne Caſſe convenirt 
uns nicht, fie macht zu viel Auffehen, 
ift gleihfam ein Aushängſchild des 
Reichthums, auch ift nicht jede Wohnung 
geeignet eine fo große Lat zu tragen, 
enblih hat ed Fälle gegeben... bejon: 
der3 wenn man längere Zeit abmwejend 
ift, kurz wir wünſchen Sicherheit ohne 
Beobachtung. 

Ich habe die Erfahrung gemacht, 
daß viele Wohlhabende, ſelbſt der beſ— 
ſeren Stände, den einfachen Weg nicht 
kennen, den ſie da einzuſchlagen haben. 
Die Nationalbank in Wien über— 
nimmt Papiere und Loſe jeder Gattung, 
jeder Höhe zur Aufbewahrung 
gegen mäßige Gebühr ohne alle Um— 
ſtändlichkeit, für die Zeit von 1 Monat 
bis zu 3 Jahren. Nachdem man die in 
der Zwiſchenzeit fälligen Coupons ab— 
geſchnitten, bringt man die Papiere in 
die Depofiten-Abtheilung der National: 
banf, läßt fi vom Diener den Bogen 
zur Einreihung ausfüllen und unter: 
jhreibt ihn; die Gebühr beträgt von 
1000 fl. monatlih 6 fr. von dem nad) 
dem letzten Courfe berechneten wirklichen 
Werthe. Sie befommen von der National- 


banf einen Depofitenfchein mit Angabe 
des Inhaltes und der Unterjchrift der 
Direction. Die Behebung der Coupons 
fowie weitere Verlängerung kann nur 
gegen die eigene Unterfchrift in Gegen: 
wart der Banfbeamten ftattfinden. 

Die weitere Prolongation braudt 
nicht pünktlich zu geſchehen, Tann viele 
Monate früher oder jpäter ftattfinden, 
da die Bewohner der Provinz nur 
gelegentlih nah Wien fommen. Die 
Prolongation ift fehr einfah: man be: 
zahlt die neue Gebühr und erhält die 
inzwifchen fälligen‘ Coupond. Um aber 
für Verhinderungsfälle bereitet zu fein, 
ift es gut, ſich eine Vollmachtsblanquette 
in der Banf geben zu laſſen, welche 
unentgeltlih verabfolgt wird. Entweder 
nimmt man die fleine Vollmacht, womit 
man mittelſt legalifirter Unterfchrift 
irgend jemanden beauftragt, die Coupons 
zu beheben und weiter zu verlängern, 
oder die große, welche nebjtvem aud) 
noch erlaubt, das Capital felbit ganz 
oder theilweife zu beheben. 

Die Nationalbank in Wien hat ge: 
mwöhnlih 19 Millionen Depofiten, was 
far für das allgemeine feitbegründete 
Vertrauen fpriht, das dieſe Anjtalt 
genießt. 


Ghinefifhe Märden. 
Anvergänglide Farbe. 


Da lebte vor langer Zeit ein Zau: 
berer. Zu diefem Zauberer famen die 
Leute mit all’ ihren großen und kleinen 
Anliegen, mit finnigen und unfinnigen 
Bitten und mit gerechten und ungerechten 
Zumuthungen. 

Und der Zauberer Half und mill- 
fahrte Allen, aber zumeift anders, als 
fie erwartet hatten. — 

So fam in einer dunflen, jtürmi: 
fhen Naht ein verhüllter Mann zu 
dem Zauberer und verlangte Hilfe von 
ihm mit der Rebe: 

„Ich bin ein armer alter Farben— 
reiber und gehe dem Elende entgegen, 
weil mein geftrenger Herr mir ob einer 


552 


matten Farbe feine Gunft entziehen 
will.“ — | 

Der Zauberer blidte in das Feuer, 
da3 vor ihm brannte, und ſprach, ohne 
nad dem gebeugten Manne umzuſehen: 
„Du bift nicht arm, denn Du bift fein 
Farbenreiber, fondern ein Maler, ein 
Künftler; Du bift nicht alt, denn Du 
zählft nur zwanzig Sommer; Du geht 
nicht dem Elende entgegen, denn Du 
bift ein Günftling der Großen; Du haft 
feinen ftrengen Herren, fondern eine 
milde Herrin, die Fürftin diefes Landes, 
und Du weißt felbft am beften, wie es 
mit den Farben fteht, die Du ihr be- 
reitet.” 

Da richtete ſich der gebeugte und 
verhüllte Mann hoch auf, warf den 
Mantel weg und blidte freudig auf 
den Bauberer. 

„Du bift ein echter Herenmeifter,“ 
rief er aus; „ed lohnt die Mühe 
wohl, ein aufrihtig Wort mit Dir zu 
ſprechen.“ 

Ohne Scheu vor dem unheimlichen 
Feuer, in welchem ekliches Gewürm 
umherkroch, trat der junge Mann an 
den Zauberer heran, legte ihm ſchwer 
und feſt die Hand auf die Schulter 
und ſagte: „Sieh', Hexenmeiſter, die 
Sache ſteht ſo: die Fürſtin malt und 
malt tagaus, tagein, und es macht 
ihr Freude, ſo lange die Farben friſch 
und glänzend ſind, und da iſt ſie zu— 
frieden mit mir und nennt mich ihren 
braven Maler. Allein wenn das Bild 
vollendet iſt und ich hinweggehe, dann 
findet die Fürſtin die Farben matt und 
grau und ſie hat keine Freude mehr 
daran; dann nennt ſie meine Farben 
ſchlecht und ſchwach und heißt mich 
einen ungetreuen Maler.“ 

Da lächelte der grimme Zauberer 
und antwortete: „Nimm drei Tropfen 
von Deinem Herzblute und mache eine 
Farbe daraus zur Vollendung des Bil: 
des; es wird der Fürſtin gefallen und 
wird ihr nie matt und grau erfcheinen. “ 


„Wie foll ic das Blut aus meinem | 


Herzen nehmen?“ 
Maler. — 


frug erjtaunt der 


„Nimm diefe Nadel von Gold,” 
fprah der Zauberer, „und ftih in 
Dein Herz; aber nimm nicht weniger 
Tropfen als drei, fonft hilft es nicht, 
aber auch nicht mehr ala drei, fonft 
ftirbft Du.” 

Der junge Maler ergriff die Nadel 
und eilte davon. 

Am nächſten Abende, nad) wunder: 
prädtigem Sonnenuntergange, da ſaß 
die Fürftin des Landes auf dem großen 
Altan ihres Palaftes und vor ihr jtand 
der Maler mit dem Bilde, das ſie 
jüngft vollendet und das ihr wohlgefiel, 
wie noch feines. 

Mit feuchten Auge blidte fie zu 
dem jungen Manne auf und frug: 

„Wird dies Bild auch wieder matt 
und grau werden, mein Freund ?“ 

„Nein, meine Fürftin,“ rief der 
junge Mann; fiel der ſchönen Frau zu 
Füßen und umfaßte fie mit Xeiben- 
ihaft, „nein, dies Bild wird immer 
glänzend bleiben und Dir immer ge: 
fallen; ich habe die Farben nad dem 
Worte des Zauberer mit meinem Herz: 
blute bereitet, aber ih muß nun jter: 
ben, weil ich des Blutes zu viel ge: 
nommen, damit die Farbe ewig dauern 
ſolle. — Ich will nidt fterben, ohne 
Dir zu jagen, daß ih Di liebe.“ 

Und die Fürftin ließ fich fefthalten 
von dem jungen Manne, fie füßte ihn 
auf Stirn und Mund und beſchwor 
ihn, nicht zu fterben, und nur feines 
Wortes habe fie beburft, um alle 
Narben und alle Welten ſchön und 
glänzend zu fehen in alle Ewigfeit. 

Als die Sonne wiederfam und die 
Glücklichen befhien und als fie fühlten, 
daß fie beide lebten, da verjtanden fie 
das Näthfel von der Farbe: 

Das ausgeſprochene Liebe 
wort war es, das der Farbe den 
Glanz gebradt, und der Glaube an 
diefe Liebe war's, der den Glanz feit- 
hielt, auf daß er nie verfchwinden fonnte. 


Ss. Auegg. 


553 


Der Alte am Brunnen. 


Die Gründer der drei Religionen : 
Buddha, Laotfe und Kongtfe unterhiel: 
ten fi einftens im Schattenreiche über 
ihre Beftrebungen und Erfolge und fa: 
men überein, daß das Menſchengeſchlecht 
im Argen liege. 

Da entſchloſſen fie fi, nochmals 
zur Welt unterhalb des Mondes zu 
fteigen, um Leute zu finden, geeignet, 
die vergeflenen Lehren der Tugend und 
Gerechtigkeit zu erneuern. 

Viele Länder und Städte haben 
die drei Weifen durchzogen; fie haben 
Niemanden gefunden. Da verließen fie 
die bemohnten Gegenden, überſchritten 
Wüſten und Einöden und find gemaltig 
durftig geworden. Jetzt fahen fie eine 
Quelle, neben ihr einen alten Mann, 
der fie bewachte. 

„Gehe du hin, Buddha, und bitte 
um Waſſer,“ fpraden Kongtſe und 
Laotfe, „Dir ift das Betteln angebo: 
ren, man fieht’8 an Deinen zahlreichen 
Schaaren von Bettelmönden. ” 

„Wer bift Du?” fragte der Alte 
den Bubbha. 

„Ih bin Schakiamuni,“ ſpricht 


diefer, „der ehemals im Weſten er: 
ſchienen.“ 
„Ei, ei, Du biſt der berühmte 


Buddha, von dem ich ſo viel gehört, 
Du giltſt für einen gutherzigen Mann, 
Dir werde ich auch Waſſer geben, ſo— 
bald Du mir eine Frage beantworteſt. 
Ihr Buddhiſten ſagt: Alle Menſchen 
ſind gleich, warum habt ihr denn doch 
ein Dalai Lama, Pfaffen aller Art, 
Aebte und Aebtiſſinnen, Mönche und 
Nonnen aller Kutten?“ 

Buddha verneigte ſich und ging davon. 

Laotſe trat auf. 

„Wer biſt Du?“ fragte der alte 
Mann. 

„Ich bin Laokieu.“ 

„Ah, ah! Stifter der Taolehre, ich 
kenne Dich; Du haſt einen guten Na— 
men. Waſſer bekommſt Du, ſobald Du 
mir eine Frage beantworteſt. Ihr Tao— 
leute rühmt euch des Trankes der Un: 


fterblichkeit, 
nicht ?” 

„Natürlich befiten wir fol’ ein 
Geheimmittel, Du fiehit ja, mich Hat 
es unfterblich gemacht.“ 

„Nun, Lao,“ ſpricht der Alte, 
„warum warſt Du ſo der kindlichen 
Liebe vergeſſen und haſt Deinen Vater 
ſterben laſſen?“ 

Meiſter Lao kommt in große Ber: 
legenheit, geht zurück und ſagt zu 
Kongtſe: 

„Bruder, jetzt mußt Du zum un— 
verſchämten Alten, wir beide, Buddha 
und ich, ſind dem Kerl nicht gewachſen.“ 

„Wer biſt Du?“ fragte wiederum 
der Greis. 

„Mich kennſt Du nicht? Ich bin 
Kong Tſchongei aus dem Lande Ku, 
der erhabene, der weiſe, der einzige 
Mann.“ 

„Ei ſo, ei ſo!“ meinte der Alte, 
„ich kenne Dich jetzt ſchon, Du biſt 
der allberühmte Kongtſe, der Lehrer 
des Mittelreichs. Ach, wie könnte ich 
Dich dürſten laſſen! Doch zuvor löſe 
mir eine kleine Schwierigkeit. Deine 
Vorſchriften über kindliche Liebe ſind 
vortrefflich. Sagſt Du doch unter An- 
derem: So lange deine Eltern leben, 
gehe nicht weg, mußt du aber, ſo 
bleibe wenigſtens an einem beſtimmten 
Ort. Heda, warum ziehſt Du denn auf 
und ab im Lande und kommſt noch in 
dieſe wüſte Gegend?“ 

Auch Meiſter Kong muß ſich be— 
ſchämt zurückziehen. — Nun ſetzen ſich 
die drei durſtigen Weiſen und rath— 
ſchlagen über den geſcheidten Alten 
dort an der Quelle. 

„Glück auf,“ ſpricht Buddha zu 
den beiden Andern, „haben wir auch 
kein Waſſer, ſo haben wir doch den 
rechten Mann gefunden, um unſ're ver: 
blihenen Lehren aufzufrifhen, und bie 
Menſchheit zu erneuern.” 

Da maden ſich alle drei zufammen 
auf, gehen zu dem Greis und fchütten 
ihr Herz aus. Der lächelt und fpridt: 

„Meine lieben, auten Herren, Ihr 
ſcheint gar nicht zu wiſſen, wer id 


habt ihr fo was, ober 


554 


eigentlih bin. Seht mich einmal recht 
an! Vom Haupt bis zur Bruft bin ich 
rein, vom Magen bis zu den Scenteln 
bin ich Fleifh und Bein, meine Füße 
find von Stein. Bon Tugend und Ge: 
rechtigkeit kann ich ein Langes und 
Breite predigen und ſchwatzen; ich 
fann ihnen aber nicht nachgehen, nicht 
darnad leben.“ 

Die drei Weifen fehen fi ver: 
wundert an. 

Der Alte ift das Sinnbild des 
Menſchengeſchlechts. 

Traurig verlaſſen ſie die Erde und 
erheben ſich wieder in die Räume 
jenſeits des Mondes. 


A. v. Friedrich. 


Zwei böſe Geſchichten. 
Eine drohende Haud. 


Einſt ſaß ich in einem oberöfterrei- 
chiſchen Dorfwirthähaufe und prebigte 
gegen die Curpfufcherei. Einen Bauers- 
mann hatten fie am felben Tage im 
Dorfe begraben, den ein Quadfalber 
behandelt hatte. Das war Waſſer auf 
meine Mühle; ich zählte alle Fälle 
von Eurpfufchereien auf, die ich wußte ; 
Taube und Blinde, Lahme und Todte 
ließ ih aufmarfdiren ala Opfer der 
Winkelärzte, und dabei trank ih Moft. 

Als ih mit meiner Predigt zur 
Neige war, fette fih der Wirth, eine 
derbe, fede Geftalt, ganz nahe zu mir, 
legte jeine vechte Hand vor mid) auf 
den Tiſch hin und fagte: „Na, was 
meint Er, ift fie noch zu brauchen, bie 
Pfote da?“ 

„Warum fol die Hand nicht zu 
brauchen fein?“ antwortete ih; „fie if 
ja hoffentlich ferngefund.“ 

„Das glaub’ ich auch”, lachte der 
Wirth, „ich wollt’ damit den gelehrten 
Doctoren z' Wien da unten leicht ein 
Paar Deuter geben!“ Er bob den 
Arm, ließ ihn nur auf den Tiih 


— 


„Iſt recht, laß' los, Wirth“, er— 
munterten die Gäſte. 

„Den Herrn da wird's beleidigen“, 
ſagte der Wirth und deutete auf mich, 
„der Herr wird ein Doctor ſein und ſein 
Lebtag gewiß noch recht viel Leut' curiren.“ 

„Ich bin kein Doctor“, entgegnete 
ich und mich wird's nicht beleidigen.“ 

„Das wird mich freuen“, ſagte der 
Wirth; dann ſetzte er bei: „Es iſt 
aber die reine Wahrheit!“ Und hernach 
begann er zu erzählen. 

„Drei Jahr iſt's jetzt aus, ſeitdem 
ich eines Obſtverkaufes wegen nach Wien 
gereiſt bin. Auf der Donau bin ich 
hinabgeſchaukelt; ein warmer Herbſttag 
iſt geweſen, wir haben auf dem Deck alle 
die Joppen ausgezogen. Und auf ein— 
mal, 's iſt nicht weit bei Krems herum, 
vermerk' ich an der Hand da, juſt 
hinter dem Gelenkknöchel, ein Brem— 
ſeln. Hat mich eine Fliege geſtochen. 
's iſt gut, ich acht's nicht, bin kreuz— 
fidel und mach' allerhand Späß', weil 
ſonſt ſo eine Waſſerfahrt todtenlang— 
weilig ſein kann. Wie wir dann gegen 
Kloſterneuburg kommen und ich in den 
Sad greif', um meine Zech' zu zahlen, 
fann ich die Hand nicht biegen. Roth 
angelaufen ift fie über und über, und 
wie wir in Nußdorf außfteigen, ift fie 
geſchwollen wie ein großmädtiger Pol: 
fter. Was zum Teufel das nur ift! 
den!’ ich bei mir felber ; hab’ die Nacht 
darauf fein Aug’ zugethan, und ein 
Schmerz ift euch das geweſen — ſchon 
gottesläfterlid. Gehſt zum Doctor! 
denk’ ich mir, und am Morgen bin id) 
im Fieber hell dem Spital zugerannt. 
Bald find die Herren beifammen, und 
Einer fchneidet mir gleih den Hemd: , 
ärmel auf bis zur Achjel und macht, 
wie er den Arm fieht, einen lautmäd): 
tigen Pfiff. Alle Doctoren vom ganzen 
Spital laufen zufammen, murmeln, 
zuden die Schultern, und endlich fagt 
Einer: „Sogleih muß es fein, auf 
der Stel! muß es fein! fein Augen: 


niederfallen, daß der Moftkrug zitterte. | blid darf mehr verfäumt werben, fonft 
„Wollt' eine Geſchichte erzählen!” |ift der Mann verloren. Sogleih in die 


jagte er hierauf. 


anatomifche Abtheilung mit ihm!” 


555 


Was wollt's mir denn ? fahr’ ich auf. 

Lieber Freund, fagt er, der Arm 
muß abgenommen werden, er ift ver: 
giftet. 

Herr Jeſſes! fchrei ich, weil mid 
die nichtige Mücke hat geftochen ? 

Sie jehen es ja, wie die Sache aus: | 
Ihaut. Es handelt fi nicht mehr um 


waren abgetragen und nicht mehr viel 
nuß gewefen. Das zweitemal ftahl er 
einen Pelz und ſaß jehs Monate ; das 
war bereit? von Nuten, denn das 
drittemal zwidte er fi) auf dem Jahr— 
markt eine filberne Uhr. Die madte 
ihn auf drei Jahre forgenfrei. 

Der Hedl war ein Iuftiger Patron 


den Arm, e3 handelt fih um hr Les | und verfürzte feinen Genofjen im Zucht: 


ben! Und mit wahrer Begier hat eud) 
der Menſch Anftalten gemadt, mir 
meinen Arm mwegzufcneiden. 

Was! ruf’ ich, ihr Fleiſchhauerleut'! 
abjchneiden laß’ ich mir nichts; lieber 
jterben wie mich Gott erfhaffen hat! 
— und lauf’ davon. 

Auf den Obſthandel pfeif' ich, 
fchnurgerade fahr’ ich heim zu und laß’ 
eilends die Kreuzichufterin holen. Die 
Kreuzſchuſterin — das alte Weib — 
ſchmiert mir ein Pflafter auf den Arm; 
— in zwei Tagen d’rauf ift die ganze 
Baffionsgefhichte gut gewefen. — Das 
da —” und der Wirth ſchlug wieder 
die Hand auf den Tifh, „das ift die 
felbige !* 

Ich dudte mich. Sch halt’ was auf 
die ſtudirten Aerzte, aber feither getraue 


ih mich nicht, ihnen unter allen Um- Staatsbürger, 
ftänden das Wort zu reden. Aber mit | Jahre aus find! 


hauſe rechtfchaffen die Zeit. Unmöglich 
ihön pfeifen fonnte er und maultrom: 
meln und auf dem Kopf ftehen und 
auf den Händen herumfpazieren und 
allerhand fo Künfte. Der Kerfermeifter 
felber unterhielt fih, wenn ber Hebl 
fih darthat. 

Kam dann der Zuchthausvater, der 
Vorftand, zu den Arreftanten, fo wußte 
ihm der Sattler-Hedl ftet3 ein höfliches, 
ihidfames und witziges Wort zu fagen, 
jo daß er den heiteren Burfchen mohl 
leiden konnte. Auch bei der Arbeit war 
der Hedl emfig und des Sonntags, 
wenn er in ber Kapelle die Predigt 
hörte, nidte er ftetö ſehr einverftanden 
mit dem Kopf, fo oft der Priefter das 
Zafter des Diebſtahls verdammte. 

Das wird nod ein ſehr brauchbarer 
wenn erſt feine drei 
Der Borftand Tief 


der Kreuzfchufterin will ich auch nicht? zu | ihm manches zu gute kommen und ber 


thbun haben. Der brave Wirth wäre 
hoffentlich auch ohne ihr Pflafter ge: 
nefen. Unfer bejter Arzt ift die ge 
wohnte, geregelte Lebensweife und Die 
Natur — noch einen Krug Meoft, 
Wirth! — ihr fei mein frifher Trunf 
gebradjt ! 


Ein ZuchthausZögling. 

Trug muß man's fagen: Der Gatt- 
ler-Hedl macht fi recht gut im Zucht: 
haus, und er könnt' fi noch befier 
machen, wäre er glei das erftemal 
auf längere Zeit hineingelommen. Aber 
ein böfer Zufall wollte es, daß er 
ſchon nad dem eriten paar Stiefel, die 
er ftibigt hatte, zum Sitzen fam; doch 


Hedl war dankbar für Alles. 

Aber das dritte Jahr war fehr 
lang und war doch nur ein gemeines. 
Der Hedl ſtand oft traurig am Fenfter: 
lein und blidte hinaus in das Gewühl 
der Straße, zu den Käufern und Ber: 
fäufern, die in befter Art fich beſtahlen 
und dann gegenfeitig wieder fi) zum Ge: 
ihäft einluden. Welch’ ein reiches Leben ! 

Eines Morgens, e8 war im eilften 
Monat des legten Jahres, meldete fi 
der Sattler:Hedl beim Vorftand, machte 
die formgerehte Gefte des Grußes, 
verzog dann fein Gefiht zum Grinfen 
— war's Laden oder Weinen, der 
Vorſtand wußte es nicht. 

„Na, Hebl, was wünſchen wir?” 

„Herr Vorftand — guter, befter 


gewährte man ihm das freie Quartier | Herr Vorftand! Heute ift Jahrmarkt 
nur vierzehn Tage, denn die GStiefel| da drüben in Straßkirchen.“ 


556 


„Was fchert’3 Dich denn?” 

„Herr Vorftand, ih bitt —“ 
blieb fteden. 

„Nun, heraus mit der Farbe, wenn 
fie nicht ſchwarz iſt!“ 

„Sa, kohlſchwarz, Herr Vorſtand, 
das heißt fchneeweiß, weiß mie eine 
Taube. Ich will mid ja gewiß recht 
brav aufführen — ich bitt’, laſſen Sie 
mid heut’ auf den Jahrmarkt gehen!“ 

„Wa—a—as |“ ſchrie der Vorftand, 
„na, hör’ einmal, Du bift ein Föftlicher 
Kerl. Seit wann gehen denn die Arre- 
ftanten auf den Kirchtag?“ 

„Seit heute, Herr Vorſtand.“ 

Diefer ſchwieg vor Staunen. End: 
lich fagte er: „Seht fee Dich einmal 
zu mir.” 

Der gefchmeidige Burfche fette ſich 
ganz nahe zu feinem Zucthausvater. 
Der war gut gelaunt und mit dem 
Hebl war er ſchon manden Spaß ein: 
gegangen. Er legte ihm die Hand auf 
die Schulter und fagte: „Junge, wenn 
ih Dir jetzt das Vertrauen ſchenke und 
Dich auf einen Tag frei lafje, was wirft 
Du maden?“ 

„Auf den Jahrmarkt gehe ich.“ 

„Gut, und was willft du Dir dort?“ 

Da blidte ihn der Burſche treu- 
herzig an und verfeßte mit leifer Stimme : 
„Sädelräumen.” 

„O du vertradter Strick!“ rief ber 
Vorftand und fprang auf. 

„Sa, fehen Sie, mein lieber guter 
Herr,“ jagte der Hedl flehend, „Sie 
wiſſen nicht, können ſich's aud gar 
nicht vorftellen, was das für ein Ber: 
gnügen ift! Nicht etwa megen Gelb 
oder Uhren — beileibe nicht, fo weit 
hat Gott Unfereins noch nicht verlaffen, 
aber — — ſich fo einen überflugen 


Er 


Einige Wochen fpäter war die Zeit 
aus; der Sattler:Hedl ging in die freie 
Melt und fchnurgerade dem erjtbeiten 
Jahrmarkt entgegen. 

Was weiter geſchah, fragt die Gen: 
darmen. £ 


April. 

Hier begegnen fih die Natur und 
der Glaube und zauchzen fi das Wort: 
Auferftehung! zu. Die Kirche ftedt ihre 
Fahnen aus, die Natur ihre BVeilchen ; 
die Kirche läßt ihre Orgel, ihre Gloden 
fingen, die Natur ihren Vogelfang ; 
Weihrauch wirbelt empor an den lichter- 
ftrahlenden Altären; bunte alter flat: 
tern über die jung grünenden Auen, 
die lieben Schwalben tanzen in blauer 
Luft. — O feid und gegrüßt, ihr wie: 
dergefehrten goldenen Tage der Frühzeit! 

Emfig arbeitet der von feinen zahl: 
lofen April:Bauernregeln befeelte Land: 
mann in feinen Gärten und Feldern 
und neues Leben athmet er ein aus 
der balfamifchen Luft, aus dem wonni— 
gen Haud, welcher der Erde entfteigt. 
Der Jäger geht auf Auerhähne, Birk: 
hühner, Waldfchnepfen, fchier vergißt 
er auf das Tödten und laufcht mit 
Ohr und Herz der heiligen Freude des 
Lebens. Der Tannenforft fteht noch in 
büfterem Grün, als grolle er dem 
Winter nah; der Laubwald ift no 
ein durchſichtiger Schleier, aber feine 
Zweige find voll don jungen Blättern 
und die Müden tanzen und die Käfer 
frabbeln. Die Nachtigall hat den Winter 
über ein fchönes Lied gebichtet und 
jchmettert e8 jekt hinaus, daß es 
eine Luft ift, und der Wiedehopf ſpa— 
ziert auf dem Gezweige und verneigt 


Bauern herausfödern, ihm einen Raufch | fi) fortwährend aus Refpect vor einer 


anzehen, mit ihm nachher ein bifiel 
im grünen Wald fpazieren gehen, ihn 
fchlafenlegen auf's weiche Moos und 
die Sädel ausfuhen — Herr Borftand ! 
als wie das, weiß ich mir feine größere 
Freud’ auf der Welt.“ 

„Galgenſtrick!“ murmelte der Vor⸗ 
Stand. 


fo fhönen Welt und aud vor dem, 
der fie gemadt hat. 

Dem Städter wird's unbehaglid 
in feinen Mauern, aber weife Stimmen 


warnen, man dürfe dem April jo ganz 
nit trauen, das fei ein heimtüdifcher 


Gefelle. Der berede heute lächelnd, den 
Pelz; nur getroft ins Verfagamt zu 


557 


tragen, ftibige denfelben in der Nacht 
aber felber weg, um des andern Mor: 
gens did eingehült unter Schneefloden 
den Betrogenen höhnifch zu begrüßen: 
„Aprilnarr! Aprilnarr!“ 


Bücher. 
Der Naturgenuß. 

Eine Philoſophie der Jahreszeiten von Hie- 
ronymus Lorm. (Bei U. Hofmann & Co. 
Berlin 1876.) 

Ich glaube, Blaife Pascal fagt ir: 
gendwo, er fei durch die Lectüre eines 
Buches ° angenehm überrafht worden, 
indem er erwartet hätte, nur ein Bud 
zu finden, und einen Menſchen ge 
funden habe. Nur ein Bud! Sol’ 
einen Sat fonnte doch nur ein Fran— 
zoje wagen, während es beim Wolf 
der Denker als ziemlih ausgemacht 
gilt, daß ein Buch mehr als ein Menſch, 
gleihfam der beſte Theil desfelben, der 
Niederfchlag feines Geiftes ſei. Wir 
haben fo lange die Objectivität geprie: 
fen, daß wir darüber blind geworben 
find für die Kraft der Subjectivität, 
die als der ernährende Boden jener 
gelten kann; fein großer Denfer ohne 
heftige Leidenſchaften, ohne eine auäge: 
fprochene ftarfe Individualität, und es 
gewährt und gewiß bei einem ſolchen 
fein geringeres Vergnügen, im Herzen 
des Autors, als in jeinem Buche zu 
lefen. — In höherem Sinn ift das 
bergeftellte Gleichgewicht zwifchen Ob— 
jectivität und Subjectivität der Bund 
der Bhilofophie und Poeſie, welche lei: 
der nur zu lange und zu ihrem eigenen 
Nachtheile getrennte Wege gingen. Seit 
ih nun meinen Plato gelefen, habe ich 
nirgends mehr das erwähnte Bündniß 
ſchöner erneuert gejehen, als in Lorm's 
neueftem Werke. Im jchönften Sinne 
des Wortes möchte ih den „Natur: 
genuß“ als ein Erbauungsbudh bezeich: 
nen; — in wunderbarer Weife hat es 
mich ergriffen und mir auf jevem Blatte 
die Wahrheit jeines Motto’: Pectus 


Die meifterhafte hiftorifche Entwick— 
lung der verfchiedenen Phafen in der 
Verbindung und Trennung von Natur 
und Geift macht diefes Werk zur ein: 
zigen Geſchichte der Philoſophie, fomie 
zur einzigen Literaturgefchichte, worin 
in großen Zügen das MWefentlichfte der 
Geſchichte des Menfchengeiftes feflelnd 
und anziehend geboten wird. E3 läßt 
fih aber aud ein durchfchlagender Er: 
folg beim gebildeten Publikum voraus: 
jegen, weil eben der philofophifche In— 
halt in jo vollendet ſchöner fünftleri- 
iher Form beftriden muß, während 
ſonſt gewöhnlich philofophifche und lite: 
rarhiftorifche Werke durch ihr theoretifch- 
graue oder moralifch-härenes Gewand 
von vornherein die Leſer zurüdfchreden. 


Es gibt Führer, welche feine an: 
dere Berpflihtung zu haben glauben, 
al3 den Fremden raſch an ein beftimm: 
te8 Biel zu bringen, — andere hinge: 
gen bleiben öfters ftehen, um den Wan: 
derer bald auf diefe, bald auf jene 
reizende Ausfiht aufmerffam zu ma: 
hen, und führen ihn wohl mitunter 
aud ein wenig abfeits vom Wege, ober 
erzählen ihm Sagen des Landes, bie 
ein Anderer mürrifh für fich behielte, 
weil fie den Weg nicht Fürzen. 


Der Reichthum an Gedanken ver: 
leitet den Autor zu Heinen Abſchwei— 
fungen, für melde ber Leſer ihm Dank 
wiſſen follte, fie ihm aber oft zum Bor: 
wurf macht. Das Reifen auf der Eifen: 
bahn hat aud einen Theil ber Leſer— 
welt verdorben; dieſer will raſch an’s 
Biel fommen und frägt wenig nad) 
der Gegend, die er durdeilt. — Lorm's 
Buch gleiht einem herrlihen Spazier: 
gang in der Abendkühle; oft bleibt der 
Autor ftehen, uns etwas Bedeutendes 
zu jagen, und nit felten fieht man 
ihm an, daß er fich nur ſchweren Her- 
zens von einem fchönen Punkte losreißt. 

Mander wird vielleicht jagen, daß 
die Einleitungsnovelle eine unnöthige 
Zuthat fei, während ich diefelbe feines: 
wegs mifjen möchte und geradezu be: 


est, quod fecit philosophum, beftätigt. | haupte, daß diefe Novelle für das Ver: 


558 


ftändnig des Buches den Weg zum doch ift bei 


Herzen des Leſers bahnt. 
Der „Naturgenuß“ 
jedem Gebildeten empfohlen werden, | 


jo unerhört maßlofen 
Uebergriffen, als die geſchilderten ſind, 


kann daher | eine fcharfe, bittere Zurechtweifung wohl 


begreiflich. Anderſeits leitet uns der 


der ſich ohne Mühe, Noth und Yang: Verfaſſer liebreich vermittelſt feiner kla— 


weile über Philoſophie und deren Ge— 
ſchichte belehren laſſen will, einem Je— 
den, der in großen Zügen auch die 
Geſchichte der Literatur kennen lernen 
möchte, und dem die Herbarien ande— 
rer Literarhiſtoriker mit ihren trockenen, 
farbloſen Pflanzen und ihrem Heuge— 
ruch nicht zuzufagen vermochten. Lorm's 
echter Dichternatur war es vorbehal: 
ten, eine glänzende Ausnahme zu ma— 
chen; er reicht uns einen duftenden 
Strauß unverwelllich farbenfriſcher und 
ewig duftender Blumen. — Der Er— 
folg dieſes Buches dürfte hauptſächlich 
darin liegen, daß wir alle wiſſen 
möchten, aber ungern lernen; es er— 
innert mich an ein engliſches Leſebuch: 
„Reading without tears“, denn von 
Lorm können wir auf die angenehmſte 
Weiſe das erlernen, wobei uns Andere, 
wenn nicht weinen, ſo doch — weiß 
Gott — gar häufig gähnen machten. 


E. d. M. 


Geſchichte Oeſterreichs 
dom Ausgange des Wiener Dftober-Aufftan- 
des 1848 von Iof. Alex. v. Helfert. 
(Prag, F. Tempsty.) 

Diefes bedeutende vierbändige Werk 
umfaßt die Gefchichte der Belagerung 
und Einnahme Wiens, der Revolution 
und Reaction im Spätjahre 1848, der 
Thronbefteigung des Kaiſers Franz 
Sofef L, des ungarischen Winterfeld: 
zugs und der octroyirten Verfaffung. 
Die ftrenge Objectivität und der ge: 
mäßigte Liberalismus find es, Die 
jeden Unbefangenen für diefe Befchrei- 
bung des gewaltigen Jahres einnehmen 
müflen. Eine Probe von der An: 
fhauungsweife SHelferts, die wir in 
diefem Hefte (Seite 532) zu bieten 
Gelegenheit haben, mag den Liberalis: 
mus des Autors allerdings als ein 
bischen zu gemäßigt erfcheinen laſſen; 


ren, oft fünftlerifh ſchönen Darftel- 
lungsweiſe in alle Schichten der Bevöl- 
ferung, madt uns mit allen Verhält- 
nifjien jener Zeit befannt und führt 
uns eben dadurch tiefer in den Keim und 
Kern der Revolution, ald andere Ge: 
chichtfchreiber e8 fönnen, die weniger 
die Urfahen, ald die Wirkungen zu 
berüdfichtigen pflegen. 

Das Buch beginnt mit folgender 
Anekdote. Karl IL. fagte zu dem Mai- 
länder Leti: „Sie fchreiben, wie ich 
höre, die Geſchichte des englifhen Ho: 
fes; nehmen Sie fih in Acht, daf Sie 
damit nicht anſtoßen!“ „Sire,“ ermie: 
derte jener, „ih werde thun, mas 
möglich ift; aber wenn man aud) fo 
mweife wäre, wie Calomo, fo würde 
man es doch kaum vermeiden fünnen, 
bier oder da Anftoß zu geben.“ „Nun, 
wohlan,“ fagte Karl von England, „jo 
feien Sie fo weiſe, wie Salomo, und 
ſchreiben Sie Sprichwörter, aber feine 
Geſchichte!“ 

Baron Helfert nun ließ das Sprich— 
wörterſchreiben trotzdem Wurzbach-Con— 
ſtant und J. Tandler über, während 
er ſelber eine Geſchichte verfaßte, deren 
Helden zum größten Theile noch leben. 
Hingegen bewies er ſalomoniſche Weis— 
heit infofern, alö er den erſten Band 
feines Werkes unter dem Pfeudonym 
G. v. S n erſcheinen ließ. Die 
warme Anerkennung, welde ſchon feinem 
eriten Bande gezollt wurde, belehrte 
den Verfafler, daß er nicht Urſache 
habe, feinen Namen, der wohl beftimmt 
ift, in Defterreih lange fortzuleudhten, 
unter den Tiſch zu ftellen. 


me... 





Melodien 


Bon Ludwig Eihrodt. Verlag von 
3. 2. Mepler, Stuttgart. 


Seitdem unfere Dichter vorherr: 
Ihend das Kunftgefüge herzuftellen Lie: 


559 


ben, welches Ode, Sonett, Parabafe, | gegen Worurtheil, geiftige und mora= 


Terzine heißt, ein Gefüge, das jeber 
befiere Wortlünftler zufammenbringt, 
jeitvem werden die Verfe zwar bemun- 
dert, aber nicht gekauft. Wie felten ge: 
lingt Einem einmal ein Lied! Goethe 
hat (nad ftrengftem Maße) zwanzig, 
Heine ein Dutzend, Platen drei, Uhland 
fieben Lieder gemadht. Daher mag es 
wohltfun, wenn ein Didter dem 
deutihen Wolfe plögli einen ganzen 
Band Lieder fchenkt. Ludwig Eichrodt 
nennt feine Gedichte „Melodien,“ und 
wahrlich, es ift Muſik in Worten und 
es find zumeift echt und tief empfun— 
dene Lieder, in denen die zartejten und 
gewaltigften Gefühle des Menfhen un: 
mittelbar, wie in der Volläweife, und 
edel zum Ausdrude gelangen. Ein fol 
ches Buch hebt man mit Freude empor 
und zeigt ed dem Volke. 


Weibliche Journaliſtik. 


In der Probenummer einer neuen 
Zeitſchrift, melde unter dem Namen 
„Der Idealiſt“ in diefen Tagen aus: 
gegeben wurde, und die fich ſehr hübſch 
und anftändig präfentirt, ift Wien als 
Verlagsort und Herr F. K. Ginzel 
ala Nedacteur genannt. Indeſſen wird 
das Blatt in Graz gedrudt und zwei 
junge Mädchen aus hiefigen Yamilien 
find es dem Vernehmen nad, melde 
dad Blatt herausgeben und leiten. 
Wenn eine gewiſſe literarifche Paflion 
fih in der Frauen:, fogar in der Mäd— 
chenwelt geltend macht, fo ift eine folche 
Paſſion mindeftend ebenjo verzeihlich, 
ala die Paflion für Pub, Kofetterie, 
Tratſch, Spaziergänge im Stadtpark ꝛc. 
Aber vielleicht verbergen ſich Emancipa- 
tionsgelüfte hinter diefem „Idealiſten“? 
Darüber fuht das Programm die Lefe: 
welt mit aller Entjchiedenheit zu be: 
ruhigen. Die „geiftige Bildung der 
Frau“ wird angejtrebt. „Kämpfen wol: 
len wir,“ heißt es, „für Aufklärung 
und Fortfchritt, für Bildung und gei— 
ftige Freiheit, die Geißel der Satyre 
und des Spottes wollen wir ſchwingen 


liſche Verkehrtheit“ ... . Geiftige Bil: 
dung der Frauen alfo! Das ftimmt ja 
fo ungefähr mit dem Programm über: 
ein, welches vor Zeiten, wenn man ben 
Gefchichtfchreibern und den Romandich— 
tern glauben darf, die fchöne Afpafia 
zu Athen aufftellte: das weibliche Ge- 
ſchlecht durch den Geift zu befreien — 
wogegen aber der ſtrenge Euripides 
Einiges einzuwenden hatte, indem er 
meinte, daß des Weibes Werth und 
Adel doch eigentlich nicht auf der Aus: 
bildung feiner erfennenden Kraft, fon: 
dern auf der Ausbildung und Vered— 
lung feines Herzens, feines Empfin- 
dena beruhe ... 

Handelte es ſich übrigens wirklich 
nur um Verbreitung und Förderung 
geiſtiger Bildung bei den Frauen, ſo 
könnte man fragen: Bedarf es dazu 
eines eigenen, von jungen Fräulein 
herausgegebenen Blattes? Will nicht 
jede Zeitſchrift ein Organ der Bildung 
ſein, und ſchöpfen die beiden Geſchlechter 
nicht an denſelben hinlänglich reichlichen 
Quellen? — Aber das Programm 
fährt fort: „Redlich wollen wir Jenen 
beiſtehen, die unferer Zeit einen ideel⸗ 
leren Shwerpunft zu geben fu: 
hen und für alles Beffere, Höhere 
und Schönere ihren Arm erheben! 
Um das Panier des Ideals mollen 
wir und fchaaren, an ihm wollen wir 
fefthalten !" — Ideale Gefinnungen 
alfo gilt es zu verbreiten? Dafür war 
es freilich fo ziemlich nöthig, ein be: 
fondered Blatt zu gründen. Nur darf 
man leider Worten und Namen nicht 
recht trauen, bevor man genau weiß, 
was eigentlich darunter verftanden wird. 
Nahdem mir es beifpieläweife kürzlich 
als „Romantik“ haben bezeichnen hören, 
daß ein in begüterter Familie aufge: 
wachſenes, allerding® nicht mehr junges 
Mädchen einen Bauer geheiratet, mit 
dem fie die Dorfſchenken befuht, wäre 
e8 wohl gerechtfertigt, mit einiger 
Aengſtlichkeit dem entgegenzufehen, mas 
fih in unferen Tagen etwa noch „Idea⸗ 
lismus“ nennen wird, Ich nehme je: 


560 


bob an, daß die Gründerinnen des 
„Idealiſten“ es mit einer leiblich feinen 
Sorte von Idealismus zu thun haben 
wollen. Ich nehme an, daß fie darauf 
ausgehen, edlere, und vor allem echt 
weibliche Gefinnungen zu vertreten 
— zur Beihämung jener beflagens- 
werthen Frauengefchöpfe, welche gehirn- 
und herzlos wie vom Winde gejagte 
Diftellöpfe durch's Leben hüpfen, und 
derjenigen, welche ſchon blafirt geboren 
wurben oder in blöder, ftumpffinniger 
Gier nah armfeligen Unterhaltungen 
aufgehen, ſowie auch derjenigen, die in 
ein drolliges Erjtaunen gerathen, wenn 
fie merfen, daß junge, vielleicht gar 
hübſche Perfonen ihres Geſchlechts, wel: 
hen doch der gefellige Umgang mit 
dem Ef. f. Militär offen ftünde, ſich 
für Poeten und Poeſie und ähnliche 
Dinge begeiftern mögen! — — 

Wie fteht es aber nun mit ben 
zur Durchführung eines ſolchen Pro: 
grammes nöthigen Kräften? In diejer 
Beziehung kann ih nicht umhin, einer 
gewiflen Beſorgniß Raum zu geben. 
Auf literariſchem Gebiet läßt fich heut- 
zutage nur noch durch reife und über: 
legene Talente eine Wirkung erzielen. 
Die beiden Gründerinnen des „Idea— 
liften,“ auf die ed doch hauptſächlich 
ankommt, debütiren in der Probenum: 
mer mit mädchenhafter Schüchternheit, 
und ihre journaliftiihen Jungfernreden 
find fo kurz gerathen, daß die Frage, 
was fie auf fchriftftellerifchem Gebiete 
zu leiften berufen find, vorläufig offen 
bleibt. In diefer Beziehung kann man, 
wenn man will, noch immer Gutes 
hoffen; fchwerer dagegen ift das Be: 
denfen zu überwinden, ob junge Damen 
im Stande find, an einem Blatte nit 
bloß hervorragend mitzuwirken, fondern 
aud an der Herausgabe, Xeitung und 
Administration desfelben ſich zu bethei: 
ligen? Dazu gehört Gewandtheit und 
Erfahrung mannigfader Art; Tann 
man diefe bei jungen Mädchen voraus: 
fegen? Man muß fih da wohl auf! 
liebenswürdige Naivetäten und auf eine | 
veizende Unbeholfenheit gefaßt machen, | 


I wie fie fih ſchon in der Probenummer 


z. B. darin Fund gibt, daß an der 
Spike des Blattes zwar die Abonne- 
mentöpreife desfelben angegeben find, 
aber nit, wie oft es erfcheinen joll, 
ob es eine Wochen: oder Monatſchrift ift. 

Aber vielleicht ſchlägt der „Idealiſt“ 
in feiner weiteren Entwidlung dieſe Be: 
denfen nieder. Die nächſten Nummern, 
wenn überhaupt noch welche erfcheinen, 
werden ja darüber entfcheiden, ob die 
jugendlihen Gründerinnen auf dies ihr 
fühnes Unternehmen dereinft al3 auf 
eine ernft zu nehmende und gelungene 
Sache zurüdbliden fönnen, oder ob fie 
die Vrobenummer ihres „Idealiſten“ 
nad Jahren beiläufig mit dem Lächeln 
betrachten werden, mit weldem fie jegt 
auf eine vergefjene Puppe aus ihrer 
Kinderzeit bliden, die fie in einem Win- 
fel ihres Schrankes entdecken. R. Hg. 


Poſtkarten des Heimgarten: 


B. R. in Grag: Nur Vertrauen. Ieder- 
mann ift nicht imdiscret und — Jugend ijt 
fein Verbrechen. 

Herrn Baron J. 3. F.: Sind Ihnen 
dankbar, daß Sie uns Gelegenheit geben, zum 
Kaldberg-Artifel (5. und 6. Heft) nachzuttagen, 
daß noch ein zweiter Sohn des Dichters Kald- 
berg am Leben ift. Derfelbe, Albert Ritter 
von Kaldberg, ift ald Doctor der Medicin feit 
vielen Iahren in Friefah (Kärnten) verdienft- 
voll thätig. 

W. von R. Mainz: lieber ihren „Sinn- 
gedichten“ Stunden finnend zugebradt — 
feinen Sinn gefunden. 

61. + Wien: Sie frieren in Ihrer Stube 
und fchreiben Novellen, um ſich Brennmaterialien 
faufen zu können? Für den „Seimgarten“ 
bitten wir erft zu ſchreiben, wenn Ihnen 
warn fein wird, lUnverfrorenheit ift die 
erfte Bedingung eines Schriftftellers. 

Auf die im 5. Hefte angeregte Frage, 
warum fi die Menſchen küffen, antwortet 
ein „Schwarzer Domino’: 

Liebe ift es, Herzensleben, 

Mas die Köpfchen läßt erheben, 

Lippen läßt zuſammenſchweben. 

Heiße Gier iſt's und Berderben, 

Kannft am Kuß der Faljchheit jterben, 

Bibt ja viele IJudas-Erben. — 

Freundfchaft, fühe Himmelsblüthe, 

Mutterliebe, Batergüte, 

Mit dem Kuß Did Gott behüte ! 


Drud von Kepfam-Jofefäthal in Gray. — Für die Rebaction verantwortlid P. a. Kofegger. 








Die Grabrede der Gräfin Bittner. 


Bon 
Emile Mario Yarano, 


Es war einer jener Vorfrühlings- 
tage über der Stabt und der Gegend 
von Peltenberg, wo wir faft mit 
einem Schlage ben ganzen vollen Som: 
mer zu athmen glauben, während ung 
eigentlich no Winterbilder umgeben. 
Einer jener Tage, wo man bie war: 
men Shawl3 und Halstücher zu Haufe 
läßt, wo man alle Fenfter des Haufes 
öffnet und das Herz aud, um ben 
lieben Gaft einzulaffen, ben Lenz: in 
die Zimmer und in bie Seele. Es 
überfommt und da wie eine Befreiung 
aus langer Gefangenſchaft. Man wird 
glüdlicher ohne Grund, und man 
wirb befier ohne Grund. 

Nicht umſonſt haben bie heidniſchen 
Völker die Sonne zu ihrem Gotte 
gemacht: die Griechen mit ihrem He— 
rafles, bie Perſer mit ihrer allgüti- 
gen Feuerkugel, die Afiaten mit ihrem 
Wiſchnu, die Nömer mit ihrem sol 
invietus hatten Recht: nichts ift gött- 
licher, unmwiberftehlicher allmächtig als 


Kofeggers „Heimgarlen‘‘ 5. Heft. 


die Sonne; nur lafterhafte Gemüther 
ſcheuen fie, jeden Armen und Elenden 
macht fie reicher, jeben Eblen und 
Echten macht fie ftärker und willen: 
bafter. Die Geburt der Sonne ift in 
der That zugleih die Geburt bes 
Erlöſers der Welt, Heidenthum 
und Chriftenthum reichen ſich babei 
die Hände zur trauten Weihnachts: 
zeit unb die verheißene Freude, das 
arme Kinblein in der Krippe, wächſt 
von Tag zu Tag unb erhellt zuletzt 
den ganzen Erbenball. Das Eis ift 
noch nicht ganz geſchmolzen zwiſchen 
den Räderfurchen der Landſtraße, aber 
kleine grüne Knospenaugen erwa— 
chen ſchon allenthalben an den Bäu— 
men. Der Flieder will ſchon blü— 
ben und er reift in ben Gewächs— 
bäufern ſchon zur vollften Trauben: 
pracht. 

Auf dem flachen Lande draußen 
hat es tagelang recht wild und laut 
geſtürmt, und der Thau hat von allen 


86 


562 


Bäumen geregnet. In den geſchützten 
Auen bliden jchon die weißen Gänfe- 
blümchen und der zartrothe Helleborus 
aus dem braungrünen, überjährigen, 
jumpfigen Wiejengraje. 

In den Straßen der Garnijons: 
jtadt tropft es von allen Dächern, bie 
Sonne riefelt durch die Eisrinnen, 
alle Fenfter find offen, Veilchenmäd— 
hen bieten ſchmutzſtarrend an den 
Straßeneden ihre duftende Waage feil. 

Der Himmel ift reinblau, nur 
wie burchgefehrtt von filberweißen 
Strihmwolfen, als wolle man ein= für 
allemal mit dem Schnee fertig wer: 
den. Die Erde und der Himmel ent- 
jenden feine, ſüße Düfte, die fich Freu: 
zen und vermengen. Es ift ein mwonne- 
voller Wiedergeburtstag der Natur, 
an welchem jede Seele Hoffnung faßt, 
weil die große Schönheit der Natur 
alle Bande gefprengt hat. 

Gräfin Mila Vaccaj ftand in dem 
Salon der Wohnung, welche fie mit 
ihrem Vater General Baccaj in der 
Klojtergaffe bewohnte. Die Fenfter des 
Salons führten auf die Gaſſe und 
waren weit offen. Mila Vaccaj ftand 
an einem Albumtifche und richtete 
einen Fliederftrauß in einer milchwei- 
Ben Glasvafe. Sie ordnete die Blü- 
thentrauben und tauchte dabei manch— 
mal ihr junges, ſchönes Geſicht in 
die Blumenfülle, deren Duft fie in 
vollen Zügen einjog. 


bart; jung, aber ernftihauend. Sein 
Blick ftreifte das offene Fenfter, dann 
die übrigen Fenfter des Haufes. Einen 
Moment hielt er an und falutirte 
herauf — auf ein Nebenfenfter. Dann 
ging er weiter und trat in das Pa- 
lais des Baron Laprefti. 

Mila Vaccaj wandte fi wieder 
in's Zimmer zurüd. Mit ihren feinen 
weißen Fingern fuhr fie noch einmal 
durch die Blüthentrauben und neigte 
fih auf fie hinab. Sie war zwanzig 
Sabre alt und ſehr ſchön und fehr 
blond und jehr ftolz, ohne hochmüthig 
zu fein. Borübergehende kümmerten 
fie fonft wenig. Es war nur der Zu: 
fall eines Augenblides, daß fie hinab: 
geſchaut Hatte, weil das Fenſter weit 
offen, der Himmel jo blau und bie 
Böglein fo laut waren an dieſem 
Lenztage. 


* * 


Peltenberg iſt eine alte giebelige 
Stadt mit vielen alten Adelspaläſten 
in ſchlummerſtillen Gaſſen; eine jener 
Städte, wie Penſioniſten aus guten 
Familien und adelige Sonderlinge, 
die ſich eben die Laſt der Hofetiquette 
nicht anthun wollen, gerne wählen. 
Es iſt alſo lauter gutes Blut da, 
viele Offiziere, zwei Hauptwachen, und 
das übrige iſt Beamten- und Bür— 
gerſtand, der zwar ganz luſtig unter 


Wie ſie ſich ſich lebt, aber bei weitem der Stadt 


dann aufrichtete, fiel ihr Blick durch nicht ihren Charakter verleiht, den ſie 


das Fenſter, in deſſen Nähe der Tiſch 
ſtand. Lenzvögel trillerten hochoben in 
den weißwolkig durchfurchten tiefblauen 
Lüften; Kinder, die zum erſtenmale 
wieder durch die Gaſſen tollen durf— 
ten, lachten hellauf, wie ſie einander 
jagten. 

Auf dem Trottoir, welches dem 
geöffneten Salonfenſter gegenüberlag, 
ging ein junger Mann in dunkler 
öſterreichiſcher Offiziersuniform vorüber. 
E3 war ein Fremder, Mila kannte 
ihn nicht. ES war ein großer, kräf— 


ausſchließlich von den alten Paläften 
erhält, auf deren Wällen Gras 
wähft und beren große Shore fich 
nur auf bie Klingel des Bebienten 
öffnen, welcher bei der Heimkehr der 
Herrſchaft vom Bod jpringt und ben 
Wagenſchlag öffnet. Es liegt etwas 
unbejchreiblich abgejchloffenes, ſicheres 
und eben dadurch anheimelndes und 
jelbft malerifches in ſolchen Familien: 
bäufern. Ueber dem Thore prangt 
das Wappen de3 Namens in zerbrö: 
delnden Sanbftein gehauen. Die Fenfter 


tiger Mann mit dunklem Haar und | deserften Stodwerks find meist geſchloſſen 
dunklem Blide und dunklem Boll | und verhängt, da bie Herrſchaft in dem 


563 


Garten zu wohnen pflegt. In dem 


ganzen großen Palais find (jour-fixe- 
Tage ausgenommen) allabendlich bloß | 


5, 6 Fenfter beleuchtet, was ihm ein 
echte8 bouquet de noblesse verleiht: 
ein jo großes, ftattliches® Haus, wel: 
ches einem Binshausheren viele Tau- 
ſende einbrächte, bloß von einer Elei- 
nen Familie und ihren Domeftifen 
bewohnt. On dira ce qu’on voudra, 
e3 liegt darin etwas wirklich Male: 
riſches, weil etwas freiwillig Einfames 
darin liegt. Leid und Schmerz mögen 
wohl aud in diejen Räumen woh— 
nen, aber wie gefichert find fie vor 
der Welt jelber; fie laufen nicht zum 
Nahbar und klagen fi nicht aus. 
Und wenn das Hochmuth iſt, jo ift 
e3 ein muthiger, ein zielbewußter. 

Das große Thor bleibt, wie ge: 
jagt, immer gejchloffen, und das Kom: 
men und Gehen der Bebienten und 
der Gejhäftsleute und der unvorher: 
geſehenen Beſuche wird burdh eine Feine 
Seitenthüre vermittelt. In die großen 
Höfe münden die Nemifen und Stal: 
lungen. Oft fteht nur ein Wagen in 
den erfteren und bloß ein Zweigeſpann 
in den Letzteren. Aber der Wagen ift 
fiher von echtem Shape und die 
Pferde von guter Race. Die Heinen 
Gärten Hinter den Familienhäufern 
haben hübſche, mwmohlgepflegte Warm: 
bäujer und ber Gärtner ſorgt jtet3 
dafür, daß die Gartenwand des Pa: 
lais hochüberwuchert wird von Grün. 
Auf den Dachfirſten ftehen meiſtens 
alte Götterbüften, bie fi gern zum 
Berfammlungsfodel wilder Tauben 
und anderen regellofen Bögelgefindels 
hergeben. Denn die heimloſen Vögel 
haben eine befondere Paſſion für Pa: 
läfte oder Kirchen: fie wiffen die Ruhe 
in benfelben befonber8 zu fchägen, 
fie find entſchieden ariſtokratiſch und 
clerifal gefinnt und an Frühlings: 
abenden da tönt in den Balaftgärten 
ein gellendes und bennoch keineswegs 
unharmoniſches Concert von taufend 
Schmarogern, die fih da fo ungeftört 
wien, wie im Walde jelber. 


So ift ein Palais, und fo find 
mehr oder weniger alle, melde dem 
Ihönen alten Beltenberg feinen Cha- 
tafter von Abgegrenztheit, Behaglichkeit 
und Würde verleihen. 

Mila Baccaj und ihr Vater be: 
wohnten den lauteften unter all dieſen 
ftillen Paläften. Denn General Vaccaj 
war ein echter alter Soldat, Tebens- 
Iuftig, frank und freudenfrob. Sein 
filberweißes Eurzgejchorenes Haar und 
fein grauer Schnurbart machten fei- 
neswegs ben Einbrud bes Greifen: 
baften bei diefem ſtrammen Manne, 
der jo laut redete, jo friſch und wa— 
der in allen feinen Anfichten und fo 
reich an Lebensintereſſe geblieben war. 
Er war einer jener wenigen Generale, 
die nur ſchöne Schlachten gekämpft 
hatten in ihrem Xeben, und in beren 
Gejelichaft man das Prächtige, wel: 
ches im despotiſchen Militarigmus 
liegt, wirflid nah feinem echten 
MWerthe würdigen und liebgewinnen 
konnte. Sein Haus war daher aud) 
der Lieblingsort aller beiferen Offi— 
ciere aus ben beiten Familien, Die 
zudem jämmtlich mehr oder minder 
mit ihm verſchwägert waren. Seine 
Tochter Mila nannte er nie anders, 
als „meinen Milus“ ; denn General 
Baccaj konnte ſich nie ganz darüber 
tröften, daß ihm feine Gattin nicht 
einen ungen bejcheert hatte. Mila 
Vaccaj, ein junges, zwanzigjähriges 
Mädchen, war die echte Tochter ihres 
Vaters, im beiten Sinne des Wortes. 
Frei und frank, dabei züchtig und 
mäbchenhaft Tieblih. Eine kühne Rei: 
terin und ein gehorfames Kind. Eine 
junge Dame, die mit den Gäften 
ihres Vaters gern eine Gigarette 
tauchte, die aber — meift an der 
Seite ihrer alten Couſine Helly, bie 
einen grünen Schirm über den Augen 
trug — die Honneurs Papa's auf 
eine fo ftolze und offene Weiſe machte, 
daß fie in ber ganzen Heinen großen 
Welt als ein Mufterfpiegel ausge: 
fchrien warb, ber e3 nie im Traume 
eingefallen war, eine SKofetterie zu 


36* 


564 


machen ober gewiffe banale Compli- Auge "geblidt bat, befommt feuchte 
mente zu verftehen. Sie war, wie ge: | Augen, jo oft er fein Kind fieht. Er 
jagt, claſſiſch ſchön mit ihren regel: |liebt es mit abgöttifcher Liebe. „Was 
mäßigen, energiſchen und dennoch iſt, Milus, mein Junge?“ — 
weiblich weichen Zügen, mit ihrem) — „Nichts, Alterchen.“ (Alterchen 
Goldhaare, mit ihrer ſchlanken, Hohen, |ift der Liebesname, den Mila ihrem 
biegjamen Geftalt. Vater gibt.) „Nichts, als daß ich Dir 
Es gibt eben Schönheiten und einen Kuß geben muß vor dem Aus: 
Mäbchenhaftigkeiten, denen man fich | reiten.” — 
nie „die Cour zu machen” getraut. Dank’ Dir, Mus, mein Junge. 
Nicht weil fie ftolz, jondern weil fie) Und wie ſchön Du wieber ausfiehit ! 
zu offen und hellherzig, nicht weil fie Und fo verwegen dabei. Nimm Dich 
zu prübe, ſondern weil fie zu rein nur im Acht umb fei nicht zu kühn. 
find. Mandes Männerherz hätte in Setze über Gräben hinweg, aber mi 
ihr ſchon das ſchönſte Glück feines | früher die Diftanz mit den Augen. 
ganzen Seins jehen mögen; fie hatte | Nicht jo blind hinein. Du und Blad, 
mit biefem Bewußtſein, mit diefem Ihr ſeid ja ein paar Teufel, die all: 


Herzen nie gejpielt, weil fie mich | zuviel auf Gott vertrauen.” ' 


eitel war. Sie hatte es überfehen, 


„Fürchte Did nicht, Papa. Es 


wie nur ein reines, frohlebendes Mäd⸗ |ift ein fo herrlicher Tag!” 


chenherz bie vermag. Man nannte 


„Kind, am allerherrlichften Tage 


fie lecuyere prude, wie man die gun man ben Kals brechen!“ 


Fürftin Pauline Metternich la belle 
laide nannte. 

Sie pflegte alltäglih bei gutem 
Metter audzureiten. Manchmal ritt 
Papa mit, mandmal einer ihrer On— 
fel, Major Mirbah oder Rittmeifter 

lay, immer aber ber mürrifche 
Reitknecht Pold, der ſchon von feiner 
Jugend auf in Dienften bes Herrn 
Generals gewejen ift: ein lederhäuti— 
ger, berber alter Burfche, ein ſoge— 
nanntes® Hausmöbel. 

An diefem Tage reitet Papa 
Baccaj nicht mit. Er bat Briefe zu 
johreiben an alte Kriegsfameraben und 
„es figt ihm was im Bein”. Mila 
Baccaj reitet mit Onkel Mirbah und 
Onkel Szalay und Pold. Die beiden 
Dffiziere erwarten fie im Hofe. Ihr 
Blad ift gefattelt, Pold, der auf dem 
Pferde bes Generals fist, hält ihn 
am Zügel. Mila, das blautuchene 
Reitgewand über den Arm gehißt, 
geht in die Zimmer Papa’s. 

Der alte Mann erhebt fih vom 


| „Alterchen, 


Mila laht auf und küßt ihn. 
das glaube ich nicht! 
Wenn's fo ſchön draußen ift, und 
wenn die Sonne fo bel fcheint, da 
ift mir, als könne e3 fein Unglüd 
geben auf ber Welt, und nichts 
Shlehtes oder Böfes! Weißt Du 
nicht, daß die Sonne ftrahlend ge- 
ſchienen hat, wie Napoleon der Große 
die Schlacht von Aufterlik gewann ?“ 

„Du Kleiner abergläubifcher Ge: 
neral Du!” machte ber Alte entzüdt. 
„Aber Recht Haft Du! Nur Feine 
Furt. Das bringt öfter gefund heim 
al die PVorfiht. Und nun Adien. 
Iſt Mirbach mit ?“ 

„Ja, und Szalay. Sie find unten 
im Hofe. Die Onfel werden bei uns 
ſpeiſen.“ 

„Weiß es die Maruſcha?“ 

a [2 


soR: 
„Das ift mir lieb. Sag’, fie ſoll 
auch an ein Couvert mehr benfen.“ 
„Für wen, Alterchen ?* 
„Für einen jungen Menjchen, 


Schreibtiihe. Er lebt und ftirbt nur | Milus, der fi mir geftern Abends 


in jeinem Kinde. Er, ber in fo vie: 
Ien Schlachten dem Tode muthig in’s 


im Caſino vorgeftelli hat. Ein Mufter: 
offigier. Sohn vom alten Magdeburg: 


665 


Sittner, meinem Rang-Kameraden. Iſt Sie wiffen ja — und heute wollen 
Officier bei Ratzbach-Infanterie. Joſef Sie ausreiten ?” 


Sittner, von den Sittner’s, bie auf 


Mila lachte Herzlih auf. Sie 


Schloß Vioven find. Er grüßte mich | ftrich fi das Haar aus dem Gefichte, 


ichon heute früh, wie er vorbeiging. 
Macht feine Bifiten dahier in Pelten- 
berg. Hat Urlaub, weil er feine Prü— 
fung für die Kriegsſchule fo gut ab: 
gelegt hat. Iſt verwandt mit den La= 
prefti’3 drüben, den Gelbbaronen. Nun, 
was jhauft Du jo?” 

„Nichts, Alterhen, ich horchte 
bloß. Will's der Marufha jagen. 
Und Adieu jetzt. Wie ſchade, daß Du 
nicht mitkommſt! ’3 ift ein jo präch— 
tiger Tag!” 

Ya, ein präcdtiger Tag war's, 
ein echtes Frühlingswogen, Frühlings: 
buften und Frühlingsichimmern lag 
über der Welt. Die Fenſter des Cor: 
ridor's, den Mila burcheilte, waren 
weit geöffnet. Mirbah und Szalay 
ließen unten im Hofe unter ben Aka: 
zien ſchon die Pferde jcharren. An 
der Küche vorüberlommendb, blieb 
Mila auf der Schwelle ftehen und 
gab Marufha die Zahl der Couverts 
für das Diner an. Die alte Erainifche 
Köchin wiſchte fih die Hände an ber 
Schürze rein, denn fie konnte mit 
„Ihrem Fräulein“ nie anders reben, 
als indem fie dasſelbe irgendwo mie 
beſchwörend anfaßte. Und das that 
fie auch jegt, wie fie mit ihrem zahn: 
lofen Munde und mit ihrer wichtigen 
Weile rief: „Alſo für Papa, Com: 
tefje, Onkel Mirbach, Szalay, Tante 
Helly und für einen Herrn Officier? 
But. Schön. Aber ausreiten! Ausrei- 
ten heute, Gomtefjerl! Nein! Bitte, 
thun Sie das nicht. Wiffen Sie, was 
heute für ein Tag ift? Ein Unglücks— 
tag für Ihre Familie. Ich weiß das. 
Sie kennen do den Ring, ben He: 
renring, der die Baccaj’3 beſchützt, 
immer und immerbar, nur am heuti- 
gen Tage niht? Da muß immer 
ein Unglück geſchehen! Da ift ber 
felige Heine Bruder geflorben, ba hat 
fih der alte Mann bankerott erklärt, 


deſſen Wangen fo friih und geſund 
geröthet waren, wie bie eines luſti— 
gen Kindes und fie zog fich ihre 
Reitrobe herab und ließ ihre Peitſche 
in der Luft ſchnalzen. „Nicht reiten ? 
Unfinn! Unglüd haben ? Unſinn! Um 
brei Uhr find wir zurüd! Und daß 
da die Rehpaftetchen recht braun find, 
Marufha, hört Du? Wir haben ja 
heute auch einen fremden Gaſt.“ — 
Dann lief fie hinab in den Hof, 
ſchwang fih auf Blad und die kleine 
Geſellſchaft jprengte aus dem Akazien⸗ 
bofe. Die großen Hunde, die nicht 
mit durften, bellten laut und wim: 
mernd nad. Lerchen jubelten in der 
blauen Frühlingsluft oben. In ben 
Aleen außerhalb der Stadt fämpften 
Nebel mit der Maienfonne. So friſch 
war Alles, fo hell, jo knoſpend. Und 
ohne Unfall kamen fie heim, allen 
albernen Ahnungen zum Trotze. 

Man hatte Hunger. Der neue 
Gaft Graf Sittner de Bioven warb 
neben die Herrin des Haufes, neben 
Mila Baccaj placirtt. Es war ber 
junge Dfficier, der an biefem or: 
mittage heraufgegrüßt hatte, der 
dunkellockige, dunkelſchauende junge 
und ſtolze, der ſeine erſten Triumphe 
als braver Kriegsſtudirter in der 
Garniſonsſtadt hier bei den Verwandten 
und Freunden ſeines Papa's verleben 
ſollte. 

* 
* * 

Graf Joſef Sittner war der Sohn 
eines guten deutſchen Vaters, eines 
jagdluſtigen ſportgewaltigen, und einer 
ſpaniſchen Mutter mit großen, dunklen 
traumvollen und flammenden Augen. 
Er war ein offener und leidenſchaft— 
liher Charakter zugleih: bie Seele 
in ben Augen, das Herz auf ber 
Zunge. So jung noch, ein wahrer 
Cherubim dem Alter nach in feiner 


der fo viel von Ihnen gehabt hat — ſtolzen goldverzierten Uniform, und 


566 


doch fchattete ſchon ein dunkler Voll: | fein zu müſſen, da fie wirklich liebens— 


bart feine lachenden, frohen, ftolzen 
Lippen. Er wohnte in Peltenberg bei 
einem Regimentskameraden, einem 
ſchweigſamen, alternden Menſchen und 
fein erfter Beſuch war bei jeinem 
Couſin dem Baron Demetrios Laprefti, 
dem Hofrathe und ci-devant-Banquier, 
einem ſehr reichen Adeligen von ber 
Hofball-Sorte. 

Baron Laprefii war nah dem 
echten Recepte feiner Sorte. Sehr 
did, jehr äugjtlich auf den Anftand des 
Haufes, jehr freigebig und mit Die: 
ſer Freigebigfeit ein bischen zu viel 
Lärm machend; ein bischen zu viel 
vom Hofe redend; beim Mittagmahl 
jelbit unter vier Augen jtet3 eine 
weiße Gravatte tragend, der Bebienten 
wegen. Dabei aber wirklich liebens— 
würdig, gutherzig und in jeiner Weije 
gentlemanlife. Er hatte eine zweite 
Frau und eine Tochter aus erſter 


werth und liebenswürdig war. Sie 
hatte eine bejcheidene und boc ge: 
tabeheraus plaubernde Weiſe fich zu 
geben; fie war tactvoll wie eine junge 
Dame und dabei aufrichtig wie ein 
Kind. Sie fpottete und nedte gern, 
aber nur Iuftig, nie böfe; fie Hatte 
genug Geift, um ftet3 das Richtige 
zu finden. Sie war ein durch und 
durch bezauberndes Geihöpf und Hatte 
jo viele Anbeter und Freier, als bie 
gute Gejellihaft freie Männer zählte. 
So war Jenny Lapreiti. Auf ber 
Gaſſe hatte fie ftets eine Geſellſchaf⸗ 
terin, Fräulein Warner neben fich, 
welche ſich einbildete, der Urtypus 
aller Marlitt'ſchen Heldinnen zu jein. 

Wie Graf Sittner feinen erften 
Beſuch im Palais Laprefti machte, war 
die Dame des Haufes wie gewöhnlich 
indisponirt. Baron Laprefti empfing 
jeinen Goufin, den ftattlichen jungen 


Ehe. Seine junge Gemahlin war von | Dfficier mit dem ihm eigenen aimab: 
uraltem oberherrlichen Adel, eine kleine | Ten Lärmen im Terraſſenſalon und 


deutſche SFürftentochter, jehr Fromm, 
ſehr jentimental, jehr durchſichtig und 
faft immer „indisponirt“, an Mes 
dicinen kränkelnd und an einer unfag- 
baren Faulheit. Diefes durchfichtige, 
dahinſchmachtende Geſchöpf hatte ent: 
feglih viel damit zu „arbeiten“, daß 
es als geborne Splitterih-Runebein 
durch's Leben zu wanfen hatte. 

Die Tochter erfter Ehe Laprefti’3 
war eines der lieblichiten Gejchöpfe, 
die fih denken laſſen. Achtzehn Jahre 
alt, mittelgroß und voll, mit einem 
bezaubernd jchönen Gefichtchen, wie 
man es nur auf den feinften Mobe- 
journalen findet; faft beängftigend 
hübſch. Ihr Haar war wie gefponnenes 
Gold. Sie Hatte einen feinen mäd— 
henhaften Geſchmack in der Kleidung. 
Sie jpielte Schumann und Beethoven 
auf wirklich entzückende Weife, fie hatte 
eine herrlihe Sopranftimme und eine 
nicht gewöhnliche Kehlenfertigfeit. Sie 
plauberte in drei, vier Sprachen. Sie 
war belejen genug und gut belefen. 
Dabei hatte fie das Glück, nicht fofett 


fragte nah dem ganzen Hofkalen— 
der. Auh Jenny Laprefti erjchien 
bald darauf im Salon: ſchön, Iuftig, 
lebhaft, mädchenhaft und anzufehen 
wie eine Feenpuppe. Und ohne Mam- 
jel Marlitt, die nur einen Augenblid 
an ber Thür erſchien und einen Blid 
auf den jungen Gavalier warf, ftarr 
und ſchmachtend. Dann verſchwand fie 
wieder Hein, gelb, verbiffen, um 
darauf zu warten, daß fi ber 
Graf in fie, in bie fleine, troßige, 
unterdrüdte Geſellſchafterin verliebe, 
wie es ja feine Pflicht war, wenn 
er überhaupt neue Literatur getrieben 
hatte. 

Der junge Dfficier fühlte ſich 
merkwürdig heimifch hier. Onfel La- 
prefti war fo komiſch laut und dabei 
jo herzlich — ein Goldmenſch, bis 
in's geringfte Gliedlein feiner Uhrkette 
hinein. Und Couſine Jenny, mit der 
er als Kind in irgend einem Seebade 
droben „Muſcheln“ geſpielt hatte, wie 
wundervoll war die geworden! Dem 
jungen Krieger, der eben aus harten, 


567 


ftreng geſchulten Dfficiersprüfungen 
und Gabettenerziehungen kam, fonnte 
es nicht befier gehen als ben erfahren: 
ften Lebemännern ber guten Geſellſchaft: 
er fand Jenny Laprefti reizend, er 
fand die glänzende Helle des Frühlings 
unb der Jugend um fie gebreitet. 


„Sie miüffen unfer Haus als 
Ihre zweite Heimat betrachten, fo 
lange Sie bier find, Joſef“, fagte La: 
prefti herzlich. „Sie dürfen nicht ver: 
geffen, daß Ihre Mutter, Dona Maria 
de Magonza die nächfte Verwandte 
und theuerfte Freundin meiner jeligen 
Gräfin Amelie von Lehhaufen ge: 
weſen ift. Es ift abſcheulich, daß Sie 
nicht Ihre Wohnung bei uns genommen 
haben. Der Gartentract wäre Ihnen 
zur Verfügung geftanden. Beim Haupt: 
mann Saller wohnen Sie? Da be: 
fommen Sie ja Kopfmweh vom Sägen.” 

„3a, die Laubfäge ift die unger: 
trennlihe Gefährtin Saller's“, lachte 
Sittner. „Nun, id werbe mich fo 
viel al3 möglih aus dem Bereiche 
derjelben halten.” — 


„Ob, To eine Laubſäge hat eine 
eigenthümliche Anziehungskraft“, rief 
Senny eifrig und mit großen lachen: 
ben Augen. „Sie haben feine Idee, 
wie gefährlich jo was fein kann. So— 
bald Einer unferer Gavaliere der: 
gleihen angeht, ift er auch ſchon 
verloren für die Geſellſchaft. Vor ein 
paar Wochen war er vielleicht noch) 
ein recht liebenswürbiger Menſch in 
der Soirde. Heute kommt er jpät, 
ftellt fih in eine Ede, redet nicht 
mehr mit ben Damen; wenn getanzt 
wird, verfrieht er fi in's Rauch— 
zimmer, wenn wir laden, macht er 
ein grämliches Geſicht, als ob er 
Bitterfalz auf der Zunge hätte und 
wenn eine Landpartie arrangirt wird, 
fegt er fih auf den Proviantwagen, 
das Kinn zwifchen die Knie geftüßt 
und mit zwei großen, verbrießlichen 
Falten um bie Naſe herum. Und 
fragen Sie, was Schuld an biefer 
Umwandlung fei, an biejer Ber: 





jumpfung eines liebenswürdigen Ge: 
ſellſchafters? Mein Gott — ganz einfach: 
er hat fich der Laubjäge ergeben!” — 

„Hätte ich doch nie gedacht, daß 
diefe unfchuldige Waffe jo tiefe Ver: 
heerungen anrichten könne!“ — 

„Gewiß!“ — machte Jenny La: 
prefti eifrig und fchüttelte ihr blondes 
Haar zurüd,. „Fragen Sie nur alle 
Damen bier. Wenn uns auf ben 
routts ein neuer Herr vorgeftellt wird, 
ift unfere erjte Frage an den Bor: 
fteller: „Hat er eine Laubfäge ?” 
Das fragen wir natürlich ganz ftill, 
in’3 Ohr!” — damit lachte fie glüd: 
ih auf. „Und lautet die Antwort ja, 
jo ärgern wir ihn ſogleich von allen 
Partien fort.” 

„Das ift ja eine ganze Ber: 
ſchwörung!“ machte Graf Sittner und 
intereffirte fich fchredlich für die Sache. 
„Und e8 muß Iuftige Partien geben 
da? — 

„So ziemlih”, ſagte Laprefti Taut. 
„Man ift jo ziemlih gut Freund 
von Haus zu Haus. Bei uns wird 
alle Montag geplaudert.” 


„Trotzdem die Frau Baronin ftets 
kränklich iſt?“ — 

„Eben deshalb vielmehr“, — ſagte 
Lapreſti. „Im Vertrauen geſagt, meine 
Frau iſt nur gern ungeſtört. Ver— 
ſchloſſenes Gemüth, wiſſen Sie, Joſef, 
von Geburt aus. Mein Gott, bei 
gekrönten Familien kein Wunder! Sie 
geht nicht einmal in den Garten hinab 
— es bleiben doch manchmal Leute 
an dem Gitter ſtehen und gaffen her— 
ein; man kann's nicht verhindern — 
ſie ſehen eben nicht alle Tage eine 
Fürſtin von der ſouveränen Familie 
Runebein. Apropos, Joſef, Sie müſſen 
ſich den Garten anſehen. Koſtet viel, 
iſt aber exquiſit. Habe einen Harlemer 
Gärtner und zwei Harlemer Burſchen. 
Geht hinunter, Kinder, c'est à toi, 
Jenny, de faire la déscription. Ich 
komme gleich nach.“ 

Und die beiden Leute ſchritten aus 
der offenen Thür in den Garten hinab, 


568 


Das jhöne Mädchen lachte auf. 
„Warum nicht gar — das iſt ja ein 
großer Spaß. Nur wiffen Sie, Coufin, 
mit Leuten, bie verliebt find in mich, 
in mein Gelb ober in Papa's Con: 
nerionen, da redet es ſich nicht fo 
leicht und harmlos wie mit Jemandem, 
der einem verwandt ift. Denn ich, ich 
rede gern ernft — dann und wann.“ 

„Wirklich 27 — 

„Wenn Sie daran zweifeln, hal— 
ten Sie mich aljo für ein vet 
närriſches, gebankenlojes Wefen. Nun, 
vielleicht haben Sie Recht von Ihrem 
Standpunkte aus. Aber ich möchte 
nicht, daß Sie mir das noch nad 
vier Wochen fagten” — fagte das 
junge Mäbchen mit einem jähen Ernſte 
in ihren glangvollen blauen Augen. 
„IH brauche eine Fleine Zuflucht, 
willen Sie. Ich bin recht glücklich, 
o jo glüdlih! Aber alle Welt hält 
mich für oberflählich, für ein Kind. 
Ich bin vielleicht kindiſch, aber ich 
möchte es manchmal nicht fein. Ich 
mödte manchmal —” 

„Run, was denn?“ 

„Ich möchte mich grämen können“, 
fagte Jenny Laprefti mit reizenbem 
Ernfte. „Wohlverftanden, nicht über mich, 
aber über Andere. Mir ift manchmal 
ſo .... fo wie jehnfüchtig nad) ein bis— 
hen Trübheit. Ich möchte ſchon älter 
fein, ich möchte nicht immer hören und 
merfen, daß ich reich bin und — und 
nicht häßlich.“ 

„Dafür brauchten Sie einen ou: 
ſin?“, fagte er lachend. 

„Ganz recht. Gott! So ein Eoufin, 
jo ein Better, das war immer mein 
Ideal. Nein, wirklih, ih babe oft 
gedacht an Sie, Zofef. Aber am Enbe, 
wie fonnten Sie geworben fein? Und 
nun find Sie da, groß, ftattlich, recht 
männlid, Sie haben einen dunklen 
Vollbart und Sie haben dunkle, fo 
ernfte Augen und find jelber ernft.“ 

„Wenn ich lange bei Ihnen bin, 
glaube ich, werde ih nicht finfter 
hauen, Das ift nur noch Schulftube,” 


ber ſchon gepugt und gerichtet und 
hergeftellt war zum Empfange bes 
Frühlings. Das Tieblihe Mädchen 
hatte ihren Arm auf den ihres Coufins 
gelegt; dabei Hißte fie ihre graue 
Seidenrobe an ber Schleppe empor. 
Die feinen Blonden ber Aermel 
fpielten dabei um ihr weißes Hanb- 
gelent, um welches fi Goldfchlangen 
rankten wie Schlänglein. Andere Gold: 
ſchlänglein, von langem weichen Locken— 
haare gebildet, fpielten ihr um ben 
weißen jungfräulicen Hals. Ihr war 
jo wohl mit ihrem „Couſin“, viel 
beſſer als mit ihren fremden Anbetern, 
daß fie recht fröhlich plauberte. Ihr 
helles Plaudern und das Singen ber 
Vöglein in den Lüften vermifchte fich 
zu einem wunderbaren Goncerte in 
dem Herzen des jungen, unentweihten, 
ernften, reingebliebenen jungen Mannes 
zu einer Harmonie, deren Reiz er ſich 
nicht entziehen fonnte. Wie ſchön war 
e3 da, wie froh war er! 

„SH bin fo froh, daß Sie 
bier find, Coufin. Denn, wiffen Sie, 
es iſt eigentlich unerträglich für mid. 
Papa kümmert fih nicht viel um mic. 
Mama, nun, Mama werben Sie ja 
fennen lernen. Sie ift jo gut — wenn 
man fie allein läßt. Sie ift, was 
man jagt: negativ. So wie bie 
alten Daguerreotypen, Joſef, wiffen 
Sie? Die man nad) allen Seiten drehen 
und wenden fann, ohne daß man etwas 
anderes fieht als — Glas.“ — 

Joſef lachte laut auf. „Wiffen 
Gie, daß das ein Föftlicher Vergleich 
it? Aber Sie müffen ja doch nie 
Langeweile haben, Couſine?“ — 

„Natürlich nicht!” — machte fie 
heiter. „Wer fagte das? Ich amüfir 
mich ganz gut ...“ 

„Mit jo vielen Freien.” — 

„Woher willen Sie das?“ — 

„Don aller Welt.” — 

„Bon. Aber mit denen unter: 
halte ich mich am allerwenigften.” — 

„Aergert es Sie, geliebt zu 
werben?" — 



















569 


„Da ſehen Sie! Sie denken auch, 
ich fei ein albernes Ding, das nur 
laden kann.” 

„Wie glüdlih find Sie!“ 

„Aber nein, das ift nicht wahr. 
Ich will nicht mehr lachen.“ 

„Das meinen Sie nicht im Ernfte.” 

Jenny Laprefti lachte jchon wieder 
mit Finbifcher Verzweiflung. „Da 
fehen Sie, ob ich nicht Unglüd habe!” 

„Aergert Sie denn Niemand! 
Haben Sie feine Geſellſchafterin?“ 

„Ratürlih, wie fönnte ich denn 
jonft jpazieren gehen? Aber Made: 
moiſelle Warner ift jo komiſch; fie 
bildet fich immer ein, fie müſſe plöß- 
lih das Herz eined Mannes gewinnen, 
welder Mama, mid und Papa und 
unfere ganze Geſellſchaft recht berb 
und öffentlih herunterſchimpft, weil 
wir e8 wagen, ihr eine Gage zu geben. 
Das kommt nämlih immer vor in 
ben Geſchichten, welche fie mir vor: 
Tieft und mobei fie mi immer mit 
einem Ausdrucke anfieht, al3 wollte 
fie jagen: Siehſt bu, fo wird's 
fommen! Kann man fi über fo 
etwas ärgern, ſelbſt wenn es unaus- 
ſtehlich ift?“ 

Nein, man fonnte fi über fo 
etwas nicht ärgern. Und die beiden 
jungen Leute, das kindiſche Spott: 
vöglein und der ſtramme, dunkel⸗ 
ſchauende junge ug gingen mit 
ftrahlenden Gefichtern Arm in Arm 
durch die Gartengänge. Es war ein 
echter Harlemer Garten. Frübzeitiger 
Raſen war wie Sammt über die Ein: 
faffungen der einzelnen Beete gelegt ; 
Treibhausblumen, wie aus Porzellan 
geformt, waren in die wärmere Sonne 
herausgeſetzt morden; alle Beete 
waren jo flachgefehrt und unberührt, 
daß man fah, es gab feine Kinder 
im Haufe und für die Kinder, welche 
zu Beſuche famen, wäre eine große 
Strafe darauf gefegt, wenn fie über 
die Einfaffung treten würden. Ein 
Garten, der ſich förmlich vor dem 
Sommer fürchtete. Dazwiſchen ftand 
ein alter gräubärtiger Gärtner, mit 


echter holländifcher Bulldoggsmiene, 
vor dem felbft die ſouveräne Baroneffe 
Kenny Furcht zu haben ſchien. Da 
ftand er, wie ein lebendig geworbenes 
Bild von Oſtade, überfpielt von ben 
Zweigen geitugter Bäume. Das Na: 
türlihfte an dieſem reizenden Garten 
war feine junge Herrin, die zu plau- 
bern fortfuhr dem ernften Goufin, der 
ihr mit allen Gründen bewies, fie 
folle um Gotteswillen fröhlich bleiben; 
aber alle diefe Gründe lachte fie mit 
findifchen treffenden Bemerkungen in 
den Wind. Sie hätte das Leben gar 
fo gern ernſter und älter gefunden, 
wie z. B. in ben Walzern Chopin’s. Und 
zulegt jagte fie troßig: „Ich werde 
Sie nicht leiden Ffünnen, wenn Sie 
mir nicht ein echter, guter, ernſter 
Coufin fein wollen. JH will ermit 
leben.” 

„Aber, ba gäbe es noch ein Mit- 
tel“, sagte er mit feiner tiefen, 
weihen Stimme; „Juden Sie bie 
Armen. Auffuchen müffen Sie fie. Das 
ift ein Ernft bes Lebens, der Sie be- 
friedigen kann, Couſine.“ 

Sie ſchaute ihn mit ihren glanz— 
vollen großen Augen einen Augenblid 
hindurch mit einem unbejchreiblichen 
Ausdrude an. Um ihren Mund zudte 
e3 wie ein Mißmuth. Sie wandte 
das Köpfchen ab, ohne zu antworten. 
Sie zeigte ihm nur die Frühroſen, 
die in die Sonne herausgeftellt wor: 
den waren und ſprach Botanif. 

* 


* * 

So ging die Zeit von den Schnee— 
glöckchen zu den Veilchen über und 
von den Veilchen zu den Maiglöckchen. 
Graf Sittner lebte ſich ein in die Ge— 
ſellſchaft und die Geſellſchaft nahm 
den jungen, prächtigen, echten Edel— 
mann nicht bloß als Bekannten, ſon— 
dern als Begehrten. On se l’arrachait, 
wie der Franzofe jagt. Aber Joſef 
Sittner war nicht angethan zum Aller: 
weltshelden. Ein Allerweltsheld muß 
ein Courmacher jein um jeden Preis, 
und es gehört eine ziemliche Portion 
von Oberflächlichkeit und Hohlheit dazu 


um in ben Mbelskreifen eines Heinen 
Städtchens eine erfte Rolle zu fpielen. 
Das Sein und Weſen Joſef Sittner’s 
aber war ein ernfthaftes bei all’ feiner 
frohen Jugendlichkeit. 

Aber trogbem, daß man bald einfah, 
man könne an dem jungen Helden 
feinen Sonnenfchirm: und Shawlträger 
der Damen unb ebenfomwenig einen 
Zechgenoſſen für die nächtlichen Kaffee 
hausftunden der Garnifon heranziehen, 
jo blieb er doch in Gunft; ein Beweis, 
daß das wahrhaft Gediegene und 
Echte überall imponirt, ſelbſt in hohlen 
und oberflädlichen Kreifen. 

Graf Joſef theilte fein Leben in 
Neitübungen, Stubiren, begrenztes 
Kameradenthbum und in feinen Muße- 
ftunben waren es vorzüglich zwei Häu— 
fer, in denen er gern zu weilen pflegte: 
in dem des Barons Laprefti und in 
dem bes Generals Vaccaj. Ya, bei ben 
Baccaj’3 pflegte er noch öfter und 
heimatliher aus: und einzugehen. 
War e8 das frohe militärifshe Weſen 
in dem Haufe, was das bemirfte ? 
Aber e3 hatte fi auch zwiſchen ihm 
und der offenen, franfen, Ear und 
feft ſchauenden Mila Baccaj eine Art 
Freundſchaft gebildet. 

Es war an einem Negentage ge: 
wejen. Derjunge Officier wargefommen, 
um mit dem alten General und den 
Onkeln Mirbach und Szalay fein Whiſt 
zu machen. Aber die drei Herren 
waren im Hotel Kaiferin, wo des Nach: 
mittagd ein befreunbeter Oberft auf 
feiner „Verſetzung“ nach Dalmatien 
Halt gemacht hatte. 

Der junge Mann ward von Mila 
im Salon empfangen. Goufine Helly 
war auf ihrem Zimmer; die Näſſe 
hatte fih ihr auf die Franken Augen 
geichlagen. 

Mila in ihrer franken Weiſe redete 
fich jehr gut mit dem offenen, ernften 
jungen Mann, der jo ſoldatiſch bieber 
und dabei jo jugendlich mild war. 


feucht an, die Regenwolken bämmerten 
bis in's Zimmer herein. 

„Es ift gut, daß Papa und Mir: 
bad und Szalay bei der „Kaiſerin“. 
Mir war recht bange, Graf Sofef, 
und nun babe ich jemanden zum 
Plaudern. Sie erlauben, daß ich meine 
Stiderei weiterarbeite? Aber das ver: 
fteht fich von ſelber.“ — Das junge, 
ichöne, amazonenhafte Mädchen fagte 
das in demihr eigenen hellen, famerab: 
lihen Tone. Damit jegte fie fich in 
die Fenfternifche zurüd. — „Hoffent- 
ih, Gräfin,” ſagte Joſef Sittner. 
Er nahm ein Album auf dem Tifche 
ber, das er ſchon zehnmal durchblättert 
hatte und ſagte dabei: „Aber bange 
fein? Ihnen bange fein? Das kann 
ih mir gar nicht vorftellen, Gräfin.“ 

„Barum nicht?” 

„Sie jehen fo gar nie bange aus,“ 
jagte er Iuftig. 

Sie ſchaute ihn eine Secunde hin- 
durch ernft an. „Ich muß jagen, ich 
fürchte mich wohl nicht beim Reiten 
oder Fahren und ich fürchte mich auch 
nicht vor Menſchen; aber es gibt 
Stimmungen in ber Natur, die Einem 
manchmal ein jchweres Herz machen. 
Haben Sie das nie?” 

„Ih bin ein Mann!“ fagte er, 
nicht affectirt ftolz, aber friſch. 

„Und ic bin ein Mädchen. Sie 
ſehen alſo ...“ 

Sie haben mir aber immer den 
Eindruck gemacht ...“ 

„Sie wurde ſehr blaß. „Was für 
einen Eindruck?“ 

„Daß Sie nicht wehleidig ſind, 
oder daß Ihre Stimmung vom Wetter 
abhänge, wie bei einer Pflanze. Sie 
ſind mir ſo das Wetter des Tages 
oder der Stunde beherrſchend 
erſchienen, und nicht dasſelbe ertra— 
gend. Sie haben eine ſo friſche, freie 
Seele.“ 

Sie ſchaute von ihrer Arbeit auf. 
Ihre Hände ruhten in ihrem Schoße. 
Sie ſchaute klar auf ihn und es war 


Es war ein recht abſcheulicher ein glücklicher Blick, der aus dieſen 
Regentag; die Möbelſtoffe griffen ſich treuen, ſtolzen Mädchenaugen ftrahlte. 


571 


Es lag eine tiefe Ruhe in ihrer Stimme, | hell dabei wie eine Frühlingsjonne, 
eine gute, jelige Ruhe, wie fie ſagte: die über Wolfen fiegt. 
„Graf ofef... IH meine, Sie „Sind wir Freunde?“ fagte er. 
* — — — Und das Sie erwiderte bloß den Druck 
u “ jeiner Hand. Ihr ernftes Gefiht warb 
Cr lächelte feößtih auf und fagte jettfam fhön durch das Lächeln, wel- 
=> be —— — rg 5 ches dasſelbe überftrahlte. „Was ver: 
famen Doppelton dabei, ein Wechſeln ehen Sie unter Freundichaft?” fagte 
> — ne een fie dabei wie ſinnend. 
ie freuen, Gräfin? u lieber 
Set, mas Sin 16 dem? Gin Cäfne | „ur, ac fe Mi Ten teen 
Befucher, ber Ihren Papa, = SH der Alles fagen * —* 


Hans täglich überläuft . \ 
weil ich mich hier fo — sic Ihr Auge ſchaute ihn jeltiam an. 
Es war noch immer ein Flares, ein 


„Wirklich daheim? fragte fie ı 
und ihre Wangen find dabei purpur- | vornehmes, ein ſtolzes Auge. Aber 
es war, al3 ob eine Sonne in dem: 


toth und ihr Bli leuchtet auf. 
„Ja!“ fagte er ehrlich. Und fein ſelben Teuchtete. Und fie jagte: „Wir 


ernftes Gefiht erhellte ſich dabei. ſind Freunde, Graf Joſef. Und ic 
„Zawohl. Ich kann nirgends fo unge: | danke Ihnen dafür für mich.“ 
nirt fein, wie bier. Und nirgends jo * * 
wahr. General Vaccaj iſt oft recht J 
böſe beim Whift. Die Onkel politiſiren 
viel. Couſine Helly iſt ſo krank mit 
ihren Augen. Aber wenn Sie bei dem 
Allen ſind, Comteſſe, da thut's Einem 
jo wohl. Sie find feine Dame, ſon— 
dern ein Kamerad.“ 
„Iſt das ein Compliment?“ fagte 
die Generalstochter heiter. 
„Es ift ein Dank. Und oft habe 
ih mir gedacht, Sie müßten der befte 
Freund fein, den ein Menfchenherz 
finden könnte,“ 
Ihre Wangen waren reizend ge- 
röthet. Eine ſolche Röthe gibt im 
Menſchenleben bloß der Augenblid 
des größten Glückes. 
„Und glauben Sie nicht, daß ich 
die Ihrige fein mag?“ 
Er faßte ihre Hand mit über: 
ftrömenbem Gefühle „Wenn Sie wüß- 
ten, Gräfin, wie Sie mid beglüden. 
Wenn Sie wüßten, wie einfam ich 
bin, wie bebürftig eines guten, ſüßen 
Freundesherzens! . . Und denken zu 


Wie der General mit Mirbad) 
und Szalay nah Haufe Fam, ba 
bradte er die Nachricht, der Kriegs: 
famerab bleibe noch zwei Tage — 
habe Reifeverlängerung erhalten und 
man würde am nächſten Tage auf 
Schloß Saalburg fahren, wo Herr 
von St. Julien,” auch ein Ehemaliger 
vom Generalftabe, ber jet ganz für 
die Jagd lebte, hauſte. Es würde 
eine prächtige Partie werben. Lieute- 
nant Sittner müſſe mit, Heren von 
St. Julien würde e8 freuen. Und 
dann ſchon Milas ‚wegen müfle er 
mit, „ſonſt ſtirbt fie an unferen Mili— 
tärreminiscenzen“, denn auf Saalburg 
beim alten St. Julien ſei nur eine 
alte Repräfentationsdame, eine Fran- 
zöfin von Paris, die eigentlich unaus: 
ftehlich fei. Mit dem Nachmittagszuge 
wolle man bis Loſendorf fahren, von 
da auf irgend einer Britſchka nad 
Saalburg. „Und überrafchen den alten 
Nimrod in feiner Höhle,” jchloß der 
dürfen, daß Sie ‚meine Freundin mer: | General. „Er hat den beiten Böslauer 
ben wollten . | naRich | im Keller, der auf den Gütern 

Werben. — man das wer⸗ der Eſterhazy's wächſt. 
den?“ ſagte ſie und reichte ihm ein— J — 
fach ihre Hand und = Auge war jo * 


572 


Der folgende Tag war wunderbar | hauen: der Kleine hellblonde Engel, 
ſchön. Ein Tag, fo herrlich, wie. nur der eben erjt feine erften Worte und 
ber Lenz ihn bringen fan. Ein Sonn: | feine erſten Schritte verfuchte, neben 
tag. Die vier alten Dfficiere, Lieute- dem ſchwarzzottigen Ungethüm. Noch 
nant Sittner und Mila Vaccaj bilde: ſchöner aber war das Bild, wie Mila 


ten eine ganze Fleine Karawane zum 
Bahnhofe. Man mar jehr laut und 
jehr fröhlich, wie man eben an folchen 
Tagen zu fein pflegt, wo Erde und 
Himmel voll Licht, Duft und Pran— 
gen find. Jeder Menſch, der ärmite 
jelbft, Schaut da froher in die Welt, 
die jeder Hoffnung erjchloffen zu jein 
ſcheint. Das Böſe fcheint aus ber 
Melt gewichen; das Kinderladhen tönt 
lauter und die Vöglein jubeln feder 
— fie müffen meinen, die ganze Welt 
gehöre ihnen. 


Baccaj das Knäblein auf den Armen 
hielt und es zum Lachen brachte, und 
der Schwarze Hund vertrauenb feine 
zottige Schnauze auf Mila’3 Hüfte 
fügte und mit ben klugen braunen 
Hundeaugen auf feinen Eleinen Schüb: 
ling hinauffah, als wollte er fagen: 
„Der da vertraue ih Dich ſchon an!“ 
E83 war, wie gejagt, ein Tiebliches 
Bild, ein Madonnenbild — das Bild 
einer glüdlichen, ſchönen, jungen Mutter, 
welche ihr Herzensfind in dem reichen 
Schleier ihrer lichten Loden wühlen 


Man fuhr mit dem Schnellgug | läßt. War Mila ein ſolches Glüd 


die ein, zwei Stationen bis Loſendorf, 


beftimmt ? War e3 ihr beftimmt, eine 


wo man im vollften Nachmittagslichte | glüdliche Gattin, eine zärtliche Mutter 


anfam. In dem Gafthofe neben ber 
Bahn machte man Raſt und fahnbete 


zu werben? Schön, jung, rein unb 
brav genug war fie dafür. Wie glück— 


nad einem Gefährt. Der Wirth jelbft | lich fie mit dem Kinde ſcherzte. Vielleicht 


wollte jeinen Fleinen Wagen einfpannen 
laffen. Das war ganz harmant. Daß 


in demfelben nur höchſtens Play für | Blühen zu bringen! 


vier Perſonen war, das that nichts 
zur Sade, denn Mila Vaccaj wollte 


war es dem heutigen hellen Tage 
beftimmt, ihr eigenes Herzensglüd zum 
Schön, jung, 
rein und freubvoll genug war der Tag 
dazu. Das fanfte, ernfte braune Auge 


nicht fahren. Sie wollte den Weg nad) Joſef Sittner’3 ruhte innig auf ihr. 


Saalburg über Sool, an der Ruine 
Sichthal und an der Wallfahrtsfapelle 
Maria-Stein vorüber durch den male: 
riſchen Forft machen. Sie war ſchon 
jeit Jahren nicht mehr biejen freund: 
lihen Weg gegangen. Graf Sittner 
bat, fie begleiten zu bürfen, er war 
ein ehrlicher Schwärmer für alle Schön- 
heit der Natur. Während das Gefährt 
angelpannt wurde, nahmen bie Herren 
ihr Gläshen Liqueur und machten 
ein paar Stöße Billard, ohne eigent: 
lich zu jpielen. Alle Fenfter der Gaſt— 
ftube waren offen und ließen die janf: 
ten buftigen Lüfte ein. Mila Vaccaj 
hatte in ihrer franken Weiſe jchon 
Freundſchaft geichloffen mit dem klei— 
nen goldhäuptigen Knäblein der Witwe 
und mit dem großen, jchwarzzottigen 
Hunde, dem Spielgenofien desjelben. 
Es war ein reizendes Bildchen zu 


Er trat in dem breiten Strahl von 
Sonnenftäubhen auf bie Gruppe zu 
und ſagte leife: „Wie jchön ift dieſer 
Tag. Wie glücklich bin ich, daß wir 
den Waldweg machen.“ 

„Ja,“ jagte das wadere Mädchen, 
„ich bin auch fo froh heute, Lieber 
Freund.” 

Die alten Dfficiere fuhren ab. 
Mila und Graf Joſef machten fich 
auf den Wieſenweg gegen Sichthal. 
Die Wirthin ftand auf der Schwelle 
und grüßte nah. Der Kleine Rudi 
wollte mit. Der ſchwarzzottige Hund 
gab ihnen einige Schritte weit das 
Geleite, blieb dann wedelnd ftehen und 
jandte ihnen einen bellenden Gruß nad). 
Die blaue Luft tönte von Vögeljubel. 
Bald begann der Wiejenweg in ein 
bügelumfchlofjenes Engthal einzumiün: 
den ; dunkle Nadelwälder warfen ftrenge, 


majeſtätiſche Schatten in die Sonnen: 
lichter. Auf der erften Hügelzade, hoch 
oben über dem Mege, ftanb das 
zadige Gemäuer ber Raubneft-Ruine 
Sichthal. Auf dem höchſten zerrifjenen 
Thurme wuchs fröhlich ein Lichtgrünes 
Bäumlein empor. Noch einen lebten 
Blick thaten fie auf bie Ebene, welche 
von den jchneebebedten Bergriefen ber 
fteirifchen Kette begrenzt mwurbe. Die 
Sonnenluft bildete einen bünnen mweiß- 
lihen Schleier über diejen Bergen, 
welche veilchenblau jchimmerten, als 
wären fie nur eine Verdichtung bes 
Himmeld. Dann traten fie in das 
Engthal mit feinen kühldunkelſchattigen 
Hügelwänden, fie jelber aber in einem 
breiten, vollen, warmen Strahle der 
Sonne wanbelnb. 





din geweſen, die Sie mir heute, jekt, 
wieder erweden aus langem Schlum— 
mer. “ch habe jo lange Zeit in der Mili- 
tärſchule zugebracht, zwijchen guten 
Collegen, die aber feinen Sinn für 
einen anderen Tag hatten, außer für 
die SFerialtage, und zwijchen ftrengen 
Lehrern, welche e3 bei einem Kabeten 
„Milchſupperei“ genannt hätten, wenn 
er einen Sonnenuntergang bewundert 
haben würde. Früher, wie ich noch 
Geiftlicher werben follte und im Seminar 
lebte, da ftand mir die Natur näher.“ 

Er ſchwieg. Er ſchien jo froh 
darüber, ſprechen zu können, jo recht 
von Herzen jeine Gefühle jagen zu 
fönnen; er mußte jelten Gelegenheit 
dazu gehabt haben im Leben. Und fie 
war jo froh, ihn ſprechen zu hören, 


„Kann es einen jchöneren Tag ihn von ſich fprechen zu hören. Sie 


geben, wie den heutigen?” fagte er! 
und feine junge, Träftige Bruft bob 
fi wonnig und feine Stimme Elang | 
glüdlich. „Heute, wo Alles, das Fleinfte 
Infekt und der größte Felsblod wie 
überlichtet find von einem himmlischen 
Geiſte!“ 

„Sie fragen, ob es einen ſchöne— 


gingen langſam dahin nebeneinander, 
jetzt über die Wieſen, die an dem 
einſamen Schloſſe Sohl vorüberführten 
nach dem Wallfahrtswalde, der einem 
herrlichen Parke glich. Der Weg zu 
ihren Füßen bewegte ſich wie rieſeln— 
des Waſſer, wie die Blätterfchatten 
auf dem ſonnlichten Wege tanzten. 


ren Tag geben kann, als den heutigen ?” | „Sie follten Geiftlicher werben, richtig,” 
jagte das Mädchen und folgte mit den ſagte fie. „Aber es zog Sie in bie 
Augen einer im Grafe fchlängelnden | Welt hinaus.” 
hochſchillernden Eidechſe. „Ich möchte „Damals noch nicht. Da war id) 
lieber jagen, gibt es etwas Schöneres ſo glüdlih im Klofter. Da war mir 
als die Natur? Geber Tag und jede | auch die Natur nahe, aber ganz erfüllt 
Stimmung bat ihre eigenthümliche | mit Heiligen Allegorien. Nicht ihre 
Schönheit: das Weiß des Winters, | Schönheit war meiner knabenhaften 
jo wie die Stürme, welche die Herbft: | Frömmigkeit da die Hauptſache, ſon— 
wälber burchtojen. Kennen Sie bie|dern Gotte8 Weisheit und Gottes 
Landichaften Hörmann’3? Wie trüb, | Liebe. Mein kindlich reines Gemüth 
wie büfter find die Tage, die er wählt, war jo empfänglid für Alles, was 
wie einfam, verlaffen und ärmlich die fih mir darbot; und was war es, 
Hütten oder die Auwinkel, welche er das mir am reichften entgegenfam ? 
auf feinen Landſchaften fchildert. Und | Die Religion. Ich ſog fie gleichjan 
doch find alle diefe Landjchaften voll ein mit einer Innigkeit, wie der heiße 
unfäglien, wehmüthigen Reizes.“ MWüftenfand das riefelnde Bächlein 
„Sie haben Recht,” ſagte er eifrig | auffaugt, das einer zerjprengten Brun- 
und mit leuchtenden Augen. „Aber |nenbruft entquilt. Ich war fo glüd: 
man muß es eben Sie jagen hören, \lih! Der heilige Mloifius, dieſer 
um es zu fühlen. Sie lieben die Natur | Spiegel von Reinheit und Tugend, 
jo durchgeiſtigt! Auch für mich war | wie er ſich mir damals darftellte, war 
fie ftetS eine bewunberte, geliebte Freun: | mein deal. Doch die Zeit um mic) 


574 


und bie Zeit in mir änderte fich. Ich um's Herz geweſen. Sie haben gleich: 
wurde älter und Tugte nun auch ſam bas Gefängnißthor meines Lebens 
etwas in die Welt hinaus, jah da | wieder geöffnet: Ich kann jagen was 


vieles gleißendes Gold, das mir welt: 
lich gefinnte falſche Freunde zeigten. 
Ich wäre gewiß ein guter und — ein 
glüdliher Prieſter geworben. Aber 
jegt fühlte ih mich) auf einmal nicht 
mehr wohl in den Klofterhallen. Ich 
wollte hinaus uud wollte auch Etwas 
haben von dem entzüdenben Blend- 
werf der Weltſchönheit, das vor mei- 
nen Augen gaufelte. Düftere Zweifel 
beſchlichen mein Herz, die immer mäch— 
tiger wurden, bis mir zulegt das 
ganze ſchöne Gebäude der Religion 
erjchüttert und — zertrümmert wurbe. 
Ich wurbe unzufrieden mit der Welt, 
weil fie jo viel Schäße hatte, von 
denen fie mir nichts bot, unzufrieden 
mit mir jelber, weil ich andere Leute 
glücklich ſah ohne Religion, wie ich 
es mit bderfelben nicht jein konnte. 
Ich verließ das Seminar und in ber 
Melt bot ſich mir nur der Militär: 
ſtand. Wie Anders find ba die Ber: 
hältniffe. Manches Bittere, manche 
Enttäufhung mußte ich auch da erfah- 
ren. Oft ſehnte ich mich wieder in 
die Zeiten zurüd, wo ich mit ben 
ihönen Wiſſenſchaften befannt wurde, 
wo die alten Völker mit ihrem Thun 
und Denfen in meiner Seele aufleben 
durften in der Klofterftille.. Hätte ich 


ih fühle, ich habe eine Freundin, ich 
babe eine Heimftätte für meine kin— 
diſchen und für meine büfteren ober 
frohen Gedanken. D liebe Mila, liebe 
Freundin, ich glaube, heute zum erften- 
male werde ich wieber beten können! . .“ 

Sie ließ ihm die Hand, bie er 
faßte, und deutete mit ber andern vor 
fih Hin. „Dann thun fie es bier, mein 
Freund,“ jagte fie. Und ihre Stimme 
zitterte dabei in Thränen und Thränen 
bildeten einen Schleier über ihren Augen. 
Aber wie die Sonne durch einen Som: 
merregen ſcheint, jo lächelte fie durch 
biefen Thau; fie weinte über ihn ober 
fie weinte über die Schönheit und das 
Glück diefer Minute. Es war fo jelt- 
jam, daß fie jo wei) war; man hielt 
fie für berzensftolz, weil fie frank und 
offen war. Jetzt zitterten ihre Hand und 
ihre Lippen wie in Demuth. Wie in 
danfbarer Demuth vor Gott, daß er 
jo gute Menſchen ſchuf wie ber war, 
ber neben ihr ftand. Sie ftanden vor 
der einfamen Waldfapelle Maria-Stein. 
E3 war ein winziges Gotteshäuschen, 
mitten unter Föhren ftehend. Und es 
war gejhloffen. Die Krüden einiger 
armen greifen Leute, denen der Glaube 
bier Genefung gegeben haben mochte, 
lehnten da an der Wand: rührendere 


dad damals würdigen können! Wie Zeugen des frommen Sinnes, als bie 
ganz anders jekt. Als Soldat ift | reichiten Opfergejchenke, die im Innern 
meine befte Wiffenichaft die, die Natur | der Kapelle fein mochten. Die Sonne 
al3 Terrain fiegreiher Schlachten zu färbte im erften Sinfen bie hoben 
betrachten und den Nebenmenjchen auf | Stämme des Waldes rofigroth, als 
die planmäßigfte Weiſe vernichten zu ſeien fie durchſichtig. Die hohen Wipfel 
lernen. Nun, ich bin jet Soldat und rauſchten in den lauten Abenbvogel- 
bin es mit Leib und Seele. Aber das ſang hinein wie eine aus bem Him— 
Glück, das Glück wollte mir nicht | mel felber tönende Orgelmelodie. Und 
lächeln. Wie angefefjelt lag mein gan: | Frühling war's, wo Alles aufblüht. 
3e3 Sinnen und Denken baran in mei- Auch die beiden jungen Herzen ba. 
ner Bruft. Und ich bin doch noch Sie jchwiegen und fchauten an ber 
jung ; ich jehnte mid, Worte zu fin- Kapelle hinan wie an einem Altar. 
den fiir das, was ich dürfe oder für | Und was flehten die Beiden? Wie 
das, was ich bedauerte. D, wären ſeltſam verſchieden mochte das fein 
Sie mir nicht erjchienen, ich hätte) und für wie ſeltſam gleich mochten 
erftiden müjjen. Mir war fo fchwer |fie ihre Gedanfen Halten. Und wenn 


516 





Jedes bat um das Gegentheil des 
Andern? Wenn Gott ſie hörte: wie 
hoch über ſanftem Menſchenmitleid 
muß der Herr wohl ſtehen, um von 
zwei innigen Menſchenbitten die Eine 
unerhört laſſen zu können!:. 

Wie ſie den Pfad von dannen 
gingen, da leuchtete ihr Antlitz. Die 
Wangen des Menſchen tragen immer 
einen himmliſchen Abglanz, wenn ſie 
aus der Geſellſchaft der Gottheit 
zurückkehren in das irdiſche Leben, wie 
das Haupt des Moſes leuchtete, da 
er vom Sinai herabſtieg. 

Sie kamen vorbei an tiefen Thal: 
einjchnitten, wie fie aus dem Walde 
ſchritten und an Hütten und an lieb: 
lihen Fernfihten, die fich zwiſchen 
Heden öffneten. Dann ftand plöglich 
Schloß Saalburg vor ihren Bliden. 
Ein ftattliches Gebäude mit modernen 
Traften und Thürmen, bie fih an 
morſche Ruinen lehnten. Schlanke, 
florentiniſche Thürme ragten in bie 
Luft, wie Michel Angelo fie träumte, 
neben didleibigen zerftörten Vertheidi— 
gungsthürmen, wie die Babenberger 
fie bauten. Ganze blikende Fenfter: 
reihen Tiefen neben hohlen ausge: 
brochenen Fenfteröffnungen in zerfalle: 
nen Wänden hin. Weiß und nett war 
das moderne Schloß gebaut. Epheu- 
tanken zogen fi) über den ruinirten 
Trakt wie ein grüner Schleier. Und 
über dem Ganzen loderte die Purpur: 
gluth des legten Sonnenſinkens gleich 
der Lohe um Brunnhildens Zauber: 
burg. Von dem Hügel, auf welchem 
fie jeßt ftanden, bis zum Schlofje lief 
der Hirfchgarten hin, in dem tiefen, 
wohlverftallten Einjchnitte zwiſchen zwei 
Hügellehnen. Fünf, ſechs Prachtthiere 
mit ftolgen Geweihen und Hirfchfühe 
und Kite ftanden da regungslos, wie 
angenagelt, dba fie Leute jahen, die 
klugen Augen unverwandbt auf bie 
beiden Wanderer gerichtet; und mitten 
in der Feuerlohe ftanden fie, fich jcharf 
abgrenzenb von ber zerftörten Wand 
bes Nuinentraftes. Die Sonne ſank 
herrlich, gluthig. Und der junge Mann 


legte feine Hand auf den Arm feiner 
Ihönen Freundin, wie fie weiterjchrei- 
ten wollten und jagte: „Noch Eines 
möchte ich Ihnen jagen, Gräfin Mila, 
ehe wir in das Schloß, ehe wir zu 
Leuten kommen. Wer weiß e8 wohl, 
wann wir wieder jo reden können. 
Darf ich ?* 

„Was fragen Sienoch, mein Freund,“ 
fagte fie janft und neigte babei wie 
demüthig das Haupt. Es lag etwas 
unbeſchreiblich Mädchenhaftes in biefer 
Bewegung. Dann hob fie ihr treues, 
ftolze3 Auge wieder zu dem jeinigen 
und fagte: „Drüdt meinen Freund nod) 
ein Kummer ?” 

Nein. Kein Kummer brüdt ihn, 
jondern die Macht eines unbefiegbaren 
Gefühles. Und das erzählte er ihr 
jet und das jchilderte er ihr mit 
hochgerötheten Wangen. Wie ſchön war 
er dabei. Denn bie Flamme der Liebe 
leuchtet niemald jchöner, als wenn 
fie al8 Scham in das reinblidende 
Antlig des Liebenden hinauflobert: 
fei e8 beim Manne oder bein Weibe. 
Denn auch der echte Mann hat feine 
Scham und feine Heiligkeit und feine 
Sungfräulichkeit. Und er erzählte ihr 
von feiner Liebe und hielt dabei ihre 
Hand in feinen beiden leiſe zitternden 
Händen. Von jeiner Liebe für ein 
Mädchen, ein junges, kindiſches, viel- 
begehrtes, braves, jchönes unbejchreib: 
lihes Mädchen, für feine Goufine 
Jenny Lapreſti. E83 war jeine erite 
Liebe. Sie trat ihm zuerſt entgegen, 
wie er das Inſtitut verlaffen Hatte, 
und wie ein Engel trat fie ihm ent: 
gegen. Sein Herz, ba3 alle Fühlfäden 
ausgeftredt hatte in ber erften Frei: 
heit feines Lebens, hatte ihr Bild 
damit umfaßt, wie mander Blumen: 
kelch ſich jchließt über dem erften al: 
ter, der auf ihm ausruht. D wie er 
Jenny Laprefti feurig zu jchildern 
mußte — fie war ein reiner Engel! 
So kindlich, jo harmlos, jo wahr, jo 
ſchön, jo weich, jo wie ein Maiglöd: 
hen. Er hatte fie jchon als Kleines 
Mädchen gekannt. Aber es war ihm 


576 


nie aufgefallen, wie lieblich fie jei, 
bis er fie jegt wiederfah. Er erzählte, 








Weib, weil e8 eben noch nie erwacht 
war. Ich habe noch nie gefüßt. Nicht 


wie gut fie fei. Sie gab faft ihr hal- wahr, das ift albern, und meine Ka- 
bes Tafchengeld den Armen, und nur | meraben würden mich) wohl verhöhnen 


die andere Hälfte verwendete fie auf 
Toilettefachen. Aber fie prahlte nicht 
damit. Er hatte das nur durch Zufall 
erfahren. Und fo Viele beteten fie an 
und fie late Allen in's Geficht. Und 
er jchilderte, wie fie das und bag 
und das gejagt Hatte. Das fei jo 
entzückend gemwejen! Und er wiſſe, er 
liebe fie. Er könne Nachts nicht ſchla— 
fen, denn ihr Bild verfolge ihn. 
Geftern hatte fie gejchmollt, daß er 
heute wegfahre. Deshalb wolle er auch 
den Nachttrain benügen, um zurückzu— 
fahren, auch wenn die Gejellichaft auf 
Saalburg bliebe, um ihr frühmorgend 
feinen Fenſtergruß zu machen. Aber 
das Schredlihe bei dem Allen jei, 
daß er ihr nicht jagen könne, wie 
jehr er fie liebe und daß er fie liebe. 
Er jei immer ein ernfter junger Menſch 
gewejen, und dieſes erfte, echte, wahre, 
einzige, ewige Gefühl feines Lebens 
finde feine Worte bei ihr; weil fie 
eben jo findlich, jo heiter fei, und in 
ihm nur ihren Goufin ſehe. Es habe 
ihn faft erdrückt; und er fei glücklich, 
eine Freundin gefunden zu haben, ber 
er dad Alles jagen könne; eine Laft 
jei ihm damit vom Herzen genommen. 

Er ſagte das Alles jo glücklich, 
jo warm, und hielt dabei die todten- 


dafür. Ich bin nicht beſſer ald Andere, 
aber ich babe eben immer innerlich 
gelebt. Aber jetzt! Jenny's Stimme 
macht mich zittern vor Glüd, ihre 
Nähe maht mir das Herz erbeben. 
Sie werben mir rathen, mir helfen. 
Gott lohne es Ihnen. Und laden Sie 
nicht über mich: bedenken Sie, ich bin 
zwanzig Jahre alt und mein Herz 
will überftrömen von all’ den Gefüh- 
len, die darin fo viele Geftalten ange: 
nommen haben feit meiner Kinderzeit: 
meine Mutter, dann Gott, dann ber 
Ehrgeiz, und jett das legte und ewigfte 
von Allen. Jenny — Goufine Jenny! 
Mir ift fo Leicht jekt, daß es noch 
Semanden auf ber Melt gibt, ber 
weiß, was ich fühle! . .“ 

Nein. Mila Baccaj, das Franke, 
junge Soldatenfind lachte ihren Freund 
nicht aus. Sie war nur fehr bleich, 
bis in bie Lippen hinein, fo weiß, wie 
die Mauer hinter ihr, an die fie das 
Haupt lehnte. Das war aber wohl, 
weil die Sonne ganz hinunter war. 
Ihr großes Auge rubte auf ihm — 
jo ohne Ausdruck. Wie er zu reden 
aufhörte, da erwachte fie und nidte 
und lächelte und fagte: „Das ift ja 
ſchön. Aber wenn die Sonne finft 
im Mai, da wird's raſch fühl.” Und 


haft ruhige Hand Mila Baccaj’3 in ſie jagte, fie habe kalt. „Und ich danke 
der jeinigen. „Und laden Sie mich Ihnen. Sie müſſen mir oft jo erzählen.” 


nit aus!” jchloß er. „Sch bin fo 


„Sie haben fich erfältet !” — jagte 


glüklih, daß ih Ihnen das fagen|er erjchredt 


fann. Es hätte mich erbrüdt. Sie 
werden mir rathen, Sie werben mir 
helfen — denn Sie find ja ein Engel 
an Milde und Güte! Sehen Sie, ich 


397 — 

„Ja. Sie ſind plötzlich heiſer.“ 
„Nein. Aber kommen wir hinein.“ 
Sie gingen in das Schloß. Sie 


bin glücklich in dieſer Liebe. Man iſt ſchritten durch den ganz im florentini— 
ſo glücklich, wenn man liebt. Aber ich ſchen Style gebauten Hof mit ſeinen 
ſchäme mich ihrer beinahe vor ihr. Wappenſchildern, Büſten und Statuen; 
Ich bin immer zu ſtolz geweſen, um Bediente empfingen fie. Oben im Säu— 
mit Dirnen zu Tliebeln, wie meine |lengange jaßen die alten Herren und 
Kameraden. Ich ſchäme mich nicht, e8|der Nimrob des Haufes und Madame 
zu geftehen, daß ich mein Gefühl noch | Berry, die Repräfentationsdame, eine 
niemals mweggeworfen habe an ein ſehr weißftirnige, ſehr rothmangige, 


577 


ſehr perlzähnige und ſehr ſchwarz- | welcher Mila Baccaj ſaß, einen fhril- 


lodige altjunge Dame mit dem fü- 
Beten Geplauder von ber Welt. Man 
empfing die Ankommenden mit Eflat. 
Mila Baccaj hatte für jeden ein Lä— 
&beln, für jeben ein Wort, für Ma- 
dame Berry jogar eine Erwiderung 
der zärtlihen Umarmung. Die Lichter 
im Speifefaale, ber mit Hirfchlöpfen 
und Jagdgeräthen ausgeſchmückt war, 
wurden angezündet. Im Kamine [o- 
derte eine Heine Maiflamme. Die Un: 
terhaltung war lebhaft und herzlich, 
das Mahl war jägerhaft und reich. 
Plötzlich ſtieß Madame Berry, neben 


Weine, Rind, der 


Weine, Kind, der Seele Leiden 

Aus an meiner treuen Bruft, 

Sag’ ed mir, vom Liebften fcheiden, 
Haft auch Du gar früh gemußt; 
Sag’ ed mir, viel blut’ge Wunden 
Schlug das herbe Leben Dir, 

Aber hold in Luft verbunden 
Bleib’ bei mir. 


Schrei aus. 
Alles ſprang auf. Mila war 
plöglich zu Boden gefunfen, blaß und 
regungslos wie eine Todte. Bewußtlos. 
Ihr alter Bater war ber erfte, 
ber an ihrer Seite war und fie 
auftaffte in feine Arme und mit 
vor Entjegen zitterndber Stimme rief: 
„Mila! Mila! Um Gotteswillen ! 
Was ift ihr? Mila, mein ſtarkes 
Kind! Iſt fie denn tobt? Aber fo 
fagt mir denn doch, ob fie tobt ift?! 
Mila, Mila!” 


(Schluß folgt.) 


len 


Beele Feiden — 


Deine Thränen find Juwelen, 
Sind wie Frühlings-Blumenthau, 
Müßt' ich ihrer taufend zählen, 
Mied’ ich nie die fchönfte Au. 
Daß es Morgen einft geworden, 
Dir in Augen fünden fie, 

Aber meine Liebe morden 
Bähren nie, 


Weiß ich doch, mein ganzes Reben, 
Deinem Trofte iſt's geweiht, 
Mildert, Dir nun bingegeben, 

Alle die Vergangenheit. 

Willſt Du trauern trüben Blides, 
Folg' ich zum Entſchwund'nen Dir, 
In den Stunden vollen Glüdes 


Bleib’ bei mir! 


Kofeagers „‚Geimgarten‘‘ 8. Geft. 


Fritz Fihler. 


87 


578 


Fine Begegnung. 


Genrebild aus dem öfterreidhifchen Bauernleben von K. Anzengruber. 


Zum dritten und legten Male 
riefen die Gloden zur Kirche, e8 war 
ein kurzes, rajchabfegendes Läuten, 
als wollte es bejagen: jet eilt euch 
aber, es ift die höchfte Zeit. Ich ſaß 
noh immer an einem Tiſche im 
Freien vor dem Wirthshauſe an der 
Straße und die Frau Wirthin, die 
unter der Thüre lehnte, ſah mid 
darob bebenflih an, an meiner Stelle 
wäre fie nimmer dageſeſſen, aber fie 
mußte eben heim bleiben und das 
Haus hüten, und fie glaubte mohl, 
das am beften richten zu fönnen, in- 
dem fie fi vor den Eingang ftellte; 
es war auch wirklich fein Menjch 
denkbar, der ihr an Körperumfang 
jo viel nadhgegeben hätte, um neben 
ihr einzujchlüpfen, 

Es war Sonntag, die Leute ka— 
men in ihren SFeittagskleivern wohl 
die Straße herauf, aber nicht an mir 
vorüber, denn die Kirche lag mitten 
im Drte und da hatten fie e8 näher, 
wenn fie einen Feldweg einbogen, ich 
ſaß aljo ungeftört unter dem tief 
blauen, fonnigverflärten Himmel, vor 
mir das Glad mit funkelndklarem 
Mein, hinter mir, an der Mauer des 
Haujes, wo Kletten und Diftelftauden 
hochaufgeſchoſſen ftanden, trieb fich 
jummendes und jchwirrendes Inſecten— 
geſchmeiß herum Ich fonnte mich von 
außen und nach innen. Ich war der 
Natur gerade recht dankbar für mich 
und der Summchor hinter mir läutete 
und flirrte froh behaglich dazu. 

Allerdings, wehe mir, wenn das 
Auge Gottes, das ih ſchon jo oft 
in einem Dreied über Hausthüren 
und an Dreifaltigfeitsjäulen bräuen 


jah, nur halb jo geftrenge auf mir| 


ruhte, wie bie Blide der Frau Wirthin. 


Ich Sünder hatte jedoch darauf 
nicht Acht, fondern merkte zuvörderſt, 
daß ich in ftiller Selbftvergefjenheit 
mein Glas geleert hatte, ih langte 
dasjelbe nad der Wirthin hin, a 
diefe rührte fich nicht von der Gtelle 
und jagte kurz: „Es ift ausgeläutet!” 

Sie legte damit die fromme Ab- 
fiht an den Tag, während bes Got- 
tesdienftes nichts einzufchenfen. Ein 
anderer hätte vielleiht in Schimpf 
oder Lehr’, je nad) Temperament und 
Durftgefühl, das Weib aufzuklären 
verfucht, ich aber fannte meine Leute 
befier, auf Worte eined ganz Frem— 
den geben fie in ber Negel nichts, 
er redet ihnen lange gut, und je län: 
ger er e8 macht, je verftodter werben 
fie ; ich hätte wahrjcheinlich für Die Mühe 
feinen Wein weiter und ben getrunfe- 
nen theurer aufgerechnet befommen. 

Durch die Ausfiht, nunmehr tro= 
den bafigen zu müffen, wurde meine 
innere Feiertagsftimmung getrübt und 
mein Dantgefühl gegen die Natur 
auf ein fehr befcheidenes Maß herab: 
geftimmt. Ach, von welchen Kleinlich: 
feiten hängt oft der MWechjel unjerer 
Anschauungen ab! Unfere Vorfahren 
fochten derlei Feine Widerwärtigfeiten 
weniger an, fie hatten leicht Optimi- 
ften und glaubensitarf jein, es jcheint, 
daß bei ihnen das Muskelſyſtem vor: 
züglich ausgebildet war, bei und je 
doch find e3 die Nerven und darum 
find wir alle mehr ober weniger Peſ— 
fimiften und zweifelſüchtiger Natur. 
D, welde in olympijcher Ruhe ver: 
barrende Geſchöpfe müßte ein Ge: 
jchlecht geben, bei dem die Drüfen 
an die Reihe der Entwidlung kämen! 
Ich ſchrieb dieſen Gedanken in 
mein Notizbuch, denn aus Reſpekt 


579 


vor meinem Genius fühle ich mich 


Ich warf mein Gelb auf ben 


immer verpflichtet, derlei belehrſame Tiſch, erhob mid und ſchloß mich 


und erheiternde Einfälle meinen Zeit- | ihm 
Dann | befjeren Begleitung geben, als ber des 


genofjen nicht vorzuenthalten. 


langte ih in meine Tafche, um zu Mannes, „zu dem 


an, ich Fonnte wohl in Feiner 


Gott Vertrauen 


zahlen ; als ich aufblidte, fam auf | hatte.“ 


dem Wege, der aus dem 
führte, ein altes, kümmerliches Männ- 
hen einher getrippelt. 

Troß des Sommerd trug ber 
Alte eine gefütterte Mütze über ben 
langen, weißen Haarflehten und da— 
runter gudte ein Klein bischen, brau- 
ned, gerunzeltes Gefiht aus den 
jchneeigen, ftadhligen Barthaaren, bie 
ihm bis über die halbe Wange wuch— 
jen, gar jeltjam hervor; am Leibe 


hatte er eine geflidte Joppe, darun- Thür’ 


ter eine Weſte, die erkennen ließ, daß 
er eiumal beleibter geweien, feine 
bünnen Beine ſtaken in einer abge: 
tragenen Kniehofe, blauen, ausgewa- 
jenen, jchlotterigen Strümpfen und 
berben Schuhen. Er that jehr eilfer: 
tig, denn in der Rechten hanbhabte 
er einen Stod, mit dem er eifrig 
aufftapfte, er ſchien fih davon ein 
ſchnelleres Fortlommen zu verfprechen, 
in Wahrheit aber wollte biefer britte 
Fuß nicht mehr leiften, als bie beiden 
ander. 

Er war ganz nahe gefommen, 
als ihn die Wirthin anrief: „Nun, 
Martl (eine Abkürzung für Martin), 
nit in der Kirche?” 

„Rein, nein,“ antwortete der Alte. 
„Weiß es ja, wenn mich auch ber 
liebe Herrgott nicht in der Kirche 
fieht, jo hat er doch Vertrauen zu 
mir “ 


„Wohin denn ?“ 

„Paar Grojchen verdien’ ich, bie 
mir der Hubmeier gegeben bat, daß 
ih ihm Hinüber geh” zum ehent- 


„Run, Better,” jagte ih, an feine 
Seite tretend, „Ihr ſeid ſcharf auf 


Geld aus.” 


Stäbter und Landleute beutfchen 
Stammes in Defterreih „vettern” ſich 
nämlich fehr häufig, jo wie in Wien 
noch mander kleine Gejchäftämann 
einen Kunden vertraulich ald „Nach 
bar“ anredet, obwohl biefer oft ein 
paar Gafjen weiter wohnt, gejchweige 
denn im jelben Haufe und Thür’ an 


„Der Reiche mag’3 gewinnen, ber 
Arme muß’ verbienen,” erwiderte 
ber Better, dann ſah er mid miß- 
trauifh an, rüdte an ber Mütze und 
fagte: „@elobt jei Jeſus Chriſtus!“ 

„In Ewigkeit,“ antwortete ich. 

„Der Herr ift alfo Fein ud’ 2“ 
fagte er. „Ich hab’ ſchon gemeint, 
er mär’ einer, weil er in feiner 
Kirche ift.“ 

Wenn ich’3 auch nicht fo beftimmt 
weiß, und ob in allen Stüden, fo 
glaub’ ich doch, daß auch zu mir 
der Herrgott Bertrauen bat. Unb, 
was dem Einen redit, das ift bem 
Andern billig, Ihr werdet doch nicht 
allein unſers Herrgotts Bertrauens- 
mann fein wollen, Better ?“ 

Er lachte. „Bei Leib’, alle bra- 
ven, rechtſchaffenen Leut' find’. Alle 
braven, rechtſchaffenen Leut',“ wieber- 
holte er befräftigend. „Die mag unfer 
Herrgott an ber Hand leiten ober 
frei laufen laffen, er bat fih von 
ihnen nicht8 Uebles zu verfehen, halt 
auf die Schlechten braucht's ein Auf: 


leitner fragen, ob ber bie braune jchauen, daß er mit denen auskommt.“ 


Kuh will.” 


„Daß er mit ihnen auskommt? 


„Gibt fie ihm ber Qubmeier jetzt?“ Darum forgt er doch nicht, er hat 
„Ja, wenn ber Zehentleitner paar |ja bie Macht.” 


Gulden zulegt. Behüt’ Gott!” 
„Behüt' Gott!“ 


„Und bie Herrlichkeit, — ſeid 
Ihr vielleicht ein Proteftant ?“ 
37* 


580 


Ich verficherte ihm, ich fei ein 
eben fo guter Katholif, wie er, ver- 
langte mir's auch nicht beijer, als 
Sonntags Hinter die Kirche über Feld 
zu gehen und bafür noch ein paar 
Groſchen in den Sad zu befommen. 

Er ladte, denn Spaß bleibt im- 
mer Spaß — unter Leuten von glei- 
cher Gonfeflion ! 

Dann jchüttelte er den Kopf. 
„Die Macht, habt Ihr vorhin gejagt, 
Ihr meint zum Dazwiſchenfahren und 
Dareinwettern? Schaut’, mein lieber 
Herr, Herr” — er fagte fo, weil 
er meinen Namen nicht wußte, offen- 
bar fchien es ihm unſchickſam und 
unnütz, darnach zu fragen, da er 
nicht für neugierig gelten wollte und 
wußte, daß er ihn nicht behalte. — 
„Schaut, mein lieber Herr, Herr’, 
Ihr ſeid vielleicht geftudirt und ich 
vermag nicht anders zu reben, als 
ich’3 eben verfteh’, das müßt Ihr mir 
halt nicht für übel nehmen. Ich denk', 
weil man dei lieben Gott den Him— 
melvater nennt, jo wird er wohl wie 
ein Vater zu allen fein, und es hat 
doch ſchon Unſereines auch mit un: 
gerathenen Kindern ein Nachjehen. 
Kommt vor, daß man wohl gar noch 
heiflicher mit ihnen umgeht, und nicht 
anders hält e3 der Herrgott mit ung, 
ih bin mir lang genug auf der Welt, 
daß ich weiß, was in ihr gejchieht. 
ich hab’ dasjelbe erlebt. Ja, ja, lieber 
Herr.” 

„Erlebt?“ 

„Ja, und nicht nur aus fremder 
Leut' Schickungen erſehen, ſelber er— 
lebt! Schaut' da ein wenig nach der 
linken Seite, was Ihr ſeht.“ 

„Ein großes Bauerngut liegt dort 
auf der Anhöh'.“ 

„Ja, es iſt ein großes Bauern— 
gut, die Felder, wie ſie da herunter 
nach der Straße zu liegen, und der 
ſchlagbare Wald dahinter, jo weit 
Ihr den grünen Streif ſeht, gehört 
alles zujammen. Früher waren zwei 


und 'der andere nicht viel beſſer daran 
als ein Bettler und muß in feinen 
alten Tagen den Leuten für ein paar 
Grofhen Botengäng’ madhen.“ Er 
athmete ſchwer und der Stod zitterte 
ihm in den Händen. „Ja ja, lieber 
Herr, [haut mich nur groß an, es 
ift ſchon richtig, wie Ihr euch denkt, 
e3 ift mein leibliher Bruder, ber 
dort oben figt und mich aus bem 
Elternhaus ausgetrieben hat. 


„Nehmt e3 nicht dafür auf, daß 
ih red’, um ihm etwas Uebles nad): 
zufagen, er mar immer ein guter 
Wirthihafter, aber er hat fein Herz 
gehabt. Schon als kleiner Bub’ nicht. 
Er hat fih mögen mit Käfern jpie- 
len, fie an einem Bindfaden fliegen 
laffen, oder vor einem Stüd Holz 
einfpannen, und wenn er ftund’lang’ 
mit ihnen feinen Spaß gehabt, fo 
bat er fie darnach an der Erd’ zer: 
treten, nicht andere, als wären es 
Kirfchlerne und fein Leben und 
Empfinden in ihnen. Ich vermag kei⸗— 
nem Gejchöpf Gottes ein Leid anzu: 
thun.“ 


Er bethätigte das auch ſogleich. 
Ein Hirſchkäfer, auch Weinſchröter ge: 
nannt, froh eben über den Weg. Der 
Alte blieb ftehen, um ihn nicht zu 
zertreten, und fchleuberte mit dem 
Stode das Thier zur Seite, daß es 
an einem der nächſten Bäume dumpf 
aufflatfchte und zappelnd in's Moos 
fiel, hätte es Sprache beſeſſen, es 
hätte ficher geflucht. 

Mein Begleiter fuhr fort: „ALS 
mannbarer Burfh hat mein Bruder 
mancher Dirn da in der Gegend Lug 
und Trug vorgefpiegelt, ich hab’ mir 
dagegen in aller Ehrbarfeit eine ge- 
funden, die mir zum Weib’ getaugt 
hätt’, Katharin hat fie geheißen, ihre 
Eltern waren es zufrieden und jo 
weit wär alles in Richtigkeit gewe— 
ſen. Mein Bruder hat als zufünftiger 
Schwager auch in das Haus bürfen, 


Brüder zu gleichen Theilen darauf, von dem man ihn fonft vielleicht fern 
jeßt ift der eine alleiniger Eigner | gehalten hätt’, es hat ausgejehen, als 


581 


wollt’ er dort mit Zeit und Weil 
recht heimlich werden, es ift aber 
darüber nur gelacht worden, denn 
für ihn war die Stellung vor ber 
Thür’. Mid als den ältern hat näm- 
lid der Bater vom Militär losge— 
fauft, was damals noch gegangen ift, 
wo aber mehr’ Söhn’ im Haus wa- 
ren, haben bie jüngern die Ausficht 
gehabt — trum, trum, trum, 
binter'm Kalbfell zu marfjchieren. Das 
Looſen war zur Zeit auch noch im Brauch) 


„Ich vergeh’ nicht, wie einmal 
der Görg, jo hat mein Bruber ge 
heißen, zu mir gejagt hat: „Du ver: 
trägft dich ja recht gut mit ber Dei- 
nen, magft auch zufrieden fein, wie 
fih für einen fchidt, der nicht daran 
denkt, die Leiter anzufegen, und nimmt, 
was der Wind vom Baum beutelt; 
mich vermöcht' fo Eine, wo zwölf 
auf das Dutzend gehen, nicht zu hal- 
ten, ich brauch” was beſonders!“ 

„Und das hat er auch ar der 


und wie mein Bruder zur Abjtellung | Kathrin’ gehabt, fie ift nicht nur rei- 
geht, trifft er fo ein’ unmenfchlich cher gewefen, fie war auch fchöner 
hohe Nummer, daß die Neih’ gar und gefcheidter, wie die andern; die 


nicht an ihn 'kommen if. Für ein 
Jahr war er frei, aus ber eriten 
Alteräflaff’ heraus, Krieg war feiner 
in Ausfiht, fo hat er ſich wohl auf 
fein gut’ Glück verlaffen und etwas 
darauf hin unternehmen können, er 
hat's auch gethan und zu Weg ge 
bracht hat er’; die Kathrin’ war 
mir auf einmal abwendig und ihm 
zugethan mit Leib und Seel’. Gejehen 
hab’ ich's, aber hören wollt’ ich’s 
auch. Ich denk’ es noch, wie er mit 
ihr vor mich hingetreten iſt und an- 


gehoben hat: „Bruder, du meißt es 


ohnehin, wie e8 ift“ .. . dabei hat 
er fie mit ber Rechten an ſich gezo— 
gen und obwohl fie gefhämig fein 
Aug’ vom Boden gebracht, hat fie es 
doch nicht laffen können, daß fie fel- 
ben Arm aufftemmt und ihre Finger 
in bie feinen häfelt. D, lieber Herr, 
das ift nicht anders, ald man brennt 
Eine mit heißem Eifen auf der 
Haut, wenngleich es verheilt, bleibt 
doch ein Merkzeichen für bie ganze 
Lebenszeit. — Der Wirthihaft hal: 
ber hab’ ih nicht ohne Meib jein 
fönnen, fo hab’ ich mir halt eines 
genommen, wie gerad’ zu haben war. 
Meine Alte — Gott hab’ fie felig 
— ift nicht beſſer, noch fchlechter ge- 
wejen, wie bie Andern; Gott vergelt 
ihnen alles Gute, da3 fie uns ans 
thun, und verzeih’ alles Ueble, was fie 


hat's jchon vermocht, ihn zu halten, 
daß er lieber heim, als irgendwo 
um die Wege war, und das war gut 
für ihn und vielleiht au für an- 
dere, weil immer gut ift, wenn An— 
fechtung den Weibsleuten erfpart bleibt, 





denn, lieber Herr, fie vertragen da— 
von nicht viel.“ 

„Damit Ihr euch auskennt in 
dem, was ich weiter erzähl’, muß ich 
wohl voreh’ jagen, mie das große 
But zufammen gefommen if. Noch 
unferm Großvater hat faum der dritte 
Theil davon gehört, der mehrere war 
fremdes Anweſen und bat bis auf 
| meine® Bruders Zeit nach den frühe: 
ren Eignern das Hebergeriſche gehei— 
ßen. In unferer Familie waren all— 
zeit gute Wirthſchafter und Sparer, 
die Hebergeriſchen Leut' waren dage— 
gen immer liederlich und unwirthſam, 
jeden von uns erübrigten Groſchen 
haben ſie zu leihen genommen und 
wie denn der Letzte von ihnen ſeine 
Sach hat' unter den Hammer bringen 
müſſen, da war unſer Großvater der 
Hauptgläubiger und hat leicht das 
ganze große Gut erwerben können; 
ſo hat die magere Kuh nach und 
nach die fette aufgefreſſen. Man 
ſagt wohl auch, er hätt' ſelber die 
Gelegenheit dazu gemacht und herbei— 
geführt, ich weiß es nicht, aber mag 
wohl fein, wenn ich dent’, wie mein 





mehr aus Unüberlegtheit, wie aus Bruder ift, von dem es heißt, ber 


Bosheit ftiften. 


wär’ ihm ganz nachgerathen. 


582 


Der Großvater war nämlich ganz 
anbers geartet wie feine zwei Söhn’, 
unfer Bater und unfer Oheim, Die 
find recht duldſame Leut' geweſen, 
freilich hat ſich auch Keiner mucken 
dürfen. Der Oheim war von Kind 
auf ſiech und hinfällig, für den hat 
fih fein Weib gefunden, aber ber 
Bater hat ſchon lang geheirathet ge- 
habt, ih und mein Bruder waren 
jhon auf der Welt, und noch bat 
ber Alte nicht daran gedacht, daß er 
fi in die Ruh’ fegt und feine Sad’ 
feinen Kindern übergibt, dazu war er 
viel zu herriſch; Hat er gejagt, jo 
Schaut ein Ding aus, jo hat es Keinem 
anders vorlommen bürfen, und hat er 
Braun ſchwarz geheißen, fo iſt's dabei 
geblieben. Wie er das Gut auf ben 
jegigen Stand gebradt hat, hat er 
Felb und Wald in zwei gleiche Theil’ 
gefhieben, ven Gartenzaun vom alten 
Gütel fo weit auf dasHebergeriſche hin: 
übergerüdt, daß auch Grund und 
Boden um bie beiden Hütten gleich: 
theilig war, und jeder der Söhn’ hat 
feinen zugewieſenen heil betreuen 
müffen, er aber ift Herr über bas 
Ganze geblieben bis an feinen Tod. 
Die Theilung ift aber nicht grund: 
bücherli eingetragen worden, weil 
noh vor ihm des Vaters Bruber 
geftorben und Alles an unferen Vater 
gefallen ift; ber hat mih auf das 
Stamm-⸗Anweſen, den Bruder auf das 
Hebergeriihe geſetzt und es nicht 
ander? gehalten wie der Großvater, 
ift auch fo alt geworden, über fünf: 
undachtzig. Kurz nad ber Zeit, wo 
fie meinen eigenen und meines Bru- 
berd Buben zum Militär genommen 
haben, denn neuzeit gibt es fein Los— 
faufen, ift er geftorben und hat in 
fein Teftament gejchrieben, baß mir 
das alte Gut, meinem Bruber bas 
2. gehören fol. 

„O Herr, er hat’3 nicht gedacht, 
er bat es gar nicht denken Fönnen, 
wohin das führen folt! Noch ift 
fein Gras auf Vaters Grab gewachſen, 
fo fommt einmal Abends mein Bruder 


an ben Zaun, der beide Höf’ jcheibet, 
er hat die Pfeif’ im Mund gehabt, 
lehnt fi über und jagt: „Guten 
Abend Martl! Magft nur bald ben 
Gattern da an feine alte Stel’ zurüd- 
rüden.” Ich lad’ darauf und jag’: 
„Das werd’ ich bleiben laſſen.“ Sagt 
er wieder: „Du wirft e8 jchon thun. 
Laß’ nur auch deine Knecht’ vom 
Mald wegbleiben und jehid fie mir 
nicht auf fFelber, die zum Hebergeriſchen 
Anweſen gehören.” — „Du Ipafliger 
Ding”, ſag' ih, „was rauchft denn bu 
heut’ für Tabak, der Dir jo gut bie 
Grillen vertreibt und Dich luſtig 
macht?“ — „Brei König”, jagt er 
und fpudt aus. „Aber ber Tabak 
bringt mich nicht auf Späß’, ich meine 
e3 völlig ernft, das Hebergeriſche Gut 
gehört mein.” — „Das ift doch ge- 
teilt”, ſag' ich zu ihm. Da richlet 
er fih vor mir auf, fo lang und 
breit er war, und fragt: „Wo fteht 
denn das aufgejchrieben? Weder im 
Grundbuch ift e8 vorgemerkt, noch in 
des Vaters Teſtament angeordnet. 
Haben der Großvater und ber Vater 
Zäun' verjegt und Grund und Boden 
an Andere zur Nußnießung überlaffen, 
fo ift ihnen das, als den früheren 
Eignern zugeftanden, und wenn es mir, 
al3 dem jekigen nicht taugt, jo kann 
ich Alles wieder in alten Stand ſetzen.“ 
Ich bin nicht wenig erſchrocken, wie 
ich gemerft hab’, daß er's jo ernftlich 
anfaßt, und hab’ mich auf's Bitten 
verlegt und ihm zugerebet, er möcht’ 
doch nicht jo an mir, feinem leiblichen 
Bruder handeln, er aber hat darauf 
furzweg gejagt: „Wenn Du meinft, 
es geſchieht Dir Unrecht, jo geh’ in 
die Gerichte‘. 

Obwohl ich verbittert war und 
das Gefühl gehabt hab’, es geſchäh' 
mir ein Unrecht, das alle Melt ein: 
ſehen müßt’, fo ift e8 mich boch hart 
angelommen, gegen den eigenen Bruber 
Prozeb zu führen, aber ich hab’ ge 
glaubt, ih wär’ es meinem Weib 
und Kind jchuldig. Hätt’ ich voraus 
gewußt, wie es bald barauf hat 


583 


fommen follen, ich hätt’ es eben jo 
gut fein laffen können! So haben wir 
denn eine Weile prozeflirt und viel 
gutes Geld dafür hinausgegeben, die 
Entſcheidung ift vor der Thür’ ge 
ftanden, da ift ein Tag gekommen — 
o lieber Herr, wie nie fein Menſch 
einen zweiten zu ertragen vermöcht ! 
Kriegszeit ift damal gemwejen, unjere 
beiden Buben find im Feld geftanden 
und auf einmal hat fich im Dorf das 
Gereb’ verbreitet, Einer davon wär’ 
gefallen. Welcher? Keined hat's zu 
jagen gewußt. Wie mid aber ber 
Bürgermeifter auf’3 Amt bat bejchei- 
ben laffen, da hab’ ich jchon an dem 
erbarmhaften Gefiht von dem Ge 
meindeboten gemerkt, wie viel es ge: 
ihlagen hat und bin mit zitternden 
Knieen hin, mir für ganz fidher und 
gewiß fagen zu laffen, was ih mir 
jelbft nicht hab’ eingeftehen wollen, 
daß ih es ſchon weiß. Das mar 
meine erfte Leibendftation. Unb wie 
ih heimkomm', liegt mein Weib, 
frank vor Erjhreden, eben war Nadı: 
richt eingetroffen, wir hätten den Prozeß 
gegen den Bruber in letter Inſtanz 
verloren. Herr, wie mir war, wie id 
dem Weib gegenüber geftanben bin, das 
gemeint hat, ich wein’ allein um unfer 
Hab und Gut, während es jekt ja 
mehr unjerem Einzigen, unferer legten 
Stütze gegolten hat! D Herr, jo was 
läßt fi nur verwinden, wenn man 
fih ben vor Augen hält, der feine 
vierzehn Stationen bis an's Kreuz 
gegangen.“ 

Der alte Mann trodnete ſich bie 
Augen, nach einer Weile fuhr er fort: 
„Das Neftel, was ich noch zu jagen 
hab’, ift kurz. Das kleine Gütel, das 
mir verblieben wär’, ift ganz auf bie 
Prozeploften daraufgegangen, mein 
Bruder hat es erftanden, das Eltern: 
haus hat er doch nicht wollen in 
fremder Leut’ Händ’ kommen laffen, 
auh war ihm wohl darum, das 
Ganze beifammen zu halten. Bon dem 
Erftandgeld find über die Prozeßkoſten 
ein paar Gulden geblieben, gerad’ 


genug, daß ich dafür im Dorfe eine 
Heinmwinzige Hütte hab’ kaufen können, 
um darin mit meiner Alten zu woh— 
nen; die hat der Jammer hart ange: 
griffen, e8 Hat nicht lang’ gebanert, 
jo war ich allein. 

„Wie Ihr euch denken könnt, lieber 
Herr, war fein Kleines Gejchrei unter 
ben Leuten, wie mir mein Bruber fo 
mitgefpielt hat. Aber wie es bamit 
ſchon bejtellt ijt, Anfangs hätt’ man 
meinen fönnen, der Görg jei auf 
feinen Schritt außer Haus mehr 
fiher, dann haben fie mir die übelften 
Nachreden angebichtet, gleihjfam als 
hätt’? ih die ausgefagt, — daher 
mag wohl fommen, daß fidh bie 
Schwägerin Katharin fein klein Biffel 
um und angenommen bat, — unb 
ſchließlich, wie wir fo für alle Beit 
und Emigfeit mit einander zertragen 
waren, find die Leut' Schimpfens und 
Scheltens müd' gemejen. Bald war 
man mich herunten im Drt unb 
meinen Bruber oben auf dem Anmefen 
gewöhnt und heut’ jchon gilt's jo als 
zur Ordnung gehörig, fragt Keiner, 
ob es jchön ober wild, recht ober 
unrecht ift. 

„Diele haben freilich ben Kopf ge 
beutelt zu fo ungleichem Spiel, wo 
der Eine alles gewinnt unb ber An- 
dere alles verliert, auch mir hat es 
anfangs nicht in den Sinn wollen, 
warum unfer Herrgott den Görg fo 
verhätfchelt und mich in den Winkel 
ftellt. Aber ſeht, lieber Herr, troß 
allem, was er mir auferlegt hat, hat 
er fi nicht in mir geirrt, obwohl 
ih jo arm bin wie eine Kirchenmaus, 
dent’ ich nicht daran, mir unredhter: 
weis nur einen Groſchen anzueignen 
und wie hart auch mein Bruber 
gegen mich geweſen ift, wünſch' ich 
mir feine Gelegenheit, ihm beimzu- 
zahlen. Er hat nad der Hand ge: 
äußert, ihn hätt’? an meiner Statt 
der Unglüdstag nicht treffen dürfen, 
wär’ jein Prozeß verjpielt und fein 
Bub todt geweſen, er hätt’ mir ben 
den meinen erichlagen und eh’ Walb 


* 584 





und Haus angezündet, als fie über | lieber Herr, es fcheint völlig, Gott 
geben. Das ift wohl nur eine wüfte nimmt das Glüd ber guten Menſchen 
Red’ hintennach geweſen, aber wer, und legt es ben fchlechten zu, bamit 
der ihn kennt, wie ich, vermöcht’ zu | die weniger Urſach' haben, arg zu 


jagen, was aus ihm geworben wär”, 
hätt’ e8 ihn auch nur halb fo rauh 
angefaßt?! So hat ihn eine gnäbige 
Schickung auf das reichte Anweſen in 
der Gegend geſetzt, ihm Weib und 
Kind erhalten und Enkel bazu ge 
ſchenkt, nnd nun gibt er fich zufrieden, 
und hält Ruh! 

„Dort über'm Feldweg liegt bes 
Bebentleitners Hütte, da muß ich jetzt 
"hinüber. Behüt’ Gott! Ya, ja, mein 


fein.” 

Ich brüdte ihm die Hand, nad) 
einigen Schritten nidte er mir, an 
die Mütze greifend, noch einmal zu 
dann ſchwand mir langſam jene küm— 
merlihe Geftalt aus ben Augen. 

Hinter mir, auf ber Anhöhe, Tag 
im lichten Sonnenſcheine ber Sof 
ſeines Brubers, ftill, feierlich, wie 
ausgeftorben, — ber Görg war wohl 
in ber Kirche. 


So braufet der Peidenfhaft Göttergewalt. 


Weißt Du, wie der Sturm zu Thale fpringt, 
Der lenzlufttrunfne Titane, 

Wie die tropenden Tannen er niederringt 
Und wie er mit ftarten Armen ſchwingt 

Der Wolten drohende Fahne. 


Sein Antlip ift Naht und fein Herz ift Glut 
Und 3erftören heißt fein Beginnen. 

Der in heimlichem Schlummer fo lange gerubt: 
Maplofes Begehren entflammt feinen Muth, 
Und es reißet ihn ziellos von binnen. 


Die fladernden Blige beleuchten die Bahn, 

Der Luft wildfprühende Funken. 

So wirbelt's daher im bacchantiſchen Bug, 

Bald zum Abgrunde mwendend, zur Höhe bald 
den Flug 

Im rafenden Rauſche verfunten, 


So braufet der Leidenſchaft Göttergewalt! 
Iſt's Wonne oder Verderben? 

Die Gedanken verſtummen in Demuth bald, 
Da hilft nicht Weisheit, da gibt's feinen Halt: 
Ein Blüdliher fein — oder fterben! 


Und weißt Du, wie nad der Wetternadt 
Hereinfhaut der Frühling voll Wonne ? 
Wie im Perlengefchmeide die Wieſe lacht 
Mit unwiderftehliher bräutlicher Pracht 
Und berauffteigt die flammende Sonne ? 


Es blinken die Fluren, es flüftert der Wald 
Und es läutet und klingt in den Zweigen, 
Als wär in des Frühlings holder Geftalt 
Die ewige Gottheit hernieder gemallt, 

Zu den Menſchen fi liebend zu neigen. 


Es mweinet vor Wonne die zitternde Yu, 
Harmoniſch plaudern die Wellen, 
Sie fpiegeln wieder des Himmels Blau: 
Das ift die Liebe, die Götterfrau 
Und es raufchen elyfifhe Quellen, 


Das ift die Liebe! O fürdte nicht 

Der Leidenfhaft wildes Gebahren. 
Hellleuhtend, beglüdend, berüdend bricht 
Aus den nächtlichen Wolfen das rofige Richt 
Der Liebe nad taufend Gefahren! 


FH ©. Adolf Weiß. 


585 


Die Dreizehnte. 


Novellette nach dem Franzöfifchen von Louis Gauthier. 


Doctor Sorbier ift ein ſehr red- ı Schreden zu verbreiten; ftarben ohne— 
jeliger Mann; es gewährt aber auch | Hin mehr Leute aus Furcht, als an 
Bergnügen ihn anzuhören, er erzählt | der wirklichen Krankheit. 


allerlei Geſchichten, bezweckt jedoch 


Ich hatte in dem Approviſionirungs⸗ 


zumeiſt auf den Geiſt ſeiner Patienten magazin, welches man in aller Eile 


damit Einfluß zu nehmen, denn er iſt 
fein loſer, ſondern wohl berechneter 
Plauderer. 

Ich traf eines Abends mit ihm 
bei einer Marquiſe zuſammen, welche 
ihn ob eines heftigen Nervenanfalles 
ſchleunigſt rufen ließ. Die Marquiſe 
beſaß die ſeltenſten Eigenſchaften der 
Weltdame, nur Ein Schatten verdun— 
felte ihre wirklich blendenden Tugenden. 
Sie beſaß nämlih vier Kinder, wo— 
von fie eines unglüdlicherweife weniger, 
als die anderen liebte und es auch in 
Folge deſſen zeitweife mit empörender 
Ungerechtigkeit behandelte. Der Doctor 
fannte diefen Fehler nur zu genau 
und als man ihn an diefem Abende 
bat, er möge eine feiner jo aller: 
liebft erzählten Geſchichten 
zum Beften geben, jo begann er fol- 
genbe: 

Ich Hatte bereits mein Doctor: 
Diplom vor einigen Jahren erhalten, 
ala im Jahre 1832 die Cholera über 
Paris verheerend einbrach und beffen 
Einwohner beinahe decimirte. Nur 
Derjenige, welcher die Peftfeuche von 
ber nächſten Nähe aus beobachtet, 
fann beren verheerende, raſche, jchred- 
lihe Wirkung beurtheilen und jo lange 
ih lebe, werde ich das entjeßliche 
Bild, welches die Hauptitabt damals 
bot, nicht vergeflen. Denken Sie fi 
nur, man trandportirte unfere Tobten 
bei Nacht heimlich fort, gebot uns 
Aerzten, die wahre Ziffer ber Opfer 
zu verſchweigen, um nicht noch mehr 


zum Spitale umgewandelt hatte, zu 
tun, dieſes riefige Gebäube reichte 
faum Hin, die alle Augenblid anlan- 
genden Cholerakranken zu faflen, fo 
daß man wie bei einem Theater in 
den Kranfenfälen Queue machen mußte, 
kaum fand ein Bett frei, jo war es 
ichon wieder belegt. 

Eines Morgens, ich fam foeben 
von der Bifite des mir anvertrauten 
Saales mit 33 Betten, hörte ich einen 
Krankenwärter nad einem disponiblen 
Arzte rufen. Ich ging fofort zu ihm, 
er übergab mir eine Bifitfarte: „Mr. 
Dumiege, rue Culture Saint Catha- 
rine“. 

Ich flieg raſch in einen Wagen 
und zehn Minuten fpäter befand ich 
mi in dem erften Stodwerfe eines 
der jchönften Häufer befagter Straße, 
in einer prachtvollen Wohnung. 

Als ih den Salon betrat, fand 
ih fünfzehn Perfonen gleich; Dämonen, 
ſchreiend, mit den Händen gefticulirend 
umberlaufen, ber dort herrſchende 
Heidenlärm bradte mid völlig aus 
der Faffung, ich hätte beinahe die 
Urſache meines Beſuches darob ver: 
geffen. Außer ſolchem Höllenſpektakel 
trug dieſe fih fieberhaft bemegenbe 
ſchreiende Menge das jgltiamfte Ge: 
präge. Hätte mir der Kuticher nicht 
gejagt, er bringe mich zu einem Rentier, 
ih hätte geglaubt, mi in einem 
Penfionate zu befinden, denn ich zählte 
zwölf ganz gleich gefleibete junge 
Mädchen im Salon. 


586 


So unglaublid e8 auch war, 
fagte ih mir, dieſe zwölf blonden, 
gleich großen Fräuleins müßten an 
ein unb bemjelben Tage das Licht der 
Welt erblidt haben, müßten Schweftern 
fein, denn deren Aehnlichkeit war ge- 
radezu frappant. 

AL man meine Anmejenheit im 
Salon enblich gewahrt wurbe, fing etwas 
Ruhe einzutreten an, Mr. Dumiege 
ſammt Frau ergriffen mich bei ber 
Hand und führten mich zu einem von 
mir bis nun noch nit erblidten 
Mädchen. Das Kind lag auf einem 
Sofa, völlig ſtarr, als fei fie von 
Krämpfen befallen, ihr Antlig war 
ganz violett gefärbt, der Mund ver: 
zerrt, bie Augen ftierten leblos in ben 
weit geöffneten Augenhöhlen. Bei 
diefem Anblide fürdhtete ich bereits 
zu jpät gefommen zu fein, um mir 
jedoch Gewißheit zu ſchaffen, verfuchte 
ich einen Aderlaß und erzielte, o Wun- 
ber, ein glüdliches Reſultat bamit. 
Die Glieder der Kranken mwurben von 
dem feffelnden Bann befreit, das Ge— 
fit entfärbte fi, der Puls mwurbe 
wieber regelmäßig. 

„Bitte“, fagte ich zur Mutter, 
„legen wir das Fräulein raſch in’s 
Bett, fie darf nicht zu ſehr zugebedt 
werben, geben Sie mir gefälligft raſch 
Feber, Tinte, Papier, damit ich etwas 
verſchreiben kann.“ 

„Mein Herr“, frug mich die 
Mutter, „hat ſie vielleicht gar die 
Cholera ?” 


„Bweifeldohne! Wußten Sie das 
nicht ?“ 


Ich hatte kaum geenbet, al3 Ma- 
bame Dumiege furchtbar zu jchreien 
begann, fie geberbete fich wie eine 

Löwin. 

„Die Cholera! die Cholera !” heulte 
fie. „Man bringe fie jofort außer Haus 
.... Meine Töchter! raſch in euer 
Schlafgemad ... . 
ve et 


Dabei ftürzte fie auf den Gloden- 
zug los, ſchellte wüthend und rief dem 
Dienſtmädchen zu: „Fort mit ihr, 
führt fie hinweg, fie darf feine Mi- 
nute mehr im Haufe bleiben! fort! 
fort mit ihr!“ 

Die Dienftmagd wollte den Befehl 
ausführen, ich feste mich jedoch mit 
aller Kraft dem entgegen. 

„Das Kind kann unmöglichermeife 
wegtransportirt werden, das hieße fie 
dem ſicheren Tode überliefern, man 
muß ſie allſogleich zu Bette bringen.“ 

„Aber mein Herr, wollen Sie, 
daß ſie uns Alle anſtecke?“ 

Ich verſuchte vergebens den Leuten 
begreiflich zu machen, daß die Cholera 
nicht anſteckend ſei, die Frau hörte 
mich nicht an und ſchrie fortwährend: 

„Fort, fort! fie wird mir noch 
meine Töchter tödten !” 

Ich frug fie fodann, wohin man 
die Kranke denn transportiren folle. 

„Wohin man will“, antwortete 
fie, „in's Spital!” 

„In's Spital? Ya, befigt denn 
diefes Kind feine Eltern in Paris? 
Was ift fie denn bier im Haufe?” 

„Wer fie ift!“ jagte Madame 

Dumidge mit einem nicht wieberge- 
benden Ausbrude des tiefjten Haſſes, 
„Se ift unglüdlicherweife auch meine 
Tochter.” 
„Und Sie verbammen Ihr eigenes 
Kind zum Tode? Sie wollen fie in's 
Spital fenden, wo ihr jede Pflege 
mangelt, wo fie vielleicht warten muß, 
bis ein Bett leer wird?“ 

„Ich befehle es!“ antwortete bie 
Mutter, „fie muß in's Spital; fie 
würde meine Töchter tödten!“ 

Nun begriff ich, daß das unglüd- 
lihe Kind im Spitale beffer gepflegt 
werben würde, al3 im Haufe einer 
jo ſchandbaren Mutter. 

Ich ließ zwei Commifjionäre mit 
einer Sänfte fommen, legte bie Krane, 


Der Salon ift |forgfältig in Deden eingehüllt, hinein 


und als ih das Haus verließ, konnte 


Die Unglüdlihe wirb mir noch meine id) mich micht enthalten, Madame 


Kinder töbten! Fort mit ihr!“ 


Dumiege folgende Worte zuzuſchleu⸗ 


687 


bern: „Bottes Strafe wird Sie treffen, 
Madame!“ 

Die Kranfe mwurbe in meinen 
Krankenſaal befördert. 

Mr. Dumiege war einer jener 
Männer, welcher, ohne jegliche Beichäfti- 
gung, fi das Quartier le Marais als 
Wohnort auserwählt hatte, ein Duar- 
tier, wohin weber der Lärm noch bie 
Sitten des modernen Paris hindringen. 
Er zählte damals 50, jeine Frau 
40 Sabre, beide von Heiner Geltalt. 

Madame Dumiege war der Herr 
im Haufe, der Gemahl einer jener, 
welhe außer dem Namen nur noch 
bas Geld zur Beftreitung des Haus- 
baltes hergeben müſſen, jonft aber 
nichts find. 

Diefer Biedermann figuritte in 
der Staatöftenerlifte mit der jährlichen 
Einfommensziffer von 17.700 Francs 
und die Matrifelregifter wiejen ihn 
als Vater von dreizehn Töchtern aus, 
womit ihn jeine Frau je paarweiſe 
jeh3mal, einmal jedoch einzeln be— 
ſcheerte. 

Dieſe legte Eine, ohne Zwillings- 
Ichwefter, hieß Ejther ; die Arme wurde 
von ber Cholera erfaßt und die Mutter 
jagte fie in bem Momente, wo fie ihre 
Seele nur mehr auszuhauden hatte, 
aus dem Hauſe. 

Either zählte damals ſechszehn 
Sommer, ganz entgegengejegt ihren 
Schmweftern, war fie muthig wie eine 
Spanierin, charakteriſtiſch Schön, nicht 
jo altäglid wie bie Anderen, und 
gleih einem feltfamen Naturfpiele 
ſchlug fie ganz aus der Art der 
anderen verfommenen Race bed Ehe: 
paares Dumidge; fie war ſchlank, fo 
daß fie die ältefte ber Schweftern bei- 
nahe überragte. Ihre Mutter hegte 
für fie eine unbezwingliche Abneigung. 
Anftatt mit einem friichen Alepinekleid, 
wie bie anderen bekleidet, trug Efther 





gemach reinfegen, die Lampen pugen, 
kurz al’ jene häuslichen Arbeiten, 
weldhe Diener ſogar mit Abichen ver: 
richten, beforgen. 

Machten die Anderen Befuche, 
Promenaden, Ausflüge, Efther mußte 
zu Haufe bleiben, das Haus bewachen; 
und bemerkten Fremde Eſther's Ab— 
weſenheit, fo fagte die Mutter, fie ei 
blöde, ſchmutzig, man könne fie nirgends 
mitnehmen, fie mache der Familie nur 
Schande. Der Gatte hatte einigemale 
feine Bemerkungen ob dieſes Verfahrens 
gemacht, doch ein geftrenger Blid von 
Seite feiner Gattin ließ ihn jofort 
verftummen. 

Die jhlehte Behandlung von Seite 
der Mutter und der Schweftern er: 
preßte dem armen unglüdlichen Opfer 
nicht eine einzige Klage; das arme 
Aſchenbrödel erflehte von Gott bie 
Tröftungen, welche ihr die Menjchen 
verfagten. Wenn am Abende manchmal 
Freunde zu Beſuch kamen, blieb fie 
niemals im Salon, ſchloß fi in das 
gemeinfame Schlafzimmer ein und er- 
flehte von Gott den Segen auf bie 
Häupter ihrer Familie herab. 

Ihre Schweitern wurden in Mufil, 
im Zeichnen 2c. unterrichtet, fie nahm 
auch Theil daran, doch ald Madame 
Dumiege nach einem Monate gewahr 
wurde, daß durch Eſther's Fortſchritte 
alle Anderen in Schatten geftellt wur: 
ben, fo befahl fie, Efther bürfe nicht 
mehr an dem Unterrichte theilnehmen, 
es fei ſowohl eine Zeit: als Geld— 
verſchwendung, ſie ſei der ihr darge— 
brachten Opfer unwürdig, lerne nichts. 

Eſther verzieh ihrer Mutter dieſe 
in die Augen ſpringende Ungerechtigkeit 
und da man ihr nicht verboten hatte, 
im Salon während dem Unterrichte 
der Profefioren anweſend zu jein, fo 
laufhte fie aufmerfjam und überließ 
fi dem Stubium zu Zeiten, wo man 


ein zerriffenes, geſchoſſenes, graues |fie allein zu Haufe ließ, und das ge 


abgewetztes Kleid, fie war bie ge 
bulbete Dienerin ihrer Schweftern, 


mußte ihre Kleider bürften, reinigen, |daß fie beffer zeichnete 


ſchah doch fehr oft. Sie beſaß fo viel 
Ausdauer, feften Willen und Talent, 
als ihre 


ihre Putzwäſche wajhen, das Schlaf: | Schweftern, ja fie überftand die Schwie- 


688 


rigfeiten, vor welchen bie Anberen am 
Piano zurüdichredten, jedoch fein 
Menſch wußte etwas von den trium: 
phirenben Gefühlen, welche dem Mäd⸗ 
hen ihre täglihe Dual im Haufe er- 
leichterten, fie ertragen ließen. 


Madame Dumiege’3 unmürbige 
Behandlung ließ mid einen Theil 
biefer traurigen Wahrheiten errathen 
und dadurch intereffirte mich die arme 
Kranke nur umfomehr. So wenig 
Hoffnung ih für ihre Nettung ober 
Geneſung auch hegte, jo umgab ich 
fie mit ber forgfamften Pflege und 
wandte alle nur denkbaren Mittel, 
welche bie Wiffenfchaft zur Bekämpfung 
biefer Seuche bietet, bei ihr an. Nächte 
lang wachte ih an ihrem Bette, con: 
fultirte jeden Abend mit dem damals 
fo berühmten Arzte 2 ‚ endlich 
glüdte e8 mir; ich jah Efther nad 
und nad wieber zu fi fommen und 
bald hierauf war fie außer Gefahr. 


Als fie in die Reconvalescenz trat 
erachtete ich es für gefährlich, fie in 
ben von ben Peftmiasmen geſchwän—⸗ 
gerten Spitalräumen zu laſſen und 
führte fie ſelbſt in ihr väterliches 
Daheim. 


Zwei Särge ftanden vor dem Haus: 
thore ber Wohnung in der rue Culture 
Saint Catharine. 


Im Salon fanden wir Mr. Du: 
miege allein, traurig, niedergejchlagen 
auf einem niederen Sefjel dafigen. Er 
jah uns büfter an und zeigte nicht bie 
minbefte Freude bei der Wiederkehr 
feiner genefenen Tochter, welche ihn 
zärtlich bewilltommte. „Wo ift meine 
Mutter?... die Schweitern?” frug 
Either.“ 

„Deine Schweftern?" antwortete 
ber Bater, „weißt Du benn nicht, 
daß fie 


* 


geſtorben ſind? Haſt Du ſie Erzählung 


Wie raſend eilte Eſther aus dem 
Salon in das Schlafzimmer, ich folgte 
ihr dahin. 

Da ſtanden eilf leere Betten, nur 
mehr zwei waren von den beiden über⸗ 
lebenden Mädchen beſetzt. Madame 
Dumisge pflegte ſie. Die unglückliche 
Mutter war, ſeitdem die Cholera in 
das Haus Einzug gehalten, um zwan⸗ 
zig Jahre gealtert. 

In fünf Tagen hatte fie zehn 
Töchter je paarweiſe, wie fie das 
Licht der Welt erblidt, bahingerafft 
gefehen. 

Bei Eſther's Anblid fprang fie 
auf fie wie eine Hyäne los, zerfraßte 
fie mit den Nägeln im Gefichte, ſchalt 
fie die Mörderin, den Henker ihrer 
Kinder. 

Ich fing das ohnmächtig werbenbe 
Kind in meinen Armen auf, die Mutter 
hätte es ohne meine Anmejenheit in 
Stüde geriffen, bradte Efther zu 
meiner Schmwefter, wo fie zum zweiten⸗ 
male eine höchft gefährliche Krankheit 
durchmachte, von welcher fie nach zwei 
Monaten genas. 

Mährend diefer Zeit Hatte bie 
Epidemie die beiden legten Schweftern 
Efther’3 zur ſelben Stunde dahinge— 
rafft, acht Tage fpäter erlag die 
Mutter ebenfalls. 

Mr. Dumiege überlebte allein 
feine Frau ſammt zwölf Töchtern und 
ala er fich in diefer großen, einft fo 
belebten Wohnung ganz verlaffen fah, 
befiel ihn eine Art Blödigfeit, in 
welcher er zwei Jahre eine elenbe 
Griftenz fortführte. 

Meine Weiffagung hatte fi er: 
füllt, fchneller, ſchrecklicher, als ich fie 
gedacht, die graufame Mutter fanb 
eine noch graufamere Strafe. 

„And was ift aus Efther gemor- 
den?” frug die Marquife, welche dieſe 
tief ergriffen zu haben 


denn nicht angeftedt? Sahſt Du nicht | fchien. 


die Särge vor ber Thüre? 


„AH! Efther ift heute meine Frau! 


689 


Aufdem Reichenſtein. 


Eine Bergfahrt von P. R. Rofegger. 


Die Eijenbahn von Leoben bis 
Borbernberg muß ſehr viele Späße 
über fich ergehen laffen. So foll vor 
einiger Zeit an ber Strede zwijchen 
Trofaiach und Fridaumerk eine Tafel 
mit der Aufichrift gejehen worden 
fein: „Das Haufiren ift bier verbo: 
ten.” Es wäre nämlich vorgefommen, 


diefer Bahn nur gemijchte Züge, bie 
auf den fünf Zmijchenftationen: Do— 
nawis, St. Beter, Gemeingrub, Tro: 
faiah und Fridauwerk häufige Ver— 
ſchiebungen nöthig machen. Auch ift 
das Terrain ein fehr ftarf fteigendes, 
beziehungsmweife fallendes, und jo ber 
etwas jchleppende Verkehr begründet. 


daß auf den Bahnhöfen und felbft Indeß, die Leute machen ihre Gloſſen 


- auf der Strede Reifende ausgeftiegen 
wären, in den nächftliegenden Käufern 
zugeſprochen hätten, um dann mit 
demjelben Zuge wieber weiter zu 
fahren. Anderjeit3 hätten bie Betiler, 
die Blinden und Lahmen den Eijen- 
bahnzug verfolgt und zu ben Coupé⸗ 
fenftern hinein um Almoſen gefleht. 
— Mir erzählte ein Bäuerlein von 
Bordernberg mit ganz ernfthafter Miene 
Folgendes: „So, auf unferer Eifen- 
bahn wollt's fahren? Schau, letthin, 
da bin ih auch einmal nad Loiben 
binausgefahren. Und jett lofet. Wie 
wir da vom Bahnhof hübſch hintan: 
fommen, red’ ich meinen Gebel (Kopf) 
beim Fenfter hinaus — ſeh' neben 
ung eine Schned herlaufen. Se, jag’ 
ih, wilft mit uns reifen? Wirſt es 
auch hart dermachen mögen mit bei- 
nem Haus auf dem Budel . .“ Und 
wie ih ſag', allerweil bleibt bas 
Thier weiter und weiter zurüd, wir 
natürlich fahren unfere® Weges und 
nad zehn Minuten hab’ ich die Kleine 
gar nicht mehr gejehen. Nu, 's ift 
noch alles gut ’gangen, denn in Tro— 
faiach nachher haben wir auf bie 
ned gewartet.“ 

Ein Zug ber LZeoben:Vorbernber: 
ger-Bahn braucht nämlih 1%, Stun- 
den, um eine Strede zurüdzulegen, 
welche der Fußgänger leicht in drei 
Stunden bewältigt. Es verkehren auf 


und Späße — ſchlechte und minder 
ſchlechte — und fahren. Die Anſchlüſſe 
an bie Bahnen -in Leoben und an bie 
PVoft: und Stellmägen in Borbernberg 
find ja gut. Dem Fremben, und jelbft 
wenn er nur Eilzüge gewohnt märe, 
wird unterwegs nicht einmal bie Zeit 
lang, denn das Thal ift reih an 
Naturfchönheiten. 
Hinter Leoben recht3einbiegend, 
an dem intereffanten Eiſenwerke Dona- 
wis vorüber, fommen wir zum freund: 
lihen Dörfchen St. Peter; von einer 
ſchroffen Felswanb grüßt das male: 
riſche SFreienftein auf uns nieber. 
Bald find wir im grünen, breiten 
Thale mit dem ftattlihen Markte 
Trofaiah. Hier ift noch alles grün 
und waldig ringsum; aber dort hört 
das auf und fängt ein anderes an. 
Das Hochgebirge fteht vor und — 
finfter blau ftarrend, ober in feinen 
Wänden und Schneefeldern leuchtend, 
Der dreifuppige Reiting, welcher brü- 
ben bei Kammern und Mautern all 
mälig auffteigt bis zu feiner — 
Spitze, dem Gößeck, von dieſem aber 
jäh niederſtürzt in das Engthal der 
Göß. Im Hintergrunde dieſes Eng- 
thales ſtarrt das Wildfeld, weiter 
rechts der Spitzkogel, deſſen Form 
der Name ausdrückt, dann der Göſ— 
ſingſattel, die Vordernbergermauern, 
und hoch über alle ragend, 


— 


590 


herrſcher diefer Gruppe, ber Reichen: 
ftein. 

Die Bahn geht etwas rechts zwi: 
fhen ben waldigen Borbergen bin 
über Wiefengründe. Bald find wir 
am Friedauwerk mit feinem architek⸗ 
toniſch ſchön gebauten Hochofen, bie 
Poeſie der Gothif wunderlich mit ber 
Proſa des Praktiſchen vereinend. Unter 
uns haben wir ftet3 den Borbernber: 
gerbach, fein klares Alpenwaſſer, jeit- 
dem die Schlacken und der Staub 
der neun Vordernbergerhochöfen in 
dasſelbe gefallen ſind. 

Endlich hören wir das Gloden⸗ 

des Vordernberger Bahnhofes. 
re liegt gang unbehaglid 
eingellemmt zwiſchen fteilen Bergen, 
bat oft faum Raum für die Straße 
und den Bach, unb die Häufer und 
Werksgebäude klammern fih an bie 
. Berglehnen. In Vordernberg ift alles 
rothbraun vor dem ewigen Erzſtaub; 
zum Glüde noch fommt von den 
Wänden der fegende Winb nieder, 
ber die Gebäude und Wege zumeilen 
ein bischen abbläßt. Der Markt Vor- 
bernberg hat vom Bahnhofe bis zum 
oberen Enbe eine Länge von brei 
Biertelftunden. Ganz begreiflih, daß 
in einer jo langen Reihe manch' gutes 
Wirthshaus vorkommt, in weldem 
man fi erquickt und zur weiteren 
Wanderung im Hochgebirge ftärft. 
San Gafthaufe beim Wiefer und auf 
ber Bolt beim Spitaler mundet's 


lid. 

Beim Wieſer jaß ih und aß zu 
Mittag und machte mich tüchtig zur 
Beſteigung bed Reichenftein. 

fagte mir einer ber 
Anwejenden, „heut nicht auf den 
Reichenftein gehen, Heut’ ſchaut er fo 
viel finfter herab.“ Und wahrlid, das 


oft eine ziehende Wolfe das Hochthal 
verbunfelte, jagten die Leute fauren 
Gefihtes: „Wir friegen wieder Re 
gen; hab's geftern jchon gefagt, ’8 
ift mir ein allzumarmer Wind gangen.” 
Und wenn dann die Sonne blinkte, 
meinten fie: „Na, ih dent’, jetzt 
wird's doch ſchön. Zeit wär's dazu.” 
Diefe Profezeiungen wechſelten 
breis oder viermal, während ich bei 
meinem Mittagsmahl ſaß. Um ein 
Uhr bin ih von einem reiſenden 
Herrn freundlich eingeladen morben, 
in feinen Wagen zu fteigen, unb 
eine Stunde jpäter war ih auf 
dem Prebichel. Es regnete nicht und 
es ſchien die Sonne nicht ; der Thurm 
be3 Reichenftein ſchaute über den Vor: - 
almen nebello8 herab. Ich ftieg aus 
dem Wagen und begann bie Wanbe- 
rung einer Almbhütte zu unb hinter 
derfelben empor durch die Mulde auf 
weichen Matten. Ein Bauer begegnete 
mir bort, der fagte: „Müſſen nicht 
binauffteigen ohne Führer, 's ift wol⸗ 
ter grob.“ 

„So werbe ih nur bis auf ben 
niedrigeren Rüden dort gehen, und 
dann nah Eifenerz hinunterlaufen“, 
meinte ih. 

„Das iſt ſchon gefcheibter,“ ftimmte 
er bei, und wir gingen jeber unjeres 


Weges. 

Als ich aber nad) einer Stunde 
auf die Schneide fam, waren unter 
dem Wolfenhimmel die Berge jo rein 
und ſcharf und ftand ber Reichenftein 
jo nah und Fed vor mir ba, daß 
mich plöhlich die Touriftengier erfaßte. 
Die Uhr war doch erft brei und — 
ed mar Ende September — bie 
Sonne noch drei Stunden am Himmel. 

Der erfte Schritt, dem ich von 
dieſer Stelle aus gegen ben Reichen- 


Gewölte über ben Bergen war recht | ftein machte, war ein werfehlter — 


dunkel unb die Nebelfetzen 


ſchwammen | und ihm folgten nun etliche laufende, 
nur jo herum und krochen an den die nicht 


weniger, ja — 


— Wänden auf und nieder, mehr verfehlt waren. Ich ging einen 
declien bisweilen bie Spitzen ganz kaum lkenntlichen Fußſteige links über 


ein, und ließen dann doch wieder die Schuttfelder des Kar gegen 


a bie 


einen wollen Sormenftrahl durch. So | Borbernberger Mauern hin. Als ih 


591 


bort endlih auf einen Rüden kam, 
von dem wilde Winbftöße mich immer 
wollten in die Tiefe fchleubern, 
und auf bem fich bie Ausfiht auf 
bie andere Seite des Gebirgsſtockes 
eröffnete, jah ih, daß von biefer 
Seite mein Reichenftein platterbings 
nicht zu beiteigen war. Mußte nun 
den Weg mieber zurüd machen, 
doch um denjelben abzujchneiben, nahm 
ih bie Richtung quer über die Schutt: 
balden und die Schroffen hin. Etwa 
eine Viertelftunde lang klomm ich pfab- 
108 empor im Geftein, im Schutt, an 
den Wanbbänfen bin, dann wieder 
auf glattem Hange, bi8 mir endlich 
bie Weberzeugung warb, auch hier 
jei e8 wieder gefehlt. Als ih ums 
fehren wollte, ſah ich die Gefahr. 
Die Lehne, an der ich Hing, war 
fo fteil, daß bie Fülle feinen Raum 
hatten, fih zu wenden. Losgelöfte 
Steinen rollten rajch über das glatte 
Febergra® dahin und verichwanden 
weiter unten lautlo8 in einem Ab: 
grund. Die jchrieben mir den natür- 
lihen Weg vor, der von dieſer Stelle 
aus zu nehmen war. Ich fühlte, wie 
meine Knie zu zittern begannen. Heiß 
brüdelte es durch meine Glieder und 
in meinem Haupte hub jo etwas wie 
Schwindel an zu wirbeln. Etliche 
Augenblide figen und ruhen wäre 
das Befte geweſen; e8 war aber fein 
Platz dazu da, und während ich mich 
an den Berg gelehnt hätte, wären 
die Füſſe leicht ausgeglitten. Mit der 
einen Hand hielt ich ben Stod feft, 
mit der andern mwühlte ich in ben 
Säden herum nad, einer Brotfrume. 
Es war nit? da. — Jh war fo 
ziemlich verlaffen von allem und mir 


An die zwei oder drei Minuten 
blieb ich fo ftehen, da fagte ih mir: 
„Ei geh’, Bürſchel, das ift ja gar 
nit — Da ſteigt jeder Hal- 
terbub herum, 


wenn's ſein muß. noch einmal den Aufſti 


wärts zu laufen — etliche zwanzig 
Klafter lang, und dann war ich aus 
aller Gefahr. 

Auf milder Matte zwiſchen dem 
Gezirme ſetzte ich mich hin und blickte 
zum Hang empor, an dem ich geklebt 
war, und begann mir erſt jetzt die 
Gefahr und Lage auszumalen, daß 
es eine Pracht war. Ich ließ mich 
kauern oben im Gewände, bis der 
Abend kam, ich ließ ein lange ſchon 
drohendes Hochgewitter niederbrauſen 
mit erklecklich viel Blitz und Donner; 
auch nußgroße Haſelkörner, glaube 
ich, ließ ich darunter fein. Alle Schre: 
den und Herrlichkeiten einer Sturm- 
naht im Hochgebirge ließ ich walten 
und hatte dann für das Schaufpiel 
zwei Schlüffe. Bei dem einen fagte 
ih dieſer Welt ein lautes Abe und 
ftürzte in den Abgrund. Ein Wilb- 
Ihüge unten hörte den Schrei und 
fand im Morgenroth den zerfchmetter- 
ten Körper. Dann war ein jchönes 
Begräbniß; wenn ich nicht irre, wa⸗ 
ren ſechs weißgefleivete Mädchen das 
bei, die Alpenblumen in das Grab 
warfen. Dann ging die Notiz in ben 
Zeitungen um, am NReichenftein fei 
Einer abgeftürzt — und bes MWeitern 
wäre alles —— für mich 
und die Anderen vorüber. 


Der zweite Schluß aber war 
noch ergötzlicher. Ich verhielt mich 
ganz ruhig oben an der Wand in 
der finſteren Nacht. Da kam ein Ru— 
del von Gemſen und ſchnupperte um 
mich herum. Da faßte ich plöglich 
einen kräftigen Gemsbock an den Hör- 
nern, ſchwang mich auf feinen Rüden, 
und das erfchrodene Thier ſetzte 
über dad Gewände Hin und unten 
auf dem grünen Anger fprang id 
Iuftig auf den Rafen. 

So hatte ih mic ausgeträumt 
und ausgeruht, unb nun begann ich 
ieg zu ſuchen. 


Möcht' wien, wo da die Gefahr! Jh fand ihn. Auf ber Ei 


iſt!“ und hub an in möglichit behut⸗ 
jamen, elaſtiſchen Sprüngen quer ab- 


zieht ber Fußſteig ſchräge bie Lehne 
heran. Mit biefem fam ich balb zur 


592 


fteinernen Stiege, auf welcher man,|fen des Hochthor mit dem Schober 
fi bequem an ben eifernen Hand: des Lugauer im Vorbergrunbe. 


haben haltend, über eine jehr wilde 


Noh näher da die zahmeren 


Stelle emporlommt. Ein Geierneft ift Höhen des Wildfeld, Hinter welchem 


in der nahen Felsfluft uno bie Raub: 
vögel — auch Falken darunter — 
umkreiſen pfeifend den Wanderer, ber 
die hohe Stiege emporflettert. Noch 
mande Stelle, die nicht für Finder 
und zimperlihe Frauen geichaffen, 
ift zu pafjiren, bi8 man endlich die 
Hochmatte erreiht und von berfelben 
auf einem jehr ſchmalen Bergrüden, 
ber aber nit fo arg if, als er 
von der Hochmatte ausfieht, auf bie 
Spitze des Reichenftein gelangt. 

Die Ausfiht von biefem Berge 
war an jenem Abende nachgerade 
wunderbar. Die vielgeftaltigen Nebel, 
bie früher in den Schluchten und an 
ben Senkungen herumgekrochen waren, 
hatten ſich alle zur Höhe gezogen und 
bildeten nun hoch über allen Berg- 
fpigen eine dichte Wolkendecke, bie 
aber ftellenweife einen jcharfen Riß, 
ein Loch zeigte, durch welche bie 
niebergehende Sonne al’ ihren Baus 
ber fpielen ließ. Die Berge ringsum 
waren dunkelblau und ſcharf gejchnit- 
ten bis zum fernften Horizont. Da 
gab es Fein Verſchwimmen der Tegten 
Reihen mit dem Firmament, da war 
fein Blenden der Sonne und fein 


die Tauernfette blaut. Gegenüber ber 
ſtolze Kaiſerſchild, ein wüſter Fels— 
ſtock vom Fuß bis zum zerriſſenen 
Haupte. Und vor ihm, tief im dun—⸗ 
felnden Thale zwei weiße Linien, fi). 
von ben Hieflauerſchluchten hereinwin⸗ 
dend: die Straße und bie Eifenbahn. 
Dann an den maldigen Berg fi 
ihmiegend der Markt Eifenerz mit 
feinen braunen Thürmen und mit 
feinen fittichgrauen, ſchimmernden 

indeldächern — wie ein Falken⸗ 
neftlein Fein zwiſchen ben ungeheu- 
ten, himmelanragenden Wuchten. Ganz 
zu unferen Füſſen herein, aber vier: 
tauſend Fuß tiefer, als unfer erhabe- 
ner Standpunkt, zieht fi das grüne 
Krumpenthal mit feinen Werfen und 
montanifiihen Bauten, und endlich 
— ein Ausläufer bes Neichenftein 
— ber Schag und Stolz des Landes, 
der weltberühmte Erzberg. Noch ein 
Sonnenftrahl fällt auf das eiferne 
Kreuz, welches der Prinz Johann 
auf die Spite des Erzberges ftellen 
ließ. Es funkelt freunblih empor 
zu unjeren Höhen, als wäre es 
wie die Eifenblüthe herausgewachſen 
aus ben unerjchöpflihen Lagern des 


Höhenrauch — alles klar und deutlich Erzes. 


im Rriftale der feuchten Luft, bie 
und da eine Felswand, ein grünes 
Thal, ein Flüßchen, goldig hell be: 
leuchtet, als fiele in die ſeltſam bü- 
ſtere Stimmung bengalifhes Licht 
herein. — Mle waren fie da, nur 
des Dachſteins Majeftät barg fi in 
den Wolfen. Hingegen trat der Grim— 
ming vor mit feiner ungeheuren 
Scharte, als wäre ein Stüd fo groß 
wie ber Grazer Schödel niedergebro- 
hen ind Ennsthal. Vor diefem ragte 
das nah allen Seiten faft ſenkrecht 
nieberftürgende Sparafeldb mit dem 
Reichenftein bei Admont. Neben bin 
ber große Buchſtein und die Bade 
bed Damiſchbachthurm, und bie Schrof- 


Weiter draußen, wo das Thal 
von Eifenerz fich engt, das Liechten⸗ 
ftein’sche Sommerſchlößchen fteht und 
rechts zwiſchen Wald und Stein ber 
romantiſche Leopoldfteiner See liegt, 
erheben fich die ehernen Falten ber 
Seemauer mit ihrer hohen, viel be- 
ftiegenen Kuppe. Darüber herein bäm- 
mern bie Berge der Salzagegend von 
Altenmarkt bis gegen Wilbalpen. Viel 
näher als all das fteht ein Berg: 
tiefe, der und gerabe über Eifenerz 
berüber die Hand reiht. Es ift ber 
Pfaffenftein, welcher die Form eines 
ungeheuren Katafalks hat, obenauf eine 
mit einem Bahrtuche zugebedte Leiche 
darftellend. Der Pfaffenftein ift, wie 


593 


die Geemauer, 
Schmwabengruppe. 

Menden wir nun den Blid mehr 
bem Dften zu, jo ſehen wir bie jchö- 
nen Warten bes Halmftein, des Eben- 
ftein, und zwiſchen dem grünen Pol: 
fter, der vom Prebichel aufiteigt und 
den Wüften des Triendhtling herein, 
enblih, von hundert fteinernen Höflin- 
gen umgeben, den Herrn in weißer 
Toga, den Hochſchwab. Der lekte 
Sonnenftrahl fällt auf feine Schnee 
felder, da die andern Berge ſchon in 
ben Schatten des Abendes bunfeln 
— — und dad nun ift einer jener 
Effecte, von denen es fcheint, bie 
Natur made fie abfihtlih zu Ehren 
ihrer Tiebften Kinder auf Erden, der 
Menſchen. 

Wenn wir nun noch am Zinken— 
kogel vorüber gegen Vordernberg, 
Trofaiach, Leoben und Michel hinab— 
bliden, jo ſehen wir nichts als Wäl- 
der, durchzogen von grünen Wiejen: | 
thälern. Der Muralpenzug vom Bir: 
bigfogel bis zum Nennfeld und bie 
Mürzthalerberge bi8 zum Sonnmwend- 
ftein am Semmering begrenzen das 
Bild. Uns zur Rechten als nächſten 
Nachbarn haben wir ben Reiting; 
ung zu Füßen hängen bie Kare bes 
Krumpenthales. 

So ein Alpenbilb vom hoben 
Berge aus ift mit gar nichts ande 
rem zu vergleichen und in Worten 
unmöglich wiederzugeben. Jemand, — 
er mag das Alpenland vom Thale 
aus gejehen, noch fo gut kennen — 
der nie auf hohem Berge war, kann 
fih feinen richtigen Begriff machen 
von dem Anblide, der fih da oben 
bietet. Man ftellt fich etwa die Berge, 
die man jehen will, viel höher vor, 
viel näher gerüdt, die Felswände 
viel jchroffer, ſenkrechter, als fie in 
Wirklichkeit fein können. Man denkt 
fh gar ein zufammenhangslojes Ge- 
wirt von Bergen, phantaſtiſch und 
unmöglid, wie des Menſchen Phan— 
taſie überhaupt gewohnt iſt, unbe— 
kannte Dinge ganz naturwidrig auf: 


Wofoggers „Seimgarten" 8. Heft. 


ein Ausläufer ber 








zubauen. „Himmelhohe Berge,“ „un: 
ergrünblihe Tiefen” gibt es nicht. 
Und gäbe es berlei, die Welt wäre 
nicht mehr ſchön. 

Der Alpenblid von einem hohen 
Standpunfte aus ift groß und einfach. 
Ale Berge, auch die nächften und 
böchften treten zurüd und ſchei— 
nen niedriger zu fein, als die Spike, 
auf der man jelbft ſteht. Die un- 
zähligen, ftet3 in einen bläulichen 
Hauch gehüllten Höhen, Sattel und 
Kuppen jchlingen fi wunderfam in- 
einander und laſſen den Tiefen und 
Thälern breiteren Raum, als ma, 
in dieſen Thälern jelbft mwanbelnd, 
ahnen mag. 

Eine YZufammengehörigfeit und 
Einheitlichkeit ift in dem Bergrundb 
ausgebrüdt, und der Berg, auf bem 
wir jelbit fußen, fcheint von der gan: 
zen Alpenkrone, die wir jehen, ber 
Mittelpunkt zu fein. So ift e8 immer, 
auch dann, wenn fich unweit von und 
eine noch größere Höhe erhebt, ober 
wenn auf einer Seite der Blid Hin 
in's Flahland fällt. Die Ganzheit 
bes Bildes bleibt ftet3 gewahrt. Und 
wenn Nebel und Regen bie Ausficht 
nad) einer Seite einjchränfen — oder 
zu allen Tages- und Jahreszeiten, 
das Bild ift fletS ein anderes, aber 
es ift einheitlih und vollftändig, es 
gehört alles herein, was ba ift, und 
es ift alles da, was hereingehört. 

Dieje ewige Ganzheit der Natur 
eben ift ihre Größe. — Mer das 
eritemal im Hochgebirge wandelt oder 
auf einem einfamen Bergeshaupte 
«N den bejchleicht das Gefühl ber 
Unheimlichkeit ; erſt wenn er mit ber 
Alpennatur — die nicht jo feindfelig 
ift, ald fie dem Neuling ausfehen 
mag — vertraut geworben iſt, kommt 
er zum Bemwußtfein und Genuffe all 
der Schönheiten und Güter, welche 
das Bergland bietet. Die frifche, 
leihte Luft, der erquidende Duft 
edler Pflanzen, die Xichtjpiele, bie 
erhabene Ruhe oder die majeftätifche 
Gewalt der Elemente u. ſ. w., u. |. w. 


38 


594 


find Genüffe, die unmittelbar empfun: 
ben werden müffen, jollen fie ben 
Menfchen wahrhaft erheben und be: 
jeelen. 

Kehren wir heute um. Eine von 
ben finfteren Tiefen, die zum Reichen: 
ftein heraufgähnen, müſſen wir wäh: 
len, um in fie binabzufteigen. 

Bor wenigen Jahren find an 
einer biejer fteilen Lehnen des Rei- 
henftein 160 Schafe zu Grunde ge 
gangen. Die Sade trug ſich fo zu. 
Die Schafe, von ihrem Hirten ver: 
nachläſſigt, achteten die vorgejchriebene 
Grenze nit und thaten ſich gerne 
gütlih auf der Wieje eines Alm: 
bauerd. Sagte dieſer Almbauer eines 
Tages zu feinem Knechte: „Du, hörſt, 
wenn du die Schafe wieder einmal 
auf meiner Wieſe fiehft, jo fange eins 
ab und graß’ es ein.“ Es ift nämlich 
in der Gegend Sitte, daß der Bauer 
frembes Vieh, das auf feinem Grunde 
weibet, anftatt e8 zu pfänben, mit 
Keifig ummindet, ja mit Tannenäften 
gewiflermaßen umfliht. Das heißt 
man eingraßen; zumeift kommt es 
bei den Schafen und Siegen vor. 
Wohlan, der Knecht fieht demnächſt 
wieber einmal die fremden Schafe 
auf der Almbauernmwieje; er fängt 
eines davon ein, umminbet e3 über 
und über mit grünem Neifig und 


waren tobt. Die armen Leute aus 
ber Gegend, benen die Schafe gehört 
hatten, famen nad Tagen herbei und 
erhoben ein Gezeter und rangen um 
das Fleiſch, das doch nicht mehr zu 
genießen war. — Der Fall fam vor 
Geriht. Der Hirte wird angeflagt. 
Der Hirte fann nicht dafür, daß eines 
der Schafe eingegraßt worden ifl und 
es fi vor Schred und Verzweif— 
lung mit den anderen in den Abgrund 
geftürzt hat. Der Almbauer wird an- 
geflagt. Der Almbauer hat das Schaf 
nicht eingegraßt, er hat's nur ſpaßes⸗ 
halber feinem Knecht gejagt. Der 
Kneht wird angeklagt. Der Knecht 
hat gethan, was ihm fein Dienftherr 
befohlen. Keiner konnte geftraft wer: 
den und der Tod ber hundertjechzig 
Schafe wird eben als Selbitmorb be- 
trachtet, für den Niemand verantwort: 
lid gemadt werben fann. 
Behutjamer als diefe Schafe habe 
ih den NReichenftein verlaflen. Nieder 
zum Erzberg ftieg ich in der Dämme— 
rung. In einer Schwaighütte ſprach 
ih zu um Atung. Als ich über das 
Gewirre der Eijenbahnen binabjchritt, 
die den Erzberg nah allen Seiten 
umziehen, als die ganze ſchwere Fin: 
fterniß der Naht eingetreten war, 
ereignete fi das, was ben ganzen 
Tag ſchon gebroht hatte — es be: 


läßt e8 laufen. Das Schaf fühlt fich | gann in Strömen zu regnen. Pudel— 


in ber neuen Montur ſehr unheimlich 
und läuft den Berg hinan. Die übri- 
gen, barüber erichroden, laufen ihm 
nad. Das fährt an wie bie wilde 
Jagd. Auf die Schneide gekommen, 
ſchießt das „eingegraßte” auf der 
andern Seite hinab — die anderen 
— alle wie eines, — ihm nad — 
fie fommen ins wilte Gehänge, ftür: 
zen — eines und alle — viele Klafter 
tief über bie Felswand. Alle, hun: 
bertfechzig an der Zahl, Tagen unten 
auf einem Haufen beifammen unb 


naß fam ich in Eifenerz an; warme 
Herzen, ein guter Tiſch und ein wei— 
ches Bett glichen alles wieder aus. 
Und am andern Morgen im fonnigen 
Schimmer bin ich auf ber fchönen 
Nubolfsbahn weitergefahren, Hin durch 
die herrlichen Gegenden, deren Hoch— 
warten ih vom Berge aus gejchaut. 

Anders ift’3 zu Thal und anders 
auf dem Berge. Wer es will willen, 
wie ſchön, wie wunderſchön unfer 
Land ift, der ſehe es von unten 
hinauf und von oben herab. 


— 


Ein Thalgau des ſteieriſchen Oberlandes im Wechſel 
der Zahrhunderte. 


Eine Studie von Pr. Franz Arones 


Es war im Jahre 1873, im 
Hochſommer, als mid) aus dem wü— 
ften Treiben der Großftabt an der 
Donau, des weltausſtellungskranken 
Mien, das bienftwillige Dampfroß 
der grünen Steiermarf wieder zu— 
führte. Da Reijebefhreibungen mein 
Fach nicht find und meine Fahrt in 
die Klafje der gemöhnlichften Erho: 
Iungsflüge zählte, jo will ich nur fo 
viel mittheilen, daß ich herzlich froh 
war, als ih noch am Abende besjel- 
ben Tages im ſchönen Thalfeffel von 
Admont die erfticdende Hite des Wie— 
ner Nachtlagers und des lärmenden 


Bärnkarmauer, Natterriegel u. ſ. w. 
u. ſ. w. um ſo ſchroffer und ernſter 
erſcheinen. 

Solch ein Naturräuſchlein ſteigt 
nicht blos dem Poeten, ſondern auch 
andern Menſchenkindern zu Kopf, — 
warum ſollte es nicht auch mir 
luftige Blaſen ins Gehirn gejagt 
haben, mir, der ich das Geſchichts— 
handwerk treibe? Iſt doch im gewiſſen 
Sinne der Hiſtoriker ein Zwillings— 
bruder des Poeten, denn beide plagen 
ſich mit der Löſung des Räthſels vom 
Menſchendaſein, — Beide pfuſchen 
einander ins Handwerk; aber nein — 
Refidenzmorgens mit der Kühle und | das wäre ein häßlicher, unberufener 
dem erquidenden Schweigen des Ge- | Ausdrud, — fie ergänzen einander 
birgsabends vertaufchen fonnte. Solch | vielmehr in der geiftigen Arbeit. Das 
ein Gebirgsabend nad heißer Tages: | Auge des Dichters findet mit rafchem 
fahrt hat etwas Beraufchendes, wie) Blid das geiftige Gepräge des Men- 
eisfühler Schaummein nach ber Feuer: ſchen und feiner Zeit in entlegenen 
arbeit des Tanzes. Das verjpürte ich | Zeiträumen heraus, wo fich ber Ge- 
am beften, al3 ich von der Ennsbrüde ſchichtsforſcher mit der ſchärſſten Brille 
dem Berglühen der fcheidenden Sonne hiſtoriſcher Beobachtung nicht weiter 
zufah. Noch einen Augenblid ftand zu helfen vermag. Dagegen jchafft 
der Zwilling des Buchenfteine® da, der Hiſtoriker dem Poeten reichen, 
wie ein riefiger Golbblod, danı tauchte | abgeflärten Arbeitsftoff, er lehrt ben 
er in dunkler werdendes Violett gleich | Dichter das naturwahre Golorit der 
ben andern Kalfbergen und „Mäuern“, Menſchen und Zeiten erfaflen und feft- 
die das Geſäuſe hüten, wie der halten. Und fo kreuzt fi) denn auch 
Tamiſchbachthurm, das Hochthor, der | Beiber Arbeit, fie vertauſchen gewiſſer— 
Reichenftein, die Johnsbachmauern ꝛc., maßen ihre Rollen. Der Poet tag- 
(Profeſſor Friihauf, mein College, |löhnert im Duellenftaube, im Gerüm- 
ber geftrenge Protofollführer und treff: | pel der Vergangenheit um bes lieben 
liche Gicerone unjerer Alpenwelt — | „Stoffes“ willen, während der Hifto- 
möge mir einige Gonceptfehler in|rifer nicht felten das Flügelroß des 
biefer Richtung freundlich nachfehen) ; | Heren Zwillingsbruders befteigt, um 
— bald aber ergoß fich volles Mond: |fih in der Vergangenheit befjer zu- 
liht in den berrlihen Thalkeſſel | vechtzufinden und mit bichterijchemn 
und ließ deſſen gewaltige Norbpfei- | Ahnungsvermögen ihre Geheimniffe zu 
ler: Bosrud, Pyrgas, Kreuzmauer, | erjchließen. 

88* 


596 


Aber nun genug bes Theoreti- 
ſirens. Kommen wir wieder an bie 
Ennsbrüde im Admontthale zurüd. 
Es war fhon ziemlich ſpät geworben, 
als ih mit meinem Gefühle: und 
Gedankendufel aus der thaufeuchten 
Mondnacht und ihrer Poeſie in bie 
trodene, aber unentbehrlihe Proſa 
der MWirthöftube „zur Poſt“ heim: 
fehrte. 

Ich Habe es mie über’3 Herz 
bringen können, ein ordentliches Tage: 
buch zu führen, wohl aber liebte ich 
es, in Notizbüchern funterbunten In— 
haltes allerhand anzumerken, was mir 
auf meinen L2ebensfahrten Sinn und 
Herz erregte, woraus ih nachträglich 
eine erquidende Erinnerung ober den 
Anlaß zu einer harmloſen Federübung 
gewänne, Manchmal paflirt e8 mir 
freilich, daß ich die Hieroglyphen ſol— 
her mitten am Wege gemachten An: 
merkungen jpäter mit bem gleichen 
Gefühle unerquidliher Berlegenheit 
betrachte, wie jener Herr, der nicht 
mehr weiß, was die Knoten feines 
Schnupftuches zu bedeuten haben. So 
findet fih denn auch in dem Notiz: 
buche des Jahres 1873 bei ber Sta- 
tion Admont die Notiz: „Ennsbrüde 
— GSpintifiren über Einfl und Sept, 
hiſtoriſche Phyfiognomie des Enns: 
thales.” Das kam mir denn aud) 
unlängft vor die Augen, als ih in 
meine Notizblätter gudte und lebhaft 
trat die jchöne beraufhende Mond: 
nacht wieder vor die Seele; — jene 
hingeworfene Zeile blieb nicht Lange 
Hieroglyphe, fie gewann Bedeutung, 
— der Knoten war aufgegangen und 
ber Plan zu einer hiſtoriſchen Plau— 
berei fertig. 

Es ift die Zeit der Weltherr: 
haft Roms. Uufere Alpenmwelt 
ift feit drei Jahrhunderten bezwungen, 
unjer ſchönes Thal, vom Anisus 
(Enns) durchſtrömt, ein Stüd des 
„binnenländijchen” Noricums ; denn es 
liegt abjeit3 vom Donaulauf, welcher 
bie Nordgrenze „Ufernoricums” bildet, 
ber Landſchaft Ober: und Nieder: 


Öfterreich am rechten Ufer bes ftolgen 
Stromes, den ber Römer das „Heil“ 
feines Neiches nennt und mit Hilfe 
feiner Standlager und Flotillenftatio- 
nen, der „Augenbrauen“ bes Iſter 
oder Danubius (Donau), forglich hütet. 
Nicht menſchenleere Wildniß ift unfer 
Ennsthal. Lange bevor noch der Rö— 
mer den Fuß in dasſelbe ſetzte, hauste 
bier ber Kelte, der Verwandte des 
Germanen, ein Glied der ftarfen und 
hochbegabten Völferfamilie ber indo— 
europäifchen Arier, als deren Ur: 
beimat Afien gilt; ber Kelte, ber bie 
Metalihäge der Erbe zu entringen 
und zu verarbeiten verftand, Kupfer 
und Zinn zur Bronze mifchte, deren 
Erzeugniffe in hundertfältigen Formen 
der heutigen Welt als willlommene 
Spur menſchlicher Culturarbeit aus 
dunklen verfhollenen Jahrhunderten 
hinterließ, das noriſche Eiſen aus den 
Erzlagern grub, glühte und hämmerte, 
das koſtbare Salz zu gewinnen nicht 
vergaß und mit ben Erzeugnifjen ber 
Natur und des eigenen Fleißes auf 
den Alpenpfaden und Straßen regen 
Taufhhandel weithin nah Süden 
trieb. Denn ſchon die Gulturvölfer 
jenfeit8 der Alpen und der untern 
Donau, Stalifer, vornehmlih Etrus- 
fer, die Griechen, und bie Allerwelts- 
faufleute und Zwiſchenhändler in vor: 
römischer Zeit, die Phönifer und ihre 
Söhne, die Karthager oder Punier, 
auf dem Mittelmeere und im atlan- 
tiſchen Ozeane heimiſch, die Bejucher 
der Zinninſel Britannien ober des 
freidefelfigen Albions, der Oftfeeküfte, 
wo das Eleftron, ber Bernftein, zu 
finden war, ftanden mit den Hyper: 
boräern, den blauäugigen, blonbhaari- 
gen Söhnen des Nordens, im uralten 
Taufchverfehre. Schon Ariftoteles, der 
weile Grieche im 4. Jahrhunderte 
vor unferer Zeitrechnung, ſpricht von 
einer alten Handelsftraße, die mitten 
durch die Alpenmwelt norbwärts führte. 
Und als das weltverfchlingende Rom 
Herrin des ganzen europäiichen Sü— 
dens geworden war — bis an ben 


597 


Alpenwal, — trat es mit den Kel- ler, fo wie ber Tateiniihe und kel— 


tenftämmen in gleiche Verfehrsverhält- 
niffe. — So erflären wir uns Die 
Funde griehifcher und römiſch-repu— 
blifanifcher Münzen im Schoße un: 
ferer Gebirgslande. Doc bald erſcheint 
ber Römer auch dba als Eroberer, 
Gebieter; und er wirb bei uns raſch 
beimifch, denn „wo ber Römer fiegte, 
da wohnte er auch”, ift ein alter, 
lateiniſcher Wahrſpruch. Mit der ihm 
eigenthümlichen Findigkeit und That: 
kraft begann er Land und Leute aus: 
zubeuten. Es entging ihm ebenjomwenig 
der örtlihe Reichthum der Gebirgs- 
natur, die er durch ein funftvoll aus: 
gebildete Nek von Straßen, Seiten- 
wegen und Saumpfaden zugänglich 
zu machen verftand, als bie gemwerb- 
lihe Leiftungsfähigfeit der Bewohner, 
feiner Provinzialen, die er für bie 
Wegbauten, Bergwerfe, Salinen, — 
jeine Waffenfabrifen und andere Ar: 
beiten verwendet und deren ausgeho— 
bene Mannfhaft unter den Aolern 
Roms in fernen Himmelsftrihen fämpft 
und blutet, während frembländifche 
Regionen und Gohorten ihren Gehor: 
jam überwachen. Werthvoll ift ihm 
ber noriſche Stahl und das Dichte, 
warmbhaltende Wollgewebe der „nori- 
ſchen Mäntel”, der Lobenftoff claffi- 
ſcher Zeit, unter dem rauhen Him— 
melsftriche eine wärmenbe Hülle. La: 
ften von Bauholz, Fellen und Häuten, 
Honig, Metallen u. A. machen ben 
Meg ſüdwärts, und norbwärt® wan— 
dern die Gaben und Erzeugniffe des 
‚Südens, die der Gebirgäfelte immer 
mehr johägen lernt. Der Römer be: 
ſchenkt bie Gebirgsnatur mit neuer 
Menſchenkraft aus dem  italienifchen 
Süden, mit höherer Lebensthätigfeit ; 
tafh wird die wuchernde Wildniß be: 
zwungen, neue Gaben ber Natur, Ge: 
treide, Obftarten, ber berzerfreuende 
Mein, werben überallhin verpflanzt, 
wo es der Boben geftattet; bie Eelti- 
ſchen DOrtichaften erweitern fih, neue 
erftehen, der einheimifche Landſaſſe 
mifcht fih mit dem italifchen Anfied- 


tifche Laut, der duldfame Glaube des 
Römers mit dem keltiſchen Götter: 
weſen und ein weit verzweigter Ver: 
waltungsorganismus vom Proconful 
und Rector (Statthalter) der Provinz 
und feinem Sanzleiftaate bis zum 
Straßenräumer herab, ſpannt feine 
gleichartigen Fäden über die ganze 
Alpenwelt, die in einem Mittelpunfte 
zufammenlaufen, in der Siebenhügel- 
ſtadt am Ufer des Tibers. 

Aber wohin bin ich aus meinem 
ftillen Gebirgsthale gerathen? Kehren 
wir wieber dahin zurüd, Das Kelten: 
völkchen dieſes Thalgaues Noricums 
iſt für uns namenlos. Wohl beſitzen 
wir ſchon aus den erſten Zeiten der 
erobernden Römerherrſchaft ein Ber: 
zeichniß noriſcher Gauvölker, welche 
der Stiefſohn des Kaiſers Auguſtus, 
Druſus, mit überlegenen Waffen be— 
zwang. Es iſt die „Siegestafel des Dru- 
ſus“ in dem merkwürdigen Buche der 
„Naturgeſchichte“ des älteren Plinius, 
bes weltkundigen, gelehrten Römers, wel- 
chen bei ſeinem Forſcherdrange der 
Ausbruch des Veſuvrs tödtete, zur 
Zeit, als deſſen Aſchenregen und Zava= 
ſtrom drei Städte: Herkulanum, Pom— 
peji und Stabiä begrub. 

In dieſem Verzeichniß oder in 
den geographiſchen Werken des Strabo, 
in der Völkertafel des Ptolemäos, 
ſuchen wir vergebens die Kelten des 
Ennsthalgaues, aber ihre Nachbarn 
kennen wir, die Halaunen, die Be— 
wohner des ſalzreichen Bodens, der 
ſüdwärts das Gebiet von Auſſee ein— 
ſchließt und in den zu unſerer Zeit 
aufgeſchloſſenen Geheimniſſen des Hall⸗ 
ſtädter Salzberges, in den Grabſtätten, 
Werkzeugen und Schmuckgegenſtänden 
keltiſch-romiſcher Zeit die werthvoll⸗ 
ſten Zeugniſſe jener Tage barg. Und 
drüben an der Salza, in ber Kelten: 
zeit Igonta geheißen, wohnte das 
Völkchen der Ambifontier oder Ambi- 
gontier, die Anwohnerſchaft der Igonta, 
wenn ber gelehrte Zeuß diesbezüglich 
Recht behält. Das Ennsthal, dur 


598 


feinen Strom, und bie benachbarten | Laureacum (Dorf Lord, bei Stadt 
Mege, weſtwärts durch ben Mand- | Enns) denken, welches bamald bie 


lingpaß nad Welten, durch den Pyhrn Hauptftabt 


nah Norden und ſüdwärts durch 
das Paltenthal mit dem Rottenmanner 
Tauern, dem Völkerverkehr erichloffen 
und au fih für uralte Anfieblung 
beftens geeignet, läßt feine unbedeu— 
tende Bevölferung vorausjegen und 
mußte fih bald der römischen Anfied- 
[ung und Eultur geöffnet Haben. Wir 
haben dafür unmiderlegliche Zeugniffe. 
Römerfteinfunde, die an der Ausmün— 
dung des fteierifchen Ennsthales zu 
Altenmarkt, jenjeit3 des Gejäufes bei 
Admont, Wörſchach, Strimigen, Deb: 
larn, Gröbming, Groß-Sölk, Schlab- 
ming, fodann in nordweſtlicher Rich— 
tung bei Liegen, Grubegg vorfamen, 
— haben ihren Verbündeten an ben 
aus ber Nömerzeit auf ung vererbten 
Straßenfarten oder Jtineraren. Wir 
willen, daß ber römische Straßenzug, 
der im ſüdlichen Aquileja jeinen wich— 
tigen Ausgangspunkt bejaß, von Vis- 
cella bei dem heutigen Zeiring, deſſen 
uralte Silbergruben ber Römer aus: 
zubeuten nicht vergaß, über Tartusa- 
num (bei Rottenmann, andere ſuchen 
e3 bei Kraubat) gegen Stiriate (Lie 
zen, nach anderer Auffaſſung Tregel: 
wang) einen Hauptzweig entjendete. 
Er lief über den Paß ad Pirum 
(Pyrhn) nah) Gabromagus (andere 
fuchten e8 bei Liezen) und Ernolatia, 
in der Gegend von Windiſch-Garſten 
zur Klauſen (Tutatio) bei Pettenbach, 
dann weiter nach dem keltiſch-römi— 
ſchen Hauptorte Ovilabis oder Ovilaba, 
an deſſen Stelle das mittelalterliche 
Wels (jlav. Velica; ahd. Welas), ber 
ältere Vorort Oberöfterreihs trat. 
(Wir folgten hier den Forſchungen 
Mommfen’s und Kenners.) Selbftver: 
ſtändlich müſſen wir auch an den 
Ennsthalweg ſtromauwärts gegen das 
Salzburgifhe, wo eine Hauptitraße 
den Rabftädter Tauern hinüber nad 
Juvavo, Juvavia (Salzburg) zog und 
andererfjeit3 an das Rinnſal ftromab: 


wärts über Vocarium (Hieflau?) nach | trägen. 


bes uferländifchen Nori- 
cum3 war, doch erſcheinen dieſe bei- 
den Thalwege damals als von unter: 
georbneter Bedeutung. Die Haupt: 
ftraße über den Pyhrn zog aber ber 
frieblihe Waarenfrächter, der Fuhr— 
mann mit norifcher Eifenfloffe zur 
Donau Hin, wo große Waffenfabrifen, 
3. B. in Laureacum, fie zur Verar— 
beitung aufnahmen. Der Legionär 
fannte dieſen Weg; denn in erfter 
Linie entwarf der Römer für die Er: 
oberung und militärifche Ueberwachung 
fein kunſtvolles Straßenneg, deſſen 
Kern uralte, von der Natur vorge- 
zeichnete Wege abgaben, biejelben, 
welhe in den Tagen eine? Marius 
die furdhtbaren Söhne des germani- 
ſchen Norbens, Gimbern und Teutonen, 
zogen. Unter der Aufficht der Straßen: 
aufjeher oder Verwalter (curatores 
viarum o. vieuri) werben die Meilen: 
fteine (lapides milliari), 2000 Dop= 
peljchritte oder 5000 Fuß, aljo durch⸗ 
ſchnittlich deutſcher Meile, oder: 
1580 Meter von einander entfernt, 
geſetzt und an dieſen Straßen finden 
ſich nicht ſelten römiſche Grabſteine, 
und rufen mit ihrer Inſchrift ein: 
„Halte ſtill, Wanderer!“ (Siste viator!) 
dem Ankömmlinge zu, um ihn an ir— 
gend einen hervorragenden Provinzia- 
len zu erinnern, deſſen Aſche bereits 
in der Urne ruht. 

Diefe Straßen zogen die Verwal: 
tungsbeamten Noms, melde dem 
Statthalter der Provinz unterftanden, 
oder die Sendboten des Oberfteuer: 
einnehmerd für Noricum und bas 
erſte Pannonien (MWeftungarn), ber zu 
Sabaria (Steinamanger) jaß, ober die 
Stationsbedienfteten (Stationarü) des 
Dberverwalters für Gewerbe und Han: 
del (comes comerciorum), die Unter: 
gebenen des Bergbau-Oberverweſers 
(comes metalli) u. ſ. w., oder die 
kaiſerlichen Legaten, die kaiſerlichen 
Sendboten, mit ihren wichtigen Auf— 
Für die Weiterbeförderung 


599 


ber Amtsleute forgten bie ärarijchen 
Poſten (vectura publica) auf ben 
Hauptitraßen mit Reit: oder Saum: 
Roſſen (veredi, paravedri vgl. unjer 
deutfches „Pferd“), Packwagen (An- 
garia, parangaria, clabula) und Karren 


feit3 der Donau, den Markomannen, 
Quaden und Alemannen (Schwaben) ; 
oder was die Frächter und Hänbler 
vom Süden her berichten, wie bie 
allgewaltigen Prätorianer, das Leib— 
heer der Cäſaren, unter blutigen 


(carri) an den Stationen des Pferde: | Gräueln einen neuen Kaifer empor: 
wechjeld, wo es auch da und dort nicht | hoben und den alten zur Schlachtbank 
an Herbergen (vgl. d. roman. albergo) | führten. Man fürchtet neue, höhere 
und Scenfen (tabernae vgl. unjer | Steuern, die mit dem neuen Statt: 
„xafern” und cauponae) mangelte. halter der Provinz eintreten bürften 


Im Frühjahre mied man aber 
gerne die Alpenftraßen, denn unge 
heuer war ber Walbbeftand, noch 
vielfah in jungfräuliher Urfprüng- 
lichkeit, der Waſſerreichthum des Ge- 
birges ungleich größer als jekt, ber 
Niederſchlag ftark und die Ueberſchwem—⸗ 
mungen barum bebeutend. Da war 
wohl die Ausmündung des Balten- 
thal3 bei Tartusanum ein See, ber 
Weg durch das Gefäufe eine Lebens: 
probe und um Stiriate (Liezen) wogte 
wohl das Wafler der Enns auf den 
weiten Torfmooren. Wie aber mußte 
unter foldhen Umftänden ber Alpen: 
winter fürchterlich erjcheinen, vor bei: 
jen Namen allein den Nömer es frö- 
fteln machte! Die Donau pflegte meift 
hart gefroren zu fein, fo baß ſchwere 
Wagenlaften darüber den Weg ficher 
nehmen durften ; umjomehr waren dies 
ihre Gebirgäzuflüffe, die Enns voran. 
Dünn ober infelartig zerftreut müſſen 
damal3 die menſchlichen Anfieblungen 
im Gebirge angenommen werben ; 
meilenweit dehnt fich der Urwald und 
das reißende Gethier des Waldes 
macht die Wege unfiher. Da war 
denn wohl unfer Ennsthal, an fich 
damals ſchwach bevölkert, eine Eleine, 
in fi abgefchloffene, abgeiperrte Welt. 
Beim Herdfeuer plaubert der Provin- 
ziale, der Gaubörfer, welche mit ben 
Stäbten eine gleichberechtigte Einheit 
bilden, von den Abenteuern ber Jagd, 
von ben Ergebniffen ber Feldarbeit, 
bes Gewerbes, des Handels. Aus ben 
Städten am Donauftrome bringt fo 
mancher Kunde von den gefährlichen 
Rüftungen der Germanenftämme jen- 


und Flagt über die Höhe der alten 
Abgaben, der Kopf: ober Leibſteuer 
(tributum), der Giebigfeiten von Feld 
und Flur (vectigal), insbefondere bes 
Zehnten vom Getreide, des Fünften 
von anderer Frucht, der Erbichafts: 
fteuer u. f. w., denn unerbittlich ſei 
der Steuereintreiber (exactor). Die 
Hausmutter aber, welche joeben bie 
milchreiche Kuh gemolfen und wieder 
zur Spindel greift, gedenkt bes fernen 
Sohnes, der als Legionar unter afri= 
fanifher Sonne für Rom kämpft und 
wiſcht fich eine ftille Thräne aus dem 
Auge. Draußen aber wird es leben: 
dig, die Hunde fchlagen wüthend an, 
die Mägde kreiſchen, die Männer 
greifen zu ben Aexten und Spießen, 
denn ein hungriger Bär war in das 
Hintergebäude eingebrungen, um fi 
feinen Abendtiſch zu beftellen. Er be 
zahlt das Abenteuer mit feinem Le— 
ben und bald fauert der jüngfte Knabe 
des Haufes auf dem zottigen elle, 
der blauäugige, rothwangige, Feltifche 
„Bärenhäuter,“ der Sohn des Yan 
tumarus, dem die Altmagb Litugena 
im keltiſch⸗romaniſchen Kaudermwälich 
Geſchichten erzählt, wie fie in allen 
SKahrhunderten und allen Kindern er: 
zählt werden. Dann aber fpringt er 
auf und davon, denn das alles weiß 
er jelbft Tängft auswendig und läuft 
zum Nachbargehöfte, wo jegt ein Ve: 
terane bei feinen Verwandten des Ur: 
laubes genießt, Duron, der mit Kai: 
fer Valerian gegen die Parther gezo: 
gen war. Was weiß der nicht alles 
von der Fremde, wunderbaren Men: 
Shen und Thieren, Schlachten und 


600 


anbern aufregenden Dingen zu erzäh: 
len! Da bligt das Auge des Kleinen, 
er beneibet ben älteften Bruber um 
das Kriegerleben in weiter Ferne und 
begreift nicht, weshalb die Mutter 
deſſen ſich nicht freuen kann. 

Mehr als fünfhundert Jahre, ein 
halbes Jahrtauſend, find ver: 
rauſcht. Längſt zuſammengebrochen iſt 
die Weltherrſchaft Roms, denn die 
Völker Germaniens, welche einſt am 
Nordufer der Donau und am niedern 
Rheine drohend ſtanden, aber lange— 
hin zurückgeſcheucht von der Waffe 
des Römers, gelähmt und geſpalten 
durch ſeine Staatskunſt, — ſchlugen 
das morſche Reich der entarteten Cä— 
ſaren in ſeinem Weſttheile zuſammen 
(476). Doch auch die Germanenreiche 
auf welſchem Boden verſchwanden 
bald wieder vom Schauplatze, ſie 
kränkelten und verdarben, wie Bäume, 
die man aus den nordiſchen Forſten 
in ſüdliches Erdreich verpflanzt. An 
den Ufern der Maas und Schelde, 
der Seine, Loire und Garonne erwuchs 
allgemach das Weltreich der Franken, 
die noch den deutſchen Laut aus den 
Stammfigen mitgebracht hatten, um 
ihn bald mit dem romanifchen zu 
vertaujchen. Denn das Römerthum, 
wenn auch feiner einftigen Allgewalt 
entfleidet, niedergeworfen und bezmun: 
gen, bleibt unmiberftehlih durch die 
Macht feiner Sprache, feiner Eultur 
und ber hriftlichen Kirche, — durch das 
römiſche Chriſtenthum, den Erben der 
Weltherrihaft Roms. 

Das ſüdöſtliche Alpenland war 
in feinen offenen Thalwegen durch 
Yahrhunderte die Heerftraße ber gro: 
Ben BVölferftrömungen. Seit ber Hun— 
nenfturm dad germaniſche Völker: 
meer bi zum Grunde aufgemühlt 
hatte und feine Fluth in entjcheiden- 
den Gang gelommen war, ergoß fie 
fih ſüdwärts, ohne ein bleibendes 
Bett in unjern Alpenländern zu fu: 
hen und zu finden. Dann hatte fich 
allgemah der germanifche Oſten ge: 
leert und Raum war gejchaffen für 


eine zweite Bölferftrömung: 
die ſlaviſche. Die „Winden“ ober 
„Wenden“, wie ber Germane biefen 
Nahbar nannte, drängen weitwärts. 
Seit dem Ende des festen Jahr— 
hundertes unferer Zeitrechnung erfüll- 
ten die Ahnen der heutigen Slovenen 
das ganze ‚jüböftlihe Alpenland von 
der untern Save und Drau bis nad 
Dfttirol ins Pufterthal und über das 
ganze Murgelände, über ben Gebirgs: 
wall zwiſchen Defterreih und Steier: 
marf, bis in den falzburgiihen Pon- 
gau und an das MWeftufer der Enns, 
in Oberöfterreih, ja bis über das— 
jelbe hinaus, gegen den Inn, und 
auf der Oftfeite bi8 an das Gebiet 
von Wr.:Neuftabt; je weiter norb- 
wärt3, in defto bünnern örtlichen Be- 
ftänden. In biefer jlavifchen Völker: 
anfieblung verſchwinden den Bliden 
des Geſchichtsforſchers die Lebensſpu— 
ren der Alpenkelten, in jenen Reften, 
welche die ftürmifchen Tage ber gro: 
Ben Wanderung überdauerten und in 
den Verſchlüſſen der Gebirgsthäler 
geborgen blieben. Die römifchen An: 
fiedler der größeren Ortſchaften find 
längft dem Haupttheile nad in Die 
wälſche Heimat zurüdgemwichen, ober 
im Wirbel der Völkerbewegungen, 
welcher ihre Städte zermalmte, ver: 
borben und verſchollen; aber noch ha— 
ben wir an einzelne Beſtände berjel- 
ben zu benfen, benn zähe — und im 
gewiffen Sinne ungerftörbar — iſt 
das WVölferleben. Das Auge der Ge- 
ſchichte ftreift jedoch meift nur bie Ober: 
fläche diefes wechjelnden aufeinander: 
wogenden Bölferlebens, ohne in feine 
bunte Xiefe, in feine fortwirfenbe 
Mannigfaltigkeit zu bringen; nur 
mühſam vermögen ber Alterthumsfor: 
jcher, der Archäologe und ber Kenner 
ber Spraden in ihrem Werben und 
in ihrer wunderbaren Mifhung, Ver: 
wandtihaft und Wandlung einige 
Wegipuren zu entbeden. 

Im Weſten des Ennsfluffes, auf 
dem Boden Oberöſterreichs und durch 
Norbtirol bis an die Drauquellen hat 


601 


die Herrſchaft der Bojoarier (der nen Karl mit einem Schlage zertrüm: 
Baier), der Fräftigfte Stamm ber ſüd- | mert, ein Beftanbtheil der fränkischen 
lihen Deutſchen; er ift ber Nachbar | Monarchie, das bairiſche Stammher— 


der Alpenflaven Karantanieng, |zogthum feine Provinz geworden. 


wie man damals ganz Inneröſterreich 
nennt; auch unfer Land ift ein Stüd 
dieſes Karantaniend. Aber noch 
anderes Volt greift von Oſten her 
mit gemwaltfamer Hand herüber; es 
find die finnifchuraliihen Waren, 
die hartherzigen, beuteluftigen Söhne 
ber öftlihen Steppe, die Nachfolger 
der gefürdteten Hunnen im Donau: 
und Theißgelände; fie herrſchen als 
Zwingherren der Slavenwelt von ber 
Elbe bis an die Küfte der Adria und 
auch der Alpenwinde oder Karantaner- 
jlave muß fih dem Bmwingheren fü- 
gen, bis (622—664) Samo dem 
jlavifchen Völferbunde im Norben und 
Süden der Donau die Unabhängigkeit 
vom Avarenjoche erfämpft. Aber mit 
Samo verſcholl ſpurlos dies ſlaviſche 
Zwiſchenreich, wie eine flüchtige Sage. 
Um ſo wichtiger geſtaltet ſich das 
Nachbarverhältniß zwiſchen den Ka— 
rantanerſlaven und den Baiern. Hef— 
tige blutige Kämpfe hatten ſich längſt 
an den Grenzpunkten beider Stämme 
entſponnen, von denen Geſchichtſchrei— 
bung und Sage Meldung thut, 
endlich gewinnt das große bairiſche 
Stammherzogthum unter dem 
legten Agilolfinger Thaſſilo II. bie 
Oberherrſchaft Karantaniens (um 770 
bi8 780) und mit ihr jchlägt das 
Chriſtenthum, das Wirken ber bai- 
riſchen Hauptkirche Salzburg, bafelbft 
bie erften Wurzeln. 

Wir ftehen an ber Schwelle bes 
neunten Sahrhundertes. Das Welt: 
reich des fränkiſchen Karl, ben bie 
Welt den Großen nennt, hat den 
Höhepunft erreiht; es ift an bie 


ein | 


In drei großen Feldzügen zer: 
malmt der Sohn Pippins des Kleinen 
die einft fo gefürchtete Avarenmadit ; 
bis an die Theiß in den Hauptring 
des Avarenchons, das letzte Bollwerk 
war der fränfifhe Heerbaum vorge— 
drungen und fo ungeheuer die Beute 
an Gold und Silber, daß der Werth 
ber beiden Fürften der Metalle im 
ganzen Abendlande janf. Die Ava- 
ren verſchwinden allgemah vom 
Schauplage der Geſchichte und ein 
Sprihmwort der Ruſſen befagt: „Sie 
gingen dahin, wie‘ die Avaren, ohne 
Erben.” Im Slavenvolfe erhielt fich 
aber die Erinnerung an jeinen harten 
Zwingherrn noch in einem Worte jei- 
ner vieltheiligen Sprache, denn „Obr“ 
(Abar, Avar) bezeichnet den Rieſen, 
das menſchliche Ungethüm. 

Die Lande aber von der Donau 
bis an die Küfte der Adria bilden 
zwei große Marfen und zugleich zwei 
große Kircheniprengel des Farolingi- 
ſchen Frankenftaates. Karantanien, un: 


aber ſer Inneröſterreich, gehört größten: 


theil3 zur öftlihen Mark, Dftmarf, 
und zum Sprengel des Salzburger 
Hochſtiftes, den Karl d. Gr. jo jehr 
begünftigte. Südlich grenzt die Friau- 
ler Markt und die kirchliche Herrichaft 
de3 Patriarchates Aquileja an, letztere 
bi8 an den Lauf des Drauſtromes, 
die Grenze zweier großen Kirchen: 
gebiete. 

Die Thalgaue des keltiſch-⸗römiſchen 
Noricums, der karantaniſchen Sla— 
venepoche, find Gaugrafihaften 
des karolingiſchen Neiches geworben, 


Stelle der weſtrömiſchen Kaiferherr- | unter der Leitung des Obergrafen ber 
ſchaft getreten, denn in ber Dfternzeit | großen Oftmarf, fie reichen bis in 
bes %. 800 feste ber Papft feinem das heutige Weftungarn hinein. Aber 
Gönner und allgewaltigen Schugherrn | der Begriff und Umfang des bai- 
die Krone des „hriftlichen Abendlan- riſchen Stammherzogthums 
bes“ auf3 Haupt. Längft (774) war wirkt nah und ebenjo der Karan— 
das Longobardenreih, von dem eiſer-taniens, innerhalb deſſen unjer 


602 


Land einbezogen bleibt. Es ift und 
bleibt ein gewaltiges Bild biefer 
Staat Karls d. Gr. Alles bemegt 
fih in gleihem Gefüge, wie ein 
Uhrwerf und deſſen allbewegenbe 
Feder vom Ebro bis zur Rhein: 
münbung, von ber bretonijchen Küfte 
bi8 an das Oſtgeſtade der Adria, 
von den nörblihen Elbelanden bis 
Sübditalien hinab, — ift der Kaiſer 
ber Franken ber gefeierte Mann der 
Geſchichte und Sage. 


MWeithin durch bewegte Zeiträume 
mußten wir bie Blide ſchweifen 
lafjen, noch gelangen fie nicht zur 
Ruhe, fie müſſen über brittbalb 
hundert Jahre im Fluge zurüdlegen, 
bevor fie im fteierifchen Ennsthale 
ruhiger haften fönnen. 

Mit der Karolingerherrfchaft be: 
ginnt das Deutſchwerden Ka: 
rantaniend zunähft im Norben 
ber Drau, während fih im Süben 
das windiſche Volksthum, enger und 
bichter zufammengeballt, behauptet, und 
gleichzeitig bie eigentlihe Herrſchaft 
bes Chriftentbums anhebt. 

Raum ift genug dort, wo jchon 
uraltes Volksleben mwurzelte und dann 
ber Alpenflave feinen Si aufſchlug, 
und nit minder in ben großen 
MWaldgebieten, die erft der menſch— 
lihen Anfieblung barren. 


Nicht in bfutigen Racenkämpfen, 
wie an der mittlern und untern Elbe, 
dringt das deutſche Volksthum auf 
dem Boben SKarantaniens vor; nicht 
im Bertilgungsfriege gründet e8 bier 
feine Wohnfige: friedlich und geräufch- 
los und beshalb auch unbeachtet und 
nicht verzeichnet vom mönchiſchen 
Chroniften, der nur von Kirchenſachen, 
gewaltjamen Störungen ber Natur 
und des Menfchenlebens, Fürften- 
thaten und Tobesfällen wortfarg und 
eintönig zu erzählen weiß, vollzieht 
fih die deutfche Colonifation Karan— 
taniens, zunächft durch ben baieri- 
ſchen Stamm. Das karolingiſche 
Herrſcherhaus ift für deutſche Ber: 


waltung bejorgt, die farantanifchen 
Slavenhäuptlinge verſchwinden all: 
gemach. 


Große Güterſchenkungen macht die 
Krone, zunächſt kommt die Gabe ihrer 
offenen Hand der Kirche zu Gute. Ihre 
Vorſteher, die Erzbiſchöfe von Salzburg 
und deren Suffragane, der Freifinger 
vor Allen, find unermüdlich und Flug 
im Erwerben, Behaupten und er: 
größern des Beſitzes, denn von allen 
Seiten her finden fi fromme Schen- 
fungen zum „Seelgeräthe“ (Seelen: 
heile). Aber auch weltliche Herrenge- 
ſchlechter von fürftlihem Range, eigen: 
freie Leute, erhalten Grund und 
Boden als Föniglihe Schenkung. Die 
geiftlichen und weltlichen Grundbherren 
bringen von ihren auswärtigen Be: 
fitungen SHinterfaßen mit und fie 
deln fie auf dem Ermorbenen an. So 
fommt es zu gemijchten Anfiedlungs- 
bezirfen. 


In ſlaviſchen Ortichaften, oder um 
diefelben herum, erftehen beutfche Ge: 
böfte, — die Zahl der immer ftärfer 
zumündenben Goloniften = Strömmung 
wählt, aus ber Miſchung des beiber: 
jeitigen Volksthums erfteht durch Auf: 
faugung des ſchwächern Elementes 
die Deutſchwerdung ber Ortſchaft. 
Noh steht fich geraume Zeit ſla— 
vifhes und bairiſches Ader- 
maß, ſlaviſcher und bairiſcher 
Rechtsbrauch friedlich zur Seite, 
die Urkunden unterſcheiden die Zeugen 
nach ihrem Volksthum, die Ort— 
ſchaften werden mit ihren ältern 
ſlaviſchen Namen und den jüngern 
deutſchen Benennungen neben einander 
aufgeführt, dann aber verliert ſich 
jede urkundliche Andeutung ſlaviſchen 
Weſens, es iſt im Deutſchthum ganz 
aufgegangen, und nur in ben Ber: 
fonnennamen und vor Allem in ben 
zäheren Bezeichnungen der Oertlich— 
feiten, der Gewäſſer, Berge, Thäler 
und Fluren entbedt der Forjcher bie 
halb verwilchten Spuren jener Vor: 
gänge in grauer Zeit. Denn ſchwerer 


würde es halten, wenn ber Kraniologe 
und Phyſiognomiker an Schäbeln, 
Gefihtern und Geftalten dieſe Mi- 
Ihungsverhältniffe auseinanderhalten 
und feititellen wollte. 

Die Geologie der Gegenwart hat 
ihren prüfenden Bohrer und Hammer, 
ihr phyſiſches und geiftiges Auge, 
nicht umfonft gebraucht. Sie läßt vor 
unjen Bliden eine Reihe jahr: 
taufende alter Landſchaften von idealer 
Wahrheit erftehen, in benen fich der 
mwunberjame Wechjel der Bobenge- 
ftaltung, der Pflanzen und hier: 
welt verkörpert. Die heutige Geſchichts— 
forfhung verfuht mit dem Bohrer 
ber Alterthumskunde, der Orts- und 
Spradforfhung, mit dem Hammer 
ber Quellenkritif ein gleiches Ergebniß 
zu erzielen, hiſtoriſche Land— 
haft und BZeitbilder zu 
ſchaffen, deren gewaltige Lüden und 
offene MWiderfprühe Die geiſtige 
Urbeit, das geichulte Borftellungs: 
vermögen ausfüllen und vermittehn 
hilft. Es tagt die Zeit, wo man in 
ganz anderem Lichte die vorrömijch- 
feltiihe, die römifchzkeltiihe, Die 
feltoromanijch-flavifhe und bie jlavo- 
germanijhe Steiermark jehen und 
barftellen wirb als jeßt, wo wir jene 
Schichtungen der Zeiten und Völker 
noch vielfah ein feſtverſchloſſenes 
Buch nennen müfjen, deſſen Siegel 
erſt die Zuknnft leichter fprengen, 
feine Blätter befjer entziffern wird. 
Der Menſch und die Wiſſenſchaft 
wachen eben mit ihren Zwecken und 
Mitteln. Je meiter fie aber wachſen 
werben, deſto mehr wird fi bie 
Wahrheit zum allgemeineren Siege 
über das Vorurtheil in ſolchen Dingen 
verhelfen. Die Völker beerben ein: 
ander in der Gulturarbeit, und nicht 
das Höhere Alter der Anfieblung, 
fondern die endailtige Bezwin— 
gung des Bodens durch die 
Ihaffende Hand des Menſchen 
begründet das maßgebende Eigen: 
tbumsrecht der Völker auf diefen 
Boden. 


603 





Aber nicht blos im Wege ber 
Miſchung mit der Slavenwelt Ka: 
rantaniens, welche zunächſt nur bie 
offenern Thalgrünbe befiebelte, er: 
wuchs die beutiheBevölferung; 
im Oberlande unferer Steiermark vor 
Allem hat fie große Wildnißbeſtände 
zum erftenmale gelichtet. Mit Art und 
Feuerbrand machte fie fich die Robung, 
das Gereute (Greut) als Wohnplag 
zurecht. Liebte doch der Deutjche, ber 
Bertreter des Hofſyſtems, 
vornehmlich die Beſiedlung der Walb- 
höhe. Noch mag er im Vorbringen 
dur die engen Gräben bes Über: 
landes, in ben oberften Thalftufen 
nicht unbedeutende Reſte keltiſchen, 
vielleicht auch keltoromaniſchen Volks⸗ 
thums angetroffen haben, die ſich hier 
weit abſeits von den breitern Völker⸗ 
wegen ungeftört erhielten. Nicht we- 
nige „Einöden“ mochte er neu be 
fiedeln, aus denen ber frühere Be: 
wohner wid, weil er fich immer mehr 
vereinzelt und immer unheimlicher in 
feiner DVereinzelung, in jeiner Ab- 
jperrung fühlte, oder durch bie Karg- 
beit der Scholle, die Schreden ber 
Natur verfheudt ward, Noch heut: 
zutage haben wir ſolche Erſcheinungen 
in den bünnbevölferten heilen des 
unwirthlicheren Oberlandes. 

So erflären einerjeitd jene 
Miihung und Ausgleihung des 
ſchwächern Volksthums, anbererjeits 
jene wachſenden Maſſenbeſtände deut— 
ſcher Bevölkernng die allmälige 
vollſtändige Deutſchwerdung 
unſeres Oberlandes. Binnen 
zwei, längſtens drei Jahrhunderten 
ſcheint ſie ſich im Großen und Ganzen 
vollzogen zu haben. Der deutſche, 
baieriſche, Laut wird herrſchend, fo 
gut wie bairischer Rechts: und Volks— 
brauch, allerdings mit ben tiefen, 
eigenthümlichen Färbungen, bie durch 
die neue Bobenftändigfeit jene Mi: 
ihungsverhältniffe und anderweitige 
Einflüffe, wie das Eintreten nicht: 
bairiſcher Goloniften deutſcher Zunge 
(Schwaben, Franken, Sachſen) aus 


604 


verjhiedenen Gebieten des Neiches 
bedingt erfcheinen. 

Aber auch das ſtaatliche Leben 
unfer8 ganzen Gebiete hatte in ben 
dritthalb Jahrhunderten tief greifende 
Wandlungen erfahren. 911 erlofchen 
die oftfränkfifchen oder deutfchen Karo: 
finger wie der eine Hauptzweig des 
getrennten Haufes Karls des Großen 
feit feinem Enkel Lubwig dem 
„Deutſchen“ hieß. Ein kräftiger Mann 
macht den Anfang, ein unreifer 
Herrſcher, Ludwig dad „Kind“, dem 
das Geſchick nicht Gelegenheit gab, 
Mann zu werden, — den Schluß (911). 

Schon fteht ein neuer ſchlimmer 
Nahbar, der beuteluftige Magyare, 
jenjeit8 ber Oſtſchwelle des oftfränfifch- 
beutfchen,, zerfahrenen Reiches; bald 
haust er im Lande Defterreich unter 
ber Enns als Gemwaltherr und Jahr 
um Jahr brechen feine NReiterheere 
bie Donauftraße entlang nad dem 
Weſten raubend und wüftend vor, um 
in abenteuerlich raſchen Zügen ganz 
Deutſchland zu durchmeſſen, oder Italien 
zu überfluthen und bis in bie meit- 
fränkiſchen oder franzöſiſchen Lande, 
ja einmal bi8 an den Ebro bie 
Schreden feiner Züge zu tragen. Die 
für ein Neiterheer unwegſameren Ge- 
biete Karantaniens ſuchte er mohl 
jelten beim; fehlte er auch hier nicht 
als „Geißel Gottes”, fo zog er doch 
den Kürzern in ber Mannsſchlacht. 
So fürdterlih erſchien bamals ber 
magyariihe Nachbar, der „Hunne“ 
ober Agarene”, wie man ihn damals 
aud genannt findet, ber „Uger“ ober 
„Ungar”, wie er dann allgemein, 
nach ſlaviſchem Vorgange, hieß, daß 
bie bibelfundigen Leute ſich fragten, 
— 0b es nicht das Volt Gog und 
Magog fei, von dem bie heiligen 
Bücher melden, daß es Allem ben 
Untergang bereite, — daß man ſprach, 
biefe Unholde feien von Dämonen 
mit ſceytiſchen Weibern gezeugt, und 
in den Sitaneien ber Kirche vor 
Hunger, Peſt und dem Ungarn: 
ſchrecken“ bewahrt zu bleiben flehte. 


Unter ſchweren Bebrängniffen war 
die Geburtöftunde des deutſchen 
Wahlreiches 911 eingetreten. Zu 
den mächtigften Fürjten bes Reiches, 
mit nahezu föniglicher Gewalt, zählt 
der Baiernherzog Arnulf(f937), 
der Sohn Luitpolds, aus dem Hauſe 
Scheyern. 

Er gebietet über das ganze 
ſüdöſtliche Alpenland bis in die 
Poebene hinein; Karantanien iſt ein 
Lehensherzogthum Baierns unter Ar: 
nulfs Bruder Berthold, ſeinem Nach— 
folger in Baierns Fürſtenmacht. Aber 
auch die deutſche Königswürde feiert 
unter ihrem Zeitgenoſſen, Heinrich J. 
vom Stamme der Sachſen, ihren herr⸗ 
lichern Aufſchwung. 

Der große Sieg über die Ungarn 
(933) ſchafft dem in ber Einigung 
erftarkten Reiche ben lang erjehnten 
innern Frieden. Dann folgt bie 
glänzendere Geftalt ſeines Sohnes 
Dtto I, unter deſſen Führung auf 
dem Lechfelde die deutſchen Stämme bie 
Magyaren, feit 2% Jahren wieder 
einmal auf dem Boden bes Reiches, 
fo entſcheidend jchlagen, daß fie das 
Wiederkommen vergeifen. Es ift Dito, 
„mit dem Blide des Löwen”, der die 
abenblänbifche Kaiferwürbe Karls des 
Gr. erneuert. Das „heilige römijche 
Neich deutfcher Nation” nimmt feinen 
Anfang und bewährt feine gewaltigen 
Kräfte na außen. Seit der Schlacht 
auf dem Lechfelde beginnt im Oſten der 
Enns die Neubildung der Oſt— 
mark; ſeit 976 in den Händen des 
wackern Grafengeſchlechtes der Baben- 
berger, rückt ſie immer weiter oſtwärts 
vor und Anſiedlerſchaaren feſtigen mit 
der fleißigen, friedlich erobernden Hand 
den Reichsbeſitz im Donauthale, an 
den Gebirgsflüſſen und Bächen, die 
von Süden und Norden her in das— 
ſelbe einmünden. Als die Babenberger 
Verwalter der Oſtmark wurden, war 
das Königthum des jungen Otto II. 
einer harten Probe durch die Em— 
pörung ſeines Vetters Heinrich IL, 
des Herzogs von Baiern, ausgeſetzt, 


605 


aber es beſtand biefe Probe und große 
Beränberungen gehen vor fich, welche 
tief in unfer Alpenland eingreifen. 
Es war die Zeit gelommen, in welcher 
das große bairiſche Herzogthum feiner 
Entgliederung, Schwähung zugeführt 
werben fol, damit es die Krone nicht 
gefährbe. Der Gebanfe Ottos I., bie 
Herzogthümer durch Verringerung 
ihres Umfanges, durch Begünftigung 
der Marfgrafengewalt in den Grenz 
gebieten und der Hochitifte oder Bis— 
thümer einzuengen und zu zerjegen, 
gewinnt neue Geltung. Das 
Herzogtfum Kärnten wird jeit 995 
dauernd von Baiern getrennt und 
auch deſſen damalige Marken gehen 
bald einer jelbftftändigeren Zukunft 
entgegen. Schon haust in unferer 
Nachbarſchaft, an der Mündung ber 
Steier in die Enns, in der Styra- 
burg (Stadt Steier), einer der Ahn- 
herren bes künftigen Grafen und 
Herzogsgeſchlechtes der Steiermark, 
der britte der aht Dtofare, bie 
wir die „Xrauengauer” zu nennen 
pflegen, aus altbairiishem Haufe, das 
ſtammverwachſen mit den mächtigen 
Scheyern »Witteldbahern und Sempt- 
Ebersbergern, au die Wel3-L am: 
bader Grafen, die mädhtigften 
im Traungau, und die Pfalzgrafen 
von Baiern zu ſeinen nächſten 
Sippen oder Verwandten zählt. Dieſe 
Mächtigen ſind in unſerm Oberlande 
reich begütert; vor Allem im Gaue 
von Leoben (in den älteſten Urkunden 
noch in ſlav. Form Liubana ge: 
ſchrieben), und die älteſte Abtei im 
Lande, das Nonnenſtift Göß (Guſſa) 
verdankt 1004 ſeine Gründung einem 
ber Aribone des bairiſchen Pfalz: 
grafenhauſes. Aber auch das mächtige 
Grafengeſchlecht, das im Unterlande, 
an der Soune (Sann) und im Kärnt— 
ner Gaue von Frieſach-Zeltſchach 
wurzelt, Wilhelm der „Slave“ unb 
feine Gattin, die deutihe Hemma 
oder Emma, deren Verwandſchaft bis 
zum Throne binanreiht, und 


ihre | grenze, die Tochterftabt Wiens, 


im Ingeringgaue (Unbrimathale) be- 
gütert. Die reichften Silbergruben 
des Landes, uralten Anfanges, bie 
Beiringer, gehören ihnen an, bie wohl 
erft im 12. Jahrhunderte, durch 
Waſſer erfäuft, verfielen. Ihr Zeit: 
genofje war Adalbero (1004— 1035), 
Schwager K. Konrads IL, des erften 
beutihen Wahlköniges vom Stamme 
ber Franken. Er jelbft war Einer aus 
dem Haufe der mädtigen Eppen- 
fteiner, deren Namen noch heute 
eine Burgruine bei Judenburg uns 
vorführt. Ihnen gehörte die Grafjchaft 
bes Mürzthales bis zu dem heutigen 
Brud oder wie es vorzeitig hieß 
„Muorizakimandi“ (urf. 927), db. i. 
das „Gemünde der Mürz“ (Muoriza, 
die „Heine Mur”, wie der Alpenjlave 
einſt biefen Nebenfluß ber Mur 
nannte), aber auch fonft reiches Gut 
am obern Murboben, nah Kärnten 
hinein, über den XThajagrund, ober 
Thajagraben, in welchem bie Eppen- 
fteiner:Stiftung, Klofter St. Lambredit, 
vor 1106 den Anfang nahm, und 
außerdem viel Land bei Graz ober 
Gräz (Gradec, fl. bie „Burgftabt”) 
im Runathal (runa = rovina) fl. Ebene, 
Thalebene)', wo jpäter das Bifter- 
zienferflofter Reun ober, Rein erwuchs 
u. a. a. O. 

Der Sturz Adalberos (1035) 
durch K. Konrad II., feinen unverjöhn- 
lihen Feind, ruft bie Löſung ber 
farantanifden Marl, db. i. 
Dberfteierd, von dem Herzog: 
thbume Karantanien hervor. 

Diefe Mark bildet nun den Amts- 
bezirk der Wels-Lambacher Grafen, 
denen auch das Gebiet von Pütten 
(Butina) (von Hartberg und vom 
Mechfel über den Semmering, Glogg- 
nig (Glodenizza), Neunkirchen hinaus) 
angehört, deſſen Vorort das alte, nun 
bedeutunglofe Pütten war und auf 
welhem Gebiete faft zwei Jahr— 
hunderte fpäter die bebeutendfte Stabt 
zwiſchen der Donau und ber Gebirgs- 


Söhne find im Oberlande, befonbers Wieneriſch-Neuſtadt erwuchs. 


606 


Nicht Tange follte ſich aber das 
Haus der Wels-Lambacher Grafen 
feiner Blüthe erfreuen. Es erlof 
1055 und feine Haupterben werben 
jene Dtofare, deren wir gedachten, im 
Ihönen Traungaue ſowohl als in ber 
farantanifhen Mark, in unferem Ober: 
lande. So werben die „Traun 
gauer Dtofare feit 1055 mit 
dem V. (III) ihrer Reihe recht eigent- 
lich heimisch in unferem Lande und 
im Laufe von beiläufig 100 Jahren 
(1055 —1158) vollzieht fih durch ihr 
Süd im Beerben und Erwerben bie 
Einigung unfere® Landes feinem 
Haupttheile nah zum Reichsfürften: 
thbum der „Grafen von Steier“, wie 
men bie Traungauer nannte, ober 
zur „Steiermark“. 

Ihr Name mwirb der bes Landes. 
Es begann dies in ben Zeiten des 
mächttaften ber fränkiſchen ſaliſchen 
Kaiſer, Heinrich® III., der vor feinem 
Tobe eine gefährlihe Fürſtenver— 
ſchwörung niederzumerfen hatte, deren 
Wurzeln auch in unferm Lande ver: 
liefen. Su den Getreuen des König: 
thums mußten bamald die Grafen von 
Steier zählen. 


Die legten Jahre dieſes Dtofars 
(f um 1083) fallen in eine wilbbe 


ch wegte Zeit, in die Epoche bed ge 


waltigen Kampfes zwiſchen Kaiſerthum 
und Papſtthum, des Streite® um bie 
Vorherrſchaft der Kirche, deren Ber: 
bünbeter die SFürftenoppofition im 
Reihe if, in bie Tage bed In— 
veftiturftreited. Er zieht unfer 
ganzes Alpengelände in feine Wirbel 
und fcheidet Nachbarn, Freunde, Ge 
ichlechtsgenoffen und Brüder in zwei 
bartnädige Parteilager, denen leider 
nicht ideale Ziele, fondern Leiben- 
ſchaften und Eigennugß die Fahne halten. 

Mir mußten lange Wege zurüd: 
legen und im weiten Umkreiſe die 
Blide ausfenden, bevor fie wieder 
an unferm ftillen Gebirgsthale Ruhe 
und Halt finden. Es erging uns ähnlich 
wie dem Manderer, ber gerne bie 
thalbeherrfchende Höhe erflimmt, um 
ringsum die Augen ſchweifen zu lafjen 
und fo Lage, Geftaltung und Zu— 
fammenhang bes Nahen und Fernen, 
die Phyfiognomie des Thales jelbft 
als Gliedes eines größeren Ganzen 
genauer zu erfennen. 


(Fortfegung folgt.) 


607 


Ein eigenes Heim! 
Bur Frage der Wohnungsnoth von Profeffor Dr. G. Bäger. 


Gewöhnlich denft man bei diefem 
Wort nur an die jeßt eigentlich hin— 
ter und liegenden Zuſtände, die ba= 
durch herbeigeführt wurden, daß bie 
Zahl der verfügbaren Wohnungen in 


L 


plagipeculanten der MWerfmeifter und 
Bauhandwerker, den Katzenjammer ber 
Hausherren, die in ber theuern Zeit 
gebaut haben, die Schabenfreude” der 
Miether, daß fie nachgerade ben Haus- 


Mißverhältniß gerietd zu der durch | herren Gleiches mit Gleihem vergel: 


gefteigerte Zuwanderung hervorgerufe: 
nen Nachfrage. Man hat dabei vor 
Augen das unvernünftige Gteigern 
der Miethpreiie und der Anſprüche 
ber Hausherren an bie Miether, bie 
Incommodirung faſt aller großen Mie- 
ther in ihrer Häuslichkeit und in ihren 
bisherigen Berhältniffen. Man denkt 
an das Nomabdenleben der Miether, 
die von Wohnung zu Wohnung zogen, 
an die Unftätigkeit der Hausbeſitzer, 
die zu Häuſer- und Güter-Speculan: 
ten wurden, an die Architekten, Werk: 
meifter und Baugejellichaften, die Pa: 
läfte bauten und Pillen projectirten, 
als ob die Millionäre glei ben 
Zwetſchken auf den Bäumen wüchfen, 
an bie Arbeitslöhne der Bauarbeiter, 
die auf eine Höhe ftiegen, daß man 
her Staatsbeamte fih fragte, ob «8 
nicht vortheilhafter wäre, jeine Söhne 
ald Speisbuben zu verbingen, anftatt 
fie mit ſchweren Opfern auf Hochſchu— 
len zu ſchicken; man denkt daran, wie 
die ganze Geſellſchaft anfing, ſich auf 
ben Kopf zu ftellen, wie der über 
Nacht reich gewordene Heine Güter: 
und Weinbergbefiger und Kleinhand: 
werfer zum Häuſerbeſitzer hinaufge— 
Ihwindelt und damit zum Herrn ge 
macht wurbe über biejenigen Stände, 
welche ihm bisher an Wiſſen, Bildung 
und jocialer Stellung überlegen wa— 
ren. Man denkt an das gegenwärtige 
entgegengejeßte Bild, den unausbleib- 
lichen Krach ber Häufer- und Baus 


ten können. Endlich denkt man baran, 
daß die Sache noch nicht beendigt ift, 
denn die Renten find noch zu zahlen, 
die MWucherzinfen ebenfall® noch, bie 
Geſchäfte ftoden und der Zuzug hat 
nachgelaflen, kurz, man denkt, ber 
Hauptkrach werde erft nachfolgen. 
Ohne Zweifel find all’ das höchſt 
fatale Erjcheinungen, allein doch find 
fie nur ein Heiner und namentlich ein 
vorübergehender, nur von Leit zu 
Zeit fich wieberholender Theil deſſen, 
was ich unter Wohnung verftehe und 
ih möchte mir in ben folgenden Sei: 
len erlauben, weitere Kreife auf ben 
wichtigeren, weil unausgefegt wirken: 
den Theil unferer Wohnungsnoth, 
aljo auf die eigentliche Schwerenoth 
der Wohnungsfrage in großen Städten 
aufmerffam zu machen. In ben legten 
Yahren, ald die Wogen des Woh— 
nungsmangeld, ber Miethfteigerung, 
der Baufpeculation und des Börfen- 
ſchwindels hoch gingen, wäre es ver: 
geblihe Mühe gemejen, fi Gehör 
Ihaffen zu wollen; bie betheiligten 
Kreiſe glichen einer beraufchten Ge— 
ſellſchaft, welcher nicht gut Vernunft 
zu prebigen ift. In bem jeßigen Zu— 
ftand des Katzenjammers leiht man 
vielleiht eher den folgenden Ausein⸗ 
anberfegungen williges Ohr; denn fo« 
wohl diejenigen Mißſtände, welche bie 
oben gefennzeichnete weitergehende 
Wohnungsnoth unferer größeren Städte 
bilden, als das, was ich unter ber 


608 


MWohnungsnoth verftehe, find die Fol: | Jedes Haus enthält mithin mehrere 


gen eined beftimmten Wohnungs: 
ſyſtems, und zwar des in allen 
Großſtädten des Gontinents üblichen, 
deshalb auch „continental” genannten 
Miethhausſyſtems, und das ra- 
dicale Mittel, um ung die Wohnungs: 
noth vom Hals zu jchaffen, ift ber 
Uebergang zu einem andern Woh— 
nungsiyftem, nämlich zum Syftem des 
englijhen (und amerifanifchen) 
Familienhauſes. Ich will mic 
jegt nicht mit der praftiichen Frage 
beſchäftigen, wie diejer Uebergang von 
einer durch Jahrhunderte langen Uebung 
gleichjam geheiligten Wohnungsmethode 
zu einer andern, ungewohnten bewerk— 
ftelligt werben fol, e8 liegt mir zu— 
nächſt nur daran, die beiderlei Sy: 
fteme mit einander zu vergleichen, 
und meine Leſer darüber aufzuklären, 
daß bie Webelftände, die wir bisher 
al® etwas Unvermeibliches zu betrach: 
ten uns gewöhnt haben, ſehr wohl 
zu vermeiden find, ſobald wir uns 
entfchließen, mit einer hergebruchten 
Gewohnheit zu breden. Ich werde 
mich weiter bemühen, zu zeigen, daß 
man die Tragweite der Wohnungs: 
frage in großen Stäbten nicht hoch 
genug tariren und nicht einfeitig als 
eine Frage des Comfort? und bes 
Geldbeuteld betrachten darf, daß bie: 
bei vielmehr die wichtigften morali- 
Shen und politiſchen Verhältniffe in 
einer von der öffentlichen Stimme 
meift gänzlich überfehenen Weiſe ins 
Spiel fommen, daß es mithin bie 
ernfte Pfliht nidt nur ber 
Einzelnen, fondern aud ber 
Stabt und des Staates ift, 
alles aufzubieten, um der fortgejeß- 
ten Erbauung der gemeinjchäblichen 
Miethhäujer Einhalt zu thun. 
Befehen wir nun zuerft die tech- 
niſche Verſchiedenheit ber bei- 
ben Syfteme. Bei unferem conti= 
nentalen Miethhaus bewohnt 
jede Familie ein Stodwerf, in wel: 
hem alle Wohnräume ſammt Küche 
und Abort in einer Ebene Tiegen. 


über einander liegende derartige Woh— 
nungen, die Treppenhaus, Abortsrohr, 
Wafferablauf, Schornfteine, Keller: 
raum, Magblammerraum, Mafchküche 
und Trodenplag gemeinſchaftlich ha— 
ben. Bei dem engliſchen Fami— 
lienhaus befinden ſich auch meift 
mehrere Familien unter einem Dad, 
allein nicht in Stodwerfen übereinan- 
der, fjondern die Wohnungen liegen, 
durch ſenkrechte, völlig durchgehende 
Feuermauern getrennt, neben einander, 
jo daß jede Wohnung ihren eigenen 
Zugang von der Straße, ihr eigenes 
Vorgärtchen, ihren bejonderen Hof— 
raum bat und durch alle Stockwerke 
hindurch geht. Im Warterre oder 
Halbjouterrain befindet ſich Küche, 
Speiszimmer und Abort, eine Treppe 
höher zwei Wohnzimmer, noch eine 
Treppe höher die Schlafzimmer und 
eventuell noch Gaftzimmer ober wei— 
tere Zimmer, 3. B. für ermwachjene 
Kinder im oberften Stodwerf. Selbft: 
verftändlih hat jede Wohnung ihre 
eigene Treppenverbindung und fteht 
in gar feiner Benützungsge— 
meinfhaft mit ben angren= 
zenden Wohnungen; jede Fa— 
milie lebt durchaus für fi, 
wie in einem jelbftftändigen 
Haufe. 

Durchaus verſchieden find weiter 
die rehtliden Berhältnifje. 
Bei unferem Miethhaus zerfallen die 
am Haufe Betheiligten in zwei Theile: 
der Hauseigenthümer, welder 
meift eine biefer Wohnungen jelbft 
bewohnt, hat allein Eigenthumsrechte 
an das Haus, ift allein der Behörde 
für das Haus und die darauf ruhen: 
den Rechte und Lajten verantwortlich 
und dem entfprechend find ihm gegen- 
über den übrigen Bewohnern bes 
Haufes, den Miethern, jehr 
weitgehenbe, das Selbſtbe— 
ſtimmungsrecht der letzteren 
im hohen Grade beſchrän— 
kende Rechte, namentlich Kündi— 
gungsrechte, das Recht zur Feſtſtellung 


609 


einer Haushaltung, einer Hausord— 
nung, das Recht, jederzeit die Woh— 
nung der Miether zu infpiciren, und 
das alleinige Recht, bauliche Verän— 
derungen vorzunehmen, eingeräumt. 
Diefer Gegenfag von Eigenthümer 
und Miether Tann mit bem  beften 
Willen nicht geboben werben, da 
Niemand ein ſolches aus meh— 
reren Wohnungen beſtehen— 
des Haus allein bewohnen 
kann, ſelbſt wenn er das Geld dazu 
hätte, und da ebenſowenig eine 
dieſer Wohnungen für ſich 
allein käuflich erworben wer: 
ben kann. 

Beim engliihen Familienhaus fällt 
ber Gegenfaß von Hausherr und 
Miether entweder völlig weg, weil 
die Wohnung als etwas gänzlich 
jelbftftändiges in das Eigenthum ihres 
Bemwohners übergegangen ift, oder das 
Miethöverhältniß, wenn ein ſolches 
befteht, ift völlig anders: der Mieths- 
vertrag wird in England in ber 
Regel auf 90 Jahre abgeichloffen 
und eine das Haus amortifirenbe 
Miethe bezahlt. Damit fallen alle die 
läftigen, bei ung dem Haugeigenthümer 
eingeräumten Rechte weg: es gibt 
fein Künbigungs:, fein Steigerungs-, 
fein Beauffihtigungss, fein Beaugen: 
ſcheinigungs⸗, fein Baurecht ꝛc. Der 
Miether kann in diefem Hauje völlig 
Schalten und walten, al3 wenn er 
Eigenthümer wäre und auch bie Be— 
hörden behandeln ihn jo; er hat ge 
gen den Eigenthümer feine Verpflich— 
tung, als die ausbedungene jährliche 
Miethe zu bezahlen, diefem, wenn er 
etwa ba8 Haus verläßt, einen Stell: 
vertreter zu präjentiren, der die gleiche 
Verpflichtung übernimmt und nad 
Ablauf der Miethe das Haus dem 
Eigenthümer zu übergeben und zwar 
jo wie e8 eben ift, denn leßterer hat 
eigentlich nicht? mehr zu beanfpruchen, 
ald den Grund und Boden, worauf 
das Haus fteht. Diefe legteren eigen: 
thümlihen Beftimmungen rühren ba: 
von ber, daß der Grund und Boden, 


Rofeggers „‚Aeimgarten‘‘ 8. Haft. 


auf welchem die meiften englijchen 
Städte, auch London, ftehen, Fibei- 
commiß englifcher Adeliger ift, alfo 
niemal® verfauft, fonbern nur mit 
jogenanntem Superficiesrecht zeitweilig 
abgetreten werben kann. Wollte man 
bei uns das englifche Wohnungsſyſtem 
einführen, jo würde die Verfäuflich- 
feit des Baugrundes dahin führen, 
daß durch eine amortifirende Miethe 
das Haus nach Ablauf einer beftimm: 
ten Reihe von Jahren in das völlige 
Eigentbum des Mietherd übergeht, 
oder ſchon früher duch Annuitäten- 
zahlung von diefem erworben wird. 

Aus dem eben gejchilderten Unter: 
ſchiebe beider Syſteme ergibt ſich zu- 
nächft, daß das, was wir in ber leg: 
ten Zeit als Wohnungsnoth jo em: 
pfindlih fennen gelernt haben, nur 
beim Miethhausyftem möglich ift, beim 
engliſchen Familienhausfyftem nicht. 
Mo der Mitther zweimal im Jahre 
ziehen und ber Hausherr ebenjo oft 
austreiben kann, muß jede Schwan- 
fung in dem Berhältniß von Nach— 
frage und Angebot von Wohnungen 
zu Kündigungen, Steigerungen, Um: 
zügen ꝛc., kurz zu einer allgemeinen 
Störung der Wohnungsverhältniffe 
führen; an dem englijchen Familien: 
haus prallt all das wirkungslos ab, 
weil die Wohnungen entweder Eigen: 
thum oder auf 90 Jahre gemiethet 
find. Hier wirten die Schwankungen 
in der Nachfrage nur auf das Bau- 
geihäft, nie incommobirend auf bie 
ganze Einwohnerſchaft. 

Dieß führt und auf ben Unter: 
Ihied in ber Seßhaftigfeit bei 
diefen beiden Syftemen. Das englifche 
Familienhaus erzieht jeßhafte Leute, 
da fie Niemand austreiben kann und 
nicht leicht jemand ohne die dringendfte 
Noth die Unannehmlichkeiten und Ko: 
ften eines Wohnungswechſels auf fi 
nimmt. Dieſe Seßhaftigfeit ift von 
bedeutendem Einfluß auf den Charal- 
ter der Bevölkerung. Nur bei jeßhaf- 
ten Leuten, welche auf eigenem Grund 
und Boden in eigenem Haus wohnen, 


89 


610 


Können fi die Grunbeigenfchaften | bedeutend mit finnlihem Genuß; die 
jebes Staatsbürgers, d. h. Sinn für | Familie ift ihm eher eine Laſt, als 


die eigene Heimat, Familienfinn, 
Bürgerfinn, Batriotismus, confervative 
Gefinnung, Selbftftänbigfeit und Feitig- 
feit bes Charakters, Gefühl für per- 
ſönliche Freiheit und Unabhängigkeit 
ausbilden, und zugleich ift nur ba 
eine Gejetgebung möglich, welche fich 
in das innere des Haufes nicht ein- 
miſcht und bem Bewohner das ftolze 
und jelbftbewußte Wort des Englän- 
ders in den Mund legen fann: „Mein 
Haus ift meine Burg“. Dem gegen: 
über find in unjern continentalen 
Großftädten Miether und Vermiether 
Nomaden. Der erftere, infofern er 
jederzeit jeinen Wohnfig verlegen kann 
und muß, ber leßtere als Häuſer— 
jpeculant. 

Beginnen wir mit dem Familien: 
finn. Die erfte Bedingung zur Ent: 
widlung besjelben ift der Comfort 
in der Wohnung, von dem es ab: 
hängt, ob man gern zu Haufe bleibt 
ober nicht. Iſt es nun nicht bezeich- 
nend, daß das Wort „Comfort“ ein 
engliſches Wort und ein englijcher 
Begriff it? Im continentalen Mieth- 
haus kann eben bad, was man ba= 
runter verfteht, gar nicht hergeftellt 
werden, denn e8 gehört dazu nicht blos 
alle und jede Bequemlichkeit, nicht 
blos die Möglichkeit, allen Liebhabe— 
reien (Geflügelzudht, Vogelhaltung, 
Hunbdeliebhaberei, Blumenzucht x.) 
nachzugehen, ſoweit es die Mittel er: 
lauben, ſondern e8 gehört dazu, daß 
man mit feiner Umgebung 
gewifjermaßen verwädst und 
daß man bier unumſchränkt Herr 
ift, der auf nichts, als auf fih und 
feine Familie Rüdffiht zu nehmen 
bat: all das liegt in dem Wort Com: 
fort und an all das denkt der Eng: 
länder, wenn er fagt: „my home.“ 
Im Gegenjaß biezu jehen wir unſern 
Großſtädter jeine Erholung und Aus- 


eine Quelle bes Vergnügens, und bie 
Bande, welche die Familie vereinigen, 
find vorwaltend äußerlicher Natur. 
Auch der Bürgerfinn, der Sinn 
für öffentlihe Intereſſen kann fi 
weber beim Miether, noch beim Ber: 
miether entwideln. Der erftere beant- 
wortet alle Anforderungen in dieſer 
Richtung, welche Straßenpolizei, Ge: 
fundheit3polizei, Feuerpolizei zc. macht, 
daß das Sache des Hausherren jei, 
dafür zahle er feine Miethe. Ein 
Intereſſe dafür kann er auch nicht 
befommen, da er jeberzeit eim ſchlech— 
tere8 Quartier mit einem beſſeren 
vertaufchen kann. Da fich die öffent: 
lihen Organe, wie nit anders 
möglid, an ben Hausherren halten, 
wodurch der Grund zu Reibungen 
zwifchen Miether und Vermiether ge: 
geben, jo empfindet auch der letztere 
diefe öffentlichen Rückſichten zunächft 
als eine Duelle von Unannehmlich- 
feiten und Opfern, welche er für 
Frembe bringen fol und nicht als 
Wohlthaten, die von ber Oeffentlich— 
feit ihm ermiejfen werben. So kann 
auch bei ihm fein rechter Bürgerfinn 
fi entwideln,; wenn er aud jchließ: 
ih der Nothmwendigfeit fih fügt, jo 
bleibt doch die Entwicklung des Opfer: 
finnes aus, der aus eigenem Antrieb 
nicht blos das Nütliche, fondern auch 
das Angenehme ſchafft. Die That: 
fahe, daß mit der geringen Ent— 
widlung von Familien: und Bürger: 
finn aud der Sinn für's Vaterland 
nur kümmerlich zur Entwidlung 
fommt, braude ich wohl nicht aus: 
führlich zu erörtern. Es ſei hier nur 
noch barauf hingewiefen, daß der 
häufige Mohnfigwechiel ber Be 
völferung unferer Großftäbte im Ber: 
gleich zum confervativen Gharafter 
des Engländer jene Unftätigfeit der 
Gefinnung, Mangel an Charafter: 


ruh' im Wirthshaus pflegen, er ift| feftigfeit, politiiche und fociale Neues 
allen Ziebhabereien gegenüber blafirt |rungsfucht, Xeichtlebigkeit, Leichtſinn 
und Erholung ift ihm fat glei: und politiſch-ſocialen Indifferentismus 


611 


anerzogen hat, den wir namentlich in | duden und brüden, wenn er Friede 
der Gegenwart zur Wurzel aller mög: | ı haben fol. Das ift die Duelle ber 


lihen Mißſtände werben ſehen. 

Ein weiterer moralifcher Unter: 
ſchied entipringt den rechtlichen 
Verhältniſſen aus folgendem Grunde. 
Das völlige Herrfein in ber Wohnung 
bes engliihen Familienhaujes bringt 
in bem Bewohner das Freiheit: und 
Selbſtſtändigkeitsgefühl hervor, das 
den Engländer im privaten und öffent: 
lihen Leben nie verläßt und ſtets 
verhindert hat und verhindern wird, 
daß er zum Spielball ber öffentlichen 
Gewalten, fei es civiler ober militärer, 
wird. Letztere haben noch gar feine 
Beranlaffung, ihnen fich jo zu unter: 
werfen, wie dies in ben großen 
Stäbten des Gontinent3 nothwendig 


| Feigheit, Charakterlofigkeit und bes 
Knechtſinns, es erzeugt die Gewohn- 
heit unferer Großftäbter, über alles 
zu ſchimpfen und alles zu Eritifiren, 
ftatt zu handeln und jelbft befjer zu 
machen, und troß all dem Mundoolk- 
nehmen ſich doch vor ber Gewalt zu 
duden, die man im Geheimen haft. 
So haft unſer Großftäbter Militär, 
Polizei und jedes Beamtenthum gleich: 
jam inftinctiv und dieſes zahlt es 
ihm natürlich reichlich wieder zurüd. 

Die rechtlichen Verhältniffe bei 
unjerem Miethhausiyftem find außer: 
dem ein wahrer Anachronismus. Der 
Hausherr jpielt im Haus die Rolle 
eined jouverainen Polizeidieners und 


it; im Gegentheil, man ſehe fich | Richters. Wenn ein wirklicher Polizei: 
in London um: der Kaushalter ift | diener chicanös auftritt, fo bleibt dem 
mit ber Polizei nicht wie hier auf | Benachtheiligten ohne jede mweitläufige 
geſpanntem Fuß, fondern ihr Alliirter | Procedur der Appell an deſſen vorge: 
auf Schritt und Tritt, im Nothfall jegte Behörde, welche BDisciplinar- 


als Privatconftabler, und es erwächst 
aus dieſem glücklichen Verhältniß 
jenes hohe Maß von Achtung, welches 
in England jeder Beſitzende dem 
Geſetz entgegenbringt. 

Dem gegenüber ſehen wir in den 
Großſtädten des Continents weder den 
Hausherrn noch den Miether eigent— 
lich als Herrn im Haus, denn keiner 
kann thun, was er will, ſie legen ſich 
gegenſeitig lahm. Der Miether thut 
für das Haus nichts, weil es ihm 
nicht gehört, und der Hausherr nichts, 
weil er es gar nicht oder nur zum 
kleinſten Theil bewohnt. Der Miether 
läßt den Hausherr nichts thun, ſobald 
er dadurch incommodirt wird, — er 
droht mit Auszug. Will der Hausherr 
nicht fortwährenden Mietherwechſel, 
der ihm ftet3 mit der Gefahr zeit: 
weiligen Leerſtehens einer Wohnung 
droht, jo muß er fih in bie 
Miether fügen, und umgekehrt und 
endlich müflen jih bie Miether 
wieder unter einander vertragen, 
wenn es nicht ſtets zu Neibereien 
lommen jol. Kurz jeder muß ſich 


gewalt über den Mifjethäter befigt 
und jofortige Abhilfe eintreten laſſen 
fann. In dem Verhältniß zwiſchen 
Hausherr und Miether ift dagegen 
ber letztere ſchutzlos, weil der erftere 
feine mit Disciplinargewalt ausge 
rüftete Behörde über ſich bat, die 
Chicanen hintanhalten fann. Daß ber 
Miether ein Klagrecht bei den Ge 
richten im Fall von Rechts- und Sad): 
bejhädigung hat, ſchützt ihn ſchon 
einmal gegen das reiche Gebiet ber 
Chicane gar nicht und dann iſt das 
Recht auch in anderer Beziehung 
iluforifsh, und zwar aus folgenden 
Gründen. 

Was ift die Möglichkeit, einen 
Hausherren alenfall® durch die Ge 
rihte zu ein paar Gulden Strafe 
veruriheilen zu laffen, dem gegenüber, 
baß ber erftere den Miether ohne jeb- 
weden Grund dreimal im Jahre zum 
Haus hinausmweifen, ihn alſo abge: 
jehen von allem Anbern in die be 
trädhtlihen Koften eines Umzugs ver: 
urtheilen fann: ohne jeden Grund 
und ohne jede Appellation 


39* 


612 


an eine höhere Inſtanz. Man 
vergleiche nur z. B. Folgendes: Wir 
betrachten e8 als einen großen poli- 
tiſchen Fortſchritt, daß weder Polizei 
noch Regierung ohne rechtmäßiges 
gerichtliches Verfahren Jemand aus 
Stadt oder Land ausweiſen darf, und 
daß die Polizei Geldſtrafen nur bis 
zu wenigen Gulden allein erkennen 
darf, während bei dem Miethhaus— 
ſyſtem einer großen Summe beliebiger, 
ſehr häufig ungebildeter Perſonen, 
welchen alſo die Qualität ſorgfältig 
ausgewählter öffentlicher Beamten 
nicht zukommt, das Recht eingeräumt 
werden muß, Jemand ohne weiters 
aus ſeinem Wohnſitz auszuweiſen und 
in Koſten zu verurtheilen, denen gegen— 
über die höchſte Polizeiſtrafe eine 
Bagatelle if. Daß in dieſem Jahr— 
hundert ein derartiges entwürdigendes 
Abhängigkeitsverhältniß, ein ſolcher 
Hohn auf das Princip bed Rechts: 
ftaate8 und des Princips der perjön- 
lihen Freiheit unangetaftet fortbefteht, 
ift nur deshalb begreiflih, weil man 
fih durch Jahrhunderte daran gewöhnt 
hatte, basjelbe als ein unvermeib: 
liches Hebel zu betrachten. Wir haben 
eine politiſche Partei, welche bie Her- 
ftelung ber Freiheit fih feit lange 
zur Aufgabe gemacht hat, aber feit 
Herftellung ber politiichen Freiheit 
aus Mangel an Beihhäftigung zu 
feinem rechten Gebeihen mehr fommt. 
Sie fände auf dem eben angebeuteten 
Gebiet ein äußerft fruchtbares Arbeits- 
feld, bei beffen Inangriffnahme fie 
fi mehr um bie Freiheit verdient 
machen fönnte, als durch Alles, was 
fie auf bem Gebiet ber politifchen 
Freiheit gethan Hat; benn auch in 
Sachen ber Freiheit gilt der Sag, daß 


Murzel des Staates ift, und ich be: 
baupte, daß wir nie zu bem 
Maß politifher Freiheit ge 
langen werden, wie bie Eng- 
länder, fo lange nit in den 
großen Städten des Con 
tinent3 die Miethshänfer 
durch Familienbäufer erjegt 
fein werden. Erft dann, wenn 
jedes Haus eine Burg ber Freiheit 
und eine Erziehungsftätte für das 
Freiheits- und Selbftftänbigfeitögefühl 
ift, wird keine Öffentliche Gewalt mehr 
im Stande fein, fie uns zu rauben, 
fie wird auch feine Veranlafjung dazu 
haben, weil das hier erzeugte Freiheitd- 
gefühl fein umftürzerifches, neuerungs⸗ 
füchtiges ift, fondern durch und durch 
confervativ. 

Betrachten wir nur einfach das 
Abhängigkeitsverhältnig von Miethern 
und PVermiethern, jo liegt auf platter 
Hand, daß e8 eine Quelle von Claſſen⸗ 
baß werden muß und baß in auf: 
geregten Zeiten der Miether viel eher 
geneigt ift, fih auf bie Seite ber 
Umfturzparteien zu ſchlagen, um fo 
mehr, al3 er den Vermiether auf ber 
Seite der öffentlichen Gewalten ftehen 
fieht. Daher erklärt fih auch bie 
ſonſt unbegreiflihe Erſcheinung, daß 
heutzutage die Socialdemofratie bis 
in bie beften Stände hinauf Sym— 
pathien findet; eine Erſcheinung, die 
in England fehlt. Der Grund liegt 
einfach darin, daß die Miether — 
und dazu gehören in den Großftäbten 
gerade die gebilbetften Stände faft 
ganz — fi den Bermiethern gegen- 
über in einem ganz ähnlichen Ber- 
bältniß befinden, wie ber Arbeitnehmer 
zu dem arbeitgebenden Capital. 

Darin liegt die größte Gefahr 


einem das Hemb näher liegt als der |für die Freiheit jeglicher Art. In 
Rod, d. 5. die Mohnung näher als | London hat die öffentlihe Ordnung 
die Stabt und das Land, die Familie lan jedem Befigenden einen ent: 
näher, als bie Gemeinde und ber) fhloffenen Vertheidiger und ihre 
Staat. Ich meinerjeit8 muß geftehen, | Feinde beftehen nur in ben aller: 
baß ich bie Freiheit im Haufe genau |unterften Claffen, die an Kopfzahl 
jo für die Wurzel ber Freiheit im |fo tief unter den Anbern ftehen, daß 
Staate anfehe, wie bie Familie die|fie es, wofür London zeugt, zu feinem 


613 


ernften Angriff bringen können ; anders 
bei und. Hier kann bie öffentliche 
Gewalt auf energiihe Beihilfe faft 
nur feiten® ber Hausherren, alfo 
eine® Heinen Bruchtheil® ber be: 
fitenden Claſſe rechnen. Die Umfturz- 
parteien dagegen finden Führer bis 
hoch hinauf und ein großer Theil der 
Mieter wird fi in der Sade in- 
different verhalten, um fo mehr als 
ibm ja jegt bie Stabt etwaigen 
Schaden erfegen muß. Das find Ber- 
hältniſſe, welche direct die Aufrecht: 
erhaltung der Drbnung erfchweren, 
jobald eine Bevölkerung von Unruhe 
erfaßt wird, und die Gefahr für die 
Freiheit liegt darin: Einmal müſſen 
wir zur Aufrechterhaltung der Drb- 
nung bie öffentlihen Organe mit 
größerer Machtvollkommenheit aus: 
rüften und dann, weil die Zahl ber 
activen Ordnungsfreunde unter ber 
Bevölkerung eine weit geringere ift 
al3 in London, jo müfjen fie fih in 
die Arme ber öffentlihen Gemwalten 
werfen, anftatt daß bie leßteren ihre 
Diener find. So liegt für dieſe bie 
Berfuhung fehr nahe, die bürgerliche 
Freiheit zu cafliren, was alle großen 
Städte des Gontinents in biefem Jahr— 
hundert, zum Theil mehrmals erfahren 
haben, während der Londoner Bürger 
in biefer Beziehung ruhig fchlafen 
kann; er wird ftets fein eigener Herr 
bleiben. 





Nehmen wir nur eins; mit welch’ 
beiterer Gemüthsruhe blidt der Eng- 
länder auf die Beftrebungen ber So: 
cialdemofratie, mit welchem Gleich— 
muth läßt er fi die Revolutionäre 
und Spigbuben bes ganzen Gontinents 
auf den Hals ſchicken, während unfere 
großen Städte troß der großen Polizei- 
und Militärmadt alle Urſache haben, 
die unruhigen Elemente in ihrem 
Schoße zu fürdten, weil eine gemalt: 
fame Kriſis durchaus nicht in ben 
Bereih der Unmöglichkeit gehört. 

Brauchen wir jet noch einen 
weiteren Schlüffel für ben großen 
politifhen Gegenfag zwiſchen einem 
englifhen Stäbtebürger und einem 
continentalen? Dort ber energifche 
jelbftftändige, auf jedes Titelchen 
Freiheit eiferfüchtige und babei doch 
in hohem Grab confervative unb ge 
jegesgehorfame Engländer, ber unter 
einer mittelalterlichen Staatsverfafjung 
freier lebt als ein Republikaner ; bier 
der ſtets nach ber Polizei rufenbe 
wanfelmüthige, politiſch wetterwen⸗ 
diſche, neuerungsſüchtige, von einem 
unbeſtimmten Drang bin und ber ge: 
triebene Großftäbter des Binnenlanbes, 
der nicht weiß, wo ihn ber Schuh 
drüdt, der überall herumflickt, nur 
nicht am eigenen Hemd unb der einft 
Bismard das geflügelte Wort entlodte: 
„Ale großen Städte follten vom Erb: 
boben vertilgt werben !” 


(Schluß folgt.) 


— SEE 


Ein merkwürdiger Bauersmann. 


Kalente gibt e8 im Bauernftande 
mehr, als es die auf ihre Bildung 
ftolgen Stäbter glauben mögen. Aber 
unendlich Schwer ifl e8 für das Bauern: 
find — beſonders wenn es Hinten 
im Walde lebt — fih zu einer 
geiftigen Bedeutung emporzuarbeiten. 
Und ganz außerorbentlihe, kaum 
glaubliche Hinderniffe hatte der Bauern: 
burfhe Michel Felder im binterften 
Mintel des Bregenzerwaldes zu über: 
winden, bis er dort ftand, wo feiner 
fteht, der nur, einzig nur Die zwei: 
klaſſige Volksſchule durchgeſeſſen hat. 
Felder's Leben iſt beiſpiellos. 

Michel Felder wurde im Dorfe 
Schoppernau 1839 geboren — der 
Sohn eines armen, aber fleißigen 
Bäuerleins, und ſtarb daſelbſt als 
dreißigjähriger Mann. Er war ein Mär- 
tyrer feiner Sade, von ganz Deutich- 
land gefannt, bewundert, vielleicht 
übermäßig angefpornt und — jagen 
wir's offen — im Stich gelaffen. 

Schon die Natur Hatte ihn übel 
bedacht, fie gab ihm einen ſchwäch— 
lihen Körper und einen Fehler im 
rechten Auge. Der Knabe wurde zu 
einem Eurpfufcher gebracht, biefer hat 
das rechte Auge nicht geheilt, fondern 
im betrunfenen AZuftande das linke 
— bisher gefunde — zu Grunde 
curirt. Auf dem einen Auge aljo 
ganz, aufdem andern halbblind, mußte 
fi der junge Mann nun behelfen, — 
in ſolchem Zuſtande, gebrüdt von 
allen erdenklihen äußeren Verhält— 
niffen, mußte er feinem unbänbigen 
Bildungsdurfte zu genügen fuchen. 
Mie mächtig ift der Mille! 

Michel wußte fi in feine Einöbe 
hinein Bücher zu verſchaffen. Er las 
religiöfe Werke, die erfte Schule aller 
Autodidalten ; dann Claſſiker, moderne 
Belletriften, Philoſophen, jociale Schrif: 


ten, Kalender, Zeitungen, kurz, alles, 
was er eben friegen konnte, Die frem- 
den Gedanken mwedten eigene auf, 
bald Hub er an zu fchreiben, wußte 
bort und da eine Bekanntſchaft anzu: 
fnüpfen mit gebildeten Männern bes 
Vorarlbergerlänbchens und mit bebeu- 
tenden Geiftern Deutſchlands. 

Sn feinem 21. Jahre ftürzte er 
durch einen Brückenbruch in die Aach. 
In der Gefahr hatte er Gelegenheit, 
die Herzlofigfeit ber Leute kennen zu 
lernen, die — obwohl fie ihn in ben 
Wellen mit bem Tode ringen jahen 
— ohne Beiftand zu leiften, vorüber 
und ihrem Vieh nachliefen. Ein Freund, 
ber zum Glüde erſchien, zog ihn in 
bereit3 bemußtlojem Zuſtande aus 
ben Fluthen. 

Mit 22 Jahren heiratete er ein 
armes, aber braves und gemüthvolles 
Mädchen. Das junge Weib hielt die 
Wirthſchaft nah Kräften zufammen. 
Felder wurde bisweilen unmuthig und 
meinte, es ſei ein Elend, daß man 
fih alles jo mühevoll erwerben müffe. 
„Und mich,“ fagte Nani, „dünkt ge 
rade das ſchön, daß man fi etwas 
erwerben fann und jelten leer aus: 
geht, wer fih nur ein wenig rühren 
und regen mag.” „Seine Predigt,” 
verjegte er, „thut fo viel, wie ſolche 
Worte von Dir.” 

Sie hat den Feuerkopf auf- 
recht gehalten zur bäuerliden Ar: 
beit, aber auch wieder befeelt zum 
geiftigen Schaffen. Zwei ahre jpäter 
war auf einmal ein gebrudtes Buch 
da; das führte den Titel: „Nüma— 
müllner und das Schwarzofafpale, 
ein Lebensbild aus dem Bregenzer: 
wald von Michel Felder.“ 

Der Dichter war fir und fertig. 
Das war die Sprade, das waren 
die Gedanken, die reichen, überrafchen- 


615 


ben Gebanfen eines Stubirten. Nur! 
bie Dichtung jelbft war ganz Volks: 
natur. Felders zweites Werk war ber 
Roman „Sonderlinge” und feine britte 
und legte größere Arbeit: „Reich und 
Arm.” Man freut fih an dem Did): 
ter, aber noch mehr bewundert man 
ben Denker. Wer nur erft feine Schrif: 
ten gelefen hat! Es ift fabelhaft, wie 
einer beim Käfebereiten und Dünger: 
ftehen ein ſolch vurchgebildetes Seelen: 
eben erwerben kann. — Freilich ließ 
er fein Mittel unbenügt, ſich empor: 
zubringen. Er gab fi) verſchiedenar— 
tigen Studien bin, durchforſchte bie 
Geſchichte feines Landes, ſuchte fran- 
zöſiſch und italienisch zu lernen; mit 
größtem Eifer aber durchdrang er bie 
Schriften der modernen Zeitrichtung. 
Felder’3 Werke find Tendenzſchriften. 
Sie predigen Arbeitsluft, Familien: 
finn, Heimatsliebe, aber auch weniger 
barmlofe been. Es ftimmten jeine 
Ausſprüche nicht immer mit dem alten 
Herfommen und den Anfichten ber 
Leute. — Der erfte April wird für 
einen Unglüdstag gehalten, an bem 
man feine Arbeit anfangen dürfe. 
„So einen Unglüdstag,” ſagte Fel- 
der, „hat Gott gar keinen erjchaffen. 
Ein Tag, an dem man eine Arbeit 
anfängt, ift niemals ein Unglüdstag; 
wohl aber ein verworfener Tag, an 
dem einem das Schaffen verleidet, an 
dem man ein Lump wird — und 
wenn’3 an Maria-Himmelfahrt wäre.” 

Er führte manden Hieb gegen 
die Ausartungen ber fatholifchen Re— 
ligion, er ließ fih in fociale Beftre- 
bungen ein, und bezeugte feinen Ernft 
auch durch die That. Zuerſt juchte 
er einen „Käshandlungsverein” für 
den Bregenzerwald ins Leben zu ru- 
fen, dann gründete er eine Schopper: 
nauer „Biehverfiherungs:Gejellichaft“, 
regte an zur „Genoſſenſchaft der Sti- 
ckerinnen,“ zu einem „landwirthſchaft⸗ 
lihen Zweigverein,“ zur Errichtung 
einer Bollsbibliothef für den Bregen- 
zerwald. AM’ feine Pläne und Arbei- 
ten beruhten auf ſocialdemokratiſcher 


Grundlage und er hat hierin manchen 
| Bwed erreicht. Lange genug hatten 
feine Mitbauern dieſe jeltfamen Be: 
ftrebungen mit Mißtrauen beobachtet, 
allmälig aber ſchlugen fie fi zu ihm 
und fein Anhang wuchs von Tag zu 
Tag. 

In freien Stunden war feine 
Stube voll von Bauern, benen er 
Schriften und Zeitungen vorlas und 
mit denen er den Laffalle ſtudirte. — 
Das fociale Lojungswort der Aſſo— 
ciation war’d, das hier in den Ber: 
gen bed Bregenzerwaldes Echo fand. 
— Sonſt ift die herrſchende Bauern: 
regel: „Beten, wenn es läut’, und 
zahlen, wenn man gebeut’“ ; aber nun 
wurde es anders. Bon Gewiſſensfrei— 
heit und Volksherrſchaft hörte man 
ſprechen in den dumpfen Bauernſtu⸗ 
ben an der Aach. 

Die Behörden ſahen derlei Bewe— 
gungen nicht allzugerne; die Geiſtlich— 
keit aber war entſchiedener und er— 
klärte dem neuen Propheten im Bre— 
genzerwald den Krieg. Freilich einen 
Krieg nach ihrer Art. 

Felder war übermüthig und hatte 
ihn heraufbeſchworen. Der gute alte 
Pfarrer war fortgekommen und ein 
neuer an feine Stelle geſetzt wor— 
den. Nun hielt diejer einmal eine 
Predigt, aus welcher Felder eine 
Blumenlefe zog und fie ber Melt 
preisgab. 3. B.: „Der Leichnam ber 
Gottesmutter hat den Tod nicht ge: 
ſchaut.“ — „Sorget daher vor allem 
dafür, daß die Seele gut fterbe.” — 
„In ihrem Grabe ſah man nichts, 
als Blumenbuft.” — Wörtlich wahr. 

Uebrigens fand es unfer Dichter 
ganz felbitverftändlih, daß auch ber 
Priefter nicht unfehlbar fei. So jchrieb 
er: „Jeſus wählte darum zwölf Apo- 
ftel, weil er meinte, Einer könne fammt 
bem heiligen Geift nicht alles allein 
richtig machen, wie es fein follte.“ 

Freilich eine Gottesläfterung, bie 
er büßen mußte. 

„Der neue Pfarrer in Schopper- 
nau läßt” — wie $elber jelbft erzählt 


616 


— „jumeilen von ber Kanzel herab 
ein Kleingewehrfeuer los gegen eine 
Richtung, die man für die meinige 
hält.“ Er wurde als ein Menſch Hin: 
geftellt, der alles Heilige ftürzen wolle. 
Der Pfarrer fchlih in den Häufern 
herum und richtete ihn aus, und „alte 
Meiber, folche, die ſich jeden Broden 
vom Pfarrer vorfauen laſſen, meil 
man ihnen bie Zähne ausyeriffen hut“, 
thaten das Ihrige. Bald war Michel 
Felder in feinem Heimatsdorfe be- 
fannt als der „gottloſe, deutjchfatho- 
liſche, blutrothe, hochmüthige, verfüh- 
reriſche, verkommene, eigenſinnige, ar— 
beitsſcheue, vom proteſtantiſchen Gelde 
gemäftete Freimaurer“. 

Auf diefen Umschlag der Meinung 
fielen Felder's Anhänger, einer nad 
dem andern ab; einige, weil fie ſehen 
mochten, daß feine Sache nicht immer 
fruchtbar war, die meiften aber, weil 
ihnen „Gottes“ (das heißt, des Pfar: 
rers) Wort mehr galt, ald das eines 
Menschen. 

Einmal gebrauchte Felder Leſſings 
Ausſpruch: „Wie einer ift, fo ift fein 
Gott." — „Was?“ rief das nächte 
mal der Pfarrer auf der Kanzel mit 
einem bröhnenden Schlag: „Einer ift 
ein Hurer, folglich wäre Gott — aud) 
ein —; ein anderer ift ein Dieb, und 
Gott — ; wieder ein anderer lügt, 
aljo —!? Haben die ärgften Heiden 
in ihrem Sünbenleben je diefen Schrift: 
fteller an Frechheit erreicht?” 

Plöglih entftand im ganzen Thale 
bad Gerede, Felder brauche nicht 
mehr zu arbeiten, er erhalte von ben 
Freimaurern Geld, müſſe dafür aber 
das Land vom heiligen Glauben brin- 
gen. Der Bater des Pfarrerd von 
Schoppernau meinte, anderswo würbe 
man mit fo einem nicht viel Weſens 
machen, man thäte ihm das andere 
Auge auch noch ausftehen und ihn 
dann erichlagen. 

An Sonntagen wurde mit Fin: 
gern auf den Irrlehrer gemiefen; 
haufenweiſe ftellten fich die tabaffauen- 
den Bauernburjchen brohend und höh— 


nenb vor ihn hin. — Sein Haus, 
fagten fie, ſtünde lange nicht mehr, 
wenn man e3 allein verbrennen könnte. 

AN diefem Drohenden gegenüber 
ftand Felder allein mit Weib unb 
Kindern, mit feiner alten, troftlofen 
Mutter und mit feiner Armuth. Er 
rief feine auswärtigen Freunde um 
Beiftand an; es kam aber feiner. 
Troßdem ließ er fich auf feinem Wege 
nicht irremaden. So rief eines Felt: 
tag3 der Pfarrer auf der Kanzel mit 
weinenben Augen: „Sch werde Gott 
täglid um den Tob ober. um Ber: 
jegung bitten!” Desjelben Mittags 
hieß es öffentlih auf dem Kirchplak, 
man folle den Jaukomichel (Felder) er: 
ftechen. — „Ich jah mich,” erzählt der 
Dichter, „im allerfinfterften Mittelalter, 
und wie mir, fann nur einem Ber: 
vehmten zu Muthe geweſen jein, ber nie 
mehr fiher war, wann und wo ber 
tödtliche Streih ihn treffen werde.“ 

Am 6. Mai 1867, am frühen 
Morgen, verließ der Dichter die hei— 
matlihe Hütte und floh, von feinem 
treuen Weibe begleitet, zu feinem 
Schwager nad Bludenz. Die Kinder 
blieben bei der Großmutter — Fel—⸗ 
der’ 3 Mutter — zurüd, welche von 
Schoppernau aus gegen die Wühle- 
reien den Schuß des Geſetzes anrief. 

Aus dem Dichter war ein Socia- 
lift geworden, und als folder mag 
Felder, durch bie Ertreme feiner Geg— 
ner gejagt, wohl zuweilen in bie ent: 
gegengejegten Ertreme verfallen fein. 
Keineswegs war in den Alpenthälern 
Vorarlbergs der Boden für feine Be: 
ftrebungen, unb in diefem Sinne muß 
man zugeben und bebauern, daß er 
auf Abwege gerathen war. 

Um dieſe Zeit ging Felder mit 
der Abfiht um, ganz auszumanbern 
und in Leipzig, Berlin ober Mien 
jein Heim zu gründen. Durch bie 
Vermittlung feines Gönners, des Pro: 
feſſors Hildebrand in Leipzig, machte 
er einige Monate nach jeiner Flucht 
thatfähhlih eine Reiſe nach Deutich- 
land (melde er im nädften Jahre 


617 


wiederholte), hielt ſich in Leipzig einige 
Zeit auf und erwarb fi durch fein 
offenes? Weſen und feine gefelligen 
Eigenfhaften viele neue Freunde und 
Umſchwärmer. Der Bauerndbidhter aus 
bem Bregenzerwalde, von bem bie 
„Gartenlaube“ unb andere große 
Blätter bereit3 Manches erzählt hatten 
— das war eine Rarität! Er kam 
mit Gelehrten und Schriftitellern zu— 
fammen, beſuchte wiſſenſchaftliche Vor- 
lefungen, ſocialiſtiſche Verſammlungen, 
Theater und Gallerien und gewann 
einen klareren Einblick in die Welt. 


zum Schwerſten, wie ſie mir, dem 
Scheugewordenen, fröhlich ganz von 
unten heraufklimmen half und ſich an 
jedem Erfolg mit mir freute, wie 
wir mitten in Kampf und Noth und 
Verzweiflung ein ſchönes, frohes Leben 
mitſammen lebten und durch einander 
auch beſſer geworden ſind.“ 

Als ſie auf dem Todtenbette von 
ihm Abſchied nahm, ſagte ſie die 
Worte: „Ich danke Dir ſchöne — 
nur ſchöne Stunden. Ich kann fröhlich 
gehen. Dich überlaſſe ich Gott, Deiner 
Kraft, Deiner großen Aufgabe, Deinen 


Allerdings fand er nun auch, daß Freunden, und ich will Dein Schug- 
Manches, was fih von ben fernen | engel fein.” 


Bergen des Bregenzerwalbe® aus fo 


Als der Sarg in’ Grab rollte, 


ideal anſah, in ber Nähe begudt,|firedtte Felder einen Arm aus und 
recht fadenjcheinig war, und baß beririef: „est ift e8 aus, und mit mir 


Egoismus der Menſchen bort um fo 
größer if, wo die Intelligenz ihre 
verschiedenen flunkernden Schleier dar: 
überzubüllen weiß. Er hatte Stunden, 
wo er fi zurüdjehnte in feinen Wald. 
Und bald kehrte er auch heim nad) 
Schoppernau in das Feine Haus zu 
Weib und Kind. Er arbeitete wieder 
in feinem Stalle, auf jeiner Alm, 
und e3 war ihm unendlich wohl, da 
er fih wieder bei ben lieben Seinen 
wußte; er war ein glüdlicher Gatte 
und ein treuer Vater feiner fünf 
Kinder. 

Im Sommer 1868 hat ihn ber 
ſchwerſte Schlag des Schickſals getrof: 
fen. Es ftarb fein Weib. — Glüdlich 
war er nur durch fie geworben, er: 
zählte er felbft, und auch beffer durch 
fie. Eins lebte im Andern, fie war 
ihm Auge und Hand und fchuf fein 
Haus zu einem Qempel, wo er in 
allen Widerwärtigfeiten Zuflucht und 
Troft fand. An ihr richtete er ſich 
auf in Augenbliden, wenn er muthlos 
fein Streben als ein vergebliches be- 
trachtete, wenn er gefoltert wurbe von 
innerem Zweifel, oder wenn bie lum— 
pige Gelbnoth ihn quälte, — „Ich 
will es einmal der Welt erzählen”, 
ſchrieb Felder, „wie wir Alles gemein: 
ſam trugen, wie fie mir Muth machte 


auch!“ — Sein Schmerz war berb, 
hart und unzugänglich. 

Seine Gegner fagten, der Tod 
ber Geliebten fei eine augenfcheinliche 
Strafe des Himmels geweſen. 

Der Anblid feiner Kinder that 
ihm weh; im Haufe eines Freundes 
zu Bezau lebte er mehrere Wochen 
fill dahin und ſchrieb an feiner Selbft: 
biographie. (Diefe ift bis jegt noch 
nicht im Drude erfchienen, dürfte aber 
die befte Arbeit Felder's fein). Durch 
da3 Sichverjenfen in feine glüdfichften 
Zeiten gewann er jeheinbar an Kraft. 
Allein im März 1869 erfranfte er 
an einem Qungenleiden, dem er nad 
wenigen Wochen erlag. — 

So erzählt uns Profeffor Her— 
mann Sanber in feinem bei Wagner 
in Innsbruck erfchienenen Buche: 

„Das Leben Felber’s, bes 
Bauers, Dichters und Boll 
mannes aus dem Bregenzer: 
walde.“ Die Biographie eines ber 
intereffanteften Autodidakten, deſſen Le: 
bensgeſchichte felbit ein erſchütternder 
Dorfroman ift. Sander bietet ung gleich: 
zeitig eine prächtige Schilderung ber 
Bewohner des Bregenzerwalbes; es ift 
eine Schrift, die durch ihre Unpartei- 
lichkeit, durch ihre Klarheit und Wärme 
den angenehmften Eindrud macht. Nur 


618 


ber Tod bes Dichters ift im Verhält- ſolcher gebühre Tebiglih nur Märty— 


niffe zu ben anderen Schilderungen 
zu kurz und oberflählih, wie etwas 
Nebenfächliches und Selbftverftändliches 
behandelt. Der Tod eines erft breißig- 
jährigen, jo hoffnungsvollen Mannes 
ift aber nicht felbftverftändlich ; mir 
hätten von dem Krankenbette, von 
der Sterbftunde, von dem Begräbniffe 
bes und Liebgeworbenen gerne noch 
Nachrichten empfangen, und wären 
folde um fo wejentlicher geweſen, als 
fpäter bie Grabfteingefhichte jo viel 
Staub aufmwirbelte. 

Für bie Kinder bes SFreiheit- 
kämpfers mwurbe von dem „®Bereine 
ber Berfaffungsfreunbe in Vorarlberg” 
eine Sammlung eingeleitet, die in 
kurzer Zeit den namhaften Betrag von 
2100 Gulden ergab. 

Der „Verein der Xiroler und 
Borarlberger“ in Wien beſchloß, bem 
Dichter Michael Felder ein Denkmal 
zu errichten. Dasjelbe wurde von 
Joſef Gaffer ausgeführt; auf einem 
großen Sodel ruht eine fieben Schuh 
hohe Granitpyramide mit bem lorbeer: 
umrahmten Medaillon bes Dichters, 
Um und gegen bieje8 Denkmal ent- 
brannte nun ein Streit, ber in feiner 
Art beifpiellos ift und in ber Eultur- 
geſchichte Vorarlbergs feinen Platz be- 
baupten wird. Man wollte das Denk: 
mal in Schoppernau auf SFelber’s 
Grab jegen; die Anti-fyelberer, ber 
Pfarrer von Schoppernau an ber 
Spige, agitirten aber dagegen in un— 
glaublichſter Weile. Einmal war ihnen 
ber Verſtorbene nicht chriftlich genug, 
dann wieder war es das Denkmal 
nit, ein andbermal nahm es zu 
viel Raum ein und ftörte aud 
durch ben Fremdenzuzug, ben es verur- 
ſachen konnte, die Ruhe des Kirchhofs. 
Endlich Fand die kirchliche Behörde 
gar ben Lorbeerkranz anftößig; ein 


tern ober ſolchen Perſonen, die an 
einer katholiſchen Univerfität befränzt 
worben feien. Mehrere Gemeinbever: 
tretungen mwurben mit in ben Streit 
gezogen, ebenfo der Biſchof, die Be— 
zirfshauptmannfchaft, der Landesaus— 
ſchuß und die Statthalterei. Viel Auf: 
regung gab es babei unb einen Ge 
waltftreih; alles Nähere ift in San- 
der’3 Buche ganz poffierlich nachzulefen. 
Heute noch“* iſt die Sache nicht ganz 
geſchlichtet, doch fteht Michel Felder's 
Denkmal auf dem Kirchhofe zu Schop: 
pernau. Die Geſchichte des Denkmals 
gehört als Nachipiel zu Felder's Le- 
ben; wir fehen da nochmals dieſelben 
Kräfte thätig, gegen bie ber größte 
Mann des Waldes antämpfte. 

Ein Jahr nad) Felder’3 Tod kam 
Schreiber diefer Zeilen zufällig auf 
einer Alpenreiſe nah Schoppernan. 
Auf eine Frage nach Felder's Grab 
war die Antwort der Wirthin: „Nu 
ja frili, da oben in der Stillftatt liegt 
er. Geht wohl auch mwallfahrten nad 
dem Marterlen von dieſem Fabelhans 
und Undriften? Der hätt’ beſſer auf 
feine Wirthſchaft geſchaut, daß nicht 
ber Hunger heim Herb und der Bet- 
telftab beim Mittagstiſch wär’ geftan- 
den. D Göttle nein, daß ih dem 
Tobten was Schlechtes wollt’ nach— 
fagen, aber befjer hätt’ er's machen 
bürfen. — Ruh’ feiner armen Seel!” 

Die Frau war fiherlih auch einer 
von feinen Marterknechten gemwejen. 

Wir fließen das Gebächtniß und 
geben unfere Meinung über Michel 
Felder dahin ab, daß feine Dichtun- 
gen, aber noch mehr feine kühnen po: 
fitifchen und focialen Anläufe phäno- 
mal find, daß aber fein eigenes 
Weſen, in welchem ber Keim zu 
Großem lag, am meiften zu bemun- 
bern ift. 


619 


Als id den Raifer Bofef ſuchte. 


Eine Erinnerung von 9. R. Rofegger. 
Schluß.) 


Wie es jetzt kam, iſt freilich nicht 
zu beſchreiben, denn die es leſen, wer: 
ben faum jemals in ber Lage ge 
wejen jein, ben Einbrud und bie 
Stimmung kennen zu lernen, welche 
in dem Walbbauernbüblein wirkten, 
als es einzog in bie Wienerftabt. Der 
Knabe hatte wohl Märchen gehört 
von Glanz, Zauber und Wunder — 
aber das war ein Stillleben geweſen 
in feiner Kleinen Seele. Hier aber bie 
Pracht, die Wunder, die fieberhafte 
Bewegung unb ber Lärm. — Dieje 
Paläſte, von denen man in der Nacht 
nur Die ftrahlenden Spiegelmände 
berunten ſah, nicht aber das obere 
Ende und wie hoch fie in den näch— 
tigen Himmel binaufragten. Und ber 
Schwarm von Menjhen zu Fuß, zu 
Magen, zu Pferde, dieſes Raffeln, 
Schrillen, Klirren und Klingen, diejes 
Haften, Rennen, Sohlen, Schreien 
burcheinander. — 

So gelangte ih durch eine breite 
Straße (wahrjcheinlih die Wiener 
Hauptſtraße) hinein. Die Gaffen wur: 
den gar immer enger unb immer le 
bendiger — endlich aber war's mit 
einemmale weit. Ein Pla mit Bäu— 
men, ein Wald mit vielen tauſend 
Lichtern — es war, als ob dieſe 
Wiener Bäume lauter Flammenblüthen 
hätten. — Ich glitt mit der Menge 
dahin. Es ging über eine hohe Brücke, 
e3 ging durch ein dunkles Thor, wo 
des Hallens und Schallens fein Ende 
war. Und als nun vollends bie Nacht 
eingetreten war und nur bie hundert 
Lichter über den gläfernen Wänden 


blendeten, wußte ich nicht mehr, ob 
ih im Freien war, ober in ben lan- 
gen Gängen eine® Palaſtes. Die 
Kärntnerftraße war's. Und das Ge 
dränge fand ich hier derart, daß ich 
mic in einen Wandwinkel brüdte und 
dort ein menig abzuwarten bejchloß, 
bis der ärgfte Haufen vorüber ei. 
— Maldbauernbub, das geht nicht 
vorüber, ober du hätteft bis im bie 
ſpäte Naht warten müſſen. So haft 
auch du dich bald mieber vorange- 
macht, und als du ſaheſt, daß beine 
böflichen Grüße von Niemandem er: 
wiedert wurden, daß bie Leute — 
fonft alle jo vornehm gekleidet und 
weiß im Gefihte — wie toll anein— 
ander vorüberichoffen, fi jogar an 
tannten, drängten unb jchoben und 
ftießen, da haft bu gedacht, du könn— 
ieft e8 auch jo mahen — unb bamit 
bift du weitergefommen. Freilich mwä- 
reſt du, troß beiner ſchwer beichlage- 
nen Schuhe, auf ben glatten Steinen 
ein parmal ſchier ausgegliticht und 
hätteft der nächiten Glaswand eine 
Ohrfeige verfegt. Freilich warſt bu 
plötzlich drin unter Roß und Wagen 
und haſt dir ſchon gedacht, mitten in 
der Wienerſtadt biſt hin, aber die 
Stadt-Rößer find geſcheidt, die treten 
kein Bauernbübel nieder; wäreſt du 
nur erſt zwiſchen ben Stadt⸗Leuten 
glücklich durch. 

Endlich gingen die Häuſer etwas 
auseinander, um einem noch größeren 
— ſchon dem größten Gedränge Platz 
zu machen. Und da ſtanden ganze 
Reihen von Fuhrwerken und warteten, 


620 


bis einer auffuß. Und die Wägen 
glänzten, wie am Frohnleichnamstag 
die, gewichften Stiefel des Schulmei- 
fter8 in Krieglach; und jeder Wagen 
hatte voran zwei Laternlichter, als 
ob bie Röffer ihre Augen hinten hätten. 

Ueber al’ dem taufendfältigen 
Gewühle ragte eine ungeheure, finftere 
Mafle auf. Das war fein Haus, dazu 
war e3 zu riefig und ſchwarz, fein 
Berg, dazu war ed zu ſtramm — 
e3 ging unabjehbar und einfam hinauf 
in die Nacht. 

„est muß ich fchon fragen, was 
ift benn das?“ rebete ih Einen an. 
Zweimal fragte ih, bis er mir Ant- 
wort gab. 

Weit that ich die Augen auf und 
mwahrfcheinlich au den Mund. Diefer 
Haufen — bie ſchwarze Wucht war 
ber Stefansdom — bie Stefansfirche? 
Es war unerhört. Ich fuchte den Ein: 
gang und fand ihn. Da drinnen war 
es fühl und dunkel und faft ftill. 
Dort und ba ging ein Menfchlein 
herum zwilchen ben ſchwarzen Pfei- 
lern; bort und da glimmte eine Ampel 
vor einem büfteren Bildniß. Ich hatte 
gar feinen Maßſtab für die Schönheit 
und Größe biefes Baued, mir war 
er nur fremb und unheimlih. Trotz 
bem fühlte ich, daß es eine Kirche 
war unb als ſolche ein mir heiliger 
Drt. Müde und erfchöpft ſetzte ich 
mih in eine Bank und ruhte und 
träumte. Ich dachte an das ferne, 
liebe Daheim zwijchen den Wäldern 
und wie ih nun verſetzt war mitten 
in das ungeheure Wirbeln und Wo: 
gen ber großen Stabt — ganz allein, 
ganz fremd. Eine eigene Stimmung 
war's. — Wäre nur erft die Nacht 
vorbei und ich könnte mich umfehen 
und doch zum Kaifer kommen! — 
Einftweilen bat ich meinen Schugengel 
um feinen Beiftand, und bann ging 
ih wieder hinaus in das Gewühle 
und in das Schimmern ber Lichter. 

Ich ging durch Gaſſen und Gaſſen, 
durch breite, belebte, durch entlegene, 
finſtere; ging durch Thore und über 


Brücken, gleichviel wohin. Wollte vor 
allem wiſſen, wo denn dieſe Stadt 
ihr Ende habe. Ueberall Häuſer und 
Lichter und Menſchen. Menſchen, fremb 
in Kleidung, Sprahe und Geberbe. 
Alle find fo gefcheibt und viel erfah: 
ren — unb von Krieglach-Alpel weiß 
fein einziger was. 

Da kam ih an einem Bau vor: 
bei, aus bemjelben ftrahlten Lichter, 
ballten Geſänge. Das mar Gottes: 
bienft in einer Kirche. Ich zog ben 
Hut ab und trat durch das Thor 
hinein. Ja freilich war das feierlich 
und viele brennenden Qufter bingen 
nieder — viel ſchöner, wie daheim 
in der Chriſtnacht, aber der Priefter 
am Altare — ih erjchraf fürdhter- 
(ih, erfchraf vor mir felber, daß ich 
benn ein Narr geworben. — Der 
PVriefter Hatte einen hohen ſchwarzen 
Hut auf, und alle, die da waren, be- 
teten unb fangen, hatten ihre hoben 
Ihwarzen Hüte auf dem Haupte. Du 
wunderliche Sad’ ! — Als der Schred 
vorüber war, fam mir das Laden; 
eine Weile vermochte ich es zurüdu- 
halten, allein als ber Priefler fo 
ernfthaft feine Hände ausbreitete und 
ein jo fpaßhaftes Geſchrei anhub und 
als die Anderen dieſes Gefchrei nad): 
machten, brach mein Gelächter aus. 
Da nahm mich ein jchwarzbärtiger 
Mann am Arm, führte mich hinaus 
und fagte: In der Synagoge müſſe 
man fi anftändig betragen. 

Als es dann herausfam, daß ich 
in einem ubentempel gemwejen war, 
erſchrak ich noch einmal und machte 
meinem Schußengel Vorwürfe, daß er 
nicht beffer auf mid Acht gegeben 
hatte. 

Aus einem anderen Bau hörte ich 
luftig Muſik und Gefang. Das war ein 
Schaufpielhaus, ich merkte es balb. 
Mit dem Manne, der das Gelb nahm, 
verhandelte ich um ben Preis. Wie 
beliebig, ich konnte fünf Gulden zahlen, 
oder auch nur breißig Kreuzer. Die 
Wahl fiel mir nicht ſchwer, doch er: 
fundigte ih mich, wie lange ih um 


621 


dreißig Kreuzer drinnen bleiben dürfe. | Schugengel ins Haus gelaffen hatte. 


Als ich erfuhr, daß ich bis zum Ende 
bleiben und Alles jehen und hören 
könne, ging ich, den Hut ſchon in ben 
Händen tragend, wohlgemuth bie vielen 
Treppen, die man mir wies, hinauf 
und plöglich jah ich vor mich in einen 
Abgrund hinab, in dem nachgerabe 
Alles von Gold und Silber war. Aus 
den Wänden wuchſen goldene Aeſte 
heraus, darauf brannten Lichter und 
aus den Hundert Wanbdfenftern jahen 
Leute hervor, lachend und Tebenbig. 


Die Männer waren kohlſchwarz bis | bei 


auf die weißen Gefihter. An dieſe 
Gefihter fegten fie Dinge, in der Art 
wie Heine Doppelpiftolen und zielten 
bamit nad allen Richtungen herum. 
Die Weiber hatten an ben Händen 
breite Flügel, mit denen fie in einem: 
fort flatterten, wie unfere Hühner 
daheim, wenn fie Eier legen wollten. 
Bon der merkwürdig prächtigen Dede 
hingen goldene Kronen mit leuchten- 
den Kugeln nieder, die machten hell, 
wie der Tag. Und unten jtatt bes 
Fußbobend waren lauter Menjchen- 
föpfe und viele weiße Scheiblein da— 
runter, die bei näherer Betrachtung 
auh Menfchenhäupterr waren, nur 
feine Haare aufbatten. 

Jetzt Hub plöglid wieder bie 
Mufit an und fo laut, daß ich jchier 
erſchrak. Darauf begann bie einzige 


Berhert war die ganze Sad, benn 
plöglih waren bie Tänzerinnen blut: 
roth über und über, und gleich daranf 
ſchien eine jo belle Sonne auf fie, 
daß alle andern Lichter matt waren, 
und wie ich juft heil zu jubeln an 
heben will über dieſe Wunderbarlid: 
feiten, da raufcht die Wand nieber 
und bie Leute erheben fih. — Ich 
bin noch eine Weile ftehen geblieben, 
in der Meinung, es würde noch was 
zu jehen geben, aber bie Leute drängten 
i allen Löchern hinaus unb bie 
Kronen verlofchen. 


Bald darauf ftand ih auf ber 
Gaffe und überlegte, was nun zu 
machen. Hungrig war id, mübe war 
ih; die Uhr des nächſten Thurmes 
Ihlug zehnmal, — Für heute laß’ 
e3 genug fein; wo wirft bu fchlafen 
bie Naht? — Es fügt fih doch 
wieber gut, dort an ber Ede fteht 
ein großes Wirthshaus. Durch die 
Fenſter ſah man's, wie die Leute 
an weißgebedten Tiſchen aßen und 
tranken, Zeitungen lafen und Tabak 
tauchten. 

Das Vorhaus allein ſchon war 
viel lichter und fchöner, als in Krieg: 
la beim Kirchenbäck das Ertra- 
zimmer. 

Ein ſchwarzgekleideter, ſehr fein 


Wand, in der feine Leute hodten, fich | herausgeputzter Herr kam, ber hatte 
zu bewegen unb ging in die Höhe. — ſein weißes Sackuch über ber Achſel 


Seht waren euch auf einmal bie 
Berge da. Weiße Jungfrauen famen 
daher, fie waren fromm und jchön, 
wie daheim die Mägblein am Kran: 
zeltag; fie haben ein Lieb gejungen 
und ich meine jchier, es ift ein hei— 
liges gemwejen. Aber bie Branheit 
bat nicht lange gedauert — jäh— 
lings find die langen Kleider weg und 
zu hüpfen und zu jpringen heben bie 
Dirndeln an, gar wie bejeffen. Meiner 
Tag hatte ich noch nicht gefehen, wie 
fo nadte Füßlein ausfhauen. Und find: 
haft lang waren fie, und ich fands jchier 
zum Berwunbern, baß mid) mein 


hängen. — Was ih wolle? 
„Bableiben möcht’ ich halt.“ 
„Ein Zimmer ?“ 


„Iſt mir ſchon recht, wenn Ihr 
eines entrathen könnt.“ 

Er führte mich über zwei breite 
Treppen und in ein Zimmer, in dem 
es eine Herrlichkeit war. Lauter ge= 
polſterte Seſſel und auch eine ſolche 
Bank. Und ein Spiegel, der war 
größer wie ich ſelber, ich hatte ihn 
zuerft für eine Thür gehalten, durch 
— ein Bauernbub auf mich zu: 
am. 


622 


Der Herr zündete zwei ſchnee— 
weiße Kerzen an, ba fiel mir glüd- 
licher Weife bie Frage ein, wie viel 
ih benn für al’ das zahlen müſſe. 

„Ber Tag einen Gulden adht- 


en 

verjegte ih, „nur für bie 
—* allein hätt’ ich's mögen, aber 
es ift mir auch um bie Halbicheib’ 
noch zu theuer. Dreißig Kreuzer will 
ich hergeben.“ 

Da wurde ber Herr roth im Ge- 
ſicht — ih Hatte in Wien noch 
Keinen mit fo guter Farbe gejehen 
— und job mich zur Thür hinaus. 

Jetzt fand ich auf der bunflen 
Gaſſe; fie war fill und öbe; ein 
Wald auf den Bergen thut fich nicht 
jo ödmeilig, und wenn aud fein ein- 
iger Menſch darin ift. 

Bismweilen ein vornehmer Wagen 
tollte vorbei. Eine Frau, bie aber 
einen Flor über dem Gefichte hängen 
hatte, fam auf mich zu; als fie den 
Flor hob, jah ih, daß fie jehr jung 
und ſchön war; als fie rebete, jah ich, 
daß fie auch gut war. Ich hatte fie 
gebeten, mir eine Liegerftatt zu ver: 
Ichaffen. 

„Bern“, flüfterte fie. 

Als wir eine Strede mitfammen 
gegangen waren, fragte fie, ob ich 
Geld habe. 

„Ja,“ antwortete ih, „ich hab’ 
ein Lammel gehabt und das hab’ ich 
verkauft, und baven Hab’ ich 
mehr al3 wie die Halbſcheid.“ 

„Das ift nicht viel”, fagte fie, 
„das mußt Du fleißig aufiparen ; wenn 
Du Dir erft einen großen Widder 
erwirthfchaftet haft, das gibt fchon 
mehr aus,” 

Und fie raufchte davon. 

Seht ſtand ich wieder verlaflen. 
Ein Maun trillete und taumelte 
vorüber; dem wollte ich anſprechen, 
aber als ich ſah, daß er jelbft eines 
Beiſtandes bedurfte, und wie er fich 
hinter einen Brüdenpfeiler auf ben 


zeig fein und dachte, fo machſt es 
auch und ba legft dich nieber. 

Ein altes Frauden, das fchon 
früher an mir vorübergehumpelt war, 
fam mieber bed Weges und fragte, 
was ich denn bier made? — Hub id 
zu weinen an: „Seine Nachtherberg 
kann ich finden.” 

Auf der Stelle nahm fie mich mit. 

Sie führte mich in eine Gegenb, 
wo bie jhönen Pflafterfteine aufhörten 
und wo viel kleinere Häufer ftanben 
als die Andern waren. Sie führte 
mid in einen Hof und über eine 
finftere Stiege hinauf. Bald waren 
wir in einer einfahen Stube; bie 
alte rau zünbete eine Lampe an — 
das war freilich nicht jo hell, als im 
Schaufpielhaus. In ber Stube war 
ein eiferner Ofen, auf dem ftand ein 
Topf. Die Frau nahm ihn und goß 
Suppe auf zwei Teller, unb legte 
von ben Semmeln, bie fie geholt 
hatte, eine vor mich bin, auch einen 
Löffel dazu, nun folte ich eſſen. 

Bei den Bauern ift ber Brauch, 
daß, wenn fie zu Gajte find, fie von 
Allem, was fie effen, ven Reft in ber 
Schüſſel laſſen. Da war ih nun in 
Berlegenheit, denn ber Teller war 
gar flach, und wollte ich etwas übrig 
laffen, jo blieb nichts für meinen 
Löffel. Der Hunger half mir endlich 
über alle Bedenken hinaus. 

Als wir gegefien hatten, fragte 


noch | mich meine Gaftfrau nad Stanb unb 


Heimat. Ich erzählte ihr Alles, von 
meiner Mutter weg bis zu ihr. 

Da fagte fie — Worte: „Bei 
meiner Seele, Du biſt mir ein recht 
leichtfinniger Burſch'‘. Bon Deinen 
Eltern fo fortlaufen! Mas willft denn 
in Wien, wenn Du fein Geld haft 
und feinen Belannien? Zu Grunde 
kannſt gehen, das fannft davon haben. 
Eine jolde Stadt ift nicht, wie ein 
ſteiriſches Dorf; da gibt's ſchlechte 
Leut', und wenn Du liegen bleibſt auf 
der Straßen, kein Menſch kehrt ſich 


Erbboben legte und darauf liegen darnach; und wenn Du verhungerſt, 
blieb, ließ ich mir das einen Finger: ſo ſchleppen fie Dich in die Todten⸗ 


623 


fammer unb fchneiden Dir den Leib 
auf, zu jehen, woran Du geftorben 
bit. Und fein Menſch weiß, mo 
Du bingehörft und Dein Vater und 
Mutter daheim können fich die Lungen 
berausichnaufen und ſuchen und fra: 
gen nah Dir und das Herz her— 
andweinen. — Kind, daß Du ihnen 
den Kummer haft angethan! — Den 
Kaiſer aufjuhen, das find Albern- 
beiten. Sept legt Dih da aufs 
Sopha und jhlaf’ft Did aus. Und 
morgen früh geh'ſt mir jchnurgerabe 
heimwärts. — So, und jetzt mad)’, 
daß Du zur Ruh’ kommt! 

Ich ſchluchzte noch lange in mein 
Kopfkiſſen hinein, doch endlich kam 
der ruhſame Schlaf. 





Am nächſten Morgen aber, als 
ich wieder friſch und munter durch 
die reichen, rauſchenden Gaſſen und 
über die Brücken und hohen Mauer— 
gänge zog und die helle Sonne hin— 
einſchien auf die Thürme und Paläſte 
und der Stefansthurm frei in die 
Himmelsbläue aufragte — da war 
vergeſſen, was die gute alte Frau 
geſagt hatte. — Ich bleibe in Wien 
und gehe zu meinem Kaiſer. 

Raſch wandelte ich an Allem 
vorüber und fragte nad dem Kaifer- 
haus. Nah manchem Hinundherfuchen 
ftanb ich auf dem Burgplak neben 
dem fteinernen Reiter der damals 
noch allein ftand, und ſah vor mir 
das gelblihgraue Gebäube mit den 
unzähligen Fenſtern. — Da drinnen 
wohnt er? Wenn er nur baheim 
ift und etwa nicht wieder in allen 
Ländern herumzieht wie ein Hand— 
werksburſche. Und wenn er daheim 
in? Was reden? Friſch fragen, wie 
es ihm geht, was bie Frau Mutter 
macht, und daß er doch fo gut fein 
und feinen Krieg anheben folt’, und 
ber Schmiedhofer Hansjörgel wär 
jegt auch bei den Soldaten, und wenn 


fie den niederſchießen, jo hätten fie 


Mepgern verftünd! — Für Uebel 
halten kunnt er's nicht. 

Ich ging durch das breifadhe 
Thor. Da war ein großer Platz mitten 
im Kaiſerhaus, und da ſtanden er— 
ſchrecklich viele Soldaten mit aufge— 
pflanzten Gewehren. Dort, wo ich 
durchgehen zu müſſen glaubte, ſtanden 
zwei baumſtarke Mann mit weißen 
Riemen über der Bruſt und ungeheure 
ſchwarze Pelzhauben auf den Köpfen. 
Zwei bärtige Kerle mit finſterem Ge— 
ſicht, mit Säbel und Gewehr, juſt 
zum Dreinfahren. Ich wollte ſchier 
nicht zwiſchen ihnen durch, doch als 
ich ſah, daß auch Andere unbehelligt 
aus und ein gingen, wagte ich's auch, 
und die beiden Thorſteher blieben 
ſtarr wie von Holz. 

Ich ging über breite Steintreppen 
empor, ging ſchneeweißen Gängen ent⸗ 
lang, ſo daß meine Schritte in den 
Mauern wiederhallten. Da waren 
hohe, braune und vergoldete Flügel- 
thüren ber Reihe nad. — Ya, wenn 
man nur wüßte, welches bes Kaiſers 
Bimmer jei! 

„Was mahft Du da, Yunge?“ 
fragte ein heranfchreitender Herr mit 
Glasaugen und einer Stine, bie faft 
bis zu dem Scheitel hinaufging. 

„Da kommt Ihr mir juft recht, 
wenn id bitten darf, den Herrn 
Kaifer thät’ ih gerne ein wenig 
heimfuchen.” 

„Sp. Ya mein Lieber, das wirb 
wohl etwas ſchwer gehen.” 

„Dh“, fagte ih, das geht Leicht, 
mit dem Kaifer Joſef darf Jeder 
reden, auh ber Bauersmann, — 
hab's wohl geleſen.“ 

„Der Kaiſer Joſef?“ fragte der 
Herr. Da habe ich ihm erzählt, wie 
ich von Steiermark hergekommen wäre, 
um den Kaiſer Joſef zu ſehen. 

Er ſah mid) lange an, war ernſt⸗ 
haft, lächelte und wurde wieder ernft- 
haft. Ich bin ganz zutraulich geworben 
und habe Bieles erzählt, was mir 
über den guten Kaiſer Joſef auf dem 


im ganzen Alpel Keinen, ber das | Herzen lag. 


624 


Der Herr fette fih auf eine Ban, | Heimatshaus im Kaiferhaus! Und 
nahm mich an der Hand und ſagte: da ift der Wald, und ba find bie 
„Burſche, Du bift ein fonderbarer | Felder und da ift die MWeibe, wo ich 
Schwärmer. Da Du aber fchon nad | die Schafe Hüte! Alles ift da — 0 
Wien gelommen bift, um Kaifer Joſef du merkwürdiges Blatt Papier! 
ben Zweiten zu jehen, jo muß man| „Gut,“ fagte ber Herr, „es ift, 
Did auch zu ihm führen. Warte, wie Du mir erzählt haft, und mun 
jegt hahen wir neun Uhr. Um zehn ſpaziere noch ein bischen in der Stadt 
Uhr ſtellſt Du Di vor ben Eingang herum und um zehn Uhr warte bei 
ber Kapuzinerkirche, verſtehſt? der Kapuzinerkirche. Du wirft fie 


werde mich dort einfinden, dann wollen 
wir zufammen gehen.“ 

„Da bin ich wohl recht froh,” 
antwortete ich, „ein bifjel ſcheuen thu’ 
ih mi aber auch, wenn's Ernſt 
wirb.” 

„Kaifer Joſef thut Dir nichts zu 
eibe. Uebrigens, Junge, 
fomme jet einmal mit mir.“ 

Er führte mich treppauf, treppab, 
führte mich über Fußböden, belegt 
mit blumigen Tüchern, dur Gänge 
und Säle, ſchloß endlich eine Flügel: 
thür auf, und jet waren wir in 
einem Tempel. Aber alle Wände wa: 
ren voll von Büchern; auf den Ti— 
ſchen lagen offene Bücher, Bilder, 
alte Handſchriften und ſonſt allerlei 
Papier. 

„Das ift die Sofefinifche Biblio: 
thek“, jagte mein Begleiter. Ich blidte 
ihn an, war feinem Worte gegenüber 
hilflos. 

An einer Ede des Saale ftanb 
eine Weltkugel mit allen Gewäſſern 
und Ländern ber Erbe, wie mein 
Führer mich unterwies. 

„Wenn das bie ganze Welt ift,“ 
fagte id, „jo wirb wohl aud Krieg: 
lach: Alpel darauf fein. 

„Freilich, aber das kann man mit 
freiem Auge nicht mehr jehen, ba 
müſſen wir etwas Anderes nehmen.“ 

Und er flug eine große Land— 
farte auf. — Steiermark, Mürzzu— 
—* Krieglach, — Alpel — ſiehſt 

u?“ 


Ich gudte und ich jah, und da 
war noch ein jchwarzes Pünktchen, 
und bei dem ftand gejchrieben: Wald: 
bauer. Da jubelte ih auf. — Mein 


leicht erfragen.“ 

So verließ ih bas Haus, kam 
glüdlih wieder an den zwei unge 
heuren Pelzmützen vorüber, fam auf 
einen Garten hinaus, wo ich mid 
auf den Beſuch beim Kaifer vorzu- 
bereiten judhte. Mir war unftät zu 
Muthe. Es ift doch ein hoher Herr 
und fann mit jeinen Unterthanen 
machen, was er will. Aber ich rief 
alle Geihichten, bie ih von ihm in 
den Volksbüchern gelejen hatte, in 
meine Erinnerung zurüd — es ift 
ein ebler, ein milder, ein gütiger 
Mann. Mit neuem Muthe ſuchte ich 
die Kapuzinerkirche auf. 

Ich fland nicht lange bort, fo 
fam jener Herr aus bem Kaiferhaufe 
heran und mit ihm ein geiftlicher 
Bruder. Diefer ſchloß das Thor eines 
Gewölbes auf; dort zünbete er ein 
Kerzenliht an und führte uns hinab 
über eine finftere Treppe. 

— Märe denn ber Kaifer Syofef 
heut’ im Kloſterkeller? Das thät’ mich 
doch wundern. 

Ich hielt mich ftet3 nahe an meinen 
befannten Herrn. Nun fohritten wir 
langfam zwiſchen großen, fteinernen 
und erzenen Blöden uud Käften hin. 
Bor einem ſolchen — er ſah aus 
wie eine riefige Tobtentruhe — blieben 
wir ftehen. Der Herr nahm mir ftill 
den Hut vom Kopf, dann legte er 
feine Hand auf das Erz und jagte: 
„Hier, mein Junge, in diefem Sarge 
ruht unjer Kaifer Joſef.“ 

Geftorben ſchon vor mehreren ſech— 
sig Jahren. 


625 


So habe ih ihn geſucht, den 
großen Kaifer, den wir nimmer ver: 
gefjen können, den das Volk jo lieb 
bat noch heute. So war ich in ber 
Ginfalt des Kindes, in der Beharr: 
lichkeit einer heiligen Verehrung an's 
Biel gg war hinabgeftiegen in 
fein Grab. 

Kein Wort Fonnte ih ausſprechen, 
mich fchauerte tief. Ich habe faum 
einen Blid mehr gethan auf den fai- 
jerlihen Sarktophag, der von dem 
Flämmlein de3 geiftlichen Bruders matt 
beleuchtet war, feinen Blick auf die 
andern Särge — davon taumelte ich 
die Stiege hinauf und in einem Winkel 
der Kirche bin ich ausgebrochen in ein 

bittere Schluchzen. 
Der Herr aus ber Burg legte 
mir die Hand auf die Achjel, aber 
er jagte fein einzige® Wort. — 

Später hat er mich gefragt, ob 
ih nicht wünſche, Seiner Majeftät, 
dem jeßigen Kaiſer vorgeftellt zu werben ? 

„Iſt das ein Sohn vom Kaiſer 
Jofef?“ fragte ich. 

„Das nicht, aber das hindert 
unjeren erhabenen Landesfürften nicht, 
ebenfalls ein edler Herrfcher zu fein.“ 

„Und geht er aud unter ben 
Reuten herum und fragt, was für 
Geſetze fie haben wollen ?* 

Mein Begleiter ſchwieg. Erft nad) 
einer Meile antwortete er: „Unfer 
Kaifer Franz Joſef läßt feine Völfer 
jelbft die Geſetzgeber ausſuchen und 
wählen, bie fie haben wollen.” 

Das wäre wohl auch recht brav, 
meinte ih, aber mich ihm vorjtellen 
lafjen, das thät’ ich mich nicht ge 
trauen; mit dem neuen Kaiſer wäre 
ih halt doch zu wenig befannt. 

„So lebe wohl, Du Heiner Stei- 
rer,” jagte mein Begleiter, „und wenn 
Du groß bift, jo fomme wieder ala 
braver Soldat, da wirft Du dem 
Kaifer Schon Freude machen.“ — 

Nun war ich fertig. 


ob es denn wahr fei, daß man weit 
und breit fein Ende von ihr jebe; 
in den Prater hinabzugehen, um bie 
große Donau und ihre Schiffe zu 
erbliden; in Schönbrunn den Thier: 
garten zu bejuchen, um zu ſehen, ob 
unter den Elefanten, Löwen und Dra- 
hen auch weiße Lämmer wären — 
aber all’ das ließ ich nunmehr fahren, 
meine Freube an Wien war gebrochen 
— Kaiſer Joſef ift geftorben. 

Dienſtwillige Leute hatten mir 
ihre Führerſchaft angeboten; einer 
derſelben, als er hörte, daß ich a 
Steiermark ſei, rief: „Das trifft ſich, 
ich bin auch ein Steirer, bin aus 
Stuhlweißenburg.“ 

„Das iſt ja in Ungarn“, be— 
merkte ich. 

„Ei, in Hartberg wollte ich ſagen. 
Na, das freut mich, kommen Sie 
doch mit auf ein Glas Wein.“ 

Er führte mid in eine Vorſtadt; 
führte mid in eine Schenfe, die halb 
unterirdifch lag und mehr von Nacht— 
lichtern als von den hochgelegenen 
Fenſterchen beleuchtet wurde. Da 
gings nicht gar viel vornehmer zu, 
als in den Wirthshäufern daheim und 
die Leute fetten fich gleich zu unſerem 
Tiſch und waren freundlich mit mir. 
Einer meinte, wir fjollten uns doch 
die Zeit vertreiben und zog Spiel: 
farten hervor. — Spielfarten habe 
ich nie leiden mögen, ich zahlte meinen 
Mein und ging davon. 

Ich trachtete wieder jenem Theile 
der Mienerftabt zu, in welchem der Ste- 
fansthurm fteht. Da kam ich auf eine 
Sandhaide, auf weldher Soldaten Kriegs- 
übungen hielten. Ich jah ihnen eine 
Meile zu, dann jeßte ih mic) auf einen 
Stein und unterfuchte einmal den Inhalt 
meiner Geldtaſche. Ich erſchrak jehr. 
Vom ganzen Lammel war kaum der 
Schweif noch da. — Traurig ſaß ich 
und ſtützte den Kopf in die Hand 
und ſagte zu mir: „Bub, wärſt Du 


Ich Hatte die Abſicht gehabt, auf! jegt daheim. Das Leſen von der 
den Stefansthurm zu fteigen, um bie | Wienerftabt ift Iuftiger, als in ihr 


Stadt anzufhauen, um zu erfahren, |mit leerem Sädel herumzugehen.“ 


Kofegger’s „Heimgarten“‘ 8. Heft. 


40 


626 


„He, Burke, was machſt Du 
da? gi tief mich plötzlich ein vorüber: 
gehenderHerr mit einem langen Barte an. 

„Warten thu’ ih,“ gab ich miß- 
muthig zur Antwort. 

„Auf wen denn?” 

„Auf einen Fünfguldenbeutel.” 

„Den kann ic Dir nicht geben,“ 
fagte er, „aber fünf Gulden magit 
haben, wenn Du mit mir kommſt.“ 

Das ift ein Spikbub’, dachte ich 
mir, aber jegt möchte ich nur jehen, 
wie weit er's treibt. Neben dem bin 
ih der Stärkere, Geld fann er mir 
fein’8 nehmen, und mein Gemwanbt 
it ihm zu Hein. 

„Du traueft mir am Ende gar 
nicht,” lachte der Bärtige, „wirft es 
aber jehen, e8 geſchieht Dir nichts 
und nad einer halben Stunde haft 
Du Deine fünf Gulden. Denke einmal, 
was Du Dir da Alles kaufen kannſt!“ 


Meine Herabgefommenheit machte 
mich unternehmungsluftig. Ich ftand 
auf und ging mit bem Manne. 

Diejer führte mich hin über den 
Sand, dann durch einige Gaffen, 
dann in einen Hof und über etliche 
Treppen hinauf und in ein Zimmer. 
An den Wänden hingen allerlei Bil- 
ber, die meiftens ohne Rahmen waren. 

„Run jeße Dih auf biefen Stuhl. 
So!” jagte der Bärtige, „den Stod 
lehne in den Elbogen hinein und jege 
den Hut jo!” Den Hut ſchob er mir 
in den Naden zurüd, die Haare 
ftrih er mir über bie Stirne herab 
bis zu den Augen, als ob er abficht: 
lih einen reht dummen Bauernbuben 
aus mir machen wollte. Ich ftrich bie 
Roden nad rüdwärts, ſchob den Hut 
nad vorwärts. 

„Laß' doch!” rief der Mann ſcharf. 
Da getraute ih mir feine Bewegung 
mehr zu machen. — Was wird jeßt 
mit mir gejchehen? 

„So, mein Lieber,“ jagte er, 
„jetzt bleibe mir ein bischen fißen 
und fieh Dir einmal dort die ſchöne 
Frau an!“ 


Er hatte nämli eine fehr ſchöne 
Frau an der Wand hängen. 

„Gefällt fie Dir?” fragte er, in- 
dem er mit bem Bleiftift raſch auf 
einem Papier herumfuhr. 

„Ja, die thät mir wohl gefallen ; 
ift das die heilige Maria Magdalena ?* 

„— Vieleiht die griechiſche,“ 
late er. 

Nicht gar Lange nachher Fonnte 
ih aufftehen und nachſehen, was er 
auf das Papier gezeichnet hatte. Da 
faß ein Bauernjunge auf dem Stein, 
der hatte den großen Hut im Naden 
und die Haare im Geficht und machte 
Glotzaugen. 

„So, mein Kleiner, nun danke ich 
Dir und hier haſt Du deine fünf 
Gulden.“ 

Wie kann denn das ſein? Der iſt 
ſo gut und zeichnet mich auf und 
läßt mir noch die ſchöne Frau an— 
ſchauen und zahlt dafür das viele Geld! 

Ich hielt meine Hände hinter den 
Rücken. 

„Nu, beiß' an!“ 

„Ja, wenn ich das annehme, ſo 
iſt es wohl eine Grobheit“, entgegnete 
ich und habe meinen Augen immer 
noch nicht trauen wollen. 

Auf der Gaſſe ſah ich nad, ob 
die Fünfguldennote nicht etwa auch 
mit Bleiftift gezeichnet jei, jo wie 
das MWaldbauernbübel. Aber es war 
ein echte Geld mit Waſſerdruck. 

So reih, mein Heiner Burjche, 
bift du noch dein Lebtag nicht ge— 
weſen. Seht kannſt es nobel geben, 
fannft auf der Eijenbahn bis nad 
Krieglach fahren. Flott geht’! 

Als ob ich keine Füße hätte! So 
dumm bin ich nicht, daß ich meine 
zwei Füße nur dann firapazire, wenn 
ih mir damit nicht verdienen fann. 
Jetzt jollen fie mic) nad Steiermarf 
tragen, ich zah' ihnen bafür fünf 
Gulden. Die fünf Gulden werben fie 
dem Walbbauernbuben ſchenken und 
ber wird ſich dafür Bücher kaufen. 

Ich ſuchte eine Buchhandlung 
auf, faufte mir die Geſchichte von 


627 





Kaifer Joſef dem Zweiten und ein 
Buch über die Stadt Wien. Bon den 
fünf Gulden find breiundzwanzig Kreuzer 
übrig geblieben. 

Nun voran! den Kailer Joſef 
unter der rechten Achjel, die Stabt 
Wien unter ber linfen — fo ging 
ich davon. 


Bei der Spinnerin am Kreuz 
blidte ich noch einmal zurüd auf das 
Häufermeer. Dann wanderte ich fort 
über die Ebene gegen Neuftabt. 

Aber — der Tag war heiß, die 
Bücher waren auf die Länge nicht 
leicht und die Schuhe begannen wie: 
der die Ferſe zu wetzen. Was ber 
Magen an biefem Tage an Nahrung 
entbehrte, das gewann bie Lunge an 
Staub, die Füße huben mir an zu 
zittern. . . . 

An demfelben Abende fand mid 
eine Bürgerin von Baben gar er: 
Ihöpft auf der Bank vor ihrem 
Haufe fauern. Sie führte mich in’s 
Haus und atzte mich mit Speife und 
Tranf. Dann, als fie meine Gejchichte 
erfahren, als fie mir auch einen ber: 
ben Verweis gegeben hatte, weil ich 
fo jehr auf meine Gefundheit gefündigt, 
geleitete fie mi auf den Bahnhof 
und faufte mir eine Fahrkarte von 
Baben bis Krieglach. 

Knabe, du haft nicht einmal zu 
banken vermodt. 

Im Mondſchein glitt der Bug 
über das weite Steinfeld, in finfterer 
Naht durch die Zwänge des Semme- 
rings, im Morgenroth durch das 
grüne Mürzthal. 

» Wie fühl und frifch, wie ftill und 
rein war bie Luft, als ich die Walb- 
ftraße hinanmwandelte gegen Alpel! 

Als ih zu unjerem Haufe fam, 
eilte mir die Mutter entgegen und 
jagte, ich ſolle nicht zu fehr erjchreden, 
wenn mein Water mit dem Steden 
auf mich zufäme,; es wäre nicht zu 
vermeiden, er jei arg aufgebracht, 
daß ih anftatt zwei Tage vier Tage 
ausgeblieben. 


„IH Habe nicht früher zurück— 
fommen können“, verjicherte ich, hab’ 
in Mariaſchutz die Kirchfahrt ver: 
richtet.“ — 

„Ja, und dieweilen ſind daheim 
die Säue alle verreckt!“ 

„Bin in Wiener Neuſtadt ge— 
weſen und in Wien in der Stefans— 
fiche und ihm Kaiferhaus, aber ber 
Kaifer Joſef ift Schon geſtorben.“ 

„Geh!“ rief die Mutter, „ja was 
ift ihm denn wiberfahren 2“ 

„Das fteht alles in dem Bud; 
und in, dem ift die ganze Beſchrei— 
bung von der Wienerftabt, da wird 
der Vater ſchon lofen, wenn ich ihm 
vorleſe.“ 

„Du, trau’ ihm nicht!“ 

„Nachher hat mich ein Herr ab- 
gezeichnet und nachher hat mir eine 
Frau das Fahrgeld gezahlt, weil ich 
bin franf geworben.” 

„Jeſus Maria!” rief die Mutter, 
„wa8 denn? was benn? daß Du mir 
doch nicht Liegen bift geblieben auf 
der Straßen, daß Du mir nur wie 
ber heim bift gelommen ! — Du, 
Lenzel!“ jchrie fie nad dem Bater, 
„Frank ift er worden unterwegs!“ 

Der Bater ftand an ber Haus: 
thür und lehnte jet ben Stod an 
bie Wand, 

„Ausſchauſt mir armfelig genug,” 
brummte er, „geb, iß jetzt eine warme 
Suppe, nachher leg’ Dich in's Bett. 
Mir mahen unfere Sach’ jpäter mit- 
einander aus.” 

„Sekt ift Alles gut,“ flüfterte 
die Mutter, felbft erleichtert. 

Nun erft ermaß ih, daß meine 
Wiener Reife in allen ihren Theilen 
höchſt glüdlich ausgefallen war; fogar 
das Unmohljein unterwegs pries ich 
nun — und ben Hafelfteden, ber noch 
an ber Thür lehnte, verbarg ich raſch 
— wohin? das bleibt eines ber brei 
Geheimniffe meines Lebens. 


— — — — — — — — — — 


628 


Nah wie vor hütete ich wieder | frau, fand in Baden bie wohlthätige 
die Schafe, ſaß auf dem Steinhaufen | Glafermeifterin, Frau Gießl, fand 
und las aus Büchern. Erft viel fpäter, |die Hofburg, die Kapuzinergruft mie: 
nahdem ich aus bem alten Schaf: | der. Aber jenen Herren, ber mid in 
birten ein junger Schneiberlehrling, | die Joſefiniſche Bibliothef und zum 
und aus dem alten Schneibergefellen | Kaifer Joſef geführt, und jenen Lang: 
ein junger Student geworben war, |bart, der mich in jein Atelier (meines 
babe ich in den Vacanzen Wien mie: | Erinnern® in bie Gegend ber Alfer: 
der gejehen. Da habe ich wohl mit |vorftabt) mitgenommen hatte, Tonnte 
Fleiß jene heiligen Stätten befucht, ich troß meiner Nahforfhungen nicht 
wo einft ber einfältige Waldbauernbub mehr ausfindig machen. Erfterem 
geftaunt und gelitten hatte. Ich fand | möchte ich danken, Tegteren fragen, ob 
in der LZeopoldftabt die Synagoge und |da8 Bild des Waldbauernbübleins 
das Tleater wieder, fand weit draußen | die Auslagen gebedt hat. 
in Erbberg meine gute alte Nacht: 





Zwei Holkslieder. 


Il. 


Doufhd int af greanar Auen As da Her Iefas don Goatn ausget, 
Get da Moaganfchdern auf, Bidrocht fein bitas Leidn, fein Gfentnaß, 
Sizt unfa liawi Frauen | Gonz drauri, gonz drauri 

Mid n Kriftfinlein drauf. Is 8 Lam and Gros, 

Wos hom an die foifchn Judn giton ? 
Hom an in Goatn gfongg, 

Hom an goaflt, hom an frent, 


I. 





Ei get ſchon a weni auffer 
And umi ams Haus, 


eg ia don fein halis Haubb ſcha gor vafent. 

j Sie ſchbonan in Kern Iefas afs hochi Kreiz, 
„O baliga Iohanas Sie ſchlogn drei Näigl 
Mein liawafta Freind, Af feini Hend, af feini Fiaß, 
Hoft Du 8 nit gifehan Däi Marter, däi wa nid fiaß. 
Mein liabs Iefalein ?“ O Gouds Muada: wias Hamerlein Flingg, 

Ba Load, va Road 

„J bon däis mul gifehan, Mäicht mir mein Heaz oſchbringa, 
Dwa nachtowandse ſchbod, Ach weh, ach weh, mein liawafts Kind! 
(Waz Kron homs eam aufdruft*), „Valoßt Du mi ſcha gonz, o haliga Johanas! 
8 ſchwari Kreiz hod a trogn. Nim 8 ba da rechtn dond, 


Fihr 8 ma weid van Kreiz hinton, 
Daß dou nid fiat 
Mein Marta, mein bitan Tod, 


Drei Näigl homs cam giſchlogan 
Duach feini Hend and feini Fiaß“. 
O Iefas, mein Iefas, deini Wundn j 

And die halin finpf Wundn rot.” 


i I 
ME) „O der, o Ser, 
Bea däis Lialein fon fingen, Däid wil i ah gern doan, 
Sing 8 mit gräißtn Fleiß, Wils fihrn, wils treftn, 
Der wird wul eingehan Wir a Kind Voda and Muada treftn ſult.“ 
Ins himliſchi Baradeis, Däis datn die foifhn Iudn. 








*) Rad) einer andern Art: „af da Granazn is a gfäifin“ 


629 


Säi fhliagn cam in vanign Schdundn 
Mer as virzitaufnd Wundn, 

As buigg fi a Bamelein, buigg fi, 

8 Kind hod fa Rua. 

Di hochn Schdoan Miawan fi, 

Himl and Erdn bitriawan fi, 

8 Sun valuift irn Schein, 

d Moldvegerla loffn 8 Singan fein. — 
Miakts auf, miafts auf, Fraun and Mon, 
Wea däi Boffion betn kon, 

Der bets Togs amol, 

Kimbb fein Sel in Himlsſol, 

Bleibb drin in Ewikeit am. 


Dieje zwei Volkslieder habe ich in 
meiner Heimat, Krieglach:Alpel, oft 
gehört. Das Erftere fang meine Mutter, 
wenn wir Kinder fie baten um ben 
Gefang von der „grünen Auen”. Letz— 
tere8 beteten wir täglid am Abend, 
wodurch es jo jehr in ein Zungenge— 
plapper ausartete, daß man fchließ- 
lih gar nichts mehr davon verftand. 
Als es und aber die Mutter einmal 
langjam vorjagte, da war es fo rüh— 
rend, daß wir babei zu weinen anhuben. 

Ganz merkwürdig ift die Naivität 
im Liede „Bon der grünen Auen“. 
Unfere liebe $rau mit dem Chriſt— 
findlein auf dem Arm kommt 
zum heiligen Johannes und fragt ihn, 
ob er da3 liebe Jeſulein nicht gefehen 
habe (das fie ſucht). So erzählt ihr 
Johannes, daß er den Herrn wohl 
geftern am Abend mit dem fchweren 
Kreuz und der Dornenkrone gejehen 
hätte, aber „drei Näigl homs eam 
giſchlogan durch feini Hend and feini 
Faß“. 

Roh kam mir von dieſem Liede 
eine Variation zur Hand, melde von 
dem Berlufte des Chriftfinbleing erzählt 
und alfo dad Suchen motivirt: 


Unfa liawi Frau wuad fchlofad, 
Schloft a holwi Schdund ein; 
Ihr Kinerl fimbb wäik, 

Sie woas gor nig drumb. 


Unfa liawi Frau gang ſuachn 
Gor fir a houhes Haus, 

Do [haut da haligi Iohanas 
Ban Fenfterl heraus, 


Gar ergreifend ift das zweite Lieb, 
und zwar jene Strophe, da bie Mutter 
Sefu unter dem Kreuze fteht. — 
„D Gottes Mutter, wie dad Hämmer: 
lein klingt! Vor Leid, vor Leid möcht’ 
mir mein Herz zerfpringen. Ach weh, 
mein liebes Kind!” Hierauf wendet 
fih der Gekreuzigte vorwurfsvoll an 
Johannes: „Verlaffet Du mi ſchon 
ganz, o heiliger Johannes!” Dann 
das Natur: und Stimmungsbild: „Es 
biegt ſich ein Bäumlein, es biegt ſich. 
Das Kind (dev Gefreuzigte) hat Feine 
Ruh’. Die hohen Steine klieben fich, 
Himmel und Erben betrüben fi, bie 
Sonne verliert ihren Schein, die Wald: 
vöglein laffen das Singen fein.” 

Wie könnte diefes Bild einfacher 
und gewaltiger dargeftellt werben ? 

Dafür machen aber die beiden 
Volkslieder ihrem Beter oder Sänger 
eine gar erfreuliche Verheißung. Das 
Erftere verjpridt dem, ber es mit 
Fleiß fingt, das Paradies; das Letz— 
tere dem, ber es des Tages einmal 
betet, ven Himmelsfaal. 

So finden wir die hohe Moefie 
des Volksliedes Arm in Arm mit ber 
findlichften Naivität und bisweilen mit 
der kraſſen Trivialität. Das Volks— 
lied ift eben die Volksſeele. 

Ich habe in dieſen Liebern, bie 
ih biete, wie ich fie im Volke vor: 
fand, genau die Mundart wieder zu 
geben verfucht, in welcher fie an ber 
Mürz und der Feiftrig gefungen ober 
gebetet werben. Zur kurzen Erflä: 
rung ber Ausſprache diene Folgen: 
bes: Das lateinifche n bezeichnet Hier 
den Nafenlaut. Das äi wird nicht 
ähnlih wie etwa ei ausgeſprochen, 
fondern in ber Dehnung, daß jeder 
Buchftabe für fih allein zum Aus: 
drud kommt. Formen, wie 3. B. 
gifhlogan, eingehan, kommen 
in der gemöhnlihen Mundart nicht 
vor, fondern fie find Anklänge an das 
Hochdeutſche oder Mittelhochdeutſche, 
in dem das Volk dichtet oder ge— 
dichtet hat. Was Wunder auch? 
Das Volk hat die Schriftſprache 


630 


lefen, jchreiben und in ber Kichelgfongg: gefangen, goaßlt: ge 


beten und fingen gelernt; jo bichtet e8, | geißelt, Erent: gekrönt, 


ausgenommen bie Bierzeiligen, auch in 
ber Schriftipradhe und erft jpäter zieht 
e3 bie Dichtungen in feinen Dialekt 
hinein. Thatjache ift ja auch, daß bie 
Bauern Worte in ihrer eigenen Mund: 
art nicht ausſprechen können, wenn fie 
biefelben leſen. Sie find gewohnt, 
hochdeutſch zu leſen. 

Nun noch die Verdeutſchung der 
ſchwierigſten Ausdrücke, die in den 
beiden Liedern vorkommen: Douſchd: 
dort, nachto wand s: geſtern Abends, 
Granazn: Rain, Grenze, bitas: 


vaſent: 
wahrſcheinlich verſehrt, ſchliagn: 
ſchlugen, buigg: biegt, kliawan: 
klieben, valuift: verliert, miakts 
auf: merkt auf. 

Dialektdichter ſollten ſich überhaupt 
beſtreben, die Mundarten möglichſt 
genau wiederzugeben; in der Halb— 
heit zwiſchen Hochdeutſch und dem 
Volksthümlichen rechtfertigt ſich dieſe 
Dichtungsart nicht. Auch ich habe mich 
in meinen Dialektſchriften zu ſehr von 
der Abſicht leiten laſſen, gemeinver— 
ſtändlich zu ſein und muß bei etwaigen 


bitteres, Gfenknaß: Gefängniß, weiteren Auflagen das Fehl gut machen. 
Law: Laub, foiſchn: falſchen, P. A. Roſegger. 
Maien. 


D Mai, lieber Mai, 
Du fröhliche Zeit ; 

Die Welt ift voll Lieb’ 
Und voll Quftbarfeit. 


In Blumenfprade, 
In Rofen roth, 
In Rogelgefang 
Steht Bottesgebot. 


Die ewige Schrift: 
Did lieben, Dich lieben! 
Schon Adam im Paradies 
Hats unterfchrieben. 





Sie grollen und fingen das Slagelied von 


Ich glaub’ es nicht. 


Schmerzen, 


Hab’ felber empfunden ein Sterben im Herzen, 


Und glaub’ es nicht. 


Sie nennen die Erde ein Thal der Thränen, 


Ein Todtenfeld. 


Und doch fallt ein ewiges jubelndes Jauchzen 


Durd diefe Welt. 


Sie wollen mich fenfen in ewige Schatten, 


Ich glaub’ es nid. 


Wie Blumen im Maien, fo werd’ ich erftchen 


Zu neuem Licht. 


Kleine Saube. 


Die fhönften Menfhen auf Erben. 


Dr. Radde, Director des f. Mu: 
feums in Tiflis, erzählt in einem Hefte 
ber Petermann’shen Mittheilungen von 
den Bewohnern des Kaufafus, welche 
er die ſchönſten Menfchen der Erde nennt. 

Im Allgemeinen — bemerft er 
— beftätigt fih an ben beiben chrift- 
lihen Hauptnationen der Kaufafuslän: 
der, den Armeniern und Georgiern, 
der alte Erfahrungsſatz, daß, je dürf⸗ 
tiger und farger die Natur, um jo 
arbeitfamer das Individuum ift, mel: 
ches auf fie angemwiefen. Jene pradt- 
vollen Menſchen im unteren Mingrelien, 
denen die freigebigfte Natur reichlich 
gewähren würde, wenn man fich ihrer 
nur annehmen wollte, find arge Faul- 
lenzer, armes Boll. Vieles in dieſer 
Hinfiht mag durch das Klima bedingt 
werden, ift doch der Sübländer überall 
träger und genügfamer, als der Nord: 
länder. Im Schatten der herrlichen 
Wallnußbäume fteht die hölzerne Hütte 
des Mingrelen, meiftend aus dem mei: 
hen Holze der füßen Kaftanie erbaut. 

Jeder Baum dient als lebendige 
Stütze für eine oft fchenfeldide Wein: 
rebe; bie und da ein Maulbeerbaum; 
bie und da irrt eine Schaar verfüm: 
merter, kleiner, meiſtens fchmwarzer 
Schweine umher. Dann ein paar ma: 
gere Kühe, ein paar Ziegenböde, und 
wo ein gewiſſer Wohlftand ift, die un- 
vermeiblihen Büffel. Die Sache ändert 
fih aber, je weiter wir ind Gebirge 
fteigen. 


Die beften Bebingungen zum Le: 
ben finden wir da bi circa 4000 
Fuß Meereshöhe. Da gedeiht noch ber 
Wein, die Seidenzucht ift möglich, die 
fogenannten füblihen Zerealien, worun— 
ter wir Mais und vornehmlich Hirfe: 
arten verftehen, geben gute Ernten, 
der Weizen ift die Frucht auf ſchwerem 
Lehmboden. Hier ift es dem arbeiten: 
den Menfchen wohl. Das Klima ift ge: 
mäßigt, die Rebe braucht nicht bebedt 
zu werden, die bünnfchalige Traube 
fräftigt fih an ſüdlicher Sonne, hat 
aber nicht zu leiden vom Webermaße 
des Regens, welder die Tiefländer 
heimſucht. Hier lebt die Bevölkerung 
zwar noch nicht in großen feften Gul: 
turcentren dicht gruppirt, fondern mei- 
ftend weithin zerftreut in ben reizenden 
Bergländern, fie ift aber doch fchon 
näher aneinander gerüdt, als im min- 
grelifhen Tieflande, wo aderbautrei: 
bende Dörfer faft ganz fehlen, und 
nur Einzelwirthſchaft üblich ift. 


Der ſchöne Faullenzer der tiefer 
gelegenen, viel üppigeren Landſchaften, 
dem die Früchte der Heſperiden ge: 
deihen fönnten, blieb arm. Dem höher 
wohnenden Bruder, ebenfalls oft noch 
förperlich ideal Schön, Schlank von Wuchs, 
elegant in feiner Haltung und Bewe— 
gung, mit freiem Blide, nicht felten 
blond und dann blauäugig und hoch— 
ftirnig, dann wieder vorhaltend brünett, 
mit gluthoollen ſchwarzen Augen, fräf: 
ligem Haar: und Bartmuchfe, ſchönem 
Geſichtsoval, feinen, aber marfirten Zü- 


632 


gen, mäßiger Nafe, geht ed meiſtens 
ſchon befier. Er bat doch ſchon einiger: | 
maßen zu forgen und zu ftreben. Es | 
gibt bei ihm doc ſchon Gedanken, um 
die Wintereriftenz zu fihern. Sein Haus 
ift fefter gebaut, fein Thier braucht 
den Stall, der Wein will alljährlich 
beſchnitten werden, die Seidenraupe er: 
fordert Sorgfalt, der Wald, melcer 
die Gebirgäftellungen befteht, muß 
fortgefhafft und das oft fchmwierige 
Terrain mit dem Spaten und der Hade 
bearbeitet werden, um der Maisplan: 
tage zu bienen und feinen Herrn zu 
ernähren. 

Der Ymerete, der Bewohner der 
kolchiſchen Vorberge, ift ein beflerer 
Wirth, ald der Mingrele der Ebene, 
und je höher wir im Gebirge ſtei— 
gen, je mehr der Natur durch Arbeit 
zu Hilfe gelommen werden muß, um 
fo beſſer bildet fih der öfonomifche 
Charafter der betreffenden Völkerſtämme 
aus. Aber es ſchwindet dann, gleichſam 
als ſcheuche die Sorge und der Kampf 
um's Dafein die Schönheit, zufehends 
die Eleganz und die imponirende Er- 
fheinung der fo bevorzugten Bewohner 
des üppigen kolchiſchen Tieflandes. 
Dort ift fie in der That allgemein. 
Ein Aufenthalt in Suabidi, der frü— 
heren Refidenz der mingrelifhen Für: 
ften, während eine Marfttages belehrt 
Jedermann darüber, daß hier die ſchön— 
ften Menfchen der Erde leben. Da fieht 
man mahrhaftige Apoftelgefichter mit 
hohen, ſchönen Stirnen und prädtigen 
Loden — ſchlanke Geftalten, bildſchöne 
Männer. In der mittleren Bergzone 
erhielten ſich die fürſtlichen Geſchlechter, 
oft der Ebene entſtammend und durch 
die Ehen von dorther das Blut er— 
neuernd, in voller Reinheit. Aber im 
eigentlichen Volke bemerkt man ſchon 
viel Abweichendes, oft ſind es elende, 
gedrückte, ſorgenſchwere Geſtalten, die 
uns entgegentreten, und beſonders fällt 
es auf, daß die Weiber, je höher wir 
in's Gebirge ſteigen, um ſo häßlicher 
werden. Wenn wir mit dem Ausdrucke 
kaukaſiſche Race überhaupt nur das 


Ideal menfhliher Schönheit unferen 
Begriffen gemäß bezeichnen wollen, fo 
bleibt e8 wahr, daß diefes deal fpe- 
ziel in der Uferregion des Süboft- 
Winkels des Schwarzen Meere wohnt. 
Wenn wir aber von Race im eigent- 
lihen Sinne des Wortes fprechen mol: 
len, d. h. von der unabänderlichen 
Wiederholung einer beftimmten Form 
der typifchen Urart durch Jahrhunderte 
und Jahrtauſende hindurd, fo müflen 
wir in Hinfiht auf fehr bebeutende 
Variationen jener Völker den Ausdrud 
unhaltbar finden. Zunächſt drängen fi 
jedem Beobachter, welcher fidh die kol— 
chiſchen Völker anfieht, von vorneherein 
zwei Orundtypen auf: der eine Typus 
blondhaarig, blauäugig, hochſtirnig, der 
andere tief ſchwarzhaarig und ſchwarz— 
äugig, dabei aber ſchön weißhäutig und 
nicht felten mit gebrüdter Kopfform 
und niedriger Stirn. Die Oſtküſte bes 
Schwarzen Meere war ftetö der Schau- 
platz bösartiger Invaſion oder fie wurde 
doch in den Zeiten der Ruhe von frem:- 
den Völkern eifrig befudt. Noch in 
jüngfter Zeit, als das abchaſiſche Tief: 
land nicht fo innig mit Rußland ver: 
einigt war, wie es jetzt der Yall ift, 
fam es vor, daß aus der Türkei flüch- 
tig gewordene Araber, ja fogar Neger, 
die dort entjprungen waren, fi bier 
nieberließen und mit den Weibern Ab: 
hafiens und Samurfafans die fchönften 
Mulatten zu Nachkommen hatten. 
Wenn man aber bedenkt, wie viele 
Völker feit den älteften Zeiten durch 
die Kaufafusländer gezogen find und 
wie fehr fie die Schidfale der Stamm: 
Inſaſſen dort beeinflußten, jo gibt man 
die Idee einer urfprünglichen, ſich typifch 
erhaltenden Race auf. Man darf da— 
gegen mit vollem Rechte behaupten, 
daß gerade jene Verhältniffe ed waren, 
welche mit der fteten Bluterneuerung 
die körperliche Schönheit als eine Folge 
unenblicher Kreuzung erzielten. Da, wo 
wie 3. B. in Defterreich, das bun- 
tefte Gemifch verſchiedener Völlerſchaf— 
ten lebt, gibt es die fhönften 
Menjhen Die Nachkommen von 


633 


Mongolen und Ruffen an der fibiri-] Wie der Hartl an Einem Tage bie 


fhen Grenze waren ftets jchöner, als 
die reinblütigen Kinder beider Racen. 
Wahrhaftige Bilder waren die Kinder 
eined tatarifhen Fürften und einer 
ſchottiſchen Ariftofratin, die ich eimft 
fah. — So wäre es doch befier, es 
gäbe gar Feine Völfergrenzen mehr und 
die Racen verliebten und verheirateten 
fih zu fammen, ala daß fie fidh ge: 
genfeitig befriegen und zu unterbrüden 
trachten. 


Wo ber Pfälzer den Stein ber 
MWeifen gefunden bat. 


's bot Eener 'n Stee' der Weife gſucht 
Un bot ’n halt mit g’funnie, 

E' alti Hey, die hot 'm gſacht, 

Der Stee’ läg’ im e' Brunne. 

Drum bot er aus alle Brunne' fchier 
Biel Steener mitgenumme 

Un’ is do nor troß aller Müh' 

Bu nig als Kiefl "tumme. 

Jeß kehrt er emol im e' Werrhöhaus ei, 
Do fiht er en’ Dicke' ſitze', 

Der Mann, des war! e' Jumelier, 
Thut wie e' Karfunkel blige'- 

„Ei ſaache' Se doch, Herr Juwelier, 
Wie id ed mi'm Stee' der Weiſe', 
Ich ſuch' mei’ halbes Lebe’ lang, 

's möcht' die Geduld verreiße'. 

Mer hot mer als gewiß verzählt, 

Der Stee' läg' im e' Brunne, 

Wo Deubl mag der Brunne ſeh', 

Ich hab 'n no nit gfunne.“ 

Der Iumelier, e' braver Mann, 

Der nemmt fein’ volle" Humpe', 

Des is der Brunne, fädht er, Freund, 
Do muß Er fleißig pumpe; 

Denn ſelln Stee', mer ſicht 'n nit, 
Mer kann 'n nor empfinne', 

Wer luſchtich is, der hot den Stee', 
Drum lo Er 's wader rinne. — 
Do fept halt unfer Suder an 

Un’ fleißig rinnt der Brunne, 

Un’ üb'r e' Weil, do hot er dann 
Den Stee' aach richtig gfunne, 


Sonne zweimal aufgehen ſah. 
Erzählt von P. K. Rofegger. 


Im Frühroth war's. Oben auf ber 
Hochöde zogen zwei graue Ochſen einen 
Zeiterfarren dahin. Sie fuhren um Futter 
aus, Auf dem Karren lag der Riegel: 
berger Knecht, der Hartl. Wie geftorben 
lag er auf ber 2eiter und einen Fuß 
ließ er nieberhängen zwiſchen den 
Sprofien und hin: und herfchlängeln, 
fo oft die trägen Ochſen einen Schritt 
madten. Auf der Bruft lag ihm die 
Tabaköpfeife; er hatte fie fhon ange: 
zündet und in den Mund geftedt gehabt, 
aber fie mar wieder herausgefallen und 
verloſchen. Der Hartl war gar verzagt. 
Er kniff die Augen zu und badte: 
Hinfein, ganz maufetobt fein, das wär! 
das Befte. Es gibt gar feine Religion 
mehr auf der Welt. Hi, Grul Wald! 
Die Alpel:Bauern fhimpfen über bie 
Mürzthaler Leut, daß fie feinen Faſt⸗ 
tag halten und in Feine Kirchen mehr 
gehen mollen. Die Alpelbauern find 
felber um fein Haar befier. Noch ſchlech⸗ 
ter find fie. — Hi, Grull Wald! — 
So lang’ ih was dent’, ift der Mag: 
dalenentag ein Feiertag geweſen in ber 
Gemein und daß mir da® Kirchenfeft 
haben mitgemaht in Kathrein. Jetzt 
auf einmal bringen fie ben neuen 
Brauch auf und halten das Feſt Sonn- 
tags ab und ed mag Magdalena zehn: 
mal auf den Erdtag fallen oder auf 
den Pfingfttag (Donnerstag). Weil der 
arme Dienftbot ein Zugochs fein fol, 
den fie die ganz’ Wochen einfpannen 
wollen. Nicht einmal einen Tabak hat 
Eins mehr in der Blader (Blafe). So 
verfluchtlete Feiertagsfhänder. Hi, fag 
ih! Gelt, Grull, du felber haft heut’ 
feine Schneid, am heiligen Magdalenen: 
tag! — Wenn ih mich leichter reden 
thät, eher wie nit, ging ih zum Pfar: 
rer und wollt’ ihm’s fagen: Hochwür— 
den Herr, der Sonntag gehört unferem 


Franz v. Kobell. Herrgotten felber zu, das geht nicht, 


daß man ihm an einen Heiligen ver: 
fchentt! Fällt der Heilige und ſchon 


634 


gar ein Kirchenpatron auf einen Wochen: 
tag, fo muß er am Wochentag gehalten 
werben. Ganz wahr, daß jet die g'nö⸗ 
thige Zeit ift — das Vieh zu verfor- 
gen, das Mähen und Branden — aber 
fol Eins deswegen auf die Kirchen 
vergefien? — Was kunnt er fagen 
drauf? Nichts. — Was ift’3 vor Zeit 
immer luftig gewefen am Magbalenen- 
tag! Leut’ hat's geben beim Haufteiner- 
wirth, daß die Trinfgläfer zu menig 
find worden. Niht einmal, oftmal 
hab’ ich meinen Hut unter die Pippen 
gehalten. Gefpielt, getanzt und gefun- 
gen ift worden. Räuſch hat's geben. — 's 
kommt Alles ab. — Hi, Grul Wald! — 

Die Ochſen pfufterten und gingen 
ihren zähen Schritt über die Hochöde 
bin gegen bie en Zahnmiefe, mo 


das Futter 

„He, Hartl, lei noch ?“ rief es 
jählings und eine Hand klatſchte her. 
Der Knecht fuhr auf, rieb ſich die 
Augen und griff nach dem Haupte um 
den Hut zu rücken. Aber der Hut ſaß 
gar nicht oben. 

Ein Schock Herren ſtand da. Der 
Bezirlsrichter von Kindberg und der 
Apotheker und der Brauer und der 
Schullehrer von Krieglach und der 
Kaufmann und der Lederer und der 
Bader und noch ein paar Fremde. Ein 
geiſtlicher Herr war auch dabei. Der 
Bader hatte den Hartl aufgeſchreckt. 

Im Grunde war der Hartl ein 
ſehr manierlicher Menſch, er wollte von 
ſeinem Karren ſpringen, aber die Herren 
fagten, er möge nur drauf ſitzen blei⸗ 
ben, fie gingen balb mieber ihres 
Weges, fie wollten no bis zur Spite 
fteigen, um den Sonnenaufgang zu 
fehben. Ob das ber rechte Weg wäre. 

„Sa, verfteht ſich, ift das der rechte 
Weg. Nur allerweil g’rad auf!“ 

Die Geſellſchaft folgte der Weifung ; 
ber Hartl blieb liegen auf dem Xeiter- 
farren, die Ochſen trotteten ſchwerfällig 
über die Hochmatte dahin. 

„Narren, das,” brummte der Hartl 
ben Herren nad. „Die find heut um 
Mitternaht aufgeftanden, heißt das, 


wenn fie fchlafen gegangen und nicht 
etwa jo lang im Extrazimmer figen 
geblieben find. Und fchnaufen mit Müh— 
fal auf den Berg, daß fie den Sonnen- 
aufgang fehen. Iſt das fo was Schönes ? 
So lang die Sonn’ hinterm Berg ift, 
fieht man fie nicht; und ift fie beroben, 
fo fann man fie nicht anfchauen. Und 
funnt man fie anfchauen, was hätt’ 
man davon — fie ift halt die Sonne 
und von der fann man nichts herab» 
beißen. — Aber fo Herren müfjen fih 
felber ihre Plag' machen, fonft hätten 
fie ein gar zu fchönes Leben. Ein 
andersmal ſchlafen fie wieder, bis ihnen 
die Sonn’ in den Hals hinabſcheint. 
Wiffen nichts davon, wie's Unfereinem 
geht, der alle Tag im Stodfinftern 
muß die Hofen anlegen und fchon mie: 
der müb’ und BHungerig ift, bis bie 
Sonn’ aufgeht. Und jett auch ſchon an 
den Feiertagen. 's ift ein Hunbeleben, 
bei meiner Seel! — Hi, geht’3 ein- 
mal weiter, ihr Vieher, ihr zaunmar: 
terbürren!" Mit der Peitſche pfiff er 
den Ochſen Eins über die Rüden. 

Dieweilen ging ſchon die Sonne 
auf. Der Hartl lugte fle mit zwinkernden 
Augen an und lachte fie aus. Sie und 
die Herren, die ihretwegen über ben 
Berg hinauffhmwigten. — Möcht wiſſen, 
was das Schönes ift! Nur die Augen 
thun Einem meh. Heiß mird’3 und 
gleih ift man durſtig. Mein Bauer, 
der NRiegelberger, das weiß ich, ber 
legt ſich heut’ ſchon einen Feiertag zu. 
Der ift chriftlih, der geht zur Meß und 
nachher in's Wirthshaus und bleibt drin 
figen, bis es finfter wird und nachher 
— wird das Licht angezündet. Unfereins 
muß in ber Hitz' radern ben ganzen 
Tag. Geh’ zum Teufel!” 

Die Wuth fam ihm plögli; auf: 
fprang er und mit dem umgefehrten 
Peitſchenſtiel verfegte er den trägen 
Zugochſen ein paar wuchtige Schläge: 
„Das will ich fehen, ob ihr feine Füße 
babt, ihr Safermenter !” 

Er ſah's, fie hatten Füße, Einen 
wilden Sprung madten fie im erften 
Schred und dann fchofjen fie ſchnaubend 


635 5 


davon über bie Höhe, über die Biegung, | ift fertig, denl' ich noch unb ruf’ die 
über die fteile Lahnmiefe nieder. Der |heilige Magdalena an, daß fie an 


Karren Hlapperte und hüpfte hoch auf. 
Der Hartl hielt fih mit Händen und 
Füßen an den Leiterſproſſen, daß er 
nit abgefchleudert wurde und rief mit 
aller Stimme den Ochſen zu: „Ho, ho!“ 
daß fie ftehen bleiben follten. Aber fie 
raften ſchnurgerade gegen die Tiefe hinab 
— in bie fchattenfinftere Felſenſchlucht. 

Der Hartl wußte gleih, um mas 
es fih handelte. — „Jetzt ift mein 
legtes End. Ade, du fchöne Welt! Bin 
noch fo jung — hätt’ gern noch eine 
Zeit gelebt. Da& geht ja, wie der Wind. 
Dort fteht der Buchenbaum mit dem 
grünen Plagel. Meine liebe Dir! 
B'hüt Did Gott, meine liebe Dirn! 
— Damiſch geht’3 thalab. Dort drüben 
am Weg ift dad rothe Kreuz, wo fie 
allemal die Leichen abftellen, die fie 
von Alpel hinübertragen in's Pfarrborf. 
Heut’ ift Pfingfttag, am Samstag 
ftellen fie meine Truhen vor’3 Kreuz... 
daß die Sonn’ noch einmal d’rauffceint. 
Unter der Erben ift’8 finfter. Ade 
Welt! — GH, Grul Wald! 
Keine Menjchenmöglichkeit mehr. Wir 
drei find Bin.” — 

An demjelben Magdalenen-Morgen 
war's, ala ich unten im Thale an der 
Kohlftatt meines Vaters ftand und ben 
glimmenden Meiler zu überwachen hatte, 
dab das Feuer nicht ausfhlug. Es 
war mir öde zu Muthe neben dem 
fhwarzen, langweiligen Haufen mit dem 
grauen Rauche. Ich blidte zu den 
Gipfeln der Berge, auf denen ſchon 
das Gold der Morgenfonne lag. Da 
hörte ich plößlich ein Tofen und Rafjeln 
— mußte anfangd nicht, woher es 
fam — ſah's aber bald. Die fteile 
Lehne herab ſchoß ein Gefährte mit 
Ochſen und Karren. Von Legterem war 
ſchon ein Rad abgegangen, das tanzte 
in ber Zuft und hüpfte ſelbſtſtändig 
hernieder und die Are jchleifte im 
Gerölle, daß die Steine flogen. Und 
jest jah ih aud den Mann, der fi 
förmlih in die Leitern des Karrens 
verſchlungen Hatte, Ein Unglüd 


ihrem Chrentage beifpringe und helfe. 
Da ift ein Kraden — die Ochſen 
fahren auf den Anger hinab, der 
Karren liegt in Trümmern an einem 
Baumftrunf, in der Zuft fliegt mas 
und juft vor meinem Meiler fällt ein 
Menſchenfuß nieber. 

Mir wird blau vor den Augen. 
Hat ihn zerriffen, dent’ ih — es war 
aber fein Fuß, es war nur ber Stiefel 
allein. Und von den Karrentrümmern 
ber hinkt der Riegelberger-Knecht, der 
Hartl. — Der Schuh weg, der Aermel 
weit aufgeriffien, einen Schuf am 
Scentel, die Tabatpfeife beim Teu- 
fel ... jonft war ihm nichts geſchehen. 

Er fette fih aber auf meinen 
umgeftülpten Waſſerſchöpfer, ftüßte den 
Kopf auf die Arme und zitterte und 
war tobtenblaß. 

Unten auf dem Anger graften die 
Ochſen und jeder hatte ein Stüd bes 
zertrümmerten Joches an ben Hörnern. 


Ich bradte dem Hartl einen Topf 
Waſſer — er trank nicht; bradte ihm 
ein Schälden Milch — er tranf nidt. 
Stumm mie ein Fiih faß er da und 
ftierte auf den ſchwarzen Boden. Ich 
ftand ganz verzagt neben ihm und 
wußte nicht, was ich thun follte. 

Endlid — der helle Schein, ber 
niederging über fein Geſicht — weckte 
ihn. Er erhob fi, breitete die Arme 
aus und blidte gegen den jenfeitigen 
Waldkamm auf. Dort gudte eben bie 
Sonne berfür. In funfelndem Bor: 
mittagäglanze ftieg fie über den Wald: 
rüden empor — und der Hartl ladte. 
Uber er lachte fie nicht aus, und er 
lachte Niemanden aus; in feinen Augen 
ftanden zwei große Tropfen und ich ſah, 
wie fi darin die Sonne fpiegelte. 

— „Hab' allzuviel gefhmäht da 
oben auf der Hochöd'. 's ift eine große 
Gnad' Gottes, daß mir die Sonne heut’ 
das zweitemal aufgeht.“ So war fein 
erftes Wort, dann hat er mir die ‚Ge 
ſchichte erzählt. 


636 


„Wie ich Euch daherfaufen feh',“ 
fagte ich darauf, um meinen Beiftand 
zu bemeifen, „fo Hab’ ih geſchwind 
die heilige Magdalena angerufen.” 

„Haft?" fragte er lebhaft. „Du, 
da laß’ ich jetzt Alles liegen und ftehen 
und geh’ nach Kathrein in die Kirchen, 
daß ich mich bei der Magdalena für 
die Hilf’ bedank'.“ 

Er ging. Weil er aber zur Mefie 
fhon zu fpät kam, fo feßte er fi 
in's Wirthshaus hinein, um das Wun- 
der zu feiern, wie an Einem Morgen 
ihm zweimal die Sonne aufgegangen war. 

Als er nah Haufe wankte, ging 
fie ſchon unter. Er ftand ſtill, blidte 
fie mit verfhmommenen Augen an und 
alte: „Diefer Maadalenentag! In 


den Toni und bie Nand! meinte auch 
mit, weil die Mutter weinte. Und ba: 
rauf haben fie dem Brüderchen ein 
ganz weißes Kleidchen angezogen, ein 
ſchönes Kränzlein aufgefeßt und es mitten 
im Zimmer auf ein Bettchen gelegt 
und felbft bei Tage Lichter angezündet. 
Das hätte dem Nandl alles ganz gut 
gefallen, wenn nur der Toni nicht im- 
mer fchlafen und die Eltern nicht im- 
mer meinen möchten. 

Und dann find viele Leute gelom- 
men, haben den Toni vom fchönen, 
fchneeweißen Bettlein herabgenommen 
und in einen kleinen hölzernen Kaften 
gelegt. Ad, das Hat die Nanbl 
erzürnt und die Mutter hat jo laut 
geweint und gefchluchzt, aber die bö- 


der Früh geht die Sonne zweimal auf |fen Männer haben den Kaſten fo: 


und jeht geht fie doppelt unter.” 





Ein Märden von ben Stern 
fhnuppen. 


Wie doch dad Voll da draußen 
auf dem Lande eine ſchöne Natur: 
geſchichte treibt! Hört einmal, ihr hoc: 
gelehrten Aftronomen, was die Fleine 
Nandl von den Sternfchnuppen meiß. 

Die Nandl hat fo ein liebes, her: 
zige8 Brüderchen gehabt, das hat Toni 
geheißen und war erft 2 Jahre alt. 
Anfangs war's dem Schwefterhen nicht 
ganz recht, daß Vater und Mutter das 
Brüderchen gar fo gern hatten, denn 
es glaubte, nun werben die Eltern das 
Nandl nicht mehr fo lieb haben, mie 
früher. Aber es fah bald, daß es Un: 
recht hatte, und wie ber Feine Toni 
ſchon fo plappern und plaudern fonnte, 
und jo gern mit dem Schmweiterlein 
fpielte, ad da hatte Nandl den Toni 
viel Tieber, als ihre große Puppe, 
die immer nur basfelbe ſchrie und nie 
reden lernte. Aber einmal, da mollte 
der Toni gar nicht mehr vom Schlafe 
auf werben, und feine Wangen maren 
ganz weiß und bie feinen Händchen 
fo eisfalt und es war doch Som: 
mer. Und die Mutter meinte und jam- 
merte und füßte immer und immer 


gar zugenagelt. Da ift die Nanbl 
ganz ftarr vor Schreden geworben, ihr 
liebes Brüderchen in einen Kaften ein- 
fperren, wo es doch fo brav gemefen 
ift, und fie hat die Männer mit auf: 
hobenen Händen gebeten, fie möchten 
den lieben Toni herauslaſſen, er wird 
ja fonft erftiden und fi fürchten, 
wenn er auf wird und die Nandl, 
den Vater und die Mutter nicht fieht. 
Aber fie haben ihn nicht herausge⸗ 
nommen, fondern fortgetragen und in 
eine tiefe Grube hinabgelegt und dann 
viel Erde darauf geſchüttet. Da hat 
die Nandl gemeint, daß die Flaren 
Aeuglein ganz trübe waren und fie hat 
nicht3 eſſen mögen und nicht mit ber 
Puppe fpielen und die Mutter bat auch 
immer rothe Augen gehabt und ift ganz 
bleih und blaß geworden. D damals 
war's traurig! a 
Die Nandl ift dann zum alten 
Dorfwächter Hand gegangen, der alle 
Kinder, aud die Nandl, immer fo lieb 
gehabt und ihnen fo fchöne Geſchichten 
erzählt hat. Und fie hat ihn gefragt, 
ob das Brüderchen noch immer in ber 
finftern Grube fei. Darauf bat der 
gute Dorfwächter Hans ihr gar etwas 
Schönes erzählt, er hat gefagt: „Mein 
liebes Nandl, dein Brüberlein ift nicht 
mehr im Grabe. Wenn gute, brave 


637 


Kinder fterben, fo fommen Nachts die 
Engel herab und tragen die Kinder 
binauf zu dem fchönen Himmel, wo 
viele taufend Kinder ſchon find, und 
fo fröhlich miteinander fpielen. Dort: 
bin ift auch der Toni gefommen.” 

„Aber warum haben die Engel 
nit auch mich mitgenommen,” meinte 
das Nandl. 

„Du mußt bei deinen Eltern blei- 
ben, fonft möchten fie gar zu traurig 
werden. Später fommft du ſchon auch 
einmal hinauf.“ 

„Und weißt bu, liebes Nandl, der 
Toni haut alle Naht auf euch herab, 
ob du wohl brav bleibft und ob die 
guten Eltern ihm nicht bald nachkommen.“ 

„Ja, wie fann der Toni fo weit 
herabſchauen,“ fragte erftaunt das Kind. 

Und der Dorfwächter Hans erzählte 
weiter: „Du haft ſchon oft bei Nadt 
zum Himmel aufgefhaut und viele, 
viele ſchöne Lichter oben gejehen, mir 
nennen ed bie Sterne, aber es find 
Fenfterlein, aus dem reinften Glas ge: 
madt ; daraus fchauen die Kinder ber: 
unter, benn fobalb ein neues Kind in 
den Himmel fommt, machen die Engel 
fchnell ein neues Fenſter, das gehört 
dann dem Kinde. Auh für den Toni 
haben fie fchon eines gemadt und es 
ift gerade fo gemadt, daß er in bein 
Zimmer hineinfhauen fann. Und die 
Kinder im Himmel hauen alle Nacht 
herab, wenn fie aber Vater und Mut- 
ter und die Schweitern und Brüder 
immer meinen fehen, da werben fie 
au gar traurig, und fie wollen herab, 
um zu fagen, daß es oben viel ſchöner 
ift, ald auf der Erde. Dabei neigen 
fie ih fo ſtark an das Fenſter, daß 
das Glas bricht und dann auf die Erde 
fält, und fie haben dann fein Fenſter 
mehr, denn die Engel mauern es fchnell 
zu, damit nicht auch ein Kind hinaus: 
fällt. Du haft es vorige Woche gejehen, 
wie jo ein Himmelsfenfterchen gebrochen 
ift und wie e8 vom Himmel gefallen 
ift. Die Leute fagen zwar, das find 
Sternfchnuppen, aber fie wiſſen es halt 


find. Und wenn das Kind ein 
Fenfter mehr hat und nicht mehr herab: 
[hauen fann, da wird es fo traurig 
und ed mag mit den Engeln nicht 
mehr fpielen und es weint immerfort, 
biö endlich einmal die Engel auch Bater 
und Mutter und die Gefchmwifter hinauf: 
tragen, aber das dauert oft lange 
Zeit.” 

„DO da will ih nimmer weinen 
und auch meiner Mutter ed fagen, da: 
mit der liebe Toni fein Fenſterchen 
nicht bricht. Ad, wenn's nur ſchon 
Nacht fein möcht', dann ſuch' ich fein 
Fenſter und will hinauf laden, daß 
das Brüberchen oben ganz luftig wird,” 
fagt das Nandl und fliegt zur Mutter 
heim, der fie alles erzählt. 

Da hat die arme Mutter das erfte- 
mal wieder gelächelt, fie hat's ja auch 
früher nicht gewußt, daß jedes Kind 
ein Fenfter am Himmel hat und daß 
es zerbrochen wird, wenn die Eltern 
zu lange Zeit um das todte Kind 
meinen. 

Sofef Ailler. 


Bücher. 
Gemiſchte Geſellſchaft. 


Heitere Plaudereien von Oſskar Blumen» 
thal. Leipzig, Günther, 1877. 

Oskar Blumenthal mag zufrieden 
fein, wenn er auf die literarifhe Bahn 
zurüdblidt, die er durchmeſſen, feit er 
die „Deutfhe Dichterhalle” redigirte 
und ein befannter Leipziger Kritifer ihn 
auf Grund feiner damaligen Wie einen 
Kalauer⸗Fabrikanten nannte. Gegen feine 
jeßigen Zeiftungen gehalten, erjcheint bie 
Sorte von Wit, mit welcher er im 
„Brieflaften” der „Dichterhalle” debü— 
tirte, allerdings noch von jugendlichem 
Charakter. Als dann aber ein Bud, 
„Allerband Ungezogenbei- 
ten”, von ihm erſchien, fand man 
darin ein Dutzend wirklih guter Ein- 
fälle, und die bisherigen Verächter des 


nicht alle, daß es gebrochene Fenfter | Autor? mußten geftehen, daß Dätar 


638 


Blumenthal , ſich made”. Einigen dieſer 


witigen Einfälle widerfuhr die Ehre, |; 


von ben großen Sournalen auf die 
Flügel genommen und ala „bonmots“ 
des Tages in die weiteften Kreife ge: 
bracht zu werden. Der weſentlichſte 
Vorzug, melden Blumenthal ſogleich 
in befagtem erften Buche manifeftirte, 
war Fünftlerifher Natur, und lag in 
der Art, wie der Autor die glüdlichen 
Einfälle zu brillantefter Wirkung zuzu: 
ſchleifen und zuzuſpitzen ſich befähigt 
zeigte. Bekanntlich iſt der Schliff bei 
guten Witzen, wie bei Edelſteinen, die 
Hauptſache. Ein Witz, der unter Hun—⸗ 
derten ſeines Gleichen im Kaffee- oder 
Bierhauſe faſt unbeachtet vorübergeht, 
kann, von der Meiſterhand eines Spitzer 
facettirt, in ſo blendendem Lichte ſtrah— 
len, daß dem Publikum vor Heiterkeit 
und Wonne die Augen übergehen. Mit 
den weiteren Heften „Für alle Wa: 
‚gen: und Menſchenklaſſen“ be 
feftigte fih Blumenthal in dem Rufe 
eined witzigen Kopfes, und in feinem 
neueften Bude: „Gemiſchte Ge: 
ſellſchaft“ gibt es, dem Titel zum 
Trog, kaum mehr irgendwelche Spreu 
vom Weizen zu fondern. Man hat es 
bier durchweg mit ſcheinbar leicht hinge- 
worfenen Bagatellen zu thun, in wel: 
hen ſich jedoch, zum Theil nad Parifer 
Muftern, frifher natürlicher Wit mit 
pifanter und eleganter Darftellung ver: 
einigt. Auch Vers und Reim handhabt 
der Autor gelegentlih ſehr ergöglich. 
Sn dem höchſt amüfanten „Recept ge: 
gen Gemüthsfchmerzen“ antwortet Einer 
auf bie Frage, wie ihm zu Muthe fei: 

„Wie mir zu Muthe ift? Hoho! ganz 
Weltichmerzlieder-fingerlih und Robert 
Hamerlingerlid — ganz Dafeinsfhmerz: 

betrauerlid‘ und Hartmann» Schopen- 
bauerlid, mit einem Wort: ganz 
fchauerlich I” Die Stabreime, in 
welchen bie parobiftifhen „Bayreuther 
Tagebuchblätter” zum Theil gejchrieben 
find, fließen fo ungezwungen und mit 
fo draftifcher Wirkung, daß man wün⸗ 
ſchen möchte, der Autor hätte lieber 


dieſer Stabweiſe geliefert. Man höre 
. B.: „Ih glitt durch den glatten, 
glitſchrigen Glimmer die ſtaubigen Stra: 
fen zum Bahnhof Berlins. Der ſchrei— 
tenden Schienen ſchleckes Geſchlüpfer 
durchzog dann das Dampfroß mit dum— 
pfem Gedröhn. Nun gleitetö gemaltig 
zum zaubrifchen Ziele und Meilen dur: 
mefjend führt’3 uns zum Feſt. — Db 
neidiſche Nider und täppifhe Tabler 
an Wagner au rütteln mit gierigem 
Grimme, ih grüße den Größten der 
Großen in ihm. Er fpreizte die Sprache 
zu ftaunlihem Stabreim; als jubelnder 
Jünger fpreiz’ ich, wie er! Was Hän- 
del? Hayon? — Zahmes Gezwitſcher! 
— Was Schumann, Schubert? 
Weichlich Gewinſel! — Was Meyer: 
beer, Mendelsjohn ? Birpende 
Zwerge! — Was Weber? Verdi? — 
Mattes Gemengfel! Nur Wagner wan: 
delt in mwahnvolle Wonnen die fchau- 
rige Schönheit de8 ewig dunkeln ... 
Was das bedeutet, ich weiß es felbft 
nit, doch fag’ ich's forglos den An- 
dern nad. — — Doch fieh, ſchon 
jchattet der Wanderung Endpunkt aus 
wogenden Wipfeln von Weiten heran. 
Die Thürme und Thore enttaudhen dem 
Dunfel — mir tanzen die Sinne, mir 
taumelt das Blut. In Kurzem, fo 
fomm’ ich zum göttlichen Orte, zu jeh- 
nenden Seufzens feligftem Ziel! Zur 
Wiege Woglindens, zu Niflheims Ne: 
bein, zum Riffe des Rheingolds, zum 
Nidergezüht! Zum „Schwerter-Baden“, 
zum „Spähne-Braten“, zum Nibelun- 
genring, zum Tingelingling! Zum 
Heiajaheia, zum Weialamaya — o Nur 
bel! o Jammer! o Wagner! o Welt!“ 
u. f. w. y- 


Gedichte 
von Hieronymus Lorm. 2. verm. Auflage. 
Hamburg, Richter, 1875. 

Die Anerkennung, die in der Re— 
gel einem Autor nur zu Theil wird, 
nachdem mindeſtens eined feiner Werte 
einen durchſchlagenden Erfolg beim gro: 


gleih ein kleines komiſches Epos in ßen Publitum erlebt, mehr oder weni⸗ 


639 


ger populär geworden, hat auch 9. 
Lorm lange nicht gefunden. Nichtöbefto: 
weniger zählt er zu den biftinguirteften 
geiftigen Naturen, zu ben bebeutendften 
literarifhen Kräften der Gegenwart, 
und die endlihe Würdigung ift nicht 
außgeblieben, feit der alternde, faſt 
ganz erblindete Mann aus feinem öfter: 
reihifhen Baterlande nah Dresden 
überfiedelt ift und von dort aus eine 
beinahe fieberhaft zu nennende Thätig- 
feit entwidelt. Auch als Lyriker ermeift 
gerade der alternde Lorm ſich eben: 
fo eigenthümlich, gediegen und anziehend 
ala fruchtbar, und es ift nur zu be 
dauern, daß auch die zweite „vermehrte“ 
Auflage feiner Gedichte ein fo bünn- 
leibige8 Bändchen geblieben, während 
e8 do mit no mander erlefenen 
Blüthe aus des Dichters jüngfter Schaf: 
fensperiode hätte bereichert werden kön⸗ 
nen. Zorm gilt als Dichter des Pefli- 
mismus. Nicht darin aber liegt feine 
Kennzeihnung ala Poet; ganz im Ge- 
gentheil muß gejagt werben, daß er 
unter den neueften Dichtern des Welt: 
ſchmerzes faft einzig bafteht durch die 
Art, wie er über den Peſſimismus 
hinausgeht, indem er bei aller 
Hervorhebung des Weltelends doch den 
unverwüftlichen Kern bes Lebenswillens 
und der Lebensfreude in der Menfchen- 
bruft anerfennt, und neben dem Pefli: 
mismus des Verftandes ben Dptimis- 
mus bes Herzens immer wieder zum 
Durchbruch kommen läßt. Hierburd 
unterſcheidet er ſich zu ſeinem Vortheil 
von den zünftigen Peſſimiſten, die 
fih den Peſſimismus aus Schopenhauer 
angelefen, und die zum Theil darauf 
ſchwören, weil er Mobefage ift. 
Y. 


Der Fortihritt 
im Lichte der Lehren Scopenhauers und 
Darwind. Bon Emerih du Mont. (F. A. 
Brodhaus, Leipzig.) 
Schopenhauer und Darmin! 
Einer allein hätte fchon genügt, das 
Bud lefens: und das Leben veradhtens- 


— 


werth erſcheinen zu laſſen. — Der 
geiftige Fortſchritt des Menſchengeſchlech⸗ 
tes beſteht darin, daß es von der Un⸗ 
ſchuld durch die Erkenntniß zur Schulb 
gelangt iſt und zum Bewußtſein unend⸗ 
lichſter Verlaſſenheit. Es gibt kein 
Glück, weder en gros, noch en detail; 
für den gequälten Menſchen find nur 
zwei Ruheſtätten, das Aufgehen und 
Verjenten in die Anfchauung eines 
Kunftgegenftandes oder der Natur, und 
den Tod. Es gibt Feine Tugend, denn 
Alles ift Egoismus. Die echte Moral 
ift etwas ganz Unnatürlihes und allen 
menſchlichen Beftrebungen. feindliches. 
Erreihung der Moral ift die Erlöfung 
vom Leben. — Das find Gedanken 
aus Emerih du Mont Bud — 
Verfe au dem Evangelium ber mo- 
dernen Geiftesrihtung — Confequen: 
zen ber Scopenhauer’ihen und’ ber 
Darwin’shen Lehre. Sollten fi dieſe 
Grundſätze ber großen Menge mitthei- 
len, dann wird eine Culturepode an- 
breden, melde bereinftige Geſchicht⸗ 
fchreiber vielleicht mit dem Ausdruck: 
bie große Reaction bezeichnen werben. 

Unfer Philoſoph, vielleicht felbft 
erſchreckt vor der Troftlofigfeit feines 
Gegenftandes, ſcheint fi mehrmals 
unter die Fittihe des Chriſtenthums 
flüchten zu wollen, aber aud in bie- 
ſem findet er die Erlöfung nur durch 
die Berneinung feines Wefens, wäh: 
rend er dem Chriftentbume über den 
Tod hinaus nicht mehr zu folgen ver: 
mag. 
Der Fehler des Buches von E. bu 
Mont liegt in der Schönheit und Klar: 
heit feiner Sprache. Peſſimiſtiſche Werke 
follten in einem Tone gefchrieben fein, 
den nicht alle Welt verfteht. Pefjimis- 
mus bebeutet den Tod, Optimismus 
das Leben. Die ſchwarze Philofophie 
der Verneinung will dem lieben Gott 
die Welt abftreiten, um fie zu Grunde 
zu richten; hoffentlich ift fie zu ohn- 
mädtig, um diefe Miffion zu erfüllen. 


640 


Ferner find dem „Heimgarten“ 
zugelommen : 


Zoologiſche Briefe von Guftan Jäger. In 
drei Lieferungen. Wilhelm Braumüller, 
Wien. 

Brehms Shierleben. Neue Auflage. Bibliogra- 
phiſches Inftitut, Leipzig. 

Anaflofius Grün’s — Werke, heraus- 
gegeben von L. A. Frankl. Grote'ſche 
Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1. Liefe- 


rung. 

in deutfcher Bürgermeifter. Epijches Gedicht 
von Ludwig von Mertens. Verlag 
L. Rosner, Wien. 

Vitae damnata. Eine abnorme Geſchichte 
von Emerich Graf Stadion. Perlag 
E. Schroeder, Tefchen. 

YZumorifiifhe Pihtungen für gefellige Kreife, 
gefammelt von Guftav Haller. Berlag 
G. Emil Barthel, Halle. 

Bibliothek der Unterhaltung und des Wiſſens, 
Jahrgang 1877, erfter Band, Bermann 
Schönlein, Stuttgart. 

In memoriam. 3ur Erinnerung an Anafta- 
fius Grün von Eugen Labes, Rojtod. 


Beitligtin, Gedichte in oberöfterreichifcher Volks 
mundart von Wilhelm Gappileri. 
Stemler und Lorius, Wien, 


Comotovia. Allgemeines illuftrirte® JIahr- 
und Pamilienbuh für Deutſchböhmen, 
redigirt von U. U. Naaff, 8. Jahrg., 
Komotau. 

Geſchichte der öfterreihifc-ungarifhen Monar⸗ 
die, das iſt: die Entwidlung des öfter- 
reichiſchen Staatsgebildes von feinen erften 
Anfängen bis zu feinem gegenwärtigen 
Beitande. Bearbeitet vonMorizSmets, 
Hartleben, Wien, Peft, Leipzig, 1.—5. 
Lieferung. 

Anleitung zum Gemüfebau, fowie zur Erdbeer- 
und Champignonzucht, nebft einem An— 
bange: Mittel zur Abwehr der Schäd- 
linge unferer Eulturen. Von Julius 
Dürr. Selbftverlag, Laibach. 

Weftermanns illuftrirte deutfhe Monatshefte 
für da gefammte geiftige Leben der Ge- 
genmwart. Braunfchweig. 

Neue Biluftrirte Beitung unter der Redaction 
Johannes Nordmann's, Wien. In 
BWocdennummern. 


Die Heimat, iMuftrirtes Familienblatt, Wien. 
In Wochennummern. 

Das Inland, herausgegeben von Ludwig 
Germonif, Wien, 

Literarifche Gorrefpondeny, herausgegeben von 
Fell Adam Stöhr. Hermann Folp, 
e 

Der Sefgäftereifende Beitfchrift für Handels- 
reifende und junge Kaufleute. Eduard 
Schroeder, Zeichen. 


Bofikarten des Heimgarten: 


R 2. & Al. Wien. Biel zu leidenfhaft- 
ih in Lob und Tadel. Ihr Wienerbrief für 
diefe Zeitſchrift verfehlt. 

Aunen, Graj. Denken ganz wie Sie; 
diefer Dichter findet im Publitum viel zu 
wenig Beadtung. 


Dr. Fr. 30 in Scheifling. Hoffen Ihren 


Wunſch gelegentlich erfüllen zu können. 

3.— Allerdings gibt es auch Heudjler des 
Unglaubens, fo wie es Heuchler des Glau- 
bens gibt. „Wer vor Zeiten nicht gut fatho- 
if war, der wurde verbrannt; wer heute 
nicht wenigftens mit dem Munde Materialift 
ift, der wird zum Mindeften belädelt. 
Die Jünger des Materialidmus find oft die 
ärgften Fanatiker.“ Das ift der ganze und 
gute Inhalt Ihres 40 Seiten langen Auf- 
faßes, der a zur Verfügung ftebt. 

». $ in M. Denten Sie an Heine's 


Worte: „Wergert Did Dein Auge, 


fo reiße ; 


es aus, ärgert Dich Deine Hand, fo haue fie } 


ab, ärgert Di Deine Zunge, fo fchneide fie 
weg, ärgert Di Deine Bernunft, fo werde 
katholisch.“ Heine bat damit den willfürlichen | 
Uebertritt von einer Eonfeffion in die andere 
überhaupt gegeißelt. 

Walter von der Mur. Warum nit von 
der Bogelweide ? Sie haben fi allzunah’ 
ans Waſſer gewagt. 

3. 3. 9. Wien. Recht vielen Dant, aber 
Gedicht nicht geeignet. 

3. Bt....berg. 
Echtheit Ihrer Volkslieder. 
urfprüngliche wären wir fehr dankbar - 
Sie, uns ſolche gütigft zu übermitteln. 

4 3. Manufeript zum Abholen bereit. 


Wir zweifeln an der 
Für echte umd 
bitten 


Drud von Lepfamsofefätgal in Graz. — Für bie Mebaction verantwortlid P. A. Koftgger. 


\ 


Juni 1877. 


RE 


ing 


nelen 


— 
Le Ze 7 7 7217 777 Dans 


I. Jahrg. 





Am's Heimatland. 


Ein Bild aus dem Befreiungsfampfe der Tiroler von 


P. R. Rofegger. 


Im Dorfe wilde Noth. Auf dem 
Plage laufen Leute zufammen, Weiber, 
Greife und Kinder. Die Männer und 
jungen Burſchen find alle längſt fort. 
— Eine Zeit wird fommen, fo jagte 
ein alte8 Sprichwort, wo die Weibs- 
leute um den Stuhl vaufen werden, 

dem einmal ein Mannsbild ge: 
ſeſſen. Die Zeit war jet da und das 
verzagtefte unter den Weibern fchrie 
laut über den Dorfplag her: „Schab’ 
um's Blut! 's ift Alles umfonft, das 
Tirolerland ift hin!” 

„Du Hundsfott!“ rief diejer eine 
Andere zu. 

„Der Feind ift mit Haufen vor 
der Thür!” 

„Bom Kärntnerifchen rudt er ein.“ 

„Die Lienzerftabt brennt ! Die Män— 
ner haben fie erſchoſſen, die Kinder 
mit den Säbeln aufgefpieft.“ 

„Das Befte, wir flüchten ung gen 


„Schnurg’rad rennjt den Franzofen 
auf den Spies. Bei Trient ftehen fie 
ſchon.“ 

„So laufen wir nach Innsbruck 
zum Hofer.“ 

„Oh, der iſt lang' nicht mehr in 
Innsbruck, den haben die Baiern viel— 
leicht ſchon aufgeknüpft.“ 

„Niederſchlag' ich Dich, wenn Du 
das Wort noch einmal ſagt.“ 

„Habt es nicht gehört, was ber 
Feind im Innthal anftellt? Plündern 
und Rauben, Sengen und Brennen, 
Kirhen ſchänden —“ 

„Ja, das iſt wahr! Ueber vierzig 
Menſchen haben ſie bei Wörgl wie 
die Heiligen gemartert — erzähl's, 
erzähl's, Peter!“ 

Und der Peter, ein alter Oelträ— 
ger aus dem Zillerthal: „Jeſus Ma— 
ria! bei Schwaz iſt's geweſen. Schwaz 
ſteht gar nimmer. Niedergebrannt bis 
in den Erdboden. Und das Gemehel, 


Briren und in's Stalienifche Hinein.“ | Ihr Leut! Alle Baiern bejoffen. Die 


Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 9, Geft, 
* 


al 


642 


Weiber find von den Männern geril: | 
fen und vor ihren Augen verfchandirt.“ | 

„Hört mir auf, Peter!“ 

„Will's nur no von dem ver: 
dammten Wrede erzählen, vom Baiern: 
general. Der alte Graf Tannenberg 
ift ein blinder Mann; bei dem hat 
der General zu Mittag gegellen. Der 
Graf läßt ihm alles Gold: und Sil- 
berzeug hertragen, was er hat, nur 
jein Schloß möchte der Feind be- 
Ihügen um Gotteswill! Was wird 
dann! Noch eh’ fie gar abgegeſſen ha: 
ben, hebt da3 Schloß ſchon zu bren- 
nen an, und der alte blinde Mann 
wär’ ſchier mitverbrannt. Das find 
Galgenvieher, diefe Baiern.“ 

„Und haft ihnen nit fünnen Sfor: 
pionöl in die Krüg’ jchütten, daß jie 
frepirt wären 2“ 

„Oho, bei denen thut's fein Giftöl. 
Vermeint, es wär’ Branntwein, ha— 
ben fie mir jelber die Plützer ge: 
leert. Keiner ift hin worden! feiner ! 
Die Baiern haben den Teufel im 
Leib! — Du geht bizeit! dent’ ich: 
mir und bin davon. Gejtern in der, 
Nacht, wie ich über den Gerlos jteig, 
hat wieder was Großes gebrannt im | 
Innthal — gluthroth ift der Himmel 
gewejen.” 

„Und bie öſterreichiſchen Solbaten 
find davon — haben uns im Stich 
gelafjen in der Noth.“ | 

„Die Unferigen felber find etwa | 
viel beffer? Der Spedbadher. Hat er 
nit hinausſchlupfen wollen? Da unten 
in unjerm Thal ift’3 gemejen, wo ihn 
der Hofer erwiſcht hat.” 

„Wenn die Obriften einmal laufen!“ 

„Nachher müfjen die Gemeinen 
aushalten und wenn fie ſchon gar 
nichts mehr haben, über den Feind 
berfallen mit Nägeln und Zähnen!” 

„Wirſt erwürgt — aufgefnüpft !” 

„Mir Schon eins — ich wend' 
mi auf dem Galgen jo, daß mein 
Hintertheil den Franzofen zuſteht.“ 

So wurde gejchrien und geflucht 
in wilbfluthendem Haffe gegen den 
Feind des Vaterlandes, 





Da trat ein hagerer, einarmiger 
Mann vor, der Schulmeifter war’s 
des Ortes. Mit fräftigem Schritt ſprang 
er auf die ſteinerne Antrittötreppe 
eines Hauſes, riß mit jeiner einzigen 
Hand ein Papierblatt aus dem Sad 
und rief: „Leut’, ftedt jegt die Zun— 
gen in den Sad und habt Ruhe. Vom 
Andreas Hofer was!“ 

Da legte fih das Wetter. 

Der Mann las: 

„Herzallerliebfte Tiroler ! 

Für Gott, Kaifer und Vaterland ! 
Morgen in der Früh ift der löfte An- 
ariff. Wir wollen die Boarn mit Hilfe 
der göttlihen Mutter fangen oder er: 
ſchlagen und haben uns zum liebften 
Herzen Jeſu verlobt. Kommt ung zu 
Hilfe! Wollt Ihr aber gejcheidter fein, 
als die göttliche Fürſichtigkeit, jo wer: 
den wir es ohne ent auch richten. 

Andreas Hofer, 
Dberconmandant.” 

Einen Augenblid Alles ftill. Die 
Frömmigkeit wedte Hoffnung, der Troß 
Vertrauen. Aber wer — fragten fie 
— fol denn noch zu Hilfe fommen? 
Die ftreitbaren Männer find ja längit 
weg! 

Was wird jegt laut von der 
Berggaffe her ? Der Himmel ift ſchwarz 
und zerriffen und ber Wind rüttelt 
an den Dachſchindeln, daß die Schwer: 
fteine wadeln. Was anders ift’3. Der 
Erbboden dröhnt vor dem Traben 
einer nahenden Rotte. 

„Jungfrau Maria zu Dtterfing, 
das werben doch die Franzojen, die 
Baiern nicht fein? — hr vierzehn 
Nothhelfer ! Leut’, Schaut dort über ben 
Zaun hin! Stangen und Spieße und 
Meſſer!“ 

Ein grauſes Stöhnen und Aus: 
einanberftieben. 

„Fahrt lieber gleich aus der Haut 
und laßt Hafen hinein!“ rief ber 
Schulmeifter, „laßt das Davonlaufen 
vor biejen Leuten ben Frangofen über, 
ift geſcheidter. Habt Ihr hinten feine 
Augen, jo ſchaut um. Der legte Land— 
ſturm iſt's; die Bauern find’3 von 


648 


Sanct Martin und Oberſchütz. Der alte| Bauernrotte; des Weiteren verlegen 
Samer:2uibl ijt dabei. Das wird was, | fie ſich Heute nicht auf's Beten, „denn!“ 
Leut’, das wird was!” deutet der Vieharzt, „die Boarn beten 
Da kamen fie jchon herangefahren | jelbander zum nämlichen Hergott, ber 
im Sturmfdritt, die alten Nader und |uns Helfen jol. Daß wir ihn brau- 
Lotter mit den frummen Nüden und | chen, das weiß er; daß wir unfer 
Elbögen, mit den weißen Haarfträh- | gut Recht haben, das fieht er, und 
nen und Stoppelbärten, auf den Ach- | will er's thun, jo wird er ung finden.” 
jeln die Spieße und Senjen und Mor: Dennoch aber klingen die drei 
genfterne und Stallgabeln und Haden | Gloden auf dem jpigen Dorfkirch— 
und gezähnte Meſſer und roſtige thurme und das gellende Glödlein 
Lanzen und Flinten. Alte in falben | der Kapelle, die oben an ber Fels— 
Lederhojen, Joppen und breiten Filz | wand fteht. Sie rufen nicht Gott, fie 
hüten. Boran marſchirte der Samer: | rufen die Menjchen. 
luidl, das Brennfcheit umgekehrt auf „Der himmliſche Herr!“ fagt der 
ber Schulter tragend und unterwegs | Zimmermeifter von Sanct Martin, 
die Weifung jchnaufend — wohin und | „hat feine Sach’ gethan, wie er bie 
wie anpaden! Zu jeiner Rechten ber Zirolerberge hat aufgebaut. Wir haben 
Zimmermeifter von Sanct Martin mit nur die Löcher zu hüten, wo das 
einem eijenzähnigen , ftahlbejpigten | Waſſer hinausrinnt, daß feine Blau: 
Sclagprügel, der vor hundert und hoſen und Weißmäntel hereingerathen.”“ 
hundert Jahren Schon auf die Türfen: „Wär's nit zu jpat, jo kunnt's 
ſchädel ſoll niedergejauft fein. Ihm noch früh genug ſein!“ rief der Schra- 
daneben ber Richter von Oberſchütz, | ger‘ von Oberſchütz. 
dem das Recht in diefen Tagen zum! „Der Schrager auch dabei!” grollt 
Meſſer geworden. Links vom Luidl |der Hans Schadher von unjerem Dorf, 
der weißbärtige Vieharzt Wimmer von | der jchon da ift mit feinem Spieß, 
Kreuzed in feinem mächtigen Joppen- um fich gleich Anderen dem Zuge an- 
jad nicht die geringfte der Waffen zujchließen. „Der Schrager! Da bleib’ 


jchleppend — einen wuchtigen Brot: 
laib. Und Hintenher alle Anderen, 
Wäldler und Bergler, Hirten, Holzer, 
Steinflauber, Züchner; fogar der alte 
Vogelhändler-Michel aus mit und 


ein Herrgöttltrager aus dem Pitthale | 
jegund brauchen bie | 


iſt hinten ber; 
Leut’ feine Kanarienvögel und feine 
Chriftusee — fintemal, 


zuichlagen | 





heißt's jegt! 

Ale jchreiten drein in finjterem | 
Ernfte, ihren Söhnen und Enkeln nad, 
die zweimal ſchon das Kirolerland 
befreit, daS brittemal der Liſt und 


| Schacher, 


ich daheim, der wird den Feind jchon 
allein vertauchen, wenn’® mit dem 
Maul geht.“ 

„Du, Hanns!” ruft fein Weib, 
„wenn Einer jo redet in Tirol und 
es ein Nachbarsftreit thut, daß 
Einer nit gegen den Landesfeind will 
— hernachen iſt's Pfutſch mit unf’rer 
Sad’, und laßt den Feind herein 
lieber heut’ als morgen, jo find wir 
fertig und ift das grauslig Leutumbrin- 
gen nit vonnöth.“ 

„Haſi eh Net, Weib“, drauf der 
„ich krach in. Gottsnam’ 


Uebermadht der Feinde zu unterliegen | mit.“ 


drohen. Der Welteroberer führt Krieg 


gegen die Tiroler; und Alle, die er Gefiht halt’ her; 
niedergeworfen, keiten lobhudelnd ihrem Kreuz ; 


„Mann,“ fagte fie fiebernd, „Dein 
id mah Dir's 
behüt Dich Gott, der himm— 


Bändiger hinter und neben ihm her |liih Water und der Sohn und ber 


und find die ärgften Bluthunde. 


heilige Geift und die lieb’ Mutter 


„Gott und Sanct Sebaftian !” | Maria vom grünen Baum. Zwei Paar 
diefer Ruf wird vernommen in der | Strümpf' hab’ ih Dir in die Ranzen 


41” 


644 


padt und ein Nähzeug ift auch drin | Jetzt gehen die alten Narren auch. 
und drei Dirbändpflafter für den Fall, Nur Schad' daß Unſereins kann nim— 
daß doch ein Unglüd wär’. Halt' mer nichts Helfen dabei. — Und ben 
Dich feit, Hanfele! Denk', Du verzahlft | Knäblein ift das ein luſtiger Aufzug, 
den Boarn die Kugel, die unfern die haben beim vorig Kirchtag neue 


Buben Hat troffen. Berzahl’3 gut, | 
mußt ihn mit zu wobhlfeil geben, un⸗ 
fern Mirtel!” 

„Sa, wie bift denn?” jagt er und 
ihaut fie mit naſſen Augen an, 
„meiner Tag’ hätt’ ich’3 nit vermeint, 
daß Du Einem jo zureden kunnſt.“ 

„Selber möcht’ ich mit und heiße 
Stein’ auf fie niederwerfen Tag und 
Nacht, bis die Bergwänd gar wären.” 

„Haft die Enkelfinder daheim. Ver: 
giß' mich nit.“ 

„Da, das da“, und fie entrollt 
den Luſcharianer-Roſenkranz aus ihrer 
Fauft, „beten will ih für Dich, fo 
lang und fo viel mit den Kindern, 
bis Ihr glüdlich wieder daheim jeid.“ 

Ein kurzer Händedruck und das 
alte Ehepaar geht auseinander. 

Auf dem Söller des nächſten Hau: 
jes figt ein noch junger, aber blafjer 
Mann; dem hängen die Haare arg 
über die Stirne, aber die Augengluth 


Tafjchenveitel kriegt — wollten gleich 
mithüpfen. Aber das Mädchen hält 
feft den Vater bei der Hand, ber darf 
nimmer davon; die Mutter bat jo 
viel geweint! 

Die Hühner heben ihre Köpfe und 
Schauen, der Hund jenft feinen Schweif 
und ſchaut, die Kap jchleiht oben 
über die Scheunenbalfen heraus und 
ſchaut: jo ein unheimlich Wejen! Ge: 
gen Geier? gegen Wölfe und Bären? 


gegen Schinder? gegen mas geht's 


denn? — 

Manches Dahbrettlein ſchwirrt über 
die Häupter hin — der Wetterfturm 
ift im Losbrechen, aber es kann kein 
Halt und Unterftand fein. Der Feind 
zieht in Haufen an der Drau herauf. 

„Behüt’ Euch Gott Alle daheim, 
habt Obacht auf das Feuer und auf 
die Kinder! — Set vorwärts in 
Gottes heiligem Namen!“ 

Die Stangen, Lanzen und Senjen 


mögen fie nicht verbeden. Sein Weib ſchlagen Hirrend aneinander über den 
und feine zwei Buben müſſen ihn alten Köpfen, die eifenbejchlagenen 
niederhalten auf die Bank, daß er Schuhe geben Funken im Geftein des 
nicht aufipringt und mit der Schaar | Weges — ſo brauft und grollt der 


geht. Er fann ja nicht, ift erft vor 
etlihen Tagen vom Eijadthal heimge- 
fommen mit durchichoffener Hand. Dem 
Nachbar geht's nicht bejfer, der muß 
fi) mit der einen Hand an’3 Stiegen: 
geländer, mit der andern an die 
Krüde halten. Zwei franzöfiiche Boh— 
nen haben ihn gefunden bei Mauls; 
die eine jtedt noch im Bein. ’8 ift 
jegt fein Arzt in der Gegend, ber fie‘ 
heraugziehen thät. Seine ganze Fa: 
milie, vom Säugling an der Mutter: | 
bruft bis zum alten Ahnmütterlein | 
am Stod, find um ihn herum, und 
das Mütterlein, welches jchon ſeit 
mehreren Jahren dreiundneunzig Jahre 
alt ift, weil fie die Zeit vergißt, denkt: | 
was der Menjch mit dreiundneunzig 
„Jahren derleben kann auf der Welt! 





Zug davon. 


Debniß auf dem Dorfplag. Die 
Krüppel, die Weiber und Kinder fte- 
ben noch an den Thüren und bliden 
traurig den Männern nah — der 
legten Kraft und Hoffnung des jchwer: 
geprüften Landes. Da fährt das Wet: 
ter los und die armen verlafjenen 
Menſchen ziehen fi zurüd in Die 
finfteren Stuben. Aber nit um zu 
Magen und zu meinen. Die Riegel 
der Thüren und bie ſchweren Fenfter: 
gitter werden unterfucht, die Wand— 
und Dadhluden verſchlagen und ver« 
rammelt. Beile und Haden werben 
bervorgeholt und alles Eifenwerkzeug, 
was jchneiden, ſtechen und jchlagen 


645 


fann, wirb in Bereitfhaft gehalten. | hinan, zahllo8 wie die Ameifen und 


Die Kettenhunde werben an bie Stall- 
thüren geſchloſſen, das Federvieh in 
den Gewahrſam des Hauſes gebracht. 
Und Alles, was werth und ſchätzbar 
an Metall, die Halsketten, die Silber— 
kreuzlein, die Trauringe und die Tha— 
lerſäcklein, all dergleichen wird tief 
in den Herd vermauert oder im Keller 
vergraben. 

Ein emſig Rüſten iſt's — ein 
armſelig Veſtenbauen, kaum gut gegen 
den einzelnen Räuber, geſchweige gegen 
einen Schwarm von Franzoſen oder 
Baiern. 

Wer einen Tobiasſegen hat, ber 
nagelt ihn an die Hausthür. 


Und in der Klauſen ift’s, vor 
Lienz. Ueberall an den Bäumen hängt 
grauer Rauch mit feinem Brand: und 
Nulvergeruh. Aus der Lienzerftabt, 
die dort im ſchönen breiten Thale 
liegt, fteigt träge Dunft und Gewölke 
aus Feuerftätten auf. Aber in ber 
Schlucht fpringen raſch die weißen 
Rauchſtrahlen hervor aus den Röhren, 
und Mander, der fie von oben hinab 
fieht, merft auch ſchon das Blei in 
jeinem Fleifche, viel eher, als noch 
der Knall heraufdringt aus der Tiefe. 

Sind tolfühn geworden, die Tiro- 
ler. Sonft haben fie hinter Büfchen 
und Bäumen gelauert und nad) dem 
Feinde geſchoſſen, ohne ſich felbft tref: 
fen zu laffen. Seht aber war das 
Pulver zu wenig und die Wuth zu 
groß geworben. Nicht mehr mit kleinen 
Bleiftücden ftreiten fie, wuchtige Fels: 
blöde fchleudern fie nieber auf ben 
Feindeshaufen, der mit den zifchenden 


die Eidechfen im Geftein. Da geht’s 
Zahn um Zahn, und die Tiroler 
brechen mit ihren Spießen und Meſſern 
los, und mit den harmlofen, in Ar: 
beit geheiligten Werkzeugen bes Land— 
mannes, des SHolzfällers, des Hand— 
werkers jollen fie jegund das Vater: 
land noch retten. 

Bor Allem gilt es heute, das 
Thor des Pufterthales zu vertheibigen. 
Mander Stein fährt nieder ben fteilen 
Hang, an Bäume prallt er an und 
fnidt und fpaltet fie, tiefe Löcher 
gräbt er bei jedem Nieberjchlagen 
in ben Erdboden, und die wuchtige 
Maſſe, die fih anfangs in langjamen 
Rollen nur bewegt hatte, macht Sprünge 
in immer weiteren und höheren Bogen, 
bis fie, auf einen Felsgrund fallend, 
in viele Stüde zerſchellt, welche nun 
mit zehnfachem Berberben nieberfaufen 
auf die feindlichen Rotten und unter 
chneeweiß aufzifhendem Schaum in 
die Fluthen fpringen. 

Immer bünner wird unten bie 
Schaar, aber immer wülthender eilt, 
theil3 eng an ber Bergwand huſchend, 
theils kühn duch das Waſſer reitend, 
fie voran, nahe ſchon der Stelle, wo 
die Schlucht ſich weitet und das Feld 
aljo gewonnen ift. 

„Ein etlih Knödel no abi!“ 
jchreit der Schadher auf ber Anhöhe 
und hebt und jchiebt an einem moos— 
grauen Felsblod, aber der mag meinen, 
es hätt’ manch Jüngerer an ihm fchon 
bie Kraft erprobt, jo wolle er bem 
Alten au noch nicht weichen. Und 
einem moofigen Stein, der mit jeiner 
Erde verwachſen ift und noch mit ver: 
goldeten Lettern Feine vaterländijchen 


Wellen des Alpenfluffes ringend burch | Heldenthaten erzählt, jo einem Klotz 


die Schlucht brängt. 


Die Wege an iſt's eins, fißt fingend ein tirolifches 


den Lehnen find längft zerftört und | Hirtenfnäblein auf ihm ober wird er 
die Brüden zerriffen, und die Ein: |von wälſchen Hämmern zu Straßen: 
dringlinge müffen bei der Erftürmung | Schotter gejchlagen oder zu einer Zoll: 
der Schlucht mehr Blut Laffen, als ſchrankſäule gemeißelt. Wie denn der 
jonft bei ber Einnahme einer großen | alte Schacher mit Armen und Stan: 


Stadt. 


Doch find ihrer zu viele und |gen auch Hob und anftemmte, ber 


duch das MWaldgehänge klettern fie | Felsblod blieb Tiegen. 


646 


Der Alte blidte um fi und fah, das Moos hin, dann jchlägt er über. 
es war für den Augenblid feiner der Und wie, er fih fo aufbäumt, da 
Genoſſen nahe genug, um ihm das erſchrecken die beiden Alten jchier ſel— 
Werk tun zu helfen, und doch ſah ber vor dem Koloß. 
er, wie es entjcheidend fein konnte, „Der kunnt fih machen“, jagt 
wenn jegt der Stein nieberfuhr und der Schrager. 
in die Feinde ſchlug, ehe fie no den) „Der wird brav fein“, fagt der 
Ausgang der Schlucht erreichen Fonnten. | Schadher. 

Da hub er in Herzendangit an: Dieweilen ift der Stein ſchon in 

34 
* — an ehr ‚gutem Laufe. Er hat gewaltige Kan: . 
. 8 ten und Auswüchle, aber bald erfcheint 
ih laß darnach eine Kapellen aus Dir er in feinem raſchen Ueberfchieben wie 
bauen. Sei gejcheidt, laß’ Dich beme: | „; ; 
er Und afg et" runder Ballen, und Tuftig und 
. ab, es F vergebeng hieb er iger > I ſtiger bebt or Ipringen, 
mit der Fauft drein und knirſchte: — ke ag Bee 
Schurt’ Du! wenn's einmal das|. 
— Sand eilt!“ über den Lerhenbaum, ber unten am 

* 5 fat a a Arne Rande fteht, wo die Wand nieder: 
eilihe Gchühen, bie am Aus ze dor Mrzt. Und in einem ſchreckhaft weiten 
Schlucht tanben die a di ine. Ay ah sur — — 

# “hinab in bie uht und mitten in 
— — ——— ge = e — die Feindesſchaar. Keinen einzigen trifft 
fein Gott und fein Teufel zu weg, a ar 2 — 
ae Stein wollt’ | yert Scherben, und diefe Scherben 
* machen nach allen Seiten hin ihre 

Da erblidtte er nicht weit von ſich yifpen Sprünge und fehlagen grauen: 


den Schrager. Den Schrager von re — 
Sanct Martin, mit dem er feit Jahr haft arg in bie feindli—hen Haufen. 


ein fieben in Walditreit lebte. — Das Ein Schrei, ber durchs Herz gebt, 
war jein Feind, ber ihn hatte belijtet halte zur Höhe und bann janten bie 
und verihimpfirt, der ihm vor Neid Getroffenen auf ben Sand und in bie 
das Korn auf dem Feld umd den Fluthen, und das weiße Waſſer aus 
Brunnen im Hof möcht vergiften, — |den Dolomiten wurde roth. — Die 
mit dem aller Lebtag ein Wörtel zu noch Mebrigen machten, unbefümmert 
reden verfchworen war. Der haftete um die Vorwärtsrufe ber Comman- 
mit vorgehaltenem Schußprügel jetzund danten, Kehrt und flohen in Verwir⸗ 
an ihm vorbei. rung zurück. Noch ſprang ihnen manch 
Einen Schlag Hat er ſich gegeben, verjpätetes Küglein nad von ben 
der Shader, in die Rippen, al3 wollt’ Höhen, und von ‚allen Gräben famen 
et aud) noch einen andern Feind nie, uun bie Scharfihügen und Bemsjäger, 
derhauen, und barauf: „Schrager!“ die Bürger von Lienz, und der ganze 
itieß er hervor, „geh’ her, Hilf mir Landiturm war ba; und einſchließen 
den Stein auf!“ wollten fie den ‚Feind im Feuerkreiſe 
Der Andere hört's. „Muß noch mie einen Storpion. 
eh’ den Pfeifer thun!“ fagt er, ſchießt An die Tauſend und Hunderte von 
hinab in die Schlucht, ſchaut noch, Franzoſen blieben todt an den Ufern 
wie fein Mann fällt und iſt mit bei- der Drau und ber Iſel, die Uebrigen 
den Händen ſchon da zur Hilfe. — flohen nad Kärnten hinaus, 
Ein paar Ruder ober drei, unb | Der Schadher aber und ber Schra: 
Blod iſt los. Zuerſt ruticht er über ger, als fie die Wirkung ihrer gemein: 











647 


ſamen That gejehen hatten, ftarrten | 
ſich gegenfeitig eine Weile an und 


jagten fein Wort. Endlich gaben fie 


denn nit, daß Nöffer dabei jein und 
Weißmäntel!“ 
Als ſie näher kam, die laute, 


ſich die Hand und gingen mitſammen übermüthige Schaar, da war's bald 


davon. 


beſſer zu ſehen. Die Tiroler waren 
es, ſtämmige, kräftige Kerle, und auch 


Die Trine war eben auf dem die Alten darunter, die erſt ausge— 
Wege zum Brunnen, der drüben am zogen vor etlichen Tagen. Und mitten 


Schaden aus einer grünbemoosten 


d'rin 


im tollen Haufen gefangene 


Rinne in den Trog floß. Da fiel ihr Kriegsknechte, entwaffnet und gefeſſelt, 


ein ſeltſam Klingen auf, das dort in 
den Bäumen war, und die Rothwand 
warf einen Schall herüber, der nicht 
anders geweſen war, wie ein keck ber: 
ausgeftoßenes Yauchzen. Das Mädchen 
eilte zu den Käufern zurüd und er- 
zählte es: „Seht möcht” ich willen, 
wad das ift! Geht’ denert mur 
g'ſchwind zuhören, Leut', die Baum- 
wipfeln jodeln und bie Steinwand 
juchezt !” 

Eilends liefen fie aus den Häufern, 
und nun hörten ſie's ſchon deutlicher, 
das Sohlen und Jauchzen fam vom 
Hochthörl her, über das ber Weg von 
der Lienzerfeite herüber führte. 

„Die Mannleut’! Die Mannleut’ 
fommen!” rief eine aus den Weibern. 

„Biſt nit g'ſcheidt!“ jagten Andere, 
aber das Wort kam jubelnd heraus 
und fie glaubten nichts lieber, als das. 

„Schau, ſchau!“ ſchrie ein junges 
Mädchen, „jelm über den Niegl, jelm 
wachelt 
daher!“ 


Wahrhaftig! die 


in finſterer Wuth auf ihren Karren 
kauernd. Und der kleine Bergamer 
Michael, der fürwitzige Bub', thut, 
als wär er auch dabei geweſen bei 
der großen Sach, reitet auf einem 
wälſchen Schimmel daher, ſchaut drein 
wie ein General und iſt — kommt's 
auf's Meſſen an — von der Zehe 
bis zur grauen Hahnenfeder ja ſchier 
ſo lang, wie Napoleon der Große. 
Und was ihm die Kanon' für ein mar— 
tialiſch Anſehen gibt, die auf ſchweren 
Rädern hinterdrein rollt. So große 
Kugelſtutzen haben die Leutchen noch 
ihrer Tage nicht geſehen, wie dieſes 
erzene Rohr, das manch feſte Mauer 
durchbohrt, manch tiroliſchen Kirchthurm 
geköpft hat. Jetzund iſt der Schlund 
gegen die Weißmäntel gerichtet, und 
darüber baucht ſich im Wind das 
vaterländiſche Banner mit dem Dop— 
peladler, und ein Greis humpelt von 
ſeinem Schubkarren heran, ſtreckt die 


der ſchwarzgelb Schlampen Arme aus und ruft: „O du lieber, 


ſchwarzer, ſakriſcher Schwanz, hab's 


öſterreichiſche ja g'wußt, daß dir die Flügel wieder 


Fahne tauchte auf dort über dem wachſen müſſen!“ 


Bergrüden und baneben etliche Spieße 
und Stugenläufe und dann bie gefe- 
berten Hüte und die Burfchen dazu, 
die jungen und die alten, jpringend 
und lärmend, und ein feterhaftes 
Trommeln und Blaſen darunter. 
„Das fein aber rechte Halbnarren!” 
tief die Stegſchlager Burga überlaut ; 
inwendig wollt ihr vor Angft das 


Boran dem übermüthigen Zug bie 
Mufifanten mit den Schwögeln und 
Seitenpfeifen, mit Trommeln, Finger: 
ſchnalzen und Jauchzen. Allem voraus 
aber jchreitet der Bauerncommanbant, 
einen zerfegten Soldatenmantel über 
ber Tirolertradht, verbunden bie linfe 
Hand, mit der rechten ben blanken 
Säbel an der Schulter — in ftrengem 


Herz zerjpringen: „Der Martin, ob er Ernſte einher, troß des unendlichen 


wohl glüdjelig dabei ift!* 


Jubels nicht vergefjend an ber Zeiten 


„D heilige Maria vom grünen |noch nicht gebrochene Noth. 


Baum!” kreiſchte ein alt Mütterchen 


Unweit von dem Führer, auf 


auf, „das ijt der Feind! Seht's es der Trommel wirbelnd, trottet der Ha— 


Zn 


derlump, bem vor lauter Gehen uud 
Trommeln gar die Strümpfe jchon 
über die Waden figen. Er ſchaut nicht 
nach links, nicht nach rechts, er fieht 
nicht8 und hört nichts als das Rollen 
feiner Schlägel — der Nichtsnutz 
war er fonft, aber zum Mohl des 
Baterlandes ift er Trommler ge 
worben. 

„Habt's ihn g’jagt? Habt's ihn 
recht g'jagt?“ ruft ein alt MWeiblein 
vom Söller herab, und die Knaben 
und Mädchen, Iuftige Kinder überall, 
Schreien von den MWandgängen und 


Thüren und Stiegen ihr Hurrah Hin: | 
Der ſtocktaube Wirth an ber! 
Thür lächelt heiter brein. Heut’ macht 


aus. 


das Gerede, das er eh nicht verfteht, 
nichts aus, heut’ ſieht's das Aug’. 
„Eine Schöne Sach'! einetapfere Sach'!“ 
ſpricht er im fi hinein. Daneben der 
Schulmeifter mit den großen Glas: 
augen und mit ber Pelzmüge, die 
er auh im Sommer trägt, meil jie 
jo gut vor der Sonne ſchützt; der hat 
in ber eriten Eil’ den Mund aufge 
tiffen, um irgend ein gewichtig Wort 
zu jagen, aber er fand feins, das für 
ein ſolch' groß’ Ding gemwichtig genug 
gewejen wäre. Und der Mund ift offen 
geblieben. 

Die junge Stegſchlager Burga hat 
jeit einer ganzen Minute feinen Athem- 
zug mehr gethan. — Kunnt ihn jchon 
jehen, wenn er dabei thät’ fein. — 
Da ſpringt .er jählings hervor aus 
dem Gemwirre, der Martin — hat fi 
den Bart ftehen laſſen fchon ſeit Wo: 
hen; hätt’ ihn die Burga jchier nicht 
wieder erfannt. 

„Moidle! — Moidle!” jchreit er 
und padt fie bei der Hand. Einen 
ſchnippiſchen Gruß will fie ihm fagen, 
baß er ihr ftarfes Herzklopfen nicht 
jollt’ merken, aber fie kann nicht re— 
ben, zuerft lacht fie, dann jchiebt fie 
fih um und ſchluchzt in ihre Schürze. 


Und die anderen Moible, es gibt 
deren genug auf dem Pla, und alle 
find herfürgefahren aus ihren Stuben 
und Winkeln — fie lugen aus nad 
dem und dem, und wenn fie ihn fehen, 
ben Rechten, jo heben fie ihre Arme 
und jchnalzen ihm mit ben Fingern 
ihren Gruß entgegen. 

Und fommen fie auch mit Wunben 
und riefelndem Blute, glückſelig ift die 
Heimtehr. 

Ein paar Dörcherinen, die mit 
ihren Drahtwaaren und verzinnten 
Blehtöpfen im Dorfe haufirt, geſcha— 
hert und gebettelt hatten, find auch 
darunter. Die glogten gar blöde brein 
und können die Luft ber Sieger und 
den Jubel nicht verftehen; die Armen 
wiffen ja nicht, was das heißt: ein 
Vaterland; fie haben feines, ihr Ge: 
burt3ort ift der Schubfarren mit ber 
durchlöcherten Plache, an den ein 
magerer Ejel geſpannt ift oder eine 
Schindmähre, oder aber Bater 
und Mutter. Wie diefe Leutchen nir— 
gends daheim, jo find fie auch nirgends 
fremd, fie find die Kosmopoliten ber 
Armuth und ihnen ift’3 alleins, ift 
der Napoleon Herr in Tirol oder ber 
Anderl von Paſſeyer — ihr Freund 
ift Jeder, den fie anbetteln ober be: 
ftehlen können, ihr Feind ift ber Land- 
richter mit feiner Keichen (Arreft). 

Gottlob, Gottlob, der Zug will 
nicht enden! Es fommen die Aller: 
meijten wieder beim, und unter ben 
alten, weißbärtigen Männern find bie 
Resten der Schadher und der Schrager, 
brüberlich plaudernd und Schwarzbrot 
efjend von einem und demſelben Laibe. 


Ihnen jubelt Keiner mehr als An: 
deren zu — und doch mögen fie leicht 
die größten Helden fein unter Allen 
— fie haben nicht allein ben fremben 
Feind, fie haben auch den inneren 
überwunden. 


BEE... AR 


Die Grabrede der Gräfin Fittner. 


Von 
Emile Mario Vatano. 


(Schluß.) 
Aber es war bloß eine Ohnmacht ; | von dem Prophetenthum der echten 


und Mila Baccaj war bloß einige Liebe hat. 


Zeit hindurch Fränfelnd und bett— 
lägerig. Sie hatte ſich einfach ver- 
fühlt, wie das an Frühlingstagen oft 
vorfömmt, wo ber warme Tag fo 
raſch in einen Fühleren Abend um: 
ſchlägt. 

Die Welt wenigſtens wußte es 
nicht anders. 

Die Krankheit Mila's war aber 
vielleicht eigenthümlicher Art, und wie 
ſie allein in ihrem Krankenzimmer 
weilte, da begrub ſie vielleicht ihr 
eigenes Selbſt und ftarb einen wirk— 
liheren Tod als jenen, den Aerzte 
conftatiren konnten. 

Sie liebte ihn, den erften Mann, 
ber dem ftolzen, frohen Mäbchenherzen 
liebenswerth erfchienen war. Ein Mann 
vol Kraft und vol Unſchuld, voll 
Selbſtbewußtſein und voll MWeichheit 
dabei. Er wollte nicht gut und edel 
fein; er mußte es fein. Er mußte 
jelber nicht, wie groß er war. Das 
lihte Herz Mila’3, das unberührt 
durch's Leben gegangen war in freier 
— mußte einen ſolchen Mann 
lieben. 


Die Sage von der Liebe Brun— 
hilden's zu Siegfried bleibt ewig wahr. 
Aber auch die Fruchtloſigkeit einer 
ſolchen ſchickſalsgebotenen Liebe bleibt 
immerdar wahr. Der Irrthum einer 
ſolchen Liebe iſt gleich groß mit ihrer 
Dauer. Siegfried's Auge fällt immer 
auf eine träumeriſche Chriemhild, die 
ihn zuletzt noch verräth durch das 
aufgenähte Lindenblatt, weil eben 
ihre Liebe ganz Zufall iſt und nichts 


Mila VBaccaj liebte Yofef 
Sittner. Das war eine recht traurige 
Sade. Denn das echte Weiberherz 
fennt nur zwei Dinge: die Veränder— 
lichkeit, das Hafchen nad) dem momen: 
tanen Intereſſe, oder die Treue, bie 
unverbrüchliche, die ewige. Ein Mittel 
ding, ein Schwanken gibt’S da nit. 
Das Weib kann mur fein wahrhajtig 
und treu, jelbit verftoßen, oder — 
gejunfen ; gejunfen jelbjt auf ber Höhe 
des Lebens und geehrt vor ber Relt. 

Ihr Gott war ihr in Sofef 
Sittner erfchienen. Sie hatte ihn vor 
fich gefehen, jo himmelhoch über an- 
deten Männern und bo ſo kindlich 
dabei. 

Und fo hatte fie ihn geliebt, echt, 
jäh, ungefordert, vom erften U gen- 
blide. Es war feine Liebe geweſen, 
die fih durch die Augen in's Herz 
binein ftahl. War er ſchö: oder 
niht? Sie mußte es nicht. Sie 
mußte nur Eines, daß fie an ihn 
denfen mußte ohne Aufhören, daß 
ihre Seele auf die Seinige geflogen 
war wie ein Falter auf eine Blume, 
im erften Augenblide jchon. Sie 
hatte dem Himmel gedankt für das 
Glück dieſes Gefühles, und fie hatte 
zum Himmel gefleht für die Erfüllung 
besfelben, jo heiß, jo kindlich Hoffend, 
daß bies Gebet wohl hätte erhört 
werben jollen, wenn bie unendlichen 
Räume des Himmel ein Echo hätten, 
für den weinenden Schrei eines ver: 
ſchmachtenden Menſchenherzens. 

O wer doch die Stimme der Hagar 
in der Wüſte hätte, für deren Noth— 


650 


jchrei” der Herr der Welten Quellen 
ipringen ließ, aus bürrem Sande! — 

So liebte Grethen Fauft. Aber 
Grethen war ein armes Bürger: 
mädchen, in deſſen Herzen fein Stolz 
Wurzeln gefaßt hatte um das himm— 
liihe Samenkorn „Tugend“. Aber 
Mila Baccaj hatte eine ftolge Tugend 
in fih, die verbluten mochte und 
mußte unter dem graufamen Geftänd: 
niße des Geliebten: „Sch liebe eine 
Andere.“ — Berbluten wie Ahasver, 
ohne fterben zu können. 


® * 
En Eu 


Dad Unmwohljein Mila Baccajs 
ichloß das Palais des alten Generals 
für jede lautere Abendunterhaltung. 
Graf Sittner frug täglich vor, brachte 
aber dafür die Nachmittage deſto 
regelmäßiger bei Onkel Laprefti zu. 
Seit er jeine Liebe in Worte ge: 
kleidet hatte, war er ſich derjelben um 
befto bewußter geworden. Er jagte 
der findifchen Jenny nichts, aber e3 
gab beim MWhift der Abende und im 
Zimmer der fürftlihen Baronin für 
die beiden jungen Herzen Momente, 


wo fie jo recht herzlich zujammen: | 


ladten. Sie ſprachen im Ernft zu 
einander. Sie jchaute zu ihm hinauf 
wie zu einem erniteren Weſen, und 
er fchaute auf fie herab mit der 
Freude der jungen Tanne, um welche 
fih eine Epheuranfe emporichlingt, 
troßdem ber Parfgärtner fie vergeb- 
ih in ben Biergarten hineinranken 
mochte. 

Und eine® Tages — in ber Naft: 
jtunde eines Sommerballe®, ber auf 
einer Villa ftattfand, und wo Jenny 
aus dem Schwarm ihrer Anbeter fich 
an den Arm ihres Coufins auf eine 
jternenübergligerte Terraſſe geflüchtet 
hatte, da fagte fie faſt ſchmollend zu 
ihm: „Wiffen Sie, Coufin, Sie müffen 
mi Heiraten. Warum heiraten 
Sie mid niht? Es ift jo fchredlich, 
immer von Xiebe zu hören. Und ich 
habe Keinen von Allen gern. ch 
liebe Niemanden. Aber Sie find juft 


ein Mann, der fo recht ernit ift und 
doch fo aut dabei; und Sie würden 
mich fiber nicht des Geldes megen 
heiraten, weil Sie felber genug 
haben. Und es wird jo ermübend, 
Fräulein zu fein. Die Mutter madt 
Ernfthaftigfeit, die Gejellihafterin ift 
jo ſchrecklich — Papa redet immer 
von Freiern. Als Frau wäre bas 
Anders. Ich werde Sie redht lieb 
haben können, und ich möchte endlich 
einmal aus dem Auslagfaften heraus: 
genommen werben, in welchem id) 
paradire wie eine Puppe mit blonben 
Locken, einem jchönen Kleide und mit 
einem Zettel, auf welchem die Künfte, 
die ih kann, angegeben find. Und 
auf den Bällen muß ih alle Qua: 
drillen tanzen, und ich bin manchmal 
ſchon recht müde. Und dann muß ich 
unferen Gefellichaften immer eine 
Pianoproduction geben, um zu zeigen, 
was meine Eltern auf mid ver- 
wendet haben. Alſo, Couſin, heiraten 
Sie mich. Ich möchte eine Frau fein, 
und ih möchte Ihre Frau fein — 
denn Sie werben. mir nie ben Hof 
machen!“ 

„Jenny! So haben Sie mich 
lieb 2” 
05, ſehr!“ — ſagte das ge— 
feierte, ſchöne, reiche Ding aufrichtig. 
„Lieber als Alle.“ 

Und ihr Wunſch wurde erfüllt. 
Sie wurde die Gattin bes verliebteſten 
und glüdlichiten jungen Bräutigams 
von der Welt. Die Beiden bildeten 
ein Brautpaar, bei deſſen Anblid die 
alten Weiber in den Kirchenftühlen 
ber dunklen Kirche bittere Gefichter 
machten. Eine Adelshochzeit aus Liebe! 
das ift ihnen ja jo außer ber 
Regel. 
Ein Gewitter brach [os während 
der Geremonie der Trauung, und 
fahle Blige leuchteten durch die hohen 
Bleigitterfenfter Hindurh in Die 
ſturmdunkle Kirchen hinab, in welcher 
alle Honoratioren der Kleinen Adels— 
ftabt verfammelt waren. Aber Fein 
Blig war jo weitgleißend, daß er in 








651 


die fäulenbefchattete legte Seitenbank | von dem Abende jener Bermählung. 
geflammt hätte, in welder während | Eines wilden, drohenden Bliges. 


des Gottesdienfted nach der Trauung 
das junge Brautpaar jaß. 

Defto greller leuchteten Die Himmel3- 
zaden über das Antlig der Gräfin 
Mila Baccaj, die an dem Fenſter 
ihre MWohnzimmers ftand zu dieſer 
Stunde; fie war noch zu Fränflich, 
um ber Geremonie beimohnen zu 
können. Aber ihr Auge war auf 
die Kirche gerichtet in welcher biejelbe 
ftattfand, und die ihr durch wüthende 
Regengüffe halb verjchleiert murbe. 
Sie hörte durh den Sturm bie 
Glocken zu fich herüberjchallen, und 
fie hörte durch den Tautgrollenden 
Donner zu ihren Häupten ſogar das 
ſchwache Glödchen des Meßdieners. 


Mila Baccaj’$ Arme waren in 
diefem wüthenden Sturme feft über 
ihrer Bruft gefreuzt, und die Regen: 
tropfen riefelten daran hernieber gleich 
Thränen. Ihr Auge war ſtarr auf 
bie Kirche gerichtet, deren Gethürm 
man über den gegenüberliegenben 
Häufern erblidte durch einen Schleier 
von Sturmwolfen und Bligen. Nicht 
himmelwärts jah dieſes düſter flam— 
mende, glühende, dürſtende Auge. Wie 
eine Hölle flammte es darinnen auf. 
Ihre trockenen Lippen bewegten ſich 
leiſe. War es ein Fluch, den ſie 
murmelten, war es ein Gebet, das 
ſie flehten, war es ein Gelübde, das 
ſie dieſem erbarmungsloſen Sturme 
vertrauten, der von ſo grellen Blitzen 
durchzuckt und von fo ſanften Glocken— 
tönen durchtönt war? 


Graf Joſef und Gräfin Jeuny 
Sittner machten ihre KHochzeitsreife 
nah ber Schweiz, an ben Bobenfee. 
Bor ber Abreife jprachen fie auch im 
Palais Baccaj vor. Man plauberte 
da jehr freundlid. Der junge Ehe- 
mann füßte Mila Baccaj die Hand, 
al3 ob er ihr fein ganzes Glüd ver: 
banfe. Weber das Geficht bes Mäd— 
hend zudte e8 dabei wie ein ver: 
fpäteter Abglanz des grellften Bliges 


* 
x * 


Wie es eben gebt im Xeben. 
Die Hochzeitsreife der Neuvermäblten 
verlängerte fih. Und wie fie endlich 
beimfamen, da nahm Graf Joſef 
Sittner feinen Abſchied, um fidh ber 
diplomatifhen Garriere widmen zu 
fönnen. Er nahm jeinen Sig 'in Wien 
und wurbe einer Section zugetheilt. 

E3 war ein junges Ehepaar, 
welches der Welt gar feinen Anlaß 
zum Sprechen bot, weder im Guten, 
noch im Schlimmen. Sie waren weder 
auffallend glücklich, noch auffallend 
unglüdlid. Gräfin Joſef Sittner war 
mädchenhaft, fröhlich, Tuftig geblieben 
wie immer. Sie hatte die alte Liebe 
für jchöne Kleider und für die Heiter: 
feit der Toilettenforge bewahrt. 

Vielleiht nur war fie noch um 
eine Nüance kindifher, lauter und 
„moderner“ geworben. Sie bildete 
eine feenhafte Erſcheinung in allen 
Salons, in welchen fie erſchien; und 
da fie die Geſellſchaften jehr liebte, 
fo fehlte fie nirgends. Und ihrem 
ernften, dunkelſchauenden Gatten jchien 
das ganz zu behagen, denn er war 
mit Allem einverftanden, und von 
einer mufterhaften Zuvorkommenheit 
gegen jeine junge Frau. 

Das junge Ehepaar war aud 
nicht allein. Der Bruder des Grafen 
Joſef, Graf Rudiger Sittner war 
wieder einmal aus dem Auslande in 
die Heimat zurüdgelehrtt und lebte 
natürlih , obwohl er für fih eine 
Garsonwohnung hatte, in inniger Be: 
rührung mit Bruder und Schwägerin. 

Graf Rudiger war das ftrifte 
Gegentheil feine® Bruders. Der 
fouveränfte Leichtfinn, den man fich 
denken fann. Eine brillante bunfel- 
Schöne Figur mit Gluthenaugen, die 
bei jedem Blide Funken jprübten, 
mit einem Munde, ber nur trogten 
oder laden konnte. Er war ber 
Liebling der ganzen Welt, obwohl 


652 


eigentlich bie ganze Welt nicht wußte, 
was fie an ihm liebe. ebenfalls 
feine Schönheit und feine laute 
Dreiftigfeit. Gemüth hatte er Feines, 
Sein Stand bemwahrte ihn vor dem 
Sinfen, weil er’3 nicht noth hatte; 
aber Zartheiten des Gefühles, Ge: 
danken an irgend etwas, mas ſchön, 
ut, groß war, das lag ihm gänzlich 
ferne. Wiffenfhaften und Künfte 
waren ihm ein verfchlofiene® Bud). 
Gemüthstiefe Fragen ebenfalld. Er 
tranf das Leben, wie man einen füßen 
Eipromwein trinkt, unbefümmert darum, 
ob er das Gehirn ummeble oder das 
Herz betäube. Er mußte vortrefflich 
effen, gut trinken, gut lieben — 
coüte que coüte. Alles übrige war 
ihm egal. Natürlich war er ein Liebling 
aller Welt, denn überallhin brachte er 
Lebensfriſche und überall wußte er 
die erfte Rolle zu fpielen; nicht durch 
lautes Gebahren — o nein! 
ſondern eben vielleicht darum, weil er 
ſich um nichts und um Niemanden 
kümmerte, weil er ſchön war, und 
weil der Leichtſinn in diſtinguirtem 
Sinne immer bezaubernd wirkt. Er 
hatte ſchon zwei hageftolze Onkel und 
eine prüde Tante mit vielen Taufenden 
beerbt, weil er überall in die mürrifchen 
altjungferlichen Stuben einen frijchen 
Hauch brachte, während fein erniter, 
echtfühlenber Bruder überjehen wurbe. 
Er Hatte diefe Vermögen jämmtlich 
glücklich durchgebracht, und hatte doch 
immer Revenüen. Und er bezauberte 
jetzt Wien, wie er früher was immer 
für ein Ausland bezaubert hatte. 
Eine Bekannte trafen fie in Wien, 
die Comteſſe Mila Vaccaj. Ihr alter 
Bater war geftorben, und fie hatte fi 
mit Coufine Helly nah Wien gezogen. 
Nicht, weil ihr das Leben in Eleinen 
Städten zu traurig gewejen wäre, denn 
fie lebte in Wien fehr zurücdgezogen 
und bejuchte bloß die nächiten Be: 
kannten. Eines Tages erhielt fie aber 
bie Ernennung zur Hofdame, und von 
da an nahm fie ihre Role im Leben 
wieder auf. Ruhig, ſchön, ficher wie 


immer. Sie war noch ſchöner ge: 
worden, fand man, weil fie ftolzer, 
bleiher geworben war. Die Frijche 
des franken Soldatenfindes hatte fi 
in das ruhige, erclufive Weſen ber 
echten Hofdame verwandelt. Sie war 
bewunderter als je, aber auch fälter 
als man fie geglaubt Hatte. Sie 
nahm feines von al’ den Herzen, die 
fi ihr ſchüchtern oder glühend boten, 
und ging duch ihr glanzvolles Leben, 
ihr Geſchick unerzählt in ihrem eigenen 
Herzen verſchloſſen, ftrahlend und eifig 
falt wie die nordiſche Sonne. 

Den erſten Beſuch bei der Hof: 
dame machte Graf Joſef allein. Biel: 
leicht weil Gräfin Joſef Migräne hatte 
ober eine Spazierfahrt in ben Prater 
mit ihrem Schwager Graf Rudiger 
machte, vielleicht weil er mit einer 
guten Freundin, bie er nad) langer 
Zeit wiederſah, Herzlich und nicht 
ceremoniös plaudern wollte. 

Gräfin Mila empfing ihn, wie 
man eben einen guten Freund em: 
pfängt. Mit einem Hänbebrud und 
mit einem Lächeln, welches ſich fagt: 
ih muß jest meine gefelljchaftliche 
Role fpielen. Ruhig und ein bischen 
müde war ihr Auge dabei, ruhig und ein 
bischen tonlos ihre Stimme. Siefaßvoll- 
fommen comfortabel im Schaufelftuhl 
ihm gegenüber und jchaufelte fich, 
und bot ihm Gigaretten an und rauchte 
jelber Eine dazu nad) gewohnter Weife. 

Sie redeten zuerft natürlich von 
den Borkommniffen im Familienleben, 
von dem Tode ihre Vaters, von ben 
Reifen, die er gemadt, von ber 
Gejundheit der Gräfin Joſef, von 
den Augen ber Goufine Helly, von 
dem Scidjale einiger beiberjeitigen 
Belanntichaften, dann von den intimeren 
Berhältniffen des Hofes, an welchen 
fie jeßt attadhirt war. Er dachte da: 
bei, wie fie ſchöner noch und ſtolzer 
geworben; fie dachte dabei, wie er 
bläffer geworben jei. Dann rebete er 
fih wärmer in's Neben hinein, und 
enblich fagte er mit einem Tone, den 
er vom Anfange feines Beſuches an 


653 


ihon vergeblih gejucht hatte — mit 
einem zitternden, jugendlichen Zone. 
„Eine Frage, Gräfin.“ 

. hr Auge machte einen großen, 
erftaunten Blid. „Aber taujend 
Fragen, natürlih!?” Dabei warf fie 
ihre Eigarette in die Aſchenſchale und 
faltete ihre Hände und jchaute auf 
diefelben herab. 

Er ftredte feine Hand nad ihr 
aus, und dieſe Hand zitterte leiſe. 
„Sind Sie noch meine Freundin? 
Meine Freundin fo wie einit, jo 
wie damals . . . jo wie damals, wo 
ich noch nicht verheiratet war, fo wie 
damals, wo wir mit einander an ber 
Kapelle ſtanden?“ 

Sie antwortete nicht gleih. Sie 
jpielte mit ihren Händen, fie ſchaukelte 
fih. Dann ſchaute fie ihn plöglich 
an. So ruhig und die Augen fo 
ftarr. „Ja“, ſagte fie. Sie war da- 
bei heijer. Und bann wartete fie und 
befeuchtete ihre Lippen mit der Yunge. 

Er fuhr mit der Hand über bie 
Stirne. „Gott jei Dank!” jagte er 
aus tiefitem Herzen, „dann kann ich 
Ihnen aljo Alles jagen! Alles, nicht 
wahr?” 

Sie ließ ihm ihre Hand und nidte 


nur. Ihre Lippen lächelten babei. 
Wirklich herzlich. Aber fie ſprach 
nichts. 


Nun ſagte er ihr, daß er un— 
glücklich ſei. Unſagbar unglücklich in 
ſeiner Ehe. Er ſagte ihr dieß mit 
abgebrochenen Worten, aber ſo klagend, 
wie man betet, wie man weint. 

Unglücklich! Wie er ihr das ſagte, 
wie er ihr das ſchilderte, da überflog 
eine jähe Röthe ihr Geſicht. Ihre 
Augen funkelten auf, wie Sterne, wenn 
Sturmwolken über dieſelben hinfahren. 
Ihre Hände ballten ſich zitiernd. Aber 
Alles das war nur ein Augenblick. 
War es Rache, war es böſe Freude? 
Aber ihr Auge blieb auch in dieſer 
Erregung glanzvoll. Sie hielt ſich 
aber mit Gewalt ruhig. Wenn es 
Genugthuung war, was ſich in ihr 
regte, oder wenn es etwas Anderes 


war, etwas, was ihrem edlen Herzen 
näher lag, ſicher iſt, daß ſie bald wieder 
Worte fand. Nur wie eine Möwe 
raſch hinzuckt über das unermeßliche 
brauſende Meer, ſo zuckten ihre Ge— 
danken über die ſturmvolle Unermeß— 
lichkeit der Thatſache: „den Mann, 
der Dich nicht verſtanden hat, hat die 
Rache ereilt, und er iſt elend, elend 
wie Du ſelber biſt, elender noch, denn 
er iſt es durch eigene Schuld!“ 

Sie faßte ſeine Hand und in ihrer 
Stimme lag es jetzt wie wirkliche 
Angſt, Angſt um ihn. 

„Unglücklich?“ ſagte ſie, „wie iſt 
das möglich? Jenny Lapreſti, Ihre 
... Ihre Gattin iſt ja ſo lieblich, 
jo heiter, jo frohherzig. Sie ſchil— 
derten ſie mir ja einſt ſo begehrens— 
werth, und ich ſelber fand ſie ſo. Wie 
können Sie an ihrer Seite, mit dem 
erſehnten und errungenen Ideale Ihrer 
Seele vereint, unglücklich ſein?“ — Es 
lag bloße Wahrheit, es lag feine Bit— 
terfeit in bdiefen Worten, wie Gräfin 
Mila fie ſprach. 

„ja, Jenny es ift jo”, jagte er 
traurig, „Sie ift lieb und fröhlich, 
wie fie ald Mädchen war. Der Unter: 
ſchied ijt nur, daß fie jegt eine Fran 
ift, und ganz fo blieb, wie fie als 
Mädchen war. hr Sinn ift leicht 
geblieben wie Sommerwolfen; er con= 
centrirt fich auf nichts, er flattert bloß 
über Alles hinweg. Zoilettenpracht, 
Mufiktändeleien, Lachen, Viſiten, ein 
wenig Aufjehen machen im Theater, 
darin concentrirt ſich das Leben biejer 
ihönen Puppe, meiner Frau. Sinn 
und Berftändniß für den Ernſt bes 
Lebens, das tiefe Gemüth, welches 
uns jede Freude doppelt, jedes Leib 
nur bald fühlen läßt, das fehlt ihr. 
Sie ift recht gut, aber pafliv gut, — 
weil es müheloſer ift, als das Böje- 
fein, und weil es befjer paßt zum 
Blondjein. Sie ift ein Kind, welches 
nie eine Frau werben wird.“ 

Mila Baccaj ſchaute finnend auf 
ihre gefalteten Hände herab. „Nun, 
das Unglüd ift nicht fo groß,” fagte 


— 


fie. „Sie haben eine kindiſche Ftau. „Behüten! Sie weint und ſchreit, 
Freuen Sie ſich doch ihrer Heiterkeit; wenn ich ſie eine Theatervorſtellung 
und wenn Ihr Herz verlangt nach verſäumen laſſe. O, Sie kennen dieſe 
einem tiefen Gemüthe — dafür nehmen ſogenannten kindiſchen Frauen nicht; 
Sie ſich die Dichter. Was Sie mir ſie ſind rückſichtslos, weil ihnen nichts 
ſchildern, iſt Einſamkeit, aber es iſt im Leben Werth hat. Sobald man 
fein Elend, daß ihre Gattin bloß ſtreng wird, ift man ein Tyrann und 
findifh und gebanfenlo8 und ober: | das kindiſche Geſchöpf ift unglüdlich 
flächlich iſt.“ aus Zorn. Ein Unglück, welches den 
„Ja, wenn es nur das wäre!“ Verurſacher desſelben lächerlich macht, 
ſagte er bitter, ſchmerzlich, ſchamvoll; | weil eben der Gegenftand besjelben 
aber dieſe Gedanfenlofigfeit, dieſe lächerlih ift. Jenny ift troßig und 
Leichtfertigkeit, dieſe DOberflächlichkeit | unvorfihtig und dem Manne gegen: 
werben aus ihr eine ſchlechte Frau |über, in den fie jo vernarrt ift, kokett. 
machen.“ Mas kann ich ihr verbieten? Sie ift 
„Graf!“ mir ja äußerlih treu. Was kann ich 
„O, laffen Sie mich reden, laſſen ihr vorwerfen? Sie jagt mir einfadh: 
Sie mein Herz bier aufathmen und ich kann nichts dafür, daß mir nicht 
ausflagen und ausreben. Jenny Laprefti | zu einander pafjen. Was hab’ ich von 
heiratete mich, weil — weil ich ihr |der Ehe, von der Liebe verftanden? 
am menigjten ben Hof machte, weil Und vor was ſoll ih fie warnen? 
ich fie am wenigften langweile.. Was | Sie jpielt dann die Naivität oder jie 
wußte fie von Liebe? Sie war ja lift 8. Ich muß die Dinge geben 
un enfant gätee. Und ih? Ich war | laffen wie fie find.“ 
eben verliebt in fie — jo dumm, „Und ber Mann, mwelder von 
blind, albern, wie man eben verliebt |allen Weibern angebetet wird und 
ift, wenn man aus den Studien fommt deſſen Gourtoifie Ihrer Gattin fo 
— immer in bie Unrechte. ch blieb ſchmeichelt? Können Sie dem nicht 
aber, nachdem ich dieſe entjeßliche jagen: Geh’ aus dem Wege? 
Wahrheit und die Nichtigkeit des Eleinen „Ihm das jagen? Mein Gott, er 
Puppentöpfchens, an das ich zeitlebens | meint nicht? Schlimmed. Er denkt 
gefefjelt bin, erfannt hatte, entjchloffen, | weder an Jenny, noch an ein anderes 
mein verpfufchte® Leben ernſt und | Weib. Er ift der perfonificirte Leicht: 
würdig zu nehmen. Da mußte ich | ftnn, der zehn Bermögen vergeubet 
aber auch erkennen, daß das Findifche | hat, dem das Herz nichts if, nur 
Weib, das meinen Namen führt, felbft | der Moment; ein Lebemann ber beiten 
die Ehre nicht ernjt nimmt, jobald | Sorte.“ 
diefelbe nicht zu ihrer Toilette paßt. „Da genügt wohl ein ftolzes Wort 
D, fie ift mir äußerlih treu — bis von Ihnen?“ 
jest; aber jeden Augenblid kann bie „Und wie jollte biejes Wort lauten?“ 
Schranke fallen, denn auch ihr Herz machte er bitter. „Es ift mein Bruber.“ 
ift erwacht. Ihr Herz? Nein. Ich jollte Sie ſchaute auf. Mit einem 
jagen, die Eitelkeit ihres Herzens. Sie erſchreckten Blide, mit einem bebauern- 
ift verliebt, lachend, rückſichtslos ver- den Blide, mit einem guten Blide. 
liebt in einen jchönen, begehrten, herz: | Sie ſenkte das Haupt und er ergriff 
loſen, abenteuerlihen Mann, eben weil ihre Hand und fuhr fort und bie 
er Schön und begehrt und von allen | ganze Seele des Mannes zitterte in 
Frauen erjehnt it und meil er die |jeinen Worten, wie er ſagte: „Aber 
Zaune bat, ihr den Hof zu machen!“ | was ift dies Alles gegen das Glend 
„Graf Joſef, Sie müſſen ihr kin: | meines eigenen Herzens? Gegen den 
diſches Weib eben behüten.“ Irrthum meiner eigenen dummen, 


655 


jungen Seele? D, wenn Sie dies 
müßten? Und mir it, als müßte 
ih Ihnen jagen, was in mir tobt 
und wühlt, damit ed mich nicht erdrückt. 
Was ih damals für Jenny Laprefti 
fühlte, war ein Rauſch — ein Rauch, 
wie er jeden jungen Menſchen erfüllt 
vor dem Mädchen, das ihm einladend 
entgegenlächelt. Aber ſeitdem habe ich 
eingejehen und erkannt, welches Weſen 
für mid das Glüd gewejen wäre, für 
welches Wejen mein Herz damals die 
wahre, die echte, die einzige Liebe zu 
fühlen begann — ohne es zu willen, 
ohne es zu ahnen! — Ich begegnete 
dem Meibe meine® Herzens, dem 
Ideale meiner unverſtandenen Sehn— 
ſucht, aber dieſes ſtolze Mädchen hatte 
nicht das einladende Lächeln Jenny's, 
es kam mir nicht entgegen, es ſprach 
mir nicht von Liebesſachen. Und ich 
hielt meine Liebe für Freundſchaft. 
Ein erſtes, unendliches Glück über— 
kam mich bei ihr. Ich Thor, ich hielt 
dies für Heimatlichkeit und ed war 
die Knospe meines Seelenlebens, die 
ih eröffnete. Dann, in ber Ferne, 
wie ich den Irrthum meiner Frau, 
meiner nichtigen, gemüthlojen, lauten, 
fleinen Frau und meinen eigenen 
fennen lernte, da erwachte ich wie 
aus einem Traume Da Jah ich erft 
die Wahrheit, da fühlte ich die Wahr: 
heit in meinem Herzen! Weil ich nad 
ihr ſchmachtete, weil mein Herz in 
jeiner Ernüchterung nad) ihr rief. Und 
ich bin ein Ehemann und ich jehe fie 
fo hoch über mir! Es ift fein Traum, 
ben ih Ihnen da erzähle und feine 
Liebesphrafe. Und e3 liegt feine Treu: 
lofigfeit gegen meine Pflichten darin 
und feine Beleidigung für die, welche 
ich geliebt habe vom erſten Augenblide 
an, melde ich erſehnt habe in Nächten 
bes Jammers und des Grames, welche 
ih zu jpät als das zweite Ich meines 
Herzens erkannt. Ich will fie fliehen, 
ih will ihre Augen nimmer fuchen, 
ih will mein Elend tragen, aber jagen | 
muß ich ihr’s, daß Sie es ift, ber 
die beſte, die einzige Liebe meines | 


Herzens gehört, daß Du es bift, die 
ic liebe, Mila... 

Der Schrei feiner Liebe verwan- 
delte fich in einen Schrei des Schredens, 
Denn er ſah, er ſah es in feinem 
höchſten Jammer und jeinec höchſten 
Seligkeit des Ausjammerns, wie 
eine ſchreckliche Angſt, eine Art Ver— 
zweiflung über ihr Antlitz leuchtete: 
nicht Zorn, ſondern auch ein Jammer, 
ein unbeſchreiblicher. Sie wurde weiß 
wie eine Leiche und ſie ſank wie todt 
zurück. 

Da kam es über ihn mit Stur— 
meskraft und Blitzeshelle; es gibt 
Augenblicke, wo die Stimme heraus— 
ſchreien muß, was die Seele fühlt, 
im Glück oder Schreck; und er ſchrie 
auf: „Mila! Mila! Sie haben mich 
auch geliebt!“ 

„Jeſus Maria!“ rief ſie, und barg 
ihr Geſicht in die Hände. 

Es war ein gräßlicher Augenblick 
für zwei arme Herzen. Er erkannte 
auch ihre Liebe, wie die ſeinige — 
zu ſpät. Es iſt ein ſchreckliches Wort, 
das Wort: „zu ſpät“. — Was ver— 
mag die ganze Göttlichkeit der Sonne, 
wenn ſie aufgeht über welke Blätter 
des Herbſtes? 

Er lag zu ihren Füßen und jam— 
merte zu ihr auf. „Mila!“ rief er 
arm. — Und wir fanden einjt Herz 
an Herz! Mir ift jo weh im Herzen. 
Mir ift, als ob ich fterben müſſe . ..“ 

„Sa, ſtirb!“ meinte fie in bie 
verfchlungenen Hände. „Das wäre das 
Beite! — Dann deutete fie ihm zum 
Gehen. — „Gehen Sie fort!“ 

Sie jagen mich fort! Jet? Wenn 
Sie wüßten, wie ich Sie erjehnt habe, 
wie ih Ihren Namen gerufen habe 
in Nächten der Verzweiflung. Wenn 
ih von bier fortgehe, iſt's ja vielleicht 
für immer. D lafjen Sie mich einen 
Augenblid hindurch die Seligfeit die: 
fes tiefen Unglüds durchſterben!“ 

„Joſef, gehen Sie, verlaffen Sie 
mich, dieſes Haus — ih will es, 
Sie müſſen es!“ 


656 


„Muß ih? Nur eine Secunde 
noch, nur noch eine Secunde. Es ift 
ja das erſte- und das legtemal, daß 
ih das Leben büfter wie eine Stur- 
mesnacht, aber doch fo klar vor mir 
jehe. Du haft mich auch geliebt! Ich 
werde jterben d’ran und Du aud, 
Mila! Aber lab mich nur eine Secunde 
hindurch die Luft athmen, die mit 
diefer Gewißheit erfüllt ift! Du haft 
mi auch lieb!“ 

Sie gehörte jegt ganz wieder dem 
eigenen Selbſt. Sie riß fi” empor 
und fie ſtand vor ihm, ſtolz, gebie: 
tend, wie der Engel mit dem Flammen: 
jchwerte. „Nein!“ rief fie wild. „Ich 
liebe Sie nicht mehr, glauben Sie 
das, Joſef, denken fie dad. Das ift 
abgethan und vergeflen. Damals 
gab e3 einen Augenblid, wie die Sonne 
jo prächtig über das einfame wunder: 
thätige Gotteshäuschen im Walde nieder: 
janf, der fonnte uns vereinen. Aber 
eine ſolche Flamme lodert nur einmal 
auf in dem Herzen eined Menſchen. 
Mögen andere Flammen jpäter künſt— 
lich angefacht werden: es ift nicht 
mehr diejelbe, die erjte, die echte, bie 
heilige. Wie das Eliasfeuer des Evan: 


geliums muß fie vom Himmel kommen, 


da kann ein Mäbchenherz in erfter, in 
befter Liebe fich zu eigen geben, Telig, 
zagend und vertrauend einem Manne, 
der ihr Gatte wird. Und ich wäre 
Dein Weib geworden — ih jchäme 
mich biejes Geftändniffes nicht — und 
ein glüdlihes Weib. Jetzt ift’3 
ja zu jpät. 

Nur ald Sünde könnte ung jetzt 
ein Beifammenfein fommen — jelbft 
das entferntejte: und, Joſef, Sie ehe: 
maliger Priefter, der Sie den Himmel 
mit Yhrem reinen Knabenherzen offen 
jahen vor fih: gibt e8 etwas Häß— 
liheres al3 die Sünde? Und Sie 
denken nicht jo niedrig von mir und 
ich denfe nicht jo niedrig von Ihnen, 
dag wir fortan noch ein Wort wechjeln 
fönnten mit einander, was nicht die 
ganze Welt hören dürfte. Nein, Joſef. 
Um jene® einzigen heiligen Augen: 


blides willen, wir bürfen einander 
niht8 mehr fein — nicht einmal 
Freunde; wir müſſen ſcheiden, auf 
Nimmermwiederjehen, fühlen Sie das 
nicht?“ — 

Sie wies ihn zurück mit ihrer Ge— 
berde, wie er vor ihr kniete. Aber 
ihre Stimme war weich wie die 
Stimme der Verkündigung. 

„Ich fühl' nichts“ — jammerte 
er. — „Ich fühle nur, daß ich ein 
namenlos unglücklicher Menſch bin, und 
daß ich ſterben werde, wenn Du mir 
nicht ein Wort des Troſtes ſagſt!“ — 

Sie faltete ihre Hände über ihrer 
Bruſt, heftig, und doch ſo hell in ihren 
thränenverſchleierten Blicken: „Joſef, 
laſſen Sie mir Ihr Bild, wie ich es 
im Herzen getragen habe, ſtumm und 
klaglos und ergeben und treu. Laſſen 
Sie mir kein anderes Gedenken an Sie, 
als wie ich es an ben Mann bewahrte, 
den ich lieben konnte, und deſſen Liebe 
mich damals beglüdt hätte: ich will 
ihn nie anders jehen als treu, brav, 
ſtolz und rein! Nichts Irdiſches zog 
mich zu ihm, weiß Gott! nur bie Er- 
fenntniß dieſer feiner Eigenjchaften. 
Ihm hätte ich mich jelig beugen können. 
Und mein einziger Reichtum in 
meiner jeßigen Armuth if es ja, 
ihn fo herrlich denken zu fönnen, wie 
er mir erfhien, wenn er auch mir 
fremb geworben if. Die Liebe, die 
bimmlifche, heißt's ja im Evangelium, 
verlangt nicht das Ihre. Und Sie 
jelber! Wenn Sie mich lieb hatten 
— möchten Sie mich mißachten können? 
Und das müßten Sie, wenn ich noch 
einmal mit Ihnen fprechen wollte da- 
von, was unjere Herzen bewegt bat, 
wenn ih fie noch ein einziges Mal 
anhören wollte, ohne daß eine ganze 
Welt uns hört. Leben Sie wohl, 
lieber — Bruder! — 

„D Dein Herz hat leicht ftolz fein, 
weil es nicht? mehr fühlt!“ — zürnte 
er klagend. 

Sie jeufzte jammernd auf. „O 
Bott! Er fragt noch! Ich bin elend, 
Menſch! Und wenn ich Dich weiter 


657 


hören will, dann würde ich das ver: |danfend dafür, daß fie ſich geliebt 
dienen, und Du auch. Tragen wir | fühlen durfte von dem Geliebten ihres 
unfer Leben, und — verlafjen Sie mich | Herzens. 


jegt ! —“ 

„Was joll geichehen ?“ 

„Was gefchehen fol? Die Treue. 
Die Pflicht. Ich werde meine 
Pflicht erfüllen.“ 

„Deine Pflicht? Ob, fchauen 

Ihre Pilicht, 


Sie nicht fo zürnend! 
Mila?” 

„Ja,“ jagte das jchöne, hohe 
Mädchen feierlich und einfach. „Ich 
habe eine Pflicht, Graf Joſef. Da: 
mals, in jener Stunde, wo Sie ver: 
mäblt mwurben, in jener Stunde, mo 
id mein Glüd begrub — einfadh, 
bilflo8 und ftill in meinem tiefiten 
Herzen, damals that ich einen Schwur, 
ein Gelübde: Nur zu leben im Leben 
wie in einem Grab. Und nur auf: 
zuleben, wenn es Ihnen nüßen fönne, 
wenn ich Ihnen etwas leben, handeln, 
wirken fönnte, für Ihr Glüd. Das 
ſchwur ih mir dem eigenen Gefühle 
zu, als legte Rettung vor dem bittern | 
Weh und vor der Verzweiflung ber] 
überjehenen oder verihmähten Liebe. 
Yun, und diefen Schwur will ich jegt 
halten. Das Gebet will ich auch jegt 
halten, welches ich damals in jener ein- 
zigen glüdlichen Stunde meines Lebens 
vor ber Kapelle der Maria-Stein ge 
than Habe: „Lab mir nur Ein 
Glück blühen im Leben, laß mir nur 
Einen Segen blühen: für ihn etwas 


thun können, für jein Glüd. Sept! 


ijt bie Zeit Dazu, ich bin erhört. Ge— 
priejfen jei Maria am Steine aus der 
Tiefe meine® Herzen? dafür! Und 
jegt leben Sie wohl. Für immer.” 

„Kür immer ?“ 

„Joſef!“ — jagte fie groß. „Sa, 
für immer.” — 

„Und was wollen Sie für mich 
- thun?” 

„Wort halten — will ich.” 
mit wies fie ihn fort. 


Da: 


1; 


* 
* 


Am nächſten Abende war Hofball 
in ber Burg. Da leuchtete fie unter 
allen Hofdamen hervor an Geſchmack 
ber Toilette und an Schönheit und 
diesmal ſogar an Zebensluftigfeit. Der 
ganze Hof war erftaunt. Die Cava— 
liere fragten einander. „a, iſt denn 
das die Gräfin Baccaj? Sie lebt 
ja beinahe... . 

Auf Hofbällen find es meist nicht die 
Tänzer, welde zum QTanze bitten, 
jondern fie werden von den erjten 
Damen des Hofes zum Tanze befohlen 
— soi-disant gebeten. Graf Rudiger 
Sittner der jouveränfte Leichtfinn, 
mwurbe ganz bezaubert durch ein erjtes 
Entgegenfommen ber vielbewunderten 
Gräfin Mila Baccaj. Sie lächelte ihn 
an, und er war naturgemäß augen: 
blicklich berauſcht. Aber mehr noch), 
wirklich verliebt. Sein ſchönes dunkles 
Auge flammte in Leidenichaft auf und 
in Kühnbeit. Er verließ die Gräfin 
Mila faum mehr an diefem Abende. 
Er jagte ihr zwiſchen den Touren 
einer Quadrille in feiner heftigen, 
graziöfen, ſelbſtbewußten Meile, daß 
er fie liebe. Sie lächelte, wie fie ihn 
anhörte, und ihr Auge ertrug ruhig 
und glänzend das feinige. 

* * 
* 

Es war undenkbar, aber es war 
wahr, was die Reſidenz in der nächſten 
Zeit erfuhr. Der wildeſte viveur, 
Nudiger Sittner heiratete. Er hei— 
ratete die ftolzefte und kälteſte Schön: 
beit, die fich denken ließ, und von ber 
man nie geglaubt hätte, daß fie fi) 
uuter das Joch der Ehe beugen werbe, 
weil fie die Edelſten und die Beten 
abgemwiejen hatte. 

Die Beiden waren ein ftattliches, 





So ſchieden fie. Und wie er fort 
war, da brad fie zufammen. Jam— 
mernd und dennoch dem lieben Gotte 


Rofeggers „‚Geimgarten‘‘ 9. Heft. 


berrlihes Paar. Sie mollten bie 
nächften Jahre ihres Lebens auf Reifen 
verbringen. 


42 


658 


* * 
P2 

Graf und Gräfin Nudiger reijten. 
Bon Land zu Land, — überall eine 
Saifon verlebend, an jedem Hofe eine 
Heine Raſt machend. Man fühlte 
manchmal, daß fie nicht reich waren, 
aber fie waren ſtets — Dank ſei e8 
der Gräfin, — A la hauteur de leur 
osition. Und immer fam wieder eine 
Erbſchaft für Monſieur ben Grafen, 
der ein Liebling aller Welt blieb, durch 
den Glanz jeines Frohſinns. Wenn 
das Haut Nudiger Sittner aber 
ſchwankte, dann war e8 ftet3 die Gräfin 
Mila, weldhe e8 jo zu jagen im Niveau 
erhielt. Sie hatte einen unverwüſt— 
lichen, wahrhaft föniglihen Anſtand. 
Die Abentenerlichkeit ihres Gatten ver: 


wifchte fie durch ihre Echtheit — feine | Nachricht 
Its ſ a | Schwägerin in Florenz, wo er als Ge: 


In | 


Untreue ignorirte fie. 

Nach zwei Jahren ftarb fie. 
den Niederlanden oben, wie fie eben 
in dem Adelsneſte Vanschuten at 
Bosch refidirten. 


. . f | 
Sie ftarb an einer maladie de) 


langueur. Langſam und janft. Gie 


Mein rankte fih anden Wänden empor, 
Tauben bevölferten das Dach, Vogel: 
bauer mit Spechten hingen am offenen 
Fenster, Kinder tollten und lachten auf 
der Straße draußen. Das ſah Mila 
Baccaj, wie fie ftarb. Es war zur 
Abendzeit. Die Gegenftänbe ver: 
ſchwanden vor ihren Augen, wie in 
einem Nauche ; die Fernſichten wurden 
braun und glänzend, hie und da glänzte 
in ihnen ein Hüttenlicht auf wie Tiger- 
augen, die auf ihre Bente ftarren. 
So that ihr armes Herz ſeine letzten 
Schläge, während ihr Mund jelbft im 
Sterben ftumm blieb. 


* * 
* 
Graf Joſef Sittner bekam die 
von dem Tode ſeiner 


ſandſchaftsattaché weilte mit ſeiner 
kleinen kindiſchen, reizenden Frau. 


Der Brief des Lebemannes an 


ſeinen Bruder lautete: 


„Lieber Gip! Du wirſt ſtaunen, 


von mir einen Brief zu bekommen. 


hatte ihren Schwur vollendet für den Aber vielleicht findeſt Du's begreiflich, 
Frieden Joſef's zu thun, was ſie da Du doch das faire-part erhalten 
konnte. Sie hatte feinen Bruder ge: | haft. Meine Frau ift geftorben. Man 
heiratet. Sie hatte ihren Schwur ge: | hat e8 nicht verhindern können. Ich 
halten und hatte ein ſchmerzliches — |bin ein gebrochener Menſch, weiß 
das einzige Glüd ihres Lebens darin | Gott! Sept erkenne ich erft, was 
gefunden. Der Friede war eingefehrt | fie mir geweſen if. Ich bin ein lie— 
bei ihr an der Hand des Todes — | derlicher Kerl, das weißt Du, in jeder 
endlih! — bei dem treuen, ſtarken Beziehung. Un mauvais sujet, wie 
Herzen; ein Friede, den fie im Leben Ihr mich nennt. Meine Fran hat 
nicht finden konnte. Sie jtarb in einem | mich nie mögen, aber fie hat das zu 
freundlichen Landhäuschen der ruhigen | ertragen gewußt. Sie war nie eifer: 
nieberländifchen Stadt. Vom Fenjter | füchtig ober zänfiih. Ging's durch 
ihres Sterbezimmers aus jah man ein | meinen Leichtfinn knapp mit dem Gelbe, 
Feld von hohen Bohnenranfen und | dann darbte fie mit mir. Aber rich: 
einen Garten, der von Blumen förmlich |tete es doch fo ein, daß wir auf 
erfticht war; ein Feiner Zaun umgab großem Fuße zu leben ſchienen. Was 
ihn und auf diefem Zaun lärmte eine ich jchlecht machte, wußte fie zu ver: 
Schaar von Vögeln. Weber demfelben, decken. Sie hatte eine jo noble Art, 
im Hofe, flatterten und gaderten viele | die aus ihrem Innern herausfam. 
Hühner, Gänfe und Enten. Das Haus | Mich hat fie nie geachtet, ich fühlte 
jelber war alterthümlich, hatte Quer: | das, und — glaube mir, das war das 
balken an der Dede und Fenfter, die einzige Leib, welches ich jemals em— 
mit Blei eingefaßt waren. Wilder | pfunden habe in meinem leichtfinnigen 








659 


Herzen. Set fühle ih, daß ich fie 

geliebt habe, wie ich’3 nie für möglich 

- gehalten hätte. Ich babe jegt feinen 

Halt mehr. Ich fürchte, ich werde 

jet — finfen. Na, fein Schade um 

mich. Adieu. Dein Bruder Audi. 
Vanſchuten im Buſch. 


* * 
* 


Graf Joſef las den Brief ſeiner 
Frau vor. Es war an einem ſonnen— 
glänzenden Florentiner Vormittage, und 
ſie machte eben Toilette für die Pro— 
menade am Arno. Er hielt manchmal 
im Leſen inne. Das bemerkte Gräfin 
Jenny. Sie machte plötzlich kleine 
Augen, und ein ſcharfer Zug flog um 
ihren lieblichen Mund. „Du ſcheinſt 
Dir den Tod unſerer ſtolzen Schwä— 


gerin ſehr zu Herzen zu nehmen. Du 
haſt ſie alſo ſehr venerirt? Haſt ſie 
ſicher lieber gehabt als mich?“ — 

„O, nein!“ ſagte der dunkle Mann 
wie müde. 

„Gewiß nicht?“ 

„Nein.“ 

„Du biſt ſicher gar nicht in ſie 
verliebt geweſen?“ 

„Gar nicht.“ 

Sie lacht wieder. „Nun, Dieu 
merci. Wie ſteht mir die himmel— 
blaue Nobe zu den langen Zoden? 
Bin ih ſchön, Gip?“ 

„Wunderschön !” fagte er, wie man 
einem Kätchen ein Stüd Zuder hin: 
wirft. 

Das war bie Grabrede der Gräfin 
Rudiger Sittner. 


Gaukle, gaukle, Mäddenfalter ... 


Baufle, gaufle, Mädchenfalter, 
Tanzend auf beblümter Heide, 

Wie ein Diftelhaupt im Minde, 
Nur in etwas bunterm Kleide! 


Gaukle, gaufle, junger Falter, 


Denn was kannſt du fonft als gaufeln?® | 


Haft ja recht, auf flücht'gen Blüthen, 
Selber flüchtig, dich zu fchaufeln ! 


Wär's nicht thöricht, dir zu grollen, 
Ungerecht, dich anzuflagen, 

Meil du nicht wie unfereiner 
Haft gelernt dem Tand entfagen ? 


Wär's nicht graufam, dir zu pred'gen, 
Daß du follft die Melt verachten, 
Daß du follft wie unfereiner 
Darben, fiehen, einfam ſchmachten? 








Unſereiner fieht doch heimlich 
Götter zu ſich niederſteigen, 

Sieht zu feinem Schmerzenslager 
Mufen fih und Grazien neigen. — 


Unfereiner kann verzichten, 
Sich in’s Weltgetrieb' zu miſchen, 
Kann die Erdenkoft verfhmähen, 
Denn er fpeif't an Dimmelstifchen. 


Aber du, du armes Meltfind, 

Arm im Haupt und arm im Kerzen, 
Mär’ das bischen Erdentand nicht, 

Ach, wie follteft Du's verſchmerzen? 


Gaukle, gaufle, Mädcenfalter, 
Tanzend auf beblümter Heide, 
Mie ein Piftelhaupt im Winde, 
Nur in etwas bunter'm Kleide. — 


freue dich des furzen Lebens 
Und genieß' es nur geſchwinde! 


Gaufle, junger Falter, 


gaufle, 


Tanze, Diftelhaupt, im Winde! 


Robert Samerling. 


42” 


— 


Ein Thalgau des ſteieriſchen Oberlandes im Wechſel 
der Lahrhunderte. 


Eine Studie von Pr. Franz Arones. 
Schluß. 


Chronifen und auch Urkunden |erbte fih in feiner uralten Benennung 
Schweigen gänzlich von unferem Enn 2: | von den ältern Anwohnern auf die nad) 
thale bis zum Schlufje des 9. Jahr: | folgende Bevölkerung. So bliebder Name 
hunderts. E3 lag nit an der großen Anisus, im Slavijhen Enze, dann im 
Heerftraße der Ereigniffe;. aber vieles Deutſchen Enns, das keltoromaniſche 
von ihnen ſtreifte nicht bloß dieſe Pirus im Slavifchen und Deutſchen haf- 
Thalung, ſondern griff mächtig und |ten (noch heute fpriht man vom Paß 
wandelnd ein in ihr Inneres. Wir Pyhrn) — und ebenfo jcheint der ver: 
gedachten oben der einen großen Wand: | wandte Bergname Pyrgas, ber zu ber 
lung, des Verfalls der römischen Staat®: | Ummallung des Admonter Thalgrun: 
und Eulturmwelt, und dann des Erjchei: | des zählt, ih unmandelbar behauptet 
nens der Slaven anf dem Boden der zu haben, gerade jo wie das keltiſche 
Steiermark. Wir können die dazwiichen | „Taur“ (die Gebirgspforte, der Berg: 
liegende Kluft nicht anders ausfüllen, 'pafı)i im ganzen Oftalpenlande, ungerech⸗ 
als mit der Annahme, daß der fa- ‚net andere Berg- und insbejonbere Flur: 
rantaniſche Winde (Slave) in örtliche namen, die noch viel zu wenig durch⸗ 
Verhältnifie eintrat, die bereit® durch Forfeht find. 
ein Jahrhundert an römiihem Ge: Aber noch ein anderer Gefichts- 
präge viel verloren hatten und daß punkt ift hier maßgebend. Die kelti— 
die feltoromaniiche Benölferung, in den |fche und romanische Bevölkerung war 
größeren Niederlaffungen ftart gelich- fiherlic nicht zahlreih und größten: 








tet, 
oder tiefer in's Gebirge verjtedt, in 
der ſlaviſchen Anſiedlung großentheils 
bald aufging. Wenn in der ganzen 
Steiermark fi bloß zwei feltorömijche 
Stadtnamen durch die ſlaviſche Epoche 
hindurch bis auf unfere Tage in ihrer 
Grundform unverändert behaupteten: 
Celeja (fl. Cele, d. Eilli) und Petovio 
(fl. Ptuj, d. Pettau) während bie an: 


bern ſpurlos verſchwanden oder in den | 


heutigen Namen unerfennbar fich ver: 
loren, darf e8 uns Wunder nehmen, 
wenn im Ennsthalgebiete ein Styriate, 
Vocarium gerade jo als Name unter: 
aing, wie in der Nachbarſchaft ein 
Tartusanum, Gabromagus, Ernolatia 
u. ij. w.? Nur das, was gemiller: 
maßen ewige Dauer hat, 
Ströme, wichtige Bergübergänge, ver: 





bedeutende 


theil8 aus dem ande gemwichen theils im Bereiche des KHauptthales 


jeßhaft. Was weiter ab in den Seiten: 
thälern gebirgswärt® lag, von ber 
Natur jo eigenthümlich verfchloffen, 
wie 3. B. das Johnsbacher Thal, blieb 
großentheild Wildniß und ift erjt ſpät 
Anfiedlungsboden geworden. Aber auch 
das Hauptthal bot durch feine damals 
gewiß großen Ueberſchwemmungen, 
duch die bedeutenden Sumpfflädhen 
und Torfmoore fein geeignetes Gebiet 
für bedeutende und dichte Anfieblungen. 
Nehnlih blieb es in der ſlaviſchen 
Epoche. Es ift ein leicht begreifliches 
Geſetz in den Erjcheinungen jeder An: 
fiedlungsperiode, daß der Ankömm— 
ling zunädft dort jein neues 
Heim juht und gründet, wo 
ihn eine jhon bejtehende Nie 
derlafjung oder deren Spu— 


661 


ren einladen, gerade fo wie 
diechriſtliche Kirhedeserften 
Mittelalters gerne an Stät- 
ten antiler Cultur ihre Schö— 
pfungen fnüpfte. 

Mer gibt ung Kunde von ber 
ſlaviſchen Einwanderung? Kein ge 
jchriebenes Wort ift da unfer Führer, 
aber die Berg:, Thal:, Gewäffernamen, 
Ortsnamen, ob lüdenhaft und mager 
auch die urkundlichen Belege find, 
helfen uns, wie das Lämpchen bes 
Bergmannes, den nächtigen Schacht 
der Vergangenheit erhellen. Müſſen 
wir annehmen, daß der Alpenjlave 
vom Süden fih nordwärts vorjchob, 
vom oberen Murboden in das Enns: 
thal, jo bot ihm das Paltenthal 
den bequemjten Weg; doch fönnen wir 
auch an den Zufammenhang des Enns: 
thales jenfeit3 der Mandling und des 
in der Vorzeit großen Ennswaldes 
mit dem falzburgiichen Pongau den: 
fen, wo im 8. Jahrhunderte auch 
Slaven ſaßen. Aber zunächit ift wohl 
der Meg durch das Paltenthal maß: 
gebend, deſſen Flußname einft Palta 
ober Palte gejchrieben (vgl. blato, 
Sumpf, der jumpfige „Fluß”) aus 
dem Slaviſchen ſtammt. Nahe defjen 
Ausmündung, am Qauern, wo mir 
auch das feltoromaniihe Tartuſanum 
ſuchen, gründete der Slave eine be: 
beutende Niederlaffung, Crwena fpä- 
ter von den beutichen Anfiedlern in 
„Roten”mann überjegt, wie es noch 
die Urkunde vom Jahre 927 bezeugt, 
welche von Notenmann Spricht, es ſei 
ſlaviſch: Cirminah (erſchrieben ftatt 
Crwena) genannt”. Treten wir auf 
dem Wege über Stredau (Strechawa), 
das auch an ſlaviſchen Namensurfprung 
mahnt, nun in den Liezner Bezirk 
des Ennsthales, jo begegnen wir in 
Liezen, in ben älteften Urkunden 
Luozen, Luezen gejhrieben, einem 
ſlaviſchen Namen; er bedeutet ben 
Drt in der Au ober moorigen Nie: 
derung (vom ſlav. luh). 

‚Aber auch andere Ortsnamen in 


Ihen Urfprung, jo am rechten Enns: 
ufer Zaffing, in ben alten Urkun— 
ben Laznich, auch Laznica-hone, 
d. i. Laznica-Hofe gejchrieben, von 
dem ſlaviſchen Wurzelworte laz das 
Gereute, die Rodung. 

Auh Döllach, in älterer Form 
Dol-ach, führt auf die ſſaviſche Wurzel 
dul, Thalung zurüd. Es jcheint, daß 
das Admonter Thal, noch heut: 
zutage nicht arm an Teichbildung — 
man denfe nur an den großen Schei- 
belteih — in ber Slavenepodhe durch 
jeinen Waſſer- und Sumpfgrund nicht 
gleih zur bebeutenderen Anfiedlung 
einlud und daß bie windiſchen An— 
fümmlinge lieber ftromaufmärt3 
in die höher liegenden Stufen bes 
Ennsthales vorrüdten. Da treffen wir 
auf dem linken Stromufer den Ort 
Pürgg (Greifhern), urkundlich 
mit dem älteren Namen Gruscarn 
(Grufcharn), Groufchern, jegt noch als 
Greiſchern erhalten. Offenbar trat wie 
bei Rotenmann, der älteren »flaviichen 
Bezeihnung, die fich auch in deutſcher 
Umformung erhielt, bie jüngere, vom 
Haufe aus deutſche, an bie Geite, 
ohne als Ueberſetzung gelten zu kön— 
nen, dem bei „Pürgg“ ift ficherlich 
der gebirgige Boden ber Gründung 
gemeint, während bei Gruscarn an 
das ſlaviſche Wurzelmort Gruska, 
Birne, alfo Birndorf gedacht werben 
darf. Man vergleihe nur die ver: 
wandten Ortdnamen in der winbijchen 
Sübmarf, im heutigen Unterfteier, wie: 
Grusena, GruSkowa, Gruskoveeu. A. 

Ein Hauptort dafelbft, das alte 
Gröbming, ift auch diesbezüglich 
als Beijpiel anzuführen. Seine ur: 
ſprüngliche Schreibung lautet Grebe- 
nich, von der flaviihen Wurzel Er 
ben, Feljenfamm, und findet an Gre= 
ben in Krain, Griffen (eriuvina in 
alten Urkunden) Seitenftüde. Am red) 
ten Ennsufer, Greifchern gegenüber, 
an der Ausmündung des Irnthal— 
baches (d. i. Irdning-Thalbaches) Tiegt 
Irdning, in der älteiten Form 


diefem Gebiete verrathen den ſlavi- Jednich, Jedeniche gejchrieben, welche 


662 


ebenjo windijchen Urjprunges ift, wie | Gröbming), gelautet haben mag, iſt 
Ingering am obern Murboden, das |nicht unmwahrjcheinlid. Denn, wenn 
einft Undrima hieß. Irdning ſcheint wir in das benachbarte Gebiet von 
der Tochterort des etwas weiter hin-Auſſee den Blid werfen, fo treffen 
auf liegenden Alt-Irdniug geweſen zu wir auf zahlreihe Neminiscenzen der 
jein. Offenbar war dann dieſes die windiſchen Anſiedlungsepoche. So auf 
urjprünglih ſlaviſche Niederlaffung. |die Klachau (jedenfalls in der älte— 
Auch das nahe Golling am gleich: |ren Namensform Glochowe, glogowe, 
namigen Thalgraben birgt die jlavifche | von glog, der Weißdorn), auf bie 
Wurzel gol, „kahl“, in fi) und läßt Tauplitz (Toplica, von topla, warn, 
fih mit Gölnitz (golenica) im Mürz: vgl. den Toplitz-See oberhalb des 
thale und mit dem höchſten Grenz: Grundeljees), auf Zauchen (Such, 
berge der Steiermark nächjt dem Dad: | troden, vgl. die Zauchen, Zauchwinkel, 


fein, dem Hocgolling, dem hoben 
„tahlen Berge“ mit dem falzburgi- 
chen Golling u. ſ. w. zufammenftellen. 
Gleiches gilt von Gritfchenberg und 
von dem uralten Orte Gr.-Sölk 
im gleichnamigen Thale, einjt Cede- 





Sufdol — suchy dol, d. i. Troden: 
grund, Zudertal — Trodenthal in 
Kärnten, Krain und Steier), und 
Rötſchitz (Recica, von feka, Fluß, 
relica, fleiner Fluß ober Bad), ohne 
eine erſchöpfende Zufammenftellung 


licha oder verfürzt Selicha geſchrie- liefern zu können und zu wollen. 


ben, woraus dann die deutſche Na: 


Lagerte ja doch bis in’s eilfte 


mensform Sölf erwuchs; gerade ſo Yahrhundert und wohl noch darüber 
wie aus Sedelica, Cedelicatal, Selz: | hinaus, jenfeits Liezens und des Pyhrn, 


thal entſtand. Aber auch der be- 
deutendfte, Ort des Ennsthales, das 
einft bergbauberühmte Schladming, 
biht am Ennsfluſſe, ber jenfeits der 
Klaujen, der Stromenge, in ein er: 
weitertes Bett tritt, in der Nähe bes 
Feljenthores der Enns, de Manling- 
(Monlicha-, Manlicha-) Paſſes iſt ſla— 
viſcher Gründung, einſt Slabnich, 
Slebnich genannt, und birgt im 
Namen die Wurzel slap, Strömung, 
Fluth. Auch Gleiming (Climnich) 
ift aus dem jlaviichen gline, Lehm 
oder Leim entftanden. Desgleichen 
hat auch bie fübmwärts liegende Ge: 


ein weitgedehntes Winden: oder Sla- 
vengebiet, deſſen Mittelpuntt Win— 
diſch-Garſten war und an das 
auch die Ortſchaft Stoder Gſchto— 
der), von stodor, Kälte, (vgl. die ſon— 
ftigen Gſchtoder, Stoderfahr) erinnern. 

E3 wurde erwähnt, daß die Tha— 
lung hinter Liegen, der Admon— 
ter Kejfel und deffen Nachbarſchaft 
dur) die ftarfen Teich und Sumpf: 
bildungen und das Ueberſchwemmungs— 
gelüfte des von Liezen ber langjam 
fließenden, vor dem Gefäufe rück— 
ftauenben Ennsſtromes weniger zur 
Anfiedlung der Slaven einlud. In der 


birgswelt, 3. B. das Leſſach-(Laſſach) That ift da die Ausbeute an Orts, 
Thal den flavifhen Namensfern | Fluß:, Berg: und Thalnamen nicht 
(les, Wald) in fi; ebenfo wie im groß. Immerhin finden fich Belege an 
Gebiete der Sölf der Gatſchberg, der Höhe Polane am Eßling— 
das Thal Feijter (vgl. die vielen bache (urf. Ozlich), am Frutz- oder 
Feiſtriz — Vustriea oder Bistrica), Frentzbache bei Admont (urkundl. 
da8 Krafauthal (o. ©uggauthal) | Frodenice, geſchrieben, vom jlav. brod, 
(vgl. die Laibacher Vorſtadt Krakau Furt, vgl. Vustriza, Feiſtritz und 
in Bezug der Namensbildung) Daß | Bistriea), ferner an den Namen ber 
den gewaltigen Grimming am nörd- Höhen: Zirnitz (Sirmze)und Pleſch 
lihen Ennsufer der Slave ſchon be: | (ples, Kahlheit, der „table Berg“, 
nannte, und die urſprüngliche Form vgl. Plöſchkogel bei Neun, den Berg 
Grebenik , ber Feljenfamm (vgl. Pleſcheutz bei Scheifling). Augenschein: 


— 


lich ſchob ſich das Windenvolk in ſtär- Namen durchaus das lateiniſche ad 
kerer Strömung aus dem Paltenthale montes, „bei den Bergen“ ſuchte, ob— 
in das Ennsthal, von Liezen ſtrom- ſchon keinerlei Anhaltspunkt dafür vor: 
aufwärts und nach Norden über ben | liegt und der Kenner des Althoch- 


Pyhrn nah Windiſchgarſten und Gito: 
der vor, während es daS tiefer lie: 
gende Ennsthal Hinter Liezen ſchwächer 
beſiedelte. 

So hätten wir an der Hand ſprach— 
licher Spuren, die uns die alten Ur— 
kunden vermitteln helfen, den unzwei— 
felhaften Nachweis geliefert, daß das 
obere Ennsthal bis zur Mündung der 
Palten windiſche Anſiedlungsgruppen 
barg, und daß, wenn auch ſchwächer, 
von Liezen ſtromabwärts das Winden— 
thum Bodenſtändigkeit in gewiß ſchwa— 
chen Anſiedlungen gewann, bevor der 
Deutſche hier ſeßhaft und alleinherr- 
Ihend wurde. Wann, unter welchen 
Umftänden und in welcher Reihenfolge 
diefe ſlaviſche Golonifation vor ſich 
ging, läßt fih natürlich nicht einmal 
annäherungsweije beftimmen. Wir müſ— 
jen und mit jener allgemeinen That: 
ſache begnügen. 

Die deutſche Anjiedlung, 
welche das eigentlich hiſtoriſche 
Gepräge dem Ennsthale ver: 


deutjchen darin augenblidlich das Ges 
münde, die Mündung des Baches 
Ada oder Ade, aljo eine beutjche 
Namensbildung erkennt. Ob in dieſem 
Ada oder Ade Keltiſches verborgen 
ift, mag dabingeftellt bleiben; an das 
deutjche Ache läßt fich babei nicht 
leicht denken. Jedenfalls war es ber 
unmittelbar bei Admont in die Enns 
einmünbende Gebirgsbach. Auch über 
den Grafen Witagowo wiſſen wir 
nur jo viel, daß er hier Gaugraf 
gewejen fein muß. Im Mai des Jah— 
res 928 tritt der vollfreie, alfo durch 
fein Dienftverhältuiß gebundene We: 
tiant, mit feiner Gattin Adalfuind, dem 
Salzburger Erzbifhofe Adalbert für 
Ueberlafjung eines Hofes im färnt: 
niſchen Frieſach, auf Lebzeiten, feine 
Beligung zu Haus im Ennsthale als 
geiftliches Lehen ab. E38 ijt bie erjte 
Urkunde, welche uns mit dem Hoch: 
tifte Salzburg, nachmals bem 
reichiten Grunbbefiger im Ennsthale, 
und mit einer der älteften deutjchen 


leiht, nahm erſt jeit der Karolin | Drtsgründungen in deſſen Weſtecke be— 


gerzeit ihren Anfang und ihre maß: 
gebende Bedeutung im 10., 11. Jahr: 
hundert. Wir werden am beften thun, 
bie jpärlichen Urkunden, welche unfere 
Führer find, zu würdigen, um daraus 
zuglei die bunte Miſchung der Befit- 
und Einwanderungsverhältniffe kennen 
zu lernen. 

Das ältefte Zeugniß, das uns jo 
recht in das Herz des Ennsthales ver: 
jeßt, die Urkunde des oftfränfifchen 
Königs Ludwig d. D. von 859 ver: 
leiht dem Grafen Witagouuo Wita⸗ 
gowa) zwölf königliche Binshuben im 
Thale Ademundi. Es iſt das 
eritemal, daß uns biefer Name be: 
gegnet, der dann auch Adamunton, 
Adamunda, Ademunt, jpäter Abnund, 
Admont lautet. Im Munde des Bauers 
beißt er Arment oder DOrment. 
nimmt Wunder, weshalb man in dieſem 





fannt madt. Gleih darauf, 931, 
taujcht zu St. Georgen am Zängenfee 
in Kärnten Graf Alprich (Alberich) 
von der Salzburger Hochkirche eine 
Salzjiederei bei Adbamunton 
für fein Eiſenwerk „Gamanaron“ bei 
Dbdah ein. 1005 verleiht König 
Heinrih II. dem Erzbiſchofe Hartwig 
dag föniglide Gut Adamunta 
im Ennsthale in der Grafjchaft Adal— 
bero’8 (des Eppenfteiners und ſ. 1012 
Kärntner Herzoges) mit allem Zuge: 
hör, mit den Salzpfannen, Pfannſtellen 
(ogl. den Pfannftiel-Bah) und den 
börigen oder unterthänigen Leuten. 
Admont erſcheint ſomit als Konigs⸗ 
gut, Domäne, auf welcher zunächſt 
Salzſiederei betrieben wird. Auf diefen 
Salzreihthum weist der Ortsname 


Uns Hall und Hallthal bei Admont zurück. 


1016 ſchenkt derſelbe Kaiſer dem Gra— 


— 


fen Wilhelm von Soune und Frieſach- ſich in das neue Kloſter als deſſen 
Zeltſchach und ſeiner Mutter, der h. erſte Bewohner. Den Umfang ſeiner 
Hemma, den dritten Theil der könig- Beſitzungen läßt ung bie Beſtätigungs— 
linden Saline allda. 1036 erwirbt | urfunde vom Jahre 1106 ermeflen. 
Salzburg vom Kaifer Konrad II. den‘ Sie verbreiteten fih über den Ad— 


föniglichen Hof ſammt Huben in Laſ— 
fing. Im Sabre 1042 nahm die h. 


Hemma aus dem hochadeligen Ge: | Murboden, 


ſchlechte der Weilfteiner, an deren 
großen, weitverzweigten Beſitz auch 
jet noch der Ortsname Peilſtein im 
Unterlande erinnert, die Witwe bes 
Srafen Wilhelm von Soune, den 
Schleier in dem Nonnenklofter zu Gurf 
im Kärntnerlande, das fie, neben einem 
Domitifte für 30 Chorherren gegrün: 
det. Ihre beiden Söhne waren ihr 
im Tode vorangegangen, „elendiglich 
erichlagen“, wie es ihre Urkunden be- 
zeugen — und zwar der Sage zus 
folge — von den meuternden Erz: 
frappen der Zeiringer Silbergruben. 
Weltmüde und ohne Erben, verjchenfte 
fie das große Eigengut ihres Hauſes 
an die Kirche. Salzburg wurde ge: 
wiljermaßen der Haupterbe der hohen 
Frau (F 1045, 24. Juni), aber mit 
ber Verpflichtung, zu Gurk ein Bis: 
thum und in Admont einfloiter 
zu grünben und reichlichit auszu— 
ftatten. Hemma weilte hier nicht jelten. 
Db die Volksſage Net hat, ihr Schloß 
jei am „Purgſtall“ zwifchen der Plöſch 
und dem Leichenberge, wo eben die 
Salzquellen zu Tage treten, gelegen, ift 
nicht erwiejen, aber ſehr wahrjcheinlich. 

Erzbiihof Gebhard von Salz 
burg, einer der entichiebenften Gre— 
gorianer, einer der Werkleute Hilde 
brands in deutſchen Landen, melde 
den jchwierigen Grund zu dem großen 


monter Thalgrund, in's Palten- und 
Triebenthal. Wir finden fie am obern 
bei NRöthelftein, in der 
Nähe von Graz, bei Straßgang, wo 
bald auch das freundlihe St. Martin 
ein Befig Admonts wurde. Aber wir 
fönnen fie auh nah Kärnten, um 
Friefah, auf dem Grabfelde (Krap— 
feld), in den jalzburgifchen Pongau, 
in den Lungau, nach Dberöfterreich, 
bei Wels, nach Nieberöfterreich, gegen- 
über der Wachau, ja nah Baiern um 
Rojenhain zu verfolgen. Man fieht, 
Gebhard hatte als Stifter eine offene 
Hand, und die Saalbüher Admonts 
zeigen, wie raſch dieſer Befit durch 
weitere Schenkungen „zum Seelenheile“, 
buch Tauſch und Kauf fi vergrö- 
Berte. Unter den erſten Geſchenkgebern 
war auch Adalbert, der rauhe Sohn 
des fteierifchen Markgrafen Dttofar V. 
(III), der uns bald als Graf bes 
Ennsthales und des Gaiferwaldes be— 
gegnet, jener großen Waldflur, bie 
einft von Kallwang bis Trögelwang 
und Gaishorn reichte. Er zählte zu 
der in Inneröſterreich ſtarken Partei 
Kaiſer Heinrichs IV., in deren Reihen 
wir auch Bilchöfe finden, welche ſich 
von Hildebrand, „der fih Pabſt nennt”, 
losjagten. Sein Bruder, Markgraf 
Dttofar VI. (IV.), war für die päpjft- 
lihe Sache gewonnen. So trennte der 
traurige Barteifampf die Brüder. 
Adalbero, der Anhänger bes henricia- 
niſchen Erzbifchofes Berthold von 


Baue der unabhängigen und bereichen: | Moosburg, Nebenbuhlers Gebhard's, 


den Kirche legen halfen, vollzog bie 
Gründung der Benebiktinerabtei Ad— 
mont fo rajch, daß bereits am 29. Sep: 
tember 1074 die Weihe der Abmonter 
Kirche, eines fchlichten Gotteshaufes 
im romanijchen Style, vor fi gehen 
fonnte. Zwölf Mönche des uralten 
Petersflofters in Salzburg, unter Füh— 
rung ded Bruders Arnold, begaben 


ließ die Kärntner Güter des Salzbur: 
ger Erzbisthums feine Feindfchaft im 
reihen Maße veripüren. Ihn traf der 
Bannfluch des Metropoliten, damals 
noch Fräftiger in feiner Wirkung. 
Aber jo ſchnell beugte er den Starken, 
Gewaltfinnigen nicht. Auch das Klofter 
Admont verfpürte jchon im vierten 
Fahre feines Bejtandes die Schreden 


665 


des inneren Krieges. Um 1078 über: 
fielen es die beutegierigen Schaaren 


| 


des rückſichtsloſen, thatkräftigen Königs 
empfand. Im Abmonter Klofter ſuchte 


der Gegner Gebharbs, feines Stifters, | ber Erzbifhof vor den Verfolgern 


und plünderten deſſen Schag, worin 
bejonder8 ein Stück byzantinifcher 
Kunftarbeit, reih an Gold und Ebel: 
fteinen, an 1000 Mark Werth, das 
Gebhard von Eonftantinopel als Ehrung 
mitgebracht und dem Admonter Klofter 
gefpendet hatte, einen blutigen Streit 
um beifen Beſitz unter zwölf Kriegs: 
fnechten erregt Haben fol. Acht von 
ihnen wären ſchon im Kampfe gegen 
einander erlegen, da ſei der Mönch 
Nordwin hHerbeigeeilt, und um dem 
weiteren Morden Einhalt zu thun, 
zerftüct er das Kleinod in vier Theile, 
damit die noch Lebenden vom männer: 
mordenden Streite ablafien. 

Bald ſtreckte nun Markgraf Otto: 
far VI. (IV.) den fchügenden Arm 
über das Klofter und endlich gelangt 
der verbrängte Gönner besfelben, Erz: 
biihof Gebhard, wieder zur Gewalt 
im Hochitifte (1086). Um dieſe Zeit 
entledigt fich auch Adalbero des Ban 
nes, indem er zur Buße die Schäden, 
welche durch ihn Admont erlitten, duch 
Schenkung der Drtichaften Ardning 
(Arnicha), Ei bei Haus und Hau: 
zenbihl (Hucinpuhil) vergütet. So 
gewahrten wir das Ennsthal als 
Schaupia eined Kampfes, der das 
ganze deutſche Neih und auch das 
wälſche Land jenfeit3 der Alpen mit 
feinen Leidenſchaften erfüllt. Seine 
legten Schwingungen erftarben erft mit 
dem Wormjer Concordate vom Jahre 
1122, dem erjten Friedensſchluſſe diefer 
Art, zwiſchen zwei Gemwalten, deren 
Wege denn doch fortan auseinander: 
liefen. Auch die Schlußphajen jenes 
Kampfes jpielen fih auf dem Boden 
des Admonter Thalkefjel® ab, denn 
Erzbifhof Konrad von Salzburg, An: 
bänger bes Papftes Paschal II., mußte 
vor dem Grimme Kaijer Heinrihs V. 
flüchten, desfelben, den das Papſtthum 
gegen den eigenen Vater Heinrich IV., 
ben Gebannten der Kirche, bewaffnet 
hatte und bald den jchweren Arm 


jeine Zuflucht, mußte aber in den 
Jahren 1111—1112 ſich in verjchie: 
denen Verfteden bergen. „Ein halbes 
Jahr“, berichtet die alte Chronif, 
„bielt er fi in der Höhle eines Ber: 
ges veritedt. 16 Mochen ftaf er dann 
in einem unterirbijchen Keller des 
Klojterd. Einen ganzen Tag verbrachte 
er in dem Wirbel eines Fluſſes bis 
an das Kinn verſenkt.“ Befreundete 
Perjönlichkeiten von Macht und Ein: 
Muß halfen ihm endlih, nah Sachſen 
zu entkommen, wo er bis 1115 als 
Verbannter unter dem Schube des 
Magdeburger Erzbiſchofs verweilte. 
Dann fehrte er heim und gab dem 
Klofter Admont in der Perſon Wol: 
volds, des Domherrn von Freiſing, 
dann Mönches zu St. Georgen, einen 
thatkräftigen Abt. Unter dieſem erhob 
ſich Kloſter und Kirche von Ad— 
mont im neuen ſtattlichen Baue und 
ein bald berühmtes Nonnenkloſter 
zur Seite des Mönchſtiftes. 

Wir haben die Geſchichte des St. 
Blaſien-Kloſters Admont bis zu einem 
Zeitpunkte ſtizzirt, der uns geſtattet, 
auf deſſen inneres Leben einen Blick 
zu werfen, wie es ſich im Laufe des 
zwölften Jahrhundertes ausgeſtaltet. 
Ein Männer- und Frauenkloſter ſteht 
vor und. Letzteres umſchließt Frauen 
bedeutender Häufer: Agnes, Tochter 
des Grafen Dtto von Wolfratshaufen, 
Kunigunde T. Bertholds von Andechs, 
Judith, T. Heinrichs von Naffau u. U. 
Auch erzählt die Klofterchronif, daß 
Sophie, die Tochter K. Bela’s II. von 
Ungarn, Verlobte Heinrichs, des Sohnes 
K. Konrab3 II. von Deutichland, als 
ihr Bräutigam ftarb (F 1150), ſich 
weigerte, das Klofter zu verlafen, mo 
fie inzwiſchen untergebracht worben war. 

Selbft einer ihrer Brüder (2) fol 
fein Grab neben ihr in der Abmonter 
Gruft gefunden haben. Außer Mönchen 
und Nonnen ericheinen Converſen, 
das find „Bekehrte“, jolde Perjönlich- 


keiten, welche Ueberdruß an der Welt, 
oder Gefühl jchwerer Schuld dahin 
brachte, ohne eigentlich geiftlich zu 
werben oder dem Slojterverbande an— 
zugehören, ihre Tage in Gebeten und 
Bußübungen can diefer geweihten 
Stätte zu ſchließen. Das Klofter: 
wejen ijt eine Welt im Sleinen. 


ganzen geiftlihen Körperfchaft, der 
Prior an der der engern Genoſſen— 
ihaft, des Gonventes, in welchem ihn 
zunächit die Senioren im Nange treten. 
Für die Bebürfniffe des geijtlichen 
Lebens ſorgen Guftoden (Gufter) die 








ben Kreuzzügen insbefondere tritt das 
Uebel des Ausfages oder der „Mijel- 
ſucht“, welche der bedeutende mittel: 
hochdeutſche Dichter Hartmann von 
der Aue in feinem „armen Heinrich“ 
al3 Motiv einer ergreifenden erzählen: 
den Dichtung behandelt, im Abend: 


lande vorherrfhend auf. Man jtaunt 
Der Abt fteht an der Spike der 


über die lange Neihe der im Le 
profenhbaujfe des Kloſters 
Admont unter der Leitung eines 
eigenen Spitalmeiſter verpflegten Aus— 
ſätzigen, wohl auch ſonſt an Siechthum 
Leidenden, die uns für die Zeit von 
1150— 1190 die Urkunden gelegent— 


Bibliothefare (armarüi, da fie das | lich verzeichnen. Darunter finden fich 


theologiihe „Rüſtzeug“ 
und Sakriſtane, für die Finanzen bie 
Kämmerer, für bie Wirthſchaft der 
Hofmeifter, Werkmeiſter und Schaffner, 
für den Keller der Kellermeifter. Weber 
die Converſen führt der Gonverfen- 
meifter die Auffiht. Die Hand: 
werfer des Kloſters — (bemn 
noch iſt das Gewerbe hörig, leibeigen, 
an Haus und Hof bes geiftlichen unt 
weltlihen Grundheren und Macht: 
habers geknüpft), von ihm wie Diener 
des Haufes gehalten, verpflegt und 
geſchützt: Kürfchner, Bäder, Binder, 
Maurer, BZimmerleute, Drechöler, 
Schmiede, Schneider, Schuiter u. N. 
jtehen unter dem Klofterwerfmeifter, 
dem und beziehungsweile dem Schaff: 
ner und Hofmeilter auch die andern 
Diener: die Köche, die Fiſcher, Kalk: 
brenner, Jäger, Holzichneider (Segner) 
u. A., fo auch einer der wichtigjten 
MWirthichaftsdiener, der Verweſer der 
Alpenwirtbichaft, der „Schwaiger“, 
zugewiejen erjcheinen. Die großen 
Klofterwaldungen beauffichtigt der 
Maldmeifter ; die in vielen Gegenden 
der mittlern und untern Steiermark 
und Nieder:Defterreih3 vorhandenen 
Meingärten unterjtehen dem Meinberg: 
meilter. Das Spitalwejen leitet ber 
Spitalmeifter, die Kloſterſchule der 
Schulmeiſter. 


Eigenthümlich jener Zeit 


die Häuſer für Ausſätzige. Seit 


verwalten) die Angehörigen der Kloſterherrſchaft, 


die ſogenannten Gotteshausleute 
oder die zur „Familie“ der Kirche 
des h. Blaſius gehörten, wie man 
damals auch zu ſprechen pflegte; 
nicht ſelten adelige Namen, freie 
Zinsbauern, welche perſönlich frei und 
nur abgabenpflichtig waren, ſodann 
die Kriegsleute des Kloſters; ferner 
Leibeigene, welche, an die Scholle ge— 
bunden, mit ihr verkäuflich, vertaufch- 
bar erjcheinen und ſammt ihrer 
Familie, bei VBeräußerungen getheilter 
Grundftüde, auch nad Köpfen getheilt 
werden könnten, und Hörige, die ber 
Kirche als Fromme Gabe geſchenkt 
wurden. 

Auh für die Armenpflege war 
ein eigener Gonventuale beftellt. 

Das Nonnenklojter befigt na— 
türlich feine eigene weibliche Diener: 
haft, in der „Fraxenfammer“, und 
feine Verwalter auf den eigenen Stif— 
tungsgründen. 

Doch wir müſſen noch einiger ur: 
kundlicher Thatſachen gedenken, welche 
ung die äußerſt gemijchten 
Befigverhältnifje diefer Epoche 
veranſchaulichen. So erhielt 1115 das 
oberöjterreihiijhe Kloſter Garſten 
das Gut Wolfpernberch (Wölferberg) 
und Aiglern; überdies von der edeln 
Frau Truto für die Aufnahme in die 


ſind Stiftsgenoſſenſchaft einen Antheil an 


Salzſtellen bei Admont, das Stift 


667 


Berchtesgaden dad Gut Dome: 
laren (Diemlern). Das St. Peter: 
Elofter von Salzburg war in 
der Gegend von der Mandling, an der 
Klaufen, begütert. 


Bei Liegen und Strehau und 
in Sebiach hatte um 1135 der Voll: 
freie Regilo von Hagenberg Be: 
fit und noch Andere feines Standes 
findet ſich verzeichnet. Auch das 
Klofter Reun war im Ennsthale 
und im Gebiete von Auſſee begütert 
und bejaß einen Antheil der Ad— 
monter Salinen, 


Adelheid, die edle Frau aus dem 
alten Haufe der Herren von Machland 
in NRieder:Defterreich, der Vollfreie Ma: 
gano, Eberhard von Lambredtshaufen, 
— During von Waging, Frau 
Adelheid von Kurzenfirhen, der Voll: 
freie Rudolf von Bucenperge, Dtto 
von Leoben, Dienjtmann des Mark: 
grafen von Steier, die Vollfreie Gi: 
jela von Aſſach, Dtto von Kulm, 
Herrant von Wildonie erjcheinen als 
Grundbefiger im Ennsthale. An den 
einft Föniglichen Salzpfannen bei Hall, 
unweit Admont, hatten nicht blos 
das Klofter dieſes Namens, jondern 
auh noch St. Lambrecht, das 
Kärntner Stift St. Georgen am 
Längenfee, das Klofter Garjten in 
Dber:Deiterreih, die Hochſtifte Gurk 
und Freifing ihren Antheil. Ein 
bedeutender Grundbeſitzer zwiſchen 
Enns und Paltenthal war das Bam— 
berger Hochſtift. Der bedeutendſte 
Grundbeſitzer und Schutzherr Admonts 
war jedoch Salzburg, welchem 
das ganze Ennsthal unterhalb Liezen 
und jenſeits des Geſäuſes bis an die 
Graſſchaft Aflenz im Oſten gehörte. | 
Ueberdies beſaß das Erzbisthum 
unmittelbar große Liegenſchaften, die 
als Lehen an die Traungauer 
und dann an deren Nachfolger, bie 
Babenberger übergingen. So bunt ge: 
mischt erfcheinen die Beſitzverhältniſſe 
im Ennsthale und mit der Gründung 
des Stiftes Admont gewinnt bie Be: | 











fiedlung des Ennsthales nad) Oſten hin 
eine gefteigerie Bedeutung. 

Und nun ift e8 hoch an der Zeit, 
daß wir desWeſens der deutſchen 
Anſiedlung im Ennsthale, ſeiner 
Deutſchwerdung gedenken. 

Wir verglichen ſchon weiter oben 
die Arbeit der geſchichtlichen Völker— 
und Ortskunde ferner Jahrhunderte 
mit der des Geologen; der Letztere 
erſpäht die Schichtungsverhältniſſe der 
Bevölkerung. Zweier ſolcher Schich— 
tungen: der keltoromaniſchen und ſla— 
viſchen gedachten wir bereits, nun 
kommt die deutſche an die Reihe. 
Selbſtverſtändlich werden uns zwei 
allgemeine Thatſachen begegnen: die 
deutſche Umformung älterer 
Ortsnamen, dort wo der Deutſche 
in ſchon beſtehende Niederlaſſungen 
eintrat und rein deutſche Namens: 
bildung, wo der Deutſche eben eine 
vom Beginne her neue Anſiedlung 
ſchuf. 

Zu der erſten Claſſe gehören, un— 
angeſehen die Gegend und Flurnamen, 
die Ortsnamen Gröbming, Irdning, 
Schladming; im Schladminger Be— 
zirke: Gleiming; im Gröbminger: 
Strimitzen (strmec Abhang); Gatſchen 
(ſſ. Wurzel gat, Grube); Gritſchen— 
berg, Greiſchern (Pürgg), Zlem 
(ſſ. Zlom, zlam, Bruch), Klachau, 
Tauplitz, Wörſchach (ſl. brdo, vgl. d. 
kärntniſche Pörtſchach), Schlattham 
(vgl. Schlatten v. jl. slatina), im 
Irdninger Bezirke; ſodann: Liezen 
und im Nottenmanner Bezirk: Noten: 
mann ſelbſt (als Ueberjegung des ur: 
jprünglich jlavifchen Ortsnamens) und 
Laſſing, — in denen unjchwer bie 
ſlaviſche Wurzel heraus gefunden werben 
fan. 

Auch Rötſchitz, Kunitz (fl. Kuna, 
Kunice, Marder), Treffen (vgl. Treffen 
in Kärnten, Trieben und ähnliche 
v. flov. trebez, Gereute) und Zauchen 
(v. sucha ſl.: troden, dürr) im Gebiete 
von Aufjee gehören zu diefer Gruppe. 

Bei einigen Ortsnamen treffen wir 
auf einen ſpecifiſch bairiſchen Auslaut, 


668 


den auf —ing, wie bei Irdning, 
Schladming, Gröbming u. N. 
Ungleich größer ift die Zahl der 
vom Haufe aus deutjchen Ortdnamen, 
entiprechend der überwiegenden Deutjch: 
anfieblung auf neuem Grunde und 
Boden. 
in vier Hauptklaſſen ſcheiden. Die erfte 
umfaßt Namen, welche fi aus der 
natürliden Beſchaffenheit 
der Ansiedlung, ihrer Lage, 
Bodennatur u. ſ. w. ergaben. Hieher 
zählen Auberg, Ennsling (Ort an ber 
Enns), Klaus (Klaufen), Pichl (Bühel), 
Weißenbach, im Bezirfe Schladming ; 
im Aufjeer: Thörl, Anger, Lichters- 
berg. Im Gröbminger begegnen ung 
beifpieldweife: Mitterberg, Sonnberg ; 
im Irdninger: Hohenberg, Mitteregg, 
Winklern, Naumberg, Au u. A. Eine 
zweite greift örtlide Typen der 
Pflanzen: und Thiermwelt ber: 
aus, fo 3. B. Puchen, Lerchenreith 
(Gereute auf Lerchenholzgrund), Erls: 
berg (Erlen: Berg), Birnberg, Nohr: 
moos und die mehrfachen Ai auf 
der einen — oder: Fuchsberg, Falken: 
berg, Krungl (im Auffeer Bezirk, ahd. 
Grungil, jegt Grundl, vgl. Grun— 
belfee, einft Grungilfee gejchrieben) 
auf der andern Seite. Eine dritte 
Klaffe bezeichnet die Entſtehung 
ber Anfiedlung, jo: Haus, im 
Schladminger Bezirke, dem fi dann 
jüngere Anfieblungen Oberhaus, Ober: 
hausberg, zugejelten,; Reit, Neittern 
(im Auffeer Bezirk), Oberreith (im 
St. Gallener Bezirk), Neitthal (bei 
Liezen), von Gereute oder Nodung ; 
Dber- und Unter-Hall bei Admont, 
als Drt der Salzgewinnung. Bei 
Gröbming entftand am Ennsftrome 
ein Brüdern (Prukkarn), aljo ein 


Brüdenort, Mauterndorf (Muotarun- | 


dorf), bei Klaus im Schlabminger 
Bezirk, erwuchs als Mauthſtation. 
Fiſchern im Irdninger Bezirk, läßt 
auf eine Fiſchereiſtation ſchließen, 
Dachenberg oder Tachenperg erſcheint 
früher als Tichinperge, Teichberg 
geſchrieben und um ſo klarer in ſeiner 


Dieſe Ortsnamen laſſen ſich 


Bedeutung. Eine bedeutende Zahl 
Drtönamen ift perfönliderNatur. 
| Abgejehen von den Heiligennamen 
der Ortskirchen, welche ber Drtichaft 
jelbft den Namen geben, 3. B. St. 
Martin, St. Gallen (Gallus) feſſeln 
ung jene Ortönamen am meijten, in 
denen ber Name ihres Grün: 
ders oder Eigenthbümers fi 
birgt, bie, zufolge der eigenthüm- 
lihen Koſeformen der altdeutfchen 
Perfonennamen, an fih Schmierig: 
feiten bieten, nicht minder durch all: 
mälige Verkürzung und Abjchleifung 
oft bi zur Unfenntlichkeit entjtellt er: 
\fcheinen, und eben darum nur mit 
ı Hilfe der alten urfundlichen Schreibung 
zu deuten find. 

\ So bebeuten im Schlabminger 
Bf. Göffenberg als Gossinberge, Berg 
‚bes Gozzi, Gozzo; im Gröbminger: 
ı Diemlern in der alten Form Toum- 
larn Flur des Touml oder Dümml 
(das ahd. lär. Flur, Gebiet, ift ver: 
ſchollen); Gerftorf als Gerichesdorf: 
Dorf des Gerich; Niglern bei Jroning 
|al$ Egilwarin: Ortichaft bes Egil 
j ober Agilo; Ebeling: Ortſchaft bes 
Adalo oder Edilo, Salaberg als 
Scalchinberge: Berg bes Schalten 
(als Zuname; fonft bedeutet es ben 
Hörigen oder Leibeigenen). Im eilften 
Jahrhunderte beftand ein Wicemanin- 
gen, ein Eberhartingen, zwiſchen 
Gröbming und Irdning (die Form 
des Auslautes —ingen, dem bairischen 
—ing gegenüberftehend, meist viel 
leiht auf alemanniſche oder ſchwä— 
biſche Anfiedlung). Deblarn läßt ji 
als die Ortſchaft des Obil (Koſeform 
von Dtbald) deuten, Nopenberg bezieht 
fih unftreitig auf ben Eigennamen 
Noppo (Kofeform für Norbert), den 
'3 B. 1139 ein falzburgiiher Mini: 
'fteriale führt, der dann Mönd in 
Admont wurde. Ardning, in der ältern 
form Arnich, enthält den Eigennamen 
Arn (Arno), der jegt noch in Arnold 
ih erhalten zeigt. Ob in den beiden 
Tipjchern des Gröbminger Bezirkes 
‚die Kojeform von Dietbold, die aller: 











669 


dings Dippe lautet, ftedt, alfo 
Tipſchern jo viel wie Drtiaft Diet: 
bolds bebeute, ift nicht entjchieden, 
aber wahrjcheinlich. 

Meit reicher würde natürlich die 
Ausbeute fein, wenn wir auch noch 
in der Fülle der Gegend: und Flurs 
namen deutjcher Art Umſchau halten 
wollten. Doch müſſen wir diefe An: 
wandlungen überwinden, denn faft 
fürchten wir, bie Geduld des Leſers 
auf eine harte Probe geftellt zu haben. 
Die bisherigen Nachweile genügen, 
um das ungefähre Schema der ältejten 
Wandlungen der Anfievlungsverhält- 
niffe in flüchtigen Strichen vorzuführen. 

Noh wären wir verjudt, ein 
hiſtoriſches Drt3: und Zeitbilb 
aus der Mitte des 12. Jahrhundertes 
frei zu geitalten. 

Es ift das Jahr 1156. Im Hofe 
des Kloſters Admont geht es jehr 
rührig zu, denn wir haben Vorabend 
„Unferes Frauentages der Schidung” 
d. i. Maria-Himmelfahrt (14. Auguft). 
Für den Schaffner, Hof: und Werk: 
meifter gibt e3 vollauf zu thun, um 
vor dem morgigen Tage alle Arbeit 
erledigen zu lafjen. Noch fieht man 


bie furdtbaren Zeichen des großen 
den auch Säger Lanzo hoch ehrte. 


Brandes, der die Hauptgebäude bes 
Klofterd in der Naht vom 10. auf 
den 11. März 1152 entieglich heim: 
ſuchte. Forjtmeifter und Jäger haben 
jo mandes feifte Stück Wild einge: 
liefert, da3 den Gaumen legten wird; 
doch macht ihnen das reißende Gethier, 
Bär und Wolf vor Allem, jeden 
Jagdplatz ftreitig und noch vor Kurzem 
beftand der Jäger Lanzo, ber ſich gern 
rühmt, einen Schelch (Riejenhirich) 
erlegt zu Haben, ein hartes Stüd 
Arbeit mit einem Wifent (Bifonitier). 
Dafür freut ihn aber das gewaltige 
Gehörn des grimmen Thieres, das er 
dem MWaldmeilter des Stiftes, dem 
Zaienbruder Hartwig, jeinem Vorge— 
jegten und Gönner, zu verehren nicht 
unterließ. In deſſen Zelle prangt 
dies Stüd und noch anderes jeltjame 
Geweih und Thierfell, neben Spießen, 


Armbrüften und breiten Fangmeſſern. 
Denn Bruder Hartwig war und 
blieb allzeit ein gewaltiger Jäger vor 
dem Herrn, ein gejchmorener Feind 
der gejchriebenen Bücher und lag 
darum Häufig im Streite mit bem 
Bibliothefar und BPriefter Bruder 
Merinher; wenn diefer ſich auf bie 
Bücher, feine Pfleglinge, die er durch Ab- 
ſchriften jelbft mehrte und mehren ließ, 
einiges zu Gute that und öfters dem Herrn 
Maldmeifter nahe legte, daß deſſen 
Lieblingsgefhäft gerade nicht zu ben 
Dingen gehöre, bie Gott an einem Sohne 
des St. Blafienklofter8 behagen könnten. 

Hartwig war darum aud) froh, da 
der geftrenge Subprior und Biblio: 
thefar 1140 als Abt nad Brül bei 
Regensburg überfiedelte. Die Biblio: 
thef allerding® hatte an ihm nicht 
wenig verloren, denn jo mandes aus 
Eigenem that Bruder Werinher für 
feine Bücher. So kaufte er von einem 
gewiffen Dttofar, dem Sohn des Sal- 
man, einen Weingarten zu Würflach 
in Unteröfterreih um 3 Markt und 
3 Pfund Pfennige, daß von deſſen Er: 
trägniß Handſchriften angeſchafft werben 
könnten. Um fo beffer ftand Hartwig 
mit dem fellermeijter, Bruder Ulrich, 


Wußte doch diefer, daß einem ver: 
dienten Jäger ein rechtichaffener Trunf 
fo oft als thunlich nicht vorenthalten 
werben ſolle. Im Keller gibt es heute 
viel zu thun, denn die „Familie“ des 
heiligen Blafius erwartet morgen vol: 
lere Becher zum fettern Mahle. Es iſt 
großer Feittag und auch die Amtleute 
des Stiftes, die Pröpfte, der Orts: 
richter, die Gerichtäboten und Bedien— 
fteten der Umgebung, überdie® auch 
vornehme Gäfte der Nahbarichaft wollen 
dem Keller und der Küche des Kloſters 
alle Ehre erweijen. In fchlechter Laune 
it der Kämmerer, Bruder Eppo, denn 
er hat das undankbarite aller Aemter: 
die Geldeinnahme und Ausgabe des 
Stiftes, in Obhut; er ift der Finanz— 
minifter, der heuer wenig einfädelt und 
viele Zahlungen leiten muß. Denn groß 


670 





ift wohl die Herrfchaft des St. Bla— 
fienftiftes, aber ungeheuer dehnt fich 
no der Wald ojtwärt3 zu beiden 
Seiten der Enns, nur felten von einer 
größern Zahl von Gehöften unter: 
broden. Wer vom Hallthal an der 
Buchau (Puechowe) gegen St. Gallen 
wandert, oder in die ftarrende Wild: 
niß am Jonspach (Jonispach), am 
Hartwigsbach, eindringen will, oder 
jenfeitS des großen Ennsbuges das Ge: 
lände der Salzach zu betreten wagt, 
fieht die8 am beften. Ueberreich ift 
da die Natur an Holz, Gras und 
Maffer, wohl aud an Erz, aber man 
kann diejen Reichthum nicht gleich be: 
zwingen, nicht verwerthen und mur 
langſam erjchließt fih die Wildniß ber 
Menihenhand. Da erwarb fich erft 
vor Kurzem Gottfried von Wettern- 
feld ein großes Verdienſt, als er die 
Kirche zu Ehren des heil. Gallus er- 
baute, da ſonſt die nicht eben zahl: 
reihen Priefter Abmonts an 3 Tag: 
reijen weit jeeljorglihe Berrichtungen 
zu leiften hatten. 

Der Salzquell von Hal ſtrömt 
wohl noch ergiebig, aber die Stifts- 
verwaltung iſt koſtſpielig unb das 
Klofter mit den Nachbarn, welde an 
diefer Gottesgabe auch ihr Necht haben, 
nicht jelten im Streite. Auf den aus: 
wärtigen Beligungen laften manche 
Schuldzahlungen und der Meinberg: 
meifter des Kloſters hat nur ſchlimme 
Botichaften von der fommenden Wein: 
leſe. Der Rebenſaft dürfte jpärlich 
und jauer werben. Der Bergbau ift 
nicht ergiebig, die Goldmwäjcherei in 
der Frutz läßt Schon allerhand frommen 
Wünſchen Raum. Das Stift zählt jo 
manden Wohlthäter mit offener Hand, 
aber auch manden hartgejottenen 
Gegner. Ein folder ift Herr Hertnid 
von Ort und noch Andere. Ja bis 
in die Nähe des Stiftes greift manch— 
mal die Hand eines räuberiſchen Nach: 
bard. So ftört man die ftille Ge- 
meinde der fettpelzigen Biber an ber 
„Biberſchwelle“ bei Aomont und der 
wohlſchmeckende Käſe, den das Stift 


in der Kaſerau (Kaiferau) bereiten 
läßt, wurde einmal in flarfer Ladung 
‚dem Schaffner abgejagt, als er fie in’s 
Klofter _ heimbefördern wollte. Herr 
Abt Gottfried, vormald Prior des 
Klofterd St. Georgen in Schwaben, 
aus dem Haufe Wenningen, der Bruder 
des gelehrten Jrimbert, der dann auch 
Abt zu Admont wurde, — theilt bie 
Sorgen feine Kämmerers, denn nur 
langfam erholt fih das Stift von 
jenem unbeilvollen Brande, den Irim— 
bert in feinen gelehrten Erläuterungen 
zu den Büchern der Könige fo an: 
ſchaulich zu fchildern weiß. Abt Gott: 
fried gedenft mit Seufzen der beſſern 
Tage des Stifte8 unter dem Abte 
Wolvold (f 1137, 1. Nov.), wenn 
er auch weiß, daß diefem jelbit das 
Aergſte widerfuhr, was je einem Abte 
von Admont widerfahren fonnte, und 
deſſen die Klofterchronit 3. 3. 1137 
mit folgenden Worten gebenkt : 

„In diefem Jahre des Herrn ſchied 
aus biefer Welt der verehrlihe Wol- 
vold, Abt von Admont, welcher ung 
von feiner mannhaften Ausdauer und 
Reinheit des Lebenswaudels zwei herr: 
liche Leichen hinterließ. ALS dieſer 
felige Vater nah Verſchluß des 
(Nonnen)Klofters 3. 5. Georg (am 
Zangjee) in Kärnten, gleihjam wie ein 
auter Gärtner den ihm übermwiejenen 
Garten reinigen wollte, unterließ er 
e8 nicht, jene Nonnen auszuftoßen, 
welche entweber ſchon früher geboren 
hatten oder doch ſchon jchwangern 
Leibes waren und fichere Anzeichen 
deffen darboten. So fam es, daß 
eine ganze Seite des Chores unferer 
(Admonter) Nonnen als wahrhaftige 
Wurzeln der Tugend dahin verpflanzt 
werden mußte. Defientwillen wurde 
er (der Abt Wolvold) von Günther 
(von Hohenwart) dem Markgrafen von 
Cilli (d. i. von der untern Marf an 
der San und Drau, welcher feine 
Schwefter in St. Georgen hatte) ge 
fangen genommen und auf ein Schand— 
pferd gejegt, vieler Schmad für feine 
Perſon und feinen Stand theilhaftig 








671 


und derart mißhandelt, daß fein Manns» 
thum dabei zerjtört wurde (ut vitalia 
eius rumperentur). Zur Sühnung 
diejes Frevels und zur Löjung vom 
Bannfluche übertrug (um 1149) ber: 
jelbe Markgraf gewiſſe Güter dem 5. 
Ruprecht (d. i. der Salzburger Hoch— 
fire); die Martinskirche jedoch und 
das obere Straßgang (bei Graz) mit 
dem darunter liegenden Befite Hinter: 
ließ er ung, aus Verehrung für den 
Herrn MWolvold und wählte fich bei 
ung die Örabftätte, mo er nun auch ruht. 

Im Vertrauen erfuhr auch ber 
würdige Vater (MWolvold) durch bie 
Senioren Ulrich von Elfindorf und 
Witilo, daß er bei dem Convente in 
einen ſchlechten Leumund verfallen fei; 
und das in Folge feiner häufigen Befuche 
im (Aomonter) Nonnenflofter, da er 
nämlich als erfter Pfleger der neuen 
Pflanzftätte eifrig bemüht war, fie zu 
überwachen. Als er das vernommen, 
wollte nicht der überaus kluge Mann 
jeinen guten Ruf verwerfen, fondern 
verſprach mit aller Bejcheidenheit feinen 
Anklägern, die ſchon darüber rath: 
Ichlagten, er müſſe fi von dem Bor: 
wurfe der Zafterhaftigfeit reinigen, ober 
vom Plate eines geiftlihen Hirten 
weihen, — nad drei Tagen Bejcheib 
zu geben. Als der dritte Tag nun 
angebrochen, las der Abt die Meſſe, 
beitieg dann mit drei Brüdern die 
Pferde und begab fi zur nahen 
Eifengrube Plaberh (mo man das 
Eifen „bläht”), wo gerade im Hoc: 
ofen die Erzmaffe geglüht wurde. Er 
befahl mun den Mund des Dfens zu 
öffnen, die glühende Maſſe mit Zangen 
herauszuholen und auf den Amboß zu 
legen. Dann entfernte er Alle, fo 
daß nur jene drei Brüder anmefend 
blieben und als herzensreinfter Nach: 
ahmer der drei Jünglinge (im Feuer: 
ofen) ergriff er, willens fich von dem 
Vorwurfe des Laſters zu reinigen, mit 
entblößten Händen die mweißglühende 
Maſſe, hob fie in die Luft und hielt 
fie den andern, die da ftaunten und 
zurüdwichen, zum Erfaſſen Hin, und 





legte fie dann wieder, ohne irgend eine 
Verlegung davon zu tragen, auf den 
Amboß. Wahrhaftig eine harte Art 
der Nechtfertigung, eine unerhörte Art 
der Neinigung, nicht minder anzu: 
ftaunen, als bie Unverleglichkeit des 
jungfräulichen Körpers, der in den 
Keſſel fiedenden Deles verjenkt wurde.” 

Wir find mit unferer jelbit gejegten 
Aufgabe zu Ende. Das Ennsthal in 
den älteften und maßgebenbiten Wand: 
lungen feines Lebens und Webens 309 
an und vorüber. Nur ihrer wollten 
wir gedenken. Der Weg war raub, 
uneben und vielfach reizlos, denn ber 
Schreiber diefer Zeilen weiß um beiten, 
wie viel ihm mangelt, um ein befjerer 
Führer zu fein. Noch würde es ihn 
hier verloden, von ſpäteren Tagen zu 
erzählen, wie nad) dem Ausjterben der 
Traungauer (1192) das Ennsthal, jo 
gut wie die andere Steiermark an das 
Hans der Babenberger geräth, wie 
auch dieſer wadere Stamm erlöſcht 
(1246) und das Ennsthal bald von 
Waffenlärm erbröhnt, den der kriege— 
riſche Sponheimer Herzogsſohn Philipp, 
erwählter Erzbifchof von Salzburg, mit 
dem ihm verfoldeten fteiermärfifchen 
Herrn Ulrih von Lichtenftein, dem 
Minnefänger, den Pfannbergern u. A., 
durch feine Eroberungsluft mwachruft, 
wie ber Dfener Friede von 1254 
zwifchen Dttofar von Böhmen und ben 
Arpaden, das ganze Ennsthal und das 
der Palten bis zur Waſſerſcheide der 
Enns und Mur von der ungarisch ge: 
wordenen Steiermark jcheidet und die 
gejonderte Stellung des Ennsthales 
auch weiterhin zu Tage tritt. Dann 
möchte er des willensftarfen Abtes Sein: 
rich von Admont (1275—1297) 
gedenken, des allmächtigen Günftlings 
Herzog Albrecht I. von Habsburg-Deiter- 
reich ; eines Sohnes der Steiermark ; am 
obern Murboden zu St. Walburg bei 


‚St. Michel an der Liefing geboren, der 


das Klofter Admont aus feinem Berfalle 
emporbringt, al3 Landſchreiber und Lan- 
deshauptmann der Steiermark maltet, 
dann die angefeindete Stellung räumen 


672 


muß (1292) und (1297) von ber Hand 
eines Verwandten meuchleriich gefällt | 
wird. Sein Auge fliegt in das 15. und | 
16. Jahrhundert hinüber und entdecktum 
1478 bie erfte Spur einer Bauernbewes 
gung unter Führung eines gewiſſen 
Mainhard, — im Jahre 1525, 1526 ein 
Stüd des großen Bauernfrieges, das 
fih an der Enns, im Zufammenhange 
mit Salzburg und mit Schlabming als 
Mittelpunfte der Ereigniffe, abipielt. 
E3 gewahrt im Hochſommer bes bes 
wegten Jahres 1525 bie Gefangen: 
nehmung des Zandeshauptmannes Sig- 


mund von Dietrichftein duch die Em: 


im Herbſte darauf das furchtbare 
Strafgericht da3 Grafen Niklas von 
Salm, des „Hauptmannes mit ber 
eifernen Hand” über das unglüdliche 
Städtchen verhängt, das fich feither 
nie wieder zur frühern Blüthe erheben 
fonnte. Schon haftet hier im Thal- 
raume, zu Irdning, Gröbming, Schlab: 
ming, in ber rauhen Scholle der Nams: 


'au der neue Glaube und überdauert 


hier allein die Zeiten der Gegenrefor— 
mation. Dies und manches Andere 
gäbe es zu erzählen, denn alle Zeit: 
ftrömungen und Landesgeſchicke be: 
rührten auch unfer Ennsthal, — aber 





pörer am Markte zu Schladming und 


Ein Ausflug in 


e8 muß genug jein! 


die Sternenwelt. 


Nah Barl Zreiheren du Prel. 
Welcher Lejer von E. Hädels |nährung, die andern das der Aus— 


„Anthropogenie” hat nicht mit einer ſcheidung, 


| 


Miihung von Staunen und Heiterkeit 
das merfwürdige Gapitel aufgenom: 


wieder andere das der 
Wahrnehmung, der Fortpflanzung 
u. f. w. „auf fich nehmen“. So er: 


men, in welchem dieſer Naturforjcher kläre fich die Sache ganz einfach, auf 
verfihert, er werde nunmehr auf’3 natürlichem Wege, ohne Eingriff eines 
deutlichfte zeigen, wie und warum |teleologijchen Princips. Was aber die 
aus dem Haufen gleihartiger| Zellen zu einer fo äußerft vernünftigen 
Zellen, welche ben eriten Keim leben⸗ | und wohlüberlegten „Arbeitstheilung” 
diger Wejen bilden, auf ganz mecha- veranlaßft, jagt Herr Hädel nicht, 
niſchem Wege fih ein fo unendlich | und ber Leſer fteht mit offenem Munde 
bifferenzirter und complizirter Organis: | da, nicht mwiffend, ob Herr Hädel 
mus entwidle — hernach aber, wenn ſpaße, oder ob es ihm Ernft ſei, wenn er 
wir in nmeugierigfter Spannung auf: | mit dem Worte „Arbeitstheilung”“ die 
horchen, uns mit der Erklärung ab: Sache erklärt zu haben verfichert. 
fertigt, da8 ganze Geheimniß diefer In der Naturwiſſenſchaft ift jede 
„Differenzirung“ beruhe auf der Erflärungsmethode willtommen, nur 


„Theilung der Arbeit“ von 
Seite der Zellen. So wie nämlich die 
complicirte Maſchine des ftaatlichen 
Gemeinweſens dadurch zu Stande 
fomme, daß von den Bürgern bes 
Staate3 der Eine ein Handwerk er- 
lerne, der Andere fi) ber Rechtspflege 
zumwende, ein Dritter Kaufmann, ein 
Vierter Arzt oder Mriefter werde 
u. ſ. w., jo „theilten fih” auch die 
anfangs unterjchiedslofen Zellen des 
organiichen Keimes „in - die Arbeit”, 
indem bie einen das Geichäft der Er: 


muß fie wirklich etwas erflären. Am 
willfommenften ift die mechaniſche, 
weil einfachjte; aber jo bequem barf 
es fi der Forſcher nicht machen, als 
es jih Hädel in jenem Falle gemacht 
‚hat. Er muß fi bemühen, feine Er: 
Härungen auch für die Unbefangenen, 
denen nicht ſchon ein bloßes Tendenz: 
Schlagwort ftatt aller Erweiſe genügt, 
evibent und plaufibel zu machen. 
Eine gewiſſenhafte Arbeit dieſer 
Art it die Schrift von Karl Freiherrn 
‚bu PBrel: „Der Kampf ums Dafein am 





673 


Himmel.“ (2. Aufl., Berlin 1876.) 
— Du Prel verfuht e3, Die moderne 
Doctrin, nach welcher die Zweckmäßig— 
feit in der Natur einzig baher rührt, 
daß das Unzweckmäßige zu Grunde 
ging und eben nur das Zmedmäßige 
übrig blieb, auf die Harmonie der 
Sternenwelt, auf den wunderbar in 
einander greifenden fiderifchen Mecha- 
nismus anzuwenden, das darwiniſtiſche 
Princip der „Anpaſſung“ und des 
„Kampfes um's Daſein“ in der Un— 
endlichkeit des Weltraums nachzu⸗ 
weiſen. Man muß dem Verſuche du 
Prels Achtung zollen; denn er ver— 
fährt dabei durchaus beſonnen, und 
er beſtrebt ſich in der That, das, was 
er behauptet, auch zu beweiſen. 


„Gegen die Auffaſſung, daß die 
Entſtehung der Arten durch 
das Ueberleben der zweckmäßigen 
Organismen im Kampf ums Daſein 
und durch unbegrenzte Variabilität 
ſich erkläre“, ſagt der Autor, „haben 
die Schwierigkeiten ſich bereits ſo ge— 
häuft, daß Darwin ſelbſt die Trag— 
weite ſeines Erklärungsprincips, des 
„Kampfes ums Daſein“, auf die ſo— 
genannten adaptiven Eigenſchaften 
(Eigenſchaften der „Anpaſſung“) ein— 
ſchränken zu müſſen glaubte. Die 
Entſtehung der Arten bleibt demgemäß 
vorläufig noch ein ungelöſtes Räthſel. 
Auf der andern Seite dagegen verräth 
es ſich mehr und mehr, daß der Darwin’: 
ſchen Theorie eine bei ihrem Auftreten 
ganz ungeahnte Bedeutung zukommt.” 


Sn der Sphäre bes organiſchen 
Lebens aljo fcheint unferm Autor bie 
unbedingte Geltung des barminiftifchen 
Princips noch zweifelhaft. Aber er 
hält dasſelbe für fruchtbar und für 
evident in feiner Anwendung auf das 
Gebiet der mechanischen Zweckmäßig— 
feit in der kosmiſchen Phyſik. 
Näher beftimmt ift das bejagte Princip 
bier das der ſogenannten „inbirec- 
ten Ausleſe“, kraft deren bie 
unzwedmäßigen Exemplare vernichtet 
werben, und fo die überlebenden zmed- 


Rofegaer’s „‚Geimgarten‘‘ 9. Geft, 


mäßigen, mwiewohl nur indirect, 
gleihjam ausgelejen erjcheinen. 
Wir fehen die Gejtirne am Him- 
mel in jchönfter Ordnung ben ge: 
mefjenen Reigen vollenden, wir jehen 
fie ohne Zufammenftoß, ohne Störung, 
regelmäßiger und verläßlicher noch 
als Eijenbahnzüge in ihren Geleifen, 
die vielfah verjchlungenen Bahnen 
ziehen. Daß alle diefe „ſchöne Ord— 
nung”, diefer „Kosmos“, wie es ber 
Grieche mit einem finnigen Wort 
nannte, nur das natürliche Ergebniß 
der Ausjcheidung alles Unzweckmäßigen, 
alles Störenden ſei — mie follen wir 
ung dies vorftellen? — Unfer Autor er: 
läutert es burch ein Beifpiel, dem es we- 
nigftens nicht an Anſchaulichkeit gebricht. 
„Denken wir uns“, jchreibt er, 
„tolgenden Fall. Es habe ein in ber 
Kunft des Ballets ganz und gar Un: 
wiſſender auf weiter Ebene eine große 
Anzahl von Tänzerinnen ohne irgend» 
welche bejtimmte Anorbnung aufge: 
ftellt; jeder einzelnen Tänzerin fei 
von unferem Manne eine anbere 
Figur zu tanzen aufgegeben worden, 
und zwar ohne alle Nbficht einer gegen: 
jeitigen Harmonie berjelben, und ohne 
fih irgendwie um die aus den Ber: 
Ihlingungen ber Figuren ergebenden 
Collifionen der Tanzenden zu fümmern. 
Beim Anheben des allgemeinen Tanzes 
würden nun, unter VBorausjegung des 
Verbotes, ſich gegenfeitig auszuweichen, 
zahlreiche Colliſionen eintreten. Ange— 
nommen nun, es ſei den Tänzerinnen 
der Befehl ertheilt worden, in jedem 
Colliſionsfalle auszutreten, ſo 
würden in Bälde, indem zahlreiche 
Mädchen den Reigen verließen, alle 
unharmoniſchen Tanzfiguren eliminirt 
ſein und es würden nur ſolche 
Tänzerinnen übrig bleiben, welche, 
ohne ſich mehr gegenſeitig zu ſtören, 
ihre Bewegungen fortſetzen könnten. 
Das Gleiche aber würde eintreten, 
wenn ſtatt des Befehles, auszutreten, 
die Collidirenden angewieſen würden, 
ihre Bewegungen vom Colliſionspunkte 
aus fortzuſetzen; auch dann würden 


43 


674 


ſchließlich nur wenige Tängerinnen | 573 Jahren noch an jenem Orte war, 


übrig bleiben.“ 

Genau fo, meint der Berfaffer, 
ift aus dem Neigen ber Geftirne aus: 
geſchieden, was ſich der Orbnung bes: 
felben nicht fügen wollte. Die Mög— 
lichkeit, daß es fich fo verhält, bat 
er leidlich gut gezeigt. Freilich ift nicht 
alles Möglide auch wirklich; und 
wenn Etwas auf irgend eine Art ent: 
ftanden fein fonnte, fo ift nicht erwie— 
fen, daß es fo und nur fo entitan- 
den fein mußte — ein Umftand, 
den man in der Naturforfchung viel 
zu wenig beberzigt. 

Wir wollen dem Autor in bie 
gelehrteren Auseinanderjegungen über 
dieſen Punkt nicht folgen. Wir ziehen 
e3 vor, fein Buch als Führer für 
eine kleine aſtronomiſche Wanderung 
zu benüßen. 

Er hat in diefem Werke die neueften 
fosmifchen Theorien F. Zöllner’3 und 
bes Franzoſen Stanislas Meunier 
in ziemlich populärer Weije dargelegt. 
Wir wollen verſuchen, in aller Kürze 
Einiged davon noch populärer zu 
machen. 





Was wir am Himmel erbliden, 
ift nur zu einem geringen SCheile 
Gegenwart — zum größten Theil 
iſt's eine mehr ober weniger ferne 
Vergangenheit. Wir jehen den Jupiter 
nicht dort, wo er wirklich am Himmel 
fteht, jondern an einem Punkte, über 
welchen er jchon 3600 Meilen hinaus: 
gerüdt ift. Denn fein Licht, folglich 
auch das Bild feiner jeweiligen Stellung 
am Himmel, braucht 34%/, Minuten, 
um zu uns zu gelangen. Würbe ber 
Neptun durch irgend eine Kataftrophe 
plöglich zerftört, wir würden ihn gleich: 
wohl noch 4—5 Stunden an jeinem 
Orte erbliden. Arctur würde, wenn 
er verlöfchte, unjeren Augen gar noch 
24 Jahre lang am Himmel leuchten! 
Daß Alcyone uns al3 einer der hell: 
ften Sterne ftrahlt, beweiſt gar nicht, 
daß dieſer Stern wirklich noch vor: 
handen ift, jondern nur, daß er vor 


an welchem wir ihn nun jehen. Bon 
den äußerften Grenzen der Milchitraße 
erhalten wir die Meldungen um etwa 
4000 Jahre verjpätet. Was will dies 
Alles fagen gegen die unermeßliche 
Entfernung der jogenannten „Nebel: 
fleden“, deren in dieſem Augenblide 
zu uns gelangender Lichtftrahl ein Alter 
von Millionen Jahren bat! — 

Was find fie, diefe undenkbar fer: 
nen Nebelfleden des Himmels? Nur 
zum Theile find e8 Sternhaufen, die 
dem Auge des Aftronomen der Entfer: 
nung wegen als Nebelmöltchen erjchei- 
nen; zum Theile find es wirkliche kos— 
mijche Nebel, aus deren in glühenb:gas- 
förmigem Zuftande rotirenden Maffen 
fih die Firfterne verdichten. 

Aber von den urſprünglich chaoti— 
ihen Nebelballen eines Firfterniyftems 
blieb immer nur die geringe Anzahl ber: 
jenigen übrig, welche, in entfprechenden 
Abftänden von einander Freifend, fich 
nicht mehr ftörten, während die übrigen 
in einander zu fließen oder ganz 
andere Bahnen einzufchlagen gezwun— 
gen waren. 

Bei den fo aus heißen Gafen 
verdichteten Firfternen aber nahm im 
abjolut falten Raume die Wärmever: 
minderung ihren Fortgang und jchließ- 
fih mußte jene niedrige Temperatur 
erreicht werden, welche chemiſche Ber: 
bindungen und bie tropfbar:flüffige 
Form zuließ. 

Nach diefer Abfühlungstheorie, wie 
fie namentlih buch F. Zöllner auf: 
geftellt worden, zerfällt die Gejchichte 
eines Firfternes in zwei Perioden: bie 
des Leuchteng und die der Berbunflung. 
Bei ben erfaltenden Weltkörpern dieſer 
Art muß nämlich eine Gerinnung ber 
flüffigen Maffe nah und nad ein- 
treten. Zuerſt werden Schladen in 
berjelben fih bilden, ſpäterhin eine 
zuſammenhängende, erjt zähflüfjige, 
allmälig aber völlig erftarrte Außen— 
rinde. Auf dieſem Punfte angelangt, 
werben bie Firfternlörper aufhören zu 
leuchten. Nun kann e8 aber gejchehen, 


675 


daß in Folge des von Seite der erftarr: abſtände, ihre Bewegungsgeſchwindig— 
ten Rinde auf das noch feurigflüflige | keiten in einem fcheinbar genau abge- 
Innere geübten Drudes jene wieder mwogenen Berhältniffe, ja ber Meda- 


gefprengt, die Schladen wieder über: | nismus des Planetenſyſtems läßt fich 


fluthet und reforbirt werden. Die 
Folge davon wird fein, daß der Stern: 
förper neuerdings Licht ausftrahlt. 
Diejer Proceß kann fih mehrmals 
wiederholen. Auf ihm beruht das 
Phänomen der fogenannten „veränber: 
lichen“ und der plöglih aufleuchten: 
den Sterne. Man hat ein jolches 
plötzliches Aufleuchten oder vielmehr 
Wieberaufleuhten von Sternen im 
Ganzen etwa zwanzig Male beobachtet ; 
in den legten drei Jahrhunderten, alfo 
in Zeiten genauerer Beobachtung, find 
acht folder Fälle verzeichnet worden. 
Nah Tycho Brahe's Bericht leuch— 
tete im Jahre 1572 ein Stern ſo 


plötzlich und mit ſo hellem Lichte auf, Beſchaffenheit ſeiner Maſſe, 


daß er einen Zuſammenlauf von Men— 
ſchen erregte. Er überftrahlte alle 
übrigen Sterne derart, daß er Nachts 
jelbft durch mäßige Wolken und jogar 
bei Tage bequem gejehen werben 
fonnte. Er jchien fpäter ganz ver: 
ſchwunden zu fein und erſt 1840 hat 
man an feiner Stelle einen Stern, 
jedoch nur zehnter Claſſe, gefunden. 

Alt und wohl allgemein ange: 
nommen ift die Lehre, wie nach ben 
Gejegen der Schwerfraft und ber 
Kreisbewegung von ben rotirenden, 
no nicht erftarrten Firfternkörpern 
Ringe fih abtrennten, die fich zu 
Kugeln verdichteten, und jegt als 
Planeten um den Firftern, dem fie 
entftammten, ihre Kreije bejchreiben. 
In der uranfänglich weit größeren 
Anzahl diefer Planeten mußte bie 
gegenjeitige Anztehung Störungen be- 
wirken; da griff auch Hier das Prin- 





nunmehr mit einem Kunftwerfe hoben 
Nanges vergleichen. Als eine weitere 
Folge der „inbirecten Ausleje“ im 
Kampfe um's Dafein am Himmel 
erfcheint der Umftand, daß gefährliche 
Bahnen und materielle Gefähr: 
lichteit der auf ihnen wandelnden 
Geftirne ſich gegenfeitig auszufchließen 
pflegen. Was durch fefte Maſſe einen 
Zufammenftoß gefährlich machen würde, 
z. B. die Planeten, bewegt fih in 
einer Bahn, bie feine Gefahr eines 
Zufammenftoßes mit fi führt, und 
was fih in gefahrdrohenden Bahnen 
bewegt, wie 3. B. die Kometen, das 
erweiſt fih wieder durch die leichte 
feinen 
Mangel an Gonfiftenz al3 gefahrlos. 
Im Jahre 1819 ging die Erde durch 
den Schweif eine® großen Kometen — 
ohne es auch nur zu merfen. 

Auch bei den Fleineren Körpern, 
welche ihrerjeit3 wieder die Planeten 
als Trabanten, als Monde, von ſich 
abtrennten, konnten aus einer urjprüng: 
(ih größeren Anzahl offenbar nur bie 
jetzt thatfählih vorhandenen die un: 
vermeidlichen Störungen überleben. 

Da3 Leben des Kosmos Fennt 
feinen Stillſtand. Auch über das 
Stadium der Erftarrung jchreitet der 
Proceß hinaus. 3 läßt fich erweiſen, 
daß zulegt eine Zerflüftung, ein Zerfall 
des todreifen Weltkörpers eintreten 
muß. Als Grgebniffe eines jolchen 
Zerfalls ericheinen am Himmel die jo- 
genannten Afteroiden, welde in 
ihren nicht mehr jphäriichen, jondern 
Ichroffen und unregelmäßigen Formen 


cip ber „inbirecten Ausleſe“ vermittelnd | dem bewaffneten Auge des Aftronomen 
ein. Durch fie wurde die Mehrzahl | fofort als Bruchftüde, ald Trümmer 
ber planetarifchen Maffen ausgefondert, | fich darftellen. Die zahlreichen, ſchmalen, 
in andere Bahnen geworfen oder auch tiefen Nillen, welche die Oberfläche 
wieber mit ihrem Firftern, der Sonne, |de8 Mondes durchfurchen, find die 
vereinigt. Nachdem jo mur die zufällia | erjten Anzeichen eines bereinftigen Her: 
zwedmäßig vertheilten übrig geblieben, | falls unſeres Trabanten in folche Aſte— 
zeigen fih die Maflen, ihre Sonnen- | roiden, 


43° 


676 


Für Brucftüde dieſer Bruchſtücke, 
für Heine Theilftüde zerfallener Aſte— 
roiden hält unjer Berfajler die Me- 
teoriten, bie mit den Stern: 
ſchnuppen ibentiih find. Während 
jene, die Afteroiben, noch immer ben 
Umfang von einigen Meilen haben, 
find die Meteore ſelbſtverſtändlich noch 
viel mäßigeren Umfangs und diejenigen, 
welche der Erbe zuftürzen, werben vor 
dem Aufprall in noch kleinere Stüdfe 
zertrümmert. 

Treten nämlich die Meteore in den 
Kreis unferer Atmojphäre ein, jo ver: 
lieren fie ihre urfprüngliche Bewegungs: 
geihwindigfeit durch den Wiberftand 
der Luft. Hierbei aber muß nad 
phyſikaliſchen Geſetzen ihre verlorene 
räumliche Bewegung in Wärme und 
Licht verwandelt, und eine jo hohe 
Temperatur erzeugt werben, daß fie 
in Weißglühhige gerathen, wodurd fie 
uns in einer Höhe von durhichnittlich 
24 Meilen fichtbar werden, und, oft 


in beftigen Detonationen zerplagend, | Eifen der Meteoriten vom 


Deean und töbtete 5 Menfchen. 
Daß zwiſchen Feuerfugeln, Meteoriten 
und Sternjchnuppen feine qualitativen 
Unterſchiede beftehen, daß vielmehr die 
wirflih auf die Erbe herabfallenden 
Steine nur Bruchſtücke erplobirender 
Feuerkugeln find, dies bedarf faum 
noch einer weitern Beftätigung. Die 
Sternfchnuppen- unterfcheiden fich von 
den andern Meteoriten nur dadurch, 
daß fie nicht zur Erde herabgelangen, 
jondern vermöge ihrer bedeutenden Ge— 
ſchwindigkeit und der hierdurch er: 
zeugten entfprechenden Temperaturböhe 
ihon in ber Atmofphäre aufgelöft 
werden. Die Mehrzahl der die Erbe 
erreihenden Meteoriten find Stein: 
meteoriten, und nur etwa ein Prozent 
berjelben ift metalliih, doch jo, daß 
man von den eigentlihen Meteoreijen 
bis zu den faft gar Fein Eifen ent: 
baltenden Meteorfteinen in continuir: 
licher Abftufung gelangen fann. Sm- 
deſſen unterjcheibet ſich das metallische 
irdiſchen 


als Bruchſtücke herunterfommen. Je Eiſen dadurch, daß bei ſeiner Bildung 
größer die urſprüngliche Geſchwindig- Waſſer und freier Sauerftoff nicht zu— 


feit war, um defto höhere Temperatur 
muß erzeugt werden, und e3 ift nicht 
zu bezweifeln, daß mande Meteoriten 
ganz verbampfen, noch ehe fie die Erbe 
erreichen. Dieſe Umftände vermindern 
die Gefahren, welche die Meteorftein- 
fälle für die Bewohner der Erde mit 
fih bringen. Gleihwohl find Fälle 
conftatirt, daß Meteoriten von jehr be: 
trächtliher Maſſe die Erdoberfläche er: 
reichten, und bedeutenden Schaben an: 
richteten. Von einem außerorbentlichen 
Steinregen, der 823 in Sadien fich 
ereignet haben joll, berichten die An- 
nales Fuldenses: Menjhen unb 
Thiere wurden erſchlagen und 35 
Dörfer in Brand gejeßt. In ber 
Kirche von Enfisheim im Eljaß be: 
’ findet fih ein 260 Pfund fchwerer 
Stein, der im Jahre der Entdedung 
Amerika's niederfiel. Bei Trier fand 
man eine Gifenmaffe von 32—34 
Gentnern. 1749 fiel ein Meteor 
auf ein Schiff im atlantiſchen 


gegen war, während es in ber Erb: 
rinde nur in chemiſcher Verbindung 
mit Sauerftoff fih findet und durch 
Schmelzprocefe aus Eiſenerz ge 
wonnen wird, als metalliiches 
Eifen aber nur in Berbinbung 
mit Platin vorflommt. Won metal: 
liſchem Meteoreijen finden fich folofjale 
Stüde freiliegend, ober in geringer 
Tiefe auf Gebirgsfämmen, in Thälern, 
oder in Müften, fern von allen Eifen- 
erzen, wo fie alfo unmöglich fi von 
jeher befunden haben können ; biefes 
und ihre Webereinftimmung mit bem 
bei Braunau niedergefallenen Meteor: 
eifen bemeift alfo ihren fosmijchen Ur: 
ſprung. 

Und die Kometen? Der 
neueſten Doctrin zufolge wären die 
Kometen nichts weiter, als Beſtand— 
theile von Meteoritenſchwärmen. Die 
zerfallenden Weltkörper liefern nämlich 
Bruchſtücke von verſchiedener 
Qualität. Sie liefern auch ſolche Me— 


677 


teoriten, welche aus verbunftungs:|jehr raſch erfalteten, und ungleich 


fähigen Maffen beftehen. 
bat die Entdedung gemacht, daß manche 
Kometen mit Meteoritenihmwärmen ver: 
bunden auftreten und gemeinschaftlich 
fih mit ihnen auf gleihen Bahnen be: 
wegen ; fie find aljo Meteoriten, die 
nur vermöge ihrer Verbunftungsfäbig- 
feit Schweife entwideln und fichtbar 
werben. In der Sonnenferne werben 
dieſe Maffen bei der intenfiven Kälte 
des Raums ohne Zweifel zu Eis er- 
ftarrt fein; die Sonnennähe aber wird 
auf ber der Sonne zugefehrten Seite 
einen VBerbampfungsproceß hervorrufen. 
Die aus dem Kometenkopfe entwidelte 
Dunftmaffe wird in Folge eleftrifcher 
Erregung ſelbſtleuchtend, erfährt aber 
ſodann durch die gleichartige Elek— 
tricität der Sonne eine Zurückwerfung, 
ſo daß ſie, nachdem ſie anfangs in der 
Richtung der Sonne ſich ausgedehnt, 
in paraboliſchen Linien zurückgekrümmt 
wird und, in von der Sonne abge— 
kehrter Richtung abfließend, den Schweif 
des Kometen bildet. Die Verwandt: 
Ihaft von Kometen und Meteoriten 
muß erwarten laflen, daß, wie fefte, 
jo auch flüffige Meteormafjen ſporadiſch 
auf die Erde fallen. Es find in ber 
That etwa 20 Fälle conftatirt, in 
welchen gelatinöfe, phosphorescirende 
Mafien, aus Kohlenftoff, Waflerftoff 
und Sauerftoff beftehend, wohl nur die 
Refte viel größerer, aber beim Durch— 
gang durch die Atmofphäre größten: 
theil8 verdampfter Maffen auf bie 
Erde gelangten. 

Moher aber rührt fie, diefe Ma— 
terie der Kometen? Ohne Zweifel von 
jenen durch „indirecte Auslefe” aus: 
gefchiedenen, in Kometenbahnen ge: 
drängten Planeten, melde, nad: 
dem fie aus ihrem Sonnenfyftem aus— 
geftoßen worden und in ein fremdes 
entwihen, während ihrer oft jahr: 
taufendlangen Umläufe nur einmal 
der Sonne ungefähr jo nahe fommen, 
als e3 die zurüdgebliebenen, „zwed: 
mäßig“ geordneten Planeten beftändig 
find, im intenfiv falten Weltraume 


Schiaparelli ſchneller 


jene Entmwidelungsphafen 
durchliefen, welche den berzeitigen Pla— 
neten exit bevorftehen. So find fie 
verhältnigmäßig bald in Meteoriten 
zerfallen, von welchen diejenigen, bie 
aus verbunftungsfähiger Maffe beftehen, 
uns al3 Kometen erjcheinen. 

Wenn biefe fehr flüchtigen Ans 
deutungen über die Kometen den auf: 
merkiameren Leſer nicht ganz befrie- 
digen, fo muß e3 ber Umſtand ent: 
fhuldigen, daß auch in Herrn bu 
Prels Buche, ja überhaupt in ber 
aftronomischen Wiffenjchaft, das Gapitel 
über die Kometen zu den dunkelſten, 
fraglichften und jchwierigften gehört. 

Die Entwidlungsphafen der Fir: 
jterne, wie fie oben bejchrieben worden, 
find auch die der Planeten, der Monde 
und xatürlih auch unferer Erde ge: 
weſen. 

Die Erde erblickt neben ſich Ge— 
ſtirne, die ihr das Bild ihrer Ver— 
gangenheit und andere, die ihr das 
Bild ihrer Zukunft vorhalten. Venus 
z. B. repräſentirt die Vergangenheit, 
Mars die nächſte Zukunft unſeres 
Planeten. Die bei jedem Geſtirn ein— 
mal mit Nothwendigkeit eintretende 
Abſorption ſeiner Atmoſphäre und ſeiner 
Meere iſt bei Mars ſchon weiter fort-⸗ 
geſchritten als bei der Erde, und ſeine 
polaren Eisfelder ſind ausgedehnter. 
Auch die Erde wird dieſe Phaſe burch- 
laufen. Eine noch fernere Zukunft der— 
jelben wird duch den Mond vertre- 
ten. Bei diefem find alle Meeresreſte 
gefroren, unermeßliche Gleticher be: 
deden ihn. 

Wäre die der Erde zugeführte 
äußere Sonnenwärme je ein genü— 
gender Erſatz gemejen für den Ver— 
[uft an ausgeftrahlter Wärme, To 
würbe fih unfer Planet niemals mit 
einer Krufte überzogen haben. Die 
Erde verliert aljo beftändig mehr 
Wärme als fie empfängt, und ihre 
Krufle muß gegen das Innere zu be: 
ftändig wachſen. In gleichem Verhält: 
niffe aber werben die Gewäſſer von 


678 


ben Gejfteinen abforbirt werben und 
bei ber nachmweisbaren Abforptions: 
fähigfeit der Steine iſt um jo weniger 
daran zu zweifeln, daß einft alle Ge: 
wäfler an die Mineralien gebunden 
fein werden, ald das Gewicht aller 
Dceane nur "4000 des Gewichtes der 


auf ber Hand, daß fchon eine mur 
einigermaßen erhebliche Abnahme ber 
Sonnenwärme allem pflanzlihen und 
animalifchen Leben auf Erben ein Ende 
maden muß. Ein Erfterben alles Le— 
bendigen wird alfo ungezählte Jahr: 
taufende jener vernichtenben Kataſtrophe 


Erde beträgt, welche bei fich gleich: | vorausgehen, welche das Ende, den 


bleibender Abjorptionsfähigkeit das 
Dreifahe der vorhandenen Gewäſſer 
auffaugen fönnte. Es werben aljo alle 
Deeane verfchwunden fein, lange be: 
vor die Erbe bis in's innerfte Mark 
erftarrt fein wird. Aber auch die ge 
genmwärtige Zujammenfegung der At: 
moſphäre fann nicht als unverän- 
derlich angejehen werden. Sie eriährt | 
noch immer eine beftändige Einbuße 
an Kohlenjäure, weldhe fie abgibt zur 
Bildung der Schalen und Knochen un: 
zähliger Thiere, woburd eine beitän- 
dige DVerarmung des Pilanzenreiches 
bedingt wird. Endlich bewirkt die fort: 
gejegte Abkühlung eine beftändige Ver: 
minderung des Sauerftoffgebaltes der 
Luft durch Drydation der Minerale 
und bedroht das organische Leben. 
Sowohl in Bezug auf Höhe, wie 
Dichtigkeit unterliegt die Atmojphäre 
einer beftändigen Abnahme, und nad 
den an gefchmolzenem und abgefühltem 
Granit vorgenommenen Unterfuchungen 
fann ein gänzliches Aufgejaugtwerden 
der Luft um fo weniger bezweifelt 
werben, als die Abjorptionsfähigfeit 
ber feiten Maffen weit größer als 
nöthig ift, um die ganze Atmoſphäre, 
deren Volumen nur etwa 0 des 
Volumens der Erde beträgt, in jich 
aufzunehmen. 

Und was die Erwärmung der 
Erde dur die Sonne betrifft, mag 
diefelbe noch fo lange vorhalten, zu: 


völligen Untergang des Geftirnes als 
ſolchen herbeiführt. Fragen wir, mo: 
durch das Eintreten dieſer Kataftrophe 
jelbft bedingt fein wird, fo ift es zu— 
nähft der den Himmelsraum erfül- 
(ende Aether, deſſen Widerftand nad 
und nad) die Bewegung der Geftirne 
in der Art beeinfluffen muß, daß ihre 
elliptiihen Bahnen in Spiral- 
bahnen verwandelt werben, jo daß 
fie, ihr Centrum immer enger um- 
freifend, zulegt mit biefem zufanmen: 
prallen, wobei ihre Bemwegungsgröße 
in den gleidhwerthigen Betrag von 
Wärme verwandelt wird und ihre 
Verflühtigung eintritt. Die Planeten 
werden in die Sonne zurüdfehren, 
von welcher fie ausgegangen. 

Auch unfere Erde muß, wenn 
auch erſt nad Millionen Jahren, von 
diefem Loſe getroffen werben. Aber 
fie wird längft vorher, wie jchon ge: 
jagt, ihre Atmofphäre und ihre Meere 
abjorbirt haben, ja fie wird in eine 
rotirende Trümmermafle zerfallen fein. 
ALS eine unermeßliche Steinregenwolte 
wird fie in die Sonne ftürzen. 

Und die Sonne jelbt? — Nad 
Zöllner Theorie find auch die Son- 
nenfleden nichts anders als Schladen, 
die jeßt zwar noch immer wieder über- 
fluthet und aufgelöjt werben, bereinft 
aber, zuſammenwachſend, große Conti- 
nente bilden und bie Sonne völlig be: 
deden werben. Auf biefem Punkte an— 


legt muß doc bie völlige Bedeckung | gelangt, könnte die Sonne dann auch, 


und Berbunflung des Sonnenkörpers 
durch Schladen eintreten. Schließlich 
wird auch für unferen Planeten die 
Zeit fommen, wo er fih der er: 
ihredend niedrigen QTemperatur des 
von feiner Sonne mehr dburhwärnten 
Raumes gegenüber befindet. Es liegt 








wie die aus dem gafigen und flüffigen 
in den feften Zuftand übergegangenen 
Planeten, dem organijchen Leben auf 
ihrer Oberfläche eine Stätte gewähren. 
Aber dies erwachende Leben würde 
auf ihr in ewiger trauriger 
Naht verfließen, und der Tag, ben 


679 


fie jelbit im Buftande der Leuchtkraft flüſſige Gluthmaſſen! — Hätte nicht 
ihren Begleitern, den Planeten, ge: jede biefer Sonnen ihre Planeten, 
bracht hat, würbe ihr jelbft für immer | denen fie Lit und Wärme und Le: 
verjagt fein! — Bon ben unzähligen ben ſpendet — der lebendige Men: 
felbftleuchtenden Sternen, die ung aus | jchengeift müßte fich ſchauerlich einfam 
den Tiefen des Himmels entgegen: | fühlen gegenüber der Stille des Todes, 
funteln, kann feiner bewohnt die über den ungezählten leuchtenden 
fein, benn fie alle find, fo RO bes Weltalls jchwebt. 


fie eben leuchten, gafige ober feurig- —g. 
Ein eigenes Heim! 
Zur Frage der Wohnungsnoth von Profeſſor Dr. &. Bäger. 
1. 
Schluß.) 
Ein weiterer beherzigenswerther meinſchaftlichen Theile des Hauſes 


Punkt iſt die Art des Zufammen: | und dann namentlich durch die große 
wohnend. In London wohnt jede Fa- Gehörjamkeit im Haufe. Letztere ver: 
milie allein, von jeder andern durch | langt eine ftete gegenfeitige, oft in 
Feuermauer gejhieden. Der Anlaß | hohem Grade unbequeme NRüdficht: 


zu Reibungen und gegenjeitigen Chi— 
fanen ift fat gleich null und fo ift ein 
friedliches freundnachbarliches Ber: 
hältniß ſehr leicht zu unterhalten, wenn 
man ein ſolches will. Andererſeits 
iſt es aber auch nicht nothwendig, es 
kann Jeder für ſich bleiben, ſich ſeiner 
Familie und ſeinem Geſchäft allein 
widmen. Wenn er nicht will, ſo ſieht 
und hört er den ganzen Tag außer 
dieſen Dingen nichts, um was er ſich 
zu kümmern braucht. Daraus erwächſt 
dem Engländer jener hohe Grad von 
Gleichmuth, innerlicher Abgeſchloſſen— 
heit und Stetigkeit, die ſich einerſeits 
durch Nichts aus der Faſſung bringen 
läßt, andererſeits ihn aber auch völlig 
verhindert, ſtörend in Anderer Ber: 
hältniffe einzugreifen, jo daß dort Jeder 
nach jeiner Fagon leben kann. Anders 
beim Großftäbter des Binnenlandes. 
Die Bewohner eines Miethhaufes bilden 
ein kleines Gemeinmwejen, in welchem 
zahllofe PVeranlaffung zu Reibungen 
und Spntereffenconflicten gegeben iſt. 


Einmal durch die Benügung ber ges| 





nahme und weil man einander fort: 
während hört, weil bie Dienftboten in 
ftetem Verkehr ftehen, jo entmwidelt ſich 
jene jpecififhe Naſeweisheit, Ein- 
miſchungsſucht, Klatſchſucht, gegen: 
ſeitiges Beneiden ꝛc., das zu den nicht 
geringſten Schattenſeiten der groß: 
ſtädtiſchen Bevölkerung des Continents 
gehört. 

Dies Zuſammenwohnen wäre zwar 
nicht ſchlimm, wenn die Einwohner— 
ſchaft eines ſolchen Miethhauſes in 
Bildung, äußerer Lebensſtellung ꝛc. 
gleichartig wäre und namentlich, wenn 
man gezwungen wäre, ſich ſchließlich 
miteinander zu vertragen; allein beides 
iſt nicht der Fall. In den meiſten 
Miethhäuſern wohnen Gebildete und 
Ungebildete, Bemittelte und Unbe— 
mittelte und Leute der verſchiedenſten 
Lebens- und Weltanſchauung bei— 
ſammen, ſo daß von Ausbildung einer 
Harmonie gar keine Rede ſein kann, 
ja ſelbſt, wenn ein glücklicher Zufall 
dies fügen ſollte, ſo wird unter An— 
derem ſchon der Hauseigenthümer nicht 


680 


blos nicht dazu gehören, fonbern es 
im Gegentheil in feinen Intereſſe 
finden, das Einverftänbniß der übrigen 
Familien nicht zu feſt werben zu lafjen, 
denn ſonſt könnten fie ihm g-fährlich 
werben. Wenn nun fchon der Haus- 
herr nothwendigerweife das Element 
des Mißtrauens in das Haus bringt 
und das Zufammenmwohnen von Arm 
und Reih auch ſonſt Veranlaffung 
zu Mißtrauen gibt, jo darf es uns 
nicht wundern, wenn zu ben jchlimmen 
Eigenſchaften unferer großſtädtiſchen 
Bevölkerung, nament ich ihrer weib— 


lichen Hälfte, ein ausgeſprochenes miß: | 


trauiſches Weſen kommt, das ihre Lie— 
benswürdigkeit keineswegs vergrößert 
und nicht blos die Beziehungen der 
Familien untereinander, ſondern auch 
die von Herrſchaft und Dienerſchaft 
verbittert, mithin die Solidarität der 
Familie gefährdet. 

Weitere Uebelſtände entſpringen 
dem Umſtand, daß faſt regelmäßig in 
einem und bemjelben Haufe Leute de3 
verſchiedenſten Moralitäts: und Bil: 
dungsgrades beilammen find, nämlich 
in ben mittleren Stodwerfen foge- 
nannte beilere Leute, in Souterrains 
und Dahmohnungen nicht blos etwa 
Heine ehrliche Leute, fondern häufig 
eben auch zweifelhaftes Volk, vor deſſen 
Berührung Kinder und Dienftperfonal 
oeihügt merben follten, was nicht 
möglich ift. 

In Folge hievon leidet einmal bie 
Kindererziehung, die wir übrigens hier 
auch nach andern Richtungen hin gleich 
beiprehen werben. Das Grundübel 
if, daß man die Kinder nicht gegen 
ſchädliche Einflüffe abichließen und 
ihren Umgang wählen kann. Da man 
nicht, wie in England, für jede Woh— 
nung einen eigenen zum Kinderſpiel 
im Freien geeign:ten Hofraum bat, fo 
muß man fie auf die Gaffe lafjen, mo 
fie alle Unarten, Untugenden und Un: 
fittlichleiten auffaffer, mit denen bie 
erzieherifhe Thätigfeit der Eltern nur 
mit äußerftier Mühe, in der Regel 
aber gar nicht fertig wird. 


Ein weiterer Nachtheil bei ber 
Kindererziehung entjpringt dem häu— 
figen Wohufigwechfel. Da die Kinder 
mit jedem ſolchen auch ihre Bekannt— 
ſchaft wechſeln müſſen, jo wird jchon 
dem Kind die Neuerungsſucht zur 
anderı Natur, und es ift nicht möglich, 
in ihm jenes ftarfe Sympathiegefühl, 
welches dauernde Jugendfreundſchaften 
ausbilden, zu entwideln. Das ift ein 
fchwerer Webelftand, denn mo fich nicht 
Beziehungen der Freundſchaft bilden 
fönnen, entwidelt ſich der rückſichtsloſe 
Egoismus. 

Meitere Uebelftände des Zuſam— 
menwohnens von verj&hiebenerlei Leuten 
in den Miethhäufern beziehen fich auf 
das Dienftperfonal. Im englifchen 
Familienhaus find die Dienftboten voll- 
ftändig von einander getrennt, da das 
Haus ftet3 geichloffen ift, da auch beim 
Einkaufen und Wafferholen, die Leute 
nicht zufammen fommen, benn das 
Waſſer it in allen Wohnungen und 
alle Lebensmittel werben von den Pro: 
ducenten in’3 Haus gebracht. Bei uns 
ift jeder Zeit die Möglichkeit vorhanden, 
daß ein räudiges Schaf die andern 
verdirbt, und jo ift der Jmmoralität 
Thür und Thor geöffnet. 


Bezüglih der Moralität kann ich 
mit einigen Ziffern aufwarten: Berlin 
bat bei 32 Köpfen pro Haus 16°, unehe: 
liche Geburten ; in Paris betragen fie bei 
35 Köpfen pro Haus 20%,, in Pe: 
teröburg bei 52 Köpfen pro Haus 
26%, in Wien bei 55 Köpfen pro 
Haus 41%! Sind bas nicht Ab: 
gründe? 


Ein öffentlicher Mißftand in der 
Art des Zuſammenwohnens ift ber 
Umftand, daß bie ſchlechten Elemente 
der Bevölkerung bei dem Miethhaus— 
ſyſtem nicht wie in London in eigenen 
Quartieren beifammen wohnen, wo fie 
äußerft leicht überwacht werben können, 
fondern daß fie fih bei uns überall 
herum verzetteln, wenn es auch ein- 
zelne Quartiere gibt, wo fie bichter 
wohnen, al8 in anderen. Diejer Um: 


ftand zwingt bie Polizei zu einem ganz 
andern Verhalten als es in London 
üblich ift. In letzterem kann diejelbe 
das Haus: und Familiengeheimniß völlig 
refpectiren, da fie durch die Verantwort⸗ 
lichfeit des Haushalters gebedt ift und | 
fo ſtört nichts das intime Verhältniß ge: 


gebung zu berüdfichtigen für gut 
findet. 

Die janitären Nachtheile find 
in der Hauptſache noch folgende. Mit 
der Gemeinfchaftlichkeit von Stiegen: 
haus und Abtritt und dem fteten Ver: 
fehr der verjchiedenen Familien im 


genfeitiger Hilfeleiftung zmifchen Polizei | Haufe und der Kinder auf der Gaſſe 


und Bürgerfchaft, wegen deffen London 
jo berühmt if. Hier zu Lande ift bie 
Polizei genöthigt, das Innere des 
Haufes auszujpioniren, alle Belegen: 
beiten zu benügen, um ihre Organe 
bald mit diefen, bald mit jenem Auf: 
{rag in die Häufer zu ſchicken und die 
Klatſchſucht des Dienftperfonals zu 
fördern und fo bildet ſich eine Art in: 
triguanten Verhältniſſes aus, das durch 
früher ſchon geſchilderte Umſtände noch 
vermehrt wird, beſonders aber in fol- 
gendem Punkt endlich gipfelt. 


Da beim Miethhausfyftem die Fa— 
milien feinen eigenen abgeichloffenen 
Raum im Freien haben, jo find fie ge- 
nöthigt, ihre Kinder auf die Gafje zu 
ihiden, wo p&le-möle alles durch— 
einander ift. 

Der Conflict zwiichen Jugend und 
Polizei, welche die Straßenordnung 
aufrecht zu erhalten hat und ber bei 
jedem Schneefall und jedem Froſttag 
hoch auflodert, gewöhnt den Großftäbter 
ihon vom zarten Alter daran, in dem 
Polizeidiener ein ihm feindliches Weſen 
zu erbliden, ein Gefühl, deſſen er ſich 
auch fpäter jelbit als gebildeter Mann 
nicht erwehren kann. Daher die jonft 
ganz unverftändlihe Erſcheinung, daß 
in unfern Großftädten felbft der jolide 
Bürger inftinftmäßig gegen die Polizei 
Partei ergreift, während in London 
das Gegentheil der Fall ift. 

Diefen focialen und politifchen 
Uebelftänden bes Miethhaufes gegen: 
über will ih nur fur; auf bie mate- 
riellen Webelftände hinweiſen, bie ich 
viel geringer anfchlage, trogdem, daß 
diefe Seite faft die einzige ift, welche 
man bei Wohnungsfragen venti— 
liren hört und bei der Baugejeh- 


ift der Verbreitung ber anſteckenden 
Krankheiten Thür und Thor geöffnet 
und Öffentlihe Maßregeln gegen 
Seuchen, wie Abjiperrung eines durch: 
feuchten Hauſes, Desinfection desjelben, 
find entweder gar nicht durchzuführen 
oder nur mit großen Opfern und unter 
ſchwerer Mitbeläftigung einer Menge 
von Leuten, die man gar nicht ver: 
antmwortlich machen fann. Diefer Uebel: 
ftand wird um jo größer, weil mit 
der Verzettelung der ärmeren, für 
Seuchen zugänglicheren Bevölferungs: 
flaffe für alle Quartiere die Durch— 
ſeuchung einer Stadt viel jchneller all- 
gemein wird. 

Hier kann ich Zahlen ſprechen laſſen: 
In London, einer Stadt von 4 Millionen 
Einwohnern, beträgt die jährliche Sterb: 
lichkeit 24 von Tauſend, in dem 
ziemlich Eleineren Paris 28, in Berlin, 
das nur ein Viertel der Bevölferung 
Londons hat, fterben troßdem 25, in 
Mien 47 (2), in Petersburg 41 vom 
Taufend ; Stuttgart, das nicht den 
vierzigften Theil der Bewohner von 
London befigt, Feine Hafenftabt ift und 
eine notorifch gejunde Lage hat, fterben 
trogdem nad den kürzlich veröffent: 
lihten Ermittlungen von Obermedi— 
zinalrath8 Dr. Cleß fait ſoviel Dienfchen 
wie in London, nämlich 22 vom 
Taufend. 

Ein weiterer Punkt ift die Schwie- 
tigkeit der Durchführung einer all- 
gemeinen Wafjerleitung beim Mieth- 
hausſyſtem, denn hier muß die Leitung 
durch alle Stockwerke geführt werden; 
beim engliichen Miethhaus genügt die 
Einfuhr in das Erdgeichoß. Im erjtern 
Fall ift die Einführung Sache bes 
Hausherren, der nicht blos eine große 
Auslage zu machen hat, ſondern ſich 


SB... 


auh mit Recht davor fürchtet, daß 
durh die Gemeinfchaftlichfeit der 
Wafjerleitung ihm wieder eine Reihe 
von MWiderwärtigfeiten mit feinen 
Miethsleuten in Ausficht geftellt werben. 


Welch' große Uebelftände bringt 
das Einfrieren der Mafferleitung mit 
fih, das bei der Durchleitung in die 
oberen Stodwerfe bei und kaum zu 
vermeiden ift, während es im Fa— 
milienhaus, wo nur das Souterrain 
das Waſſer hat, bei der geringften 
Vorficht nicht eintreten Tann. 


Ein großer gefunbheitlicher Vortheil 
des englijchen Familienhaufes Liegt 
darin, daß die Schlafzimmer in ben 
oberen, beffer ventilirten, vor ber Syn: 
fection durch Küchen:, Abort: und 
Menfhendunft geficherten Stockwerken 
liegen, jo daß jede Familie in frifcher 
reiner Luft jchläft, was ſich bei uns 
die Bewohner der untern Räume fait 
gar nicht verichaffen können, die ber 
obern nur dadurch, daß fie alle übrigen 
Nachtheile des Wohnens in der Höhe 
auf fih nehmen. 

Beim englifchen Familienhaus hat 
jede Familie ihren eigenen abge: 
Ihlofjenen Raum im Freien und kann 
fi fomit jederzeit leicht und ungeftört 
in friiher Luft erholen, ohne bie 
Häuslichkeit zu verlaffen. Der Mangel 
dieſer Möglichkeit in unjern Groß: 
ſtädten ift eine der Haupturſachen des 
üppigen Gedeihens des Stubenhoder: 
thums mit allen jeinen gefundheits: 
widrigen und moraliſchen Nachtheilen 
bei Alt und Yung. Ich will mur 
eins anführen; wenn wir jehen, welch’ 
ausgebildetes Syſtem körperlicher 
Jugenderziehung die Engländer ſchon 
ſeit lange beſitzen, dem gegenüber unſer 
Schulturnen wie ein kindlicher Verſuch 
und Anfang ausſieht, und daß ſelbſt 
dieſer vielen Eltern und ſelbſt Aerzten 
noch als eine gefährliche Neuerung 
vorkommt, ſo deute ich damit nur an, 
welche Quelle von Krebsſchäden der 
mannigfachſten Art dieſer ſcheinbar ge— 
ringfügige Umſtand iſt. 


Ein weiterer Punkt ſind die Wärme— 
verhältniſſe in den Wohnungen, die ich 
etwas ausführlicher beſprechen will. 

Da die Wärme äußerſt leicht von 
unten nach oben geht, ſo braucht man 
beim engliſchen Familienhaus einmal 
in den oberen Räumen des Hauſes gar 
keine Feuerſtellen. Mittelſt Klappen 
kann man zum Beiſpiel im Augenblick 
des zu Bettegehens die geſammte 
Wärme der Wohnzimmer in die höheren 
Schlafzimmer ausſtrömen laſſen und 
ſich jederzeit jeden Wärmeüberſchuß in 
ökonomiſcherer und geſundheitsmäßi— 
gerer Weiſe vom Halſe ſchaffen, als 
wir durch das Deffnen von Fenſtern. 
Bei unſerem Miethhausſyſtem entſtehen 
eine Menge von Erkältungen, wenn 
man Winters nur einen oder zwei 
Räume heizt. In den ungeheizten 
entwickelt ſich nämlich eine feuchtkalte 
Kellerluft, da das Uebermaß von 
Feuchtigkeit in der warmen Luft der 
Wohnräume ſich durch die Thürſpalten 
nothwendig den anſtoßenden Räumlich— 
keiten mittheilt und dort ausgefüllt 
wird. Dieſer ſchroffe Gegenſatz kann 
ſich beim engliſchen Familienhaus nicht 
in gleicher Weiſe entwickeln; wenn auch 
die oberen Räumlichkeiten, weil unge— 
heizt, kälter ſind, ſo behalten ſie ihre 
Trockenheit und dazu kommt, daß die 
leichte Gefäßaufregung in Folge des 
Stiegenſteigens, ein nicht gering an— 
zuſchlagendes Vorbeugemittel gegen Er— 
kältung iſt, wenn man einmal vorüber: 
gehend ein ſolches ungeheiztes Zimmer 
betreten muß. 

Allerdings könnte man auch bei 
unſerem Miethhausſyſtem dieſen Uebel— 
ſtand der ungleichen Erwärmung der 
Wohnräume leicht vermeiden, bezie— 
hungsweiſe beſeitigen: Sobald man 
in den Zwiſchenwänden, dicht unter 
der Zimmerdecke eine größere, durch 
Klappen verſchließbare Deffnung an— 
bringen würde, oder wenn die Thür: 
Öffnung bis zur Dede hinaufreicte, 
wäre eine Wohnung von 4—5 Bim: 
mern mitteljt eines einzigen Ofens ohne 
nennenswerth größeren Mehraufwand 


683 


faft gleihmäßig zu erwärmen und man 
hätte noch außerdem Pla durch bie 
Befeitigung der überflüffigen Defen 
gewonnen. Allein das ſcheitert 
in allen bereits beſtehenden 
Häuſern an dem Miethsver— 
hältniß. Der Hausherr macht es 
nicht, weil er direct nichts davon hat, 
ja in der Regel wird er es nicht ein— 
mal erlauben und der Miether macht 
es wieder nicht, weil er beim Auszug 
die Einrichtung nicht mit ſich nehmen 
kann. 

Im engliſchen Wohnhaus kann man 
den Abort im Erdgeſchoß anbringen, 
ſo daß deſſen Ausdünſtungen von den 
Wohn- und namentlich den Schlaf— 
räumen ferngehalten werden. Bei ung 
find fie von der Hausflur faum ab: 
zubalten und haben von hier directen 
Zutritt zu den meiflen Zimmern. Zu: 
dem fann im engliihen Wohnhaus 
jede Familie ihren Abtritt leicht ge 
ruchlos mahen. Beim Miethhaus ver: 
läßt ſich eine Familie auf die andere, 
ober muß es eine für alle thun, und 
das allgemeine Refultat ift, baß es 
gar nicht geichieht. 

Eine Erwähnung verdient auch die 
Feuerficherheit. Schon der Umſtand, 
daß jede Familie von der andern durch 
Feuermauern völlig ifolirt ift, gewährt 
einen hohen Grad von Sicherheit. Ein 
weiterer Umſtand ijt der, daß bei ihm 
Feuerftätten nur in den untern Räume: 
lichkeiten der Wohnung zu fein brauchen; 
do genügen dafür Zahlen. London 
bat für feine 4 Millionen Einwohner 
393 Feuerwehrleute, aljo Einen auf 
10.000 Einwohner, Stuttgart hat etwa 
1000, alfo Einen auf 100 Einwohner. 

Auch die Sicherheit des Eigenthums 
ift beim englifchen Wohnſyſtem größer, 
da bei diefem die Hausthüre ſtets ge: 
ſchloſſen ift, ja nicht einmal vom 
Dienftperfonal geöffnet x erden kann. 
— Die Lieferanten bieten nämlich 
dort ihre Sachen zu einem kleinen 


[ee — — —— 


ſtädten eine fo bedeutende Rolle ſpielt, 
gänzlich fort und gegen Einbruchdieb— 
ſtahl kann man ſich durch Vogelfrei— 
erklären des Eindringlings wirkſam 
ſchützen, was beim Miethhausſyſtem 
abſolut nicht auszuführen iſt. In 
England kann deshalb auch nur Straßen: 
und Tafchendiebitahl mit Ausfiht auf 
Erfolg betrieben werben. 

In Tester Inſtanz ſtelle ich die 
Miethspreiſe und dafür genügen einige 
Zahlen. In London betragen die 
Wohnungskoſten bis vom Ein: 
kommen des Bewohners, in Berlin 
1% bis ,„ in Paris über Y,, in 
Wien Y,. 

Ich weiß, Mancher, der die obigen 
Auseinanderfegungen als richtig an: 
erkennt, wird denfen, bieje Uebelftände 
jeien eben einmal da und nicht3 mehr 
zu machen. Letzterem ftimme ich nicht 
zu. Allerdings können wir nicht, wie 
einft Bismard meinte, jet unjere 
großen Städte vom Erbboben vertilgen, 
aber wir fönnen den Anfang machen 
zur Beilerung, wenn wir unjerem 
Baugejeg deneinzigen Para: 
graphen beifügen: „Bon jet 
an darf fein Haus mehr ge 
„baut werden, in welchem nicht 
„jede Wohnung ihren directen 
„Zugang von der Straße hat 
„und von der andern durch 
„eine Feuermauer gejchieden 
„iſt, fowieihren eigenen Bor: 
„und Hofplagß hat“. 

In London beſteht das Junere der 
Stadt nur aus Gejchäftslocalen, in 
denen faft Niemand wohnt, ber Ge- 
ihäftsinhaber hat jein Daheim in den 
äußeren Stabttheilen und zwar oft 
meilenweit weg an einer Bahnlinie. 
Dabei fäbrt er viel beſſer, weil er dort 
in befjerer Luft lebt als im Herzen der 
Statt und fich jeden Tag ganz feinem 
Geihäftstaumel entziehen, leben und 
ausjchnaufen fann. 

Es kommt nur darauf au, daß 


Fenfter neben der Thüre herein — unſer Städter von dem in jeber Be: 
jo fällt in England die Wohnungs: ziehung nachtheiligen Wahn geheilt 
einjchleiherei, die in unjern Groß: | wird, es müfje ein Jeder mög: 


684 


fihft nabe auf feinem Ge 
ſchäft und feinem Amt ſitzen. 
Sobald wir gleich dem Engländer nicht 
mehr eine durch die Mittagsftunde un: 
terbrochene doppelte Schul:, Beamten: 
und Gejchäftszeit haben, fo fpielt die 
Entfernung gar feine Rolle; im Ge- 
gentheil. 


Die aus den fliegenden Blättern 
ſattſam befannte Figur des Staats: 
bämorrhoibarius, iſt eine ſpecifiſche 
Pflanze unferer continentalen Groß- 
ftäbte, erzogen durch den Mangel an 
genügender körperlicher Bewegung. 
Hätten diefe Leute täglich in ihr Ge: 
Ihäft hin und zurüd einen ordentlichen 
Mari von 3—4 Kilometern zu machen, 
jo wäre ihnen wohler und ihr Arbeit: 
geber — der Staat und der Private 
— hätte an ihnen rüfligere, ausgie- 
bigere Arbeiter, die er dann aud 
beſſer bezahlen könnte. 


Der Einwand, daß das englifche 
Familienhaus mehr Baugrund er: 
fordere, als das Miethhaus, deshalb 
zu theuer ſei, ift ebenfalls nicht ftich- 
baltig. Das Mehr an Baugrund ift 
erftens ganz unbedeutend. Allerdings 
braucht hier jede Wohnung ihre eigene 
Treppe, allein dieſe kann ſehr bejcheiden 
jein, da fie nur von einer Familie 
benügt wird und große Gegenftänbe 
außen am Haus binaufgezogen und 
zu ben Fenſtern hereingebradht werben 
fönnen. 

Zweitens wird das reichlich auf: 
gewogen, wenn man jeine Wohnungen 
nicht im Herzen der Stadt, ſondern 
möglichft weit draußen fucht, weil hier 


der Baugrund enorm viel billiger ift 
und weil, wie ich oben auseinander: 
jegte, bei Annahme des englifchen 
Syftems die Miethfteigerung unmöglich 
il. Doc zu was bes weiteren: Ein 
Freund von mir bewohnt in der Pe: 
tipherie Londons ein ſolches Familien: 
haus mit 8 Wohnräumen, auf 90 
Jahre gemiethet ſammt Hof und Garten, 
und bezahlt dafür 30 Pfund Sterling 
(300 fl.), ein Preis, um ben man 
hier faum eine vierzimmerige Mob: 
nung erhält, abgeiehen davon, daß 
man bier um biefes Geld nod bie 
Annehmlichkeit, einen Hausherrn zu 
haben, mit in den Kauf nehmen muß. 

Ueberlegen mir nun die Sache, der 
jegige Augenblid, in dem unfere Bau: 
unternehmer froh fein werben, aus ber 
Geichäftsitodung herauszufommen, und 
unfere des Börfenfpiel® müben Kapi— 
taliften nicht minder, ift entichieben 
günftig, um einen energifhen Anfang 
mit der Erbauung von engliichen Fa= 
milienhäufern zum Gebrauch für unjere 
mittleren Stände, namentlich den Be— 
amtenftand, zu machen. Der legtere 
leibet unter den obengeſchilderten de— 
moralifirenden Einflüffen unferes Mieth- 
hausſyſtems am meijten und mit ihm 
das dur ihn repräfentirte ftaatlihe ' 
Intereſſe. Es muß deshalb ein Vor: 
gehen in diefer Richtung von Seite des 
Staat und nicht minder der Stabt 
Unterftügung — wenn auch zunädhit 
nur moraliide — finden, wenn anders 
Stadt und Staat ihr Intereſſe richtig 
verftehen. Iſt von biefer Seite einmal 
ein ernftlicher Anfang gemacht, jo wer: 
den bie übrigen Kreije ſchon nachfolgen. 


688 


Ein ſteieriſcher Weltfahrer. 


Erlebniſſe des Bauernſohnes Michel Moſer aus Altauſſee. 


Durch Altauſſee ſchritt ein Photo— 
graph und hielt Frage nach einem 
Tiſchler. 

Einen Holzſchragen für den Appa— 
rat — jo was wird der Schützen— 
Jocherl wohl machen können. Der 
Schützen-Jocherl aber war weder ein 
Schütz', noch ein Tiſchler, ſondern ein 
Salzbergarbeiter, der in den freien 
Stunden holzſchnitzerte, um jeine zahl⸗ 
reihen Kinder leichter zu ernähren. 

Er madhte den Schragen für den 
Apparat; der Photograph wollte dem 
Jocherl zu Lohn die Buben photo: 
graphiren. Als ſich aber dieſe vor das 
große ſchwarze Auge binftellen follten, 
liefen fie nah allen Richtungen bin 
davon; nur der Meine Michel bielt 
Stand. Und als der Vater auf der 
Glasplatte das negative Bild feines 
Sohnes jah, rief er aus: „Na ſau— 
ber! Der Bub’ hat mir ja ein fohl- 
ſchwarzes Gefiht und ſchneeweiße 
Haar!” 

Der Michel aber begudte weniger 
das Bild, als vielmehr das finftere 
Käftchen, in welchem es entjtanden war. 

„Willſt auch ein Photograph wer: 
den, Michel?” 

Ya — er will einer werben. Und 
ausgemacht war's. 

Dem Bater war's recht, er hatte 
noch genug jcharfe Zähne im Haus, 
die was beißen mollten. 

Der Photograpg macht Bilder 
aus ber berrlihen Umgebung von 
Auffee; der Kleine ift ihm dabei be: 
bilfiih und faßt Alles geihidt an. 
Und jegt ſoll der Michel nah Wien 
mit. - 
Was er in der Dorfichule gelernt 
bat? Ein bischen Leſen und jchrei- 


ben und ben Katechismus auswendig ; 
ob er damit in der MWienerftabt 
fortlommt? — Nun, e3 ift ein auf: 
gewedter Junge, wird jchon noch mehr 
lernen. 

So ift Michel Mojer aus Alt: 
auſſee nah Wien gelommen. 

Das war im Jahre 1867 — der 
Mihel war damald 14 Jahre alt. 
Ein Jahr als Gehilfe bei einem etwas 
engherzigen Photographen, was ift da 
viel zu lernen? Aber der Fleine Ober: 
fteirer hatte auf Alles gar jcharfe 
Augen, faßte raſch auf, fand fich bald 
in's Geſchäft. 

Im Jahre 1868 rüſtete die öſter— 
reichiſche Regierung in Handelsinter— 
eſſen eine aſiatiſche Expedition aus. 
Dazu wurde auch der Meiſter unſeres 
Michel aufgenommen, daß er draußen 
in den fernen Himmelsſtrichen die 
Welt photographire. 

— Ob der Michel mitwolle? 

Ja, mit tauſend Freuden! 

Das wäre wohl zu bebenfen, 
Michel! 

„Da gibt es gar nichts zu be— 
denken“, meint der Photograph, „in 
Wien bringſt Du Dich allein noch 
nicht fort und in die Berge wirſt Du 
auch nicht mehr zurück wollen. Gehſt 
Du als Gehilfe mit mir, ſo ſiehſt 
Du die Welt — es wird Dich nicht 
reuen. 

Wozu die Worte! Der Michel 
fährt ja gerne. 

In Trieſt ſah er das erſtemal 
das Meer und ftaunte. Er hatte ſich 
da8 Meer immer als einen breiten 
Fluß gedacht, der zwar jo lang ſei, 
daß man mochenlang darauf fahren 
fönne, ber aber an beiden Seiten 


6868 





ſtets ſeine Ufer habe. Und jetzt ſtand doch ſchreiben von heim; wie der 
das Schiff plötzlich mitten auf dem Brief ihn finden könne, das wiſſe er 
Waſſer, und die ganze Ebene hin zwar nicht; ſie ſollten ſich nur an's 
und der ganze weite Geſichtskreis — Handelsminiſterium in Wien wenden, 


nichts als Waſſer. Es war kein Grund 
und kein Halt mehr — wie doch die 
Menſchen kühn ſind! Der Michel 
hatte immer gemeint, ber Altauſſeer— 
fee und der Grundelſee wären die 
größten Wäfler auf der Welt — 
und jetzt jah er wochenlang fein Land 
— fein Stüd Erde mehr. Und er 
wußte gar nicht wohin, denn er hatte 
faum jemals eine Weltkarte ungejehen 
und hatte feinen Begriff von bem 
Baue der Erde und noch weniger von 
der Lage der Welttheile. Ein paar: 
mal landeten fie in fremden Häfen, 
bei fremden Bölfern, wo Alles unbe- 
greifli war. 

Und nad Monaten landeten fie 
wieder und da hieß es, fie wären in 
Sübdamerifa. 

Kann man auch bier noch Briefe 
jchreiben nach Altauffee? Ob, gewiß. 
— Er ſchrieb an feine Eltern, fie 
jollten glüdlich fein; ihm gehe es 
zwar nicht jchleht — aber das Waſ— 
jer, das jchredlihe Meer allüberall, 
und er würde die Heimat faum je 
mals wiederjehen. 

Nun ging die Reife weiter, ging 
um das Kap, der Sonne entgegen 
und immer entgegen — ewiglange 
Wochen. 

Und endlich landeten fie und: fie 
wären am Ziele. 

Dieſes Ziel war feltiam. — Men: 
ſchen mit gelblichen Gefichtern, fchief- 
geichligten Augen; viele hatten Glatz— 
föpfe und am Hinterhaupte einen lan: 
gen Schmweif. 

Hier auf dem feften Lande jchrieb 
der Michel wieder an feine Eltern: 
Wie es heiße, wäre er jetzt im Lande 
Japan, und in dem wäre es, nad 
der Leute Ausjag’, finftere Nacht, 
wenn bie Altauffeer hellen Tag hätten. 
Das Leben und Treiben ber Japaner 
wäre unbejchreiblih ; ganz, ganz an- 
ders als wie daheim. Sie jollten ihm 


das würde mit dem Brief ſchon Mit: 
tel machen. Er, ber Michel, ſei nur 
froh, daß er endlich wieber feiten 
Boden unter jeinen Füßen habe. 

Ueber ein Jahr hielt fidh die öfter- 
reihifhe Erpedition in Japan auf; 
die Herren fnüpften allerlei Verbin— 
dungen mit den Glatzköpfen an und 
der Photograph und fein oberfteirifcher 
Jünger machten fleißig Bilder von 
Sand und Leuten. 

Als fih nun aber die Erpebition 
wieder zur Rückkehr nah Europa 
rüftete und bie Abreife herankam, 
flopfte der Photograph feinem jungen 
Gehilfen auf die Achſel und fagte: 
„Alfo, mein lieber Michel, wir haben 
unfere Aufgabe vollendet. Du biſt 
nun Dein eigener Herr und ich wünfche, 
daß es Dir recht wohlergehen möge!“ 

Wie? Entlaffen der Michel? Und 
bei den Japanern und ohne allen 
Beiftand ? — „Nein“, meint der Ca- 
pitain, „laſſe Dih ammerben als 
Schiffsjungen und mir führen Dich 
gerne wieder mit zurüd. “ 

Und als ber junge Mann jett ſah, 
wie jchwer ihm Unrecht geſchah und daß 
man ihn ausbeuten mollte, da fam 
ihm ber Troß — der ftörrigfte Troß, 
defien ein Bauernjunge aus Oberfteier 
fäbig if. „Ich bin als Photograph 
mit hierhergekommen“, fagte er, „und 
ih will als Schiffsjunge nicht zurüd- 
fehren. Ich bleibe hier.” 

Das Schiff mit feinen Landsleuten 
wurbe flott; er blidte ihm nad fo 
lange er es mit Augen fehen konnte. 
Daun ftand er allein — am melt- 
fremden, ſeltſam bewegten Hafen von 
Jeddo. 

Wie dem ſteiriſchen Alpenſohn zu 
Muthe geweſen ſein mag? Er war 
in dem Alter, in welchem andere Leute 
ihre Flegeljahre verſchlendern, aber an 
ihn war nun das Leben mit ſeinem 
ſchwerſten, ja wilbeften Ernte heran—⸗ 


— — — ———— 


getreten. Keiner fremden Sprade 
mädtig, unvertraut mit den Sitten 
und Gefeten des Landes, mitten unter 
einem unberechenbaren Volke, dem ber 
europäifche Frembling ein Gräuel ift. 
Am Reihe der Bauchaufſchlitzer! 

Was feine Verlegenheit in mate- 
rieler Beziehung anbelangt, davon nur 
ein Beifpiel. Seine Eltern fchidten 
ihm den eriten Brief — welcher nad) 
Japan ungefähr zwei Monate brauchte 
— unfrantirt, in der VBorausjegung, 
daß berjelbe um fo ficherer an bie 
Adreffe gelangen würde. Aber ber 
Michel bejaß nicht fo viel Geld, um 
den jehnlichft erwarteten Brief aus: 
zulöjen. Auch wollte fich Niemand finden, 
der dem Fremden 50 Gent. geborgt 
hätte. Der Brief aus der Heimat 
blieb mehrere Monate auf der Poft 
liegen, während Michel nad den Nach— 
richten, die er barg, bürftete. Ander— 
ſeits wurde aus Japan fein Brief 
unfranfirt befördert und jo währte es 
faft ein Jahr, bis der junge Mann 
das Schreiben von Altaufjee erhielt 
und e3 beantworten fonnte. 

Aber Gott verläßt feinen Deut: 
ſchen und der Engländer feinen Steirer. 
In Jeddo lebte ein Engländer, Herr 
J. R. Blad, welder eine iluftrirte 
Monatsfchrift, „Far East“ betitelt, 
berausgab. Der fand unjern dem Ber: 
derben preiägegebenen Michel auf. Ein 
junger Photograph, das war eine 
gute Kraft für fein Geſchäft. Michel 
Mofer trat in die Dienfte Black's 
und hatte nun die Aufgabe, im Lande 
berumgureifen unb für die Zeitichrift 
jeine® Herrn photographiihe Bilder 
aufzunehmen. Dabei hatte er Gelegen: 
beit, Japan, feine Städte und Be 
mwohner unb feine Naturfchönheiten 
fennen zu lernen. 

Zweimal ließen ihn hochgeftellte 
Befiger von Landhäufern einfangen, 
weil er ſich erfühnt hatte, ihre Villen 
aufzunehmen, und ließen ihn zum 
Tode verurtheilen. Aber der mwadere 
Black ermirfte ihm jedesmal wieder 
die Freiheit. Er beſchützte und pflegte 


ar 


den aufgemwedten, offenen Burfchen 
wie einen Sohn, und der Michel 
lernte. Lernte japanisch, engliſch, fran- 
zöſiſch und gelegentlich auch hoch— 
deutſch — die Mutterſprache. Er ge— 
wann im Lande bald eine geachtete 
Stellung. 

Als 1873 die Japaner eine Ex— 
pedition nach Wien zur Weltausſtel— 
lung ausrüſteten, wurde unſer Michel 
Moſer durch die Vermittlung bes ita- 
lienifhen Gejfandten in Jeddo von der 
japanifshen Regierung als Dolmetſch 
aufgenommen. 

So jah er nad) fünfjähriger Ab- 
mwejenheit fein Vaterland wieder. Bon 
Trieft aus jchrieb er jeinen Eltern, 
daß er fomme. In der Ausitellung 
zu Wien mußte er eine Art Oberauf- 
fit über die japanijchen Güter füh— 
ren, war auch als Dolmetich unent- 
behrlih, und kaum konnten ihm fünf 
Tage Urlaub gegeben werben, daß er 
jeine liebe Heimat aufſuche, die jo 
ftill zwiihen hohen Bergen liegt. Es 
läßt ſich nicht wiederbeichreiben, mit 
welhen Gefühlen Michel von Iſchl 
auf dem Fußfteig über den Sandling 
jeinem Altauffee zuwanderte, wie er 
den vor Freude jchier taumeligen 
Bater, wie er die vor Glüdjeligkeit 
weinende Mutter, wie er die ihn faſt 
mißtrauiſch anftarrenden Geſchwiſter 
wieder ſah. Laſſen wir ihn ſelbſt er— 
zählen: 

„Thränen rollten mir über die 
Wangen, als ich zwiſchen den Bäumen 
den lieben Ort Altauſſee erblickte. 
Bei meinem Heimatshauſe angelangt, 
klopfte ich leiſe an die Thür. Meine 
kleine Schweſter Sophie machte gleich 
auf, aber kaum erblickte ſie mich, ſo 
brach fie ſchon in Thränen aus. In 
der Küche war die Mutter, welche 
auch ſogleich zu weinen anhub. Dann 
ging's an ein ſtürmiſches Umarmen. 
Nun kamen auch die Brüder Heinrich 
und Seppi herein.“) Welche Freude 

*) Dieſe mittlerweile auch Photographen 


in Wien geworden, waren mit ihm nach Auſſee 
getommen. 


RER... 


und Ueberraſchung! Ganz entzüdt war | Heimat. Kein Wunder, 
ih über meinen fleinen, drei Jahre |jeder Schritt 
alten Bruder Hiesl, welcher zur Welt; dig war, 
Er iſt jeder Fleine Vorfall bei den lieben 


fam, als ih in Japan war. 
ein allerliebiter Knabe. 


Der Bater war nicht zu Haufe, fon- 
dern auf dem Sattl, um ein in Berluft 
gerathenes Kalb zu juchen. Die Sophie 
und der Seppi liefen glei hinauf, 
um die Ankunft zu melden. Ich ging 
hinter unferem Haufe auf den Bühel 
hinauf. Der Poldl nahm eine Piftole 
und fnallte drauf los. Da wußten es 
die Leute gleih, daß was Außeror- 
dentlihes vorgefallen war und famen 
herbei. Ich Fannte davon nur etliche 
olte Leute, die Göden und Godeln vor 
Allem. Mein Firmgöb, welcher lange 
beim Militär und in Stalien war, 
nahm ſich's bejonders zu Herzen, daß 
ih nach fo vielen ausgeftandenen Ge- 
fahren und Strapazen wieder glücklich 
in die Heimat zurüdgefehrt fei. Die 
jüngeren Leute hatten fih für mich 
ganz verwachlen. Jetzt fam auch mein 
älterer Bruder Gregor von der Alm 
zuüd, wo man ihm gejagt hatte, 
daß ich angelommen war. Uno bald 
nah ihm fam auch der Vater. Er 
war außer ſich vor Freude. Sogleich 
ließ er Wein vom Gafthaufe holen — 
er wußte gar nicht, was anfangen in 
jeinem Glüde. — Am andern Tag 
zogen wir alle echt fteirifche Kleider 
an und gingen in ben Markt Auffee, 
von dort ließ und Herr Walcher in's 
Wirtsshaus „zum Schramel” am 
Grundelſee führen. Später machten wir 
eine Partie auf die Rettenbadhalm. 
Da gab's Almkoch und Schnaps und 
Spaß, und über Naht ließ mir bie 
Eennerin ihr Bett, während fie jelbft 
bei einer Nachbarin jchlief. Auch das 
Frohnleichnamsfeſt feierte ich noch in 
Aufjee und beim Zwölfuhrläuten feuerte 
ih die Pöller ab. Allenthalben, wo 
ih hinkam, ftellten fie mir gutes Efjen 
und Trinken vor.“ 


So erzählt der Michel von fei- 


nen Tagen in der wiedergeſehenen | jchiffte. 


daß ihm 
und Tritt merfmwür- 
den er bier that und 


Leuten daheim, nachdem er fo lange 
ein Fremdling war, überall, wo er 
ging und ftand in der weiten Welt. 


Von der ganzen Gegend famen 
die Leute zufammen, um. den „Sa: 
panejen” zu ſehen; wo er fi ein: 
fand, da mwurbe das Haus voll zum 
Erdrüden und er mußte erzählen — 
erzählen. Aber er hatte eine völlig 
frembartige Ausdrudsmweife und feine 
Worte jprangen raſch hervor und bie 
guten Aelpler konnten ihm mit ihren 
Gedanken faum folgen. Am Liebften 
hätten fie immer von Geeftürmen, 
Walfiihen, Seeräubern, Bauchauf— 
chligen gehört; aber der Michel er: 
zählte nicht Abenteuer, die er nicht 
erlebt hatte, er erzählte von den Eigen: 
Ichaften der Länder und von den Ein: 
rihtungen und Sitten ihrer Bewohner. 
Seine mitgebrachten Bilder gingen von 
Hand zu Hand weit über Aufjee hinaus, 
Ein Mütterlein, das einmal dem Er: 
zähler zugehört hatte und Allem mit 
größter Aufmerkjamfeit gefolgt war, 
ftellte endlich die Frage an den Heim— 
gefehrten, was bie Japaner eigentlich 
für SHergotten hätten, ob biefelben 
auch aus Holz gefchnigt oder ob fie, 
etwa jo wie auf dem Auffeer Fried: 
hof, von Eijen gemacht wären. 


Da jtellte fih denn heraus, daß 
der Michel jahrelang unter den Heiden 
gelebt habe. Und das fühlte die Be: 
geifterung für den Heimgekehrten merk: 
lich ab. 


Der Ruhetage in dem ftillen 
Heimatsdorfe waren eben nur wenige. 
Bald rief ihn fein Vertrag wieder 
nah Wien zu feinen Japanern zurüd, 
denen er in vieler Beziehung Nath- 
geber und Führer war. Nah Ende 
der Ausftellung begleitete er ben japa- 
niſchen Minifter Sano Tzunetami bis 
nah Marjeille, wo fich dieſer ein: 
Mojer kehrte über Venedig 


689 


nah Wien zurüd. In Wien traf ihn 
die Nachricht, daß die japanischen 
Ausftellungsgegenftände, welche Wochen 
zuvor nach Japan abgegangen waren, 
durch den Schiffbruch des Dampfers 
„Nil“ bei Cap Idzu zu Grunde ge— 
gangen wären. (191 Kiſten waren 
verloren.) Nun mußte raſch die Rück— 
reiſe angetreten werden. Auf Moſers 
Rath gingen ſie durch Italien. Moſer 
hat in längeren Artikeln, welche im 
Gmundener Wochenblatte erſchienen, 
dieſe Reiſe beſchrieben. Er ſchildert 
Venedig, Rom, Neapel u. ſ. w. wie 
ein gewandter Reiſeſchriftſteller. In 
Neapel löſte er ſich eine Fahrkarte‘ 
nah Japan um 2375 Franken. Die 
Fahrt ging dur den Suezfanal, und 
ſechs Wochen nad der Abreife von 
Neapel langten bie Japaner im Hafen 
von Yokohama an, von wo aus fi 
Mojer nah der Hauptftadt Tokio be- 
gab, wo er nun wieder als Photograph 
thätig war. 


Er lebte im Fremdenviertel biejer 
Stadt, unter Engländern und Ame— 
rikanern. Es jcheint ihm meift recht 
gut ergangen zu fein. Viele gut aus- 
geführte Photographien aus Japan, 
die ung zu Gefichte famen, tragen bie 
firma: „Michael Moser, Photo- 
grapher, Takio, Japan.“ Seine ganz 
durch jelbfteigenes Streben gegründete 
Stellung war eine jehr geachtete; wir 
jchließen dag aus dem Umſtande, weil 
er viel mit hohen Beamten und Wür: 
benträgern verfehrte und vermöge 
feines großen Sprachtalentes vielfache 
Dienfte zu leiten im Stande war. 
Ferner ift auch jeine Perfönlichkeit 
dazu angethan, überall Freunde zu 
finden. 


Am Jahre 1876 wurde der junge 
Mann von der japanischen Regierung 
ein zmweitesmal als Dolmetſch ange: 





Wofeggers „Heimgarten‘‘ 9. gell, 


ftellt, und er fuhr mit 50 Japanern 
von Yokohama über den großen Ocean 
nah St. Francisco und von dort auf 
der Bacificbahn nah Philadelphia 
zur Weltausftellung. 


Bon dieſer Reife erzählt Mojer, 
daß fie 25 Tage gedauert habe. 
Zwiſchen Chicago und Philadelphia 
fahren die Züge am jchnellften: 40 
engliihe Meilen in einer Stunde. 

Zum Schluffe der Ausftellung 
fehrte er nah Europa zurüd und 
eilte wieder ber lieben Heimat zu. 
Antereffant find die Schilderungen 
diefer Reife von Japan über Amerika 
bis nad Altauffee; diefelben beweifen 
nit allein einen klaren Weltblid, 
fondern auch ein tiefes Gemüth. 


An einem ftöbernden Jännertag 
diejed Jahres fam er die Straße über 
die Pötjchen gegen Auffee herab. Als 
er den Lenauhügel erreichte, brach bie 
Mittagsfonne hervor ; der Heimfehrende 
ſah das liebe Altauffeerthal im Win: 
terfleide vor fi) liegen. Da rief fein 
Herz: 

„D Heimat, Heimat! wunderbarer Klang! 

Lieb’ kann vergehen und der Freundidaft 
Bande, 

Dod nicht der eingeborne heiße Drang: 

Erinn’rung, Sehnfucht nad dem Baterlande!“ 


Gegenwärtig lebt Michel Mofer 
bei den Seinen in Altauffee. Nur auf 
kurzer Raft! Den dreiundzmwanzigjäh: 
rigen Mann, der zweimal jchier um 
den Erbball gereift ift, verlangt heute 
ſchon wieder nad weiten Fahrten und 
Unternehmungen. Doch wird er wohl 
in Europa bleiben müffen bis zur 
Parifer Weltausitellung, wo er fid) 
zu japanifchen Dienften verpflichtet hat. 

Dann mag's wieder weiter gehen, 
— nur Schade, daß die Welt nicht 
größer ift ! 


44 


690 


Der muyftifgirte Ahapfade. 


Aus dem Leben eine® Künftlers von Yans Walfer. 


Große Lettern verfündeten es an 
allen Straßeneden der Stadt: 


„Heute am 22. März Abends 


6 Uhr im Kronenjaale: 


Fauſt. 
Dramatiſches Gedicht von Goethe, vorgetragen 
von 


Friedrich Johnſang.“ 

Dieſe auch in allen Zeitungen 
wiederholte und beſprochene Ankündi— 
gung brachte die ganze Reſidenz in 
Aufregung. 

Dem Vorleſer Johnſaug ging 
ein. guter Ruf voraus. Er mar, einzig 
in feiner Art, war auggeftattet mit 
allen jenen Mitteln, welche das Pu: 
blitum beftechen und hinreißen. Eine 
junge ſchöne Mannesgeftalt voll poe: 
tiſchen Schwunges, mit einer herr: 
lihen Stimme begabt und mit einem 
unglaublichen Gedächtniſſe, jo daß er 
die umfangreichften Gedichte und 
größten Dramen auswendig beclamirte. 
Troßdem war an ihm nichts Schau: 
jpielerisches; feine Vortragsweiſe machte 
Anfangs immer den Eindrud: grober 
Anfpruchslofigkeit ; aber als nur erft 
Stellen kamen, in welchen die Innig— 
feit, die Luft, dev Schmerz, die Leiden: 
ihaft zu ſprechen hatten, dann, war 
Johnſang dex vollendete Meijtex, dem 
Niemand gli, nach wiberftand, Gr 
veifte, ein echter Rhapſode, von Stabt 
zu Stadt, und wo er meilte, ba 
blieben die Theater leer, da ſchwiegen 
die Afademien. In allen Schaufenftern 
prangte fein Bild; in den höchſten 
Kreifen der Gejelichaft gab man ihm 


zu Ehren Tafeln und Feſte. Mit Gold |D 


gepflaftert, mit Lorbeern bejchattet 
waren die Wege, bie er zog von 


die Perſon à 2 


Land. zu Land. Die Zirkel ſchönſter 
tauen Hulbigten ihm, manches 
ädchenherz meinte, ſehnte ſich ihm 


nach. 

So war die Aufregung mohl be 
eiflih, die beyte in der Stabt 
errichte. Der Fürft felbit, ein leiben: 

ſchaftlicher Freund der Künite, jallte, 
jo hieß es, dem Vortrage beiwohnen. 
Um zehn Uhr nk da die 
Schalter ſonſt geöffnet werbeu 
pflegten, mar heute keine | * mehr 
zu bekommen. 

Der Rhapſode aber war tags: 
über nirgends zu fehen. Er blieb. im 
Hotel und hielt fich eingeichloffen in 
feine Gemächer, wie er es vor feinen 
Borträgen immer zu thun pflegte. Er 
ging mit langfamen Schritten bie 
Zimmer auf und ab und verjenfte 
fi in feine Stubien und wohl auch 
in feine Träume. In der Hand hielt 
er das Buch mit Gooethe's titanen- 
baftem Gedichte, Bine feierliche Stim⸗ 
mung fühlte er in feinen Seele — 
bejonders heute. Es war Goethe's 
Sterbetag. 

Den ganzen Tag nahm ev mur 
ein Weniges an Nahrung zu ſich. 
Nichtsdeſtoweniger machte der Ober: 
kellner in der Rechnung des Herrn 
Johnſang an dev Stelle des Mittags: 
mahles eine erklecklich hohe Ziffer. 
Warum au nicht? der Kronenfaal 
faßt über —B— Pexſonen; 

haler macht 3000 

Thaler — für einen Tag; macht per 

Monat 90.000 Thaler. — So rechnete 

8* Oberkellner im Hotel zum goldenen 
ſen. 

Mittlerweile nahte der Abend. 


Johnſang hüllte ſich in ſein ſchwarzes 


691 


Kleid, nicht unähnlich dem Kleide des 
Fauſt im erften Aufzuge. Sein junger, 
furzgeftugter Vollbart war bunfel, 
jeine Wangen waren etwas blaß aber 
fein Auge leuchtete. Vielleicht war er 
ganz bejeelt und erfüllt von der 
wunderbaren Dichtung; vielleicht auch 
war es ein bischen das jauchzenbe 
Erwarten bed Ehrgeizes; follte er 
doch in ben nächften Augenbliden hin- 
treten vor eine jubelnde Menge, von 
Lorbeerkränzen umraufcht! 


Auf dem Thurme des nahen 
Domes jhlug ed ſechs Uhr. Der 
Wagen fuhr vor. Bald darauf ftieg 
Johnſang die ftille Künftlertreppe em: 
por und trat in ben blendend heil 
erleuchteten Saal. Er trat hallenben 
Schritte zum Podium und erhob bas 
Auge. 

Im Saale war es grauenhaft 
fill und leer. Die langen Reihen der 
Bänfe mit ihren weißen Nummern: 
täfelhen jtarrten ihm entgegen. Sn 
einer der hinteren Reihen ſaß ein 
einziger Menſch, der fich bei bem 
Eintritte des Vorlejerd etwas erhoben 
hatte. 


Johnſang riß feine Uhr aus ber 
Tale — es war fünf Minuten nad 
ſechs. Er blidte auf die Uhr, bie an 
der ſtrahlenden Wand des Saales 
— es war fünf Minuten nach 
echs. 


Er fuhr ſich mit der flachen Hand 
über die Augen, über die Stirne, er 
jah wieder in den Zuſchauerraum und 
er jah nicht? in den Bänfen, als bie 
einzige Geftalt. Ale Plätze in ben 
Nebenhallen waren leer. Die Eingänge 
waren gejchloffen. Au einem: Pfeiler 
hing die Aufchlagtafel. Johnſang trat 
an fie hin und las die Anfündigung 
jeines Fauftvortrages für den 22. März 
um 6 Uhr Abends. 

Und das war ja doch dieſe jelbe 
Stunde. Er trat wieber zu jeinem 
Tiſche. Beibe Hände preßte er an 
feine Stirne. Der Kiünftler kann es 
nimmer faflen, daß das Publikum 


von ihm abgefallen ift, eher alaubt 
er an feinen eigenen Wahnfinn. 

Faft gräßlihd war die Situation. 
Aber der Rhapſode jammelte ſich. 
Sein Vortrag ift für dieſe Stunde 
angekündigt worden und das Publikum 
it da. Oder ift Ein Zuhörer nicht 
auh ein Publikum? Schlägt nicht 
aud in dem Einzigen das ganze Herz 
her Menjchheit? Wirb ein Glüd, ein 
Weh tiefer verjtanden, empfunden, 
wenn e3 vielfah verftanden unb em: 
pfunden wird? Das Kunſtwerk ift für 
den Einzigen da — ob dieſer Einzige 
taujendmal fi wieberholt — was 
thuts, e8 wirft doch nur in dem In— 
bividuum. 

Johnſang trat zwei Schritte vor, 
verneigte fi leiht und begamı in 
Harem, ruhigem Tone feinen Vortrag. 

Der feierlih ernfte Monolog, bie 
erfte Scene mit Wagner war vorbei, 
es wehte ber Dftergefang, und da 
war’3 wirklih, al3 ob fernes Gloden- 
fingen und Drgelgetöne hallten, jo 
ſtimmungsvoll wurden bie Worte ge- 
ſprochen. Und als das befreiende Er: 
wahen aus ſchwerem Banne zum 
Ausdrude fam: „DO tönet fort ihr 
füßen Himmelslieder! die Thräne 
quilt, die Erde bat mich wieder!” 
da war dem Zuſchauer die Bewe— 
gung wohl anzumerken. Doc gab er 
fein Zeichen des Beifall; eng in 
feinen Mantel geſchlagen jaß er da, 
das Weitere erwartend. 

Es fam die lebendige Volksſcene 
des Oſtertages; es fam ber lebens: 
durftige Fauft; es erjchien Mephifto. 
Dann war die tolle Scene in Auer: 
badjsfeller und die wüſte Hexenküche. 
Und wer e3 gehört: das Ohr war 
zum Auge geworben und bie Seele 
ſah, was fie hörte. Niht das 
Minenjpiel des Bortragenden war's, 
denn das war faum merklich, ber 
Ton, da3 Maß, bie feinfte Aus: 
arbeitwig; des Vortrages that Alles. 
Die Stimmen ber verjchiedenen Per: 
fonen waren verſchieden, aber es war 
nicht, wie eine abfichtliche Verftellung 

44* 


692 


ber Tonart, und jchließlih jchien jede 
Stimme fo natürli aus ber Bruft 
zu fteigen, daß nicht mehr zu unter: 
ſcheiden war, welche davon dem Vor: 
tragenden eigentlich angehörte. 

Dann famen bie wundervollen 
Gretchenfcenen. Welch’ weiche Töne, in 
denen das ganze Herz des Liebenden 
Mädchens aufgelöft jchien ! 

Der Zuhörer bewegte fich nicht; 
wie im Traume war er verjunfen. 
Der Bortragende mußte ed längſt 
nicht mehr, daß er im Declamationg: 
jaale ftand, daß aber nur eine einzige 
Perſon feinem Vortrage laufchte, daß 
diefe Perjon möglicher Weile der 
Billeteur war. Nein. Er lebte das 
Drama ; bie weltbegehrenden Leiden: 
ihaften bes von ben Idealen losge- 
tiffenen Fauſt mogten in feinem 
Herzen. Ein plöglices Erſchrecken 
hier mitten in der Luſt; ein kurzer 
Aufſchrei da nach dem Göttlihen, und 
dann weitergeraft, gezerrt, geriffen 
vom Dämon. Menjchenherzen werden 
zertreten unter dem einen glühenden, 
ſtürzenden. — Und Grethen! Jetzt 
nod) : 

„Mein Bufen drängt 
Sich nah ihm bin, 
Ad, dürft" ic faflen 
Ind halten ihn! 
Und küſſen ibn, 

So wie ih wollt, 
An feinen Küſſen 
Vergeben follt!“ 


Und dann: 

„Ad, neige, 

Du Schmerzenreiche, 

Dein Antlip gnädig meiner Roth!" 


Und enblid : 


„Heinrich, mir graut vor dir!“ 


Wie viel Tragif lag darin, wie 
viel Luft, wie viel Pein dazwiſchen! 

Der Menjchheit Wonne und Jam— 
mer faßte den Künftler mit Allgemalt ; 
da8 Jauchzen der Erhebung und 
Himmelftürmung, die Schreden des 
Sturzes, des Nnterganges tobten in 


ibm — und als er dann doch wieber 
fein Teiblih Auge aufthat und bort 
die Geftalt fauern ſah — als wie 
jeinen eigenen Mephifto: die Gier nad 
Ruhm — da graute ihm. 

Und als endlich des vergehenden 
Mädchens letzter Schrei nah dem 
Geliebten im Saale vergellt war, 
taumelte der Rhapfode jeitwärtd und 
janf erſchöpft nieder auf einen Stuhl. 

Als er fi wieder fand, Löfchten 
Diener die ftrahlenden Kronleuchter 
aus. Die Kerzen waren tief herab: 
gebrannt. 

Johnſang ging in die Vorhalle, 
wo der Kaflier jhon eine Weile auf 
ihn gewartet hatte. j 

„Bas hat das zu bedeuten?“ 
fragte er. Der Andere zudte bie 
Achſeln, aber — die Karten waren 
alle verfauft worden. 

„So bin ih irrfinnig gemorben 
und der Saal war doch überfüllt !” 
rief der Nhapjode. Der Mann am 
Eingange zudte wieder die Adhjeln. 
„SH weiß nicht,“ entgegnete er, 
„wenn Sie jelbft es nicht begreifen! 
Sie haben doch vorgetragen und es 
war nur ein einziger Zuhörer ba.” 

„Alfo doch,“ murmelte Herr John: 
fang, „un, fo find die Webrigen 
eben verhindert geweſen, zu kommen.“ 
Damit verließ er den Saal. 

Am nächſten Morgen braten bie 


ı Blätter der Stabt verſchiedene Nach— 


richten. Das eine erzählte furz, bie 
Borlefung des Herrn Johnſang habe 
bei überfültem Haufe ftattgefunden. 
Ein anderes lobte den Rhapſoden mit 
einigen fühlen Worten; ein brittes 
tadelte deſſen Vortragsweiſe, daß fie 
„manierirt“ werde. Wieder ein an: 
dere Blatt berichtete, ber Bortrag 
habe gar nicht ftattgefunden. — Die 
Redactionen hatten eben Feine Karten 
erhalten. 

AN das machte Herrn Johnſang 
noch verwirrter. Seine Einnahme be- 
trug über breitaufend Thaler, aber 
das Geld war ihm unheimlid, und 
er beſchloß, jo raſch als möglich aus 


693 


dieſer ſeltſamen Stadt fortzufommen, 
deren Bewohner ihn fo tief, jo bei: 
jpiello8 verhöhnt, oder in der er ben 
Berftand verloren hatte. 

Da meldete fi noch in den 
Morgenftunden ein Beſuch. Ein einfach 
aber modern gefleiveter Mann mit 
einnehmendem Wejen trat in das Em: 
pfangszimmer. Johnſang ließ ihn 
warten, er fühlte gar nicht das Be— 
bürfniß, allzuartig zu fein. Endlich 
fam er aus dem Nebengemache, und 
fragte den Fremden kurz nad beffen 
Begehr. Diefer ſchritt rafch auf ihn 
zu und fagte: „Mein Herr, mein 
Beſuch hat einen wichtigen und 
doppelten Zweck. Erſtens bitte ich Sie 
um Berzeihung für ein Erperiment, 
da3 man jedenfall® in ungerecht: 
fertigter Weife mit Ihnen vorge: 
nommen bat und zweitens banfe ich 
Ihnen für den großen unmvergeklichen 
Genuß, den Sie durch den Vortrag 
des Fauft mir geftern bereitet haben.“ 

„Wer find Sie?“ unterbrad ihn 
Johnſang. 

„Ich bin Ihr geſtriges Publikum“, 
antwortete der Fremde, „und in 
zweiter Linie bin ich ein egoiſtiſcher 
Menſch, der den Genuß mit Nieman— 
den theilen wollte und daher alle 
Karten aufkaufen ließ, die zu Ihrem 
Vortrage einführen konnten. In dritter 
Linie endlich bin ich der Fürſt dieſes 
Landes und als ſolcher komme ich, 
Sie um Verzeihung zu bitten und 
Ihnen zu danken.“ 

Johnſang lud den durchlauchtigen 
Gaſt mit einer Handbewegung zum 
Sigen ein. Etwas befremdet leiftete 
der Fürft Folge. 

Der Rhapfode fette ſich ihm 
gegenüber und fagte fühl, aber mit 
nahdrüdliher Betonung: „So ift 
mir wohl die Frage geftattet, weshalb 
ich myitificirtt worden bin, und mit 
welhem Rechte man dem Publikum 
den Bortrag der größten Dichtung 
feines größten Dichters entzogen hat ?“ 

Der Fürft ſchwieg einen Augen: 
blick und jeine Wangen entfärbten 


ih etwas. Er rüdte auf feinem 
Plage mehrmals hin und her, und 
endlich antwortete er: „Ich jehe, daß 
e3 unter Umftänden mit euch Künft- 
lern verdammt ungemüthlich zu jprechen 
ift. Sie zwingen mich, jo kurz und fo 
offen als möglich zu fein. Wohlan. 
Ohne Phraſe, mein Herr, ich bemun- 
dere Sie und ich beneide Sie. Und 
der Neid eines Fürften ift gefährlich. 
Ihre Gabe al Declamator ift einzig ; 
ih habe jehon wiederholt Gelegenheit 
gehabt, diefelbe zu genießen, aber es 
war mir micht möglich zu glauben, 
daß fie jo göttlich ift, als fie ſcheint. 
Die Haupttriebfeder eines Künſtlers, 
dachte ich mir oft, ift ſchließlich doch 
der Ehrgeiz. Ich wollte e8 verjuchen, 
das zu erproben, wollte jehen, welchen 
Eindrud auf Sie, den Gefeierten, ein 
leeres Haus ohne Beifall und Kränze 
machen würde, und ob Sie vom 
Geifte der Kunft durchdrungen genug 
wären, um auch noch einem einzigen, 
legten Andächtigen das erworbene 
Anreht auf Ihre Declamation nicht 
vorzuenthalten. Sie haben mich für 
mein Erperiment beftraft dadurch, daß 
Sie mid befehrt haben. Sie haben 
mich ferner durch Ihre Kunft — ber 
ih mid, von keinerlei Nachbarſchaft 
beeinträchtigt, vollends hingeben konnte, 
bi8 ind Innerſte ergriffen und das 
wird mir der jchönfte, merfwürbigite 
Goethetag bleiben, weiß ich nur, daß 
Sie mir nicht zürnen.“ Dann hielt er 
dem Rhapſoden feine rechte Hand hin 
und fagte mit bittender Stimme: 
„Berzeihen Sie mir!” 

Johnſang Tegte feine Rechte in 
die des Fürften. Dieſer hielt fie feit 
und fuhr fort: „Selbitverftändlich 
muß ich nun auch an ben Bewohnern 
meiner Refivenzitabt gut zu machen 
fuchen, was ih an ihnen verbrocden ; 
ih bitte Sie demnah, mein Herr, 
daß Sie an einem der nächften Tage 
den Fauftvortrag wiederholen.” 

Johnſang ſagte zu und bemerfte 
noh, daß, im Falle fein zweiter 
Vortrag auch bejuchter als der erite 


694 





jein folte, er fih das Publitum doch | machen, fo wollte ich Ihnen noch vor: 
wie eine einzige Perfon vorftellen | fchlagen, daß Sie in mein Schloß 
würde, um jo bie Einheitlichfeit jeines | überfiedeln. Wie ich nun überzeugt 
Werkes zu wahren. Das habe er bin, gehören Sie zu jenen wenigen 
geftern gelernt. Künftlern, denen Hofluft nicht gefähr- 

„Und“ fuhr, der Fürft launiger |Tih zu merben vermag, unb id 
fort, „ba ih mir während Ihres wiederhole baher meine Einlabung 
Aufenthalte® hier gerne manches |nochmals auf das herzlichfte.” 
Stündchen Ihrer Gejellihaft erflehen Der Künftler ſchlug in bie bar: 
möchte, ich aber nicht gewohnt bin, in | gebotene Rechte und Hatte Dielen 
den Hotels diefer Stabt Beſuche zu Handſchlag nicht zu bereuen. 


Poſte reftante! 


MWeit draußen, nah’ dem Waldesrand, Es fpäht nad allen Seiten aus, 
Da fteht ein altes Kreuz; Weil's nicht belaufcht fein will. 
Dem Wand'rer iſt's gar wohl befannt, Dem Bufentuch entneftelt ſchnell 
Bor Iahren ſtand's bereits. Ein Brieflein fie, gar Hein; 

Ein Derrgott, roh auf Blech gemalt, Im Kreuz ift eine hohle Stell’, 
If wadlih d'ran gemadht, Da wandert e8 hinein. 

Und pfeifend fährt dur manden Spalt Sie hat es ihrem Schaß befohl'n, 
Der Rind in finft’rer Racht. (Gab ihm dabei die Hand) 

Da tritt vom nächſten Buſch heraus Er follte fih ein Brieflein hol'n, 


“Ein Mädchen, leis und ftill, Beim Herrgott — poste restante. 


69 





Bonnewendfener. 
DO beröftetreichifches Eultur- und Sittenbild. 


Der Uriprumg der jogenannten Haupt bed Heiligen zu verbrennen 
Johannes- oder Sonnewendfeuer, bie aber fiehe da, dasfelbe ſchwebte unver: 
fi) über ganz Deutſchland ausbreiten, |jehrt über den Flammen und fpöttete 


ift unſchwer zu finden. 

Sie find die Trümmer jenes Son: 
nenfeſtes, welches die alten Deutjchen 
im Frühjahre und noch mehr zur Zeit 
der Sonnenwenbe, b. 5. zur Zeit bes 
höchſten Standes ber Sonne, durch 
Entzünden von Syeuern auf meift eigens 
biezu beitimmten Plägen gefeiert haben. 

Heilig mußte unjeren Voreltern 
das er Sonnengeftirn fein, welches 
nach langer öder Winterszeit das ftarre 
Dunkel endlofer Wälder durchdrang 
und mit allerwärmendem Strahle in 
unterirbifcher Küche die Säfte ber 
Kräuter auskochte, Futter den Thieren 
und eblere Nahrung den Menfchen mit 
freigebiger Hand fpenbete. 

Die —— die ſie alljährlich 
unter Geſängen und Tänzen zu bege— 
hen pflegten, waren der Ausdruck der 
Freude und des Dankes gegen Donar, 
den oberſten Schirm: und Schutzherrn 
des Wachsthums und Gedeihens ber 
Erdfrüchte. 

Die Sonnewendfeuer haben fich bis 
auf den heutiger Tag erhalten und 
dürften trog mandherlei Verboten wohl 
auch nicht jo bald ihr Ende finden. 

In Oberöfterreih gibt ihnen bie 
Volfsüberlieferimg folgenden Urfprung. 
(Gausruckkreis um Meggenhofen, Stei- 
nerfichen, Dffenhanfen u. ſ. m.) 
Als dem heiligen Johannes im fer: 
fer das Haupt abgefchlagen und ber 
lafterhaften Herodia überbradht wurde, 
entjegte fie ſich bei deſſen Anblid jo 
ſehr, daß fie befahl, es allfogleich zu 
entfernen und zu vertilgen. Man ent: 


ihret zeritörenden Kraft. Zum Anden: 
fen an biefes Wunder werben alle 
Jahre am Feſte bed h. Johannes 
euer entzündet, und das Jauchzen 
und Springen Iuftiger Paare über 
diefelben deutet den Hohn über bie 
Ohnmacht ber züngelnden Flammen an. 

In einigen Gegenden bes Mühl: 
freifes Hat fich folgende Sage er: 
halten. | 

Herodes gab Befehl, den h. Jo— 
hannes gefangen zu nehmen. Das ging 
abet nicht fo leicht, der Heilige mußte 
fih lange ben Häfchern zu eittzieheh. 
Der König wurde ungeduldig und 
gab den Sendblingen den Auftrag, fo: 
bald fie den Heiligen in ihre Hände 
befümen, auf einem erhöhten Plage 
jogleih ein großes Feuer zu eritzüre 
den, damit er auf biefe Meile ohire 
Säumniß Kunde von det Gefangeft: 
nehmung des ihm höchſt unbequemen 
Sittenpredigerd erhalte. 

In der nächſten Nacht erblidte er 
auf allen Bergen und Hügeln zahl: 
reihe Feuer; eine namenlofe Angft 
befiel ihn, er wollte Gegenbefehl er: 
theilen, allein e3 war zu fpät. So: 
hannes lag bereits im Serfer. 

Zum Andenken an diefes Ereigniß 
brennt man noch jekt die Johannes⸗ 
oder Sonnewendfeuer. 

Almältg ift dieſe Sitte zu einem 
Bolfsfefte geworden, an dem fich im 
Mittelalter auch die vornehme Welt, 
ſelbſt Fürften und Könige, betheiligte. 

SH liest man, daß im Jahre 1401 
Herzog Stephan von Baiern mit jeinet 


zünbete ein ftarfes euer, um das! Gemalin nebſt vielen Bürgern und 


696 


Bürgerinnen auf dem Marftplage zu tiſche nicht fehlen. Manchmal ericheint 


Münden um das Johannesfeuer — als „Nacheſſen“ 


„Sunnawenbdfeuer” — tanzten. Im 
Jahre 1489 führten vornehme Herren 
zu Frankfurt am Main in Gegenwart 
des Kaiſers Friedrich um einen ſchön 
gezierten brennenden Holzftoß einen 
Tanz auf und fangen fröhliche Lieder 
dazu. Am 24. Yuni 1497 Tegte in 
Augsburg in Gegenwart des ritterlichen 
Kaiſers Marimilian I. eine durch 
ihre Schönheit berühmte Bürgerstochter 
an ber Hand bes kaiſerlichen Sohnes 
Philipp die brennende Fadel an ben 
Holzſtoß, um ihn unter dem Jubel 
der Anweſenden zu entzünden. 

Aehnlihen Berichten begegnen wir 
auch in Oberöfterreih. So erzählt eine 
handſchriftliche Chronik von Seifenburg, 
daß fi der Schloßherr Pinkenreither 
(um das Jahr 1480) „al’ jar beim 
Sunnenmwendfeuer erluftigt habe“. Auch 
von dem gräflihen Scloffe Parz 
(Hausrudfreis) meldet eine handſchrift⸗ 
fihe Aufzeihnung, daß der gnädige 
Herr, Hand Pürdinger, im Jahre 
1512 einen Sprung über das Sonne: 
wenbfeuer gethan habe. 

Uebrigens fehlt e8 auch nicht an 


Verboten und Strafen genen den „Un: | 


fug der Sonnemwendfeuer”, wozu haupt: 


ſächlich verſchiedene Unglüdsfälle Anz 


laß gegeben haben mochten. So wurbe 
im Jahre 1650 im Marfte Kematen 
(Hausrudfreis) öffentlich befannt ge 
macht, daß ein Jeder, „ber ein Sun- 
nenwenbfeuer anzünbt”, drei Tage bei 
Waſſer und Brod in das „Narren: 
fötterlein” gejperrt wird. Fünf Jahre 
jpäter, ober vielleiht noch früher, 
Iheint jedoch Niemand mehr an das 
Verbot gedacht zu haben, denn im 
Jahre 1655 war es wieber „rundum 
auf ben Bergen voll Sonnewendfeuern“. 

Kinder und Erwachſene freuen ſich 
auf den Sonnewendbtag, insbeſondere 
auf dem Lande. In ber Küche dampft 
es mohlgerühig aus der Schmalz: 
pfanne, die Sonnewenbfrapfen bürfen 
auf dem Mittagstifche des Landman— 
nes, bie und dba auch auf bem Abenb- 


auch die beliebte 
„braune Suppe“, der Kaffee. An bie 
fen Lieblingsgerichten thut fich Alles, 
was einen gefunden Magen hat, bis 
zur vollen Sättigung gütlich. 

Sehr geichäftig haben ed den Tag 
über die Buben. Jeder ſucht, gleich— 
viel wo, feinen Theil Holz zu bekom— 
men, um ihn hinaufzujchleppen auf die 
Anhöhe, wo Abends das Sonnewend- 
feuer luſtig auffladern foll. 

An vielen Orten werden die Bir: 
ken-, Hafel- und Erlenftauden, welche 
am Srohnleihnamstage bie Käufer 
und Wege zierten, für das Sonne: 
mwenbfeuer aufbewahrt. Am Yohannes: 
tage werben fie von Haus zu Haus 
abgeholt und auf einen Wagen gela: 
den, welchen ein Rudel 10 — 15jäbhri- 
ger Buben zieht. 

Hie und da geht der „Waldmann“ 
in die Häufer und bittet um Holz 
für das Sonnemwendfeuer. Der Walb- 
mann ift ein erwachſener Burſche, ber 
von Kopf bis zu den Zehen, das Ge- 
fit nicht ausgenommen, mit grünen 
Tannenreijern dicht umwunden ift. 

Wenn er in ein Haus tritt, jagt 
er: „Ich hätt? a ſchene Bitt’, ih 
bit!’ um a große Burd Wibt, mir 
thaten aufm N. (Name bed Berges) 
ob’n mit an Sunnemwenbfeu’r ’n beili- 
gen Sanct Johann lob'n“. Oder aud: 
„Der heilige Sanct Veit that bitten 
um a Sceibt, das recht jchnalzt und 
kracht, aft wird's beim Sunnewend— 
feu'r recht luſti af d' Nacht.“ 

Im Innkreiſe hört man auch den 
Spruch: „Der heilige Sanct Veit 
that bitten um a Scheidt, der heilige 
Sanct Ulrich that bitten um a Burd 
Widt, der heilige Sanct Nigl (Niko: 
laus) that bitten um an Prügel, 
der heilige Sanct Florian zündt 's 
Feuer um neune an.” 

Für das erhaltene Holz dankt man 
mit den Worten: „Fürs Hol im 
ewigen Leb'n wird ent Sankt Yohann 
den Himmel geb’n“. Oder auch: 





697 


„NRimm’ an weißen Schimmel, reit’ 
mitten eini in Himmel.” 

Wer fein Holz oder zu wenig ver: 
abreicht, kann die Worte hören: „Auf 
an kohlſchwarzen Rappen kannſt mitten 
in d' Höll einitrappen“”. „Für 
Dein Schieferl zum Sunnemwendfeu’r 
heiz' Dir der Teufel das hölliſche 
Feu'r.“ 

In manchen Orten des Innkreiſes 
ſammelt man auch alte Kleider für 
zwei Strohpuppen, Hansl und Gredl. 
Dieſe befeſtigt man an einer möglichſt 
langen grünen Fichtenſtange, zuhöchſt 
das Gredl, unmittelbar darunter den 
Hansl. Die Stange, mit leicht befeuch— 
tetem Stroh oder Reiſig umflochten, 
wird auf dem Plage aufgeftellt, den 
man Abends zum Sonnewenbfeuer be: 
fimmt bat. Sobald nun das um die 
Stange am Boden liegende Holz zu 
brennen beginnt, leitet fi das Feuer 
an der Stange langjam fort und er: 
greift endlih unter Gejauchze und 
Gelächter der Zuſchauer den Hansl 
und das Grebl. Dabei fingen die Bu: 
ben: „Hoaß Hansl, hoaß, dei Grebl 
friagt die Froas, wir than eng aus 
Gnaben iagt higen und braten, aft 
friag'n mar a Bratl für d’ Buab’n 
und für d’ Mabl, juhe, jube, ber 
Hansl und ’3 Grebl, vivat af der 
Höh 1 

Der Scherz ift harmlos und findet 
nicht leicht einen Gegner. 

Die empfindlichfte Strafe verdienen 
aber jene muthwilligen Thierquäler, 
welche an ber hödjften Spike ber 
Stange, über dem Kopfe Grebl’s, 
Katzen, Hunde u. f. mw. feftbinden und 
fih an dem Schmerzgeheul der armen 
Thiere, wenn die Flamme emporzün- 
gelt, noch ergößen. 

Iſt der brennende Holzftoß etwas 
zufammengefunfen, dann ſammeln fich 
die Paare und das „Feuerſpringen“ 
beginnt. Es find Burjche und Mäd— 
hen, die fi Hand in Hand dem ſelt— 
ſamen und nebenbei ſehr gefährlichen 
Vergnügen in vollſter Ungebundenheit 
hingeben. Weithin ſchallender Lärm 


verkündet die Freude der munteren 
Springer. Erſt ſpät in der Nacht, 
wenn der ganze Holzvorrath aufgezehrt 
iſt, kehrt die heitere Geſellſchaft mit 
rauchgeſchwärzten Kleidern nach Hauſe. 

Bis über die Mitternacht hinaus 
dauert jedoch das Springen niemals, 
denn man weiß recht gut, daß um 
12 Uhr die Hexen und Geiſter ihren 
Sonnewendtanz halten. 

Jene muthwillig luſtigen Paare 
zu Aiſtersheim (Hausruckkreis), welche 
ſich auch nach Mitternacht von ihrem 
Vergnügen nicht trennen mochten, muß: 
ten ihren Frevel ſchwer büßen; ſie 
ftürzten, da fie mit den Geiftern zu— 
fammenfließen, mitten in die Gluth 
und durften Gott danken, daß fie mit 
dem Leben davonfamen. 

Zu Schleißheim (Traunfreis) konn: 
ten freilich die Heren ben Feuerſprin— 
gern nach Mitternacht nicht3 anhaben, 
weil fie „was Geweihtes“ bei fich 
hatten; dafür aber erregten fie ein 
gräuliches Ungemwitter, jo daß die er- 
Ichredten Burſche und Mädchen nad 
allen Richtungen die Flucht ergriffen 
und „ed lange Zeit nachher nod 
jpürten“. 

Glücdliher waren fie zu Weiß— 
firhen (Traunfreis), dort erhajchten 
fie wirflih ein Pärchen, während fie 
die Uebrigen bis zur Kirche im Dorfe 
verfolgten (Hetzendorf — Heß in’3 Dorf). 

Diebe, die mit ihrem Raube einen 
Pla betreten, wo einmal ein Sonne- 
wendfeuer gebrannt hat, werben feit: 
gebannt. Zu St. Aegidi (Innkreis) 
brachen Diebe in die Kirche ein und 
raubten Alles, was fie nur immer 
fortzufchleppen im Stande waren. Zu: 
fällig gelangten fie auf ihrer Flucht 
auf einen „Feu'rplatz“ und mußten 
bort bi8 zum Gebetleuten ftehen blei- 
ben. Sie jelbft waren jegt allerdings 
vom Banne befreit und ergriffen Die 
Flucht, die geraubten Gegenftände 
mußten fie aber zurüdlaffen. Noch 
jeßt erinnert eine Ortſchaft in St. 
Aegidi, Namens Pannholz (Bannholz) 
an dieſe Begebenheit. 


698 


Der Sonnewendtag ift für Manche 
ein Glüdstag, für Andere jebodh ein 
Unglüdstag. 

Der Fuhrmann Paul zu Krengl- 
bad (Hausrudfreis) war fo ein Son- 
newendglüdsvogel. Niemand konnte 
begreifen, wie es bei ihm mit ber 
ſchwerſten Wagenlabung ſelbſt über 
die höchften Berge fo ſpielend leicht 
binausgehe, während andere, viel leich— 
tere Fuhrmerfe nicht jelten das Malheur 
hatten, mitten auf dem Berge fien zu 
bleiben. Fragte man ihn, dba verzog 
er ſein Schelmgeficht zu einem ver: 
ſchmitzten Lächeln und dachte fi: ja 
wenn ich's ſage, nachher ging’s freilich 
bei Euch auch fo leicht, wie bei mir. 

Er mußte das Geheimniß und 
fonft weit und breit Niemand. In 
einem gutgelaunten Augenblide, als 
er einmal etwas zu tief in's Glas 
gegudt, wurde er das Opfer ber Neu: 
gierbe feiner Freunde. 

Ale Jahre in der Mitternachts: 
ftunde des Sonnemwenbtaged ging er 


welches mit neunerlei Holz unterhal⸗ 
ten wurde, gegofien, wiberftund biefe 
Kunft nicht. Unzählige Kugeln trafen 
den Stephan Fabinger, aber feine 
verlegte ihn, er war ſchuß⸗ und bieb- 
feft. Doch fiehe da, einer feiner Freunde 
wurde fein Berräther. Die kaiferlichen 
Soldaten goffen in der Nacht bes 
24. Juni 1626 bie ficher treffehben 
und töbtlich verlegenden Kugeln, und 
ihon vier Tage jpäter, nämlid am 
28. Juni, traf eine den großen Mann, 
deffen Andenken noch jest im Boffe 
fortlebt. 

Am Sonnewendtage feuert ber 
Landmann, ehe der Tag graut, eine 
Anzahl Schüffe ab, um die Heren zu 
erihießen, die an diefem Tage in den 
Lüften ihr Unweſen treiben. Der 
Marlbauer zu Leonbach unterließ es 
nicht, fein Gewehr mit 3 Schuhnägeln 
zu laden, welche drei Tage im Weih— 
waſſer gelegen find. So feuerte er 
ftet3 9 Schüffe und 27 Schuhnägel 
in bie Luft. Weiß Gott, wie viele 


nämlich in den Wald, entfleivete ſich Seren ber gute Mann auf diefe Art 


bi8 auf die nadte Haut und fchnitt 
fih mit einem neuen Meffer einen 
Geißelfteden ab. Das war jo eine 
Art Zaubergeißel, mit derjelben brauchte 
er die Pferde nur ein Flein menig 
zu berühren und fie gingen mit leich— 
ter Mühe, ſelbſt wenn fie eine dop— 
pelte Ladung hatten, über jeden Berg 
hinaus. Aber wohlgemerkt, nicht jeder 
Geißelfteden thut’3, e8 muß einer fein, 
„den noch Feine Her’ ang'ſchaut hat“. 
Wie man das Ffennen kann? „Sa, 
eben drum.“ 

Die „Ihwarzen Bauern“ im ober: 
öfterreichifchen Bauernfriege 1626 ver: 
fanden bie Kunft, fih fchuß- und 
biebfeft zu machen. Aber einer Blei: 
fugel in der Mitternachtäftunde des 
Sonnewenbtages über einem Feuer, 


erlegt bat. 

Am Sonnewendtag bringt ber 
Bauer im Traunfreife nicht Teicht 
Grünfutter für das Vieh in den Stall. 
Das geichieht meiſt ſchon am Abend 
des Vortaged. Das Grünfutter it am 
Sonnewendtag verhert und da fäme 
natürlich die Hererei in ben Stall. 
Ebenſo werden alle Fenſter verichlof: 
fen und bie Luftlöcher bes Stalles 
verftopft, um ber Here das Einbrin: 
gen in benfelben unmöglich zu machen. 

Von ber Hererei im Viehſtall ift 
eben das Landvolk häufig geplagt, 
ba werben bie fonberbarften Mittel 
angewendet, um ſich dagegen zu be 
wahren ober den bereit zu Tage ge 
tretenen Folgen des Hexenunweſens 
ein Ziel zu ſetzen. E. W. 


—— 


Aus der Bugendzeit im Walde. 


Erinnerungen von 9. #. Roſegger. 


Bettelbubꝰ! 


Die ſchmale Straße, die durch 
ben Wald ging, hatte weißen Sanb 
und dunkles Moos, war zur jonni- 
gen Zeit nicht ftaubig und in Regen: 
tagen nicht grundlos. Sie zog nicht 
in der Schlucht, fie zog auf ber fanf- 
ten Vergeshöhe bin, wo das furze, 
grüne Heidekraut und in bünner An- 
zahl die alten, verknöcherten Fichten: 
bäumden fanden. Stellenweije ging 
ber Weg über eitel grünen Raſen, 
und fein Wagengeleife war gebrüdt ; 
behendige Ameifenvölfer trieben auf 
diefer Straße ihren Handel unb 
Wandel. 

Und doch erſtreckte ſich der Weg 
aus Weitem her und war von Men— 
ſchen getreten. Hie und da ſtand 
etwas, wie ein Wegzeiger, eine höl— 
zerne, wettergraue Hand wies gerade: 
aus ober jeitab und jagte nicht, wo— 
hin. An anderen Stellen mwieber, wo 
ein alter, flechtenbewachjener Baum: 
ftamm hart am Wege tagte, prangte 
daran ein rotbangeftrichenes Holz: 
käſtchen mit einem Liebfrauenbildniß 
oder mit einem „Martertaferl“, ver: 
zählend von einem Unglüdsfalle, ber 
fi an der Stelle zugetragen, bittend 
um ein chriftlich Gebetlein. Ober es 
ftarrte aus dem Sand: und braunen 
Moosboden ein hölzernes, hohes Kru: 
zifix auf, mit des Gefreuzigten Geftalt, 
unter den Füßen berjelben, an einem 
Eiſenlettchen hängend, ein riefiger Na- 
gel zum Küffen, und baneben das 
Berfprehen eines hunderttägigen Ab- 
laſſes für ben, der ben Kreuzesnagel 


Ich habe in der meiten Melt 
feinen Weg mehr gefunden, der mir 
jo grauenhaft heilig erjchienen wäre, 
als biefe Straße, die durch unferen 
Wald ftrih und von ber mir nicht 
wußten, woher fie fam und wohin 
fie ging. Denn doch! Erfahrene Leute 
jagten es ja, fie fam aus bem fernen 
Ungarlande und führte nad) Maria- 
zell. ’3 ift ein ewige Wandern von 
Sonnenaufgang ber. Auch die wilden 
Türken vor dreis und mehr hundert 
Jahren jollen diefen ftillen Weg her: 
angemwüthet haben; auch Eleine Zigeu— 
nerbanden trippelten zumeilen auf dem: 
felben daher, und dann einmal ein 
Handwerksburſche oder ein Bettelmann 
ober ein Schwärzer fam bed Weges 
und verneigte fi) vor den Bilbniffen 
und küßte fih vom eijernen Nagel 
etlihe hundert Tage Ablaß herab. 

Im Ganzen jedoch war der Weg 
unfagbar einfam und bie menigen 
Häufer ftanden fernab im Thale oder 
auf entlegenen Hügeln. 

Doch war es alle Yahre einmal, 
zur Zeit ber Bitttage, in jener Maien: 
woche, in welcher unſere Religion das 
Feſt der Himmelfahrt des Herrn feiert, 
daß auf diefem Waldwege eine förm— 
liche Bölferwanderung ausbradh. Fremd⸗ 
artige Menfchen in fremden Kleidern 
mit feltfjamer Geberde und Sprade 
wallten ſchaarenweiſe heran. Sie hat: 
ten braune Gefichter, fnochige Glieder 
und ftruppige Haare. Sie hatten 
iharfe, glühende Augen, weiße Zähne, 
lange, tiefgebogene oder Fühn aufge: 
worfene Najen und frembartige Züge 
um die Mundwinkel. Die Männer 


(einer der echten breie vom Kalvarien: | trugen weiße, flatternde, unten be 
berg) mit Andacht an die Lippen führt. | franjte Leinenhoſen, die jo weit waren, 


700 


daß ſie ausfahen wie Kittel, und 


vielgeftaltigen KHochrelief der Rinde 


dunfelblaue Nebermäntel mit breit zu=| feines Schaftes, in der Form einer 
rüdgejchlagenen Krägen und kleine | hellgrünen Pyramide unjere Alpen- 


Filzbütchen mit ſchmalen, aufgerin: 
gelten Krempen. Auch hatten fie blaue 
Meften an, befegt mit einer Reihe 
von großen Silberfnöpfen. Andere tru— 
gen wieder jo enge weiße Beinkleider, 
al3 wären fie über und über an bie 
Glieder gewachſen, und anjtatt mit 
Stiefeln hatten fie die Waden und 
ben Fuß in Kreuz und Krumm mit 
Binden umgeben. Auch hatten biejel- 
ben Männer jchwere Uebermäntel aus 
weißem Filze an ihren Achjeln hängen, 
und dieſe Mäntel, ſowie auch die 
Beinkleider waren ausgeziert mit rothen 
oder blauen Rändern, und allerlei 
Geſchnüre fchnörfelte fh um Die 
Wämmſer. 

Die Weiber trugen blauſchwarze 
oder weiße Kittelchen, die kaum ein 
bischen über's Knie hinabgingen und 
bei jedem Schritte keck hin- und her— 
ſchlugen. Bei Anderen wieder waren die 
Kittel ſo eng und die ſchwarzen faltenlo— 
ſen Schürzen ſo breit, daß bei jedem 
Schritte die Rundungen der Geſtalt 
plaſtiſch hervortraten. Ferner trugen 
ſie hohe und ſchwere Stiefel, daß 
unter denſelben der Sand knarrte, 
oder fie gingen gar barfuß und hatten 
Staubfruften über den Zehen. Wei— 
ter ftafen die Weiber in furzen 
ſchwarzen Spenſerchen ober fie hatten 
gar nur ein weites Hemd über Arm 
und Bufen flattern. Die Köpfe hatten 
fie turbanartig mit einem Tuche um: 
Ihlungen, unter dem die ſchwarzen 
Lodenfträhne bervorquollen. 

So mwogten fie lärmend und heu— 
[end heran, und jede Geftalt hatte 
ein gemaltige® weißes Bündel auf 
den Nüden gebunden und trug in ber 
Hand einen weißen, glattgejchälten 


wälder ſchmückt, ift in jenen fernen, 
flachen Gegenden, aus denen die Schaa- 
ren fommen, nimmer zu finden. 

Die fremden Geftalten, melde in 
fleineten Rotten und großen Haufen 
einen ganzen Nachmittag lang heran: 
ftrömten, famen aus dem Ungarlande 
und waren Magyaren und Slovalen. 
Es waren die bigotten Maffen, bie 
aljährlih einmal aus ihren Heimats— 
gemeinden davonwandern, um ben 
weiten Weg von acht bis zehn Tagen 
bis zu dem weltberühmten Wallfahrt: 
orte Mariazell zu wallen. Ungarijche 
Herren und ſlaviſche Fürften hatten 
einft viel zum Ruhme und zur Ber: 
berrlihung der Gnabdenftätte zu Zell 
gethan, und fo wogt heute noch ber 
Strom jener Völker dem berühmten 
Alpenthale zu und macht einen Haupt: 
theil der geſammten Wallfahrer aus, 
die aljährlih in Zell erjcheinen. 

Es waren alfo fromme Wallfahrer: 
ſchaaren, die betend und fingend unje- 
ren ftillen Wald durchzogen. Jedes 
Häuflein trug eine lange rothe Stange 
mit fih, auf welder ein Kreuz mit 
bunten Bändern ober ein wallendes 
Fähnlein war. Por jedem Kruzifir 
ober anderen Bilbniffen, wie fie am 
Wege fanden, verneigten fie tief dieſe 
Stange; und mern fie zu jener Hö— 
hung herangeftiegen waren, auf welcher 
dem Wanderer aus dem Dften das 
erftemal die zadige Hochkette des 
Schwaben und der gemwaltige Fels: 
foloß der hohen Veitſch fichtbar wird, 
ftanden fie ftil und ſenkten breimal 
faft bi8 zur Erde ihren Fahnenftab. 
Die Menjchen aus dem Flahland — 
begrüßten fie die wilderhabene Alpen: 
natur? Nein. In der SFeljenfrone 


Stod. Diefe Stöde waren meift frifch |jener hohen Berge lag ihr heiliges 
geichnitten, e8 waren Lärchenftäbe ; auch | Ziel, und das begrüßten fie mit Herz 
an den Hüten trugen die Männer friſch- und Geberben. 


geichnittene Lärchenzweige unb Lärchen: 


Von diefem Punkte aus waren fie 


kränze; dieſer berrlihe Baum mit|nur noch eine Tagreife entfernt von 
jeinem weichen Genabel, wie er mit dem | Zell; manche fühlten in ſolchem Ge: 


701 


banken zum Wandern neue Kraft, 
Anderen jant der Muth im Anblide 
der blauenden Alpenwände, die zu 
überfteigen waren. Bisweilen jchlepp: 
ten bie Fremdlinge einen Genofjen 
mit fi, der unterwegs erkrankt war. 
Einmal trugen fie auf friiher Lärch— 
baumtrage die Leiche eine® auf der 
Straße verftorbenen Mitgliedes, um 
fie im nächſten Friedhofe zu beitatten. 

So hallten am eriten Tage der 
Bittwoche die grellitimmigen Gebete 
der Ungarn und die melancholiſchen 
Lieder der Slaven durch unſere Ge: 
gend. Die Leute traten aus den Häu- 
jern und borchten den jeltfamen Stim: 
men; wir Kinder aber pflegten eine 
andere Sitte. Wir zogen unjere defec- 
tejten Kleidchen an, und mit fliegenden 
Zumpen hüpften wir ber Straße zu. 
Dort knieten wir nieber auf den Sand, 
aber jo, daß wir auf unſere eigenen 
Ferien zu boden kamen, und menn 
eine ber Kreuzichaaren nahte, jo riſſen 
wir die Hauben vom Kopf, ftellten 
diefelben als Gefäß vor uns hin und 
ſchlugen zuerft mit zagenber, bald mit 
feder Stimme zahlreiche Vaterunſer los. 

Die Früchte blieben nicht aus. 
Männer jchoffen Kreuzer in unfere 
Hauben, Weiber warfen uns Brot 
und Kuchen zu, welche, wie die Spu- 
ren ihrer Zähne daran bewieſen, fie 
ihrem eigenen Munde entzogen hatten. 
Andere hielten gar an und öffneten 
ihre Bündel und reichten uns Bad: 
werk, und mand)’ alt’ Mütterlein, das 
unfertweg auf ein paar Minuten zu: 
rüdgeblieben war, fonnte die Schaar 
wohl oft ftundenlang nicht mehr er: 
reichen. 

Manchmal ftellten die Fremben 
Worte an und, die wir nur mit 
glogenden Augen zu beantworten wuß- 
ten. Se ſeltſamer ihr Wejen und ihre 
Sprade war, deſto feiner und lieb: 
reicher zeigte fi die Gabe; vielleicht 
dachten die Geber an ihre Angehöri- 
gen in ferner Heimat, denen die Liebe 
galt, die uns fremden Kindern ermwie- 
jen wurde. Se brauner bie Gefichter, 


befto weißer war das Brot — mir 
hatten die Erfahrung bald gemacht. 

Bisweilen wurden wir aud in 
deutſcher Spradhe angeredet: wie wir 
hießen, wem wir zugehörten, wie viel 
unjer Vater Ochſen hätte und ob wir 
auch Kornfelder befäßen. Des Graben: 
bergers Nagelein war unter uns, das 
gab ftet8 die Antwort und log fürch— 
terlih dabei: Wir gehörten armen 
Holzhauerleuten an, der Vater wäre 
vom Baum gefallen und die Mutter 
läge krank jchon jeit Jahr und Tag; 
Ochſen hätten wir nicht, aber zmei 
Biegen hätten wir gehabt und bie 
hätte der Wolf gefreffen. Mit einem 
Kornader wär's jthon gar nichts, 
aber Pilze äßen wir und die wären 
heuer noch nicht gemahlen. — Ich 
bohrte vor heimliher Wuth über 
derlei unwahre Darftellungen die Zehen 
hinter mir in die Erde hinein. Sa, 
das Napelein verfing fi derart in 
das Lügen, daß es ſchließlich jelbit 
unjere ehrenhaften Taufnamen faljch 
angab. 

Die guten Ungarn jchlugen hell 
die Hände zufammen über jo arme 
Würmer, dann blickten fie in bie 
Waldgegend hinaus und meinten, es 
wäre leicht zu glauben, es wäre eine 
elende Gegend; gar ber Schnee lag 
noch hie und da in den Gruben — 
zu einer Zeit, da auf ben weiten 
Ebenen draußen längſt das Korn in 
Aehren ftand. Sie griffen dann tief 
in den Sad. 

Dad Napelein war mir feiner 
Auffchneidereien wegen eigentlich recht 
verleidet, aber ich getraute mir vor 
den Fremden fein Wort zu jagen; 
und wenn fie mich zumeilen doch ba- 
hinbrachten, daß ih den Mund auf: 
machte, jo ward das Wort fo ängft: 
ih und leife herausgemurmelt, daß 
fie mich nicht verftanden. Die Ande- 
ren, beſonders das Nagelein, Friegten 
daher immer- mehr in ihre Hauben 
al® ih; nur dann und wann ein 
milbherziges Weiblein legte mir, dem 
„Haſcherl“, was bei, 


702 


Einmal — ich und bes Graben: | heute no fommen konnten, mollte 


berger8 Naglein waren allein — ge= 
rabe vor dem Herannahen einer grö- 
Beren Schaar, nahm ich eine Stellung 
ein, die vortheilhafter war, als der|l 
Platz, auf welhem das Napelein hodtte. 
Das Napelein war darüber erbost, 
und als die Gaben wirkli in größe: 
rer Menge mir zuflogen, rief e8 aus: 
„Der da ift eh reich, denn fein Vater 
hat vier Dchjen und einen großen 
Grund! Vater unfer, der Du bift, 
u. ſ. w.“ 

Auf der Stelle wendete ſich das 
Glück und alles Brot und Geld wäre 
ie den Hut des Natzelein geflogen, ba 
erhob ein Maun, der mitten unter 
den Wallfahrern fand, das Wort: 
„Schaut einmal den neibiichen Schlin- 
gel an! Ihr jeid Beide nicht jo arm, 
als daß Ahr ohue unſer Brot ver: 
hungern müßtet und auch nicht jo 
reih, als daß wir Euch die Fleinen 
Gaben verjagen wollten. hr jeib 
Waldbauern: Kinder, aber ich gebe 
meinen Sechſer diesmal dem da, befjen 
Bater vier Ochſen Hat !* 

Mein Lebtag vergeß’ ich's nim- 
mer, wie jeßt bie Baten in mein 
Häublein flangen — Hell zu Dugen: 
den, und ich konnte nachgerabe nicht 
ichnell genug die „Vergeltsgott“ ja- 


ſchnurſtracks heim zu meinen Eltern 
laufen, um ihnen das unermeßliche 
Glück zu verfünden. Da bin ich plög- 
li angepadt von rückwärts, zu Bo- 
ben geworfen und auf meiner Bruft 
reitet das Napelein. Mit feinen ftram- 
men Händen preßt e3 meine Arme 
tief in das Heidefraut hinein und fo 
grinst es mir in's Gejicht. 

Stärker bin ich nicht, wie er, 
dachte ich bei mir, wenn ih auch ge: 
ſcheidter nicht bin, jo iſt's um 
mich gefehlt. 

„Du!“ murmelte bad Bürfchlein 
auf mich zwijchen ben Zähnen hervor, 
„gib mir bie Hälfte vom Gelb!“ 

„Nein“, jage ich trocken. 

„So nehm’ ich mir’3 ſelber.“ 
"Dann jpring’ ih auf.“ 

„Aber ih laß’ Dih nicht los!“ 

„Dann fannft Du das Geld nit 
nehmen.“ 

„Ich je’ Dir mein Knie auf bie 
Gurgel !“ 

„Ih laß’ mich umbringen.“ 

Zum Glüde halte jegt ber Gejang 
einer neuen Kreuzichaar. Wir beide 
fprangen auf, ftürzten zur Straße hin 
und lallten unfer Gebet, 

Das von dem vielen Abenteuern 
an ber Straße nur als einzig, Stüd: 


gen, daß auf eben eins fam Und lein. — 


da diefer wunderſame Hagel, wie ich 
ihn noch nie gejehen hatte, gar nicht 


Und wenn das Tagwerk vorbei, 
jo verfammelten wir Finder uns auf 


wollte aufhören, konnte ich die Quft|der Au, wo die Schafe noch geadten, 
in meinem Herzen nimmer verhalten, und taufchten unfere Gaben um, mie 
in ein helles Wiehern und Lachen | fie Jedem eben entiprachen. Gelb war 


brah ih aus; dad Napelein aber 
ichleuberte feine faſt leer gebliebene 
Haube mitten in die Straße und 
ihoß müthend in den Wald Binein, 

Mit Gelächter zog die Kreuzſchaar 
ab. Und ih hub an, meine Schäße 
zu zählen; in der Kappe und um 
diejelbe, im Sand und auf dem Moos 
und im Heibefrant lagen die Kreuzer 
und Groſchen und Sechſer zerftreut. 
Und als ih fie alle verjammelt 
hatte, wollte ih mohl verzichten auf 
alle weiteren Wallfahrertruppen, bie 


ſtets der gejuchtefte Artifel; mar bie 
Kinder armer Kleinhäusler und Köh— 
lersleute gaben feine Leckerbiſſen und 
Kreuzerchen für ein ſchwarzes Stüd 
Brod, wenn es nur groß mar. 

Am fünften Tage kehrten die 
Schaaren ſtets auf demfelben Wege 
wieder zurüd. Und jeber vom ben 
Wallfahrern Hatte an: jener Bruſt 
einen. ober mehrere Rofenkränge hän- 
gen ober Amulette, Frauenbildchen 
und funfelnde Kreuzlein unb Herzen. 
Die Mädchen trugen rothe und grüne 


703 


Krönlein von Wachs auf ihrem Haupte. | erfledlih Almoien an wahrhaft bürf- 
Die Bündel auf ben Rüden hatten |tige Bettelleute. 


fi jehr bebeutenb verkleinert und 


Und bie Magyaren unb bie Slo- 


bie Brode, die wir bekamen, maren |pafen kommen nod heute jenen ein- 
hart und Geldjtüde jprangen ſpärlich ſamen Waldweg gezogen, immer an 


hervor aus den Tafchen. 


Kinder, die am Wege fauern, Gaben 


Doch lohnte es ſich des Hodens ſpendend, in ihrem Beten und Flehen 


immer noch unb die Grmartung 


der ſelbbſt Bettelleute vor der Gnaden- 


Gabe mar minbejtend jo anziehend, | matter zu Zell. 


als die Gabe jelbit. 

Ginmal, ih war ſchon an bie 
zehu, Jahre alt geworben, kniete ich 
gang allein am Stamme eines Kruzi- 
fired, und recht zuugenfertig im Va— 
tesunferherfagen, wie ich emblich ge: 
worden war, kehrte ich alle Vortheile 
des Abjammlerd heraus und hoffte 
reichlihen Gewinn. Da kam eine 
Kreuzſchaar; ein paar Bröbchen wur: 
ben mir zugemworfen, und fie war 
vorüber. Nur ein ſchon betagter, gut- 
müthig augjehender Mann mar zu: 
rüdgeblieben, jchritt gang nahe an 
mich heran, neigte ein wenig jein 


Als id die erfie Schlacht geſehen. 

Die Zeit war der 24. Juni 1859, 
ih ein Burfche von 16 Jahren. Bur— 
ſchen von fechzehn Jahren ftreifen bis— 
meilen im Walde umber, ohne felbit 
zu wiſſen warum. So ftreidt im 
Mai der Blüthenftaub der Föhre . . 

Ich ging, durch dunkeln Walb ber 
Sichtung entgegen, und als ich in der 
Lichtung fand, wieder in die Dunfel- 
beit des Geitämmes hinein. Dort war 


Haupt zu mir wieder und ſagte: mir's zu menig bel, bier zu wenig 
„Bettelbub'!“ — Dann gig er ben |finfter. Eine große Wildniß wollte ich 


Anderen nad. 


um mi 


ch haben, eine Wildniß, mie 


Mir war das halbe Vaterunſer | fie in der Gejchichte von ber heiligen 


im Mund. fteden geblieben. Ich glogte 
eine Weile um mid, dann ftanb ich 
langjam, auf und jchlih von bannen. 

Das, war mein legtes Hoden ge 
weſen an, unjerer Waldſtraße. 

— Bettelbub! — Dad Wort 
hatte mich aufgewedt. Ein junger, 
gejunder Burſche, ber Hola ift, daß 
ſein Vater Haus und Hof befigt, der 
ſtolz ift, daß er ſchon ben Pflug: füb- 
ren, kann und bie Sichel — ein jol: 
cher Burſche, der mit feinem neuen 
grünen Hut. Sonntags ſchon etliche 
male, gleich den ten in’3 Wirth: 
haus gegangen. ift, der es demnächſt 
mit dem, Tabakrauchen probiren, wird 
und der nicht allaujelten in's Fenſter⸗ 
glas. gudt, wie es mit dem Bart 
ſteht — ein folcher Buxrſche betteln! 

Auch das Napelein thut's min: 
mer. Das Natzelein iſt ein, reicher 
Bayer, geworben und er gibt, wenn 
man ihm: glauben darf, jeden Tag 


Genowefa fand. Die Bäume follten 
uxalt uub wüſt fein, vom Sturme 
zerriffen, vom Blige gejpalten; ver 
Boden ſollte bedeckt fein von wilden 
Geftein und Geſträuche, Wunbderpflan- 
zen darunter, Früchte, die den Men— 
chen verzaubern und zu dem machaı, 
was er fein will. Was ich damals 
fein wollte, das mußte ich freilich 
nit ; vielleicht ein Eidechschen, das 
die Klüfte und Höhlungen des Ge— 
felje8 burchgleiten fonnte; vielleicht 
ein Fröfchlein, das in die Tiefe des 
Waldwaſſers tauchen konnte; vieleicht 
ein Eichhörnchen, das. auf den Wipfel 
bed höchſten Fichtenbaumes, klettern 
fonnte; vielleicht einge Wildtaube, Die 
über den Wald. in fonnigem Schim- 
mer binfliegen konnte; vielleicht ein 
Geier, der bie Wildtaube freſſen founte. 
Nur kein jechzehnjähriger Junge fein, 
außer es wären bie Erbbeeren ſchon 
reif und es wäre bed Kohlenbrenners 


704 


Rickerle auf Erbbeerpflüden im Wald. 
Da gäbe es doch zum Mindeften was 
auszufechten, denn ohne Streit mag 
ein ſechzehnjähriger Waldbauernbub 
nicht leben. 

Ich ſuchte nach Erdbeeren, wäre 
dabei jchier über einen Ameijenhaufen 
geftolpert — jhritt dann ſchmermüthig 
den glatten Sandweg bin, der zwi— 
ſchen den Fichtenbäumen auf der Hoch— 
ebene des Berges entlang zog. Es 
war zur Nachmittagszeit, aber es war 
nicht fonnig und es war nicht ſchat— 
tig; der Himmel Hatte fi, jo viel 
mir no im Gedächtniß ift, mit einer 
leichten weißen Schichte überzogen. 
Einmal ftand ih ftill und horchte. 
Mir war zu hören geweſen, gerabe 
als ob in weiter‘ Ferne ein Kanonen: 
ſchuß gebonnert hätte. Es mar ja 
Krieg in Italien und auf dem Kirch: 
plag zu Krieglah war zur jelben Zeit 
ein großes Papier an die Wand ge: 
nagelt, auf welchem der Kaifer feine 
Völker um Gotteswillen bat, das Va— 
terland zu jchügen. Etwa hatten un: 
jere Soldaten verjpielt und der Fran: 
308 fam jchon in's Steirifche herein. 

Des Weiteren blieb es ftill auf 
der Bergeshöhe; ih jchritt fürbaß 
und in jener religiöjen Stimmung, 
in welcher ih mich damals jo häufig 
befand, dachte ih darüber nad, ob 
denn der Franzos wohl auch ein 
Chriſt jei und ob — wenn zwei Ehri- 
jtenvölfer mit einander Krieg führen — 
fih nicht der Papft zu Nom in’3 Mit: 
tel legen jolle, und wenn er mit Gü— 
tigkeit nichtS ausrichte, ein paar Bann: 
ftrahlen werfen möchte über die Auf: 
rührer. 

Mein Philojophiren fand ein ra- 
iches Ende; vor mir am Wege auf 
einem erhöhten Stein hodte des Koh: 
lenbrenners NRiderle, ein Mägplein, 
mit dem ich von ber Schulbank her 
in ftetem Zwiſt lebte. Wir famen oft 
zufammen — ſei's auf dem Kirchweg, 
jei’8 auf dem Felde, jei’3 auch im 
Walde — wir riefen und gegenfeitig 
was zu, und jagte ich „ja“, jo ſagte 





und rief mir zu: 





fie „nein“ und meinte fie „weiß“, fo 
behauptete ich „ſchwarz“. 


Die hodte nun auf dem Stein 
„So klotz' (trotte) 
doch nicht juft auf den Thierlein da— 
ber! Siehſt e3 denn nicht?“ 

Ich blidte zu Boden — er war 
ganz braun vor lauter Ameifen. So: 
gleih wollte ich auf die Seite treten 
— aber nein. Gerade, weil fie’3 nicht 
will, trete ich bie Thierlein zufammen. 

Sie fehrte fich nicht weiter dran, 
fondern ſagte: „Meiner Tag hab’ ich 
jo was nicht gejehen, meiner Tag 
nicht. Raufen thun fie miteinander 
und umbringen thun fie fi, daß es 
ein Graus ift.” 

Segt wurde auch ich aufmerkjam. 
Sp weit man auf dem Wege fortjah, 
war er voll brauner Ameiſen und 
dort, wo das Riderle hodte, begegne- 
ten fie fih und fchlachteten einander 
ab. Wunderbar war e8 und unbe 
ſchreiblich ift es. 

Es waren die Völker von zwei 
Ameiſenhaufen, die, wie ich ſpäter 
ſah, mehrere hundert Schritte von 
einander entfernt lagen. Der eine 
war am Fuße eines Lärchenbaumes, 
der andere mitten im Heidekraut hoch 
geſchichtet. Beide waren verödet, denn 
die Bevölkerung mochte zum Theile 
in den Tiefen der Wohnungen ver— 
krochen ſein, zum größten Theile war 
ſie auf dem Felde, ſtand in Waffen. 
Die Aufregung und das haſtige Hin— 
und Herrennen war ganz großartig, 
die Wuth, mit der ſie ſich anfielen, 
fürchterlich. Tauſende von Todten, 
Zerriſſenen lagen auf dem Boden. 
Hunderte von kämpfenden Gruppen 
bedeckten die Wahlſtatt. Die Ameiſen 
verfolgten einander, ſprangen eine auf 
die andere, umklammerten fi, wälz: 
ten fih fämpfend auf dem Boden 
ober ftanden aufrecht wie ringende 
Menſchen. Viele ſuchten die Feindin 
durch Gift (Ameifenfäure) zu betäuben 
oder mit ben Beinen ihr den Hinter: 
leib vom Borberleib zu reißen ober 


‚ihr mit der Lanze ihres Fühlers den 


705 


Kopf zu durchbohren, oder fie mit den 
Kiefern tobt zu beißen. Am häufigften 
waren zwei feft aneinander verflemmte 
und mit ihren Kiefern verbifjene 
Feinde. Beide getöbtet, lagen fie noch 
jo und waren von den Anderen gar 
nicht mehr auseinander zu bringen. In 
Ketten von ſechs bis zwölf Ameijen 
waren fieaneinandergellammert. Manche 
fielen ſich wüthend an, ließen aber 
fofort wieder los das mochten 
Freunde fein, bie ſich in der Hitze des 
Gefechtes nicht gleich erfannt hatten. 
Ich entdedte feinen Unterjchied zwi: 
ſchen den Ameifen ber beiden Heere 
— aber fie mußten ihre Leute wohl 
fennen; daß Einer den Freund ge: 
tödtet hätte, jchien nicht vorzulommen, 
wenigftens fuhren fie mit großer Ent: 
fchiedenheit nur auf beftimmte los, 
da bie Richtung, von welcher fie ge: 
fommen, auch längft nicht mehr zu 
erfennen war. Auch Gefangene wurben 
gemacht und biefelben mit einer gewiſſen 
Sorgfalt und Schonung ihres Lebens 
aus den Reihen der Kämpfer geichleppt. 

Ueber die ganze Breite des glat- 
ten Waldweges hatte fih der Kampf 
ausgedehnt. Gegen den Rand hinaus 
lagen zwei Steine, zmwijchen welchen 
eine etwa zwei Zoll breite Gafje durch— 
lief, welche von Seitenflügeln beider 
Armeen fleißig ald Durchgang benützt 
wurde, um in’s feindliche Lager bin: 
überzugelangen. Plöglich aber fiel es 
einem Theile ein, diejen abjeitigen 
Durchweg zu verrammeln; etliche hun- 
dert Ameifen liefen wie auf Com: 
mando aus der Schlahtorbnung und 
huben an, Steinhen, Holziplitter und 
dürre Fichtennadeln, wie fie auf dem 
Wege lagen, herbeizufchleppen, welche 
jofort wieder Andere in Empfang 
nahmen, die damit im Paß zwijchen 
den beiden Steinen eine Barrifabe 
bauten. Um jo mörberijcher entbrannte 
ber Streit auf den anderen Linien; 
jetzt wich das eine Corps auf Spann: 
breite zurüd, jegt jchien das andere 
weichen zu müſſen — aber ber Kamp 
blieb unentſchieden. : 


Mofeggers „‚Heimgarten‘‘ 9, Heft, 





Als wir eine Weile zugejeben und 
unjere Meinungen ausgetaufcht hatten, 


‚mobei das Riderle für bie Heibefraut: 


armee Partei ergriff, mährend ich es 
mit dem Lerchbaumbeere hielt, jagte 
ih: „Gut, jo wollen wir jehen, ob 
die Deinen oder die Meinen gemin: 
nen.” 

„Und wir werden es aud je: 
ben”, antwortete das Niderle jcharf, 
die Deinigen werden ſchön fauber da- 
vongejagt — Sieht Du, dort laufen 
icon ein paar — das find lauter 
Traumichnit.“ 

„Oho!“ rief ich, „die Deinigen 
werben niedergeſtochen und aufgefreſ— 
ſen — ſchau, dort trinken ein paar 
von den Meinigen juſt von einer der 
Deinigen den Saft aus dem Bauch.“ 

„Weil ſie Schandvieher ſind, die 
Deinigen“, ſagte das Rickerle ent— 
rüſtet. 

„Harb' Dich, wie Du willſt“, 
verſetzte ich, „wenn Du verſpielſt, ſo 
werde ich Dir ſchon eine Kriegslaſt 
auflegen.“ 

„Werd' ſie auch tragen“, ſagte 
ſie trotzig. 

„Wenn Du verſpielſt, ſo mußt 
Du mir dasſelbig Ding geben, was 
ich am Filippitag haben hab' wollen“. 

„Sollſt es haben“, rief ſie, „aber 
wenn Du verſpielſt, da bin ich ſchon 
in Verlegenheit, was ich Dir abver- 
langen joll; was ich möcht’, halt Du 
niht und was Du ball, mag id) 
nicht.“ 

„Damit reißeft Du mir gar feinen 
Poſſen“, verjegte ih, „wenn nur ich 
meine Sad)’ krieg’, die ih am Filip: 
pitag haben hab’ wollen.“ 

So die Verhandlungen, während 
die Ameifen mwader mweiterfämpften. 
Der Himmel war düſter geworben ; 
Jener Kanonenſchlag, den ich früher 
gehört zu haben meinte, hatte ſich 
wiederholt und war zu einem Donner 
der Molfen geworben. Ameijen, die 
an der Schladht nicht unmittelbar be: 
theiligt waren, jehienen über das Wet: 
ter einigermaßen unruhig zu werben, 


40 


706 


fie fhlugen den Rückweg gegen das 
Neft ein. Aber Andere Tiefen ihnen 
nach, betafteten die Flüchtlinge mit 
den Fühlern und brachten fie wieder 
in die Schlachtordnung. 

Hie und da war ein Murm, ein 
Käfer unter das Scharmütel gerathen 
er wurde über und über getreten, aber 
bes Weiteren geſchah ihm fein Leib. 
Nur ein großer Hirfchfäfer, der fich 
im Bollgefühle feiner herfulifchen Ge: 
ftalt, wie es ſchien, abfichtlich mitten 
in den Kampf yewagt Hatte, war 
raſch von einem Dutzend Ameifen um: 
ringt, die ihn, mit ihren Langen fte: 
hend, mit ihrem Gift befprigend, mit 
ihren Kiefern beißend, davontrieben, 
bis er, jo gut er's noch vermochte, 
das Weite juchte. 

Eine Heufchrede war von unge: 
fährt auf das Schlachtfeld gehüpft; 
fofort ſchoß eine Ameife auf ihren 
Rüden und in bemfelben Augenblide 
hüpfte der Springer wieder bavon 
und entführte jo einen Streiter viel- 
leicht feinem Verberben. 

Am traurigften waren die fterben: 
den Ameijen zu ſehen, die mit zer: 
martertem Leibe, mit ausgeriffenen 
Beinen langſam verendeten. Wohl 
wurden ſolche und auch die Todten 
möglichſt bald vom Kampfplatze ent— 
fernt und gegen einen abgelegenen Ort 
abſeits vom Wege, hinter einen halb— 
vermoderten Baumſtrunk geſchleppt, 
wo ſie in gleichmäßigen Reihen zur 
ewigen Ruhe gelangten. — Bei einer 
anderen Gelegenheit war es, als ich 
ſah, wie Ameiſen ihren Todten ein 
Grab ausgruben und ſie in dasſelbe 
verſcharrten. Dazu war nun im Drange 
des Kampfes freilich keine Zeit. 

Wir, ich und das Rickerle, hock— 
ten noch immer an beiden Seiten des 
Weges und ſahen mit Staunen dem 
wilden Morden der kleinen Weſen zu. 
Ein feines Knattern war im Gewühle 
zu hören, und ſo oft ich näher hin— 


war ihr Augenmerk gerichtet, während 
ſie das gar nicht hinderte, mit im— 
mer neuer Gier und mit immer 
neuen Mitteln auf einander loszu— 
ſtürmen. Um manches Stückchen Baum— 
rinde, um manches Sandkorn drehte 
ſich der Streit und manches Klötzchen 
Holz, manches Büſchchen Moos wurde 
als Verſchanzung benützt und auf 
Leben und Tod vertheidigt. Ich war 
damals noch ſo ſehr Ebenbild Gottes, 
daß ich das Thier bei Weitem nicht 
zu Meinesgleichen zählte, wie ich wohl 
zu thun es ſpäter gelernt hatte; ich 
ergötzte mich daher baß an dem ſelt— 
ſamen Schauſpiele, das mir der Wald— 
weg darbot, ergötzte mich umſomehr, 
als ich endlich die Partei Rickerles 
immer mehr zurückweichen ſah, ſo 
daß ich den vereinbarten Tribut mit 
Sicherheit zu gewärtigen hatte. Der 
eine Flügel der Unterliegenden löſte 
ſich bereits in eine wilde Flucht auf 
und die Meinen ſtürzten in Maſſen 
voran, um Beute zu machen — da 
hub es hoch in den Bäumen an zu 
rauſchen und große Tropfen fielen 
nieder und ſchlugen manche der ſiegen— 
den Ameiſen in den Sand. 


Ich erhob mich und verlangte von 
dem Kohlenbrennermädchen die Sache, 
welche ich am Filippitag von ihm 
hatte haben wollen. 

Das Rickerle riß zornig ſein Bu— 
ſentuch auf, zog ein Ding, das es 
am Halſe hängen hatte, hervor, warf 
es mir vor bie Füße und lief davon. 
— Ein freugergroßes Meflingblättchen 
war ed, ein gemeihtes Amulet, das 
Gnabenbild von Mariazell vorftellend. 
Das hätte ich haben wollen? 


Am Filippitag — das ift ber 
erfte Mai — waren wir, ih unb 
das Riderle, allein auf ber Bank vor 
der Köhlerhütte geſeſſen und ich hatte 
meinen Arm um ben Naden bes 
Mädchens gelegt und meine Finger 


borchte, befam ich einen Spriker ber | ein wenig mit feinem Bufentuche fpie- 


ſcharfen NAmeifenfäure 


in’8 Geficht. Ten laſſen — und ich weiß nicht, 


Alſo auch auf uns, die Ungeheuer, | was ich damals gejagt haben mochte, 


707 


daß es feither der Meinung gewefen, | meinbebote mit dem Steuerbogen zu 
e3 gelüfte mich nad) dem Amulete. uns gefommen. 

Nun, das Amulet hatte ich und „Leut', Ihr bringt Einen um mit 
ber Wolkenbruch war auch da. den Steuern!” rief mein Vater aus, 

Am andern Tage Hatte ich die „Nur Geduld“, antwortete der 
Stelle der Schlacht wieder bejucht, | Bote, „fie werden ſchon noch wachſen. 
hatte feine einzige Ameife und nur | Telegramm ift da, geftern haben wir 
wenige tobte Körper mehr gefunden. in Stalien eine große Schlacht ver: 
Und an demfelben Tage war ber Ge: |loren.” 





Steiriſches Schützenlied. 


Von Friedrich Marz. 


Dort, wo im Oberland Und wo das Silberband 

Nod Gems und Adler hauft, | Der Sarın und Drau erglänzt, 
Auf jedem Scheibenjtand Den Berg im Unterland 

Die Kugel fauft: Die Rebe kränzt. 

Dort ift die Heimat mein, Dort wo bei Hörnerfhall 


Da bin ih mwohlbefannt, — 


Des Landes nen weh'n, 
Du ſchönes, grünes Steierland! dab h 


Die braven Schützen all 


Auf unſern Almen, wo Wie Mauern ſteh'n. 


Der Sennin Gruß erklingt, Und den die Kugel traf, 
Und noch zur Zither froh Getreu der Kriegerpflicht, 
Der Jäger fingt. In Herzen gut und brav, 


Da ftirbt er nicht. 
Wo tief im Bergesſchacht 


Ein fromm Glüdauf ertönt, Mit unſer's Kaiſers Dan 
Und durch die ftille Nacht Nah mandem harten Strauß, 
Der Hammer dröhnt. Begrüß' ich frei und frank 

Mein Baterhaus. 
Mn] BEL E MURCUROR, Da feid ihr doppelt ſchön, 


Wo nod der Frieden weilt, 
Bereint die Mürz und Mur 
Nah Süden eilt. 


Die wir fo treu bewacht, 
Ihr Thäler und ihr Höh'n 
In eurer Pracht. 


Wo Graz im Hügelfranz, O Vater, Mutter mein, 

Die fhöne Landesbraut, Und du mein Seimatsthal, 

In frohem Iugendglanz Ihr follt willtommen fein 
Zum Himmel fchaut. Mir taufendmal. 


Geh, bring’ den Jägerhut 
Mir mit dem Strauß gefhwind, 
Bin dir von Herzen gut, 

Du fhönes Kind. 


| Kleine Saube. 


Beiträge zur Geſchichte des Aber: 
glaubens. 


In meinem „Volfsleben aus Steier: 
mark“ habe ich im Kapitel „Das Truden: 


freuz“ eine Reihe jener Gebahren und | 


Anſchauungen des Volkes dargeftellt, die 
wir mit dem Namen Aberglauben be: 
zeichnen. Hier eine Heine Nachlefe, die 
im Bezirke Fohnsdorf (Überfteier) ge: 
fammelt und dem „Heimgarten” zuge: 
ſchickt worden ift. 

Wenn am Chrifttag und den darauf 
folgenden Feiertagen Bauer und Bäuerin 
mit allen Dienftboten und Angehörigen 
in einem Schod zur Kirde kommen 
fönnen, fo ift Diefes ein Omen, daß 
in dem Haufe des Bauerd das ganze 
Yahr Friede und Einigkeit herrſchen 
wird. 

Am heil. Drei:König:Abend nad) dem 
Nachtmahle pflegt man dem Dienftgefinde 
einen Topf neugemolfener Milch vorzu: 
feten. Diejes Gericht hieß die Berchtl— 
mild, von dem uralten Glauben von 
der Berctel hergeleitet. Diefe war eine 
unfichtbare Here, welche die Unreinigfeit 
der Bauernhäufer ftrafen fann. Der 
Milh:Topf durfte nicht ganz geleert 
werden, damit der Berchtel, wenn fie 
fam, auch etwas übrig bleiben fol; 
jeder der Eſſenden aber mußte jeinen 
Löffel in dem MUeberbleibfel umgefehrt 
liegen und den Topf oder die Schüfjel 
über Nacht unangerührt ftehen laſſen. 
Defien Löffel andern Tags umgekehrt 
gefunden wurde, der jollte in demfelben 
Jahre noch fterben. Diefe Berchtelmilch 





beſteht noch allenthalben in Bauern— 


häuſern, der Aberglauben aber iſt faſt 
gänzlich erloſchen. 

Wenn am Vincenzitag ein unver— 
heiratetes Manns- oder Weibsbild zwei 
Vögel nahe beiſammen ſitzen ſieht, ſo 
ſoll es ſich im nämlichen Jahre noch 
verehelichen. 

Wenn am Pauli-Bekehrungstage der 
Nebel hoch liegt, ſo ſterben große Herren, 
liegt er aber tief, ſo ſterben nur Gemeine. 

Am Faſchingtag muß man tanzen, 
damit der Flachs gut gerathe. 

Am Faſchingtag wird auf das Kraut 
ein Stück Speck aufgetiſcht. Einige 
Futterer pflegen ihre Portion aufzube— 
halten und geben, wenn das Vieh aus— 
getrieben wird, demſelben ein Stück da— 
von ein, wodurch das Vieh vor Hexereien 
bewahrt wird. 

Der Gregoritag iſt jener glückliche 
Tag, wo man den Ochſen zuerſt das 
Joch auflegen und ſie das erſtemal 
einſpannen muß ; dieſes erſte Einſpannen 
heißt: „einwödnen“, vielleicht ſo viel, als 
hineingewöhnen in das Joch. 

Wenn am Georgitag die Alpen: 
gebirge noch weiß find, fo wird der 
Ochs einwendig von Unfdlitt weiß. 

Wenn der Wind den Schnee bei 
den offenen Fenftern der Getreibbehält- 
niffe auf die darinliegenden Getreide: 
haufen hinweht und anlegt, fo fol die 
nämliche Frucht im darauffolgenden Jahre 
gut gedeihen. 

Am Pfingftfamftag follen die Hexen 
ihre größte Gewalt haben. 


709 


Eine Sternſchneuze oder 


Stern: | geftohlene Guet wieder an den vorigen 


ſchnuppe hält man für einen fogenannten | Pla mußt tragen, daß gebieth ich dir 
Nuten, welcher dem brennenden Licht | Dieb! Dieb! bei den 3 Nägeln, bie 


entfällt, und momit fi der Stern von 
feinem Ueberfluffe an Licht felbft reinigt. 

Am heil. Abend wird Stube, Stall, 
Scheuer, Tenne, Schupfen, Keller, jebe 
Kammer, furz jedes Behältnig mit Wald: 
rauch, Weihraud, Wacholder und Speif 
ausgeräudert. Zieht in der Scheuer der 
Rauch bei denjenigen Löchern, mo das 
Getreide zum Dreſchen herabgemorfen 
wird, fenfrecht in die Höhe, fo ift dieſes 
eine gute Vorbedeutung. Zertheilt fich 
aber der Rauch, jo bedeutet diefes nichts 
Gutes. 

Am Neujahrs: und heil. Drei:fönig- 
tag foll man mit feinem Spanlicht zum 
Tifh gehen, damit das Getreide auf 
der Wurzel nicht brandig werde. 

Am Martinitag fol man nicht mit 
Wägen fahren oder mit Rädern fpinnen, 
damit das Vieh nicht um und um gehe. 

Wenn im Herbfte um Mariä-Geburt, 
oder darnach, die Kirfchen, Weichfeln, 
Rofen u. dgl. blühen, ſoll es eine ſehr ſtarke 
Sterblichfeit für das kommende Yahr 
anzeigen. 

Ein Rezept, um geftohlene Saden 
wieder zurüdzubringen : 

„Nihm 3 neu Hufnägel, melde auf 
einen neuen Freytag gemacht, dieſe nihm 
in die Hand, hernach gehe zu einen 
Biernbaum vor: Sonnenaufgang, nihm 
den 1. Nagel und fprih: „Dir, Dieb, 
durch dein Hiern und Stirn durchſchlagen, 
daß du das geftohlene Guet (N. N.) 
wieberum auf fein voriges Ort mußt 
tragen, es foll dir fo zmider und fo 
weh feyn, nad) den Drt, wo du geftohlen 
haft und nad den Menfchen, als wie 
den Judas, der Jeſum verrathen, in 
der Höllenpein.” Nihm den anberten 
Nagel: „Dieb! den thue dir durch dein 
Lungel und Leber durchſchlagen, daß 
du das geftohlene Guet wiederum auf 
das vorige Ort mußt tragen; es fol bir 
fo zwider und wehe fein, wie den Pilatus 
in der Höllenpein.“ Den 3. Nagel: 
„Dieb! Dieb! den thue ich dir durch 
deine Füß durchfchlagen, daß bu das 


unfern lieben Herrn durch Händ und 
Füß feind worden afchlagen, daß hilf 
mir in Namen Gotted Vaters + und 
des Sohnes 7 und bes heil. Geiftes 7 
Amen.“ 

Auf das Verſchreien wird hier allent- 
halben nod) fehr viel gehalten. Der Land: 
mann nennt es „vermoanen“, oder auf bie 
Augen etwas „befömen“. Das Gegenmittel 
ift, daß man dem verfchrienen Kinde 
die Augen dreimal freuzweife mit ber 
Zunge ausleckt und dabei allemal aus- 
ſpuckt oder mit dem umgefehrten Hemd, 
auch wohl gar mit dem Beinfleidve dem 
verfchrienen Menfchen oder Thiere über 
das Geficht fährt. 

Als Vorbauungsmittel ift es daher 
no immer Gewohnheit, beim Eintreten 
in einen fremden Stall, ehe man das 
Vieh beſchaut, mit einem lauten Pfui 
auszufpeien, auch wohl bei Befichtigung 
eines Kindes oder eines jungen Thieres 
„Bott den pfüets“ zu fprechen; auch hält 
man ehr viel auf ein rothes Scharlad)- 
fledchen gegen das Verfchreien, und ge: 
mwöhnlich pflegt man fold ein Fleckchen 
den hübfhern Pferden und Füllen auf 
den Kummet zu binden. 


Bußpfalm eines Schulmeifters. 
(Altes Lied aus dem Murboden.) 


1. 


Nun will ih ein Solo fingen, 

Roll Lamento, voller Reu, 

Dies foll durch die Wolfen dringen, 

Dur die Wolfen dringen, foll dringen, 

O Maria, fteh’ mir bei, 

Will mit Thränen folmifiren, 

All mein fehwerenothen Sind, 

Und mein Stimme nicht mutieren, 

Bis daß ich, daß ich Verzeihung find" 
Verzeihung find", 


2 


Wenn der Höchſte intoniret 
Iener Himmelscorregent, 


710 


Und mein Stimme fid verlieret 
Meine Stimme fi) verlieret 
verlieret. 
Did, Maria, zu mir wend', 
Daf er mich nicht wolle ftraf'n, 
Weil ich mid in diefer Welt 
Hab’ in Sünden oft verfchlaf'n, 
Hab’ in Sünden oft verfdlaf'n, 
Wider feine, feine, feine Regul g'fehlt, 
Regul g’fehlt. 


3. 

In der Höch' hab’ falſch gefungen, 
Mas mit Hofart alordirt, 
Mit den falfchen Punkt der Bungen, 
Mit den falfhen Punkt der Zungen, 

der Zungen 
Oft der andern Ehr' berührt; 
Bald ließ id mein Stimm’ erfchallen, 
Mie ein eitles PVenus-Kind, 
Bald in tiefen Baß gefallen, 
Bald in tiefen Baß gefallen, 
In den Abgrund, Abgrund, Abgrund aller Sünd, 

aller Sünd. 


4. 

Forthin will ich Triller Schlagen, 

Der von ſich gibt hellen Ton, 

Will nad B und Kreußel fragen, 

Will nah B und Kreußel fragen, 
will fragen, 

Mann ih nur Bott fiche an. 

Did, Maria, will ich zieren 

Mit ain Lobg’fang ohne Zahl, 

Bis mit lekten Todt Sufpieren, 

Bis mit letzten Todt Sufpieren, 
Sufpieren, 

Meines Lebens, Lebens, Lebens ift Final, 

ift Final, 


In der Stubat. 
Scene aus dem Voralberger Volksleben. 


Stubat oder Nachtſtubat ift die 
gefellige abenblihe Zufammenfunft der 
Dorfbewohner in dieſem oder jenem 
Bauernhaufe. „Zur Stubati goh“ heit 
auch: die Geliebte befuchen. Im AU: 
gemeinen ift die Stubat dasfelbe, mas 
in Schwaben die „Spinnftube”, im 
Böhmerwald die „Rodenfahrt”, in 





Bern der „Kiltgang”, in Tirol und 
DOberbaiern der „Heimgarten” bebeutet. 

Wie es in der Gtubat zugeht, 
davon erzählt uns Michel Felder ein 
Beifpiel. 

Der Iuftige Kafpale kommt zur 
Thür herein. 

„Kafpale, was ift los?“ rufen fie 
ihm entgegegen, „jet mußt du gleich 
etwas anfangen, wir find nur wegen 
deiner gefommen, hallegora !” 

So mar ed immer: mo eine Ge: 
fellfchaft junger Leute beifammen war, 
mußte das Kafpale den Räbleführer 
machen, wenn ed dabei war; und wenn 
es nicht dabei war, fo wurde ed aud) 
bei weitem nicht fo luftig; denn zu fo 
etwas war es fo gut aufgelegt, als 
Einer. Immer famen ihm neue Ge: 
ſellſchafts- und Pfänderfpiele in den 
Sinn, und aud das Alte wußte er 
durch feine Iuftigen Einfälle wieder neu 
und beliebt zu machen. Eine bejondere 
Eigenschaft aller neuen Spiele, melde 
das Kaſpale einführte, war, daß da 
alles frifh aus dem Leben genommen 
war. Aus allen Verhältniffen fand e3 
das Lächerlihe heraus und mußte es 
fo zufammenzuftellen, daß ein Spiel 
daraus wurde, bei dem das Kafpale 
allemal das Schwerfte übernahm und 
zur allgemeinen Zufriedenheit ausführte. 

Nachdem fih die Geſellſchaft eine 
zeitlang mit Pfänderfpielen unterhalten 
hatte, wollte man noch „heiraten“, und 
das Kafpale mußte dabei zuerft die 
Rolle des Vaterd und dann aud die 
des Pfarrers fpielen, welcher die Paare 
eraminirt und ihnen ihre Pflichten ans 
Herz legt. AZuerft wurden Buben und 
Mädchen abgefondert; die Buben ſaßen 
auf der obern, die Mädchen auf der 
untern Bank. Nun fragte das Kafpale 
jedes Mädchen befonders, welchen von 
diefen Buben es haben wolle, und die 
Mädchen fagten es ihm ftill ins Obr. 
Das Kafpale ſetzte fih nun auf bie 
Dfenbanf, und die Buben famen einer 
nad) dem andern und fragten um bie 
väterliche Erlaubnif zum Heiraten. Das 
Kafpale lobte den einen, tadelte den 


nA 


andern und fagte dann zulegt zu allen, 
fie könnten gehen, und gab ihnen aud) 
noch etwa einen guten Rath mit, natür= 
lih alles fo, daß man Laden mußte. 
Zum Schmied jagte es, er folle fein 
Weib nur gleich nad) der „Hohzig“ an: 
binden, wenn er eine überfomme und 
al3 der Schmied willen wollte, warum, 
fagte ed: „Weil dich feine nähm’, 
wenn fie nicht zum Anbinden närrifch 
und verrüdt wär’.“ Zum Sennen fagte 
es: „Er fol blos auf Eine mit viel 
Geduld ſehen, Vermögen habe er felbit 
genug.“ 

So fagte es zu Jedem, was ihm 
grad in den Sinn fam, und das war 
allemal etwas Spaßiges. Jedoch etwas 
Unſittliches hörte man vom Kaſpale 
nie. Der Senn ging vom Kaſpale zum 
Bäbele, und er hatte die Rechte gerathen. 
Von den andern Buben errieth keiner 
diejenige, welche ihn vom Kaſpale ge— 
fordert hatte. Das Kaſpale legte nun 
ein weißes Hemd über das andere Häß 
(= Gewand; altdeutſch: häz, haeze) 
an und nahm als Pfarrer den Sennen 
und das Bäbele ins Examen, wobei e3 
wieder viel zu laden gab. 

Dann nahm es ein dickes Bud in 
die Hand, ftand mitten in die Stube 
und fagte, e8 wolle jet den Glüd: 
lien, die nichts überfommen haben, 
nod eine Troftrede halten. Es ſchlug 
dad Bud auf und las, oder that doch, 
als ob es leſe: „Im derjelben Zeit 
nahm der Herr ein Scheit und prügelte 
das Weib; dazu Fam ber Knecht und 
fagte: „Das ift Recht!“ Und nun hielt 
es eine Predigt, worin die Weiber und 
Mädchen nicht gerade am beiten weg— 
famen. „Als Gott den Adam 
erſchaffen hatte“, fing es an, „da fagte 
er, es fei alles gut; aber bei der Eva, 
da hat er nichts mehr fagen mögen. 
Es ift dem lieben Gott mit dem erften 
Weib vermuthlich gangen wie dem 
Grützbauer in der Au, den hat man 
einmal gefragt, wie ihm ſeine Magd 
gefalle? Da hat er geſagt: „J lob' 


ber ſind grad wie die Luſtnauer Salb': 
ſie ziehen alles Böſe an ſich und — 
behalten es. So lang ſie den Männern 
gefolgt haben, find fie recht geweſen, 
und ich weiß ganz gewiß, daß früher 
die Weiber befjer geweſen ſind, als 
jetzt; denn ſolche, wie man jetzt an 
vielen Drten findet, darf man nicht 
glauben, daß Gott im Anfang erfchaffen 
habe. Das wär’! Gottesläfterung, wenn 
man ihm jo etwas zumuthen wollte.“ 
— Dann fagte es noch: „Im Alter 
fei es nüßlich und gut, wenn man noch 
mit Einer heirate; denn zum erften 
werde dann die Luft am Zeitlichen und 
die Furt vor dem Tode Fleiner, und 
es fünne fih Einer dadurch auch das 
Tegfeuer abverdienen. Alle, welche ver⸗ 
heiratet geweſen ſind, werben im Him⸗ 
mel als Martyrer behandelt; aber bie, 
melde zweimal heiraten und Weiber 
nehmen, werben vom heiligen Petrus 
fhon vor der Himmelsthür für verrüdt 
erflärt und zu den ungetauften Kindern 
gefickt, denn Narren fann man im 
Himmel feine brauchen.” — Mit die: 
fen Worten ſchloß es unter allgemeinem 
Beifall die Predigt. — Nun follten 
der Senn und das Bäbele noch tanzen, 
aber das Kafpale hatte heut’ die Bither 
daheimgelafien, daher mußte man jeht 
einen Walzer fingen. Buben und 
Mädchen ftanden in einem „Ring“, das 
tanzende Paar trat in die Mitte und 
man fang: Die Spielleut’ find kommo, 
die Spielleut’ find da 
Und da3 Ende war: 


. er.“ 


tanzen. 


Beim Herrn Bruder auf ber Jauſe. 
Ein Schwanf von P. 8. Rofegger. 


Sollte e8 zwar nicht erzählen, denn 
ih hab's nicht gefehen. Sie ſchloſſen 
ſich dabei ein — der Herr Pfarrer von 
Seferding und ſein Bruder der Hoch— 
bergreichhofer. In der Oberſtube ſaßen 
ſie und ließen ſich's gut geſchehen und 
ſpielten Karten. Aber nicht etwa ein 


ſie nöd und ſchelt' ſie nöd', und wer verbotenes Spiel! — i bewahre — 
fie lobt, der kennt ſie nöd.“ Die Weis | beim Pfarrer! „Brandeln“, „Zwicken“, 


712 


ein wenig „Maufcheln“ mitunter, das „Grüß Di, grüß Did, Bruder!“ 
war der Seitvertreib- empfing ihn der Pfarrer, „ſetz' Dich 
„Na, id dank’ ſchön für einen doch auf Deinen Plag.“ 
folden Zeitvertreib!" fagt zwar der| „Aber immer auf bem Polſterſitz, 
Hochbergreichhofer, kommt aber nichts: | nein, Bruder, das geht doch nicht; ber 
deftomweniger jeden Sonntag von feinem | geiftlihen Weih' gehört die Ehr' zu!” 
Berg herab, läßt fi zur Jaufe laden, |, „Bitte, Du biſt der Gaſt! nur 
verſitzt den ganzen Nachmittag bei feiz ‚feine ſolchen Umſtände!“ 
nem Herrn Bruder und verſpielt jedes⸗ So oftmals der edle Wettſtreit, 
mal fein ganzes Geld. bis endlich Jeder ſtets wieder auf dem 
——— er Reis anf bem alten "led faß bei der Gottesgab und 
Ehrenplatz ſitzen, an der Wand auf beim Gebetbuc * —— a 
weicher Lederbank, während der Pfarrer nn -.. nee gen ger 
* ee ai F bratene — * = ſchob wi 
angedeutet worden — ganz abgeſchloſſen erde ni die En * 
waren ſie doch nicht von der Welt. Die Br : j 
Köchin durfte in die Oberſtube — und Res — 
das lohnt ſich im Pfarrhof immer, denn felten u ftehen. Oft genug Fam 
mit leeren Händen erfcheint fo ein Frau: ihm ein ji Sn f in J —— 
chen ſelten. Sie iſt ja Herrin der Küche — geiftfiche Be fpielte mit fo 
und Allem, was dazu gehört, und an Schlauer — dat ber Bauer 
ihrem Schürzenband hängen die Keller: einmal tief: a bet Bruder, geift- 
ſchlüſſel. Was alfo den alten Wein Mash anzemmn Bon 
anbelangt — er war ein Jahrgänger * asien — DR IHR HE 
mit dem Hochbergreichhofer, der in dem * "Rapp! lachte der Pfarrer, „das 
Befer Weit getommen mac — unp man | it 0 anders maden. Rimm für's 
die gut geräucherten Schinken betrifft nn ift a — 
und den Gugelhupf und den Kaffee, und "ober was id Dir ſagen wollt’ 
dann den wohlgetrodneten Anafter, den fie — Am nächften —— eh’ nicht 
aus langen Pfeifen rauchten, jo fonnte aha Prebi t, ich rath' we 
der brave Hochbergreichhofer das Sonn: Ja börft meärveg. foll ich — 
tagsſpielchen bei ſeinem Herrn Bruder nicht in Die Predi t gehen 2“ 
nimmer mifjen. Mit Speif’ und Tranf Weißt re lite Sonntag 
ſuchte er ih, fo gut es ging, zu ent» ift daB Evangeli von dem ungerechten 
ſchädigen für bie Zwanziger, bie aus Haushalter * da muß —* einmal 
ſeinem weltlichen, hundsledernen Geld— egen das Karienſpielen predigen. Die 
beutel allzu hriftlichen Sinnes dem geift: en wiffen — Baffion a 
lihen Herrn zufprangen. Der Hochberg— Dir unangenehm fein in — Kird'.“ 
reichhofer hatte doc das Kartenſpielen Gin gs Hochbergreichhofer alfo 
von jugend auf getrieben und war nicht :., : gr er E Q ge 
arg dabei zu Schaden gekommen. Aber Tage a rer in's 
im Pfarrhofe verfagte ihm das Glüd. niebergangen heut”, höllij fharf und 
Trogdem ging er jeden Sonn und |feinen Bruder hat er gemeint. ft er 
Feiertag zum Nachmittagsfegen und nicht in der Kirch’ gewejen, der Hoch— 
machte nad) demfelben den Fleinen Be: | bergreichhofer ?“ 
fud) beim Herrn Bruder, den er erft Der aber ging wie gewöhnlich zum 
fpät Abends häufig mit etwas verrüd: | Nachmittagsfegen und hatte richtig fein 
tem Schwerpunkte verließ. \ eigenes Spielfartenbüfchel bei fih. Er 


713 


traute dem Herrn Bruder nicht mehr noch lieber geweſen!“ fagte der Hoch— 
recht; der hatte beim Spiel auch immer | bergreichhofer. 


einen fo fchiefen Blid, jah ifn an und 


ſah doch wieder an ihm vorbei — ein | Pfarrer und lachte noch immer, 


„Geh, gift? Dich nicht!“ rief der 
„laß' 


rechter Judasblick, die geiſtlich' Weih' uns jetzt eſſen und trinken, 's wird eh 


in Ehr'! 


das letztemal ſein, daß Du die Jauſe 


Und als er in die Stube trat, rief zahlſt.“ 


der Pfarrer: „Na, grüß Di, Bruder, 
ſetz' Dich wieder auf Dein Plagl. Haft 
Karten bei Dir?“ 

Sie jpielten mit den Karten des 
Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte 
wieder ben fchielenden Blid, der dem 
Partner wohl über die Achſel, aber 
nie ind Auge fehen fonnte, und der 
Bauer verlor, wie immer. Da kam 
diefem plößli der Zorn: „Was fchauft 
mir denn nicht in's Geſicht, Pfarrer ? 
haft ein fchlehtes Gewiſſen?“ 

Zum Glück fam in diefem Augen: 
blif die Köchin mit dem gebratenen 
Huhn. Sie war noch ein recht reputir: 
liches Frauenzimmer und allerweil wol: 
tern nett angezogen. Heute hatte fie 
gar eine Pfingftrofe im Haar, that 
einen Bli über den Hocbergreichhofer 
bin an die Wand und ordnete die Nofe. 

Was denn da ift an der Wand! 
dachte der Bauer, wendete fih und fah 
— den Spiegel. 

Die Fauft mit dem Kartenfächer 
feſt auf den Tifch gepreßt erhob er ſich 
langſam — ftarrte in den Spiegel, in 
weldem fein ganzes Kartenfpiel offen 
lag — ftarrte dem Pfarrer ind An: 
gefiht und murmelte: „Seht, Herr 
Bruder, jeßt bin ich gefcheidt., Ja, hörft, 
wenn Du einen Kameraden haft, der 
mir in die Karten fchaut, nachher — 
nachher glaub’ ich’3 gern!“ 

Der geiftliche Herr that einen fchred: 
haft lauten Lader. „Endlich !* rief er, 
„endlih einmal! Na, Zeit ift es, daß 
Du gefheidt worden bij. Hätteft mir 
aber noch eine Weil’ ftillgehalten unter 
dem Spiegel, wär’ mir nicht unlieb 
gewejen, hätten von Deinem Gelde noch 
lange gut aegefien und getrunfen.* 


„Und wär’ Dein Spitbubenftüdel 
gar nicht aufgelommen, fo wär's Dir 


Nothe und weiße Rofen. 
Bon Alfred Friedmann. 


Im Iahresmai, im Lebensmai ! 

Wie fahen traulich jene Zwei, 

Die ſich gefucht und fi gefunden 
Und die im Kuffe ſich verbunden! 
Ein junges Blut, ein junges Lieb — 
Da fchilt nicht Eins das Andre „Dieb“, 
Wenn unter tiefem Athemholen 

Sie lange Küffe fi geitohlen. — 
Der Himmel blaut, die Lerche fingt, 
Wenn Eins des Andern Athem trinkt; 
Die Roſen bilden Schattenlauben, 
Die Liebenden dem Blid zu rauben; 
Die Sonne fteigt, der Tag ift warm, 
Die Liebe fchläft der Lieb’ im Arm! 
Ihr Haupt ift an fein Herz gefallen, 
Der Abend wedt die Nadhtigallen, 
Die Nahtigall fingt ihrem Lieb’; 

„O dab doch Lieb’ aud ewig blieb’! 
Sie Magt fo füh in NRofenheden, 

Sie will die Schläfer ja erweden ; 
Sie follen unterm Duft der Rofen 
Die laue Frühlingsnacht verkofen : 
Drum lodt fo füh die Nadtigall 
Mit ihres fchönften Liedes Schall. 


Im Iahresmai, im Lebensmai, 

Da küffen wieder jene Zwei! — 

Die Kinder find nın Mann und Weib. 
In Blüthe prangt der Liebften Leib, 
Die Rofen find nun aufgegangen. — 
Nach ihrem Bufen voll Verlangen, 

Nach ihrem braunen Wellenhaar, 

Beugt nieder fih die Roſenſchaar. r 
Sie gaufeln in dem Sommerwind 

Um junge Gatten, leis und lind, 

Und jhämig birgt die junge Frau 

Ihr Haupt an feiher Bruft: „O ſchau'“, 
So flüftert fie, „die Rofe fiel, 

„Vom Zweig gelöft durch unfer Spiel, 
„Bier zwiſchen Deine, meine Bruſt 


714 


„Und ward zerdrüdt in unfrer Luft! 
„Du lieber Mann, Du guter Mann, 
„Ih will in's Ohr Dir flüftern leiſe 
„Wohl eine fremde, neue Weife: 

„Wie id nun an Did angefchmiegt, 
„Wie zwiſchen uns die Rofe liegt, 

„So mag's geſcheh'n auch über’s Jahr, 
„Daß ih Dir bring’ ein Röslein dar — 
„Daß Dir am Herzen, liebfter Mann, 
„Ein füßes Kindlein ruhen kann!“ 


Und Sommer iſt's im andern Jahr, 
Bei Rofen fteht das junge Paar! 

Die Sonne fheint im hellen Lichte, 
Der Wind vom Wald bringt Duft der Fichte, 
In Bweigen fingt die Sängerfchaar. — 
Die treuen Gatten ſteh'n umſchlungen, 
Bom alten Laut und Ruf umflungen. 
Die junge Frau ift blak und bleich, 
Des Gatten Auge thränenreid. 

Sie fteh'n im Sommer unter Rofen, 
Die Lippen wiffen nichts von Kojen, 
Sie zuden nur in wehem Schmerz: 

Da drunten unter weihen Moofen 

Und kalter Erd’ und Heinem Stein — 
Schläft ftill ein glücklich Kindesher;, 
Gar früh entrüdt dem Glück, der Pein. 
Es weiß nichts von dem Lenz der Liebe, 
Nichts von dem Leiden, und dem Glück, 
Nichts von Erinn’rung, die ihm bliebe, 
Säh's nad) der Jugend einft zurück! 
Es war ein NRöslein, das zu frühe 
Beglaubt, dab jhon die Sonne glühe 
Und das gewelft, noch eh's geblüht! 

O allzugläubig’ Lenz.Gemüth! — 

Die jungen Gatten knieen ftill 

Und weinen auf des Kindes Grab. 
„Ob noch ein Möslein blühen will?" 
&o rufen leife fie hinab. — 

„Wir wiflen’s nicht, wir halten ftill, 
„Und fagen traurig: „Wie Gott will!” 


Juni. 


Wärme, Liht und Blumen! Men: 
ſchenherz, jet freudig fein! Die Sonne 
it jo Hoch geftiegen, daß du faft 
ſchattenlos daftehft zur Stunde des 
Mittags. Licht ohne Schatten — wie 
nun alles volllommen ift! Unb um 
Mitternacht reihen fih auf hohen Ber: 


gen der Abend und der Morgen die 
Hände. uno, wie mußt du bei den 
Alten in Ehren geftanden fein, daß 
man dir den herrlichſten Monat hat 
geweiht! Junius Brutus, wie mußt 
du kühn geweſen fein, daß du dir den 
göttlichften Monat des Jahres haft 
zugeeignet. Was ift Maien das Wer: 
den gegen uni dem Sein?! Wir 
leben und jaudzen Alle. Rofen und 
Sonnenftrahlen, die Kinder der Erde 
und des Himmels vermählen fi. Aber 
dad Waſſer ift der Blume erflärter 
irdifher Bräutigam; ala  neidifcher 
Nebenbuhler fteigt es auf und verbedt 
als Wolfe die Sonne, daß es dun— 
felt. Da fchleudert der Himmel zornig 
den Blig, denn e3 darf fein Dunfeln 
fein zu dieſer gejegneten Zeit. Die 
Wolfen find zerriffen und das blaue, 
treue Auge Gottes blidt wieder feine 
reihe Erde an und feine jubelnden 
ſchluchzenden Menfchen und eine Stimme 
Eingt durch die ganze Welt: Ihr feid 
Alle mein! — 

| Der Sandmann baut und betet ; 
|der Landfahrer wandert und jubelt — 
aber auf den Wiefen fchrilft die Senfe, 
und die Blumenfeldhe finfen und gießen 
ihren funfelnden Thautropfen auf die 
Erde — meinend, im Sterben nod) 
befruchtend. 

Die Kirche prangt feit den Dfter: 
tagen her in ftetem Jubelkleid und 
weiß ihrer Freude fein Ende. Im Mai 
Ihmüdt fie das holde Frauenbild der 
Jungfrau und Mutter mit jungen Ro: 
fen und glimmenden Ampeln. Dann 
fährt der Herr zu den Himmeln auf. 
Dann ſchwebt der göttliche Geift zu 
den Menſchen niever. Dann mwallt ber 
Siegeszug des heiligften Saframentes 
über die blühenden Auen. Dann begehen 
die zwei größten Märtyrer Petrus und 
Paulus ihren glorreihen Ehrentag. 

Natur und NKirhe find in ihr 
größtes Pathos getreten. Aber auf 
den Dörfern, wo fi für den Sommer 
die Herrfchaften niebergelafjen haben, 
fpielen fi allerlei Stabtgefchichten ab; 
und in der Stadt, zwiſchen dem Sol— 


715 


daten und der Köchin vom Land tra- 
gen ſich reizende Dorfgefhichten zu. 

Emporwachſende Knaben ftreben den 
zwitfchernden Vöglein nad. Mädchen 
mit fünfzehn Jahren fragen unmifjende 
Blümlein — während die Antwort zu 
tiefft verborgen im Herzen feimt, 

Es ift ein buntes Vermwandeln und 
ſchönes Verwandeltfein — es ift der 
Juni, der Öotteötag mit feinem war: 
men Herzen, mit feinem, lichten Auge, 
mit feinen buftenden Rofen, die mor⸗ 
gen ſchon in der leidenſchaftlichen Gluth 
des Hochſommers — vernichtet find. 


Bücher. 
Bibliſche Sterne. 
Drei Idhllen von Alfred Friedmann, Ham— 
burg. 3. F. Richter. 

Diefes Buch hat ein Poet in feinen 
weihevolliten Stunden gefchrieben. Es 
ift eine dreifache Roſe voll Farbengluth 
und beraufdhenden Duft — fie ift 
emporgewachſen aus den üppigen Wild: 
gärten der Bibel. Man behauptet, die 
wunderfamen Gewächſe biefer uralten 
Wildgärten wären heute‘ vermodert oder 
verfteinert und hätten nichts mehr gemein 
mit ber PVegetation der Gegenwart. 
Anders iſt's! Die Bibel befeelt noch den 
allergrößten Theil des heutigen Ge: 
ſchlechtes; der Theologe glaubt auf fie, 
der Poet fühlt fie — lebt fie. Milton, 
Geßner, Klopftod haben der Bibel Denk— 
male geſetzt noch in unferen fpäten Jahr: 
hunderten. Und nun ift neuerdings ein 
Dreigeftirn aufgegangen aus den Silber: 
nebeln des Morgenlandes. 

Hagar, das mit dem Finde von 
ihrem Herrn verftoßene und in der Wüſte 
verſchmachtende Weib; Nuth, die ähren: 
lefende, die den Gatten verlor und ben 
Gatten findet; und Jephthahs Tochter, 
das Opferlamm, vom fiegenden Vater 
zum Lobe des Herrn dem Tode gemeiht, 
das find die drei Bilder, die uns Alfred 
Friedmann in vollendeter Form vor 
Augen führt. Wie erzählt er von Hagar 
der Verftoßenen : 


„— Fern wie ein Traum war der Baum mit 
der Dittiel 

Und das Waffer wie eine verfdollene Sage! 

Und die Zunge vertrodnete ihr im Munde 

Und fie konnte nicht beten. 

Da weinte Hagar. 

Und es füßte das Kind ihr die Thräne dom 

Auge, 
So fid) nepend die Lippe, 
Und es lächelte wieder.” 


Aber ein Quell fprubelte auf und 
labte Mutter und Knaben. Denjelben 
Knaben, der in Zukunft: 


„— Xermählt im Lande Egypten, 

Der gewaltige Held, eines wilden Geſchlechtes 
Stammpater, 

Verwildert, verbittert, feine Hand wider Alle, 

Wider ihn Aller Hand — 


. — — — — — — 


Weil einmal ein Vater den Sohn hat verſtoßen, 


Und nimmer erliſcht der Streit, 
Und ſtets iſt erhoben 
Gegen Abel die Hand des Kain.“ 


So ſchließt die erſte Dichtung. Um 
ſo freundlicher iſt die Idylle von der 
jungen Witwe Ruth, die mit ber gebrech— 
lichen Schwiegermutter Na&mi wandert: 


„Sage, was ift mir die traulihe Heimat ? 
Mehr als Vater und Mutter 

Lieb ich die Mutter des Gatten, 

Den einft du geboren 

Mir zum Glüd und zur Luft!” 


So ſchön ift eine Schwiegermutter 
faum jemalö befungen worben. Aber 
den fräftigen Mann Boas, den Herrn 
der Felder, auf denen fie Aehren ge 
fammelt, fcheint fie nicht minder lieb zu 
haben ; denn fie 


„— baute verftohlen im ſchweigſamen Wintel 

Dem Boas ein Lager. 

Auf duftenden Garben verbreitend den Teppich, 

Den ferne im Land der Egypter gewirkten, 

Befprengt fie die Stätte mit Myrrhen, Eyn- 
namen, 


‚Und Alos rings 
| Und reihet die Polſter. 
| Sie zündet die Ampel und fpeift fie mit Dele 


716 


Und richtet das Maffer zum nächtlichen Trunke, 
Dann? ſchlüpft fie verftohlen zum Haus der 
Naömi.“ 


Das Geſchick erfüllt fih bald; Boas 
wirbt um das braune Meib, 


„Und im Arme des Bons lag Ruth, 

Das Haupt an der Bruft ihm geborgen, 
Wie ein feliges Kind am Kerzen des Vaters 
In wonnigem Traum, 

Und erwachend zu fchönerer Wahrheit.‘ 


Die letzte Idylle aber, „Die Tochter 
Jephthahs“, ift voll Blut und Fluch 
und Schmerz. Die Klage der von ihrem 
Bater zum Schlachtopfer beftimmten 
Jungfrau ift tief ergreifend: 


„Sebt, es ift Morgen und Frühling! 
Der Tag bricht erft an, und das Jahr ſchmückt 
fih neu 


Mit Schlüffelblumen und Beilden ; 


Ich bin der Morgen, der Tag, 
Die Schlüffelblume, die öffnet 
Dem werbenden Manne die Quellen der Selig- 
feit! 
Ih bin das Veilden, das duftend ſich jehnt 
nad der pflüdenden, fofenden Hand; 
Bin der leuchtende Frühling, 
Der fi die langhinflatternden Locken durd)- 
mwindet 
Mit des Verlangens duftigem Flieder, 
Mit der Roſenknoſpe der Liebe! 
— Und ich muß dahin vor der Beit! 
Darf nicht enden den Lauf glei dem Tag 
bis zum Abend, 
Nicht fchlieken den Areis wie das rollende 
Jahr, 
Beladen mit goldenen Früchten des Herbſtes, 
Pin ein im Erblüben zertretenes Veilchen, 
Eine Blüthe, gebrohen am Rand noch des 
Winters, 
Ein Mädden, das nie von der Liebe erfannt 
ward; 
Ich muß dahin in die Naht vor der Zeit, 
Und fterben im Glanz meiner Jugend.” 


— — — — 


Die Gefpielinnen fuchen fie zu tröften, 
indem fie ihr bie Eitelkeit diefes Lebens | 
vorhalten, während fie felbjt erzittern | 
vor dem Donner eines Gemitters. 


| Sei 





„Aber als fiegreih die Sonne über die Berg- 
gipfel trat, 
Klagten die Mädchen in Irael all’ um die 
füßefte Freundin, 
Und entgegenwallte der ladjeuden Sonne 
Ein Wölkchen voll Duft von Narden und 
Myrrhen, 
Das nahm in der Luft einer Jungfrau Ge— 
ftalt an 
Und ſchwebte hinauf zu den Fernen des Aethers, 
Ein Brandopfer gläubiger Menſchen, 
Vor den Thron des alleinigen Herrn.” 


Mit den „biblifhen Sternen“ bat 
der Verfaffer der älteren Dichtungen 
„Savilia”, „Aus Hellas," „Merlin 
und Orpheus“ feinen Namen ala den 
eined echten Poeten genugſam bezeichnet. 

R. 


Aus Halb-Aſien. 


Culturbilder aus Galizien, der Bukowina, 

Südrußland und Rumänien von Karl Emil 

Franzos. venn Duncker und Humblot. 
1876. 2 Bände, 


Ueber ein Bud, wie das vorlie- 
gende, die recenfirende Feder anzufeßen 
ift ſchwer, denn dieje Skizzen, Novellen 
und Novelletten, welhe der Verfaſſer 
dem Publiftum vorführt, bewegen fi 
auf einem Terrain, dad Niemand fo 
fennt, als eben nur Franzos; ein Ver: 
gleih mit anderen Erfcheinungen der 
Literatur ift nicht möglid, denn jedes 
Stück, das uns hier geboten erfcheint, 
ift einzig in feiner Art, bes eigen: 
thümlihen orientalifhen Charakters 
wegen, der diefen Erzählungen — foldhe 
find e8 zumeift — aufgeprägt erfcheint. 
Dabei liegt ein ganz jeltfamer Far— 
benton über diefen Bildern auögebreitet. 
Der ungarifbe Maler Munkacsi befigt 
die Eigenthümlichfeit, allen feinen Ge: 
mälden gewiſſe büftere, hellgraue, nie— 
derfchlagend wirkende Töne zu verlei- 
en. An diefen Maler erinnern bie 
Eulturbilder Franzos’ in ihrem Tone. 
e8 nun, daß die gefcilberten 
‚Gulturbilder genau dem Leben nad: 
| gezeichnet, ſei e8, daß fie ibealifirt 
‚find, als Novellift fteht Franzos be: 


717 


beutend da. Man Iefe nur etwa die | ger der Naturwiſſenſchaft nimmt er 
Erzählungen: „Der Aufftand von Wo: | dem Thiere den Inſtinkt, als Dichter 
Iowce”, „Jancu der Richter”, „Der gibt er ihm die Seele; e8 iſt ganz 
lateinif de Kanonier“ und „Der Richter | genau die Seele des Menſchen, nur 
von Biala“. Alle fpielen, wie ſchon der | etwas Feiner. Er zeigt in dem geifti- 
‚Titel des Buches andeutet, auf demfel- | gen Leben der Ameifen, der Bienen, 
ben Boden, es find Gabinetzftüde der | der Weſpen, der Spinnen, der Käfer 
Erzählungstunft, pſychologiſche Meifter- |u. ſ. m. ganz Ddiefelben pfychologifchen 
werfe im engften Rahmen. Dieje ge | Gefehe und Vorgänge, wie wir fie an 
Inechteten, gemarterten Bauern zeigen |uns jelbjt finden. Wer follte das aud) 
uns oft eine Seelengröße, wie wir fie | beftreiten wollen? Und anderjeits, wer 
vergebens bei ihren ‘Beinigern, den |follte es glauben, wie auferordentlid) 
Herren, ſuchen. Barnow, das „jtaubige, | wunderbar fi das Geiftesleben dieſer 
ſchmutzige“ Barnow, der Geburtsort | fleinen Wefen offenbart ? Wer das Thier 
des Erzählers, ift häufig der Schauplaß | nur par renommee fennt — und felbft 
von Franzos' Erzählungen, mitunter |unfere älteren Zoologen fonnten ſich 
aber aud nur ein armes, elendes Dorf, | einer näheren Bekanntſchaft mit vemjelben 
in dem und nur die Kunſt des Erzählers | faum rühmen — der möge fih durd 
Terrain und Perfonen interefjant machen | 2. Büchner's Werk anregen laſſen zu 
kann. Auch dem Humor weiß dieſer näheren Beobachtungen der Ameiſen— 
Rechnung zu tragen, man leſe „Koſſuth- | haufen, Bienenkörbe, Spinnenneſter ꝛec. 
Jagden“, „Nur ein Ei“, wenn man Allerdings, wenn das Intereſſe für 
ſich nad) manchem trüben Bilde, deren dieſe lebendigen Bücher der Natur an 
wir fo viele hier finden, heiter ftimmen | Allgemeinheit gewinnt, fo wird die Cen- 
will. Ethnographifche, Reife-Skizzen und | fur die Ameifenhaufen ftreichen, der 
dgl., wie „Von Wien nach Czernowitz“, Staatsanwalt die Bienenftöde confis- 
„Rumänische Frauen”, „Im Hafen von |ciren wollen, denn die Confequenzen 
Odeſſa“ wechſeln mit den erzählenden | diejer Studien wären Revolution und 
Stüden ab und zeugen von der feinen |rother Communismus. Büchner legt ung 
Beobahtungsgabe und von der vollen |eine gejellihaftlihe Drganifation nad 
Gewalt über die Darjtelung, welche dem Mufter der Ameifen und Bienen 
ihm zu Gebote fteht. Ein feingezeich: |nahe. Allein nah Darwin und Hädel 
neted Literaturbild über den Ruſſen | hat der Menih all’ diefe Wandlungen 
Nikola] Pamloff beſchließt das Werk. | des Thierreiches ja längſt durchgemacht 
i Pr. Säloffar. — wozu wieder niedertaudhen in einen 
— Abgrund, in welchem es ihm nicht ge— 
fallen hat! 
Aus dem Geiſtesleben der Thiere. Praftifches läßt ſich von den Amei- 
Bon Dr. Ludwig Bühner. 4. Hofmann, | fen und anderen Thieren für und — 
Berlin. fürdt’ id — nicht viel profitiren; 
Der Gelehrte geht voran, der Poet trotzdem bleibt das Studium derjelben 
folgt in ein neuentdedtes Reich der | unendlich intereffant und lehrreih und 
Seelen. Menſch und Thier ift eins ge | gewährt poetischen Genuß. 
worden. Wem es nicht gefällt, zu fa: 
gen: die Seele des Menſchen ift fterb- 
ih, der fage: die Seele des Thieres ’ : 
ift unfterbfih. Es kommt — Verfehlte Liebe. 
hinaus, es ift die Weltſeele und Deus | Roman von Hans Hopfen. (Eduard Hall- 
est anima brütorum. berger, Stuttgart.) 
Ludwig Büchner ift in feinem Buche Bor Kurzem trat Hans Hopfen wie: 
Gelehrter und Poet zugleid. Als Jün: | der mit einer größern Erzählung in die 





718 


Deffentlichkeit, die gewiß nicht verfehlen | ganze Religionsfyftem zu ftürzen drohen ! 


wird, auf die deutſche Leferwelt einen 
tiefen Eindrud zu machen. Der neue 
Roman des beliebten Schriftftellers hat 
ein Lebensbild aus jenem fernen ſlavi— 
fen Dften zum Gegenftande, wo bie 
Gultur des Abendlandes mit der urwüch⸗ 
figen Leidenfchaft und Barbarei der jun: 
gen öſtlichen Völker ſich berührt und 
merkwürdige fociale Verhältniſſe ſchafft, 
die ein reiches, leider noch fo wenig 
angebautes Feld für die poetifhe Dar: 
ftellung bieten. Sold’ einen dankbaren 
Stoff hat unfer Autor, der ſchon in 
feinem Roman „Verborben zu Paris“ 
ein treffliches Talent bewies, fich in ben 
Charakter eines fremden Volles ganz 
hineinzudenfen, hier mit Glüd bearbei- 
tet und eine Dichtung gefchaffen, melde 
dur die Fremdartigkeit der Scenerie 
und die Driginalität ihrer Geftalten, 
burch die Spannung und die tragifche 
Gewalt der Handlung, wie durd ihren 
tiefen fittlihen Gehalt volle Beachtung 
verdient. 





Herder als Vorgänger Darwins und 
der modernen Naturphiloſophie. 
Beiträge zur Gefhichte der Entwidlungslehre 
im 18. SIahrhundert von Friedrich von 
Bärenbad. Verlag von Theobald Grieben, 
Berlin. 

Obwohl der Verfafler diefer Schrift 
Herder in der Claflifer- Trias neben 
Goethe und Schiller im Bunde den Drit: 
ten nennt, hält er ihn doch für feinen 
bedeutenden Dichter. Um fo höher ftellt 
er ben Generalfuperintendenten von 
Weimar als Philofophen. Bärenbach 
fucht zu bemeifen, daß Herder in feinen 
„Seen zur Geſchichte der Menfchheit“ 
ein Prophet der neuen Naturphilofo: 
phie, mit den bebeutendften Theſen Dar: 
wind und Hädels faft mwörtlid über: 
einftimmt. Und diefe Uebereinftimmung 
erfcheint oft wirflih jo frappant, daß 
man fih wundern muß, mie unfere 
Gelehrten bis heute nit darauf gefom: 
men find. Wer aber hätte bei dem 
frommen Prebiger des 18. Jahrhun⸗ 
derts jene Ideen gefucht, die heute das 


Indeß redet Bärenbadh in feiner Schrift, 
trogdem fie fi durchaus auf den Grund: 
lagen der Naturphilofophie erhebt, dem 
Deismus das Wort. Er ift nicht eben gut 
zu ſprechen auf „jene falfhen Propheten 
der Aufklärung, welde im Halbdunkel 
fortarbeiten” und über die „nur auf dem 
Wege der Forfhung zu erlangende 
Wahrheit von Stadt zu Stadt popur 
läre Vorträge halten und feuilletoni- 
ftifche Werke fchreiben, deren Tendenz 
die Berftörung alles Traditionellen, Die 
Ausrottung aller religiöfen und philo— 
fophifchen Sittenlehren, die Verbreitung 
einer cynifch = fleptifchen Zwitterphilofo= 
phie ift; — Leute, welche viel Unheil 
anrichten und feimende Bildung und 
Wiſſenſchaftlichkeit zerftören“. 





Liebesgaben. 

Poeſien und Novellen-Album. Redigirt bon 
Auguſt Naaff. Komotau, Brüder Butter. 

„Ad, Gnaden auszutheilen ift fo 
ſchön, und wer's vermag, der follt’ es 
nicht verfäumen !* fagt Robert Hamer: 
ling eben in diefem Bude, dad den 
Nothleivenden im Erzgebirge gewidmet 
ift. Das Merk enthält Novellen und 
Gedichte bedeutender Autoren. A. Meip- 
ner, R. Hamerling, F. Stamm, D. 
Teuber, A. Naaff, F. Pichler, F. v. 
Steinwand, M. Halm, €. Franzos, 
U. Woumermans u. f. w. haben Lie 
besgaben auf den Opfertiſch gelegt, 
und nicht etwa Heller ober Groſchen, 
fondern meift Spenden von bleibenden 
Werth. — Du glüdfeliges Buch! wer 
dich gibt, thut eine Wohlthat, wer dich 
nimmt, thut auch eine. 





Der Lehrer als Arzt. 
Serandgegeben von C. W. Adler. (Wien, 
V. Sranzensgaffe Nr. 25.) Selbftverlag. 

Seit einem Jahre die 4. Auflage 
(zu 1000 Exemplaren), das lobt mehr, 
als die Begutachtung des Laien. Wir 
ermefien nur, wie nöthig es ift, daß 
der Lehrer — dem zu allen Jahres: 


719 


zeiten und unter allen Umftänden die 
Kinder über Berg und Thal zugefchidt 
und anvertraut werden müflen — aud) 
auf das förperlihe Wohl der Kleinen 
ein Auge hat. SHilfeleiftung bei plöß: 
liher Erfranfung des Kindes ift feine 
Kurpfufcherei; der Arzt ift oft ftun: 
denmweit entfernt, wie gut, wenn ber 
Lehrer für den Moment Beſcheid und 
auch jenen medanifhen Schäden zu 
begegnen weiß, melde beim Spielen 
im täglichen Berfehr der Kinder unter 
einander entftehen fönnen. Obengenanntes 
Heft mit vem Motto: „Einfach und wahr“ 
gibt in wenigen Blättern das Wichtigite, 
was hierin der Lehrer zu beobachten 
hat. Vierzig vorzüglich ausgeführte Holz: 
Schnitte erleichtern da3 Verſtändniß des 
Tertes. Auch der gebildetſte Lehrer 
und SKinderfreund wird es nidt ver: 
ſchmähen, ſolch' ein Feines Nahichlage: 
buch in der Tafche zu haben. 





Jahrbuch des öſterreichiſchen Tou— 
riſten-Clubs in Wien. 
Bei A. Hölder, Wien. 


Dieſes Bud) ein altbekannter, will: 
fommener Gaft! Hoc interefjant find 
die Abhandlungen über die Sann- 
tbaler Alpen von Dr. %. Friſchauf, 
und „daß Gletſchereigenthum“, 
eine alpine Rechtsfrage von Dr. 8. 
Scieftl. Diefen beiden Hauptftüden 
reihen ſich NReifefchilderungen, land: 
ſchaftliche Skizzen und verfchiedene an- 
dere Auffäbe alpinen Inhaltes an. 
Eine genaue Buchführung der Club: 
angelegenheiten beſchließt das umfang: 
reihe Buch, welchem fieben Beilagen, 
Tafeln, Karten und Rundſchauſkizzen 
angebunden find. Darunter befonders 
bemerfenswerth die „Tafeln zur Bere: 
nung barometrifher Höhenmeſſungen“ 
von Dr. J. Frifhauf, und die Karte 
und Rundfhau der Sulzbadher Alpen. 





Für Poeten. 
Klage man nicht mehr über „un: 
fere „profaifche Zeit“. Informire man 


fih: Eine Dichterhalle um die andere 
muß erbaut werden, um die Wohnungs: 
noth unferer männlichen und weiblichen 
Lyriker zu mildern. Wir befiten deren 
eine fehr anſehnliche Schaar, und 
felbft die mittelmäßigen darunter liefern 
— mas die Form anbelangt — mins 
deftens fo gute Waare, als wie bie 
lyriſchen Heroen der literarifchen Blü- 
thenperioden. Nur daß die meiften noch 
dasjelbe Stroh drefhen, aus dem ein 
Walter von der Vogelweide, ein Hölty, 
ein Arndt, ein Schiller, Goethe und 
Heine das letzte Körnlein längft heraus: 
gefhlagen haben. Nur wenige bauen 
frifches Korn, finden neue Blumen, die 
bisher in der poetifchen Botanif unbe: 
fannt waren. 

Aus folhen echten Dichtern und 
Schöpfern ift zum größten Theile die 
„Deutfhe Dichterhalle“, ver: 
waltet von Ernſt Eckſtein, bevölkert. 
Wird auh die „Neue deutſche 
Dichterhalle“ mit auserwählten 
Geiftern erfüllt werden? Aus Herisau 
in der Schweiz fommt uns das Pro- 
gramm zu. „Wir wollen,” fagt es, 
„ein Organ jchaffen, das der deutſchen 
Mufe zur Ehre gereicht." Es verfpricht 
die Spreu von dem Meizen zu fon- 
dern und alles Schöne, Gute, Wahre 
und Edle zu fördern. Alle deutjchen 
Dichter und Schriftfteller find einge: 
laden ; heranftrebenden jungen Talenten 
wird die Hand gereicht. Abonnenten der 
„Neuen deutfhen Dichterhalle“ erhal: 
ten gratis die „Schmeizerifche Dichter: 
halle” und „Orphelia“. Letztere zählt 
nur weibliche Mitarbeiter. Adrefie: An 
Herrn Rudolf Faftenrath in Herisau, 
Schweiz. 


Für Literatur-Freunde. 


Seit 15. Mai erfcheint in Wien 
ein „Literaturblatt”, heraudgege- 
ben von Anton Edlinger (Wien, 
II, Hauptſtraße 18), defien 1. Num⸗ 
mer mit Beiträgen von ©. Heller, 
Ferd. Kürnberger, K. E. Franzos, Ed. 
Zetſchke, H. Sander, A. Horawitz u. A., 


720 


vielverfprehend ift. Diefe Zeitfchrift, 
movon alle 14 Tage eine Nummer er: | 
ſcheint, hat es ſich zur Aufgabe geftellt, 
vor Allem den neuen Erfheinungen des 
deutfchen Büchermarktes freimüthige Be: 
fprehungen zu widmen, mit Ausjclie: | 
fung nur jener Werke ftreng fachwiſ— 
ſenſchaftlichen Charakters, deren Inhalt 
fein allgemeineres Intereſſe befit. 

Selbitftändige Aufſätze, fomeit fie 
literarifiche Fragen und Intereſſen be: 
rühren oder von folhen ausgehen, ge: 
hören ebenfalld mit in das Programm, 
ebenfo auch Beiprehungen hervorragen: 
derer Werke fremder Literaturen. 

Wir hoffen Gelegenheit zu haben, 
auf dieſes interefjante Unternehmen — 
das einzige feiner Art in Oeſterreich — 
noch einmal zurüdzufommen. 


Ferner find dem 


zugekommen: 

Aus Hellas. Geſänge von Alfred Fried— 
mann, Wien, L. Rosner. 

Bavilia, von Alfred Friedmann (2. Auf- 
lage), Wien, L. Rosner. 

Merlin. Orpheus. Zwei Gefänge von Alfred 
Friedmann, Wien Rosner. 

Denus Arania. Bumoriftifhes Epos von 
Ernft Edftein (2. Aufl.) Leipzig, 
I. F. Bartknoch. 

Madeleine. Gedicht von Ernſt Eckſtein, 
Leipzig, I. F. Hartknoch. 

Die Hegelingen-KRoſe. Schauſpiel in 3 Auf- 
zügen von G. Helm, Innsbrud, Wag- 
ners Verlagsbuchhandlung. 

Die rihtige Pflege der neugebornen und klei- 
nen Rinder. Bon Dr. Joſ. Piringer, 
Graz, Vereinsbudhdruderei. 

Die Erziehung der Jugend. Ein Handbuch, 
für Eltern und Erzieher von Friedrich 
Aſcher Berlin, F. Berggold. 

Das häusliche Leben in Frankteich. Aus dem 
Englifchen überfept von H. Sche u be, Ber- 
lin, F. Berggold. 

Das Rechnen mit ganzen und gebrochenen 
Zahlen. Zum gründlichen Selbftunterrichte 
für Jedermann, insbefondere für Lehrer, 
verfaßt von Ferd. Weber, Wien 
Karl Granſer. 

Dramaturgifhe Blätter. Eine Monatsfhrift, 
herausgegeben von Otto Sammann 
und? Wilhelm sBenzen, Leipzig, 
Dürr’fhe Buchhandlung. 


„Heimgarten“ 


ZAluſtrirte ſtenographiſche Gartenlaube heraus- 
gegeben von Raim. GSpibhalel, 


Gray. 

Iluftrirte Briefmarken-Beitung. Herausgeber 
Sigm. Friedl, Wien. 

Unfer Yaterland I. und 2. Heft, Gebr. Krö— 
ner, Stuttgart. 


Poftkarten des Heimgarten: 


Erik Bofef A. Von Ihren uns gütig zur 
Verfügung geftellten Poefien druden wir nur 
folgende Ballade ab: 

In einander warm gefchlungen, 

Scherzt der Jüngling mit dem Mädchen ; 
Da erröthet jäh das Käthchen, 

Und bat raſch fi ihm entrungen. 

Ia, wohin vor ihm ſoll's flieh’n ? 

— Es flieht — zu ihm. 

R. 3. W. in R. Laflen Sie fih deshalb 
fein graues Saar wachen, fonft meint der 
Mann, er hätte Recht. „O du Menſch!“ fagt 
ein Efel zum andern, wenn er fhimpfen will. 
Bedenken Sie's! 


Minus —. Liebesgedichte follte man gar 
nicht druden; unechte find zu ſchlecht für die 
Deffentlichkeit, und echte — zu gut. 

g. 9. Graj. Herzlichen Danf für Ihre 
Zeilen ; aber das warm empfundene Gedicht ver- 
öffentliden wir doch nicht. 

Natur? Sie erlaubten uns, in der Be- 
urtheilung Ihrer Gedichte graufam zu fein. 
Ah, hätten Sie uns lieber erlaubt, diefelben 
entzüdend zu finden, 

2.3.6. Rl. Wien. Junge Leute dürfen 
gar nichts „ödweilig” finden. Der Ausdrud 
fann immerhin treffend fein ald Bezeichnung 
einer Zeit, die zwecklos und lebensleer iſt. — 
„Maien”. Wir Poeten haben die Gewohnheit, 
nit an den Tod glauben zu wollen, jo nahe 
es uns aud manchmal an’s Leben geht. Halten 
Sie uns diefe Begriffövermwirrung nit für 
ungut. 

C. h. „Ih habe kein Versmaß ftudirt 
und verfertige Gedichte zum Zeitvertreib,” — 
mit diefem Ihrem eigenen Geftändniffe haben 
Sie Ihre Verfe fchredlih wahr verurtheilt. 

xximB Sie peffimifteln 


etwas ftark. 

An unfere Mitarbeiter: Bom 1. Juni 
bis auf Weiteres bitten wir Sendungen 
an die Redaction des „Heimgarten” nad 
Krieglad, Südbahn, Steier 
marf, abreffiren zu wollen. 


Dre von NeptamsJofelsthal in Gray, — Für bie Nedaction verantwortlid P. a. Holegger, — 


Juli 1877. 


— nn 0 — 
77: nr u 


RE : 
N 


_ 


ihrgaklen 


ak > 
** 
* — a — 


— 


———— J 


J. — 





Schet, ein Menfd! 


Erzählung von Anton Bdlohar. 


Ich ftand in der Galerie. Ein 
Bild von wunderſamer Pracht hielt 
mih gefeffet. Um mich herum 
fireiften die andern Galeriebefucher 
mit ihren Katalogen und rothen 
Büchern und eilten unruhig von 
einem Orte zum andern und bejahen 
dies Bild flüchtig und jemes länger, 
je nachdem fih in ihrem Bude ein 
Sternchen dabei befand oder nicht. 

Das Gemälde vor mir entjtammte 
dem Pinfel eines unbefannten Meifters 
und doch machte es einen immer 
tieferen Eindrud auf mich, je länger 
ih es betrachtete. Im Vordergrund 
ftand ein Mönd; der Ausbrud von 
Entſchloſſenheit und wieder von tiefem 
Gefühl und der Blid voll Entfagung 
waren jo wunderbar in feinem eblen 
männlichen Gefichte vereinigt, eine trübe, 
herzerſchütternde Lebensgeſchichte Tag 
in dieſen Zügen. Und an ihn ſchmiegte 
ſich eine liebliche Frauengeſtalt, ein 
Engelskopf auf dem ſchönſten Leibe, 
in den Gliedern das herrlichſte Eben- 


Kofeggers „‚Heimgarten‘‘ 10. heſi., 


maß ; ein blaue® Sammtjädchen hob 
die jhöne Büſte um jo prächtiger 
hervor, e8 war offen unb auf ber 
einen Seite etwas herabgejunfen und 
das filberne Mondlicht jog lüftern an 
der runden weißen Schulter und ließ 
fie leuchten durch die dunkle Nacht. 

Ya, dieſe Naht! Ernft und ftill 
blidte fie von draußen herein durch 
die hohen Bogenarfaben, fie blidte 
herein und das Meer lag ruhig, bie 
Sterne ſchimmerten und der Mond 
fpiegelte fih groß und voll im 
Waſſer. Der Mönch und das holde 
Frauenbilb aber ftanden da in bem 
[uftigen, hohen Gemadhe, fie blickten ein- 
ander an wie in heißer Liebe und bes 
Mönches Auge fchien doch faft drohen, 
wenn man es länger betrachtete, bie 
Lampe, welche im Hintergrunde des 
Gemades von ber Dede herabhing, 
beleuchtete ihn jeltfam und vorne auf 
der rechten Seite beftrahlte das Licht 
des Vollmonds grell die Steinfliefen 
und die anmuthige Mäbchengeftalt. 


46 


722 


Das Bild war ein Meijterwerk. 
Daß faft jeder der Anmejenden vor: 
überging und e8 nicht beachtete! Es 
mag wohl in den Katalogen mit 
feinem Sternen bezeichnet gemejen 
fein, Gott weiß, aus weldem Grunde. 
Vielleicht weil der Name des Künſt— 
lers unbefannt war und die Verfafjer 
und Ordner der Kataloge fich eine 
Blöße zu geben fürchteten, wenn fie 
eines jo wunderbaren Bildes Meijter 
nicht kannten. 

Und als ih ganz nahe vor den 
großen Goldrahmen trat, da machte 
ih die Bemerkung, daß dieſes Bild 
in einer eigenthümlichen Manier ge: 
malt war, in jener Manier, welche 
die dunfeln Töne durch paftöjes Auf: 
legen gejättigter Farben hervorzu— 
bringen jucht, die jedes Licht durch 
einen dick aufgelegten Strich ober 
Punkt marfirt und fo im Sinne 
unjerer Künftler mehr eine bunte 
Mojaikarbeit chafft, denn ein Gemälde. 
Die Lippen des holden Frauen: 
mundes waren, genau betrachtet, 
karminroth aufgefeßte Farbenkleckſe, 
die Augen waren ftarr, wie her— 
vorgequollen und der zarte Sammt 
beftand auch aus did aufgelegter 
Farbe mit unförmigen dunfelblauen 
Striden und dies ſah feinem Stoffe 
unähnlicher, als dem feinen Seiben- 
fammt; das Antlig des Mönches 
erichien faft braun und glich beinahe 
einem Todtenkopſe mit einem Barte, 
das faltenreihe Gewand von ihm 
hatte langgezogene Flecken, dieſe bil- 
deten die Falten, kurz, das Ganze er: 
ſchien roh und ungefügig. 

Da trat ich aber rajch zurüd und 
das Gemälde war in feiner Einheit 
und Schönheit wieder hergeftellt. 

Ich Hatte fpäter Gelegenheit, den 
Director der Akademie zu jprechen 
und befrug ihn über das eigenthüm- 
lihe Bild und deilen Maler. Der 
Kunftgelehrte fam meinem Wunfche 
bereitwillig nad, er erzählte mir, 
da er bemerkte, daß ich dafür großes 
Intereſſe hegte, die ſeltſame Geſchichte 


eines Lebens, aus dem beide Geſtalten 
gegriffen waren. Die nachfolgenden 
Zeilen verſuchen dieſe Geſchichte wieder— 
zugeben. Helle Lichter und tiefe 
Schatten bietet das Leben genug, 
ſelten aber ſo grell und auffallend, 
wie hier. 


In der Kloſterzelle. 


Es ift ein Sommertag und wie 
ahnungsvole Schwüle liegt e8 auf 
den Bäumen und Blüthen im Kloſter— 
garten und nur ein einzelner Schmetter: 
ling, ein dunkler, weißgeränberter 
Trauermantel flattert langjam von 
Blume zu Blume und fchaufelt fich 
träge bier auf der feuerrothen ge— 
würzig bduftenden Nelfe und bier 
wieder auf der Jasminblüthe, welche 
da an ihrer Rante den Kelch jenkt 
vor der glühenden Hite bed Mittags. 

An den zwei mädtigen Birn- 
bäumen, die ihre Zweige den Mauern 
des Kloſters entgegenftreden, ift es 
ftill, die fröhlichen Sänger, welche des 
Morgen? und des Abends in dem 
grünen Laubwerk zwitſchern und ju- 
biliren, ſie ſchweigen jetzt alle und nur 
das Summen der Bienen dringt 
durch die Mittagsgluth zum horchen- 
den Obre. 

Mächtig und ernſt fteht es bier, 
das alte Kloftergebäude, es ſpürt ber 
Sonne Gluthftrahl nicht mehr, denn 
diefelbe Sonne bat es ſchon durch 
fünf Jahrhunderte beſchienen, es find 
ihm ſchon viel heißere Tage aufge: 
gangen, aber es ift feſt und ernit ge- 
blieben, denn feine Mauern find ftarf 
und did — und hinter biefen Mauern 
ift es kühl, fo fühl beinahe wie im Grabe. 

Treten wir ein durch die hohe 
Thür mit den dunkeln Eichenholz- 
flügeln; vor und liegt ein langer 
dämmeriger Gang und gleich da vorn 
an der Wand hängt ein bornenge- 
frönter Chriftus am Kreuze. Das 
Kreuz iſt ſchwarz und ſchwer von 
Arabesken und Schnitzwerk und das 
blutige Heilandsbild ſenkt das milde 
Antlig jo ſchmerzvoll hernieber und 


723 


doch fo liebreih, als wollte es dich 
willkommen heißen bier in feinem 
Reiche. Und rechts und links in dem 
Corridore bliden von oben in ſchwarz— 
braunen Rahmen die Prioren des 
Klofterd hernieder, eine lange Reihe, 
wie Ahnenbilder und mande Jahr— 
hunderte alt, e3 find meift finftere Ge- 
fihter mit asketiſchen Zügen; mit 
den bunfeln Augen fjchauen fie den 
Borübergehenden ftehend an, wie 
Bafilisfen, als wollten fie ihm das 
Herz durhbohren. Alle tragen das 
Ordensgewand und bas oft büftere 
Antlig gemahnt an dunkle Wolken 
und trübe Nebel. Dennoch macht einer 
und der andere biefer Klofterbeherrfcher 
einen freunblicheren Eindruck. So hier 
diefe edle, jugenblihe Gejtalt, ben 
fühnen Blick geradeaus feit vor ſich 
hin gerichtet, das Kruzifir in der Hand, 
es könnte ein Schwert fein und ber 
dunkle Ordenshabit eine Rüftung, fo 
ſtolz und ritterlich fteht der Mann da, 
— bort wieder das milde Greifen: 
antlig mit dem weißen herabwallenden 
Barte und den hellen blauen Augen, 
die das Alter nicht getrübt hat und 
die freundlich herunterfehen, als wollte 
er zuniden dem vorüberwandelnden 
Ordensbruder. Und wie lange find fie 
ſchon tobt, fie alle, deren Bilder an 
der bleihen Wand bier hängen ! Die 
Seele jchaudert vor der großen Zahl 
von Yahren, die .in dieſem Gange 
vorübergegangen, in ben dunklen 
Nahmen zurücdgelaffen habe: ihre 
Spuren: die Schemen der Menfchen, 
welde ſelbſt bier gemaltet und 
gewirkt. 

Da macht der Gang eine Wendung, 
wir ftehen an ber Ede, wo eine 
breite Steintreppe emporführt. Auf 
dem XTreppenabjage brennt vor der 
lebensgroßen Gottesmutter eine ewige 
Lampe und das Licht in der purpur: 
rothen Glasjchale fladert auf und 
finkt in fih zufammen zum kleinen 
leuchtenden Pünktchen. Die Treppe 
führt wieder in einen hohen, aber 
Iuftigeren Gang, auf der rechten Seite 


ift die Reihe der großen Heifigenbilber, 
welhe ba die Wand beveden, unter: 
brochen von niedrigen braunen Thüren 
und über jeder Thür hängt ein 
Täfelchen mit einem lateinischen Namen. 
Das find die Eingänge zu den Woh— 
nungen jener Männer, die bier ein 
Menfchenleben zubringen, die Sorgen 
und Leiden in der Melt draußen 
zurüdgelaffen haben und bier weilen 
wollen, im Vergeſſen ihrer ſelbſt. 
Dur die hohen, ſpitzen Fenfter auf 
der linken Seite des Ganges fcheint 
die helle Yulifonne herein und brennt 
auf den Quaderfteinen des Fußbodens. 
Die Augen der Heiligen jchauen wie 
eritaunt in den leuchtenden Sonnen: 
ſchein und ihre trüben, gelblichen Ge: 
fihter find wie erjchroden vor ber 
Schönheit des Sommertages und bes 
pulfirenden Lebens, das der Strahl 
der Sonne hereinträgt. 

So wohnen bier die Tebenbigen 
Todten. Jede vo. dieſen braunen 
Thüren führt in eine eigene Melt, 
die fih ein Menſch geſchaffen und er 
fühlt fi darin ebenfo ruhig und 
vielleicht noch viel ftiller und behag- 
licher wie nur irgend einer fern draußen 
in der unendlichen Gottesweite. Alles 
haben fie zurüdgelafien, die bier 
haufen: den Namen und bie Ehre, 
die Schäte und vielleicht auch Menjchen, 
die ihren Namen führen und die 
ihnen blutsverwandt find, nur eine 
Seele haben fie mitgebracht, bie fie 
dem Gotte weihen, und einen Glauben, 
einen feften, ftarfen Glauben, in dem 
fie einftens felig zu werden hoffen. 

Ueber einer der Thüren hier hängt 
das Täfelchen mit ber einfachen Auf: 
ſchrift „P. Ludovicus“. Und in dem 
Gemade, in welches diefe Thür führt, 
figt ein Mann an dem hohen Fenfter: 
bogen. Das dunkle Gewand umhüllt 
feinen Körper, fein edles Haupt hat 
die Tonfur nicht entjtellen können, das 
jugendliche Antlig ift bleich, aber ein 
tiefdunfle8® Augenpaar bligt unter 
den buſchigen Brauen hervor und 
verräth Kraft und Energie bes Geiftes. 


46” 


724 


Mitunter umſpielt feinen jcharfge: 
ſchnittenen Mund ein ſeltſames Juden, 
wie das Leuchten eines fernen Ge- 
witterd ; wie der Blit eines Schmerzes, 
ber aus dem Innern nicht hervor: 
brechen darf. 

Inſtrumente für den Forſcher nad) 
den Geheimniffen der Natur befinden 
fih auf dem Eichentiſche in der Mitte 
des Gemaches. Neben dem Fenfter ragt 
ein mächtige8 Rohr auf glänzendem 
Meſſinggeſtell gegen den Himmel. Dide 
Leder: und Pergamentbände ftehen 
und liegen umber und die alten 
Namen großer Forjcher, berühmter 
Kirhenväter und heiliger Scribenten 
find auf den Nüden diefer Bücher 
geihrieben, das find die Werke, welche 
erhabene Geifter vor Jahrhunderten 
erfonnen und aufgezeichnet und die den 
einfamen Mönd in der Selle bier 
beleben und ftärfen mit dem Geifte 
der Wiffenihaft, zu der fie die Bau- 
fteine zufammen getragen. 

Darüber hin blidt ein Ecce-homo- 
Bild voll Blut und Winden — der 
allmädhtige Gott im Leiden dieſer 
Welt — ein Symbol der Entjagung. 

Stille herrjcht rings im Gemache, 
man hört nur das Tiktaf der Uhr, 
auf deren Zifferblatt der Weiſer 
langjam aber unaufhaltfam vorrüdt 
von Minute zu Minute; und nad 
jeder WBiertelftunde, bie verfloffen, 
erjcheint über biefem Zifferblatt die 
Geftalt eines Todtengerippes und 
ſchlägt mit der Senje auf die tönende 
Glode, deren jchrille Klänge ben 
Raum durchzittern. — Mber der 
Mönch am Fenfter hört nicht bie 
Hingenden Glockenſchläge, er wendet 
eined® der gelben Pergamentblätter 
nad dem andern um, vertieft in bie 
Chronik des Kloſters, welche er ba 
auf den Knien bat und die ihm er: 
zählt von dem Sinnen und Treiben 
längft in Staub zerfallener Brüder, 
bie ihm berichtet von Kämpfen, welche 
die Stille des Kloſters burchtobt, wo 
ber Feind nah war und die Mönde 
aufgejchredt wurden aus der Stille. 


Bunte Buchftaben ftehen am An: 
fange ber von Chroniften jo fauber 
geichriebenen Kapitel, eine Hand, die 
wohl längft in der Gruft unten ver: 
weit iſt, hat diefes zarte Roth und 
Blau, dieſes prächtige Gold und 
Silber auf das Pergament gemalt 
und die taufend Arabesfen und die 
Zierratfen und fonderbaren Ber: 
ichnörfelungen haben mande Stunde 
Arbeit gefoftet mit Pinfel und Schreib: 
rohr und fie erzählen von des 
Schreiber8 Geduld vor den vielen 
Hunderten von Jahren. 

Aber je meiter die Chronik in 
der Zeit fortfchreitet, defto mehr ver: 
Ihwinden die zierlihen Smitialbuch: 
ftaben, die Schnörfel und Minusfeln, 
deſto gejchmeidiger jedoch wird die 
Schrift und defto deutlicher. 

Da blidt plögli der leſende 
Mönch auf ein Blatt, ſtarrt e8 an 
und lieft wieder und noch einmal die 
Morte der Chronif und wie träumend 
legt er die Hand auf die Stirn. 
Unter ben vielen jeltjamen Ereig- 
niffen, von denen die alten Pergament: 
blätter berichten, mag dieſes mohl 
eins der ſeltſamſten fein. 

Dies Blatt aber erzählt: 

Anno Domini eintaufendfünf: 
hundert und zwanzig war ber breiund- 
zwanzigfte Novembris ein grauer, 
nebliger Tag. Es hat gejchneit und 
eine rauhe Luft ift über bie Felder 
und den Schnee geftrihen und bie 
Straße vor unferm Klofter war gar 
nicht zu erſchauen vor Schnee, jo die— 
jelbe bedeckt hat. Haben viel Angft 
ausgeftanden wir alle, nicht unjret: 
wegen, aber der Menfchen wegen, die 
etwan jet im Freien gemefen, denen 
ginge es nimmer gut. Es begab fi 
aber, daß plöglih der Pförtner von 
unten einen Gaſt gemeldet. War in 
einen bunflen Mantel gehüllt und bat 
uns um Gottes willen ihn aufzu- 
nehmen und zu behalten im Orden, 
nannte fi” Ferdinandus und ift auch 
tihtig dann eingetreten in den Orden. 
Nahdem er das Novitiatum über: 


7125 


dauert, ift er auch ein frommer Bruber 
geworben und männiglid im Convent 
hat ihn geehret und geliebt. 

Er hat den Namen Franeisci er: 
halten, aber viel geweint und gebetet. 
Und eine jonderbare Zuneigung Hat 
er gefaßt gehabt zur Wiſſenſchaft 
Astronomie, fo fich mit denen Sternen 
und Himmelslichtern befchäftiget und 
verfiund P. Franciscus gar fubtile 
Berechnungen und ſahe offt Abends 
nah dem Himmel hinauf, hat auch 
viele Stunden lang gezählt und ge 
rechnet. Sothane Wiſſenſchaft Astro- 
nomie bat er aljo immer gehegt in 
ber Zelle, jo er nicht gebetet. Hat, 
nachdem er für ewige Zeiten profes- 
sionem fidei abgeleget, fünf Jahre 
zwiſchen biefen Mauern gelebt, bie: 
meil es anders fommen, al3 wir ein— 
fältigen Menſchenkinder geglaubet. 

Iſt eines Tages ein jung Bürſch— 
lein gekommen, mit zartem Geficht: 
lein und leuchtenden Augen und bat 
berichtet, e8 jei weit her aus Italia 
und hat gefragt nad) dem P. Franciscus 
und inniglich gebeten es über Nacht 
zu behalten, denn jein Weg ſei weit 
gewejen und gar ermüdet vom Wandern 
jeien feine Glieder. — Ich, Prior 
Eusebius habe es jelbit aufgenommen 
und ihm ein Stüblein angewieſen, jo 
leer war im Klofter. 

Aber am andern Morgen ift das 
Bürfchlein nicht mehr da geweſen unb 
ale Brüder haben geftaunt, denn 
auch P. Franciscus ift nicht zu finden 
gewefen. In feiner Zelle aber ift das 
Gitter von dem Fenſter zerbrochen 
worden und war es nun deutlich zu 
vermerken, daß er fi) dort an einem 
Seile herabgelafjen hat und entflohen 
ift aus dem Klofter, das ihm 6 Jahre 
ein Asylum geboten und wo er nad) 
denen Regulis des Ordens fein Leben 
hätte beſchließen ſollen. Waren wir 
alle darob ſehr betrübt. 

Nur ein Pergamentftreiflein bat 


er zurücgelaffen und mit Tinte darauf | 


die Worte aufgeſchrieben: 


Amavit et Hominem esse sensuit!; 


Wußte feiner von den Brüdern, 
was er davon benfen follte — mid 
aber hat es gar fonberlich betrübet. 

Und fiehe, ift an einem fchönen 
Herbittage Anni domini eintaufend: 
fünfhundertundfehsundneungig ein zier: 
ih Brieflein von einem Boten ge 
bracht morben, mit feinem rothen 
Wachs gefiegelt, war meit her, aus 
dem Frankenreiche, ſchon beinahe von 
der Grenze an Welſchland, und ift 
bemeldetes Brieflein fünfundfünfzig 
Tage auf dem Wege geweſen. Habe 
e3 aber mit großer Verwunderung ges 
lefen. Denn es ift eine lange Geſchichte 
darin geftanden von dem gar gelehrten 
jungen Manne Ferdinandus — ein 
anderer Name mar nicht genennet — 
deſſen Geift aber trüb gemwejen und 
der ſchließlich vermeinet, nur im Klofter 
fönne er leben und glüdlich fein, ber 
dann eingetreten in ben Orden und 
professionem fidei abgelegt und ben 
Namen P. Franeisci angenommen, bie 
Wiffenihaft Astronomie aber dabei 
fonberlich befrieben. Dieweil vor dem 
Fenfter der Zelle P. Francisci gar 
oft vorübergefommen ein jung Mägd— 
lein, das Töchterlein des Grafen Lothar 
von Rabened, von ber Burg, jo meft: 
wärts eine Meile vom Klofter entfernt, 
auf dem Felſen erbaut fteht, ift dieſer 
in Liebe entbrannt zu dem Mägplein, 
das er durch's Fenftergitter alſo ge- 
jehen, und das ihn denn auch erblidet 
im Kloftergarten, wo er, wenn bie 
Brüder abmejend gemejen, auf die 
Mauer geftiegen und mit dem Mägd- 
lein geplaubert und ihm Liebesworte 
zugeflüftert habe. Und des Rabeneck's 
Töchterlein hat eine® Morgens männ: 
fihe Kleider angelegt und ift uner- 
fennet in's Klofter gefommen, und bat 
ben P. Franciscus bewogen, das Feniter: 
gitter zu zerbreden und bie Brüder 
zu verlafjen. 

Diefer felbe Brief aber ift von dem 
Fräulein Bertha von Nabened ge: 
ſchrieben geweſen „und von bemjelben 
Tage” — ift am Ende geftanden — „von 
demfelben Tage, an welchem ich dieſe Zei: 


726 


len niederfchreibe, weil mein lieber Bräu: | ftand dir damals tröftend zur Seite 
tigam dies von mir gebeten, über eine |und auch mir bleibt fie der legte Halt, 
Mode jpäter werde ich ihm angetrauet | an den ſich die Seele klammert, das, 


als fein eheliches Gemahl. Seinen 
Namen zu erfahren, def gebt euch 
feine Mühe. Mein vielgeliebter Vater 
ift auch bei ung und fehrt nicht mehr 
zurüd in jeine Burg. Wir alle ziehen 
nah Weljhland und werben wohl nie 
wieder zurüdfehren in bie falten 
deutſchen Gaue”. — — — 

Der Mönch hat dieſe Zeilen mehr: 
mals gelejen, er hebt jegt das edle 
Haupt empor und eine tiefe Erregung 
prägt fih aus in feinem Geſichte; er 
greift wieder und mieber an jeine 
fiebernde Stirne, in der es hämmert 
und pocht, und murmelt bumpf vor 
fih hin: „Er hieß Franzisfus und 
lebte vor mehr als hundert Jahren, und 
doch ift e8 die Gefchichte meines Lebens. 
Hat auch Fein Weib bei mir die Hand 
im Spiele, jo ift e8 doch aud bie 
Unruhe meiner Seele, welche mid in 
euren Schatten geführt, ihr Fühlen 
Kloftermauern. Auch mich hat jene 
brennende Sehnſucht am Zügel gelentt. 
Die Sehnfuht? Wonah? Mein Geift 
bat das nie ergründen fönnen, bis zu 
jenem Momente, wo ih ben Prior 
geiprohen, wo er mir die Ruhe ge: 
fchildert, die das Menfchenleben hier 
bedt, wie ein tiefer undurchdringlicher 
Schleier. Und da fiel es mir wie ein Blitz— 
jtrahl in die Seele. Was das Kind bes 
Neihen nicht Hatte, das jollte dem 
armen Mönche werben: ber Friebe. 
Der Friede?” murmelt er wieder vor 
fih und fchüttelt das Haupt, „der iſt 
aber noch nicht eingefehrt in bieje 
Bruft! Glüdlicher Franziskus, es war 
ein anderes Leben damald. Man hat 
das Glüd noch finden und fich erringen 
fönnen. Und du haft dir's errungen. 
Aber nicht hier, — nicht hier.” Sein 
Blick ftreift die Inſtrumente und das 
Rohr am Fenfter und ein bitteres 
Lächeln umfpielt feine Lippen. 

„Wir haben Vieles gemein, bu 
lang geftorbener Bruder Franziskus ; 
die Himmelsfunde, die Wiffenjchaft 


was ich in diefen Mauern zu finden ge: 
glaubt, ift mir nicht geworden und jeßf 
bin ich an fie gefeflelt. Aber wenn ich 
auch hinaus könnte, in die Welt? 
Welche Freude blüht mir darin und 
welches Glück? Keines, feines!” Wie 
dumpfer Tobtenglodenton hallen ihm 
die lekten Worte duch das Haupt, 
das er nieberfenft und eine Thräne 
fällt auf den Bergamentbandb auf feinen 
Knien. Er rafft fi auf und legt das 
Buch geöffnet auf den Tiſch vor ſich. 

Am Fenfter aber macht jetzt ein 
leichter Luftzug die Scheiben erflingen 
und die Zweige des großen Birn- 
baumes daran gerathen in ſchwankende 
Bewegung, und die Blätter zittern 
und jäufeln, und es ift, wie wenn 
ein unfichtbarer Engel durch die Aefte 
fchwebe und fie mit feinen Flügeln 
leicht berühre und fegne. Der Mönd) 
blickt hinaus in den blühenden Garten 
und in den herrlichen Sommer, ber 
auf Blumen und Blüthen ausgebreitet 
liegt, der über dem ganzen weiten 
Lande liegt, nur nicht in diefer Menſchen⸗ 
bruft, in der e8 mwinterlich ift und öbe. 

Da öffnet fih die Thür, eine 
andere Mönchsgeftalt tritt herein, eine 
Beftalt, groß und hager, mit tiefliegenden 
aber milde blickenden Augen. Askeſe 
hat dies Antlig bleih und mager ge: 
madt, um den Munb aber jpielt 
Freundlichkeit und Wohlwollen. Es ift 
ber Prior. 

Unbemerft von dem trübe in den 
Sommertag Hinftierenden tritt er an's 
Fenfter und legt die Hand auf feine 
Schulter. Der jhredt empor, blidt 
auf und erhebt fih von feinem 
Sik. 

„Bleib' nur fiten, Ludovicus“, 
Ipricht der Prior mit janfter Stimme. 
„Aber Du bift wieder trüb und traurig, 
bei Dir ift die Ruhe noch nicht ein- 
gekehrt, die in jedem ber Brüder bier 
wohnt. Wo weilt Dein Sinnen und 


— 


Denken?“ Und er blickt ihm prüfend dem Du ein kleiner Knabe warſt, 
in's Auge, das jener niederſchlägt. ich fand Dein Gemüth immer zur 
„Ruhe“, antwortet er, „es iſt ein Schwermuth geneigt, was Wunder, 
großes Wort, das Ihr da ausſprecht, daß es des Lebens harte Schläge noch 
Prior, es it ein Wort, das eine | düfterer und trüber geftimmt haben. 
unendlihe Welt umfaßt. Und wißt| Aber raffe Dich empor und Du wirft 
hr, melde Welt dies iſt?“ und hier glüdlih fein, jo glüdlich wie 
jeine Stimme finft zum leifen Flüftern | Deine Brüder.” 
herab und er lächelt wie verloren: Leife wie er gefommen, geht ber 
„Das ift die Welt ber Tobten. Die | Prior hinaus und Ludovicus ift wieder 
Lebenden haben fie mir nicht zu geben | allein. „Er ift ein guter, alter Mann“, 
vermocht. Die Wiſſenſchaft läßt mich | spricht er zu ſich, „aber in meine 
mein unruhiges, trübes Leben auf | Bruft kann er nicht hineinbliden“, und 


Stunden vergeffen, aber auch bieje 
Kloftermauern haben mir das nicht 
geboten, was ih erwartet. Berzeiht, 
Prior, und zürnt mir nicht, daß ich 
e3 jage, aber Ihr jeid der Einzige, 
zu dem ich Vertrauen habe, es Iebt 
ja feine Seele, die mit mir fühlt und 
mit mir das leidet, was ich leide.” 

Der Prior blidt den Mönch traurig 
an. „Ludovicus,“ fpricht er hierauf, 
„Mancher ſchon war verzweifelt und 
der Friede ift bier in jeine Bruft 
wieder eingefehrt, er hat fein Leben 
und die Trübſal draußen vergefjen 
und ift bier geftorben in ber Glüd: 
feligfeit, fein Fühlen und Denken Gott 
geweiht zu Haben. Dich drückt eine 
tiefe Trauer. Zwei Jahre find es ge- 
rade morgen, ſeitdem Du bier im 
Klofter das Gelübde abgelegt; es ift 
Dir Alles geraubt worden, was Du 
in der Welt draußen lieb gehabt, 
Vater und Mutter find Dir in einem 
Monate buch ben Tod entriffen 
worben und ber tiefe Schmerz hat 
Deinen Geift zerrüttet. Aber, Ludovicus, 
Du haft einen großen Namen — den 
Namen eines gräflichen Geſchlechtes — 
und Du haft große Glüdsgüter Gott 
geopfert und die AZufriedenheit bier 
geſucht. Glaube mir’3, Gott weiß ſolch' 
ein Opfer zu fchägen, e8 wirb ber 
Friede wieber in Dein Herz einfehren 
und diefe Mauern werden e3 jein, die 
ihn Dir geben. Ich fenne Dich, feit- 


wieder jchweift fein Sinn zu jenem 
Franzisfus, von dem die alte Chronik 
erzählt; auch er hatte ja fein Glüd 
und feine Ruhe bier gejucht. „Er hat 
aber, was er gejucht, nicht gefunden“, 
murmelt Ludovicus finnend vor fich 
bin; „feltfam, fein Gelübde hat er 
dann gebrochen, war von da an wohl 
glüdlih und zufrieden — in ben 
Armen eines Weibes.“ 

Und wie der Mönch fo finnt und 
benft, jchwebt es vor feinem Geifte 
empor, wie lichtes Himmelsgewölk und 
er fiehbt ein holdes Antlig daraus 
hervorleuchten, eine edle weibliche Ge— 
ftalt erhebt fich immer höher und höher 
und winkt ihn zu fi) mit ihren weißen 
Armen. Ihre dunklen Loden fallen 
über fchneeige Schultern und das 
Auge blickt ihm entgegen in Lebens: 
luft; er ftredt, wie abmwehrend die Hand 
aus, aber es ift ihm eine Secunde, 
als fehlte ihm nichts mehr auf Erden, 
wenn er fi in die weißen Arme 
ftürzen könnte und dann in ber Wolfe 
verfinfen. — — — Aber das ift nur 
eine Secunde lang, dann fällt das 
Auge wieder auf das düſtere Ecce- 
homo-Bilb. 


In dem Momente ertönt das Glöck— 
fein, weldes die Brüder zum Gebete 
zufammenruft. 


(Fortſetzung folgt.) 


128 


Herzensfünden. 


Efizze in Verſen von Ada Ehriften. 


I. 
Er denkt. 
Ich werde fie nicht los, die alte Weife, 
Ih muß fie fummen ſchon feit langen 
Stunden, 
Als hätt’ ich ein vergeß'nes Lieb gefunden 
So ſchmeichelt ... bittet... lodt es immer 
leife. 


Welch' reiches Feit das war! wie ſchön die 
Frauen, 
Und dod nur Buppen gleichend, feelenlofen, 
Die man gefhmüdt mit duftig - frifchen 
Rofen, 
Zumeilen padte mich ein fröftelnd Grauen. 


Stets diefe Naden, diefe künftlich-weißen, 
Und ftets diefelben gutgefchulten Augen ; 
Ich weiß, was all’ die Marionetten taugen, 

Wenn jene Drähte, die fie führen, reifen... 


II. 

Manchmal ift mir, ald ob in's Ohr mir raune 
Den Liedertegt die fonderbare Schöne, 
Die Worte hör’ ich dann, die dunklen Töne, 

Die fie mir fang in raſch erwadhter Laune, 

Ia, jedes Wort war nur für mich gefungen, 
Mir flommten ihrer Augen mächt'ge 

Sonnen, 
Mid lodten al’ die gleikenden Dämonen, 

Die aus dem Liederkuß fi aufgerungen. 


II. 
Aied. 


Alte Träume, alte Leiden 
Hörft in meinem Lied Du fprieken, 


Ein Stern... ein Lichtſtrahl ... . ober, töbtenb, 
Ein jäher wilber Blig fogar... 

Nur nit erkennen ſchamerröthend, 

Daß es ein fahles.. . Irrlicht war. 


Mila £umi. 


Alte Thränen börft Du fließen, 
Wie einftmals bei unfrem Scheiben. 


Trübe Tage wir verbüßten, 

Höre nun die Liebe flüftern : 
Nimmer follft Du, fehmerzeslüftern, 
Lippen grollen, die Dich küßten. 


IV. 


Er ſpricht. 

Du rufeſt mih? Nun fag’, was foll id) hier? 
Die Affen fehen und die Papageien ? 
Und die Gemädher voll von Spielereien ? 

Dich fingen hören ? Sag’, was bin ih Dir? 


Und felber Du? Was fönnteft Du mir fein? 
Id glaube nur an Deine fhöne Hülle, 
An Deiner Loden goldigrotbe Fülle, 

Ih weiß, Du nenneft feine Seele Dein. 


Nicht ſchüttle ſtumm die Roſen aus dem Saar, 
Und borde auf: Es taugen nur zufammen 
Verrauſchte Fluthen und verwehte Flammen 

Und öde Herzen, alles Glaubens bar. 





Sie denkt. 


Es erlifcht 

Jeder Schmerz, 

Jedes Leid 

It hinweggewiſcht, 
Der Erde Gewühl, 
Die Welt verfintt, 
In Einem Gefühl 
Der Seligkeit ... . 
Jeder Blid, er trinkt 
Die raufhende Zeit, 
Wenn Auge und Herz 
An dem Zeiger hängt, 


729 


Und alles Leben 
Bufammendrängt, 
In den Einen 
Einzigen Gedanten : 
Er fommt! 

Bald ift er da! . 





V. 
Er denkt. 
Du wag'ſt es dennoch! . .. Iſt der Pact 
geſchloſſen? 


Ich laſſe keinen grimmen Eid Dich ſchwören; 
Das alte Lied nur will ich manchmal 
hören, 
Und Deine kümmerlichen Weibergloſſen. 


Will hören, was Dir Welt und Menſchen 
galten, 

Will ſehen, wie in guterfund'nen Zügen 

Als Wahrheit wiederſpiegeln ſich die Lügen, 

Die Dein Gehirnlein raſch weiß zu geftalten. 


Sei ganz Du felbft, nit Täufhung, Herzens- 
fünden, 
Bermögen mic fobald von Dir zu trennen, 
Vielleicht lehr'ſt Du mid Weiberart er- 
fennen, 
Die Keiner noch vermochte zu ergründen. 


VI. 


Ih bin ein Thor... denn einer Thörin 
Mund, 

— Die feier zu fhwah zum Guten wie 

zum Böfen — 

Soll mir ein ewig wirres Räthfel löfen. 


Was that fie mir feit langen Monden kund ? 


Nicht einen einzig neuen Zug der Frau, 
Nichts konnte ich aus ihren Thränen lefen, 
Aus ihrem Lachen, ihrem Flimmerivefen, 

Das fih oft abdämpft bis zum trübften Gran. 





VI. 
Wenn id doch wüßte, warum ängftlich-feft, 
Oft ihre Hände meinen Arm umklammern, 
Und nur die Augen ſchüchtern zu mir 


jammern 
Ein flehend Wort, das ſchwer ſich deuten läßt. 


Seltfames Weib, das ſcheu und ungeliebt 
Gedankenlos bin durd) die Welt gefchritten 


Und unbewußt jedwedes Leid erlitten, 
Das die Verlaffenheit dem Weibe gibt . . . 





VIII. 


Ein Blättchen gab fie mir mit ſcheuer Haft, 
Als Antwort auf die wohlerwog'ne Frage: 
Ob Langemeile fie nicht längſt ſchon plage, 

Ob ih ihr nicht ein unmwilltommner Gaft. 


Sie fchüttelt mit der Feder fort die Laft, 
Und mwimmert wohl um die bergang'nen 
Tage, 
Ich weiß, es endet tragifch mit der Klage: 
„Das Leben ift mir bitterlich verhaßt!“ 


IX. 
Sie ſchreibt. 


Alte Träume, alte Leiden 

Hör’ft im meinem Lied Du fprießen, 
Alte Thränen hör’ft Du fließen — 
Laß uns nimmer, nimmer fcheiden! 


X. 


Er denkt. 


Warum Dich lieben? Gleicheſt Du nicht Allen ? 
Und wär'ſt Du anders, was gewänn' id) 
dann ? 
Ein Glüd, das meine Hand erfaflen kann, 
In meiner Hand zerbrechen kann, zerfallen. 


doh wenn ich fuchend 
drüde 

Das Fühlhorn meines Geift's in Dein 
@ebirn, 

Dünkt mir, dak hinter Deiner hohen Stirn 

Ein Etwas liegt . . . das einft gefehlt dem 
Glücke. 


Das iſt vorbei... 


XI. 


AT die Gedanken, weil voll Uebermuth 
Sie mid in einer tollen Stunde rief, 
Weil fie nun felber fi) vergarnt fo tief, 
Weil fie von Liebe ſpricht mit ſchäm'ger Gluth ? 


Weil fie verwirrt und ungefchidt mir ſchreibt, 
Und weil ihr bleiches Angefiht verblüht, 
Das ernfte Aug’ in Leidenfhaft verglüht? 

Das ift nicht gut... . Iſt das vorbei, mas 

bleibt ? 


730 


Was bleibt am Weib Erträgliches mir nod, 
Wenn er verfhwand, der fanfte Schön- 
heitsglanz, 
Und über all’ den Herzensfirlefang 
Der erfte graue Herbſtesnebel roh? . 


Er ſchreibt. 


Mir müffen auseinander, Kind, 
Mid drängt es in die Fluth hinaus, 
Still, wie Dein Wefen, war Dein Haus, 
Ich fehne mich nah Sturm und Wind. 


Bekränze neu Dein Flammenhaar, 
Sing’ einem Anderen Dein Lied; 
Der heute ruhig von Dir ſchied, 

Ging wie er fam, der Liebe bar. 


XIH. 
Sie ſchreibt. 
Ob, mit Entfepen ſchau' ich jept, wohin 
Mein thöricht Herz fih ließ aflmälig 
zwingen, 
Wie alle Demuth, alles Leiden, Ringen 
Richt wenden konnte Deinen falten Sinn. 


Da heute liebelos Du mir gefteh'ft: 
Daß Dir im Gleihmaß fei die Zeit ver- 
tonnen, 
Daß Du verloren nichts und nichts ge- 
wonnen . . 
Und wie hinweg von einem Leichnam geb’ft, 


Von einer Todten, wo Dein Beift nur fann, 
Ob Herz, ob Hirn der Sib war ihrer Seele, 
Sie meidend, daß Fein Wehlaut Dir erzähle 

Mas am lebend'gen Wefen Du gethan ... 


XIV. 
Aus ihrem Tagebuche. 


„For thou hast been 
As one, insuffering all, that suffers nothing.“ 
Hamlet, 
Seit Du mich verlaffen, 
Erftide ich ſchier 
In meinen Gemädhern. 


Mo Alles mid mahnt 
An das Vergang'ne, 
Und Deine Geftalt, 


Mohin ich nur blide, 
Entgegen mir tritt, 
Und mo Alles fpricht 


Mit einer Stimme, 
So wohl mir befannt, 
In einer Sprade, 
Die Niemand verfteht 
Als meine Seele... 
Wo für mid) noch weht 


Der Haudy Deines Athene, 
Mo für mich noch ſchwebt 
Der Duft Deiner Loden, 


Wo für mid nod) lebt 
Im Ticken der ihren 
Ein rubiger Pulsſchlag 


Der fchlanten Hände, 
Die auf meinem Haupt 
Nur flüchtig lagen, 


Ob flühtig und fühl, 
Als Du mich verlaffen 
Für alle Zeit!... 


XV. 


Wüßt' ich nur einmal 
Dich noch zu finden, 
&o wie Du getvefen 
Als ih Di ſah 

Am erften Tage... . 
Ich würde gehen 
Dornige Wege 

Mit nadten Füßen 
Und blutigen Sohlen, 
Stumm, ohne Klage . . . 
Aus Noth und Elend 
Würd' ih Dich holen, 
Dein Heil erflehen, 
Deine Sünden büfen! 


Oh wüßt' ih nod einmal 
Di fo zu fehen, 

Wie Du gemejen 

Am erften Tage, 

Ih würde fuchen, 

Suden ... ſuchen ... 
Aber ich weiß es, 


Wenn ih Did finde, 
So bift Du ein And’rer, 


Bift wieder hart, 
Wie an dem Tage, 
Als ih Did gefehen 
Zum lepten mal. 


&o bift Du ein And’rer! 
Dein ſchönes Haupt 
Liegt an einem Herzen, 
Das nimmer Dich liebt, 
Das nicht an Dich glaubt, 
Du lebft in Qual, 
Nihtswürdige Schmerzen 
Verzehren Dich. 

Du fühlft, es gibt 

Für Dich feinen Frieden, 
Du fühlft, es wid) 


Dein Glüd feit wir ſchieden ... 


Ich aber, die ftumm, 
Ohne Hoffnung und Klage, 
Gefuht Dich ... gefucht 
Und endlich gefunden, 

Ich ftehe wiederum 
Einfam, verftoßen 

Bor Deinem Haus, 

Bor Deinem Herzen, 
Berftopen ... . einfam! 


XVI. 


731 ' 


Als ftünde draußen 
Wie einft das Glüd 
Und trüge Deine 
Geliebten Züge . . . 


Die nur im Traum 
Roh zärtlich grüßen. 





XVIII. 


Jäh' iſt mir manchmal durch den Sinn gegangen, 

Was wohl geſchieht, wenn wir uns num 
begegnen ? 

Ach dachte mir, ich könne nie Dich fegnen, 

Wenn Deine Augen fremd an meinen bangen. 


Doch als Dein Falter Blid traf heut' den 
meinen, 


— Die Menfhen ſchwankten rings . . - 
die Häufer, Gaſſen — 
Mir ward, als müßt! ich Deine Hand 
erfaſſen 
Und küſſen fie... und weinen... . laut 
auftweinen. 


XIX. 


Die Welt ift fo groß, 
Peicht kann ſich verbergen 
Ein trauerndes Meib. 


Mir können nicht weilen 


Oh fehlte nur die Eine Tagesſtund', 
Die ich verlebt in fieberndem Entzüden, 
Entgegenträumend Deinen erniten Bliden, 
Dem PDrud der Hand, dem Wort aus Deinem 
Mund. 


Und nun liegt Allee todt auf tiefftem Grund, 
Das ganze Traumglüd fah id) Dich zer- 
ftüden! - 
Und uns zufammenführen feine Brüden, 
Oh fehlte nur die Eine Tagesftund’ ... . 


XVII. 
Ertönet oft plößlid) 
Der Glode Schall 
An meiner Thüre, 


&o ftoden die Pulfe.... . 
Mein rublos Herz 
Hält laufend, inne, 


Am felben Ort, 
Es gibt fein Meiden. 


Nur unbewußt führt 

Mein Herz mid die Mege, 
Die täglihd Du geb’ft. 

Und ftill wie Dein Schatten 
Folg' ih Dir nad) 

Und bebe zufammen, 

Wenn träumend oft hängt, 
Dein prüfendes Auge 

An einem Antlip, 

In Iugend und Schöne, 


Lächelnd und blühend 
Wie eh'mals das meine, 


Die Welt ift groß, 
Leicht kann fi verbergen 
Ein glüdlofes Weib. 


732 


XX. 
Er ſchreibt. 
Wenn von dem alten treuen Muth 
Noch etwas Deine Seele hegt, 
Und wenn Dein Herz noch für mich ſchlägt, 
So komm! ... Es ging au hoch die Fluth ... 


An einem wüſten, rauhen Strand 
Lieg' ausgefpült ich wieder bier, 
Rah Ruhe dürft" ich und nad Dir, 
Nah Deiner milden Frauenhand. 


XXI. 
Sie (reißt. 
Alte Träume, alte Leiden, 
Hör’ft in meinem Gruß Du fprießen, 
Alte Thränen bör'ft Du fließen, 
Wie einftmals bei unferm Sceiden . .. 


XXI. 
Er ſpricht. 
Wohl find es Monde jept, feit ich Dich mied, 
Doch vorwurfslos haft Du mich auf- 
genommen, 
Mit freudiger Scheu ſah'ſt Du mich wieder- 
fommen, 
Bon bleichen Lippen klingt Dein altes Lied... 


Sei nicht fo rathlos ... Ich bin fein Tyrann, 
Bin fein Romanheld voll ftudirter Qualen, 
Ein Zweifler bin ih . . . innerlichft zer- 

fallen, 

Ein glaubenslofer, lebenstranfer Mann. 


" XXII. 
Sie ſpricht. 
Ob ich zurecht mich in der Ferne fand? 
Ih fuchte Menfhen auf und laute 
Straßen, 
Ich konnte Keinen lieben, Keinen baflen, 
Und Keiner bot mir hilfreidh feine Hand. 


So trieb ich ruhelos von Land zu Land, 
Ein Blatt im Wirbel, einfam und verlaffen, 
Und fehnte mid nad Deinem Haupt, dem 

blaffen, 

Wie nad der Heimat, die ich niemals fand. 


XXIV. 
Er ſchreibi. 


Warum der Liebeloſe wiederkam, 
Das fragt mich oft Dein lang - beredter 
Blid, 
Verödung führte mich vielleicht zurüd, 
Vielleicht ein Selbftgericht .. . vielleicht auch ... 
Scham. 


Denn oft frug ih in fchlafentwöhnter Nacht: 
Was Did, Du großes willenlofes Kind, 
An mich getettet einft jo wahr und blind, 

An mid, der hart geredet und . . . gedacht. 


Und mälig weilt’ ich bei der Frage lang, 
Bald wuchs an Dich der Glaube unbe- 
mußt... 
Und in der leeren ſturmzerwühlten Bruft 
Gar mahnungsvoll Dein altes Lied erflang. 





(Schluß folgt.) 


Wildſchützen in 


der Almhütte. 


Ein Volksbild von P. A. Rofegger. 


Im Sennerhäujel auf dem Holz: 
blod figt die Moidei und legt die 
Hände auf die Knie, daß fie ein Eichtl 
raften mögen nach de3 Tages Laft, und | 
läßt fih die Haare flechten von der 
Burga. Die Moidei ift jung, aber, 
die Burga ift noch jünger, daher ſchickt 
ſich's, daß die Moibei zuerft fißt; dann | 
fommt die Andere dran. | 

Andere Weiberleut’ in Tirol Flechten 
fih die Loden des Morgens, wenn fie 
aufgeftanden find — unjere Senninnen | 
halten e8 zwar auch fo, nur am Sams: | 
tag machen fie ihren Puß, wenn es 
Abend wird, 's iſt jo der Brauch, 's iſt 
von wegen ber Beſuche. Die Alm: 
bütten haben nämlich eine ganz an- 
dere Zeit für Bifiten, als die Salons 
ber Stabthäufer. — Für's Erfte friſch 
gewaſchen; dann ein Nödel anziehen, 
welches nicht gar zu viel Fliden ver: 
jchiedener Farben hat; dann die Haare 
ausfämmen und ein Tröpfchen Kölner: 
waſſer drauf ftäuben und endlich mit 
Sorgfalt flechten. Iſt Eine dabei 
allein, jo nimmt fie den Haarfträhn 
zwiſchen die Zähne und bringt mit 
gelenkigen Finger den jchönften Zopf 
zumeg. In umjerem Almhäuſel aber 
ift das nicht nöthig. 

Mie der Moidei die zwei Flechten 
als Doppelfranz um das Haupt ge: 
wunden waren, jagte die Burga: „So, 
Alte, und nu heb Dich auf die Höh’, 
jegt will ich die Frau fein und Du 
das Stubenmäbdel.” Sie hatte lange 
Locken, jo ſchwer und weich wie Seide 
und jo golden wie der Sonnenjchein, 
ber hoch dort auf ber Kimmlerjpige 
lag und von dem man gewiß nicht 
Schönes genug jagen kann. 








So jaß die Burga breit auf dem 
fnorrigen, kropfigen Holzblod und ſpitzte 
die Ohren, ob die Moibdei, die ſchon 
im Flechten war, ihre ſchönen Loden 
nicht ein wenig loben werde. Weil 
aber die Arbeit jchier zur Rüfte gehen 
wollte, ohne daß das geſchah, jo jagte 
fie zur Moibei: „Du haft aber recht 
ſchöne Haar’ jetzt.“ 

„Die Deinigen wären mir ſchon 
noch lieber“, antwortete die Flechterin; 
da empfand die Burga ein großes 
Wohl in ihrem Herzen. 

„Biſt eine reine Jungfrau, Bur— 
ga?“ fragte die Moidei plötzlich. 

„Ih?“ entgegnete die Geſellin, 
„möcht' aber ſchon wiſſen, warum Du 
das fragſt.“ 

„Weil ich Dir das Kranzel nicht 
um den Kopf winden dürft' — wär's 
nimmer wahr.” 

„Darfſt Du ein doppelt's tragen, 
wird für mich ein dreifach's nicht zu 
viel fein”, gab die Junge den Spott 
zurüd. 

„Eine Haarloden ift fein Ros- 
marinftamm”, vertröftete fie bie 
Burga. 

„Seit was Zeit bau’ft Du feinen 
Rosmarin mehr in Deinem Garten?” 

„Seit — wart’ nur, Burga, wann 
iſt's denn geweſen? — Zu Mebarbi 
wird's g’rab’ zwei Jahr, jeit ich feinen 
mehr anbau'.“ 

„Iſt ſelb' Zeit nicht der Mirtel 
Knecht geweſen in Deinem Vater feinem 
Haus ?“ 

„Ja Du, das mag Schon fein, daß 
jelb’ Zeit der Mirtel Knecht ift geweſen 
in meinem Vater jeinem Haus, 


734 


„Geh', thu’ mit fo dappert“, lachte 
die Jüngere, „weiß e3 eh’ ſchon lang, 
daß der Mirtel der Deinige ift.“ 

„Was geht'3 denn Dich an?” ver: 
jegte die Andere jcharf und that einen 
Ruck an den Haarloden, daß die 
Burga „Auweh!“ jchrie. 

„Wirft doch desweg nit harb jein, 
Du Dalgert!” jagte diefe dann, „einen 
Spaß muß Eins ja haben — und 
wenn’ wahr ift, jo fällt desweg auch 
der Himmel nicht aba. Thät felber 
Einen nehmen, wenn mid Einer 
mödht’.“ 

„Wenn Du mit Sebem zufrieden 
bift, wirft nit allein bleiben“, gab die 
Aeltere zurüd. 

„Gift' Dich nit, Moidei und fingen 
wir Ein’3, 's ift ja ber heilig’ Sams— 
tagabend.“ 

„Geſcheidter iſt's ſchon“, ſagte die 
Andere und hierauf huben ſie an — 
die Aeltere tief, die Jüngere hoch — 
zu ſingen: 

„Es wollt' ein Sünder reiſen, 

Wohl in die Römerſtadt, 

Drei Sünden wollt’ er beichten, 

Die er begangen hat. 


Der Papft wird voller Zoren, 
Und ſchaut den Sünder an, 
Ewig bift Du verloren, 

Ih Dir nit helfen fann. 


Er nimmt ein dürres Stabel, 
Und ftedt es in die Erd’; 
Eh’ wird das Stabel grünen, 
Eh’ Du wirft felig wer'n. 


Sie fegten ab. „Du“, jagte bie 
Burga leife, „los einmal, mir ift 
g’rad’ geweſen, ich hätt’ ein’ Schritt 
gehört draußen vor der Thür.“ 

„Ich hab’ aucheinmaleinen gehört”, 
verwies bie Aeltere, „und Deine An- 
dacht zum Lied wird nicht gar groß 
jein, wenn Dich die Gaif’ da draußen 
ſchon ſchrecken.“ 

„Weil's halt ſchon finſter wird“, 
meinte die Burga; dann ſangen ſie 
weiter: 

Der Sünder geht voll Peinen 

Und ruft von Berg zu Thal, 


Kommt, helfet mir beweinen 
Die großen Sünden all. 


Stund an ein Meines Zeitlein, 

Das Stabel wird gar grün, 

Treibt aus drei junge Zmweiglein, 

Und d’rauf ein fchönes Geblüh'.“ 

Und nochmal wiederholten fie es 
in weihem Slange: 

Treib't aus drei junge Zweiglein, 

Und d’rauf ein ſchönes Geblüh’.“ 

Dann jchwiegen fie. Die Moidei 
ging an den Herd, die Burga blieb 
noch figen und war nachdenklich. 

„Moidei”, ſagte fie nun, „gelt, 
dad Gejang hat Dir Deine Ahndl ge: 
lehrt.“ 

„Freilich.“ 

„Und hat ſie Dir niemalen ge— 
ſagt, was das für drei Sünden ſind 
geweſen, bie der Jüngling hat began— 
gen u 

„Wie weißt benn, baß er ein 
Jüngling ift geweſen?“ verjegte bie 
Moidei flet3 altflug, „kann ja aud 
ein” FERNE, 

An diefem Augenblid war ein 
boppelter Aufſchrei. Stodfinfter war's 
den Mädchen plötzlich — frembe Finger 
bielten ihnen die Augen zu. 

Sie hatten ſich aber bald gefaßt. 
E3 find. ſtets gutbefannte Zeut’, die 
Einen auf diefe Weiſe blenden. 

„Wer iſt's?“ rief eine Stimme 
hinter dem Rüden der Moidei. 

„Der Etſcher-Waſtl?“ fagte dieſe. 

„Himmelweit fehlgeiprungen.“ 

Und „Wer iſt's?“ rief eine ver: 
ftellte Stimme hinter dem Rüden ber 
Burga. 

„Ber wird's denn fein? Wenn's 
der Hirlaher Mirtel nit ift, jo ift’s 
ein Anderer.” 

„Kein übles Nathen, Burga, ein 
Anderer iſt's nicht. Wie Dir jegt bie 
Augen wieder frei find, fieh’ft Du die 
Beſcheerung. Die Sennhütte ift voll 


von Männern — und von was für 
Männern!” 
Da iſt der Kernthaler Franz, 


Holzer aus dem Puſterwald; ba ift der 
Röpltoni, der Kohlenführer beim Bach: 
gruber; da ift der Salzburger:Hang, 
der fort in der Gegend herumjchleicht 


735 


und doch nirgends ein Gejchäft hat, mal ein's gejehen hat, wird fi) das 


den fie bei heimlichen Stüdeln nicht | Bild 


leiht vervollftändigen. Die 


gerne mithalten laſſen, weil er ein Joppen der Burjchen, aus grobem, 


tückiſcher Gefell’ ift, und ben fie uns| 


gerne abmweifen, weil fie dann jein Ver: 
ſchergen (VBerrathen, Anzeigen) fürchten ; 
und da ift der Hirlacher Mirt, ein 
abgedankter Yagdgehilfe, von dem man 
nur weiß, daß er an Verträglichkeit 
und Unterhaltjamfeit ein prächtiger 
Kerl ift, die Weibsleute gern bat und 
fih auf das Wildern verlegt. 

Der Mirtl war bisher zu ber 
Moidei — die wir ſchon kennen — 
geftanden, zwar nicht jo öffentlich, daß 
der Herr Pfarrer außer in dem Beicht: 
ftuhl ein Wort darüber hätte reden 
fönnen, und auch nicht fo heimlich, daß 
nicht alle Leute davon gewußt hätten. 

Heute nun — knirſchte die Moibei. 
— „Was hat der Mirt der Burga 
die Augen zuzubalten? Gr hat die 
Moidei zu verblenden und jonft Keine!” 

Kede Burfchen find es aber auf 
und auf. Feftgefpannte, abgejchlifjene 
Bocklederhoſen tragen fie, dide Häute, 
die nur an den Näthen etwa hie und 
da ein wenig auseinanderflaffen, jchier 
geiprengt von den ftrammen Geftalten. 
Die Knie find nadt und rauh und braun 
wie Föhrenrinden. Bis über bie 
halben Waden gehen die buntgeftricten 
Wadenftugen empor, oben nad) außen 
übergefchlagen, unten über ben Knö— 
cheln, die nadt find, zufammengebunben. 
Niedere Bundſchuhe dann, mäufegrau 
und hart wie Holz, haben jeit undenf- 
lihen Zeiten jchon keine Fettung mehr 
erfahren, aber derb bejchlagen mit 
Hafennägeln, welche wie Silber fun: 
feln im glatten Schliffe, den ihnen das 
Gejtein des Hochgebirges verliehen hat. 
Ferner trägt Jeder einen breiten Leber: 
gurt mit der Meffingfchnalle vorne 
über dem Prachtſtück der Bodshaut: 
boje, dem mit weißen Fäden kunſtvoll 
ausgenähten und verzierten, an zwei 
Knöpfen oben befeftigten Bauchfled. 
Diejes Prachtſtück, die Stirn und der 
Schild aller „Häutenen“ ift nicht Leicht 
zu bejchreiben — Jeder, der je ein: 


fadenjcheinigem Tuche mit den über 
den Achſeln aufgefalteten Aermeln, find 
rückwärts fo kurz, daß fie zwifchen fich 
und dem Ledergurte, drei Finger breit 
das „Rupfenhemd“ jehen laſſen. Der 
Hirlacher Mirt hat an feine Vorder: 
ärmel noch je einen Leberfled ge- 
beftet, auf daß beim Klettern, Anz: 
ftemmen und Anfriehen in den Wän— 
den die Joppe nicht zu fehr leide, an 
welcher jeboch, unſerer Meinung nach, 
nicht allzuviel mehr zu verberben jein 
fan. Meſſerbeſteck in der Hoſentaſche. 
Rückwärts über dem Schienbeinktnochen 
ein ftrammgereibelter Tabafbeutel aus 
Schweinsblafe, und daran gängelnd 
ein langer Pfeifenftierer, aus Draht 
zierlich gewunden. 

Der Mirt hat ferner eine mächtige 
Waidtaſche umgehangen, an welcher die 
Haare und Klauen jenes Thieres noch 
hängen, das dieſe Taſche einſt als 
bluteigene Haut getragen hat. Ueber 
der Bruſt die kameelhaarenen Hofen- 
träger; um ben Halskragen etwa ein 
verblaßtes, zerfajertes Seidentuch Lofe 
gewunden; auf dem Haupte den arg 
zugerichteten Filz mit den feden Hab: 
nen= und Geierfedern (nur der Kern— 
thaler⸗Franz trägt auf feinem Hut einen 
Strauß von Almraufh und wilden 


Thimian); — wirre Loden in ber 
Stirne, buſchige Schnurbärte und 
Schneeweiße Zähne darunter — da 


habt ihr die Kerle, wie fie leiben und 
leben. 

Jeder der Biere hat beim Ein- 
tritte leife ein Gewehr an die Wand 
gelehnt. Seht ftopfen fie ihre Pinz- 
gauer Pfeifen und holen mit zierlichen 
Stahlzänglein eine glimmende Kohle 
aus der halbverglofenden Gluth. Dann 
feßen fie fih an den Tiſch und ber 
Mirtel, der ſich auf dem Holzblod feit: 
geftemmt hat, wo vorhin die Burga 
gejeffen, faßt das Mädchen nun ein: 
mal am Rande des feingefchnürten 
Miederd und jagt: „Heut’ hilft Dir 


en 


fein Gott und fein Heiliger, heut’ 
mußt uns über Nacht behalten.” 

„Ja lad’ nur nit“, fügt ber 
Röpltoni bei, „'s ift fein Spaß, mir 
fönnen heut’ nicht mehr hinab; Die 
Rabenklauſen unten ift mit Jägern 
bejegt.” 

„Jeſſes“, haucht die Burga, 
„werb’3 doch nicht wieber auf's Gams- 
ſchießen aus jein!“ 

„Ra, zum Zähnausftohern brauchen 
wir die Eifenprügel g'rad' nit, die Du 
leicht ſiehſt“, lachte der Kernthaler: 
Franz. 

„Der Jäger find heut’ Stüd a 
zehn“, berichtet der Mirt, fie ſpannen 
(ahnen) was ; aber fie glauben, wir jeien 
auf der Speilleitalm, weil wir dort 
etlihe Handpöller gerichtet und mit 
Zunder belegt haben, die jet vor einer 
Viertelftund’ erft losgegangen find. Da 
bei Dir find wir ſchon ſicher, Burga, 
und können morgen früh auf den Drei- 
ipigfofel hinauf. 

Burga ſetzte ihnen friihe Milch 
vor, blieb dann in ihrer jchönen, bei- 
teren Geftalt, das Vortuch nad Almer- 
fitte hübſch emporgeſchlagen und rüd- 
wärt3 mit den unteren Eden leicht zu: 
jammengebunden, den Arm mit feinem 
weißen Hemde in die Seite geftemmt, 
vor den Burjchen ftehen und lud die 
Gäſte mit einem fröhlichen Lächeln ein 
zum Genufje deſſen, was fie bieten 
fonnte. 

Die Männer ließen aber die Pfeifen 
nicht aus: und die Löffel nicht angehen. 
Der Mirt ftemmte feinen Arm auf 
das Knie und fragte: „Na, Burga, 
und was ift’3 nachher mit der Lieger: 
ftatt ?“ 

Darauf gab fie trillernd zur Ant: 
wort: 

„Dös id a ſchlechta Schüp, 

Der fih af a Gamfl wagt, 

Und in der erft'n Hütt' 

Um a Liegerftatt fragt.” 

„Weißt“, jagte der Rößltoni, 

„So geht's af der Alm, 

Dentt fa Dirndl af die Kalb'n, 

Und fa Schüß af die Jagd, 

Wan fie d'Lieb amal plagt.“ 


Darauf die Burga: 


„Win höha die Alm, 

Um fo friiha das Kraut; 
A jad's Dirndl is a Narr, 
De an Jaga z'viel traut.‘ 


„Schau“, jagte jegt ber Kern— 


thaler : Franzl und neftelte mit ber 


Pfeifeufpige feinen Schnurbart auf: 
„Sein thut das fo: 

„Die Sennerin af der Alm 

Thuat an Juchſchrei an halb'n, 

Und den andern da Bua, 

Wann er hinkimmt dazua.“ 

Dann fiel wieder ber Hirlacher 
Mirtel ein: 

„And Sennerin af der Alm, 
Schau, was thaft mit an halb’n, 
Sei froh, wann Ana fimmt, 
Daß dan ganz'n zſammbringſt.“ 

Es mar ſchon eine Freude, wie 
die drei Burſchen um den Tiſch herum 
jaßen und von Liedchen zu Liedchen 
feder werbend das Mädchen mit frifchen 
Augen anblinzelten. 

Abſeits am Herde war bie Moibei. 
Sie wuſch in einem Zuber den Käs— 
beutel und zerfnitterte ihn und zer- 
fragte ihn mit den Fingernägeln, daß 
e3 arg war. Arg und Hell unver: 
nünftig ; was fonnte der Käsbeutel da— 
für, daß ihr heute der Mirt noch nicht 
ein Mörtel geſprochen hatte; daß er 
ihr den Rüden zufehrte, während er 
der Andern die b’jonderften Schelmen: 
lieblein in’8 Gefiht fang! — ’3 ift 
aber wahr, diefe Burga ift fo eine 
Schmeichelkatz. Wart' nur, Mädel, 
wenn ich dir nachſt wieder die Haar 
flechten ſoll — die Feigen zeig' ich 
dir; ausrupf' ich ſie dir, nicht ein 
Strehndl laß' ich dir fteh'n! — In 
dieſem Augenblicke hatte der arme 
Käsſack im Zuber einen böſen Riß er- 
fahren. 

Hinter dem Tiſch in der Ecke 
lehnte der Salzburger-Hans, ein blaſſer 
Burſch' mit ſchütterem Bartanflug; 
— er blickte etwas finſter d'rein. Er 
rauchte keine Pfeife, er hatte die 
Hände in den Hoſentaſchen ſtecken, und 
er that nicht mit im Singen und 


737 


Neden. Das Singen und Neden 
führt zu nichts. Er war weit herge- 
fommen aus der Krimel herauf. Juſt 
der Gemjen wegen nit. Man mag 
ſchon fuchen auf den Almen, bis man 
ein fauber Stüd Sennin antrifft. Die 
bübjcheften und die laubfrifchen ſperrt 
ber Bauer lieber unten in jeinen Hof 
ein, als daß er fie oben auf den Höhen 
frei herumhüpfen läßt wie die Gemſen 
— in einer Gegend, wo es fo viele 
Wildfhügen gibt. — Die Burga — 
na, die ift eine Ausnahme. Ihre An: 
verwandten find geitorben; ihr Bor: 
mund, ein dicker Poſtmeiſter im Pufter: 
thal drüben, ſchaut fich nicht nach ihr 
um, und weil fie in ber Milch- und 
Butterwirtbihaft gut Beſcheid weiß 
und darin verläßlich ift, jo hat man 
fie auf die Alm geſetzt. Die Moibei, 
die Heltere und Gejcheibtere, ift ja auch 
bei ihr, die wirb das jung’ Blut ſchon 
zurecht halten. 

Der Salzburger:Hans hat gemeint, 
er würde heut’ allein der Hahn im 
Korb fein. Da ift er, wie er fo facht 
und ſtill herauffchleihen wollte in’s 
Gemsgebirg’, unten auf ber Kreuz: 
halde zu alten Bekannten geftoßen. 
Nun ift er nicht der Hahn im Korb; 
noch fein einzig Wort hat er mit ber 
Burga geiprodhen, und bie Andern 
haben ſchon jo oftmals gefräht. Zu: 
def, der Hans ift nicht verzagt. 
Halten fih die Dreie an die Burga, 
jo ift die Moibei no da.... 

Leider hat fih Moidei's Auge zu 
jeht mit dem Mirtel und der Burga 
befhäftigt, al3 daß fie den Blick bes 
blaffen Burfchen bemerkt hätte. Ihr 
zitterten alle Glieder vor Wuth, ob 
einer jo ſchwarzen Untreue bes Hir- 
lachers. Und gar erft, al3 der Mirtel 
ein wenig gegen den Herd hin ge 
wenbet folgendes Liebchen fang: 


„Ih kenn’ immer a Dirndl, 
Hat a Stridl ban Bett, 

Daß die Buabn kann dahaltı, 
Sunft bleibn ffihr ja net." 


Gelächter. Und die Burga lachte auch). 


Wofeggers „‚Heimgarten‘‘ 10, Geft, 


Dh, dachte die Moidei, biefe 
Schlange mit den rothen Haar! — 
Auf den Fußdielen lag die Holgipalt: 
hacke — wie wollt’ fie — die Moidei 
— mit biefem Beil....! Raid 
ihlug fie den Gedanken nieder und 
flehte im Herzen: Heilige Maria 
Schnee, behüte mich vor allen Anfech: 
tungen! — Aber, fie weiß jchon, was 
fie thut, denn heute zuſammen ver: 
bleiben unter einem Dah, das darf 
für diefe Leut' nicht fein, und ſollte 
fie ihnen bie Hütte über dem Kopf 
anzünden müſſen — heilige Maria 
Schnee, behüte vor allen Anfechtungen! 
— Nu, auf das kommt's nicht an; 
fie — bie Moibei ift fein abdraht 
(ſchlau), fie weiß ſchon noch «in ander 
Mitte. Und wenn er nur erft zu 
Mitterfill im Arrſt figt, der Mirtel, 
nachher hat er gut Weil’ zum Nachden: 
fen über vergangene Zeiten — wird 
ihm die Moibei wohl wieder einfallen. — 

Nah einer Weile, als es jchon 
woltern finfter geworben ift und bie 
Burga einen Kienfpan anzündet, ruft 
fie hell: „Segerl, wer hat uns denn 
die Moidei geftohlen ?” 

„Kunnt mir’3 nit denken, wer die 
Dummbeit hätt’ g'macht“, entgegnete 
der Mirtel. 

„Mir kummt's für, ihr ſeid's 
nimmer gut miteinand“, bemerkte der 
Kernthaler:Franz, „zwiihen Dir und. 
der Moidei hat's was antragen.” 

„Ihr Buben feid’8 ſchon fo,” 
fagte jett die Burga, „Für's Erft, 
da hängts ein’ Mädel allerweil an 
ber Kittelfalten und zärtelt3 und bettelts 
und habts fort die brennheiße Lieb 
und Treu auf der zuderfüßen Zung'. 
Und ift 's Dirndl 3’ gut — nur ein 
Hein Biffel 3’ gut — nachher iſt's gar 
— nachher ſchaut's es nimmer an.” 

„Schau, ſchau,“ verjegte hierauf 
der Rößltoni und blinzelte der Burga 
in's Geficht, „bift auch Fein heuriger 
Has mehr.” 

„Bon mir felber kunnt' ich's nit 
wiſſen,“ ſagte das Mädchen, „um fo 
öfter hab’ ich’3von meinen Kamerabinnen 

47 


138 


gehört. Ich hab’ Eine gehabt von Lienz 
herauf; hab’ Eine gehabt vom Buiter: 
thal; Hab’ wieder Eine gehabt von 
der Spruggergegend und Eine von 
Zillerthal. — Alle haben das gleiche 
Lied gefungen. Die Buben find auf 
der ganzen Welt nicht's nuß. Die Moidei 
habt's mir Schon verzagt gmacht, wollt’3 
leicht jegt mit mir anhand’In 2“ 

„Ah na,“ brummte der Kernthaler: 
Franz, „Du wär'ſt viel zu fürnehm 
für jo arme Teufel, wie wir find.“ 

„Harb müßt’s nit werben,” lachte 
bie Burga, „ih hab’ nur gejagt, daß 
die Buben nicht's nuß find. Daß ich 
feinen mag, das hab’ ich nit gejagt.” 

Darauf Elopfte der Hirlacher Mirtel 
mit feinem Pfeifenfattel auf den Tiſch 
und murmelte: „Ich den’, Manner: 
leut, wir machen uns auf die Füß’ 
und gehen um ein Häufel weiter.“ 
Seit ihm von der Moidei war ange 
jpielt worden, war feine Munterkeit 
weg. Das Ding wurmte ihn, daß er, 
zudem ihm das Mädel nicht mehr 
gefiel, auch noch den Vorwurf hatte — 
und von jo unberufener Seite. 

Er erhob fih, nahm feinen Stußen 
um, fagte: „Gut Nacht, Sennerin” 
und ging davon. 

Der Kernthaler-Franzl konnte es 
nicht laffen, die Burga noch ein wenig 
in die Wange zu kneipen, dann nahm 
‚auch er feinen Stußen in bie Hanb. 

Der Rößltoni blieb einen Augen: 
blid kerzeng'rad vor ihr ftehen, dann 
flüfterte er: „Weber daß, was Du 
voreh’ zulegt haft g’jagt, reden wir 
noch weiter. B'hüt Dich Gott, ſchöner 
Schatz.“ Dann nahm er feinen Stugen 
und ging den Anderen nad). 

Die Burga hantirte am Herb 
herum und trillerte: 

„Büabel, Du fhmirrit Dih an, 

Wan'ſt glaubt's Du haft mih fchon.“ 

Von draußen herein hallte noch 
folgendes Liedchen: 

„Wan’ft mih ah Du nit liabit, 

I8 fa Königreih hin, 


Woaß noh mehr ſcheane DirndIn 
In Zirolerland drin.” 





Dann waren fie fort. Es war fill 
und dunkel in ber Hütte. Ein einziger 
Kugelftugen noch lehnte an der Wand 
und an der Ede Hinter dem Tiſch 
ftand der Salzburger-Hans. 

„Na, Hans,“ vebete ihn das Mäd- 
hen an, „thuft Du nit mit Deinen 
Kameraden mit ?” 

„Ra.“ 

„Barum denn nit?“ 

„Weil’3 mich nit g’freut. — Weißt, 
Dirndl, mir g'fallt's bei Dir beſſer.“ 
Und er trat auf fie zu. 

Sie waren nun allein in ber Hütte. 
Die Moidei fam nicht zum Vorſchein. 
Draußen jchellte zuweilen die Kuh ober 
mäderte eine Ziege. Sonft Alles in 
der Ruh! Burga ſchürrte in der glo: 
jenden Herbfohle und blies eine Flamme 
an. Der Salzburger Wildſchütz ftand 
unbemweglih und finfter vor ihr; er 
war fo blaß, daß nicht einmal ber 
Gluthſchein fein Antlig zu röthen ver: 
mochte. Nur feine jchwargen Augen 
funfelten. 

ALS nun, angefacht von dem Athem 
des Mädchens, die Flammen empor: 
fprangen aus ber Gluth, fang ber 
blaffe Burſche — aber gar mit ton- 
lofer Stimme — aud ein Liedchen: 

„Seht gib mir a Buffel, 
JIept fan mir alloan, 
Die Naht is ftodfinfta —“ 

Der Sang erftidte in ber leiden: 
Ihaftlihen Aufregung feines Weſens. 

„Wenn Du deswegen bablieben 
bift“, verjegte, ohne mit einem Lieb: 
hen zu erwibern, das Mädchen, „fo 
— muß ih Dir fagen — haft es nit 
geſcheidt angeftellt. Hätteſt es Halt 
früher geſagt, ſo lang noch die Leut' 
dageweſen ſind. Thu' ich wem einen 
Gefallen damit, für einen Schmatz iſt 
mir Reiner feil. Sept find wir allein, 
da iſt's nichts. Mit Buſſerln hebt's an, 
drauf fommen allerlei Kedheiten — 
na, na, Bübel, da bift bei ber Un: 
rechten.” 

„Don“, ftöhnte dev Burjche und 
padte fie mild in die Arme, „Du 
mußt!” 


739 


— Den möcht’ ich nit und hätt’ Er 
rief die Burga, erhafchte einen bren= |eine goldene Pfaid auf dem Leib!” 


nenden Baumaft: „Da haft eins!“ —— 
unb Sieb ben AR ihm über die ABl, |yap dam [ähnitten Re den Site un 
aß bie Zunfen brauften. banden damit die Hände des Salz: 
Nun war in ihm auch bie Wuth zurger Hans kreuzweife über einander 
entfacht. Mit der ganzen Mucht feines | Han hingen fie ihm fein eigenes Ge: 
Körpers fiel = über bas Mädchen her; wehr um den Hals und von den Hun— 
— ſtieß Burga — den umknurrt und von den Jägern 
aus — da — jprang bie Thür auf gehöhnt und geftoßen, ftieg der Wild— 
und herein ſtürmten etliche Hunde und (hüße nieder von ber grü 
grünen Alm 
nn Dugend Männer mit vorge: gegen die büftere Sündenfammer zu 
— es at da? Wo find die Mitterſil nt j 
Wilddiebe!“ fuhr Einer drein. Die Moidei war über diefen Vor— 
Der Salzburger:Hanns hatte von | gang gar überraſcht. Sie hatte vor 
ſeiner Beute abgeiaſſen und brummte: llem nur ihren treuloſen Geliebten, 
„Sind ſie nit mehr da, ſo werden ſie den Hirlacher Mirt, gefangen nehmen 
halt ſchon fort ſein.“ laſſen wollen. Deswegen hatte ſie die 
„Wohin 2 Jäger geholt herauf von ber Raben: 
„Was gehen mich die Wildſchützen an Und iest er — * 
—* wieder davon und er ſpeanzelte (ſchä— 
„Wem gehört dieſes Gewehr?“ derte) vielleicht in anderen Hütten ber: 
„Hättet Ihr dem Hirlacher Mirt um; weiß Gott, die Alm ift weit. 
Beit gelafien, jo hätt’ er's wohl mit: Aus Zorn verzehrte die Moibei 
genommen.” an bemjelbigen Abend von den Dutzeud 
„O beileib!” jchrie die Moibei da: | Hirihen (Schmalznoden), die für beide 
zwiſchen, die auch bei ben Jägern war, | gefocht worden waren, neun Stüd, fo 
„derlogen, daß das dem Mirt ſein daß für die Burga nur drei blieben. 
Stugen iſt!“ Und fie redete den ganzen Abend fein 
„So wird er wem Andern fein; einzig Wort mit der Burga. Diefe 
was geht das mich an!“ fagte der aß den Reſt in ftiler Ruhe und dachte 
Hand, „werb’ wohl Niemandem Re: | bei fih: Aller guten Dinge find drei. 
chenſchaft zu geben haben, wenn id) Aber das thu' ich und jetzt ſchau' ich 
zu meiner Liebjten geh'.“ mir um einen Liebhaber, daß bie 
Seht richtete fich die Burga auf: |feden Mannerlent’ wiffen, wem id 
„Was? Wer ift denn Seine Liebfte ?' zugehöre, 


„So! Gewalt mwiljt brauchen!” 








an 


47* 


740 


Der Ungemüthlide. 


Bon Robert Yamerling. 


Ich fuhr eines Tages, auf einer 
Neife begriffen, durch das Städtchen 
X., und während die müben Boftgäule 
den Marftplag entlang trabten, kam 
ih an einem Wirthshaufe vorüber, 
aus welchem foeben ein Menjch heraus: 
geworfen wurde, Die Gewalt des Wur: 
fe8 war eine jo heftige gemwefen, daß 
ber arme Teufel auf der Straße fi 
nicht wieder aufrichten fonnte und hilf: 
(08 dalag, während der Schwarm Lu: 
jtiger Gefellen, der ihn folchergeftalt 
über bie Schwelle befördert hatte, fin: 
gend und lärmend ſich wieder in das 
Gaſtgemach zurüdzog, ohne fich weiter 
um ihn zu fümmern. Halb aus Mit: 
leid, halb aus Neugierde, ließ ich 
halten, ftieg aus dem Wagen, half 
dem Unglüdsvogel auf die Beine, und 
da ich merkte, daß er ſich im Fallen 
ſtark beſchädigt, überdies auch jonft 
das Anſehen eines krüppelhaften Men— 
ſchen hatte, denn er war lahm an 
einem Fuße und auf einem Auge blind, 
ſo nahm ich ihn zu mir in's Gefährt 
und erreichte gleich darauf die Her— 
berge, in welcher ich die Nacht zuzu— 
bringen gedachte. Dort ließ ich ihn 
zu Bette bringen und einen Arzt rufen, 
dem ich ihn empfahl, denn er ſchien 
mir der Pflege gar ſehr zu bedürfen. 
Im Mebrigen gönnte ich ihm auch, 
da er mühſam jprach, die nöthige Ruhe 
und wollte ihn für den Neft des Abends 
mit Fragen nicht weiter behelligen. 

Den andern Morgen ging ich zu 
ihm, fand ihn in einer ziemlich fchlech- 
ten Berfaffung, denn er hatte durch 
den Fall eine ftarfe Erſchütterung der 
Bruft erlitten, und ber Arzt erklärte 
unter vier Augen den allgemeinen Zu: 
jtand des gebredhlihen Mannes für 
einen bedenflichen. 


„Wie fam es nur”, fragte ich, 
mich an's Bett zu dem Kranken ſetzend, 
„daß Euch von jenen Gejellen in der 
Schenke eine jo unglimpflicde Behand: 
lung wiberfuhr ?” 

„Wie e8 Fam?” erwiberte er. 
„Ad, das fam fo, lieber Herr: Die 
muntern Gejellen, die in jener Gaft: 
jtube beijammen ſaßen, das waren 
lauter gemüthlihe Leute, und ich, 
müßt Ihr wiffen, Herr, ih bin, wie 
die Leute jagen, ein ungemüthlicher 
Menſch. Und das eben, Herr, das ijt 
der Fluch meines Lebens immer ge 
wejen, daß ih ein ungemüthlicher 
Menſch bin, wofür ich gar nichts kann, 
da ich mir zeitlebens alle erbenkliche 
Mühe gegeben habe, ein gemüthlicher 
Menſch zu werben, wie bie andern 
Leute, aber vergebens. Schon als klei— 
nen Knaben bat mein ſeliger Vater, 
Gott tröft’ ihn! mid lahm gefchlagen 
— daher mein Hinfen auf einem Beine 
— weil mein Bruder etwas verbro- 
hen hatte. Dieſen wollte er nämlich 
nicht ſchlagen, weil er ein allzu ges 
müthlicher Knabe war. 

Mein Bruder wurde, eben weil 
er ein gemüthlicher Knabe war, von 
allen Leuten und insbefondere von den 
Frauen gehätſchelt und geliebfoft, und 
wenn Bejucher in's Haus kamen, ober 
Verwandte und Freunde uns auf ber 
Straße begegneten und mit und jpra= 
hen, jo fahen fie immer nur meinen 
Bruder dabei an und richteten ihre 
Worte immer nur an meinen Bruber; 
über mich glitten fie mit den Augen 
hinweg, als ob ich in einer Tarnkappe 
jtedte. 

In der Schule ſah ich, wie an: 
dere Knaben, wenn fie etwas verbro- 
hen, von den Lehrern mit Lächeln 


741 


zurechtgewiejen, höchitend ein wenig | Borgefegte wegen feines guten Humors 
beim Obrläppchen gezupft, ober bei, fi auf Reifen begleiten ließ; bei ber 
den Härchen ein Klein wenig gezogen, | dritten derjenige, auf welchen die ält: 
ober mit ber Rückſeite der flahen Hand | liche Nichte des Vorgefegten ein Auge 
auf die Wange getätichelt wurden — | geworfen hatte. Von mir ließ der Chef 
ih dagegen, jelbjt wenn ich mich ſehr ſich weder Hut noch Stod reichen, 
brav benommen und ausgezeichnet hatte, noch auf Reifen begleiten, noch gab 
mit fauerfüßer Miene kurz belobt und er mir feine Nichte — denn ich war 


dabei mit Augen angejehen wurde, 
als ob ich eigentlich Prügel verdient 
hätte. 

Wenn meine Gefchwifter oder Ka— 


ein ungemüthlicher Menſch. 

So fam ich nicht weiter im Amte 
und zu guter Legt wurde ich gar ent: 
laffen. Warum? Ach Gott, weil ich 





meraden einen jchlimmen Streich aus: |ein ungemüthlicher Menjch war. 

führen wollten, jo nahmen fie mid Jetzt wendete ich mich dem Kauf: 
nicht dazu und thaten es heimlich vor | mannsftande zu; aber Fein Menſch 
mir, denn ich war ihnen zu mwenig | wollte etwas von mir faufen, weil ich 
gemüthlich. nicht gemüthlich mit den Leuten zu 

Kleine Kinder, Hunde, Katzen u. |reben mußte. 

dgl. gaben ſich auch nicht gerne mit Nah dem Tode meiner Eltern und 
mir ab und wichen mir aus, obgleich | meines höchſt gemüthlichen, aber leider 
ih ein Freund von ihnen war. Ich am Delirium tremens zu Grunde ge: 
machte daher vielerlei Verſuche, fie | gangenen Bruders fiel mir ein Kleines 
durch ein entgegenfommenbes Beneh: | Erbe zu, mit welchem ich ein Bauern: 
men für mich zu gewinnen, aber nichts | gütchen anfaufte, das ich nunmehr zu 
wollte verfangen. Wenn ich die Katzen verwalten mich anjchicdte, wobei ich 
ftreichelte, jo fragten fie mich, wenn | vor Alem nah einer paflenden Hel— 
ih die Hunde an mich lodte, fo biſ- ferin und Lebensgefährtin mi um: 


jen fie mi in die Wade, und ſah | jehen zu müſſen vermeinte. 


ih ein Kinblein in der Nähe nur fo 
ein bischen liebreich an, jo begann es 
zu ftrampeln und zu jchreien, als ſtecke 
es am Spieße. 

Nachdem ich herangewachjen, wurde 
ih in eine Kanzlei gethan und ſchlug 
die Beamtenlaufbahn ein. Es faın bie 
Zeit, wo ich der Nächfte war, in eine 
höhere Stelle vorzurüden. Aber es 
wurde mir berjenige meiner Gollegen 
vorgezogen, ber dem Chef der Kanzlei 
immer beim An: und Ausziehen des 


Weberrods behilflih war. Ych wollte‘ 


mich in ähnlicher Weife gefällig er: 
zeigen und reichte dem Vorgeſetzten 
beim Fortgehen, bienftwillig vorfprin- 
gend, Hut und Stod. Aber er jah 
nid grämlih an und murmelte un: 
wirſch etwas in den Bart, und meine 
Amtscollegen nannten mich von da ab 
einen Speichelleder und Heuchler. Bei 
der nächſten VBorrüdung wurde mir 
derjenige vorgezogen, von welchem ber 


Ich Hatte aber große Schwierig: 
feiten, eine Frau zu befommen. Die 
ländliden Schönheiten fanden zu we: 
nig Kurzweil bei mir, ſchämten fich 
meiner auf den Tanzböden und biel- 
ten ſich lieber an bie flotten, Iuftigen 
Burſche. Wenn ich hernach mich zu: 
fammen nahm und es machen wollte 
wie die Gemüthlihen, und auch ein— 
mal einen Scherz bei jold’ einem 
Mädchen rigfirte, jo befam ich wohl 
gar eine Ohrfeige. 

Endlich fand fich doch ein weibli— 
ches Weſen, das mich nehmen wollte, 
vielleicht nur, um unter die Haube zu 
fommen. Aber e8 war ein Gejchöpf 
von übelftem Humor. Und wenn ich 
fie aufheitern, oder nad einem Zank 
verföhnen und beichwichtigen wollte, 
fo konnte ich ehrlicher Kerl mit aller 
gutgemeinten Beredjamfeit in einer 
Stunde nicht jo viel bei ihr ausrich— 
ten, als irgend ein Taugenichts mit 


drei verlogenen, aber „gemüthlichen“ 
Morten bei jo einem Weiblein auszu- 
richten vermocht haben würde. | 

Sie betrog mih auch und verließ | 
mich zulegt, nachdem fie mir vorher | 
noch ein Auge ausgelragt — weshalb 
ih, wie ihr faht, außer dem, daß ih 
hinke, auch einäugig bin. Aber Necht 
behielt fie doch vor aller Welt. Man 
brauchte mich ja nur anzufehen und 
man mußte jogleih, daß ich ein Un— 
geheuer, fie aber ein Engel jein mußte... 

Ya, worin lag denn das eigentlich, 
daß ich ein jo ungemüthlicher Menich 
war? Ich gab mir doch, wie gejagt, 
viele Mühe, gemüthlich zu fein, heiter 
und luftig auszufehen, aber, obwohl 
ich glaubte, gerade jo oft zu lachen 
oder einen Scherz zu machen, wie an— 
bere Leute au, jo geihah e3 mir, 
doch häufig, daß, wenn ich lachte, ein 
Anwefender mich ganz verbußt anfah, | 
und behauptete, e8 jei boch eine Merk: 
würbigfeit, mich lachen zu jehen und 
er bätte nicht geglaubt, daß ich es 
fönnte. 

Ich war oft jo fröhlich innerlich 
im Herzen, hätte manchmal fogar 
auch Hell aufjauchzen oder mitjubeln 
mögen mit dem Fröhlichen, mitten in 
der ſchönen Gottesnatur, ober jonft — 
aber es war, als ob ich feine Kehle 
hätte zum Jauchzen und Jodeln und 
feine Beine zum Springen und Tan: 
zen, und dba hieß es denn: „Der hat 
fein Gemüth — man fieht’3 ihm an 
— ben rührt nichts und freut nichts 
— ein Klog ift’3 und ein Griesgram, 
ein ſauertöpfiſcher Kerl...“ 

E3 war wirklich an dem, daß, 
fozufagen, fein Hund ein Stüd Brot 
von mir nehmen mwollte. 

Und ich meinte es doch gut. 

Wenn ih mich unterwegs einem 
Wanderer anſchließen wollte, jo jchlug 
er alsbald unter irgend einem Vor: 
wand jeitwärt® einen Feldweg ein, 
fo ungefähr, wie man einem verbädh- 
tigen Menſchen ausweicht. 

Wenn ich einen Betrübten tröſten 
wollte, ſo weinte er nur noch ſtärker 








742 


als zuvor, wurde ungehalten und jagte 
mir Grobheiten, als ob ich ihm Gott 
weiß welche Beleidigung angethan hätte. 

Wenn ich einem Bebürftigen durch 
ein Darlehen aus der Noth half, fo 
äußerte er zu den Leuten mit einem Blid 
gen Himmel, es ſei traurig genug, in 
die Hände ber Gelbmäfler und Wu: 
herer zu fallen. Und wenn ich einem 
Armen etwas fchenkte, jo ſah er das 
Geldftüf an, ob es nicht etwa falſch 
fei... 
Duldete ih Spinnen an meinen 
Mänden, und Schwalben, die in mei- 
nem Haufe nifteten, jo nannte man 
mich einen unreinlichen Patron, und 
fegte ich fie wen, jo bieß es: „Da 
jeht den gemüthlojen Menſchen!“ — 

Menn ih in ber Scenfe neben 
munteren Rumpanen jaß, jo thaten 
fie, als ob ihnen mein Gefiht das 


Getränk fauer mache. 


AZulegt wurde ich in einen großen 
und unangenehmen Proceß verwidelt. 
Bei der öffentlihen Gerichtsverhand— 
[ung wendete die ganze Sache ſich 
fonnenflar zu meinen Gunſten; ſelbſt 
der Gegner hatte fein Necht einge: 
ftehen müfjen. Aber die Gejchworenen 
ſprachen ihn dennoch frei, weil er ein 
jehr gemüthliches Ausſehen hatte. 

In Folge diefes Proceſſes verlor 
ih das bischen, das ich beſaß und 
da eine überaus reihe Tante, auf 
die ich meine Hoffnung gejegt hatte, 
mich zu Gunften eines liebenswürdi— 
gen Windbeutels enterbte, jo zieh’ ich 
jeitbem verlafjen, arm und früppel- 
haft, wie ihr mich gefunden, fchier 
als ein Bettler in der Welt umber.” 

So erzählte der Mann, aber da 
er immer mehr ermattete, jo empfahl 
ih ihm Ruhe und entfernte mich mit 
einigen Troftworten. 

Den nächſten Tag fand ich ihn 
der Auflöfung nahe. Er fühlte recht 
gut, wie es um ihn ftand und obwohl 
es ihm Mühe machte, zu ſprechen, fam 
er doch wieder auf fein Schidfal zu: 
rück und flüfterte trübjelig : 


7143 


„Die Liebe ftand an meiner Wiege 
nicht und auch an meinem Sarge wird 
fie nicht ftehen. Und ich war doch auch 
ein Menſch, wäre gerne geliebt wor— 
ben und hätte gerne geliebt. Ich hatte 
darnach zeitlebens ein Verlangen, jo 
aroß, fo heiß, daß ich es micht be- 
ſchreiben kann. Aber die Natur hatte 
den ſchlimmſten aller Flüche auf mein 
Haupt gelegt: den ber Ungemüth— 
lichkeit. Und jo bin ih zu Tode 
gezauft worden, wie die Eule, die fich 
bei Tag unter die andern Vögel mi- 
jchen will.“ 

So klagte er; nach einiger Zeit 
aber flog ein Lächeln über fein Antlik 
und er begann wieder: 

„Ih weiß doch Einen, der ich nicht 
im Geringften darum fümmert, ob 
ih ein jovialer Burſch, oder ein lang: 
weiliger Kauz geweſen bin. Das ift 
der Tobesengel, der mir jet unter 


den Arm greift und mich einführt 
zur ewigen Ruhe. Der Tod umfaßt 
die Gemüthlihen und die Ungemüth- 
lichen mit gleicher Milde und Freund: 
lichfeit. Die Stätte der legten Raſt 
fann Keinem verwehrt und das Necht 
des jüren ewigen Schlafes ift gleich 
für Alle.” — 

So jprad er und verjchieb. 

Armer Teufel, wirft Du Recht 
behalten mit der Hoffnung Deines 
legten Augenblids? Vielleicht täufch: 
teft Du Did und Dein Schidjal ift 
auch jett noch nicht verföhnt. Ruhe 
Dich geihmwind ein wenig aus vom 
Ungemach Deines unglüdjeligen Da- 
ſeins; ich fürchte, nach wenigen Wo: 
hen oder Monaten wirft ber Tobten: 
gräber Deine fterblihen Reſte aus dem 
Grabe, um an ihrer Statt bie Ge- 
beine eine® gemüthlihen KHallunfen 
bineinzubetten. 


Ar-Sache. 


Von Ludwig Fooglar. 


Aller Sachen Urſach', Weltenmutter! 

Die zu kennen heiß die Menſchheit ringt, 
Die, zu nennen nur, doch nie gelingt, 

Ob auch leichtlich, wie das Lamm ſein Futter, 
Auserkorne meinen, zu berdauen. 

Dein Allwefen durch verzüdtes Schauen, 
Durdy Gebete, Opferung und Buße, 

Vorauf, durch die reichft dotirte Muße — 


Zwedlos ſcheint die Sorg' mir, zu ergründen, 


Woher kommen und wohin fie münden 
AM die Adern all’ der Lebensquellen, 


Die den Puls des MWeltenherzens ſchwellen? 
Eitle Ohnmacht im Erdüberfchweifen, 

Mähnt des Räthſels Löfung zu begreifen, 
Wenn fie Götter oder Bott lobfinget 

Oder's Weihrauchfaß dem Weltgeift ſchwinget, 
Dicht daneben aber läßt verderben, 

Was die Welt vom Geiſt vermag zu erben. 
Weltenmutter, Urſach' aller Sachen, 

Fraglos will ih an das Herz Dir ſinken, 
Traumesluft von Deinen Brüften trinken, 
Und im Tod zu neuem Sein erwaden. 


744 


Eine deutfhe Sprachinſel. 


Nachrichten aus dem Lande der Bottfcheer von R. B. Schröer. 


Jedermann kennt die Pomeranzen: 
und Kaftanienverfäufer auf den öffent: 
lihen Plägen und an den Straßen: 
eden und den Meiften ift wohl aud 
befannt, daß es Gotticheer find. Man 
wirb aber nicht leicht über eine Nationali- 
tät im Allgemeinen jo im Unflaren 
fein als über dieſe Gottfcheer. Sie 
werben mit Furlanern, Slovenen, 
Trieftinern, ja felbft mit Slovafen 
verwechjelt und in Eins zujammenge: 
worfen und die Wenigften willen, daß 
das ſogenannte Herzogthum Gott: 
ſchee eine deutſche Spradinjel 
in Krain if, daß die Gottjcheer 
gute Deutjche find! 

Schon lange haben gewiſſe auf: 
fallende Eigenheiten ihrer Sitten und 
ihrer Sprache Aufmerkfamfeit erregt 
und es find verfchiedene Anfichten über 
ihren Ursprung in Umlauf gefommen, 
bie im hohen Grabe geeignet waren, 
Theilnahme zu erregen. Wenn aud) 
oberflächlichen Hypotheſen, die fie für 
Gothen erklärten, fein Gewicht beizu- 
mefjen war, fo ftand doch obenan bie 
Anficht des berühmten Forſchers Kaſpar 
Zeuß, bie berfelbe über die Bevölfe- 
rung von Gottſchee ausgeſprochen hatte. 
Er hielt die Gottfcheer für einen Reit 
der Vandalen, der in Pannonien zurüd: 
blieb, indem Gobdegifel im Jahre 406 
fein Volk in die MWeftländer über den 
Rhein führte. Eine Stabt, Namens 
Gutzeeka in Kroatien, die Konftan: 
tin der Purpurgeborne nennt, hält 
Zeuß für Gottſchee; ein Volk, das 
Einhard um das Jahr 818 auftreten 
läßt, das Volk der Goduscaner, hält 
er für bie Nachkommen der Vandalen 
und für die Vorfahren der Gottjcheer. 


Eine Spradinfel germaniſcher Ban: 
balen, die fi bis im umfere Zeit 
eigenthümlich erhalten hat, ein befon- 
deres, ſchwer verftändliches Deutſch 
ſpricht, wäre doch in der That eine 
Erſcheinung, die unſere ganze Auf— 
merkſamkeit verdiente. Welches Licht 
müßte ihre Sprache werfen auf die 
Sprache der untergegangenen Vanda— 
len! Wird ſie Verwandtſchaft zeigen 
mit dem Gothiſchen, mit dem Altnor— 
diſchen? Wird es eine rein hochdeutſche 
Sprache ſein, die die Lautverſchiebung 
mitgemacht hat? Wie wird ſie ſich in 
ihrer Abgeſchiedenheit entwickelt haben? 
— So mußte man fragen. Die weni— 
gen Sprachproben aus Gottſchee, die 
bis 1867 bekannt waren, befriedigten 
nicht. Sie hatten im Ganzen hoch— 
deutſches Gepräge; doch waren die 
Aufzeichnungen meiſt ungenau und 
einzelne Formen wichen ſo ſehr ab 
von allem Erhörten, daß allen mögli— 
chen Vermuthungen weiter Spielraum 
blieb. — Es war vor acht Jahren, 
im Sommer 1867, als ich es unter: 
nahm, das rätbjelhafte Völklein zu 
befuchen, wie ich 1858 die deutſchen 
Spradinjeln des ungarifhen Berg: 
landes beſucht hatte.*) 

Die Reiſe dahin und ein Aufent— 
halt von vier Wochen daſelbſt waren 
reichlich lohnend. Ich ſollte nicht nur 
über die Sprache der Bevölkerung 
und über die Zeit, in der das Länb- 
hen von ihr in Beſitz genommen ift, 
Auskunft finden; auch ein kleiner 





*) ©. darüber: Die deutfhen Mundarten 
des ungarischen Berglandes von K. I. Schröer. 
(Sigungsberiht der kaiſ. Akad, der Wiffen- 
fhaften) Wien 1864. 


745 


Schatz von fehr anziehenden Sprach— 
denfmalen, bie ich meift aus münd— 
licher Ueberlieferung aufzeichnen konnte, 
ift mir zu Theil geworben. 

Um nad Gottſchee zu gelangen, 
befteigt man in Laibah in früher 
Morgenftunde um 4 Uhr den Roft: 
wagen, mit dem man 10—12 Stun: 
ben im jüböftlicher Richtung zu fahren 
bat; zum Glüd durch freundlich zwi— 
chen Wäldern und Hügeln mwechjelnde 
Gegenden. Die Bevölkerung berfelben 
befteht durchaus aus Slovenen. — 
Der Poſtwagen hatte mit mir noch 
ſechs Reiſende aufgenommen. Merk: 
würdigerweife waren jie alle aus 
Gottſchee, als ob die zwiichen Lai— 
bach und Gottjchee liegenden Orte außer 
Verbindung ftünden mit der übrigen 
Melt! Ein wenig ift e8 wohl auch fo. 

Meine Reifegefellichaft nahm meine 
ganze Aufmerkſamkeit in Anfprud. 
Mas fie ſprachen verftand ich anfangs 
nicht. Ich erfuhr erft nah und nad, 
daß fie alle aus Gottfchee waren. 
Tags zuvor hatte ich in Laibah — 
auch das erftemal in meinem Leben — 
jlovenifch Sprechen gehört. Ausbrüde, 
wie cajtinge (Zeitung), Cuspais (Zu: 
jpeife), majnunga (Meinung), tauzint 
(taufenb), tadlati (tabeln), Zimperman 
(Zimmermann) u. dgl. m.; Die ich 
aus einem flovenifchen Geſpräche im 
Gafthaufe heraushörte, brachten mich 
anfangs auf bie irrthümliche Ber: 
muthung, daß es gottjcheerifch fei. 
Heute hörte ich nun Gottſcheeriſch und 
hielt e8 anfangs wieber für jlovenijch ! 
Die Täuſchung dauerte nicht lange. 
Ich entdeckte bald, daß meine Neije- 
gefährten, einer wie der andere, wenn 
ih fie deutſch anredete, in gutem 
Deutſch, beinahe ohne Anklang einer 
Mundart, antworteten. So erfuhr ich 
denn bald, daß ich lauter Gottjcheer 
vor mir hatte, lauter deutſche Leute, 
die alle von weiten Reifen heimfehrten. 
Es machte ihnen Spaß, daß ich ihrer 
Sprache nachforſchte. Ich ſah bald, 
daß ich es mit einer durchaus hoch— 
deutſchen Mundart zu thun hatte. 


Ich wurde mit meinen Reiſege— 


noſſen bald näher bekannt. Sie waren 


alle in der freudigſten Stimmung; ſie 
ſollten ja heute noch, nach langer Ab— 
weſenheit, die Ihrigen, ihre Angehöri— 
gen wiederſehen! 

Beinahe die ganze männliche Be— 
völkerung von Gottſchee nämlich reiſt 
den größten Theil des Jahres in der 
Fremde herum, manche kommen bis 
nach Amerika. Der Boden von Gottſchee 
iſt nicht fruchtbar genug, um die Be— 
völkerung zu ernähren und die Män— 
ner müſſen buch Handel in der 
Fremde beftrebt fein, foviel hereinzu- 
bringen, al3 nur immer möglich, um 
die Familie zu erhalten. — Das Länd: 
hen Gottjchee ift daher den größten 
Theil des Jahres fat männerlos. — 
Die Frauen verrihten die härtefte 
Männerarbeit allein. Es kommt jelbit 
vor, daß Frauen das Richteramt eines 
Drtes befleiden. — Mit der größten 
Angſt und Sorge arbeitet das Weib, 
doch zur Noth Vorrath zu ſammeln, 
um für den Fall, daß der Mann im 
Handel nicht glücklich gewefen wäre, 
daß er nicht Geld ſchicken, nicht heim— 
fommen könnte, mit ihrem Hausftand, 
den Kindern, Mägden, dem Vieh den 
böfen Winter über leben zu können. 
Die Zeit, wo die Männer zurüdfehren, 
ift meift die Zeit um Johanni (24. Juni). 
Sie bleiben dann bis über die Ernte, 
den ganzen Juli und Auguft hindurch). 
Das ift daher die glüdlichite Zeit für 
Gottſchee. Alle Hochzeiten werden auf 
dieſe Zeit verlegt: di mander hend da! 
Die Männer find da! heißt es und 
überall ift Jubel und Freude. Daher 
bat fein Feſt für den Gotjcheer den 
Neiz, den das Johannisfeſt hat, das 
Feſt der Sonnenwende. So wie im 
Nibelungenliede die Zeit, da man 
Gäſte einladet, die Zeit der Sonnen: 
wende ift, jo iſt Dies auch in Gottjchee 
die Zeit der Feſte. In der Mundart 
von Gottſchee Klingt das Wort Sons 
nenmwende: shummitten. 

Als wir und im Poftwagen der 
Grenze von Gottjchee näherte, rief 


746 


einer meiner Reiſegenoſſen mir zu: 
„Seh’n Sie dort die Pappelreihe ? 
Das ift unjer Land!” Gleich darauf 
fahen wir eine Schaar von Frauen, 
die über’3 Feld gingen, und da rief 
er wieder: „Sehen Sie, das find ſchon 
Gottjcheerinnen, jo find unfere Weiber!“ 
Und dies veranlaßte ihn ſogleich, einen 
Jubelgeſang anzuftimmen, in ben feine 
Reifegenoffen gleich mit einfielen: 

„Do har hent kamen di Shummitten 
di lieben hoiligen Shummitten!* 

D. h. die Sonnenwenden find gefom: 
men, bie liebe heilige Sonnmenbzeit ! 

Die Frauen von Gottſchee machen 
einen eigenthümlichen Eindrud. Indem 
die Männer, weil fie jo viel in ber 
Fremde herumkommen, ftäbtijche Klei— 
bung angenommen und jede Spur 
einer Nationaltraht abgelegt haben, 
fo kleiden fih die Frauen noch fo 
ureinfah und ungewöhnlich, daß man 
über den Abftand zwifchen diefer antiken 
Einfachheit und dem, was wir heut: 
zutage gewohnt find, überrafcht ift. 

Eine Annäherung an die Mode 
oder mindeſtens eine gewiſſe Kofetterie 
findet man doch fonft bei den naivften 
Volkstrachten. Davon ift bei den 
Gottſcheern nichts wahrzunehmen. Sie 
find ganz weiß, nur die Strümpfe 
und um die Hüften ber breite mwollene 
Gürtel find roth. 

Den Kopf verhüllt, bei Mädchen 
und Frauen gleihmäßig, ein eigen- 
thümlich gebundenes weißes Tuch. Den 
Leib umſchließt eine bis an die Knie 
reichende weiße Joppe von Tuch, ohne 
Hermel. Vorne ift dieſe enyanfchließende 
Hoppe offen und zeigt das Funftvoll 
gefältelte Hemd, das von dem rothen 
Bürtel zufammengehalten ift. 

Das Ganze macht den Eindrud 
großer Schlichtheit und Einfachheit, 
ein Eindbrud, wie ihn etwa die Ab: 
bildungen antiker Frauengeftalten ma— 
hen. Wenn biefe weißen Geftalten in 
Schaaren einhergehen, jo möchte man 


befucht, wirb man während des Gottes: 
dienſtes auf den Chor gewiejen, denn 
den ganzen Raum der Kirche füllen 
diefe weißen Frauengeftalten. Und 
diefe erjcheinen bier wieder um fo 
eigenthümlicher, als ihre Geberden 
beim Beten und auch wieder unge: 
wöhnlich erfcheinen. Unfere Vorfahren 
beteten mit ausgebreiteten Armen, jo 
daß fie ein Kreuz bildeten. 

Die Gottjcheerinnen Holen nun, 
wohl eine Erinnerung daran, beim 
Beten mit den Armen jo aus, als 
ob fie fie ganz ausbreiten wollten, 
legen dann aber die Hände wiederholt 
zufammen. Diefe flehende Geberde hat 
etwas jehr Ausbrudvolles. 

Bevor wir noch über die Grenze 
von Gottjchee in „das Land“ einfuhren, 
zeigte man mir links einen Berg mit 
einem Scloffe. Es war der Auers— 
perg. Bon diefem Schloffe Auersperg 
bat die Familie den Namen, beren 
fürflider Zweig den Titel Herzog 
von Gottſchee führt und uns zwei 
Berfaffungs-Minifter gegeben hat; aus 
der gräflichen Linie aber ftammt ber 
Miener Spaziergänger Graf Anton 
Auersperg, der gefeierte Dichter Anaſta— 
fins Grün. 

Der Name regte mich an, mid) in 
die Zeit hineinzudenfen, als der Berg 
einen folchen Namen. erhalten haben 
mochte, als bier der Ur, der Auer 
noch wild herum lief. Es fällt nicht 
ſchwer, ſich hier in eine jolche Zeit 
hineinzudenken bei dem Anblid dieſer 
Gegenden. 

Urmälder, von zerflüfteten Kalt: 
fteinmaffen gebildete ebene und bergige 
Gegenden, wie der Kart, wo noch 
Bären und Wölfe ziemlich ungeftört 
haufen! — Je näher man Gottjchee 
fommt, um fo wilder! 

Um 3 Uhr Nachmittags etwa 
erreichten wir bie Stadt Gottſchee, 
ein Städtchen, das einen jehr freund: 
lihen Eindrud macht. Es zählte zur 


fie, nicht für Nonnen — aber etwa | Zeit meines Beſuches 1460 Seelen, 


für BPriefterinnen irgend eines alten 
Eultus halten. Wenn man eine Kirche 


das ganze Land Gottjche, das darnach 
benannt ift, zählte 25.916 Einwohner. 


747 


Den Mittelpunkt der Stadt bildet |treffende Mann es auch verbient, 
ein altes weitläufiges fürftlih Auers- | beſonders wenn man fieht, wie er, 
perg’ihes Schloß, in dem das Wald: wohl zur Wahrung männlicher Würde, 


amt und die Behörden ihren Sit 
aufgefchlagen haben. Eine freundliche, 
breite Straße, in der einige Kaufleute 
recht mohleingerichtete Kaufläden halten, 
ift der ſchönſte Stabttheil. Ich ftieg 
ab in dem Gafthaufe zur Poſt, das 
ein recht ftäbtifches Anfehen hat, wo 
im erften Stodwerfe eine lange Reihe 
von Baftzimmern zu haben ift, deren 
eines ih bewohnte. Hier blieb ich nun, 
verfehrend mit den Konoratioren ber 
Stadt, Ausflüge machend nach allen 
Punkten des Ländchens hin, jo daß 
ih ein deutliches Bild von bemfelben 
befam. 

Das eigentlihe Sonnwenpfeft oder 
Johannisfeſt, der 24. Juni, war jchon 
vorüber als ich ankam. Ich Jah daher 
die Yohannisfeuer auf den Bergen, 
die noch üblih find, die brennenden 
Sonnwendräder, die herabgerollt wer: 
den, nicht mehr. Nur in den SFenftern 
jah ich noch friſche Sträuße des So: 
hannisfraute® hypericum perforatum, 
Shummittenwashe, Sonnwendroſe ge: 
nannt und an ben Nedern Johannis— 
fträuße, die noch an das Feſt, an das 
fih mander fromme Glaube fnüpft, 
erinnerten. — Die erhöhte Stimmung 
der Johannisfeſte ift in Gottjchee noch 
gefteigert dadurch, daß, wie gejagt, um 
dieje Zeit die Männer, „di Mander“, 
die Gatten, Brüder, Söhne heimkom— 
men. — Ich Habe nur Nachzügler 
diejer Heimkehrenden ankommen gefehen; 
aber welche Auftritte erlebte ich da! 
Meilenmweit kommt das treue Weib 
ihrem Manne entgegen. Laut aufjauchzt 
fie, wenn fie ihn erblidt. Sie umarmt 
ihn, erzählt ihm, bemüht ſich um jein 
Gepäd, trägt ihm feinen Koffer, wie 
ein Laftthier, wenn er auch einen 
Zentner ſchwer ift und läßt ihn gar 
nicht zu Worte fommen vor Seligkeit. 

Ich will nicht jagen, daß bie 
Männer gefühllos find, aber beim 
Anblick jo vieler Liebe möchte man 
doch wirklich fragen: ob denn der be- 


auch oft mehr ungeſchickt als gefühl: 
[08, fi liebkoſen läßt mit einer Steif: 
beit und mindeftens jcheinbaren Kälte, 
die Derjenige, der des Volkes Art und 
Weiſe nicht fennt, gewiß ganz unerhört 
finden wird. 

Das Prachtzimmer des Hauſes, 
die gemanerte Stube, die das ganze 
Jahr hindurch, jo lange der Herr 
nicht zu Haufe ift, unbenügt bleibt, 
wird ihm geöffnet und er läßt fich 
nun pflegen und bebienen und herrſcht 
im Haufe wie ein höheres Weſen bie 
Zeit über, jo lange er daheim ift. 
Wenn es an's Scheiden geht, wird 
ihm wohl auch weh zu Muthe. Sein 
Meib begleitet ihn wieder, indem fie 
das Gepäck trägt, zur Poft und dann 
gibt es herzzerreißende Auftritte, wo 
freilich wieder die armen Frauen lei 
denfchaftlih meinen und die Männer, 
äußerlich mindeſtens, ziemlich ruhig 
icheinen. — Wir wollen bier aud 
die Erfahrung geltend maden, daß 
der Abreifende, wohl naturgemäß, 
in ber Regel gefaßter ift als ber 
Zurüdbleibente, der um ihn, ber eine 
Neife vor fih hat, beforgt ift. 

Bei jo lebhaften Aeußerungen ber 
Empfindung ift es nur auffallend, daß 
fie nicht im Liebe ihren Ausdrud 
finden. Gottichee hat noch feine eigent: 
lihe Gefühlslyrik; mir ift minbeftens 
nichts dergleihen vorgefommen. Auch 
das Wenige, was man von Gottjcheer 
Geſängen Iyrifch nennen könnte, ſchließt 
fih an die Erzählung an und, wenn 
jubjective Empfindung zum Ausbrud 
fommt, jo gejchieht dies mehr durch 
den Vortrag als durch das Wort. 
So 3. B. in dem Lobgefang auf das 
Felt der Sonnenmwende. Es wirb nur 
immer wieder gejungen: O di lieben 
scheannen (j&hönen) Shummitten, o di 
lieben hoiligen Shummitten! Dazwi— 
jhen wird erzählt: Johannesh der 
liebe guldainde Mann. Johannesh 
hat getäfet Jeshush den lieben shun, 


748 


dalon hent komen di Shummitten! 
Nah diefer erzählenden Einſchaltung 
fährt der Hymnus wieder fort: O di 
lieben hoiligen Shummitten u. ſ. f. 
Nur von Einer gefühlvollen Betrach— 
tung wird der Gefang zumeilen unter: 
brodhen, indem die Männer die Verſe 
einfchalten: heut’ han ich da gejätens 
das Korn aus, moarn bert ich et 
meor da shainen! ih bünschet noch 
ahört di Shummitten! O di lieben 
hoiligen Shummitten! (Heute habe ich 
da das Korn ausgejätet, morgen werbe 
ih nicht mehr da fein! ich wünſchte 
noh einmal die Sonnmwende!) In 
einem Exnteliede wird Maria bejungen. 
Nur eine Feine Stelle darin bezieht 
fih auf die Ernte und könnte Iyrifch 
genannt werben. Sie heißt: Der boi- 
zen hät geschossen mit shainen 
röat guldain stangelein; röat guldain 
ist dos stangele, röat shilbrain ist 
di aher! — Daß der Weizenftengel 
rothgülden genannt wird und bie 
Meizenähre rothfilbern ift wohl 
ausdrudsvoll und maleriſch. 

Aber die Lyrik ift nicht das Ge— 
biet, auf dem die Volksdichtung in 
Gottſchee heimisch ift, fondern Die 
echt volksmäßige epiſch-lyriſche Volks: 
ballade. Nicht mehr der uralte plaftifche 
Heldengefang, aber die gefühlvolle, 
auf fittlichen Motiven beruhende Ballade. 

Dadurch, daß die Männer den 
größten Theil des Jahres in ber 
Fremde zubringen, ift die Pflege des 
Bolksgefanges Eigenthum der Frauen 
geworben. Er hat damit vielleicht auch 
feinen eigenthümlichen weichen Charak— 
ter erhalten. 

Der würdige Herr Pfarrer Kromb— 
holz in Altlaag, einem Pfarrdorfe in 
Gottjchee, machte mir bie Freude, 
fünf Mädchen feiner Gemeinde während 
meiner Anweſenheit einmal zu ſich 
zum Kaffee zu laden, wo fie dann 
veranlaßt wurden, uns vorzufingen. 


will. Die Singweije ift jo eintönig 
wie der Vortrag. Dabei nehmen bie 
Sängerinnen aber einen Ernſt an, 
daß fie wie weiffagende Frauen erſchei— 
nen. In gleicher Haltung und gleicher 
Kleidung ſaßen die weißen Geftalten 
um ben Tiſch herum und fangen fo 
ihre Balladen, fihtbar in althergebradh: 
ter Weife und mit großer innerer 
Erhebung. Obwohl fie feine Miene 
veränderten, traten ihnen boch zumeilen, 
bei ergreifenden Stellen Thränen in 
die Augen. An joldhen Stellen fehlt 
es nicht; fie gewähren einen Einblid 
in ein veichentwideltes Gemüthsleben. 

Die meiften diefer Balladen ftimmen 
inhaltlih überein mit befannten allge: 
mein deutſchen Volksballaden. Mer 
darin Erfahrung hat, weiß, daß man 
nicht leicht eine deutſche Volksballade 
auffinden wird, die ganz neu und in 
anderen Gegenden unbekannt wäre. Doch 
ift auffallend, daß die Balladen in 
Gottjchee reimlos find und auch wört: 
ih nicht jo übereinftimmen, daß ein 
bis zur Gegenwart bauernder Verkehr 
und Liederaustaufh mit Deutſchland 
angenommen werden könnte, Die Wan 
derzüge der Männer finden erft in 
neuerer Zeit in ſolchem Umfange ftatt, 
wie ich angegeben, und fie haben offen: 
bar auf die heimische Balladendichtung 
noch feinen Einfluß gehabt. 

Nur in Hochzeitsfprühen und Kin: 
berliedern kommen Neime vor. Auch 
zuweilen in gewiſſen Vierzeilen, bie 
aber deutlich als eingewandert aus 
Kärnten zu erkennen find. 

Betradten wir nun einige Gott: 
ſcheer Balladen. 

In einem Liede, Hanshel june, 
wird erzählt: Der junge Hans war 
auf dem Jahrmarkte, wo er ein jchönes 
Mädchen ſah. Er Elagt feiner Mutter, 
daß ihm das Herz jo weh thut nad 
dem jchönen Mädchen. Die Mutter 
(äßt eine Mühle bauen und meint: 


Sie waren nicht befangen über die! wenn alle Leute mahlen fommen, wird 


Zumuthung und jchienen e8 natürlich 
zu finden, daß man ihre ſchönen Lie— 
der, auf die fie jtolz find, gerne hören 


das ſchöne Mädchen auch kommen. 
Ale Leute find gelommen, die Schöne 
aber nicht. Die Mutter läßt nun eine 


749 





Kirche bauen. „Wenn alle Leute zur 
Meile kommen, wird die Schöne auch 
fommen.” Alle Leute find zur Meſſe 
gefommen, aber die Schöne nicht. Da 
läßt die Mutter eine jchneeweiße Leiche 
herrichten. „Wenn alle Xeute mit 
Weihwaſſer jprengen kommen, wird 
die Schöne aud kommen.” Alle Leute 
find fprengen gefommen und biesmal 
die Schöne auh! — Natürlih, die 
vermeintliche Leihe war ja die bes 
jungen Hans! — Was ift das für 
eine ſeltſame Leiche? Die Füße heben 
fi wie zum Sprung, die Augen heben 
fih wie um aufzugeben, die Hände 
heben fi wie um zu umarmen ? 
Kaum" hat fie das Wort gefagt, 
jo fpringt die Leiche ſchon auf. Er 
umarmt fie, er füßt fie: „Ad, Du 


bift mein und ich bin dein, das ſoll 


und kann ja nicht anders fein!“ 
Doch Sieh’, fie fällt in feinem 
Arme entjeelt dahin, als fagte fie: 
„Biſt Du geftorben mir zu lieb, fo 
fterb’ ich nun Dir zu lieb!” — Der 
Schreck bat fie getöbtet. — Sie be: 


graben an jeder Seite der Kirche Eines | Liebfte wird Dir helfen, melde zu 


ber beiden Liebenden. Aus einem Grabe 
ift gewachſen eine Weintebe, aus dem 
andern Grabe ift gewachſen eine Rofe. 
Die find aufgewachſen über's Kirchlein 
hoch! — Wie fie oben find zuſammen— 
gefommen, dort haljen fie und küſſen 
fie fih, wie zwei wirkliche Eheleute 
(„dört haushont sheu shih und 
puschont sheu shih als bie zbai 
birkliche konleute“). 

Diefe legte Wendung fommt auch 
in ſlaviſchen Wolksliedern vor, aber 
aus früherer Zeit können wir fie in 
deutſcher Dichtung nachweiſen. 

Auf dem Grabe von Triſtan und 
Iſolde werden Weinrebe und Roſe 
gepflanzt. 

An die Iſoldenſage könnte auch 
ein zweites Lied aus Gottſchee erinnern. 
Die Liebende geht in den Garten und 
pflückt für den Geliebten einen Blu— 
menſtrauß. Da kömmt er eben geritten 
und fragt, für wen ſie das Sträuß— 


Dir!“ antwortet ſie. Er aber weiſt 
die Blumen zurück, indem er ſagt: 
„Ich habe ſchon eine andere Geliebte, 
die zu meinem Hauptkiſſen ſitzt.“ — 
Auf dieſe Worte wird ſie von Schmerz 
und Verzweiflung ergriffen und ſpricht 
einen furchtbaren Fluch aus über den 
Treuloſen: „Haſt Du ſchon eine and're 
Geliebte, die zu Deinem Hauptkiſſen 
ſitzet, ſo wünſche ich, daß Du Jahr 
und Tag krank liegeſt, daß das Fleiſch 
vom Gebeine Dir faule und die Seele 
vom Leib nicht ſcheiden könne.“ — 
Der Fluch geht in Erfüllung. Er liegt 
ſchwer krank und die Seele vom Leib 
nicht kann ſcheiden. Da ſchickt er um 
die (erſte) Geliebte. „So geh', ſo geh', 
Du Liebe, der Geliebte hat um Dich 
geſchicket.“ Sie ſagt aber: „Er hat 
ſchon eine and're Geliebte, die bei 
ſeinem Hauptkiſſen ſitzet.“ Er ſchickt 
zum zweitenmale; es erfolgt dieſelbe 
Antwort. Das drittemal aber — 
iſt ſie gekommen. Er fleht ſie an um 
Hilfe und während ſie antwortet: 
„Ich kann Dir ja nicht helfen; Deine 


Deinem Hauptkiſſen ſitzet,“ da löſt ſich 
der Fluch. 

Es iſt offenbar, daß ſie verziehen 
hat, da ſie ja gekommen. Sie hatte 
ſich wohl ſelbſt erbarmend zum Haupt— 
kiſſen des Sterbenden geſetzt. Das Lied 
geht über das Alles hinweg und läßt 
es nur errathen, indem es mit den 
Worten ſchließt: Geſtorben war der 
Liebe, aus iſt geflogen eine weiße 
Taube! — An die Iſoldenſage erinnert 
die Ballada inſofern, als Triſtan, der 
ſchwer Verwundete, in der Pflege der 
zweiten Geliebten nicht geneſen kann 
und nach der erſten ſendet und bei 
ihrem Nahen ſtirbt. 

Ein ſchönes Gegenſtück zu dieſem 
Liede wird aber dazu noch in Gottſchee 
geſungen, eine Variante des bekannten 
alten Liebes: Es stet ein lind’ in 
jenem tal (Uhland). Es heißt: Dort 
fteht eine Xinde hoch, oben in den 
Wipfeln blüht fie jchön. Darunter 


lein binde? „Ich binde das, Lieber, |fteht ein runder Tiſch, an dem zwei 


750 


Liebende figen. Er jagt, er müſſe in’s 
große Heer und komme erjt wieder 
nad fieben Jahren und drei Tagen. 
Sie folle dann gegen Reifnitz zu 
ſchauen (von wo bie große Berfehrs- 
ftraße nach Gottjchee kommt). Würde 
fie dann eine rothe Fahne jehen, dann 
it er noh am Leben, jieht fie aber 
eine Schwarze Fahne, dann ift er tobt. 
Die Geliebte fieht nach der beftimmten 
Frift dem heimziehenben Heere entgegen, 
glaubt eine Schwarze Fahne zu erbliden, 
obwohl irrtümlich, und weint. Da 
fommt ein Reiter geritten und erzählt 
ihr, daß ihr Liebfter geheiratet hat. 
„Bas für ein Glück wünfcht Du ihm ? 
— ein böſes oder ein gutes?“ — Sie 
aber ermwidert: „Ich wünſche ihm kein 
böfes Glück; ich wünſche ihm taufend 
gutes Glüd, jo viel Sandfteinlein find 
im Meer!” — Da nimmt er heraus 
ein Xüchlein: „Nimm bin, ſchönes 
Mägpelein, trodne damit Deine Aeuge— 
lein, e3 kann und mag ja nicht anders 
jein, wir beide müſſen beifammen fein!” 
— Daß er der Geliebte felber war, 
verfteht fih von felbft; das braucht 
das Lied gar nit ausbrüdlich zu 
jagen. 

Ein feit dem 16. Jahrhundert 
weit in Deutichland, bis nach Holland 
hinein verbreitetes Lied ift die Ballade 
von Ulrih und Aennchen ober 
von Ulinger (Herder, Bolkslieber, 
Uhland), die deutiche Blaubartballade. 
Sie wird auch in Gottjchee gefungen 
und ift ein merfwürbdiger Beleg dafür, 
wie echt deutſche Lieder, mit Beibe- 
haltung kleiner Züge, bis in's Ein- 
zelne, jo daß an ſloveniſchen Einfluß 
nicht zu denken ift, im Gottfchee in 
die übliche reimlofe Form umgegoſſen 
erjcheinen. 

Wie das Lied in Gottjchee gefun- 
gen wird, bewahrt es vielleiht am 
reinften ben poetiſchen, echten Ton 
biefer volfsthümlichften, fchauerlichften 
Ballade: Wie früh ift auf der Rit- 
tersmann, er hebt ein uneues Liedlein 
an, ein Lieblein mit breierlei Stimm: 
lein. Das hört bas Kleine Mägbelein, 


Hein Mägdlein im Schlaflämmerlein. 
„Wenn ich dem Ritter fennte, welcher 
das Lieblein finget, das Liebfein mit 
breierlei Stimmlein, der wäre mein 
Geliebter”. Da meldet fi der Ritter 
jung: „Da bin ich, der das Lieblein 
fann, da bin ich Dein Geliebter, fomm 
denn mit mir, . brav Mägbelein.” 
Da macht fih auf das Mägdelein, 
er nimmt fie bei der weißen Sand, 
er ſchwingt fie auf fein Hengitlein. — 
Da reiten fie hinweg. Wie fie ein 
Stüd geritten, fommen fie vor eine 
Hafelftaude, wo eilf AQurteltauben 
fiten, die fingen ein neues Lied. „OD 
laß’ Did, Jungfrau, entführen nicht, 
ber Ritter wird Di entführen. Wir 
find ſchon unfer Eilfe, die Zmölfte 
wirft Du fein.” — „OD fürdt’ Dich 
nicht, Du Jungfrau Schön, die Tauben 
fingen nur jo ein Lieb, wie fie in 
dem Lande da fingen.”— Wie fie ein 
Stüd geritten find, da reiten fie vor 
einen Brunnen jhön, wo da Blut 
und Waffer rinnet. Da fpricht fo bie 
Yungfrau Schön: „D Ritter jung, 
Du lieber mein, was ift das für ein 
Brunnen, wo dba Blut und Wafler 
rinnet ?” — „So fürdte nichts, Du 
Jungfrau ſchön, 's iſt in bem Lande 
nur ſo ein Brunnen, wo da Blut 
und Waſſer rinnet.“ — Und wie ſie 
ein Stück geritten ſind, ſie kommen 
in einen finſtern Wald. Er breitet den 
kohlſchwarzen Mantel aus, er ſetzt die 
Ihöne Jungfrau drauf. Sie jchaut 
ihm freundlih in die Augen, aus 
ihren Aeuglein fließen Thränen. — 
„So weineft Du um Deines Vaters 
Gut, oder weineft Du um Deine ftolze 
Mutter, oder weineft Du, daß Du 
Deine Ehre mir im Walde anvertraut ?“ 
— „Ich weine niht um meines Va— 
ters Gut, niht um meine ftolze Mut: 
ter, ih meine wegen jener Tanne, 
darauf eilf Zungfrauen bangen.” — 
„Wohl bangen jchon eilf Iungfrauen 
drauf, die Zmölfte, die wirft Du jel- 
ber fein. Das kann nun einmal nicht 
anders fein!” — „So erlaube mir, 
Ritter, drei Schreie zu thun!” — So 


751 


ichrei, wie viel Du immer willſt, 's 
ift Niemand zu hören im Walde.“ 
— Den erften Schrei, den fie that, 
den rief fie ihrem Vater. „So komm’ 
mir zu Hilfe, mein Vater, mein Leben 
bleibt im Walde!” Den zweiten Schrei, 
den fie that, dem rief fie ihrer Mut: 
ter. „So fomm’ mir zu Hilf’, meine 
Mutter, mein Leben bleibt im Walde.” 
— Den dritten Schrei, den fie that, 
den rief fie ihrem Bruber. „D komm’ 
mir zu Hilfe, mein Bruder, mein Le— 
ben bleibet im Walde!” — Der Bru- 
ber, der war ein Jägersmann; er 
böret das Hündlein bellen, er höret 
fein Schwefterlein fchreien. „Halt’ auf, 
halt auf, Du Ritter jung, ſchenk“ 
meiner Schwefter das Leben!" — — 
Daß er den Räuber erſchlägt und bie 
Schweiter nach Haufe führt, wie an- 
dere Aufzeichnungen der Ballabe be: 
rihten, erzählt die Gottſcheer Ballade 
ni 


bt. 

Auch das Lied vom eblen Morin- 
ger, der nad einer Abweſenheit von 
fieben Jahren heimfehrt und gerabe 
zur Hochzeit feiner Frau fümmt, bie 
ihn todt glaubt; auch dieſes Lieb fin: 
det ſich im ſehr abgefürzter Geftalt in 
Gottſchee. 

Die Blaubartgeſchichte führt uns 
aber zu einer merkwürdigen Bezie— 
hung, in der dieſelbe zur Kunſtdich— 
tung ftebt. Bürger hatte im Frühling 
1773 ein Lied fingen gehört, von dem 
ihm nur ber Berserinnerlich geblieben ift: 

Der Mond, der fcheint fo helle, 

Die Todten reiten fo fchnelle, 

Feind Liebehen, graut Dir nicht ? 


Er fagt dazu: „Schade nur, da 


B [it 


freilih, fowie ja auch die Ballade 
vom Ulinger, in Gottſcheer Weiſe um: 
geftaltet und in reimlofe Verſe ge: 
bracht, aber vom Anfang bis Ende 
volfamäßig und unzweifelhaft eine 
Variante des gejuchten Liedes. Es 
lautet in wörtlicher Weberjegung : 

Es waren zwei Liebende. Der 
Liebfte wurde zum Heer berufen. In's 
Heer mußte er ausrüden. Da ſpricht 
fo bie Liebite: „So komm' mir, Lieber, 
zu jagen, Du ſeiſt lebendig oder tobt, 
wie's Dir im Kriege wirb ergeh’n.“ 
— Einft Elopft an der Geliebte. „So 
thuft Du, Liebe, nicht jchlafen? So 
thuft Du Liebe, wachen?” — „Jh 
ichlafe nicht, Beliebter, ich mache, 
Beliebter.” — „Komm’ heraus, fomm’ 
heraus, mein Lieben!“ — Und 
heraus kommt die Geliebte. — Er 
nimmt fie bei fchneeweißer Hand, er 
hebt fie auf fein hohes Roß. Sie rei: 
ten hinweg. „So thuft Du, Liebchen, 
Dich nicht fürchten? Oder thuſt Du, 
Liebehen, Dich fürchten!” — „Wie 
werde ich, Geliebter, mich fürchten, 
wenn Du, Geliebter, bift bei mir?“*) 
— Mie edel da jcheint der Mond 
(offenbar ift das Wort hell bier ent: 
ftellt zu edel), wie leije reiten die 
Tobten (der Reim belle : jhnelle 
wird förmlich vermieden). Sie reiten 
bin zur Kirche, wohl auf den grünen 
Friedhof. So fpricht der Geliebte: 
„Rüde, rüde, Marmorftein, jpalte dich, 
ipalte dich kohlſchwarze Erbe (klieb dih, 
klieb dih, kolsbarzen werde!), Ber: 
ſchlinge, du Erbe die Todten, laß’ 
die Lebendigen bleiben“. — Als herum 
efommen ber Morgen: feine 


ih an ben Xert der Ballade jelbft | Sprache hat fie nicht verftanden, einen 


nicht gelangen kann.” Bekanntlich find | Menjchen hat fie nicht gekannt. 


Sie 


dieſe Verſe die Veranlaſſung geweſen |ift zurüdgegangen (vom Grabe fort) 


zu jeiner Zenore. 


fieben ganze Jahr’, fieben ganze Jahr’ 


Das Lied aber war verloren. Es und drei Tage!” 


mag im hohen Norden bejonbers ver- 
breitet gemwejen fein, da es jelbft in 





* Die Dienftmagd Ehriftine, von der 


einer däniſchen Volksweiſe durchklingt. | Bürger jene Verſe gehört, wußte aud noch 


Merkwürbiger Weiſe folte ich das 


überall Vergeſſene in Gottſchee voll- 
fänbig erhalten finden. Es ift dort 





die folgenden Reden anzugeben: „Braut Lieb- 
hen auch?“ „Wie follte mir denn grauen, 
ih bin ja bei Dir!" Was nun überrafchend 
mit Obigem übereinftimmt, 


‚ Meer. 


752 


(Diefer Schluß ftimmt am meiften 
überein mit dem des ähnlichen däni- 
ſchen Liede® von Nage und Elfe 
Madern.) (Die Jungfrau jchaute die 
Sternlein an, in's Grab verſank der 
Tobte. Gar nimmer fie ihn fah. Heim 


fuhr über Meer. Wie fie aber hin- 
über gefommen, dort grüßen fie fie 
und halfen fie fie und füllen fie die 
Meererin, die fchöne, die junge 
Meererin. 

Sollte eine ſolche Webereinftim- 


ging die Jungfrau; danah am Mo⸗— mung mit ber Gudrun ganz zufällig 
nat3tage lag fie im ſchwarzen Grund.) |fein? — — Wir müflen dabei nur 


Eine Ballade, die in Gottjchee 
gefungen wird, erinnert ſogar an die 
25. bis 30. Noentiure der Gubrun. 
Dort wird befanntlih erzählt, daß 
am frühen Morgen Gudrun an's Meer 
gehen muß, um Wäſche zu machen. 
Da erblidt fie zwei Männer in einer 
Barke. Einer der Männer bietet ihnen 
guten Morgen. Das brauchten fie 
wohl, denn guten Morgen, guten 
Abend Hatten fie felten. Da zeigt der: 
jelbe Mann feinen Ring, woran Gu- 
drun ihren Bräutigam erkennt. Sie 
hatte fih früher verleugnet, jeßt 
gab fie fich zu erkennen. Nach dieſem 
Auftritt mil Gudrun nicht mehr 
waſchen und wirft die Wäſche in’s 
Darauf wird die Burg von 
Gudruns Freunden erobert und fie 
heimgebradt. Da wurde fie von ihrer 
Mutter empfangen, die fie und ihre 
Begleitung küßte. Die Ballade von 
Gottſchee jagt: 

Wie früh ift auf die Meeran- 
wohnerin, die ſchöne junge Meererin! 
Sie fteht früh auf und geht wajchen 
bie weiße Wäſche. Auf dem Meere 
ſchwimmt ein Schifflein Klein, brin 
figen zmween junge Herren. „Guten 
Morgen du ſchöne Meererin!” „Schön 
Dank ihr junge Herren, gute Morgen 
babe ich wenig!” Er zieht einen Ring 
vom Finger. „Nimm hin, du jchöne 
Meererin!” — „Ih bin nicht bie 
ſchöne Meererin, ich bin ja bie Win- 
delwäjcherin !* *) 

Da festen fie ſich auf's Schiff und 
fuhren ab: „Du biſt doch die jchöne 
Meererin, die ſchöne junge Meererin.” 
Sie nahm ein Tuch in die Hand und 





*) Gudrun fagt Str. 1294 ich bin ein 
armin wesche. 





das Eine beflagen, daß die Gottfcheer 
Ballade fo kurz ift. 

Eine eigenthümlihde Wendung 
nimmt in Gottjchee im PVergleih zu 
befannten ähnlichen Liedern ein Lied 
vom Kukuk. Der Kukuk im deutſchen 
Volksliede ift der Frühlingsbote, aber 
auch das Bild des Undanks und ber 
Treulofigfeit in der Liebe. 

Ein ſiebenbürg.-ſächſ. Volkslied 
beginnt (übereinjtimmend mit befannten 
verbreiteten Kukuksliedern Uhland's): 

Ein Kukuk ſaß auf dem Zaun 
und wurde naß. Er ſpreitet die 
Flügel aus und fliegt an der ſchönen 
Goldſchmiedstochter Fenſter. Sie ſagt: 
„Biſt du der junge Ehgeſell, der mich 
vielleicht verſuchen will? Du haſt es 
ſchon mit mancher verſucht und dann 
dein Geſpött getrieben!“ 

In andern Kukukslieden wird er— 
ſichtlich, daß der urſprüngliche Ge— 
dankengang der war: Der Treuloſe 
hat die Geliebte durch ſeine Untreue 
verletzt. Sie hat ihm daher aufge— 
kündigt, aber mit Schmerzen, denn ſie 
liebt ihn noch. Wohl ſagt ſie, daß 
ſie einen andern liebt, aber nur aus 
Erbitterung gegen ihn. Indem er ſie, 
ohne viel Kummer, verläßt, hört er 
ſie noch weinen. — Im Liede aus 
Gottſchee macht es ſich nun faſt drollig, 
daß der Flatterhafte ernſtlich geſtraft 
wird und nun, ein zweiter Toggen— 
burg, ſein Leben aushaucht. Die 
Gottſcheerinnen necken und mahnen 
ihre in der Fremde umgetriebenen 
Männer damit. Der treuloſe Kukuk 
kommt zur Geliebten. Sie bereitet ſich 
zur Hochzeit. Sie will von ihm nichts 
mehr wiſſen. Sie heiratet ihren 
nächſten Nachbar. „Wie traurig war 
da der Kukuk! — Er fliegt zurück. 


753 


Am Wege fteht ein Heujchober. 
jegt fih darauf. Wie traurig war 
der Kufuf! „OD Liebe, liebe, liebe 
mein!” jo fingt er und ift tobt. Und 
feit der Zeit kukukt fein Kukuk mehr, 
jobald er den erften Heufchober er: 
blidt. — 

Das ſchönſte Lieb aber, das ich 
in Gottſchee fingen hörte, ift mohl 
das Lied von-der braven Stief 
mutter. Ich will es in getreuer 
Veberfegung geben: *) 


Wie früh ift auf Fein Kohndirnlein, 

Sie gebt zur Frau, zur Hauswirthin: 

„Ei, Hauswirthin, ihr liebe mein, 

Welch jeltfamer Traum ift mir gekommen ! 
Wer mir ihn wohl auslegen kann ? 

gwo Sonnen**) gingen mir morgens auf, 
Und vor euerm Fenſter ein Fähnlein ſtund.“ 


Die Frau: 


„Klein ohndirnlein, du liebes mein, 

Den Traum leg ich dir jelber aus: 

Ich werde ſchwer erfranfen bald, 

Erfranten bald und fterben bald. 

Du wirft heiraten meinen jungen Gemahl; 

Ich werde verlaffen meine Waislein Hein. — 

O mad’ mit den Waislein was gütlid ift: 

Was gütlih und was menſchlich ift: 

Wenn du deinen wirft geben das weiße Brot, 

Gib meinen aud, wenn aud nur fchiwarzes 

Brot. 

Wenn du deinen wirft geben den rothen Mein, 

Gib meinen aud, wenn auch nur Waſſer fühl. 

Wenn deinen du betteft das Federbett, 

So bette aud meinen, wenn aud mur 
Stroh!“ 


Erfrantet ift die Hauswirthin, 
Geftorben ift die Hauswirthin. 
Das Dirnlein befam den jungen Gemahl. — 


— Es hat getban was gütlich ift, 
Was gütlid und was menfhlid ift: — 
Den Waislein gab fie das weiße Brot, 
Den eig'nen Kindern das ſchwarze Brot; 
Den Waislein gab fie den rothen Wein, 
Den eig'nen gab fie das fühle Wafler; 

Den Waisleim fie bettet das Federbett, 
Den ihren bettete fie mit Stroh. 


) Ich habe es bereits in erneuter Ge- 
ftalt im Februarheft des ‚„‚Deimgarten‘‘ mitge- 
theilt. 

+"), Ich börte fingen drei Sonnen, 
glaube aber, daß die Stelle wie oben zu 
ändern fein wird in zwo Sonnen. Sie 
jollen ja die Nivalität zwiſchen dem Lohn— 
dirnlein, der Nebenfonne und der Hauswirthin 
vorbedeuten. 


Rofeggers „Heimgarten'* 10, Heft, 


Er | Da fpricht der fhöne Hauswirth fo: 


„Meine Hauswirthin, du liebe mein! 

Was gibft Du den Kindern nicht allen gleich ?" 
„Rur fo, mein lieber Sauswirth jung. 
Deine erfte Frau, die fprach zu mir: 

Id foll nur thun was gütlich ift, 

Was gütlih und was menſchlich ift.‘ 

Sit bier dem fittlichen Adel der 
Geſinnung nicht der jchlichtefte und bes: 
halb vielleicht gerade auch der ergrei- 
fendfte Ausdrud geliehen? 

Die im Traum gejehene Neben: 
fonne deutet wohl an, baß der Hausfrau 
eine Nivalin gegenüber getreten jei. 
Da man die Gräber in Krain mit 
Fahnen ſchmückt, jo deutet die Fahne 
auf den Tod. 


Eine ganze Reihe von Liedern auf 
heilige Perfonen in echt volfSmäßiger 
Form hört man in Gottjchee, die recht 
geeignet find zu zeigen, wie auch jolche 
Stoffe, die dem Volksleben urjprünglich 
fremd find, von der Volksdichtung auf: 
genommen und verarbeitet werden. 
So auf die heilige Barbara, auf die 
heilige Regina, auf die Heiligen: 
Martin, Paulus und Stephan. 

Auch Hier wird man oft über: 
raſcht von fittlich erhebenden Zügen. 
Der heil. Stephan ijt gejteinigt worden 
und liegt im Sterben. Da kommen 
jeine Angehörigen und fragen Alle: 
wen er feine Güter vermaht? Da 
fommt jeine Geliebte. Sie fragt nichts 
als: welde Wunden ihn am meiften 
jhmerzen? Da fagt Stephan: Du, 
die mich nichts gefragt, als melde 
Wunden mich am meiften jchmerzen, 
Du follft meine Güter erben, thrile 
fie mit der Jungfrau Maria. 


Die Ihönften Lieber darunter find 
aber die auf Maria und ihren Sohn, 
obwohl man immer nur Bruchftüde, 
einzelne Strophen, hört. 3. B.: 

„In der ganzen Welt ift fein 
Mölklein nicht, vom Himmel fallet 
fühler Thau. Es iſt nicht der fühle 
Thau, es find Maria's Thränelein. 
Sie weint um Jeſus, ſie pflückt 
Blumen, um das Kreuz zu ſchmücken.“ 
— „Als Jeſus zog über das ebne Feld 


43 


754 


(wohl als er das Kreuz trug), fiel 
auf die Erde ein Schweißtröpflein. 
Daraus erwuchs ein Weizenftämmlein. 
Als er zog über fteilen Pfad, da ift 
gefallen ein Blutströpflein. Daraus 
erwuchs ein Weinreblein. Keine Mefje 
kann gelejen werden, es jei denn da— 
bei Weizenbrot und fühler Wein.“ 

Es find nur Bruchftüde, einzelne 
Züge der Gejhichte von Jeſus und 
Maria, die jo bejungen werben. 
8. B.: „Es wird Naht, die Mutter 
ift voll Angit, daß Jeſus nicht heim: 
fommt. Da Elopft er an und fommt. 
„Mit Linker Hand madt fie auf die 
Thür, mit rechter Hand umarmt fie 
ihn I” — Oder: „Wohl dort auf grüner 
Alm geht der Morgenftern auf, unten 
figt Maria, unfere liebe Frau. Sie 
geht vor Johannes Haus, der erzählt 
ihr: Jeſus fei gefangen, gebunden, 
gegeißelt und gefreuzigt !“ — In einem 
andern Liede erhält fie einen Brief, 
daß fie ihren Sohn verloren habe. 
Sie geht nah Jerufalem und findet 
ihn an's Kreuz gejchlagen. Er fragt 
fie: warum fie weinet. „Wie joll ic 
nicht weinen bitterlih, wo ich fließen 
jehe Jeſu Blut?“ 

Man fieht aus all’ den Bruch— 
ftüden, daß dieſe heiligen Lieber jekt 
außer allem näheren Zujammenhang 
fteh'n mit der gejchriebenen Literatur, 
fie find ganz Volkseigenthum und 
werben nicht durch den Unterricht der 
Schule, jondern außerhalb der Schule 
von Mund zu Mund fortgepflangt. 

Doch ich will den Ereigniffen des 
täglichen Lebens, dem Volksleben, näher 
treten. Wie überall beim Volke, fo ift 
auch in Gottjchee die Wehrpflicht ein 
Gegenftand des Kummers. Ein rei: 
zendes Lied wird gejungen unter dem 
Namen: Wenn die Buben in’s Heer 
müſſen. — Das Lied lautet: „Es 
ift heut ein Schreiben gekommen, daß 
die jungen Buben in's Heer müſſen 
gehn. Es hatte einer eine ſchöne Ge: 
liebte, die wollte mit ihm gehn. „So 
bleib du nur daheim, bleib daheim!“ 


„Wo wirft du, Liebe, nur dann hin— 
gehn, wenn ich in's Feuer muß gehn?“ 
„Wenn du in’3 Feuer wirft gehn, an der 
Seite werb’ ih bir ftehn.” — „Wo 
wirft du, Liebe, nur dann bingehn, 
wenn mich die Kugel wird treffen?“ 
— „Wenn did, Lieber, die Kugel 
wird treffen, da wird mir das Herz 
zerjpringen! — „Wo wirft du, Liebe, 
nur dann hingehn, wenn ich da Liege, 
gefallen?” — „Wenn bu aud wirft 
jein gefallen, wird doc mir fein 
andrer gefallen.” — „Dod dann, wo 
wirft du dann hingehn, wenn bie 
Trommeln zum Grab mich begleiten ?“ 
— „Wenn die Trommeln zum Grab 
dich begleiten, werden Gloden zum 
Grabe mir läuten.” — 

Neih an poetiihen Bräuden 
und Sprüden ſind die Hood: 
zeiten. — Am Donnerdtag vor ber 
Hochzeit ſchon, oder am Worabend, 
fommen die Gejpielen der Braut zu 
ihr, zum Kränzlein binden. Auch 
der Bräutigam mit jeinen Gejellen 
erjcheint womöglih zu Pferde. Jeder 
ber Gejellen befommt von der Braut 
ein Blumenfträußlein, was zugleich ala 
Einladung zur Hochzeit gilt. Braut 
und Bräutigam erhalten Kränze. Da: 
bei wird ein halb ſchalkhaft, Halb 
wehmüthiges Lieb gefungen: „Heute 
war ein Aungfräulein fröhlich, jo 
fröhlich wird fie nie mehr fein! Wohl 
fann fie noch fröhlich werden — aber, 
da ift fie fein Mägdlein mehr!” u. |. f. 

Wenn der Bräutigam die Braut 
abholt, in früherer Zeit immer zu 
Pferde (mobei fie fich Hinter ihn auf’s 
Pferd jegen mußte), da muß fie von 
der Mutter Abſchied nehmen und fingt: 
„So behüt Euch Gott, Mutter liebe 
mein, ich jeh Euch heut und nimmer: 
mehr” — u. ſ. f. 

Nah alter Sitte verlangt fie noch 
einmal in ber Mutter Schrank zu 
jehen,, fie habe etwas vergeſſen. Das 
gejtattet die Mutter nicht. Damit ift 
angebeutet, daß fie jet hier nichts 
mehr zu jchaffen, daß fie ihre eigene 


— „Ich bleibe nicht, ich geh mit Dir.“ — | Heimat, ihren eigenen Schrank Hat. 


755 


Indem fie auf das Pferb fi 
Ihwingt und mit dem Geliebten da— 
binreitet fingt man ihr nad: 

Sie ift aufgefeflen und hat geſchluchzt; 
Sie ift dahin geritten und hat gejauchzt ! 

Früher war e8 Sitte, daß man 
der Braut, jobald fie zu Pferde ſaß, 
einen Trunf Wein reichte; fie trant 
dem Bräutigam zu und warf dann 
den Krug hinterwärts über den Kopf. 
Auf dem Wege nad) des Bräutigams 
Haus, wird vom Hochzeitögeleite Brot 
ausgeworfen. Bor des Bräutigams 
Haus wird ihr der Eintritt fcherzhaft 
verweigert und fie muß gewiſſe Be: 
dingungen eingehen, bevor man, fie ein= 
läßt. Da tritt ihr die Schwieger: 
mutter wieder mit einem Becher 
Weins entgegen, in den fie einen 
Dukaten wirft, zum Willtomm. 


In des Bräutigams Haus ift der 
Hochzeitſchmaus. Hier fehlt es nun 
auch an einem Ruftigmacher nicht, der 
zugleih Geremonienmeifter ift, bie 
Geiger und Spielleute befehligt und 
die Hochzeitgefchente für die Braut 
mit ſcherzhaften Sprüchen und Bräuchen 
einfammelt. 

Merkwürdig ift nun, daß man in 
der höchſten Freude des Hochzeitjubels 
an manden Orten in Gottjchee das 
Bebürfniß hat, an den Tod und an 
bie Tobten zu benfen, ſowie bei ben 
Siebenbürger Sachſen und in Ungarn 
hin und wieder Todtentänze bei Hoch: 
zeiten aufgeführt werben. 

Mit ganz eigener trauriger Stimme 
fingt ein Chor nad) dem Hochzeit: 
ſchmauſe das Lied derabgeidie 
denen Seelen und dann das 
Lieb vom Sterben, in dem ge 
jungen wird, wie es fein wird, wenn 
wir fterben; wobei natürlich Jedes an 
feine lieben Todten denkt, dann an 
ben eigenen Tod unb nun der Aus: 
bruch der Wehmuth fich in einem all: 
gemeinen Meinen und Jammern fund: 
gibt. — Die abgefchiedenen Seelen 
fingen : „Ich habe dort gelafjen Vater, 
Mutter, Bruber, Schweiter. Sie ge- 


denken meiner nicht. Ich habe bort 
gelafjfen Freunde und Freundinnen, 
fie gedenfen meiner nit. Niemand 
benfet, niemand weiß es, was bie 
armen Seelen Sehnjudht leiden müſſen.“ 
— Die Lebenden aber fingen, wie es 
jein wird, wenn fie jterben werben: 
„Meine Augen fi verfinftern, fie 
fönnen die Welt nicht mehr jehen. 
Dann wird man mid in ben Sarg 
legen und auf den grünen Friebhof 
tragen! Dort werd’ ich jchlafen jo, 
jo ſüß!“ — Dort ſcharrt man mid) 
ein und läßt mich allein draußen Liegen. 
Gleichſam: „Ruhe du nur in küler Erbe, 
bas ift ja das Ziel deines Lebens!” — 

Ich will hier fließen. Ich hätte 
freilih noch Mancherlei mitzutheilen, 
ſowohl Lieder, Kinderreime, al3 Manz: 
ches über Sitten und Bräuche und 
— bejonders anziehende Mythen und 
Sagen. Doch glaube ih auch mit 
dem Mitgetheilten jchon gezeigt zu 
haben, wie reich das arme, wenig 
befannte Ländchen Gottjchee, do an 
geiftigen Gütern, an innerem Leben ift. 
Ich glaube ſchon, diefe Wahrnehmung 
muß ung freundlich ftimmen für die Be: 
völferung dieſes Ländchens. Es ijt 
in der That ein tüchtiges, begabtes 
und wenn man es daheim kennen lernt, 
höchſt liebenswürdig erſcheinendes Voll. 
Ich muß geſtehen, daß ich etwas wie 
Scham fühlte, wenn ich hörte, wie da— 
heim die Gottſcheer erzählen, wie ſie, 
wenn ſie auf Reiſen find, behandelt 
werden. Wie man ed wißig findet, 
fih in den Wirthshäufern, wo fie ihre 
Waaren feilbieten, mit ihnen trodene 
Späße zu erlauben, wie man ihrer 
überall fpottet ohne allen Grund 
und wie man fie oft im vorhinein 
als Betrüger und unreblihe Men 
Ihen anſchnaubt. — „Wohl“ jagte 
ein alter Gottjcheer, „wohl kann es 
ſchon gejchehen daß einer draußen in 
der Fremde ein rechter Lump wird! 
Aber, dad hat die Fremde auf dem 
Gewiſſen. Ron Haufe aus ift ber 
Gottſcheer meiftentheil® ein bejchei- 
dener, friedliher und ein rechtſchaf— 


48° 


756 


fener Menſch!“ — Die Ehrlichkeit in | 


Gottſchee ift am Beften bezeichnet aus 
folgendem Zug. In dem großen Gaft: 
hauje „zur Poſt“ befindet ſich, wie ich 
bereit8 bemerkte, im erjten Stodwerfe 
eine lange Reihe von Gajtzimmern, 
deren eines ich bewohnte. Alle dieje 
Zimmer konnten nicht zugejperrt werden. 
Ich fragte einmal die Wirthin barüber 
und fie jagte: „it ja das Haus: 
thor bei Nacht auch nicht zu! Mein 
eigened Zimmer ift nie gejchloffen und, 
da jeh'n Sie her, nit einmal mein 
Geldſchrank!“ Damit öffnete fie den- 
jelben und ich jah, daß er nicht Leer 
war (fie war eine reiche Frau). „Zn 
Gottſchee fällt e8 Niemandem ein, die 
Thüren zu jperren; ift auch nicht 
nöthig!“ — Ich muß geftehen, daß 
ich, ſeit ich in Gottſchee war, mir die 
armen Jungen ſelbſt, die hier Kaſta— 
nien verkaufen — es ſind durchaus 
Gottſcheer und zwar die allerärmſten 
— mit ganz andern Augen nſehe als 
früher. Ich rede auch gerne mit ihnen. 
Sie freuen ſich außerordentlich, wenn 
ſie ſehen, daß man ihr Land kennt und 
wenn man menſchlich freundlich zu 
ihnen ſpricht. 

Wie verhält es fi nun aber mit 
den Ergebnifjen meiner Neije in Be: 
zug auf die Fragen, die ich im Ein: 
gang angeregt? it Gottjchee jenes 
alte Gutzeka? Sind die Gottjcheer 
Nachkommen der VBandalen, der Gu- 
dusfaner? 

Diefe Annahmen von Zeuß find 
bei meinem Beſuche wohl wie ein 
Nebel zerfloffen und ich fonnte bald 
auf die angeregten Fragen bejtimmte 
Antwort geben. 

Die Mundart, die in Gottjchee ge: 
ſprochen wird, iſt für den, der ſie das 
erſte Mal hört, auch wenn er mit den 
Mundarten, die ihr am nächſten ver— 
wandt find, vertraut ift, jchwer zu 
verftehen. Sie enthält aud) alterthüm: 
lihe Züge, aber nichts, das über 
den Spradjftand unjerer hochdeutſchen 
Mundarten hinausreichte, nichts, das an 
Alterthümlichkeit die befannten 


Entwidlungsjtadien der hochdeut— 
ſchen Sprache überträfe, ja ber 
Stand der Laute, der Flerion, des 
Wortſchatzes gehört jogar, der Haupt: 
jahe nad, der neueiten Periode der 
hochdeutſchen Spradbildung an. 

Die alte Stadt Gutzeka lag 
viel weiter ſüdlich als Gottſchee, ſüdlich 
ber Kulpa, wo das jetzige Dtocaz liegt, 
die Gudusfaner waren ein Bolt, 
das gleichfalls fühlih der Kulpa zu 
juchen ift. Das Ländchen Gottjchee, nörb- 
li der Kulpa, war aber nody im 14. 
Jahrhundert ein Urwald, eine un: 
bewohnbare Wildniß, bie erft, 
wie eine Urkunde deutlich bejagt, 
furz vor dem Jahre 1360 von Deut: 
ſchen bevölfert worden ift. 

Vandalen habe ich demnach nicht 
gefunden. Was ich fand, war ein 
armes deutſches Völkchen, ähnlich den 
Bewohnern der sette und tredici 
comuni in Stalien, ein Splitter des 
großen deutſchen Volkes — in ber 
Fremde. — Manche ſolche deutjche 
Sprachinſel in der Fremde ift ſchon 
erloſchen. In Gottjchee jelbit jah es 
1867 aus, als ob auch dieſes Länd— 
hen entnationalifirt werben jollte. 
Ale Schulen bemühten fich, alle 
Pfarrer und Kapläne, mit Ausnahme 
von dreien, waren bejtrebt — zu ſlo— 
venifiren. — Seitdem iſt e8 etwas 
befjer geworden. Ein deutjches Real: 
gymnafium ift in Gottjchee errichtet 
worden, auf den Wunſch ber Bevöl— 
ferung und es fcheint damit ein Ed: 
ftein gewonnen, an dem bie nationale 
Ueberfluthung fich Hoffentlich brechen 
wird. 

Im Hinblid auf die Volkslieder 
in Gottſchee ergibt fi aber eine 
anjprechende Vermutung, Da fie 
doch unverfennbaren Zuſammenhang 
zeigen mit der allgemein deutſchen 
Balladendichtung, da ſie andererſeits 
doch wieder in der Form viel mehr 
als die anderer Gegenden abweichen 
von den bekannten Texten der Bal— 
laden Deutſchlands, ſo daß ein noch 
jetzt fortdauernder Liederaustauſch und 


757 


Verkehr mit Deutichland nicht er: 
fihtlich ift, fo drängt fich bie Frage 
auf: Haben die Gotticheer dieſe 
Lieder bei Ihrer Einwanbernng, d. i. 
vor dem Jahre 1360 mitgebracht? — 
Dies ift nun wohl nicht denkbar, 
wenigftend von der Mehrzahl nicht. 
Bon den meiften diefer Balladen find 
wir nicht berechtigt, ein höheres Alter 
ihrer Entftehung anzunehmen als das 
16., höchſtens das 15. Jahrhundert. 
In dieſer Zeit aber, im 15. und 16. 
Jahrhundert, war das deutſche Ele— 
ment, ſowie in und um bie sette und 
tredici comuni und in Sübtirol, fo 
auch in Krain, noch ftärfer an Zahl, 
fo daß ein reger Verkehr dieſer deut: 
fhen Sporaden untereinander und mit 
Deutihland noch, ja theilmeife- ein un: 
unterbrochener Zufammenhang ſtatt⸗ 
fand, der feit der Zeit, bei dem nu— 
merifhen Schwinben ber Deutſchen, 
immer mehr aufgehört hat. — So 
erflärt fih das Näthiel, daß das 
deutſche Volkslied in Gottichee zum 
Theil in auffallend entfrembeter und 
alterthümlicher Form auftritt, und daß 
Gottſchee doch deutſche Volkslieder be- 
fit, die gewiß nicht alle fo alt find, 
daß fie fhon bei der Einwanderung 
ber Bevölkerung von Gotifchee mit: 
gebracht fein könnten. Auch fie find 
ein Zeugniß für den Rückgang des 
deutichen Einfluffes im Süden, bas 
unfere Theilnahme für Gottjchee nur 
erhöhen fann. 

Ich fürchte nicht mehr, daß das 
Völklein untergehen wird; im Gegen: 
theil wirb e8 bei gutem Schulunter: 


zunehmen, fjowieman überhaupt 
die culturgefhidtlide Be 
deutung der deutſchen Spo— 
raden in Defterreih gemiß 
immer mehr erfennen wird! 

Vieleicht darf ich hoffen, auch mit 
diefer Mittheilung einige Theilnahme 
erwedt zu haben für das Ländchen 
Gottſchee. — Das ift ja die ſchönſte 
Seite der Studien, die da3 Volks. 
[eben und die Volksſprache zum Ge— 
genftande haben, daß fie bie Liebe 
zum Bolfe wecken. Volksſchullehrer, 
die mit Bildungsſtolz herabjehen auf 
Sprade und Sitte des Volkes, deſſen 
Kinder fie unterrichten, wirken nicht 
glücklich ; Fobald ihre Theilnahme aber 
für diefe Dinge geweckt ift, ſobald fie 
gewahr werben, daß auch in ben Herzen 
ber fogenannten Ungebildeten die Götter 
wohnen, werben fie die Tiebevolliten 
— und ihr Unterricht wird frucht— 
ar. 

Wir achten die armen Handel 
treibenden Gotticheer gewöhnlich bei: 
nahe ben Bettlern gleich; fie find es 
nicht. Sie find äußerft betriebfam und 
Iparfam und tradhten unermübdet zu 
erwerben: um zur Shumittenzeit 
etwas heimbringen zu können in ihr 
armes Land. Dort aber fieht man fie 
wahrhaftig nicht mit Verachtung an! 
Mit hellem Jauchzen werben fie 
von den entgegenfommenden Meibern 
und Mädchen in Empfang genommen ! 
— Und wenn bei ihren Feften daheim 
jene alten Balladen gefungen werben, 
von denen wir einige kennen lernten, 
da ift ihre Seele erhoben und vergeſſen 


richt fih Heben; und auch die Theil: find alle Beſchwerden, die fie in ber 
nahme für basjelbe wird hoffentlich | Fremde erlitten. 


758 





Wiener Dorltadt: Figuren. 
Bon Friedrich Schlögl. 


L 


Der ſchönſte Mann am Grund. 
Ih bitte nicht zu lachen. Der 
Mann hält fih wirklich für den 
„ſchönſten Mann“ im ganzen Be: 
zirk und wird in feinem unjchädlichen 


am Tajo und am Sudan; Norb und 
Süd zeitigt fie und das Auge bes 
Meibes hängt in glühender Sinnesluſt 
an ben herrlichen Geftalten, ob biefe 
von blendend weißem ober Ebenholz- 
teint, ob fie von Theer und Thran 
triefen ober nad Roſenöl buften, ob 


Dogma noch alltäglich und allftündlich | fie blond gelodt, oder wollig gefrauft, 
fogar beftärft von den Berficherungen | ob fie tätomirt und mit Nafenringen 


gläubigfter Seelen, und zwar am 
meiften und von niemand Geringerem 
als — von der „Seinigen“ jelbit. 
„Is das a Mann! was? ber fchönfte 
Mann am Grund, babei bleib i!“ 
ruft fie im ftolgen Bewußtſein bes 
Beſitzes, wenn er das Haus verläßt, 
mit wuchtigen Schritten durch bie 
Gaſſe marſchirt, fih an ber Ede um: 
wendet und mit einer loyalen Hand: 
bewegung jein Weib, das ihm am 
offenen Fenfter freubetrunfen nachfieht, 
zum Abſchiede lächelnd grüßt. „Sit 
da3 a Mann!” Nah allen Fenftern 
blidt fie, um Zeuginnen und Neiderinnen 
ihre8 Glüdes zu fehen, aber man 
fümmert fih nicht um fie und nicht 
um ihn, und jo jchließt fie denn endlich 
jelbft ihr Obfervatorium und geht an 
ihre häusliche Arbeit, nicht ohne feiner 
mit jehnfüchtigen Seufzern gebenfend, 
der nun, das Stäbchen in der Rechten 
nachläſſig ſchwingend und mit ber 
Linken einen derb geſchnitzten Cigarren: 
jpig zwifchen ben Lippen haltend, den 
Hut etwas ſchief in die Stirne gebrüdt 
und bebeutfame Blide nad) allen Seiten 
werfend, in gravitätiicher Ruhe feinen 
Dienftespflichten entgegen wandelt. Wie 
glücklich doch diefes Pärchen! ... 
Nun gibt’3 an „Ihönen Männern” 
eigentlih mohl 


geihmüdt oder mit einem ſchmucken 
Schnurbärtchen geziert, ob fie als 
elaftiihe Athleten oder als robufte 
Holzknechte, als graziöfe Operntänger, 
oder als plumpe Laftträger, als 
wohlfrifirte Ladenſchwengel oder als 
zottige Ligeuner „in bie Er: 
ſcheinung treten“, ein Herz und auch 
öfter noch mehr, und mehr als zur 
Genüge erfreuen fie doch und bie factifche 
Eigenthümerin dieſes „Schatzes“, diejes 
Racen- und landesüblichen Ideals, 
dieſes relativen Adonis iſt ſtolz auf 
ihren Beſitz, denn ber Betreffende iſt 
nach den reſpectiven Begriffen und 
Geſchmacksrichtungen der Urtheilsbe— 
rechtigten der — ſchönſte Mann nicht 
nur im eigenen Gau, ſondern auf 
dem ganzen Erdenrund. Aber unſer 
Mann iſt doch noch ſchöner, er iſt der 
ſchönſte und ſein Weib deshalb das 
ſtolzeſte. 

Wie das kommt? Beide ſind ein— 
fache Menſchen, die ſich nicht nur gegen: 
feitig genügen, fondern die — Eines 
auf das Andere — jogar eitel find. 
Sie erflärte ihn für den fchönften 
Mann und er jhäkt fie deshalb, weil 
fie ihm zu ſchätzen und zu würbigen 
wußte. So find Beide glüdlid. Er 
ift fein vornehmer Herr, er bemwegt 


nie und nirgends ſich vielmehr in fehr beſcheidenen Ver: 


Mangel. Sie wachſen und gedeihen | hältniffen: er ift vielleicht Amtsbote 


759 


ober Buchführer in einem mittleren 
Geihäftshaufe, diente früher als Cor: 
poral ober Feldwebel, oder bei ber 
Hofburgwahe und ehelichte nad er: 
baltenem Abſchiede feine Kathi, obwohl 
ein halbes Hundert vermöglicher Witwen 
nach feinen vertraulichen Geftänbniffen 
ihre Netze nach ihm ausgemworfen. Er 
ift alfo fein ſtädtiſcher Modeged, wie 
folde das Pflafter der Promenaden 
abtreten, nach dem letzten Mufter ge: 
Heivet und ihre Unwiderſtehlichkeit 
auf Tritt und Schritt verfünbend. 
Unfer Mann ift das directe Gegentheil 
diefer Zierpuppen; von ferniger aber 
gebrungener Geſtalt, ift feine Toilette 
die unvortheilhaftefte, die fich denken 
läßt. Er kleidet fich nämlich nicht nad) 
feiner Wahl, fondern überläßt bie 
Sorge für feine Hülle feiner Gattin. 
Die pugt und ſchmückt ihn nad) ihrem 
Gejhmade. Sie fauft ihm Cravatten, 
die ihm nicht paffen und erkieſt Hojen- 
und Weftenftoffe, die jchon des Teufels, 
die aber ihr gefallen. Ihr unterthan 
in allen Dingen, läßt er mit fi 
geſchehen, wie es ihr beliebt und es 
belieben ihr bie närrijcheften Dinge. 
Geftern ging er durch die Gaffe mit 
einem helbraunen Gehrod, einer jemmel- 
farbenen Hofe, einer rothgeftreiften 
Sammtmwefte und einer kornblumen— 
blauen Seibencravatte. Es war fein 
neues Pfingftgewand, daß fie ihm be: 
forgte. Das Beinkleid war zum Zer— 
plagen und ich befürchtete das Aergſte, 
wenn er das nie fo ftramm nad 
der Seite fchleuberte, denn er hält 
noch immer den Paradefchritt, der fie 
einft gefangen nahm. Sie regalirte ihn 
zu feinem Namenstage einem monftröfen 
Siegeltinge, zu feinem Geburtstage 
mit einer riefigen Erbjengolbfette, zu 
Weihnachten mit grellgeblümten Sad- 
tühern und zu Neujahr mit einer 
Bufennadel, Wafhington vorftellend, 
welchen fie für Radetzky bielt. Sie 
fauft ihm für die Winterfaifon einen 
ftarf gejchweiften Eylinder und für Die 
Sommerperiode einen nedifch geformten 
ichwefelgelben Strohhut. Sie leidet 


ihn vom Fuße bi zum Kopfe, benn 
ihm fehlt, der an das „Monturfaſſen“ 
gewöhnt, das Verftänbniß zum und 
beim Einfaufe, und fo geftattet er auch, 
nach alter militärischer Gewohnheit, daß 
bei Ausflügen oder fonftigen Saturnalien 
die „Caſſe“ von ihr geführt mwerbe. 

Glaubt man, daß der Mann „unter 
dem Pantoffel” jei? Mit nichten. Ihm 
ift dDiefe Art und Weife bequem und 
die fcheinbare Abhängigkeit ift viel 
eher ein Ausfluß ber Souverainetät, 
die fih um berlei Lappalien nicht 
fümmert und zur Austragung folcher 
Kleinigkeiten — bie verantwortliche 
Minifterin hat. Denn fie ift verantwort: 
(ih für jeden Kreuzer und betaillirt 
das gemeinjame Budget mit buch— 
balterijcher Genauigkeit. Dagegen macht 
fein Vertrauen und feine Gefügigfeit 
ihr ben ſchönen Mann noch viel theurer. 

Und er ift ſchön. Breite Schultern, 
bligende Augen, von buſchigen Brauen 
befchattet, eine grimmige Adlernaſe, 
ein aufrechtgedrehter ſtachlicher Schnur: 
und ein dichter Badenbart, zwei Zoll 
vom Obrläppchen, und diejed mit einer 
Linfe geſchmückt — geben dem Manne 
ein martialifches Air, Sie fieht es und 
fühlt e8, und er weiß ed. Und er 
weiß noch mehr. Er weiß, daß ſämmt— 
lihe Weiber mit b>gehrlichen Augen 
nah ihm bliden; er weiß, daß, falls 
es ihn gelüftete, er Unheil in allen 
Ehen anftiften könnte; er weiß, daß 
alle Männer auf ihn eiferfüchtig, daß 
alle Bäter vor ihm zittern, daß er nur 
verjtohlen blinzeln dürfte und Tags 
darauf ein Schodf Briefe ihm heimlich 
zugeftedt würde. Mber er lächelt zu 
zu all’ diefen Dummheiten, er beruhigt 
jein Weib, wenn diefes angftooll zu 
ihm emporfchaut und ihn prüft, wohin 
feine Augen gerichtet; er beſchwichtigt 
mit einem hingeworfenen Wort bie 
Beforgte und ſchwört ihr, daß er Alle 
jammt und fonder8 — veradtet. Wie 
glüdlich fie da8 macht! der jchönfte 
Mann!... 

Einft war's allerdingd anders. Ya 
einft! Wenn er jo in’ Erzählen kommt 


760 


und den Tiſchnachbarn al’ die un: 
zähligen Aventüren berichtet, wobei fein 
Weib, Brodfügelchen ſeufzend drehend, 
mit dem Kopfe bejahend nidt, ba ver: 
geht Einem freilih Hören und Sehen. 
Nirgends Ruhe! Auf dem Poften fogar 
zwinferte man ihm zu. Drei: bis vier: 
ſtöckige Hausfrauen, Gräfinnen und 
Fürftinnen bewarben fih um feine 
Gunſt — er blieb unerbittlih, bis 
auf ein paar flüchtige Amourjchaften 
miteiner polnischen und einer ungarischen 
Comteſſe, die ihm nicht vom Leibe 
gingen. Aber als er feine Kathi fand, 
jagte er fie Ale zum Kukuk. „Es 
ift wahr, jagt er, ih war als Burſch 
nicht übel, al3 Soldat fogar ein präd- 
tiger Kerl, bin jetzt noch als Mann 
von — wie alt bin ich, frägt er bie 
Seine — fünfundvierzig? Alfo: fünf: 
undvierzig — kennt mir's wer an? 
Was? Aber — das Meibergezücht 
hab’ ich all’ mein Lebtag gehaft, bis 
auf meine Kathi. Was, Alte?“ Wie 
fie erröthet ... 

Ja, ſie erröthet, obwohl ſie um 
drei Jahre älter, als er. Sie erröthet 
aus ſchönem Schamgefühl und aus 
Freude, daß der Mann, um den einſt 
ſo das „Geriß“ geweſen, doch ihr 
Eigenthum geworden. Und nun fährt 
ſie ihm in die Haare und richtet ihm 
den Schopf in die Höhe, ſie bläſt die 
Stäubchen von ſeinem Rockkragen und 
die Aſche aus feinem Barthaare und 
wijpelt ihm ein paar Worte in’s Ohr. 
Er ſchmunzelt und läßt eine frifche 
Halbe Wein und eine große Portion 
Sinzertorte bringen, und — dampft 
weiter, Er ſchweigt nun geraume Zeit, 
in ber Erinnerung ſchwelgend und nur 
in kurzen Zwiſchenpauſen einen kräf— 
tigen Schluck nehmend. Dann räuſpert 
er ſich, ſieht in der Runde umher und 
ruft mit vernehmbarer Stimme: „Ja, 
die Weiber!“ 

Nun lächelt fie und entgegnet ſchalk— 
haft: „Gar fo ſtark auftragen, Ignaz, 
darfjt aber doch nit! Wir willen fchon, 
daß d’ ein ſchöner Mann bift und daß 
Dih die Frauen gern g’jehn hab'n, 


aber deſſentweg'n braucht d’r nit gar 
jo viel einz’bilden! Weißt, Ignaz! 
Haft mich g’hört?” Und fie verfegt 
ihm einen kleinen Schlag auf die 
Wange, worauf das eigentliche Schädern 
und Lieblofen beginnt, was ihn nöthigt, - 
eine neue Halbe und einen ganzen 
„Engländer“ fommen zu lafjen. Dann 
trinkt und dampft und ſchmunzelt er 
weiter, den Badenbart fih nad vorne 
ſtreichend. 

Sie aber fährt, das Backwerk 
zwiſchen den Zähnen zermalmend, in 
ihrer Herzensergießungen luſtig fort: 
„Und ſchaut er nit gut aus, mein 
Mann, auf feine Jahr’? Und hab’ ich'n 
nit fauber ang’legt? Steht ihm nit 
Alles ganz hübſch und nett? Sep’ ein: 
mal den Hut auf — ben hab’ ich ihm 
erft geftern kauft — daß die G'ſell— 
ſchaft fiecht, wie er d’r paßt. So!.. 
Wirklich feſch! Wie a Stabtherr.... 
nit wahr? No, da wer’n die Frauen 
wieder Augen maden... a recht's 
Kreuz, warn m’r fo ein’ hübfchen 
Mann bat, wie m’r auf den Acht 
geb’n muß... Du, ſchau nur, daß 
ih D'r auf nir komm’, jonft... 
Und jegt geh'n m’r! Zahl!... Jm 
mitter'n Fach fein zwei Einferln.. 
verſtreu' nir ...“ 

Und ſie gehen. Sie gehen bei Tages: 
liht beim, denn fie wollen von den 
Leuten noch gejehen werden. Sie gehen 
langfam , alle Entgegenlommenden 
mufternd unb gehen immer langjamer, 
je näher fie ihrem heimatlichen Bezirke 
find. Sie grüßen nach rechts und links, 
in der Vermuthung, daß man fie zus 
erſt gegrüßt und bleiben nicht ungern 
jtehen, um hier mit einem Hausmeiſter, 
dort mit einem Kinde ein paar Worte 
zu wechſeln, in Wahrheit aber, um 
die Aufmerkfamkeit der Paffanten und 
Fenſtergucker auf fich zu lenken. End: 
ih ift man in der Gaſſe des Wohn: 
haufes und vor biefem felbit allmälig 
angelangt. Hier raftet man und blidt 
nochmals grüßend nach fämmtlichen 
Fenftern, obwohl fih Niemand zeigt. 
So verzieht man noch einen Augen: 


761 


blick . . . fie ftreift den Kehricht, den aber wie Sö heut wieder ausſchau'n, 
fie in der Schleppe ihres paperlgrünen | alle Zwa, das is jchon aus der Weis’! 
Brautfleides mitgezerrt, ab, und er J fag’s ja, alle Tag jünger — und . 
beichreibt mit dem Stäbchen ein Paar | fo nobel !” worauf beide vergnügt lächeln 
Kreife im Sande oder in der Luft, und „der jchönfte Mann vom Grund“ 
ober dreht e3 Fofett zwifchen ben Fingern | auch mit diefem färglichen Bewunde— 
und trällert einige Tacte. Bemerft rungs-Almoſen zufrieden — in ber 
und bewundert fie noch Niemand ? Da | Thoreinfahrt verſchwindet. Trallerala... 


erbarmt fih das Schidjal in Geftalt 
eines Waſſerweibes der Ruhmbedürf— 
tigen, die Frau Saubl, bie 





Mieder ein glüdliher Tag dieſer 
glüdlihen Leute! Mißgönnt ihnen Ye: 


alte | mand dies beſcheidene Glüd? Gewiß 


Schmeichlerin, die eben herbeihumpelt, | feine Seele; aber ich bitte, über fie 
reißt die Augen auf und meint: „Ja, | auch nicht zu Lachen ! 


Aufdem Donatibern. 


Ein Blick ins Land der Wenben. 


. 


Menſchen fliehen und Berge fuchen, | — fich intereffant zeigt und interej: 
— Du gewinnft nichts. Du trägft ſant if. — Zu diefen menigen lie: 
Dein MenjchenthHum in fie hinauf und | bensmwürbigen Gefellen gehört der Do: 


mwunderft Di, wenn e8 Dir aus allen 
Höhen herab wieder entgegenihaut. 
Dort fteht ein Berg mit der lang 
binwallenden Saumfchleppe feiner Wäl⸗ 
der und Schuttftröme; feine Bruft 
ist ehern, auf feinem wolfenummehten 
Scheitel ift Majeftät. Voll ftolzer, fin- 
fterer Herrlichkeit ragt er aus in’s 


natiberg bei Rohitſch. 

Er ift lange nit 3000 Fuß hoch, 
verfteht e3 aber, fich über dem Hügel: 
lande her auffallend genug zu machen. 
Er fhaut den Menden zu beim Kel— 
tern, den Deutfchen und Ungarn bei 
ihrem Felbbau, den froatifchen Schwein: 
hirten und den Ffraineriihen Moor: 


Land. Du haft eine Sehnfucht nad) |ftechern und den Almwirthichaften der 


diefem Haupte, Du wähnft von folcher 
Höhe aus Dein Herz zu laben, Dein 
Auge zu jättigen an den ausgebreiteten 
Schönheiten diefer Erde. Du opferft 
Zeit und Mühe, Dein Ziel zu erreichen, 
enblih gewinnt Du es und — bift 
enttäufcht — die ftolze Höhe ift nebel- 
falt und windig. 

Dort fteht ein Berg, nicht hoch; 
gebedt in's Grüne, wie hundert andere 
Berge, hinter denen er ih am liebiten 
verbergen möchte. Alles geht an ihm 
vorbei, bis fich eines Tages ein Spa: 
ziergänger auf ihn verirrt und entzückt 
it von der Anmut und Schönheit 
aller Art, die der anjpruchslofe Berg 
- ihm bietet. 

Und endlih ſteht bort ein Berg, 
welcher — beides in ſich vereinigend 


Kärntner und Oberfteirer. Dabei pielt 
er mit feiner eigenen Geftalt und zeigt 
jeder Gegend ein anderes Gefiht. Wer 
über das Pettauerfeld hinfährt, der 
fieht ho über den Weinbergen von 
Murau und Neuftift einen langen, 
dreihöderigen Sattel blauen — es ift 
der Donatiberg. Wer in einer Buchen: 
laube des Babes Sauerbrunn ruht, 
dem bangt anfangs vielleicht vor ber 
wilden, jchredhaft ſcharfen Spite, bie 
ganz nahe dort wie ein ungeheurer 
Nömerfpeer in den Himmel hineinfticht. 
— 63 ift der Donatiberg. Bon bier 
aus ſcheint er nachgerade unbefteigbar 
zu fein. Wer die Straße von Agram 
fommt, dem ftellt fich eine wilddurch— 
furchte Kalfwand entgegen — es iſt 
der Donatiberg. Und wer von den 


762 


ungarischen Drauniederungen naht, ber 
wird als Borboten der Farnifchen 
° Alpen einen rauhen, ſcharf emporftei- 
genden Kegel vor fi jehen — ben 
erften Berg mit deutijhem Namen, den 
Donatiberg. 

Kein Wunder, daß ſo verſchieden— 
artige Reclame zahlreiche Gäſte heran— 
lockt, die aber, wie das ſonſt bei Re— 
clamſachen nicht immer der Fall iſt, 
noch viel mehr finden, als ſie erwarten 
konnten. Am Tage des Herrn Himmel: 
fahrt fühlte ich den Hang, in Ermang: 
[ung des Delberges auf einen andern 
Berg zu fteigen, um bie Wunder Gottes 
zu preifen; aber ich fand einen, ber 
vorwiegend heidniſche Erinnerungen in 
mir aufmwedte. In biefer Gegend aus: 
gegrabene Bronzegegenftände erzählen 
uns von den Kelten. Dieſe Alten 
hatten auf der Höhe des Donatiberges 
einen Sonnentempel erbaut, von wel: 
hem jpäter die Römer nur mehr 
Trümmer vorfanden. War er ber 
Hertha geweiht geweſen? jener Hertha, 
deren Bildniß von auserlefenen Sklaven 
gereinigt wurde und wofür dieſe Skla— 
ven zur Ehre der Göttin ftet3 erwürgt 
worden find? Manche Denkfteine biefer 
Gegend erzählen von Menjchenopfern, 
die nod um die Zeit Chrifti hier ver: 
übt worben find. Der Berg Donati 
ift dem Gotte des Donners und Blitzes 
geweiht und war das wahrfjcheinlich 
auch bei den Alten. Der alte Blik: 
ichleuberer hieß befanntlid Donar. 
Der Berg kann Donarberg geheißen 
haben. Als aber nadhher das Chriften- 
thum kam, welches einen heibnifchen 
Donar nicht brauchen Fonnte, hingegen 
doch einen Blit: und Metterpatron 
haben wollte, die Leute aber alther: 
gebrachte Namen nicht mehr vergeffen 
mögen, hat e8 aus dem Donar einen 
Donat gemaht und gejagt, es wäre 
der heilige Bifhof Donatus damit 
gemeint und Donatus ſei ein großer 
Schußpatron gegen böfe Wetter, Blig 
und Donner. Auf der Spite bes Ber: 
ges, wo einft der Sonnentempel ge: 
ftanden war, haben fie dem Heiligen 


ein Kirchlein gebaut. Aber was ge: 
jhah? Der Blig hat dem Bligpatron 
das Haus über dem Kopf angezündet. 
(1740). Nichtsbeftoweniger verlor Do: 
natus durch diefen Schlag an Anfehen 
bei den Leuten; fie ſchoſſen Gaben zu: 
fammen, bauten auf der Bergeshöhe 
die Kirche wieder auf und wallfahrte- 
ten eifriger denn je zu demſelben hinan. 
Da ſchlug der Blik abermals ein und 
zwar während einer Meſſe; 40 Per: 
fonen find dabei theils getöntet, theils 
geſchädigt worden. Die Gloden des 
Kirchleins aber hat der Blig — mie 
die Sage geht — hoch über den Ur- 
wald und das Gefelfe an jene Stelle 
binabgeichleudert, wo heute am Fuße 
bes Donatiberge® das neue Kirchlein 
fteht und wo ber vom Blige vertrie- 
bene Wetterpatron von der weiten Um: 
gebung hoch verehrt wird. 

Der Aufitieg auf den Donati- 
berg ift leicht. Zwiſchen Garten: 
und Wiejenwegen, bevor man zum 
eigentlihen Berg kommt, der jo mild 
ausfieht, geht's noh am fteiliten. 
Von der Einfattlung, die den Berg 
weſtlich mit den Wotſch verbindet, 
geht der Steig in neunzehn Schlan— 
genwindungen durch den herrlichen 
Buchenwald empor. Der Charafter 
de3 Urwaldes. Die Hainbudhe, die 
Eihe, der Ahorn, die Grauerle 
und Stechpalme haben bier ihre Herr: 
ſchaft. Die norbifhe Tanne ift fremb, 
fie würde unter ben bundertfältigen 
Umarmungen des Laubgehölzes erftiden. 
’3 ift ein wildes Gefchleht, dieſes 
Zaubholz, wenn es nicht erzogen wird, 
Wie die Bäume hier wachien, fo ftehen 
fie in ihren riefigen, oft abenteuer: 
lichen Geftalten da; mie fie alters- 
morſch zufammenbrechen, fo liegen bie 
wuchtigſten Strünfe hingeworfen am 
fteilen Hang. Und wenn tief unter den 
Füßen des Wanderer der Wind in 
den Kronen brauft, fo ift es zu hören, 
wie das Toſen bed Meeres. Die 
Flora des Donatiberges ift reich an 
jeltenen Pflanzen, feine Bogelmwelt 
eine überaus lebendige. Dort in ber 


763 


Buchenkrone der Sperber, auf ber 
Felsfante ber Thurmfalfe, in jener 
hohlen Eihe der Steinfaug, die Dohle 
und die Elfter nicht weit, jogar Mei: 
fter Specht, der Zimmermann, dann 
die Finfen, bie Ammern, Lerchen, Meifen, 
Drofieln ; der kleinwinzige Zaunfönig, 
die nieblihe Grasmücke und die ge 
feierte Primadonna Nachtigall. Und 
das flatterhafte Volk der Wildtauben 
und Walbhühner und fo fort in ben 
Reihen, die den Donatiberg umſchwir— 
ren, umjubeln und umfreifchen — ver: 
folgend und verfolgt — die meilten 
beneidet von ben Menfchen, die wenig- 
ften fich ungetrübt freuend an ihrem 
Bogeldajein im grünen Walde. Aber 
auch ber Geologe, den wir im feinen 
Forſchungen hier nicht weiter folgen 
fönnen, wird bochbefriedigt von dem 
merkwürdigen Berge nieberfteigen. 
Auf der Höhe, wo einft der Hei- 
bentempel und dann das Chriftenfirch: 
lein geftanben waren, erhebt fich heute 
das alpine Wahrzeichen ber Touriften- 
welt, die auf drei Holzfüßen ftehende 
Pyramide, gegen welche ber Blik bis- 
ber noch feinen Speer gefchleubert hat. 
Und von biefem 2800 Fuß hohen 
Berge hat man bei günftigem Wetter 
eine wunderbare, eine faft unglaubliche 
Fernſicht. Man foll — wie ©. Jä— 
ger behauptet — vom Donatiberg aus 
den 15.000ften Theil ber ganzen Erb: 
oberflähe überfehen können. — Im 
Süden waldbedeckte Höhen und Berge, 
melde fich durch collegiales Entgegen: 
fommen und Hänbereichen in einander 
verſchlingen. In der Nähe unten haben 
wir ben Markt Rohitſch, aber von 
‚Sauerbrunn befommen wir nicht 
viel zu jehen, das duckt fi) gar be- 
baglih in die grünen Polſter feiner 
buſchigen Hügel. Allzubefcheiden! Aber 
man weiß dirs doch zu banken, daß 
Ihon Taufende an deinen fauren 
Duellen Gefundheit getrunfen haben 
und daß alle Welt Waſſer fchlürft aus 
deiner Schlucht, von der aus alljähr- 
lich über eine Million Sauerbrunn: 
flafhen nach allen Gegenden verfchidt 


werben. Rückwärts dehnt fich die Hoch: 
ebene von Bärnek und das liebliche 
Thal St. Marein mit feiner großen 
Wallfahrtskirche und der Heiligenftiege, 
auf welcher mancher Pilger bis zu der 
hochgelegenen Rohus: Kapelle 
fnieend hinaufſteigt. Man fieht die 
Berge von Tüffer und Stein 
brüd, fieht auch das Haupt des 
Pleſche, der im vorigen Winter feinen 
Panzer in’3 Sannthal gejchleubert hat. 
Dann ſchwimmt der Blid über das 
blaue MWellenmeer der Ffrainerifchen 
Berge, bis er in weiteſter Ferne hän— 
gen bleibt an der weißen Narbe des 
Schneeberged am Karft. Dann 
die Waldeshänge von Reihenburg, 
deſſen Schlöffer einft zwei feindliche 
Brüder bewohnten, die in einem und 
demjelben Momente ihr Feuerrohr 
gegen einander richteten, gleichzeitig 
abſchoſſen und fich gegenfeitig tödteten. 
Ihre Schädel werden noch heute in 
einer Niſche der dortigen Schloßfapelle 
aufbewahrt und gezeigt. Wenn man 
ihre Gefichtöfeiten einander zufehrt, jo 
wenden fie fih in der Nacht wieder 
auseinander. — Nicht weit davon liegt 
das Schloß Thurn am Hart, bie 
Heimat und Ruheſtätte Anaftafius 
Grün’s. 

Näher erjcheinen die forftreichen 
Berge von Lichtenwald, das breit 
aufgebaute Wahergebirgeu.f.m. 
in vielfadhen Ketten, ftet3 überjäet mit 
ben fhimmernden Bunften von Kirchen 
und Sclöffern. 

Menden wir und gegen Dften, fo 
ſtößt der Blid an die Berge bei Agram 
und fliegt hin über die fruchtbaren 
Ebenen Croatiens — fort in's Weite 
bis hinab zu den blauen Bergen an 
der Glima und dem Kapellagebirge in 
Dalmatien — den Wädtern an ber 
türfifchen Grenze. 

Die Borpartien dieſes jeltfamen 
Flachbildes liegen im Gebiete der Veſte 
Teſchenitz, der Heimat der Veronika von 
Teſchenitz. Der junge Graf Friedrich 
von Cilli hatte feine Gemahlin im 
Ehebette ermordet. und hierauf ein 


764 


ſchönes Kammermäbchen berfelben, die 
Tochter eined armen croatiichen Edel: 
mannes, eben die reizende Veronika 
von Teſchenitz, zum ehelichen Geipons 
erforen, aber der alte ahnenitolze Graf 
von Cilli war mit folder Wahl nicht 
einverftanden. Er ließ die Schwieger: 
tochter gefangen nehmen und auf der 
Veſte Ofterwig im Sannthale in einer 
Badewanne ertränfen. 

Weiterhin breitet fih Sagorien, 
das Land hinter den Bergen, die jo: 
genannte croatiihe Schweiz mit ihren 
Saatfeldern, Triften, üppigen Wein: 
und Objtgärten, riefigen Eichen:, Bu— 
hen:, echten Kaftanienwälbern und 
Heilquellen — ein reiches Land voll 
gefelliger, gaftliher Bewohner, bie 
feinen Wein ausführen, ſondern den 
Fremben in ihrem eigenen Lande da— 
mit bewirthen. 

Kehren wir und allmälig dem 
Norden zu, dem Hügelgelände zwiſchen 
der Motfchkette und dem Bettauer 
Felde. Schöne Höhen! ung gegen Sü— 
den wenden die meiften ihre Wein: 
gärten zu, während fie gegen Norden 
die Pelzmäntel ihrer Buchenwälder 
drehen. E3 ift das wendiſche Ländchen 
der „Koloſer“ — vielleicht nad 
dem römischen Colis (Hügel— Hügel: 
bewohner). Die Koloſer find ein Iuftig 
Völklein, lieben Wein, Weib und Ge: 
fang, bleiben friſch ihr Leben lang. 
Sind genügjam bei Bohnen und Kar: 
toffeln und mit ihren gewöhnlich nur 
aus weißer Leinwand beftehenben Klei- 
dern. Haben fie was, jo verlegen fie 
fich nicht ſonderlich auf's Sparen, fo 
daß ein Volkswort von den Kolojern 
fagt: „Auf dem Hinweg ſchälen fie 
die Aepfel und auf dem Rückweg ſuchen 
und eſſen fie die Schalen“. — Seine 
gefchloffenen Dörfer, fondern nur ein: 
zelnftehende Gehöfte und Winzerhäufer 
ihmüden die engen Thäler und fon: 
nigen Lehnen — im Halbkreife ihrer 


Darüber hinaus, hinter dem Draus 
fluffe, verzweigen fi die berühmten 
Meinberge von Kerſchbach, Yeru: 
jalem und Quttenberg. 

Dort am jehimmernden Bande der 
Drau das hochragende Schloß An: 
fenftein; bort fih an bie Reben: 
hügel fchmiegend, das Schloß Dor: 
nau, auch ein Landſitz bes Dichters 
Anaftafius Grün; dort die Thürme 
von Großfonntag, wo 1518 am 
Dfterfonntag die deutfchen Ordensritter 
einen großen Sieg über die Türfen 
erfochten haben. Und endlich zieht ber 
hoch den Dolomiten entjprungene Fluß 
hinaus in die unbegrenzten Ebenen 
Ungarnd, wo Erb’ und Himmel in 
einander verfchmimmen und wo an 
einer Stelle nur noch das matte 
Schimmern den Spiegel de8 Platt: 
ten-See’3 vermuthen läßt. 

Wir wenden unfer Auge wieder 
der lieben Steiermark zu. Hier dehnt 
ſich das weite Dreied des Bettauer: 
felde3, der Boden blutiger Schladh: 
ten; dort die Stadt Pettau mit ben 
weißen Mauern ihres Schloffes und 
mit tem finftergrauen Thurm voll 
NRömerfteinen und Denkmälern aus den 
Tagen der Nitter und Herren — 
Pettau — ein altes Buh aus alter 
Zeit. Näher an uns bie ftrahlenbe 
Wallfahrtsfiche Maria: Neuftift, 
eine der fchönften gothiſchen Bauten 
de3 Landes; dort auf ſchmächtigem 
Hügel, aus einer Baumgruppe hervor: 
ftrebend, fteht die NRohus- Kapelle, 
in deren Grundfeften ſeltſame Münzen 
begraben Tiegen follen und in deren 
Mauern nah dem Volksglauben der: 
einft die Wiege des Antichriſt ftehen 
wird. Im Hintergrunde, an den win: 
diſchen Büheln ftarrt der fühne Bau 
der alten Templerburg Wurmberg 
in die Wellen ber Drau. Meiter oben 
an Fable Berge fi lehnend bie 
Stadt Marburg. Anmuthig zu 


vier Pfarrfirhen St. Nikolaus ſehen ift der muntere Hügelreigen ber 


bei Sauritid, 
nächſt Anfenftein, St. Andrä in 
Leskowetz und Dreifaltigfeit. 


St. Barbara windiſchen Büheln mit feinen 


farbenfpielenden Wein-, Obftgärten und 
Fruchtfeldern, Winzerhäufern und 


165 


Thürmen, bis hin zu den Ufern ber 
Mur. Ein gejegneter Landſtrich! Dort 
waltet zur Zeit der Weinleſe Pöller: 
fnall, Becherklang, Muſik und heiteres 
Spiel — unter der traubenreifenden 
Sonne Homerd. — Weit über den 
Büheln her leuchten die Hochſchlöſſer 
Mured und Radkersburg, die 
Gleihenbergerfögel mit ihrer 
Burg, dann die ftolze Veite Riegers— 
burg, die Pyramide des Kulm, 
das blaue Band des Nabenwaldes 
und die hohe Tafel des Grazer 
Skhödel. Ueber die Fiſchbacher— 
alpen bis zum Wechſel und zum 
Schneeberg in Defterreih dringt 
der Blid. — Weiter links dehnen fich 
die jchneegefprenfelten Maflen des 
Hochſchwab, dann ziehen bie 
Bleinalpe, bie Kor und 
Shwanbergeralpen bis zum 
Posrud den Grenzwall. 

Im MWejten endlich erhebt fi das 
hohe Urwaldgebirge des Bader — 
eine finftere Welt für fih, hier nur 
von feiner heiterften Seite fichtbar. 
Da ftehen fie zu Hunderttaufenden in 
ihrer ftämmigften Urjprünglichkeit, bie 
Laub: und Nadelhölzer, aus deren ab: 
wärts jtrebendem Geäfte der Baum: 
bart in langen grauen Strähnen nieder 
webt in bie ewigen Schatten, die nur 
jelten ein Bligftrahl der Sonne durch: 
bricht. Doch gejellt fih zu dem Raus 
jchen des Windes, zu dem Auffchrei 
des Adlers nun auch der Wieberhall 
der Holzart, welche ausgeſchickt ijt von 
bungerigen Glashütten, Eiſenwerken 
und Bretterlägen, um Nahrung heim 
zubringen. Und in ben Niederungen 
des Bader wieder die Wieſen, Saat: 
felder, Weingärtten — bie eblen 
Rafter, Biderer, Brandnerz, 
Gonobiger, Nadijeller und 
NRittersbergerreben; und wieder 
Schlöſſer, Dörfer und die fünfzig Kir: 
hen des Pacher. Das Schloß Win: 


big, Neubaus u. ſ. w. — Ueber 
den Bacher herein aber fchimmert in 
reinen Morgenftunden der Glanzpunft 
bes herrlichen Bildes — niemand 
Geringerer als — die Spite des 
Großglodners. 

Weiter links haben wir die jchroffen 
Felshörner des Weitenfteiner: 
thales mit jeinen jchreienden Bächen, 
brummenden Waldmühlen und toben: 
den Eifenhämmern und mit jeinen ma— 
leriichen Ruinen. Dann das alte See: 
beden des Shallthales mit jeinem 
hohen Urjulaberg, auf weldem 
eine Wallfahrtsfirche jteht, die ihren 
Eingang in Kärnten, ihren Hochaltar 
aber in Steiermark hat. Dann noch 
die hohe Beten, in Erinnerung als 
der Stammfiß der uralten färntneri- 
ſchen Raubfirma: „Meifter Peg und 
Söhne.” — Und endlich kommen hinter 
grünen Waldpöfftern abenteuerlich auf: 
ftrebend bie herrlichen Rieſen der 
Sulzbaderalpen — die hörner— 
nen Grenzwarten zwijchen Steiermarf, 
Kärnten und Krain: Vor allem Rinka, 
der felszerriſſene, ſchneedurchfurchte Gi: 
gant, auch genannt der Grantige, diejer 
Alpen Zwingherr und Für. Wenn 
fh am Meeresitrande der Adria 
1350 ftattlihe Männer übereinander 
jtelen, jo iſt des oberften Haupt jo 
hoch, als wie der Feljenjcheitel der 
Rinka. Dann der fahle Zahn der 
Oiſtrizza, dienadte Weißwand der 
Raduha und im Hintergrunde als 
ausmwärtiges Ehrenmitglied der über 
10.000° hoch in den Wolfen jchme- 
bende Terglou. In die Tiefen der 
merkwürdigen Thäler, die zwiſchen 
diefen Bergen ruhen, jehen wir freilich 
nicht nieder — willen nicht3 von dem 
einfamen Alpendörfchen Sulzbach, das 
vor wenigen Jahren in einem großen 
deutihen Wocenblatte als die größte 
Räuberburg Deutſchlands bezeichnet 
worden ift; willen nichts von ber 


denau mit feinen veihen Sammlun- | fchauerlichen Feljenipalte, der „Nadel“, 
gen und feinem großen Wildparfe, in nichts von den jchäumenden Waſſer— 
deſſen Nähe eine Stadt begraben Liegen | fällen der Rinfa. Wir fehen die Sann 
ſoll; Windiſch-Feiſtritz, Gono— erſt als ftattlihen Fluß, wo fie ihre 


766 


Wildheit längft abgelegt hat und durch 
das grüne Sannthal an Fleden und 
Schlöſſern vorbei — dem jchönen 
Cilli zueilt. — Eilli! einft jo prächtig 
jetzt ohnmächtig. Wie die morjchen 
Gebeine des Goliath liegen die epheu- 
umjponnenen Ruinen bingeftredt. 

Näher an und heran grünen die 
Auen vonSüßenberg, Lemberg, 
Koftreinig und bie fchattige Wald— 
ſchlucht mit der zerftörten Karthaufe 
Seiz — der größten Deutichlanbs. 
Bon Ottokar dem erften Traungauer, 
wurde fie 1151 gegründet, von Jo— 
jef I. 1781 aufgehoben. Die Ge: 
beine bes Stifter® und feiner Ge- 
mahlin, welche früher im Klofter ruhten, 
find in das Stift Rein bei Graz über: 
tragen worben. Noh finden wir 
in unjerer Nähe am Wotjchberg bie 
Kirchen Maria Loretto und St. 
Florian und die in ibylliihem 
Hochthale geborgene Nikolaikirche, 
welche der heilige Nikolaus perſönlich 
herauf getragen haben ſoll. Am Fuße 
des Berges noch das verſteckte Schloß 
Studenitz und das alte Nonnen— 
Hofter Onadenprunn, wo man 
jeit hundert Jahren vergebens nad 
Horaklängen laufcht. Nicht weit davon 
entjtürzen dem Nordabhange des Wotſch 
zwei mächtige, aber unbeftändbige Bäche, 
aus weldhen oft blinde Forellen von 
ungewöhnliher Größe zu Tage kom— 
men. Man vermuthet bier einen unter- 
irdiichen See. 


An al’ dem nun Hat fich Geift 
und Auge jatt getrunfen. Aber ben 
Gaumen dürfte. Ich ſetzte mi hin 
auf dem Steingrund, wo einft ber 
Tempel gejtanden, lugte zwijchen ben 
Buchenkronen hinaus in's Pettauerfeld 
und fagte zu meinem Burſchen: „yet 
gib mir einmal Wein.“ 


Der mwadere Wende war auf dieſe 
Forderung wohl vorbereitet ; aus einer 
gewichtigen Flafche, wie fie ſolche un— 
ten für Sauerbrunn erzeugen, goß er 
Wein in ein Trinkglas. Der Wein 
war unten am Fuße bed Berges ge 
wadhjen im vorigen Jahre. Sein Ge 
Ihmad war zuerft füß, dann fauer und 
zulegt herb. Wo ift mein lieber Blei: 
zuder, ben ich in der Stabt oft mit 
jo gutem Gelbe bezahlt Habe? Wer 
foll mich morgen erinnern an das viele 
Iuftige Trinken bier, wenn das Kopf: 
weh fehlt? — So erging mir’3 noch 
nie als bei diefem Weine; je mehr ich 
tranf, deſto durftiger warb ich. Deſto 
durfliger und befto [uftiger. Und mein 
Burſche will gehört haben, daß ich 
ſchließlich glasſchwingend das „Hoc 
vom Dachſtein“ in flavifher Sprache 
fang. 


Und bin reich an Seligfeit nieder: 
geftiegen von der freundlichen Höhe, 
auf die ich Jeden weiſe, der mit klei— 
ner Müh' und großer Augenluft das 
ihöne Land der Wenden fennen ler: 
nen will. R. 


767 


Aus der Schreckenschronik Bteiermarks. 


Vom eilften bis zum fiebzehnten Iahrhundert. 


Es iſt fein Wunder, wenn bie 
Welt mit der Zunahme ihres Willens 
und ihrer Erkenntniß lebhaft und 
immer lebhafter nach vorwärts drängt, 
denn hinter ung liegt nicht viel Gu— 
tes. Trotzdem der Chroniften Zahl 
aus früheren Zeiten eine armjelig 
geringe ift, genügen die Aufzeichnun- 
gen doch, um eine etwaige Sehnfucht 
nach der „guten alten Zeit“ vollftändig 
zu verleiben. 

Die Menjhen aus jenen Jahr— 
hunderten und ihr geiftiges Leben find 
und heute fremd und völlig unbegreif: 
ih; aber aud die Drangjale find 
e3, bie unjere Vorfahren jo oft und 
Schwer heimgejucht haben. Ganz anders 
geartet als Heute jchien damals die 
Natur, ſchreckhaft, feindfelig, geipen- 
ftig, unlogiſch. So wird fie und ge: 
fchildert. Aber die Beobachtungen und 
Schilderungen, Auswüchſe der Phan— 
tafie, wurden von verwirrten or: 
fhern gemadt, denn die Menjchen 
waren franf. Pet, Krieg und Hunger 
waren freilich fchredliche Dinge, aber 
ber Leute Furt und Angft vor die— 
jen Plagen war über alle Maßen 
groß und erzeugte die krankhafteſten 
Phantafien und oft jelbft das gefürch— 
tete Uebel; beſonders zu den Peſt— 
zeiten. 


fonnte, außer er geftattete ihm eine 
Dirne zum Zufammenleben. Drgien 
aller Art, Verfchwendung, Streit und 
Hader, aber auch abjcheuliche religiöje 
Ausartungen raften Arm in Arm 
mit den Plagen, mit dem großen 
Sterben dahin. Der ſchöne Lebens: 
genuß jener Blüthezeit der Poefie und 
des idealen Schmwunge® wurde in 
plumpe, rohe Schwelgerei, die Feufche 
deutſche Zucht in grobe, alle Stände 
gleich beherrſchende Sinnesluſt verfehrt. 
Die unfinnigften, frechften Kleidermoden 
gefielen, die Händelſucht durchwühlte 
alle Ordnung. Dabei gab e3 firchliche 
Umzüge allerortd. Sie zogen daber, 
arm und reich, jung und alt, Bauern 
und Kriegsleute, entblößt bis zum 
Gürtel, das Haupt verhüllt mit einem 
linnenen Tuche, die Kreuzfahne voran, 
brennende Kerzen und Geißeln in den 
Händen, mit denen fie fich bis auf’s 
Blut zerfleiihten. So wanderten fie 
unter frommen Gejängen von Land 
zu Land, von Stabt zu Stabt, von 
Kirche zu Kirche. Und die es jahen, 
wurden davon ergriffen, weinten, war: 
fen fih nadt zu Boden in den Schnee 
ober Koth. 

Selbit die Beſten der Zeit unter: 
lagen dem Wahn. Und die Gelehrten 


War aber die Noth einmal haben den unnatürlichften, aberwißig- 


da, dann verwandelte ſich die Angft |ften Dingen, die in ber Natur be: 


nicht jelten in ausgelafjene Genuß: 
jucht, in eine wilde Gier, die Sinne 
no einmal zu jättigen, die Leiben- 
haften zu befriedigen, bevor e3 aus 
war, Es war eine frivole Zeit — 
trog der Gottesgeißeln. Unter dem 
Landvolke 3. B. hatte die Sittenlofig- 


merft worden fein jollten und die 
Leute zur Narrheit verwirrten, nicht 
wiberjprochen. 

Sa, der Menſchen Seelen waren 
krank. Das große Sterben und all 
die jchredlichen Plagen des Mittel: 
alters, die jo oft bie Länder durch— 


keit jo jehr überhand genommen, daß |flutheten, hatten die Leute nervös 
faft Niemand einen Knecht befommen | gemacht. 


168 s 


Wer fih ein klares und ausführ: 
liches Bild von dieſen traurigen Zei: 
ten verjchaffen will, der lefe dic „Ge: 
Ihichte der Peſt in Steiermark“ von 
Dr. Richard Peinlich (Vereinsbuch— 
druckerei, Graz, 1877). Der „Heim: 
garten“ Hat in jeinem 3. Hefte bereits 
auf dieſes trefflihe Werk Hingewiejen. 
Seither ift der erjte Band davon voll- 
jtändig erjchienen. Er behandelt nicht 
allein die Gejhichte der Peſt von ben 
älteften Zeiten an bis zur großen 
Sterbe der Jahre 1679—1685, fon: 
dern berührt auch alle anderen Heim: 
juhungen, als: Krieg, Feuersbrünfte, 
Naturereigniffe u. ſ. w., die Steier- 
mark getroffen haben, und er zieht 
alle großen Weltereigniffe, die im 
Laufe der behandelten Jahrhunderte 
fih zutrugen, in ben Kreis des 
Merfes. 

Ein Auszug aus den bezeichnend- 
ften Abjchnitten diefer Schredenschronif 
möge den Freunden der Gulturge: 
ſchichte unſeres Alpenlandes nicht vor: 
enthalten bleiben. 

Im Lapidarftil gejchrieben, wird 
biefer Auszug ein braftiiches, merk: 
würdiges Bild aus den Zeiten unſe— 
rer BVoreltern entrollen. Merkwürdig 
find die Thatjachen, aber noch merk: 
würdiger ift das Verhältniß bes 
menschlichen Geiftes zu dieſen That: 
ſachen. Welch' ein Aberglauben, welche 
Sinnestäufhungen, welche Dunkelheit 
in allen Köpfen! In Wahnwitz be: 
fangen alle Gelehrten und Chroniften, 
die und oft etwas ganz anderes er: 
zählen, als mas fie aufjchreiben 
follten. 

Laffen wir Wahrheit und Wahn 
durcheinander folgen. 

Der Opfer, welche die Peſt in 
einem Zeitraume von 400 Jahren 
auch in unjerem Lande bahingerafft, 
find unzählige. Um nicht in eine all- 
zuferne Zeit zurüdzugreifen, find vom 
Sabre 1349 bis 1716 in Steiermarf 
fiebzig Peſtjahre gemejen. 

Ein Geihichtsjchreiber erzählt aus 
dem 11. Jahrhundert: Es gejchahen 


um bieje Zeit viel feltfame, erfchred: 
lihe Wunderzeihen. Man jah ben 
Himmel brennen, die Sonne und ber 
Mond wurden wider die Natur oft: 
mals verfinftert; die Sterne fielen 
vom Himmel herab auf die Erbe, 
man ſah feurige Flammen und Pfeile 
in der Luft daherfliegen, es erjchienen 
jeltjame Geftirne wie Kometen, ganze 
Kriegsheere am Himmel ftehen ; feurige 
Thiere und Geflügel erhoben fi in 
der Luft jo haufenweiſe, daß die 
Sonne davon verbedt ward. Es wur: 
den viel grauſame, jchredliche Wetter. 
— Auch Feuer vom Himmel fiel 
mancherlei herab. — Es kamen große 
Waſſergüſſe und Theuerung. Es kam 
ein großes Sterben an der Beitilenz. 
Man fchreibt auch, daß ganze Blut: 
ftröme geflofjen find. So man auf 
eine Zeit das Brod aus dem Dfen 
nahm und ausfchnitt, fielen etliche 
Tropfen Blutes heraus. Fand aud 
fleine Kreuzlein in der Menjchen Klei- 
der. Die heimifchen Vögel, Pfanen, 
Hühner und Gänſe find von ben 
Menjchenwohnungen hinweg gegen ben 
Wald geflogen und dafelbft verwildert. 

Das Volk wußte au von an 
deren Vorzeichen der Peſt zu erzäh- 
len. Da gab es in der Luft Erſchei— 
nungen von Leichenzügen und Todten— 
bahren, klagende Stimmen, jeltja: 
mes Getöje von den Kirchhöfen ber, 
geipenfterhaftes Klopfen und Fallen 
in den Häufern. Um die Siehenhäufer 
flogen Raben zu Paar und Paar 
u. ſ. w 


Im Jahre 1158 ift das außer: 
ordentlich reichhaltige Silberbergwerf 
zu Beiring durch eine hereinbrechende 
Waſſerfluth (wahrſcheinlich von einem 
Erdbeben veranlaßt) für immer er: 
tränft worden. Bei anderthalb taufend 
Menschenleben gingen dabei zu Grunde. 

Im Yahre 1186 grünten in Steier: 
marf und Kärnten im Jänner die 
Wieſen und blühten die Bäume Im 
Februar reifte das Obſt, im Mai 
erntete man bie Getreide, im Auguft 
hielt man Weinleſe. Doch der Winter 


769 


begann jchon zur Sommergzeit. Aber 
auch die Peſt hielt bald darauf ihre 
Ernte nnd raffte faft die Hälfte der 
Einwohner dahin. 

Sn den Jahren 1195 und 1196 
famen ungeheuere Heufchredenzüge nad) 
Steiermarf,. — Es waren auch Haber- 
ſchrecken, die hatten vier Flügel und 
waren jo groß wie Sperlinge. Wenn 
fie aufflogen, war es fo finfter, als 
ob es nebelig wäre. 

Um das Jahr 1241 mar große 
Hungersnoth. Durch dieſelbe gingen 
mehr Menſchen zu Grunde, als früher 
im Kriege mit den Heiden. Man aß 
— wie der Chronift von Leoben er: 
zählt — Hundes, Ratten: und Men: 
ſchenfleiſch. Letzteres wurde öffentlich 
auf dem Markte feilgeboten. — Dann 
nahmen die räuberifchen und Nieman- 
den verjchonenden Wölfe jo arg über: 
band, daß an einjchichtigen Drten 
faum Jemand aus dem Haufe zu 
gehen wagte. 

Im Jahre 1267 ſtürzte durch 
ein furchtbares Erdbeben das feſte 
Bergſchloß Kindberg zuſammen und 
rollte in Trümmern den Berg herab. 

Im Jahre 1275, am 28. Auguſt 
brah in Graz eine große Feuers— 
brunft aus, welche die ganze Stadt 
bi8 auf den Grund zerftörte, wobei 
ungefähr 200 Menfchen in den Flam— 
men um's Leben famen. 

Im Auguft des Jahres 1307 er: 
eignete fi ein Regen, wobei an einem 
Drte in Steiermark vom Himmel zer: 
fafertes Fleiſch in Stüden von ber 
Größe eines Fleinen Fingers nieder: 
fiel. Es jchien gewiſſermaßen gefocht, 
war aber blutig gefärbt und hatte 
einen abjcheulihen Gejhmad. (Etwas 
viel Erfreulichere8 erzählt um 200 
Jahre jpäter ein Kärntner Chronift: 
Im Jahre 1648 hatte Kärnten einen 
Kornregen, woraus ein fehr gutes 
Brot gebaden wurde, wovon man auch 
dem Kaiſer nah Wien jchidte.) 

Im Sahre 1309 famen wieder 
die Heufchreden. Sie waren faft jo 
groß wie Staare, Hatten um den 


Rofegger's „„Heimgarten‘‘ 10, Heft. 


Hals ein hörnenes Halsband und auch 
der Schnabel hatte den Anfchein, als 
ob er von Horn gewejen wäre. Bei 
Windiſch-Feiſtritz fraßen fie einen Rei: 
ter mitjammt dem Pferde. 

Im Jahre 1335, am Feſttage 
des heiligen Apoſtels Andreas, ritten 
einige Leute aus Knittelfeld gegen die 
Gleinalpe hin durch das Thal. Dieſe 
ſahen am Himmel folgende Zeichen: 
Die eigentliche Sonne hatte zu beiden 
Seiten zwei Sonnen, gleih an Licht 
und Größe, ein Ring umgab alle 
diefe Sonnen, welcher unten eine Deff- 
nung hatte; aus ber Mitte eines Rin- 
ged hing ein Kreuz herab von weißer 
und rother Farbe und in der Länge 
von 5 Ellen. Dabei befand fi) etwas 
ungemein Leuchtendes, das Aehnlich- 
feit mit einem großen Schiffe hatte. 
ALS diefe Erjcheinungen verſchwanden, 
erſchien in der Naht eine leuchtende 
Straße von Aufgang bi zum Nie 
dergange. — Die Leute wurden in 
großen Schreden verjekt. 

Im Jahre 1348 war ein Erb: 
beben, welches in Steiermark, Kärnten 
und Krain 40 Schlöffer und Städte 
in Nuinen verwandelte. Darauf brach 
die Veit los, daß ganze DOrtichaften 
ausftarben. 

Im Jahre 1349 fand in Graz 
eine große Judenverfolgung ftatt, da man 
diefen Menſchen die Bergiftung ber 
Brunnen und Verbreitung der Seuchen 
zufchrieb. 

Um das Jahr 1472 famen Hun— 
gersnoth und Heufchreden, welche bei 
Knittelfeld in ſolcher Stärke einfielen, 
daß ihre Haufen den Leuten bis an 
die Schenkel reichten. Glodengeläute, 
das Abfeuern von Donnerbüchjen und 
das Gefchrei der Leute ſoll dieſelben 
endlich verfcheucht haben. Im Jahre 
1473 herrſchte eine folhe Hige, daß 
die Erde glühte und die Baummurzeln 
in Brand geriethen. Zur gleichen Zeit 
fanıen die Türken und die Peſtilenz. 

Im Jahre 1474 blühten in Vorau 
ihon um den 12. März die Bäume, 
dann brach die Peft aus und wüthete 


49 


770 


arg, bejonberd in ber Gegend am 
Wechſel. 


Auf einem Votivgemälde dev Dom: 
fire in Graz fteht folgende Inſchrift: 

„1480 Umb un’ Frauntag find 
bie zu Gratz Gotsplag drey gemejen. 
Haberſchrekh, Türke vnd peſtilenz und 
jede jo groß, daſz dem Menſchen vn: 
erhörlich ift, got jey ung gnädi“. 

Im Jahre 1486 kamen oberhalb 
ber Stadt Pettau eine Menge Nattern 
in, die Drau, die man  bafelbit 
buch die Brüde ſchwimmen ſah, und 
fie wurden auf 1000 Stück geihäßt. 
In Ankenftein krochen fie aus dem 
Waſſer auf das Land; durch Scie- 
Ben und Feuer trieb man fie wieder 
in bie Drau — wo fie hernach hin: 
famen, ift nicht wifjentlich. 

Im Jahre 1504 war ein fonder- 
barer Komet, jo hell wie ber Voll: 
mond, ber zu Anfang November ben 
nächtlichen Wanderern bis zum Früh: 
roth geleuchtet hat. Darauf folgten 
Sturm, Hagel, Erdbeben und Peſti— 
lenz. Zu Gosdorf bei Mured find in 
dieſer Zeit der Sage nad) bei 200 
Menſchen an der Peſt geſtorben und 
nur ein einziges Bauernhaus iſt ver— 
ſchont geblieben. 

Im Jahre 1516 iſt in Unterſteier 
ein ſchrecklicher Bauernaufſtand losge— 
brochen. Derſelbe war 80.000 Mann 
ftarf, 161 Räbdelführer und Aufwieg— 
ler find in Graz enthauptet worden. 

In den Jahren 1529 und 1531 
waren große Türkeneinfälle. 

Eine Inſchrift am Kirchthurme 
zu Krieglach lautet: Anno 1541 
feint in die 1600 Perjonen von Tas 
fobi bis Hin auf Martini geftorben. 
Gott wolle ihnen gnäbig fein. 
Drei Jahre jpäter find die Heujchreden 
im Mürzthal geweſen. 

Gar feltfam if, was man im 
Jahre 1543 in Oberfteier am Him— 
mel ſah, nämlich einen jchwarzen 
Stern, ihm gegenüber. ein großes Ge— 
ſchütz, aus meldem große Kugeln 
gegen die Sonne gefchoffen wurden. 
Diefe Kugeln warfen einen Schatten 


auf die Erbe, der Farbe nad wie 
ein Regenbogen, Nahe an der Some 
erichienen viele Türkenköpfe mit ihren 
fangen Hälfen und geflochtenen Bin: 
den. (Turban), wie au ein langer 
dicker Storch mit einer Kette gefeflelt. 
Darauf folgte die Veit in ganz Steier: 
marf. 

Im Sahre 1545 vom 23. bis 
25. April jchien die Sonne fo trüb, 
glanzlo8 und röthlih, daß man zur 
Mittagszeit die Sterne am Himmel 
ſah. 

Im Jahre 1570 war in Inter: 
fteier (und Kärnten) eine ſolche Hun- 
gerönoth, daß die Bauern ſich mit 
Brod aus Erlenrinde, gebörrten Re 
benfchoßen, Eicheln und Wurzeln zu 
ernähren juchten, frifches Gras aßen, 
wie das Vieh auf ber Weibe, und 
daß man verhungerte Perſonen auf 
der Straße liegend fand, aus beren 
Mund noch der letzte Biſſen Gras 
hervorragte. 

Im Jahre 1609 begab es fich, 
daß zu Radach, nächſt St. Leonhard 
in den windiſchen Büheln, viele Tau— 
ſende großer Mäuſe einer zuvor nie— 
mals geſehenen Art aus der Erde 
kamen und die Gerſten- und Roggen: 
äcker bis auf den Grund abfraßen. 
Eine Ueberſchwemmung trieb ſie in 
die Weinberge, — da kam ein flarfer 
Regenguß und ſchwemmte fie in eine 
Schlucht, wo fie ertranfen. 

Im Auguft des Jahres 1618 
fiel an der ungarifchen Grenze ein 
Blutregen und Meteorfteine, einzelne 
zwei Zentner jchwer. 

Ein arges Peftjahr war das Jahr 
1634. Vor Allem graflirte die Seuche 
in Friedberg, Thalberg, Niegersburg, 
Breitenfeld (bei Feldbach), Wagenborf, 
Unterfhmwaza (bei Leibnig), Pichla im 
Stiefingthale, Frohnleiten, Marein (im 
Mürzthale)" und Graz. Zu Graz ftar- 
ben binnen fünf Monaten über 2000 
Menjchen. 

Im Jahre 1636 wurde die-Stabt 
Graz von der Veit jo ſchwer heimge— 


771 


ſucht, daß über die Stadt fliegende 
Vögel todt auf die Gaſſe herabfielen. 

Im Jahre 1646 ſind im Viertel 
(nachher Grafſchaft) Cilli — gering 
gerechnet — an 10.000 Perſonen an 
der Peſt geſtorben. 

Am 22. December 1664 ſah man 
in Graz und am 17. des folgenden 
Monats in Radkersburg einen ſchreck— 
lichen Kometen in Geſtalt eines ge— 
hörnten Mondes, welcher einen langen 
dreiſpießigen Schweif von ſich ſtrahlte, 
flammend und lodernd, ausgebreitet 
in einer Länge von faſt 1300 deut— 
ihen Meilen. 

Im Jahre 1672 kamen gegen 
Pettau ungeheure Heuſchreckenſchwärme, 
welche wie Wolken die Sonne ver— 
hüllten. Ein Sturmwind ſchleuderte 
große Theile davon in die Drau; 
wieder an's Ufer geſchwemmt, verbrei— 
tete die Verweſung eine ſchwere Peſt 
in Pettau, an welcher ſo viele Leute 
ſtarben, das ſie nicht alle begraben 
werden konnten. 

Und dieſe Todtenſchaaren, 
ſchließt Peinlich den erſten Theil ſeines 
Werkes, bildeten gewiſſermaßen erſt 
die Avantgarde für das große Leichen: 
beer, da3 von 1676 bis 1685 in der 
fteirifchen Erde fein Standauartier bis 
zum jüngften Gerichte befommen hat. 

Ym Jahre 1679 fam ein frember 
Flößer nad) Graz und kehrte in einem 
Wirthshaus in der Prankergaſſe ein. 
Er hatte die Seuche mitgebracht und 
ftarb daran, jo auch der Wirth, feine 
Schwägerin und fein Bruder. Dann 
Ihlih fih die Peſt in ber Murvor: 
ftadt herum, bis fie im Frühjahre 
1680 orbentlid ausbrah und bei 
3000 Menſchen tödtete. 

Und doch ift Steiermark nie ein 
eigentliher Peſtherd geweſen. Die 
Mittel gegen die Seuche waren aller: 
dings felten genug praktiſch. So rieth 
j, B. ein Arzt in feiner mebicinifchen 
Schrift: Wenn Du es thun kannſt 
und es Dir nicht zumiber ift, jo trinfe 
morgens nüchtern Deinen jelbfteigenen 
Harn; diefer benimmt die Fäulungen, 


jo im Magen entitehen, eröffnet bie 
Verftopfung der Leber und der Milz, 
auch der Krößadern. Dber ein 
anderes Mittel: Wenn die Luft ver: 
gittet ift und ein Gaisbock vorhanden, 
jo reibe Dih an ihm u. ſ. wm. — 
Dber: Hänge Tebendiges Duedfilber 
in einer ausgehöhlten Hafelnuß an 
Deinen Hals. — Auch allerlei Amu— 
[ete und Sympathiemittel wurden als 
Schuß empfohlen, 

Hingegen waren die obrigkeitlichen 
Verordnungen, die Iſolirungsanſtalten, 
Gefunbheitspoligei u. ſ. m. zumeift 
von großer Zwedbienlichkeit. Mit den 
verpefteten Orten wurde aller Verkehr 
abgebrochen, in benjelben alle öffent: 
lihen Verfammlungen aufgehoben. 
Da gab es Feine Quftbarfeit, fein 
Bad, kein Wirthshaus, feinen Gottes: 
dienft in ber Kirche mehr. Die 
Arzeneien wurden den Peſtkranken 
unter Anwendung von Gefichtsmasten 
und mit langen Löffeln gereicht, bie 
Sterbjaframente oft durch die Fenſter 
verabfolgt. Die Leihen wurden mit 
langen eifernen Srampen aus ben 
Häufern zur Peſtgrube gezerrt; Die 
Kleider des Verftorbenen, und bis 
weilen fogar jein Haus verbramnt. 
Zum Mindeften mußte das Haus 
auf 40 Tage veriperrt und das 
Thor mit einem weißen Kreuze be- 
zeichnet werben. 

Keine Peftleihe durfte auf dem 
Kirchhofe in der Nähe der Stadt oder 
des Ortes begraben werben. Zur 
Abführung derjelben in bie Peſtgruben 
waren bejondere Fuhrleute beftimmt, 
deren Magen durch ein weißes Kreuz 
kenntlich gemacht. Im Verkehr durften 
Geldmünzen nicht früher übernommen 
werden, bevor ſie nicht in Eſſig ge— 
waſchen waren. Tiſchler erhielten den 
Befehl, einen Vorrath von Särgen 
anzufertigen, damit jedermann ſich 
gleich kaufen könne. War in der 
Nähe eines Fluſſes ein Markt, ſo 
mußten Käufer und Verkäufer oft 
ſogar über das Waſſer Hin und her: 
Schreien, um handeleins zu werben, 

49* 


772 


Sonft durften fie nur in Entfernung 
von 15 Schritten miteinander reden, 
und mußte ein Feuer zwiſchen ihnen 
angezündet jein. 

Alle Mebertretungen der Peſtregeln 
wurden an Leib oder an Gut em: 
pfindlich beftraft, häufig wurde bie 
Strafe anftatt in Geld in Mauer: 
ziegeln ausgebrüdt und bezahlt. Bis— 
weilen wurden Wiberjpenftige eine 
Zeit lang ans Kreuz gejpannt; zu 
diefem Zwecke waren bejonberd an 
Stabtthoren Strafpfähle aufgeftellt. 

Doch wurden die erften Anzeichen 
ber Peſtilenz ftet3 möglichjt verheim:- 
fiht. Die Ankunft berjelben wurde 
erft durch den Tod laut. Dann aber 
braden alle Bande der Freundichaft, 
der Eltern, der Geſchwiſter-, ber 
Gattenliebe. — Leder war nur auf 
fi felbft bedacht und der Peſtkranke 
wurde feinem Schidjale überlafjen. 

Vieler Leute Anfiht war, daß bie 
Veit vom Teufel herrühre, Weiter 
verbreitet war die Meinung und 
duch die Aſtrologen beitätigt, daß 
die Peſtilenz durch die Stellung und 
den Lauf der Geftirne bedingt werde. 
Der größte Theil aber juchte die 
Urſache in der Luft, in welcher der 
Peſtzunder liege und vermittelt werde. 
Bisweilen wurde die Peſt in der Luft 
duch blaue Wölklein fichtbar. Konnte 
man ein ſolches Wölklein in ein Ajtloch 
bringen, jo ſchlug man einen höl— 
zernen Nagel darauf hinein und 
die Veit war vernagelt. Dft fol es 
vorgefommen fein, daß die Kranken 
nah einem heftigen Niefen augen: 
blicklich ſtarben; daher bildete fich die 
Sitte, einem Niefenden „Helf Gott” 
zuzurufen. 

Starb zur Meftzeit der erſte 
Menſch in einem Haufe, fo legte man 
ihm eine warme Brodjchnitte auf den 
Mund, in der Meinung, daß fidh die 
Peſt in das Brot hineinziehen jolle. 

Weil man auch glaubte, daß die 
Sonne giftig wäre und bie Peft ver: 


die Kröte das Gift von ber Sonne 
an ſich ziehe. 

Die Krankheitserſcheinungen waren 
außerorbentli verſchieden. Mancher 
fräftig geartete Kranke konnte noch 
feinen Gejhäften nachgehen, und fiel 
dann plöglih tobt nieder. Anbere 
wütheten, beteten, fluchten, verzwei- 
felten; anbere mieber geriethen vor 
dem Tode in eine Verklärung, ver- 
fiherten die Herrlichleit des Himmels 
zu erbliden, gaben ihre eigene Tobes: 
ſtunde genau an, bezeichneten auch 
mit genau eintreffender Sicherheit die: 
jenigen, welche bald nad) ihnen fterben 
würden. Diele wiejen die Arzeneien 
zurüd und riefen: „Mein Gott ift es, 
der mir wohl belfen und mid 
auch ohne Arzenei gefund maden kann.“ 

Auf die Krankheitserfcheinungen 
jei bier nicht weiter eingegangen, 
hingegen mögen einige Peſiſagen noch 
angefügt werben. 

Vom Ausbruche der Belt zu 
Dberragnig wird erzählt: 

Eines Sommerabends ift ein 
Knecht vom Walde heimgefahren. 
Unterwegs ift ihm eine alte, müh— 
jelige Bettlerin begegnet, bat ihn 
gebeten, er wolle fie auf den Wagen 
nehmen. „Von Herzen gerne”, jagt 
er und fie figen beijammen auf dem 
Magen. Unterwegs erzählt fie ihm, 
e3 würde num die Veit über das Dorf 
fommen, er aber feiner Barmherzigkeit 
wegen von ihr verfchont bleiben. Er 
müßte fih in Bferbemift vergra= 
ben. In's Dorf gefommen, fteigt fie 
ab und geht in ein Haus. Am 
andern Tage ift in demſelben Haufe 
die Veit ausgebrohen und fo Hat 
der Knecht in dem alten Weiblein 
die Veit in den Ort geführt. Der 
Kueht aber war in feinem Dung: 
haufen verjchont geblieben uud fol 
nah einer andern Sage nad) bem 
Erlöfhen der Peſt im ganzen Orte 
nur noch einen lebenden Menjchen 
vorgefunden haben — das war eine 


urſachen Fönne, jo jpießte man Kröten | Magd, die er jchon lange heimlich 
auf Stäbe unter freiem Himmel, damit lieb gehabt Hatte. 


773 





Mie die Veit (1634) nad) Unter: | fol nämlih vom Wäldchen (an ber 
Ihmwarza fam. Sie wollte eigentlich | Linder Seite) herangefahren fein und 


nad Oberſchwarza. Da war aber ein 


wie ein „Spinnrabel dahergejammert“ 


frommer Nachtwächter, der betete alle | haben. Al3 man es gehört, feien alle 


Nacht beim „Hullerkreuz“, das an ber 
Straße ftand, einen Roſenkranz. Und 
einft, als er wieder betete, ſah er 


von Gersdorf einen Mann und ein! 


Leute mit Krampen und Stallgabeln 
ausgezogen und da habe das Spinn: 
radel fort Hinübergejammert nad 
Gersborf, wo hernach ſchier der ganze 


Weib auf einem zweiräderigen Karren | Drt ausgeftorben fein joll. Noch heute 
daherfahren. Der Mann Hatte eine | heißen bort die Bauern von dieſem 
Senfe, das Weib einen Rechen. Das Begebniß her die groben Seibers— 
Weib jprah zum Mann: „Thue du | dorfer. 
glatt mähen, ich werde glatt rechen“. In anderen Ländern, jo in 
ALS fie zum Kreuze famen, konnten | Italien und Frankreich hielt man be: 
fie nicht weiterfahren, fondern bogen |jondere Bosheit der Menſchen für 
beim Gemeinderain zur Seite ab nad |die Urjahe an dem Ausbruche der 
Unterſchwarza. Dort fingen fie beim Peſt. Teufliiche Leute hätten Pflafter, 
erften Bauernhaufe, wo zwei fchöne welche auf Beftbeulen gelegen, ge: 
Töchter waren, an zu mähen und zu |fammelt und bamit bei Nacht bie 
techen und arbeiteten durch das ganze | Handhaben der Hausthüren gerieben, 
Dorf hinab. So ift ganz Unter: wodurch diejenigen, welche des Mor: 
ſchwarza ausgeftorben. Ein fteinernes | gend aufmachten, jogleih von der 
PVeftfreuz in der Nähe des Drtes an Peſt befallen worden wären. Syn 
der Straße von Lichtendorf nad | Steiermark find derlei Sagen nicht 


Straß fteht heute noch als Denkmal. | bekannt. 


In Wagendorf bei St. Veit am 
Vogau graffirte die Pet (1634) fo 
arg, daß binnen 14 Tagen zwei 


Drittel der (400) Bewohner dahin: | find, 


gerafft wurden. Ehe bie Pelt aus: 
brach, meldete fie fih im Dorfe an. 
Eines Sommerabend8 um die Bet: 
läutzeit jahen die Leute von dem 
oberen bis zum unteren Orte ein 
Wagenrad hinablaufen, ohne daß 
jemand dabei gewejen wäre. Am 
andern Morgen brach die Pet aus. 
Da ging das Sterben durch das 
Dorf fort jo geſchwind und ftarf, daß 
leiblihe und geiftlihe Hilfe nicht 
mehr zurecht kommen konnte. Das 
Dorf wurde von allen Seiten abge: 
jperrt, und wer es verfucht hätte zu 
fliehen, der wäre von ben aufgeftellten 
Wachen niedergeſchoſſen worden. Unter 
einer Linde, die vom Dorfe aus ge: 
fehen werben konnte, wurbe zumeilen 
eine Meſſe gelejen. 


Hingegen befunden die zahllofen 
Peſtkreuze, welche wohl in allen 
Gegenden unſeres Landes zu finden 
das gewaltige Graſſiren der 
Peſtilenz, und gar mancher Peſt— 
friedhof iſt im Lande, auf welchem 
heute der fröhliche Landmann ackert 
oder erntet nicht ahnend die 
Knochenhaufen unter ſeinen Füßen. 

Das vierzehnte Jahrhundert ſteht 
unter der grauſamen Signatur des 
ſchwarzen Todes. Innerhalb 6 Jahren 
ſtarben in Europa an 25 Millionen 
Menſchen an der Peſt. Der 
Hinblick auf ein blutgetränktes 
Schlachtfeld mit Hekatomben von Er— 
ſchlagenen mag ſchrecklich ſein, bemerkt 
der Chroniſt, doch webt ſich über das— 
ſelbe der Regenbogen der Verklärung 
des Heldenmuthes; an dem ſchmuck— 
loſen Soldatengrabe fehlt nicht die 
Weihe der Schmerzensthränen aus 
treuen Augen. Aber an den Leichen: 


Nicht weit von Wagendorf Liegt | bügeln diefer 25 Millionen fteht fein 


Seibersborf. In diefem Orte meldete | Siegesventmal , 


ih (1664) auch die Pet an. 


dahin fiel Feine 


Die | Thränenperle als Scheidegruß. Stum: 


774 





pfen, ftieren Blides ſah der Lebende 
die Tobten hinausfarren, faum mehr 
bangend für das eigene Leben, das 
der näditen Stunde preisgegeben 
war. Wehmüthig ergreifend wirkt 
nur bie eine Thatfahe, daß bie 
jenigen, welche fich liebten, im Tode 
bald Bereinigung fanden, da jeder 
Sterbende mit unbefämpfbarer Natur: 
gewalt bieje in's Grab nach fih zog, 


die an jeinem Leidenslager liebend 
ausgeharrt hatten. 

Aber die ewige Wage der Natur 
trachtet immer dem Gleichgemwichte zu. 
Nah einem großen Sterben folgte 
bald ein entjprechender Ausgleich 
durch die Fruchtbarkeit der Frauen, 
jo daß nah einer Meftzeit die Ge- 
Aue von Zwillingen und Drillingen 
ungewöhnlich häufig vorkamen. 


Dalmatiens Hero und Peander. 
Ein Sagenbild von Franz Bifler. 


Der Reifende, der mit vem Dampfer 
von Gurzola gegen Ragufa zu fährt, 
erblidt in dieſem Theile des abria- 
tiihen Meeres zahlreiche Kleine Inſeln 
ober Scoglien und von jeder einzelnen 
weiß ber dalmatiniſche Matroje eine 
Legende zu erzählen. Am reichſten 
daran ift wohl die Inſel Meleda, bie 
ihon ber vielerfahrene Odyſſeus be- 
ſuchte; denn dort fol Kalypjo gehauft 
haben. Einige Jahrhunderte ſpäter ſoll 
der Apoftel Paulus auf der Inſel als 
Schiffbrüchiger geweilt haben. 

Die Inſeln St. Andrea und Iſola 
di Mezzo haben eine gemeinfame Le- 
gende, welche auch die Reiſebeſchrei— 
bungen von Dalmatien erwähnen und 
Kohl gab berjelben den Titel „Dal: 
matiens Hero und Leander und ſkizzirte 
fie mit flüchtigen Strichen, bemerfenb 
daß bie Rollen zwijchen dem griechi: 
ihen und dem dalmatinifchen Liebes- 
paare verwechjelt find, inbem ber kühne 
Schwimmer hier dad Mädchen ift. Ein 
italienifher Schaufpieler, Carlo Ben: 
venuti, Dramatifirte den Stoff, und bie 
vor Kurzem verftorbene Baronin Ida 
von Düringsfeld erzählt in ihren Reife: 
ſtizzen aus Dalmatien dasSujet bes Dra- 
ma's, das ziemlich opernhajt verwerthet 
wurbe. Diejen Andeutungen verbanft 
nun folgende Erzählung ihre Entftehung : 

Pietro Nicolini war ber wohl: 


wie Margherita Strabi für das ſchönſte 
Mädchen nicht nur diefer, fondern auch 
aller benachbarten Inſeln galt. Mas 
nüßte aber aller Reichthum dem Filcher, 
wenn es ihm nicht gelang, die Liebe 
Margheritens, um welche er fich mit 
füblicher Zeidenfchaftlichkeit bewarb, zu 
gewinnen? Alles hatte er ſchon ver: 
jucht, er lag vor dem Mädchen auf 
den Knien und bat, er fluchte und 
drohte. Margherita aber verlachte fein 
Flehen ebenjo wie jeine wilden Dro: 
hungen und erklärte ihm, daß fie ihn 
nicht lieben könne, daß fie überhaupt 
von Liebe nichts wiſſen wolle. 

Eben jegt fanden vor ber nie: 
drigen Hütte der Stradi Pietro und 
Marco, Margheritens Bruder, und Er: 
fterer jagte mit unheimlich glühenden 
Blicken: 

„Die Sache muß ein Ende nehmen, 
das Mädchen muß mein werden oder ich 
verlange die augenblickliche Rückzah— 
lung jener Summen, welche ich Dir 
in der Vorausſetzung, Dein Schwager 
zu werden, geliehen habe.“ 

Marco, ein Burſche von verwil— 
dertem Ausſehen, erblaßte und er— 
wiederte: 

„Du weißt, daß ich nicht zahlen 
fann, weißt aber au, daß Marghe⸗ 
rita ſich nicht zwingen läßt. Was 





habendfte Fifcher auf Iſola di Mezzo, | fol ich thun 2“ 


775 


„Schwächling“, höhnte Wietro, 
„nah dem Tode Deines Vaters bift 
Du der Herr ber Familie und bie 
Frauen müſſen Deine Befehle befolgen, 
weshalb befiehlft Du denn nicht?“ 

„Beil e8 mir nicht3 nügen würde“, 
lautete die Antwort, „wollte ich be: 
fehlen, jo mwürben mir Mutter und 
Schweſter erwiedern, ich möge zuerft 
meinen Lebenswandel ändern, arbeiten 
und verdienen, bann würden fie mir 
gehorchen.“ 

„Ah, das wäre nicht übel. Man 
darf den Weibern nicht das Recht ge— 
währen, unſer Thun und Handeln zu 
kritiſiren. Zeige ihnen den Herrn.“ 

„Ich will es verſuchen“, ſagte 
Marco ziemlich kleinlaut; „aber laſſe 
Deinen Unmuth über meine Schweſter 
nicht mir fühlen. Sieh', ich will heute 
nach Raguſa, habe aber kein Geld, 
leihe mir einige Zechinen.“ 


„Du biſt ein unverbeſſerlicher 
Taugenichts, aber ich bin nicht geizig; 


Binjenforb mit Wäfche, welden ein 
voller, Fräftiger Arm hielt. 

Wie verfunfen in den herrlichen 
Anblick, den diefe jugendfrifche Men: 
ichenblüthe bot, fand Pietro fein Wort 
der Begrüßung und erft als das 
Mädchen den Korb zu Boden ftellte, 
wich der Zauberbann, der alle Sinne 
des Mannes gefeffelt hielt. Faft 
jhüchtern bot er dem Mädchen einen 
guten Morgen. 

„Ab, Ihr ſeid hier, Signor Pietro”, 
fagte fühl und nadläffig die ftolze 
Schöne, „hr ſuchet fiher meinen Bru- 
ber, er ift foeben auf das Meer bin: 
aus gefahren.“ 

„Thut nicht, Margherita, als wenn 
Ihr nicht wüßtet, wen ich fuche“, rief 
erregt ber Filcher, indem dunkle Röthe 
fein ſchönes Antlig färbte und auf der 
Stirne des Heißblütigen die Zornader 
mächtig hervortrat: „Ihr wißt recht 
gut, daß ich nur Euer megen bieher 
fomme.” 

„So? Meinetwegen? Was wollt 


da haft Du, was Du verlangft, doch Ihr von mir armem Mädchen ?“ 


nun gebe, ich ſehe Margherita kommen 
und will noch einmal ſelbſt verfuchen, 
ihr ſprödes Herz zu rühren.” 

Marco ließ fich dies nicht zweimal 
jagen, er war froh, ber peinlichen ©i- 
tuation [os zu fein, eilte zum Ufer 
und ruberte mit feinem kleinen Boote 
weg. 

Pietro ftarrte unverwanbt auf bie 
liebliche Erjcheinung des jungen Mäd— 
chens, das mit leichten, elaftifchen 
Schritten fih dem Haufe näherte. 
Rofiger Hauch lag auf dem claffiich 
ſchönen Gefihte, aus welchem zwei 
dunkle Augen unter langen jchwarzen 
Wimpern in mildem euer hervor: 
leuchteten; die hohe jchlanfe Geftalt 
bejaß ein Ebenmaß der Formen, wie 
wir es an ben beften Werken ber grie: 
chiſchen Bildhauer bewundern, bie 
ganze Haltung des Mädchens, Blid, 
Miene unb Gang zeigten in dem bürf- 
tigen und ärmlichen Gewande wahr: 
haft Fönigliche Hoheit. 


„Dich will ih, Deine Liebe ober 
den Tod”, lautete die leidenfchaftliche 
Antwort. 

„IH habe Euch ja wiederholt ſchon 
gejagt, daß ich Euch nicht lieben kann, 
aljo quält Euch und quält mich nicht 
weiter.” 

„Iſt dies Dein letztes Wort?” 
fragte mit drohendem Tone Pietro. 

„Mein letztes Wort“, antwortete 
ruhig das Mädchen und begann ben 
Anhalt des Korbes auf einen Strid 
zu hängen, ohne fih weiter um ben 
Mann zu kümmern, deſſen gewaltige 
Seelenfämpfe fih in feinen Mienen 
ausprägten. Mit Mühe zwang er fich 
zur Ruhe, trogdem klang ber Ton 
feiner Stimme noch immer wild genug, 
als er, das Mädchen am Handgelente 
faſſend, fagte: 

„Du liebit einen Anderen, Dar: 
oherita, geftehe es!” 

Purpurne Röthe fürbte Marghe: 


Auf dem ritens Wangen, unmuthig entriß fie 


jtolzen Haupte trug das Mädchen einen ihre Hand der umflammernden Fauſt 


776 


und mit bligenden Augen fragte fie: 
„Bin ih Euch Rechenschaft fchuldig ? 
Laßt mich endlich in Ruhe.” 

„Alfo das ift es, weshalb ich ab: 
gewiefen werde“, grollte finfter ber 
Fifcher, „ein Anderer ift mir zuvor 
gekommen, wehe Dir und ihm! Kann 
ih Dih nicht befiten, fo wird auch 
Niemand Anderer ſich Deines Beſitzes 
erfreuen, das ſchwöre ich bei der Ma- 
donna.“ 

Mit vor Neid und Eiferſucht ent— 
ſtellten Zügen entfernte ſich Pietro, 
Verwünſchungen zwiſchen den feſt ge— 
ſchloſſenen Zähnen murmelnd; Mar— 
gherita aber athmete erleichtert auf, 
als ſie allein war, ein ſeliges Lächeln 
überflog ihr Antlitz und leiſe flüſterte 
ſie: „Oh Madonna, du Allgütige, 
du wirſt es nicht zulaſſen, daß dem 
edelſten der Menſchen ein Unheil zu— 
ſtoße, o Madonna beſchütze ihn!“ 

* 
* * 

In der Nähe von Raguſa und 
ungefähr eine Stunde von Iſola di Mezzo 
liegt ein Felsblock im Meere, rings 
umbrandet von den Wogen der Adria. 
Es iſt dies die Inſel St. Andrea. 
Der kahle Felſen trägt auf ſeinen 
Zacken ein reiches und vornehmes 
Kloſter des heiligen Benedikt, in welchem 
zumeiſt nur Angehörige der Patrizier: 
familien von Ragufa und Zara Auf: 
nahme fanden. 

Eine8 Tages wurde ein Priefter 
des Kloſters zu einer fterbensfranfen 
Frau nah Iſola di Mezzo gerufen, 
um ihr die legten Tröftungen der Ne: 
ligion angebeihen zu laſſen. 

Der Priefter fam und verrichtete 
fein heiliges Amt, aber al3 er in dem 
Ihmalen Boote wieder heimfuhr, da 
fühlte er ſich ſchwer krank. 
haft ſchlugen ſeine Pulſe und ſiedend 
heiß wallte das Blut zum Herzen und 
vor ſeinem geiſtigen Auge ſtand das 
berückende Bild eines zauberiſch ſchönen 


geblich, das berückende Bild ließ ſich 
nicht vertreiben, immer und immer 
wieder kehrte es zurück und blickte ihn 
mit ſchwärmeriſchen Augen an. Der 
junge Prieſter nahm ſeinen Beruf 
ernſt und gewiſſenhaft und hatte ſich 
bis heute von allen Verſuchungen frei 
gehalten. Nun auf einmal erfaßte 
ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt der 
Dämon der Leidenſchaft und er glaubte 
ſich im Banne eines böſen Zaubers, 
der ihn, wie einſt den heiligen An— 
tonius, vom Pfade der Pflicht verlocken 
wolle. 

In ſeine Zelle zurückgekehrt, kaſteite 
er ſich und als er trotzdem nicht Ruhe 
und Rettung fand, eilte er in die 
Kirche, um dort vor dem Altare der 
Gottesmutter in heißem Gebete Hilfe 
vor der Macht des Böſen zu erflehen. 

Die aus dem Meere glühend auf: 
taudhende Sonne fand ihn noch in der 
Kirche; müde und erſchöpft ſuchte er 
enblich zu kurzer Ruhe fein Lager auf. 
Als er aber die Augen ſchloß, ba 
zauberte ihm der Traumgott wieder 
das Bild Margheritens in finnvermir: 
render Schönheit vor. Und fie ſprach 
zu ihm, er hörte den filbernen Gloden: 
ton ihrer Stimme, fie neigte fi zu 
ihm, fie preßte ihre vollen heißen Lippen 
auf die feinigen unb mit einem Schreie 
ſprang der Gequälte wieder von dem 
Lager empor. 

Er juchte bei den Kirchenvätern 
Sammlung und Bergefjen, vergeblich, 
die funftvoll gemalten Initialen trugen 
alle die Züge Margheritend und Die 
ehrwürdigen Buchſtaben tanzten im 
tollen Durcheinander vor feinen Bliden. 
Verzweifelt ſchlug Don Giufeppe bie 
Bücher zu, verließ die Zelle und durch— 
irrte die Gänge des Kloſters, dabei 


Fieber: | ſcheu jeder Begegnung der Eollegen 


ausmweichend, welche ſich das räthjel: 
bafte Benehmen des jungen, bei Allen 
beliebten Vaters nicht erklären konnten. 

Wieder floh er in die Kirche zur 


Mädchens, ber Tochter der kranken Madonna, beruhigt und geftärft ver: 


Frau. 


Gewaltſam zwang er feine | ließ er nad) mehrftündigem Gebete ben 


Gedanken auf eine andere Bahn; ver: | heiligen Ort, ging zum Ufer, löfte 


177 


einen Kahn von den Ketten, fuhr allein 
hinaus in das raufchende Meer und 
landete — auf der Inſel Mezjo, na: 
türlih nur zu dem Zwecke, um bei 
der ſchwererkrankten Frau nachzujehen, 
— ber Fiebertraum war überwunden, 
was kümmerte ihn ein Mädchen ! 

Gewappnet gegen jebe Verſuchung 
überjchritt er die Schwelle der Hütte, 
deren Thüre unverjchloffen war, und 
begab fich zu dem Lager ber Kranken. 
Diefer aber ſchienen die Tröftungen 
der Religion überrafchend wohl be: 
fommen zu haben, das Lager mar 
leer und in der ganzen Hütte war 
fein lebendes Weſen vorhanden. 

Die fromme Pfliht war erfüllt, 
Don Giufeppe trat den Rückweg zu 
feinem Boote an, da plöglich hörte er 
eine mwohltönende Stimme ein altes 
Volkslied fingen. Die Stimme er: 
fannte er ganz genau, fie ließ alle 
Fibern feines Herzens erzittern, aber 
er war ftarf und jchritt weiter bis — 
er boch wieber vor dem Eleinen Häus: 
hen und vor Margberiten ftand, welche 
in dem fleinen Garten auf einem 
Bündel von Fifcherneken ſaß und dort 
mit emfiger Hand zerriffene Mafchen 
und Knoten eines Netzes ausbeſſerte. 

Mie er dahin gefommen, er wußte 
es nicht — aber bei dem Anblide des 
Mädchens fühlte er, daß fein Herz zu 
ſchlagen aufhöre, um gleich darauf mit 
verboppelter Kraft ihm heiße Blut: 
wellen in’3 Antlig zu jagen. 

Erröthend ftand der junge Mann 
vor dem erröthenden Mädchen, ftumm 
blidten fie einander an, die Lippen 
ſchwiegen, aber die Augen jpradhen 
deutlih nnd Har das aus, was die 
Stimme zu jagen nicht wagte. Die 
magnetiſche Brücke zmwifchen zwei ver: 
wandten Seelen war gejchlagen und 
mit unmwiderftehliher Gewalt war bie 
MWunderblume Liebe in den "reinen 
Herzen des ſchönen Paares empor: 
geſchoſſen. 


„Ich wollte mich nur nach dem 
Befinden Deiner Mutter erkundigen“, 
ſtammelte Don Giuſeppe unſicher und 
zagend; denn feine ſtrenge Wahrheits— 
liebe ſträubte ſich gegen die bewußte 
Lüge, deren er ſich jetzt zum erſten— 
male im Leben jchuldig machte. 

„Die Mutter hat fich wieder von 
bem böfen Fieber erholt und ift mit 
meinem Bruder auf das Meer hinaus: 
gefahren und ich bin ganz allein im 
Haufe“, lautete des Mädchens jchüch- 
terne Ermwieberung, das bei dem Ge: 
danfen, allein zu fein, erblaßte und bie 
Augen zu Boden jchlug. 

Don Giufeppe hätte nun beruhigt 
über das Befinden der alten Frau 
wieder heimfahren fönnen, aber er 
blieb; ja er faß bald auf einem 
Bündel Nee an Margheritens Seite, 
hielt ihre Kleine Hand in ber feinen 
und ſprach mit leifer, vor innerer Er: 
regung zitternder Stimme von Liebe. 
Nicht von der Liebe zu dem unficht- 
baren Mefen, zu dem Schöpfer des 
Himmels und der Erde, ſondern von 
jener irbifchen Liebe, welche die Erbe 
zum Parabiefe und den Menjchen zum 
Gotte macht. Bon jener Liebe, welche 
allgewaltig und unmiberftehlich des 
Menſchen Herz ergreift, welche unbe: 
fchreiblihe Wonne ſchafft und ſüßen 
Schmerz bereitet; von jener Liebe, 
welche den Menſchen über Noth und 
Plage des Alltaglebens hinaufführt in 
den reinen Aether ſeeliſcher Verzückung. 

Und mit geſchloſſenen Augen und 
zum Gebete gefalteten Händen lauſchte 
Margherita den Worten des jungen 
Prieſters, welche ihr Herz in ſeliger 
Luſt erzittern machten. Als Giuſeppe 
ſie endlich fragte, ob ſie ihm dieſe 
Liebe widmen wolle, da erwiederte ſie 
in faſt weihevoller Stimmung: „Mein 
Herz gehört Dir... . ich liebe Dich, 
berrliher Mann, .... aber“, ſchloß 
fie erbleichend „ift es nicht eine ſchwere 
Sünde? Du bift ein Geweihter des 


Margherita fand zuerft die Faſſung Herrn... .. a 


und jcheinbar ruhig fragte fie nach ben 
Wünſchen des hohmwürdigen Herrn. 


Mit lautem Jubelruf ſchloß Giu- 
feppe ftürmifch das erglühende Mäd— 


778 


hen in feine Arme, ber erfte Heike 
Kuß brannte auf ben Lippen und in 
jeligem Bergefien hielten fie fih ums 
fangen; bann fagte der junge Priefter : 

„Du fragit, ob e8 Sünde jei, mich 
zu lieben? Nein, mein Kind, Dich 
bindet fein Gelübde. Und wenn id 


tofende Brandung ftürzen, endlich rubi- 
ger geworben, beftach er einen Gärt- 
nerjungen, welcher Margbheriten bie 
Kunde von feiner Lage bringen follte. 

Ferner jollte er dem Mädchen jagen, 
es möge Nachts mit einem Boote nach 
St. Andrea rubern; er werbe an bas 


mich frage, ob ich ſündige, indem ich | Fenfter feiner Selle ein Licht ftellen, 
irdiſchen Gefühlen mich hingebe, jo | damit die nächtliche Schifferin ihr Ziel 


jage ich ebenfall® nein. 
nicht Stinde fein, wenn ber Menjch 
die Stimme feines Herzens hört.“ 

Unb in banger Seelenqual warf fi 
Biufeppe auf die Knie und rief mit 
zum Himmel erhobenen Händen: „Herr, 
mein Gott, Du weißt, wie ich gefämpft 
und gerungen habe, Du haft mein 
Flehen nicht erhört und mich nicht ge 
rettet. Berzeihe mir, wenn ich darin 
beine gnädige Einwilligung erblide und 
babe ich gefehlt, jo ftrafe mich allein 
und jegne fie, die kindlich mir ver: 
traute.“ 

Die Schatten wurden länger und 
ber legte Sonnenftrahl, der die dunklen 
Wogen bed Meeres vergolbete, mahnte 
zur Heimkehr. Ein Kuß no, ein 
leije geflüftertes Abſchiedswort und 
Don Giufeppe ſaß wieder in feinem 
Boote und rubderte dem Klofter zu. 

In feiner Zelle angelangt, meinte 
er geträumt zu haben ; doch nein, noch 
brannte ja des Mädchens Kuß auf 
jeinen Lippen, noch empfand er das 
unbejchreibliche Wohlgefühl, als bie 
Schlanke Geftalt an feinem Herzen lag. 
Er wollte laut aufjubeln und mußte 
jchweigen, er wollte aller Welt jein 
Glüd verfünden und mußte vor jedem 
Hauche zittern, der den Schleier von 
dem füßen Geheimniffe ziehen konnte. 

Das träumerifche Wejen des jungen 
Priefter fiel gar bald auf und aud 
der Grund wurde entdedt. Don Gin: 
jeppe erhielt eine ernfte und eindring- 
lihe Warnung von dem Prior und 
ben gemefienen Befehl fih von ber 
Inſel nicht mehr zu entfernen. Giu- 
jeppe war in Verzweiflung unb mehr 


Es kann |nicht verfehle, er jelbft werde fie am 


Ufer erwarten. 

Margherita welfte wie einevom Reif 
getroffene Blüthe dahin, ald Tag auf 
Tag verging, ohne daß Giufeppe er: 
ſchien und als enbli der Bote fam, 
da fanbte fie ein Danfgebet zum Himmel. 
Mit Ungebuld erwartete fie das Licht, 
das für fie zur leuchtenden und bele- 
benden Sonne wurde. 

Mit dem geihärften Auge ber 
Liebe jpähte fie über die ſchwarze ru: 
hige Meeresfläche hin nach St. Anbrea, 
da warb ein lichter Punkt fichtbar, 
hörbar flopfte das Herz; ſchon wollte 
fie an's Ufer ftürgen, doch fie bezwang 
ſich; vielleicht war ed nur eine Täu- 
Ihung, ein Zufall. Nein, das Licht 
blieb ftetig und Margheritens liebenber 
Blick glaubte fogar Hinter demſelben, 
Giuſeppe's ſchönes, bleiches Antlig zu 
erkennen. 

Nun wurde kein Augenblick mehr 
verloren, mit einem Sprunge war das 
kühne Mädchen im Boote, welches, von 
kräftigen Armen getrieben, auf St. 
Andrea zuflog. 

Das felſige Ufer wurde erreicht 
und weinend und lachend zugleich lag 
das Mädchen in Giufeppe’3 Armen. 
Bor Tagesanbruch noch war Marghe: . 
rita wieder in ihrem Häuschen auf 
Iſola di Mezzo. 

Aber dieſes ſtille Liebesglück ſollte 
nicht lange währen. 

Eines Abends brannte wieder das 
Licht in der Kloſterzelle und Marghe— 
rita eilte zu ihrem Boote. In bem 
Momente als fie basfelbe von dem 
Pflode, an dem es angefettet war, los⸗ 


als einmal wollte er fih von dem Fen- machen wollte, ſtand plöglich eine dro⸗ 
fter feiner Zelle in die fnapp darunter hende Geftalt vor ihr. 


— 


„Das alſo iſt der Grund, wes— 
halb ich abgewieſen wurde“, rief mit 
vor leidenſchaftlicher Aufregung be— 
bender Stimme Pietro Nicolini, „komm 
hervor, Marko, und frage doch Dein 
tugendhaftes Schweſterlein, was ihre 
nächtlichen Spazierfahrten bedeuten.“ 

Da erhob ſich aus einem anderen 
Boote eine dunkle Geſtalt, trat mit 
geballten Fäuſten vor das Mädchen 
und ſchrie: 

„Eines ehrlichen Mannes Frau 
wollteſt Du nicht werden, das war 
Dir zu ſchlecht, ein ſündhaftes und 
verbrechiſches Verhältniß mit einem 
Pfaffen ſchien Dir beſſer, ehrvergeſſene 
Dirne, wahrhaftig es wäre ein gutes 
Werk, Dich wie eine Katze zu ertränken.“ 

Ruhig und ſtolz mit königlicher 
Hoheit ſtand das Mädchen da, maß 
verärtlih die beiten Männer und 
fagte: „Sch ſchulde Niemandem Rechen: 
Ihaft von meinem Thun, gebt Raum, 
ih will in mein Boot.” 

„Das wird nicht geichehen, jo 
lange ich lebe”, brüllte Pietro und 
zog aus dem Gürtel den ſcharfgeſchlif— 
fenen Dolch, „noch einen Schritt weiter 
und bei der Mabonna 

„Ihr jeid Mädchen gegenüber jehr 
muthig“, ſprach Margherita und kehrte, 
ohne bie beiden Männer eines Blides 
zu würbigen, in ihr Kämmerlein zurüd. 

„So wahrft Du meine Intereſſen“, 
grollte nun Pietro feinem Bunbes- 
genoffen zu, „daß erft ih Dir fagen 
mußte, was bier vorgeht ?” 

„Berzeih’, Pietro, ich gebe Dir 
mein ort, daß Margherita die Inſel 
nicht mehr verläßt.” 

„Dafür werde ſchon ich forgen; 
denn Du bift ein leichtfinniger und 
unverläßliher Taugenichts“, ſagte 
Pietro. 

Am nächſten Abende brannte wieder 
das Licht auf St. Andrea und neuer: 
dings machte fih das unerjchrodene 
Mädchen auf den Weg zum Ufer, hatte 
aber des Vaters Handſchar umge: 
gürtet, feſt entſchloſſen, ſich die Fahrt 
wenn nöthig, mit Blut zu erkämpfen. 


Doch diesmal war Niemand zu 
erblicken, alles war ruhig und ſtill, 
aber die Boote waren ſo verkettet und 
verankert, daß es ohne lange Arbeit 
nicht möglich war, eines derſelben los 
zu machen. 

Ohne langes Ueberlegen warf Mar: 
gherita das Oberfleid ab und ſchwamm 
die weite Strede bi zu bem Ge— 
liebten und fehrte auch ſchwimmend 
wieder heim. 

Ihre Abweſenheit vom Hauſe 
wurde aber ſofort entdeckt und Pietro 
und Marco faßten nunmehr, nachdem 
der unbeugſame Sinn des Mädchens 
nicht zu brechen mar, einen ganz an— 
beren Plan, den Pietro aus wilden 
Haffe gegen Margherita erfonnen hatte 
und den Marco billigte, einerſeits 
weil er ganz in Pietro’S Händen war, 
anbererjeit3 aus religiöfem Fanatismus, 
weil er ein gottgefälliges Werk zu thun 
glaubte, wenn er dem fündhaften Ber: 
hältniffe feiner Schwefter zu einem 
Priefter ein Ende machte. 

Zwei Tage fpäter fuhren Pietro 
und Marco mit einem Boote gegen 
St. Andrea. ALS es ganz finfler ge 
worben war, da entzünbeten fie in 
einem auf der Segelftange hängenden 
Drahtgeflehte ein Licht und blieben 
mit dem Boote ruhig ftehen. 

Margherita glaubte den Ruf des 
Geliebten zu erfennen und eilte, dem— 
jelben Folge zu leiten. Diesmal 
waren aber alle Boote verſchwunden 
und Margherita hielt ſich damit nicht 
auf, biejelben zu ſuchen, ſondern ver: 
traute ihren fräftigen Armen und ihrer 
Ausdauer als Schwimmerin. 

Aber die Strede war heute lang, 
und wie fie auch bis zur Erjehöpfung 
mit den Wellen rang, dem Lichte war 
nicht näher zu kommen. Sie ſchwamm 
fort und fort und blickte nach dem Ster— 
ne, ber enblich mit einemmale verloſch. 

Margherita war in der weiten 
Waſſerwüſte allein, weit entfernt vom 
Lande und bereit3 zu Tode ermüdet. 

Die beiden Verräther im Boote 
waren langjam hinaus in das offene 


780 


Meer gerubert und hatten mit dem 
Licht auf ihrer Segelſtange das arg: 
loſe Mädchen in bie Irre geführt. — 
Wie lange Margherita mit den Wellen 
gerungen hat, bis fie endlich erfchöpft 
verfanf, wer kann es wiſſen? Unter 
den Lebenden wurde die ſchöne Mar: 
gherita nicht wieder gejehen. 

Don Giufeppe aber ſaß die nächfte 
und noch manche folgende Nacht an 
dem beleuchteten Fenfter feiner Selle 
und wanderte dann raftlos auf ben 
Klippen des Ufers, verzmweiflungsvoll 
hinausſpähend in die Fluthen, welche 
ihm die heiß erfehnte Geliebte zuführen 
jollten. Aber die Fluthen kamen und 
gingen, von Margheriten brachten fie 
feine Kunde. 


Da erlofh das Geiftesleben des 
jungen Priefters, er ſprach nicht mehr, 
wies jede Nahrung von ſich und ftarrte 
nur unabläffig durch das jchmale 
Fenfter nach der Inſel Mezzo Hin, bis 
ihn eine Tages die Brüder Falt und 
tobt am Boden liegen fanden. 

Nah dem Verſchwinden Marghe: 
ritend ergab fih Marco, von Ge: 
willensbiffen gequält, "mehr als zuvor 
dem Trunfe und als ihn in ſolchem 
Zuftande Pietro an die Rüdzahlung 
der geliehenen Summen mahnte, ftieß 
er dem Berführer den Dolch in bie 
Bruft und ftürzte fih dann von einer 
Klippe in die Brandung, welche fpäter 
feine zerſchmetterte Leiche an das Ufer 
warf. 


Aeber Gefelligkeit. 


Bon Frau Thereſe. 


Man begegnet fo häufig der Klage, | fen und Galerien das lebendige Wort, 
daß in unferer Zeit echte, erquidliche | von wahlverwandten Menfchen gefpro: 
Gejelligfeit ausgeftorben und ihre Spur | chen, erfegen. 
faum mehr aufzufinden ſei. Wenn Die echte Menfchenliebe ift nicht 
man ben Bedingungen, unter weldhen zu erfälten und noch weniger troß 
fie allein gebeihen kann, nachſpürt, | alledem und alledem zu ertöbten ; immer 
fann man nicht leugnen, daß auch ſucht fie Troft und Erholung bei 


diefe zurückgewichen und andere mit zeit- 
gemäßeren Namen an ihre Stelle ge: 
treten find. Was find nun dieſe Be- 
dingungen echter, erquidlicher Gefellig- 
feit? Meines Erachtens ewig nur Hu—⸗ 
manität und Menjchenliebe. Hiermit 
fei nicht jene Menfchenliebe gemeint, 


ihresgleichen und darum ift befonders 
in großen Stäbten echte, erquidkliche 
Gejelligfeit fo felten anzutreffen, weil 
bort auch jene mit biefen Tugenden 
gottbegnabeten Menſchen jelten ge: 
worden. 

Iſt es nicht traurig, daß man die— 


die den Hungrigen Brot reicht, die iſt ſen obengenannten Eigenſchaften das 
nicht ausgeſtorben, aber jene ſubtilere, Wort Tugend als Prädicat beilegt, 
die ſich ſo gerne des Zuſammenhanges welche doch nur ein natürlicher Be— 
mit feinem Geſchlechte bewußt wird ſtandtheil eines unverbrauchten Her: 
und es als höchſtes Glück erkennt im zens ſein ſollten; freilich muß es ein 
innigſten Verbande mit Gleichgeſinnten ſtarkes Herz ſein, welches in einer 
zu leben. Nur ein Herz mit dieſer großen Stadt jene beiden Eigenſchaf—⸗ 
ausgeſtattet, wird echte Geſelligkeit ten ſich zu bewahren wußte, ein Herz, 
anſtreben und erzielen. Einem menſchen- das fort und fort neue Saaten treibt, 
liebigen Herzen können weder Schau: | wenn ber Froft Tieblofer Berührung 
jpiel, Dper, Concert, ganze Bibliothes | die früheren verjengte. 


781 


Ald mir eine junge Frau von 
ber namenlofe Ennui und Ermüdung 
ſprach, die fie aus jenen ſogenann— 
ten großen Gejellfchaften nad) Haufe 
bringe, wie jchmerzlih aufgeregt fie 
heimkomme, um nicht jelten in Thrä- 
nen auszubrechen, ſagte ih: „ch 
fenne dieſes glänzende Elend, aber 
Net geihieht Euch, warum vertaufcht 
Ihr es nicht mit Bellerem? Wenn 
Ihr nicht werbet, wie die Kinblein 
find, werdet Ihr nicht das Himmel: 
reih ſchauen.“ Ya, was ift aber da 
zu machen, meinte fie weiter. „Machen, 
fönnen Sie da nichts“, erwiderte ich 
ihr, „aber fein müſſen Sie etwas 
und das ift vor Mlem: wahr und 
gut. Die Liebe muß Sie Menſchen 
auffuhen mahen, um bie unb da 
einen Freund jich zu gewinnen, „Freunde 
aber find Gleichgefinnte“, jagt Frau 
v. Barnhagen. 

Die Menfchenliebe muß Sie Ihren 
Umgang wählen lafjen, nicht leere 
Eitelkeit ; den Schwächen der Menſchen, 
mit denen Sie verkehren, müſſen Sie 
weiter Schonung angebeihen laſſen und 
jo viel als möglich diefelben in Schat- 
ten ftellen, ihre Vorzüge hingegen in 
helles Licht. Befolgen Sie dieſe ein- 
fahen Rathſchläge ein paar Jahre 


fort und fort, jo wird man fih in! 


Ihrer Nähe wohl fühlen, Einer wird 
den Andern nach fich ziehen und Sie 
werden bald in der Zuge fein, fich als 
den Mittelpunkt ſchönſter Geſelligkeit 
erkennen zu müflen. Sind Sie nun 
nicht reih, nicht in hervorragender 
Stellung, um fo beifer! Ich habe dieſe 
beiden Eigenfchaften rein menſchlichen 
Beziehungen gegenüber nie als für: 
bernd erkannt. Haſchen Sie nie nad) 
celebren Namen für Ihren Kreis, wenn 
bie Träger berjelben nicht Ihre menſch— 
lihe Sympathie erregen, ebenſo nad 
Leuten, bie gerade in der Mode find. 
Sudt eine hervorragende Perjönlich- 
feit nach Ihrem IUmgange, dann iſt's 
ein Wahlverwandter und es ift Ihnen 
Glück zu wünſchen, doc fahnden Sie 
nit aus Eitelkeit nach berühmten 


Leuten! Machen Sie ſich mit den Wer: 
fen bedeutender Menſchen befannt, be- 
ftünden Sie nun in That, Wort oder 
Schrift befruchten Sie Ihren Geift mit 
denſelben, das wird Ihnen und Jhrer 
Gejelligfeit zu Gute kommen und Sie 
werben Beide mehr davon haben, als von 
den Berfonen all’ diefer Schöpfungen.” 

Künftler und Männer ber Wiffen: 
ſchaft find meift ernfte, in fich geehrte 
Leute und fühlen fih in ihrer Ge- 
lehrtenftube oder in ihren Clubs weit 
behaglicher al3 in fo einem lichtftrah: 
lenden Salon, der fie als Schaugericht 
zu beleuchten hat. Sie find fich deſſen 
wohl bewußt, au daß man fie nur 
deshalb gepreßt, um jagen zu können: 
Der und Die waren auch da! D, 
das fennen wir! Kein Fäſerchen wirk: 
li Tiebevoller Theilnahme verbindet 
jo forcirte Herrlichkeit und die Beiten 
weinen, wenn fie heimfommen, wie 
wir an unferer jungen Freundin ge: 
jehen. In diefer war die Urthümlich— 
feit ihres Weſens noch nicht erjtorben 
und fie brach durch, äußerte fich in 
balbbewußter Wehmuth über unbefrie: 
digte Menfchenliebe. 

Den Meiften hat die Schablone 
von Form und Phraſe ihre innere Na- 
tur fo zum Schweigen gebracht, daß 
fie fih ihrer nicht mehr bewußt find, 
und unter Gähnen verfihern, der Abend 
wäre ein charmanter geweſen; Toilet: 
ten werben befritelt oder zur Nach— 
ahmung notirt und das find die Er: 
rungenfchaften jo eines Abends, die 
Erfhöpfung abgerechnet, und wer ein 
Herz mitbradhte, dem hat es ſich jo 
unter bie fiebente Rippe verfrochen, 
daß er meint, es fei ihm abhanden 
gekommen. 

An Geift fehlt es nicht, ebenfowe: 
nig an Bildung in dieſen Kreifen, be: 
wahre! Aber mit Beiden wird, wie 
auch mit den herangezogenen Perjonen 
eine Art Weltausftellung getrieben, es 
ift kein organiſcher Zuſammenhang in 
dem Zutagetreten aller dieſer Dinge. 

Ein großer Dichter ſagte: „Man 
ſollte jeden Großſtädter immer nach 


182 


4 Jahren auf eine wüfte Inſel ſetzen 
und ein Jahr ihn dort fich jelbft über- 
laffen, um die Weberjättigung 
an Menjchen [os zu werben, aufzubrau« 
Ken und ihn dann mit frifch feimendem 
Empfinden ber Gejellihaft wiederge— 
ben.” Wie font an Wiffen gewinnen 
ein Segen ift, jo wäre es in biefem 
Falle das DVergeffen von taufend Din: 
gen, die unfere innerfte Natur nicht 
mehr zu Worte fommen Laffen. 

Wie nicht zwei gleiche Blätter in 
einem ganzen Walde von gleichartigen 
Bäumen anzutreffen, jo findet man 
auch nicht zwei gleichartige Menfchen 
in der ganzen Welt. Und fo ifl von 
Gott und Rechtswegen jeder Menſch 
ein Driginal. Wo gäbe es da mehr 
Zangemweile, wenn bieje Originale den 
Muth Hätten, ihrer inbivibuellen Be— 
gabung gerecht zu werben, indem fie 
diefelbe darlebten und in Wahrhaftig- 
feit fich felbft gäben ?! 

Thun fie das nun? Bewahre! 
höchſtens Angelerntes geben fie uns 
preis, ihr innerftes Weſen bleibt uns 
ein ewiges Geheimniß, und fterben fie, 
jo tragen wir ganz Andere hinaus, al3 
wir gefannt zu haben meinen. 

Wenn nım unfere Zeit jo koloſſal 
vorjchreitet, daß fie bereit3 den lieben 
Gott Hinter fih gelaffen, warum hat 
fie nicht den Muth, bis zur Mahrheit 
vorzubringen, alle Maskerade fallen zu 
laffen und ein menſchlich Antlig zu 
zeigen, wie e8 if. Man wird mir 
einwenben, Klugheit, Anſtand, Sitte 
macht es nothmwendig, daß mir in Ge- 
jeljchaft gleiche Larven vornehmen und 
auf gewiſſe Formen uns bejchränfen, 
die Sprache mit jenen großen Diplo: 
maten dazu gebrauchen, um Gedanken 
und Gefühle zu verbergen; ich glaube, 
diefe Anſchauung hat in unferer vor: 
gefchrittenen Zeit ſich überlebt und 
man könnte immerhin zur Wahrheit 
greifen, ja jelbft bis in die Diplo: 
matie hinauf. Man erlernt die Sprache 
ber Lüge eben wie jede andere und 
wie lange ift biefelbe im geläufigen 
Gebrauh? Während der Eine lügt, 


überſetzt ſich's der Hörer in's Wahre. 
Es wäre gar nichts riskirt, es mit der 
Wahrheit zu verſuchen. Welch' breites 
Feld wäre der Geſelligkeit damit er- 
öffnet, welche Friſche, welche Färbung 
befäme da die Gonverfation! 

Auh wüßte man, wie man mit 
Jedem daran ei, ob geeignet zu bau- 
erndem Verband oder ob man ihn aus: 
zufcheiben habe; dazu käme es aber 
gar nicht, er ſchiede ſich felbft aus, 
und fuchte fein verwandtes Lügen— 
element. Und barum ſage ich, bie 
Beſten follten zur Wahrheit greifen, 
ihon um ber erquidlichen Gefelligfeit 
willen. 

In der Proving wird biefe noch 
bie und da gepflegt und bort habe ich 
fie von Angeficht zu Angeficht geſchaut, 
unb habe ihr die ſchönſten Stunden 
meines Lebens zu banken. Man fam 
in gehobener Stimmung zufammen, 
mit dem Vorgefühl, fich in behaglichiter 
Meife Herz und Sinn zu erfrifchen, 
Erlebtes wurbe durchgeſprochen, Bücher 
mwurben empfohlen, Stellen aus ben: 
jelben ala charakteriftifche Zeichen citirt, 
die Geipräche hatten eine Tradition, 
weil man oft zufammenfam. Kam 
Mufit zur Sprade, da ſchwärmte 
Einer für die alte, trat an’3 Clavier 
und führte feine Beweife mit ein paar 
prächtigen Chorälen zur Anerkennung. 
Die neuere Muſik fand mieber ihre 
Vertreter, die Worte Bravour, Technik 
und vor Mlem,-Kraft !!! waren ba: 
mals noch nicht die Hauptmomente 
mufifalifher Freuden, am Glavier 
wenigftend. Man nahm Töne als ver: 
geiftigte Worte und ſchlürfte fie als 
wahre Labung. Die feelifche Freude 
ward durch nichts geftört und. ab: 
gezogen von Bewunderung und Ber: 
wunderung Ich Halte es für 
feinen Genuß, wenn ich eine Kraft 
anftaunen fol, die Bravour bewun⸗ 
dern muß, die Technik wieber als eine 
blutige Errungenfchaft mit einer Art 
Bedauern anerkennen muß, weil das 
Erringen berjelben die ganze Jugend 
des Probucirenden verbittert: und ihm 


7183 


jo ben ganzen Flügelftaub feiner Phan— 
tafie und ſeines Empfindens abgeftreift. 
Se mehr ich folder Production Ver: 
ftändniß entgegenbringe, je mehr bat 
fie mich in ihre Plage hineingezogen 
und je ermübeter fühlte ich mid). 


Wurde von einigen der Freunde 
eine Landpartie auf lieben Feldwegen 
unternommen, jo brachten fie ficher eine 
Heine Dorfgejhichte mit heim. Wie 
hört fih eine foldhe immer gut an; 
jelbft in der Reſidenz werben fie gerne 
gelejen und alle Reden und Hand» 
lungen, die in einer ſolchen vorkommen, 
als Euriofitäten genofjen. Und welche 
Freundſchaftsbündniſſe gingen aus ſolch' 
geſelligem Beiſammenſein hervor! 

D Freundſchaft, du höchſtes Gut, 
wer dich gewann und am Abende ſeines 
Lebens zurückſchaut, dem winkeſt du, 
ein weißer Obelisk, umgeben von den 
Trümmern anderer Freuden, noch ein: 
mal. freundlich. zu, und beine golb’nen 
Rettern jagen: Nur ich gab dir reines 
Glück. 

Rahel Lewin, nachherige Frau v. 
Varnhagen, war die größte Geſellig— 
keits⸗Künſtlerin ihrer Zeit, eine Künſt⸗ 
lerin inſofern, daß fie die heterogenften 
Elemente einer großen Stadt zu har: 
moniſchem Verband bezwang und das 
mittelft. ihre gütigen Herzens und 
ihrer Menjchenliebe. Wenn fie Jemand 
zu fich.bat, fagte fie: „Kommen Sie, 
Sie finden Freunde, Menjchen, die nur 
Gutes wollen und unabläffig weiter 
an ſich arbeiten, kommen Sie, herz 


wiß ift, ehrlich Necht zu bekommen, 
oder ehrlich beftritten zu werben.” 
Ein anderesmal: „Wenn mir Gott 
Menſchen ſchickt, bei mir ift fein 
Athemzug, fein Bulsichlag verloren!” 

Das iſt aber ſehr Schön, wo Einen 
doch die große Stadt leicht verführt, 
das eben hinzunehmen, was Einem in 
vielen hunderttaufend Exemplaren ent: 
gegentritt. In ihren jpätern Jahren 
zog ihr Geift Prinzen, Fürſten und 
alles Hochgeftellte in ihren Kreis. Sie 
wählte fie fih nit als ſolche, 
ihr genügte der Menſch, der zu den 
Befjeren und Strebenden gehörte. Ihr 
Geift zog die Menfchen an, doch zu 
wahren Freunden hat fie nur ihr tüch- 
tiges wahrhaftige® Herz ihr verbunden. 
Sie haßte die Lüge und alles Schein: 
gepränge und e3 gelang ihr, in 
ifrem vertrauten Kreife dev Wahrheit 
einen Thron zu. erbauen. 

Y erwarte nicht, mit bem hier 
Gejagten mir Zuftimmung zu erwerben, 
ebenjowenig jemand Anderem. als mir 
jelbft Freude zu bereiten, und ich 
nähme es dem jehr geehrten Heraus- 
geber des „Heimgarten“ nicht übel, 
wenn er biefe Blätter unbeachtet dem 
Papierforbe übergibt; er fennt feine 
Zeit und muß ihr gerecht werden ; mir 
jelbt bat es wohlgethan, mein Herz 
mir zw erleichtern, indem ich mit Be- 
geifterung echter Gejelligfeit und ihrer 
Frucht, echter Freundbichaft, gedachte. 
ALS Kranz lege ich diefe dankbare Er: 
inmerung auf: das Grab ber theuren 
Lieben, die ich aus treu gepflegter 


färkend ift. e8 ja, wenn man fi) | Gejelligfeit mir zu Freunden gemann, 
menschlich jeine Gedanken, der ganz | welche mir nichts ranben fonnte — 
guten Aufnahme gewiß, mittheilt, ge: | als ber Tod. 


— —7 — — 


Kleine Laube. 


Bon einer verhaßten Stubengenoffin. 
Nah Dr. Ludwig Bühner. 


Romanhaft und wunderbar klingen 
die Berichte, welche und die neuere 
Naturforfhung als Zeugniffe der Denk: 
fähigkeit der Thierwelt darbietet. Immer 
durchſichtiger wird der Schleier, welcher 
bisher unferen Augen die Thierfeele 
verhüllte. Seitdem wir nicht mehr mit 
dem bequemen Worte „Inſtinkt“ über 
dies dunkle Naturgebiet hinweghufchen, 
dringen wir tiefer in die Geheimnifie 
des Thierlebens ein und erfennen, daß 
fein Geiſtesweſen in Wirklichkeit ein 
weit höheres und mannigfaltigeres ift, 
als man bisher annahm. Eifriges Nach— 
ſpähen und forgfame Vergleihung von 
zu verſchiedenen Zeiten und an ver: 
ſchiedenen Orten angeftellten Beob: 
achtungen liefern unaufhörlih und in 
überreicher Fülle die fchlagendften und 
unverfennbarften Bemweife dafür, daß 
zwifchen dem Denken, Wollen und Em: 
pfinden des Menſchen und demjenigen 
der Thiere die größte Aehnlichfeit und 
ein oft nur gradweiſer Unterfchied ftatt: 
findet. Aber nur wenige haben geahnt, 
daß diefe Regel auch für eine anſcheinend 
tief unter uns ftehende Clafje von 
Thieren zutrifft, und unfer geiftiger 
Hohmuth erfährt bei der Betradhtung 
der Leiſtungen diefer meift verachteten, 
aber troß ihrer körperlichen Kleinheit 
wunderbaren Geſchöpfe eine arge De: 
müthigung. Cinige Beifpiele aus dem 
Leben der Spinnen. : 

Diefe Thiere find von den Menfchen 
fo gehaßt, gefürchtet und geächtet, daß 


fie nur dazu da zu fein ſcheinen, damit 
fie Jeder, der fie erblidt, fo raſch als 
möglich verderben, vertreiben oder tobt: 
ſchlagen kann. Wer aber ihre Sitten 
und Thaten ftubirt, wird troß ihres 
abjhredenden Aeußeren fih weit mehr 
zu ihnen, oder doch zu einer näheren 
Kenntniß derfelben hingezogen, ald davon 
abgeſchreckt fühlen. 


Am meiften Aufmerkſamkeit hat von 
jeher das Funftvolle Net der Spinnen 
erregt, welches fie befanntlid an den 
verfchiedenften Stellen zum Fang ihrer 
Beute auszufpannen pflegen; und man 
bat dasſelbe im ähnliher Weife, wie 
die Bienenzelle, al Beweis eines eigen: 
thümlichen, angeborenen und inftinktiven 
Kunfttriebes angefehen oder gelten lafjen. 
Aber weit mehr noch als die Bienen- 
zelle ift das Spinnen-Net verfchieden 
oder abweichend je nad Art, Umftänden 
oder Berhältnifien. Jede Spinnenart, 
ja man fann fagen: jede einzelne Spinne 
befolgt in der Anlegung ihres Gewebes 
ihren eigenthümlihen Plan und weiß 
dasfelbe zmwedmäßig je nad ber Dert- 
lichfeit auszuführen oder fi) den Um— 
ftänden entfprehend einzurichten. Wäh- 
rend die Kreuzipinne das befannte und 
vielbewunderte radförmige Neb fpinnt 
und ſenkrecht aufhängt, weben die Sad: 
fpinnen flache, beutelförmige, wagredt 
aufgehängte Gefpinnfte, deren Fäden 
ganz unregelmäßig durcheinander laufen 
und in deren Tiefe ein Heiner Sad 
zum Aufenthalt des Bewohners ange: 
legt ift. Sehr viele Arten aber ziehen 
e8 vor, gar fein Net auszufpannen 


785 


und ihre Beute auf kürzerem Wege 
dur Springen und Laufen zu erhaſchen. 
Am gefürdtetften unter ihnen find die 
Tigerfpinnen, welde an Mauern 
und Wänden umberlaufen, indem fie 
nad Hinterliftiger Katzenart langſam an 
ihr Opfer beranfchleihen und ſich plöß: 
fh mit gemaltigem, oft 1—2 Zoll 
weitem Sprunge von oben her auf das— 
felbe werfen. Andere wieder, wie die 
große Vogel: oder Würgfpinne, lauern 
in Erdlöchern, Aſtlöchern, unter Steinen, 
Blättern ober dergleichen auf ihre Opfer, 
während noch andere Arten, mie bie 
fogenannten Minirfpinnen, nur bei Nacht 
auf Raub ausgehen und ſich bei Tag 
in unterirdifchen, von ihnen gegrabenen 
Röhren aufhalten, deren Deffnung mit 
einem Dedel verſchloſſen ift, den fie 
willfürlih öffnen und ſchließen können. 

Dft begegnet ed, daß ein weitge— 
fpanntes Net nicht ftraff genug gefpannt 
ift und daher von dem Wind mehr hin 
und her bewegt wird, als eö der Spinne 
angenehm und nüglich if. Das kluge 
Thier weiß fih alsdann dadurch zu 
helfen, daß es einzelne ftarfe Fäden 
zum Boden herabführt und biefelben 
an Steinen, Pflanzen oder fonft her: 
porragenden Gegenftänden befeftigt. 
Diejes Verfahren hat freilih den Nach— 
theil, daß die Fäden durd unter dem 
Netz hergehende Menſchen oder Thiere 
zerrifjen werden. Aber auch in ſolchem 
Falle weiß fih die Spinne in einer 
Weiſe zu helfen, welche einen fo 
hohen Grad von Intelligenz verräth, 
daß man Anftand nehmen müßte, davon 
zu reden, wenn nicht zuverläffige Be: 
obachtungen vorlägen. Am Intereſſan— 
teften bürfte eine von %. ©. Wood 
mitgetheilte und von Watſon wieder: 
gegebene Beobachtung diefer Art fein. 
Einer meiner Freunde, fo erzählt Wood, 
hatte die Gewohnheit, einer Anzahl von 
Oartenfpinnen unter einer großen Veranda 
ein Obdach zu gewähren und ihre Sitten 
zu beobachten. Eines Tages nun entftand 
ein heftiger Sturm und der Wind tobte 
fo entjeglich dur den Garten, daß die 


fhüßt, arg zu leiven hatten. An einem 
der Netze nun mwurven die basjelbe 
haltenden Segelftride, wie die Matrofen 
dieſes nennen würden, zerrifien, fo daß 
dad Net mie ein fchlaffes Segel im 
Sturm hin und hergeworfen wurde. 
Die Spinne fertigte feine neuen Stride 
an, ſondern fuchte fi auf andere Weife 
zu helfen. Sie ließ fi an einem Faden 
auf den Boden herab und kroch aladann 
bis zu einem Plate, wo einige gänzlid) 
zertrümmerte Stüde eines von dem 
Sturme umgemworfenen hölzernen Zaunes 
lagen. Hier befeftigte fie ihren Faden 
an einem ber Holzftüdchen, kehrte wieder 
zurüd und hing das Holzjtüd, nachdem 
fie e8 bis zu einer ungefähren Höhe 
von fünf Fuß emporgezjogen hatte, mit 
einem ftarfen Faden an dem unteren 
Ende ihres Nee auf. Die Wirkung 
war eine wunderbare; denn das Gemicht 
des Holzes genügte, um das Netz er: 
träglih jtraff zu halten, während es 
doch leicht genug war, um dem Wind 
nachzugeben und fo weitere Zerftörungen 
zu verhüten. Das Holzftüdchen war 
ungefähr zwei und einen halben Zoll 
lang und fo did, wie ein Gänfeliel. 
Folgenden Tages ftieß eine achtlofe 
Dienerin mit ihrem Kopfe gegen das 
Holz, jo daß es herabfiel. Aber nad 
Verlauf weniger Stunden hatte es die 
Spinne wieder aufgefunden und an 
feinen Pla gebradht. Als der Sturm 
aufhörte, befjerte die Spinne ihr Net 
aus, riß ben haltenden Faden entzwei 
und ließ das Holz zu Boden fallen! 
Daß Spinnen troß ihrer großen 
Scheuheit au gezähmt werden fünnen 
und fih an Menfchen gewöhnen, die 
ihnen Wohlthaten erweifen, fcheint durch 
viele Beobachtungen oder Erfahrungen, 
die zum Theil eine gewiſſe Berühmtheit 
erlangt haben, fejtgeftellt. Namentlich fol: 
len ©efangene, um die Qualen der Ein— 
ſamkeit zu mildern, Spinnen derart ge: 
zähmt haben, daß fie auf ihren Ruf herbei⸗ 
famen und Futter aus ihrer Hand nahmen. 
Ein Gelehrter fchreibt darüber : 
Ich bemerkte einft in einer halb: 


Spinnen, obwohl von der Veranda ge: dunkeln Ede meines Vorſaales ein ziemlich 


Rofeggers „‚Heimgarten‘‘ 10. Heft, 


50 


786 


anftänbiges Spinnengewebe, in dem eine 
wohlgenährte, fogenannte Kreuzipinne 
ihr Heim aufgefhlagen hatte und an 
der Neköffnung von. früh bis fpät der 
etwa Hinzufliegenden oder Friechenden 
Nahrung entgegenfah. Ich war zufällig 
einigemale Zeuge, mit welcher Liſt 
fie ihr Opfer fing und unſchädlich machte, 
und mwurde es mir bald darauf eine 
täglihe Sorge, ihr mehreremale des 
Tages Fliegen zuzutragen, melde ich 
ihr mitteljt einer Pinzette vor das Thor 
legte. Anfangs fchien ihr diefe Fütterung 
wenig Vertrauen zu ermweden, wozu 
vielleicht die Pinzette Anlaß gab; denn 
fie ließ mande Fliege wieder entwifchen, 
oder nahm fie doch nicht eher in Befchlag, 
als bis fie diefelbe im Bereich ihrer 
Behaufung wußte. Mit der Zeit jedoch 
fam ed dahin, daß die Spinne fi 
jedesmal herbeibemühte und die Fliege 


mehrere Tage hintereinander ihr an 
einer ſehr günftig gelegenen Stelle über 
einer Dachluke ausgefpanntes und ſtets 
wieder hergeftelltes Net zerſtört hatte, 
einen ſehr giftigen Biß auf der Stimme 
beigebracht haben joll. 

Sicherer, als dieſes, fcheint die 
merkwürdige Vorliebe der Spinnen für 
Muſik dur zuverläffige und zahl: 
reihe Beobachtungen feſtgeſtellt. Durch 
Spiel auf dem Piano, auf der Guitarre 
oder Violine werden im Zimmer be: 
findliche Spinnen herbeigelodt, namentlich 
wenn das Spiel ein zartes, nicht allzu 
lautes ift. Sie begeben fi möglichſt in 
die Nähe des Inftrumentes ober ber 
Spielenden und fcheinen derart bavon 
bezaubert, daß fie für nichts Anderes 
mehr Sinn haben. Meift fieht man, 
daß fie fih an einem Faden von der 
Dede des Zimmers herablaſſen und fi 


aus der Pinzette entgegennahm, um fie | fo dem Mufizirenden möglichft zu nähern 
einzuwideln. Diefes letztere geſchah bis- ſuchen. Sobald jedoch die Muſik rau- 
weilen, wenn ich die Fliegen ſehr raſch ſchend wird, entfliehen ſie wieder in 


nach einander hinreichte, ſo oberflächlich, 
daß einige der bereits umgarnten Fliegen 
Zeit und Gelegenheit fanden, wieder zu 
entwiſchen. Dieſes Spiel trieb ich, weil 
es mir intereſſant ſchien, einige Wochen 
lang. Eines Tages aber, als die Spinne 
mir ſo recht heißhungerig ſchien und 
auf jede gereichte Fliege förmlich zuflog, 
begann ich mich mit ihr zu necken. So— 
bald ſie die Fliege erfaßt hatte, zog 
ich dieſelbe mit der Pinzette wieder zu— 
rüd. Dies fchien fie gewaltig übel zu 
nehmen, Das erjtemal, als ich ihr die 
Fliege ſchließlich doch überließ, mochte 
fie mir noch verzeihen; als ich fie aber 
fpäter confequent wegzog, zerjtörte dieſes 
unjere Freundfchaft für immer. Am 
folgenden Tage verſchmähte fie die von 
mir angebotenen Fliegen gänzlih und 
rührte ih nicht von der Stelle — am 
dritten Tage aber war fie ausgewandert.” 

Diefes zeigt, daß eine Spinne aud) 
verbrofien und beleidigt werden kann. 
Ja ſelbſt das Gefühl der Rachſucht 
ſcheint ihrer kleinen Seele nicht fremd 
zu fein. Es wird erzählt, daß eine 
Epinne einem jungen Menfchen, welcher 


ihr Netz. 

Die Spinne verfteht es auch, ſich, 
wenn es ihr zur Rettung ihres Lebens 
nöthig erſcheint, wie fo viele andere 
Inſelten, todt zu ftellen, und ent 
widelt dabei einen wahrhaft heroifchen 
Gleihmuth. „Ich habe“, jagt ein Forfcher, 
„Spinnen in diefer Situation mit Nabeln 
durchſtochen, ohne daß fie das leiſeſte 
Zeichen von Schmerz von ſich gaben.“ 


In einem fonnenhellen Land.... 


In einem fonnenhellen Land, 
Wo hohe Palmen fprojien, 

War eines hehren Meifterd Hand 
Ein Wunderbild entfloffen. 


Ein Strahlenkranz, unfagbar mild, 
Der rings die Melt verflärte, 
Entquoll dem wunderfamen Bild, 
Dem nichts gli auf der Erde, 


Aus feiner Farben Harmonie 

Flop Lind’rung allen Schmerzen, 
Und wer es ſchaute, fant auf's Anie, 
Und betete im Herzen. 


187 


Und wer entmenfht im Staube kroch 
Und aufgehört zu hoffen, 

Der fah das Bild und fternenhod) 
Schaut’ er den Himmel offen. 


Dod mit der Zeiten rafcher Aluth 
Im Wechſel der Geſchlechter, 
Kam auch das Bild in fremde Hut 
Und unter fremde Wächter. 


Und wieder Andere folgten nad) 
In ungemeffener Reihe — 

Und an dem Bilde allgemach 
Schwand Harmonie und Weihe... 


Die Einen klexten Farben hin 
An unbemalter Stelle, 
Und da, wo es dunkel ſchien, 
Da malten fie es helle. 


Den Andern ſchien der Hintergrund 
Zu glanzlos und beſcheiden, 

Und d’rum verfahen fie ihn bunt 
Mit Tand und Goldgefchmeiden. 


Und endlid ward's ein neues Bild, 
Berfchwunden war das alte, 

Da jeder ſich berufen hielt 

Und an dem Bilde malte. — — 


Und was iſt's nun? Ein leerer Wahn, 
Denn Glaube ift ed nimmer, 
Sie beten nur die Farben an 
Und eitles Boldgeflimmer, — 


Und jene hehre Harmonie, 

Allmächtig, andahtsinnig, 

Wohl längft entſchwunden, ift mir wie 
Eim Märchen, wunderſinnig, 


Das ich geträumt im Kindestraum, 
Bom Mütterhen geſchaukelt — 
Und das mir hin und wieder faum 
Noch leid im Sinne gaufelt. — 


Otto £udw. Müller, 


Der Burpermeifter von Abelsberg. 
Ein Schwant von P. 8. Rofegger. 
Das Jagdrecht ift eme prächtige 
Sache; aber ich fenne viele Orundbefiger 
und Gemeinden, die es nicht ausüben. 
Es leite die Jagbluftigen von der Be 


rufsarbeit ab — fagen fie — es ver: 
führe die Jugend zum Müffiggang, und 
| die foftipielige Paſſion wäre nit fo 
bald mehr aus dem Kopf zu bringen; 
es verlode zur Mebervortheilung des 
Nachbars, gar zu Diebftählen, und es 
fofte manchem ungeſchickten Schüten feine 
gefunden Glieder oder die eines Anderen. 
Und ſchließlich ginge bei mwillfürlicher 
Selbftbenügung bald der ganze Wild- 
ftand zu Grunde. Sie verpadhten daher 
dad Revier und zahlen mit dem Padıt: 
ſchilling ihre Steuern. 

Die Abelsberger denken nicht fo; fie 
find viel zu liberal. Die Abelsberger 
haben in ihren Wäldern gejagt, fo lange 
noch das Pulver nit hätte fnallen 
follen; und fie follten es jeßt unter: 
lafjen, da e8 fradhen uud ganz ungenirt 
von allen Wänden mieberhallen darf ? 
Nein. Die Abelöberger üben das Jagd: 
recht felber aus, Es gibt fein tolleres 
Felt, ald wenn fie Jagdtag haben; da 
ſetzt's Hallodria, Räufche, Püffe, Aben: 
teuer, furz alles Mögliche, nur fein 
Wildpre. Das Wildpret haben die 
Wildſchützen ſtets Schon früher in Sicher: 
heit gebracht. 

Ah, die Wildſchützen, die find eine 
Zandplage für die guten Abelsberger. 
Der Gemeindevorftand (fie heißen ihn 
„Burgermeifter“ ; der Burgermeifter 
alfo) und fein Burſche mögen noch fo 
ftreng fein — es hilft nichts. Und 
wollten fie die Wilddiebe alle einfperren, 
fo — — mären in Abeläberg leicht 
die bravften Leute die längfte Zeit auf 
Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder 
auf Wallfahrten oder auf fonft was; 
und fo — munfelt man — fönnte es 
fih zutragen, daß eined Tages die 
Kinder feine Schule hätten und daß zum 
Sonntag der Gottesdienſt ausbliebe, weil 
— der Herr Pfarrer verreift. 

3 ift eine böfe Sad’, und ber 
Burgermeijter, ein Ehrenmann über und 
über, briht in ein gräßliches Fluchen 
aus, wenn eine Gefellichaftsjagd fchlecht 
ausfällt, und der ganze Gemeinderath 
flucdht mit, daß, von den Flüchen mehr 
erſchreckt, als von den Schüflen, allen- 

50* 


788 


falls ein allerlegtes Häslein nod eilig 
über die Grenze fett. 

Jagdaufſeher ift ver Gemeindediener, 
aber der Gemeindediener ift nicht mehr 
jehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein 
hat er die Gicht, und das linke ift ihm 
vor Jahren in Böhmen abgefchofjen 
worden. — So war's voreh’ ; dann iſt's 
anders geworben. 

Es war mweife” vom Burgermeifter, 
ald er eines Tages bei der Situng fol- 
gendermaßen das Wort ergriff: „Daß 
ih ſag', nad meinem Verſteh'n: Die 
Jagd, verpachten thun wir's nit; denn 
wegen warum? unfere Buben werben 
Soldaten, die müflen das Schießen ler: 
nen!“ Patriotiſch war er immer, der 
Abelsberger Vorftand; und dann fuhr 
er fort: „Aber das fag’ ih, nad 
meinem Verſteh'n, einen ſchärferen Jagd⸗ 
wachter müſſen wir haben. Ich rath', 
wir laſſen einen Militärsmann kommen, 
einen Ausgedienten; ſo Einer iſt re— 
ſpektabel und kann laufen. Die Ge— 
meindedienerei betreibt er uns auch; ſo 
Einer iſt pünktlich und koſtet nicht viel. 
Ich ſag', wir machen Ja darüber.“ 

Sie machten Ja darüber. 

Etliche Tage nachher trat der Sol— 
daten-Schorfh das Amt an. Es war 
ein Veteran, Fernfrifh und baumftarf 
und feinſchneidig, fchleppte einen langen 
flirrenden Säbel — Gemeindegut — 
und trug einen wuchtigen Schnurrbart, 
der fe aufgefpigt war, wenn fich der 
Mann in guter Zaune befand, der aber 
ſchauderlich zerzauft fich über die Baden 
hinausfträubte, wenn der Mann mild 
war; und wenn er in's Fluchen gerieth, 
da ftanden ſelbſt den Abelsbergern die 
Haare gegen Himmel. Das war nun 
der neue Gemeindediener und der „Jagd: 
wachter“. 

„Daß Er’3 weiß, Schorſch“, redete 
ihn der Burgermeifier bald nad der 
Aufnahme an, „wenn Er Seine Sad’ 
in Ordnung hält, jo fommen wir gut 
miteinander ab. Wird fich bei mir nit 
zu beflagen haben. 


fortweg ein Schweinftall gewefen. Wei: 
terö hat er die Gemeindefchriften zu ver: 
tragen. Um Mitternacht, wenn Sperr: 
ftunde ift, muß er von Wirthshaus zu 
Wirthöhaus gehen. Iſt wo ein Rauf: 
handel, fo muß Er dabei fein. Die 
freie Zeit muß Er im Wald umgehen, 
und das mag er fich Hinter die Ohren 
fchreiben: wenn ein Stüd Wilbpret 
fehlt, fo wird Er darum hergenommen. 
Wenn Er einen Wildſchützen fieht, ein- 
fangen! und ift’3 wer immer, hört er, 
Schorſch, iſt's wer immer — einfangen 
und in den Arreft treiben. Verftanden ?* 

Der Schorfh legte feine Hand an 
dad Ohr, dann fchritt er kerzengerade 
und mit vafjelndem Säbel davon. 

Verſah fein Amt gut, der neue Ge- 
meinbebiener. Er reinigte die Kanzlei, 
daß fie blank wie eine Wachtſtube war; 
er „vertrug” die Schriften, Anfangs 
freilich einigemale ganz buchſtäblich; zur 
Sperrftunde ging er in die Wirths- 
häufer, wo ihn fogar mehrmals ber 
Burgermeifter einlud, an feinem Tiſche 
Pla zu nehmen, und bei jedem „Rau: 
fen“ mar der Schorfdh dabei. 

Bei folder Pflichttreue verfehlte der 
leutjelige Vorftand nicht, feinem neuen 
Diener mitunter einen freien Tag zu 
gönnen, an welchem fich derſelbe nad) 
Wunfh und Wahl gütlih thun Fonnte. 

An einem folhen Tage im Herbite 
war es aud, daß der Schorfdh, nad): 
dem er fih vom Dienfte losgemeldet 
hatte, mit einer gewaltigen Commißs 
pfeife zmwifchen den Zähnen, gelaffen in 
den Wald hinaus fchlenderte. Er ließ 
fih gehen, und wenn er aus dem 
großen Tiegel ſchmauchte, jo wichen ihm 
vor den Häufern aud die Bauern nicht 
aus. Wenn der Mann fonft aber im 
Soldatenfhritt einher marjdirte, die 
Zähne aufeinanderbiß und mit den fin- 
fteren Augen dreinſtach, da hatte Er ge: 
fährlide Steuerbögen in der Taſche. 

Heute hatte er den Schnapäpluger 
d’rin, und damit ftrih er in den ſchat— 


Einmal hat er die tigen Wald hinaus, — Wenn ich einen 


Kanzlei rein zu halten; unter dem’ ver: | Hirfch fehe, dachte er bei fi, fo madt 
wichenen Diener ift meine Stube da | mir das Spaß, und fehe ich einen Wild- 


889 


dieb, fo bin ich auch heute der Diener 
meined Herrn. 

So ftieg er immer weiter durch die 
Wälder hinan und in die Wilbnif 
hinein. Und alö er gegen eine hobe 
Felswand fam, an welder wilder Epheu 
emporrankte, an welcher hoch das nor: 
rige Neft eines Habichts klebte, fand der 
Schorſch die Wand fo romantifch, daß 
er fi in ihrem Schatten nieberließ und 
feinen Plutzer entlorkte. — Es wäre ein 
anmuthiges Stündchen geworden, da hörte 
er plöglih einen Schuß. 

Sofort war der Soldat auf den 
Beinen. Den Säbel hob er empor, 
daß er nicht Flapperte im Geftein und 
Gewurzel, und fo fhlih er der Rich— 
tung zu, in welder der Schuß gefallen 
war. 

Nah einigem Suden fand er was. 
Im Waldesduntel fauerte ein Mann 
und meidete einen erſchoſſenen Rehbod 
aus. Und der Mann war der Burger: 
meifter von Abelsberg. — Wie? ift 
denn heute Jagdtag? fragte ſich ber 
Schorſch. Kreuz: Bomben und Morbs- 
ftern, heute ift nicht Jagdtag. Halt, 
Kerlhen, wir Zwei werben näher be: 
fannt. — Über e8 ift ja der Burger: 
meifter! — rief in ihm eine andere 
Stimme. — Thut nichts, dachte ſich 
der Gemeindediener wieder, wer wildert, 
ift ein Wilddieb. Was er fonft noch 
ift, ift mir alles eins. Das Schießen 
ift jet nicht erlaubt; geftern erjt hat 
der Vorftand das neue Verbot auäge: 
ſchickt. Und thät er's reblih, fo brauchte 
er das Gewehr nicht zu zerlegen, das 
dort ſtückweis im Bufche ſteckt. Ah, 
mein fauberer Herr, desweg haft Du 
heute den Wilbwächter beurlaubt! Nun 
wollen anfangen. — Wenn’ aber der 
Burgermeifter jelber ift! warnte nod) 
einmal die andere Stimme, — Halt! 
flüfterte der Schorf&h, und ftemmte feinen 
Zeigefinger mitten auf die Stirne hin. 
Hat er mir nicht jelber eingefchärft, der 
Ertappte fei wer immer: einfangen! 
— Des höllifhen Satans will ich fein, 
wenn das nicht eine Falle für mich ift, 
Er hat mich abgejpäht und will ver: 


ſuchen, ob ich ein treuer, unbeftechlicher 
Burfhe bin. Nicht auffigen, Schorſchl! 

Etlihe Sekunden fpäter ſchlug der 
Gemeinbebiener dem eifrig fleifhernden 
Vorfteher Fed die flahe Hand auf die 
Achſel: „He da!“ 

Faſt follerte der Wilderer vor Schred 
über und über. 

„Aufftehen !* commandirte der Sol: 
dat, „wir gehen mitfammen.” 

„Aber, Schorſch, aber — Schorſchl!“ 
ſtotterte der Ertappte, „es iſt ja — 
es war ja —“ 

„Rehbock über die Achfel! Flint!“ 
rief der Diener mit fchneidiger Stimme. 

„Na, fo thu' Er — hi, Hi — 
— thu' Er doch die Augen auf, 
Schorſchl!“ 

„Ich mach' keinen Unterſchied.“ 

„Aber — Er ſieht's ja, hi, hi, ein 
Spaß, ein dummer Spaß —“ 

„Im Namen des Geſetzes arretirt!“ 

„Aber, ſo mach er keine Dumm— 
heiten, Schorſch!“ 

„Marſch!“ 

„Hör' Er! Das verbitte ich mir!“ 

„Ich brauche Gewalt!“ knirſchte der 
Wildwächter und griff an den Säbel. 
Aus ſeinen Augen funkelte der Zorn, 
unter ſeinem zerfetzten Schnurbart wir— 
belten die haarſträubendſten Flüche. 

Im Cabinet, in der Kanzlei iſt der 
Geſcheidtere Herr; im Walde iſt's der 
Stärkere. Höhergeftellte, einflußreiche 
Perſonen laſſen ſich bisweilen erbitten, 
aber ſo ein alter Soldatenkerl iſt nicht 
zu beſtechen. Die Feder ſträubt ſich, 
es zu ſchreiben, daß der Herr Burger— 
meiſter von Abelsberg als eingefangener 
Wilddieb mit dem Gemeindediener 
Schorſch gehen und den Rehbock ſelbſt 
auf dem Rücken mitſchleppen mußte. 

Der Vorſtand machte mehrmals 
unterwegs die unglaublichſten Verſuche, 
ſich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem 
Ausreißen und Fliehen war's ein für 
allemal nichts, denn der ſchwere Bock 
war ihm ſo feſt auf den Buckel ge— 
ſchnallt, daß der ſolcher Strapazen un— 
gewohnte Mann froh ſein mußte, wenn 
ihn das heilloſe Thier nicht zu Boden 


790 


ritt. Mit Drohungen richtete er nichts 
aus; dabei blieb der Schorfh ganz 
gleihmüthig; ift’3 eine Falle für mic), 
dachte er, fo darf ich nicht eingehen, und 
ift der Herr Vorftand ein wahrhaftiger 
Dieb, fo muß ich ihn ftellen. Da ver: 
fuht es der Arretirte mit Berfpre: 
Hungen; hundert Stück feine Cigarren 
für’ Erfte; eine goldene Saduhr für’s 
Zweite; und endlich, da fie dem ſchönen 
Abelsberg immer näher famen, feine 
ältefte Tochter für’3 Dritte. Die Folge 
davon war, daß der Soldat in Wuth 
ausbrach und mit geballter Fauft dem 
Nehbod einen fol’ derben Schlag ver: 
fette, daß der Bürgermeifter darunter 
taumelte. 

Und als fie endlich) zur Linde famen, 
wo die erften Häufer von Abelsberg 
anheben, blieb ber Vorſtand ftehen, 
flopfte mit fteifem Arm dem Gemeinde: 
diener auf die Achſel und lächelte: 
„Brav, Schorfhl! Er Hat die Prü- 
fung glänzend beftanden, Er ift ein 
waderer Mann; Er ift bei uns fein 
Lebtag lang verforgt.“ 

„Wohl“, ſchmunzelte der Soldat, 
„3 bat aber auch Müh' gefoftet, und 
beöwegen möchte ich eine Zeugenfchaft 
haben, daß die Sad’ pflichtgetreu aus: 
geführt worden: iſt.“ 

„Ei, das werde ich Ihm gern be: 
ftätigen und die Abelöberger wiſſen ja 
vom Jur; aber die Schulfinder dürfen 
uns fo nicht fehen, weiß Er, die Kinder 
— des Nefpeltes wegen, verfteht Er?“ 

„Mit Verlaub!” fagte der Schorfch 
gemeflen, „die Schulkinder follen es 
wiffen, daß in Mbelöberg aud der 
Burgermeifter eingefperrt wird, wenn er 
ftiehlt. — Marſch!“ 

Mitten durch den Marktplatz trieb 
er den wankenden Borftand dem Ge: 
meindehaufe zu. Bald waren fie um: 
rungen von lärmendem, höhnendem 
Volle. Einige Oemeinderäthe eilten 
herbei; vor diefen falutirte der Schorfd : 

„Vermelde gehorjamft, daß ich hier 
einen Wilddieb eingebradt habe!“ 

Bei der Sitzung fahen fi Die 
Väter der Gemeinde mit großen Augen 


an und murmelten: „So hätt’8 uns 
au gefchehen können. — Der Sol: 
daten-Scorfch ift ein prädtiger Kerl, 
den müſſen wir bei feinem Regiment 
recommandiren. Abelsberg iſt für ihn 
fein Play.“ 

Und am nächſten Tage ift der Reh: 
bod verzehrt worden im Feſtſaale bes 
Gemeindehaufes. Noch lange werben 
die Abeläberger von ihrem Burgermeifter 
ſprechen, „ber ſich herabgelafien, auf 
eigene Rechnung und Gefahr die Recht: 
Ichaffenheit eines Jagdwachters zu er: 
proben“. 

Der Burgermeifter ift mit folder 
Löſung zufrieben. 


Was ein böfer Vogel auf dem Dad 
fann zumege bringen. 
(Eine wahre Begebenheit.) 


Den Baron Goldleibel müfjen wir 
recht in Ehren halten, denn er hat — 
nein, er that — bas heißt, er war 
von altem Adel. Der Baron konnte mit 
jenem NRitterömanne fagen: „Mein 
Stammbaum geht aus der Zeit Karls 
deö Großen herauf; dazumal war mein 
Urahn Pferdedieb.“ Ya, der Baron 
Goldleibel konnte noch mehr fagen, er 
ftammte, wie jhon fein Name zeigt, 
von einem römifchen Patrizier ab, ver 
um dad Jahr 125 nah Germanien 
fam, daſelbſt eine große Reutung vor: 
nahm und eine Schweinezudt anlegte. 

Das ftolze Bergſchloß, welches 
diefes Geſchlecht einft erbaut hatte, war 
längft ein Neft plebejifher Eulen und 
Fledermäufe geworden. Das verbroß 
den Jüngſten des Stammes gewaltig 
und er befchloß, die Burg feiner Väter 
wieder zu reftauriren und in berfelben 
den ehrwürdigen Stammbaum fortzu: 
zügeln. Freilich, al nun aus dem 
alten das neue Schloß fertig war, Tieß 
es fi nicht leugnen: ed mar mit 
Schulden gevedt und mit Schulden ge 
pflaftert; auf dem Thurme wehte ſtets 
das weiß =rothe Fähnlein, aber auf dem 


791 


Knopfe ſaß ein Vogel, der fang in 
einemfort: „Schloßherr, gib Zinfen, 
hohe Zinfen, hohe Zinſen!“ 

„Papa !" fagte eines Tages Ludwig, 
das Söhnlein, „ven garftigen Vogel 
follteft Du vom Dache ſchießen.“ 

„Das Vieh ift nicht umzubringen, 
mein Sohn,“ entgegnete Papa, „oder 
es müßte zu tobt gefüttert werben mit 
mehr denn Hunderttaufend ulben. 
Aber dieſes Gift ift nicht im jeber 
Apothefe zu haben.“ 

Ludwig war zum Jüngling heran: 
gewachſen, den der Vogel auf dem 
Thurme weiter nicht Fümmerte, er 
wußte anderes Wild, an dem er fein 
Jagdglück verfuhen wollte. Im Walde 
ging auch mandes Hirtenmägdlein, das 
Erdbeeren oder Brombeeren pflüdte, 
allein der alte, fittenftarre Baron 
verbot feinem Sohne jtrengftend, von 
den Baueröleuten Wildobft zu nehmen 
— das thäte fih für einen Edelmann 
nicht ſchicken. Noch ein Wunder, daß 
der Herr Baron die junge, hübſche 
Köchin gelten ließ, die, wenn aud des 
Barbiererd Tochter aus dem Dorfe, 
gleihwohl die Familie Goldleibel mit 
einer trefflihen Küche verjorgte. 

Cs war wohl wahr, der Baron 
gab ihr mit jedem Winfe und Tone, 
in dem er mit ihr nothmwendig ver: 
fehren mußte, zu verftehen, daß er ber 
Freiherr und fie, die Ködin, feine 
hörige Dienerin ſei; denn nimmer 
wollte er den Schloßgraben mit Erde 
ausfüllen, der zwiſchen dem Edelmann 
und dem Plebejerthume lag. 

Wie war der Baron Golbleibel 
daher eines Tages überrafht, als Sufi, 
die Köchin zu ihm trat, ſchämig ihren 
weißen Schürzenzipf walfte und endlich 
mit der Bitte um Löfung des Dienft- 
vertraged herausrüdte. 

„Wenn fie fort will,” entgegnete 
der Baron kurz, „fo halt’ id fie nicht 
auf. Aber den Grund will ich wiſſen.“ 

„Den kann ic) aud) jagen, gnädiger 
Herr," verjegte das Mädchen mit felbit- 
bewußterem Tone als es fonft gewohnt | 


war, „der Kreuzfchneiber in ber Gemein 
ift mein Pathe, und —“ 

„Der will fie haben!“ unterbrad) 
der Baron. 

„Nein, gnädiger Herr; ber hat mir 
einen Schein von der großen Lotterie 
gefauft, und —“ 

„Und da will fie deshalb aus 
dem Dienfte ſtehen?“ polterte ber 
Edelmann. 

„Freilich, gnädiger Herr; willen 
der gnädige Herr, 's ift Halt jo eine 
ſpaßige Geſchichte, jetzt — id hätt’ 
mir fo was aud nidt im Schlaf ein 
fallen laſſen; aber 's kann fein Menſch 
dafür — den's trifft, der muß ſich 
darnach richten, und —“ 

„Alſo was denn, was denn 2” rief 
der Baron ungebuldig. 

„Sa, gnädiger Herr, den Haupt: 
treffer hab’ ich halt gemadt. Und jest 
hab’ ich mir's überlegt und will feinen 
Tag länger dienen. Daß mir's ber 
gnäbige Herr glauben, da hab’ id die 
Bapiere.“ 

Faft ſprachlos war der Herr Baron. 
Er mußte fih auf einen Seſſel nieder: 
laſſen. a, die Papiere waren freilich 
richtig, und durd das offene Fenſter 
herein hörte er den Vogel: „Schloßherr, 
gib Zinſen, hohe Zinſen, hohe Zinſen!“ 

Endlich, als der Edelmann wieder 
zu Worte kam, ſagte er kalt: „Gratulir. 
Aber ſie wird wiſſen, es iſt vierzehn⸗ 
tägige Aufkündzeit, und bis Ablauf 
dieſer Friſt hat fie im Schloſſe den 
Dienft zu verfehen.“ 

Die Sufi gab fih drein. Der 
Baron ging in den Eihenparf hinaus 
und ſuchte feinen Sohn. Er fand ihn 
auf einem galopirenden Rappen. 

„Spring’ ab, Ludwig, und laß den 
Rappen laufen; ich hab’ ein ermites 
Wort mit Dir zu reden." 

Der junge Mann befolgte ſogleich 
des Vaters Befehl. Sie gingen durd) 
ſchattige Lauben. 

„Ludwig,“ ſagte der Baron ge 
meſſen, „mas, glaubft Du, dürfte ich 
Dir heute zu fagen haben ?” 

Der junge Mann zudte die Achſeln. 


792 


„Nu, werben jehen,“ fagte der 
Baron, „Jungfer Sufi, die wirft Du 
fennen !" 

Ludwig wurde roth bis hinter die 
Ohren; auf diefem Felde mußte ihm 
nicht ganz geheuer fein. 

„sh werde mich fehr kurz faflen, 
mein Sohn. Meine Haare werben grau, 
unjere Güter verzehren fih; Du mußt 
an eine Partie denken, die Dir min- 
deftend zmweihunderttaufend Gulden ein: 
bringt. Geld ift heutzutage die Haupt: 
ſache; und die demofratifche Richtung 
der Zeit können mir nicht mehr auf: 
halten, was bleibt uns übrig, als ſich 
ihr zu fügen? Hunderte und Taufende 
unfere® Ranges verfchmähen es nicht, 
ihr altes Wappen auf den Grund bes 
Volkes zu pflanzen. Doc, was ich jagen 
wollte. Yungfer Suft hat in der Staats: 
lotterie legter Ziehung einen Haupttreffer 
gemacht, ift im Beſitze von zweihundert— 
taufend Gulden. Die Jungfer hat be: 
reitö den Dienft gefündet und wird in 
vierzehn Tagen das Schloß verlaj: 
fen. Mit einem Worte, es ift Deine 
Aufgabe, Ludwig, innerhalb vierzehn 
Tagen Suſi ald Deine Braut zu ge: 
winnen.“ 

Die Nöthe auf des Jünglings 
Antlig war merklich gefchwunden ; nur 
ein folider, männlid brauner Hauch 
war noch geblieben. Ein leifes Lächeln 
zudte um den Mund, Muth und Kühn: 
heit ftrahlte aus den lebendigen Augen. 

„Papa !" fagte er, „ich danfe Dir, 
ich werde Deinen Wunſch erfüllen.“ 

Eine Stunde fpäter zündete der 
junge Edelmann feine Cigarre in ber 
Küche an. Er fcherzte dabei Teutfelig 
mit der hübſchen Köchin, dann feßte er 
fih auf das Nudelbrett neben dem 
Herd und fagte, er wolle doch einmal 
jehen, wie fo ein gefpidter Haſe zube— 
reitet werde. 

„So Schauen der gnäbige Herr 
nur,“ fagte Sufi mit lauernder Bos— 
heit, „der Hafe ift nicht die Haupt: 
fache, der Sped ift die Hauptſache, der 
ringsum hineingefpidt wird; und nachher 
dreht man das Ding eine Weile fo um 


dad Feuer — völlig fo, mie mich der 
gnädige Herr drehen; ja, ich bin jett 
aud jo ein gejpidter Hafe.“ 

Die Berlegenheit des jungen Ebel- 
mannes war gar nicht Fein. Er war 
durchſchaut und erachtete feinen Plan 
für gefcheitert. Verdrießlich erhob er 
ih, allein Suſi lub ihn ein, fiten zu 
bleiben. „Wir find ja noch nicht in ber 
Ordnung,“ fagte fie und trodnete ihre 
glatten Hände an der fchneeweißen 
Schürze. „Der gnädige Herr wiſſen 
gleichwohl, daß mir Zwei gegen ein- 
ander gerade feine gefpreizten Reben 
mehr zu führen brauchen. Der gnädige 
Herr haben ein Schloß und ich hab’ 
ein Geld; und ih mill mid nicht erft 
überliften laſſen, ih mil die Sad)’ 
gleich felber in die Hand nehmen und 
ih ſag's frifch heraus, wollen mich ber 
gnädige Herr ganz und gar zur Schloß: 
frau machen — mir ift es recht.“ 

„Die Jungfer — mißverfteht mich,“ 
ftotterte der junge Mann; „ich glaube 
bereit3 den Beweis geführt zu haben, 
daß nicht das Geld es ift, welches mid) 
zur Jungfer hinzieht; — die Liebe, 
Sufi —!“ Er umarmte fie, zog fie 
an feine Bruft. 

In demfelben Augenblide trat un- 
glüdfeliger Weife her Herr Baron ein. 
Die Gruppe erblidend, ſchlug er ſprach⸗ 
[08 die Hände zufammen. 

„Ludwig!“ rief er endlich mit 
fchmerzbewegter Stimme. „So Fannft 
Du Did vergefien! Bift Du werth, 
ein Goldleibel zu fein? Berftoßen, ent: 
erben follt’ ih Did, Du ungerathenes 
Kind; doch anders folljt Du mir büßen. 
Deiner beifpiellofen Erniedrigung fol 
eine beifpiellofe Sühne folgen. Ein 
Gentlemen bin ih, und id ftelle bie 
Menſchenwürde und die Sittlichleit noch 
höher, als den altehrwürdigen Namen 
der Vorfahrer. Du Haft Did an ber 
Jungfer vergangen, Ludwig, Du hei: 
rateft die Jungfer! — Keine Wider: 
rede, Burfche, Du heirateft die Jungfer!“ 

Der junge Mann fenkte fein Haupt. 

„Ei!“ rief Suſi lachend und 
ihmang den Kochlöffel, „hören mir der 


793 


gnädige Herr auf mit dem Komöbie: 
fpielen; jagen wir's gleich frifchmeg : 
Der Herr will mein Geld und ich mag 
fein Schloß — topp!“ 

Der Junge ſchlug feine Hand hin, 
der Alte fegnete gerührt den Bund. 

Luftig flatterte das weiß =rothe 
Fähnlein auf dem Thurm — und der 
leidige Vogel war geftillt. 

aM, 


Der Huffhmied von Steinad). 
Eine fteirifche Volksſage. 


Da lebte zu Steinad im Ennöthale 
einmal ein Huffchmied, das war ein gar 
frommer Mann. Man durfte ihn nur 
Iprechen hören, und er ſprach nicht wenig, 
um von feiner Heiligkeit überzeugt zu 
fein. 

„Sünder“, fagte er ftet3, „find wir 
Alle, ih auch; aber demüthig muß man 
fein, und nit fo hochmüthig, wie ber 
Poftmeifter zu Liezen und nicht fo Aer— 
gerniß geben, mie die Adlerwirthin zu 
Irdning, und nit fo ausgelaſſen fein, 
wie die Burfhen zu Mitterndorf, und 
nicht fo leichtfertig leben, wie die Dirnle 
zu Gröbming und Sanct Martin und 
Wörſchach und Weiffenbah und Stei— 
nah. Die Wenigften find mas nub, 
heut’ zu Tag, und muß unfer Einer 
nur feinem Gott danken, daß die Schled;- 
tigkeit nicht in’ eigene Haus fommt. 
Die Burfchen zu Mitterndorf find Nachts 
nicht daheim in ihrem Bett; aber zu 
Sanct Martin find Nachts die Dirndle 
nicht daheim. In Donnersbahmwald 
wächſt jahraus, jahrein nicht fo viel 
Haberftroh, daß es für die Gottsleich— 
namstag⸗Kränze unferer Mädeln thät 
langen. Und der Herrgott hat nicht jo 
viel Feuer und Schwefel am Himmel, 
daß er auf unfere Almen und Brend: 
lerhütten genug kunnt regnen laſſen.“ 

In ähnlicher Weife hatte der brave 
Huffhmied zu Steinah oftmals feiner 
Entrüftung Ausdrud gegeben. 

Da war ed einmal in der Sonnen: 


aus dem Sclafe gewedt wurde. Auf 
der Stufe feines Bettes ſaß ein kleines 
Männlein, das hatte Mugen, die wie 
Karfunkel leuchteten, fo daß die ganze 
Kammer von einem grüngelben Lichte 
erhellt war. Das Männden hatte dem 
Schmied eine Maus in das Bett ge: 
than, und diefe hatte mit ihren ſcharfen 
Zähnlein den Mann wach gebiflen.. 

„He!“ rief der Schmied erfchroden 
auf, „maß ift das für ein Gezücht unter 
meiner Deden ?“ 

„Mein Lieber Huffchmieb“, entgeg: 
nete hierauf das Männlein, „Du follft 
eilends aufftehen, Hammer und Zange 
nehmen und mit mir auf die Scheichen- 
ſpitze gehen.“ 

„Was?“ rief der Schmied, „auf 
die Scheihenfpige am Stein, die zwei 
Tagreifen von dahier entfernt iſt? Ya 
gar feine Möglichkeit, daß ein Menſch 
auf diefen Felfenberg kunnt fteigen.“ 

„Huffchmied, das laß’ meine Sad’ 
fein“, fagte das Männlein, „ſteh' auf, 
es geſchieht Dir nichts zu Leid’, bift 
ja ein frommer Mann. Kannſt auf 
einem goldenen Wagen dur die Lüfte 
fahren, oder auf einem feurigen Rappen 
reiten.” 

Ya, aber ala der Schmied vor’s 
Haus trat, da war der Wagen feurig 
und anftatt des Rappen jtand ein un— 
geheurer Drache da und flatterte mit 
feinen ſchwarzen Flügeln. Auf den 
Draden mußte der Huffchmied fteigen, 
das grünäugige Männlein aber jeßte 
fich fichernd in den feurigen Wagen und 
fie flogen in die Lüfte empor und in 
einem gewaltigen Bogen hoch über den 
Grimming bin. 

Auf einer Zade des Stoderzinfen 
madten fie Halt, und das Männlein 
fagte zum Huffchmied: „Lieber Meifter, 
jego wifje, worin Du mir dienen follft. 
Da unten am Ahornfee, auf dem juft 
das Mondliht fchimmert, habe ih ein 
großes Heer von jungen Rößlein, bie 
fih dort eben baden und hernach mit 
ihren Knien auf die Scheichenſpitze 


wendnacht, daß der Schmieb plöglich | fleigen müfjen.“ 


794 


„Das kann ich nicht verſtehen“, ſeine längſten Nägel hervor, aber als 


fagte der Hufſchmied. 

„Das wirft Du gleich verftehen”, 
fagte dad Männlein. „Diefe jungen 
Nöplein, das find all’ die leichtfertigen 
Dirnen von Gröbming und Sanct Martin 
und Wörfhah und Weiſſenbach und 
Steinah, die Du fo gut fennft, und 
die auf der Scheichenfpite heute einen 
Teltball geben. Nun weißt Du aber, 
daß die Wände der Scheihenfpite glatt 
und fteil find; und weil die Ballerinen 
Inieend hinauf müffen, fo ift es nöthig, 
daß Du ihnen ſcharfe Hufeifen an die 
Knie ſchlägſt.“ 

Der Schmied that einen Seufzer, 
und dann fuhren fie nieder zum Gee. 
In der Kluft eines Felfend ward bie 
Schmiede errichtet, und das grünäugige 
Männlein führte der Dirnen eine um 
die andere vor und der Meifter Huf: 
ſchmied maltete feines Amtes. Die 
Mehrzahl war da der Schönen vom 
Ennsthal; von den Dörfern herauf, von 
den Gehöften heran, von den Almen 
herab waren fie gefommen — ganz fo, 
wie e8 ber Schmied immer gefagt hatte: 
Die Wenigften find mas nuß, heut zu 
Tag. Er freute fi insgeheim über 
die Schlechtigkeiten, welche feine und 
feines Haufe Tugend um fo glänzender 
emporgehoben. Er kannte faft Alle. 
Auch die „Ehrenmwerthen“ waren dabei, 
die daheim im Rufe der Sittfamleit 
und Frömmigkeit ftanden, — betagte 
Frauen aud) darunter. Sogar ein paar 
Nahbarinnen aus Steinach lockte das 
grünäugige Männlein daher und bei 
Einigen war vor lauter Knien in ber 
Kirche die Kniefcheibe fo hart und ver: 
Inöchert, daß der gute Meifter faum die 
Eifennägel hineinbradte. 

Die Meiften famen wider alles Er: 
warten gerne herbei, um fi für bie 
Befteigung des Berges rüften zu laſſen. 
Nur Eine, die Allerlegte wollte gar 
nit voran und bebedte ihre Knie mit 
den Händen und ihr Geſicht mit den 
langen 2oden. 

Als der Meifter diefe Störrige fah, 
holte er feine ſchärfſten Hufeifen und 


er ihr dann die Haare aus dem Geſicht 
ſchob, erfannte er — feine eigene Haus: 
frau. 

Eilend8 nahm er Reißaus, floh 
durch das fteinige Kar dem Thale zu 
— und von diefer Zeit an foll er nicht 
mehr geeifert haben gegen die liederliche 
Welt. 

Im Gewände der Scheichenſpitze 
und des Thorftein fol noch heute manch' 
ein altes Hufeifen gefunden werben, 
und im oberen Thale der Enns wird 
die boshafte Sage gerne erzählt. 


Roblied auf das Kleine. 
Von Ernft Lindner”) 


Fort thun die Leut' nur 's Große lieben, 
Das Kleine, das liebt Niemand, nein, 
Und doch iſt's Herrlichfte auf Erden, 
Das Herrlichfte im Himmel Mein, 


Klein ift die Perle, Hein der Diamant, 
Der allerfhönfte Edelftein, 

Und Hein bift Du, mein’ Mare Perle, 
Mein heller Demant, Du bift Hein. 


Klein find die hehren Himmelskinder, 
Die lieben Engelden find Hein. 

Und Du, der Engel allerfdhönfter, 
Mein goldig Engelchen bift Fein. 


Klein, feit ih Did, Du Meine Maus, hab’, 
Iſt au die Welt, der Himmel mein; 
Denn meine Welt, mein All's, mein Himmel, 
Bift Du ja, goldiges Krümmchen mein. 


Sogar der Gott, der aus dem Himmel 
Lentt all’ mein Sinnen, all’ mein Sein, 
Der allergrößte von den Göttern, 

Der Bott der Lieb’ ift Hein. 


Der äugelt in Deine lieben Augen, 
Der lädelt auf Deinen lieben Mund, 
Und ſchießt daher die füßen Pfeil! mir 
Tief in meines Herzens Grund, 


*) Aus der Zipfer Mundart überfept. 


_— 


795 


Etwas Gutes für arme Kinder, 


In Kopenhagen hat man eine ebenfo 
ſchöne als einfache Einrichtung getroffen, 
den Kindern unbemittelter El: 
tern während ber Sommerferien den 
Aufenthalt in wohlhabenden Häufern zu 
ermöglichen, damit auch für fie diefe Zeit 
im wahren Sinne ded Wortes eine Er: 
holungszeit fei. Zu dem Zweck mird 
fhon einige Zeit lang vor Beginn ber 
Ferien eine Aufforderung an die be: 
mittelten Einwohner Dänemarks erlafjen, 
dahin gehend, die Beföftigung und Unter: 
haltung je eines oder einiger Kinder auf 
diefe Zeit zu übernehmen. In der Regel 
laufen genügende Anerbietungen menſchen⸗ 


freundlicher Seelen ein, fo daß zur be— 
ftimmten Zeit fämmtlihe armen Schul: 
finder Ropenhagens bei guten Menschen 
in der Stabt felbft oder in Kopenhagens 
Umgebung freundliche Aufnahme finden, 
um jedenfalls leiblich, vielleicht auch geiftig 
geftärft nach abgelaufener Frijt zur 
Wiederaufnahme des Schulbeſuches zu= 
rüdzufehren. Zur Erleichterung der Durch⸗ 
führung diefeseblen Wertes ift den Kindern 
von ſämmtlichen Bahn: und Dampfſchiffs⸗ 
Geſellſchaften im ganzen Staate * 
Fahrt gewährt. 

Wie, wenn wir dieſe ſchöne Sitte 
nicht bloß gutheißen, ſondern auch nad: 
machen wollten? 


Heilige Pilgerſehnſucht zieht mid... 


Heilige Pilgerfehnfucht zieht mid mächtig nad dem fernen Süden ! 
Pilgerfehnfuht unaufhaltfam zu dem heiligen Grab im Süden! 

Drinn mein Lieb mit meinem Glüde, wie mit bräutlihem Gefchmeide, 
Liegt gefhmüdt, mit goldenen Träumen, — all’ begraben fern im Süden! 
Pilgerthränen laßt mid weinen, die ihre mich umfteht fo fragend, 

Heiße Thränen laßt mich weinen auf das Falte Grab im Süden ! 
Pilgerküffe laßt mid drüden auf der Rofen duftige Häupter, 

Wilder Rofen, die umblühen meiner Liebften Grab im Süden. 


Halte feſt nur noch ein Weilchen, all zu wild bewegte Seele, 

Bis die Pilgerfahrt vollendet zu dem heiligen Grab im Süden! 
Dort will id) noch einmal preffen an mein Herz die beiden Hände, 
Will zum Himmel dann die Augen wenden, meine weinensimüden, 
Zu ihm beten um die Fülle feines tiefften Bottesfriedens ! 

Und dann wenden meine Schritte von dem Grab im fernen Süden! 
Und der Jugend Freuden fegnen und der Jugend gold’ne Träume, 
Die bier ruhen, ad) für ewig, unterm Hügel fern im Süden! — 


Als Du mweilteft nod auf Erden, wußt' ich dir fein Lied zu fingen! 
Da fie Did entzüden konnten, feine Rofen dir zu bringen! 
Iept, wo du hinabgefhieden in das Reich der bleichen Schatten, 
Sudt mein Bram fi in Ghafelen, dir zum Lobe, loszuringen ! 
Doch die Lieder all, die fommen aus der todeswunden Seele, 
“ In dein Grab, das tiefe, ftumme, werden fie hinab nicht Mingen, 
Und die Rofen, die ich pflüde und dir leg anf Deinen Hügel, 
Können dir den Lenz, den bolden, mir mein Glück nicht wiederbringen. 


Und dody möcht’ ich deinen Hügel ganz begraben unter Rofen! 
Und fo lang’ ich leb' und athme, Did), du todtes Lieb, befingen ! 


. 


A M. Weffely, 


Auli. 


Es hatte jo ſchön den Anfchein, als 
gingen wir dem ewigen Lichte zu, als 
wollten in unferen Striden die Nächte 
allmälig verfhwinden. Da hat fih’s 
mitten in der SHerrlichfeit wieder zum 
Schlimmen gewendet. Die wachſame Uhr 
an der Wand merft es zuerft und bie 
achte Abendſtunde jchlägt fie einem bäm- 
mernden Zimmer. Aber die Leute wollen 
nicht heim in’3 Haus; auf den Wieſen 
liegt daS duftende Heu, auf dem Felde 
prangen die goldenen Garben. Wir ahnen 
wieder eine Zeit, wo wir Alles, was 
ſich jegt im Ueberflufje bietet, aus fchnee: 
bebedten Scheunen werden holen müflen. 
Ueppig wuchern Wälder und Gärten und 
in heißefter Zeit ſpenden fie den bichteften 
Schatten. Wilde Blumen fo reih und 
bunt, Rofen fo groß und roth, Johannis: 
würmden am Abende jo gülden glühend 
wollen unfer Auge beraufchen, betäuben, 
daß es die böfe Wendung nicht follte 
fehen, die das Jahr genommen hat. Und 
wie warm die Tropfen des Regens find, 
bie auf die unzählbaren Herzen der Blätter 
nieberfallen, immer neue Pflanzen= und 
Blumenmwefen hervorlodend aus der keim— 
und fruchtfcehwellenden Erde! Und mie 
die Jungen auftauden, jo finfen die 
welfen Alten dahin; 's ift nicht Raum 
zugleich, für die Kinder von geftern und 
von heute. So geht es Allem, was da 
feimt, fliegt und kriecht — und zu diefer 
Zeit fpielt der Menſch jenes Gefpenft 
mit der Senſe oder der Sichel, und 
pfeift dabei ein Liebeslied. Und ift er 
felber tobt dereinft, jo wachſen auf feiner 
Ihwarzen Scholle wieder jene Halme und 
Blumen, die er heute getödtet hat... . 

Die Kirhe hält allfonntägig ihren 
Umzug und befegnet mit ihrem Heiligften 
die vier Himmelsgegenden, daß böfe, 
mwohl gar geherte Wetter den Früchten 
der Erde nicht fchaden, und lieſt den 
Stammbaum Jeſu Chrifti, des Sohnes 
Abrahams, des Sohnes Davids, des 
Sohnes Joſefs, weldher der Mann Mariens 
war. Und lieft das merkwürdigſte Stüd 
aller Schriften, das Evangelium von dem 


fleifchgewordenen Worte. E3 wäre faum 
nöthig, daß diefe Evangelien unferem Bolfe 
in lateinifcher Sprache vorgelejen würden, 
denn fie müffen auch im Deutfchen jtet3 
unverftändlich fein. Und fo laut fie aus: 
gerufen werden mögen unter Glodenflang 
und Völlerfnall, fo werben fie doch ewig 
bleiben, was fie fein follen — ein Ge: 
heimniß. Aber Gott gebe, daß diefes 
unergründliche Geheimniß auf die drohen: 
den Gemitter des Juli wirffamer fei, 
als auf die Herzen der Menfchen. 


Bücher. 
Neuland, 


Roman von Iwan Turgéniew. Berlin, Otto 
Janke. 


Wenn ein neuer Roman von Bret 
Harte oder Turgénjew gleichzeitig in 
4—5 deutfchen Ausgaben erfcheint, fo 
wird faum Jemand in Zmeifel fein, 
melde von diefen Ausgaben er wählen 
fol, wenn er von dem unerhört billigen 
Preife der D. Janke'ſchen Ausgaben 
nur überhaupt Kenntnig bat. Zum 
Preife von 1 Mark (=60 fr.) madt 
D. Janke aud das neuefte Merf 
Turgenjew’s, „Neuland“, den weiteiten 
Kreifen zugänglih, und das ift ein 
wirkliches Verdienſt. Wieder ift es bei 
großer Einfachheit des Plans die außer: 
ordentlihe Lebendigkeit und Natur: 
wahrheit der Charakteriftil, der Scenen 
und des Dialogs, wodurch der ruflifche 
Erzähler die blafirteften deutſchen Leſer 
feffelt. Wieder zeigt er fi als der 
unvergleihlih ſcharfe Menfchenbeob: 
achter, der das ganze Gehaben und 
Sichgeben feiner Landsleute in den 
feinften und originellften Zügen darzu⸗ 
ftelen weiß. Eine Schilderung von 
frappantefter Eigenthümlichfeit ift die 
vom Gelbftmorde Neshdanoff3, des 
Helden der Erzählung; pſychologiſch 
meifterhaft entwidelt ift was dieſer 
Kataftrophe vorangeht und was ihr folgt. 
Es find im Grunde unjympathiiche 


797 


Menfhen, welche der Dichter und dies: 
mal vorführt; das Herz geht leer aus 
unter dieſen problematifhen Naturen. 
Bon pifanter Driginalität ift das Halb: 
dunfel, in welches ein paar wunderliche 
Figuren, Dftrodumov und die Maſchurin, 
gehüllt erfcheinen. Das Ganze läuft auf 
den Nachweis hinaus, daß den ruſſiſchen 
Reformern und Verſchwörern Charafter: 
feftigfeit, Elarer, zielbewußter Sinn ge: 
bricht. Was man ‚in diefem focialen 
Roman vermißt, find Streiflidter auf 
das Leben der unterften Volksklaſſen. 
Ueber die fpeciellen Tendenzen ber 
rufliichen Reformen gibt und der Autor 
ſehr wenig Greifbares: vielleicht um ſich 
nit zum Golporteur beftimmter Re— 
volutionsideen zu machen und nicht jelbft 
tenbenziöß zu erjcheinen. 


Zoologiſche Briefe, 


von Dr. Guſtav Jäger. Wien, W. Brau- 
müller 1876. 


Hat man bei diefem Bude nur 
einmal den ftörenden Eindrud einer 
nadhläfligen Interpunction überwunden, 
welche die erften Hefte verunziert, und 
welhe man nicht leicht auf Rechnung 
des Setzers allein jchreiben fann — 
unangenehm wirft namentlih die An- 
wendung eines bloßen Beiſtrichs, mo 
ein Punkt ftehen follte — fo lernt 
man dasſelbe von Seite zu Seite mehr 
und mehr als eine werthvolle, gediegene 
und interefjante Arbeit ſchätzen. Aller: 
dings ift das Bud ein gelehrtes, fach— 
wifienfchaftlihes, aber als foldes 
it e8 klar und faßlich gehalten wie 
wenige. Und man hat es da mit einem 
reblihen Forfcher zu thun, der fi 
weder jelbit vom Schwunge jeiner 
Phantafie fortreigen läßt, noch feine 
Leſer durch brillante Eigenfhaften der 
Darftellung beftiht, fondern dem es 
um die Thatfahen allein zu thun ift, 
und der durch das Mißtrauen, das er 
in fich felbft fett, im Intereſſe der 
Wiſſenſchaft veranlaßt wird, den Dingen 


Da die erjten Hefte des Werkes fchon 
vor mehreren fahren erſchienen, fo 
bietet dasſelbe zugleid ein Bild 
der „biogenetifhen“ Forfhung vom 
erften Auftauchen des Darminismus bis 
auf unfere Tage und aud in den 
älteren Auffägen verriet) der Autor 
ihon eine fo guie Witterung für bie 
neueften bewegenden Ideen feiner Wiſſen⸗ 
Ihaft, daß er überall eher ein Bahn- 
breder als ein Nachzügler genannt zu 
werden verdient. Don entjchiedenftem 
Werthe und Intereſſe find feine Studien 
zur „Morphologie” ; die Frage nämlich : 
wie find die verjchiedenen Gejtalten 
befeelter Organismen auf zmingende 
phyfiologifche, mechaniſche und chemiſche 
Urſachen zurüdzuführen ? wird von dem 
Verfafjer in eben fo einfacher als an— 
iprechender Weife behandelt, und bie 
Refultate find oft fehr überrajchend. 
Muftergiltig ift des Verfaſſers Art, 
nicht mehr bemeifen zu wollen ala er 
fann. Er gebt in der Aengſtlichkeit 
mandesmal jogar etwas zu weit. Bon 
dem, was er vorbringt, ift Vieles von 
überzeugender Evidenz, und doch will 
er überall nur Anregungen gegeben 
und die Richtung bezeichnet haben, auf 
welcher die Forſchung zu mwerthvollen 
Ergebnifjen gelangen kann. Wir find 
im Uebrigen ganz und gar nicht der 
Meinung, daß auf dieſem von Jäger 
angebeuteten und eingejchlagenen Wege 
Alles erflärt werden fann, aber wir 
find der Meinung, daß man auf diefem 
Wege jo viel als möglich zu er: 
Hären verſuchen müfle. 





Ein Bud über die Juden. 
Don Karl Emil Franzos. 


Fremde Bölfer ftaunen über den 
Reihthum der deutfhen Literatur, mir 
felbft haben, was die neuefte Zeit an— 
belangt, feine befondere Freude daran 
und ſprechen von allzugroßer Probufti- 
vität des deutſchen Schriftftellerthumes. 
Aber eben diefer allgemeinen Schaffens: 


um jo tiefer auf den Grund zu gehen. | freude haben wir jene Mannigfaltigfeit 


798 


zu verbanfen, die feine andere Literatur 
aufweifen fann. Und die Vielfeitigfeit 
wächſt von Tag zu Tag. Er gibt kaum 
einen Ungrund des Lebens, einen Winkel 
der Erde mehr, deſſen fih unfere fchön- 
geiftige Literatur nicht ſchon bemächtigt 
hätte. 

Der öfterreihifhe Dften war den 
Dichtern lange Zeit ein unentdedtes Land 
geweſen. Es liegt der Heeresftraße, auf 
welcher der deutiche Pegafus gerne ga: 
Iopirt, zu weit ab. Sacher-Maſoch, Ba: 
cano und einige ungarische Dichter haben 
zwar auf jenem Gebite manden ihrer 
Romane Spielen Iafjen, doch waren dieſe 
Dichtungen meiften® zu ibealiftifch ges 
halten, als daß wir durch diefelben ein 
treues Bild jener Landſtriche und Menſchen⸗ 
arten erhalten hätten. Leopold Kompert 
mag der Erfte gemwejen fein, der in feinen 
vortrefflichen „Gefhichten aus dem Ghetto“ 
die Pforte aufſchloß. Ihm folgte Karl 
Emil Franzos mit feinem raſch be 
rühmt gewordenen Bude „Aus Halb: 
afien“ und nun in feinem neueften Werke: 
„Die Yuben von Barnomw.”*) 
Das find Geſchichten aus dem pobolifchen 
Ghetto, in welchen das Judenthum Ga: 
liziens Fünftlerifch und, wie wir glauben, 
mit vollfter Treue zur Darftellung fommt. 
Der Gegenftand ift, weilneu, fehr fremb- 
artig; es fcheint und manchmal, als 
herrſchten in dem orthodoren Judenthume 
ganz andere pfgchologifche Geſetze, als 
anderswo; und fo praftifch uns im Leben 
ber Jude überall entgegentritt, hier jehen 
wir ihn nur in Idealen leben. Des 
Juden Kraft mwurzelt ganz in feinen 
heiligen Schriften. Er unter allen Volks: 
ftämmen hält am ftrengften an feinen 
Traditionen; fein Ideal geht nach rüd: 
wärts in die Zeit der Glorie feines 
Stammes und nad) vorwärt3 in der Er- 
wartung des Meſſias. Die Juden find 
das merfwürbigfte Volt und — mollte 
man fih, wie Schleiden jagt, mit ber 
Symbolit der Borfehung einlaflen — 
„Daß auserwählte Volt Gottes“. Seit 
zweitaufend Jahren haben fie ſich troß 


*) Verlag Eduard Hallberger, Stuttgart. 


der [chwerften und blutigften Verfolgungen 
bis auf den heutigen Tag ihrem urfprüng- 
lichen Charakter treu erhalten und aus: 
gebreitet. Sie find das ältefte Voll, 
welches an einen einigen Gott glaubt, 
fie haben fi innerhalb diefer dee fort- 
entwidelt und zu einer großen fittlichen 
Stärke emporgefhwungen. 

Franzos erzählt uns in feinem Buche 
Wunderdinge von orthodoren Juden. 
Wild fluthen die Leidenſchaften, aber 
ftetö fiegt die Idee, freilich nicht immer 
jene, die und als groß und ebel erfcheint, 
die Idee der Humanität; das deal des 
Juden hängt an dem ftarren Buchftaben 
des alten Teftamentes. — Bon den ſechs 
Erzählungen, die Franzos uns bietet, 
ift die vom „Baron Schmule“ vielleicht 
die merfwürbigfte. Sie ift ein Theil der 
Geſchichte des Judenthumes auf das Indi— 
viduum übertragen. Der arme, verachtete, 
mißhandelte Judenknabe ſetzt fein Streben 
und Leben daran, zu feinem menjchlichen 
Rechte zu gelangen. Er wird reich und 
gewinnt die Herrfhaft über Jenen, der 
ihn einft gefchlagen und mit Füßen ge- 
treten hat. Aber mit der Macht, die ihm 
in die Hand gegeben ift, hört er auf 
Jude, daB heikt Kind des gerechten, 
ftrafenden Gottes zu fein, er verzeiht 
feinem einftigen Peiniger und vergilt 
das Böfe mit Gutem. — Wir fünnen 
die Erfahrung machen, daß der Jude 
überhaupt, fobalb er mächtig ift, auf: 
hört, Jude zu fein. Nimmer kennt er 
fein Stammvolf, nimmer nennt er die 
Schriften der Väter — er verflacht in’s 
Allgemeine, fo wie der Euphrat, ber 
nad) langem Laufe durch die heiße Felſen⸗ 
wildniß endlich; in. das Meer fließt: Das 
Judentum hat in der Armuth und 
Knechtung feine Weihe und innere Kraft 
erhalten, mit dem Tage, da e8 in ben 
allgemeinen Weltlauf einbiegt,. löſt es 
fih auf. Dahin wird es noch weit fein, 
denn der Bedingungen feiner Eriftenz 
gibt e8 genug, der Stamm Iſ—raels ift 
noch zähe, und fo lange der Meſſias auf 
fih warten läßt, wird es MWartenbe 
geben. R. 


799 


Sich felbft im Wege. 


Ein Stimmungsbild 
Bern. Berlin 1877. 


bon Mazimilian 
Bichteler & Comp. 


„Dagobert Neinau, der gefeierte 
Held der durchſchwärmten Nacht, be- 
tradhtete aufmerffam die funfelnden 
Zuftperlen, die im ſchlanken Champagner: 
feld vor ihm aufftiegen und zerftäubten, 
dann ftand er auf, ging ſchweigend an 
feinen Gäften vorüber und blieb erft 
bei einem kunſtvoll gefchnigten Ecktiſch 
ftehen, der über und über mit foftbaren 
Geſchenken, Bouquet und Kränzen be: 
dedt war. Medhanifh nahm er einen 
der herrliden Kränze in die Hand, 
blidte aber über die Blumen, die fchon 
zu verwelfen begannen, hinweg, fo jtarr 
vor fih Hin, ala wollte er Raum und 
Zeit durhdringen, um ſich Tängft ver: 
blaßte Züge zu vergegenmwärtigen ; mit 
der Erfahrung fpäter Jahre ſchien er 
das Räthfel einer eigenthümlich empfind- 
famen, opferfähigen Mädchenfeele zu 
löfen, deren Liebe einft grell und flüchtig 
wie ein Wetterleuchten in feine dunkle 
Eriftenz hereingeſchimmert . . .“ 


Diefes Räthſel ſucht der gefeierte 
Bühnenkünftler Reinau in der Faſtnacht 
feined | zmwanzigjährign Schaufpieler: 
jubiläums zu löſen. Die Gefchichte des 
erften Kranzes, der einft dem noch un= 
berühmten Kunftjünger von unbelannter 
Frauenhand zugeflogen fam, eine mär: 
henhafte Geſchichte, wie nur die Ver: 
brecherin „Phantafie“ fie uns erleben 
läßt, — daß mir das nächſte Liebſte, 
die lautere Güte, Anmuth und keuſche 
Huld an unferer Seite überfehen, um 
ein Gefhöpf unferer Einbildung, das 
nirgendwo lebt, mit allem Schönheit: 
zauber auszuftatten, nah dem ein 
Künftlerherz nur glühen Tann: ſolch' 
eine Gefchichte, voll unfäglihen melan- 
choliſchen Reizes, in ben Tiefen einer 
echten Dichterfeele erlebt, nicht erfonnen, 
über welcher der Goldduft der erften 
Jugendliebe ſchwebt, ift in dieſem Büch— 
lein Maximilian Bern's enthalten. Der 
junge Autor hat mit ſeinen novelliſtiſchen 


Studien „Geſtrüpp“ und ber Erzählung | 


„Auf ſchwankem Grunde” die Aufmerk: 
famfeit unferer literarifchen Kreife in 
hohem Grade auf fich gelenkt, die Gunft 
des Publikums ſich im Sturme ge 
wonnen. 

Als einen der jüngften Erzähler 
Deutihlands zählt die tonangebende 
Kritif ihm bereitö zu den beften Novel: 
liften der Gegenwart. Man mußte 


nicht, follte man feine ftaunenswerthe 


finnlihe Kraft der Darftellung, feine 
bei fo großer Jugend geradezu ver: 
blüffende pſychologiſche Schärfe und 
Feinheit in der Schilderung des Seelen: 
lebens, feine Meifterfchaft in der Natur: 
malerei, oder die feltene -Erfindungs: 
fraft höher ftellen, mit welcher ber 
jugendlihe Schriftfteller die ſchwierigſten 
und verwideltiten Probleme wie fpie- 
lend löſt. „Sich jelbft im Wege”, wie 
einfah im Grunde ſcheint diefe Ge— 
fhichte, wie gewöhnlich, wollte man fie 
furz mit bürren Morten erzählen. 
Aber welche Welt der Gegenfäge thut 
fih uns darin auf! Welche Beleud: 
tung fällt da auf das vermeintlich 
Alltägliche, welche Magie der Schönheit, 
wel’ goldener Sonnenftrahl uremwiger 
Moefie in das dürftige Dachſtübchen 
Mathildens, auf die feelifche Größe der 
verſchloſſenen ftillentfagenden Mädchen: 
blume, die ihr Geheimniß, die Geſchichte 
des erften Kranzes, für deſſen unbelannte 
Spenderin der junge Schaufpieler Rei: 
nau glüht, mit in das Grab nimmt, 
„ſich Telbft im Wege"! Maximilian 
Bern hat mit diefer Novelle die Er- 
wartungen, welche man der ferneren 
Entwidelung feine® feinen und edlen 
Talentes . allenthalben entgegenbradte, 
dem vollen Umfange nad} gerechtfertiget. 
Mit Erhebung und Weihe wird der 
Lefer diefe einfahe Geſchichte aus der 
Hand legen und doch wieder fich nicht 
von ihr trennen fünnen, wie von einem 
zwar ſchön gelöften, dabei aber ewig 
unbegreiflihen Räthſel der Menjden- 
bruft. FM, 


800 


Bor Kurzem ift bei Guſtav Hedenaft 
in Preßburg Adalbert Stifter „N ad; 
fommer“ in neuer Auflage erfchienen. 
Wir werben demnächſt über diefes merk: 
würdige Buch eine eingehendere Be: 
trachtung anftellen. 





Die am 16. Juni ausgegebene Nr. 3 
des „Lileraturblati* von Anton Edlinger 
enthält: Claffifer und „Moderne. Bon 4. 
Edlinger. — Briefwecjel zwiſchen Ludwig 
Feuerbah und Chriſtian Kapp 1832—48. 
Von Julius Duboc — Der „Oberhof”. 
Bon 4. v. d. ©. — Kritiſche Rund- 
hau: Eine Lode-Biographie. — Franzöfi- 
fhe Volkslieder. Verlag von Fr. U. Brod- 
haus. — Der türfifche Krieg. Von W. Mül- 
ler. — Aus unferen Tagen. ®on 9. Blum. 
— Nopvalis ald religiöfer Dichter. Bon Dr. 
U. 2. Baur. — I. Botthelf. Bon El. Brod- 
haus. — Miscellen. — Bibliographie. 
— Inferate, 


Boftkarten des Heimgarten: 


Edme: „Ein Blatt im Papierkorb” ift 
nicht zu gebrauden, 


3. 6. Wien: Ratben Ihnen ein politi- 
fhes Journal und B. v. Schl Prag: Ihnen 
ein Wipblatt an. 

xX Berlin: Im nächſten Hefte; tropdem 
mögen Sie fid auf eine Ueberraſchung gefaßt 
madıen. 

„Selbſtachtung“: Können damit erft mit 
dem nächſten Iahrgange beginnen. Der Autor 
ift gegenwärtig auf Reifen. 

R. Schl. in B.: Von Ihrer Mil haben 
wir den Rahm abgefjhöpft — und der ift gut. 

RB. 3. Wien, B. 9. Wien: Kommt zur 
Verwendung, bitten aber um einige Geduld. 

£. v. M. in 9.: Preundlichften Dan. 
Der „Heimgarten“ wird baldmöglichft feine 
Meinung darüber fagen. 

Hrn. 3. Armbrufter, Budapefl: Gerne. 
R. 9. Gras. 9. 2. Dresden. B. F. v. H. 
Prag. 9. 3. 8. Köln. 

N. v. A. Moskau: Bewuhtes Bild Anaft. 
Grüns ift von Herrn Martini, Photographen 
in Eilli, verfertigt. 

R. W y: Haben Ihnen einen 
Theil vor Monaten retournirt, ein anderer 
bier abgedrudt. 

„Antigene: Recht hübſch, 

Leſer wollen dergleichen nicht. 

C. v. U.: Rufen wir den Mächtigen Ihr: 
„Du ſollſt nicht tödten“ zu, ſo ſperren ſie 
uns ein und tödten weiter. 


.ene» 


aber die 


Drud von Leplam-Jofeföthal in Gray. — Für bie Rebaction verantwortiid 9. #. Hofegger. 


———— 
— — —— — — 


ein 






3 Heft ii. 





er — — 
— 


— 
— eu; — 
EN — 
—— N 
«u ei F 
ur“ ” 
— 


Auguſt 1877. 


Pr: : 


wa" 
hg — J 
Er — 


“N 
9 

5% = br 

—— — Ehe 








I. Jahrg. 


Sehet, ein Menfd! 
Erzählung von Anton Schlofſar. 
(Fortfeßung.) 


Am Braualtare. 


Das ift ein Leben heute auf dem 
Schloffe und ein Treiben, bunt und 
freubig ; die Fahne hat der Graf auf: 
ziehen laffen auf dem maffiven Thurme, 
ber fih in ber Mitte des prächtigen 
im Viereck gebauten Gebäubes erhebt, 
der rothe Wimpel flattert Iuftig im 
Winde und es fnattert die Seide als 
wollte fie weit binausraufchen bie 
Kunde von ber Hochzeit bes fchönften 
Mädchens, die heute gefeiert wird. 

Denn Lubmilla, die Tochter bes 
Grafen von Hochheim ift ein Wunder 
von Schönheit. Wäre einer der Engel 
vom Himmel herabgeftiegen und hätte 
menschliche Geftalt angenommen, er 
hätte jo fein müffen, wie Ludmilla 
— vielleicht ift fie auch ein folcher 
Engel, der in Menfchengeftalt eine 
Zeit auf Erden weilen muß. 

In ben weiten Sälen des Schloſſes 
gligert und flimmert e8 vor lauter 
Reichthum. 


Rofeggers „‚Heimgarten' 1. Heft. 


In dem prachtvollen gemölbten 
Raum, den fie den „Sternenfaal” nen: 
nen, von den golbenen Sternen, bie 
feine MWölbung überfäen, ift die Hoch— 
zeitstafel errichtet. 

Schwere filberne Gefäße und Tafel: 
auffäge zieren den Tiſch, die Kryftall- 
beder und Karaffen ſchimmern im 
Scheine des hellen Tages und bie 
goldne und die purpurne Fluth des 
föftlichen Nebenfaftes fteht bereit in 
langhalfigen venetianiihen Flaſchen 
und andere Flaſchen harren im Eife 
in den maſſiven filbernen Kühlern des 
Momente, wo die Feſſeln des 
Weines geiprengt werben. 

Sn der Mitte der köſtlichen Tafel 
fteht ein Runftwerf, das der Graf zu 
dieſem Feſte eigens hat verfertigen 
lafjen, von einem weit berühmten 
Meifter aus Italia. Eine große Schale 
vom ſchwerſten gebiegenen Silber 
bildet ein Beden, in deſſen Mitte 
Eythere figt im Spiele mit Eros. 
Der Kleine ſchlingt Rofenketten lächelnd 


61 


802 


um feine holde Mutter, welche ihn 
vergebens abzuwehren bemüht it. An 
einen Felsblock Halb angelehnt, bie 
ſchlanken Glieder hingegofjen auf einen 
ſchwellenden Moosteppih, ruht Die 
Göttin der allgewaltigen Liebe da, die 
linfe Hand unter dem herrlich ge 
formten Haupte, dieſes jelbit etwas 
zurücgeneigt, während die Nechte dem 
Heinen Schelme bie rofige Kette zu 
entwinden fucht. Aus dem Fels ſprüht 
in hundert feinen Strahlen buftiges 
Roſenwaſſer zur Dede empor. 

Prädtige Blumen umgeben das 
Beden und bie beiden Geftalten, — 
welche im Gegenſatz zu dem fie um— 
gebenden Silber goldig erglänzen — 
jo weit, daß dieſe nicht verbedt er: 
ſcheinen. Die ſchwere Gentifolie neben 
dem beſcheidenen Veilchen. Die im 
weißlihen Glanze jchimmernde Lilie 
neben ber Gamelie mit ben wachs— 
artigen rothen Blumenblättern. Der 
größte Theil der Tafel gleicht einem 
Garten. Blumen in den brennend: 
ften Farben, Kinder des fernften Sü— 
dens mit breiten, bunfelgrünen Blät- 
tern und zarte® Grün, bag in 
unferm Himmelsftrihe entſproſſen, 
wechjelt darauf ab, dazwiſchen Schalen 
aus edlem Metall oder Kryftall, 
wieber gefüllt mit Blumen. Ein be- 
täubender Hauch zieht durch den Saal: 
der Athem ber vielen hundert duften- 
den Kelche. Die hohen Fenfter find ge: 
öffnet. Die Diener in feitlichen Ge: 
wändern huſchen aus und ein, bald 
gibt es noch bier etwas zu ordnen, 
bald dort, aber fie ſprechen nicht viel 
mit einander, ein jeder ift zu ſehr 
mit fich jelbft befchäftigt. Nur wenn 
ber Saal eine Weile leerjteht , hört 
man das Plätſchern des Roſenwaſſers 
in dem Silberbecken. 

Deſto lauter und geräuſchvoller 
geht es draußen zu, im Hofe und in 
den Gängen und im unteren Raume 
des Schloſſes. Diener und Aufwärter 
eilen geſchäftig umher, Roſſegeſtampf 
und langſames Rollen von Wagen 
ſchallt herauf. Dort unten ftrömt 


aus den Thüren dichter Rauch und 
Dampf: es iſt die Küche. Hie und 
da tritt eine erhitzte weibliche Geftalt 
hervor zur Abkühlung, denn der Tag 
it ſchwül. 

Aus dem großen Speifefaale führt 
eine Thür Hinter rothjeidenem Bor: 
hange in ein Fleineres Zimmer. Durch— 
Ichreiten wir diefes und noch eines 
und wieder eines. Wir ftehen jegt in 
einem Frauengemache, Föftliches Holz, 
Seide und Sammt, wohin wir bliden. 
Das Holz iſt ſchwarz und vergolbetes 
Schnigwerf überbedt die Stuhllehnen 
und die Tiihfüße; der Sammt, die 
Seide find blau, Silbertroddeln und 
Quaſten zieren die eblen Stoffe. Edles 
Rauchwerk bebedt den Boden. Das 
blaue Lager im Hintergrunde ift wie 
aus Licht und Duft zufammengejekt, 
vor bemfelben liegt ein Meiſterſtück 
von Zobel, Pelzwerk und Hermelin bilden 
die Verzierungen in bem koſtbaren Tep: 
pih, die zarten weißen und braunen 
Fellden find zu Sternen und Figuren 
zuſammengeſetzt und zu verfchlungenen 
Arabesken. 

Aber all die Pracht und Schönheit 
wird überſtrahlt von der herrlichen 
Mädchengeſtalt, welche die Hand auf 
den Rand des Bettes geſtützt, da ſteht 
und verloren zu Boden blickt; das 
dunkelblonde Haar fällt gelockt und 
ſchwer auf den blendenden Nacken, 
der weiße Atlas des Gewandes, in 
das ſie gekleidet, ſchimmert matt, wie 
eine koſtbare Perle. Wie Strahlen: 
bündel von Bligen gligern die edlen 
Steine in dem blonden Gelod und 
die Kette um den jchneeigen Hals 
flimmert bei der geringjten Bewegung. 

Aber Lubmilla von Hochheim fteht 
beinahe regungslos, nur die rothen 
Lippen lispeln hier und da ein Wort, 
aber leije, jo leife, daß fein Laufcher 
e3 verftünde, wenn einer nahe wäre, 
Doch nirgends in der Nähe ift ein 
Lauſcher und bie Lippe ber jchönen 
Braut flüjtert jegt deutlicher und 
lauter: „ber leßte Tag! und ich bin 
heute Abends bein ehelich angetrautes 


803 


Gemahl, Hugo, wir werben zufammen | dichten, furzgefchorenem Haar und ftreng 


bleiben — für immerdar.” — „Für 


immerbar”, wiederholt fie, ein Fröfteln |e8 wie 
„für immer: | fcheint. 
mir viel von Liebe | mit einer goldenen Kette am Halje, 
erzählt. Ich ſelbſt — habe nichts da= | mit einer Nette, 


fchüttelt fie dabei 
tar. Du haft 


blidenden grauen Augen, über denen 
Gewitterſchwüle zu liegen 
Die zarte weiße Hand jpielt 


welhe am Abende 


von gefühlt in meiner Bruft. — Doc | des 7. November 1620 Tilly jelbit 


es ift nun einmal jo gefommen.” — dem Faiferlichen 


Feldobriften umge: 


Mit einer ftolzen Bewegung wirft | hängt, als fie das Heer des MWinter- 


die 


gegen fie anftürmenden Gedanken ver: 
ſcheuchen. 
Schrittes die Vorgemächer und tritt 
in den großen Speifefaal. 

Kein Diener ift anweſend, der be- 
täubende Duft ftrömt aus ben 


ſchöne Mäpdchengeftalt jet den 
Kopf zurüd, als wollte fie alle die 
‚mit den Seinen einen fühnen Reiter: 
Sie durchſchreitet raſchen 


königs Friedrich am weißen Berg in 
die Flucht geſchlagen und der Graf 


angriff gewagt und mit Glüd voll: 
endet hatte. Aber das Schwert eines 
ketzeriſchen Musketiers hat ihm bamals 
den Arm durchhauen, daß er fteif 
und ungelent geblieben bis heute und 


Blumenkelchen und das Plätjchern des/der Graf hat fein Schwert und feine 


edlen Waſſerſtrahls dringt zu ihren 
Ohren. Ludmilla tritt an die Tafel, 
nahe dem filbenen Beden bleibt fie 
ftehen und blickt die Geftalt Cytherens 
lang an. 

„Wie zum Hohne haben fie Dich 
bergejegt, du Herzenbezwingerin ; wir 
zwei kennen uns nicht näher und 
werben uns wohl nie kennen lernen.” 
Dabei lacht das ſchöne Mädchen. 

Es ift ein klares, glodenhelles 
Laden und doch dringt daraus ein 
Ton, ein einziger Ton durch, wie ein 
Weheruf, mie ein Schmerzengjchrei. 
— — — Mer welches Weh könnte 
eine ſo herrliche Braut haben an 
ihrem Hochzeitstage! 

Im ſüdlichen Flügel des Schloſſes 
befindet ſich das große Gemach des 
Grafen, in dem er fo gerne weilt. 
Reihthum und Pracht ftrahlen auch 
bier überall entgegen. Mit braunem 
goldgepreßten Leber find die Stühle 
überzogen, ihre hohen Lehnen zeigen 
reihverfchlungene Arabesken. Die Fo 
men der Tiihe und Schränfe find 
fefter, ſchwerer, gediegener, als in dem 
Gemache der Braut, eine Eifentrube, 
mit geöffnetem Dedel fteht in ber 
Nähe des Tiiches, an dem der Graf 
von Hochheim figt. Der Graf ift eine 
alte, faft zu ernfte Geftalt mit grauem, 


Feldbinde hinlegen müfjen und wieder 
in jein ruhiges Schloß fich zurück— 
ziehen und die Kämpfe und Siege in 
Böhmen und dann fpäter weiter in 
den deutfchen Landen Andern überlafjen 
müfjen, jüngeren, fräftigeren — die 
Wunde ift geheilt, hat ihn aber zum 
fiehen Mann gemacht für fein Leben. 

Dennoch blidt Graf Hochheim heute 
noch ftolz und ernſt. Ihm gegenüber 
jteht eine andere männliche Geftalt. 
Diejer Mann hat das Yünglingsalter 
ſchon weit hinter ji, ruhige Beſonnen— 
heit, vielleicht etwas liftige Verfchlagen: 
beit zeigt das grünlichgraue Auge, 
ein ironifches Lächeln ſchwebt, wie 
feftgebannt, auf den ſcharfgeſchnittenen 
Lippen: das iſt Edelsberg, der Rath 
und DVertraute des Kaijers Ferdinand, 
das ift der Bräutigam ber jchönen 
Ludmilla. Schwarzer Sammt Fleidet 
den Freund des Kaiſers, auch er trägt 
eine Kette, die ihm zum Lohne warb 
für gethane Dienfte, aber bei diejen 
Dienften hat er Fein Schwert geführt, 


t= | nur die leichte Feder und dieje Feder 


bat viel taufend Schwerter befiegt, ehe 
fie noh aus der Scheide gezogen 
waren. 

PVergamentrollen mit großen und 
Heinen Sigillen liegen auf dem Tiſch; 
aufmerfjam prüft Edelsberg die Rollen 
und bie Unterfchriften, feine Blicke 

51* 


804 


funteln mitunter in grünlichem Glanze, 
aber wenn ber Graf auf ihn fieht, 
zeigt das Antlig ftarre Gleichgiltigkeit, 
das eifige Lächeln nur ſchwebt nad) 
wie vor auf ber Lippe. Arme Zub: 
milla, vielleicht ift e8 doch ein tiefes 
Weh, das durch dein Lachen vorhin 
geflungen,. . . . 

Jetzt erheben ſich beide, der Feld— 
obrift faßt die Rechte des Mannes, 
der in einer Stunde fein Kind vor 
den Altar Gottes führen foll, und 
ſpricht: „Ich weiß es, nicht all das, 
was diefe Pergamente ausweiſen, hat 
Euch) bewogen, mein Kind von mir 
zur Gattin zu begehren. Was find 
Euch auch noch mehr Höfe und Felder, 
was find Euch Taufende von Gold: 
gulden, wie fie hier im Kaften liegen, 
Eud, die Ihr berufen feid, die höchſten 
Stufen neben dem Throne unferes 
Kaijers zu erflimmen. Ich habe Euch 
die Hand Lubmillas feinen Augenblid 
verjagt. Ich vertraue Euch dieſes mein 
foftbarftes Kleinod. Aber eines vergeht 
nie, vergeßt bei der Macht, die Ihr 
in Händen habt, die fi immer mehrt 
und feftigt, auch meiner nicht, vergeßt 
nicht Eures Schwiegervaters. Vielleicht 
ift8 eine Sünde von mir, jo ehr: 
geizig zu fein, wie ich es bin, aber 
es ift num einmal in meine Bruft 
gelegt und wohl von Gott darein ge— 
legt und Gott wirb mird daher auch 
verzeihen.“ 

Der Mann aber mit dem eifigen 
Lächeln erwiedert den Händedruck des 
Vaterd und verfichert ihm, Alles zu 
thun, was er vermag für das unſchätz— 
bare Geſchenk. 

Arme Ludmilla! Sie haben dich 
verkauft und dein unjchuldiges Herz 
hat eine Ahnung von dem Schmerze, 
der dir für dein Leben bereitet 
worben. 

Bor dem großen Mortale des 
Schloſſes wird es nun lebendiger und 
rauſchender. Die Prachtwagen vollen 
ſchwerfällig heran, die meiften find 


‚vom  breitfrämpigen 


| Seide raujcht und quillt über aus ben 


reichgezierten Kutfchen, manche prunfenbe 
Tracht des hohen kaiſerlichen Dffiziers 
wird fichtbar, die Straußfeber nidt 
Hute, mande 
ritterliche Geitalt zu Pferde neigt ſich 
zum Schlage des Magens, zu irgend 
einer ſchönen Frau, die lächelnd zu 
dem Reitersmann emporfchaut. 

Nachdem die Braut über die mit 
farbenprangenden Teppichen belegte 
Marmortreppe geftiegen, tritt fie zum 
Wagen und es dringt ein Murmeln 
der Bewunderung über ihre Schönheit 
durch die vor dem Schloffe verfanmelte 
Vollsmenge. 

Einen Strauß von Rofen, den ihr 
ber Bräutigam noch zierlich überreicht, 
hält fie in ihrer Rechten und die zarte 
Hand mit dem Strauße zittert, als 
ob die Fülle der Foftbaren glühenden 
Blumen für fie zu ſchwer wäre. 

Geht rollt die ganze Wagenreihe 
dahin gegen die Kloſterkirche. In 
Schaaren folgt die angefammelte Menge 
eiligft nad, um die ganze Entfaltung 
ber Pracht zu jehen, welche noch be: 
vorjteht. — — 

Hoc empor fteigen die Pfeiler zur 
MWölbung in bem weiten Gotteshaufe. 
So foll fi der Geift anbetend gen 
Himmel ſchwingen zu Gott und in 
ihm, der Alles ift und Eines, feinen 
legten, fefteften Halt finden. Die Grab: 
fteine im düſtern Hintergrunde ftehen 
ſchweigend und ernft an die Mauer 
gelehnt da und mancher ftarre Ritter 
fteht mit gefalteten Händen in ben 
grauen Stein gehauen und „wartet 
allhie einer fröhlichen Auferftehung”. 

Die Kirche ift im Ganzen einfach 
und faft Shmudlos. Auf Seitenaltären 
einige geiehnigte Heiligenjtatuen, groß: 
artige Geftalten mit ſcharf ausge 
prägten Gefichtern, dunkelbraun gefärbt 
von der Länge ber Zeit. Die Gemälde 
über den Altären mögen vielleicht vor: 
trefflih fein, dem Auge erjcheinen fie 
jetzt unkenutlich und dunkel, nur bie 


bejegt mit koftbar gefleideten Hochzeit: | und da tritt ein Antlig ober ein 


gäften. 


Edelfteine bligen, Atlas und | weißer Engelsflügel aus dem einen 


805 


und dem andern Bilde heller hervor 
und fcheint ſich zu bewegen, wenn ein 
verlorener Lichtftrahl durch eine Nie 
darauf fällt. 


Sin der Mitte vor dem Hodaltar 
zittert in filberner, von oben herab: 
bängender Ampel mit blauer Glas: 
ſchale das ewige Licht. Sechs große 
Wachslichter brennen an dem Hoch— 
altar. Durh die hohen gothiſchen 
Fenſter fällt der freundliche Nachmit: 
tagsjonnenfhein und feine Sonnen: 
ftäubchen tanzen in den einfallenden 
Strahlen. Manchmal aber tönt es wie 
leiſes Raufhen durch die jtodtenftille 
Kirche: das find die Bäume draußen 
im Sloftergarten, die raufchend im 
Minde ihre Kronen wiegen. 


Und jest öffnen fi die ſchweren 
Flügel der Hauptthür; in der Nähe 
der Safrijtei wird's lebendig und bie 
Gloden vom Thurme erheben ihre 


Nahmittagsfonne das ſchöne Haupt 
vergoldet, Wehe dir, Ludovicus! Wie 
ein fiedender Gluthitrom zieht's ihm 
durch die Seele und er fühlt feine 
Pulſe ftoden und feine Sinne um: 
nachten; dies Bild, dies holde Himmels: 
bild hat er geftern gejehen wie im 
Traum, das ift das herrliche Haupt 
mit den dunfelblonden Locken und ben 
blinfenden Augen, und das find bie 
jchneeigen Schultern, und iſt's denn 
möglih, daß dies Wahrheit und fein 
Traum? Aber eine nie geahnte Kraft 
fühlt er dabei in feinem Innern. So 
öde, jo öde war’3 ihm tief im Herzen 
drin und jett möchte er das düſtere 
Mönchsgewand abwerfen und bie Geftalt 
dieſes MWeibes an fi reißen und fie 
halten und nicht Ioslaffen und alle 
Kraft anwenden, bie ihm zu Gebote 
fteht, damit fie nur fein bleibe, fein! 
Aber er preft die Zähne aufeinander, 
daß fie knirſchen und er beißt ſich die 


ehernen Zungen. Während draußen bie | Zunge faft blutig, denn er muß, er 
Wagen vorfahren und Bräutigam und | muß es zurüdbrängen, was jetzt in 
Braut voran, die Zahl der glänzenden | feiner Bruft fiedet, hervorbrechen will 


Geftalten in den Weihrauh durch 


-und wären e8 die Wogen eines gegen 


zogenen Raum tritt, begibt fi der den Damm braufenden Meeres. 


Priefter, zum Altare. Es iſt Ludovicus. 


Ter Prior felbft hätte die Trauung | feinen Augen tanzen, 


Die Menſchen und die Lichter vor 
und Funken 


vornehmen follen, jo war's der Wunfch | blinken überall, wohin er blidt, wie 
bes Grafen. Aber der Prior ift ein alter | fprühendes Feuer, er fieht nur eine 


Mann, er liegt auf dem Krankenbette und 
Pater Ludovicus ift dazu auserjehen, 
ben Segen auszufprechen über das 
Paar, und die Tochter des Grafen 
von Hochheim ehelich zu verbinden bem 
Manne mit dem eifigen Lächeln. 


Die Jungfrau aber jteht neben ihm, 
leife in ſich erzitternd, den Mytthen— 
franz auf dem Haupte und von dem 
Spigenjchleier umhüllt wie in einer 
Wolfe von Licht und Duft, das zarte 
Antlig mit ben jprühenden Augen zu 
Boden geſchlagen und ihr Buſen hebt 
und ſenkt fich vor innerer Erregung. 


Und da fällt der Blid des Mönches 
am Altare auf das Engelögefiht vor 
ihm, während eben ein Lirhtjtrom von 
ber durch das Fenfter einfallenden 


Geftalt, nur eine und das ift fie! 
Die jchöne Braut hebt für einen 
Augenblid die jchattige Wimper empor 
und das tiefbunfle Auge  fieht dem 
ernften Priefter ind Antlit. Es ift 
wie Staunen und Ergriffenfein über 
ein großes ungeahnte® Wunder, das 
in biefem Augenpaare wieberftrahlt 
und einen Moment lang haben ſich 
die Seelen des Prieſters hier am 
Altare und der Braut verjenft in 
einander. Sie hat den Blick raſch 
wieder niedergefchlagen, aber auch ihr 
ift aufgegangen ein rofiger, holder 
Schimmer, der bie ganze Kirche erfüllt, 
fie fühlt ihr Blut in die Wangen 
fteigen und ihr Herz pochen, fie möchte 
jauchzen und weinen und Alles dies 
über das ftrenge und doch fo milde 


806 


Priefterantlig vor dem Altare. Da 
fieht fie aber neben ſich eine ſchwarze 
Geſtalt ftehen mit blafjem Antlitz und 
ihr iſt's, als ob dieſe Geftalt ber 
Dämon ſei, der ihr ein unendliches 
Glück rauben wolle für immer, dieſe 
Geſtalt iſt Edelsberg. 

Die brauſenden Orgeltöne find 
verflungen. Jetzt erhebt Ludovicus die 
Stimme, leife und zitternd, Xub- 
milla hört nicht, was er jpricht, fie 
hört nur wie er fpricht und wenn fein 
liebes, treues Auge auf fie fällt, iſt's 
ihr immer, als jchlüge der Blik vor 
ihr in den Boden. Aber fie fühlt jetzt 
auch plöglich eine ungeahnte Willens: 
kraft in fi, es fällt ihr wie Schuppen 
von den Augen, daß fie den Mann 
da an ihrer Seite nie geliebt, daß es 
fremde Gemalten waren, melde fie 
dahin gebracht, ihm ihre Hand zureichen. 
— Arme Lubmilla, jegt iſt's zu jpät, 
— und doch nein, es ift nicht zu jpät, 
ein Gedanke bligt in der Seele des 
Ihönen Mädchens auf, noch einen 
Blid in das Auge des Priefters vor 
ihr, der fo milde Worte jpricht, und 
ihr Entfhluß ift gefaßt, es ift ein 
harter, jchwerer Entjchluß, aber ein 
um jo feiterer. 

Pater Ludovicus aber fährt fort, 
die Morte des Segens über dag Paar 
zu ſprechen, es aufmunternd, fich zu 
lieben und einander treu zu fein 
für’3 Leben. Er fpricht’3 aus und 
wenn ihm jein Herzblut auch in 
Strömen entquölle.e Das Paar joll 
nun bie Ringe wechjeln und der Priefter 
rihtet an den Bräutigam die ver- 
hängnißvolle Frage. Deutlih tönt 
aus dem Munde des Mannes das 
laute „Ja“ und e8 klingt als ob ein 
Eiszapfen von der Wölbung der Kirche 
berabfiele unb auf den Steinen Elirrend 
zeripränge. 

Nur die Braut antwortet gar nicht 
auf die große Frage des Prieſters, 
deſſen Anblid fie meidet, und ihr 


Bujen hebt und ſenkt ſich ftürmifch. | 


Todtenjtill ifts im Gotteshauſe, 
man vermeint, das Flackern der Kerzen 





zu vernehmen und hört eine Biene an 
dem hohen Fenſter jummen, bie herein 
gedrungen ift. Sept öffnet das jchöne 
Mädchen die Lippen, es ftrahlt ein 
Ernft und eine Entjchloffenheit aus 
dem dunflen Auge, die den Mönch faft 
zurücbeben macht am heiligen Altare 
Sottes, und feierlih tönt das Wort 
von ihren Lippen, aber dies eine Wort 
lautet — Nein! 

Aufgeiprungen ift mit flammenden 
Augen der Bräutigam, er wird im 
Antlitz purpurroth, er, ber bisher dem 
Marmor gli. Dann aber wieder 
todtenbleich faßt feine Linke das Mäb- 
hen, welches ihm ruhig und ernft 
in die verzerrten Züge blidt, am 
Arme und nur das Dazwiſchentreten 
des alten Mannes, des Vaters, Schütt 
wohl die MWehrlofe davor, daß jener 
Mann fie nicht niederfchlägt. Alles 
dies dauert aber auch nur Secunben. 
Schon ift der Bräutigam wieder eifig 
ruhig und, zum Grafen tretend, ergreift 
er deflen Hand, wie in warmem Mit: 
gefühl, leife murmelnd: „Armer Bater, 
fie ift wahnfinnig !“ 

Das Wort „Wahnſinn“ dringt 
in leifem, zum Murmeln anfchwellen- 
dem Flüftern durch die Zahl der an: 
wejenden Hochzeit - Gäfte und eine 
der prädtig geſchmückten Gejtalten 
nach der andern entfernt fih aus dem 
Gotteshaufe und man hört vor dem 
Kirchenportale einen Wagen nach dem 
andern davonrollen. 

Zuletzt tritt der bleiche Bräutigam 
nochmal3 zu dem Grafen und erfaßt 
abermals deffen Hand und brüdt und 
preßt fie, daß der alte Mann faft 
aufjchreien möchte und fpricht zu ihm 
die Worte: „Meine Braut iſt wahn- 
finnig geworden, aber ich hoffe von 
Euch, daß fie bald geheilt fein wird. 
Ich gehe, und nur, wenn fie geheilt 
it, Sehen wir und wieder.“ Mit 
Schritten, die durch den leeren Kirchen: 
raum dröhnen, jchreitet er hierauf von 
bannen. 

Der Graf von Hochheim jedoch 
tritt hin zu feinem Kinde und blidt 


— 


das Mädchen an in unſäglichem Zorne. 
Einen Moment iſt ihrs, als müßte ſie 
an die Bruſt dieſes Mannes ſtürzen, 
der ja ihr Vater iſt, und ihm zu— 
ıufen: Ich konnte nicht anderes! aber 
dieſer Zornesblid fchredt fie zurück 
und macht fie bis in’s Herz erbeben. 
Der Vater fpricht: Ich hoffe, Dein 
Wahnſinn wird bald geheilt fein. Er 
reiht ihr den Arm, fie fchreiten bie 
legten aus ber Kirche, nur der Priefter 
am Altare bleibt zurüd als der 
einzige. 

Pater Ludovicus hat die Hände 
gefaltet, vor feinen Augen ift e3 
finftere Nacht geworben, als fie das 
Wort ausgeiprohen. Wie ein Wunder 
ſcheint es ihm, daß er noch hier am 
Altere fteht, das Heilige Buch vor ſich. 
Nur das Wort „Wahnfinn”“ Klingt 
ibm dumpf fortwährend im Ohre, 
aber eine innere Stimme möchte 
jubeln und Halleluja fingen. Jetzt 
preßt er bie Hände aufs Herz und 
dann fällt er auf's Angefiht vor dem 
Allerheiligften beim Altare und es muß 
ein großes, inbrünftige® Gebet fein, 
das er zu Gott emporfendbet, denn 
der Sacriftan jelbft mahnt ihn nad) 
einer Stunde aufzuftehn. 

Die Sonne neigt fich draußen dem 
Untergange zu, purpurnes Licht Durch: 
zittert noch einmal ben Kirchenraum 
und beftrahlt das Antlik des Priefters, 
ber jegt vom Altare tritt. 


* 
* * 


Droben auf dem Schloſſe aber iſt 
es ſtill und öde geworden, als hätte 
ein Leichenzug dasſelbe heute verlaſſen 
und nicht eine fröhliche Menge von 
Hochzeitsgäſten. 

Ludmilla weilt allein ihn ihrem 
prächtigen Gemache, aber all die Pracht 
und der Schimmer widert ſie an, in 
ihren Schläfen hämmert es und nur 
manchmal fährt wie ein Blitz ihr das 
milde Antlitz des Prieſters durch den 
Sinn, dieſes Antlitz, zu dem ſie ſo 
innig Vertrauen faſſen könnte, auf das 
ſie nimmer vergeſſen kann. Schwül und 


unerträglich iſt die Luft in dem ge— 
ſchloſſenen Raume; Ludmilla erhebt 
ſich, ſie ſteigt über die Marmortreppe 
hinab in die Kühle des Gartens. Der 
Abend iſt unterdeſſen hereingebrochen, 
die Stimmen der Vögel tönen aus 
den dunkelbelaubten Büſchen und drüben 
zeigt ſich ſchon die Mondesſichel und 
der Silberpunkt des aufſteigenden 
Abendſternes. Wie verloren durchſtreicht 
ſie die Wege und manche Roſe reißt 
fie unbewußt vom Strauche und zer: 
pflückt die Duftende in hundert kleine 
Blättchen. 

Da hört ſie einen eiligen Schritt 
neben dem Umfaſſungsgitter des Gar— 
tens, dem fie nahe if. Unb in bem- 
jelben Moment huſcht etwas, wie ein 
weißes Vöglein aus dem Straude 
herab, der hart beim Gitter ſteht und 
ein Päckchen fällt zu Boden. Ludmilla 
hält ein Blatt in der Hand, das an 
ſie gerichtet iſt. Sie fühlt's, dieſes 
Blatt, es rührt von ihm her. 

Schon iſt es dunkel geworden, 
kaum, daß ſie die Aufſchrift entziffern 
konnte; jetzt eilt ſie mit pochendem 
Herzen wieder dem Schloſſe zu, und 
in das Gemach, das fie vorhin ver- 
laffen, fie verfperrt die Thür, fie wagt 
es nicht, den Raum zu erleuchten, in 
dem fie fich befindet. Der Mond fcheint 
gerade fo hell, daß fie leſen kann. 
Hier entfaltet fie das Papier. Und fie 
lieft glühende Worte und heiße Schwüre, 
die hat fein Mönch aufgefchrieben, 
fondern ein Mann, der in der heißeften 
Liebe entbrannt ift. 

Sie Fieft weiter, ihr Athem fliegt, 
ihre Bulfe ftoden. Den erften unb 
legten Beweis ihrer Liebe ſoll fie ihm 
geben, mit ihm — entfliehen. 

Beim einfamen Feldhaufe, das an 
die großen Befigungen des Schloſſes 
ftößt, werben zwei Pferde barren, bie 
Pferde ihres eigenen Vaters. Der 
Stallknecht ift beftochen, er weiß nicht, 
um was es fich handelt, er weiß nur, 
daß zwei Männer die Naht hindurch 
diefe zwei Pferbe benügen wollen; bie 


808 


nächfte Nacht führt er die Roſſe wieder 
unbemerkt in die Stallungen zurüd. 
Ein Päckchen Männerfleider und ein 
weiter Mantel wirb in demfelben Buſch 
im Garten zu finden fein. „Wenn ih 
damit zum Verbrecher werde”, ſchließt 
der Brief, „Jo werde ih es nur an 
ber böjen Menfchheit, wenn ich anders 
handelte, würde ih ed an meiner 
Liebe.“ 

Eine Stunde lang fitt Zubmilla, 
das Blatt in der Hand, fie denkt nur 
an einen, an ihren Vater, aber dann 
benft fie auch wieder an feinen legten 
Zornesblid im Gotteshauſe; fo blickt 
der Feind fein Opfer an, das ihm 
verfallen ift, nicht der Vater fein Kind. 
Und bier — bier bleibt fie in jener 
Gewalt, die nicht eher ruhen wird, 
fich geltend zu machen, bis diefe Hand 
dem Manne gehört, der ihr jo verhaßt 
ift. Ya verhaßt, nicht gleichgiltig, fie 
fühlt dies, und wie ſich ihr ganzes 
Gemüth gegen den Zwang empor: 
bäumt, jpringt fie auf. Es ift Nacht 
geworden. Wieder eilt fie in ben 
Garten, das Päckchen ift bald gefunden. 
Ludmilla bat fich entjchloffen, fie will 
entfliehen allen Gewalten, die ihr Glüd 
jertrümmern wollen, fie vertraut dem 
Manne mehr, der zu ihr nur vor dem 
Altare geſprochen und feinem Herzen. 

Um die zehnte Stunde jchläft jchon 
Alles im Schloffe, nur eine dunkle 
Geſtalt huſcht durch das hohe Thor, 
nachdem fie es aufgeiperrt. Ein Hund 
will anjchlagen, wird aber raſch von 
ihr bejänftigt, er kennt feine Herrin. 

Und bei jenem einfamen Feldhauſe 
angelangt, findet fie zwei Roſſe, der 
Reiter von dem einen jpringt ab, er 
ichließt die bebende Geftalt in feine 
Arme: „Alſo doh! o Habe Dank!“ 

„Ih bin gefommen, aber es ift 
ein Verbrechen.” — — 

„Ja, und Du follteft deffen Opfer 
jein — ih weiß Alles.” 

Und jegt fprengen bie zwei Pferde 
mit den Reitern in bie bunfle Nacht 
hinaus. 


Bella Venezia ! 


Ya fie ift Schön, bie Königin der 
Meere! Sie ift wunderbar ſchön. Wie 
ein golddurchwirkter Schleier ruht der 
Duft des prächtigen Sommertages auf 
ihr, ein Schleier, der fie bevedt und 
do jeden ihrer Reize dem Auge bes 
Beſchauers nur um fo deutlicher preis- 
gibt. Klar und blau liegt das Meer, 
jener glänzende Wajjerjpiegel, auf dem 
die Märchenftadt ausgebreitet ift, eine 
eben aufgeblühte Lotosblume in ihrer 
ganzen Pracht. 

Aber die bella Venezia ift nicht 
nur ſchön, fie ift ein königlich Weib, 
groß und hehr und aud ein ftarfes 
Meib; ihre Purpurfchleppe zu tragen 
bat fie Völker und Städte gezwungen. 
Städte, die ihr gleich waren an Größe 
und Macht, die fie aber befiegt und 
zu ihren Sklaven gemadt hat. Sie hat 
ihr Scepter geſchwungen weithin über 
diefe8 blaue unermeßlihe Meer, bis 
zum fernen Hellas hinüber, bis nad 
Gonftantinopel, bis zur Inſel Candia, 
bi8 zu jener großen Inſel, die den 
föftlihen Nebenjaft zeugt, den milden 
und boch fo feurig durch die Abern 
tollenden glühenden Cyperwein. Und 
immer mehr fchmüdte es fih, das 
Königdweib, und immer ſtolzer ift es 
geworden im Laufe der Jahrhunderte, 
einen Palaft um den andern hat es 
erbaut und die Fühnen prunfenben 
Säulen und die ragenden Mauern, feſt 
wie Erz und unerfchütterlid — wenn 
fie auch in der Tiefe ber Lagunen 
wurzeln, wüßten gar 'viel zu erzählen 
von den troßigen Erbauern, von den 
Söhnen der ſtolzen Venezia. Aber fie 
Ihmeigen und jpiegeln fih nur im 
Meere und in der Lagune, fie halten 
es unter ihrer Würbe, zu jprechen, bie 
befte Sprade ijt ihr Dafein, ift bie 
Bewunderung, welche fie hervorrufen ; 
unhörbar und doch jo Klar verſtändlich 
Ipriht jeder der Riejengranitfteine, 
jpricht jede der herrlichen Arabesfen, 
jpriht der große Dom bes heiligen 
Marcus, ſpricht die fühne Rialtobrüde. 


809 


Unhörbar undboch ſo bewunderungs⸗ 
würdig deutlich ſpricht von der Größe 
Venedigs jede Schöpfung des großen 
Paolo Veroneſe — der noch nicht 
hundert Jahre todt iſt. In den Sälen 
und in den Hallen ſtrahlen die farben— 
prächtigen Bilder jenes großen Mannes, 
der Venedig verherrlicht, der es be— 
rühmt gemacht in ſeinem unſterblichen 
Werke von der Apotheoſe der Königin 
aller Städte und Meere. 

Wohl konnte jeder der Dogen ſtolz 
ſein, wenn er hinausfuhr in das 
Meer, das ihm unterthan war, wenn 
er es begrüßte und ben fojtbaren Ring 
hinabſenkte und ſich vermählte mit der 
See, mohl konnte das Volt jubeln, 
wenn jein Führer Befig nahm von 
diefem Meere, auf deſſen Rüden alle 
die Kirchen und Paläfte liegen und 
das jelbft täglich zurüdtritt, wie vor 
Staunen über al’ die Pracht. 

Ein Schöner Abend ftrahlt heute 
der Stadt. Die Sonne im Weſten finkt 
in's Waſſer und die legten Gluthen von 
ihr tauchen die grauen Steinmafjen in 
flüffiges Gold, die ihr zugefehrten 
Fenfter der Paläfte jchimmern und 
leuchten, al3 ob man im Innern, in 
den Gemächern und Prachtſälen taufend 
Kerzen angezündet hätte. 

Langſam ziehen die Gondeln durd) 
den Kanal, bier und ba ftimmt ber 
Gonboliere fein eintöniges Liedchen an. 
In's Meer hinaus find einzelne ge- 
fahren mit heiteren Menfchen, die den 
jhönen Abend genießen wollen auf 
dem freien Waſſer und dem glühenden 
Ball näher fein wollen. Ein feuriger 
Streif zieht Hinter jedem der Fahr: 
zeuge braußen einher, ein langer glühen- 
der Streif, ald wollte das Meer 
jelbt den Weg zeichnen, ben ber 
Schiffer ihm abgerungen mit fiherem 
Ruderſchlage. 

So zieht auch eine Gondel mit 
zwei Männern in die weite Waſſer— 
fläche hinaus und dem finfenden Sonnen: 
balle entgegen. Beide tragen bunfle 
Kleidung, beide bliden ruhig und 
ernjt in die Weite des Horizontes, 


Aber verfchiedenartig find fie doch, 
bie beiden Geftalten. Der eine ift ein 
Greis, aber ein blühenber, Eraftvoller 
Greis, dem die Zeit nichts geraubt 
hat von feiner einftigen Schönheit. 
Denn das ift jegt noch zu erfennen, 
in feiner Jugend muß er ſchön ge- 
weſen fein. Der weiße Bart reicht weit 
hinab zur Bruft und madt das milde 
Antlig noch ehrwürbdiger, noch Achtung 
gebietender, die blauen Augen jehen 
ſanft und doch entſchieden, das ſchneeige 
Haupthaar ftrahlt von einem kühnen 
Haupte, von dem er den breiten Hut 
abgenommen. 

Der Manı neben ihm hat einen 
fürzeren Ffaftanienbraunen Bart und 
eben folche Locken und jetzt, da er den 
Blid, wie geblendet wegfehrt von dem 
Ihimmernden Weſten und in das 
Waſſer hineinſchaut, das leiſe auf: 
ſprudelt neben dem dahingleitenden 
Nachen, iſt es wie ein tiefer Schmerz, 
der dem edlen Antlitz aufgeprägt er— 
ſcheint, über die dunkeln Augen zieht 
es manchmal trübe hinweg, wie wenn 
Wölkchen vor der Sonne vorüber— 
fliegen und ſie hie und da verdunkeln. 

Und jetzt kennen wir den Mann 
— es iſt Ludovicus, der Mönch. Aber 
kein Mönch mehr. Das Ordensgewand 
trägt er nicht mehr und in der kleid— 
ſamen Tracht, die er dafür einge— 
tauſcht, zeigt ſich das kräftige Eben— 
maß der Glieder. Das Antlitz iſt auch 
nicht mehr ſo bleich, es erſcheint ge— 
bräunt und der Bart, welcher es jetzt 
zum Theil bedeckt, verleiht ihm nur 
noch mehr Feſtigkeit. Nur die Kraft 
der Seele, die Energie des Geiſtes iſt 
dieſem Antlitz auch jetzt aufgeprägt, 
bei all dem trüben Denken, das hinter 
der hohen edlen Stirn herrſchen muß. 

Da ſchaut der Greis plötzlich auf 
Ludovicus, der ihm zur Rechten ſitzt 
und faßt einen der trüben Blicke auf. 

„Ludovico“, ſpricht er ſanft und 
ergreift die Hand des Mannes, neben 
dem er jo lange ſchweigend gejeflen ; 
„es iſt nicht gut, daß Du Dich immer 
wieder und wieder Deinen traurigen 


810 


Gedanken überläſſeſt. Siehe die Abend: 
fonne, wie fie purpurn ind Meer finkt 
und mit jeder Minute weniger leuchtet. 
Es wird Nacht werden, aber nicht 
lange dauert e8 und das Geſtirn bes 
Tages leuchtet im neuen ftrahlenben 
Morgenfchein wieder drüben empor und 
erquidt die Natur und die Menjchen. 
Auh Dir kehrt der Tag wieder. Er 
ift Schon wiedergefehrt, aber die Sonne 
ift erft im Aufgehen und wie lange 
bauert’s, wird fie Dir leuchten.“ 

Ludovico rafft fih auf und mwenbet 
fih erregt dem greifen Freunde zu. 

„And ihr haltet e3 für feine Sünde 
— Meiſter? Ich meine nicht eine 
Sünde vor jenem Gott, der uns das 
Gefühl in’s Herz gelegt, aber eine Sünbe 
an den Einrichtungen der Menſchen, 
eine Sünde an dem Klofter, eine Sünde 
an bem greilen Vater meiner — 
Gattin.” 

„Eine Sünbe ?“ fpricht der Greis. 
„Woran Du Dich verfünbigt haft, das 
weiß Gott und vergiebt ed. An ben 
Menſchen habt Ahr feine Sünde be: 
gangen. Das Klofter ift fein Gefäng- 
niß und das Gelübde hat Gott jelbit 
gelöft durch die große Liebe, die er 
Dir zu Deiner Gattin in's Herz gelegt. 
Der Vater weiß es durch Deinen Brief, 
wie e8 um euch beide fteht, dem ent: 
laufenen Mönd wird er vielleicht im 
erften Momente gefluht haben, bem 
Gatten feines einzigen Kindes wird er 
milder gefinnt fein, vielleicht in dieſer 
Stunde ſchon hat fich fein Fluch zum 
Segen gefehrt über Euch.” 

Ludovico ſchüttelt dasHaupt: „Mei: 
fter, ihr beurtheilt die Menfchen zu ı fanft 
und milde. ch kenne den Mann befjer. 
Sein Ehrgeiz ift unermeßlid. Ein 
Vater, der biejes fein einziges Kind 
dem Götzen ſeines Ehrgeizes opfern 
wollte, der es nicht verſchmähte, einem 
herzloſen, kalten Manne ſeine Tochter 
antrauen laſſen zu wollen, einem Manne, 
der nur durch ſeine Stellung dem 
immer und immer noch höher Streben- 


Vater kann nicht befänftigt werben, 
nicht wenigftens in ber kurzen Zeit, bie 
verfloffen, jeit Ludmilla freiwillig mit 
mir entwid. — Das Klofter freilich 
haſſe ich, feitdem ich die Ruhe darin 
nicht gefunden. Verſteht mich wohl, 
dem Klofter, nicht dem Prior, nicht 
den Brüdern gilt mein Haß; fie träu- 
men innerhalb der fühlen Mauern 
einen Traum fort, aus dem fie nie er: 
wachen werben. 

Aber ich bin erwacht, ich hab’ es 
erfannt; das Drängen meiner Seele 
war ein Streben, ein feurige® Empor: 
jtreben und durch flüchtige, jcheinbare 
Ruhe nicht nieberzuhalten. Ich habe 
mich ſelbſt getäufcht, als ih Alles 
zurüdließ und in biefe fulte Welt ein- 
trat, die von Mauern umgeben ift und 
für mich doch fein Rettungshafen fein 
follte. Daß ih menſchlich fühle und 
wie ich fühle, habe ich erft an jenem 
traurigen Hochzeitstage erkannt. Aber 
Ihr habt Recht, Meifter“, fpricht Ludo- 
vico mit erhobener Stimme und wirft 
das Haupt ſiolz zurüd, „Ihr habt 
Recht mit Eurem Trofte, ſchon fühlte 
ih es ja, daß ein neues, anderes Le- 
ben in mir glüht, ich will es aufflam- 
men und lodern laſſen, mein ganzes 
Sein ift doch nur ihr geweiht und ich 
bin ja jegt ihr Alles, ihr Einziges, 
woran fie fich klammen kann. D, Ia: 
copo, wenn ich's Euch ſchildern könnte, 
wie ich diefes Weib liebe, wenn ich 
daran denfe und daran, daß fie mein 
ift, daß fie mir gehört mit Leib und 
Seele, dann vergeffe ih auf Alles 
andere und lebe nur im Gefühl meiner 
Liebe.“ 

„Recht fo,“ ermutbigt der greife 
Meifter; „die Menjchheit hat fih an 
Euch verfündigt, nicht Ihr habt e8 an 
der Menjchheit gethan. Und wenn Du 
dem greifen Manne eine Bitte nicht 
abichlägft, ſo wär's mein inniger Wunſch 
Deine Gattin zu jehen ; nicht der Freund 
allein ift’3, der Dich darum bittet, auch 
der Künftler vegt ſich wieder in mir, 


den die Sicherheit bot, die höchſten der Schüler Paolo's, des größten Mei- 
Pläne verwirklicht zu ſehen, ein ſolcher ſters; vielleicht nehme ich meinen Pinjel 


noch einmal, das legtemal zur Hand, 
um Dir ein Andenken zu binterlaffen 
von Deinem greifen Freunde.” 

„D, wenn Ihr das thut,“ ruft 
Ludovico entzüdt und umarmt ben 
Greis in der Gondel ſtürmiſch. Sekt, 
jogleih führe id) Euch zu Ludmilla. 
Sie ift ja genefen und wieder friich 
und munter und roth, wie eine auf: 
blühende Roje. Habt Ihr doch fo viel 
für fie, für uns gethan, den Fremden 
habt Ihr Euer Haus geöffnet und habt 
ihnen ein gaftlich Aſyl geboten. D, wie 
ih den glüdlihen Zufall preife, der 
mih auf dem Schiffe mit Euch zu: 
jammengeführt, der mich jchon damals 
jo viel Vertrauen faſſen ließ, Euch 
alles zu eröffnen.“ 

Der Greis macht eine abwehrende 
Bewegung: „Laft es jein, Ludovico, 
was id damals gethan, that ich einem 
Unglüdlihen und nie ift ein folcher 
noch von meiner Schwelle gemiefen 
worden. Du warft verzweifelt, Deine 
Gattin war frank, Du warft auf der 
Flut, von Häjchern verfolgt, Du zogft 
nad) Venedig und doch wußteſt Du 
nicht, wohin den Fuß dort zu jegen, 
wohin Deine franfe Gattin zu betten. 
Mich hat ein gütiger Gott mit Glücks— 
güterm gejegnet, den Schüler Paolo's 
ehrte die Republik und er ift ein reicher 
Mann geworden. Er hat Dir fein Haus 
erichloffen aus Mitleid mit dem Un: 
glüde, heute fteht e8 Dir ganz offen, 
Dir, dem Freunde. ch habe erkannt, 
wie trübe Pfade des Lebens Du ge- 
mwanbelt, fie follen aus meinem Haufe 
helle werben und in eine lachende Welt 
hinaus führen. 

„zaufend Dank!“ Ludovico ruft 
e3 dem reife zu und er brüdt und 
preßt feine Hand und will einen Kuß 
darauf drüden, aber der milde Greis 
wehrt ihm ab. 

Indeſſen ift die Sonne zu Rüſte 
gegangen, nur ein heller Streif im 
Weiten, der wie in's weite Meer zer: 
fließend erjcheint, zeigt noch, daß fie 
nahe. Aber die Dunfelheit bricht ſchon 
herein. Aus der Ferne erflingen die 


s11 


ehernen Zungen einiger Kirchenglocken. 
Das Meer liegt ruhig. Drüben nur, 
gegen die Helle jenes Streifes, den 
noch die Sonne zurüdgelaffen, zeigt ſich 
ein dunkler Punkt. Er mwirb größer 
und größer. Er iſt eine Galeere, die 
vieleicht Gold bringt oder Seide ober 
foftbare Gewänder aus dem fernen 
Drient zum Schmud für die königliche 
Venezia. 

Der Gondoliere ift auf Geheiß 
umgetehrt und rubert nun rajcher 
der Lagune und den Paläften zu. Licht: 
funfen bligen jchon bier und bort in 
ben prächtigen Fenftern empor. Jetzt 
bat der Gondelführer den Kanal erreicht, 
mit tactvollen Schlägen lenkt er die 
Gondel, die fih aus dem Canal grande 
nad) rechts wendet und endli anhält. 

Schon jpiegeln ſich die Geftirne in 
dem dunkeln Waffer. Die beiden Männer 
jteigen aus. Man fieht jet, daß der 
Greis fleiner, ftämmiger ift, die Geftalt 
Ludovicos erfcheint dagegen gejchmei- 
diger in ihrer Größe. 

Der Balaft, in den die beiden ein: 
getreten, bildet eine Ede gegen das 
offene Meer zu. Der aufgehende Mond 
beleuchtet die der See zugefehrte 
Seite und läßt es filbern aufbligen in 
ben Scheiben der Fenfter, bie noch 
nicht erleuchtet find. Maſſig fteht das 
alte Gebäude da und ehrfurdhtgebietend 
durch feine Größe. Eine Vorhalle nimmt 
die beiden Männer auf, nachdem fie 
die eichene jchwere Thür geöffnet. 

Hier befindet ich das Afyl, welches 
Ludovico und Zubmilla bei dem greifen 
Künftler Jacopo, beim Schüler bes 
großen Paolo Caliari, den fie nad 
feiner Vaterſtadt Veronefe nennen, ge: 
funden. 

Wie hoch find die Wölbungen über- 
all, deren fühne Bogen ſich über Hallen 
und Treppen fpannen, wie blinken bie 
Säulen und Statuen im ungewiſſen 
Scheine der Lampen, welche hier ftrahlen, 
aber die weiten Räume nur ungemwiß 
erleuchten fönnen, wie fühn ift ber 
ganze ſtolze Bau, wie von außen, jo 
auch im Innern, er gemahnt an bie 


812 


größten Tage der Republif an die 
Tage eine® Andrea Dandolo, eines 
Antonio Venier, eines Michele Steno 
und andrer großer Dogen Venedigs, 
weldhe die Stabt zu jener Macht und 
Pracht gebracht, in ber fie heute dafteht 
und die mit jedem Tage größer und 
herrlicher geworben. 

An einer hohen Eichenpforte mit 
prächtig gearbeitetem Drüder und Thür: 
klopfer verabjchiedet ſich der Greis von 
Ludovico und verſpricht in einer Stunde 
wieber zu fommen, wenn Ludmilla auf 
feinen Beſuch vorbereitet worben. 

„Sie ift e8 ja immer, unjerm 
Retter wird fie in jedem Augenblide 
mit Worten ewigen Danfes entgegen: 
treten!” fpricht Ludovico; der zart: 
fühlende Greis aber will die vor furzem 
Genefene nicht mit einem plößlichen 
Beſuche überrafchen. 

Sie ſcheiden. Jacopo jteigt die breite 
Steintreppe mit dem durchbrochenen Ge: 
länder empor zu feinen Gemächern. 
Ludovico durchſchreitet ein hohes Zim: 
mer, von beffen Dedengemälde Tächelnd 
die Köpfe einiger Nymphen nieder: 
ſchauen, wie neugierig darüber, wer 
bie Ruhe, welche bis nun in den Zim— 
mern geherricht, zu ftören ſich unterfängt. 

Aus der Thür, welche der Mann 
nun durchſchritten, bietet fich ein herr: 
licher Anblid. Es ift ein Iuftig Gemad), 
in da3 er getreten. Hohe Bogenarkaben 
laffen den Blick faft ungehindert über 
das Meer hin fchweifen, in dem fich 
voll und groß der unterdeſſen aufge: 
gangene Mond fpiegelt, auch auf den 
Steinfliefen des Fußbodens liegt fein 
Silberlit. Das Meer und ber dunfel- 
blaue Sternenhimmel jcheinen draußen 
in einander zu verfchwimmen. Mit ei: 
nem filbernen Duft bedeckt aber der 
Mondichein Alles, was er erreicht und 
verflärt das Himmelsgewölbe und das 
Waſſer, dab es wie burchfichtig er: 
ſcheint. Eine Lampe, bie im Hinter: 
grunde von ber Dede herabhängt, 
wirft einen rothen Lichtkreis umber, 
aber ihr Leuchten ift wie befhämt vor 
dem milden bed Vollmondes. 


Seht erhebt ſich eine weibliche Ge- 
ftalt von dem Nuhebette, auf dem fie 
träumend gelehnt. 

„Ludwig“, ruft fie ſtürmiſch und 
eilt dem Gatten entgegen, „bit Du 
enblih da, jo lang ift mir die Zeit 
geworden in meiner Einfamfeit und jo 


trübe Gedanken bejchleichen mich, wenn 


Du ferne.” 

„TrübeGedanken, Ludmilla?“ ſpricht 
er und drückt einen Kuß auf die edle 
Stirn des Weibes, „in ſo prächtiger 
Mondſcheinnacht ſteigen ja nur gute, 
wohlwollende Geiſter hernieder zum 
einſamen Menſchenkind. Verſcheuche die 
böſen, wenn ſie doch kommen, ſie 
dürfen nicht verweilen in der Pracht, 
die vor Dir ausgebreitet liegt. Sieh, 
der gute Meiſter Jacopo, unſer edler 
Schützer, will Dich heute ſehen, bring' 
ihm ein freundlich Lächeln entgegen 
dem Greiſe, dem wir ſo viel verdanken. 
Die Trübniß aber will ich von Deiner 
Stirn und von Deinen ſchönen Augen 
wegküſſen.“ 

Die beiden ſind inzwiſchen vorge— 
treten und Ludmilla ſchmiegt ſich an 
den ſtolz blickenden Mann, der ſeine 
ſeligen Blicke in das Auge der Ge— 
liebten verſenkt. Höher iſt inzwiſchen 
auch ber Mond geſtiegen, er befeuchtet 
jegt hell und klar die wundervolle 
Frauengeftalt. Wie zart, wie buftig 
ift diefes berrlihe Weſen. Welches 
Ebenmaß ber Glieber, welches jeelen- 
volle Schauen des verflärten Augen: 
paare3, das jo innig an dem Manne 
hängt! Der blaue Sammt des Jäck— 
chens ift etwas zurüdgefunfen und auf 
dem blendenden Naden und auf dem 
vollen nadten Arme liegt der Mond: 
ſchein und ummebt den prächtigen Leib 
mit feinem buftigen Lichte. So ftehen 
die beiden verfenft in ihre Liebe, die 
voll und groß ift, wie das Nachtgeftirn 
draußen, fie haben es nicht bemerft, 
daß die Thür des Gemaches inzwilchen 
aufgegangen ift und zwiſchen derſelben 
der greiſe Meifter ftcht. 

Da fält der Blick Ludwigs auf 
die Thür, er erblidt den Greis, er 


813 


eilt ihm entgegen, während Ludmilla 
ſcheu und verfhämt zur Seite tritt. 

Lächelnd reicht ber Meifter feine 
Hand Hin. 

Ich habe euch überafht, Takt es 
euch nicht gereuen. Der alte Mann freut 
fih auch der jungen Liebe, die vor 
ihm blüht und grünt. Als ich jo da 
ftand und euch betrachtete, e3 war nicht 
meine Abſicht zu ftören, da regte fi) 
der Geift in mir, welcher fo oft meinen 
Pinjel gelentt; e8 kam mir der Ge: 
danfe, den ich jchon heute gegen Dich, 
Ludovico, ausgejprochen, ich will mein 
legte8 Bild malen zur Verherrlihung 
deiner jchönen Frau.“ 

„Aber“, fährt er fort und tritt auf 
Ludmilla zu, die das jchöne Haupt ge: 
ſenkt hat, „was iſt die matte Farbe 
gegen die Wirklichkeit. Ludovico, ich 
jah in meiner Jugend bie Schönen 
Venedigs und ganz Italiens, aber ein 
joldes Weib hab’ ih kaum gejehen 
und wenn Dir der Schüler des großen 
Paolo jagt, du kannſt ftolz fein auf 
Deine Gattin, jo möge Dir das ben 
Bann gewähren, nad) dem Du gejucht 

a “ 


Ludwig umarmt den Meifter, auch 
Ludmilla reicht ihm ihre zarte Kleine 
Hand Hin und begrüßt mit warmen 
Worten den guten Greis, in deſſen 
Hauje fie jo lange gewohnt, ohne ihn 
jelbft gejehen zu haben, und ihre 
Lippen fließen über von Dankesworten. 

Aber der Meifter hört Dankes— 
worte nicht gerne, jelbft aus jo ſchönem 
Munde nit, darum unterbricht er 
ihre Rede: „Ich habe ein Mahl bereiten 
lafien, heiter vereinen foll e8 uns an 
dem heutigen Tage unferes erften Zu: 
ſammenſeins.“ 

Eine ſilberne Schelle ſetzt er in 
Bewegung und es erſcheint ein Diener. 
Während Ludwig und der Greis vor— 
treten und durch die hohen Arkaden 
auf das weile, ſtille Meer hinausſchauen, 
das, durch eine Briſe leiſe erzitternd, das 
Mondlicht verſchwimmen macht in dem 
ganz leicht gekräuſelten Waſſer, und 
während Ludmilla, wie verloren zu 


Boden blickt und vor ſich hin noch ein 
Dankeswort flüſtert in holder Ver— 
wirrung, die noch nicht von ihr ge— 
wichen, wird der Tiſch im Hintergrunde 
hergerichtet. 

Schwere Leuchter ſtehen darauf mit 
flammenden Kerzen, lockendes Backwerk 
und duftendes Obſt erfreut das Auge 
durch ſchöne Geſtalt und prächtige Farbe. 
Die Orange und die Feige liegt neben 
der Traube, welche weit hergeholt iſt 
aus Griechenland und in den prächtigen 
Flaſchen, aus jenem Kryſtall, das allein 
ſchon Venedig weltberühmt gemacht, 
funkelt der edle Rebenſaft des Faler— 
ners, des Aſti, des ſüßen, feurigen Ey: 
perweines. 

Welch' ein Bild, die drei Geſtalten 
beim Mahle ſitzen zu ſehen, jede für 
ſich in ihrer eigenartigen Schönheit! 
Der Greis mit ſchneeigem Haupthaar 
und Bart, mit den milde blickenden 
Augen und der hohen Denkerſtirn, der 
kraftvolle Mann mit dem ernſten Antlitz, 
mit den Zügen voll Willenskraft darin 
und mit dem ſtolz erhobenen Haupte 
und die zarte, duftige Frauengeſtalt, 
eine Schnur Perlen in dem gewellten 
dunkelblonden Haare und eine gleiche 
am Halſe, mit den prächtigen blauen 
Augen, die ſo ſüß darein ſchauen und 
manchmal einen Blick voll Liebe und 
Innigkeit werfen auf den Geliebten. 


Aus Ludwigs Antlitz iſt die Bitter— 
keit geſchwunden und der letzte Schim— 
mer jener Trauer, die gewöhnlich dar: 
auf mweilt, er hat vergeflen auf bie 
Vergangenheit, er lebt nur der jchönen 
freubenreihen Gegenwart. 


Jetzt füllt der Greiß bie ſchalen— 
artigen, flachen Pokale bis an den 
Nand mit Cyperns Rebenſafte, er er: 
hebt feinen Becher und ſpricht: „So 
trinke ich denn auf eine glüdliche Zu: 
funft, möge fie euch bald nahen, möge 
fie hell fein, wie der ſilberdurchwirkte 
Nachthimmel draußen! Und wenn ihr 
dereinft wieder heimgefehrt, gedenft 
eures väterlichen Freundes und ber 
Tage von Venedig! Möge das Glüd 


814 





euch wieder ganz aufnehmen in feine 
Arme!” 

Die Gläfer Elingen zufammen, aber 
die Brife, welche die Wellen vorhin 
gefräufelt ift ftärfer geworben und 
während die Männer die Becher leeren 
und auch die jchönheititrahlende Lud— 
milla an bem füßen Weine nippt, 
ftreicht ein Luftzug durch die Halle und 
löfcht die flammenben Kerzen. 

Ludwig läßt das Glas fallen, daß 
e3 auf den Steinfliefen zerfplittert, aber 
der Greis, raſch gefaßt, fährt mit er: 
höhter Stimme fort: „So mögen fie 
verlöjchen und vertilgt fein, die Un— 
heil bringenden Gewalten, jo mögen fie 
in ein Nicht3 zerrinnen! Seht ihr 
dort in ber Ferne den golbig blin- 
fenden Punkt? Er kömmt näher 
und wird feurigerr. Das ift euer 
Glück. Darum fort mit den Sorgen, 
Ludovico, die bis nun deine Stirne 
ummölft. Freubig fieh dem Glüde ent- 
gegen. Sieh auf Dein Weib, fie fei 
Dein Leitftern! Wenn Du in ihr Auge 
blidft muß Dir ja das Herz aufgehen! 
Ihr gelte diefer Becher, ihrer Schönheit 
und Anmuth!“ 

Ludwig hat fich gefaßt, feine Auge 
ift wieder heller geworben bei jedem 
Worte des Meifter8 Yacopo, er hat 
das Glas ergriffen, glänzender Sonnen: 
ſchein ftrahlt in fein Herz. 

Er wendet fih Ludmillen zu, die 
ihr Köpfchen an feiner Bruft verbirgt. 

„Bott fegne euch, Kinder“, fpricht 
der hinzutretende Greis; „an euch hat 
bie Welt mandes Unrecht gut zu 
machen, fie wird es thun.” 

Schmweigend bliden fie auf das 
Ihimmernde Meer hinaus, als könnten 
9— ſich nicht ſattſehen an ſeiner Schön— 


Doch es iſt ſpät geworden, die 
Lampe im Hintergrunde beinahe ver: 
löſcht, der Mond fteht jchon hoch über 
dem Dache des Palaſtes, der feinen 
Schatten zwar noch jehmal, aber doch 
Ihon gegen das Waſſer zu wirft. Die 
früher heil beleuchteten Arabesken an 
der Außenfeite, die ornamentijchen 


Bierrathen, die hohen Fenfter liegen jet 
im Dunfeln, nur auf den Dächern 
oben fließt es noch, das Silber bes 
Mondlichtes, als wollte e8 hinab in 
das jchimmernde Meer tropfen. Die 
wieder entzünbeten Lichter in der Halle 
fladern unruhig hin und ber. 

„Es ift ſpät, ich ſcheide“, ſpricht 
Jacopo, er reicht Ludwig die Hand, 
er tritt zu der ſchönen Frau, auch ſie 
legt die zarte Hand in des Greiſes 
Rechte. „Möge dieſem Augenpaar“, 
ſo ſagt der Meiſter und blickt ihr in 
das Antlitz, „keine Thräne mehr ent— 
ſtrömen!“ Er legt ſeine Hand auf das 
Haupt; bald darauf hat er die Schwelle 
der Thür überſchritten und iſt wieder 
in ſeine Zimmer emporgeſtiegen. — — 

Tage und Wochen flogen vorüber 
im Strome der Zeiten. Wie eine Ahnung 
von Glück hat es ſich auf Ludwigs 
und Ludmillens Herzen geſenkt. In 
der Geſellſchaft des Greiſes fuhren ſie 
oft hinaus in's Meer und blickten 
hinüber, dorthin, wo das Land liegt, 
welches ſie verlaſſen haben, zu jener 
Küſte, die ſie nicht mehr betreten 
haben ſeit jener Flucht. 

Ludmilla kann es oft kaum faſſen, 
wie dieſes Alles ſo gekommen, vor ihr 
im Meere ſpiegelt ſich Venedig, weit, 
weit liegt die Heimat und das Vater⸗ 
haus. Keine Nachricht hat fie bis 
heute erhalten von dem alten finftern 
Manne, der fi ihr Vater nennt, ber 
fie geliebt hat, vielleicht noch liebt und 
fie ift bahingeflohen vor dem finftern 
Blicke dieſes Mannes an der Seite 
defien, zu dem ihr in fo jeltiamem 
Augenblide Liebe in's Herz geflöbt 
worden, dem fich fo voll, jo heiß ihre 
Seele zugemwendet, dem fie ihr ganzes 
Sein geweiht, den fie nicht mehr ver: 
lafjen wollte und dem fie gefolgt ift 
über das Land und über die See 
bis hieher in die prächtige Dogenftabt. 

Ludwig aber denkt nicht mehr an 
bie büftere Zelle, in ber er jo lange 
geweilt und Frieden geſucht. Nur 
jenes P. Franziscus gedenft er mand): 
mal und wie deffen Schidjal jo ähnlich 


815 


dem feinen. Sollte es eine Vorbedeu— 
tung fein auch für das Fünftige eigene 
Geſchick? Er weiß es nicht, er glaubt 
es faum, nur das Eine hat er ganz 
begriffen, was jener alte Mönch nie— 
dergeihrieben auf das Pergament: 
ftreiflein, al8 er entflohen aus dem 
Klofter — gleich ihm. — Jenes große 
Wort: „Amavit et hominem esse 
sensuit“, er hat es jetzt erſt ganz ge— 
faßt, er hat es begreifen gelernt, daß 
der Menſch ein Räthjel ift, ein Räthjel 
auch ſich felbft und daß die Löſung 
nur in einem bedeutungsvollen Augen: 
blide erfolgen fan, in einem Augen: 
blide, von dem es ungewiß ift, warn, 
von dem es ungewiß ift, ob er naht. 
Er bat es gefühlt, daß die Ruhe nicht 
in dem Grübeln liegt über den Büchern 
und nicht in jener Wiſſenſchaft, nad 
der ſchon Taufende geftrebt, die doch 
damit nicht den Eleinften Theil ihres 
eigenen Selbſt begriffen haben, daß 
fein Drang nad) Frieden etwas ganz 
Andere gemwejen, daß er jo handeln 
gemußt, wie er gehandelt und daß es 
anders nicht hätte befjer werben fönnen. 

Und dennoh — es ift eine Täu— 


Ludmilla auf die Zufunft vergejjen. 
Aber die Zeit will nicht, daß man 
auf fie vergeffe, fie pocht dann an 
die Thür der Hütte und an das Thor 
des Palaftes, fie bringt ihre Gaben 
mit, ach oft jo traurige Gaben, aber 
der Menſch muß fie nehmen. 

Im Norden ift der Winter gekom— 
men, ber November ift herangezogen 
mit Schnee und Eis, feine Stürme 
toben, bie Menjchen juchen Zimmer 
und KRämmerlein auf und den warmen 
Dfen. Aber der Süden hat feinen 
Winter, wenn die Drange gereift ift, 
jegt der bunfelgrüne Strauch wieder 


Blüthen an und duftend prangen Blüthe 
und Frucht zwiſchen dem fräftigen 
Laube. Auch in Venedig weiß man 
wenig von Schnee und Eid, bie Sonne 
ift nicht fo drückend, die Nacht Fühler, 
in den Kanälen hat der Schiffer feine 
ade umgemworfen, der fonft friſch in 
Hemdärmeln das Ruder handhabt. 

Ludmilla aber gebenft wehmüthig 
bes Eiſes und ber Schneefloden in 
ber Heimat. In. der Heimat, meld’ 
ein Zauberwort! Den jchönften Him— 
mel Italiens, den prächtigften Sonnen: 
Ichein macht e8 vergeflen. Das Herz 
jehnt fih nach jenen Stätten, wo es 
jo lange und jo traulich geweilt. Auch 
Ludmillens Herz bat noch ein Er: 
innern bewahrt neben ber heißen 
Liebe, die darin herrſcht zu dem Ge: 
liebten. Ohne dieſem etwas bavon 
mitzutheilen, fühlt fie, daß dies Erin 
nern immer lebhafter und ftärfer wird, 
daß es fie wie mit taufend ftarfen 
Banden hHinzieht an jene Stelle, wo 
fie jo viele der jchönften Jahre bes 
Lebens verbracht, an jene Stätte ihrer 
Jugend, ber fie nun entrückt ift, viel- 
leicht für immer. Und immer wieder 
tritt das Bild vor ihre Seele, fo oft 
fie es auch daraus verbannen will. 
Das Heimweh ift eingezogen, ein Gaft, 
der das Herz fo traurig macht, daß 
es fterben möchte, wenn ihm nicht 
jein Heim wiedergegeben wird. Lud— 
milla empfindet nun plöglih, daß in 
der nördlichen Heimat die Floden bes 
Schneee’3 fallen. Die gerötheten Wangen 
erblaffen, aus den blauen Augenfternen 
bricht e8 mitunter, wie ein unheim:- 
liches Feuer, Fieberhige durchfliegt 
den zarten Körper. Bon Tag zu Tag 
jucht ſie's dem Geliebten zu verhehlen, 
aber bieje Krankheit ift eine gewaltige 
Gebieterin, fie ſchont nichts, auch nicht 
die Liebe. 


(Schluß folgt.) 


816 


Wie Defregger Maler wurde. 


Eine Skizze von P. R. Roſegger. 


„Der Franzl hat jeht den Ederhof |wußt war. — Aber er war an ben 


z' Stronad übernommen? — Das ift 
ber Rechte! ich fag’ nur fo viel: ſchaut 
euch nach etlichen Jahren fein Haus: 
dab an! Zerriſſen und vermwinbirt. 
Und jeine Melkküh' jchnigt fich der 
aus Zirmholz. —“ So fagten bie 
Bauern von Dölfah. Und bie Wei- 
ber und Mädchen: „Wird er bald 
heiraten, der Franzl?“ 

Die Leute rebeten und ber Franz 
wirtbichaftete auf dem überfommenen 
Gute feines Vaters. E3 war im Grunde 
fein jchlechter Grund; aber e8 ging 
nicht beſſer und nicht übler wie bei 
den Nachbarn, e3 war ein großer Grund, 
aber ein fleiner Erwerb, es waren feine 
Schulden da, aber auch fein Baargeld, 
e3 war wie an jenem Orte, wo nad 


Ederhof gefettet und gab fich brein. 

Eines Abends, der Franz jaß ge: 
trade beim Anjchaften einer Stallgabel 
— war auch Schnigarbeit! — trat 
der Unterfhhlager Martin aus bem 
Sfelthale in's Haus: Ob er fleibig 
wär’, der Eberhofer? ob er nicht ſchon 
bald Feierabend made? 

Der Franz antwortete, was man 
eben darauf zu antworten pflegt, und 
ber Martin möge abraften, und es jei 
jegt ein pafjabel ſchönes Wetter und 
was ed Neues gebe in Lienz? 

„Laß' gehen,” fagte der Martin 
und warf bie Hand jo Hin in bie Luft, 
„in biefen Bergen gibt’8 nie was Neues. 
's ift ein ödweiliger Weltwinkel.“ 

„Der Weltwinkel ift nicht zuwider,“ 


dem Volkswort bie ungetauft verftor: | fagte der Franz. 


benen Kinder hinkommen: feine Freud’ 
und fein Leib 

Aber der Franzl war fein unge: 
tauftes Kind, und „Leine Freud und 
fein Leid“, das war ihm zu langweilig. 
Menn er noch Zeit zum Bildjchnigen 
hätte! Wie glüdlih find doch bie 
Gröbner Holzſchnitzer, die Pitthaler 
Herrgöttlmadher, die Tefiner Bilder- 
händler. Die laffen ihre Landwirth- 
Ihaft den Weibern über und widmen 
fih der Kunft, und reifen mit ihren 
Merken in der Welt herum und führen 
ein fröhlich Leben. Einmal war ber 
Franz gar ſchon d’ran, in's Pitthal 
auszumwandern und fi dort dem 
Schnigen hinzugeben — Werke zu 
Schaffen, vor denen die braven Tiroler 
auf ben Knieen liegen, als wie vor 
dem lieben Gott felber. Der Gedanke 
that ihm wohl, wenngleich er fich der 
Sehnſucht nach Künftlerehre nicht be: 


„So?“ verjegte der Andere, „na, 
Du ſchauſt mir nicht darnach aus, als 
ob's Dir juft eben gefallen thät dahier.“ 

Der Franz ſchlug den Gabelftiel 
an, ſchob die Achſeln in die Höhe und 
murmelte: „Was kann man machen ?" 

„Eder,“ fagte der Martin und 
blidte ihm ſcharf in's Geſicht, „geh' 
mit!“ 

„Wohin?“ 

„Nach Amerika. — Jetzt ſchau'ſt 
d'rein! Du, auf das D'reinſchauen von 
Dir hab' ich mich ſchon lang gefreut. 
Ernſter Weis, Eder, ich bin der Sach' 
wegen da. Sind allzuſchlechte Zeiten 
jetzt im Land Tirol. Wir, an zwanzig 
Bauern aus dem Iſelthal und auch 
von der Draugegend wandern aus in 
die neue Welt. Und ſie laſſen Dich 
fragen, ob Du dabei biſt.“ 

Der junge Eder warf bie Stall- 
gabel in die Ede und jah dem Martin 


817 


frifh und munter in’3 Gefiht. Der 
Iſelthaler — es war der wortfähigite, 
den fie jchiden konnten — jeßte das 
Unternehmen jegt auseinander, jprad) 
von den deutjchen Anfiedlungen in Beru, 
von einer tiroliichen Eolonie, von einem 
Neu: nnsbrud am Maranon, und wie 
man fich dort für geringes Gelb große 
fruchtbare Grundftüde erwerben könne, 
auf denen aller Lebensbedarf jelber 
wachſe, jo daß der Eigenthümer zum 
größten Theile für feine Lieblingsbe: 
Ihäftigungen leben könne. — Bauern: 
güter jeien jegt leicht an Mann gebracht, 
in drei Monaten, um Jacobi, wären 
fie reifefertig und jchifften fich in Bremen 
ein. — Er follte ſich's überlegen. 

Der Franz trommelte mit den Schuh: 
jpigen auf dem Boden und dachte nad). 
Er hatte jhon Manches von Amerika 
gehört und gar jelbit gelefen; nicht 
zu leugnen, es war ihm auch ſchon 
einmal der Gedanke gefommen, die neue 
Welt müßte befjer halten, als die alte. 
Jetzt hob er den Kopf gegen den Martin 
und fragte: „Wo kann man euch finden, 
jegt die Sonntage?” 

„Auf der Poft in Lienz find wir 
Ale beifammen. Etlihe haben ihre 
Häuser jhon verkauft, Andere find noch 
in der Unterhandlung. Der Zirbelhofer 
heiratet noch eher feine jaubere Ma: 
treierin. Sollſt Du auch thun, Franz, 
mwenn’3 dazu fommt — daß es eine 
Kurzmweil gibt auf der See.” 

„Will mir das Ding überlegen,” 
meinte der Eber, aber mit einer Miene, 
aus welcher der Martin nicht Flug wer: 
ben konnte, war’3 Spaß ober Ernft. Der 
Sielthaler ging davon und berichtete 
den Genofien: „Schwerlih, daß er 
wird mit babei fein, der Eder z' Stro- 
nad. Er hat g’rad nit ja und nit na 
g’jagt.“ 


Einige Tage darauf war eine Hoc: 
zeit beim Wirth in Dölſach. Die Ver: 
wandten des Ebderhofer’3 waren auch 
dabei. Das dürfte eine Gelegenheit jein, 
dachte fi der Franz und ging bes 


Rofeguer’s „„Heimgarten‘* 11. Heft. 


Abends, als es finfter wurde in's 
Wirthshaus nah. Da hatte er guten 
Empfang, bei den Tiichen wollten fie 
den unterhaltſamen Burſchen haben 
und auf dem Tanzboden aud. Er ent: 
ichied fich für den Tanzboden. Mit den 
hübjcheiten DirndIn der Gemein hopfte 
er und bei jebem dachte er insgeheim: 
Molltet Du mit über’s Waller? — 
Sie lachten ihn alle jo treuherzig an 
und fie ahnten es nicht, daß jegt auf 
einmal das weite Gewäſſer lag zwiſchen 
ihnen und bem lichen, flinfen, bunfel- 
gelodten Eder-Franz. 

Erſt nach Mitternacht zog ſich der 
Franz in eine Nebenftube zurüd, mo 
mehrere jeiner Grundnachbarn und Ver: 
wandten im Geſpräche faßen. Sie 
ſprachen über Wirthichaftsjahen und 
daß jest billig Häufer faufen wäre, 
da ein ganzes Rudel Helthalerbauern 
nah Amerifa auswanderten. Mehrere 
Kaufluftige waren darunter. 

„Kauft mir das meine ab!” jagte 
der Eder plötzlich. 

„Dein Haus? ift es feil? Geh'ſt 
etwa auch in's Amerika, Franz?“ 

„Freilich.“ 

„Zweimal darfſt es nicht ſagen, 
ſo glaub' ich's,“ rief ſeine Schweſter 
Helene. „Gleichſchauen thät's Dir, daß 
Du auf einmal davonliefeſt, ſo weit 
der Himmel aufgeſpannt iſt.“ 

„Mir iſt's recht, daß wir heut' 
beiſammen ſind und davon reden können,“ 
ſagte er, „ihr wißt Alle miteinander, 
daß ich meines Vaters Wirthſchaft, ſo 
lang ich ſie hab', nicht verſchandiren 
werde, wißt aber auch, daß ich keine 
rechte Freud' d'ran hab'. Nehmt ihr 
von meinen Geſchwiſtern ein's das Haus, 
— ich verkauf's — probir' mein Glück 
auf andere Art. Was kann mir denn 
geſchehen, wenn ich nach Amerika gehe?“ 

Sie blickten alle auf ihn hin. Der 
Eder ſah nicht aus, als wollte er ſpaßen. 
Seine Schweſter riß gleich die Schürze 
zum Geſicht und ſchluchzte: Das hätt' 
ſie ja gewußt, hätt' ſich's immer ge— 
dacht, der Franzl würde auf einmal 

62 


818 


fo was anfangen. Seht jei das Un— 
glüd da. 

Der Franz lachte überlaut, er jehe 
fein Unglüd, und ſchon vor Zeiten, 
da fie noch feine Eifenbahn und fein 
Dampſchiff gehabt, hätten fie ſchon ge- 
fungen: Wem Gott will rechte Gunft 
erweifen, ben fchidt er in bie weite 
Welt. 

„Na, na, Franzl“, fagte ein ſchon 
betagter Vetter und legte die hagere 
Hand auf den Arm des jungen Mannes: 
„Das ift nichts, das mußt Dir aus 
dem Kopfe jchlagen. Bleibe im Land 
und nähre Dich reblich, heißt's.“ 

Es wäre ſchon gut, fagte der Eder, 
aber e8 wäre auch fpät, er wünſche 
Allen eine gute Nacht. Stand auf, ging 
davon. 

Die Helene ſchluchzte weiter; „es 
it fo viel, al3 wie wenn er fchon fort 
wär’,“ meinte fie, „was ſich der ein- 
bildet, das führt er aus.” 

„Oho, da werben ſchon auch noch 
andere Leute was d’rein zu reden haben !” 
rief ein Greiß vom Nachbarstijch ber, 
„ih bin fein Göd und den Göden hat 
er zu fragen. — Daß er am End' 
heimfäm’, wie ein Haderlump und 
brächt' uns das gelb’ Fieber mit und 
andere Schlechtigfeiten. Lieber geh’ ich 
in’s Amt und laß’ ihn noch einmal affen- 
tiren. — Schau da her!” 

Die Entrüftung des Alten medte 
eine Gegenftrömung. Mehrere junge 
Leute riefen, wenn der Eder-Franzl 
nad Amerifa gehe, jo gingen fie auch 
mit. Mädchen liefen herbei: was das 
für eine Mode wäre, auf dem Tanz: 
boden fein einziger Tänzer mehr! 

Amerita! — Mber bie Fiebeln 
übertönten das Wort. 





Am nächſten Sonntag Nachmittags 
nah dem Segen famen fie im Eder: 
hofe zujammen, die Geſchwiſter, Schwä- 
ger, Vettern und Muhmen bes Franz. 
Zuerft lobten fie jeine Wirthichaft, den 
ftattlichen Hof, den weiten Adergrund, 


Glück wär’, heut’ zu Tag, hausgejefjen 
zu fein, und daß Einer wiſſe, wo er 
daheim fei und jeine Freunde finde, 
fo oft er fie brauche. 

Franz freute fih, nur Gutes zu 
hören von denjelben Zeuten, bie fonft 
immer mit feinem Hausweſen zu ner: 
geln gehabt hatten, denen jonft weder er, 
noch die Dölfachergegend, noch fie ſelbſt 
recht gewejen waren, bie dem lieben 
Gott unter der Hand feine Welt aus: 
befjern wollten, oder ihm meijen, wie 
man am beiten eine neue erjchaffe. 

ALS fie nun aber in ihrem Gejpräde 
der Mendung immer näher famen, 
unterbrah fie ber Franz lächelnd: 
„Laßt's gut fein, Leut’, mich g’freut’3, 
daß ihr mich doch gleichwohl noch jo 
gern habt; das wird mir wohl thun, 
wenn ich in der Fremde bin.“ 

Sept fuhren fie los: 

„Du darfſt nicht fort ! 

„Dein Vater müßt’ fih noch im 
Grab umbrehen, wenn Du den guten, 
alten Ederhof jo mwollteft verſcherzen!“ 

„Und ein Bagabund wollteit 
werden —“ 

„— und zu ben Heiden wollteſt 
gehen —“ 

„— und fo viel Schand bringen 
auf Deine Landsfeut !” 

„Wenn Du den Hof verfaufft!“ 
tief ein Neltefter von Dölſach, „fo 
legt die Gemeinde das Gelb in Be 
ſchlag, wie's für einen Verſchwender 
gehört.“ 

Da ließ der Franz ſeine Hand 
plötzlich ſtark auf den Tiſch fallen und 
ſagte: „Jetzt hab' ich genug! Noch 
iſt das Haus mein und das ſag' ich 
euch: wenn ich gehen will, euretwegen 
bleib ich nicht!“ 

„Iſt auch gut,“ brummten ſie, 
„weil wir's nur wiſſen.“ Und ver— 
loren ſich nach und nach aus dem 
Hauſe. — 

Und der Eder ging wiederholt nach 
Lienz, kehrte auf der Poſt ein und 
unterredete ſich mit den Iſelthalern. 
Ein Käufer für's Haus war auch ge— 


bie ſchöne Alm, und was das für ein funden. Franz wollte nur früher noch 


819 


mit Bruder und Schwefter reden und würde fie erft jehen, was fie für einen 


ihnen in ernfter und gütlicher Weije 
bie Sache klar legen, und fie dahin- 
bringen, daß fie mit feiner Auswan— 
derung einverjtanden wären. 

Der Bruder hatte Schließlich nichts 
mehr dagegen, nur, meinte er, bürfe 
der Franz nicht allein fort, auch er 
würde mit ihm gehen. Jetzt jaß ber 
Franz erft recht in ber Klemme; den 
jungen Burſchen, ber niemald nad 
MWeiterem geftrebt hatte, als mas 
eben ein Bauernjunge im Gebirge be: 
darf, mitnehmen, fonnte er nicht wagen ; 
ihn zurüddrängen war basfelbe Un: 
recht, was die Anderen an ihm, dem 
Franz, begingen. 

„Isa, Brüderchen,“ fragte Franz, 
„ließe Dih denn die Hannele mit?“ 

Der Bruder jchieg. Das war ein 
Punkt, der erwogen fein wollte. Und 
nach einiger Zeit fam er darüber in's 
Reine: es würde denn doch wohl das 
BVernünftigfte fein, der Franz thue nach 
freiem Willen, er jelber aber — er 
bliebe daheim. 

Aber bei der Schwefter ging es 
ſchwerer. Sie hing mit leibenfchaft: 
licher Liebe an ihrem . Bruder, und 
hub in dieſer Zeit ſchon immer zu 
weinen an, fo oft fie ihn jah: „Ge— 
rad’, ald ob Du mir auf der Todten: 
bahr lägeft. Geftorben bift mir jchon 
= fortgetragen haben fie Dich noch 
nicht.” 

Er war heiter und fchmeichelte ihr 
bisweilen ein Lächeln ab, und bat fie 
dann mit der ganzen Innigkeit des 
Bruderherzens, fie möge die Sache mit 
Ruhe und Vernunft überlegen; nad 
Amerika jei es heute nicht weiter, als 
wie früher nach Galizien, nach Sieben: 
bürgen hinein, wohin body jo viele 
Tirolerjoldaten marſchirt und glüdlich 


Bruder habe! 

So ſagte fie enblih, wenn er in 
diefer Auswanderung denn fein Glüd 
zu finden hoffe, ſei e3 in Gottesnamen 
— fie füge ih; nur auf feine Ge- 
jundheit follt’ er jchauen. 

Am nächſten Feiertage jollte der 
Hausverkauf amtlich geichloffen werben. 
Am Borabende fam der Schwager An: 
drä und nahm den Franz mit in’3 Dorf 
und ins Wirthshaus. 

Da waren jchon Leute beifammen, 
thaten aber, als ob fie ganz zufällig 
jo zufammengefommen wären. Der 
Herr Pfarrer war aud da, — Die 
Unterhaltung wollte aber nicht recht 
vorangehen. Eine lange Weile wurbe 
vom Wetter geſprochen, dann eine halbe 
Stunde lang von der Klauenjeuche, die 
auf den Almen grajfire, endlich wußte 
man, daß es mit der Eifenbahn durch 
das Thal, von Franzensfeſte her doch 
Ernft werben würde. Aber merfwürbiger 
Weiſe war heute fein rechtes Intereſſe 
an der Eijenbahn und die Leute famen 
bei dem Diskurs nicht in die Hibe, 
wie jonft und das Gejpräd wollte 
wieber verfidern. — 

„Ja, einer muß doch anfangen,“ 
flüfterte man und trat fi unter dem 
Tiſche auf die Füße. So fing einer 
an: „Ja, die Eijenbahn, die follt’ halt 
in acht Tagen ſchon fertig fein.“ 

„Warum?“ fragte man. 

„Damit unfere Auswanderer nad) 
Amerifa gleich per Dampf könnten ab: 
fahren.” 

Die Wendung war plump, aber 
fie war gemacht und nun mußte man 
— mohl oder übel — den Stier bei 
den Hörnern paden. Der Pfarrer er: 
bob fih von feinem Plage und ſetzte 
ih an die Seite des Eder-Franz. Da 


Auch ſchwieg ſchon Alles. 


wieber zurüdgelommen wären. Au 

er fomme wieder zurüd, er bleibe nicht 
im fremden Land, er ſuche nur jein 
Glück und würde es finden, und würbe 
in wenigen Jahren bie Mittel erwerben, 
fih feiner Lieblingsbefhäftigung, dem 


„Franz,“ ſagte der Pfarrer und 
ſchmiegte fih an den Angeiprochenen, 
„Franz, ich kann's nicht glauben, daß 
Du uns verlafjen willft.” 

Nah einer Weile antwortete der 


Bildfchnigen hinzugeben — und bann | Eber: „Ya doch, Herr Pfarrer.” 


b2* 


820 


„Es ift nur ein Spaß gewefen oder 
für's Höchſte eine Heine Webereilung, 
nicht’3 weiter. Du bleibjt uns daheim.“ 

„Es it Schon Alles jo ziemlich in 
der Nichtigkeit. Mein Haus ift jo viel 
als verfauft; habe darauf ſchon die 
Hand gegeben. 

„Der Handel geht wieder zurüd!“ 
riefen Mehrere, „dafür find wir da! 
Schau, was jollt’ denn aus der Döl— 
jaher Mufitbande werden, wäreft Du 
nicht dabei? — Du bleibt bei ung, 
Franz. Da kannſt treiben, was Du 
willft, wir laffen Dich nicht fort!” 

Sie fielen ordentlich über ihn ber 
und hielten ihn an ben Händen und 
ſchlangen ihre Arme um jeinen Naden. 
Lauter Nahbarn und Schulfreunde von 
ihm waren es. 

„Schau,“ ſagte jegt der Pfarrer 
wieder, „könnteſt e8 denn über's Herz 
bringen? An jedem dieſer Freunde, bie 
Dih heute an ihre Brujt Schließen, 


hängt ein Stüd Deiner Kindheit und 


und Jugend. Mir bit eines der liebjten 
Pfarrfinder ſeit je gewejen; ich weiß 


am bejten, wie treu Du ſtets gehangen 


haft an Vater und Mutter, an Ge: 
ſchwiſtern und Freunden, an der ganzen 
Gemein. Wie, daß Du Dich jeht los— 
zureißen vermöchteft für immer aus 
dem heiligen Verband, der Freud’ und 
Noth zu jeder Zeit brüderlich mit Dir 
getragen hat; daß Du Dich jegt Fönnteft 
trennen von dem geliebten, alpenum: 
friedeten Thale der Heimat, um, ein 
Abenteurer, 


Eriftenz entgegen, um in der Jagd 
nach Gold vielleidht unter wilden Stäm— 
men elendlich zu Grunde zu gehen! — 
Dblide hier hinaus, wie friedlich Deine 
altehrwürdige Pfarrkirche im Mond: 


lichte ſteht; fie gab Dir die Taufe; | 


vor ihrem Altare hat das Mutterherz 
in Kummer gebetet, dev Herr möge 
ihren geliebtejten Sohn in feiner Hut 
bewahıen immerdar. — Franz! an 
diefen Kichhofsmauern ruhen die Ge- 
beine deiner Eltern, Deiner Vorfahren 


auszuwandern in einen 
fernen Welttheil, einer höchſt unficheren | 


aller, die der treuen Heimat treu ge: 
blieben find...” 

Der Eder riß fich los, jprang auf 
und jchritt raſch hinaus in die Stille 
der Mondnacht. Er ftüßte fih an einen 
Pfeiler und krampfig hob und fentte 
fih feine Bruft. 


Am andern Tage unterzeichnete er 
den Kaufvertrag — und das Heimats- 
haus war in fremben Händen. 

Noch an demfelben Tage ging ein 
Gerücht, die Abreife der Auswanderer 
fei verfhoben worden. In das Iſelthal 
waren buch Zeitungen und Privat: 
briefe beunruhigende Nachrichten ge: 
fommen: man möge fi) wohl vorjehen, 
mit der amerikanischer Angelegenheit 
ftünde es nicht ganz jo wie man etwa 
glaube, die Neife nah Peru fei viel - 
foftjpieliger, als es die Agenten ein: 
geitehen ; in Beru fei Grund und Bo- 
den längft vertheilt und bevölfert und 
in den Gold: und Silberminen fänben 
wohl Taujende ihr Elend und ihr Grab, 
aber nur Wenige ihr Glüd. Die Ein: 
gewanderten, die ber Landesſprache 
nicht mädtig, dad Klima und bie 
Lebensweije nicht gewöhnt wären, wür: 
den bald das Opfer gewifjenlojer Spe: 
kulanten oder böjer Seuchen; glüdlich 
‚noch diejenigen, die einen legten Blut: 
pfennig befigen, denjelben opfern können, 
‚um wieder in bie alte Heimat zurüd- 
 zugelangen. 

Nein, dachte der Eder-Franz, von 
jolden Gründen laſſe ih mich gerne 
beſtimmen. Und aufrichtig, ich wüßte 
nicht, ob ich es über's Herz gebracht 
hätte, der Heimat, ben Verwandten, 
‚bejonderd der Schweiter Helene, bie 
ſo jehr an mir hängt, Ade zu jagen. 

Auf der Poſt zu Lienz blieb bald 
Einer um der Andere der Amerika: 
luſtigen aus und die Sache jchlief ein. 
Unjer Franz aber ftand da und hatte 
fein Haus und fein Geſchäft. Sept 
gab es wieder gar nicht Viele zu Stro: 
nah und Dölſach, die ſich ſonderlich 








821 


um ihn fümmerten ; wohl aber Etliche, 
die heimlich lachten über Einen, ber 
ba zwiſchen zwei Stühlen auf dem 
Lehm jap. 

Saß eines Tages wirklich auf ber 
Lehmbanf am Wege, al3 zwei Maurer: 
gejellen, gute Bekannte von ihm, die 
wie er zu der Dölſacher Muſikbande 
gehörten, mit Stof und Reiſeſack be: 
padt daherkamen. 

„Ei, wohin denn?“ fragte fie Franz. 

„In's Amerika,“ antwortete der 
Eine, ſchmunzelte aber dabei, daß man 
Jah, es war fein Wort nicht ernft. 

„Nah Sprugge (Innsbruck) gehen 
wir,“ jagte der Zweite, „wenn Du 
mitwillft, Franz ?“ 

„Das ließe fich überlegen,“ meinte 
der Franz, „aber ihr Habt mir's zu eilig.“ 

„Bir warten auf Dich, wir paden 
ſogleich ab, wenn Du hernach mitgehft.“ 

„Welchen Weg nehmen wir ?“ 

„Bir reifen dem Land nach” (nad) 
der Landftraße). 

„So laßt Zeit ein paar Tage.“ 

„Was fangen wir an biemweil ?” 

„Ih weiß euch was,” jagte Franz. 
„In Drauburg ift morgen Hochzeit. 
Eine Megmader:Dirn heiratet. Die 
kann fich nicht viel koſten laſſen; ber 
jpielt ihr den Hochzeit3marfch und ein 
paar Tanzeln im Wirthshaus auf. Die 
denkt euch’3 ihr Lebtag lang. Und ich 
bin, dieweilen ihr geiget, fertig.“ 

So war’3 ben Maurergejellen recht. 
Sie gingen mit ihren Mufifinftrumenten 
nad Drauburg. Der Franz ging zu 
jeiner Schwefter und erzählte ihr von 
feinem neuen Reiſeziel. Ihr war auch 
das nicht recht. — Er verthut fein 
Geld und wird vom Glauben abfommen. 
Die Stabtleut’ find fo viel ſchwach in 
der Religion. — 

Nichtsdeftoweniger ging der Franz 
nad) Innsbruck. Es war im Früh: 
jahre 1860. Es mar eine luftige 
Burjchenreife mit den zwei Maurer: 
gejellen — alle drei Mufifanten. 

Bald hernach jchrieb er einen Brief 
an jeine Schweſter Helene, in welchem 
unter. anderm auch Folgendes ſtand: 


„Als mir das letztemal beifammen 
wahren, da wahr mein Herz noch fo 
bedrängt, das e3 mir ftäte Trehnen 
aus ben Augen prefte und jo mußte 
ih euch in meiner Heimat verlaj- 
jen. Aber nah Regen kommt Son- 
nenſchein. — Den als ich zum erften- 
male Innsbruck erblidte, da wahren 
meine Trehnen abgewiſcht. (Hierauf 
Schreibt er von einer Reife, die er nad) 
Münden, Auasburg und Kempten 
machte.) Und jet ift mein einziges 
Beftreben nach meinen Vorhaben, den 
meine Provefion fcheint auch nicht 
ichleht zu fein, wenn ich einmal wei- 
tere Vortſchrite machen kann. Unb 
ibrigens bin ich ganz geſund Gott jei 
Dank, wie ich auch euch alle anzutreven 
hoffe und es geht mir recht gut. Und 
wenn but vileicht gedenfejt jegt ijt er in 
einer Stadt da wird er fih nur an 
eitelfeit und unterhaldung ergozen, und 
beten wird er nichts, fo irrſt du dich 
treue Schwefter den Innsbruck bietet 
zum guten eben fo viel gelegenheit 
dar, als zum ſchlechten denn an 
Kirchen velt es ja nicht wenn man 
behten will. Seit nun taufendmal ge: 
grüst treue Schweiter u. j. w. — Die 
Adres ift zu machen. An Erwirdigen 
Herrn Michael Stolz Bildhauer E f. 
Niallehrer in Innsbruck.“ 

Franz war nämlich in die Zeichen: 
ſchule gegangen, wo er unter ber Lei— 
tung bes Profeſſors Stolz ungefähr 
drei Monate lang Unterriht nahm. 
Da zeigte es fich denn, daß in dieſem 
Bauernburfhen mehr ftedte, als bloße 
Auswanderungsluft und als Neigung 
für Baumrindenfchnigereien. Dem fehlt 
nur ein großer Lehrmeifter, Dachte fich 
Profeſſor Stolz und empfahl feinen 
Zögling dem Maler Biloty in München. 

So fam der fünfundzwanzigjährige 
Franz von Stronach aus Innsbruck 
in die Großftabt, in die Maler: 
und Künftlerftabt an der far. Dort 
begann er mit Hilfe feiner aus dem 
Haufe gelöften Geldſumme ein ge 
orbnete® Stubium. Er befuchte Die 
Gewerbeſchule und trat bei Meifter 


% 


822 


Piloty in die Lehre. „Was?“ jagte 
Piloty eines Tages: „Sie wollen auch 
Maler werden? Da haben Sie eine 
ſchwere Aufgabe in den heutigen Ta: 
gen!” Sah aber bald, daß der ge 
lehrige, geniale Schüler die ſchwere 
Aufgabe überwinden bürfte. 


Ein andermal ftand Franz vor einer 
Gemäldeauslage in der Stadt und 
hörte hinter fi die Bemerkung: „a, 
die Bilder find ſchön. Nur Schade, 
daß die Maler verhungern müſſen.“ 
Aber er verlor nicht den Muth — er 
lernte und lernte. — Wenn ich's nur 
einmal fo weit bringe, dachte er, daß 
ih mir täglich zwei Gulden verdiene! 
— Hat's noch weiter gebradt. — 


Piloty gewann den jchlichten, offenen 
Tiroler bald Tieb, und oft ſah man 
an feiner Seite den firammen Alpen- 
burfchen, der noch jeinen grauen Loden⸗ 
rock und eine mit Pfauenfeberfiel ge 
jtidte Reibbinde trug, durch die Gaſſen 
wandeln. Piloty's Haus und Atelier 
jtanden ihm ftet3 offen und mar 
ein eigenes Klopfzeihen an der Thür 
beftimmt, das ihm zu allen Tages 
ftunden Einlaß verſchaffe. 


Später Iebte der junge Maler aus 
den Xirolerbergen ein paar Jahre in 
Paris, Lehrte dann (1865) aber mit 
um jo größerer Freude in die Alpen: 
heimat zurüd — ein ganz Anderer, 
als der war, welcher fünf Iahre früher 
mit den Maurern davonzog. So lange 
er unter den Leuten und Naturgegen- 
ftänden noch Skizzen ſammelte — bier 
einen Kopf, dort eine Hand, ein Thier, 
einen Baum, da ein Geräthe, ein Haus, 
einen Stein — fo lange lächelten fie 
über jein Gehaben. Als er aber den 
Dölſachern für ihre neue Kirche das 
berrlihe Altarbild malte, die heilige 
Familie — da lädhelten fie nicht mehr, 
da wollten ihre Hände fich jchier heben 
zum Hutabnehmen vor diefem Manne. 

Sie glaubten es, fie fagten e8 zu 
einander und fie jagen es zu allen 
Fremden, die in das jchöne Thal 
fommen: „Der Franzl, unfer Eder: 


Franzl ift halt ein großer Künftler 
geworben.” 


Defregger ift einer jener wenigen 
glüdlichen Propheten, die auch in ihrem 
Baterlande fiegen. Die Dölſacher trei- 
ben einen wahren Eultus mit ihrem 
lieben, berühmten Franz. Alles weiß 
und jpridt von ihm — menn er auch, 
da er in München lebt, oft Jahre lang 
abmwejend ift. — Alles hat Bildchen 
von ihm, meijt Portraits, bie trefflich 
find. Eie freuen fi, daß er ein großer 
Herr geworden ift und hören es gerne, 
wenn die Fremden erzählen, wie lieb 
und werth fie draußen in ber Welt 
den Meifter von Dölfach haben. Nur 
jelten fommt Franz beim, aber wenn 
er doch da ift, dann mijcht er ſich unter 
feine Bauern auf dem Kirchplatz, im 
Wirthshaus, in ben Heimftuben, und 
verfehrt mit ihnen ſchlicht und Fröhlich, 
als wäre er noch ihresgleichen. Sm 
großen Wirthshaufe des Dorfes ift jo: 
gar ein Defreggerjaal, geziert mit vielen 
Neproduftionen Defregger'ſcher Ge: 
mälde und mit dem Biloniffe bes 
Meifterd. Darunter ift auch ein Drigi- 
nal, wovon wohl auf der Welt Feine 
Copie eriftirt: Es ftammt aus der 
erften Lehrzeit des Künftler8 in Inns— 
bruck, ift mit Wafferfarben auf Bapier 
gemalt und ftellt die Dölſacher Mu: 
fifanten dar, ber Eder-Franz jelbft da- 
bei, die Pfeife blafend. Die Figuren 
ftehen gar unbeholfen und unvermittelt 
in der Art der Silhouettenbildchen ba ; 
dem Laien fommen fie faum feiner vor 
als die Arbeiten der Martertaferl: 
Maler; der Sachverftändige aber ſpürt 
in diefem Bildchen bereit den Hauch 
des Gottesgnadenthbums. Ein anderes 
Gemälde, ebenfalls aus der Lehrzeit 
Defregger's, befigt der Dölſacher Ober: 
lehrer, Herr Weißkopf. Dasjelbe ftellt 
einen alten Soldaten vor, ber abend- 
lih in einer Bauernhütte, von einem 
dankbaren Publifum umgeben, Ge: 
ſchichten erzählt. Details find mohl 
auh auf biefem Bilde noch mangel: 


823 


baft, aber die Gruppirung unb in 
Sonderheit, die Lichteffecte desſelben find 
ganz meifterlich. 

Ich habe bei meinem Aufenthalte 
in Dölſach des Malers Gefchwifter be- 
judt. Eine Schweiter ift verheiratet 
mit jenem Bauer, ber einft oben „auf 
der Wacht“ im Wirthshaufe vor den 
Augen der Gendarmen, jcheinbar aus 
Uebermuth jene arge Fünfziggulden: 
note verbrannt hatte, von welcher im 
erften Hefte dieſer Zeitjchrift erzählt 
worden ift. 

Franz Defregger's Bruder, der 
„Hauſer“, ift ein junger bildhübſcher 
Kerntiroler, heiter und treuherzig unter 
feinesgleihen, ein bischen trugig gegen 
ben Fremden. Al der Maler längere 
Zeit an einem Gichtleiven krank war, 
ift der Haufer etlihe Monate beim 
Bruder in Münden als Rofjelenfer 
gewejen. Als aber der Franz wieder 
zu Fuße gehen fonnte, kehrte ber Haufer 
in’3 beimatliche Alpendorf zurüd, hei: 
ratete dort ein Schönes Mädchen, und der 
Franz kaufte ihm dazu einen ftattlichen 
Bauernhof, wo er ein braves und fröh— 
liches Leben führt. 

Dölfah mit feinen tiroliih ge 
bauten Käufern, mit feiner jchönen 
Kirche, die auf dem Hügel fteht, mit 
feiner großartigen Umgebung im Thale 
ber raufchenden Drau, im Angeſichte 
ber freundlichen Gegend von Lienz ber 
leuchtenden Dolomitfelfen — ift ein 
Ihöner, malerifcher Ort und aus allen 
Richtungen bliden uns die Motive ent— 
gegen, bie und aus Defregger’3 Bildern 
Ihon fo lange befannt find. 

Zur Abendftunde ftieg ich die Treppe 
zum Kirchhofe hinan, der um die Kirche 
liegt. Gleich am Eingange fteht ein 
rothangeftrichenes Wetter: oder Miſſions⸗ 
freuz, das über alle zuläffigen Verhält- 
nifje ſchlank, ſchier jo hoch ift wie bie 
nebenftehende Kirche und im Winde 
wie ein Baum ſchaukelt. Man findet 
diefe unfchönen, ja lebensgefährlichen 
Kreuze in Tirol nicht felten; fie find 
für den Einen grauenhaft, für den 
Andern komiſch zu ſehen und jcheinen, 


während man fie anblidt, noch immer 
höher aus der Erbe hervor: und in den 
Himmel hineinzuwachſen. — Ein Denk: 
ftein an ber Kirchhofsmauer bezeichnet 
die Nuheftätte der Eltern Defregger’s. 
Unweit davon ruht auch der Wintel- 
arzt, der Defregger von feinem gichti- 
ſchen Fußübel geheilt hat, nachdem der 
Kranke bei den renommirteften Aerzten 
vergebens Hilfe gejucht hatte, Der Maler 
hatte hierauf dem alten Bauerndoktor 
aus Dankbarkeit ein werthvolles Bild 
zum Geſchenke gemadt. 

Eine Tages zur frühen Stunde 
ftieg ich in freundlicher Begleitung des 
Herrn Lehrers Weißkopf den fteilen 
Berg hinan, an welchem zerftreut bie 
Stronad-Häufer liegen. Auf bedeuten- 
der Höhe und fchiefer Lehne, nicht weit 
vom MWaldrande, fteht das Geburtshaus 
des Künſtlers, der Ederhof. Es ift einalter 
Bau nad Tiroler Art mit den Steinen 
auf dem flachen Dache und dem Gloden- 
thurme auf dem Giebel. Nur ift e8 
nicht ganz fo ftattlih, wie jene Häufer, 
die in der Ebene ftehen. Es ift in ben 
Händen entfernter Verwandter bes Franz, 
an welche es dieſer ſelbſt verkauft hatte. 
Die Bäuerin, als fie hörte, wir jeien Def- 
regger's wegen ba, that ung viele Ehre an 
und bot uns Speife und Tranf, Dann 
führte fie und in die ziemlich büfteren 
Räumlichkeiten des Haufes, und ich fah 
felbftverftändlich auf jeder Bank, auf je: 
dem Holzblod, an jeder Wandftange, an 
jeder Leiter, an jedem Fenfterchen ben Flei- 
nen Franzel figen und ſchnitzen, Klettern 
und guden. Das rüdmwärtige Stübchen, 
wo er geboren warb, ift öde und Dumpfig, 
und der Genius, den unjer geiftig Auge 
bier zu fehen verhofft, ertrinft in ben 
Milchtöpfen, die an der Wand ftehen. 
Hier hat der Fleine Franz an Sonn: 
und Feiertagen — des Werktag Hatte 
er dazu feine Zeit — gezeichnet und 
geſchnitzt. Noch höher oben auf ber 
Alm, von wo aus man in ben Thälern 
die achtundvierzig Kirchthürme fieht, 
wuchert heute noch der Birbenftrauch, 
aus welchem ber Knabe fein Material 
zum Bildfchnigen gezogen hat. Herzen 


824 


und Vögel, Pferde, Rinder und Ge: 
thier des Waldes mögen wohl bie 
erjten Werke dieſer gejegneten Hand 
gemwejen fein. Als er größer mwurbe, 
war's freilid aus mit dem Bilden; 
man ſpannte ihn an die Wirthichaft 
und als fein Vater ftarb, mußte er 
das Gut vollend3 übernehmen. Wie 
er fih davon glüdlich [osgelöft hatte, 
um eine neue Laufbahn anzutreten, 
das iſt eben gezeigt worden. 

Im Jahre 1868 hat er fein erſtes 
Bild: „Der verwundete Wildihüg” 
in bie Welt gegeben. Bald darauf 
folgte das Gemälde „Spedbader”. 
Diejes trug den Namen Franz Def: 
regger in weite Lande. Seither hat 
er wohl an die jechzig größere und 
kleinere Meiſterwerke gejchaffen, die 
zum größten Theil um enorme Preife 
verfauft und in allen Manieren verviel- 
fältigt worden find. 


Wenige Tage nad Dölfah war | 
ich in Münden und drüdte am Klingel: | 


fuopfe des Haufes Nr. 15 in ber 
Königinftraße. Bei meinem Eintritte 
büpfte ein heiteres, blondlodiges Knäb— 
lein von kaum britthalb Jahren heran, 
es jagte ein flinfes Neh. Im Garten, 
zwifchen Blumen ſah ich eine junge, 
lieblihe Frauengeftalt jchweben. Vom 


Gartenhauſe her eilte in ziemlich raſchem 
Schritte ein Mann mit dunklem Boll: 
bart und freunblihem Auge auf mich zu: 

„Grüß Gott!” 

Er hatte feinen Sammtſpenſer und 
er hatte feine langen, bis über bie 
Schulter hängenden Zoden — wie fonft 
Malerbraud ; einfach und ſchlicht und 
treuberzig — fo iſt er, jo fand id 
den Franz. 

Ich ſah ihn das erftemal; jah ihn 
auch jeither nicht wieder. Aber an den 
glüdlihen Mann denft man gerne. 
In feinem Wohnhauſe weht der ſüße 
Friede des Familienlebensd. Sein Ate— 
lier bat Defregger im Gartenhaufe. 
Dort werden die herrlichen Bilder aus 
den anmutbigiten und bebeutendften 
Seiten des Volkslebens und der Ge: 
ſchichte Tirol3 gejchaffen. 

Eng an's Atelier gebaut findet 
fi ein altdeutiches Erferftübchen mit 
Zellenfenftern, einem grünen, ebelge- 
formten Kachelofen, einem ſchweren 
Eichentiſch und etlichen deutſchen Krü— 
gen d'rauf. — Da mögt ihr Münchner 
Meiſter ehr- und lobeſam wohl bis— 
weilen fröhliche Tafelrunde halten, bei 
eurem treuherzigen, weltberühmten Gaft: 
herrn aus den Bergen von Tirol, 


825 


Herzensfünden. 
Skizze in Verfen von Ada Ehriften. 
(Schluß.) 


XXV. 
Sie ſchreibt. 
Schon einmal ſagt' ich Dir, daß ich Dich kannte, 
Eh' jemals noch Dein Auge mich erſchaut, 
Denk' nur zurück an belle Sommertage, 
Die Du verlebt haft auf den Alpenhöh’n. 


Da war ein Morgen, wo mid Vogelzwitfchern 
Das halbverhalten und doch traum- 
geihwägig — 
Hinausrief auf die blanke Holzaltane. 
Es flüfterte ein ſchwacher, kühler Wind 
Und feuchter Nachtduft ftrömte aus den Büfchen 
Und jeder nod fo leife Ton war hörbar. 
Da ftand ich lange, laufchte in die Ferne, 
Mein Herz erbebte und ſchlug freudevoll, 
Als harrte holder Zukunft es entgegen, 
Die faht heraufzog mit dem jungen Tag, 
Der fhon mit zartem Roth die Berge färbte. 
Und wie ich alfo laufchend, betend, ftand, 
Kam aus dem dunklen Thal ein Mann herauf 
Und ſchritt auch adtlos-ftill an mir vorüber, 


Der Wanderer ging einfam feinen Weg, 

Hin durd die würzig flare Morgenluft, 

Kein Strauch, fein Baum ftand auf dem Felfenfirft, 
Nichts ald dies Eine Wefen war zu fehen, 
Das langfam, unermüdlich aufwärts ftieg ... 
Scharf hob die ſchlanke männliche Geftalt, 
Befremdlich fait, fi) ab von Luft und Himmel 
Hoch oben auf dem langgeftredten Grat... 
Mit ein’mal aber fhaute id) den Mann 

Bor meinem Blid durch Zaubermacht verwandelt, 
Denn aufgewahfen war er plöglich jept 

Bu einer mädtig riefigen Geftalt, 
Bueinerbebren, übermenfdliden... 
So ragte er ſchier dräuend in den Simmel 
Und bob mit wilder ſchmerzlicher Geberde 
Die Arme auf, der Niefe... der Titan! 
Und mie ein Falkenſchrei erfhol ein Laut 
Vom Echo gellend wieder rüdgegeben. 


Mid aber faßte tiefes Weh' und Mitleid; 
Mir war ald müßte ich zu ihm hinauf 
Und ſachte mid an feine Seite ftellen, 
Und fo geduldig harren, demuthevoll, 


Bis plöplich meine Hand er faffen würde 
Und an des Weibes Herz die Qualen legen, 
Die er binauftrug in die Einſamkeit ... 
Mir war als müßte ich von ihm erflehen, 
Daß neben ihm ich weiterfchreiten dürfe 

Den langen ftaubbededten Weg des Lebens. 
Doc als ich aufwärts ftarrend ſolches träumte, 
Erhob fi höher einmal noch fein Leib, 
Aufraffend fi) in wilder Schmerzgeberde, 
Dann fant er in den Boden raſch vor mir, 
Vom Grat zur andern Seite niederfteigend ... 


— — — 


Du war'ſt der Wand'rer auf den lichten Höh'n, 
Und mit dem Bildniß jenes Uebermenſchen, 
Des fchmerjgequälten Riefen, kehrt ich heim, 
In das Gewühl der Stadt... . zu ihren Freuden, 
Die ſchaal und leer mir wurden, weil ih nur, 
Ach, unabläffig nur, Dich wieder fudhte... 
Bis ih Dich endlich fand bei jenem Feſte, 

Und nur für Did das alte Liedchen fang. 


Menn ich Dich rief und mid an Dich geflammert 
Gedantenlos und launifh, wie's Dir fdien, 
So war es nur, weil ich fo tief Dich liebte. 
Denn wie Dein Leib fo hehr auf Alpenhöh'n 
In jener gottgeweihten Morgenftunde 
Verflärt von Licht vor meinen Bliden ftand, 
So groß und herrlich wähnt' ich Deine Seele, 
An die ſich meine zitternd ftets gefchmiegt 
Und ftumm gefleht, daß Du hinauf fie führeft 
Aus diefem Dämmerreih von Macht und Licht 
In Deine flare, fonnenwarme Luft... 


Und wenn ih mandmal an Dir irre wurde, 
Losringen wollte mich mit letzter Kraft, 
Stand jählings vor dem angftverwirrten Sinn 
Die ſchmerzliche titanifhe Geſtalt, 

Und bob mit wildem Schrei empor die Arme, 
Und mahnte, dab ih Dich nicht laffen darf, 
Weil ich allein Dein berbftes Leid erſchaut ... 


Ich beugte ftumm das Haupt und trug es wieder, 
Mas abzufhütteln nie den Muth ich fand, 
Denn ſchmerzlich hab’ ich immerdar gefühlt 
In folder Stund: ih fann Dich nimmer 
miffen. 


626 


XXVI. 
Er denltt. 
Ich wußte wohl, es kommt die Stund', 
Die unheilvolle Wahrheit bringt 
Und wo Dich zur Erkenntniß zwingt 
Mein eigner fpottentwöhnter Mund. 


Selbfttäufhung nur hieß die Gewalt, 
Die Dich in meine Arme trieb ! 
Mir ahnte längft, daß Deine Lich’ 
Niht mir... nur einem Scemen galt. 


Du armes Weib! nun kommt der Tag, 
Wo Dir verfintet Dein Idol, 
Nun horche, wie den Göpen hohl 

Ih felbft zertrümm’re Schlag um Schlag. 





XXVI 


Er fpridt. 
Du fahft mid damals, als mid übertam 
Der wunderfelt'ne Drang pathet’fcher Rede! ? 
Du wußteſt nicht, daß ich der Syiben jede 
Und der Geberden mir von Fremden nahm ? 
Bon einem Dichter, deſſen hoher Geift 
Mir nahe fhien, als ich die Landſchaft ſchaute 
Und mid beſann, mie jene Stelle laute, 
Mo Magend er die Erdenfchönheit preift. 


„Od, Mutter Erde!” alfo fagt fein Wort 
„Und Du, frifhglüh’nder Tag, ihr Berge 
drüben‘, 
„Weshalb fo ſchön? Ich kann euch doch nicht 
lieben‘ 
„Und Du’ — mir fehlt der Tert... Doc 
fo geht's fort. 





XXVIII. 
Sie dent. 


was in meine Seele 
ſchnitt, 
Wofür ich ſchweigend duldete und litt, 
Seit ich Dich ſah ſo fern dem Menſchenherde! 


Das war ed... 


Was finft glei einem fremdgeformten Kleide 
Bon Dir herab, für Deinen Leib zu groß?.. 
Darum löft fi mit diefer Hülle los 

Ein Stüd des Lebens?...Ob!... obl!!... 

wie ich leide... ! 





XXL. 


Sie ſpricht. 


Küffe mich nicht! 
Küffe mich nimmer... 
Es thut mir weh. 


Ich weiß nit warum, 
Dod alte Schauer 
Durchrieſeln mid jet. 


Zum erftenmal dünft 
Dein lieblofer Kuß 
Mih Sünde... und Schuld. 


Küffe mich nicht ! 
Küffe mid nimmer... 
Es thut mir weh... 


XXX. 


Er ſpricht. 

Sipe nit düfter und feufze nicht, 
Meine Augen fehen fharf... 
Ein Fladerfhein nur warf 

Auf Dein bleiches, erftarrtes Geficht, 

In Deine frierende Seele... Licht. 


-— 


XXXI. 
Aus ihrem Tagebuche. 

Das iſt der Herbft, der kläglich trübe Spätherbſt, 
Der Alle heimrief in den Lärm der Stadt. 
Auch wir begrüßten uns mit ſchalen Worten, 
Wie angehaucht von jenem Lügengeift, 
Der all’ die leeren Menfchlein überflittert, 
Die lachend, ſchwatzend durch den Part fi 

drängten. 


Wir fohritten fo wie fie durch die Alleen, 
Hin über rafhelnd dürre braune Blätter. 
Der Wind fuhr ächzend durch die kahlen Pappeln, 
Und um den Teich, da ſaßen ſchier verdrieplich, 
Ihr fchneeiges Gefieder blähend, Schwäne. 
Das Waffer zitterte nur leicht bewegt, 

Auf feinem Spiegel ſchwankten welke Blumen, 
Ein Kind warf läffig fpielend fie hinein, 
Und über das erftorb’ne Grün der Wiefen 
Bog mählig ſchon ein feuchter Herbftesnebel 
Und legte feine Schleier, feine fahlen, 
Berflahend auf dad Menfhenangefidt. 


827 


So bleiern-traurig hing der Himmel oben, 

Und auf der Erde hallten dumpf die Schritte, 
Das ſchweigſam wandelte aldbald die Menge. 
Nur wenn auffjauchzte helles Kinderladhen, 

Und wenn mit ſcharfem, kurzem Klageruf 

Ein Wandervogel durd die Lüfte ſchwamm, 
Da meinte ih, fie fhredten jäh zufammen, 
Weil durd den fchrillen Mißklang der Natur 
Und durch den Mißton unbewußten Elend’s 
Ein Urlaut fol... der ihnen raſch erftarb. 


Es wurde immer kühler... immer ftiller . 
Nur die Verliebten ſchlichen bald allein, 
Feft Arm an Arm gepreßt, gar ſacht dahin 
Und flüfterten geheimnißvolle Dinge. 

Wir aber fchritten lautlos miteinander 
Uns hatte Zwielihts-Müde überfommen, 
Wir fuchten Ruhe auf dem niedern Hügel, 
Der fernab liegt dem wüften Straßenlärm. 
Stumm faßen wir und gleihjam eingehüllt 
In undurdhfichtbar wolkengraue Tücher. 

Zu unfer'n Füßen lag ein Stüd des Teiches, 
Das wiederfpiegelte die langen Weiden 

Und Dein geneigtes fchönes Angeſicht. 
Aufbraufend drang, wie fernes Wogengrollen 
So abgedämpft, her das Geräufch der Stadt, 
Und unabläffig fang ein heif’res Lied 

Am großen Parkthor nod der blinde Bettler. 


.* 


Du mollteft heim... Mir bangte vor der 
Rückkehr, 

Bor meinen ſchweigend-freudeloſen Wänden. 

Mir war, als läge hinter diefem Nebel 

Die Zukunft, die mit Grauen mich erfüllt, 

Mir bangte felbft vor Deinem weißen Antlip, 

Aus dem feit Langen jener Zug verwiſcht, 

Der mwehrlos mid den Naden beugen lich, 

Der meine Seele deiner unterjochte ... 

Ein leidenfchaftlih Sehnen nah Erlöfung 

Aus diefen Banden unbeftimmter Furcht 

Und wirrer Angft vor etwas Unfaßbarem, 

Das über mir geftaltlos immer ſchwebt; 

Ein unausfprehlid wehmuthsvoller Drang 

Nah hellem Licht, nach Luft, nad) Freiheit 

Erjchütterte wildpodhend meine Bruſt ... 

Wie ausgelöfcht fchien der geduld’ge Kummer, 

Ih hörte nur mich felber leife ächzen 

Und unwillfürlih rang ich meine Hände... 


| ®ar lange war Dein ſtolzes dunkles Auge 

| Auf mein Geficht geheftet, eh’ Du mild 

| Mein Haupt emporhobit, füffend meine Stirn, 
Und heimmwärts gingft mit fanftem Abfchiedswort. 
Die Nebel woben dünner ihre Schleier 

Und wallten allgemady aus den Alleen, 

Die langfam, zögernd faft Dein Fuß betrat. 
Ich aber ſah Dir angftbeflommen nad, 

Und als id fo Dich mweiterwandeln fdaute, 
Hinweg von mir ſtets mehr die Schritte lenkend, 
| da tauchte jählings auf vor meiner Seele 

| Ein heller, klarer Sommermorgen 

| Und eine übermenfchlihe Geftalt 

Mit der bezwingend großen Schmerzgeberde ... 


Und da — es war entſetzlich, ob entſetzlich — 
Ih ſchrak erft auf... als ih mih laden 
hörte... 


Die Arme ftredte flehend ich empor, 

Doch lag wie Blei die Zunge mir im Munde 

Und feftgefettet ſchien mein ſchwerer Fuß. 

So ſah ih regungslos wie durd den Dunft 

Du einfam fohritteft in die trübe Ferne, 

Wie rechts und lints in der Allee die Bäume 

Jetzt näher, mäher fi zuſammenſchoben, 

Und Deine ſchlanke männlidye Geftalt 

Vor mir ſtets fleiner... Fleiner... 
fleiner... wurde, 

Bis fie verfant in einem Nebelmeer, 

An deffen Rand gefpenft'ge Zweige bebten. 


In meiner Seele war es ftill und leer... 
Und rings umber nur kaltes, todtes Schweigen 


Wie Allerfeelenlihter flimmerten die Lampen 

Herüber in die graue Dunkelheit... . 

Ich aber ftand und fann... und fann... 

und laufchte 

Zurüd in all’ die hingeraufhten Tage... 

Ich fühlte, wie ich längft fhon arm geworden, 

Wie unter Deines Weſens frevlem Bann, 

An Deinem falten Geiſte ich verödet, 

Ih fühlte mein zerftörtes müdes Ich, 

Ich fühlte jeden Irrthum, jede Schuld, 

Und jede Sünde unf’rer Herzen plößlich, 

Ih frug mih ... weh“ . . . ob ich Did 
miffen fann? 


828 


Die Eranzofen im Ehefland. 


Nah dem Englifhen von Yans Malfer. 


Der Deutſche hat immer noch die 
Gewohnheit, wenn er verliebt ift, alljo: 
gleih an's Heiraten zu benfen. So 
auch der Engländer. Das ift löblich, 
aber man zweifelt daran, daß es des 
Prinzipes der Sittlichfeit wegen gefchieht. 
Mir thun’s, weil e8 uns augenblid: 
fi reizt und gefällt; und bie Liebe 
verfihert und, es würde gar feine 
Noth haben mit dem Unterhalt für 
Weib und Kind, Das ift mannbar, 
endet aber nicht felten mit bem Elend. 
Der Nationalölonom mag fagen, was 
er will, wir heiraten friſch und unvor: 
fihtig drauf los. Andere haben es 
auch gewagt und bringen fih mehr 
oder weniger wohl durch's Leben. Der 
Schöpfer, der in's Herz die Liebe ge: 
legt, hat e3 zu verantworten. — 

Der Franzoſe macht's anders. Sein 
Blut ift vielleicht wärmer und leichter 
als das unfere, aber in biefem Falle 
erwägt unb überlegt er mit Bejonnen: 
beit, wo wir in raſcher Schnellfraft 
beſchließen und handeln. Der Franzofe 
berechnet alle Wahrjcheinlichkeiten und 
Möglichkeiten, denkt eher an die ſchlimme 
Seite der Ehe, bevor er die gute ergreift. 
Unfere Gefege machen das Heiraten 
leiht; und ift das perjönliche Ueber: 
einfommen der beiden Heiratsluftigen 
getroffen, jo bat eigentlih Niemand 
mehr was brein zu reden. Die Fran: 
zojen hängen den ehelichen Brotforb 
höher ; da redet vor einer Eheſchließung 
Alles drein, nur nicht das Brautpaar. 
Dieſes hat in der Frage feine Freiheit 
und Selbitthätigfeit, e8 wird behan- 
belt, als ginge es eigentlich die 
Sache nichts an. Die Eltern und Ber: 
wandten führen die Verhandlungen, 


barkeit und Beweglichkeit der Franzo— 
jen kommt bei Ehevorbereitungen nicht 
zur Geltung ; hier wird nicht geſchwärmt, 
jondern gerechnet. Wir-hören auf bie 
Liebe, auf die Verfuhungen des jun: 
gen Herzens in allen ihren, wenn auch 
noh fo vorübergehenden Geftalten ; 
der Franzofe frägt nad) dem Ange: 
meſſenen ber Lage, nad) dem beider: 
jeitigen Vermögen, Rang und Charaf: 
ter. Die Leidenfchaft, jagt der Fran: 
zofe, ift nicht die Führerin zum häus— 
lihen Glück. Daß fi zwei junge 
Leute beiderlei Gejchlechtes Lieb haben, 
it dem Franzoſen nicht Grund genug 
zu einer Verbindung, die bis in den 
Tod währen foll. Eine ewige Anhäng- 
liheit ift nur ſelten zwiſchen Men: 
jhen. Der Ernft des Lebens vergeht 
nit und beftändig iſt der Mechjel 
des Schidjals. 

So flug und bebädtig hätten wir 
uns ben Franzoſen im Allgemeinen 
faum gedadt. Aber Vorficht ift eine 
jeiner nationalen Tendenzen. Dazu 
fteht im Code Napoleon ein Geſetz: 
Alle Verehlihungen ohne Einwilligung 
von Vater und Mutter oder den Nach— 
weis, daß beide todt, find verboten! 
— 63 ift ein mühſelig Geichäft, fi 
in Frankreich zu verheiraten; Den 
Deutſchen würden all’ die Schwierigfei- 
ten und Formalitäten zur Verzweiflung 
bringen. Sagen die Eltern zur gemill: 
ten Verbindung nein, jo fönnen bie 
Kinder wohl einen Prozeß dagegen 
anftrengen, ber „eine ehrfurchtsvolle 
Aufforderung zur Einwilligung” ges 
nannt wird, worauf, wenn bie Eltern 
auf ihrer Ablehnung beftehen, die Hei: 
rat vollzogen werben fann. Auch ein 


leiten das Unternehmen. Die Erreg: | jechzig: oder fiebzigjähriges Brautpaar 


829 


müßte von den Eltern die Einwilligung 
erbringen oder nachweiſen, daß das 
Nein derjelben nicht begründet ift ober 
enblid deren Tod beſcheinigen. Diefe 
Einrihtung fördert freilich die Autori- 
tät der Eltern und verhindert bie 
Bigamie, die anderswo nicht allzujelten 
vorfonmt. 

Nun aber ift die Frage, ob bie 
Ehe, diefer Grundpfeiler des Staates, 
in Franfreih nit zu ſehr Hinter: 
trieben wird? Der Statiftifer Moreau 
gibt uns Auskunft: In Irland z. B. 
kommt eine Ehe auf je 90 Bewohner. 
In Deutſchland eine Ehe auf je 
120 Bewohner. In England kommt 
eine Ehe auf je 137 Bewohner. In 
Toscana kommt eine Ehe auf je 143 Be: 
wohner. In Frankreich befindet fich 
unter je 122 Bewohnern ein Ehepaar, 
— Mir fehen denn, daß die Hemm: 
Ihuhe in Frankreich die Ehe nicht 
jehr beeinträchtigen. 

Bor Hundert Jahren wurben fait 
überall (beiläufig um 10%, mehr Ehen 
geichloffen als heute. Der Lebens: 
unterhalt war leichter zu erwerben, 
für die Kinder zu forgen nicht jo 
ſchwer. Aber in Frankreih find auch 
damals im BVerhältniffe zu den Nach: 
barn nicht mehr Verbindungen vorge: 
fommen als jet; die Franzoſen nehmen 
nach wie vor ihre gleiche Anzahl von 
Meibern. Nur die Revolution ijt eine 
Feindin der Ehe und deren Frucht: 
barfeit gewejen. Im Jahre 1770 be— 
trug die Zahl der Geburten im Ber: 
hältniß zur Gefammtbevölferung 13u 25. 
Sept ift fie auf 1 zu 35 gefallen. Die 
Abnahme beträgt 40 Procent! — 
Seit der Revolution beginnen Die 
Franzofen an Zahl abzunehmen. 

Die Franzofen find ein glüdliches 
Volk, das wiffen, das fühlen fie und 
jo wollen wir es nicht beftreiten. Es 
liegt, jo meint man auf ben erjten 
Blid, in ihrer Heiterkeit, in ihrer 
Anmuth. Aber nah unferer Anjchau: 
ungsmweife müßte das Glück einer 
Nation in ihrem Familienleben ruhen. 
Und bei der angedeuteten Vorficht und 


Bejonnenheit des Franzojen in der 
Entſchließung und Wahl kann e8 ja 
wohl zugegeben werden, daß er im 
Allgemeinen — Ausnahmen gibt es 
überall — feinen Zweck erreicht, fich 
eines zufriedenen Heimweſens erfreut 
und feine Ehe beneidenswerthe Ergeb: 
niffe aufmweift. 

Aber das eheliche Glück der Fran: 
zofen ift ein anderes, als das ehliche 
Glück der Deutſchen. Die große Maſſe 
[ebt auch dort, wie überall und nimmt 
das Leben, wie es ſich bietet. Doch 
e3 gibt franzöfiiche Frauen und Männer, 
die den höchſten Anfchauungen von 
den Bmweden ber Ehe Huldigen und 
diefe Zwecke erreihen. Sie wiſſen das 
Dajein der verbundenen Zwei zu einem 
beftändigen, immer fteigenben Streben 
nah Arten und Abarten von Glück— 
jeligfeit zu machen. Vor Allem be- 
rüdfihtigen fie die Regel, daß unjere 
Wünſche, Bebürfniffe und Launen mit 
Zeit, Alter und Lebenslage wechſeln. 
Was uns im zwanzigften Jahre gefällt, 
das beginnt jeinen Reiz im dreißigſten 
zu verlieren und langmweilt im vier: 
zigften. Bei den Frauen ijt das doppelt 
wahr und dieſe werden innerhalb ber 
Grenzen bes Haufes ftet3 nach Ab- 
wehslung von Anregungen und Ge: 
nüffen trachten, weil fie außer bem 
Haufe feine finden können. Der Mann, 
welcher die Philojophie des häuslichen 
Glückes ftubirt hat, der fih der Ge: 
fahren und Kräfte der Ehe bewußt ift, 
wird nicht erjt warten, bis die Frau 
Langweile an den Tag legt. Er wird 
von ber erften Stunde des gemeinjamen 
Lebens die Elemente, aus denen das 
Band bejteht, welche ſich aber raſch, 
wie bie Flamme den Docht, verbrau- 
chen, ſtets gejchicdt zu ergänzen und 
zu erneuen juchen. Er wird ber jun- 
gen Frau zu zeigen juchen, daß, wäh— 
rend fie noch in der erften Ehewonne 
ihwelgt, die gegenwärtigen Zuftände 
und mit denjelben das gegenwärtige 
Glüd vergehen; daß die Sympathien, 
die ben unerfahrenen Liebenden jo 
warm und dauerhaft däuchten, und 


830 


die Wechſel derjelben wohl forgjam 
bewacht werben müſſen. Das wird die 
junge Frau anfangs nicht glauben 
wollen und es wird ihrem Herzen weh 
thun, daß bieje Liebe ohne neue Nah: 
rung, ohne ftete Aufmunterungs: und 
Reizmittel im Laufe der Jahre ſchwin— 
den joll. Hat fie fih aber einmal an 
die ihnen entwidelte Beweisführung 
gewöhnt, jo wird fie dem Manne 
thätigen Beiſtand leiften, das belicate, 
unſchätzbare But in all feiner urfprüng- 
lihen Stärke zu erhalten und zu feiner 
möglichften Volltommenheit entwideln 
zu helfen. Hat fie den Nuten bes 
Berfahrend einmal eingejehen, dann 
trägt fie zur Erreihung des Zieles 
mehr bei, als ber Mann. Freilich gibt 
es Beifpiele, daß die Frauen bie 
Zwedmäßigfeit der bedachtſamen Ehe 


aus denen ber Schluß hervorgegangen 
ift, jo hält er denjelben für die natür- 
lihe Folge der Ehe. Iſt er hingegen 
ein benfender Kopf, hat er an bie 
Erhaltung des häuslichen Glüdes ge- 
dacht, gehofft, jo Teidet er in Wahr: 
heit, wenn er ſich lebenslang an ein 
Weib gebunden fieht, das unfähig 
ift, ihm durch gemeinfame Arbeit und 
Wachſamkeit das herrliche Ziel — 
dauernde und wachſende Befriedigung 
der Ehe — erreichen zu helfen. 

Den Franzojen gelingt es oft. Aus 
der täglihen Berührung miteinander 
Ihaffen fie fih Grünblichkeit, Dauer 
und Wirklichkeit des Glüdes, die eine 
andere minder begabte und minder 
forgfame Behandlung des häuslichen 
Lebens zu erzielen unfähig ift. Sie 
zeigen uns, was Wiffen und Können 


nicht einfehen wollen. Erft die Noth | hier ausmacht, legen uns bie Summe 


belehrt und befehrt fie. 

Im Allgemeinen find die Frauen 
— in Franfreih wie ſonſtwo — gar 
jehr geeignet, das Glück als ein ver- 
brieftes Recht, als eine felbftverftänd- 
lihe Thatſache zu betrachten, als eine 
Lage, die fortdauern wird, weil fie 
einmal angefangen hat. Sie nehmen 
die Liebe des Mannes als ihr Eigen- 
thum und eine ihnen ſchuldige Pflicht 
bin; fie bilden fich ein, ber Gatte 
habe dieſe Liebe, ohne ihre bejonbere 
Mithilfe, aufrecht zu erhalten. Laſſen 
fi Tieben und helfen nicht dazu, daß 
die Liebe dauert; wie Johnſon fagt: 
„fie können Netze ftriden, doch feine 
Käfige bauen.“ Unter ſolchen Fällen 
— leider bilden fie in allen Ländern 
die Mehrzahl — läßt fi auf blei- 
bende Befriedigung feine große Hoff: 
nung jeßen. ft der Mann — wie in 
der That der größte Theil der Män— 
ner — unwiſſend genug, um zu glau: 
ben, daß er die Zukunft für ſich for: 
gen laſſen kann, ohne bei guter Zeit 
die Grundbebingungen des zmeiten 
Actes feines ehelichen Lebens vorzube- 
reiten, dann endet das Drama mit 


der Befriedigung vor Augen, welche 
die Ehe zu gewähren vermag. In ben 
höheren Schichten der franzöſiſchen 
Gejelichaft gibt e8 Männer, die Pro: 
fefforen der Kunft, glüdlich zu fein, 
genannt werben können, die alle Ein- 
zelnheiten mit forgjamen Fingern und 
forfhendem Auge ergründet haben, 
die eine tiefe Erfahrung der Mittel 
und Zwecke befigen, die, gleich geichid- 
ten Aerzten, gegen bie täglichen Schwie- 
rigfeiten des häuslichen Lebens jofort 
ein Heilmittel bei der Hand haben, 
deren Praris ſo viel werth ift, wie 
ihre Theorie und bie das dadurch be— 
weifen, daß fie in den Herzen ihrer 
Frauen und in ihren eigenen ein 
immerwährendes, nie ſchwächer mer: 
dendes Gefühl von Dankbarkeit und 
Liebe zu erhalten wiffen. Aber dieſe 
Beifpiele find Ausnahmen. Auch die 
Frangofen, wie alle ihre Nachbarn, 
ichlendern forglo8 durch die Ehe und 
meinen, fie ſei nicht verbefferungsfähig. 
Dank ihren lachenden Naturen, machen 
fie fih nichts draus. Sie verſcheuchen 
Langeweile und Aerger durch Sorg- 
lofigfeit und ertragen Berbrießlichkeiten 


der üblihen Dede und Enttäufhung. | mit bemwunderungswürbiger Gelafjen- 
Und weil er die Urſachen nicht kennt, | heit. 


831 


Freilich nicht immer. Der Fran: 
zoje kann launiſch und nervös fein, 
wie ein hyſteriſches Weib. Und wehe 
ber Frau eines ſolchen Mannes — 
er peinigt fie zu Tode. Sanft und 
liebevoll in der Welt, unausftehlich 
zu Haufe. Zum Glüde ift das bie 
Minderzahl, fonft wäre es ein Unfinn, 
zu behaupten, daß die franzöfiichen 
Ehen im Großen und Ganzen für 
glüdliche gelten bürfen. 

Aus Allem, wad man fieht und 
hört, geht hervor, daß die Chemänner 
in Frankreich gegen ihre Frauen über: 
aus nachſichtig find; fie machen zwar 
nicht viel Weſens von ihnen, pflegen 
fie jedoch mit vieler Milde, Rückſicht 
und Ehrerbietung zu behandeln. Sie 
fommen im Allgemeinen ohne große 
Liebe und Leidenſchaft zufammen ; aber 
die Liebe wächſt allmälig und jchließ- 
lih fühlen fie zu einander eine ganz 
aufrichtige, gründlihe und tiefe An: 
hänglichkeit. 

Wirklich unglückliche Ehen verber— 
gen ſich. Doch wirkt die Unmöglich— 
keit einer Scheidung als mächtiger 
Grund, ſich mit einander, ſo gut es 
geht, zu vertragen. Abſolute Untreue 
von einer oder der andern Seite iſt 
in den Ehen ber Franzoſen weit ſel— 
tener, al® in ihren Romanen und 
Dramen. Das Band der Ehe wird 
in Frankreich tief empfunden; Männer 
und Frauen hängen bort feit an ein: 
ander und traten jegt nicht mehr 
nad) den freien Freuden bes lebigen 
Standes. Will der Franzoſe böje Bei- 
jpiele der Ehe anführen, jo weiſt er 
auf England. 

Hingegen in einer andern Richtung ! 
Hier trifft die Franzojen eine böje 
: Mo find bie Kinder eurer 


Ihre Ehen find finderarm, wenn 
nicht gar kinderlos. 

In dieſer Sache ift jedes Hin- 
und Herreden überflüflig; hier können 
feine Meinungsverſchiedenheiten obwal- 


ten; bier kommen Vorurtheile nicht | betrachten. 


durch amtliche Erhebungen erwiejen. 
Bor der Revolution zählte bie 
Bevölkerung Frankreichs 24 Millionen 
und die Zahl der jährlichen Geburten 
war ungefähr 970.000. Sept ijt 
Frankreichs Bevölkerung 37 Millionen 
ſtark und die Durhjchnittäziffer der 
jährlihen Geburten ift 950.000. Die 
Bevölferung ift heute noch ein halb 
mal größer, als fie vor hundert Jah— 
ren war, und weiſt jährlid um 
20.000 Kinder weniger, als damals, 
Das gegenwärtige jährliche Geburts- 
verhältniß in Frankreich ift das niedrigſte 
in der Welt. In Deutjchland ift es 
1 zu 25 von der Gejammtbemwohner: 
Ihaft; in England 1 zu 30; in 
Franfreih nur 1 zu 39. Die Che: 
ihließungen in dieſem Lande nehmen 
aber nicht ab im Vergleich zu andern 
Ländern; doch die Eheleute in Frank: 
reich wollen nicht Väter, nicht Mütter 
werden — wie Dies doch anderwärts 
ihr Beftreben ift. — Ein Thema jol- 
her Natur ift ein jehr heikles, allein, 
e3 könnte nicht übergangen werben, 
ohne daß in diefem Kapitel eine große 
Züde bliebe. 

Der Franzoje ift ein Mann ber 
äußerten Vorſicht. Er heiratet nicht, 
wenn er dazu nicht die Mittel zu 
haben glaubt und eben jo wenig jchickt 
ihm Gott Kinder, wenn er, ber Ehemann, 
denkt, daß er fie nicht zu verjorgen 
im Stande iſt. Die Anhänglichkeit 
zwiichen Mann und Weib wird dadurch 
jeltfjamer Weife gar nicht beeinträch- 
tigt. Und wenn dod ein Kind kommt, 
fo wird es jo heiß geliebt, als anders 
wo. Ya, die Familienzärtlichkeit in 
Frankreich ift außerorbentlihd und 
demonftrativ. Aber das bloße Bor: 
bandenjein der Abneigung, Kinder zu 
haben, erniedrigt Frankreich vor Europa. 
Wir fehen, daß diefe leidige Thatſache 
feine vorübergehende ift, daß fie jeit 
hundert Jahren befteht und immer 
wählt. Wir haben Grund, die Erjchei- 
nung für eine endgiltige Politif zu 
So große Vorzüge und 


— 


in Betracht — denn die Thatſache iſt Eigenſchaften die Nation ſonſt beſitzen 


832 


mag, biefer eine Umftand wäre Grund 
genug, um an fie den Glauben auf: 
zugeben. 

In nationalöfonomifcher Beziehung 
mag der Grundfag von ber „Behut: 
ſamkeit bei der Eheſchließung“ wie 
ber überfluge Engländer Malthus dieſe 
von ihm erfundene und empfohlene 
Theorie nennt, feinen Werth haben. 
Aber vom fittlihen und focialen 
Standpunkte aus ift er nie und nim— 
mer zu rechtfertigen. Die Ehe ift nicht 
allein ein Berbindungsglied zwiſchen 
zweien gleichzeitig lebenden Menfchen, 
fondern auch eins zmwilchen der gegen: 
wärtigen und fünftigen Generation. 
Es ift niedriger Egoismus, fie nur 
als erſteres zu betradhten und zu 
genießen. 

Indeß gibt es Ausnahmen genug. 
Noh Leben in Frankreich Schaaren 
von Menjchen, die auf Gott mehr 
vertrauen als auf Malthus. 

Allein der franzöſiſche Bauer fennt 
zwar den Bibelfpruh: „Seid frucht: 
bar und vermehret euch”, während er 
von Malthus ficherli nie was gehört 
bat. Und doch befolgt er des frivolen 
Briten Lehre inftinktio, individuell. 
Sein Evangelium ift: „il faut faire 
la soupe avant de faire l’enfant.“ 

In Deutihland haben gerade bie 
ärmiten Claſſen die meiften Kinder; 
in Frankreich ift es umgekehrt. Die 
gewerbetreibenben arbeitenden Bran: 
hen find dort in der Regel von fo 
wenig feſter religiöjer Meberzeugung, 
jo wenig auf das Höhere gerichtet, 
und da fie die große Menge bilden, 
fo find fie es, denen der Rüdgang 
ber Volf3vermehrung zur Laft gelegt 
werben muß. 

An den höheren Schichten ber 
franzöfiihen Gejellihaft finden mir 
bewundernswertheBeijpiele reinen häus⸗ 
lihen Lebens, ſowie der Statiftifer 
leiht nachmweift, daß bei den höheren 
Ständen nicht nach dem Evangelium 
des Malthus gelebt wird. 

Eine andere Frage — eine harm— 
lofere Frage. Einflußreih auf die 


Folgen der franzöfiihen Ehe find bie 
gejelichaftlihen Verhältniſſe. Trotz 
ihrer Liebe zur Häuslichkeit leben die 
Franzöſinnen viel und gerne in geſelli— 
gem Berfehr unter einander und mit 
Männern. Ihre Lebensweiſe ift frei 
von jenen Beihränfungen und Hemm: 
niffen, die wir uns auflegen. Sie 
empfangen Beſuche zu allen Tages: 
und Abendſtunden und find mit Freun- 
den und Belannten in häufiger und 
enger Berührung. Die Männer gehen 
in Clubs oder leben auch auf ihren 
Zimmern. Aber die Regel ift das 
nicht. Auch die Männer bewegen fi 
am Liebften in Gejelljchaft ihrer Frauen, 
begleiten bieje, wohin fie können und 
theilen ihre Freundjchaften und ihre 
Berftreuungen. Die Franzofen betrach— 
ten die Ehe auch als ein neues Bünd— 
niß mit der Außenwelt, mit der fie 
durch die Vergrößerung bes Verwandten: 
kreiſes vielfadher verknüpft werben. 
Der Ehmann würde e8 nicht gern 
jehen, wollte feine Frau die Gejell- 
Ihaft vernachläſſigen. Daß fie fi 
in ber Gejellichaft frei bewegen können, 
ift ja einer der Zwede, um beffent- 
willen fie geheiratet haben. 

Die Männer und Frauen, die am 
liebften zu Haufe bleiben, find fehr in 
der Minorität; diefelben werden von 
den Nachbarn wild und menjchenjcheu 
genannt. Uebrigens haben die verhei- 
rateten Frauen nicht mehr und nicht 
weniger Freiheit als anderswo, aber 
viel mehr Freiheit als vor der Ehe, 
wo die Mädchen in größter Abgeſchie— 
denheit von der Welt erzogen werben. 

Den häuslichen Frieden gefährdet 
der geiellihaftlihe Verkehr ſelten. 
Wenn es beide Theile lieben, ihr 
Leben faft ausfchließlich in Geſellſchaft 
mit Anderen zuzubringen, jo gibt es 
ja feinen Nachtheil, ſondern liefert 
nur uns den Beweis, daß ſich Die 
franzöſiſchen Eheleute doch nicht in 
dem Maße genügen, als das bei ung 
ber Fall zu fein pflegt. 

Segen bringt diejer fortwährende 
Umgang mit andern Menjchen nicht. 


833 


Die Folgen davon find Eitelkeit, Neid 
und Aufwand. Das beftändige Gefell- 
Ihaftsleben der Frauen verführt fie 
zur Putzſucht und anderen Ertra- 
vaganzen, die der Salon nach ſich zu 
ziehen pflegt. Freilich jehen es bie 
Franzojen gerne, wenn ihre Meiber 
äußerlich glänzen, und bejubeln heim: 
lich den Triumph diejes Glanzes. Jedes 
findet in ber Glorie des Andern feine 
eigene Befriedigung und felbjt wenn 
dieſe Glorie nur von einem erfolg: 
reihen Kleide kommt. Daher wird 
der größere Aufwand, den das viele 
Ausgehen mit fi) bringt, nicht zur 
Quelle häuslichen Unfriedens. Nun — 
und ber Franzoſe, wie er ift, thut 
reht daran, an dieſem gemwöhnten 
Brauche feitzuhalten — wer in bie 
Tiefe nicht kann, der gehe in's Weite. 

Selbft in den gewerbetreibenden 
Claſſen befteht dieſe Gejelligkeitsjucht. 
Hier geht die Frau aber nicht viel 
des Abends aus, dafür ift fie jedoch 
am Tage, wenn möglich, die ftete 


Weiber ihren Männern bei der Arbeit 
belfen, wenn der geichloffene Bund 
ipnen nicht allein für das Intereſſe 
de3 Gefühl, jondern auch für prak— 
tiſche Einzelnheiten des Lebens bient, 
wenn alio die Frauen in Bureaur 
und Verfaufsläden an ber Seite ihrer 
Mäuner figen, anftatt diefe ihr Tage 
werf allein vollbringen zu laffen und 
nur die Früchte besfelben mitgenießen 
— fo hätten wir hierin nur ben 
einen Wunſch, daß es — überall fo 
wäre. 

Wie nun fteht e8 mit dem geifti- 
gen Leben in der franzöfiihen Ehe? 
In der Regel — armfelig. — Haben 
fie einmal die Schule hinter fich, jo 
hören die Franzoſen zu lernen auf. 
Wohl jegen jie das, was fie Erziehung 
nennen, fort, den Unterricht aber nicht 
mehr. Dort ift von der moralifchen, 
bier von der wiſſenſchaftlichen Aus— 
bildung die Rede. Sie fahren vielleicht 
fort, ſich als Männer und Frauen 
zu vervolllommnen, mit Rückſicht auf 


Begleiterin ihres Mannes. Sie theilt ihre Seele, wenn fie meinen, daß fie 
fein Zeben, ſeine Sorgen, feine Arbeit. | eine ſolche haben, oder mit Rüdjicht 


Auf der Spitze der Leiter ift das 
franzöfiihe Weib eine Weltdame, auf 
ihren unterften Sproffen ift e8 ein 
Padejel, wie in andern Ländern auch; 
auf den Zwiſchenſtufen aber nimmt 
ed jeinen befonderen Pla an des 
Gatten Seite ein, einen fo fchönen, 
richtigen Platz, daß es in dieſer Be: 
ziehung wohl als die Verförperung 
bes deals der Ehefrau erjcheint. Nur 
in dieſen Mittelclaffen ijt des Volkes 
und der Menfchlichfeit wahre Art ; 
oben verdirbt die Herzen ber Reich— 
thum, unten die Armuth. — Vielleicht 
iſt ed auch bei uns jo. 

Allerdings könnte man behaupten, 
die Frau verjäume über dem Bei- 
jammenfein mit ihrem Manne ihre 
ſpecifiſch weiblihen Pflichten, lenke 
ihre Gedanken auf ihrer Natur fremde 
Gegenftände und vernadhläflige ihre 
Kinder. Al das aber fällt der Welt: 
dame unendlich jchwerer zur Laſt, als 
der bürgerlihen Frau. Wenn Die 


Kofeggers „Heimgarten‘* 11. Hefl. 


auf die große Welt. An der Berei- 
herung ihres Wiffens aber liegt ihnen 
nicht3 mehr. Vielleicht weiß ein Mann 
feine Frau für künftlerifche Intereſſen 
zu gewinnen, wen er fich felbit zu 
folden meigt, aber fie zur Lektüre 
anzuleiten, oder ihr mitzutheilen, was 
er jelbjt etwa weiß, das wird ihm 
nicht einfallen. In den höheren Glaffen 
jagt man wohl nad Neuigkeiten und 
ift der Bücher: und Zeitungsbebarf in 
denfelben groß; aber in den bürger: 
lihen Salons findet man niemals ein 
offenes Buch, aud) Journale find felten. 
Und der Mangel an Büchern auf ben 
Tischen der Bourgeoifie bringt eine 
ſehr unerquidlihe Leere hervor, die 
feine Verſchwendung von Blumen uud 
Seiden auszufüllen vermag. Zwar 
bie und da ein paar ftattlihe Bände 
in Goldfchnitt und rothem Maroquin, 
die aber niemals gelefen werben. Nicht 
aus Büchern jchöpft der Franzoſe feine 
Eindrüde, fondern aus Menſchen. Doch 
53 


834 


wie vortrefflih, geſchickt und geiftooll | Lichfte, der häuslichen Beichäftigungen 
die Converfation auch geführt werben | und Zerftreuungen ift. 


mag — Lektüre und Studium kann 
fie nicht erjegen. ' 

Anders in England. Die englifchen 
Frauen leſen und lernen und bie 
Männer interefliren fich für dieje Be: 
ihäftigung ber rauen. Selbit bie 
deutiche Ehe fteht in dieſer Beziehung 
über der franzöfiichen. Hingegen trei- 
ben die franzöfiihen Frauen gerne 
Mufit, Blumenpflege und haben großes 
Talent für eine geihmadvolle Aus: 
ihmüdung des Haufes. Hierin wieder 
hilft der Gatte feiner Frau. Die 
Häuslichkeit wird verziert, jo weit es 
der Gelobeutel erlaubt ; den Gefühlen 
wird volles Genüge gethan, die Fa- 
milienpflihten werden aufmerfjam, 
oft Teidenfchaftlich erfüllt. Aber von 
Geiftespflege nicht viel Spur und Die 
Freuden, welche dieſe Eultur im eheli- 
hen Leben bereiten kann, find in 
Franfreich verhältnigmäßig unbekannte 
Dinge. 

Auf dem Lande lieft man zwar 
mehr als in der Stadt, aber gemiljer: 
maßen nur nothgedrungen — als 
„traurigen“ Erjag für das Salonge- 
plauber. Bei all ihrem Erfindungs: 
geift haben die Franzöfinnen noch nicht 
entdedt, daß das Lejen nicht bloß die 


Neben dieſen Unbegreiflichkeiten 


‚finden wir aber etwas an der franzö- 


fiihen Frau, das ung tiefe Verehrung 
für fie einflößen muß: ihren Hang, 
Armen: und Kranfenhäufer und andere 
Mohlthätigfeitsanftalten zu bejuchen. 
So tief mwurzelt ihre Liebe zur Ge- 
jelligfeit, daß fie auch dann die Men: 
ſchen noch aufiucht, wenn fie im Elende 
find. Nein, feien wir gerecht, es ift 
Güte und Barmherzigkeit, was bie 
franzöſiſche Weltdame niederführt zur 
armjeligen Bettlerin. 

Und mit dieſer fchönen, erquiden: 
den Thatſache jchließen wir ein Ga: 
pitel, zu welchem wir vorzüglich durch 
ein Buh „Dos häusliche Leben in 
Franfreih” (aus dem Engliſchen über: 
jegt von H. Scheube, Berlin, F. Berg: 
gold), angeregt wurden, welches jedoch 
manches Unbehaglihe, ja Peinliche 
haben mußte. Wir fahen im Ganzen, 
daß die franzöfiiche Ehe an Bedeutung 
und Gehalt der germanifhen zwar 
nachfteht, aber bei weitem nicht jene 
Verjunfenheit weilt, in der fie und 
vorzuftellen wir gewohnt find. 

Die Berrufenheit, in melde die 
franzöfiihe Ehe gelommen ift, haben 
die franzöfiihen Roman: und Theater: 


natürlichfte, ſondern aud die nüßs | fchriftfteller auf dem Gewiſſen. 


835 


Unfer nordifher Wald. 


Studien und Träume von P. ®. Kofegger. 
I. 


Tauſend Hämmer pochen jahraus, 
jahrein und Schmieden Beile. Und jahr: 
aus, jahrein ftürzen unter den Beilen 
Millionen Bäume. Aber der Wald, der 
liebe Wald ift ftärfer, als wie die tau- 
jendföpfige Hydra; jahraus, jahrein 
treibt er neue Zweige, neue Blüthen 
und in unjerem Geifte neue Gedanken. 
Schlagft du den alten Baum ab, jo 
jproffen an feiner Stelle drei junge. 
Immer neu erobert der Wald bie 
Berghänge, die Engthäler, zwiſchen 
Felſen wuchert er und an den Wäſſern 
— in neuer Kraft, immer wieder jung 
fteigt er auf — will nicht laſſen von 
dem Land, das er feit jeher gehütet 
und gejäugt wie eine Mutter ihr Kind, 
bis es Schön und fruchtbar geworben. 
Und wenn das Geftämme bahingeftredt 
liegt auf weitem Schlagfelde, fo fonımt 
der unfichtbare Säemann, taucht feine 
Hand in die Samen und fäet fie hin 
über die Lände. Diejer Säemann 
ift der Wind. Du magſt nur kurze 
Zeit auf ein Stüdihen Erbe vergeſſen 
oder es verachten, der Wald ergreift 
davon Befig. Wenn du vor den Stufen 
deiner Thür zehn Jahre lang ein 
bandbreit Plägchen unberührt Laffeft, 
fiehe, jo wird auf dieſem Plägchen ein 
junger Baum herauf fommen, um Dein 
Haus zu hüten. 

Der Wald ift ein älterer Gaft auf 
Erben, als der Menſch, er bat fein 
Paradies gehabt, bevor die Menfchen 
famen. Poeſie weht noch heute über 
bem grünen, Vogeljang durchklungenen 
Gemwipfel, aber das eigentliche tau— 
jendjährige Reich des Waldes ift zu 


mumien — bie Steinkohle — mir 
heute aus der Erbe wühlen. Und wollen 
abjehen von den gewaltigen Urmälbern 
der alten Germanen, in welchen Boni: 
fazius den erjten Stamm gefällt hat. 
Mie ganz anders war noch der Groß: 
vater des heutigen Waldes: mar: 
fig, Fräftig, wild; feine Arme waren 
bier, als heute die Stämme find; feine 
gewaltigen Wipfel waren noch Kronen, 
die heutigen find Halme unb Feber: 
büjche ; feine Schatten waren Nacht, 
die heutigen find Dämmerung. Und 
jeine Einwohner? nad denen jehnen 
wir uns wohl nicht mehr: Wölfe und 
Bären. Aber die Bewohner bes heutigen 
Waldes find Pechſchaber und Kohlen— 
brenner. 

Heute geht es den Bäumen, wie 
den Menſchen: in ihren ſchönſten Tagen 
müſſen fie auf's Schladhtfeld. Der heu- 
tige Wald muß fallen, bevor er reif 
ift, und das ift ein Mord, ben bie 
Menſchen begehen — vielleiht an 
fi felber.... 

Sieh’ einen hundertjährigen und 
einen zehnjährigen Holzbau an. Der 
erſtere ift kernfeſt, der lektere morſcht. 
Niemand will heute fein Haus mehr 
aus Holz bauen — und wäre dieſes 
auch nicht das koſtſpieligſte Materiale 
— er weiß oder ahnt: Holz ift Fein 
Bauftoff mehr, der, wie einft, Gene: 
rationen überbauern fol. Mit Aus: 
nohme der Lärchenbauten wird im All- 
gemeinen nur das, was auf feinen 
langen Beſtand berechnet ift, aus 
Holz hergeftelt, und jo erneuert ſich 
das Bebürfnig immer wieder und 


Ende. Wir wollen abfehen von jenem |in ftet8 größerem Maße, und bem 
gigantiſchen Gejchlechte, deſſen Leiber- Wald ift feine Ruh’ und fein Ge 


65* 


836 


beihen mehr gegeben. Und einft, wenn 
der Menſch etwa in Stein, Steinfohlen, 
Eifen und Bapier genug Erjagmittel 
für das Holz gefunden zu haben glauben 
wird, um den Wald zu jchonen, den: 
jelben fi wieder erholen zu laſſen — 
wird der Wald nicht mehr jo groß, 
jo kräftig und fo alt werben, wie 
früher, wird in jener Periode, in 
welcher man ihn jegt zu fchlagen ge: 
wohnt war, zn fiehen und zu fterben 
beginnen, denn er hat von feinen Vor: 
fahren den frühen Tod geerbt, und 
was Anfangd Unnatur war, das ift 
ihm Natur geworden. — Es fann 
basjelbe Schidjal fein, wie das des 
Geſchlechtes der Farren, welches heute 
Ipeichelledend zu Füßen des Nadel: 
waldes kriecht. Wir haben feinen Baum 
in unjeren Wäldern, der jo riefig 
wäre, ald wie die Bärlappen und 
Schadtelhalme vormaleinft geweſen 
find. Und was ift das heute für ein 
armjeliged Kraut! Die Ziegen treten 
e3 in den Sand. Nicht blos Menſchen— 
ſtämme, auch Thier- und Pflanzenge: 
Ihlechter fönnen durch Entnervung und 
Unterbrüdung fo tief finfen. 

Wir fehnen uns oft nad dem 
Walde, eine Ahnung — wie Heimweh 
iſt's — zieht uns in feinen Frieden ; 
aber oft iſt's uns, als juchten mir 
Anderes, als das, was wir im ihm 
finden. Wir fuchen den Wald, nicht 
wie er heute ijt, ſondern, wie er fein 
fönnte. „Es ift der file Ruf aus 
frühen Zeiten, der aus den Tannen 
an das Herz mir dringt.“.. Den 
jungen Tannling fragen wir nach feinem 
Urahn; ober vielleicht gibt es in den 
entlegenen Bergthälern doch noch eine 
wohlgerathene Nachlommenjchaft. Nicht 
mit der Art ſuchen wir fie auf — 
wir grüßen fie, wie ein Gottesmwejen 
da3 andere grüßen joll. 

Architekten jagen, unfer nordijcher 
Wald fei, im Gegenjage zum Rund: 
bogenftyle der Laubhölzer, ein gotbifcher 
Bau. Mufifer jagen, unfer nordijcher 





Wald jei im Gegenfage zu dem fäufeln: 
den Laubgebüſche eine tiefdröhnende 


Drgel, an welcher der Sturm den Blaſe— 
balg zieht. Maler jagen, unſer nordi- 
iher Wald fei im Gegenfage zu ben 
lichten Schattirungen der Laubforfte ein 
Rembrandt'ſches Nachtgemälde, in deffen 
Tiefen nicht das Auge, nur die Ahnung 
vermag einzubringen. Dichter fingen in 
taufend Liedern vom Walde, und ber 
Altmeifter ſelber hat fein ſchönſtes Lied 
dem Walde geweiht, ihn nicht preijend 
und vergleichend mit irdiſchen Dingen 
— fondern andachtsvoll, ſehnſuchtsvoll 
wie zum himmliſchen Frieden betend: 


„Weber allen Wipfeln ift Ruh', 
In allen Gipfeln fpüreft Du 
Kaum einen Hauch. 

Die Böglein fhweigen im Walde. 
Warte nur, balde 

Ruheſt Du aud.“ 


Unfer nordiſcher Nadelwald hat 
nurdrei Bäume: die Tanıe, die Lärche, 
die Kiefer. Jeder diefer drei hat jeine 
zahlreiche Familie, die fi von einander 
trennen und wieder zuſammen verbinden, 
die ſich gegenfeitig oft zwar jcheinbar 
befämpfen, in Wahrheit aber einander 
ergänzen und im Großen und Ganzen 
ſtets die herrliche Dreieinigfeit bilden. 

Dort am Rande des Waldes, wo 
den Hang hinauf aus ſchwarzem Moder: 
boden mander graue Felsblod blict, 
fteht ein alter Fichteuba um. Sein 
zwischen dem Geftein weithingeflochtenes 
Wurzelneſt mit den Farrenkräutern bie 
daran fleben, find feit Menjchenaltern 
gededt von dem Schatten des Baumes 
und von den Schatten des angrenzenden 
Nadelwalded. Den Stamm mit der 
zerichieferten, rothgrauen Rinde ver: 
mögen zwei Männer nicht zu ums 
jpannen, und in dem hundertfachen 
Atgezelte, das fih um diefen Stamm 
ſpannt, gibt es ganze Dörfer von Bogel- 
neftern, hingegen fein ſchädlich Inſekt 
und fein nagend Gewürme. 

Diefer Baum ift der Stammmvater 
des angrenzenden Walde und über- 
tagt Hundert Fuß hoch die anderen 
Bäume, welche der Förfter jchon ſchlag— 
bar findet. Der alte Fichtenbaum fteht 


837 


unter dem Schuße einer höheren Macht 
und die Menfchen wagen e3 nicht, Hand 
an ihn zu legen. 

Da wir unter der Düfterniß feines 
Schattens auf einem Steine ruhen, Jo 
ſehen wir wohl das hölzerne, ver: 
witterte und bemooste Kreuz, das an 
feinen Stamm genagelt ift. Der hun— 
dertjährige Zeuge jenes Ereigniſſes, 
da3 am heiligen Pfingfttage bier ge: 
jchehen war. Ein Bauer, der feine Kuh 
mweidete auf diefem Gelehne, ſah auf 
dem vielzadigen Wipfel des Fichten: 
baumes einen Geier figen, der fortan 
pfiff und durch fein Pfeifen die Kuh 
heraulockte. Das ift doch was Uner: 
bhörtes, daß ein Rind dem Lodruf des 


Geiers folgt; der Bauer ſpannt fein: 


Feuerrohr und ſchießt auf den Wipfel 
bin. Der Geier krächzt und ftürzt nieder 
und wie er den Erdboden berührt, ift 
e3 ein fterbender Menich, die Nach: 
barin des Bauers, welche ſchon lang 
als Here in Verruf geftanden. 

Und jeit jener Zeit genießt der 
Baum, auf weldhem die Macht des Böfen 
brach, die Verehrung, ja die Ehrfurcht 
der Menfchen, und zum Beiden, daß 
fein Beil und fein ander Werkzeug 
an biefen Stamm gelegt werden dürfe, 
haben fie das Kreuz daran befeftigt. 
Daher ift dieje Fichte jo alt geworden. 

Greife erzählen gerne aus der Ver: 
gangenheit ihres Lebens. Unſere Fichte 
fagt, ihr Großvater wäre ein Thüringer 
gewefen, um feinen Stamm hätten 
noch die Heiden getanzt, wenn es Voll: 
mond war, unter feinem Schatten hätten 
fie einem Gotte, den fie Wuotan hießen, 
Schlachtopfer dargebracht. Da fei aber 
ein Adler gemejen, ber hätte vom 
Stanıme ein Samenkorn in feinem Leibe 
bis in dieſe Gegend gebracht, und 
davon ftamme fie — unjere Fichte — 
ab. In ihrer erften Jugend hätten fie 
die Wölfe und die Bären bejchütt, 
denn die Wölfe und bie Bären hätten 
feine pflanzenfreffenden Thiere geduldet. 
Auch wären einige jungen Lärchen 
um fie herumgeftanden, bie jo herrifch 
gethan hätten, daß die Fleine Fichte in 


ihnen wie gefangen war. Aber der 
Schatten wäre ihr zu gute gekommen 
und jo hätte fie fich heimlich gefräftigt, 
und hernach mit Feden Armen das 
Lärchengewucher von fi gefchoben, 
hätte ihm den Saft von den Wurzeln 
weggetrunfen und die Lärchen wären 
in ihrer erften Blüthe geftorben. Big 
in's ſechſte Jahr ſei e3 aber mit dem 
Wachsthume doch etwas langjam ge 
gangen. Dann ſchoß fie auf einmal 
empor. Vom 15. bis zum 20. Jahre 
fei fie ftehen geblieben, jo daß fie ge: 
meint habe, fie bleibe ihr Lebtag ein 
ſchwächliches Weſen oder müſſe gar 
dahin in ihren jungen Jahren. Nach 
dem 20. Jahre endlich habe ſich bie 
Sache gewendet und von nun an ſei 
der Baum alljährlich um einen Kopf 
gewachſen, gefräftigt und gereift. — 
Aber das Herz und das Leben fei ihm 
erft in feinem 50. Jahre aufgegangen 
und da fei’s * auf einmal eingefallen, 
ſich ein Weibchen zu nehmen. In der 
Nachbarſchaft war nicht viel zu holen, 
lauter kleine, verkrüppelte Weſen eines 
zweifelhaften Stammbaumes, wovon 
unſer Heiratscandidat keines ſeinen 
Nachkommen zur Mutter geben wollte. 
Schon wollte ſich der Fichtenbaum für 
den Stand der Hageſtolzen bequemen, 
da gewährte er, daß es ihm nicht 
ſchlechter ging, als dem Menjchen- 
ſtammvater Adam: er hatte das Weib 
in ſeinen eigenen Rippen. In rothen 
Kätzchen lächelten ſie ſich zu, aber bald 
verbag ſie ſich wieder unter dem 
grünen Kranze ihres Genadels. Ein 
warmes Körnlein aus ſeinem Herzen 
ließ er abfliegen, um zu freien. Sie 
hat den Freier nicht abgewieſen und 
in den milden Frühlingslüften flog der 
Same dahin — und nad wenigen 
Jahren fproßte eine reiche Nachkommen⸗ 
ſchaft aus den Gründen. 

Aber die Nachkommen waren man— 
nigfachen Schickſalen anheimgeſtellt. Das 
Land war übervölkert; Viele der Körnchen 
wanderten auf Luftſchiffen aus. Freunde 
der ſonnigen Hügelgeländes waren da— 
runter, die kamen hinab bis gegen die 


838 


Eihenwälder Croatiens und an die der Bauern paffirt es dem Nadelbaum 
Geſtade des abriatiichen Meeres; wei: | alle acht oder zehn Jahre einmal, daß 
ter ließ das heiße Klima fie nicht mehr jein Menih mit jcharfen Steigeijen 


vordringen. Andere wieber waren paifio: 
nirte Bergfteiger, die fiebelten ſich in 
den Alpen bis zur Höhe von 5000 
und 6000 Fuß an. Die aber im Lande 
blieben, um fich reblich zu nähren, denen 
ging es oft nicht am beiten. Daß fie 
bisweilen von Stürmen, Bränden und 
Schneevrüden arg bedrängt wurden, 
gehört zu des Waldes allgemeiner 
Plage. Daß Krankheiten, wie die Kern— 
fäule — bei mwelder der Baumarzt 
jagt, daß fie durch Pilzkeime verurfacht 
werde, bie im Innern des Stammes 
wüchjen — daß die Mißgebilde der Ber: 
bänberungen u. ſ. mw. auftraten; daß 
ferner der fürchterliche Feind des Nadel— 
waldes, der Borkwurm, zuweilen ein- 
fiel und ganze weite Striche verborren 
madte; daß endlich eines der jchein: 
beiligiten Weſen unter den Schmetter: 
lingen, die Nonne, an dem Genabel, 
der Lunge des Baumes gezehrt hat, 
bis der Arme an der Lungenfucht zu 
Grunde ging — das find eben die Heim: 
fuhungen, welchen der Wald von jeher 
ausgeſetzt geweſen if. Das hat Gott 
zu verantworten und — wenn er gegen 
ben Baum fo gerecht ift, als er es 
gegen den Menjchen fein ſoll — dem 
Walde mit einem befjeren Leben jen- 
ſeits des Moders zu vergüten. 

Einen ganz andern Feind hat der 
Wald, einen Feind, den er ſich mit 
ſeiner grenzenloſen Güte, ſeinen uner— 
meßlichen Wohlthaten und Verzärte— 
lungen ſelbſt groß gezogen hat — den 
Menſchen. Da kommt der Vampyr, 
Pechſchaber genannt, und zapft dem 
Buum das Blut ab, ſaugt ihm die 
Adern au. Da lommen die Folter: 
fnechte und zerreißen mıt ihren hoch— 
nothpeinlichen Streuredhen die Schuß: 
bede ber Wurzeln. Da fommt endlich) 
der wahnmigigfte Böfewicht, für den 
jeltfjamerweife unfer Strafgefe noch 
feine Peitſche gewunden hat, ber 
Schnaidler. — In vielen Gegenden 
der öftlihen Alpen, in den MWaldungen 


an jeinem Stamme emporflettert und 
ihm mit der Art alle längeren Aeſte 
abhadt, bi8 empor zum Wipfel. Wird 
auch diefer abgejchlagen, wohlan, fo 
fann der Baum raſch und ein für 
allemal zur Ruhe gehen, er verborrt 
in wenigen Wochen und fommt auf 
den Herb ober in den Koblenmeiler. 
Wird ihm aber der Wipfel belafjen, 
jo hat er die Pflicht, mit abgejchlagenen 
Armen noch weiter fortzuleben, zu 
wachſen, friiches Geäſte zu treiben und 
fih nach zehn Jahren wieder neu ver: 
ftümmeln zu lafjen. Das abgehadte 
Geäfte dient als Streu für die Haus: 
thiere. Die Bauern mahen aus dem 
traurigen Gejchäfte des Baumſchnai— 
delns noch eine Luftbarfeit. Wenn ber 
Mann fonft nie fingt und pfeift und 
jauchzt — auf dem Baume thut er's. 
Und ift er an den Wipfel emporge- 
langt, jo ſchaukelt er fi, ſoweit der 
Baum im Bogen fi) mag biegen. Ab- 
ſonderlich ift e8 zu ſehen, wenn ein 
Bauer die Nachbarn in jeinen Wald 
ladet, um diejen zu Grunde zu richten. 
Auf jedem Baume figt ein Menſch, 
jeder jchaufelt fich und jeder jauchzt. 
Und unten auf dem Erbboden find 
die Weiber, die das nieberftürzende 
Geäfte in Buchen zujammenlegen. Der 
Tag wird mit einem guten Mahle 
geſchloſſen — und die ſchwer verwun— 
deten Bäume mögen jelbit jehen, wie 
fie fertig werden. Sie vegetiren wirklich 
in den meiften Fällen weiter, jofern 
ihnen nur ber Kopf belafjen it, und 
ihüßen die Leute jo gut es geht, vor 
Wind und Waller, bieten ihnen ber: 
einſt Material für ihr Haus, für Wiege 
oder Sarg. Freilich haben die Gaben 
des treuen Freundes nun nicht mehr 
viel Werth. 

Unter ſolchen Berhältniffen ift es 
ihier am beften, das Heer der Holz: 
bauer jtredt dem ſechzig- und fiebzig: 
jährigen Wald nieder, anftatt zu warten, 
bis Dderjelbe naturgemäß ſchlagbar 


839 


würbe in jeinem 140. Lebensjahre. — 
So ſcheint e8 wohl zu Ende zu fein, das 
Zeitalter des Waldes. Es find bald 
auch die natürlihen Bedingungen nicht 
mehr da, die der Nadelbaum braucht, 
um zu leben. Daß er ein Dunfelmann 
ift, das läßt ſich nicht leugnen, und 
für Dunfelmänner gibt’3 in Diefen 
aufgeklärten Zeiten fein Heil. Der Fich— 
tenbaum liebt Schatten, Nebel und Than. 
Diefe Dinge wollen mit dem Sturz 
der Hochwaldungen beinahe zu Grunde 
gehen. Und jo ftehen denn die Bäume 
oft mitten im Heidekraut vereinzelt, 
find zwergenhaft, verfrüppelt und haben 
lange, weiße Bärte. — 

Viele Bäume der Nachkommenſchaft 
unſerer Fichte haben fich vor ſolchem 
Unheil gleihfam aus dem Walde ge: 
flüchtet und fih auf hohen Matten 
und meiten Angern in Gruppen zu: 
fammengeftellt, als wollten fie berath— 
ſchlagen, was in Feindesland zu 
thun wäre. Mancher hat gemeint, 
das dürfe man den Nachkommen nicht 
anthun, daß man fie in eine ſolch' 
heilloſe Welt ſetze, und hat den Wipfel 
mit ſeiner ganzen ſchweren Laſt von 
Samenzapfen von ſich geſchleudert. 
Und dann ließ er ſeine langen Aeſte 
niederſtreben, daß ſie ſich vergraben 
ſollten in den Moosboden und in das 
Erdreich. Aber ſiehe, auf dem Walde 
liegt der Fluch des ewigen Juden; der 
Baum konnte nicht verſterben und die 
in den Erdboden gekrochenen Aeſte 
ſchlugen neue Wurzeln, trieben neue 
Wipfel hervor, und der Alte, der ſeine 
Mannbarkeit hingeworfen hatte in der 
Verzweiflung, ſah ſich umgeben von 
einem fröhlich keimenden Kinderkreiſe. 
Die Kleinen ahnen es noch nicht, was 
ihnen bevorſteht, aber der Vater rüttelt 
mit ſeinen Armen und will ſie aus der 
Erde reißen, und dem Urahn — unſerem 
alten Fichtenbaum am Waldrande — 
will das Herz brechen, da er dieſes Alles 
an ſeinen Nachkommen erleben muß. 

Sein greiſes, zweihundert Fuß hohes 
Haupt richtet er zum heißen Sommer— 
himmel auf, bittend um einen Blitz— 


ſtrahl für ſeinen alten, lebensmüden 
Leib. — Vergebens! als ob es auch 
der Blitz wüßte, daß du, mein be— 
kreuzter Fichtenbaum, geheiligt biſt, 
weil, nach der Leute Mund, jener Mann 
vormaleinſt die Hexe von deinem Wip— 
fel geſchoſſen hat. 

Da kommt ein Mann und ſieht 
mit Staunen dieſen Fichtenbaum. Er 
wollte ſich ein Haus bauen aus altem, 
gutem, kernfeſtem Holze. Er hat einen 
weiten Weg gemacht durch's Land und 
keinen Baum gefunden. Jetzt ſteht er 
vor einem und ſtaunt. Er hat ihn 
geſucht und will es nun nicht glauben, 
daß er ihn gefunden hat. 

Zwei Tage lang arbeiten die Holz: 
fäller, da ftürzt der gewaltige Fichten: 
baum. Die Luft fcheint ein Loch zu 
haben, dort wo er aufgeragt hatte. 
Der Mann aber beugt fich nieder 
über den Stod, der jo groß ift, wie 
die Tafelrunde im alten Ritterfaale, 
und beginnt zu leſen. Er lieft das 
Tagebuch des Baumes, bas in hun— 
dertfachen Ringen eingezeichnet ift in's 
Holz. Dort fteht ed, wann der Ahn 
geboren, wann er mit Noth und 
Drangjal gefämpft, wann er Gebeihen 
gehabt, wann er geliebt hatte und 
wann er innerlich geitorben war. 

Der Jahrhunderte drei war ber 
Fichtenbaum geſtanden. — — 

Aus der Geihichte des Herkom— 
mens zu fchließen, jehen wir, daß bie 
Fichte fih eigentlih auf den Abel 
hinausfpielt. Ihre Gefinnungen aber 
weiſen das nicht immer. hr förper: 
liches Wohlbefinden geht ihr über 
Alles, dienen will fie ſtets praftifchen 
Sweden und fortwährend führt fie 
Klage über den Verfall ihres Geſchlech— 
tes, Ganz anders ihre edlere Schweiter, 
die Tanne, 

Diefe fieht, wer fie nicht näher 
fennt, zwar noch ungeſchlachter aus, 
als die Fichte. Sie klammert fi mit 
ihrer Wurzel fefter und tiefer an die 
Erde, fie fann in einem einzigen Stamm 
über zwanzig Klafter Holz enthalten, 
dient alfo dem Gejhäftsmanne erfled: 


licher als die Fichte; fie ift ungefüg, 
fnorrig, bat manchen unſchönen Aus: 
wuchs und Kropf, hat wild verworre: 
nes Geäfte und eine breite, ftarrzadige 
Krone, in weldher Raubvögel horjten. 
Die Fichte zeigt feierliche Würde, die 
Tanne trogige Kraft. Die Tanne 
wählt der größten Fichte über ben 
Kopf und erreicht bei guten Zeiten 
möglicher Weije ein Alter von einem 
halben Jahrtauſend. 

Troß diefen rauhen, ftolzen Aeußer— 
lichkeiten ift die Tanne boch eine ibeal 
angelegte, ja bisweilen ſogar ein wenig 
ſchwärmeriſche Natur. In alten Zeiten 
jollen ihre Zweige palmartig vom 
Stamme himmelmwärt3 gewachſen fein. 
Seit jenem Tage aber, al& Ehriftus 
am Kreuze ftarb, wächſt fie in Kreuz: 
form. Jeder Aſt und jeder Aſt vom 
Alte, jeder Zweig uub jeder Zweig 
vom Zweige ift ein Kreuz. Auch bie 
Fichte will ihr’8 in Anmandlung von 
Frömmigkeit nahmaden, führt es 
aber nicht jo beftändig und folgerich- 
tig dur, als wie die Tanne, deren 
Mantel aus Millionen von Kreuzen ge: 
woben ift. Daher war die Edeltanne bei 
uns urjprünglich auch die Erforene für 
ben Ehriftbaum, Sie, die fi ſelbſt 
hat gefreuzigt, mochte vor Allem fähig 
und würdig jein, ihr junges Leben 
zu laffen und im Strahle der Weih— 
nachtäferzen ben Heiland zu verkünden, 

Ferner ift die Tanne eine Freun— 
bin der jchönen Künfte. Nicht, daß ich 
meine, weil fie den Dichter begeiftert 
und ſtets ſelbſt eine heitere Gefellichaft 
von Sängern in ihrer Kronenburg be: 
berbergt, oder weil fie dem Landſchaſts— 
maler manch herrliches Object Liefert 
— nein, jondern weil die Tanne 
muſikaliſch ift. Kein Holz gibt jo feine 
Rejonanzböden, als wie das zarte, 
jchneeweiße Holz der Tanne, in ihm 
klingen bie Volksweiſen der Zither und 
die funftreihen Töne der Cremonefer 
eigen am beften. 

Freilich darf zum Zwede für In— 
jtrumente die Tanne beim Fällen nicht 
auf harten Boden ftürzen, denn ein 


840 


einziger jchwerer Fall und die Saite 
in ihrem Herzen ift für immer zer: 
ſprungen 

Gar anmuthsreich ift des Tannen: 
ftammes feine, filberig jchimmernde 
Haut und das ewige Friſch jeiner 
Zweige, die von oben berabgejehen 
grün, von unten hinauf weiß find, 
wie Silberblid. Darum heißt es ja, 
die Tanne jei fteiriihen Stammes 
und Adels, denn fie trage die fteiri- 
ſchen Landesfarben. 

Doch will die Tanne nicht allein 
Ohr und Auge, ſie will auch den Ge— 
ruchsſinn erfreuen. Ihr Genadel und 
ihr Blut ſtrömt dir den wohlriechend— 
ſten Hauch entgegen und ſelbſt die 
Keimluſt des Samens löſt ſich auf 
in Wohlduft und Aether. 

Bieteſt du der Fichte die Hand 
— ſie ſticht dich; aber das Tannen— 
gezweige iſt mild und ſeine Nadeln 
haben keine ſcharfen Spitzen, ſie möch— 
ten gerne Blätter ſein. Unter dem 
Laubholz hat die Tanne eine gute 
Freundin, die wohl noch milder iſt 
als ſie ſelbſt, die alljährlich aus ihren 
Blättern zu der Tanne Füßen ein 
weiches Kiſſen legt, einen goldfarbigen 
Teppich webt — es iſt die Buche. 
Hingegen ſtreckt die Tanne über den 
hellgrünen Buchenwald ihren hohen, 
finſteren Leib empor, daß es bisweilen 
ausſieht, wie ein Nadelwald über dem 
Laubwalde, und ſchützt die Freundin 
gegen Blitz und Sturm. — Aber ſie 
iſt nicht die Allerweltsbürgerin, als 
wie etwa die Buche, iſt nicht einmal 
jo weit gereiſt, als wie ihre Schweſier, 
die Fichte. Sie iſt ganz Europäerin. 

Bei den jchönen Frauen des Kau— 
kaſus grünt fie; den Banditen ber 
Apenninen gibt fie Dach, dem bigotten 
Spanier reiht fie Zweige zum Schmude 
feiner Altäre und in Arkadien den 
unglüdlihen Nachkommen der glüdli- 
hen Hellenen bietet ſie den Hirten: und 
den Bettelftab. 

Weiter hinaus will fie nidt. 
Aber beſonders gerne und mit aller 
Fülle ihres Segens hält fie fih in 


— 


den Alpen und im mittleren Deutſch- ſchließliche Herrſchaft; überall läßt ſie 
land auf. Nördlicher als bis zum zwiſchen ſich auch anderen Bäumen 
Thüringerwald geht fie kaum mehr noch Raum und Nahrung und Schuß 
vor und wenn ber Berlüter von „Tanz | angebeihen. Mieber ein Beweis, daß 
nenbäumen” und „Tannenwäldern“ die Tanne weit freundlicher und edel— 
ſchwärmt, fo denkt er ſicherlich nur denkender iſt, als ſie ausſehen mag. 
an die Kiefer, die in ſeinen ſandigen — Von jenem Adel der Geſinnung, 
Gegenden wächſt. Aber auch in den der ſtets Gutes vollbringt und Schönes 
ureigenen Bereichen der Tanne, wie ſchafft, ohne viel zu fragen nach 
im Schwarzwalde, im Fichtelgebir- Freund und Feind und wie lange ber 
ge, im Böhmerwald, in den Alpen, ! Tag des Wirfend noch dauern wird, 
in den Pyrenäen, führt fie nicht aus- (Schluß folgt.) 





Der Sommernadtstranm eines Künftlers. 
Bon Kihard Yo. 


Der Mond leuchtet jo hell, daß Mitten in der Stabt Liegt ein 
man die Gasflammen in den Straßen: großes vornehmes Haus, das ift noch 
laternen ausgelöſcht hat. Blaues Licht | voll Geräufch und voll Leben. Auf 
fließt über Mauern und Dächer ; aber | der Straße ftehen einige fpäte Gaffer 
am wohlſten ift es ben zitteunden und fehen zu dem erleuchteten Sälen 
Strahlen auf den grauen Steinmauern | hinauf. Drinnen fpielt ein gutes Dr: 
der Kirchen. Da klammert fih der|chefter rauſchende Tanzmelodien ; ge- 
Mondichein an die Schnörfel und Ran- ſchmückte Frauen gleiten im Tanze 
fen der Thürme, Flettert in alle Eden | an den hohen Spiegelj&eiben vorüber; 
und Winfel, blinkt auf den vergoldeten | manchmal bleibt eine dieſer Geftalten 
Spigen und malt um die Häupter am Fenſter ftehen, tief aufathmend, 
der traurigen Märtyrer den Heiligen: | mit glühenden Wangen. Dann tritt 
ſchein. Höher oben ift Alles blauer, | wohl aud ein Mann zu der ausruhen: 
duftiger Glanz. Die Welt ift ein den Frau und jpricht leife zu ihr, 
Mondiheinmärhen geworden. Auf und für die Frau ift die glänzende 
den Straßen ift es einfam; ſpäte Welt um fie plöglich tobt und ver: 
Nacht ; nur dann und warın ein fchneller, | junfen. Mie gerne wäre fie mit jenem 
weithallender Schritt. Die Schlaflofen | Manne draußen in der jtillen Nacht, 
horchen in ihren Betten, wie e8 fommt, |im blauen Mondfcheine, nur fie und 
vorübergeht und in der Ferne vertönt.|er; dann hätte er ihr die zitternde 

Gewiß iſt's ein froher Menſch, Antwort auf feine Frage von den 
der unter andern Frohen eine gute Lippen fortfüffen können. 

Stunde verlebt hat; nun eilt er nad Mißmuthig jchleiht der Mond: 
Haufe. Bielleiht wartet ein junges, ſchein fich fort von dem glänzenden 
lieblihes Weib auf ihn, um dem Hauſe: bier ift Jubel und Helle und 
folgen Vater jeinen fchlummernden, | dem wehmüthigen Gefellen ift’8 wohler, 
rofigen Knaben zu zeigen. Das fält auf düſteren, armjelıgen Wänden zu 
dem Schlaflofen fo ein; er hört auf leuchten; da fann ber alte, fantaftijche 
die verhallenden Schritte des glücklichen | Burfhe mit wenigen Strahlen ein 
Mannes und wirft fi) noch ruhelofer | Stüd Poefie Hinzaubern, fo ſchön und 
in feinen Kiffen umher. mwunberbar, wie es fein Maler zu 


842 


pinfeln, fein Dichter zu feufzen ver: 
mag. 

Ein Mann tritt aus dem erleuch— 
teten Haufe. Es ift eine hohe, vor: 
nehme Geftalt. Er hat fi in einen 
langen ſpaniſchen Mantel gehüllt und 


Grab ihrer Liebe, das Grab ihres 
Glückes genannt — wie bald werben 
Thränen aetrodnet, wie bald vergißt 
man die Tobten ! 

"Aber noch immer ziehen Taufende 
zu der Walfyre im Eihmwald am rau: 


den breitfrämpigen Künftlerhut tief | chenden Strome; doch es gilt nicht 


über die Stirne gezogen. Aber man 
hat ihn doch erkannt, und wie er die 
decorirte Vorhalle durchſchreitet, macht 
ihm eine Schaar unterthäniger Geifter 
die tiefften Werbeugungen, und Die 
Diener, die mit Mantel und Tuch 
ihre Herrfchaften erwarten, fahren mit 
den Köpfen zufammen, um fich gegen: 
feitig ihre bedeutungsvollen Gedanken 
über diefen Mann zu verrathen. Es 
ift ber berühmte Künftler, dem zu 
Ehren die Stabt diejes Feit gibt. 

Am Eichwald, draußen vor dem 
Thore, am raujchenden Strom flieht 
das herrliche Denkmal. Es hat den 
Ruhm des Mannes gegründet, und 
bie Stadt ift ftolz auf das Werk und 
den Meifter. 

Bor fünfundzwanzig Jahren, gerade 
heute, wurde der Marmor enthüllt, 
eine glorreihe Erinnerung an bie im 
Kampfe Gebliebenen eines glorreichen 
Krieges. Manches weinende Frauen: 
auge hatte damals zu ber erniten 
Todesjungfrau aufgejehen, die ben 
jungen Gefallenen in ihren Armen 
hält, um mit ihm emporzufchweben 
zu Walhall. Die Augen, die damals 
meinten, waren lange getrodnet ; ver: 
welkte Zorbeerfränge lagen auf Stufen 
und Sodel; nur mandmal ſtand eine 
ehrwürdige Matrone oder ein altes 
müdes Miütterhen etwas länger vor 
dem Marmorbild der Walfyre. Dieje 
mochten wohl an einen ber Tobten 
benfen, deren Namen in langer Reihe 
die Erinnerungstafel füllten. Die Augen, 
bie jegt gleichgiltig über den Marmor 
hinwegſahen, waren diejelben Augen, 
die einst heiße, jchmerzlihe Thränen 
vergoffen, Thränen ber verlaffenen 
Braut, der troftlofen Witwe. Jetzt 
erinnerten fie fid mur dumpf und 
ftumpf, daß fie diefe Stätte einft das 


den Todten, zu deren Gedächtniß das 
Denkmal errichtet warb, e3 gilt ber 
„berühmten Walkyre“ des berühmten 
Mannes mit dem weithallenden, be- 
mwunderten Namen. Noch immer bliden 
dann ernfte Augen auf die jtolze 
Frauengeftalt und ben jchönen, für 
das Vaterland geftorbenen Yüngling. 
Doch nur Wenige gedenken der ver: 
gefien auf dem Schlachtfeld modernden 
Krieger; aber Alle laffen fih durch 
den Genius des Künſtlers erjchüttern. 
Wenn die Jahre die vielen Namen 
auf dem Marmor längft verwilcht und 
ausgelöjht haben, wird man den 
einen Namen noch nennen: bem 
großen Todten ſetzt man ein Denkmal, 
worin er ewig fortleben fol, und ber 
Lebende, der es errichtet, verherrlicht 
fih in dem Tobten. 

Der Ruhm ift vergänglid, nur 
die Kunft ijt ewig. 

Da3 denft der Mann, der im 
Mondicheine ziello8 durch die einjamen 
Straßen jchreitet, und wundert ſich, 
wie er, der große, gefeierte Künftler, 
zu biefem Gedanken kommt; er bat 
aewöhnlih über ganz Anderes zu 
finnen. 

Seine Träumereien haben ihn in 
die Irre geführt. Als er aufjchaut, 
muß er ſich lange befinnen, wo er 
eigentlih if. Er weiß e3 nicht. Die 
Stadt ift ihm fremd geworben. Fünf: 
undzwanzig Jahre find ſeit dem Sommer: 
abend vergangen, wo er zum legten: 
male über dieſe Steine gejchritten, 
um von fo Manchem Abſchied zu neh: 
men, was ihm theuer geworben. Aber 
es war fein ſchweres Abjchiednehmen 
geweien. Bor ihm lag eine Zukunft. 
Anerkennung, Reichthum, Ruhm — 
das waren Worte von gewaltigem 
Klang, und fie durchbrauften feine 


843 


Seele wie eine Jubel-Symphonie des die Klänge der Ballmufil, er glaubte 
Genießend und Lebens. Plöglih ein|an feinen Wangen noch immer ben 


gellender Mißton, der mitleidslos bie 
raufchenden Melodien zerriß: vor ihm 
ftand die Geftalt einer bleihen Frau, 
jo dunkel, fo traurig, daß bie glän- 
zenden AZufunftsgebilde wie Schatten 
verblaßten, verſchwanden. Die Bleiche 
winfte ihm zu: lebe wohl! Vorüber, 
du trauriger Schatten, vorüber! Ich 
will Leben, Ehre, Glüd — und Du 
bift das Elend! 

Warum wird der Mann jelber jo 
bleih, da er nah fünfundzwanzig 
Jahren des Vergeſſens jener Frau 
gedenkt, die er, als er damals Ab— 
ſchied nahm, mit ſeinem inneren Ge— 
ſichte vor ſich geſehen? Welch eine 
häßliche Einbildung! Die bleiche Frau 
gleicht ſeiner Walkyre, um derentwillen 
man ihn heute ſo lärmend gefeiert — 
und nun dieſe Erinnerung! Das Alles 
war ja vorbei, geweſen, vergeſſen — 
— ſchon lange vergeſſen. Die traurige 
Frauengeſtalt war aus ſeinem Leben 
verſchwunden. Er ſelbſt hatte fie mit 
ſtarker Hand herausgeriſſen; nichts 
hatte er dann übrig gelaſſen, auch 
nicht die leifefte Spur ihres Fußes 
auf feiner glänzenden Siegesbahn. Alles, 
was ihn an fie hätte mahnen fönnen, 
war ausgelöſcht und vertilgt, jede 
Erinnerung, jedes Gedenken. Selbft 
in feinen Träumen war fie nie wieder: 
gefommen, und nun - gerade heute! 

Es ift eine warme Nacht, und der 
ſpäte Spaziergänger wiſcht fich ben 
Schweiß von der Stirne. Wie gut, 
daß er jene Geſellſchaft verlafjen! 
Zange hätte er es nicht mehr aus: 
halten fönnen. Niemald war es ihm 
jo ſchwer geworben, ber König des 
Abends zu jein, nie war ihm jein 
Ruhm to läftig nefallen. Die Neben, 
die er gehört, die Neben, die er ge: 
ſprochen, die Gluth der Meine, ber 
MWeihrauh der Berehrung — fein 
Kopf war wüft. Er taumelte wie im 
Rauſche. Bor feinen Augen flimmer: 
ten noch immer die lodernden Kerzen, 
in feinen Ohren dröhnten noch immer 


heißen Athem der jchönen Frau zu 
fühlen, deren Kopf in dem dämmerungs— 
vollen Blumenzimmer einen Augenblid 
an feinem Herzen gerubt. 

Dem Manne ift zu Muthe, als 
habe er diejen Tag und diefe Nacht 
nur geträumt, und doch empfindet er 
die Wirklichkeit, wie eine Gemalt. 

Alles in jeinem Innern ift heute 
jo eigenthümlich erregt. Fantafien quälen 
ihn. Menjchen, die jchon lange begra= 
ben waren, auch für ſein Gedächtniß, 
famen heute Naht aus ihren Gräbern 
hervor und drängten fih zu ihm; 
Freunde, mit denen er einft gezecht, 
Frauen, die er einjt gefüßt, und die 
er dann verlaffen — vergefien. 

Er gebt jchneller, er läuft fait; 
aber jene Geftalten folgen, er vermag 
nicht zu entrinnen. Und allen voran 
die eine, immer die eine Das 
grauenvolle Geſpenſt der Bergangen: 
beit erjcheint ihm — — Bergangen: 
heit?! Für diefen Mann gibt e8 nur 
eine Gegenwart, hatte e8 immer nur 
eine Gegenwart gegeben — was füm- 
mert ihn Die vergangene Luft, der 
vergangene Schmerz! Seinem faufti- 
jhen Drange nah Genuß gilt nur 
der Augenblid; was hat er mit Ge— 
wejnem zu jchaffen ? 

Jetzt jchreitet er über einen Platz, 
hohe Gebäude ſchließen ihn ein und 
die Gebüihe der Anlagen; dahinter 
der „Graben“, und dann wieder hohe 
Gebäude. Mitten auf dem Platze ein 
großes Haus mit VBorhallen und Säu— 
lengängen. Der Mann fieht es, bleibt 
jtehen und drüdt die Hand vor die 
Augen. — Das Schauſpielhaus — 
ſagt er; dad Schauſpielhaus — 
murmelt er noch einmal; geht aber 
nicht fort. 

Das Stüd ift lang aus, du Träu— 
mer! Zuſchauer und Schaufpieler find 
lange gegangen, die Lampen wurden 
ausgelöſcht, der Vorhang herunterge- 
laffen und das Brautkleid der jchönen 
Königin hängt im Schrank bei Gret: 


844 


hend weißem Sterbehemdb! das Stück Vor ihm fluthet im Mondlichte der 


Geiſt ſchwebt über der Schwelle und 
dem Manne auf der Straße zudt das 
Herz, als greife eine Tobtenhand in 
fein warmes, klopfendes Leben. Die 
Erſcheinung wanft an ihm vorbei und 
fieht ihn an mit den todtgefüßten, 
traurigen Augen: ich habe dich geliebt 
und du Haft mich getödtet. Es find 
diefelben Augen, die ihn heute ſchon 
einmal angeblidt au8 dem Marmor: 
bild jeiner Walkyre. Den Mann padt 
das Grauen, er ftürzt fort. Gretchens 
Geift ift aus feinen Augen verichmwun: 
ben, aber er fühlt ihn in feiner Seele; 
und was er auch thun mag, er fann 
ihm nicht bannen. Es fpricht zu ihm 
und er muß Alles mit anhören, und 
find e8 auch füße, koſende Worte, er 
leidet Qualen dabei: 

„Wie glüdlih wir waren! Weißt 
Du noch den ftillen, heimlichen Fled 
auf der Bühne? Wie manden Abend 
ftandeft Du da. Ich konnte Dich nicht 
jehen, wenn ich fpielte, aber ich fühlte 
Deine Gegenwart, daß mir war, als 
fündett Du vor mir. Und ich ſprach 
nur zu Dir, nur zu Dir! Wie ſchön 
das war, im Spiel meiner Liebe zu 
leben! Wenn ih Dir meine Seligfeit 
zujauchzte, um Dich weinte und litt, 
um Dich verzweifelte und ſtarb. — 
ALS ich dann wirklich um Dich weinte, 
wirflih um Dich ftarb, da erlebte ich 
ja nur, was ich fo oft für Dich fpielte, 
und da war mein Sterben nicht ſchwer. 
Aus ift das Stüf und aus ift das 
Glück, und einfam lieg ich im Grabe.” — 

Die Geifterftimme in feiner Bruſt 
jagt den Mann wie der Ruf jeines 
Gewiſſens. Er fchreit auf, um das 
traurige Liebeögeflüfter zum Schweigen 
zu bringen, aber immer zärtlicher flüftert 
und ruft es fort... 

Ganz nahe bei fih hört er eine 
Nachtigall fchlagen, der Duft meißer 
Rofen ftrömt ihm entgegen; er blidt 
auf und erkennt den Ort. Die Geiiter- 
fimme in feiner Bruft trieb ihn dahin. 


ift >08 — geh’ nach Haufe, du Träu- Fluß. Die verflärte Welle hebt fich 


mer! Er geht aber nicht. Gretchens 


und ſchleudert goldige Tropfen zu den 
zitternden Zweigen der Trauerweide 
hinauf. Ein Schwan treibt auf der 
Mitte des Waſſers; ſein weißes Ge— 
fieder iſt in ſprühende Strahlen ge: 
taucht. Durch die Wipfel der Bäume 
rauſcht es geheimnißvoll. Die Nach— 
tigall fliegt fort, aus der Ferne dringt 
anderer Nachtigallenſchlag klagend und 
wehmuthsvoll an des Einſamen Ohr. 
Er will dem Ort entfliehen; aber wie 
ein Zauber umfängt's ihn. Wider— 
ſtandlos fühlt er ſich vom Fluß hin— 
weg, in die Schatten des Parks ge— 
zogen. Er ſteht vor einem kleinen 
Hauſe; das Gitterthor zum Garten iſt 
offen, er tritt ein. Der Springbrunnen 
rauſcht; er erkennt ihn, es iſt der 
mit dem Delphin ſpielende Knabe. 
Der Kies des Gartenwegs knirſcht 
unter dem Fußtritt des Mannes. Er 
geht an den Rand des Waſſerbeckens, 
um ſeine durchgeglühte Stirn mit dem 
friſchen Naß zu benetzen. Er neigt ſich 
hinab und bleibt wie gebannt, in den 
mondhellen Waſſerſpiegel unter ſich 
ſtarrend. Auf dem Grunde ſieht er 
ſein Bild, die Fluth zittert darüber 
hin, er ſieht ſich, wie in einem metalle— 
nen Spiegel und erkennt ſich kaum. 
Das war ja ſein Antlitz, wie es einſt 
vor Jahren geweſen — ein ſtolzes 
Jünglingsgeſicht, aber ſchon damals 
mit ernſten, traurigen Augen. Je 
länger der regungsloſe Mann ſein 
Spiegelbild anſieht, deſto bekannter 
wird es ihm. Die gelebten Jahre 
verſinken unter ihm in die zitternde 
Fluth und die Jugendzeit ſteigt ſchim— 
mernd aus den Waſſern zu ihm herauf. 
Ihm iſt's, als habe er den Mann 
nur geträumt, und er ſei noch der 
Jüngling von damals. 

Und wie er das denkt und ver— 
ſucht, es ſich begreiflich zu machen, 
ſchweigt die unheimliche Stimme in 
ſeiner Bruſt, und die bleiche Erſchei— 
nung Gretchens wird ein ſchönes, leben— 
diges Weib, ſtolz und lieblich zugleich. 


845 


Die geftorbene Geftalt feiner erjten 
Liebe entfteigt ihrer Gruft und win: 
det ihm glühenbe, duftende Roſen um 
die Stirn. Er athmet den Rojenduft, 
und ihm wird jo wohl und jo meh. 
— Eliſabeth! — Seine Lippen mur— 
meln den Namen, den er einit, Selig: 
feit im Herzen, mit allen Tönen der 
Liebe gejauchzt und gefeufzt. — Eli: 
ſabeth! — Er ruft e8 laut in die 
Naht hinaus, und weiß nicht, daß er 
ed gerufen. Seinen Lippen wurde 
der Name jo fremd, wie er es jeinem 
Herzen geworden. Er fährt auf, und 
wieder: — Eliſabeth! — und bei dem 
Klang dieſes Namens jteigt es vor 
ihm auf — eine Welt, herrlich und 
wunderbar — das Eden der erjten 
Liebe. Und jet empfindet er auch 
das zurüdgefehrte Leben der Jugend. 
Mie heiß fein Blut durch die Adern 
rollt! wie fein Herz pocht, feine Seele 
erbebt ! 

Er ftarrt empor und erblict fie. 
Ym Haufe ift ein Fenſter geöffnet ; 
und da fteht fie und ſieht herunter, 
lähelnd und den Kopf nah ihm 
fhüttelnd, daß die gelben Loden in 
das Gefiht fallen. Dann winkt fie 
ihm und ruft noch einmal. 

Der Mann taumelt auf. Alles ift 
jo wunderbar, aber er denkt nicht 
darüber nad) und nimmt das Wunder, 
wie ein Kind die Gefchichten ber 
MWärterin. Er ſieht Elijabeth, er 
hört ihre Stimme. Es ift alles Wirk: 
fichkeit, er lebt feine Jugend. Elifabeth 
ift nicht todt, nicht von ihrer Liebe 
zu ihm getöbtet, fie lebt! Es ift 
ihre theure Geftalt, und fie blidt zu 
ihm herab, fie lächelt und winkt ihm. 
— Ich komme! 

Er ftürzt fort; bie Thür weicht 
dem Drud feiner Hand, er jteht in 
der dunklen Flur, er tappt fich Die 
Treppe hinauf; oben öffnet fich ihm 


- 


ihre Thränen. — Wo bift Du geblie: 
ben? Ich habe auf Dich gewartet fo 
lange. 

Sie beugt ſich zu ihm nieder, und 
wieder fühlt er ihre Thränen; wie 
feurige Tropfen rinnen fie über jein 
Geficht, rinnen fie — wie wunderfam 
— in feine Bruft; er fühlt fie brennend 
im Herzen. — Ich bin bei Dir! — 

Das ift Alles, was er fagen fann, 
und er wundert fih, daß das Glüd 
dieſes Wortes ihn nicht tödtet. 

Sie hebt ıhn auf, und wie er 
vor ihr fteht, jchlingt fie ihre Arme 
um ihn und blidt ihm in's Auge. 
Er fieht fie au, bis er nicht3 mehr 
jehen fann vor Thränen. — Nicht 
weinen, mein Trauter! — 

Sie küßt ihm die Thränen aus 
den Augen fort und wie ihre Lippen 
ihn berühren, ift e8 dem Manne, als 
müſſe er aufjchreien vor unnennbarem 
Weh, und der Schmerz, den er fühlt, 
wol’ ihn erftiden. — Wie e8 um 
Deine Lippen zudt, wie traurig Dein 
Auge blift! Was it aus und Beiden 
geworden? — 

Er will ſprechen, aber er kann 
nicht, und er wendet fi weg. Sie 
geht im Zimmer umher ; er hört ihren 
leifen Schritt, und hätte Stunden jo 
jtehen können, lauſchend, wie fie an 
ihm vorübergeht, und ihre Gegenwart 
fühlend. Da tritt fie zu ihm, und legt 
ihm ihre Hand auf die Schulter. 

„Arthur.“ 

Er fährt zufammen. Wie es ihn 
überläuft, von diefer Stimme feinen 
Namen ſprechen zu hören. Das Wort 
ift lange gejprochen ; erfteht bewegung 
[08, und hört es noch immer. Diefe 
Stimme! Er kann es nicht faffen — 
und doch ift es fein Traum. 

Er fieht fie an. Wie eine Er: 
iheinung ſteht fie im Mondſchein. 


eine andere Thür, er fieht in ein! Alles an dieſer Geftalt ift licht, das 


mondhelle® Zimmer, und in dem Zim: 
mer fteht Elifabetb und breitet ihre 
Arme nad ihm aus. Er liegt zu ihren 


lange, weiße Gewand, die gelben, Teuch- 
tenden Haare, das bleihe ſtille Geſicht. 
Arthur faßt fie, preßt fie an jeine 


Füßen und fühlt auf feiner Stirne | Bruft und fühlt den Schlag ihres 


846 


Herzens. Es ift Wirflichfeit — er hält 
Leben im Arm. 

Das blaffe Weib entwindet fich ihm 
und lächelt ihn an, 

„Sieht du nicht, wie ih geſchmückt 
bin ?” 

Er braudt lange, bis er fich be 
finnt, was fie meint. Doch dann er: 
fennt er es wieder, fie trägt das Kleid, 
worin er die Geliebte ala Walfyre ge: 
meißelt, al3 jene Walfyre, bie ihn be- 
rühmt gemadt, um bderentwillen fie 
ihn heute gefeiert. Es durchſchauert 
ihn, wie er in der Geliebten fein 
Marmorbild vor fich ftehen fieht, ganz 
diefelbe Geflalt, ganz dasſelbe ftolze 
und doch jo grethenhafte Geficht, und 
auch eben jo bleih mie der Marmor. 

Er ftarrt fie no immer an, ba 
faßt fie feine Hand und führt ihn zu 
dem Divan in der Ede des Zimmers; 
da drückt fie ihn in die Polſter hinein, 
und fauert fich zu feinen Füßen hin, 
wie fie fonft immer gethan. 

Arthur Schaut ſich zum erftenmal 
um; und wieder verwirten fich feine 
Gedanken, und er kann's nicht begreifen ; 
e3 iftalleseben fo, wie es damals ge: 
weſen: die Polfter und Teppiche, bie 
Marmorbüften und Vaſen. Diejelben 
grauen, verwelkten Lorbeerkränze hän- 
gen um das Gypsbild, das er felbit 
von der Geliebten modellirte. Auf dem 
Tiſche liegt ein glänzendes Atlasfleid 
und die Guitarre mit dem vergilbten 
Seidenbande, auf der er fo mandhen 
Abend der jchönen geliebten Frau trau: 
tige oder glüdjelige Weifen gefpielt, 
zu denen er ihr feine Lieder gefungen. 
Tauſend Tändeleien und Andenken er: 
fennt er, die fie alle aus feinen Hän- 
ben empfangen, die alle an ihn und 
feine Liebe erinnern: Bilder und 
Skizzen, alle von feiner Hand, alle, 
das Bild der Geliebten auf Leinwand 
und Papier, in Gyps und in Marmor; 
ihr Fuß, ihe Arm, ihre reizende 
Schulter. Ueber dem Schreibtiich hängt 
ein Gemälde von ihm, friiche Blumen 
ſchmücken es, ein Flor, ver darüber: 
gehangen, ift heruntergerifjen. 


Mas für eine Geihhichte erzählen 
ihm diefe leblofen Dinge, eine Geſchichte 
von leidenfchaftlicher Liebe, von trun: 
fenem Glüd, und dann — — 

Der Mann auf dem Divan will 
benfen, wie das Alles gekommen ift, 
wie das, was er jegt erlebt, möglich 
it, doch er vermag nicht zu denken. 
Diefe Dumpfheit in ihm! Zeit — 
Leben — er verjteht es nicht. Sein 
Geiſt verfinft in auf: und niederfteigende 
Nebel; faum daß er noch das Dajein 
empfindet. Er athmet jo leicht, er 
glaubt die Freiheit des Stofflofen zu 
fühlen; er fieht auf die theure Frau 
zu jeinen Füßen, und erft jetzt begreift 
er, was Glüd ift. 

„Biſt Du nicht todt ? Hab’ ich Dich 
nicht verlaffen, nicht vergeffen? nicht 
Deine Seele getöbtet ?“ 

„Du fiehft ja, ich lebe.“ 

„Und ich glaubte, einfam ſeiſt Du 
geftorben, in Gram, in Verzweiflung. 
Ich liebte Dich, aber e3 riß mich von 
Dir fort, e8 ftieß mich gewaltfam hin- 
weg. Weißt Du, was Ehrgeiz ift, und 
fennft Du die Gier nah Ehre 
und Ruhm? Teufel find es, Dämonen ! 
Mie das lodt und winkt! Ehre — 
Ruhm — und wir ftürmen bahin. 
Mas uns in den Weg tritt, ftoßen 
wir fort, und jchleudern wir von ung. 

Wenn unſer Fuß auch darüber 
binmegjchreitet, wenn es unter unjerm 
Fußtritt auch ftirbt. Hurrah! Huſſah! 
die wilde Jagd nach dem Ruhm. Wir 
beten das Wild, und bald bricht 
der bleihe Schüge auf der Beute 
zuſammen! 

Eliſabeth ſchmiegt ſich an ſeine 
Kniee, ſieht zu ihm auf und flüſtert 
ſeinen Namen. 

Er reißt ſie vom Boden auf, und 
ſtürzt vor ihr nieder. — Vergib mir! 

Es gellt ein Schrei durch das 
Zimmer, dann bleibt's lange ſtill. 
Endlih wieder leiſe flüfternde Stim— 
men. 

Frauenliebe ift unfterblih. Sie 
wird getödtet und begraben und fteigt 


847 


aus ihrem Grabe empor. Mein Freund, 
bald dämmert der Morgen. 

Du ſchickſt mich fort? laß mich 
bleiben, Elifabeth ! 

Sie küßt ihn und jagt ihm dann 
wieder: „Geh' fort! geh’ fort!” 

„Richt ohne Dich!“ 

„So komm.“ 

Gie gehen aus dem Zimmer und 
verlaffen zufammen das Haus. Noch 
ift e8 Nacht, noch fcheint der Mond, 
aber matt und bleib, und die 
Nahtigallen find in den Roſen-Ge— 
büſchen verftummt. Sm Dften am 
Himmel röthet es ſich. 

„Wohin gehen wir?” 

Eliſabeth anmortet nit. Sie ift 
noch bleicher geworben. Kalt und ſchwer 
liegt ihr Arm in dem feinen. Sie 
gehen duch die Wege des Parks und 
Arthur fragt nicht mehr nad dem 
Biele. Beide willen, wohin. 

Sie find angelommen. Bor ihnen 
im Dunfel des Eichenwaldes erhebt 
fih da8 Denkmal: die Walkyre und 
der junge, cefallene Held. Palmen: 
zweige und Blumen liegen = den 
Stufen und umminden den Sodel; 
das Haupt der Walfüre ift mit friſchem 
Lorbeer befränzt. 


Elifabeth deutet auf das Werk des 
Geliebten : 

„Deine Walkyre trägt den Lorbeer: 
franz! Warum bift Du fo traurig, 
mein Freund?“ 

„Mein Zorbeer blüht, indeß Deine 
Myrthe verwelkte. Elijabeth, ich bin 
ein elender Mann !* 

Frauenliebe ift unfterblid! — — 


— — — — — — — — — — 


Der Mond verblaßt, die Schatten 
verſchwinden und der Tag bricht an. 
Eine Lerche jubelt zum Morgenhimmel 
empor, und der Schläfer auf den 
Stufen des Siegesdenkmals erwacht. 
Der erſte Strahl der Sonne ftrömt 
aus der glühenden Wolfe und fällt 
leuchtend auf das Haupt der Walfyre 
und verwandelt den Lorbeerfrang in 
eine firahlende Krone. 

„Eliſabeth!“ jchreit der Mann 
auf, aber feine Stimme gibt Antwort: 
bier bin ih. — „Alles nur Traum!” 

Arthur finkt auf die Stufen zurüd. 
„Du bift tobt!” 

„Frauenliebe ift unfterb 
lich,” hallt es wie dad Echo einer 
fernen Stimme durch feine Seele, und 
ber ftarfe Mann weint. 


848 


Aus dem Zella:Thal. 


Bon Ant. v. Raufdenfels. 


Bon namhaften Färtnerifchen Ges ſcharf ſich von einander abfondern, wie 


wäflern ift es nur der einzige Fellafluß, 


der feinen Lauf über die Grenze Sta: 


liend nimmt, wo er bei Amaro feine, 


grünlichen Fluthen mit benen des 
Tagliamento vermiſcht, der unmeit 
Ratifana in die blaue Adria mündet. 
Die Fella bildet fih Hinter Saifnitz, 
wo mehrere fleine Wafferadern von 
ben ſonn- und fchattenjeitigen Berg: 
lehnen fi loslöſen und zu einem 
Heinen Bächlein vereinigen. Aber ſchon 
vor Uggowitz, woſelbſt fie zwei wafler: 
reihe Bäche, die Uggwa, von ber 
Uggowiger Alpe kommend, und ein 
größeres Gewäſſer, das durch dunkle 
Erlenauen aus dem wildſchönen Sei- 
tenthal von Wolfsbah murmelnd ein: 
herrinnt, in ſich aufnimmt, wird ſie zu 
einem lärmenden Flüßchen. Es treibt 
bereits in Malborghett unterſchiedliche 
Waſſerwerke oder vielmehr hat ſie 
getrieben, denn die dortigen Eiſen— 
hämmer find gleich anderen in Ober: 
färnten längft eingegangen und deren 
Waſſerräder, injomweit fie nicht bereits 
auf Küchenherben oder in Stubenöfen 
fih in Ajche verwandelt haben, mor— 
chen trübfelig dahin in den verſandeten 
Gerinnen. In Bontafel erhält die Fella 
einen raujchenden Zufluß durch bie 
PBontebbana, die an den Hängen des 
Maldatſch entjpringt und im Stuvena- 
Graben nahezu drei Stunden weit 
die Grenze zwischen Kärnten und Friaul 
bildet. Ueber diefen Grenzbach, nicht 
über die Fella führt die befamute 
Brüde, welche Deutjchpontafel (Bon: 
tebba Ymperiale jagen die Italiener) 
mit Pontebba Beneta verbindet und 
an ber die beiden Völkerfchaften, hüben 
Deutſche und drüben Staliener, fo 





nirgend anderswo auf der langen Bo: 
genlinie der Alpen, vom Gottharb bis 
zum abriatiihen Meere. In Pontafel 
wendet fih das Fellathal faft unter 
einem rechten Winkel von feiner bis: 
herigen weſtlichen Richtung gegen Süben; 
die Vegetation ändert fih wie mit 
einem Zauberfchlag, Fichten und Tan- 
nen find verfchwunden, bie teilen Leh— 
nen, wo das Geſenke es geftattet, mit 
Zaubholz umfleidet, ſchöne Nuß-, Pfir: 
fih: und Maulbeerbäume umfäumen 
die ſchmalen Maisäder und ftehen 
wohl aud mitten barinnen, man 
merkt es insbefondere auh an ben 
malfiven, mit Hohlziegeln gebedten 
Häufern, daß man nicht mehr in 
Kärnten ift, ſondern das Land betre: 
ten hat: 
. „che l’Appennin pärte 

Ed il mar circonda e l’Alpe. 

Das Fellathal (il canale del ferro) 
wird in neuerer Zeit viel genannt, 
weil dur dasjelbe binnen Kurzem 
die Pontebbabahn als drittes Verbin: 
dungsglied zwiſchen dem italienischen 
und öſterreichiſchen Eifenbahnneg, an: 
Ichliegend an die Rudolfbahn in Tarvis, 
in's Leben trete fol und doch huben 
fich unfere Zeitungen noch immer nicht 
angewöhnen können, Pontebba richtig 
mit doppeltem b zu jchreiben, fonbern 
druden hartnädig Ponteba, was um 
jo mehr Wunder nimmt, als gerade 
die Deutſchen es find, die jedesmal, 
wenn ein Staliener oder Franzoſe fich 
in folcher Beziehung verjündigt, am 
meiften die Naſe rümpfen. Das Fella: 
thal ift eigentlich fein Thal, fondern 
von Pontebba bis Chiufaforte eine 
langgedehnte romantische Felfenfchlucht, 


849 


bie nur jo breit ift, um dem toſenden 
Fluß und der Heeresftraße Raum zu 
gewähren. Erft bei Nefiutta geht der 
ſchluchtartige Charakter diefer Defileen 
in thalartige8 Gelände über und bei 
Piani di Portis, wo die Fella ihre 
Gewäfler an den Tagliamento abgibt, 
erreicht die Thalſohle eine Breite von 
anderthalb Kilometern. Himmelhohe 
Felswände, meiftens fahl, nur hie und 
da mit einer mageren Bergmwieje oder 
mit einem jchmalen Waldjchöpfchen 
ausgeftattet, nur felten von einer Sei- 
tenſchlucht unterbrochen, aus der ein 
Bächlein von Klippe zu Klippe fällt 
und über abgerollte Steinblöde jchäu- 
mend ber Fella zueilt, begleiten ben 
Wanderer, der an dem ftarfen Gefälle 
des Fluffes und der Straße leicht 
merken kann, daß es raſch abwärts 
geht zur oberitalienifchen Ebene. An 
vier Punkten münden Seitengräben in 
das Thal der Fella, nämlich bei Dogna, 
ein fchmaler unbemwohnter Felfenfpalt, 
durh welchen man auf die Almen 
des Montaccio fteigt, und darüber 
hinaus nad) Wolfsbah hinab gelangt. 
In Ehiufaforte der NRacolana-Graben 
mit verfchiedenen Häuferbüfcheln befegt, 
darunter das Dörfhen Sta. Maria 
del Saletto mit einer fchönen neuen 
Kirche. 

Ein vielbetretener Fußpfad führt 
durch diefen Graben auf die Tarvifer 
Alpe und von da hinunter zum Raibler 
Eee. In Refiutta mündet das interefjante 
Hochthal der Nefia, das von Slaven 
bewohnt wird. Von der Refia aus be: 
fuht man am bequemften die Monte: 
Canino-Gruppe mit ihrem merfwür: 
digen Gletſcher, und mag dann ben 
Abftieg nah Flitſch hinab nehmen. 
Enblih kurz vor der Mündung ber 
Fella in den Tagliamento thut fich 
das Thal von Aupa gerade nad) Nor: 
den auf und der Eingang dieſes Tha— 


ort des Thales in politifcher Bezie— 
hung ift Moggio, ſonſt aber find Chiu- 
faforte und Nefiutta ziemlich anfehn- 
liche Fleden, bejonders erfteres, das 
aus verjchiedenen, an die jonnfeitige 
Berglehne malerifh bingebauten Häu— 
fergruppen befteht, hat eine reizenbe 
Lage. Von einer Cultur in der Thal: 
fläche ift aud) von Ehiufaforte abwärts 
feine Rede, biejelbe weift durchwegs 
ein ſteriles Schotterbett, welches für 
gewöhnlich die grüne Fella, in mehrere 
Arme gefpalten, durchzieht, bei Hoch— 
wafler aber ift die ganze Thaljohle 
ein drapfärbiger See, der von einer 
Bergwand zur anderen reicht. Nur 
bei den vorgenannten Ortfchaften wur— 
den der Schotter-Wüftenei etliche hun— 
dert Hefture Grund mühſam abgerun: 
gen und auf dieſem, jomie auf den 
Lehnen, die hie und da etwas fanfter 
abfallen, entwidelt fih üppiges Pflan- 
zenleben, faft in fo geilem Schwunge, 
wie draußen in den Niederungen au 
der Piave oder Brenta. Die Rebe 
ranft an der Bappel empor und jpinnt 
fih als Guirlande von Bush zu 
Bud, die wälſche Nuß, die Kaſtanie, 
der Maulbeer:, Pfirfih: und Feigen: 
baum merfen ihre Schatten auf vier: 
mähdigen Wiefengrund oder auf gelbe 
Maisfelder und dieſe farbenprädhtige, 
lachende Vegetation jteht im wunder: 
baren Gontrafte mit dem jchneemweißen 
Kies im Flußbette und mit den ernften 
grauen Felswänden, die ringsum gleich 
viefigen Feſtungsmauern dieſe Kleine 
Melt gefangen halten. Es ijt ein 
armes Boll, das da im Fellathale 
hauft, der karge Boden vermag es 
nicht zu nähren, aber es find regſame, 
arbeitsluftige und findige Leute, bie 
ſich zu helfen wiſſen. 

Die Mannsleute wandern während 
der guten Jahreszeit aus, ald Mau: 
rer, Steinmetze, Ziegelichläger, Holz: 


les, den die uralte Abtei Moggio auf|arbeiter, Köhler u. ſ. w., zunächſt 
einem rebenbefränzten Hügel bominirt, !gerne nad Kärnten, wo fie ob ihres 
bietet eine fo malerische Felsfcenerie | Fleißes und ihrer Genügſamkeit un: 
wie fie in den friaulifchen Alpen fein | ſchwer Verwendung finden, ja fogar 
zweites Mal wieberfehrt. Der Haupt: | den einheimifchen Arbeitern eine bebenf- 


Bofeggers „Heimgarten‘“ IL. Heft. 


54 


850 


liche Concurrenz machen. Jeder eriparte 
Gulden wird getreulih nad Hauſe 
geihidt, wo Weib und Kind und bie 
bejahrten Großeltern dem beichränften 
Heimmejen ſorgſam vorftehen. Im 
Spätherbfte fehren fie an den väter: 
lihen Herd zurüf und dann lebt die 
ganze Familie den Winter über von 
den gemadten Erjparniffen, von dem 
wenigen erbauten Kufuruß und etlichen 
erzielten Ziegenfäfen. Lange war man 
der Anficht, und man kann es heute 
noch in den Büchern lejen, die Sprache, 
weldhe in ber Provinz Friaul, alſo 
auch im Fellathale gefprochen wird, jei 
ein Gemiſch von italienischen, ſlaviſchen 
und deutſchen Worten, aber nichts 
fann untichtiger fein; die friaulifche 
Sprade ift eines jener ladiniſchen 
Idiome, die von der Adria bis zum 
Meerbufen von Biscaya in verichiebe- 
nen Dialeften in Tirol, Wallis, Grau: 
bünbten, Sübfranfreih und Spanien 
geſprochen werben. Es find romanifche 
Dialekte mit nur geringer Beimifhung 
fremder Worte, das Friauliſche ift 
einer der ausgebilbetiten und eigen: 
thümlichjten darunter. Manche Phra— 
jen lauten ganz Tateinifch, 3. B.: tu 
stas in tantis miseriis, wie benn 
überhaupt das Friaulifche ſchneidiger 
Hingt als das Stalienifche und fich 
für den Geſang weniger eignet als 
dieſes. 

Gegenwärtig iſt das Fellathal von 
Chiuſaforte bis Gemona ungemein 
belebt durch Tauſende von Arbeitern, 
die beim Baue der ſogenannten Pon— 
tebbabahn beſchäftigt ſind. Stunden— 
lang fährt man längs koloſſalen Skarp— 
mauern, Terraineinjchnitten, Felsjpren: 
gungen und Qunnelbauten bin, bie 
Straße ijt häufig verrammelt oder 
wenigſtens beengt, durch abgefprengte 
Felsjtüde, Quaderſteine und aufge: 
Ihichtete Ziegelmaffen; alle möglichen 
Geſpanne fahren ab und zu mit ben 
verjchiedenen Baumaterialien, und daß 
es bei alledem jehr laut hergeht, ma. 
man ſich bei der Lebhaftigfeit des 
italienischen Arbeiters denken, die Com: 


manborufe ber Partieführer, das a-ho, 
o-he der Steinwälzer, die Bohrjchläge 
der Mineure, der jchallende Aufichlag 
der Nammbären auf die Biloten, 
der unterirdifche Donner der Spreng- 
Ihüffe in den Tunnels und das Ge- 
frahe der Minen am Tage geben 
zufammen einen Höllenlärm, der fi) 
manchmal bis zur Höhe eine® Wag— 
ner'ſchen Opernfinales fteigert. Der 
Gentralpunft diefer Ameijenthätigfeit 
ift in Ponte di Moggio, eine kleine 
Häufergruppe an der Stelle, wo eine 
hölzerne Brüde über die Fella nad 
Moggio führt. Es war gerade am 
Vorabende Quindicina (vierzehntägiger 
Zahltag), als ich dort anlangte. Auf 
der engen Straße — einerjeitz jtehen die 
paar Häufer, in melden die Bau: 
unternehmung ihr Hauptquartier auf: 
geichlagen hat, an die rüdwärtigen 
Felſen gelehnt, anderjeits fällt eine 
Stützmauer ſenkrecht in’3 Flußbett ab,— 
berrjchte ein Gedränge wie auf einem 
Jahrmarkte. Arbeiter mit Grubenlam: 
pen, Pideln und Steinbohrern umla— 
gerten das Fenſter eines Bureau’s, in 
welchem abgerechnet wurde. Maulthier: 
treiber, Fuhrfnechte und Frächter wur: 
den auf der Straße ausbezahlt. Wei: 
ber und Kinder fanden in Gruppen 
zur Seite und harrten de3 Ernährers, 
der feinen PVerdienft, faum behoben, 
in Mehl, Käfe und zwanzig anderen 
Dingen anzulegen mehrfache Gelegen- 
beit fand. Da find nämlich die ſoge— 
nannten Magazine, wo dem Arbeiter 
das Fell über die Ohren gezogen wird, 
improvifirte Schenfen mit „Birra di 
Graz“, „Vino nostrano* „aquavita“, 
Käfe, Salami, kurz mit Allem verjehen, 
wad dem Arbeiter miünjchenswerth 
ericheinen mag und womit er für baar 
oder auch auf Credit gegen gewiſſe 
Procente bedient wird. Schneider haben 
fertige Anzüge ausgelegt, Krämer ver: 
faufen Wäſche, Kotzen, Jacken und 
Nürnberger Waaren. Schuhmacher bie: 
ten ihre Erzeugniffe aus, die aber bei 
weitem nicht jo geſucht find, wie jene 
ihrer Gollegen in Holz, welche bie 


— 


geſchnitzten dalminis (Holzſchuhe), die 
der friauliſche Arbeiter trägt, maſſen— 
weiſe abſetzen. Dazwiſchen drängen ſich 


und Pfirſichen, Buben und Mädchen, | 
die mit ſchriller Stimme Tabak und 
Cigarren anpreifen, auch ein Cafe 
fehlt nicht,. in welchem die fupferne 
Kanne mit dem orientalifhen Trank 
unaufhörlih die Runde macht und 
zweifelhafte liquori verdächtige Gerüche 
ausftrömen. 

Ueber all’ das aber breitet fich 


ein Fleck wolkenloſen Firmamentes, 
gegen Weiten goldig verbrämt von der 








untergehenden Sonne, welche bie fahlen 
Spigen und Zinnen der ringsum ragen: 
den Dolomite erglühen madt, wie 
jchmelzendes Eiſen. Und unten fließt 
die grüne Fella, der ungeftüme Alpen: 
fluß, geräuſchlos dahin. Er hat die 
Dppofition der Felstrümmer, bie ihm 
den Weg verlegen wollten, gebrochen, 
die Gewalt feiner Fluthen zerjchellte 
einen Blod an dem andern und zer: 
trieb das miberhaarige Geftein in ge: 
jchmeidigen Kies, mit dem er jein 
Bett belegte und nun in fanftem Fall 
darin weiter gleitet. Vom Thurme 
der Abtei am jenjeitigen Ufer klingen 
die Veſperglocken herüber, aber Nie: 
mand folgt ihrem Rufe, Arbeit und 
Erwerb iſt hier die Loſung, die Er: 
hebung des Geiftes zu Gott ift ver: 
tagt auf künftige brodloſe Zeiten; 
jelbft der Werfelmann, der mitten in 
dem milden Trubel Donizetti’s ſüßeſte 
Melodien mit wohlangepaßter Trompe: 
tenbegleitung erichallen läßt, findet 
nur geringen Anklang, jchier umjonft | 
flötet feine Orgel: 


| Verranno a te sull’ aura — tra-tra 
I 


miei sospiri ardenti — tra-tra 
Udrai nel mar che mormora — tra-tra 


'L’eco de’ miei lamenti — tra-tra-traaa. 


Obftverfäufer mit Trauben, Pflaumen | 


Niemand gibt einen Gentejimo, 
man vertröjtet ihn auf morgen, als 
auf den Sonntag, wo er „al becco 
turchino“, d. i. beim „blauen Bock“ 
in Refiutta zum Tanz aufjpielen wird. 
— Ad, wie lange noch und Al’ da 
raſch pulfirende Leben wird vergehen, 
wie die in’! Waſſer getauchte Fackel 
verlifcht ; die jchnaubende Locomotive 
bringt andere Menſchen; der Fremde, 
der diefen Alpenpaß paffirt, wird vom 
Waggon aus die großartige Natur 
der riefigen Kalkiteinriffe und Dolo: 
mitobelisfe bewundern und ftaunen über 
das menschliche Genie, welches durch 
all’ dieſe Hinderniffe die Bahn zu 
brechen wußte für die völferverbindenden 
Scienenftränge; aber faum wird Se: 
mand je eine richtige Ahnung haben, 
welche koloſſale Summe menjdlicher 
Arbeit aufgewendet werden mußte, um 
diefe Bauten zu errichten, wie alle 
Leidenschaften, vom ebeljten Ehrgeize 
bis zur gemeinjten Habſucht, mitge: 
wirft haben, um das hehre Werk zu 
Ihaffen, welche Bäche menjchlichen 
Schweißes diejes Gejtein netzten, welche 
Flüche die Luft bdurchzitterten beim 
Miplingen und dann wieder welch’ 
freudig Jauchzen das Echo wachrief 
in Momenten des Gelingens, — wie 
viele Hoffnungen hier vernichtet, wie 
viele Lebenskraft gebrochen, wie viele 
Thränen vergoſſen wurden — — ja 
daran denkt in künftigen Zeiten Nie— 
mand mehr; — eine ſehr intereſſante 
Bahn, dieſe Pontebbabahn, wird man 
jagen und damit hollah! 


b4* 


852 


Auffee das Herrlide. 


Eine touriftifche Plauderei von P. A. Roſegger. 


Die Rudolfsbahn ift und bleibt 
Meifter. Sie gab der Welt das Ge 
fäufe und die großartigen Naturfchön: 
heiten an der Gail und an der Save. 
Aber die Elifabethweftbahn jagte: „Ich 
biete ben Touriften Salzburg, wo die 
hohen Berge, und Tirol, wo bie 
hohen Kirhthürme ſtehen“ — und 
baute bie Gifelabahn. Hierauf ant- 
wortete die Rudolfsbahn: „Werthe 
Nachbarin, das ift wohlgethan, aber 
das Allerfhönfte verfehlft du doch. 


briht, wird ihm wohl beizulommen 
fein,” meinte die Rudolfsbahn. 
„Durch den Stein wilft Du?“ 
lachte die Weftbahn, „mit dem Kopf 
dur die Wand mwillt Du! Und an 
bie furchtbaren Waffer denkſt Du nicht, 
die von den Wänden bes Grimming 
und des Kamm nieberftürzen in bie 
Schlucht der Salza, daß es brauft und 
kracht und man feinen eigenen Pfiff 
nicht mehr hört. Nachbarin, die Strede 
durch den Stein ift fein Meg für 


Bitte, lang’ mir den Spaten, ich grabe | unfereinen.“ 


den Weg nach Auſſee, Hallſtadt, Iſchl, 
nach Ebenjee und dem Wolfgangsfee.“ 
Da lachte die Weſtbahn und rief: 
„Schau einmal den Grimming an. 
Der liegt da, wie ein lauernder Drache, 
ee läßt feine Zocomotive ins Auſſeer— 
thal.“ 
„Ich bin mit den Ennsthalerbergen 
fertig geworden”, fagte die Rudolfs— 
bahn, „und ich habe die Ketten des 
Mangert und des Triglau zerjprengt, ich 
nehm's mit dem Grimming auch auf.“ 

„Frag' einmal bei der Bevölkerung 
der Gegend an“, fagte die Weftbahn, 
„ob der Grimming nicht der wildeſte 
und höchſte Berg des Landes ift, der 
mons altissimus !” 

„Wer Berge nur mit den Augen 
mißt, dem mag e8 jo fcheinen; in 
Wahrheit ift der Grimming nicht höher 
als 7425 Fuß.” 

„So viel, wie 2346°3 Meter, ver: 
befjerte bie altfiuge Weſtbahn, „gebe 
es zu, aber jhau, Nachbarin, wie er 
feine fünfzehn Zähne fletſcht und wie 
er jedes Jahr feine Felsblöde nieder: 
fpeit ind Thal.” 

„Bon hinterwärts, wo aus bem 
Mitterndorferthal die Salza heraus: 


„Gut, jo werde ich bei Steinach, 
dem Grimming vor dem Rachen, vor- 
überfahren“, jagte die tolltühne Rubolfg: 
ba 


n. 

„So,“ bemerkte die andere ſpöttiſch, 
„alſo dort, wo wie von einem Kirchen— 
dache, ganze Schneefelber niederftürzen 
und erft im vorigen Frühjahre eine 
ungeheure Schneelamwine einen ganzen 
Wald niedergerannt, und ein Menfchen: 
leben vernichtet und Roß und Wagen 
erſchlagen hat — dort millft bu hin: 
über, dem Grimming-Ungeheuer zum 
Trotz?“ 

„Wohl, dieſem Ungeheuer werden 
wir einen eiſernen Ring durch die 
Naſe ziehen“ — antwortete die Ru— 
dolfsbahn und bohrte den Tunnel bei 
Pürg, und ſprengte die Felſen entlang 
des rauſchenden Grimmingbaches, und 
wohlerhalten iſt ſie drüben im Hoch— 
thale von Mitterndorf. Auf dem Höhe— 
punkt ihres Weges, wo man zwiſchen 
dem ungeheuren ſenkrechten Gewände 
des Grimming und den Felsſtürzen 
von Pürg zurückſieht ins Thal der 
Enns, und wo man gegen Weſten das 
blauende Kammergebirg bis zum Kop— 
pen bei Auſſee ſieht — im Dörfchen 


853 


Klachau Hält fie erfte Raft. Dann zieht | feine ftaubige oder lehmige Fußbeflei- 


fie die Linie über das Hodthal. Ein 
wunberliches Hochthal — fo ſchön und 
fo öbe. 

In weiter Runde ift e8 eingebürgt. 
Im Norden ftehen die Vorwände bes 
tobten Gebirge, wo der Sage nad) 
der wilde Jäger noch haufen joll, der 
heute aber wahrſcheinlich durch den 
Wildſchützen erfegt wird. Im Weiten 
und Süden ruht das mwaldreiche Kam: 
mergebirge mit feinen fteinigen Hoch: 
feldern, die fich bis an die Gletjcher 
des Dachſtein ziehen. 

Gegen Dften nun ragt der Grim— 
ming, welcher von hier aus gejehen 
die Geftalt eine® auf feinen Hinter: 
füßen figenden ungeheuren Löwen hat. 
Er hängt mit feinem andern Berg zu: 
jammen, noch allen Seiten fallen feine 
furchtbaren Wände in enge Schluchten, 
in’3 tiefe Thal. Auf feinem Haupte 
liegt ewiger Schnee, zu feinen Füßen 
wüthen die gijchtenden Wellen des 
Grimmingbacdhes und der Salza. So 
it der Grimming ber impofantefte 
Berg des Lanbes. 

Das Hochthal von Mitterndorf 
hätte gute Luft, ein großer See zu 
fein — überall Wafler und Sumpf- 
boden, grüne Wiefen mit ſaurem 
Gras; viele Heuhütten, wenig Aecker 
und Obftbäume. Die Dörfer mit ihren 
weißen Wänden und jchimmernden 
Schindeldächern ftehen faft ohne Baum 
und Straud. Aber die Häufer, wovon 
bie meiften einen Stod hoch find, ftet3 
mit zierlicher aufrechtftehender Latten⸗ 
verjhallung und grünen Fenfterbalfen 
verfehen, machen den Einbrud der 
Mohlhabenheit. Auf mandem Haufe 
ragt nach ſalzburgiſcher Sitte ſchon das 
Glockenthürmchen; bie Glode dient zum 
Mahlzeitläuten, aber noch mehr zum 
Nothzeichen, wenn die Hilfe der Nach: 
barjchaft erheifcht wird. Im „Innern 
ber Häufer herrſcht eine faft hollän— 
diſche Neinlichkeit ; an manchen Haus: 
thüren findet man fogar Holz: oder 


bung gegen fie zu vertaufchen. 

In Mitterndorf hält die Eifenbahn 
ihre zweite Station; der Tourift findet 
e3 aber völlig überflüflig, feinen com: 
fortablen grüngepolfterten Salonwagen 
auf einige Minuten zu verlaffen, denn 
er ift mitten in feinen feinen Glas— 
mwänden, bie noch obendrein nieberzu= 
ſchieben find, wie im Freien. Das viele 
Eifenbahnfahren ift in der Regel fein 
angenehm Ding, aber die Einrichtungen 
unferer ſchönſten Alpenbahn bemeijen, 
daß recht gut ein Vergnügen daraus 
gemacht werben Fann. 

Die nächſte Station ift Kanifch. 
Hinter derfelben engt fih das Thal; 
zwifhen Waldlehnen an einem leb— 
haften Bache gehts Iuftig hinab zu ben 
Ufern der Traun, wo in der Mufchel- 
frone feiner Felfen, im lange feiner 
Seen bie Perle von Steiermark ruht 
— das herrliche Auffee. 

Bon der Sann her über’3 ganze 
Land hat die Natur reihe Gaben ge: 
ftreut, aber hier an ber Grenze hat fie 
Alles was fie an Großartigem beſaß, 
auf Einem Fled ausgeichüttet. Auffee, 
die Wiege der grünen Traun, in beren 
tiefen Seen bie Gletjcher des Dachſtein 
fih ſpiegeln. — 

Das Auſſeerthal iſt klein, ja es 
iſt eigentlich gar kein Thal, es beſteht 
aus ſanften, zumeiſt mit grünen Matten, 
theilweiſe mit Nadelwald bedeckten 
Höhungen und engen Schluchten, in 
denen überall Hattlihe Wäſſer rauſchen. 
An den Ufern raſſeln Holzſägen, 
klappern Mühlen, kocht, aus den Fels— 
bergen geſchwemmt, das köſtlichſte Ge— 
würze unſeres Brotes, der Weisheit 
und der Ehe Symbol, das heilige 
Salz. Und wo ber Wald die Ufer 
bejchattet, fteht wohl der Fiſcher und 
ladet mit einer Schnur an der Stange 
die rothbefternten Forellen ein, einmal 
ein wenig in bie trodene Quft heraus: 
zufommen. 

Mitten in der Gegend ftehen ein 


Strohſchuhe, die den Eintretenden, und | paar bemwalbete Bergpyramiden, bie 
wäre e3 auch ein Fremder, einladen, |leicht zu befteigen find und eine herr⸗ 


854 


liche Ausfiht bieten. Diele Gegend 
nun ift von hohen Felswänden und 
Bergriefen umgeben, zwiſchen welchen 
nur wenige Päfle ins Weite führen. 
Zwiſchen den Hochmafjen des Sarftein 
und des Koppen ſchimmern die Schnee: 
felder des Dachſtein hernieder. Tief 
zu den Füßen der vom todten Gebirge 
vorjpringenden Türfenfuppe, weißen 
Mand, Triffelmand, des Sandling und 
des Lofer liegen die drei Seen, wovon 
der Grundelſee der größte, der Altau: 
jeerfee der ſchönſte und der Tuplitzſee 
der intereſſanteſte ift. 

Der Grundelfee hat einen Waifer: 
jpiegel von 736 Hoch und enthält 
föftliche Salblinge, Forellen und Nuten. 
Er ift der Toilettenſpiegel prächtiger 
Sommerhäujer, die an feinen Ufern 
jtehen. Die gefhmadvollen Pillen 
des Grafen Meran und des Eblen von 
Nebenburg gefallen ung wohl am beften. 

Der Altaufeerjee ift nach drei Seiten 
von ſchroffem Gewände eingejchloffen ; 
er mißt 372 Joch. Aus ihm werben 
jährlich gegen 2000 Salblinge und bei 
10 Centner Forellen gehoben, welche 
fih theilmweife die Badegäjte und Tou— 
riſten ſchmecken laffen, theilweiſe ver: 
ſendet werden. An der freien Seite 
des Sees liegt maleriſch hingeſtreut 
das Dorf Altauſſee, mit feinen zahl: 
reihen Herrenhäuſern — eines freund- 
liher, als das andere — ber aller: 
Ihönfte Punkt unferes jchönen Lan— 
des, an welchem des Morgens zwei 
Sonnen glänzen, die von Oſten auf: 
fteigende und das Eisfeld am Dad): 
ftein. Dort zu hinterſt im Ge 
birge ragt der Gletjcherberg mit feinen 
grauen Thürmen, 

Er jcheint — um und niedrig im 
Thale Stehende nicht zu beſchämen 
— auch beſcheiden niedergebudt ; aber, 
je höher wir emporfteigen an bem 
Lofer, defto mafjiger wächſt er hervor 
aus dem Bebirge, und endlich fteht er 
als troßiger Zwinger ba über dem 
ganzen weiten Rund, und fein ijt bie 
Herrlichkeit in Steiermark, Oberöfter: 
reih und Salzburg. 


| 


Der kleinere Tupligfee liegt büfter 
zwifchen Wald und bräuenden Wänden. 
Ar feinem Ufer fteht ein Denkftein 
mit der Jahreszahl 1811. Hier hat 
unfer Erzherzog Johann feine Liebliche 
Anna von Auſſee das erftemal gejehen. 
Er kehrte von einer Jagd zurüd ; bie 
Auffeer bereiteten dem hohen Gaft ei— 
nen feftlichen Empfang und mit weiß: 
gekleideten Kranzjungfrauen famen fie 
ihm bis zum Tupligjee entgegen. Der 
Prinz nahte; die Mädchen überreichten 
ihm Blumen; eines aber jtand abſeits 
und getraute fih nicht vor zum hoben 
Herr. Dem Erzherzog fiel das auf, 
er trat zu der Schüchternen hin, faßte 
fie an der Hand und fragte lächelnd, 
wie fie heiße und ob fie fih vor ihm 
fürchte. 

Ana Heiße fie.... Und daß 
fie fih fürdhtete, bewies das leife 
Zittern ihrer Hand, die Thräne in- 
ihrem Auge. 

So, und nicht, wie die Sage geht, 
auf dem Bod als Kutfcher verkleidet, 
hat Johann von Defterreich feine nach— 
malige Gattin aus bürgerlihem Stamm 
das erjtemal gejehen. — 

Lieb und werth ift jedem Deiter: 
reiher das Haus Nr. 37 auf bem 
Meranplag in Auſſee. Das war die 
alte Poſt, das Heimatshaus der nun 
betagten Frau Gräfin Anna von Meran, 
welche zur Sommerszeit ftet3 mehrere 
Monate in demfelben verlebt, um bie 
Romantik ihrer Jugendzeit immer wie: 
der zu träumen. 

Um wieder zu den Naturjchön: 
heiten Auffees zurüdzufehren, ift noch 
erwähnenswerth ber Eleine Kammerjee, 
ein Königsfee in feiner finfteren Wild: 
beit; der Debenfee, der Zangenfee, der 
Elmſee, der Wildenfee und andere, die 
hoch in den Steinkefjeln des Gebirges 
liegen. 

An Höhlen, Wetterlöhern und 
Waſſerfällen ift die Gegend reich ; und 
jeder diefer Natur : Merkwürdigkeiten 
fommt eine Sage zu, und jeber Sage 
ein Glauben, und fo gejellt fich ber 


855 


pittoresfen Wirklichkeit auch die Phantaſie 


und macht die Gegend wunderbar. 


Bon den Seen fommen bie beiden 
Arme der Traun, unb dort, wo fie 
ihre Arme in einanderlegen, wie ein 
junges Ehepaar, das plöglid Ein Leib 
ift, haben fih die Menſchen ein ftatt: 
liches, vielfältiges Neſt gebaut. 

Das Neſt ſchmiegt fih in eine 
Schlucht, in welche von allen Höhun: 
gen und Seitenſchluchten gute Straßen 
und weiße Sandwege niedergehen, mo 
hinein fich zur Sommergzeit auch zahl: 
reiche Fremde niften — zumeift Tauben: 
paare, bie und ba ein Adler, aber 
auch manchmal ein Kufuf darunter — 
und fih in ben Sool- und Alpen- 
wafjerbädern gütlih thun. Das Neft 
beißt Markt Auffee. 


Einzelne Gebäude bezeugen biejem | 


Drte ein jehr hohes Alter. Die Kelten 
und Römer werden noch verjpürt, bie 
bier ſchon das Salz für ihr Wilbpret 
gejotten haben mögen. Die Peft war 
da; Neligionswirren haben die Ge: 
ftade der Traun beunruhigt. 

- Km 16. Jahrhundert wollten auch 
die Auffeer Iutherifch werben, aber die 
katholiſchen Herren richteten an ver: 
fhiedenen Punkten Galgen auf, „um 
die verirrten Schäflein wieder frei- 
willig zum fatholifchen Glauben zurüd: 
zuführen”. — 

Des Weiteren "hat fih allgemein 
Wichtiges Hier nicht viel zugetragen, 
und Auſſee gehört nicht zu jenen Orten, 
die heute noch an ber Vergangenheit 
zehren — im Gegentheile, es zehrt an 
der Zukunft. Und ſehr wahrſcheinlich 
bringt die neue Bahn diefem berr- 
lihen Thale eine ſchöne Zukunft. 

Seit 1870 ift das Curhaus er: 
öffnet, in und vor weldem an ben 
Sommerabenden heiteres Leben herrſcht; 
daran ſchließt fih, bethaut von dem 
Schäumen ber nahen Traun die Mecjery: 
Promenade. Die Anlagen find nicht 
eben großartig, wie in anderen Mode— 
bäbern, wo man e3 noth hat, zu ver: 
Ihönern. In Auſſee wären berlei 


„Verſchönerungen“ von Menjchenhand 
Sünden gegen die Natur. 

Die Waldſchlucht, durch welche die 
Altauffeertraun berausraufcht, ift ein 
Naturpark, wie nur Gott ihn Schafft. 
Geſchmackvolle Villen mit frifchen Wiefen- 
pläßen unterbrechen den Walbjchatten ; 
das Sanatorium — eine Penfion mit 
60 Zimmern — hat den fchönften 
Punkt; es ift ein Zauberſchloß im 
Wald, aber eins, wie es die Neuzeit 
zaubert — mit allem Comfort bes 





‚ich den beliebten, aber fo oft mißbrauchten 
‚Ausdrud anwenden darf — mitten 
‚in der Nomantif, An feinen Fenftern 
huſcht das Reh vorbei, über feinen 
Binnen ſchwimmt der Adler dahin, 
zu feinen Füßen ſchäumen in mächtigen 
Fluthen bie hundert und hundert von 
Quellen und Wafferftürzen, die nieder: 
fommen von jenem Gebirge, welches 
feine blauen und weißen Häupter über 
Tannenmwipfel hereinredt. 

Auffee hat nebit feinen Sommer: 
bäufern über 400 Fremdenzimmer zur 
Verfügung, die aber bald zu wenig 
jwerben dürften. Es ift ein Curort be: 
ſonders für Bruftleidende und Melancho— 
life; immerhin aber am heilfamften 
und lobnendften für Geſunde, benen 
es ber Geldbeutel geftattet, die hier 
ziemlich hochbefteuerten Naturſchönheiten 
zu genießen. 

Unmeit von Auffee, an der Straße, 
welche über die Petſchen nah ich! 
hinüberführt, ift ein mit ſchönen Bäu- 
men beftandener Hügel, wo der Dichter 
Zenau jo gerne weilte, und ber den 
Namen Lenauhügel trägt. Weitere 
Ausflüge nach den reizenden, pracht— 
vollen Punkten zu ſchildern unterlaffe 
ih. Unterlaſſe e8 aber nicht anzu— 
führen, was ein Auffeer Volksdichter 
— Johann Kain, ber Bahmwirth in 
Zupitid — vom „Auffeer Landl“ 
fingt : 





Schau da nur DS guat on, 
Wanft ah nig hoft davon, 
Gfolln muaßs da, wanft nit Tüngft, 


modernen Lebend und doch — wenn . 


856 


8 Landl, des d finpft. 

Zähl amol die Berga zfom, 
An iada hot fein Nom, 
Schön in an Kroas banond, 
Hoft as ollfomt. 

Mir baun zwor nit viel Troat, 
Hohn oba Wild und Gjoad, 
Und in Sulz did und long, 
Noh koan Abgong. 
Laubwold und Nodlwold, 
Daß du gwiß nit ſobold, 
Wir er bei Auſſee wochſt, 
Leicht wo dafrogſt. 

Woſſa friſch mächtigi 

Rinen tholo dahi, 

Rinen ſchön klor dahe 

Auſſa von See. 

Wia viel Leut wurdn ſein, 
De liaſſn ſtehn in Wein, 
Wars Woſſer auf ihrn Tiſch 
Ollaweil ſo friſch. 
Salblingfiſch, glaubat ih, 
So ſchön roth bauchadi 
Daß d as funft ninaſcht ſiagſt, 
Wia's d'as do kriagſt. 


Ferner freut ſich der Dichter über 
Aufſchwung des Ortes und: 


„A jedi Goſſn hot, 

Wir in a großn Stodt, 
Sei's biazt kurz oda long, 
Ihrn oagnan Nom.” 


be 


= 


Näth dann zu einem Spazirgang 
nah dem Grundelfee, wo die „Alm- 
dirndle fohrn übern See hinein, jubeln 
und jchrein“. Und hernach: 


„Sam Dih nit long und geh 
Eini af Dltauffee, 

Meil dofcht von Paradies 
Noh a Trum ie. 

Mein du, des is a Bodn, 
Den muaf ma mentifch lobn, 
Don doſcht mei Hoamatlond 
Und viel Bekont'. 

Felder ſchön gichedadi, 
Greani und gfledadi, 

Wanſt oll fiadhit in da Blia, 
Des is a Bier! 


— — — — — — — — 


Weit in da Welt hinton 
Redt ma davon! 


Leut gor aus Engellond 
Sein doſcht ſcha kema zfom, 
Damen gor wundaſchen 
Siachſt umagehn. 


Noh an Ploß wiſſad ih, 

Um den bekimmer dih, 

Schau, geh amol friſch los 

Auffi afs Gſchloß (Ruine Pflindsberg) 
Siagft umanonda weit, 

Woaß doh gwiß, daß dih gfreit. 
Konft an ſchön Iodla hobn 

ber von Woldgrobn. 

Und bolft aft gehſt nah Thol, 

Suach auf in Woffafol, 


Schildert dann den Lofer und bie 
Triffelwand, und auf den materiellen 
Sinn feiner Landsleute anfpielend, 
meint ber Dichter: 


„Wan da Berg fdhweiner wa, 
Gelt jo, des gfollat da, 

Und da See fo a Tunk — 
Des war a Punkt! 

Dab d Auffee liaba lobft: 

's gibt ah a mwengerl Obft, 
Wan ka ſchlechts Jahr follt ein, 
Is 's a guats Sein. 

Wein hobn ma freili koan, 
Oba mir trinkn oan! 

Olls ban uns, 's ganze Lond 
Trogt a greans Sumagwond, 
Buſchn und Bond und Kronz, 
Wir a Jungfrau ban Tonz.“ 


Brav, daß ſich unſer Poet auch 
auf die Leut' einläßt und das brave, 
gemüthliche, luſtige Auſſeer Völklein 
ſchildert: 

„Leut gibts da rantigi, 

Wul ah viel hantigi, 

Oba die geltn net, 

Do gor fa Med! 

Fleißi fein 's, orbeitfom, 
Brachtn ah häufti zſom, 

Wa nit 's Glos ollwei zfeicht, 
's Geld vathon zleicht. 


857 


D ESprod is zwor lehn awenk, 
Oba dos fog ih ent, 

D Ehrliteit is dos Beſt', 

De fteht noh feft.” 


Die Weltanfhauung der Auſſee— 


Hobn, wir ah onderwärts, 
Liab für a bftändigs Herz, 
Und von da Hoamat hörn 
's ollaweil gern.“ 


Nach einer ſolch finnigen Würdi— 


Leute ift ftet3 kirchlich fromm, trotzdem gung, die ben friihen und gemüth- 
greifen fie led zu, mas die Welt|lihen Bewohnern des Auffeerthals 


bietet, und die legte der drei göttlichen | volles Recht mieberfahren läßt, 


iſt 


Tugenden, die Liebe, haben ſie ſehr folgendes Gebet unſeres Dichters, dem 


in's Irdiſche überſetzt: 


„Erſt wanſt af d Olma kamſt, 
Und a Auraſchi nahmſt 

Kunts da — möcht wettn jchier, 
So guat gehn, wia mir. 

Wan ih an Olmdirn fiah, 

Denk ih noh ollmol mir, 

Schön hobn | ma thon, o Gott, 
Kreuzfapralot ! 

Dirndl gibts fauberi, 

Rundi und muladi ; 

Aeugerln hobn f’ ſchwarz und braun, 
Derfft dih ah traum. 


wir beiftimmen, begreiflich genug: 


„Berrgott, du woaßt ad fon, 
Thua nig dem Landl on, 

Gib auf des Tog und Nodt 
Ertra odt. 

Schau, warn dem Landl gab 
Eppa durchn Kriag wos gſchah, 
Wars dan drum, ſeis na grod, 
Nit ſünd und ſchod? 

Oba du guata Mon 

Siachſt ad mit Wulgfolln on, 
Holtft ad wia Stoan und Boan, 
Loßtn nig thoan.“ 


Die Schlangen. 


Bon Ludwig v Hörmann. 


Wem läuft es nicht falt über ben 
Nüden, wenn er von Schlangen hört ? 
Es ift nicht jo faft die Furcht vor dem 
Gifte ihres Biffes, denn dieſes ift mit 
wenigen Ausnahmen den Ungethümen 
der tropiichen Zone eigen, die wir nur 
aus Neifebejchreibungen kennen, als 
vielmehr die natürliche Scheu des warm: 
blütigen Menjchen vor Allem, was ſich 
falt anfühlen läßt. So fommt e3, daß 
wir dieſe Thiere mit einem gewiſſen 
Reſpekt betrachten. 

Diefe Gefühle mochten auch ber 
Grund fein, daß unfere heibnifchen 
Vorfahren den Schlangen einen be: 
jonderen Kultus widmeten. So erzählt 
uns die Gejchichte von einer goldenen 
Schlange, welche von den Longobarben 
angebetet wurbe, bis ber heilige Bar: 


batus einmal die Abweſenheit des 
Königs benügte und einen Kelch und 
eine PBatene aus dem Bilde jchmieden 
ließ. Daß die heidniſchen Deutſchen 
auch die Verwandlung der menfchlichen 
Geftalt in die einer Schlange für mög: 
lich hielten, bemweifen zahlreiche Sagen. 
Befonders ftanden die Hausnattern in 
hohen Ehren. Man glaubte nämlich 
und glaubt e8 in vielen Gegenden noch, 
jedes Haus habe zwei Schlangen, ein 
Männchen und ein Weibchen, welche 
ih aber nicht eher fehen lafjen, als 
bis der Hausvater ober die Hausmutter 
im Tode liegt, und dann mitjterben. 
Man ſah alſo in diefen Thieren die 
Schußgeifter des Hauſes ſowie bes 
einzelnen Menfchen, befjen Leben man 
nicht felten derart an feine Schlangen 


858 


gebunden glaubte, daß, wenn biefe ge: | Haus baute, welches heute noch feine 


tödtet wurde, auch ber Menfch unrett- 
bar dahinwelfen müffe. 

Am meiften find die Schlangen 
den Kindern zugethan. Sie wachen an 
ihrer Miege, trinken mit ihnen aus 
einem Schüſſelchen und läßt man fie 
unbejchadet gewähren, fo lohnen jie es 
durch reihe Glüdsgüter, welche fie dem 
zum Sünglinge oder zur Jungfrau 
erwachjenen Kinde befcheeren, meiftens 
aber durch die unſchätzbare wunder: 
fräftige Goldfrone, welche fie auf dem 
Haupte tragen. Die ſchönſten Sagen 
von ſolchen „Krönlnattern”, wie das 
Volk fie nennt, befigt wohl Schwaben, 
wo faſt jedes Dorf eine zu erzählen 
weiß. So ftand in Stuttgart nächſt 
ber alten Brüde ein Haus, das einem 
Seiler gehörte. Deffen Frau gab ihrem 
fleinen Kinde täglich ein Näpfchen Milch 
mit Brot zum Frühftüde und ſetzte es 
damit in’3 Nebenftübchen. Eines Tages 
hörte fie das Kind ſprechen, Taufchte 
und vernahm, wie basjelbe jagte: „IE 
et no Ilch, iß au Dde!”* Da bie 
Mutter aber wußte, daß das Kind 
allein im Zimmer war, fo jchaute fie 
durh das Schlüffeloh und erblidte 
eine weiße Schlange mit einer präch— 
tigen Goldfrone auf bem Kopfe, bie 
aus dem Schüffelhen des Kindes trank. 
Diefes ſchlug der Schlange, welche ihm 
fein Frühftüd ausfraß, auf den Kopf, 
was das Thier aber gebulbig litt. 
Die Mutter that deshalb der Schlange 
fein Leid. Das Kind wurde groß und 
wuchs zu einer blühenden Jungfrau 
heran. Al man ihre Hochzeit feierte 
und alle Anwejenden vergnügt zu Tiſche 
ſaßen, fiehe da fam zum allgemeinen 
Erftaunen eine weiße Schlange in das 
Zimmer, froh am Sefjel der Braut 
hinauf und warf die Herrliche Krone, 
bie fie auf dem Haupte hatte, auf den 
Teller der Erfehrodenen. Durch diefes 
foftbare Kleinod wurbe bie arme Fa— 
milie jo reich, daß der Seiler an der 
Stelle des alten ein neues großes 





*) Ih nicht nur Mil, ik auch Broden. 


Nachkommen bewohnen. 

Der unermeßliche Werth der Schlan: 
genkrone reizte Viele, der Befigerin 
nachzuftellen.. E83 ſoll auch Manchem 
gelungen ſein, dieſelbe zu tödten und 
dadurch die Krone und große Reich— 
thümer zu erwerben. Weit größeren 
Werth hat jedoch die der lebenden 
Schlange geraubte Krone. Sie hat 
nicht nur die Kraft, das Geld, zu 
welchem ſie gelegt wird, nie verſiegen 
zu machen, ſondern verleiht auch dem 
Beſitzer Unſterblichkeit und die Eigen— 
ſchaft, nach Belieben unſichtbar zu wer— 
den. Es iſt jedoch äußerſt ſchwer, das 
herrliche Kleinod zu erlangen. Am eheſten 
iſt das Gelingen des Raubes möglich, 
während ſich das Thier badet. Denn 
alle Mittage eilt die weiße oder bläu— 
liche krongeſchmückte Schlangenkönigin 
zum Fluße oder Bache, legt ihre Krone 
ab und badet ſich in der kühlen Fluth. 

Ein Bauer aus dem Schwabenland, 
ſo erzählt die Volksſage, hat einmal 
das Wageſtück verſucht. Er breitete 
ein weißes Tüchlein an die Stelle des 
Flußufers, wo die Schlange gewöhn— 
lich zu baden pflegte, und wartete, hinter 
dichtem Gebüſch verſteckt, auf die An— 
kunft derſelben. Die Schlange kam, 
legte die Krone auf das Tuch und 
tauchte ſich in die klaren Wellen. Der 
Bauer aber eilte mit der köſtlichen 
Beute davon. Doch kaum war er eine 
Strecke gelaufen, da hörte er ein Ziſchen 
und Pfeifen, und ſah ein Heer von 
Schlangen von allen Seiten auf ſich 
zulaufen, voran die kronberaubte Kö— 
nigin. Dieſe hatte nämlich alle Schlan— 
gen der Gegend herbeigerufen, um bie 
verlorene Krone zu ſuchen und fi an 
dem Räuber zu rächen. Dieſer aber 
flüchtete fi in das dichte Laubwerk 
eines Baumes, wo ihn die Schlangen 
nicht fehen konnten. Hätten fie ihn ge: 
funden, jo wäre er ein Opfer ihrer 
Muth geworden, fo aber kehrten fie 
traurig zurüd. Am andern Abend jah 
man bie Königin todt auf dem Plage, 
wo fie fich gebabet hatte, denn mit 


859 


der unſterblich machenden Krone hatte 
fie auch ihr Leben verloren. Daber 
jagen auch vieleLeute, das befte Mittel, 
die Schlangenfrone zu entwenden jet, 
einen ſchweren Stein auf bie Krone 
zu bedfen. Dann ſchwingt fich das ver- 
zweifelnde Thier in die Höhe und ſchießt 
fo lange auf den Stein herab, bis e3 
zerichmettert liegen bleibt. Ohne Zweifel 
verdankt dieſe Sage ihre Entjtehung 
ben gelblichen Flecken, welche die fo- 
genannte öſterreichiſche Natter (coluber 
austriaca) am Halje trägt und melche 
von ber Phantafie des naiven Vol— 
fe8 in eine Goldfrone verwandelt 
murben. 

Während aber die habjüchtigen 
Menihen den Schlangen Gut und 
Leben rauben, werben dieſe oft deren 
Netter aus Krankheit und Tod. Denn 
die Schlange ift heilfundig und kennt 
wunderbare Mittel, die ihrem Ge: 
ſchlecht und den Menjchen helfen. So 
erzählt ein Märchen von einer Schlange, 
welche drei grüne Blätter berbeitrug, 
bie einer tobten Königstochter auf 
Augen und Mund gelegt, diejelbe wie: 
der lebendig machten. Ein anderes jagt, 
daß eine Schlange mittelft eines Krautes 
den abgejchnittenen Kopf ihres Jungen 
wieber anheilte. 

Diefe wunderbaren Kräfte gehen 
durch ben Genuß des Schlangenfleifches 
auf den Eſſenden über. So erzählt 
man fih in Tirol vom jogenannten 
Hajelmurm, der unter den Wurzeln 
der Hajelftaude wohnt. Wer jo glücklich 
ift, einen folchen zu fangen und davon 


ißt, verfteht die Thierſprache und er: 
langt übernatürlihe Kräfte, auch ift 
er gefehügt vor geiftigem und leiblichem 
Schaden. Wer erinnert fih da nicht 
an die Sage vom gehörnten Siegfried, 
dem, als er fih im Blute des erjchla: 
genen Draden babete, ein Tropfen 
davon auf die Zunge fiel, wodurd er 
die Sprache der Vögel verſtand? 

Niht alle Schlangen find indeß 
dem Menjchen jo freundlich; viele be— 
fiten ein furchtbares Gift, das ber 
Bauer jedoch merfwürdiger Weiſe nicht 
in den Zähnen, ſondern im Schweif 
ſucht. Auch die harmlofe Blindichleiche 
wird zu den giftigen Würmern ge: 
rechnet und man jagt, ihre Blindheit 
jei eine Gottesftrafe, weil ihre Bosheit 
ſonſt jo groß wäre, daß fie dem Menfchen 
mitten durch den Leib fahren würde. 
Nah anderer Sage foll diejes bie 
Strafe dafür fein, daß fie einjt bie 
Muttergottes mit dem Jeſusknaben er: 
fchredt habe. -— Auch von Draden: 
Sagen bat fich in Tirol noch manches 
erhalten, wie man aus den Namen 
von Dertern abnehmen kann, wo foldhe 
geflügelte Ungethüme gehauft haben 
follen. Am befannteften iſt die Sage 
von jenem Drachen, den der Wiltauer 
Rieſe Haimo erfchlug und der in der 
Sillſchlucht hinter dem Berg Ziel haufte, 
wo noch die Höhle zu jehen iſt. — 

Km Unterinnthale hört man noch 
hie und da vom Schäge hütenden Tapel- 
wurm erzählen, den auch neuerdings 
ein befannter Münchener Schriftiteller 
wieder zu Ehren gebracht hat. 


860 


Das Paradeisfpiel, 


wie e8 in Oberfteiermart aufgeführt wurde. 


Jene wahren und echten Bauern: 
fomödien, welche von den Bauern jelbft 
gedichtet und gefpielt worden, find be: 
reits im Verfalle. Nur felten wird in 
entlegenen Gegenden eines oder das 
andere noch aufgeführt. Die Gegenftänbe 
find ftet3 aus der Bibel genommen 
und bie „heiligen Zeiten” des Jahres, 
wie Dftern und Weihnachten, waren 
zur Aufführung der Stüde beftimmt. 
Zu Oſtern die Baffionsfpiele, zu Weih— 
nachten das „Krippeljpiel”. Als Nach— 
jpiel zu Lebterem wurde gerne das 
„Paradeisjpiel” gewählt, wel: 
ches von jeher ein Lieblingsftüd des 
Bolfes war, weil zum Scluffe bes 
Stückes der Teufel den Verwalter holt. 

Ohne weiteren Commentar fei hier 
einer ber verjchiedenartigen Texte bes 
„Paradeisſpieles“ mitgetheilt. Derjelbe 
fam dieſer Zeitfchrift aus dem oberen 
Murboden zu und enthält alle weſent— 
lichen Charafterzüge von berlei Bauern- 
dramen, die für uns in culturhiftori- 
ſcher Beziehung intereffant find. 


Perfonen und Coſtume: 


Gott Vater im Schlafrod, Krone von Gold- 
papier, graue Perrüde, grauen langen 
Bart, mit Septer in der Sand, am 
Tifche fißend, auf welchem ein lederner 
Polfter mit einem vergoldeten Apfel liegt. 

Adam in kurzer Battie, Strümpfe und Hemd 
mit Biegelmehl gefärbt, mit einer Blät- 
terſchürze umgürtet. 

Eva, ebenfo. 

Berehtigkeit, gepudert, eine Maste mit 
Diadem auf dem Kopfe, im weißen Hemd 
mit ſchwarzem Gürtel, die Aermel zwei- 
mal mit ſchwarzen Bändern unterbunden, 
hohen Bundfhuhen, in einer Hand eine 
Schalwage, in der andern ein flammen- 
des Schwert von Papier und eine ſchwarze 
Binde um die Stirne. 





Barmberzigfeit, wie die Gerechtigkeit, 
aber mit rofenrothen "Bändern, ohne 
Schalwage, einen Lilienftab in der Hand, 

Verwalter in dem altoäterifhen Anzuge 
eines Schulmeifters, 

Bedienter mit Pantalon und Spenfer. 

Teufel mit einem ſchwarzen Pelze, rußge- 
färbtem Geficht, rothgeränderten Augen 
und Bodshörnern auf dem Haupte, oder 
auch al® grüngelleideter Jägerdmann mit 
einer rothen Feder auf dem Hute. 


Das Spiel beginnt, 
(Der Engel fingt das Lieb.) 


1 


Liebe Freunde, werthe Gäſte, 
Weil jept eine Preudenzeit 
Und die hohen Weihnadhtsfefte, 
Bring’ ich euch ein’ große Freud’, 
Da ih Jeſum Ebhrift verfünd’, 
Der für unf're erfte Sünd’ 
Aus Maria ift getommen, 
Die ein’ reine Jungfrau ift. 

2. 
Nein, nit wir zuerft gefehlt, 
Nur die Eva milligt ein, 
Da die Schlang’ ihr Gut's vorftellt, 
Dieß fol unfer Spiel heut! fein. 
Es wird das Paradeisjpiel genennt, 
Das ihr felbiten ehe ſchon kennt, 
Das will mander öfter fehen, 
Weil ed vielen mohlgefällt. 


3. 
Diefes wollen wir heut’ fpielen, 
Sehet, hört uns mit Geduld nur an, 
Es lehrt, dab man durch den Willen 
Sich fehr leicht vergehen kann. 
Wenn ein Fehler jollt’ gefchehen, 
Sollt’ ihr felben überfehen, 
Wenn ihr diefes uns verfpredet, 
Fangen wir mit Freuden an. 


Der Engel: 
Id) tritt herein im diefes Ort, 
Es ift führwahr ein Himmelsport ; 
Wie ſchön hat Bott ed ausgezieret, 
Wo Adam wird hineingeführet, 


861 


Man weiß ja bier von keinem Leiden 
Und genießet immerfort nur Freuden. 


(Tritt ab.) 
(Gott führt Adam in's Paradeis.) 


Gott Bater: 
Adam, in's Paradeis ſeß' ih Dich, 
Hier folft du leben ewiglich. 
Du kannft auch effen von aller Frucht 
Allein, gib Acht, was ich dir verbiet: 
Hier von diefem Baum follft du nichts genießen 
Anfonft wehe dir, du wirft es theuer bezahlen 

müffen. 
(tritt ab.) 


Adam: 


Ja mein Herr und Gott, diefes werde 
ih ganz leicht halten können. 


(Adam im Paradeis allein ) 

Ah wie glüdlih bin ich nicht, wie hat 
mich nicht Gott geliebet, daß er mich in diefen 
angenehmen Quftgorten verfepet. Bier kann 
ich recht vergnügt leben, niemand fann mid) 
betrüben; dieſe Glüdjeligkeit will id mit 
nichts tauſchen, bier will id) mid einzig an 
Bott halten, bis er mir einftens die himm- 
lifhen Freuden wird ertheilen. Hier kann ich 
leben, füß, ruhig und vergnügt, weiß aud 
von feinem Elend und Roth. Nun leg id) 
mic ganz füß und ſchlaf, bis ich wiederum 
vom Schlaf erwach. (Adam geht ſchlafen.) 
(Singen alle verftedt das G'ſang, mie folgt, 
Adam ſchlaft ſüß und fanft. Unterdeffen geht 
Bott Bater hinein und nimmt ein Rippen 

bom Adam und geht wieder hinaus.) 
Adam fchlaft ſüß und fanft, er nicht vom 

Schlaf erwadt. 
Gott nimmt ein Rippen ber, ftellt ihm die 


Eva ber, 
Da er vom Schlaf erwacht, die Eva gleich 
betradt. 
(Gott führt die Eva dem Adam vor, im 
Baradeis.) 


Bott Vater: 


Adam! Adam! wach' auf vom Schlaf! 
Und fich da, was ich Dir verſchaff', 
Eva, diefe foll dein Weib und deine Gehilfin 
fein, 
In diefer nur allein follft du dich erfreu’n. 
Diefer folft du treu verbleiben 
Und fie ehren 
Und mit einander das Menſchengeſchlecht ver- 
mehren. 
Ih will euch aber meinen Seegen geben, 
Daß ihr könnet gut und fröhlich leben. 
(Adam und Eva knien nieder zum Segen, 
nad) dem Segen geht Gott ab.) 


Adam und Eva: 


O Herr, wir danten deiner Gnad, 
Die du und anjept gejegnet haft. 
(Adam und Eva allein im PBaradeis.) 


Adam: 

Ah Eva! wie bift du denn entitanden ? 
woher bift du gekommen? du bift gewiß von 
meiner Rippen ? ich empfind' in meinem Leib, 
dab mir ein Rippen fehlt. 


Eva: 
Wie bin ich hieher gefommen, 
Aus was mich Bott hat genommen, 
Das weiß ich nicht. Er hat mid) hier erfchaffen. 


Adam: 
Gewiß, da ich gefchlafen. 


Eva: 
Bott hat mich dir ausermählt 
Und mic dir zugefellt, 
Daß wir hier im Paradeis 
Ihm dienen mit größtem Fleiß. 
(Da kommt jchon der Teufel und bläft der 
Eva zu.) 


Adam: 
Ja meine liebfte Eva, dies allein 
Soll unfer Arbeit und Bemühen fein. 
Hier leben wir in füßer Freud, 
Ad ja, in größter Herrlichkeit. 
Nichts ift, was und bier fönnt abgehen, 
Wenn wir nur nicht den Baum anfehen. 


Eva: 


Ah! wie denn, liebfter Adam mein, 
Wie fol denn dies verftanden fein ? 


Adam: 
Bon diefem Baum mußt, Eva, nichts geniehen, 
Anfonft, weh dir, du mußt es theuer büßen. 
Das hat uns Gott fehr ſchwer befohlen, 
Daß wir allhier fein Apfel holen. 


Eva: 
Warum don diefen fhönen Früchten ? 
Wie fol uns diefer Baum zernichten ? 
Sieh’ Adam! hieher dein Auge richt". 
Die Frucht ſchadet uns gewißlich nicht. 
Hör’, was die Schlange zu uns fagt, 
Sie uns bei Gott ja nicht verklagt. 
Der Teufel (ftatt der Schlange rüdwärts): 
Es ift der Baum der Wiffenfchaft, 
Eßt nur, er bringt euch große Kraft. 
Ihr werdet hernach Götter werden, 
Und gleiht euch niemand bier auf Erden. 
Eva (nimmt den Apfel und fagt:) 
Willſt nicht ? ich Loft’ die Frucht allein, 
Darauf werd ich eine Göttin fein. 
Eva (ißt vom Apfel, den ihm die Schlange 
reicht): 
Koſt', Adam, koſt' von diefer fühen Frucht, 
Id hätt’s in diefem Baum ja nicht gefucht. 
Adam (nimmt von der Eva den Apfel, koſtet 
auch und wirft ihn weg): 


862 


Ach, mas hab’ ich gethan, o Gott! 

Ich hab’ verlepet dein Gebot 

Du Eva bak mir vorgelogen, 

Die Schlang' hat mich und dich betrogen. 
Die Sünd’, das llebel, das ift groß, 
Seh nur, wir find all’ beide bloß. 

Mo werden wir dann ficher fein, 
Wann Gott fommt in das Ort herein. 


Eva: 
Ah Adam! hilf aus diefer Noth, 
Menn mich jept ftraft der große Gott, 
Wohin foll ih anjepo fliehen ? 
Ich muß mich nur allhier verkriechen, 
Wie, Adam, wird es mir ergehen, weil ich 
Zum erften foft und auch betrogen did). 


Adam und Eva (fingen folgendes Lied): 
Ad) weh, ad) weh, was haben wir jept gethan, 
Die Schlang' die Schlang' hat uns gereizet an, 
Daß wir dem höchſten Gott 
Nicht gehalten fein Gebot, 

Ah ih nun jeßt empfind', 
Mas heißet eine Sünd’. 
2. 
Bon Gott, von Gott verftoßen wir nun fein, 
Ich fieh ſchon den Engel, Gottes Freund. 
Daß wir im Paradeis 
Reben wollten mit Fleiß. 
Verftoßen wir nun feind, 
Helft uns, o Gottes Freund”. 
(Adam und Eva verfteden fih hinter dem 
Baum.) 
Gott Pater: 
Adam! Adam! mo du bift? ich ruf! dich, 
komm' herbei! 
Adam: 
Herr bin i da, aber ih ſcham mid, daß ich 
bloß und gefündigt frei. 
Gott Vater: 

Komm Adam! fomm, du wirft es büßen. 
(Adam und Eva kommen ber und knien vor 
Gott.) 

Adam: 
Sieh’, hier find wir zu deinen Füßen 
(Bott fipt auf dem Stuhl, vom Teufel die 
Klage anzuhören.) 
Gott Bater: 
Wie? Adam haft du dich vermeflen ? 
So gefhmwind haft du das vergefien, 
Was id dir fo ftarf verboten hab, 
Daß du hier nicht brockſt ein Apfel ab ? 
Adam: 
O Gott! das Weib hat mich betrogen. 
Eva: 
Mir hat die Schlang’ hier vorgelogen. 
Gott Bater: 


Ihr habt verlepet mein Gebot, 
Erkennt mich jept ald euren Gott! 


(Teufel hebt den gegeffenen Apfel auf und 
fpricht zu Gott.) 
(Wie Gott auf dem Stuhl fipt zu richten, 
geben aud die Barmberzigkeit und Geredtig- 
feit hinein zur rechten Seite und zur linken, 
beide neben Gott ftehend.) 


Teufel: 


O gerechter Richter, fiche diefe Leute, 

Sie afen vou dem Apfel beide. 

Du mußt fie nun jeßt auch von dir verftoßen, 
Weilft mid aus deiner Gnad geſchloſſen; 
Der Hoffart willen war meine Sünd', 
Gleich machteft mid zum Höllenkind. 


Gerechtigkeit: 


Ja deine Rechten fordern dies, 
Daß du jept ftrafft den Apfelbip. 
Barmherzigkeit: 
Du bift ja Bott der Barmberzigfeit, 
Ich bitt, verſchon' doch diefe Leut, 
Daß fie dich fo beleidigt hatten, 
Hat fie ja dazu die Schlang' gerathen. 
Verzeih', dab fie in Apfel biffen, 
Sie liegen fhon zu deinen Füßen. 
Geredtigfeit: 
Wie, großer Gott, bift du gerecht? 
Die Leut, die dir gedient fo ſchlecht, 
Gegen die willft du barmberzig jehen, 
Die follten ungeftrafter gehen ? 
Du fagteft felbft, ihr werdet büßen, 
Wenn ihr von diefem Baum werdet genießen, 
Meil das die Wahrheit gefaget bat, 
So muß es gefheben in der That. 
Gott Vater: 
Nun weil ih wahrhaft und geredit, 
So ſtraf' ich euch und's Menſchengeſchlecht. 
Barmherzigkeit: 
O Gott weil du barmherzig biſt, 
Straf nur allein der Schlangen Lift. 
Gerechtigkeit. 
Wann fie jept nicht geſtrafet werden, 
So fehlen fie noch mehr auf Erden, 
Barmherzigkeit: 
Mein, nein, o du barmberziger Gott, 
Sie werden halten dein Gebot, 
Sie find, o Bott, zwar große Sünder, 
Ad mad fie nur nicht zu Höllenkinder. 
Sehe, fie bereuen ihren Fall, 
Ah ja wohl mehr ald taufendmal, 
Gib ihnen geringe Straf für diefe Beit, 
Und zeige ihnen deine Barmherzigkeit. 
Geredtigfeit: 
Ein andere Straf’? nein, nein, o Gott, 
Denn fie verdienten ja den Tod. 
Barmherzigkeit: 
Die Schlange, die hat fie betrogen, 
Im Apfel ihnen vorgelogen, 
Daß fie ſogleich Götter werden, 
Und gleicht ihnen niemand bier auf Erden, 


863 2 


Die Schlange, die ftraf’ nur allein 
Und diefen follft du gütig fein. 

Du kannft fie mit der Straf beglüden, 
Warn du wirft einen Engel jchiden, 
Der ihnen diefes Ort verweift 

Und lehret was die Sünde heißt. 


Gerechtigkeit: 
Wenn ſie die Sünd' nicht beſſer büßen 
Und nur voun dieſem Ort weg müffen, 


&o werden fie dich mehr verladen, 

Wenn du verbieteft andere Sadıen. 
Barmherzigkeit: 

O Gott vor diefe Leut’ allhier 

Bitt ich anjept das leptemal für, 

Dann diefes ift ihr erfte Sünd”, 

Und du ftrafeft fie anjept fo geſchwind. 

Lab ihnen deine Güte genießen, 

Sie bitten hier zu deinen Füßen. 

Adam: 

O Gott! dab ich verfündigt mich, 

Verſchone doch, ich bitte dich, 

Verzeih' mir nur diefe Schuld 

Und feie mir noch diesmal huld, 

Eva: 

O Gott, verfchone du auch mid), 

Siehe mid zu deinen Füßen bier. 

Es hat midy nur die Schlang' betrogen, 

In diefer Frucht mir vorgelogen. 

Verzeihe meinen Sündenfall, 

Verſchone mich nur diefes Mal, 

Ih bitt’ für mich und meinen Mann, 

Sieh’ uns mit guten Yugen an. 


Gott Bater: 


O ihr habt mein Gebot gebrochen, 

Das kann nicht bleiben ungerocdhen. 
Dod weil ihr jetzo alle zwei 

Weinet und zeigt eure große Reu, 

Will ich in etwas euch nur ftrafen, 
Und euch von diefem Orte fchaffen. 

Du Adam! fuhe du dein Brod 

In harter Müh' und großer Noth, 

Du werdeft müffen Vieles leiden 

Und nit mehr geniehen diefe Freuden. 
Du brauch' den Pflug mit deiner Hand 
Das ift dein Straf’ und dir zu Schand: 
Du Eva! deine Straf foll fein: 

Du ſollſt mit harter Noth und Bein 
Die Kinder diefer Welt gebären, 

Und fo das Menſcheng'ſchlecht vermehren: 
Du Schlange! Weil dur fie zur Frucht 
Gereizet, ſei du jept verflucht, 

Du wirft nun auf dem Bauche gehen, 
Nun iſt's mit dir wohl auch gefchehen. 
Komm’ Engel! ihnen dies vermweis, 
Und jag' fie aus dem Paradeis, 


Engel: 
Ihr habt die gerechte Rad’ vernommen, 
Jetzt wißt, warum ich bin gekommen, 
Daß ih aus diefem Orte euch ſchaff' 
O das ift wohl eine geringe Straf. 


Nun hilft für euch nichts mehr, nur fort, 
Packt euch aus diefem ſchönen Ort. 


Adam: 

Eva! du bift Schuld daran. 
Eva: 

Na, na, der hat mich gereiget an, ja, ja. 
Beide: 


Daß ich gefolget Gott, 
Und gebrochen fein Gebot, ja, ja. 
Adam: 
Sehet, was die Sünd’ nit kann! 
Eva: 
Ra, na, diefer ift die Schuld daran. 


Beide: 

Daß ich von dem Orte weg muß, 

Und erfahren noch größere Buß’, ja, ja. — 
Adam: 

Freund, euch jei jeßt Dank gejagt. 
Eva: 

Wir haben, was wir fonnt, gemadht. 


Beide: 


Nur die euere Gnad’ und Gunft, 
Wünſcht fih unfere ſchwache Kunft. 


Adam: 
Seid ihr wohl vergnügt anheut. 


Eva: 
Dank fagen wir euch gute Freund’. 


Beide: 


Wir haben, was wir fonnt, gemadht, 
Lebet wohl, jept gute Nadıt. 
Engel: 

Nur fort, packt euch aus diefem fchönen Ort. 
(Da treibt er fie vor ſich hinaus, Bott Vater 
und der Teufel treten aud ab, Barmherzigkeit 
und Gerechtigkeit bleiben d’rin und fingen fol- 
gendes Lied: „O fiehe nun, o Sünder‘. 
Unterdeffen muß fid der Adam zum Verwalter 
und der Engel zu einem Bedienten geſchwind 
überlegen, der Zeufel zum erften Bauer, Gott 
Vater zum anderen Bauer, der Verwalter und 
Bediente fpazieren unter dem Lied auf und ab:) 


1. 
Ach ſiehe nun, o Sünder, o Sünder 
Wir arme Adamskinder, Kinder, 
Wir leben zwar in Freuden, 
Und leben auch in Leiden, 
Was Adam verſchuldet, geduldet. 

2. 
Ein Sünder ich mich nenne, mich nenne, 
Die Erbſünd' ich bekenne, bekenne. 
Von Adam iſt entſproſſen, 
Auf uns Menſchen gefloſſen, 
In's Meer ausgegoſſen, gefloſſen. 


864 


8 


Maria wird eintreten, eintreten 

Der Schlang den Kopf zertreten, zertreten, 
Der Himmel wird aufgeſperret, 

Die Höll', die wird zerſtöret, 

Der Himmel wird offen, 

Gnad' z’hoffen. 


Gott Sohn ift und verfproden, verfproden, 
Auf den wir jepund hoffen, jet hoffen, 
Daß er fommt auf die Erden, 
Sollt' bald geboren werden, 
Die Sünd' auszulöfhen, vergeffen. 
5. 
Eröffne di, o Himmel, o Himmel, 
Berbrid der Höl’ Getümmel, Getümmel, 
Daß wir did bald erjehen, 
Thue uns doch nicht verſchmähen, 
Du mwoll’ft uns bald werden auf Erden. 
6. 
Das göttliche Kind geboren, geboren, 
Das Heil für uns erworben, erworben, 
Daf uns ja wohl nad diefem Leben 
Die bimmlifche Freud’ hernach wird geben, 
Im Himmel droben Gott loben. 
Verwalter: 


Ich fpeculire Tag und Nacht. 
Daß ich mir große Mittel mad‘, 

Daß ich Ffünnt' fpielen einen großen Herrn, 
Muß nun beffer meine Unterthanen ſcheeren. 
Bedienter: 

Ah Verwalter, g’ftrenger Herr, 
Habt ihr doch viel Unterthan fehr, 
Was wollt ihr euch da fo befümmern, 
Sagt ihr Stift *) an, hernach könnt ihr mit 
dem Geld brav fhimmern. 
Verwalter: 


Mein Bedienter thue mich felbft bedauern, 

Gebe hin, fage die Stift gef hmwind an den Bauern 

Daß fie fi mit Geld verfehen, 

Und bei Straf! geſchwind ftiften gehen. 
Bedienter: 

Bauern, be ftiften geh'n ! 

(Der erfte Bauer Mopt an und gebt hinein.) 

Verwalter (fipt zum Tiſch und jagt): 

Grüß’ euch, liebe Unterthan’, 

Habt ihr nun brav Geld mitg'nomm', 

Denn ihr müßt die Stift erlegen, 

Sonft laß' ich euch in die Keuche fperr'n. 

Bauer: 

Ach mein liebfter, g’ftrenger Herr, 

Ich hab’ fonft fein Geld mehr, 

Diefes will ih euch alles geben, 

Ad! wie werd’ ich mit mein’ Weib und Kindern 

leben. 

Verwalter: 

Dieß ift zu wenig, du Lumpenhund, 

Du jag’ft alles durd deinen Schlund, 


*) Steuer, 


Wann du mid nun fo wirft traßen, 
Merd’ ich dich bald gar abſchatzen. 
(Der Bauer tritt ab ) 
(Der zweite Bauer Mopft an und geht hinein.) 


Verwalter: 
Seid ihr da, hab’ lang gewart'. 
Bauer: 
Aha dankt ihr mir auf foldhe Art, 
Wär’ nur glei’ guet zum Geld hergeb'n, 
Daß die Herr'n könnten recht liederlich leb'n. 
Pfui der Schand’, ift das a recht, 
Daß man die Bauern traktirt fo ſchlecht? 
Da ift das Geld, das id) hab’ bradt, 
O Gerechtigkeit! dieß recht betrat. 
Gerechtigkeit: 
Die Gerechtigkeit bin ich genannt, 
Es iſt zu erbarmen das ganze Land, 
Ach, daß ich gehalten werd’ fo ſchlecht 
Bin dod vor Gott und der Welt geredit. 
Barmherzigkeit: 
Ah! unendliche Barmberzigteit, 
Bin den Sündern gnädig allezeit, 
Ertennet mich doch in eurem Leben, 
Ich bitt', ihr wollt das ungerechte Geld zurüd- 
geben. 
Verwalter: 
Ad nein, ah nein, 
Das kann nicht fein, was ich einmal hab’, 
Das g’höret mein, ſollt' id auch leiden die 
ewige Pein. 
Barmherzigkeit: 
Barmherzigkeit ! 
Wie befteh’ft du fo Flug bei diefer Zeit 
Man will mid ja ganz vernichten, 
Kann bei feinem Menſchen nichts mehr ausrichten. 
Gerechtigkeit: 
Was das vor ein verſtockter Sünder iſt, 
Und keinem Menſchen gnädig biſt, 
Verachteſt die unendliche Barmherzigkeit, 
Wie auch die göttliche Gerechtigkeit, 
So komm' dann! Satan! gib ihm Steuer, 
Und führ' ihn fort in's hölliſche Feuer. 
Teufel: 
Weil ich nun berufen bin, 
Dich zu führen in die Höllen hin, 
So wirft du auch ſehen mein Quartier, 
Welches gewißlich nicht wird fehmeden dir. 
i Verwalter: 
Nun muß ich fort von diefer Welt, 
Wegen dem ungeredhten Geld, 
Erkenn's doc), lieber Bedienter mein, 
Laß dir alles anbefohlen fein. 
(Da trägt ihn der Teufel fort.) 


Bedienter: 

Sept bin ich ſchon ein gefepter Herr, 
Was wollt ihr dod haben mehr? 
Mein Herr bat mir alles übergeben, 
Ih kann auf der Welt recht luftig leben, 
Bin id) matt, leg’ ih mid ſchlafen, 
Der Teufel hat mir nichts zu ſchaffen. 

(Da tragt ihn der Teufel fort.) 


Kleine Saube. 


Wetterpropheten. 


Adalbert Stifter erzählt im „Nach— 
fommer“ von einem jungen Wanne, der 
auf einer Fußreiſe bei drohendem Ge: 
witter in einem Landhaufe zufprad). 

Der Neifende wurde freundlich auf: 
genommen, doch fagte der Herr des 
Yandhaufes, ein alter Mann, das Ge: 
witter würde nicht zum Ausbruche fommen. 

„Es wird feine Stunde dauern, daß 
es fommt”, fagte der Neifende. Denn 
der Himmel war dunfel ummölft, in 
einigen Theilen des weftlichen Himmels 
grauten die glatten Flächen des bereits 
niedergehenden Regens. Blitze zudten 
über das Firmament und dumpfer Don: 
ner rollte und fam näher und näher. 
Der alte Mann ließ mit Kannen die 
Gartenpflanzen begießen und behauptete 
ftets mit Ruhe und Beftimmtheit, das 
Gewitter fomme nicht. 

Gegen Abend wurden die Wolfen 
noch finfterer, die Blitze noch häufiger, 
die Donner nod lauter und anhalten: 
der. — Am nächſten Morgen war der 
Himmel flar und rein, auf den Nofen 
lag der Thau — aber geregnet hatte 
es nicht. 

Der Fremde blieb die Naht in 
dem gaftlihen Haufe; und bevor er 
davonzog, bat er den Gafthern, daß 
der es ihm fage, wie er zu einer fo 
entjchiedenen Gewißheit in Hinficht des 
Wetters gelommen fei. 

„Ihr habt die Sammlung von Werk: 
zeugen der Naturlehre in meiner Woh— 
nung geſehen“, fagte der alte Mann. 


Kofeggers „‚Keimgarten‘‘ 11. Heft. 


„Ich habe fie gefehen“, antıvortete 
der junge Neifende, „aber diefe Dinge 
babe ih aud und fie haben eher, da 
ih fie vor meiner Wanderung beobad): 
tete, auf einen Niederſchlag, als auf 
fein Gegentheil gedeutet.“ 

„Das Barometer ift gefallen”, er: 
wiederte er, „und wies auf geringeren 
Luftdrud hin, mit weldem ſehr oft der 
Eintritt von Negen verbunden it.“ 

„Wohl”, fagte der Reiſende. 

„Der Zeiger der Feuchtigfeitämef- 
jer rüdte mehr gegen den Punkt der 
größten Feuchtigkeit. “ 

„So ift es geweſen“, 
der Reiſende. 

„Aber der Eleftrizitätsmefjer”, fagte 
der Greis, „verfündigte wenig Luft— 
eleftrizität, daß aljo eine Entladung 
derfelben, womit in unferen Gegenden 
gerne Regen verbunden ift, nicht erwar: 
tet werden konnte.“ 

„Ich habe wohl auch die nämliche 
Beobahtung gemacht”, entgegnete der 
junge Mann, aber die elektriſche Span- 
nung fteht nicht jo jehr im Zuſammen— 
hange mit Wetterveränderungen, und ift 
meiftend nur ihre Folge. Zudem hat 
fih geftern gegen Abend Elektrizität 
genug entwidelt und alle Anzeichen, von 
denen ihr redet, verfündeten einen Nie- 
derſchlag.“ 

„Ja, ſie verkündeten ihn und er iſt 
erfolgt“, ſagte der alte Mann, „denn 
es bildeten ſich aus den unſichtbaren 
Waſſerdünſten ſichtbare Wolken, die ja 
wohl ſehr fein zertheiltes Waſſer find. 
Da iſt der Niederſchlag. Auf die geringe, 

bb 


antıvortete 


866 


eleftrifjche Spannung legte ich fein Ge: 
wicht; ich mußte, daß, wenn einmal 
Wolken entjtünden, fih auch binläng- 
liche Elektrizität einftelen würde. Die 
Anzeichen, von denen wir geredet haben, 
beziehen ſich aber auf den nur fleinen 
Raum, in dem man fi eben befindet. 
Man muß aud einen weiteren betrach— 
ten, die Bläue der Luft und die Ge: 
ftaltung der Wolfen.“ 

„Die Luft hatte ſchon geftern Bor: 
mittags die tiefe und finftere Bläue“, 
erwieberte der Neifende, „melde dem 
Regen vorangeht und die Wolfenbildung 
begann bereit? am Mittage und fchritt 
fehr raſch vorwärts.“ 

„Bis bieher Habt ihr Recht“, fagte 
der Greis, „und die Natur hat euch 
auch Recht gegeben, indem fie eine un: 
gewöhnliche Menge von Wollen erzeugte. 
Uber es gibt aud noch andere Merk: 
male, als die mir bisher befprochen 
haben, welde Euch entgangen find. 
hr werdet willen, daß Anzeichen be- 
ftehen, melde nur einer gewiſſen Ge: 
gend eigen find und von den Einge— 
bornen verjtanden werden, denen fie 
von Gefchleht zu Geſchlecht überliefert 
worden find. Oft vermag die Wiſſen— 
ſchaft recht wohl den Grund der langen 
Erfahrung anzugeben. Ihr wißt, daß 
in Gegenden ein Feines Wölflein an 
einer bejtimmten Stelle des Himmels, 
der fonft rein ift, erjcheinend und dort 
ſchweben bleibend ein ficherer Gewitter: 
anzeiger für diefe Gegend ift; daß ein 
trüberer Ton einer gewiffen Stelle des 
Himmels, ein Windſtoß aus einer ge: 
willen Gegend her Vorboten eines Land: 
regens find und daß der Regen immer 
fümmt. Solche Anzeichen hat auch diefe 
Gegend und e3 find geftern feine ein: 
getreten, die auf Regen wiefen.” 

„sh glaube, daß diefe Merkmale 
allein euch doch nicht beftimmen fonn- 
ten, einen fo entfcheidenden Ausſpruch 
zu thun, wie ihr gethan habt.“ 

„Sie beftimmten mid auch nicht“, 
antwortete der Greis, „ich hatte auch 
noch andere Gründe.“ 

„Nun?“ 


„Alle die Vorzeichen, von denen wir 
bisher geredet haben, find ſehr grobe”, 
fagte der alte Mann, „und werben mei: 
ſtens von und nur mittelft räumlicher 
Veränderungen erfannt, die, wenn fie 
nit eine gewiſſe Größe erreihen, von 
und gar nicht mehr beobachtet werben 
fönnen. Der Schauplag, auf mweldem 
fih die Witterungsverhältniffe geftalten, 
ift jehr groß; dort, wohin wir nicht 
ſehen und moher die Wirfungen auf 
unfere wiſſenſchaftlichen Werkzeuge nicht 
reichen fönnen, mögen vielleicht Urfachen 
und Gegenanzeigen fein, die, wenn fie 
und befannt wären, unfere Vorherfage 
in ihr Gegentheil bejtimmen würden. 
Die Anzeihen fünnen daher auch täu— 
fhen. Es find aber nod viel feinere 
Vorrichtungen vorhanden, deren Beſchaf—⸗ 
fenheit uns ein Geheimniß ift, die von 
Urſachen, welde wir fonft gar nicht 
mehr mefjen können, noch getroffen wer: 
ben und deren Wirkung eine gang ge: 
wiſſe iſt.“ 

„Und dieſe Werkzeuge?“ 

„Sind die Nerven.“ 

„Alfo empfindet ihr durch eure Ner— 
ven, wenn Regen fommen wird ?“ 

„Durd meine Nerven empfinde id 
das nicht“, antwortete der Greis. „Der 
Menſch ftört leider durch zu ftarfe Ein: 
wirfungen, die er auf die Nerven mad, 
das freie Leben derfelben und fie fpre: 
hen zu ihm nicht mehr fo deutlich, als 
fie fonft fönnten. Auch hat ihm die Na— 
tur etwas viel Höheres zum Erſatze ge: 
geben, den Verftand und die Vernunft 
wodurch er fich zu helfen und ſich feine 
Stellung zu geben vermag. — ch 
meine die Nerven der Thiere.” 

„Es wird wohl wahr fein, was ihr 
fagt”, antwortete der Neifende, „die 
Thiere hängen mit der tiefer ſtehenden 
Natur noch viel unmittelbarer zuſam— 
men ala wir. Es wird nur darauf an: 
fommen, daß diefe Beziehungen ergrün- 
det werben und dafür ein Ausdruck ge- 
funden wird, bejonderd was das kom— 
mende Wetter betrifft.“ 

„Ich habe diefen Zufammenhang 
nicht ergründet“, entgegnete der Greis, 


867 


„noch weniger den Ausdruf dafür ge: |lungen auch nicht immer leicht verfteht. 
funden. Beides dürfte in diefer Allge: | Aber von fleineren Thieren hängen oft 
meinheit wohl jehr ſchwer jein. Aber | größere ab, deren Speife jene find, und 
ih habe zufällig einige Beobachtungen | die Handlungen fleinerer Thiere haben 
gemacht, habe fie dann abſichtlich wie- Handlungen größerer zur Folge, welche 
derholt und daraus Erfahrungen gefam: | der Menſch leichter überblidt. Freilich 
melt, und Ergebniffe zufammengejtellt, | fteht da ein Schluß in der Mitte, der 
die eine Vorausfage mit faft völliger |die Gefahr zu irren größer macht, als 
Gemwißheit möglich maden. Viele Thiere | fie bei der unmittelbaren Betrachtung 


find von Regen und Sonnenſchein fo 
abhängig, ja bei einigen handelt es fi 
geradezu um das Leben felber, je nad) 
dem Sonne oder Regen ift, daß ihnen 
Gott nothwendig hat Werkzeuge geben 
müſſen, diefe Dinge vorhinein empfin: 
den zu können. Dieſe Empfindung als 
Empfindung fann aber der Mensch nicht 
erfennen, er fann fie nicht betrachten, 
weil jie fi den Sinnen entzieht; allein 
die Thiere machen in Folge diefer Bor: 
empfindung Anftalten für ihre Zukunft, 
und dieſe Anjtalten fann der Menſch 
betradhten und daraus Schlüffe ziehen. 
Es gibt einige, die ihre Nahrung finden, 
wenn es feucht ift, andere verlieren fie 
in diefem Falle. Manche müfjen ihren 
Leib vor Negen bergen, manche ihre 
Brut in Sicherheit bringen. Viele müf: 
fen ihre für den Augenblid aufgejchla: 
gene Wohnung verlafen, oder eine an: 
dere Arbeit fuhen. Da nun die Bor: 
empfindung gewiß fein muß, wenn die 
daraus folgende Handlung zur Side: 
rung führen fol, da die Nerven fchon 
berührt werden, wenn noch alle menſch— 
lichen wiſſenſchaftlichen Werkzeuge ſchwei— 
gen, jo fann eine VBorausfage über das 
Wetter, die auf eine genaue Betrach— 
tung der Handlungen der Thiere ge- 
gründet ift, mehr Anhalt gewähren, 
als die aus allen wiſſenſchaftlichen Werk: 
zeugen zufammen genommen.“ 

„Ihr eröffnet da eine neue Rich— 
tung.” 

„Die Menfchen haben darin fchon 
vieles erfahren. Die beſten Wetterfen- 
ner find die Inſekten und überhaupt 
die Kleinen Thiere. Sie find aber viel 
ichwerer zu beobachten, da fie, wenn 
man die thun will, nicht leicht zu 
finden find, und da man ihre Hand: 


und der gleihjam redenden Thatſache 
it. Warum, damit ich ein Beifpiel an: 
führe, fteigt der Laubfroſch tiefer, wenn 
Regen folgen foll, warum fliegt die 
Schwalbe niedriger und fpringt der Fiſch 
aus dem Waſſer? Die Gefahr zu irren 
wird mohl bei oftmaliger Wiederholung 
der Beobachtung und bei forglicher Ver: 
gleichung geringer; aber das Sicherſte 
bleiben immer die Heerden der fleinen 
Thiere. Das habt ihr gewiß ſchon ge: 
hört, da die Spinnen Wetterverfündi: 
ger find, und daß die Ameifen den 
Negen vorher jagen. Man muß das 
Leben diefer kleinen Dinge betrachten, 
ihre häuslichen Einrichtungen anſchauen, 
oft zu ihnen fommen, ſehen, mie fie 
ihre Zeit binbringen, erforfchen, welche 
Grenzen ihre Gebiete haben, welde die 
Bedingungen ihres Glüdes find, und 
wie fie denſelben nachkommen. Darum 
wifjen Jäger, Holzhauer und Menſchen, 
weldhe einfam find, und zur Betrach— 
tung dieſes abgefonderten Lebens auf: 
gefordert werden, das Meijte von die- 
fen Dingen, und wie aus dem Beneh: 
men von Thieren das Wetter vorher: 
zufanen ift. Es gehört aber wie zu 
allem auch Liebe dazu.” 


„Habt ihr nun diefe Beobachtungen 
an den Thieren, wie ihr fagtet, gemacht ?” 
fragte der junge Mann, 


„Auf Beobadhtungen bin ich eigent: 
lich nicht ausgegangen”, antıvortete der 
Greis; „aber da ich lange in diefem 
Haufe und in diefem Garten gelebt 
habe, hat ſich manches zufammengefun- 
den; aus dem Zufammengefundenen 
haben jih Schlüſſe gebaut, und ich bin 
durch dieſe Schlüffe umgelehrt wieder 
zu Betrachtungen veranlaßt worden. 

55* 


Viele Menfchen, welche gewohnt find, 
jih und ihre Beitrebungen als den Mit: 
telpunft der Welt zu betrachten, halten 
diefe Dinge für Hein; aber bei Gott 
ift e8 nicht fo; das ift nicht groß, an 
dem mir vielmal unfern Maßſtab um: 
legen können, und das ift nicht klein, 
wofür wir feinen Maßftab mehr haben. 
Das fehen wir daraus, weil er alles 
mit gleicher Sorgfalt behandelt. Dft 
habe ih gedadt, daß die Erforfhung 
des Menfchen und feines Treibens, ja 
fogar feiner Geſchichte nur ein anderer 
Zweig der Naturmifjenfchaft fei, wenn 
er au für uns Menfchen wichtiger ift, 
als er für Thiere wäre. Ich habe zu 
einer Zeit Gelegenheit gehabt, in die: 
ſem Zweige manches zu erfahren und 
mir einiges zu merken. Doch ich will 
zu meinem Öegenftande zurüdfehren. Bon 
dem, was die Heinen Thiere thun, wenn 
Regen oder. Sonnenfhein fommen fol, 
oder wie ich überhaupt aus ihren Hand: 
lungen Schlüſſe ziehe, kann id nicht 
reden, weil es zu umftänblic fein würde, 
obwohl es merkwürdig ift; aber das 
fann ich jagen, daß nad) meinen biähe: 
rigen Erfahrungen geftern feines ber 
Thierhen in meinem Garten ein Zei: 
hen von Regen gegeben hat, wir mögen 
von den Bienen anfangen, melde in 
diefen Zweigen fummen, und bis zu 
den Ameifen gelangen, die ihre Puppen 
an der Planfe meines Gartens in die 
Sonne legen, oder zu dem Springfäfer, 
der ſich feine Speife trodnet. Weil mid) 
nun diefe Thiere, wenn ich zu ihnen 
fam, nie getäufcht haben, fo folgerte 
ih, daß die Wafjerbildung, welche un: 
fere gröberen wiſſenſchaftlichen Werk: 
zeuge vorausfagten, nicht über die Ent: 
ftehung von Wolfen hinausgehen würde, 
da es fonft die Thiere gewußt hätten. 
Was aber mit den Wolfen gefchehen 
würde, erfannte ich nicht genau, ich 
ſchloß nur, daß dur die Abkühlung, 
die ihr Schatten erzeugen müßte, und 
durh die Luftftrömungen, denen fie 
jelber ihr Dafein verdankten, ein Wind 
entjtehen fünnte, der in der Nacht den 
Himmel wieder rein fegen würde.” 


„Und jo geſchah es auch“, 
der Neifende. 

„Ich konnte es um fo ficherer vor- 
ausfehen, weil es.an unferem Himmel 
und in unferem Garten oft ſchon jo 
gewefen iſt wie gejtern und ftetö jo 
geworden ift, wie heute in der Nacht.“ 

„Daß ift ein weites Feld, von dem 
ihr da redet“, fagte der Reifende, „und da 
fteht der menſchlichen Erfenntniß ein nicht 
unwichtiger Gegenftand gegenüber. Er 
beweift wieder, daß jedes Wiſſen Aus: 
läufe hat, die man oft nicht ahnt, und 
wie man die fleinften Dinge nicht ver: 
nadläffigen fol, wenn man aud nod) 
nicht weiß, wie fie mit den größeren 
zufammenhängen. So famen wohl aud) 
die größten Männer zu den Werfen, 
die wir bewundern, und fo kann mit 
Hereinbeziehung defien, von dem ihr 
redet, die Witterungsfunde einer großen 
Erweiterung fähig fein.“ 

„Diefen Glauben hege ih auch“, 
erwieberte der Greis, „Euch Jüngeren 
wird es in den Naturwiſſenſchaften über: 
haupt leichter, als es den Aelteren ge: 
worden ift. Man jchlägt jegt mehr die 
Wege des Beobadhtens und der Berfu- 
che ein, ftatt daß man früher mehr den 
Vermuthungen, Zehrmeinungen, ja Ein: 
bildungen hingegeben war. Diefe Wege 
wurden lange nicht klar, obgleich fie 
Einzelne wohl zu allen Zeiten gegangen 
find. Ye mehr Boden man auf die 
neue Weife gewinnt, deſto mehr Stoff 
hat man als Hilfe zu fernern Errin- 
gungen. Man wendet ſich jet auch mit 
Ernft der Pflege der einzelnen Zweige 
zu, ftatt wie früher immer auf das 
Allgemeine zu gehen; und es wird da— 
her auch eine Zeit fommen, in der man 
dem Gegenftande eine Aufmerffamleit 
ichenfen wird, von dem wir jebt ge: 
ſprochen haben. Wenn die Fruchtbar: 
feit, wie fie durch Jahrzehende in der 
Naturwiſſenſchaft geweſen ift, durch 
Jahrhunderte anhält, ſo können wir 
gar nicht ahnen, wie weit es kommen 
wird. Nur das eine wiſſen wir jetzt, 
daß das noch unbebaute Feld unendlich 
größer iſt als das bebaute.“ 


ſagte 


„sh babe geftern einige Arbeiter 
bemerkt“, ſagte der Neifende, „welche, 
obwohl der Himmel voll Wolfen war, 
doch Wafler pumpten, ihre Gießfannen 
füllten, und die Gewächſe begojjen. Ha: 
ben dieſe vielleicht aud gewußt, daß 
fein Regen fommen werde, oder haben 
fie bloß eure Befehle vollzogen, wie 
die Mäher, die an dem Meierhofe Gras 
abmähten.” 

„Das Lettere ift der Fall“, er 
wiederte er. „Diefe Arbeiter glauben 


der ich in meinem demnächſt bei G. He: 
denaft (Leipzig, Preßburg) erfcheinen: 
den Bude: „Waldheimat” erzäh: 
len werde. Zur Feier der für dieſen 
Monat angekündigten Mondesfinfternif 
jei das Geſchichtchen bier mitgetheilt. 

Einmal war beim Nachbar Leichen: 
wache. Bei folden Anläffen kommen 
die Leute zufammen zum Gebet und 
zur heiligen Betrachtung. 

Des Waldjofel Eleiner Franz war 
geftorben und id, ein Knabe mit zwölf 


jedesmal, daß ich mich irre, wenn der | Jahren, nahm mein Erbauungsbuch und 


äußere Anſchein gegen mich iſt, wie oft | mein Fernrohr, 


dad ich einem alten 


fie auch durch den Erfolg belehrt wor- | Haufirer abgeſchachert hatte, und ging 
den fein mögen. Und fo werden fie ges | zur nächtlichen Leichenfeier. 


wiß auch geftern geglaubt haben, daß 
Regen komme. Sie begofjen die Ge: 
wächſe, weil ich es angeordnet habe. 
Es find aber endlich auch noch andere 
Dinge außer den Thieren, melde das 
Wetter vorherfagen, nämlich die Pflanzen. 
In meinem Garten und in meinem Ge- 
wächshauſe find Pflanzen, welche einen 
auffallenden Zufammenhang mit dem Luft⸗ 
freife zeigen, bejonders gegen das Nahen 


men fann man dem fommenden Regen 





doch gar zu gerne fehen, 
der Sonne, wenn fie lange in Wolfen 
geweſen war. Aus dem Seruche der Blu | 


Wir beſaßen im Haufe einen hun: 
dertjährigen Kalender, der hatte ſchon 
vor vielen Jahren für die heutige Nacht 
eine Mondesfinfternig prophezeit, ohne 
daß er gemußt haben mochte, daß ich, 
der Waldbauerndbub, um dieſe Zeit 
wirflih mit einem Fernrohre gerüftet 
war und mir daher die Mondesfiniter: 
niß fehr erwünſcht fam. Ich mollte 
wie das 
ihmwarze Ungethüm, das fein Menſch 
fannte und da3 auch der Hundertjäh- 
rige nicht zu befchreiben mußte, den 


entgegenfehen, ja fogar aus dem Grafe | lieben Mond anpaden und ſich in den: 
rieht man ihn beinahe. Mir kommen | felben hineinfreffen würde. 

diefe Dinge jo zufällig in den Garten | Als ich über die Felder ging, ſtieg 
und in das Haus; ihr aber werdet fie der Mond gerade über die Teufels- 
weit beffer und weit grünblicher kennen fteinwälder herauf, fo vollwangig und 
lernen, wenn ihr die Wege der neuen ſo freundlich lächelnd. Er hatte mohl 
Wiffenfhaftlichteit wandelt und die Hilf3: | feine Ahnung, was nad) dem Hundert: 
mittel benüßt. Ich glaube, daß in der | jährigen ihm heute bevorftand. Mein 
gegenwärtigen Zeit der Standpunkt der Inſtrument hielt ich in der innern Rod: 
Wiſſenſchaft, von welder wir fpradhen, \tafche verborgen und fo kam ich zum 
der des Sammelns ift. Entfernte Zei: | Haufe, wo der todte Franzel lag. Er 
ten werden aus dem Stoffe etwas bauen, |lag in der Wohnſtube aufgebahrt und 
das wir noch nicht Fennen.“ daneben ſtand ein Tiſch, um welchen 
ſchon mehrere Leute ſaßen, die Tabak 
rauchten, dabei über Wirthſchaftsdinge 
ſprachen und auf mein Vorleſen war: 
teten. Glaubensgrübler waren dabei, 
fo die alte Niegelbergerin, fo der Holz: 
ichlager =: Thomerl und das war mir 


Bon einer Finfternif. 


Da uns der Kalender für die Nacht 
vom 23. auf den 24. Auguſt eine 


totale Mondfinfternig vorausfagt, fo 
erinnere ih mid an eine foldje Fin- 
fterniß aus meinen Kindestagen, von 


gerade recht, denn ich hatte in meinem 
Bude ein prädtiges Kapitel über den 
Weltuntergang vorbereitet, 


Zuerft, als fih die Meiber heran- 
gezogen hatten, wurde ein geiftliches 
Lied gefungen: 


Hort, liebe Kinder insgemein, 

An’ Reiche, Arme, groß und Hein, 
Hörct zu mit Traurigkeit, 

Der jüngite Tag ift nimmer weit. 


An einem fo erfchredlichen Tag, 

Da fallen die Sterne vom Himmel herab, 
Sonn’ und Mond verfinftern ſich, 

Die Allmacht Gottes kündet ſich. 


Und weiter war im Liede die Rebe 
vom Thale Joſaphat, von Pofaunen: 
getön’, von der Auferjtehung der Todten 
und vom Gerichte. 

Somit war das Volk in die rechte 
Stimmung verſetzt. Ich ſchlug mein 
Bud auf, um mit den draſtiſchen Vor— 
berfagungen eines theologifhen Schrift: 
ftellers und mit nahdrüdlicher Stimme 
die Wahrheit des Liedes zu beweifen. 
Die prädtigften Zeihen und Wunder 
predigte ich zufammen; die Sterne pur: 
zelten vom Himmel wie Hagelkörner 
und Sonne und Mond verfinfterten fich 
derart, daß ein alter Bauer, der Brunn: 
michel, es für nöthig hielt, mit ben 
Fingern das SKerzenliht zu pußen. 
„Auweh!“ fagte er dabei, „auch beim 
Waldjofel ift das Feuer heiß!“ 

„3a, das magſt Dir wohl merken“, 
meinte die alte Niegelbergerin, „und 
fein folder Uebermuth fein, Du alter 
Zatel. Bedenk's nur, wenn fchon das 
Feuer beim Waldjofel jo heiß ift, wie 
wird's erſt in der Höllen brennen!“ 

„Bedank' mid fauber für Deine 
Chriftenlehr’“, antwortete der Brunn: 
michel, „Du meinft, weil id), der fieb- 
sig Jahr alte Schippel, auf's Steiriſch— 
tanzen noch was halt’. Weißt, Niegel- 
bergerin, ich den’ mir halt fo: 

Seide Inftig, ſeids luſtig, 
Thut's fingen und bupfen, 
So kann Euch der Teuxel 
Kein Haarl ausrupfen!“ 


„Aber Du mein Gott!“ rief der 


hebt er mit ſeinen Schelmenliedern an, 
und neben uns liegt ein Todtes!“ 

„Jeſus, Maria und Joſef!“ kreiſchte 
ein Weib und riß ihren Kopf vom 
Fenſter zurück, „ſchaut's hinaus, Leut', 
der jüngſte Tag! Den Mond ſchaut's 
an, ein großmächtiges Stuck iſt weg— 
brochen!“ 

Alles ſtürzte zu den Fenſtern, zur 
Thür. 

„Ja, wahrlich!“ 

„Es iſt vollſcheinig, heut'!“ 

„Das iſt gewiß, aber der hölliſch' 
Drach' frißt den Mond auf!“ 

„Und kehr' die Hand um, wird er 
auch die Sonn' im Rachen haben, nach— 
her, behüt' Dich Gott, Taglichten, nach— 
her mögen wir in der Finſterniß den 
Hafer ſchneiden!“ 

„Ja, wenn einer wachſt?“ 

„Ja, wenn einer anbaut wird! Ich 
denk', nach dem Haferfeld werden wir 
nicht viel fragen. Werden bald die Po— 
ſaunen zu hören kriegen!“ 

„Wer hätt's gemeint, daß wir das 
noch ſollten erleben!“ 

„Und von Todten auferſtehen ſoll— 
ten, ehvor wir geſtorben ſind“, ſagte 
der alte Michel, „aber ich fürcht', es 
iſt nur eine Mondesfinſternuß.“ 

In der Erregung war das Licht 
ausgeloſchen; die Ampel an der Leiche 
glimmte kaum; der Mond ſchien mit 
mattem Lichte auf den Fußboden der 
Stube herein. Ich that mein Fernrohr 
hervor, zog es auseinander und hockte 
unter den Tiſch hinab, damit ich durch 
das kleine Fenſter mit meinem Inſtru— 
mente dem ſchon hochſtehenden Mond 
beikonnte. 

Ich erſchrak ſelber. Der ganze un— 
tere Theil, wo ſonſt Adam und 
Eva ſaßen, war weg, und Der andere, 
der nod) da war, zitterte, wie das zu: 
jammengebrochene Lamm vor dem Wolfe. 

Mehrere Weiber waren, wie es bei 
Finfterniffen in vielen Gegenden nod 
gebräudhlih, mit Hafendedeln, Pfan— 
nen und Töpfen in's freie geeilt und 


Holzſchlager-Thomerl entrüftet, „jetzt huben an zu ſchellen und zu klirren: 


vielleicht geläng’ es doch noch, dem „Iſt Alles Verblendung !” 
Ungeheuer die Beute abzujagen. „Na!“ fagten ein paar Weiber, 

Mittlerweile war die leuchtende „wenn Du ſchon fo geſcheidt bift, fo 
Scheibe ſchier zu einem Kipfel zufam: | erzähl’s halt, was Du haft gejehen.“ 
mengefhmwunden und ich begann nun „So viel ich hab’ fehen können“, 
zu meinem Erjtaunen auch jenen Theil | verfegte ih, „hält der Mond fein Sad: 
tuch vor's Gefiht und meint.“ 

Ueber was funnt er denn weinen”, 
rief die Riegelbergerin aufgeregt, „als 
über die Schlechtigkeit der Welt!“ 

„Oder über die Dummheit der 
Leute“, ergänzte der Michel. 

Sch fah, daß es fchief ging und 
meinte, ich wäre in meiner Beobachtung 
nur zu früh geftört worden und hätt’ 
e8 nit fo genau gefehen, möglicher 
Weiſe — und mir habe es fogar fo 
geſchienen — hätte der Mond vor lau: 
ter Lachen fein Taſchentuch vor's Ge: 
ſicht gehalten. 

„So hat er wen ausgelacht!“ ſagte 
der Michel und fchielte auf die Riegel: 
bergerin hinüber. 

„Weißt Du was, Bub!“ fuhr mid) 
diefe an, „Du bift ein Fabelhans und 
Du gehft hinaus! — aber gleich gehit 
hinaus!” — Gie hob gegen mid) ihre 
jwei mageren Fäufte. 

„Oho!“ rief der Michel und ftellte 
fih dazwifhen, „ift das eine Mode! 
beim Leihenwaden! Dem Bübel ge: 
ſchieht nichts und jetzt, Weiberleut’, 
ſingts wieder Eins, wißts kein Luſti— 
ges, ſo thuts ein Trauriges, aber fein 
nah dem Takt, daß Einer dabei tan— 
zen kann ...“ 

„Die Finſterniß iſt ſchon vorbei“, 
berichtete der Hausvater, der zur Thüre 
hereinkam. Und ſiehe, der Mond war 
wieder licht und rund, er weinte nicht 
und lachte nicht — in ſtiller Freund— 
lichkeit blickte er nieder auf den Zim— 
mermann, der über den Anger ſchritt 
und auf der Achſel den kleinen wei— 
ßen Sarg herantrug. 

Neben dieſem glitt ein ſchwarzes 
Ungeheuer daher. Es war der Schat— 





wieder zu ſehen, der gar nicht da war. 
Es ſtand wahrhaftig noch der ganze 
Mond am Himmel, nur war er fledig 
und ſchwarz geworden, wie im Herbfte 
die Franken Erdäpfel ſchwarz werben. 
Und nun dachte ich bei mir: Es fieht 
nit aus, ald ob ein Ungeheuer den 
Mond im Nahen hätte, es weiſt ſich 
vielmehr, als wie eine Krankheit, die 
den lieben Mond überfällt, daher auch 
das Sieber, das Zittern, wie ich eö 
durch mein unruhiges Fernrohr beob: 
achten konnte. 

IH war mitten in meinen or: 
ſchungen, da rief plöglid Einer : „Was 
madt denn Der da unter dem Tiſch? 
Hat er was Heimliches ?* 

„Das werden wir gleich ſehen; 
herauf mit dem Waldbauernbuben!“ 

Und fie zogen mich hervor und 
jest jahen fie mein Inſtrument, womit 
ih den Mond betrachtet hatte. 

Das war Unheil. Zuerft fuhr die 
Niegelbergerin auf mic los. Sie hief 
mih den Undrift, der felber nicht 
glaubt, was er gerade aus dem heili: 
gen Bude gelefen hat, der wie die 
Heiden mit Nöhren und Gläfern den 
Himmel ergründen will, mit Teufels: 
werkzeugen dem Herrgott gleihfam in’s 
Auge ſchaut und in den Magen hinein ! 

Der Holzihlager: Thomerl riß mir 
das Fernrohr aus der Hand und ftürzte 
damit zum Ofen: „Da gehörts hinein !* 

Alles war aus Rand und Band 
und wollte mir böſe. Da flüfterte mir 
der Michel in’s Ohr: „Bub’, lüg' ihnen 
gefhwind was vor, fonjt fragen fie 
Dir die Augen aus.“ 

Da rief ich den Leuten zu: „Seids 
froh, daß ich mit dem Fernrohr hinauf: 
geſchaut hab’, daß ich's Euch erzählen |ten vom Zimmermann und dem Sarge. 
fann, wie's jet zugeht da oben?“ Aa. i 

„Wir mollen 's nicht willen!“ — 
ſchrien Einige. — 





— rm m _ 


872 


Wie Tirol feine Dichter feiert. | 
Bon Joſef Erler. 


Im Süden von nnöbrud erhebt | 


fi ein reizendes Mittelgebirge. Ueppiger 
Tannenwald dedt dasfelbe. Auf einem 
Plateau liegt ein herrſchaftliches Haus, 
der „Biggelberg”. Wenige Minuten ent: 





fernt ruht auf weichem Moofe ein Stein. | 


Darauf ift einzegraben zu lefen: 


Zur Erinnerung au 


Hermann von Gilm 
umd 


Friedrich Yentner. 
@emidmet 1877. 


Vor wenigen Tagen war er mit 
alührothen Alpenrojen umkränzt. Viel 
Volk hatte fih um denfelben verfammelt. 
Städter und Landleute im bunten Ge: 
miſche. Bon den Bergen hallten donnernd 
Freudenfchüffe wieder. Dazwiſchen fröh— 
lihe Mufifflänge. 

Trüb nur blidte der Himmel dazu 
nieder. Niemand aber adhtete auf folche 
Trübnif. 

Mas man hier wollte ? das hatte 
ih den Verfammelten zu erflären, Einer 
der jüngjten der Schaar, die im Berg: 
lande die Feder führt. Es ift billig, 
daß der Jünger in That und Wort 
den Meifter ehrt. 

„So reht am Herzen der Natur, 
auf fchwellendem Moofe, unter dem, 
duftiggrünen Dache 
Hochwaldes ward mir die ehrende Auf: 
gabe, den Willlommgruß zu einem Feſte 
zu bieten. Schlicht und einfach wie deſſen 
Scenerie foll fi) auch dasfelbe geftalten 
und doch wird der finnige Haud) , der 
es durchweht, das vermißte äußere Ge: 
pränge mehr als erjeten. 

Es ift in unferen Tagen zu einer 
Art Manie geworden, berühmten Männern 
nad) ihrem Tode prächtige Monumente 
zu fegen. Iſt es doch die einfachſte Art, 


Ihnen den fchuldigen Tribut der Dank: | 


Nüglihe, die nöthige Ausfhmüdung 
ganzer Stabttheile verbunden ift. 

Mir fommt es hier nicht zu, über 
die Berechtigung diefes Cultus zu richten, 
wie ferne wir aber demfelben heute 
ftehen, möge der einfadhe Stein ver: 
fünden, um den wir uns verfammelt. 


Der Wald hat ihn uns geboten, 


ein ſchlichter Meißel nur hat zwei Namen 
| in denfelben gegraben, zwei Namen aber, 
‚die ihn herrliher als die vollendetfte 








eines herrlichen | 





barkeit abzuzahlen und Hat dabei den 
Bortheil, daß mit dem Schönen das | 


‚Arbeit des Meifters zu zieren ver: 


mögen. 


Hermann von Gilm und Sofef 
Friedrih KLentner! Welchem Sohne 
Tirols, der fi für das geiftige Leben 
feines Vaterlandes interefjirt, könnten 
diefe Männer fremd fein? Wer hat ſich 
nicht an den bezaubernden Weifen, die 
jener feiner Leier entlodt, wer ſich nicht 
an den duftenden Erzählungen, die 
diefer mitten aus dem Herzen des 
Bolfes gegriffen, fchon zum  öftern 
erfreut ? Wer aber hat wohl dabei gedacht, 
daß gerade die reizenbften biefer poe— 
tiſchen Blumen auf dem Boden erblüht, 
auf dem wir uns eben befinden ? 


Diefer Stein foll es jetzt den Ver: 
ehrern und Werehrerinnen der beiden 
Dichter Fünden, dak in den geheiligten 
Näumen diefes Waldes die erften Lieder 
Gilms von Freiheit, Frühling und 
Liebe erflungen, jene begeijterten Lieber, 
die den Grundftein zum fpäteren Ruhm 
ihres Schöpfers gelegt. 2 
Ih habe drei Kränze gewunden, 
Gleich einer Schäferin, 

Ind will fie nun vertheilen 
Nadı meinem thörichten Sinn. 


Den erften aus Eichenblättern, 
Den drüde ih Dir au'fs Haupt, 
Es liegt eine Kraft in der Eiche, 
Auf die man vertraut und glaubt. 


Den zweiten aus wilden Rojen, 
Sch’ ich dem Bächlein im Maid, 
Das färbt mit rofigem Leben, 

Die Wangen von Jung ımd Alt. 


873 


Den dritten aus Blumen des Feldes 
Leg’ ich dem Heiland auf's Baar, 
Er foll feinen Dornenkranz tragen 
In meinem feligiten Jahr. 


Wer erfennt nicht auf den erften 
Blid, daß die Staffage zu dem gemüth: 
vollen Gedichte, deſſen Töne einen 
bis in die Tiefe des Herzens rühren, 
gerade dieſe reizende Gegend gebildet ? 

Wenige Jahre früher hatte hier 
Joſef Friedrih Lentner, der gottbe: 
gnabete Genremaler mit Pinfel und 
Feder, die alüdlichften Stunden verlebt, 
in dem Schatten dieſer Bäume jene 
prächtige Erzählung geträumt, mit der 
er unter dem Titel: „Das Tiroler 
Bauernfpiel” dem Alpenlande das jchönfte 
Ehrengeſchenk dargebradtt. 

Wie Gilm in feinen Gedichten, hat 
Lentner in feinen Erzählungen das 
Leben und Schaffen des Tiroler Volkes 
in meifterhaften Karben gezeichnet. Wenn 
er von Geburt Fein Tiroler war, fo 
hat ihn doch feine heiße Liebe zum 
Alpenlande und feine edle Denkungsart 
zum beften Sohne unferer Berge gemadht. 

Wie Gilm glühte und fämpfte aud 
er mit den fcharfen Waffen des Geiftes 
für Mannesehre und Denkungsfreiheit. 
Wenn ihre Mege verjchieden waren, 
ihr Biel blieb doc dasfelbe, wie die 
Stätte ihres erften Wirfens. Und des— 
halb möge auch diefer Stein ihre Na: 
men brüderlich vereinen ! 

Dem Wanderer, der des Menges 
fommt, wird er verfünden, daß bier 
zwei der beiten Männer Tirols unver: 
geklihe Tage verbradht, daß fie auf 
diefer Werkftätte am Herzen der Natur 
ihre jungendfrifchen Schöpfungen in die 
Melt entjandt. 

Der wird es dann in den Bäumen 
geheimnißvoll raufchen, in den Büſchen 
leife flüftern hören, alles ringsum 
wird Leben befommen. Dort wird er 
den Schüßen mit der Fahne, hier den 
Nitter am Arme der Geliebten, an der 
Duelle den Mönd; mit dem Breviere, 
auf der Weide das blondgelodte Hirten: 
mädchen, kurz in langem Reigen alle 


die herrlichen Geftalten fehen, melde 
die Mufe mit ihrem begeifternden Kuffe 
ihren beiden Lieblingen vor die Augen 
gezaubert. — 

Manch graugelodter Alter wird hier 
vielleiht mit thränenden Augen jener 
Zeit gedenken, in der die beiden Männer 
zu den Gefeiertften des Tages gehörten ; 
manch lebensfroher Jüngling wird da: 
durch angeregt werden, aus dem Borne 
reicher Geiſtesſchätze, die fie uns als 
ihr ſchönſtes Vermächtniß zurüdgelaffen 
freudig zu fchöpfen. 

Sie werden den Freunden unferer 
beiden Gefeierten, die dem Ruhmesfranze 
unferes Baterlandes die ſchönſten Blätter 
eingeflochten, für diefen Dentftein dank: 
bar fein, wenn er auch nur in fchlichter 
Weife die Namen trägt, die im Herzen 
des Volks eingegraben find: 


Hermann von Gilm und 
Friedrich Lentner! — 


Darauf aus hundert Kehlen begei- 
ſteters Hoch. Die Mufif fällt ein. Bei 
ihren Klängen fcheidet man vom trauten 
Drte. So mande Alpenrofe glüht zur 
Erinnerung an fchöner Mädchenbruft. 
Meine bring’ ich der Liebften nach Haus. 
Beim Dorfmwirth in Natters gibts noch 
luftigen Tanz. 


Joſef 


At und Jung iſt in rofigfter 
Laune. 
So fließt der Felttag. Iſt das 


nicht eben fo jchliht ala finnig, wie 
man im Alpenlande Tirol die Dichter - 
feiert ? 


Innsbruck, im Juli 1877. 


Sommermondnadlt. 
Von Ernft Raufder. 


Sp viel fhöner die Erinnerung 

An beglüdte Zeit, als dieſe felber 

So viel ſchöner, als der goldenfte, 
Sonnigfte der Tage, ift die Mondnäacht. 


Bauberhelle dämmert allverflärend 


Ueber dem Walde, darin das Käuzchen feufzt, 





Dänmmert über Wiefen, wo der ®rille 
Scläfriges Gezirpe raftlos tönt. 


Eine fpäte, fleik'ge Sichel Hingt, 
Wachtelſchlag herauf aus duft'gem Kornfeld, 
Jezuweilen in azur'ner Ferne 

Um die Berge zudt es wetterleuchtend. 


Aber wie der Greis, der filberlodige, 

Auf den Jüngling blidt, dem Leidenjchaften 
Rod im Bufen flammen —, mildelächelnd 
Blidt der Vollmond auf die heiße Erde. 


Von des Nufbaums breiten Blättern träufelt 
Weißes Licht, die Stufen der Veranda 
Fließt es nieder, an dem Hausgewände, 
Daß es gleißt, ald wär’ es eitel Marmor. 


Aus dem Schage der Erinnerungen 

Seh’ ich mir die föftlichften der Perlen, 
Laſſe flimmern fie, wie Tropfen Thaues — 
Dort im keuſchen Schoß der weißen Roſe. 


Bis in füher Müdigkeit die Seele 

Mir dahinfhmilzt, wie das Moltenflödcden 
Soc im Aether, wie Refedenhaud) 

In der lauen Luft ſich wonnig auflöft. 


Auguft. 


Der glüdlihfte Monat von Allen 
ift vielleicht diefer. Das Yahr ift nicht 
mehr jung und ift noch nicht alt; die 
heißen Leidenſchaften der Hundstage 
find vorbei, die Mühfal der froftigen 
Sreifenzeit ift noch nicht gefommmen. Es 
ift die Zeit des behaglichen Friedens, des 
erften Genufjes der Früchte vergangener 
Arbeit. 

Der Landmann quält ſich nicht 
mehr mit Furcht und Hoffnung, er 
weiß nun, was von diefem Jahr das 
Seine ift. Er will nur hundert Hände 
haben zum Anfichnehmen der Gaben 
al’, die ihm Gärten und Felder gefpendet 
haben. 

Die Bäume warten nod geduldig, 
bis er mit Anderem fertig ift, und 
vervolllommnen ihre Früchte. Ihre 
Schönheit und Größe zeigt die Natur 
dad ganze Fahr, aber in diefer Zeit 
weist fie ihre Treue. Das Tagmerf 


era 


geht zu Ende, fie ladet die Arbeiter zu 
ihren Tifchen und läßt ihre Sonne 
leuchten in milder Wärme, und überall 
grünen neu die Wiefen, blühen Blumen 
neu, ald wäre ein zweiter Frühling. 
Die jungen Jahreszweige des Waldes 
erftarfen und herben fich zu Holz. Das 
Gevögel aber ift fleinlaut geworben ; 
zwei Finken, die fpazieren flogen, haben 
oben am Bergahorn einen traurigen 
Fund gemadt. Ein gelbes Blatt. Bud; 
finfen leſen fonft feine Blätter, aber 
die Neuigkeit dieſes Blattes haben 
fie nur zu gut verftanden. Sie fehrten 
zurüd und theilten eö den Uebrigen mit 
— und feither mag feiner mehr fo über: 
müthig fingen als vordem. 

Hingegen find zu diefer Zeit an: 
dere Vögel auf's Land gefommen, die 
an Jubel und Uebermuth die Be: 
flügelten weit übertreffen. Saßen fie 
doch das ganze Jahr in ihren Stein: 
fäfigen gefangen und wurden gefüttert 
mit dürren Körnern der Worte, die 
man ihnen in papierenen Düten vor: 
jegte oder audh nur mit dem Munde 
jo hinblies. Als nun die Käfige auf: 
gethan wurden, flatterten fie ganz wild 
heraus und wollen fich in der ländlichen 
Natur entfhädigen für ihre Gefangen: 
ihaft und die Körner, die oft gar fo 
troden und deren Schalen mitunter 
ſchwer aufzubeißen waren. Auguſt iſt 
der Studentenmonat. 

Und die Kirche — ſie intereſſirt 
uns ouf dem Lande immer; nur im 
ftillen, allmächtigen, gottähnlichen Weben 
der Natur wirkt der religiöje Cultus 
auch noch auf das Herz des Weltfindes 
— die Kirche begeht in diefem Monat 
das glorreichite et ihrer Marienminne : 
die Emporfahrt der Mutter Gottes in 
den Himmel. Die Marienaltäre der 
Landfirhen und Kapellen fehen an 
diefem Tage aus mie wilde Roſen— 
büjche, aus denen Kerzenflammen wachſen, 
und fchier betäubend ift der Blumen: 
fronen Duft im Gotteöhaufe. Und der 
Dichter greift begeiftert in die Harfen- 
faiten. In einer Waldfapelle des Ober: 
landes find an die Mauer — wahr: 


875 


ſcheinlich 
Poetenherzen — folgende Worte ge— 
ſchrieben: 


„Aus Todesbanden 

Iſt der Sohn erſtanden. 

Und fie, das heiligſte Weib der Schmerzen, 
In der ewigen Jugend Strahl 

Stieg empor auf Rofenwolten 

Zum himmlischen Königsfaal. — 

O, Dank den Zungen, 

Die dieh Lied gefungen 

Das eritemal in Glauben und Hoffen. 
Unfer Leib finft der Erde zu, 

Doch Dir, o Herz, fteh’ im Ideal 
Heiliger Dichtung der Dimmel offen! 

In Lebensftürmen verlifcht der Schimmer, 
Der kindliche Glaube vergeht wie Than. 
Er fei dahin. Nur Ein’s laß ich nimmer: 
Das glorreiche Anbild der göttliden Frau 


Marin, Maria, 

Mit deinen Schmerzen, 

Mit deinen Freuden ! 

In meinem Herzen 

Biſt von allen 

Den Idealen, 

Den berrlidyen, fühen, lieben, 

Mir allein du noch geblicben. 

Deines Gedächtniſſes Segen 

Möge uns retten 

Aus der Verzweiflung finiteren Wegen, 
Aus der Peidenfchaft ehernen Ketten. 
— D, ewigen Preis 

Der Gebenedeiten, 

Der Gnadenreichen ! 

Erd’ und Simmel zu allen Zeiten 
Haben nichts, dir zu vergleichen. 

Die Könige ruhen zu deinen Füßen, 
Die Schaaren der heiligen Engel küffen 
Den Saum deines leuchtenden Kleides. 
Und in den Kammern 

Des Elendes jammern 

Die lichtloſen Kinder des Leides. 


Die Befallenen weinen 

3u dir, der Meinen, 

Die gebrochenen Herzen, 

Die verlornen Seelen 

Dürften nad deinen labenden Quellen. 
Auf Schutt und Trünmmern 

Irdifcher Freuden, 


von einem jehnfuchtsvollen Auf theuren Gräbern, 


Unter Tranerweiden 

Bliden Augen, thränenumbüllt, 
Suden, Maria, 

Du Mutter der Liebe, 

Dein himmlifhes Bild. — 

O, laß’ uns Kinder der Erde nimmer 
Verlieren ganz Deiner Minne Schimmer. 
Maria, Maria, dies bitten wir! 

Und wenn Felſen ftürzen 

Und die Himmel beben, 

Huldreiche Frau, 

Laß' beitehen, laß’ leben 

Im Menſchenherzen 

Das fühe Bild von dir!" 


Bücher. 


Das Vermächtniß Kains. 


Novellen von Sacher-Maſoch. II. Theil. 
Das Eigenthum. 2 Bde. Bern, G. Frobeen 
und Comp. 1877. 


Sacher-Maſoch genießt feit geraumer 
Zeit von Seite der zünftigen Kritik, 
der öfterreidhifchen wenigitens, eine Ver: 
günftigung, um die ihn wohl Mande 
beneiden und die er vielleicht nicht ein: 
mal verdient: die Vergünftigung nämlich, 
daß fie über ihn ſchweigt. Mit Flopf: 
fechterifhem Muthe mehrmals von ihm 
angegriffen, ſcheint fie zu glauben, Schwei⸗ 
gen fei die furdtbarfte Rache, die fie 
an ihm nehmen fann. Nun wird aller: 
dings Sacher-Maſoch durch das Schwei- 
gen der Kritik veranlaßt, deſto mehr 
von fich felbft zu fprehen, und das ift 
ein Unglück für Sader-Mafoh. Aber 
dem Publikum gegenüber hat er den 
Vortheil, daß diefes, von feinem kritiſchen 
Halloh geftört, das „Vermächtniß Kains“ 
unbefangen lieft und fid ein Urtheil 
bildet über die Vorzüge und Schwächen 
eines Autors, deffen Individualität an 
fich ſchon eine fo eigenthümliche, abſonder— 
liche ift, daß fie im Hohlfpiegel einer 


nicht ganz unparteiifchen Kritif zum 


völligen Zerrbild werden müßte. 
Sacher-Maſoch befitt ein Erzähler: 
talent, das auf die beutfche Leſewelt 


876 


um fo pifanter wirft, weil feine Eigen: | Vergnügen!“ ruft der Pole, fest fi 
fchaften die einer anderen Race find. in die Branntmweinfchenfe und läßt für 


Leider aber liegt etwas Krankhaftes in 
der geiftigen Organifation diefes Schrift: 
ftellers. Cine volle Gefundheit würde 
fih nicht täufhen über die Wirkung 
beifpiellofen Selbftlobes, würde nicht zur 
Eelbftparodie in hundert leichtfertig hin: 
geworfenen Blättern fchreiten, würde das 
Maßloſe und das Einförmige in folcher 
Production Tängft erfennen und meiden 
gelernt haben. 

Und doch, wie klar ift ebenderjelbe 
Autor zu fchreiben im Stande! Man 
lefe nur in der Vorrede zu diefem zweiten 
Theile des „Vermächtniſſes Kains“ die 
Stellen, in welden er die Grundidee 
feines Werkes auseinanderfegt. Wie 
lichtvoll und einfach und fchlagend iſt da 
Alles! Man fieht, es mangelt in der 
geiftigen Organifation Sacher-Maſochs 
neben den kranken Stellen noch nit an 
gefunden. 

Sader:Mafoh wirft, indem er in 
feinem großen Novellen:Cyflus uns den 
Slaven, und vielleiht den Zufunfts- 
menſchen ſchildert, ein Licht in die fchauer: 
lichften pfychologifhen Abgründe. Der 
Horizont diefer jlavifhen Welt ift er: 
drüdend niedrig. Man fühlt fi) an die 
ruſſiſchen Kuppelbauten mit ihren mafjigen, 
fhwerlaftenden, das Gemüth nicht be: 
fchwingenden, fondern gegen die Erde 
prejlenden Formen erinnert. Mit der 
ganzen Blafirtheit der Culturvölfer ver: 
einigt fih da noch die halbe Wildheit 
eines Naturvolks. Vom Affen jcheint 
wenigftensder Durchſchnittsmenſch Sadyer- 
Maſochs nicht abzuftammen — eher vom 
Bären oder Wolfe. Nadter thierifcher 
Egoismus, fein Auffhwung, fein ge 
hobenes, in ſich ſelbſt befriedigtes Innen— 
leben, feine Refignation ! 


alles Uebrige den lieben Gott und den 
Juden forgen. — Aber bliden mir hier 
nicht auf die „Nadhtfeiten”, nicht in bie 
Abgründe der Menfchennatur überhaupt ? 

Abſtrakt gefaßt, find die typifchen 
Geſtalten Sacher-Maſochs von unbeftreit: 
barer tiefer Bedeutung. 

Der Diebitahl, der Raub, der Be: 
trug, Geiz und Wucher u. f. m. fommen 
der Neihe nad zur Darftellung in den 
Novellen dieſes zweiten Cyflus des 
„Bermädtniffes Kains“, der das „Eigen: 
thum” behandelt, wie der erfte Die 
Liebe. Man darf aber nicht glauben, 
daß die jedenfalls interefjantere „Liebe“ - 
bier fehle. Sie ift da, und mit ihr das 
Sacher-Maſoch'ſche Weib, das unver: 
meidliche — das befannte Weib mit dem 
befannten Pelz, der es fo überaus gut 
und paflend fleidet, da er das Fell 
eines mehr oder weniger wilden Thieres 
ft... Gleich in ber großartig durch— 
geführten Cingangsnovelle „Das Volts- 
gericht“ haben wir die ſcheußliche Feo— 
dofia. Eine Art weiblihen „Cäfaren: 
wahnfinns” ift da gefchildert — und 
im Uebrigen Kampf um’s Dafein in 
gräulicher Geftalt, oder eigentlih Kampf 
um den mühelofen Genuß des Dafeins. 
Sacher-Maſoch führt indefjen in feinem 
Cyclus auch edle, Tiebevolle, zärtliche 
Meiber vor, und diefe begnügen ſich 
dann, ihren Liebhaber mit Nadeln zu 
neden, die fie ihm heimlich in die 
Aermel feiner Gewänder fteden, damit 
er ſich daran blutig rite, oder den: 
jelben bei einer Kahnfahrt ein wenig 
in’s Waſſer zu werfen und fich halb tobt 
zu laden, wenn er fid) erfältet und das 
Fieber befommt, und mas dergleichen 


Im „Don reizende Schelmereien mehr find... . 
Juan von Kolomea“, dem Meifterjtüde | 


Welch' ein intereffanter Unterſchied 


Sacher-Maſochs, fcheitert das Glüd der zwiſchen den Sacher-Maſoch'ſchen grau: 
Liebe und Ehe an den Kindern. ſamen Weibern und den „Liebenswürdigen 
„Ms ob Vater: und Mutterglüd nicht Egoiftinnen Turgenjew's!“ Diefe laſſen 
aud ein Glück wäre, fo groß wie nur ihre Anbeter fterben, jene tödten fie. 
irgend eins!“ wird der glückliche deutſche Diefe find meist kalt und tugendhaft 
Vater ausrufen. — „Warum fol ich und fogar im Stande, wenn ein An: 
arbeiten? man lebt ja nur zu feinem beter fich ihretwegen erſchoſſen, aus 


877 


Rührung ein fleines Armenhaus zu ftiften ; | 


jene fuchen durd) Hingebung zu feſſeln 
und erdroſſeln ihr Opfer in der Um— 
armung. Turgenjew bleibt eben immer 
fein, bejonnen und mafvoll; Sader: 
Maſoch dagegen bezahlt die größere Ver: 
tiefung feiner Ideen, die Gluth feiner 
Phantafie und die bis in's Krankhafte 
gefteigerte Lebendigkeit feiner Anfchau: 
ungen mit dem Opfer des fünftlerifchen 
Maßes und der Natürlichkeit. Im philo: 
fophifchen Uebereifer, die Ideen, die ihn 
beherrihen, jo ſcharf und wirkſam als 
möglich zu verförpern, jchafft er Unger 
heuer, die einzeln verblüffen und impo— 
niren, im Dutend aber lächerlich werben. 

Man muß übrigens ftaunen über 
den Fleiß und die Energie, mit welcher 
Sacher-Maſoch an der Idee und Durch— 
führung feines Hauptiwerfes fejthält. Und 
jo weitausfehend der ganze Cyelus, jo 
breit ift auch jede einzelne diefer Ge: 
ſchichten angelegt, und doch ift alles 
Detail mit großer Sorgfalt ausgeführt. 
„jede Novelle ſpinnt ſchier zu einem 
Memoirenwerk fih aus, voll von Schönen 
und pifanten Saden, mit Dichteraugen 
erfaßt und dem immer originellen Leben 
abgelaufht. Welch' ein Schatz von Er- 
fahrung ift aufgefpeichert im „Teftament“, 
weldye Kenntnig und welcher Humor in 
der Judengeſchichte „Haſara Naba”, 
weld’ ein Detailreihthum des Jäger— 
lebens im „Baſil“! Die Monotonie, die 
man von einem Novellen:Cyclus befürchtet, 
der ausjhlieglih das „Eigenthum“ be: 
handeln fol, bleibt völlig aus; im 
Gegentheil, reiche Abwechslung ift ein 
Hauptvorzug dieſer merkwürdigen Er: 
zählungen, von welchen — bald aus 
Gründen des Inhalts, bald aus Grün- 
den der Form — vielleicht feine einen 
ganz ungetrübten fünftlerifhen Eindrud 
macht, aber auch feine von der Höhe der 
befjeren Leiftungen Sacher-Maſochs zum 
Niveau feiner flüchtigeren und leicht: 
fertigeren Arbeiten herabfintt. 

DMobert SHamerfing. 


Werinherus. 


Gedicht in zwölf Geſängen von Alfred 
Meißner. (Leipzig, Ar. W. Grunomw.) 


Im Kloſter von Tegernfee Tebte 
zur Zeit Friedrichs des Zweiten, des 
Hohenftaufen, der Scholafticus Werinher, 
ein reichbegabter junger Mann, Maler 
und Dichter, zum Mönch gemadt, doc 
im Herzen heimlid ein Freund der 
alten Luft: und jchönheitsreihen Grie: 
chenmwelt. Einft nah Salzburg gefom- 
men, entbrannte er dort für eine junge 
Nonne, die er entführen wollte, um in 
einem fremden Yande mit ihr glüdlich 
zu fein. Allein, die Flucht wurde ver: 
eitelt, Werinher im Klofter zu St. Beter 
in Salzburg gefangen gehalten, bis ihn 
die Herren von Tegernfee mit Entjdie- 
denheit zurüdverlangten. Die Nonne 
fol aus Gram geftorben fein. 


Diefe Sage hat Alfred Meihner 
in feiner Dichtung „Werinherus” mit 
meifterhafter Vollendung behandelt. Das 
Gedicht ift fo fchlicht, einfach und wahr, 
jo epiſch volfsthümlih, daß wir uns 
in demfelben angehaudht fühlen von 
dem Geifte einer vergangenen, gottbe- 
gnadeten Zeit. Sei es anjtatt aller 
fritiihen Auseinanderfegungen doch dem 
„Heimgarten” geftattet, feinen Xefern 
ein Gapitel aus dieſem fleinen, aber 
herrlichen Epos zu bieten; jene Scene, 
in welcher Werinher durch Xift das 
Bildnik der Cythere vor der Wuth des 
Pöbels ſchützt. 


Wie ſchön iſt Salzburg, wenn das Abendlicht, 
Des Unterberg's gezackt' Profil beſtrahlend, 
Mit güldnen Lichtern Fluß und Matten malend, 
Eih an dem hohen Bau der Beite bridt. 
Neu auferwadht als Ehriftin liegt fie da, 
Die alte, römifhe Iuvavia, 
So reizvoll feſſelnd, daß im ganzen Reid) 
Wohl keine Stadt an edlem Schmud ihr gleich. 
Doch fieh, was will die aufgeregte Menge? 
Sie ſtößt fich, keilt fih und erfüllt den Plaß, 
Zumeift um Trümmerhaufen gibt's Gedränge: 
„Was gibt es, Leute ? fand man einen Schatz?“ 
(fragt Werinber.) 


B78_ 





Ihm wird nicht Antwort, aber von den 
Stufen 
Der Treppe und im Kreiſe bört er rufen: 


„Daß Keinen diefes Götzenbild berüde, 
Erfäuft’s im Fluſſe oder haut’s in Stüde! 


„Seht ber! ich will den Kopf hberunter- 
Schlagen!" — 


„Nein, mein! Zum Fluß das Teufelsiwerf 
getragen !““ 


Vor drängt fih Werinher und fieht den Fund 
Servorgeholt aus ſchwarzer Erde Grund: 
Ein Steinbild, unverjehrt, ein herrlich Weib, 
Faſt jeder Hülle baar den zarten Leib, 

Ganz Reiz, ganz Stolz — mit einem Ange: 
fiht — 
Mer es geſchaut, vergibt ed ewig nicht! 


Dod, ift das Stein? Ift Marmor je jo 
weil ? 

MWär’s frifchgefallener Schnee ? Beſeeltes Eis? 
Da ſteht's — als ob das Leben wiederkehre, 
Als jchlürfe neu die Bruft das Element 
Des allgemeinen Seins... . Werinher erfennt 
Das wunderbare Bildnik der Enthere, 

Der Siegerin der Welt, dem Meer entftiegen, 
Um Allem, was da athmet, obzufiegen ! 


Ihr Saar ift halb gelöf’t, im Nacken ruht, 

Noch fencht vom Salz der See, der Locken 
Fluth, 

Der rechte Arm, erhoben halb, verſucht, 

Zu bergen ihres Buſens reife Frucht, 

Hinwandelnd — nnd ihr Geh'n erſcheint wie 
Flug — 

Trägt fie in ihrer Linken einen Krug. 


Dies Bildiverk, wie ein Wunder anzuſchauen, 
Erwedt im Volke nur unheimlich Grauen, 
Die alten Weiber ſchrei'n, daß Belzebub, 
Der unerfhöpflich ift an argen Liſten, 

Im Schoß der Erde dieſes Weib vergrub, 
Daß es dereinft verführe fromme Ehriften. 
Und fie befrenzigen fih; doch Wern’her auch 
Fühlt fih wie angeweht von Geiſterhauch. 


„Bor einer Stunde ſprach ich nod don ihr,“ 
Sagt er ſich jelbit, „jebt fteht fie da vor mir. 
Emporgetragen aus des Grabed Nadıt, 
Erblick' ich fie, wie ich fie mir gedacht.” 


— 


Und wieder könt's: „Daß Keinen es berücke 
Dies Teufelswerk, zerhauen wir's in Stücke!“ — 


„Ein Beil! Ich will den Kopf herunker— 
Schlagen " — 


— „Nein, in den Fluß das Heidenwerk ge- 
tragen — — 


So hat der Anblid alles Volt bethört, 
Dod, die Gefahr vom Bildnik abzuwenden, 
Macht Werinher fi Plak mit rüft'gen Händen 
Und ſchwingt fid) dorthin, wo ihn Alles hört: 


„Wie mögt Ihr fünd'gen Reiz zu jehen 
wähnen 
In diefem Steine, ſchön und wunderbar ? 
Es jtellt dies Bild Marien Magdalenen, 
Die Büßerin, die Schweiter Simon’s dar!“ 


Der Stimme Vollklang und das feite Wort, 
Vor Allen das Gewand des Sprechers lähmen 
Die Schreier, daß fie mälig ſich bezähmen, 
Er ficht die Wirkung umd fo fährt er fort: 


„Weil nadt, erjcheint Euch ſchamlos jenes 

Bildniß? 

Rackt iſt auch Eva. Und auf dieſe hier 

Blickt, tauſend Meilen ferne in der Wildniß, 

Das Blumenaug' nur und das ſcheue Thier. 

Dem Bad entitiegen, dem ſymbol'ſchen Bade, 

Deß Fluth die Quellen find der ewigen Gnade, 

Als in der Reue umgebor'ne Seele 

Eutfühnt hinwandelnd ohne Sünd’ und Fehle — 

So hat ein alter Künitler fie gedacht, 

Deß Werk nun Gottes Rath an’d Licht ge- 
bradıt, 


Daß Alle, die in eitler Weltluft gebn, 


Nachdenklich werden und ein Zeichen jehn !“ 


„a, jeht die Büherin! Die gold’'nen 

Spangen, 

Die einftmals ihre Luft und Freude waren, 

Sie dürfen nimmer ihren Arm umfangen, 

Yuc feinen Kranz mehr trägt fie in den 
Haaren, 

Nur das Gefäß, aus welchem fie zu falben 

Des Heilands theure Füße war gewohnt, 

Die Füße deb, der nun im Himmel thront, 

Das wahrt fie tren, fchont fie um feinetbalben. 


Da ftupt die Menge. Hätt' er Recht am 
Ende? 
Man fieht es wohl, der Bruder ift gelahrt, 


879 


Viel fah und lernt’ er wohl auf weiter Kahrt. | verfcheucht werden muß, bis er endlich) 


Man nähert fih, man küßt ihm Kleid und 
Bünde. 

Steinbild ift gerettet, Tod erleiden 

's heut’ nicht mehr! Die Folge wird 
entfcheiden, 

Ob heilig jei das Bildniß, ob profan, 

Ob Strafe wertb, ob Ehre zu empfahn. 


Das 
Soll 


Das Bolt zerftreut fi. Vielen galt’s als 
Wunder 


Faft wie die Funken in verbranntem Zunder 
Berzieh'n die Lebten ſich. Mit feinem Stein 
Zieht Bruder Werinber in’s Mlofter ein. 


Nimm mih mit! 
„Lebensweisheit in Gnomen“ für die Weiten: 
tafhe von Dr. Friedrih Abl. (Gras, 

Ferſtl'ſche Buchhandlung, Albert Lentner). 


Wenn ih fo viele Lebensweisheit 
befäße, als in diefem anmuthig auäge: 
ftatteten Büchlein eingefchlofjen ift, ich 
würde diefelbe nicht in ſolche Verſe und 
Neime bringen, als es hier geſchah. 
So finnreihe Regeln Tiefen fd — 
wenn fie ſich, wie dieſe, durchaus nicht 
reimen wollen — gewiß aud in Profa 
geiftvoll fagen, 3. B. „Arbeit ift nicht 
der Fluch aus dem Waradiefe, denn 
Arbeit öffnet erſt das Paradies auf 
auf Erden”, oder: „Arbeit ift das 
große Vaterunfer des Lebens; fie ift 
der Erlöfer der Menschheit, die Schuß: 
göttin der Jugend, der Troft des Al- 
ters", „Feine Seelen find mit Weni- 
gem zufrieden“; Warme Herzen find 
empfänglich auch für die kleinſte Freude“; 
„Weſſ' Auge nicht gemeint, der hat 
nicht fehen gelernt.“ Das find gejchälte 
Perlen aus dem Eleinen Buche, melde 
die Muſchel des gereimten Bierzeiligen 
ganz leicht entbehren. Sinnvoll find aud) 
andere Sprüde, 3. B. der vom Men: 
ichenherzen, das bei allen erfüllten Wün- 
ſchen dennoch ungeftillt und leer bleibt, 
fo lange man nicht ſelbſt in fich einfehrt ; 
oder vom angewohnten Fehler, der wie 
eine zudringliche liege, hundertmal 





ausbleibt, Oder: 


„Wer das Leben gar zu ernithaft nimmt, 

Wen der Morgen nicht zu neuen Freuden 
ftimmt, 

Wer am Abend feine Luft zu hoffen begehrt, 

Dem it das Leben nicht des An- und Aus— 
ziehens werth.“ 


„Man lehrt am beſten, 
Wenn man iſt vergnügt; 
Und lernt am beſten, 
Wenn man iſt betrübt.“ 


„Nur was labend zum Herzen ſpricht, 
Das allein iſt ein Gedicht.“ 


Mancher dieſer Sprüche, es ſind 
deren über 15 Dutzend, bedeutet frei— 
lich nichts, manch' anderer hingegen 
dünkt mir für die Weſtentaſche zu gut, 
er ſollte tiefer ſitzen. 5. M. 


Von der „Geſchichte Der öſterrei— 
hifchzungarifhen Monarchie“, bear: 
beitet von M. Smets, Berlag von 
Hartleben (Wien) ift bereits das 9. Heft 
erfchienen. An demfelben beginnt der 
zweite Abfchnitt: „Die öfterreichifchen, 
böhmischen und ungarischen Länder bis 
zu ihrer Dauernden Vereinigung (1283 bis 
1526). Selbſtverſtändlich läßt ſich über 
ein fo umfangreiches, bedeutend ange: 
legtes Wert ein endgiltiged Urtheil 
noch nicht fällen, doc fcheint diefes 
Bud in feiner Eintheilung, Gründlich— 
feit und Klarheit, ſowie in jeiner pa— 
triotifchen und freifinnigen Tendenz vor: 
züglih zu werden. Gut auögeführte 
Holzſchnitte, die den Heften beigegeben 
find, unterbrechen in angenehmer Weife 
die fi) lange hinziehenden Abjchnitte, 
ohne das Werk gerade zu einer jener 
Bilder-Lieferungen zu maden, die heute 
auf Koften der Grünblichfeit des Tertes 
auh in die wiſſenſchaftliche Literatur 
Eingang gefunden haben. 


Zeitlichtln. 


Gedichte in oberöſterreichiſcher Volksmundart 
von Wilhelm Cappilleri, Wien, Stemm— 
ler und Yorius, 


Der Einſender dieſes Buches ver: 
fehlte nicht, demfelben auch einen Bogen 
voll „Urtheile der Preſſe“ beizulegen, 
die und ganz gewaltig für das Werl: 
hen zu intereffiren wiſſen. So heißt 
es in einer der Necenfionen: „Wir 
haben bisher noch fein Dialeltwerk ge: 
funden, welches das deutſche Wolf jo 
zu intereffiren vermochte, als Cappilleri's 
ZeitlihtIn“. Und in einer andern: 
„Reuter zur Seite fteht jedenfalls der 
öfterreihifhe Dialektdichter Gappilleri, 
defien „ZeitlichtIn” in Anbetracht der 
Empfindungen uns noch über Reuter's 
Dichtungen zu ftehen feinen.” Und in 
einer dritten: Cappilleri ift der hervor: 
ragendſte Dialektdichter der Gegenwart.“ 

Derlei Ausſprüche find einem neuen 
Werke fat immer ſchädlich, fie fordern 
entweder die Kritik heraus oder machen 
fie überflüffig. Wir legen Lob und 
Büglein vathlo8 aus der Hand. 


Boftkarten des Heimgarten: 


$. in Bion : Iept im Sommer ? Bedenken 
Sie, was Ernft Raufcher verräth: 

„Mein Haupt binleg’ ich auf's weiche Moos, 
Und ſchau' im die fchwanfen Bäume; 

Sie jagen — freilich, die Thoren, bloß — 
Daß träg' die Zeit ich verſäume. 

O fühes Thun! 

Da lieg’ id nun 

Und lebe, liebe und träume,” 

3. B. Graß: Der „Deimgarten‘ hat feine 
Vorliebe für NRäthjelaufgaben, verſchließt fich 
aber auch nicht prinzipiell dagegen, wenn fie 
originell und geiſtreich find. 





mM. M. Pforzheim: Paul Heyſe's: 
Dr. Mohr feat: 
„Die Leute fchlafen und laffen ſich aller- 


band träumen und Du, Rranzelius Gradhus, 
geheit herum, wie Macbeth und mordeft den 
Schlaf! Nie habe ich begriffen, wie ein Menſch 
fo unmenfhlih fein fann, irgend wen, der 
ſchläft, aufzuwecken. Aber predige man dieſen 
Humanitariern Menſchlichkeit! Ihr feid gerade 
fo eigennüßig wie die Pfaffen und Duntel: 
männer aud. Um nur euer Licht anzünden 
zu fönnen, trommelt ihr die Menſchheit um 
drei Uhr jhon aus den Betten !" 

Aud Sie halten es zum Theile mit diejen 
Nuftrommlern, beflagen aber die vielen Irr- 
lichter, die den Aufgewedten angezündet werden 
und balten das firdlihe Dogma ſowohl, als 
aud) ven „Materialismus“ für ſolche Irrlichter, 
welche befonders die Arbeitermaffen verführen 
und jchrediiche Folgen nad ſich ziehen werden. 
Sie richten ihre freimüthige Schrift ſowohl 
gegen die Pfaffen des Unglaubens, als auch 
gegen die des Aberglaubens. — 

9. R. Graf: Einiges benüßt. Ueber 
Kindberg und fein durch das Erdbeben zu 
Grunde gegangenes Schloß dürften Sie im 
„ZLopographifch-ftatiftifhen Lerifon von Steier- 
mark“, herausgegeben von Janiſch (Leykam— 
Sofefeiha) Beſcheid finden. 

3. W. Meran: Unſere Nuppflanzen 
zu — wäre löblich; doch Sie thun es 
etwas ftarf “in der Manier GEoles‘., der in 
feiner Geſchichte der Pflanzen vom Hanf 
fagt: Aus diefer Pflanze werden Stride ge- 
macht, und mit diefen Schiffe gelenkt, Gloden 
geſchwenkt und Schelme gebenft. 

3. R. Gra5: Inhalt des Gedichtes gut, 
aber warum die Unbeftändigfeit in der Fotm? 

4. R. Gray. Im Cafe zum botaniſchen 
Garten liegt der Beſcheid. 

Rarl ...... Uns ſchien es ſelbſt, als 
wäre der Verfaſſer des „Donatiberg“ (10. Heft 
d. 9.) auf feinem flinten Pegafus um 1000 
zu hoch geftiegen. Der Terglau in Krain mißt 
wirflih nur 9036 Fuß. 

®R 8. Marburg: Bei uns nit ein- 
gelangt. 

KR. 36€ R.: Bewahren Sie uns Ihre 
Offenheit, aber verlangen Sie nicht, dab wir 
die Meinung eines Einzelnen für die des Pu— 
blitums gelten laſſen follen. 





Drud von Veyfam-Jofefsthal in Graz. — Ar die Hebaction verantwortlih 9. . Hofegger. 








= hei I 


— — 
— — — 


—— 








Der Pechloisl. 


Eine Dorfgeſchichte von B. Young. 


Des Engerbauers ſechs Buben wa- 
ren alle bilbjauber und Fräftig gewach— 
jen und baher auch der Stolz ihres 
Baterd. Sein Liebling aber war ber 
Jüngſte, der Loisl, ein pausbadiger 
Bub mit heilblauen Augen, goldgelben 
Ningelloden und einem Fugelrunden 
Gefiht, das anzufchanen war, wie ein 
weir und roth angeftrichener Vollmond. 

Der Loisl war überhaupt das 
Neithoderl, der ganzen Familie Augen: 
apfel und dies, wenn nicht ſchon me: 
gen feines pakſchirlichen Aeußeren, doch 
eines anderen Umſtandes wegen, der 
ihn der doppelt liebevollen und für— 
ſichtigen Behandlung ſeiner nächſten 
Umgebung empfahl. 

Der Loisl war nämlich von feiner 
Geburt an ein Eleiner Pechvogel, und 
mancherlei fonderbarer Zufälligkeiten 
wegen erhielt er ſchon als ganz klei— 
ner Junge den Spignamen „Pechloisl“. 

Der Loisl erblidte das Licht der 
Welt an einem Freitag und dieſer 
wieber fiel auf einen 13. April, an 


Bofeggers „‚Heimgarten‘‘, 12, Yeft. 


dem Regen, Schnee, Sonnenſchein und 
Windſtöße wechſelten, wie die Launen 
einer in intereſſanten Umſtänden ſich 
befindenden Katze. 

Die Engerbäuerin, die ſich alle 
fünfmal früher und dieß eine Mal 
beſonders ein Dirndl und nicht einen 
Buben gewünſcht hatte, empfing die 
Kunde von dem Geſchlecht ihre Neu— 
gebornen mit ſo viel Verdruß, daß 
fie den damals noch namenloſen Schrei: 
hals aus den Händen der Hebamme 
nur deshalb nahm, um ihn mit ärger: 
licher Heftigfeit in das hochaufgehäufte 
Bettflaumen:Gebirge zu werfen, mit 
dem Ausruf: „Schon wieber fo ein 
bummer Bub!“ 

So weih nun auch die Beſchaffen— 
beit befagten Gebirgsterrains geweſen 
jein mochte, des Engerbauer’s jüngjte 
Sprößlingsnafe nahm dennoch Anſtoß 
an dem Garambole, befam einen ge: 
waltigen Nießreiz, dem wieder ein 
Schnaderl (zu deutſch auch Schluchzen 
benamfet) folgte, wodurch feinem Er: 


56 


882 


zeuger fomohl, ald auch der hochwei— 
jen „Mabame” unjagbare Sorgen er: 
wuchſen. 

Bei der Tauffeier, wo es ziemlich 
hoch hergegangen, war doch der Pathe 





Antlitz ſtrich, ſodann ſchnuppernd das 
geweihte Amulet berührte, um dieſem 
letzteren ſchließlich ſeine ganze Auf— 
merkſamkeit zu widmen. 

Mit einemmale erwachte der kleine 


der fürſtliche Förſter in Perſon, paſ- Täufling und ſchrie; die bereits wie— 
ſirte unſerem kleinen Geſchichtshelden der mit ſeinem Geſchlecht verſöhnte 
ein ſchier noch ſchlimmeres, jedenfalls Mutter beeilte ſich, ihren Jüngſten zu 


weittragenderes Mißgeſchick. 


ſich zu nehmen, aber, o weh — die— 


Die Frau Förſterin hatte nämlich ſer war unzertrennbar zuſammenge— 
unſerem Loisl außer einem zinsbaren wachſen mit dem Sultel, der das 


Werthgeſchenk auch ein Amulet ver— 
ehrt, welches ſchon deren Urgroßmut— 
ter und nach dieſer alle weiblichen 
Enkel und Enkelskinder auf der Bruſt 
getragen und deſſen ſich auch die letzte 
Sproſſin ſicher nicht entäußert haben 
würde, wäre dieſe nicht ohne Leibes— 
erben geblieben und hätte ſie jetzt nicht 





Amulet nach und nach vollends in 
ſeinen Beſitz gebracht hatte und von 
welch' letzterem nur mehr die Schnur 
zu ſehen war, die theils aus des 
vierbeinigen Jagdaſpiranten Rachen 
guckte, theils um das Hälslein unfe- 
res Loisl geſchlungen war. 

Paniſcher Schrecken ergriff da die 


durch eben dies Geſchenk der lieben Anweſenden, aber da Sultel nichts 
Frau Gevatterin ein in die Augen | mehr von ſich geben zu wollen ſchien, 
falendes Werthopfer zu bringen ge was er einmal mit Energie erfaßt, 
dacht. unſer kleiner Mann aber eine ſolche 

Beſagtes Amulet, in zartes Reh- durchaus noch nicht zu entwickeln ver: 
leder genäht, bewies ſchon durch ſeine mochte, ſo blieb nichts übrig, als ein 
fettglänzende Außenſeite, welch' hohes gewaltſames Trennen mittelſt Scheere 
Alter es erreicht und durch wie viele der beiden Beſitzer beſagten Amulets. 


Generationen hindurch es ungeſäubert, 
daher auch unentweiht geblieben ſein 
mochte. 

Dieſes nun hing die Frau Ober: 
förſterin unter allſeitigen beifälligen 


Stolz wie ein Triumphator, der 
eines glänzenden Sieges fich bewußt, 
verkroch ſich Sultel unter den Tiſch, 
wo diverje Stiefelabjäge feine gehobe— 
nen Gefühle einigermaßen zu beein: 


Nührungsthränen dem Täufling um |trächtigen bemüht waren, während 


den Hals und vorläufig jollte das: 


unfer Loisl, wie ein echter Stoifer, 


jelbe bi nach Beendigung des ſolen- gemüthlid an die Mutterbruft fich 


nen TQTaufgelages umgehängt bleiben 
zu allgemeiner Befichtigung. 

Nun aber, der mwohlgefittete Feine 
Meltbürger lag eben jchlaftrunfen im 
Schoße jeiner ihm jo mwohlmeinenden 
Pathin und dieje wieder, trunfen vor 
Freude über ihre neuerlich erworbene 
Würde als joldhe, vielleiht auch von 
überaus reichlich genoffenem Trauben: 
blut, merfte es nicht, daß Sultel, des 
Förſters Liebling, ein zu ben beiten 
Hoffnungen heranwachſender vierbeini- 
ger Jagd-Eleve, fich leife an den klei— 
nen Helden des Tages heranichlich, 
diefem erit mit feiner breiten Zunge 
wohlmeinend über das unſchuldsvolle 


legen ließ, um bort, am Brunnen der _ 
Natur, DVergefjenheit zu fuchen, über 
den Berluft, der ihn foeben getroffen. 

Von diefem Moment an bdatirten 
die weiblichen Dorf:Weifen auch all’ 
die Heinen Mißgefhide, die fortan 
unferem Freund begegnen follten, um 
ihm gar bald das Prädikat „Pech— 
loisl“ zu verſchaffen. 

In der Schule lernte unſer Pech— 
loisl, wie wir ihn fortan nennen wol— 
len, ſehr fleißig. Aber wenn er eben 
eine wunderſam ſaubere Preisaufgabe 
geſchrieben hatte, warf ihm ſicher ein 
Nebenfigender, ohne dieß immer ge- 
wollt zu haben, das Tintenfaß über 


— 


dieſelbe. Hatte er eine Stelle beim 
Examen beſonders gut memorirt, im 


Moment, wo er aufgerufen ward, 


mit dieſer ſich nicht nur ein Waid— 
manns-Vergnügen, ſondern zugleich 
bei der Gelegenheit ein kleines Hand— 


bekam er Naſenbluten oder ſtieß ihm geld zu verſchaffen vermochte. 


ſonſt ein Uebelbefinden zu und mußte 
er den Lehrſaal verlaſſen. Warfen ſich 
die Jungen auf der Straße mit 
Steinen und ging der gutmüthige 
Loisl juſt in ziemlicher Entfernung 
an ihnen vorüber — paff! traf ihn 
ein ſolches Wurfgeſchoß und er kam 
mit blauem Auge heim. 

Beim Eislaufen auf dem feſtge— 
frornen Teich, fiel immer er in die 
einzige bünnbededte Lücke und wurde 
mit Mühe und pubelnaß aus dem 
Waſſer gezogen. Stellten jeine Brüder 
daheim irgend ein Feines Unheil an, 
wurde e3 ihm in die Schuhe gejcho: 
ben und erhielt er dann für die fünf 
Anderen feine Hiebe. Fraß die Kate 
den Rahm von der Mil, mußte er es 
büßen, denn man fand ihn zufällig 
jedesmal in der Nähe der betreffenden 
Schüfjel, und wenn er einmal, an hohen 
Feſttagen zum Miniftrantendient auser: 
jehen warb, fo ftolperte er ficher über 
feinen überlangen Chorrod oder es 
entfiel ihm mit großem Geräufche im 
unrehten Moment die Klingel, welche 
zur Wandlung läuten jollte. 

Daß unter ſolchen Umftänden feine 
Ohren vielfach in die Länge gezogen 
wurden unb daß er troß feiner Be: 
liebtheit in der Familie wie unter 
allen Dorfbewohnern doch eigentlich 
ein Märtyrer zu nennen war, daran 
mochte wohl einzig und allein des vor: 
wigigen Sultel3 unbezähmbares Ge- 
füfte die Urfache gewefen jein, 

Ein Hauptmalheur (richtig bezeich- 
net eigentlich nicht ein ſolches) traf 
unferen Loisl in feinem zehnten Jahre 
und gab feinem Leben von da an eine 
eigene Richtung. 

Es ward damals eine große herr: 
Ichaftlihe Jagd angefagt und zu der: 
jelben die tüchtigften Jungen als Trei: 
ber angeworben. 

Der Förfter-Bathe Hatte feinen 
Liebling, den Loisl, auch beftellt, ba- 


Unſer Loisl, der mit unbändigem 
Vergnügen dieſem Tag entgegenges 
jprungen war, lag am Abend besjel- 
ben jammernd und ftöhnend auf ber 


Vorderſeite feines Ichs, da ihm bie 


die Kehrjeite desjelben mit Schrot: 
förnern bejpidt worden war von ber 
ungejhidten Hand eines ftäbtifchen 
Yagdfreundes. 

Aber dieſes „pilante” Abenteuer 
machte den herrichaftlihen Gaft, der 
ihn in jo unliebfamer Weiſe tätomwirt, 
auf den Jungen aufmerkjam, der Loisl 
erhielt durch des Förſters Vermittlung 
nit nur ein reichliches Schmerzen: 
geld auf die Hand gezahlt, er wurde 
auch zu Lekterem in die Lehre gege— 
ben, nachdem der Loisl beftimmt erklärt 
hatte, er fühle fi) durch eben angeführte 
Feuerprobe zum Jäger gejtempelt und 
wolle auch nichts Anderes werben als 
ein jolcher. 

So wurde denn unjer Pechloisl 
ein Jägerjunge und manches Yahr 
hindurch ftarben in diefem Nevier die 
Hafen an Altersfhwähe und mand)’ 
hochbetagtes Bödlein prie® den Um: 
ftand, daß der Pechloisl zum Waid— 
mann geworben mar, 

Zu der Zeit, wo wir unjere eigent- 
lihe und höchſt wahrhaftige Geſchichte 
beginnen wollen, ift der Pechloisl ein 
ſchöner, ftattliher Burſche, jchier der 
fauberfte auf Meilen in der Runde 
und mehr ald ein Dirndl ift in ihn 
verichoflen. 

Der Pechloisl ift dem Weibsvolf 
auch gar nicht abhold und nimmt’s 
nicht krumm, wenn fi fo ein jchlan- 
fes, weißes Hälfel nah ihm umdreht 
und wenn ihm ein paar blaue ober 
ihwarze Augen auf Tritt und Schritt 
nachfolgen. Aber jo recht verichoflen 
ift er doch nur in Eine, und das ift, 
was man fagt, eine fritifche, die Wai— 
dinger:Roferl, dem Müller fein einzi- 
ges Töchterl. 

66* 


884 


„Weißt Lois“, Hat fie ihm ein- 
mal gejagt, wie er ihr zum erjten- 
male jeine Lieb hat erflären wollen, 
„Beh und Mehltaugen nicht zufamm’, 
e3 gäbet ein’ argen Pantſch!“ und 
bat ihn liſtig Tächelnd ftehen laſſen, 
den armen Bub’n und dem hat’3 
ſchier das Herz abgebrüdt bei ihrer 
Rebe. 

„Verfluchtes Pech!“ hat er fid 
gedacht, „mußt Du mir denn überall 
bin folgen?!” Dann aber ift er troßig 
geworben und hat’3 Mädel nicht mehr 
ang'ſchaut, wenn's ihm auch die Bruft 
zufammengejchnürt hat vor bitterem 
Web. 
Wie's nun mit den Frauenzim— 
mern jchon geht, daß fie die Manns: 
bilder gewöhnlich abtrumpfen, die ihnen 
wie die jungen Pudel auf Tritt und 
Schritt nachlaufen, dagegen denen ge: 
genüber, die feine Notiz von ihnen 
nehmen oder ihnen gleichgiltig und 
falt begegnen, völlig Feuer und Flam— 
men werben, wenn's noch dazu ſau— 
bere und tüchtige Burfchen find, fo 
war's jet auch mit der Roſerl der Fall. 

Kaum daß der Loisl ihr in ſtum— 
mer Refignation den Rüden gedreht, 
hatte ſie's auch jchon weg gehabt, daß 
der und fein Anderer für fie paſſen 
thäte, und daß die Stellung einer Frau 
Förfterin gar feine jo unebene wäre. 

Aber der Pechloisl war g'ſchreckt 
und da er zudem auf fein Glüd nie- 
mals viel getraut, jo hat er ſich gedacht: 
Verzicht’ auf die Waidinger-Roſerl, 
benn bie friegt doch gewiß ein Ande— 
rer und nicht du. 

In ftummer Angft hat da die Ro— 
jerl eine zeitlang auf feine Wieder: 
fehr gewartet und ich feft vorgenom: 
men, ihm ein nächite® Mal freunbli: 
her begegnen zu wollen, um ihn ja 
nicht wieder abzufchreden, aber — 
der Pechloisl hatte die Courage ver: 
loren und getraute fich nicht mehr in 
ihre Nähe. 

Und das ward zu neuem Pech 
für den Loisl, denn ein anderer Bur— 
Ihe, der Pfilterer-Sepp, der jchon lange 


ein Aug’ auf die Waidinger:Rojerl 
gehabt, der ging ihr jekt auf Tritt 
und Schritt nad) und verlangte fie 
fogar von ihrem Bater zum Weibe. 

Nun, die Roferl mochte ihn zwar 
durhaus nicht leiden, den Pfiſterer⸗ 
Sepp, aber fie ſchnalzte ihn deromegen 
nicht kurz ab, ‚weil fie vermeinte, in 
dem neuen Anbeter einen Köder für 
den alten, eingejhüchterten zu finden. 
Die Eiferfuht, jo hoffte fie, werde 
ihr den Pechloisl wieder zuführen. 

Diefer erfuhr denn auch recht bald 
von ben feurigen Bemühungen des 
Pfifterer-Sepp um die Liebe der No: 
ferl und das bradte ihn jo in Wuth 
und machte ihn jo confus, daß er in 
der nächften Zeit wirklich alles Wild 
in feinem Revier auf unbeftimmte 
Dauer leben zu lafjen gezwungen war, 
und mehr Pulver und Schrot unnütz 
verpuffte, al8 er dies vor dem ge: 
firengen Herrn Förfter je verantwor: 
ten konnte. 

Am Abend desjelbigen Tages, an 
dem er neuerlihe Kunde von der Lie: 
besaffaire erhalten, ging er in Ge— 
danken verloren an der Mühle vor: 
über. Zwei Müllerjungen jaßen dba 
unter der Hausthür und bie jchienen 
den Pechloisl nicht zu bemerken, beim 
der Eine von ihnen fagte eben jegt: 

„Möcht nur wiffen, was denn bie 
Noferl an dem patjcheten Pfifterer: 
Sepp eigentlih Schönes find’t? Mir 
könnt’ der gar nit g’fallen !” 

„Sein Schnauzer wird’3 fein, der 
ihr anfteht”, lachte der Andere, „ber 
ift aber auch martialifh; auf jo was 
halten die Weibsleut und der Pech: 
loisl, der hat eben nur ein’ Flaum 
unter der Nafen, wie ein jung’3 Hen— 
derl!“ 

Wie ein zweiſchneidiges Meſſer 
fuhren dieſe Worte in Ohr und Herz 
unſeres armen Pechloisl. Unwillkür— 
lich ſtrich er gleichzeitig mit ſeiner 
rechten Hand über die Oberlippe und 
ein unſagbares Weh bemächtigte ſich 
ſeiner. 


885 


Sa, das war wirflih nur wie 
die Flaumfebern eines jungen Hühn— 
hend, was biefelbe befchattete, er 
fühlte e8, aber er konnte doch nichts 


dafür. 

„Derfluchtes Pech!” zitterte es 
wieber von feinen Lippen, dann ging 
er rafcher auf das Dorf, dem Wirths— 
haus zu, wo er in einem Glas Wein 
jeinen Aerger erſticken zu können hoffte. 

Aber aus einem Glas wurden 
zwei und bieje Beiden noch verboppelt 
und ſchließlich fühlte der Pechloisl, 
der fein eigentliher Trinfer war und 
nicht viel vertragen konnte, daß jein 
Kopf etwas ſchwindlig wurde und fo 
wollte er denn heim, Kummer und 
Rauſch zu verjchlafen. 

Juſt wie er nun jeine Zeche auf 
ben Tiſch warf, erſchien an demſel— 
ben ein jübifcher Haufirer mit fei- 
nem Waarenfaften und bot feine 
Seife, Fleckwaſſer, Kraftpomade, Stie: 
feljehmiere u. dergl. mehr zum Per: 
faufe an. 

„Kraftpomade, um in unglaublich 
raſcher Zeit den üppigften Haarwuchs 
zu erzielen“, laſen da die ſchon etwas 
trübe gewordenen Augen Pechloisls. 
Dann nahm er fchnell jo einen Eleinen 
Tiegel aus den Händen des Haufirers 
ftedte gebuldig noch ein Fläſchchen von 
dem berühmten Fleckwaſſer und eine 
Schachtel Wichs, die ihm aufgebrungen 
wurben, zu fi, bezahlte das dafür 
Geforderte und eilte damit zum Dorf 
hinaus, dem Jägerhäuschen zu, wo 
er wohnte. 

„Hilf, was helfen kann!“ meinte 
er, frampfhaft den Ziegel mit ber 
Kraftpomade in feiner Fauſt haltend, 
dann verfanf er wieder in dumpfes 
Brüten und Fam völlig wie verdreht 
nad Haufe. 

Die alte Kathrein, die ihm in feine 
Stube Teuchtete, die merkte gleich, wie 
viel’3 bei dem gejchlagen hatte und 
daß es im Oberftübel des Loisl nicht 
richtig wäre und es that ihr das leid, 
denn der Burſche war fonft immer 
nüchtern und ordentlich gemejen. 


„Nun, einmal ift feinmal”, meinte 
fie dann, fich jelbft beruhigend, „und 
wer weiß, was ihm über's Leber! 


gelaufen ift!“ 

Der Pechloisl aber warf fich, ange: 

ogen wie er war, auf fein Bett. Die 

Antwort die Kathrein und das Kaffee: 

häferl und die Semmeln fugelten ſchon 
lauf der Diele herum. 





Galle und der allzureichlich genofjene 
Mein fochten in feinem Blut und halb 
fchlafend, halb wachend, träumte er 
vom MWaidinger:Roferl unb dem mar: 
tialifchen Schnauzer des Pfiiterer-Sepp, 
vom jüdiſchen Haufirer und der Kraft: 
pomade, von jeinem verjpotteten Hen- 
derlflaum und feinem hiſtoriſchen Pech. 

Plöglih fuhr er wild von jeinem 
Zager in die Höhe, griff um fih nad 
dem eben gefauften PBräfervativmittel 
und mit einem zornigen: „Wart’, ich 
will Dich!” was wohl dem jaumfeligen 
Wachsthum ſeines Barthaares gelten 
mochte, rieb er ſich, — ob, heillojer 
Mißgriff! mit dem Abenden led: 
wafjer die Oberlippe fo energiſch ein, 
als er es nur vermochte. 


Ein hölifches Brennen der Haut 
machte fich ſofort fühlbar; aber mit 
jtoifcher Ruhe, mit wahrer Engelöge: 
duld ertrug er dasjelbe und obwohl 
ihm das Mafjer vor Schmerz aus ben 
Augen lief, ftöhnte er nur leije und 
tröftete fich mit dem Gedanken: Wenn’s 
nicht angreift, wirkt's auch nicht! 

Am nächſten Morgen, e3 war juft 
Sonntag und die Gloden Täuteten 
eben in die Meſſe, trat die alte Kathrein 
mit dem Frühſtück in des Pechloisls 
Kammer. 

Diefer, dem der Schlaf noch wie 
Plei in den Gliedern lag und ber, 
wahrſcheinlich eine Folge des all zu 
reichlich genoſſenen Weines, jelbit das 
Brennen jeiner mißhandelten Oberlippe 
bewältigt hatte, richtete ſich langſam 
in die Höhe und frug mit halbge— 
ſchloſſenen Augen, wie viel Uhr es 
denn fei. 

„Jeſſes Maria! jchrie ftatt jeder 


886 


„Was hat denn bie Kathrein ?“ 
rief jegt erfchroden der Pechloisl und 
ftarrte diefe verwundert an. 


„Herzlieber Loisl! Sei nicht 
dumm, — ben Seppl mag ih nicht. 
Komm’ heut auf die Naht zu mir 


„Ich —? Ob, ich hab gar nichts, | fenfterln, 's Andere werd ih Dir felber 
— aber Er — der Loisl — ſchau' ſagen. Deine allezeit getreue 


fih der Lois! nur an, — mir Scheint 
gar, Er hat bie Fleck!“ 

„Raſch griff die Alte dabei nad 
einem an der Wand hängenden Fleinen 
Spiegel und reichte ihn dem Säger: 
burſchen hin. Diefer warf einen Blid 
auf benjelben, dann ſchrie er laut 
auf und verhüllte fih mit dem Bol- 
fterzipf ſchaudernd das erbleichende 
Angeficht. 

Das unfelige Fledenwafler, das 
entweder au unverbünntem Salmiaf 
oder gar noch Schlimmerem bejtanden 
haben mochte, Hatte ihm die Haut 
verbrannt und den zarten Bart, bie 
ſchönen blonden Henderlflaumen braun, 
roth und violett gefärbt. 

Der Pechloisl war anzuſchauen 
wie ein Hanswurft. 

Dom Kirhgang konnte an dem 
Sonntag natürlih feine Rebe fein 
und aud während der nächften 14 Tage 
ließ fih der Jägerburſch nur vor jei- 
nen Hafen und Füchſen fehen, benen 
er jetzt ganz wild an’3 Leben ging, 
wie als wollte er fih an ihnen rächen 
für das übel angewendete Fleckwaſſer. 

Die Waidinger-Rojerl war mittler: 
weile auch nicht zum Belten daran. 
Seit der Pechloisl ſich ſcheinbar nicht 
mehr um fie kümmerte, fühlte dieſe 
exit recht, wie gut fie dem Burfchen 
war und wie unausftehlich ihr dagegen 
ber Pfifterer-Sepp. 

Schrecklich, wenn der Xoisl gar 
freiwillig zurüdtreten und dem Sepp 
Pla machen wollte! Nein, darüber 
mußte die Rojerl fi Gemwißheit ver: 
Ihaffen und derowegen kaufte fie fich 
auh am dritten Sonntag nad bes 
armen Berliebten graufamlicher Ver: 
ſchandlung beim Krämer einen hübjchen 
Bogen Briefpapier, auf welches ein 
mittelft Pfeil durchlöchertes Herz in 
leuchtenden Farben gemalt wer, und 
jchrieb in ziemlich gewagter Schrift: 


Rofalia Waidinger.“ 
Den Pechloisl hätte ſchier bald der 
Schlag getroffen, wie ihm bie alte 
Kathrein in der Früh mit dem frijchen 
Brot aus der Mühle auch das nicht 


| mehr ganz friſch ausfehende Brieflein 


auf den Tiſch legte. 

Das Herz Ihlug ihm fo heftig, 
als er bie wenigen Worte las, daß 
er völlig nad) Luft fchnappen mußte, 
dann aber griff er nad) feinem Spie- 
gel, bejah ſich recht forgjamlih und 
aufmerffjam und al3 er bie Ueber— 
zeugung gewonnen, daß nun aud) jede 
Spur des draftiichen Bart:Erzeugungs: 
Mittels verſchwunden und diefes nichts 
weiter verbrocdhen hatte, als daß ber 
blonde „Flaum“ ein brauer geworden, 
was jedenfalls eine beffere Schattirung 
abgab, ſchmunzelte er feinem eigenen 
Bilde zu und meinte: 

„Geh'n wir fenſterln!“ 

Ja, das Fenſterln wäre nun ſchon 
recht geweſen, wenn nur der Pechloisl 
auch genaue Kenntniß gehabt hätte, 
wo dasſelbe eigentlich ſtattfinden ſollte. 
Die Mühle hatte nämlich gar viel 
folder Maueröffnungen, die dazu bie: 
nen, Zuft und Licht und mitunter auch 
Anderes einzulaffen zu Luft und Plaifir 
ber Menjchheit. 

So verholfen der Pechloisl in 
die Maidinger:Roferl auch immer ge- 
wejen, oder vielleicht gerade deswegen, 
wo jein Schaf eigentlich logirte, das 
mußte er nicht recht, hatte er fie doch 
nie zu irgend einem Fenſter heraus: 
ſchauen ſehen, ſondern nur immer im 
Hof, beim Brunnen oder unter ber 
Hausthür erblidt. 

„Ra, 's wird fih ſchon finden!“ 
lachte er Iuftig vor fi hin, als er, 
noch vor der Mond fein kugelrundes 
Gefiht durch die Wolken jtedte, auf 
die Waidinger- Mühl zuging. 


Der alte Müller, das wußte der 
Pechloisl, der war zu der Stunbe 
immer bei der „Silbernen Gans”, wo 
er feine 4—5 Liter Braunbier ver- 
tilgte. Die Knechte waren an Sonn: 
tagen mit Ausnahme eines einzigen, 
der Dienft hatte, auch nicht daheim, 
folglich konnte er nicht fehl gehen, 
wenn er nur an einem Fenfterl ein 
Licht ſah und ein ſolches Leichen, 
meinte er, würbe fie ihm boch geben. 

Und richtig! Dh, gejegneter Pech: 
loisl! ſah er nicht nur eine Fenſter— 
Iuden erleuchtet, al3 er der Mühle 
näher fam, nein, auf jeder Seite vom 
Haus war ein Stüberl hell, doch überall 
die Vorhänge vorgezogen. 

„Das Nächſte ift immer 's Befte!” 
jubelte es in feiner Bruft und jchnell, 
wenn auch leiſe, Elopfte er an bie 
Scheiben. 

Im Moment war drinnen im Stü- 
bel das Licht ausgelöſcht, das Fen— 
fterl öffnete fi geräufchlos und zwei 
fugelrunde Arme umfchlangen des 
Loisl's Naden und auf jeinen Lippen 
brannte ſchon ein „Buſſel“, wie es 
Ichallender nicht aufgedrüdt werben 
fonnte. 


Seine Seligfeit hätte nun wahr: 
fcheinlih feine erhöhte Potenz mehr 
vertragen, wäre fie nicht paralyfirt 
worden durch eine monumentale Ohr: 
feige, die ihm faft unmittelbar nach 
erfolgtem Liebesbemweis von unbefann- 
ter, leider Gotte® nur zu kräftiger 
Hand applizirt wurbe, eine Obrfeige, 
die wie vom Himmel geflogen fam, 
die aber höchſt irdijch zu nennen war, 
denn bie Augen gingen dem Loisl 
über und feine gewiß gejunben Zähne 
geriethen in's Schwanten. 

„Himmel Safra! Was macht der 
Kerl da?!” brüllte eine fonore Bauern: 
fehle, diefem Ausruf folgte ein leifer 
Schrei hinter dem raſch wieder ge- 
ſchloſſenen Fenfter, in dem Moment 
ſteckte Vater Mond fein feiftes Antlig 
neugierig zwiſchen einem Paar bider 


Wolfen Hindburh und der Pechloisl 


blidte in des erſten Mühljungen er: 
bittertes Angeficht. 

„Was geht's Dih an, Hader— 
lump?!“ ſchrie jeßt der Pechloisl und 
verjuchte feine in unfreimilliges Erröthen 
gerathene Wange mit der rechten Hand: 
flähe zu Fühlen. 

„Was 's mich angeht, warn Du 
zu meiner Dirn fenſterln gebft? brüllte 
der weiße Othello wieder. „Na wart’, 
ih werde Dir’ jagen. Vorerſt aber, 
Du patſcheter Haſenſchrecker, will ich 
noch das europäiſche Gleichgewicht her- 
jtellen auf Dein'm G'ſicht, will Dir 
auf die linke Seiten noch Eine 'run— 
terhauen, damit bie rechte nit harb 
wird!“ 

Und paff! hatte der arme Pech: 
loisl wirklich einen wahren Pracht: 
zwilling von einer Obrfeige erhalten ; 
damit aber war auch jein Gleihmuth 
erſchöpft. 

Für ein Buſſel zwei Backenſtreiche! 
Das ging ihm denn doch gegen allen 
Glauben an eine Gerechtigkeit auf 
Erden. Wüthend, wie er war und 
baumſtark dazu, packte er jetzt ſeinen 
mehligen Nebenbuhler, hob ihn auf 
und ſchmiß ihn mit wahrhaft virtuoſer 
Schnelligkeit und Bravour in den 
Mühlbach. 

Ein Mark und Bein durchdringen— 
der Schrei folgte dieſem Ereigniß, die 
Thüre neben dem verhängnißvollen 
Fenſter wurde aufgeriſſen und eine 
Dirn — die Roſerl war's nicht — 
flog an unſerm Pechloisl vorüber, 
dem Mühlbach zu, aus welchem ſich 
eben der abgekühlte Rächer ſeiner Ehre 
herauszuwinden begann. 

Faſt gleichzeitig aber erſchien jetzt 
an der anderen Seite des Hauſes, an 
dem zweiten erleuchteten Fenſterl der 
neugierig dreinſchauende Kopf der 
Waidinger-Roſerl und dieſe rief mit 
lauter Stimme: 

„Was gibt's denn — ? Was iſt 
denn g'ſchehen?“ 

Den Loisl hätt’ fchier bald der 
Schlag getroffen, wie er fein Verſehen 
gemerkt bat. Aber er hat fich doch 


888 


ichnell gefaßt und ift dort unter’3 | Angetraute hielt und fie dann immer 
Fenfterl getreten mit einem vorfichtigen | derb abfüßte, was wiederum bie Folge 


I pft! 


hatte, daß ihn fein Schwiegervater 


Auh das Licht ift dann fofort | far abfanzelte (zum Glüd für ihn 


ausgelöſcht worden und die Beiben 
find flüfternd bald mit einander in's 
Reine gekommen. 

Recht glüdlih war die Roſerl, 
nachdem fie ihr Herz vor dem Pech— 
loisl ausgejchüttet hatte und nur als 
fie bemerkte, daß troß ihres freimüthi- 
gen Liebesbefenntnifjes der wahrſchein— 
lih von jo vielem Glüd Uebermannte 
noch immer etwas bafig vor ihr ftand, 
da beugte fie fih mit mwahrhafter 
Selbitverleugnung aus dem Fenfter: 
rahmen, ftreichelte janft, wenn aud) 
mit kräftiger Hand des Loisl’3 glü- 
hende Wangen und flüfterte: 

„Ob, mein Loisl, Du brennt ja 
völlig, — fehlt Dir was?“ 

„Rein, ich mein eher, ich hab zu 
viel!” ftotterte der betäubte Liebhaber ; 
dann, vorfichtig jeine beiden Hände 
wie Schalter recht3 und links anbrin- 
gend, drückte er jegt jchnell einen weni- 
ger folgenſchweren Kuß auf der Rojerl 
Lippen, die ihm herzlih gute Nacht 
jagten und ſchlich ſich wie ein gejchla- 
gener Held, aber mit den beften Hoff: 
nungen auf bie Zukunft nach Haufe. 

Wie die meiften glücklichen Liebes— 
geſchichten nahm auch dieje ihren nor: 
malen Verlauf. — Sie kriegten fi). 

Dem Pechloisl warb eine Förfter- 
jtelle verliehen und die Roſerl wurde 
fein Weib. 

Bei der Hochzeit gab es freilich 
wiederum einige kleine unliebjame 
Störungen, die alle dem hiſtoriſchen 
Mißgeſchick des Bräutigams in bie 
Schuhe gejchoben wurden, aber auch 
diefe verliefen zur allgemeinen Zu: 
friebenheit. 

So hatte der Loisl die Eheringe 
daheim vergefien und mußten biejel- 
ben (beim Altar erft vermißt) in allen 
Winkeln gefucht werden. Bei der Tafel 
pajfirte dem glüdlichen Neuvermählten 
dad Malheur, daß er die Kranzel- 
jungfern öfter für jeine ihm eben 


gab'3 feine Schwiegermutter mehr) und 
als jchlieplich das Feſt unter alljeiti- 
ger Kopflofigfeit zu Ende ging, — 
der Wein bei demfelben war nämlich 
jehr gut und ſehr viel vorhanden ge— 
wejen, — bie Gäfte nah Haufe tau- 
melten, auch der Loisl darauf ver: 
gefien haben mochte, wohin er heute 
gehörte, — kurz, er machte ſich auf 
“ davon und ließ feine Roferl zurüd. 

Erft im Wald fam er zu fi. Als 
er dann ſchnell umfehrte und fein 
Meiberl holen wollte, hatte dieſe ſich 
ihon in ihre Kammer eingefchloffen 
und der Loisl — na, ber Loisl brachte 
feine Hochzeit3naht auf ber Treppe 
zu, auf welcher er Morgens mit etwas 
ſchwerem Kopf, mit noch fchwererem 
Herzen und entjeglih langer Naſe 
erwachte. 

Die Noferl aber war ein gutes 
Ding und ein rechtichaffenes Weib, 
fie trug dem Loisl nie lang etwas 
nah und noch war fein Jahr ihrer 
Ehe herum, als fie ihm aud ſchon 
einen Buben ſchenkte, dem bald ein 
zweiter, dann wieder ein Dirndl folgte 
und fofort — bis nur ein Kind noch 
zum Dugend fehlte. 

„Seht iſt's aber g'nug!“ jchrie 
da ber Pechloisl, dem der Segen 
Gottes ſchon ein wenig zu did kom— 
men mochte. „Mehr als ein Dutzend 
können wir nicht brauden! — — — 

— — Nah zehn Monaten gebar 
ihm die Rojerl — Zwillinge. 

Der Loisl fragte fich hinterm Ohr, 
dann lachte er laut auf und meinte: 

„Dreizehn! Na, ja! das g’hört 
halt zu mei’m Rar⸗ 

Wie's zum Taufen der Zwillinge 
gekommen iſt, da war auf einmal 
guter Rath theuer, woher ein Gevatter 
für die zwei Buben genommen werden 
ſollte. Der Pech-Förſter, wie der Loisl 
neuerer Zeit im Ort genannt wurde, 
genirte ſich ſchon völlig, alle Jahr, 


manchmal ſogar früher noch, bei einem 
Nachbar anzuflopfen mit folcher Bitt 
und jest, bei Zweien konnt er's gar 
nicht verwinben. 

„Wie wär's denn“, meinte ba 
jein Weib, „wenn Du zum Better 
Jakob ging'ſt“ (e8 war das ein Bru— 
der ihrer jeligen Mutter), „der jchlagt 
Dir die Bitt fiher nit ab!“ 

„Der Pechbauer? Richtig, Roferl, 
dad war ein guter Einfall!” Tachte 
der Pechloisl; ein wahrer Galgen: 
humor überfam ihn jegt. „Wer paßt 
denn beſſer für uns ala Gevatter, 
wenn nicht ein Pechſieder!“ 

„Er ift ein mwohlhabender Mann 
und eine gute Haut, ledig noch dazu, 
— geh! geh Hin zu ihm!” bat die 
Förfterin und der allzu reich gejegnete 
Syamilienvater machte fih auf zum 
Pechbauern, dieſem feine Bitt vorzu- 
tragen. 





zu Gevatter gebeten wurbe und bei 
der Tauf machte er den Zwillingen 
ein Gejchent, jo reich und vornehm, 
wie’3 alle eilf Gejchwifter miteinander 
nicht befommen hatten. 

Gleichzeitig bat er fih aber den 
Aelteften vom Vater als Lehrbuben 
aus für fein Geſchäft, diefem folgte 
bald der Ameitgeborne in die Pech— 
fabrif, bis auch ſchließlich die Neltefte 
Dirn, nachdem fie 16 Jahr alt ge— 
worden, als Wirthichafterin auf ihres 
Groß-Vetters Hof 309. 

Endlich ließ fich der alt gewordene 
Pechloisl penfioniren und überfiedelte 
ebenfall3 mit jeinem Weib und dem 
Neft feiner Kinder in die PBechfabrif, 
denn der alte Pechbauer war plöglich 
geitorben und Hatte die Siederei und 
Alles, was drum und dran hing, an 
des Förſters Kinder hinterlaſſen. 

Die „reihen Pechbuben“ nannten 


Er mußte eine ftarfe Stunde durch fie jegt in der ganzen Gegend des 
Kiefer: und Fichtenwälder gehen, ehe Pechloisl's Söhne, aber feiner von 


er die Wechfiederei erreichte. 

Als er jegt auf das ftattliche 
Wohnhaus zufchritt, das etwa einen 
Büchſenſchuß von dieſer entfernt lag, 
da verglih er es in Gebanfen mit 
jeiner Heinen Förjterhütte und meinte 
dabei lachend für fi: 

„Schau, jo ein richtiges Pech, das 
wäre gar nicht fo übel!“ 

Der Pechbauer, wie ber reiche 


diefen ärgerte fih darüber, ſondern fie 
acceptirten ftolz den ihnen gebührenden 
Titel. 

Der uralte Pechloisl jelber aber 
meinte nod in feinem neunzigften Jahr, 
wenn er, den Pfeifenftumpf im zahn: 
lojen Munde, vor der Hausthüre jaß 
und fi dort fonnte, ſchmunzelnd: 

„Das fommt daher, weil ich mei: 
nen Buben nie hab’ ein Amulet um: 


Pechſieder allgemein genannt wurde, | hängen laſſen, das ein Jagdhund hätt’ 
jagte freundlich zu, al3 er vom Loisl | freijen können!“ 





890 





Schet, ein Menfd! 
Erzählung von Anton Bdjlofar. 
Schluß.) 


Ludmilla liegt auf dem Kranken: | Drte, wo fie weilt, in die Hallen bes 
lager. Wie eine bleiche Lilie fieht das | väterlihen Schloffes, in den Bann des 
holde Antlig aus; dann burcfliegt | Mannes mit dem falten Blick und 
wieder die verzehrende Gluth ihren | dem eifigen Lächeln, der ihr jo viel 
Leib, das Gefiht glüht wie in Flam: | Schmerz und Qual bereitet. Sie ftöhnt 
men. An dem Lager figt, ihre Hand und ruft bilfeflehend nad dem Ge: 
in feiner Rechten haltend, Ludwig, er | liebten. 
zählt die Pulsſchläge, er fieht ängft: Im Vorzimmer fteht der greife 
lih in das frankhaft bligende Auge, | Meifter Jacopo; er hört nur durch 
jein Blick irrt rathlo8 umher von die Thür den Jammer, er wagt es 
einem Gegenftande zum andern und nicht, den Schmerzerfüllten zu ftören, 
haftet zulegt immer wieder auf dem |das Kranfenzimmer zu betreten, nur 
leidenden Weſen. Ernft und düſter den Arzt, al8 er davongegangen, hat 
Ihaut er darein und harrt gelpannt | er gefragt: „Wird fie leben?“ Der 
ber Schritte des Arztes, der fommen | hat ſich abgewendet und die Achjeln 
und Kunde geben joll, ob die Gefahr | gezudt. 
groß. Armer Ludwig! Während Du bier 

In dem Gemache herriht Däm: am Bette fnieft und vor Schmerz faft 
merung, die vorgezogenen grünen Vor: | vergehjt und doch die Hoffnung, mie 
hänge laſſen das Elare Tageslicht nicht | ein leichter Lufthauch in der brennen: 
hereindringen, e8 fchmerzt die Kranke. |den Wüſte durch Dein Herz zieht, 
In Ludwigs Seele ift ein herbes Weh. |jchleiht auf unhörbarem Fuße ber 

Der Arzt ift indeffen erjchienen, | Todesengel, der fein Herz im Buſen 
er bat Fühlende Mittel verordnet und | hat, der feine Hand nie zurüdzieht, 
ift eine Stunde bei der Kranken ge: | wenn er fie ausgeftredt. 
blieben. So lange fie bei Bemwußtjein Es iſt finfter geworden. Nur bie 
war, ſchaute fie auf den Geliebten Lampe in ber Mitte des Gemaches 
nieder und ſprach wohl auch ein mil: | erleuchtet den Raum. Da ertönt plöß: 
bes, tröftendes Wort zu ihm. Seht hat |lih ein Schrei aus dem Munde Lud— 
ihr ſchon die Fiebergluth den Geiſt millens. Der Mann jpringt auf von 
umnachtet, fie ſpricht wirre Neben, fie | feinen Knien, er beugt ſich über das 
blidt ftare und die ſchönen Augen |blaffe Antlig, er küßt die Lippe, er 
werden groß und haften unbemweglich | preßt beide Hände der Kranken in bie 
auf einer Stelle. feinen. 

„O Ludmilla!“ ftöhnte Ludwig „Ludwig!“ Lispelt fie und finkt 
und fällt, die Hände vor's Antlit in das Kiffen zurüd, „bleibe bei mir!” 
ſchlagend, bei dem Bette auf die Knie „Iſt Dir beſſer?“ 
nieder und vergräbt Haupt und Hände „Ich möchte gerne immer bei Dir 
in die Kiſſen. ſein“ und ſie drückt ſchwach ſeine 

Ludmilla kennt die Stimme des Hand .... 

Geliebten nicht mehr. Fieberträume Wieder überkommen die Leidende 
führen fie weit, weit weg von dem wilde Phantafien. „Du, mein Vater?“ 


891 


ſchreit fie lachend auf, daß der ftarfe 
Mann zufammenfchredt, „das biſt Du 
nicht, ein Vater hätte fein Kind nicht 
verkauft! Ich haſſe Dich nicht, aber 
ih muß Dih fliehen. Mußte Nein 
fagen. — Verzeih! Ich liebe Euch 
beide, Ludwig —“ 

Er faßt ihre Hand, aber dieſe 
fann bie feine nicht mehr umfpannen. 
„O Zubmilla, mein Leben!” ruft der 
Mann. — 

Sie hört es nicht mehr; Ludmilla 
ift tobt. 

Die Morgenjonne liegt auf den 
Binnen von San Marco, auf den 
Kirhthürmen und Paläſten Venebigs. 
Gegen die Küfte zu im Nahen fah: 
ren zwei Männer, Jacopo und Ludwig. 
Der gütige Greid hat den Mann um: 
fangen, eine Thräne blinkt in feinem 
Auge, da er die ftarfe Geſtalt wie 
gebrochen in feinen Armen hält. Auch 
ihm wird es ſchwer, ben Troft zu 
ſpenden, auch er gebenft bes Holden 
Frauenbildes, das nun unten in der 
Gruft liegt und die ſchönen Augen 
nie wieder auſſchlägt. Und dann ge: 
denkt der Greis jener furchtbaren Tage, 
die auf das Leichenbegängniß gefolgt, 
wie Ludwig geraft hat und getobt, 
wie er den Namen jeines Weibes in's 
Meer hinausgeihrien, wie er im Zim- 
mer fih auf das Lager geworfen hat, 
auf dem fie gerubt. 

Er gedenkt jener traurigen Tage, 
während welcher er den Mann nicht 
aus den Augen laffen darf, damit er 
fih nicht ein Leid thue, wie biejer 
viele Stunden lang Speife und Tranf 
verſchmäht, wie er Gott verwünfcht und 
die Welt verfluht Hat in feinem un- 
ermeßlichen Schmerze. Und wieder ge: 
denkt der Greis, der gehofft, daß 
Ludwig in feinem Haufe bleiben, dat 
er vielleicht immer bei ihm, dem einſa— 
men alten Manne mweilen werde, jenes 
Tages, an dem der Mann vor ihn 
getreten mit jchmerzerfülltem, entitell- 
tem Antlig, aber ruhiger, gefaßter, 


und wie er zu ihm geſprochen: „Mei: 
fter, meines Bleibens ift bier nicht 
mehr; ich ziehe nach dem Norden. 
Nicht die Heimat ift es, welche mic 
lockt; wenn ich eine Heimat hätte, fo 
wäre fie hier in Eurer Nähe, jo 
wäre fie nahe der Gruft, in welche 
man fie hinabgeſenkt hat. Fremd ift 
mir Alles auf der Welt geworben, 
fremb und feindlih. Droben in den 
deutfchen Landen tobt der Kampf, rau: 
chen die zerftörten Dörfer! Sie ſchrei— 
ben den Namen Gottes auf ihr Panier 
und morben. Dorthin will ich und mit- 
fämpfen gegen jene, die den Namen 
Gottes im Munde führen, aber nicht 
im Herzen. Eine Kugel oder ein 
Schwert ift mir gewiß. Das ſoll auch 
meine Sühne fein für bie Schuld, Die 
ih doch auf mich geladen.” 

Der Greis hat dem Manne lange 
abgemahnt; er hat ihn gebeten und 
beſchworen abzuftehen von dem trau: 
tigen Vorhaben, aber vergebens. 

Das Meer iſt ruhig, die Strah: 
len der Sonne fpielen im Waſſer, 
drüber werfen Fiicher ihre Netze aus, 
ein janfter Lufthauch ftreicht herüber 
und fühlt das brennende Auge Ludwigs. 

Jetzt haben fie die Küſte erreicht. 
Sie fteigen beide an’s Land. Der 
Greis ergreift eine Rolle, bie neben 
ihm gelegen: „Ludovico, mein gram: 
gebeugter Freund, hier eine Erinne- 
rung an den greifen Schüler Paolo 
Veroneſe's. E3 iſt dasjelbe Bild, mel: 
ches ich in Erinnerung an die präch— 
tige Nacht gemalt, das Du nachher 
jo jehr bewundert haft. Ich habe die 
Leinwand von dem Holzrahmen abge: 
nommen uub eingerollt. E3 wird nicht 
bejhädigt werden; wenn Du es ent: 
rollft und betracdhteft, gedenke dabei 
nit nur der theuren Todten, gedenfe 
des alten Jacopo, der nun auch bald 
jein müdes Haupt zur Nuhe legen 
wird, der fo viel Trauriges erlebt, 
aber das Traurigfte an Euch beiden. 
Noh möchte ih Dir Eins jagen: 
Stürze Dih nicht muthwillig in Ge- 


wie einer, der gefaßt ift zu fterben, |fahr, vielleicht fan die Wunde noch 


892 


heilen, ihre Tiefe kann ich ermeffen. 
Es muß Di das eigene Herz leiten.“ 

„Mein Vater”, ruft Ludwig und 
füßt Stirn und Mangen des Greifes. 
Noch ein Drud der Hand, dann be: 
fteigt Jacopo wieder den Nachen und 
der Ruderer führt ihn der Stabt zu. 

Wie verloren ftarrt Ludwig dem 
dahingleitenden Fahrzeuge nad, mit 
der Hand winfend, fieht er den Greis, 
bi8 man von ihm nichts mehr erblickt, 
al3 einen kleinen jchwarzen Punkt, 
dann ift auch der in dem fernen Glanze 
be3 Meeres verſchwunden. Ludwig fteht 
noch immer. Ihm iſt, als jei die ganze 
Melt ausgeftorben und er allein zu: 
rüdgeblieben. Die Meerfluth zu fei- 
nen Füßen jpielt mit Sand und Sie: 
jeln, einige Schritte und die Schmer: 
zen find begraben. Aber Ludwig thut 
diefe Schritte nicht, der Mann fol 
fterben mit dem Bewußtjein, daß auch 
jein Tod noch eine Schuld abträgt an 
das Leben. 

Ludwig finnt, aber einen rechten 
Gedanken kann er nicht faffen; nur 
einen Moment fühlt er’3 in fich auf: 
bäumen, wenn er an Gott denkt und 
an den Mißbrauch, der jett in feinem 
Vaterlande mit dem Namen des Hei- 
ligften getrieben wird. 

Seit einer Zeit Schon ſchallt da: 
gegen der Ruf von einem großen Kö: 
nig berüber, der Alles das in feinem 
Herzen trägt, was ber Kriegertroß | 
bisher auf der Zunge führt, von dem 
großen Schwedenfönig Guſtav Adolf. 
Diefen Mann hatte er bewundert, jeit: 
dem bie Hunde über denjelben zu ihm 
gebrungen war. Die großen Gedanken 
dieſes Mannes haben Taufende nicht 
begriffen, aber Ludwig glaubt fie er: 
faßt, glaubt fie erkannt zu haben und 
wenn er kämpfen, und wenn er jter: 
ben will, fo fol es im Dienfte diefes 
Königs fein. 

Ludwig ſchreitet, einen Wanderftab 
in der Hand, in’3 Land hinein, fein 
Gepäd ift gering, Jacopo's Bild hat er 
dazu gegeben — und fo zieht er dahin 


Immer weiter tritt das Meer zu- 
rüd. Er aber jchreitet fort und merkt 
es faum, daß der Mittag herange— 
fommen. 

Ein Baum jteht am Wege, Zub: 
wig fest fi in feinem Schatten nie 
der und immer find es nur zwei Ge- 
danken, die ihn beherrſchen: Ludmilla 
und der Tod. Und dann zieht er wei: 
ter. Von einem fleinen Hügel, ben 
er überfteigen muß, blidt er zurüd. 
Da liegt in weiter, buftiger Ferne 
die ruhige Fluth, diefelbe Fluth, Die 
das Grab der Geliebten umfpült. 

Er ſchaut hinüber, ein Weh ganz 
jeltfam erfaßt fein Herz; er jchlägt 
beide Hände vor die Augen. 


Die Sühne. 

Die Stadt liegt in einer großen 
Ebene. Das träge ſchleichende Waſſer 
ift fein Bach, fondern ein Kanal, ber 
zwei Flüffe verbindet. Einzelne Bäume 
jtehen in ber Ebene, dunkle Blätter, 
theilweije verborrt, hängen an ben 
dünnen Zweigen, der Boden ift jandig 
und bietet feinen Grund für die Wur- 
zelneines kräftigen, ftrebenden Stammes. 

Heute iſt's noch viel trauriger, 
denn das Ungeheuer ift herangefom: 
men, das man fo lange gefürchtet: der 
Krieg. Kennt du es? Sein eijenge: 
panzerter Leib ftarrt von tauſend Sta: 
heln, feine Tagen find jchwer und wo 
fie hintreten, zermalmen fie ein Dorf 
oder eine Stadt, feine Nüftern ftoßen 
flammende Fenerjäulen aus, deren Rauch 
fich über die weite Landſchaft legt und 
fie verhüllt. Seine funfelnden Augen 
ſuchen fich ihre Opfer aus, und wehe 
denen, die fie dazu erforen. So ſchleicht 
ed über Felder und Berge, durch 
Städte und lachende Fluren. Und wo 
e3 angefommen, da bampft die Erbe, 
da erſchallt das Jammern und Weh— 
lagen und wenn es abgezogen ift, 
läßt e8 nur Leichen zurüd und Kla— 
gende, niebergebrannte Käufer und 
zerftörte und zertrümmerte Wohnftätten, 
und jedes Glüd, das diefe rollenden 


mit feinem armen, traurigen Herzen. Feueraugen anftarren, zerfällt in Staub, 


893 


der blutgetränfte Boden liegt öbe, 
bevölfert nur von den Todten. 
Weithin durch die deutjchen Lande 
ift das Unthier gezogen. An rauchen: 
den Trümmern, bei großen Gräbern 
ftehen die Unglüdlichen und ftarren 
auf das, was einſt ihr Glück geweſen. 
Auch die Stadt hat geftern bie Schlacht 
um ihre Mauern toben gejehen. Die 
Stadt — heute find es nur kahle 
Trümmer mit niebergebrannten Dä- 
ern, Kirchthürme ohne Gloden, die 
zu ftürzen drohen, hier und ba zün— 
gelt noch eine kleine Flamme empor, 
al3 juchte fie nach Nahrung. Zerbro: 
chene und zertrümmerte Fenſter überall, 
Kugelipuren in allen Wänden, noch 
liegen bie Kugeln, welche fie geſchla— 
gen, umber. Und Blut überall unter 
den Trümmern. Auf den weiten Fel- 
bern ringsum bietet ſich der gräßlichite 
Anblid. Da liegen noch die Tobten 
vom geftrigen Tage, da ftöhnen noch 
Verwundete und manches Haupt erhebt 
ih, wie aus einem langen Schlafe 
und blidt verwundert in den grauen 
Tag hinein, um wieder zurückzuſinken. 
Pferde mit zerjchmetterten Füßen, 
unter denen bie Reiter liegen, tobt 
und erftarrt, Geſchütze mit zerbrochenen 
Rädern, zerfprungene Helme und Sturm 
hauben, Gabelbüchjen, Bartifanen und 
Hellebarben, Alles ift wirr durch— 
einander gemorfen und bazmwilchen bie 
Leihen. Freund und Feind im Tode 
fill. Hier und da fieht man wandelnde 
Geftalten zwijchen ben Tobten und Ster: 
benden, einen mitleidigen Arzt, einige 
Soldaten de3 Schwebenheeres, die 
ihren Kameraden Hilfe bringen möchten 
und Rettung, wenn fie noch möglich. 
Entjegt bliden die Umherwandeln- 
den auf das Feld des Todes, wie 
geſchnittene Garben liegen die Kamera: 
den oft nebeneinander. Und mitunter 
flattert auch der Fetzen einer Fahne 
im Morgenwind auf, dort liegen bie 
Meiften, dort hat der Kampf am 
erbittertjten gemüthet, denn die Seibe 
ber Fahne ift heilig und für den An- 
greifer die foftbarfte Beute. Meift find 


e3 die Fahnen der Kaiferlichen, welche 
unter den Tobten liegen: blau und 
weiß, roth und gelb, verhüllen dieſe 
breiten, großen Seidendeden oft Meh— 
tere, welche fie mit ihrem Leben ver: 
theidigt ; aber es find Andere gefom: 
men und wieder Andere und fie haben 
ſich niedergemegelt, die Fahne ift aber 
doch zurücgeblieben und getreu geblie— 
ben ift der Fähnrich den mahrenden 
Morten des Oberften: „Sit feine Hilfe 
noch Rettung da, fo vermidelt Euch 
in die Fahne, befehlt Euch Gott, um 
darin zu fterben und erftochen zu 
werben al3 ein ehrlicher Mann.“ Und 
jo find fie geftorben ehrlich in ber 
Feldſchlacht. 

Weit, weithin erſtreckt ſich das 
fürchterliche Feld, auf dem vor zehn 
Stunden noch der Kampf gewüthet, 
auf dem viele von denen, die hier 
ſtumm liegen, die Waffe noch in der 
Fauſt, erbittert gekämpft haben. Mit 
Ruhm und Ehre bedeckt, vielleicht mit 
Beute beladen, glaubten ſie heimzukeh— 
ren, da hat ſie der Tod ereilt mitten 
in der Haſt des Lebens. Traurig blicken 
auf ſie die Kameraden, welche vorüber— 
gehen und kaum laut zu ſprechen 
wagen auf dem Gefilde des Todes. 
Ein kleines Haus ſteht ſeitwärts auf 
geringer Anhöhe. Hier haben mehrere 
Geſchütze geſpielt, noch liegen die ge— 
waltigen Eiſenröhren, die zerſchmetter— 
ten Räder, Karthaunen und Feld— 
ſchlangen, zum Theile in den weichen 
Erdboden wie eingegraben, umher. Die 
Wände des Gebäudes ſind überſäet mit 
Kugel- und Blutſpuren, die Fenſter 
hängen zerſchmettert herab, aber das 
Dach iſt nicht niedergebrannt, nur 
mächtige Lücken haben in dasſelbe die 
Kugeln geriſſen. 

Hieher haben ſie mehrere gebracht, 
die der Tod noch nicht ganz überwäl- 
tigt auf dem weiten Leichenfelde rings: 
herum. Es ift eine Zufluchtsftätte ges 
worben für Sterbende ; derſelbe Raum, 
der noch vor Kurzem das fröhliche 
Leben beherbergt. Hier ift heute auf: 
gehoben der Unterfchied zwifchen Freund 


und Feind; ein Faiferliher Haupt: 
mann liegt auf einem Strohlager im 
erften immer, eine Kugel hat ihm 
den Leib geftreift und jein Leben zählt 
wohl nur nach Stunden, neben ihm 
figt auf halb zertrümmertem Holzftuhl 
ein Machtmeifter, das Schwert noch 
an ber Seite, aber jtatt des rechten 
Fußes einen blutigen Etumpf, auf 
die Klinge des breiten Schwertes ge: 
fügt und grimmig zu Boden ftarrend. 
Und jegt bringen mitleidige helfende 
Kameraden auf zwei Hellebarden einen 
dritten. Wir fennen dieſe edle Seftalt 
mit dem braunen Bart, mit dem ge: 
lockten Haare. Wir Haben fie im 
Mönchsgewande gejehen und in ber 
Tracht der großen Stadt, wir haben 
fie froh und traurig erblidt. Heute 
iſt's ein halbtodter Mann. Das ge: 
bräunte Antlig ift wieder bleich gemor: 
den, die Augenlider find gejchloffen, 
am breiten Bandelier hängt das 
Schwert, den Hut mit der grünen 
und weißen Feder haben fie ihm zur 
Seite gelegt. Ein Seufzer hebt jekt 
die Bruft, er flüftert und bittet um 
Waſſer. Ein Glas Wafjer aus dem 
nebenftehenden Kruge wird ihm gereicht, 
dann heben die Kameraden ben töbt: 
lih Verwundeten behutjam von der 
Hellebardentragbahre, fie legen ihn im 
zweiten Zimmer des Gebäudes auf 
ein aus Stroh bereitetes Lager nieder, 
fie nehmen ihm das Schwert ab und 
reißen das gelbe Wamms auf und 
ein flüchtiger Verband wird über die 
Wunde, aus der das Blut quillt, ange: 
legt, denn fie können nicht hier wei- 
len, fie müſſen weiter arbeiten das 
Merk der Barmherzigkeit. Noch jtellt 
Einer das Glas gefüllt zu feinen 
Handen. 

Ludwig liegt allein, er lebt noch, 
aber er fühlt, lange kann es nicht 
mehr dauern, der Angreifende hat zu 
ſtark geſtoßen und unter dem Ver— 
bande ſickert von neuem das rothe 
Blut hervor. Wie Schatten ſchweben 
bie Gebilde feiner Phantafie vor dem 
halbgeſchloſſenen Auge vorüber, die 


894 





Schatten ſeines Lebens. Träumend 
zieht ſeine Jugend an ihm vorbei, er 
hat nicht viel des Fröhlichen darin 
genoſſen, und doch war es noch die 
ſchönſte Zeit. Dann wandeln ernſte 
Mönche vorbei und nicken ihm zu und 
winken ihn herbei in den Frieden 
ihres Aſyls. Und er hat den Frieden 
nicht gefunden. Die dunkeln Kloſter⸗ 
mauern ſchweben vor ſeinem Blicke, 
die dumpfe Luft in demſelben beklemmt 
ihm den Athem. Er ſieht das Ecce- 
homo-Bilb, es ift fein eigenes Leben ; 
ein Heiliger hätte er fein 
jollen und ſiehe, er war ein 
Menſch. Er hatte geliebt und hatte 
gelitten, hatte geirrt und hatte 
gefühnt — er war ein Menſch. — 
— — Das Bild der Leiden ſchwin— 
det. Er fieht Ludmilla. Bon einer 
glänzenden Wolfe blidt fie ihn lächelnd 
an. Die Qualen feines Herzens wei— 
hen, es zieht ein emwiger Frieden ein. 

„Ludmilla!“ Er ftredt die Hände 
nah dem Bilde aus und es ift, als 
ob der Mönch jener alten Chronik zu 
ihm träte und ſpräche: „Amarit et 
hominem esse sensuit.“ 

„Wie iſt Euch, Freund ?” Die Worte 
fingen an fein Ohr, die Traumbilder 
verſchwinden und eine Hand faßt bie 
feine. „Wie fühlt Ihr Euch?“ Die 
Stimme tönt nicht fremd, Ludwig 
Ihlägt noch die Augenlider auf, da 
jteht die Geftalt eine® Mönches vor 
ihm, jollte e8 nur ein Traum fein? 
Aber nein, in feinem Innern fügen 
ih die Gedanken zufammen, dieſes 
Antlig mit den gefurchten Zügen, dieſe 
ftreng blidenden Augen hat er jchon 
gejehen, hat er oft gejehen; wie ein 
Lichtftrahl durchzuckt ihn plöglich das 
Erinnern. Es ift der Prior besfelben 
Klofters, in dem er, der jet im Ster— 
ben liegt, geweilt, es ift der Mann, 
dem er entflohen ift, ba er ihn fetten 
wollte, derjelbe Mann, den er vielleicht 
jo tief gefränft. 

Der Prior aber hat den todes— 
wunden Krieger mit dem bunfeln 
Barte, mit den wettergebräunten Wan 


— 


gen nicht erkannt. Er hat den fragenden 
Blick, den Ludwig auf ihn wirft, viel— 
leiht anders verftanden. „Bleibt nur 
ruhig“, jpricht er „ich habe des Gräßli- 
chen heute zu viel gefehen, um nicht einen 
Sterbenden zu jegnen, wenn er jelbit 
ein Keger ift und das ſeid ihr, das zeigt 
bie weiß-grüne Feder des Hutes neben 
Euch. Bleibt ruhig, der allbarmherzige 
Gott möge Euch helfen.” 

Da faßt Ludwig die Hand des er: 
fummten Mönches, blickt ihm in’3 Auge: 
„Kennt Ihr mich nicht mehr, Prior?“ 

Und der Mönch legt die Hand an 
die Stirne, als ſchwindelte ihn, jchließt 
er das Auge — dieje Stimme — 

„Kennt ihr Ludovicus nicht mehr 2“ 
ſpricht der Krieger. 

Der Mönch wirft das Haupt 
zurüd und ihm ift, als müßte er 
fliehen von dem Lager eines Verwor— 


895 


fenen, von der Kirche Ausgeftoßenen. 
Aber — er fieht in ein brechendes 
Auge, er fieht eine Stirn vor fich, 
die immer bleicher wird, er fieht eine 
zudende Hand, einen wunden, bluten- 
den Menjchen, ähnlich dem Ecce homo- 
Bild im Klofter. „OD Gott, wie ift das 
Alles gefommen!” 

„Weil ih ein Menſch gemejen,“ 
jagt der Sterbende, „kennt ihr ihn, 
der mich getödtet ? — Edelsberg iſt fein 
Name. Geftern im Kampfe hat er mich 
hingeftredt. Ich hab’ ihn erkannt. — —” 

Der Prior hört die Worte, aber 
veriteht zur Stunde nicht ihren Sinn. 
— Ludwig; Mund ift fill — jein 
Auge ift gebrochen. 

Der Prior legt feine Hand auf 
die falte Stirne und jagt das Wort: 
„Er hat den Frieden geſucht, er hat 
ihn gefunden.” 


Hymne eines Glücklichen. 


Heiliger Bott, ich möchte beten, preifen 
Dich in göttliher Sprache, und jauchzen, fin- 
gen, wie Engel jubeln im Schauen Deiner 
Schönheit. 

Ih möchte weinen, wie Selige ſchluch— 
zen, die Du aus der finfteren Drangjal der 
Erde in Deine ewigen Himmel aufnimmit. 

Nur das ift mein Schmerz, mein won- 
nig Verzagen, dab id) nicht fann fagen, wie 
glüdlih ich bin. — 


Ich hab’ Dich gefühlt am Buſen der 
Mutter, im Auge des Freundes Dein Lü- 
heln geſeh'n; und als ich die Einzige fand, 
die Geliebte, da warit Du es ganz, der nie 
derftieg, und mich, den Schwachen, in Wonne- 
fhauer Bebenden mit heißem Kuß an feine 
Bruft gedrüdt hat. 

Und als ich mein Ebenbild, nein, das 
Deine, in meinem Arm hielt, das fühe Kind, 
da mwarft e8 Du, der mit erneuter Huld im 
jungen Auge mid) angeblidt. — 

Die heißen Freuden haben mein Herz 
erjhüttert ; der Froſt der Gräber hat mein 
Haar gebleicht. 


Einfam nennen fie mich und wollen mic 
tröften mit ihren Meinen Gaben, die Guten, 
die Armen, die nicht willen, wie reich, nicht 
ahnen, wie glüdlic ich bin. 

Denn feit die lieblihen Bilder aus Dei- 
ner ®ottheit mir vermweht find, ſtehſt Du 
aufgededt vor mir in Alleinheit Deiner 
unendlichen Schöpfung. 

DO, daß ich fo vergebens in Deinem Neid 
den Namen ſuche, Dih zu nennen, Du nim- 
merruhender Auf- und Niedergang, im Sturm 
und Sonnenläheln ewige Harmonie, aus der 
mir die Stimme der Mutter, der Gattin Haud) 
und des Kindes Lächeln treu wieder entge- 
gengrüßt. 

Was einft mich beglüdt in einzelnen 
Weſen, in einzelnen Wünfhen und Hoffen 
bejeelt, das find’ idy nun, vereint mit Dir, 
mit mir vereint zum ewigen Sein, 

Die Leidenschaft ſchweigt — ftill ift die 
Sehnſucht; erlöft an Dein Herz, o Natur, 
ſink' id hin. 

Die Bluihen der Erde, die Sterne des 
Himmels, fie mögen verkünden, wie glüd- 


uͤch ic) bin. 


so __ 


Unſer nordiſcher Wald. 


Studien und Träume von P. R. Rofegger. 
II. 


Einſt, an einem Sommertage, tra: 
ten die Nabelbäume zujammen, um 
unter fih eine Königin zu wählen. 
Die Fichte ſagte: Ich bin die Schönfte ; 
die Tanne jagte: Ich bin die Größte; 
die Kiefer fagte: Ich bin die Nützlichſte 
und bie Verbreitetfte, und fie führte 
jogar die Legföhre vom Berge herab 
mit fich, daß biejelbe für fie ftimmen 
jollte. Selbft der MWachholder war 
bherbeigefrohen und meinte, er wäre 


wohl der Edelſte und Koftbarfte, wer's ſ 


wollte bedenken. Als endlich aber auch 
die Lärche fam mit ihrem hellen, herr: 
fihen Grün, mit ihrem mächtigen 
Stamm, eine riefige Pyramide, ver: 
jchleiert die ftrogenden Aeſte im dich— 
ten, weichen Genadel — die Milde 
gepaart mit ber Kraft — da beichloj: 
fen die andern Bäume, die Wahl der 
Königin auf den Winter zu verfchieben. 

Und als der Winter gekommen 
mar und fie ſich wieder verfammelt 
hatten in ihrem dunklen, immermwäh- 
renden Grün, da wollte die Lärche 
nicht erfcheinen. Und als man fie rief, 
da fam fie eingehüllt in einen Schnee- 
mantel, und als man fie bat, dieſen 
abzulegen, da ftand fie mit grauem, 
fahlem Gezweige da. Die Anbern 
lachten. Königin aber wurde die Tanne. 

Seither trägt die große Lärche 
die Hleinfte und leichtefte Krone unter 
den Nabelhölzern. Iſt auch ein bischen 
ungefellig geworden und fteht gern 
auf freier Weite, andern Genofjen 
nicht zu nahe. In der Jugend, ja, da 
war’ anders, da ftand fie in dichten 
Reigen mit ihren Gejchwiftern und 
ihr grünes Büjchelgelode war jo eng 
in einander verflochten, daß die Stämm: 


hen darunter in fteter Dunkelheit 
ftanden und daß das tieferjtehende 
Gezweige aus Mangel an Tag zu 
verborren begann. Bei ber Lärde iſt 
„Freiheit und Licht” wahrhaftig feine 
Phraſe; es gibt feinen Baum in un: 
jerem Walde, der fi fo gerne ftredte 
und breitete und der fo fonnenburftig 
wäre, als wie die Lärche. Und weil 
fie fih denn im ihrer zarten Jugend 
gegenfeitig vor's Licht geſtanden find, 
0 haben die meiften von ihnen ver: 
fommen müffen, haben eines Frühlings 
nicht mehr gegrünt, find als Gerippe 
dageftanden ben Sommer über. Die- 
weilen aber haben fich junge Fichten, 
darunter an derjelben Sache gefräftigt, 
an ber bie Lärchen zu Grunde gingen — 
an dem Schatten. Sie hoffen jest auf 
nnd von dem jungen, vor ein paar Jah⸗ 
ren noch jo jehönen Lärchenanwuchs 
war bald feine Spur mehr. — Nur die 
etwas abjeit3 vom Gedränge ſtanden 
— auf Felsboden — die retteten ſich. 

Auch bei der Lärche ift das Sprid): 
wort wahr, da Mann und Weib Ein 
Leib jeien. Das Weib daran hebt für 
feinen Theil ſchon oft im fechjten Le— 
bensjahre zu blühen und zu winken 
an und gudt mit roſenrothem Köpf: 
hen hervor aus den wiegenden Zwei: 
gen. Aber der Mann jchläft Lange, 
ſchläft noch jahrelang fort. Da kommt 
aus den blauen Lüften des Himmels 
wohl bisweilen die holde Namens: 
ſchweſter auf Beſuch — die Lerde. 
Sie zeigt gern, daß fie ſchon unter 
der Haube ift, indem fie bie Federn 
des Kopfes wie ein Häubchen empor: 
ftellt. Dabei fingt fie: Didldoi, didldoi! 
jo, daß dem armen Lärchenjungfräu— 


— ı BIER 


lein ganz feltfam zu Muthe wird, | 


Und bie junge Lärche blüht nun jedes 
Jahr, bis der Bräutigam wach wird. 


Dann verfchließt er das Loch mit 
einem Pfropfen und geht davon. Im 
Herbfie fommt er mieber, zieht den 


Und fiehe, der Bräutgam ift in Un: | Pfropfen aus und jchöpft mit einem 


zahl da, und fie hat viele Bewerber. 
Doch, es ift ein eigenes Verhängniß, 
Jeder, der fie füßt, ftürzt ſich bald 
darauf in bie Tiefe. Vor Geligfeit 
— vor Verzweiflung — vor Lebens— 
fattheit — wer weiß e8 denn? Die 
Witwe ift eine treue Mutter und be- 
wahrt die faum noch Feimenden Jun: 
gen zärtlih in ihrem ſich braunfär- 
benden Zapfennejtlein, bis fie im näch— 
ften Frühling flügge werden und fich 
etwa in einer Felsſpalte oder auf 
freiem Kalkboden ein eigenes Heim 
gründen. 

Mancher mildherzige Tannenbaum 
will Ritterdienfte üben an der zarten 
fraulihen Lärche und fucht fie zu be: 
Ihirmen gegen Sturm und Sonnen: 
ftich. Doch die Lärche dankt höflich, 
aber jehr entjchieden, indem fie mit 
ihren Armen, die viel ftarfer find, ala 
fie ausfehen mögen, den Zudringlichen 
allmälig von fich jchiebt und verdrängt. 
Gelingt ihr das nicht, fo hüllt fie fich 
über und über in die grauen Schleier 
ihrer Flechten, wie eine Nonne, und 
fauert fich zufammen. Sie bebarf fei- 
nes Schuges und Beiftandes, fie ge: 
nügt ſich felber und nur fo ift ihr 
am mohljten. 

Im Winter legt fie al’ ihren 
grünen Shmud ab und trauert. Nur 
die Samenzäpfchen hütet und wiegt 
fie auf ihren Armen und menn die 
jungen Nabelfederchen mwiederfommen, 
zu einzeln und aus winzigen Körblein 
hervor in Büſcheln, da dehnen ſich 
wieder die Zweige, redt fi der Wi- 
pfel und die blutrothen, faft erbbeer: 
artigen Zäpfchen lachen zum jonnigen 
Himmel auf und es beginnt die jom: 
merliche Luft. 

Da geht im Wald aber ein Menfch 
herum, der macht ſich daraus ein Ge: 
Ihäft, daß er die Lärchen melft. Mit 
einem Bohrer wühlt er ein Loch in 
den Stamm, bis hinein an das Mark, 


Rofeggers „‚Geimgarten‘‘, 12, Heft. 


langen Löffelchen den Föftlichften Bal— 
ſam hervor, das Harz, aus welchem 
der feine venezianifche Terpentin be: 
reitet wird. — Ein ſolches Loch in 
den Baum gibt bis gegen dreißig 
Jahre hinter einander Harz und zwar 
alljährlih ein Krügelchen voll — und 
jo ift die Lärche zwar die kargſte, aber 
die ausbauerndfte Melkkuh im Laube, 

Der Lärche Heimat find die Kar: 
pathen, daher lebt fie am liebften auf 
Bergen, wo fie die Geber ber Alpen 
genannt wird. Da fie von Haus aus 
abgehärtet ift, jo fteigt fie bis an bie 
7000° in’s Hochgebirge empor, und 
wo bie Kiefer nur mehr als Legföhre 
auf den Knien fortfriecht, ſteht die 
Lärche in ihrer ganzen Männlichkeit 
ftramm aufrecht und ftemmt fich, wenn 
es nöthig ift, als Hoher Worpoften 
mit Erfolg den Alpenlamwinen entgegen, 
baß die tiefer liegenden Waldungen 
und Menjchenftätten nicht gefährdet 
jeien. In der Ebene und in war: 
men Ländern leidet die Lärche am gel- 
ben Sieber, ihr Genadel wird fahl, 
und vergeht an Heimweh nach ben 
Bergen. 

Die Helpler werden, wenn fie fein 
Unglüd trifft, zumeift fehr alt, aber 
die Lärche wird ganz unglaublich alt. 
Zwar nennt fie — auch wenn fie nicht 
etwa an der Rärchenmotte oder dem 
Rindenfrebs Frank, jondern ferngejund 
ift — ber Forftmann mit 80 Jahren 
ſchon ſchlagbar. Doch wer fie leben läßt : 
mit vierhundert Wintern ift fie oft 
noch eine Frau in den beften Jahren; 
mit fünfhundert madt fie bisweilen 
ihr Teftament, indem fie zu Gunften 
des jüngeren Nachwuchſes feine Na: 
deln mehr treibt, ſondern die Sonnen: 
ftrahlen zwifchen ihrem Geäfte auf bie 
Jugend niederleuchten läßt. Seht wirb 
jie Teer und hohl im Innern und ihr 
Eingeweibe, ihr einft jo frifches war: 
mes Herz riefelt als Moder in ben 

57 


898 


Grund, während nur noch der Holz | fallen zweier Aeſte verurfacht wurben, 


mantel die nothdürftigfte Nahrung 
aus dem Boben jaugt. In ben rauhen, 
riffigen Rinden ftünde — wenn wir 
Baumſchrift leſen könnten — ſowie 
in den Geſichtsfurchen des Menſchen, 
die Lebensgeſchichte des Greiſes einge— 
graben. Mit ſechshundert Jahren end— 
lich legt ſich die älteſte Lärche ſelbſt 
zur Ruh! — So kann es wohl ſein, 
daß der uralte Lärchbaum, der heute 
vor unſeren Augen zuſammenbricht, 
in ſeiner Kindheit Rudolf von Habs— 
burg geſehen und die Hohenſtaufen, 
und den Kreuzfahrern ein grünes 
Sträußden auf ben Panzerhelm ge: 
ftedt hat, als Glüdauf zum Zuge in’s 
heilige Land. 

Die Lärche ift der Lieblingsbaum 
der Mutter Gottes. Als man Marien 
nach des Herrn Geburt wieder mit 
dem Jungfrauenkranze ſchmückte, be: 
hielten alle Nabelhölzer jahraus jahr: 
ein ihren grünen Kranz auf dem 
Haupte. Nur die Lärche fagte: Dir 
allein gebührt der ewige Kranz, denn 
du bift die Himmlifche und wir find 
die Irdiſchen! — und legt jedes Jahr 
zum seite der Geburt Marien ihr 
helles Grün demuthsvoll zur Erde. — 
Daher ift der Baum mit bejonderem 
Segen bedacht. Häufig ſehen wir in 
den Alpen an Lärchenſtämmen Marien: 
bilder prangen, oder e8 fteht gar eine 
Kapelle in ihrem Schatten. Und oft 
eine demuthsvolle Magd jchlingt mit 
Vorliebe den Lärchenzweig um ihr 
fraufe® Haar — der bleibt nicht im- 
mer grün und — Manche läßt fich’s 
gefallen. 

Der ſeltſamſte Lärchbaum ber Alpen 
ift wohl jener, welcher im Unterinn- 
thale bei Reit! in Tirol auf dem Wege 
nad) Alpach fteht. Derfelbe hat 26 Fuß 


bilden die Fenfter. Das weidende Klein: 
vieh nimmt bei Kälte und böjem Wet: 
ter gerne Obdach in diefem Baume. 

Einmal bat in biefer Baumhöh— 
lung längere Zeit auch eine alte Frau 
gewohnt, der das Haus abgebrannt 
war. Sie ftellte eine Bettftatt, einen 
Kaften, ein Tiſchchen Hinein und ver: 
vollfommte die Fenjter mit Papier: 
jcheiben und errichtete an ber Wand 
ein Hausaltärdhen. Kein Menſch hatte 
da wie fie ein jo hohes Haus, auf 
defien Gefimfen die Eihhörndhen hüpf- 
ten, auf deſſen Giebel der Habicht niftete. 
und der Steuerbeamte ſchlug Bud 
auf und zu und fuchte vergebens nad) 
einem Paragraph für eine Baumhaus: 
fteuer. 

Noch länger, wie als Baum hält 
das braunrothe, harte Lärchenholz 
als Pilote im Waſſer. Ganz Bene: 
dig fteht auf jenem Lärchenwalde, der 
einst die Höhen des Karftes bejchattet 
bat. Und wenn die Paläfte Venedigs 
über dem Waffer nicht verfallen, im 
Grunde ftehen fie feft und bie Pflöde, 
welche vor eintaufendundzweihundert 
Jahren die vor dem Hunnenkönige 
fliehenden Schaaren auf den Sand: 
infeln der Lagunen in ben Wafler: 
grund fchlugen und worauf fie bie 
Stadt Venedig bauten — dieſe Lär— 
henpflöde find bereit3 zu Stein ge- 
worden. Und unfer Lärchbaum, der bei 
Lebzeiten von feinen Bergen nicht laſ— 
fen wollte, als Nutzholz muß er hin: 
aus in die weite Welt; auf jeinem 
Schoße ruhen bie jchweren Stränge 
der Eiſenbahn am ficherften, unter 
feiner Hut und Führung als Mait: 
baum gleiten die gewaltigften Schiffe 
von Gontinent zu Gontinent. 

Daheim aber auf den ftillen Al— 


im Umfang, alfo über 8 Schuh im penhöhen fteht der einfame Mutter: 
Durchmeſſer. Der Stamm ift im Kerne | ftod, deffen Stamm man fortgerollt 
ausgefault, jo daß das innere ein hat in die Fremde. Seines Ernährers, 
hohes, rundes Zimmerchen bildet. Eine | der ihm die Lebensluft zugeführt hatte, 
Deffnung unten zwijchen zwei ſich aus- beraubt, müßte er in kurzer Zeit ver: 


jchweifenden Wurzelarmen gibt bie 
Thür, zwei Lücken, die durch das Aus: 


fterben. Aber eine gutmüthige Nach— 
barslärche fteht neben ihm, die meint: 


Hätte ich fort müſſen, jo hättet du 
dich ficherlih meines Stockes ange: 
nommen, ich will ein Gleiches an 
dir thun. Und ſucht ihm durch Wur— 
zelverbindung und Ueberwallung die 
nöthige, ſich ſelbſt abgeſparrte Nah— 
rung zuzuführen, daß der ver— 
waiſte Stock oft noch Jahre lang an 
dem Gnadenbrote fortleben kann. — 

Bei dieſen Betrachtungen des Lärch— 
baumes und feines Lebens und feines 
Wirkens kann ich ein Tagebuchblatt 
nicht verjchweigen, das ich einjt am 
Sonnmwendtage, der die Gabe bes 
Sehers hat, auf den alten, gefurchten 
Rinden eines Lärchbaumes gelejen habe. 
Anjcheinend aber Hat nicht derjelbe 
Baum das Blatt gejchrieben, fondern 
wohl ein anderer, der zur Zeit, als 


899 


Erft an die fechzehn Jahre mochte 
ih zählen, da war's mir plötzlich im 
Bergwald nicht- mehr recht. Sehnte 
mic) nah dem jonnigen Hügelland, 
wo die Reben prangen. Mein 
Wunſch follte erfüllt fein. Ein kräfti— 
ger Mann kam, der hieb die Schlank: 
jten und Schönften unfere® Stammes 
um und jchnitt zehn Fuß hohe Stäbe 
daraus. Zu den Schlanfiten und 
Schönften gehörte aud) ich. Kurze Zeit 
darauf war ich im MWeingelände und 
diente einer üppig grünenden Rebe 
al3 Stab. Vom fimplen Lärhbaum 
zum Weinftod, das heißt's doch weit 
gebracht haben! Dem herrlichften Ge- 
wähle, das Gott erihuf, war ih 
Halt und Hort und eine treue Stüße 
in Sonnenjhein und Sturm. Die 


ih las, ſchon längſt Staub gewejen | Traube jah ich feimen und reifen an 
fein mochte. Es iſt die Biographie | meinem Bufen. Wie war ich ftolz, als 
einer ideal angelegten Lärche, welche der Winzer lächelnd die ſchwellenden 


darthut, 
nicht befjer geht al3 mandem Men- 
ichen, welcher Gutes will, während er 
Böjes ſchafft. Das Tagebud der 
Lärche lautet fo: 

„Aus meiner Kindheit wußte ich 
nur von Wiefeln, Eichhörnchen, Eidedh- 
fen und allerlei Gevögel zu erzählen, 
bie mi umhümpften, von Hafen und 
Rehen, die zu mir ihre Zuflucht nah: 
men, wenn fie den Jäger rochen. 's 
war eine fröhliche Zeit. — Borftige 
Weſen, Fichten genannt, haben meine 
Genoffinnen verdrängt. Ich habe mich 
mit Mühe behauptet, doch mußte ich 
meine ganze Kraft zujammennehmen, 
daß mic die Ungeheuer nicht erfticten. 
Ich trug eine fliegende Seele in mir, 
und gedachte es bdereinft zu großer 
Freiheit und Bedeutung zu bringen. Ich 
jah wohl, wie die Alten meines Stam: 
mes ihre trogigen Häupter hoben, 
hoch über den anmaßenden Tannen; aber 
ih jah auch, wie dieſe Alten endlich 
bingeftürzt wurden, um als Nutzholz 
zu dienen, Das war nicht nach mei- 
ner Weiſe. Ich wollte zu Beljerem 
jein. Ich wollte biejer Welt dienen 
im Schönen und Guten. 


daß es mandem Baume ı Früchte fchnitt und den füßen Saft 


auspreßte! Wie war ich glücklich, als 
eine heitere Schaar junger Zecher ben 
Krug ließ kreifen und bei Sang und 
Klang den gold’nen Trank ließ flie- 
Ben! Den Erbenftaub ftampften fie 
von den Füßen. Die Schönen fräftigen 
Sünglinge paarten fi mit den lieb: 
liden Mädchen, ihre Körper wiegten 
fih in Ebenmaß und ihre Auge: 
leuchteten. Wie junge Götter waren 
fie zu jehen — fie tanzten und minn— 
ten und tranfen. Set fam aber all; 
mälig ein anderer Geiſt in die Zechern 
fie wurden übermüthig und herrifn- 
gegen einander, jie trogten und groch 
ten, fie ſchrien und fluchten, fie hobell 
die Arme und einer der wilden Bur: 
ihen ſah nah Waffen um, erfaßte 
mich und bieb mit mir wie wahn- 
finnig auf bie Zechgenoffen los. Vom 
Tiihe floß der Wein und von den 
Köpfen floß das Blut.... 

So unglüdlih war meine Sen: 
dung erfüllt. Ich fluchte dem Wein, 
der bie Menjchen auf Roſenwegen zu 
Tigern macht und ich entſchloß mich, 
auf andere Weiſe an dem Glücke ber 
Welt mitzuarbeiten. 


67? 


900 


Kam bald darauf ein Junge, ber 
drehte und wendete mich über und 


An der Mauer des Kirchhof bin 
ih lange Zeit gelehnt. Die Sonne 


über und pfiff babei ein Liedchen. hat mich gebleiht, der Regen hat 
Dann hämmerte er ein paar Sproffen | meine vertrodneten Adern hervorge— 


in mich hinein und lehnte mid an 
die Wand, Sogleih war mir meine 
neue Beftimmung Har; ich jollte eine 
Reiter fein, und wie fich die Rebe an 
mir aufrankte, jo folte ich nun dem 
Menſchen emporhelfen zu feinen höhern 
Beitrebungen. Ein ſchöner Beruf! — 
In der darauffolgenden Naht kam 
der Burjche wieder und lehnte mich 
an’8 Haus, gegen ein laufchig Fen— 
fter hin. Ich wußte, hinter dem Fen— 
fter im Kämmerlein wohnte fein Schaf 
und jauchzend begriff ich meine Miffion. 
Ich kannte die Schäferftunde wohl — 
war ja in Arkardien geboren. Still 
und behendig ftieg der Burſche an 
meinen Sprofjen hinan; an ber ober: 
ften blieb er ftehen und Elopfte an bie 
Scheibe. Klopfte nicht allzulange und 
das Fenfter that fih auf und ih 
hörte flüftern. Flüſterten auch nicht 
allzulange, da klatſchte ein Küchen 
— eins und noch eins. — Jählings 
aber fühlte ich mich leicht; an meiner 
oberjten Sproffe ftand fein Fuß mehr 
— ber ganze Burfche war weg. 

Ich lehnte an ber Wand und 
horchte. Im Dachgeſchoß polterten 
Katzen und Ratten umher, von mei— 
nem Burſchen war des Weitern nichts 
zu bören.... 

Nach diejer freundlichen Nacht ver: 
floß eine gute Weile, da war eines 
Tages im Haufe, an welchem ich im: 
mer noch lehnte, jenes Gejchrei, das 
ein Menſch macht, wenn er fich plöß- 
ih in diefe Welt verſetzt fieht. Und 
dazmwilchen manch’ bittere Meinen und 
Klagen. Viele Tage ging e8 fo fort 
— da mar es mit einemmale ftill 
und aus dem Haufe trugen Männer 
einen weißen Schrein. Mid) nahmen 
fie als Balken zur Tragbahre. Auf 
mir ruhte der Schrein und ſchwankte 
dem Kichhhofe zu. — Ich bin es ge 
wejen, der einſt das Unglüf hinauf: 
gehoben hat zu ihrer Kammer .... 


ſchwemmt. 

Ich war muthlos und zerfallen 
mit mir ſelber und dennoch meinte 
ich, es wäre nicht möglich, daß der 
gute Geiſt, der die Welt regiert, ge— 
rade mir allein den Weg zu allem 
guten Wirken verſchließen ſollte. 


Da war es in einer finſtern Nacht, 
daß ein Mann daher hinkte, völlig 
gebeugt und nad einer Stüße ſuchend. 
Mir wurde warm um’s Herz. Dem 
vom Schidjal gebeugten Mann, dem 
ſchwachen, bilflofen Greis eine Stüße 
zu fein ift ein glüdjelig Amt. — Und 
als der Mann mit unfiherer Hand 
nach mir langte, und als er mit bem 
neuen Stod neu ermuthigt über bie 
Gräber hinwegſchritt, da freute ich 
mich, daß ich diefen Tag erlebt. Der 
Mann eilte dem Eingange ber Kirche 
zu; er ift ja alt, feine Lieben find 
ihm wohl vorausgegangen in das en: 
jeit8, er wird ihnen bald folgen — 
er will beten in ftiler Nacht. — Als 
er zur Pforte fam, hob er mich mit 
keckem Schwung, zwängte mich zwi: 
ihen Thür und Mauer und ftemmte 
ih an, bis die Pforte Inarrend auf: 
ſprang .... 

Am andern Morgen lag ich vor 
dem Thore und über mich eilten Leute 
aus und ein, um die Verwüſtungen 
zu ſehen, die der Kirchenräuber im 
Gotteshauſe angerichtet hatte. — 


Das war mein Letztes geweſen. 
Ich fühlte zutiefſt den Fluch, der auf 
mir lag. Ich ſehnte mich nach mei— 
nem Bergwald, nach dem ſchlichten 
Berufe meiner Brüder. Ich war ge— 
brochen. Glücklich pries ich die höl— 
zernen Grabkreuze, die auf den Hü— 
geln ſtanden; glücklich die halb ver— 
moderten Bretter der Särge, die dort 
auf dem Steinhaufen lagen. Ich war 
nichts. Ich hatte nichts als das Gute 
gewollt und das Böſe gethan. — 


901 


Sterben, fterben, das war mein Ver: nicht fortfommen Tann, 


langen. 


Da- kam ein halbfieches Weib aus 


dem Armenhauſe — vielleicht zu gut, 
aber beſtimmt zu mühſelig zur böſen 
That. Das Hub die alten Sargbret- 
ter auf, hub auch mich auf und trug 
uns in’3 Spital. Dort legte es uns 
in den brennenden Ofen.... 

Der Lärhbaumftab — jo er: 
zählte noch der alte Stamm, an dem 
Dbiges gejchrieben war — der Lärch— 
baumftab verbrannte mit den Sarg- 
brettern. Jedoch gab er eine hellere 
Flamme, als das andere Holz und 
fnifternd floben die Funken aus ihm 
hervor, wie fo viele goldene Samen: 
förner, die in ihm noch verborgen 
gewejen. 

Als hierauf das Feuer verglüht 
und verlofhen war, die armen Be: 
wohner des Haufes fih aber noch 
der Wärme freuten, da fam einer der 
alten Männer herbei, holte fih aus 
dem Dfen eine Kohle von dem Lärch— 
baumftab und jchrieb damit — auf 
daß er wieder einmal etwas jchreibe 
— an bie weiße Wand folgende Worte: 

Alfo muß es fein bienieden, 

Daß am Lichte häng' der Schatten, 

Böfe Frucht an guten Saaten. 

Himmelweit find oft verjchieden 

Wollen, ad), und Thaten! — 


Der Tanne und der Lärche ge- 
genüber ein faft charafterlofer Geſelle 
ift die Kiefer. 

Hier ift fie ein gerader Baum, 
dort ift fie ein frummer; da hat fie 
einen bis hoch zur Krone glatten 
Schaft, gleich daneben dedt fie ſich 
mit Aeften bi8 zum Boden herab. 
Einmal ift ihre Krone kuppelförmig, 
ein anbermal wieder hat fie Spiten 
und weite Auswüchſe, oder wölbt ſich 
über ihrem röthlihen hohen Stamm 
gar zu einem Schirm, wie bie Pinie. 
In allen Ländern ift fie ber Hahn 
im Korbe und wird, wo fie anders 


zur argen 
Kriecherin. 

Auch will fie nicht recht Farbe befen- 
nen, fie ift nicht grün, nicht braun, 
nicht grau, nicht gelb — fie ift eben 
alles zugleih. Sie fteht, jo lange fie 
(lebt, zum Menfchen fcheinbar in kei— 
ner freundfchaftlihen Beziehung. Sie 
bietet ihm fein rechtes Obdach, mie 
die Tanne und bie Lärche, feinen küh— 
lenden Schatten, wie die Fichte, fie 
erfreut das Auge nicht. Nur muß 
man ihr nachfagen, baß fie jchon bei 
Lebzeiten durch vorzügliches Harz ihr 
Standgeld zahlt. Hingegen ijt die Kie— 
fer im Stande, wie ein eifernber 
Pfaff’, die Menfchheit bisweilen mit 
einem förmlichen Schwefelregen zu 
überfchütten. — Iſt aber harmlos, 
bein gelber Blüthenftaunb, du mein 
guter, vielverleumbeter Baum. 

Und trogdem man bir auch noch 
ferner nachſagt, daß bu dich beiner 
ipäteren Nützlichkeit als Bau- und 
Schnigholz manchmal durch Drechwuchs 
zu entwinden fuchteft, bleibt du doch 
ein guter, liebenswürdiger Baum. Daß 
du überall in der Welt fortlommift, 
ift, weil du mit Allem zufrieben bift. 
Auf ftarrem Geftein, auf heißem Sand, 
auf ödem Moor, auf dürrer Heide, 
wo fih außer der braven Birke Kei— 
ner hinwagt, fiedelft du dich an und 
machſt den Boden ertragfähig. Du 
bift der Nadelbaum der Ebene und 
ber warme Pelz der Alpen. 

Ale Achtung! Gegen Often ver: 
breitet fie fih bis zur chinefiichen 
Mauer, gegen den Nordpol ftrebt fie, 
fo weit dort ein Baum überhaupt 
noch möglich ift; und als vor weni: 
gen Jahren unfere Schiffer den Norb: 
pol fuchten, war die Kiefer als Maft- 
baum bei ihnen. Nur nah Afrika 
mag fie nicht Hinüber und auch bie 
neue Welt ift nicht nach ihrem Ge- 
ſchmacke. 

Die Kiefer iſt eine noch größere 
Freundin des Lichtes als die Lärche, 
Nicht allein, daß fie allen biüftewan) 


nebeligen Gegenden auszumeicdhein Judge 


und nur im Glanze der lieben Sonne 
am beiten gebeift — mehr noch, fie 
durchfettet Tebelang ihr Holz mit Harz, 
daß es bereinft in den langen Win- 
ternächten eine herrliche Kienſpan— 
leuchte gebe. Und eben, weil fie über 
ein fo vortreffliches Lichtmateriale ver: 
fügt, ſcheint fie fih auch in bie nörd— 
lihen, nächtlichen Gegenden gezogen 
zu haben, denn daß es ihre Abficht ift, 
den Menſchen zu nüßen, muß nun 
wohl zugegeben werben. 

Ich Habe ſchon als Kind den 
großen Nutzen der Föhre erfahren. 
Sie gab uns den Kienfpan, ber zu 
den freundlichiten Abendſtunden und 
zu den ſchönſten Geſchichten des Alt: 
knechtes leuchtete; fie gab ihre dicke, 
braunröthlide, glattfeine, zart mar: 
morirte Rinde, aus welder ber 
Jungknecht eben auch beim Kienfpan 
für mich allerlei ergötzliche Figuren 
ſchnitzte. — Trogdem konnte ich da— 
mal3 die Föhre nicht leiden, denn 
eine ſolche hatte eine® Tages beim 
Fällen in unſerer Nachbarſchaft eine 
Magd todtgeſchlagen. Noch lange war 
der Stod mit dem eingehadten Kreuz 
im Malde zu fehen — mir ſtets 
zum Grauen, jo oft ich vorbeiging. 

Die höchfte Kiefer kann nur halb 
jo hoch wachſen, als die höchſte Fichte 
und wird unter den günſtigſten Um— 
ſtänden nur halb ſo alt als wie die 
Lärche. Aber die Schwarzkiefer, die 
bei uns in Oeſterreich und Steiermark 
wächſt und die aus den untern Do— 
naugegenden zu uns heraufgekommen 
iſt, ohne daß ſie weiter nach Deutſch— 
land hinein trachtete — die Schwarz— 
kiefer iſt viel größer und redenhafter, 
als die andere, die gemeine, ſie weiß 
ſich auch ernſter und würdevoller zu 
geben und kann das ehrwürdige Alter 
von 600 Jahren erreichen. 

Allzugeſegnete Verhältniſſe können 
— wie manchem Menſchen — auch 


ſich zu helfen. Sie bereitet und düngt 
ſich den Boden gewöhnlich ſelber 
durch die abfallenden Nadeln. Wird ſie 
verwundet, ſo verlegt ſie die Wunde 
mit dem Pflaſter ihres eigenen Harzes, 
bis dieſelbe wieder geheilt iſt. 

Mannbar wird die Kiefer um das 
zwanzigſte Jahr herum. Die Schup— 
penſchilder ihrer Fruchtzapfen haben 
die Form von verſiegelten Briefcouverts 
und wir zweifeln nicht, daß es Lie— 
beöbriefe find, die ſich die jungen Gat: 
ten während der adtzehnmonatlichen 
Zeit der guten Hoffnung zufchreiben. — 

Die langen Nabellanzen, welche wie 
Bodshörner paarweife ftehen, bewa— 
hen das Liebesleben. 

Schön zu fehen ift die junge Kiefer 
im Mai und im Juni, wo fie mitten 
in ber grünenden, blühenden Pracht 
bes Waldes vom minterlichen Chrift: 
baum träumt und für benjelben can 
bibirt, indem fie ihre jungen Triebe 
gerade aufwärts gegen Himmel richtet, 
zu jehen, wie die Kerzhen am Weib: 
nahtsbaum. Im Norden oben, wo die 
Tanne nicht mehr hinfommt, bewirbt 
fie fih um die hohe Würde aud 
wahrlich nicht umfonft; und gerabe 
in jenen Ländern, in denen die Chrift: 
baumfitte eine jo ſchöne Ausbildung 
erreicht hat, ſteht am Meihnachts: 
abende die ferzenftrahlende Kiefer auf 
dem weißgededten Tiſch. 

Es ift nirgends zu lefen, daß bie 
Kiefer fih einer Erbſünde ſchuldig 
gemacht hätte, es müßte denn ihr 
goldiger Blüthenftaub einmal eine 
freundlofe Birke verführt haben. Sie 
bat abersganz das Schidjal der Erbſünd— 
gebornen, ift jo zahllojen Widermwär: 
tigfeiten, Drangjalen und Nöthen aus: 
gejegt, wie fein anderer Nabelbaum, 

Wir wollen ihre Leidensftationen 
nicht verfolgen, doch jene Kinderkrank⸗ 
heit erwähnen, die fie im 6.—8. Le: 
bensjahre gerne überfällt. Da gehen 


ber Kiefer gefährlich werben; zu Frucht: ihr die Nadeln aus, fie kann nicht 


barer Boden macht fie Harzlo und 
berzlo8 — kernfaul. Hingegen Wider: 
wärtigfeiten kräftigen fie und fie weiß! 


| mehr Athemholen und ftirbt. „Schüt: 


ten“ heißt der Baumarzt die Krank: 
heit — fanıı aber nicht helfen. 


903 


Noch ſchrecklicher ift eine ans! 
bere Plage: das Gethier der Käfer, | 
Mücken und Schmetterlinge, und befonz 
ders ber fürchterliche Bielfraß Kiefer: 
fpinner, der dem Baum in beifpiel- 
lofem Heißhunger das Genadel frißt, 
um bie Nahrung fofort wieder von 
fi zu geben. Wer durch einen von 
diefem Schmetterling angepadten Kie- 
fernwalb geht, der wird fich über bie 
Unzahl der Falter und über den rie— 
jelnden Kothregen derjelben nicht genug 
verwundern fönnen. Und um ja auch 
für die fommende Generation ben 
Baum zu verforgen, legt der Kiefer: 
fpinner feine unzähligen Eier in bie 
Stämme ab. 

Der große Baum ift diefer Brut 
gegenüber machtlos und der Menſch 
mit feinem mächtigen Geifte ift es 
auch. Hingegen erfreut fich die Kiefer 
unter ben Inſekten eines einflußrei- 
hen Freundes, ber ein ſeltſames Mit- 
tel hat, den Baum vor feinen Ber: 
berbern zu ſchützen. Das ift die Schlupf: 
weipe. Die Schlupfweipe ift fo frei, 
ihre Eier in die Raupen der Siefer- 
jpinner zu legen. Dort, im Innern 


der Larve des Kieferjpinners, richtet | 
fih nun die Nachkommenſchaft der 


Schlupfweſpe häuslich ein. Die Schmet: 
terlingsraupe gedeiht troß des nagen- 
ben Wurmes in ihrem Innern bis 
zur Puppe und nun ift’8 ein Schmet- 
terlingsleib mit einer Wejpenfeele. Der 


troß aller menſchlichen Gegenmittel 
durch den Kieferjpinnerfraß zu Grunde 
gegangen ; aber als die Schlupfweipe 
fam und fih für ihre Jungen den 
Bauch der Spinnerraupe erfor, war 
e3 mit der Plage zu Ende. 


Wenn der Kieferwald geſchlagen 
wird, fo laſſen die Holzhauer mitten 
auf dem Gefchläge gerne einen einzi— 
gen, bereit3 befruchteten, famenreichen 
Baum ftehen, daß er mit feinen vom 
Wind bewegten Armen das Gejäme 
binftreue über den fahlen Grund. Und 
Iprießt von Neuem junger Wald, dann 
mag ber alte Sämann aus dem vori- 
gen Geſchlechte ruhig Feierabend machen. 

Jenes Kiefergezüht aber, das 
arbeitsfheu fi dem Allgemeinfamen 
entzieht und oben im Hochgebirge zwi: 
ihen Alpenrofen und Edelweiß in tau: 
jend Schlangen träge hinkriecht bis 
an die Wälle des Eijes, führt ein 
anderes Dajein als die Roth: ober 
Schwarzfiefer. Die Legföhre oder ber 
Latſch, die Zirbelkiefer oder der Zirm, 
haben von dem braunen Schmetterling 
nicht viel zu fürchten. Und faft eben 
jo wenig auch von jenem Weſen, das 
fih jo gerne den Freund und Gönner 
des Waldes nennt, während e3 fein 
gewaltigiter Schlächter ift — auf den 
fturmumbrauften Höhen auch nichts 
mehr zu fürchten vom Merjchen. 


Um fo trübjeliger ift ihr Hin- 


Leib finkt bald der Erde zu, die junge |gang. Niemandem zu Nu und From: 
Schlupfweſpe aber fliegt Iuftig empor | men verftirbt die Einfame, und nod 


über die Krone ber Kiefer, als deren 
Schugengel fie auf den Dank des Bau- 
me3 und bes Forftmannes bauen Fann. 

Große Kieferwaldungen — befon- 
ders im norböftlichen Deutichland — find 


jahrelang ragt, wie an’3 Rab bes 


Hochgerichtes geflochten — das nabel: 
und rinbenlofe Gezirm — das fahle 
Gebein ber höchſtgebornen Tochter des 
Waldes, 


904 





Hemefs. 


Ein Fragment von Alfred Meißner. 


Herr v. Themar hatte einem gro: 
Ben Diner in einem vor ber Refidenz 
gelegenen Landhauſe beigewohnt und 
dasfelbe ſpät verlaffen. Als er, bequem 
in die Ede des Wagens zurüdgelehnt, 
an ber Fleinen Billa des Generals 
Aſchberg vorüberfuhr, ſah er Licht in 
deſſen Fenftern, und es fiel ihm ein, 
den alten Herrn, den er lange nicht 
gefehen, wieder einmal zu befuchen, 
um ben Reft bes Abends, mit dem 
nicht viel anzufangen war, bei ihm 
zu verbringen. 

Er ließ Halten, ftieg aus, beftellte 
den Wagen auf zehn Uhr und begab 
fih zu Fuß zu feinem Freunde. 

General Ajchberg, aus einer kur— 
ländiſchen Familie, war ein gebrechli— 
her Herr am Anfang der Sechzig. 
Urjprünglid ein homme & bonnes 
fortunes am Hofe des Kaiſers Niko— 
laus, wurde er dann ein braver Sol: 
dat. Er Hatte eine vornehme Ruſſin 
geheiratet, aber, wie es hieß, feine 
glüdlihe Ehe mit ihr geführt. Von 
feiner Frau getrennt, kinderlos, in 
jeinem Vermögen ftarf geſchädigt, hatte 
er bald nad) dem Krimfeldzug feinen 
Abſchied genommen. Körperliche Lei— 
den jegten ihm zu, Unruhe, Unzufrie— 
denheit trieben ihn in ber Welt herum. 
Gr war bald in Nizza, bald in den 
böhmischen Bädern, pflegte aber im- 


mer wieder auf furze Zeit die einfa= 


die lange türfifche Pfeife im Munde, 
vor jeinem Kamin fitend, in welchem 
ein Holzfeuer prafelte. 

„Ich ſehe“, jagte Aſchberg, „daß 
Sie mindeſtens eine apoſtoliſche Tu— 
gend ausüben.“ 

„Wieſo?“ 

„Sie beſuchen Kranke, bei denen 
nur Zangeweile und BVerftimmung zu 
holen iſt.“ 

„Ih will nicht hoffen, daß Sie 
ernftlich Frank find 2“ 

„Doch, ich bin es“, erwiberte der 
General mit einem Seufzer. „Ich bin 
frank, und ber fränffte Theil an mir 
ift mein Herz.“ 

Themar nahm Pla am Kamin, 
der Theekeſſel warb friſch gefüllt. 

„Nein Humor”, hob der General 
an, „it der allerbüfterfte. Ich wühle 
fort und fort in der Vergangenheit. 
Heute Abend hab’ ih drei Stunden 
zugebracht, alte Briefe zu überlejen, 
um fie dann zu verbrennen. Ich durch— 
Ihaue meinen Zuftand und fehe, daß 
es niemals beffer werden fann.... 
Tagelang rede ich feine Sylbe, Alles 
verlegt mich, Alles ärgert und belei— 
digt mid — ich bin wie ein wunder 
Körper, der fih gar nicht berühren 
lafjen will. Ich bin wieder im Süden 
gemwejen. Die Luft dort thut mir gut, 
doh nur dem Leibe und ben Kno— 


me Villa zu beziehen, die er, mit dem chen, nicht dem Geifte, nicht dem ver- 
beiten Vorſatz der Seßhaftigfeit, vor | zweiflungsvollen Herzen. Sie haben 


Yahren hier erworben. 


mic) lange nicht gejehen, nicht wahr ? 


Herr v. Themar traf den einfas Ich gehe nirgends hin. Ich Iebe ein- 
men alten Herrn auf feinem Zimmer,  fam, wie außerhalb der Welt und 


905 


das ift auch das Beſte für mich. Jahrhundert — lebte ich in Peters- 
Seit Jahren treibe ich es jo. Kommt |burg, wohlauf, immer guter Dinge. 
etwas von außen an mich heran, ſo Ich hatte eine eiſerne Geſundheit. Ich 


iſt es nur eine neue aufregungsvolle 
ein ...“ 

Er blickte lange in die Kohlen. 
Themar ſah den alten Herrn mit 
Theilnahme an. Der General fuhr 
wieder fort: 

„Ach, wohin bringen uns die 
Jahre! Am Haar iſt es nur die Ver— 
änderung von Braun in Grau, und 
von Grau in Weiß — aber wie es 
iſt im Innern! Mein Herz iſt für die 
Freude ganz unempfänglich geworden. 
Eine Natur, urſprünglich expanſiv, 
ausſtrömend im höchſten Grade, iſt 
ſchweigſam geworden und der Mit— 
theilung feind. Was iſt das anders 
als eine Reaction, in welcher ſich die 
Seele krampfhaft zuſammenzieht und 
ihre Empfindungen ſelbſt verſchluckt ?“ 

„Oft“, fuhr er nach einer Pauſe 
fort, „bin ich wie ein Stein, zuweilen 
iſt mir aber auch tagelang ſo, als 
hielte ich nur mühſam die Thränen 
zurück . . . Schon beim Aufſtehen 
bin ich ſo müde. Warum kann ich 
denn in ber Nacht nicht ſchlafen? ...“ 

„Man müßte wiffen, was Ihnen 
zugeftoßen ift, um rathen zu können“, 
fagte Themar mit wirflihem Antheil. 

„Mir ift nicht zu helfen“, erwi— 
berte der General, „Ich will Ihnen 
aber erzählen, wie das Alles gekom— 
men. Lange Jahre kennen mir ung, 
allerdings nur wie fich Weltleute ken— 
nen, ich babe Ihnen nie erzählt, was 
mich drüdt. Nun zählt mein Leben 
nur noch ein paar Jahre, vielleicht 
noch weniger; wollen Sie hören, wie 
mir dad Schidjal mitgefpielt ?“ 

Der jüngere Mann drüdte bem 
Alten die Hände. 

„Erzählen Sie. Auch ich habe 
Manches erfahren. Ich werde Ihre 
Mittheilungen zu ſchätzen wiſſen!“ 

„So hören Sie zu!” fagte Ach: 
berg. 

„Bu Anfang der Dreißiger:Jahre 
— id bin wenig jünger, wie das 


war mit Herz und Seele Militär und 
eben Adjutant des Großfürften gewor— 
den. Ich bewegte mich in ber vor: 
nehmen Welt und nahm an allen 
ihren Freuden Theil. Ohne eben ein 
Don Yuan oder ein Wüftling zu jein, 
richtete ih Unheil an. Ich befuchte 
öfter das Haus einer vornehmen Frau, 
in weldem eine junge Engländerin 
die Stellung einer Geſellſchafterin hatte. 
Es war wirklich a sweet girl, eine 
echt britiiche Schönheit. Ich war hin— 
gerijjen, fie verliebte fich in mich, wir 
jahen und heimlid — die Folgen 
blieben nicht aus. 

Das Mädchen war in Sammer 
aufgelöft, ich machte mir bie bitterften 
Vorwürfe — aber was halfen die? 
Sollte ich fie heiraten? Meine Gar: 
tiere war dann zu Ende, meine Stel: 
lung in der Gejellihaft vernichtet. Ich 
fonnte mir das Nafenrümpfen meiner 
Freunde, das Hohnlachen meiner Wi- 
derfaher ausmalen. Und doch war 
ih zu diefem Schritt entjchloffen oder 
halb entſchloſſen. Während ich bie 
Sade im Kopfe mit mir herummälze, 
wird ein Beſuch bei mir gemeldet. 
Ein junger Menſch mit ziemlich orbi- 
närem Ausſehen tritt ein und jagt 
mir: „Wie ich in Erfahrung gebracht, 
erwartet mich die Ehre, ihr Schwager 
zu heißen. Mein Name ift Smith, ich 
bin in einer hiefigen Mafchinenfabrif 
angeftellt. Sie werben meine Schwefter 
heiraten.” 

Ein wilder, maßlojer Menſch ftand 
vor mir, der mir allein alle Schuld 
zuſchob, für Vernunftgrünbe taub war 
und mir nicht einmal einen Aufſchub 
zugeftehen wollte. Auf andere Weiſe 
und mit guten Worten wäre ich zu 
lenfen gewejen, aber dieje brüsfe, bru— 
tale Art brachte mich auf. Ich wurde 
noch wilder, al8 er ein Paar PBiftolen 
aus der Taſche zog und fie auf ben 
Tiſch legte. Nun weigerte ich mich 
auf’3 Beftimmtefte ber Heirat. Troß 


906 


gegen Troß. Er forderte mich, e3 war 
nicht auszumweichen, ohne den Vorwurf 


Seite eine Sache ber Eitelfeit. Sie 
brachte mir hunberttaufend Rubel, ei- 


ber Feigheit von feiner Seite auf nen großen Namen und viel Schönheit 


mich zu laben. Ich verfpradh, mi 
mit ihm zu fchießen. 

Das Duell war nicht leicht durch— 
zuführen, es fehlten mir bie Zeugen, 
wie ich fie mir wünſchte. Ein alter 
Diener belauſchte die Verhandlungen, 
lief zu einer Tante von mir, dieſe 
fuhr zum Plagcommanbanten ; auf 
dem Flecke, wo wir uns [hießen fol: 
ten, wurben wir Beide verhaftet. 

Der Engländer wurde ins Verhör 
genommen, mein Vorgejegter legte fich 
in die Sade, man machte dem jungen 
Manne Borftellungen. „Wollen Sie 
das Mädchen,“ fagte man ihm, „zum 
Gegenftand des Stadtgeſprächs machen ? 
Wollen Sie die Sache an bie große 
Glode hängen? Noch ift die Familie, 
bei der das Mädchen wohnt, von 
nichts unterrichtet und ihre Ehre un- 
angetaftet. Als Frau v. Aſchberg — 
machen Sie fi darüber feine Illuſion 
— werden Sie Ihre Schweſter nie 
ſehen! Wäre fie aber glüdlich in einer 
jolcherweife erzwungenen Ehe? Kaum. 
Herr von Ajchberg bietet Ihnen zehn: 
taufend Rubel, damit bringen Sie 
Ihre Schwefter nad England zurüd. 
So ausgeſtattet wird fie feinerzeit leicht 
einen Gatten finden.“ 

Der junge Brite war burdh den 
Berlauf der Sache etwas herabge- 
fimmt. Er ging mit ſich zu Nathe. 
So war die Schweiter verforgt. Der 
Bruder erhielt die Summe beim Ban 
Hier meines Vaters ausgezahlt, beide 
Geſchwiſter verließen Rußland. 

Ich ging bald darauf in den Kau— 
kaſus ab, wo ih das Glüd hatte, 
von allen Tſcherkeſſenkugeln verſchont 
zu werden, und avancirte raſch. 
Bon Mutter und Kind hörte ich nichts 
mehr. 

Fünf Jahre fpäter, Oberft ge 
worden, heiratete ich eine Gräfin 
Zamoiska aus Ruſſiſch-Polen. Es war 
eine große Partie und von meiner 


mit, ich war der Gegenſtand allge— 
meinen Neides. 

Aber die Entzauberung ließ nicht 
lange auf ſich warten. Meine Frau 
war verſchwenderiſch und vergnügungs⸗ 
toll, ſie hatte für nichts Sinn als für 
Feſte und Bälle; Reiſen nach Spaa, 
ans Meer, in die deutſchen Spielbäder 
verſchlangen unſere Revenuen; nach 
dreijähriger Ehe, in der mir ein 
Knabe geboren wurde, ergab ſich das 
Facit, daß wir eine ungeheure Hypo— 
thefenlaft auf unfere Güter gemwälzt 
hatten. 

Mir fteigerten die Pächter, die 
theilweife noch in alten Gontracten 
faßen, die beften Vorſätze wurden ge: 
faßt und Tilgungspläne ausgearbeitet, 
die fi auf dem Papiere trefflich aus: 
nahmen, aber ber Leichtfinn meiner 
Frau und ihre grenzenlofe Verjchwen- 
dungsluft machten immer wieder einen 
Strich durch die Rechnung. Wir hatten 
täglih Zanf — und da ich endlich 
einfah, daß meine Frau nie Vernunft 
annehmen werbe, jo verlangte ich bie 
Scheidung. 

63 gab gegenfeitige Vorwürfe, ber 
Scheidungsprocek wurde eingeleitet, 
die Fran verlangte, was fie mitge- 
bradt, ih warf e8 hin, nur um 
Frieden zu haben. Die Noth hatte 
mich Tängft zum ftrengen Wirth ge: 
macht, ih wollte, wenn ich einmal 
von ihr geſchieden ſei, durch Spar: 
jamfeit und ftrenge Aufficht wieder 
Ordnung auf meiner Hufe einführen, 
damit mein Sohn wenigftens glüdlicher 
werde als id. 


Da — eined Tages — entweicht 
meine Frau aus dem Haufe und hat 
mir mein Söhnden mitgenommen. 
Denken Sie, mein Kind, meine einzige 
Freude, mein Glüd, das Kind, von 
dem ich fagte: das wenigftens muß 
mir bleiben, es ift mein Sohn, ber 
fann mir nicht genommen werben ! 


907 


Es iſt ja Diebftahl, Kinderraub. Mo: 

war fie gegangen? Alle Nach: 
forfhungen blieben vergebens. Ich ſaß 
allein, verlaffen, kinderlos, fluchend 
und weinend. 

Endlich machte ih mih auf, 
Mutter und Kind zu ſuchen. Ich reifte 
freuz und quer; ich könnte e8 nimmer: 
mehr fagen, wo ich zuerft, wo ich 
jpäter war. Was war aus meinem 
Kind geworden? Je länger das bau- 
erte, um jo mehr wuchs meine Angft, 
meine Unruhe. Ich mußte das Kind 
um jeden Preis wieder haben. Viele 
Freunde halfen mir juchen, wir zogen 
aus und Ffehrten heim; feine Spur, 
fein Zeichen. Ich fluchte und meinte, 
Alles vergebens ! 

Endlich ftöberten wir Mutter und 
Kind auf. Denken Sie, fie lebte in 
Freiburg in ber Schweiz und hatte 
mein Söhnchen einem ſpaniſchen Se 
juiten zur Erziehung übergeben! Sie 
fannte meinen Haß gegen bie Sefuiten, 
meine proteftantijche Gefinnung, und die 
Rache, welche die unverföhnliche Frau 
an mir nehmen wollte, war bie, mir 
ein geiftig ganz vermwanbelte® Kind 
einft entgegenzuführen! D das war 
teufliſch erdacht, teufliich ! 

Ich raubte das Kind, denn ben 
Meg des Geſetzes zu gehen in einem 
fremden Lande mit fatal peinlihem 
Gefegesgang wäre mir unmöglich ge: 
wejen. Ich nahm es auf offener Straße 
plöglih in meine Arme, fprang in 
den unfern haltenden Wagen und faufte 
vor den Augen ber Mutter und bes 
bageren Spanierd davon. Nun jagte 
ih über Hals und Kopf zurüd ins 
Vaterland. 

Endlich hatte ich ihn wieder, mei- 
nen Knaben. Ich bewachte ihn, er 
verließ mich nie, Niemand fonnte mir 
ihn ein zweites Mal nehmen. Aber 
— hatte ih ihn wirklich? War er 
noch mein? Er war in den zwei Jah: 
ten jeiner Abmwejenheit böfen Einflüffen 
ausgejeßt gewejen. Er fürdhtete mich, 
- ih war ihm fremb geworben, er liebte 


mich nicht mehr. Den Rofenfranz, ben 
ih in feiner Tajche gefunden, konnte 
ih ihm wegnehmen und unter meinen 
Füßen zertreten — aber was er fonft 
vom ſpaniſchen Abbe angenommen, 
blieb. 

ALS er dreizehn Jahre alt ge: 
worben war, begann er zu kränkeln, 
das Uebel machte reißenbe Fortjchritte, 
er ftarb. In feinem zehnten Jahre 
hatte er noch das Herrlichfte verjprochen ! 
Nun war er tobt, Alles ſchien für 
mich vorbei. Ich ftand allein, das übe 
Feld des Schmerzes lag vor dem Ein- 
ſamen endlos ausgebreitet da. 

Da zufällig Tags zuvor ein Bettel- 
brief meines Weibes gelommen mar, 
den ih abſchlägig beantwortet Hatte, 
ließ ih nun gleich barauf ein paar 
Zeilen mit der Schmerzensbotichaft an 
fie abgehen. 

Was war bie Antwort der wüthen- 
den, mich bitter haffenden Frau? 
„Empfangen Sie“, fchrieb fie, „in 
Ihrem Schmerze einen Troft: Eines 
Andern Kind beweinen, ift thöricht. 
Karl war nicht Ihr Sohn.“ 


Born, Haß, wilde Menjchenver: 
achtung zogen in mir ein. So hatte 
fie mich ſchon jo früh zu betrügen an- 
gefangen und ſah wohl mit heimlichem 
Laden drein, wenn ich mit Vaterge— 
fühlen das Kind liebkoſte. D hätte fie 
doch gejchwiegen und mich lebenslang 
meinen Sohn bemweinen laſſen. Wie 
fann Kenntniß meiner Schande mid) 
tröften? Geſetzt, es ſchwächte an einer 
Seite meinen Gram, anderſeits ſtürzt 
fih ein neuer auf mein zerriffenes 
Herz. ... O, ein peinliches Gericht, 
ein ſchreckliches Los bricht über mich 
herein. Ich erliege. 

Aber ift e8 auch wahr? Lügt fie 
nicht blos ihre Unehre, blos zu dem 
Zwede, mich zu verwunden? Ich 
darf ihr, wie fie jeßt gegen mich fteht, 
Alles zumuthen, Alles! 

In dieſer Zeit dachte ich oft, ich 
müfje verrüdt werden, Aber etwas 
lebte in mir, das ſelbſt falt und unbe⸗ 


908 


wegt auf meine Schmerzen und Gon- 
vulfionen herabſah. Dies geheimniß— 
volle Etwas war da, wie ein mitleib- 
lojer Zufchauer, der meine innere Ver: 
wüftung betrachtete, als wenn fie ihn 
nichts anginge. Es war mein Selbft: 
gefühl als Mann und Soldat, das 
Gefühl des Mannes, das mir fagte: 
Dir ift ärger mitgejpielt worden, als 
Du e3 verdienſt. Died geheime Etwas 
erhielt mich am Leben. 

Aber ſchauderhaft einfam ftand 
ih da. Wofür hatte ich jahrelang 
gearbeitet, meine zerrütteten Vermö— 
gensverhältniffe wieder herzuftellen ? 
Ich Hatte feine Familie, feinen nahe: 
ftehenden Erben. Mofür hatte ich mich 
gemüht, für wen follte ih mich ferner 
mühen ? 

In dieſer Erftarrung blidte ich 


der Schulter verwundet, wurden ein- 
gebracht. E3 war ein wunderſchöner 
junger Mann von echt englifchem 
Typus. Er fam ins Lazareth, ih 
befahl, auf ihn gleiche Sorgfalt wie 
auf einen Dfficier unferer eigenen 
Truppe zu verwenden. Ich ſprach 
einige Mal mit ihm, ſah, daß er auf: 
fam, er gab böfliche, aber kurze Ant: 
wort auf meine Fragen. 

Ein paar Wochen ſpäter trifft mich 
ein Unfall. Da ich eben außreiten 
will, ſchlägt ein Hohlgeſchoß nicht 
allzufern ein, mein Pferb bäumt, über: 
ftürzt fih und wälzt fih auf mir 
herum. Ich wäre unfehlbar des Todes 
geweſen, wenn nicht ein kräftiger 
Arm das Thier von mir weggerifjen 
hätte. 

Mein Retter war der junge Eng: 


jehnend nad einem warmen Sonnen- |länber, der zufällig mit einigen feiner 


firahl aus, nach etwas, was ich noch 
liebend umfaffen könne. Ich begann 
in die ferne Vergangenheit zurüdzu- 
ſchauen, alte Erinnerungen belebten 
fih, ja, ich hoffte noch einen Erſatz 
für alles Erlittene! 

Der alte Diener, der damals in 
der Tragödie meiner Jugend mitge- 
fpielt, lebte noch; ich ſendete ihn nach 
England, um dort Nachforſchungen 
nah Laura Smith und deren Kind 
anzuftellen. 

Der ruſſiſch-türkiſche Krieg wüthete 
ſchon feit mehr als einem halben Jahre. 
Ich ftand in Beffarabien. Paskiewitſch 
hatte vor Siliftria erfolglofe Kämpfe 
beftanden, die Weſtmächte hatten ihre 
Flotten in die Oftfee und das Schwarze 
Meer geſchickt, der Angriff auf bie 
Krim war zu gemwärtigen. Jch erhielt 
den Befehl, in Eilmärfchen auf die 
taurifhe Halbinjel vorzurüden. 

Bor Balaklawa hatten wir Gefan- 
gene gemadt. Unfere Granaten waren 
vernichtend in eine englifche Batterie 
eingefchlagen, wir fchnitten den Leu— 
ten ben Rückzug ab, zwanzig Main, 
darunter ein junger Artillerie-Lieute- 
nant, leßterer nicht unbedeutend an 


Kameraden in ber Nähe geftanben. 


Ich dankte ihm herzlich, und als 
nicht lange darauf eine theilweife Aus: 
wechjelung ber Gefangenen ftattfinben 
follte, dachte ich zuvörderſt an ihn. 


Der Tag der Auswechſelung kam, 
ed war Waffenrube, die fremben Com— 
miffäre erfchienen, die Gefangenen 
ftanden rangirt, unſere Leute warteten 
an den Thoren und Zugbrüden. 

Ich bemerkte, daß der junge Artil- 
lerie-Lieutenant mich öfter anſah und 
eine gewiſſe Aufregung zeigte. 

Ich ließ ihn Herantreten und 
wechſelte einige Worte in feiner Mut- 
terfprahe mit ihm. Ich kam auf 
den Dienſt, den er mir geleiftet, 
zurüd. 

„Ich hätte denfelben jebem An— 
dern ebenfo erwielen!” Tehnte er fro: 
ftig ab. 

Die Hand, die ich ihm geboten, 
ergriff er nicht. 

Dieſes Benehmen befrembete mich 
aufs Höchſte, auch entging mir nicht 
eine tiefe Bewegung, die in feinem 
Beficht arbeitete und die er nicht unter: 
drücken konnte. 


909 


„Weshalb verweigern Sie mir 


Ich öffnete die Arme, ich meinte, 


Ihre Hand?” fragte ih den jungen er werde hineinftürzen, er blieb ruhig. 


Mann. 


„Da Sie nad) dem Grund meines 
Benehmens fragen, General“, erwiberte 
er, „Jo hören Sie ihn! Sie haben 
an mir und meiner Mutter nicht ala 
Mann von Ehre gehandelt. Ich bin 
Ihr Sohn!“ 

Ich war außer mir. 

„Hätte und nicht der wunberbarfte 
aller Zufälle zufammengebracdht”, fuhr 
er fort, aber falt und in abmwehrendem 
Tone, „Sie hätten nie davon eine 
Sylbe erfahren.” 

„Lebt Ihre Mutter noch?” fragte 
ih ungeftüm. 

„Sonderbare Frage von Ihrer 
Seite!” erwiderte er. „Sie haben ſich 
nie darum gekümmert !” 

„Nein! Nein!“ rief ih. „Ich habe 
jogar eine Perſon nach England abge: 
ſchickt, nach ihr zu forſchen.“ 

„Meine Mutter iſt nicht mehr am 
Leben“, erwiderte der junge Mann. 
„Es iſt beſſer ſo. Niemand hat um 
mich geweint, als ich fortging.“ 

Ich war tief ergriffen. 

„Ich weiß ſeit Jahren, daß ich 
Ihnen mein Leben zu danken habe“, 
fuhr der junge Mann fort. „Aber das 
bringt mich Ihnen nicht nahe. Sie 
haben ſich durch eine Geldſumme Ihrer 
Pflichten gegen Mutter und Kind ent— 
ledigt, das ſagt genug. Was aus 
uns geworden, war Ihnen gleichgiltig. 
Das Capital, aus deſſen Zinſen meine 
Erziehung beſtritten worden, iſt noch 
unberührt, Sie werden es von mir 
zurückerhalten, ſobald ich wieder daheim 
bin. Der Gedanke, vom Geſchenke 
eines Fremden zu leben, ift mir uner: 
träglich.” 

„Sie nennen mich einen Fremden“, 
erwiderte ih. „Ich habe das verbient. 
Und doch wäre ich glüdlih, in Ihnen 
meinen Sohn umarmen zu Fönnen! 
Ich bin kinderlos, entbehre ſchmerzlich 
ein Herz, das mich liebt —“ 


„General Aſchberg“, ſagte er — 

„Was? rief ich, ich nenne Sie 
Sohn, Sie erwidern kalt: General! 
Das trage ich nicht. Ich biete Ihnen 
mein Herz an — Sie weiſen es zu— 
rück.“ 

In dieſem Augenblicke blies der 
Stabstrompeter, die beiderſeitigen Com— 
miſſäre traten heran zur Uebernahme 
ihrer Leute. 


Die Gefangenen defilirten ab. 


Ich ſtand wie betäubt da. Ich 
hatte mich zu dem jungen Mann ſo 
hingezogen gefühlt, fein männlich trotzi— 
ges Weſen hatte mir gefallen, er hatte 
mir das Leben gerettet, er hatte mich 
zugleich verwundet und entzückt, ich 
hatte eine Eröffnung von ihm empfan— 
gen, die meine ſtill im Kerzen glühen— 
den Wünſche der Erfüllung nahe brachte, 
andererſeits war ich von feinem Vor: 
wurfe in ber inmerften Seele getroffen 
worden. 

D, rief e3 in mir, mein Sohn 
im feindlichen Zoger, meinen Kugeln 
ausgeſetzt, er nad mir bie Geſchoſſe 
vifirend! D, hätte ich ihn nicht fortge— 
lafjen! Wie glücklich könnte ih im 
Alter jein. Ich fühle es, ich fühle 
es, er iſt meiner Liebe mwerth ! 

Der Winter ging hin, voll jchred- 
liher Mühfal, wir hatten uns auf 
Sebaftopol zurüdgezogen. Der Froft 
hatte den Fortgang der Belagerungs: 
Arbeiten von Seite der Engländer und 
Franzoſen unterbrochen, aber Krank: 
beiten und Entbehrungen richteten 
ſchreckliche VBerheerungen in beiden La— 
gern an. 

Ich dachte an die Opfer, die der 
Krieg verſchlang, ich jah meinen Sohn 
im Geifte fortwährend vor mir, durch 
fein fchönes Geſicht fchimmerten mir 
die einft geliebten Züge feiner Mutter 
entgegen. 

Es fam der März. Wir hatten 
wieder einmal einen größeren Ausfall 
auf die Belagerer zu unternehmen, 


910 


bie ihre Arbeiten wieder aufgenommen 
hatten. Eine Schanze brüben hatte 
eine weithin drohende Stellung einge: 
nommen, fie beläftigte mit ihren Ge- 
ihügen die ganze Umgebung. Sie bes 
frih die Landftraße und warf ihre 
Geſchoſſe bis in unfere Vorwerke. Sie 
machte ben Aufenthalt in benfelben 
unleidlich; in ihrem Schuge wurden 
Zaufgräben angelegt. 

Ich ließ einen Fräftigen Ausfall 


lagen die Leichen haufenweiſe. Wen 
fand ich unter den Leichen, die Wunde 
vorn an ber Bruft, das ftarre, bleiche 
Geficht zum Himmel gekehrt ? 

Meinen Sohn. 

Aus den Zügen feines Gefichts 
ſah wieder die Mutter mid) an. 

Seitdem habe ich den Krieg weiter 
mitgemadt. Ich habe die Schlacht an 
ber Tichernaja und den Fall Sebaftopols 
perfönlich mit erlebt. Die Verbündeten 


maden, die Schanze wurde bemolirt, | befegten nur raucdhende Trümmer. Nach 
geſtürmt und Alles dort niedergemadht. dem Parifer Friedenscongreß nahm 
Vor Einbruch der Nacht begab ich ich meinen Abjchied. 


mich hin. Im die bemolirten Geſchütze 


Das ift meine Geſchichte.“ — 


Unfere Deutfchen in den nidkdeutfhen Rronländern 
und die Spradhenkarte der Monardie. 


Bon ®. 3. Schröer. 


Wenn man bie vortrefflihen Land: | jolhen Nationalitäten: oder Sprachen: 


farten, wie fie jegt in der Hand jedes 
Schülers find, betrachtet und mit denen 
vergleicht, nach denen wir Aelteren vor 
40, 50 Jahren unterrichtet wurden, 
jo nimmt man einen großen Fort: 
ſchritt wahr. indem ehedem bie poli- 
tiſche Eintheilung der Staaten auf 
ben Karten die Hauptſache jchien, fo 
bieten fie jest ein reiches Bild, darauf 
die geologiſchen Berhältniffe, Höhen: 
züge, Waſſerſcheiden, Stromgebiete, ja 
ſelbſt, auf Specialfarten, die Befchaffen: 
heit des Bodens und feine Erzeugnifle 
erfihtlih find. — Seltener, und in 
ben Händen der Schüler gar nicht, 
find Karten mit Angabe der Natio: 
nalitätenverhältniffe. — Bon der öfter: 
reihifchungarifhen Monardie find 
wohl jogenannte Sprachenkarten vorhan- 
ben, fie leiden aber alle an einem 
großen Mißgriff, von dem ich fpäter 
Iprechen will. — Ich möchte diesmal nur 
an einen Beifpiel zeigen, wie wichtig, 
wie lehrreih die Betrachtung einer 


farte ift. 

Menn wir auf der Spracdenfarte 
der Monarchie die Ausbreitung des 
deutjchen Elementes in's Auge faſſen, 
jo maden wir eine merkwürdige Wahr: 
nehmung. 

An das außeröfterreichifche Deutjch- 
thum angrenzend, bildet ed im Wer 
ften und Norben eine zuſammenhän— 
gende Maffe; Vorarlberg, Tirol, 
Kärnten, Steiermark, Salzburg, Dejter: 
veih, der Weft: und Norbrand von 
Böhmen und Mähren, alle das ift 
deutſch. Am Nordoft und im Süden 
breiten fih flavifche Völker aus, im 
Süd-Dften Numänen, in der Mitte 
Magyaren. — In die Mitte des 
deutihen Weſtens iſt feine dieſer 
Nationalitäten vorgedrungen; das 
deutſche Element iſt aber aus— 
geſtreut über alle nichtdeut— 
ſchen Nationalitäten! 

Iſt das Zufall? Gewiß nicht. Es 
iſt ein Naturgeſetz, das wir hier wal— 


911 


ten jehen: ber Deutjche ift der Trä- wie weit unſere beutjche Volksjchule 
ger der Eultur in der ganzen Monar: | mit dem Leſen unb Schreiben ber 
hie. Bei jenen Völkern repräfentirt er, Mutterfpradhe fommt und frage fid: 


vorwaltend den fehlenden Mittelftand, 
obwohl er auch mit großem Erfolg 
in vielen Gegenden Landbau treibt. 
Der Deutiche hält die Monarchie als 
ein Ganzes zuſammen und leiht ihr 
ein beftimmtes Gepräge. 

Aber nicht nur „verſtreut“ als 
Einzelne, nicht nur in allen Städten 
findet man Deutjche, jondern ganze 
Länderftrihe ganz von Deutjchen be- 
wohnt, die eine Welt für fich bilden, 
finden wir in Böhmen und Mähren 
(um Iglau), in Galizien (um Milano- 
wis, Sandez, Lemberg), in Krain 
(Gottfchee), in Ungarn (von Preßburg 
bis St. Gotthard an der öfterreichijch- 
fteierifchen Grenze, die Bergftäbte, die 
„Häudörfer“, die Zips, um Peſt-Ofen, 
um Fünffichen, Segkard, Mohaes, im 
Banat), in Siebenbürgen. 

Ein allgemein verbreiteter Irrthum 
ift der, daß in Siebenbürgen mehr 
Deutſche wären als in Ungarn. Das 
Banat allein hat mehr Deutjche als 
ganz Siebenbürgen ! 

Ungarn hat 1,592.043 Deutjche, 
Siebenbürgen 224.044, zufammen 
beide Länder 1,816.087, fajt zwei 
Millionen ! 

Ein weiterer, ebenſo verbreiteter 
Irrthum ift der, daß diefe Deutjchen 
fih magyarijiren werden. — Magya— 


was denn wohl zu erwarten wäre, 
wenn man ihr die Aufgabe ftellte, 
eine frembe Sprache zu lehren, eine 
Sprade, die im elterlihen Haufe 
niht geſprochen wird und auch im 
Berfehr nicht geübt werben fann? — 
Nein, unfere größeren beutjchen Colo— 
nien in Böhmen, Mähren, Galizien, 
Krain, Ungarn und Siebenbürgen wer: 
den niht untergehen! 

E3 mag fein, daß gegenmwärtig 
die Lage bes deutſchen Elementes in 
Ungarn und Siebenbürgen eine bedrängte 
ift; jeder einigermaßen ſtaatsmänniſche 
Blid muß, wenn er die Spradhenfarte 
der Monardie betrachtet, die Bebeu- 
tung bes deutjchen Elementes für dies 
Staatöganze, jowie die Sendung jener 
Deutjhen in den nichtbeutjchen Län: 
bern erkennen. 

An fie zuweilen zu erinnern, mit 
ihnen bie beutichen Brüder deutſcher 
Gegenden befannt zu machen, halte ich 
für * wichtige Aufgabe der Publi— 
ciſtik. 

Ich habe neulich von Gottſchee 
erzählt. Es ſei mir geftattet, diesmal 
von beutihen Spradinfeln in Ungarn 
zu berichten. 

Die erfte Stabi, die der Reifende 
von Wien aus fennen lernt, wenn er 
nah Ungarn kommt, ift das überaus 


rifiren können ſich wohl Einzelne, auch | freundliche Preßburg, eine ganz beutjche 


Heine Gemeinden unter 1000 Seelen 
fönnen mit der Zeit magyarifirt werden, 
nicht aber Spradinjeln zu 10.000, 
50.000, 100.000 und zu 300.000 
Seelen, wie Ungarn hat ! So große Colo— 
nien entnationalifiren ſich nicht fo 
feiht! Man denke ſich's nur praktiſch. 
Wie jol der gemeine Mann es anfan- 
gen mitten im deutſchen Element, daß 
feine Kinder Magyaren werden? Soll 
er Bonnen halten und fich jelbft einen 
Sprachmeiſter? — Durch Schulen! heißt 


Stadt von etwa 45.000 Einwohnern. 

Nah Preßburg geben Magyaren 
und Slovaken ihre Kinder, um deutſch 
zu lernen, auch Familien anderer Natio: 
nalitäten, wenn fi welche bier nie- 
derlaffen, lernen da bald deutſch, ob 
fie wollen oder nicht. Daß es jo auch 
künftig fein wird, ift meine fefte Leber: 
zeugung. Ich habe ein hanbjchriftliches 
Verzeihnip der Preßburger Bürger 
vom Sahre 1379 vor mir, daraus 
erfichtlich ift, daß es vor einem halben 


e3. Hält man das für möglih? Ich Jahrtauſend gerade jo war! 


meine von den Schulen der Mehrzahl, 


Der Deutjche zieht gerne die Donau 


den Volksſchulen! Man überlege nur, | hinab und fiedelt fi an den Ufern 


912 


an. Es ift die alte Heerſtraße, bie 
ihon die Nibelungen:Helden gezogen 
find! — 

Die Magyareı und Slovaken lodt 
e3 wenig an die Donau. Sie haben 
feinen gemwerbe: und hanbeltreibenden 
Mittelftand. Wo fich ein gemwerbetrei- 
bendes deutjches Städtchen entnationali- 
fit — was mit Fleineren Orten, wie 
gejagt, ſchon geichehen fann — ver: 
bauert es. Der entnationalifirte Nach: 
fomme eines Deutjchen hat die Berüh: 
rungspunfte feines Vaters mit der 
mweltbewegenden Eulturftrömung ver: 
loren und finft herab. Ungarn kann 
nicht vorwärts ohne den Deutjchen! 
— Für Slovaken und Magyaren hat 
bievölferverbinbende Straße, die Donau, 
feinen Werth und der Bürgerjtand 
von Prefburg, Peſt und Dfen ergänzt 
fi fortwährend mit Yumanberung 
aus Deutjchland,. 

Dies zeigt Schon jehr ſchön das 
Namensverzeihniß von 1379, wo nicht 
nur viele Namen auf deutſche Räuber 
weifen (3. B. Oesterreicher, Steyrer, 
Payer, Swab, Frank, Flander u. a.), 
fondern auch oft der Name des Ortes, 
wo der Betreffende her ift, hinzu— 
geſetzt ift, 3.8. deAsparn, de Eckartsau, 
de Feldsberg, Hochnau, Krems, Lan- 
zendorf, Grein, Leopoldsdorf, Marich- 
eck, Potendorf, Wienn, Wolfstal, 
Nürnberg, Wirzburg u. a. Aus nabelie 
genden Orten mit deutjcher Bevölferung 
fommen auch einzelne vor, aber feiner 
aus der Slovafei oder aus magyari- 
chen Gegenden! Nur Ein magyarijcher 
Name findet ſich im ganzen Verzeichniß, 
nämlich: hortus Petri Salai (Garten 
des Peter Salai), woraus hervorgeht, 
daß diejer Salai einen Garten in 
Preßburg beſaß, womit noch nicht 
einmal geſagt iſt, daß er ſelbſt da 
wohnte. — Die Mundart, die aus 
dem Namensverzeichniß zu erkennen 
iſt, iſt die öſterreichiſche. 

Dasſelbe Bild von der Bevöl— 


kommt. Die herrſchende Mundart iſt 
die öſterreichiſche. — 

In einem öffentlichen Kaffeegarten 
im ſchönen Gebirge Preßburgs, machte 
ich an einem Sonntagnachmittag einmal 
folgende Beobachtung. 

Die Tiſche waren alle vollbeſetzt 
mit Sonntagsgäſten, Herren, Frauen 
und Kindern, Die vorherrſchende Mund— 
art der Gäfte und Wirthsleute war 
die öfterreihifche. Unter den Männern 
aber hörte man dort einen Berliner, 
da einen Nürnberger, einen Breslauer 
u. ſ. f., meiften® zugewanderte Hand: 
werfer, die in ein Gefchäft Hinein- 
geheiratet hatten. Die Frauen redeten 
durhaus öſterreichiſch. Aber die klei— 
nen Sinder, bie ungarifhe Kinder: 
mädchen hatten, ſprachen nur ungariſch 
und mit ihnen radebrechten die Frauen 
bie und da auch ein incorrectes Un: 
gariih. — Man bejorge aber nicht, 
daß dieſe Kinder magyarifirt werben. 
Ich kenne dieſe Erſcheinung und habe 
fie hundertfältig ſeit Generationen be: 
obachtet. Als Heine Kinder können fie 
nichts als ungarifh, und wenn fie 
zum Geſchäft fommen, verlernen fie es 
wieder vollitändig! — Nur die den 
Studien fih zumenden, vielleicht Einer 
vom Taufend, bleiben in der Uebung 
ber ungariſchen Sprache, weil bie Gym: 
nafien alleganz ungariſchſind! 

Eine Probe der Preßburger Mund— 
art bradte einmal die Preßburger 
Zeitung (vom 5. Februar 1860). 

Ich will den Anfang davon ber: 
ſetzen: 

Der Deutfd-Angar. 
Mia fann jo Ungern, 's is jo woa 
Und ſanns ſcho jo vül hundert Joa; 
Nur reden tammer (tbun wir), des is gwiß 
Wia r uns da Schnobel gwochſen is. 
I dent da Soch goa manchmal nod, 
Ungrifeh is gwiß a ſchöni Sprod: 
Monn omwar aner auf mi jchült, 
Wal ia Schwob bin, wir i wüld! 
Murdelement: i bin a Schwob ! 


ferung, in Bezug auf die Nationalität, | Glaubts mir's, daß i's nia glaugent hob 
gewinnt man heutzutage, 500 Jahre | Und wia's nia laugna, glaubts ma dos, 
jpäter, wenn man mach Preßburg Wußt meiner Seel a nit für wos, — — 


913 


Um 1633 erhielt Preßburg eine 
zahlreiche Zuwanderung von Erulanten: 
Proteftanten, die aus Oberöſterreich 
vertrieben waren. 

Ein Theil diefer Einwanderer fiebelte 
fich in den benachbarten Kleinen Städten 
St. Georgen, Böfing, Modern an und 
verjtärfte dort die deutſchen evange- 
liſchen Gemeinden, Andere bevölferten 
den jogenannten Heideboben, den Land: 
ſtrich, der fih von der Weſtſeite des 
Neufiedlerjee bis zu dem Donauarm, 
der die Feine Inſel Schütt bildet, 
ausbehnt und nördlich an der Donau, 
gegenüber Preßburg beginnt. Von die- 
jen Erulanten und ihren Nachkommen 
wurden die wunderbaren Weihnacht: 
jpiele, die fich gegen Ende des 16. Jahr: 
hundert bei ben Proteftanten Ober: 
öfterveih8 unter dem Einfluß von 
Meifterfingern dort ausgebildet hatten, 
jo treu bewahrt und bis in unfere 
Tage gepflegt. — Trümmer davon — 
aber nur Trümmer — haben fi 
wohl erhalten bei dem Landvolke in 
Defterreih, Steiermark ꝛc. Auch in 
Baiern ift jüngjt, in der Gegend von 
Rojenheim, ein Meihnachtipiel aufge: 
funden worden (Weihnachtſpiel in Ober: 
baiern von A. Hartmann. München 
1875), das wörtlich mit dem jener Eru- 
lanten übereinjtimmt ; aber jo vollftän- 
dig wurde der gereimte Tert nirgend 
erhalten, fammt allen Sitten unb Ge— 
bräuchen bei der Aufführung, als von 
unjern Deutjchen in Ungarn. Ich habe 
die Spiele mitgetheilt und bie Ge: 
bräude gejhhildert in dem Bude: 
Deutſche MWeihnachtfpiele aus Ungarn. 
Mit Unterftügung der kaiſ. Akademie 
der Wiſſenſchaften gedruckt. Wien, 
W. Braumüller, 1858. Das Neuefte 
über den Gegenjtand ift kurz zufammen: 
geitellt in Pfeiffer Zeitfchrift für 
deutſches Alterthum Germania 21, 
©. 110 ff. 

Jetzt find die Spiele wohl ſchon 
im Erlöjchen. Früher aber gehörten 
fie zu den regelmäßigen Jahresfeſten 
an allen Orten, wo jene Einwanderer 
fich niebergelaffen hatten, wenn irgend 


Kofeggers „‚Geimgarten‘‘, 12. Heft, 


die geeignete Anzahl von Perſonen 
zur Darftellung des Chrifti - Geburt: 
jpieles, des Adam: und Evafpieles und 
bes Schufter- und Schneiderjpiel3 vor: 
handen war. Dieje drei Stüde wur— 
den nämlich immer nacheinander ge- 
jpielt. Vom erften Abventjonntag bis 
heiligen Dreifönig wurde an allen 
Sonn: und Feiertagen von Mittag an 
bis in die Nacht hinein gefpielt, und 
zwar dieſelben drei Stüde wiederholt 
von vorne an, jo oft das Publikum 
e3 wünſchte. 

An den Werktagen in dieſer Zeit 
zwijchen dem erften Abventfonntag und 
6. Jänner pflegten die Spieler zu 
wandern, um an andern Orten zu ſpie— 
(en. Wenn die Spielgejelihaft aber 
in einen Drt fam, wo eine Gefell- 
ſchaft die Spiele jelbft einftubirt Hatte, 
da traten die einheimifhen Spieler 
den Fremden entgegen unb der, ber 
den „Hauptmann bes Herodes“ fpielte, 
legte dem fremden Hauptmann des 
Herodes Näthjelfragen vor. Obwohl 
die Terte der Spiele bei allen Ge— 
meinden gleich lauteten, jo hatte doch 
jede Gemeinde andere Räthjelfragen, 
die geheim gehalten wurden und bie 
ein Fremder nicht beantworten konnte. 
— Menn nun auf die Weife ber 
fremde „Hauptmann“ die Probe nicht 
beftand, fo mußte er mit feiner Geſell— 
ihaft abziehen. Eine uralte poetifche 
Sitte, über die man unter anderm 
nachlefen kann in Uhlands Schriften. 

Es war mir eigen rührend, daß 
in dem leßten Dorfe, wo die Spiele 
noch im Gange find, in Oberufer, 
1853, als ich fie jah, der Hauptmann 
des Herodes feine Räthjelfragen eifrig 
einftubirte, zum Kampf fi rüftend, 
obwohl er auf der ganzen Welt ſchon 
längſt feinen Gegner mehr zu fürdten 
hatte. — Er meinte freilih: man 
fönne das nicht wiſſen, es fei nicht 
zu trauen! In der Wiefelburger Ge: 
ſpannſchaft feien noch jehr verbächtige 
Erinnerungen an die Weihnachtſpiele 
zu jpüren. Ja, da muß man freilich 
auf Alles gefaßt fein! — 

68 


914 


In ununterbrohenem Zuſammen— 
hange mit dieſer deutſchen Sprach— 
inſel, den der „Heideboden“ mit Preß- 
burg zufammen bildet, fteht die „Hien- 
zei’, ein beutjches Sprachgebiet an ber 
ſteiriſch⸗ öfterreichifchen Grenze, das 
300.000 Seelen zählt! — Diejes 
Gebiet, das fich über die Wiefelburger, 
Dedenburger, Eifenburger Geſpann— 
ſchaften ausbehnt, ift ganz deutſch. 
Die Magyaren haben bei ihrer Ankunft 
bier Schon Deutſche angetroffen. Die 
Sprache der Hienzei ift eine Nuance 
bes öſterreichiſch-bairiſchen Dialektes, 
die natürlich dem benachbarten Oeſter— 
reihiihen und Steirifchen nahekommt. 
Sie ift nit überall biejelbe und an 
einigen Orten werben bejondere Eigen: 
heiten bemerkt, doch ift der gemeinfame 
Charakter der der öfterreichiich-bairifchen 
Mundart. 

Ein Kleines Wörterbuch der Sprache 
ber Hienzei ift geſammelt von G. Fried: 
rih und von mir veröffentlicht in 
Frommanns Zeitichrift: Die beutjchen 
Mundarten, 1859. 

Ebenjo gehört der öſterreichiſch— 
bairiſchen Mundart die deutſche Sprach— 
inſel um Ofen und Peſt an. 

Die großen ſüdlichen deutſchen 
Colonien in der Baranyer Geſpann— 
ſchaft, im Banat ꝛc. ſind jüngere 
Anſiedlungen, meiſt aus der Zeit 
Maria Thereſiens. Es find Einwan— 
derer aus verſchiedenen Gegenden 
Deutſchlands, theils aus Schwaben, 
aber auch z. B. aus Heſſendarmſtadt 
und anderen Landſtrichen. Sie erfreuen 
ſich großen Wohlſtandes und ſind 
im Zunehmen begriffen. 

Sehr merkwürdig ſind die von 
allen dieſen oberdeutſchen Colonien 
Ungarns verſchiedenen alten, mittel— 
deutſchen (aus dem mittleren Deutſch— 
land, meiſt Franken) des ungariſchen 
Berglandes; die Zipſer, die Berg— 
ſtädter und die ſogenannten Häudörfler 
(Krickerhäuer“ und ‚„‚Handerburzen”). 
Sie find über 100.000 Seelen hoch 
anzufchlagen und für das ungarijche 
Bergland von höchfter Bedeutung. 


Der erfte Grund wurde gelegt zu 
diefen Anfiedlungen zu gleicher Zeit, 
als die Hauptmaffe der „Sachſen“ in 
Siebenbürgen fich anfiebelte. Die erften 
deutjchen Anſiedler im ungarifchen 
Bergland waren aus denſelben Gegen: 
den des Nieberrheind, wie die Sieben- 
bürger Sachſen und die Verwandt: 
{haft wird noch durch die Mundarten 
beider verbürgt, obwohl ſich diejelben 
in den 700 Jahren jeit ihrer Ein- 
wanberung von einander beträchtlich 
entfernt haben. 

Freilich find durch den Tataren- 
einfall dieſe Colonien ſtark gezehntet 
worden und wurden durch neue Zu— 
wanderungen aus Oberſachſen, Schleſien, 
Thüringen und Oeſterreich ſeither wie— 
der verſtärkt. Aber der Grundcharakter 
ſchlägt noch überall erkennbar durch 
in der Mundart, die bei allen Ver— 
ſchiedenheiten in Einzelnen doch alle 
mit dem Zuge der Gemeinſamkeit 
verbindet. Mir iſt es oft begegnet, 
daß ich einen Kölner nach dem Ton— 
fall und ſonſtigen Klang ſeiner Sprache 
für einen Zipſer oder Siebenbürger 
Sachſen hielt. Welch liebliches Alpen— 
ländchen iſt dieſe Zips mit ihren lie— 
benswürdigen Bewohnern. 

In ihren reinlichen Städten und 
Dörfern glauben wir in Sachſen zu 
ſein. Gothiſche Kirchen, alterthümliche 
Laubengänge auf den Marktplätzen, 
hohe Giebelhäuſer und eine ſo fein 
klingende Mundart, ein ſo civiliſirtes 
Benehmen des Volkes, daß wir uns 
da ſehr bald heimiſch fühlen. 

Wir dürfen auch Kaſchau, obwohl 
es nicht mehr zur Zips gehört, dieſen 
Städten mit deutſch alterthümlichem 
Charakter zuzählen und ſo auch die 
meiſten der ungariſchen Bergſtädte. 

Einen viel weniger freundlichen, 
ja oft einen wilden und düſteren Ein— 
druck machen die „Häudörfer“. 

Sie find meiſt im 14. Jahrhun— 
dert von den Bergftäbten aus gegrün- 
det, und zwar in den unmwirthlichften 
Wildniſſen, al3 das flahe Land jchon 
von Slovafen bebaut war. 


915 


Bon ihnen, den „Kriderhäuern” 
und „Hanberburzen” will ich ein ander: 
mal erzählen. Ich verweiſe vorläufig 
auf mein: Wörterbuch der deutjchen 
Mundarten des ungariihen Berglan: 
bes, Wien, Gerold 1858 und Dar: 
ftellung der Mundarten des ung. Berg: 
landes, Wien, Gerold 1864. 

Diesmal wollte ih nur einige 
Lichtſtrahlen werfen auf jene Deutjchen, 
von denen das Mutterland — mit 
jeltfjamer Stiefmütterligleit — nichts 
hören will und fih gem einreben 
möchte, daß fie im Verſchwinden find! 
Sie fünnen fchreien, was fie wollen, 
die beutjchen Brüder winken ihnen 
höchſtens: fill zu fein und zu ver: 
ſchwinden! — Ihre Eriftenz, ihre Sen: 
dung anerkennen, beißt aber zugleich 
eine Sendung unjeres Gejfammtftaates 
anerkennen. Die auf den Zerfall ber 
Monarchie rechnen, finder es bequem, 
zu denken: die Mefthälfte ift beutjch, 
das Uebrige ift ein Chaos, beftehend 
aus „Schlawalen, Madſcharen, Wala- 
hen“, das uns gar nichts angeht. 

Zu einer ſolchen Anſchauung tragen | 
auch die Sprachenkarten bei, von denen 
ih im Eingange bemerkte, daß fie 
alle an einem großen Mißgriff leiden. 

Sie jtellen Rumänen und Walachen 
al Romanen mit Einer Farbe dar, 
jo daß fie gegenüber Magyaren, Deut: 
ſchen u. W. als Eine Nation erjcheinen, 
was nothmwendig eine völlig irreleitende 
Vorftellung herbeiführen muß. Eine 
Nationalität ift unter andern Nationali- 
täten eine Macht, die durch ihren 
Geift, ihre Bildung, ihre Spradhe Ein: 
fluß übt und auch Einfluß leidet. 
Tie Ausbreitung der Nationalitäten 


nur dann einen Simm, wenn man die 
Romanen in ihrer Gejammtheit etwa 
(Portugiefen, Spanier, Frangofen, Sta: 
liener, Walachen) den Germanen (8: 
(ändern, Norwegern, Dänen, Schwe: 
den, Holländern, Flamänbern, Englän- 
dern, Deutfchen) gegenüberftellen wollte. 
— Denjelben Mißgriff thun unfere 
Sprachenkarten, indem fie die ſlaviſchen 
Völker, als ob fie insgefammt Eine 
Nationalität wären, mit Einer Farbe 
bezeichnen. — Man denfe an die Ber: 
ſchiedenheit zwiſchen Polen, Rufen, 
Tihehen, Slovenen, Slowaken, Kroa: 
ten ; die Verſchiedenheiten der Sprachen, 
der Bildung, des Glaubens, Alle diefe 
Völker können ihrer Verwandtſchaft 
wegen untereinander als eine Geſammt⸗ 
heit unter dem Namen „Slaven“ den 
Germanen und Romanen an die Seite 
geſtellt werden, nicht aber gegenüber 
einem einzelnen germaniſchen oder ro— 
maniſchen Volke! — Können denn alle 
ſlaviſchen Völker durch Sprache, Bil— 
dung ꝛc. als eine Einheit wirken? Ge— 
wiß nicht. Es gibt daher Anlaß zu 
ganz falſchen Vorſtellungen, wenn auf 
unſeren Sprachenkarten die „Slaven“ 
als Ein Volk dargeſtellt find. 

Wenn man Tſchechen, Polen, Ruthe— 
nen, die ſich tödtlich haſſen und mit ihren 
Sprachen gar nicht verſtändigen können, 
als Eine Nationalität darſtellt, dann 
allerdings iſt dieſe Nationalität die 
mächtigſte in der Monarchie. Iſt das 
aber eine richtige Darſtellung? — Ge— 
wiß nicht. — Wie anders aber erſcheint 
das Bild unſerer Monarchie, wenn 
jede Nationalität, jede durch Gemein— 
ſamkeit der Sprache und Literatur 
zuſammengehörige Volkseinheit (Wala— 


durch Sprachenkarten darzuſtellen, iſt chen, Italiener, Polen, Ruthenen, Tſche— 


lehrreich, wenn man dadurch dieſe 
Mächte nebeneinander ſieht. Sind aber 
Walachen und Italiener durch Sprache, 
Bildung, Religion eine gemeinſame 
Macht, etwa wie die deutſchen Stämme, 
die eine gemeinſame Literatur und 
Schriftſprache haben? — Die Wala— 
chen und Italiener mit einer gemein— 
ſamen Farbe zu bezeichnen, das hätte 


chen, Serben ꝛc.) ihre eigene Farbe 
erhält. — Dann ecſcheint als bie 
weitaus volkreichſte Nationalität die— 
jenige, die auf alle den größten Ein— 
fluß übt und an allen Punkten der 
Monarchie anzutreffen iſt — die deutſche! 

Wie lehrreich wäre eine ſolche 
Sprachenkarte der Monarchie! Wie 
deutlich ſpräche ſie aus — die Bebeu- 


b8* 


916 


tung des deutſchen Elements für dies | bei den Deutfchen ift Begeifterung für 
ſes Staatsganze. — Ich glaube, daß die Staatdeinheit der Monarchie, alfo 


es unfchwer ift, zu erfennen: daß in 
ihr eine Lebensfrage unſeres Staat3- 
weſens enthalten ift. 

Wenn die allgemeinen Bilbungs- 
zuftände in ber ganzen Monarchie 
höher ftehen als in Rußland und in 
der Walachei, fo ift dies dem Einfluffe 
des deutſchen Elemente® zuzuſchrei— 
ben. Bei feinem andern Stamme als 


„Öfterreichifcher Patriotismus“ anzu— 
treffen. Einen ſolchen wird man aber 
nicht fördern, wenn man das deutſche 
Element — zurückſetzt. — Hingegen blü- 
ben und gebeihen wird die Monardie, 
wenn das beutjche Element die ihm 
gebührende Stelle wieder einnehmen 
wird. Die Zeit wird vielleicht doch 
noch fommen! 


Triefler Promenaden. 
Ein Gedenkblatt von Robert Hamerling. 


Es flanirt fi, bei Gott, ſehr weißlich durch die Nacht herüberbäm- 


angenehm auf den ſchönen Pflafter- 
fteinen von Trieſt! Ein Gang über 
den Corſo, auf dem Molo San Carlo 
— ſchon das ift eine Promenade, die 
fih Lohnt. Viele Triefter und noch 
mehr Triefterinnen begnügen fih auch 
mit dieſer. Vor den Cafes der Riva, 
unmittelbar am theerbuftigen Meer: 
ftrande, figen die Damen dicht gedrängt 
am jchönen Sommerabend,; Fächer 
ohillern in ihren Händen, ein buntes 
Gewimmel wogt vorüber, Sang und 
Guitarrenflang von wandernden Min: 
ftrel8 durchrauſchen den Strand mit 
einer beftändigen Serenade. Nicht min: 
der üppig jchlagen Schönheit und 
Reihthum ihr Pfauenrad auf dem 
großen Molo. Hier wogt zwiſchen ra— 
genden Maften ein buntes Leben. Zum 
Theil aber liegt in der Art und Weife, 
wie bier im Abenddunfel dem Zauber 
ber Natur gehulbigt wird, etwas Myſti— 
ſches, an geheimen Tempeldienft einer 
unbekannten Gottheit Mahnendes. Drau: 
Ben an der äuferften Endfpige der riefi- 
gen Duaderzunge, bie hier das Feftland 
durch den Maftenwald hindurch in 
bie brandende See hinausftredt, fteht 
immer eine Anzahl von Schweigen: 
den, Unbeweglihen, und ftaret in 
bie unbeftimmte Meeresferne hinaus, 
Wornach ftarren fie nur eigentlich ? 
Nah den Binnen von Miramar, die 


mern? Ober nad) der freijenden Flamme 
des Leuchtthurms zu ihrer Linken? 
Oder nad den einjamen Lichtern, bie 
von den Bergabhängen herüberfunfeln ? 
Nein! fie ftehen dort und ftarren hin: 
aus, auch wenn die Nacht finfter und 
trübe, auch wenn die Welle bunfel: 
ſchwarz, ohne Sternenmwiberjchein zu 
ihren Füßen brandet. Sie ftarren in's 
Leere, in's Nichts. Das Nichts hat 
eine anlodende Verwanbtichaft mit dem 
Unendlichen. Ehre dieſen Habitues 
des Molos! BVielleiht find es Einge: 
borne; aber fie ftehen in geheimen 
Beziehungen zu den befchaulichen Doc: 
trinen Hindoſtans. Wer follt’ e8 den— 
fen? eine Stätte des BrahmanenthHumsg 
in jo unmittelbarer Nähe von Waa— 
renballen und Delfäflern ! 

Aber der Molo ift nicht bloß für 
die Eingeweihten, die bei jeder Witte: 
rung dort in's Leere ftarren, ein intere]= 
fanter Ort. Herrlih und poetiſcher 
Wirkung voll ift der Eindrud, wenn 
man jpät Abends, von einem weiteren 
Spaziergange fommend, die noch ge— 
räufchvollen Straßen durchwandert hat, 
und nun bei hellem Monblicht noch 
für einige Augenblide auf den ftillen 
Molo Hinaustritt. Die Maftipigen der 
Schiffsfolofje ragen unbewegt, das Meer 
ſchlummert und drüben über der Bucht 
erglühen die Bergfuppen im Mondesbuft. 


917 


Es flanirt fi fogar in den Win- der Thalgrund; idylliſch grünen da 
termondnächten Trieft3 noch angenehm, | unten die Gärten von San Giovanni ; 


wenn ein Borahauch, nicht allzu ge: | unter 


unzähligen weißjchimmernden 


waltjam, durch die vom füblichen Voll | Landhäufern grüßt die Villa Bottacin 


mondlichte grell beleuchteten Gaſſen 
dahinfegt. Es Liegt ein Tebenanregen- 
de3 Princip ſchon im hellen Mondes: 
fit; Fein Wunder, daß es doppelt 
wirkt, wenn es geheimnißvoll fi mit 
der Urfraft des friſch von Berges- 
höhen herunterbraufenden Aetherhauchs 
verſchwiſtert. Kein Stahlbad kann kräf— 
tiger wirken, als ein ſolches Flaniren, 
dem Borahauch entgegen, in vorge— 
rückter Abendſtunde, durch einſame, 
mondbeleuchtete Gaſſen. 

Trachtet der ſommerliche Beſucher 
Trieſts aus der ſchwülen Mitte der 
Stadt hinaus in die lapdſchaftliche 
Umgebung, ſo frage ich ihn zunächſt, 
ob er irgendwo eine lebhaftere Pro— 
menade geſehen hat, als den bis in 
die ſpäte Nacht hinein ſeiner ganzen 
Breite nach von Menſchen wimmeln— 
den „Aquedotto“? Wie gefällt ihm 
diefer vollgefhmwellte Strom bes fröh: 
lihen Müßiggangs, in welchem als 
Nebenflüffe Lebensluf und Gefallfucht 
ihre bochgehenden Wellen miſchen? 

Mo am Ausgange des Aquebotto 
ber Weg fich fpaltet, ift mit wenigen 
Schritten ein Abhang erreiht, auf 
welhem Lämmer und Iuftige Ziegen- 
bödlein grafen. Mit Villen und Gär- 
ten und einer pittoresfen Cascade 
fteigt zur Rechten des Weges die Höhe 
an; zur Linken raufchen und niden 
bohftämmige Baumbäupter aus bem 
Thalgrund über den Steindamm her: 
auf; durch dichte Laubfronen blict 
man in's Thal binab und hinüber 
auf die jenfeitige Höhe. Rückwärts 
liegt das ſchimmernde Meer und bie 
Stadt und die niebergehende Sonne. 
Nichts verfegt den Wanderer fo leicht 
in eine olympijhe Stimmung, als 
ein hochgelegener Laubgang, durch wel: 
hen die auf: und untergehende Sonne 
ſchimmert; es ift al3 ob man in einem 
grüngoldigen Empyreum wandelte. 
Immer reizender wird nun zur Linken 


. 


vor allen lieblich herüber mit ben 
farbigsanmuthigen innen; dahinter 
fteigen im Halbrund bie jchroffen Fels— 
terraffen links zum Obelisfen von 
Dpeina, rechts zur nadten Gebirgs- 
wand empor, unter deren fcharffanti- 
gem Saume der breite Gürtel einer 
gewaltigen Heerftraße ſich binfchlingt. 

Noh haben wir kaum feit zehn 
Minuten die Stabt hinter ung gelaffen 
und fchon ift das Boschetto erreicht, 
ſchon athmen wir in Walbesgrün. Wir 
wanbeln in einem nicht dichten, aber 
weiten Eichengehölz, das von hundert 
bequemen Pfaben durchkreuzt ift. In 
feftlihen Sonntagsftunden ſchallt Mu: 
fit die Waldhöhe hinauf, ausgehend 
von der Niederung, wo die braunen 
Quellen der Erfrifhung jprudeln, wäh: 
rend ein ganzer Völferzug von Quft: 
wanbelnden den Hain durchſchwärmt, 
gar nicht zu reden vom eriten Mai, 
an welchem das Leben des Boschetto’3 
in einem Bolfsfefte feinen Höhepunkt 
erreicht. Weiter und weiter gelangen 
wir, den immer jchönen, immer be- 
quemen Waldespfad hinan; auf noch 
breiterer, in weiterem Kreiſe geſchwun— 
gener Straße kommen uns die elegan— 
ten Gefährte der Reichen nachgeraſſelt. 
Alles ſtrebt zur Höhe empor, wo die 
Meeresfernſicht, vielleicht einzig in 
ihrer Art, ſich aufthut: über Gebirg 
und Stadt und die breite ſchimmernde 
Seebucht von Muggia. Wir ſtehen auf 
der prächtigen Hochwarte des „Jägers“. 
Hier das weitſchauende, Ferdinandeo“, 
das auf der luftigen Höhe ſo ſtolz 
emporragt, hinter ihm, auf noch höher 
anſteigendem Waldhügel, eine gethürmte 
Ritterburg, die wir nicht um ihr Alter 
fragen wollen — dazu der Eichwald 
ſelbſt, der, wie er den Wanderer unten 
in der Niederung aufgenommen und 
fortbegleitet bis zur herrlichen Höhe, 
ſich nun noch ſtundenlang auf Abhän— 
gen und Gipfeln hinerſtreckt, holde 


918 


Stille gewährend und für den Pilan- | 
zenfreund eine nicht allzureiche, doch 
immer intereffante botanifche Ausbeute. 

Früher und weit üppiger als im 
Boschetto ſproßt am Abhange von 
San Andrea, dem Sonnenbrand 
und den milden Lüften des Meeres 
zugewendet, eine Vegetation, bie den 
vollen Charakter des Südens trägt. 
Wie ſoll ich fie fehildern, die wunder: 
Ihöne Strandpromenade von San 
Andrea, die an Sonntagnahmittagen 
bes Herbites, Winters und Frühlings 
zum Schauplaß eines glänzenden Corſo's 
wird? Zur Rechten Meeresblau, ſchwel— 
lendes Wellengeplätiher, zur Linken 
Blattgelifpel, grüne Gärten — mit: 
ten inne bie endloje Reihe der Karoſ— 
jen, aus welchen taufend Flammen: 
augen bligen — es ift wie ein Feſt— 
aufzug der cytheriſchen Göttin, bie 
bier ihren Reiz im Spiegelplan des 
Meeres beäugelt. Dreifach jhlingt 
der Luftpfab fih um den Abhang und 
man fann auch ganz unten unmittel: 
bar am Saume des Meeres unter 
Ihönen Platanen wandeln. Unendlich 
reizend ift dieſer ftillere Platanenlaub— 
gang, von der Klaren Meereswelle be: 
jpült, aber faft noch verlodenber iſt's, 
den engen, jchattigen Fußpfad einzu: 
ſchlagen, der zwiſchen den beiden er: 
wähnten Wegen mitten durch endlos 
dichtes Roſengebüſch ſich Hinzieht. O 
dieſe meerbethauten Roſengebüſche von 
Andrea — grünen und gedeihen ſie 
wohl noch wie zur Zeit, da ich von 
ihnen Abſchied nahm? Es war ein 
dichter Roſenwald, Roſenhecken der ebel- 
ſten Art, faſt den ganzen Weg entlang 
ſich erſtreckend. Und weiter hinan, wo 
das Gebüſch faſt zur Parkanlage ſich 
erweitert, da wuchs und trieb ganz 
im Freien und uneingehegt der ſchönſte 
Flor edler Sträucher und Gartenge— 
wächſe. 

Bis gegen Servola Hin führt dieſe 
unvergleihliche Promenade, zur Linken 
immer Villen und Gärten, zur Red): 
ten das Meer, die Schöne Bucht von 
Muggia, jenfeits derjelben die Höhe, 





deren abgewanbte Seite fi) gegen ben 
Meerbufen von Gapobiftria hinabfenkt, 
ins weiteren Sintergrunde das gewal- 
tige Felsbergpanorama. 

Alles ift bier edle Naturpoefie, 
von welcher jedoch ſelbſt der Ernſt und 
die Profa des Lebens impofant ſich 
abheben. Mitten in den Rofenflor hinein 
ſah ich Paliffaden gepflanzt, Rüftzeug 
der Bellona, gegen das unfchuldige 
Meer hinunterdrohend und die Göttin 
Induftria Hat Werfte und Arfenale 
bingebaut, die mit ihren ſchweigenden 
Höfen und langhinkriechenden Hallen, 
wo rieſiges Werfgeräth gehäuft ift und 
die Mafchinen taufend metallne Gelenke 
geipenftig regen, wie Tempel der leben— 
beherrſchenden Nothwendigkeit oder des 
werfthätigen Erdgeiſtes aus der Nie: 
derung heraufragen ... 

Ich weiß nit, ob dem Leſer 
bekannt ift, was man in italifchen 
Landen unter einem „giardino publico“ 
verfteht ? „Giardino publico* bedeu— 
tet dort zuweilen einen kreisrunden, 
von einem Baumgange umjchlofjenen, 
von einigem Graje bewachſenen freien 
Platz. Hartnädig fragt der Fremde 
nah dem „Garten“, und der Einge- 
borne bemüht fih lange vergebens, 
ihm klar zu machen, daß er mitten 
darin fteht. Trieft hat glüdlicher Weife 
in dieſem Punkte darauf verzichtet, 
die italienische Art zur Schau zu tra: 
gen. Es befigt in feinem „giardino 
publico“ vor der Corſia Stadion ein 
blumenduftigesSchattenafyl, einen wirt: 
lihen Garten. Den ganzen Sommer 
über ift er ein Lieblingszufluchtsort der 
Triefter Bevölkerung aller Schichten, 
die ganz oberfte ausgenommen, die 
auf ihren Villen Schatten und Blu: 
menbuft im eigenen Haufe hat und 
den Neft der jchönen Gotteswelt nur 
von den Polſtern ihrer Equipagen aus 
beaugenjcheinigt. Dem viel bejchäftig- 
ten Triefter im Allgemeinen kann eine 
jo jchöne, nahegelegene Anpflanzung 
zur Erholung und Erfriſchung, nament= 
ih in ben Abendftunden, nur will: 
fommen jein; der Dandy jchlürft im 


210 


Schatten blühender Maulbeer: und 
Bignonienbäume feinen Mocca und 
verfolgt den Auf- und Niedergang der 
Sternbilder, die ein freifender Zodiafus 
der Schönheit bei den Klängen einer 
Mufikeapele an ihm vorüberführt. 
Es find vielleicht nicht jo ftolze, aber 
ebenjo ſchwarze und glänzende Augen- 
fterne und Haarflechten, wie diejenigen, 
die ung bei dem Wagencorfo von San 
Andrea berüden; es find dieſelben 
Gefahren, dieſelben Bezauberungen, 
e3 iſt diejelbe Kofetterie, nur daß fie 
bier zu Fuße geht, wobei fie eher 
gewinnt als verliert, denn es ijt be: 
fannt, daß anderswo Prinzeffinnen 
und Herzoginnen fi nicht durchgehends 
der Gabe eines würbevollzanmuthigen 
Einherjchreitend in dem Maße zu er: 


lang, da ragt in der Mitte jedes 
Blumenfeldes die Araucarie oder ein 
fremdes Liliengewähs, im Waſſer— 
beden ſchwimmt die blaue Seerofe, 
die Blume der is, und eine lau- 
ihige Stelle gibt es, wo, freilich den 
Fuß in Töpfen verftohlen bergend, 
Fächer: und Fiederpalmen mit Pan- 
danus- und Arumgewächſen und Ficus 
elastica und Magnolien ihre Blätter: 
fülle über den fchattigen Sit breiten. 

Schönes Merifo, Heimatland ber 
Sonnenblume! Heimatland der ebel- 
ften Blumen überhaupt, die Europa’s 
Bärten ſchmücken! Lange vor dem Ein: 
treffen ber Weberbringer der Krone 
Montezuma’3 haben deine Blumenboten 
in Miramar von Buena Viſta's Gär: 
ten und vom Kaijerpalaft im Cypreſ⸗ 


freuen haben, wie am Strande ber |jenwalde Chapultepecs geflüſtert ... 


Adria die Grijetten. 

Wer jhildert Miramar — 
das Schloß und alle Herrlichkeiten, | 
die dort am Strand und auf ber 
Höhe ausgebreitet find? Und feine 
prächtige Meeresfernficht, die nirgends 
breiter und glänzender ſich aufrollt ? 
Hier fühlt man fi nicht mehr bloß 
in den Süden, ſondern gar in den 
Drient entrüdt ober in amerifanifche 
Tropenzonen! Der Park ift Faijer: 
lid. Großartigfeit beftimmt den gan: 
zen Styl, auf breiten Streden jehen 
wir die Blumenbeete hingelagert, die 
Farbenmwirkungen find durch mafjen- 
hafte Häufungen des Gleichartigen 


Zu Frühlings: und Herbftausflü- 
gen lodt die Hochwarte von Dpcina 
mit ihrem berühmten Land: und See: 
panorama, von Neifebejchreibern und 
Dichtern als einer der fchönften Aus: 
ſichtspunkte der Welt gefeiert. Aber 
auch den reizvollen Weg dürfen wir 
nicht vergeifen, beifen janftanfteigende 
Linie, mit der Straße von Miramar 
eine Strede parallel, am Bergesabhang 
zur pittoresfen Höhe von BProjecco 
binüberführt. Zur Rechten fteigen bie 
Felshänge ſchroffer und jchroffer empor 
und bilden zulegt, unmittelbar vor 
Projecco, wahrhaft ſchwindelnde Grate ; 
zur Linken aber liegt unten in feiner 


reizvoll-impofant ; dabei herrſcht überall | Tiefe, glatt, jonnig und endlos das 


Verſchwendung: was da blüht, das | lebendige, 


bherzerfreuende Grün ber 


Fremdefte, das Seltenfte blüht in un: | Meereswelle, vom Zephyr jo fein ge: 


zähligen Eremplaren. Und doch fieht 
man nur Erlejenes, Diftinguirtes; es 
find ariftofratiiche Gewächſe, es ift eine 
beau-monde ber Blumen, ein Salon: 
Königin Flora gibt große Affemblee. 

Alles Tropijche fteht hier im Freien 
um das Schloß. Da wachen die Hor: 
tenfien unter den Bäumen auf langen 
Streden Hin, wie Moos oder Heide: 
fraut; da ftehen die Palmlilien und 
Aloen und Blumenrohre zahllos die 
Felshöhe hinauf und den Strand ent: 


fräufelt wie cijelirte Smaragdfläden 
mit bunfelblauen Furchen und fun: 
felnden Silberftreifen. In reinen Um: 
riſſen fteigt neben dem fpiegelglatten 
Plan der See das zadige Feldgebirg 
empor, und bie Küfte wie dad Meer 
ſchwimmt im Somnenbuft. 

Hundert Gampagnenwege führen 
nad allen Richtungen von Trieſt in's 
Freie hinaus, und es mag uns oft 
gelingen, daß mir, einen berjelben 
aufs Gerathewohl einſchlagend, zu 


920 


berrlihen Ausfihtspunften, vielleicht 
auch zu anmuthigen Ruheplätzen gelan- 
gen. Aber freilih bei weitem nicht 
immer; den größten Theil dieſer 
Bezirke, zu welchen die Campagnen— 
wege führen, hat der Privatbefit unter 
fih getheilt; die „beati possidentes“ 
haben ihre Hände darauf gelegt. Wir 
fehen eine lieblihe Stelle, einen Wie: 
fenhang, ein Wäldchen jo einladenb 
berüberwinfen: wir eilen barauf zu, 
aber fiehe da, fo jehr wir eilen, wir 
fommen doch zu fpät; jchon hat ein 
Anderer den reizenden Bezirk für fich 
eingefriedet, hat eine ſchöne Billa 
bingebaut und eine hohe Gartenmauer, 
nad Landesbrauch beſteckt mit fpigigen 
Glasfragmenten, die wie blutlechzend 
in der Sonne funfeln. Aber wir 
müffen doch auch bebenfen, daß bie 
Villen der reichen Leute dasjenige, 
was fie der Landſchaft und ihrem 
freien Genuße rauben, dadurch erfegen, 
daß fie das Landſchaftsbild wieder in 
anderer, anziehender Weife ergänzen 
und vollenden. Das Panorama von 
Trieft wäre in der That nicht halb jo 
anmuthend, ohne den reichen und ftolzen 
Kranz feiner Pillen. 

Die Sage erzählt von öben Ber- 
gen, von büfteren Felswänden im 
Maldesdunfel, wo der Wanderer ängft- 
lich inne hält: plötzlich aber erſchließt 
fih ein moosüberwachſenes Pförtlein, 
der Wanderer tritt ein, und es fchim: 
mert ihm eine unterirbifche Herrlich: 
feit entgegen mit Zaubergärten, Spring: 
brunnen und goldenen Gemäcdhern, wo 
ein Gnomenkönig Hof hält oder eine 
Schöne Walbesfee. Nicht ganz fo, aber 
doch in ähnlicher Weife ergeht e8 ung, 
wenn wir bie wenig anziehenden 
Gründe durchſchreiten, die in der Thal- 
niedberung von San Giovanni bie 
Billa Bottacin umgeben. Plötz— 
lih erreichen wir ein Pförtchen, das 
fi unfcheinbar in eine Ede ſchmiegt, 
aber das Pförtchen thut fih auf und 
wir betreten ein Blumen:Eldorabo*). 


*) Die Schilderung gilt von der Zeit 
des Aufenthaltes des Verfaffers in Trieſt. 





Das ſteht in feiner Umgebung fo 
contraftirend Hingezaubert, wie ein 
Baufelbild der Fata Morgana in ber 
Wüſte: wir fürchten, es könne plöß- 
(ih in Nichts verfchwinden. Aber es 
it fein Blendwerk, es hält Stand. 
Wir jchreiten weiter auf dem reich— 
bebüfchten Terrain, das in den pitto- 
resfeften Krümmungen fteigt und fällt 
und ſich wendet, und nach rüdmwärts 
an einen romantifhen Berghang fich 
lehnt. Auch die Umgegend erjcheint 
uns von diefem Standpunkte aus in 
neuem Lichte, wie umgezaubert. Ein 
gewaltiger Bach durchrauſcht den 
Grund. Wir betreten auf der, Höhe den 
Vorſaal eines glänzend ausgeftatteten 
Pavillons, geſchmückt mit Statuetten 
und Bildern — eine Vorahnung ge: 
während von den reihen Kunſtſchätzen, 
welhe das Innere der Villa birgt, 
und mit welchen wir und diesmal jo 
wenig bejchäftigen wollen, als mit 
dem ardhitektonifchen Reiz und Werth 
der zierlihen Billa jelbft. Halten wir 
uns an das Landſchaftliche, die Natur: 
fcene, den Park. Durch dichtverſchlun— 
genes Gebüfh führt uns der Pfad 
in eine Grotte, die eine fünftliche Be— 
leuchtung mit magiſchem Feuerichein 
erfüllt. Wir wandeln vorüber an klei— 
nen Teichen, wo bie riefigen Blätter 
fremder Waflerpflanzen den Wellen: 
jpiegel bebeden. Wir betreten ein 
Schweizerhaug, wo die erlefenite Samm- 
lung ausgeftopfter Vögel und jonfliger 
natnrhiftorischer Merkwürdigkeiten uns 
anzieht. Während mit jedem Schritt 
der Ausblid in die Ferne reizvoll 
wechjelt, umbrängt und in unmittel- 
barer Nähe der üppigfte Flor von 
jüblihen Gewächſen; die Vegetation 
übernuchert fich faſt urwaldlich: Höhen 
und Tiefen, Felswände und Badhufer, 
alles ift von einem bichten Teppich 
von Schlingpflanzen überfleidet. Nun 
aber betreten wir die „stufa“ — das 
Warmhaus, wo wir plöglich eine be- 
rauſchend gewürzte Tropenluft athmen. 
An diefem Naume wird uns zu Muth, 
als hätten wir Opium getrunfen ober 


eine Aether-Narkofe mit ung vornehmen | Princip, verwirklicht mit der noblen 
laffen. Worin liegt das Eigenthümliche, | Einfachheit des echten Gentleman, deffen 
Geheimnißvolle diefer Wirkung? Ein Weſen befanntlih nicht in der voll: 
überaus anmuthiges, feines Wellen: |zähligen Neihe von 16 Ahnen liegt. 


oder- Tropfengeriefel ift’3, das unter, 


Wie Kleidung und Benehmen bes 


den Niejenblättern der Tropenpflanzen | echten Gentleman fern von aller auf: 


aus verborgenen Quellen ſprüht, den 
Sinn beftridt, bevor das Ohr es 
unterjcheidet, und, mit dem Würzebuft 
der Pflanzen vereinigt, die Sinne in 
einen füßen, träumerifchen Zuſtand 
einlullt. Wir find hier in einen Zau— 
berbann gerathen, dem wir nicht mit 
oberflählihen Einbrüden entrinnen. 
Alles ift darauf eingerichtet, da3 Ge: 
müth anzuregen, vomantifch:poetifche 
Wirkungen hervorzubringen. Die Stäm- 
me fremder Gewächsrieſen find mit 
Moos überzogen und dieſes mieber 
mit bem feinften Gewebe intereffanter 
Schlingpflanzen umfleidet. 

Die Billa Bottacin ift die Schöpfung 
eines finnigen, romantiſchen Geiftes: 
auf bie Tiefe des Gemüthes wird zu 
wirken gejucht, gefteigerte Natureffelte 
find erzielt, höhere Intentionen ver: 
wirkliht. Von einem andern Stanb- 
punfte will der Landſitz des (nun ver: 
ftorbenen) Herrn von Revoltella betrach: 
tet fein: vom Standpunkte des mobder: 
nen Geld: und Weltmannes, der fich 
das Leben mit ben Reizen bes „faf- 
hionablen Comforts“ ausſchmückt. Hei- 
tere Eleganz war bier das leitende 


dringlichen Prunkſucht ift, fo löſ't er 
auch in der MWohnftätte, die er fich 
baut, das Problem der Bereinigung 
von Sumptuofität mit anfpruchslos 
ericheinender Einfachheit. Was ift-eine 
„Billa“ für den Welt: und Lebemann ? 
Ein Landaufenthalt, wo er einige 
Moden oder Monate in angenehmer 
Losgebundenheit zubringt. Er wird 
dafür fein Schloß aufrichten mit Säu— 
len, Erfern und Binnen; er wird ſich 
den ſchönſten Platz erfiefen, wird bort 
eine reizende Gartenanlage gründen 
und inmitten berfelben einen zierlichen 
Pavillon fi bauen mit einem Salon 
und allerliebiten kleinen Gemächern, 
überaus comfortable ausgeftattet, wo 
er ſchläft, fpeift, die Zeitungen und 
Coursberichte lieft und feine Freunde 
empfängt. Im Gegenfage zum Ideal 
des Landſitzes eines in ſchöner Zurück— 
gezogenheit lebenden, in romantifche 
Baffionen verfenften Gemüthes, ift 
dies das deal der Billa vom welt: 
männifchen Standpunkte, und Dies 
deal hat Herr v. Revoltella auf dem 
ihönften Punkte von Triefl, auf ber 
Höhe des „Jägers“ verwirklicht. 


922 


Der Parvenu der Piteratur. 
Bon Ollo von Feizner. 


Er hat nicht immer Bücher ge: 
ſchrieben. Eine Zeit hat es gegeben, 
wo er noch den beften Ruf genoß und 
in feinem Kinberherzen nichts Böſes 
brütete. Wohl war eine Feber in ſei— 
nem Befiß, aber fie diente friedlichen 
Zweden und malte auf liniirtes Pa— 
pier harmloje Buchftaben. Den Augen: 
blid, der eine jo liebenswürdige Na- 
tur plöglih in das Gegentheil ver: 
fehrte, vermag ich nicht genau zu be: 
ftimmen, aber die Thatfadhe ift mir 
befannt. Er hatte fich ſchlecht und recht 
bi8 zur Secunda des Gymnafiums 
durchgeſchlagen, hatte niemals in ir: 
gend einem Fach die Aufmerkjamkeit 
eines Lehrers erregt, ſondern war ftet3 
einer jener Mittelmäßigen, die fpäter 
bie beften Steuerzahler abgeben. Eines 
Tages entdedte er in fi das Talent 
des Reimens und begann fofort zu 
dichten; von diefem Augenblid begann 
fein Verderben. Die Geburtstage jei- 
ner Familie und die fämmtlicher Leh: 
rer, Todesfälle, Hochzeiten — alles, 
alle8 bot pafjende Stoffe dar. Und 
fiehe da, er trat durch fein Talent 
aus den Neihen der Unbeachteten, 
denn jeine Profefforen bemühten fich, 
ihr Wiegenfeft vor dem unbarmherzis 
gen Poeten zu verheimlihen, und 
Onkel nebft Tanten nannten ihn einen 
„genialen“ Jungen. Das unglüdjelige 
Adjectiv bohrte fich jehr tief in fein 
ihon früh unreife® Gehirn und er: 
zeugte darin den Wahn, daß das Stu- 
dium zum Zwed einer fünftigen Le— 
bensftellung einer poetiichen Natur un: 
würdig jei. Er las nur mehr „Schön: 
geiftiges”, das heißt, Romane und 
Novellen, Gedichte und alte Anekdoten. 
Sp galt er bald feinen Altersgenofjen 


als witzig und belejen, trogbem er 
das Studium aufgeben mußte, ohne 
daß er ber pebantiichen Forderung, 
eine Maturität3prüfung abzulegen, nad): 
gefommen wäre. Die Eltern befanden 
fih im DVerlegenheit und Zweifel, wo- 
bin fie den Aelteſten unterbringen joll- 
ten, denn ihn nur Romane lejen und 
Gedichte ſchreiben zu laffen, das er- 
ſchien doch. nicht rathfam. Der Zu: 
fall führte den aufftrebenden ‚Did; 
ter als Commis in ein Gejchäft. 
Umgeben von den zarteften und koſt— 
barften Stoffen nährte fich jeine Phan- 
tafie mit den reizendften Anregungen, 
die ftet3 der Saiſon entſprachen, bald 
duftig wie Frühlingsmärden, bald 
glänzend wie ein königliches Winter: 
feft. Da ſah er in feinen Träumen 
die ſchönſten Frauen, gekleidet in jene 
Stoffe, die er ihnen ausgewählt, die 
er für beſonders geeignet gehalten, - fie 
zu ſchmücken. In denjelben Träumen 
jah er fich jelbit in Maroquin gebun- 
den und mit Golbjchnitt in allen 
Boudoirs. 

In ſeinem Kreiſe war es ihm 
nicht ſchwer, zu glänzen: er ver— 
ſtand ja Latein und etwas Griechiſch 
und vor allem: er las jeden neu er— 
ſchienenen Roman, kritiſirte die mei— 
ſten ſcharf und machte noch immer 
Gedichte. Um ſeine Bildung ganz zu 
vervollſtändigen, ging er nach Paris, 
das er nach allen Richtungen, vom 
Mabille bis zum Café Riche gründ— 
lich durchſtudirte. Mit zwei Eigen— 


ſchaften kehrte er nach Deutſchland 


zurück: mit Pli (Pli) und mit Chic 
— ich bedaure, die Worte nicht deutſch 
überſetzen zu können. Es fehlen uns 
Ausdruck und Sache. 


923 


Er kam alfo zurüd, rei an Pa— 
rifer Unarten, die er von den Cava— 
lieren der Cafes und Boulevards ge- 
lernt hatte und gründete, jo vorgebil: 
det, ſelbſt ein Geſchäft. Trotzdem 
wurde er dem Gotte in ſeiner Bruſt 
nie untreu — er dichtete noch immer. 
Auf die Dauer aber vermag die pla— 
toniſche Liebe zur Muſe Niemanden 
zu befriedigen; die rein private Aner— 
fennung genügt auch dann nicht, wenn 
der Dichter ſelbſt fich dieſelbe aus— 
ſpricht. Erft die Druderihwärze ſank— 
tionirt den Schriftfteller und Druder: 
ſchwärze ift fehr billig,‘ Er begann 
feine Laufbahn als Feuilletoniſt bei 
einer Zeitung, die auf Actien begrün— 
det war, von denen einzelne das Un- 
glück hatten, von ihm bejeffen zu jein. 
Seine PBlaudereien waren die Quint— 
efjenz der Flachheit und voll von jenem 


theilte allen Bekannten unentgeltlich 
jein Urtheil, jo laut, daß auch die Un- 
befannten es hören mußten. An alle 
Berühmtheiten drängte er ſich heran 
und ſprach von ihnen mit andern: 
„Auerbach ijt ganz meiner Meinung! 
Spielhagen ftimmt volllommen mit 
mir überein!” Kurz, er verfäumte 
feine Gelegenheit, fih als bedeutend 
binzuftellen. Deshalb war er auch ftets 
jehr gnädig und herablaffend gegen 
junge Autoren, gab ihnen gute Zeh: 
ren, urtheilte ftet3 ſehr ſtreng über 
die Verzopfung der deutjchen Litera— 
tur: „fie müfje dem modernen Geifte 
Rechnung tragen, wie ed die Franzo: 
jen machen!” Franzofen ! Dieſes Wort 
entfeffelte feine Begeifterung. Er hatte 
fie ja allg gefannt, Beuve und Dumas, 
Sarbou und Rene Taillandier, Hugo 
und die Erfmann-Chartrian. Mit allen 


wortjpielenden Wig, der ftolz darauf | hatte er wenigſtens Händedrücke ge- 
ift, des Geiftes entrathen zu können ; | wechjelt, mit den meiften Worte. Ueber: 
feine jchlotterige Spradhe war in das | haupt Paris! Welche Schaufpieler, 
Procruftesbett kaufmänniſchen Styls | wie viel Chic und wie viel Pli! Wel- 
gezwängt, der dem Gedanken den Kopf|cher Elan und weldhe Verve! Das 
abhaut, um zwei Worte zu erjparen. | muß Deutfchland dem Befiegten abler: 


Dennoh trat er fehr fiher und fo 
jelbitgefällig auf, daß alle geiftver: 
wandten Leſer entzüct waren. Neben: 
bei war er auch Theaterfritifer und 
zwar mit volliter Berechtigung, ba er 
nichts von der Sache verftand. eben 
Abend konnte man ihn in einem an: 
bern Mufentempel erbliden. Breitipu- 
tig und jelbitbewußt jaß er in jeinem 
Sperrfiß und zeigte in jeder Bewe— 


nen, wenn e3 ihm ganz ebenbürtig 
werden wolle. 

Seine Feuilletond mehrten fich in 
unglüdjeliger Rotte und jein Erfolg 
mit ihnen, und mit dem Erfolg jein 
Ehrgeiz. Er fühlte, daß man, um als 
Autor zu gelten, ein „Buch“ heraus: 
geben müfje; bis jet hatte er nur 
Blätter hervorgebracht. Seine Logische 
Schärfe wies ihm einen Weg. „Ein 


gung jeines Geſichts den „Kunſtrich- Buch ift eine Anzahl bebrudter Blät- 


ter”. Bald zudte er mitleidig die 
Achſeln und lächelte ſpöttiſch; dann 
rief er mitten in der Borftellung, jo 
daß e3 das halbe Haus hören konnte, 


ter, Die vereinigt werben. ch befite 
viel bedrudte Blätter. Wenn ich fie 
vereinige, find fie ein Buch.” Das 
Raifonnement war von glänzender Rich: 


Worte der Anerkennung: „Brillant! tigkeit. Er dachte weiter: „Ein Bud 
Magnifique! Süperb!” oder des Ta: | muß gefauft werben. Um etwas zu 
dels: „Zerrible! Gräßlich!“ Nie ver: |verfaufen, muß es verlodend fein. 
gaß er es, ſich nach feiner Yeußerung Illuſtrationen find verlodend. Alſo 
umzufehen, ob wohl alle Umfigenden |laffe ih das Buch illuftriren.” Und 
ihn bemerken, ihn anftaunen. Sein!er ging bin, that ed und gab bie 
Triumph gipfelte in der Zeit der Zwi⸗ Blätter als Buch heraus. Vielleicht 
ſchenacte. Da lief er durch die Cor- bedachte er einen Augenblick das Mahn- 
ridors und durch das Foyer und er- wort „Nonum prematur in annum!“ 


924 


aber gewiß ift ihm die alte Wahrheit | Reichthum an Exemplaren feines Bu— 
nicht beigefallen: daß Holzäpfel auch | ches, die er mit fich trägt. Er ift wie 


duch langes Liegen Feine Ananas 
werben. 

Er Hatte die beiten Hoffnungen 
und er durfte fie haben, benn fein 
Werk war für die Hohlföpfe beredh- 
net, die ja die Majorität des bü- 
herfaufenden Publikums bilden. Eine 
Gefahr drohte von Seite der Kritif, 
aber er fürchtete fih nicht. Der be- 
rühmte Recenſent A. ber geiftoolle 
Eſſaiiſt befümmert fih nicht um bie 
leihhtere Literatur; ber gefürdhtete B. 
Ichleudert feine Donnerkeile gegen Flie- 
gen nur in der Sommerfaifon, es ift 
aber Herbft; der befannte C. iſt gegen 
Freunde und Bekannte ſehr rückſichts— 
voll; D’3 Werke erſchienen im gleichen 
Berlag; E’3 Frau fauft bei ihm Klei- 
der und ift im Zahlen ungeübt; F. 
arbeitet an berfelben Zeitung; G. hat 
aber ein Buch herausgegeben, das er 
bejprehen fol und H. ift niemals 
überrafcht, wenn zwijchen ben erjten 
zwei Blättern eines Werkes, das ihm 
zur „offenen“ Beiprehung gejendet 
wird, ein Hunbertmarffchein liegt. Der 
Tag ber Herausgabe der „feuilletoni- 
ſtiſchen Kartätſchen“ fteigt ahnungslos 
an dem Himmel empor und beleuch- 
tet in allen Blättern der Refibenz ein 
großes Inſerat des Verlegers, der das 
Werk des „beliebten“ Feuilletoniften 
Jedem zur Erheiterung empfiehlt. Im 
Laufe der Woche erjcheinen Befpre- 
Hungen, alle ſehr freundlich, ja fogar 
warm gejchrieben, einige mit dem An: 
fang: Der „belannte Plauberer” x. 
Er läuft durch die ganze Stadt, ein 
ſeliges Unfterblichkeitslächeln um feine 
Lippen, er jpriht im Theaterfoyer 
mit noch ftärkerer Stimme als ſonſt 


ein Esfamoteur: er greift in den Bu- 
jen — voici Monsieur — „feuilleto: 
niſtiſche Kartätſchen“; er greift in das 
Futter ſeines Hutes — voici Ma- 
dame — „feuilletoniftiihe Kartät— 
ſchen;“ er greift in feine dichten 
Haare, er greift in bie Luft — hic 
et ubique — „feuilletoniftiihe Kar: 
tätigen!” Ein ſehr bejahrter Freund, 
Träger eines berühmten Namens, hat 
mir erzählt, Heinrich Heine jei nad) 
dem Erfcheinen von dem „Buch ber 
Lieder“ dur alle Straßen Berlin’s 
gerannt, um zu fehen, ob fein Werk 
ausgeſtellt ſei. Ganz jo muftert er 
jeden Buchladen, um fi an dem illu— 
ftrirten Einband feines Werkes Nr. 1 
zu erfreuen, er tritt jogar ein, um 
fi incognito als fimpler Herr Meyer 
zwei Gremplare des eigenen Werkes 
zu faufen, da er fo viel von bem 
„reizenden” Buch gehört, daß er es 
zweimal leſen wolle. 

Der erfte Erfolg hat entſchieden, 
der Bann ift gebrochen, ein Buch jagt 
das andere: Traveftien mit zeitgemäßen 
Betrahtungen und Patriotismus; Ro: 
mane, bie in der höhern Geſellſchaft 
ipielen, in welcher die Cavaliere wie 
Reitknechte, die Damen wie belejene 
Köchinnen fprechen, und nur die Sllei- 
der jehr fachgemäß beichrieben find; 
lyriſche Gedichte, in denen fih bie 
Empfindfamfeit der Badfifchperiode 
mit dem Kraftgefühl der Flegeljahre 
eint, hie und ba Neminiscenzen an 
ältere Herren, die ihn vorgeahnt 
haben ; humoriftifche Novellen, Betradh- 
tungen, Schwänfe, alles mühjam zu: 
ſammengeſuchter Witz, voll von naiver 
Selbitgefälligfeit, die oft gerabezu ein 


und freut fih, wenn ihn Jemand fo | pathologifches Intereſſe einflößt; eine 
laut bei feinem Namen nennt, daß |Nachäfferei der genialen Seitenfprünge 
Umftehende venfelben hören können. eines Byron und Heine, die um jo 
Seden Kritiker, den er begegnet, fragt komiſcher wirkt, weil fie den Vergleich 
er: „Haben Sie ſchon gelefen?” und |aufzwingt. Aber iluftrirt find fie alle, 
ift erftaunt, wenn die Antwort lautet | einzelne fogar, um den Gontraft zwiſchen 
„Was?“ Als ob fih das nicht von | Tert und Zeichnung zu erhöhen, mit 
jelbft verftände! Unerfchöpflich ift der | viel Wit. 


925 


Die Kritik ift durch das Talent 
bezwungen. Aus „der befannte” wird 
der „der jehr befannte”, „der allgemein 
beliebte”, „der witzſprudelnde“, unb 
die Bejprehungen wimmeln von Phra- 
jen, wie „voll Geift und Satire“, 
„beißende Ironie“, „an Heine erin- 
nernd“. Diefe Lobjprüche ftehen aber 
nicht etwa in Kleinen Winfelblättchen, 
die als Manufcript für den Redacteur 
gedrudt werben, jondern in Zeitungen, 
die ihrer Auflage nad Blätter erjten 
Ranges find, die das Urtheil von 
Hunderttaufenden in ben Fragen ber 
Politif und Nationalökonomie beherr: 
ſchen, aber in derartigen Fragen ber 
literarifhen Kritik faft nur Privat: 
intereffen und Privatbeziehungen unter: 
halten, und aus Gefälligfeit für den 
erſten beften Flachkopf der Deffentlich: 
feit die Komödie einer begeifterten 
Anerkennung jo lange vorjpielen, big 
aus ihr eine Wahrheit geworben ijt. 
So erzeugen fie die Lüge, verderben 
das öffentliche Urtheil in Sachen ber 
Literatur und der Kunft, fie, bie 
andere, echte Talente unbeachtet laſſen 
oder verunglimpfen, weil fie nicht zur 
Clique gehören. Ä 

Er aber wächſt in feiner Phantafie 
von Buch zu Buch; ſchon ragt er 
über die Zeitgenoſſen weit hinaus; 
ſchon ſteht er mit Goethe und Schiller 
auf gleicher Höhe, und bald wird er 
an die Sterne ſtoßen, wobei ein hohler 
Klang unvermeidlich jein wird. Sekt 
gibt er eine Art von periobiicher 
Bibliothek heraus, deren erjtes Bänd— 
hen in ſchwungvollſter Weife von 
dem Herausgeber eingeleitet ift. Bis 
jet bat Deutſchland noch nicht die 
„jeinheit der Form“ Fennen gelernt, 
es wurde nur der jchwerfällige Geiit, 
aber nicht der leichtbejchwingte Ejprit 
gepflegt; die periodiiche Bibliothef 
joll, Eremplar zu nur 1 ME, troß 
ber Syluftrationen, diefem Mangel auf 
die billigjte Weife abhelfen. Der Hirt 


und die Säuglinge, fie alle werben 
fih aus dem Born Erquidung und 
Eiprit holen. Und wie geſchickt verftand 
er e3, die Kritif zu gewinnen! Das 
erfte Heft enthält auf einem Blatte 
die Portrait verſchiedener Recenſenten 
von Einfluß. Der Holzichnitt ift ge— 
radezu entjeglih, die Portrait jelbft 
jehr jchlecht. Ich vermuthe, es ftedt 
eine Abficht dahinter, denn dieſe Herren 
Recenfentenköpfe jehen jedem anderen 
Kritiker auch ähnlich. Der Erfolg hat 
fich jofort gezeigt. Die in Holz Ge: 
Schnittenen mußten ja, wenn noch ein 
Funke Menjchlichkeit in ihnen glimmt, 
gerührt werden, und fie mußten ein 
Bud mit Lob und Anerkennung über: 
fluthen, in welchem fie dem P. T. 
Publikum vorgeführt find. Er aber 
lächelt, denn er weiß, wie leicht Die 
meiften Kritiker Deutjchlands zu födern, 
wie gerne fie bereit find, aus Gefällig- 
feit den Lejern Sand in die Augen 
zu jtreuen, ohne zu bedenken, daß fie 
damit eine Unehrlichfeit begehen. 
Mir fällt ein Märchen bei. Es 
war einmal ein Zuftballon aus ſchönem, 


farbigem Zeug. Er lag faltig und 
zerfnittert auf dem Boden und fah 
gelangweilt zum Himmel, wo ſich 


fröhliche Lerchen und anderes jingen- 
des Volk ergögte. Da erfaßte ihn eine 
große Sehnſucht, auch emporzufliegen, 
und er Hagte fein Leib einem alten, 
aber gebildeten Sperling, der gemäch— 
lih auf ihm faß. „Sei ruhig“, fagte 
ber erfahrene Vogel, „du wirft noch 
böher fliegen, jo hoch, wie der Adler, 
den fie den König alles Fliegenden 
nennen.“ Kaum hatte er gejprochen, 
famen mehrere Männer und faßten 
den Ballon jo derb, daß der alte 
Spaß auf den nächſten Baum flog, 
um von dort dem Verlauf der Hand: 
lung zuzujehen. Die Arbeiter begannen 
ben Ballon mit Gas zu füllen. Eine 
Falte nad) der andern glättete fich, 
dann ward der Sad allmälig runder 


auf der Weide, der Schiffer der Spree: | und begann fich jelbftgefällig auf dem 
fähne, der Hinterwäldler Amerikas, | Boden hin- und herzujchaufeln. Die 
der Reilende, ber Gelehrte, die Alten | Männer hörten nicht auf, Gas einzu: 


926 


laſſen, bis ber Ballon plötzlich auf- flog er jchief über die Dächer hinweg 


ſchnellte, fo daß ſogar fein befieberter 
Freund mit einem gebehnten Piep auf: 
flog. Ihm nad ftieg der Ballon und 
freute fih, als die Leute, die ihm 
nahe geftanden waren, bewundernd zu 
ihm aufblidten; noch mehr freute er 
fih, als er über den Häufern ſchwebte 
und zuiegt gar über dem hohen Kirch— 
thurm. Nur ärgerte ihn Eines, die 
vielen unbedeutenben Spagen und Eleinen 
Bögel, die um ihn ſchwirrten und triller: 
ten; mande ſchoſſen fogar pfeilfchnell 
weit über ihn Hinauf in bie blaue 
Luft, andere jchwebten mit ruhigen, 
aber Ffraftvollem Flügelfchlag vorbei 
an ihm, höher und immer höher. Da 


und fiel endblih auf die Landftraße. 
Da lag er nun in feiner Noth, zer: 
riffen und zerfeßt, der letzte Reft des 
Gaſes entwich, und der Ballon war 
wieder ein hohler, faltiger Sad, über 
dem hoch im reinen Aether die Adler 
ftil und groß zur Sonne fteuerten. 
Der Spat hatte den Fall jeines Be: 
fannten vom Sreuze ber Thurmipige 
aus mit angeſehen und flog jegt wie- 
der halb mitleidig, halb boshaft herbei. 
Der Ballon aber feufzte: „Habe ich 
das verdient? Wie herrlich flog ich, 
alle Adler hätte ich übertroffen, wenn 
mich nicht ein neidifcher Windftoß ge: 
hindert hätte!” Der Sperling fraute 


faßte ihn der Ehrgeiz; hatte er doch |fich ironisch piepend und ſagte: „Mein 
bie Sperlinge unter fich gelaffen, warum | Freund, die Adler fommen jo 
nicht die Adler? Er ift do größer hoch, weil fie Flügel haben! 


als fie und aus farbigem Zeug. So 
ftieg er, wenn auch nur mehr ang: 
jam, noch empor. Auf einmal padte 
ihn ein Windſtoß und zaufte ihn von 
recht3 nach links, zerrte an den Schnü- 
ren und Striden, und riß zulegt fogar 
in ben ſtolz gerundelen Ballon ein 
Loch, aus dem das Gas pfeifenb aus- 
ftrömte. Pfeilſchnell begann der kühne 
Flieger zu finfen, ſchon ſah er die 
Berge, ſchon den Kirchthurm, jekt 


ihre Kraft ift ihnen ange 
boren, die deinige war nur 
geborgt!* 


Habe ih nöthig, die Moral der 
Geſchichte zu erzählen? Zu jagen, daß 
das Gas die Neclame, der hohle Sad 
„ihn“ bebeutet? Nein, denn die Nuß- 
anwendung liegt flach oben, faſt jo 
flach, al3 „er“ ift. Eine Frage wünfcht 
der Leſer noch beantwortet: welchen 
Namen „er” habe. Er hat feinen. — 


Mei Pandl. 


I hab mei Landl gar fo gern, 
Mir gfollts fo guat: 

Es hat a greane Joppen an, 
Und bat an jtoanern Huat. 


Und wir i fo a Büaberl war, 

Da hats mi trieb’n, 

Vom Dfenloh in d’weite Welt, 
—3 I bin nöd draußn blieb’n. 


— 


Was hab i ghert, was hab i gſegn? 
An alte Gſchicht: 

Mei liabe, klane Welt daham, 

Hat denad 's ſchönſte Gſicht! 


J hab daham drei Treffer gmacht: 
Bi nit alloan: 

Mei Mñaderl und mei Weiberl und 
Mei Büaberl ſüaß und Moan. 


Drum hab i s'Landl gar jo gern, 
Mir gfallts jo guat: 

Es hat a greane Joppen an 

Und hat an ftoanern Huat. 


Mir ham a ganz an andre Sunn, 
Ganz andre Stern. 

I bin da ganzn Welt nit feind, 
Mei Land! hab i gern. 


Franz Keim. 


RT 





Die Wiener Iournaliftik. 
Bon Dr. Franz Bifller. 


„Frommt's, den Schleier aufzu- 
heben 2“ könnte ih mit Schiller fragen, 
wenn ich daran gehe, über bie perio- 
diſche Preffe und den Journalismus 
zu ſchreiben. Unſere Geſchichtsforſcher 
und Culturhiſtoriker mußten ſich dieſe 
Frage bisher negativ beantwortet haben, 
denn mit geringen Ausnahmen gingen 
ſie dieſem hervorragenden Zweige 
unſeres Culturlebens aus dem Wege. 
Die Meiſten thaten dies aus Unkenntniß, 
denn man hielt den Journalismus 
einer gründlichen Erforſchung nicht 
werth und ſah mit vornehmem Gelehr— 
tenſtolze auf die Leiſtungen der pe— 
riodiſchen Preſſe herab, obgleich man 
dieſelben nicht mehr entbehren konnte; 
die Uebrigen ſchwiegen aus Beſorgniß, 
fih durch ein freimüthiges Urtheil den 
Haß und die Verfolgung dieſer foge: 
nannten jechsten Großmadt auf ben 
Hals zu laden. Am diejer Beziehung 
hat es die Preſſe zu einem wahrhaft 
despotifhen Nufe gebraht, ob mit 
Recht oder nicht, das wird fih im 
Verlaufe diefer Skizze zeigen. Auf 
die Prefje gab es nur begeifterte Xob- 
eben oder gehäflige Philippifen von 
Jenen, welche nicht3 mehr zu beforgen 
hatten. Phrajen auf der einen und 
Phrajen auf der andern Seite; von 
ernfter Forſchung, von einem Streben 
nah Wahrheit und von einem Verjuche, 
erfannte Wahrheit auszufprechen ober 
zu jehreiben, war nirgends eine Spur. 

Erft in neuerer Zeit erjchienen 
Studien über den Journalismus und 
beginnt auf diefem Felde cultureller 
Forſchung lebhaftere Thätigkeit. Prof. 
Prug begann eine Gejchichte des deut: 
ſchen Sournalismus, ließ die Sache 
aber, erdrückt von wirklichen oder ein- 


gebildeten Schwierigkeiten bald wieber 
fallen ; Heinrich Wuttke ſchrieb ein Bud: 
„Die deutichen Zeitjchriften und die Ent- 
ftehung der öffentlihen Meinung“; Dr. 
Dito Wenzel in Berlin ift mit ber 
Herausgabe einer Geſchichte der Ber: 
liner Preſſe beihäftigt, Dr. A. Mels 
veröffeutlichte im Jahre 1874 unter 
dem Pſeudonym Don Spavento ein 
Pamphlet: „Wiener Schriftjteller und 
Sournaliften” und vor mir liegt ein ftar: 
ferBand von 384 Seiten: „Die Wiener 
Journaliſtik im Jahre 1848 
von Freiheren von Helfert, Verlag 
der Manz’ihen Buchhandlung in Wien, 
ein Buch, welches den eigentlichen 
Anftoß zu diefen Zeilen gab und mit 
welchem ich mich im Folgenden näher 
beichäftigen werde. Außer ben ge- 
nannten Autoren finden ſich noch in 
literarifchen Zeitſchriften Artikel, bie 
fi mehr oder weniger eingehend mit 
dem mobernen Journalismus beſchäf— 
tigen. Der eigentlichen Aufgabe, einen 
unparteiifhen und deshalb werthvollen 
Beitrag zur Culturgeſchichte unjerer 
Zeit zu liefern, ift nad) meiner Mei: 
nung nur Baron Helfert nahe ge 
fommen, alles andere ift oberflächlich, 
parteiifjh und theilweiſe unwahr. 
Heinrich Wuttke beginnt die Vor: 
rede zur zweiten Auflage jeines Buches 
mit folgenden Zeilen: „So jchreibt 
man ein Teftament”, fagte in lebhafter 
Erregung ein geiftreiher Berliner 
Schriftiteller, welcher zur Zeit ber 
erſten Auflage diefer Schrift in Leipzig 
fih befand, als er fie lad. Inſofern 
hatte er Recht, als ich mir flar be: 
wußt gewejen war, wie jehr ich mir 
dem Rufe meiner anderen Bücher durch 
diefe Veröffentlihung ſchaden werde.“ 


928 


Und in der That, Wuttfe hat fich durch 
das obengenannte Buch jehr geichabet; 
aber nicht deshalb, weil er es geſchrie— 
ben, jondern wie er es gejchrieben 
hat. Nicht die Schärfe der Sprache, 
nicht da8 verdammende Urtheil über 
die Auswüchſe und Verirrungen ber 
Preſſe, nicht die vielleicht unnöthige 
Enthüllung nebenfähliher Schäden und 
Schwächen aber waren es, welche ihm 
als Lohn allgemeinen Haß eintrugen, 
jondern die troß aller gegentheiligen 
Berfiherungen hervortretende feind— 
jelige Tendenz, die gehäffige Methode, 
Ausnahmen ald Regeln hinzuftellen und 
endlih die Reproduction müſſiger 
Klatjchereien und gemeiner Verleum: 
dungen, welche zwar als Thatjachen 
bingeftellt, für die aber feine Beweife 
beigebraht wurden. Will man als 
ftrenger Richter gelten, dann muß dieje 
fittlihe Strenge vor Allem Klar und 
unantajtbar aus jedem Worte des 
Autors hervorleuchten; dann wird fein 
ftrafendes Wort mit Achtung aufge: 
nommen werben. Noch bitterer als 


der genannten Arbeiten über den Sour: 
nalismus in der verfehlten Anlage und 
in dem’ inneren Mangel an Wahrhaf: 
tigkeit zu ſuchen jei; nicht aber in der 
Unmöglichkeit, das Weſen der Preſſe 
und ihrer Angehörigen einer ernften 
und gerechten Kritif zu unterziehen. 
Ich bin keineswegs blind für Die 
großen Mängel der modernen Preſſe, 
aber ich habe troß der viel verläfterten 
Parteilichkeit ftetS noch gefunden, daß 
ihr die Wahrheit Achtung einflößt und 
daß fie wirkliche Verdienfte jelbft an 
dem politifchen Gegner gerne aner- 
kennt. 

Diefe viel zu wenig gewürdigte 
Unparteilichfeit — denn in ihr liegt 
ein fittliche8 Moment, das manche Aus: 
ſchreitung im politiichen PBarteienfampfe 
im milderen Lichte erjcheinen läßt — 
zeigte fich neneftens wieder in der Be- 
urtheilung des Helfert’jchen Buches, 
das faft ausnahmslos mit Achtung und. 
Anerkennung beiprochen wurde, obgleich 
Helfert in den Jahren der Reaction 
zu den bejtgehaßten Trägern des herr: 


Wuttke klagt A. Mels über den Haß | chenden Syitems gehörte und obgleich 


der Prefje, welhem er den Mißerfolg 
jeiner legten dramatiihen Arbeiten 
zuſchreibt und den er fich durch feine 
Schilderungen hervorragender Wiener 
Yournaliften zugezogen habe. Hier 
finde ih aber nod weniger einen 
Beweis für die beliebte Behauptung, 
daß die Preffe die Wahrheit über ihr 
eigenes Weſen nicht vertrage. In dem 
Buche de3 Herrn Mels finde ich wohl 
manche treffende Bemerkung, jcharfen 
Witz und beißende Satire, aber Feines: 
wegs das Streben nah Wahrheit und 
Moral, deren Berlegungen er an den 
Pranger ftellen will. Es ift eine par: 
teiifche, oberflächliche und frivole Ar: 
beit, mit der ausgefprochenen Tendenz, 
zu verlegen und den ganzen Stand der 
Yournaliften in den Augen der Welt 
herabzuſetzen. Daß eine jolde Publica: 


er heute noch aus feinen confervativen 
Anſchauungen fein Hehl macht und ob: | 
gleich endlich in dem Buche feineswegs 
Schmeicheleien für die moderne Your: 
naliftif enthalten find. Aber es ift 
das Werk eines ernten und gewiſſen— 
haften Forſchers, deſſen ftrenge Ob: 
jectivität und unerjchütterlide Wahr- 
heitsliebe aus jeder Zeile herausſpricht. 
Ich bin überzeugt, daß eine ähnliche 
Schrift, getragen von gleicher mora= 
liſcher Tendenz und gleicher Gewiſſen— 
baftigfeit, diefelbe Aufnahme finden 
würde, wenn fie die Sonde in die 
klaffenden Runden der Gegenwart ver: 
fenkte und das Sein und Weſen ber 
heutigen Wiener Journaliſtik jchilderte. 
63 würbe babei gar Mancher ſchmerzlich 
getroffen werden, aber im Ganzen 
würde man die unparteiifche Gerech— 


tion auf wohlwollende Aufnahme nicht | tigkeit billig anerkennen, joferne eben 


“rechnen kann, ift doch felbftverjtändfich. | 


Hiemit glaube ich den Nachweis 


diefe Gerechtigkeit vorhanden ifl. Sch 
habe wiederholt die Erfahrung gemacht, 


geliefert zu haben, daß der Mißerfolg | daß man Alles jagen und jehreiben kann; 


929 


wern Wohlwollen und Gerechtigkeit 
die Feder leitet, dann wird auch der 
bärtefte Tadel ohne Widerrede er: 
tragen. 

Welch reiches Material fih übri- 
gens auf dem Gebiete des Journa— 
lismus vorfindet und wie innig dasſelbe 
mit dem gejammten Culturleben der 
Zeit zufammenhängt, das beweift jchla- 
gend Herrn von Helfert's Buch, der 
nur ein einziged Jahr zum Gegen: 
ftande feiner Forſchung machte, und 


dabei eine culturbiftoriihe Monogra: 


phie von bleibendem Werthe jchuf. 
Allerdings war diejes Jahr das Jahr 
1848, in welchem mehr geſchah, als 
vorden in Decennien. In feiner Ein: 
leitung jagt Herr von Helfert: „Die 
Wiener Yournaliftif des Jahres 1848 
bietet darum ein jo eigenthümliches 
Intereſſe, weil fie in dem kurzen Zeit— 
raume von zwölf Monaten alle drei 
Phaſen durchgemacht Hat, denen bie 
Preffe in einem georbneten Staats- 
wejen überhaupt ausgejegt jein fann: 
in den erften britthalb Monaten Genfur, 
dann fieben einen halben Monat Preß— 
freiheit, zuleßt zwei Monate Belage- 
rungszuftand; mit anderen Worten: 
- weil fie in diefer Zeit drei verfchiedene 
Herren hatte, von denen fich einer ty: 
ranniſcher zeigte al8 der andere: zuerft 
die Polizei, dann Markt und Straße, 
zulegt den Säbel. Frei im wahren 
Sinne des Mortes, das heißt: nicht 
anders beſchränkt als durch das Geſetz 
— denn darin liegt ja im Gegenſatz 
zur Bügellofigfeit das Weſen der Frei: 
heit, in der phyſiſchen wie in der mo- 
raliihen Welt, — war die Wiener 
Preſſe das ganze ereignißvolle Jahr 
nicht. 

In klarer Darftelung ſchildert nun 
Herr von Helfert die Perſonen und 
Verhältniſſe in dieſen drei Perioden. 
Intereſſant ſind ſeine Bemerkungen über 
die Cenſur, von ber er jagt, daß viel- 
leiht feine menſchliche Einrihtung es 
augenfälliger und greller zeigen könne, 





Leben, Theorie und Praxis von ein- 
ander trennen, als die Genfur. In 
der Idee aufgefaßt, kann es nad) Hel- 
fert feine gerechtere und vernünftigere, 
feine fahgemäßere und heilfamere Syn: 
ftitution geben als biefe, doch gibt er 
zu, daß fie in der Praris nichts an- 
dere war, als eine Neihe eben fo 
blöder als brutaler Werationen, eine 
plumpe, von täppiſchen Händen geübte 
Verftümmelung der Geifter. Wo aber 
Idee und reale Wirklichkeit jo weit aus 
einander liegen, da fann bie bee 


ſelbſt nicht viel taugen und faft wäre 


ih veranlaßt, bei der idealen Begei- 
fterung SHelfert3 für die Cenſur mit 
Hamerling auszurufen: O ihr ver: 
wünjchten Fdealiften! an euren Theo: 
rien ijt nichts reell, als das Blut, 
das ihr dafür vergießt.“ 

Ueber die zweite Periode jagt Hel- 
fert: „Im Ganzen trug die Wiener 
Journaliſtik, fo wie auch das mit ihr 
gleihen Schritt haltende Flugjchriften: 
wejen, in ber erften Zeit der jo plöglich 
bereingebrochenen Freiheit einen un: 
befangenen harmlojen Charakter, einen 
Charakter möchte ich jagen, ber in 
jeiner Art war, was jener des frü- 
heren Abjolutismus geweſen: patri- 
arhaliih. Politiſche Parteien gab es 
nicht, wenigftens vor der Deffentlichkeit 
nicht, wo Alles für den Fortſchritt war 
und fein mußte. Es gab daher auch 
feine Spaltung, feine bamit verbundene 
Klopffehterei und Katzbalgerei. In 
den Märztagen, jagt ein Zeitgenofle, 
zeigte fich die Preffe, wie das Volt 
jelbft : glüdlih und gemüthlich wie ein 
Kind ohne Hofmeifter, jorglos, zukunft: 
freudig.“ 

Leider ändert fi das anmuthige 
Bild gar bald. Wie Helfert erwähnt, 
gibt um die Mitte Juli die Prager 
„Bohemia“ folgende, keineswegs erbau: 
lihe Schilderung der Wiener Your: 
naliftif: „Eau de millefleurs ober 
wenigftens Kölner Waſſer follte Jeder 
bereit halten, der dieſes Thema berührt. 


welch' gewaltiger Unterfhied Wollen | Die Preßfreiheit wird eben vier Mo: 
und Können, Ideal und wirkliches Inate alt und wir mollen ein wenig 


Rofeggers „Heimgarien‘* 12. Heft. 


59 


930 


bie Jungen betrachten, die fie zur 
Welt brachte; Löwen find feine darunter, 
aber die Naturgefchichte der Literatur 
muß auch das Ungeziefer rangiren.” 
Und ein Tiroler Chronift jener Zeit, 
Adolf Pichler, jagt: „Die Entwidelung 
gewiſſer Seiten der Wiener Journaliftit 
bleibt ein unauslöſchlicher Schanbfled 
in der Geſchichte deutfchen Lebens ; 
wir haben weder in alten, no in 
neuen Tagen ein Beijpiel, daß irgenb- 
wo der naive Kinderglaube eines Vol: 
tes, fein Vertrauen auf das gebrudte 
Wort zu jo jchändlicher Unzucht des 
Geiftes mißbraucht worden wäre.” 
Helfert aber jelbft jagt mit dem 
Wohlwollen des Philofophen, der nicht 
die Erſcheinungen an ſich betrachtet 
und beurtheilt, ſondern der den Urfachen 
gewiffenhaft nachforſcht: „So bebauer- 
lid, ja verabjheuungsmwürdig dieſe 
Ausjhreitungen der Preſſe waren, 
eine® darf man, um nicht ungerecht 
zu fein, nicht aus dem Auge lafjen: 
„tout comprendre c'est tout par- 
donner“, jagt der Franzoſe. Es war 
eben der erfte, ungewohnte und barum 
ungezügelte Gebrauch), den das damalige 
Schrifttum von einer Freiheit machte, 
bie es unmittelbar aus den beengend- 
fen und willfürlichften Feſſeln in ben 
vollen Gebrauch jeiner Bewegungen 
gejegt Hatte und wo es ein Wunder 
wäre zu nennen gemwejen, wenn es 
gleih das rechte Ziel und Maß ge 
troffen hätte. Die einheimifche Your: 
naliſtik, faum der Zuchtruthe entlaufen, 
unter der fie mit Zähneknirſchen und 
verbiffenem Haſſe herangewachſen mar, 
hatte nicht3 gejehen und gelernt, als 
die verrotteten Zuftände, gegen beren 
Miederfehr fie jet losdonnerte, auf 
deren vollftändige Vernichtung fie hin— 
jteuerte. Denn die radicale Journaliſtik 
von 1848, jo jcharf das Verdict gegen 
die Form, bie fie wählte, gegen bie 
Sprade, deren fie fich bediente, aus- 
fallen mag, fie meinte e8 im großen 
Durchſchnitt ehrlich mit ihrem Ingrimm 
und mit ihrer Erbitterung; fie mar 
nit erfauft. Und noch eines: das 


obfcöne Genre, jene ſchlüpfrigen Feuille- 
tons und Gerichts-Verhandlungsberichte, 
die es heute bejorgten Eltern fait 
unmöglid machen, ihren heranwach— 
fenden Töchtern irgend eines unjerer 
Kournale in die Hände zu geben, es 
war wohl in vereinzelten Flugſchrif⸗ 
ten und Bildern, aber fo weit meine 
Kenntniß reicht, nicht in den regel: 
mäßigen ZTageblättern vertreten.“ 
Nahdem Helfert in dieſen legten 
Zeilen das einzigemal flüchtig der 
heutigen Zuftände erwähnt und jogar 
die zügellojen Verhältniſſe des Jahres 
1848, wenigſtens in einem Theile, 
für bejjer, al die gegenwärtigen hält, 
jo will ih an diefe Stelle ſogleich 
einige Bemerkungen über die our: 
naliftif der Gegenwart anknüpfen. Häu— 
fig hört man den von Selfert nur 
angedeuteten Vorwurf gegen bie mo: 
derne Journaliſtik erheben, daß fie in 
der Sucht nah Pifantem und Senja- 
tionellem zu weit gehe, daß ein frivo- 
ler Ton eingeriffen fei und daß gar 
oft die Grenzen des Anftändigen und 
Schicklichen überſchritten werben. 
Aber wie Helfert für 1848 das 
Franzöſiſche tout comprendre entſchul⸗ 
digend in Anſpruch nimmt, ſo kann ich 
dies für unſere Zeit mit gleichen Rechte 
thun. Es iſt ein großer Irrthum, zu 
glauben, die Preſſe führe die öffent— 
liche Meinung; in einzelnen Fällen 
iſt dies vielleicht möglich, im Allge— 
meinen aber wird die Preſſe geführt, 
das heißt, fie ſpiegelt die vorhandene 
öffentliche Meinung mehr oder minder 
getreu wieder. Aber fie muß fich der 
vorhandenen Strömung accomobdiren, 
oder ihre Stimme verflingt ungehört. 
Nun aber ziehe man einmal die enorme, 
nicht dur die Preſſe berbeigeführte 
Gejhmadsveränderung jeit 1848 in 
Betracht und man wird gar leicht zur 
Erklärung gelangen, weshalb die heu— 
tige Preſſe faft gemötbigt ift, frivol 
und pifant zu fein. Die Terte der 
franzöfifchen Operetten, die Werfe eines 
Sardou, Dumas, kurz einer ganzen 
Reihe von Ehebruch8-Dramatifern haben 


931 


den Geihmad in einer Weiſe verbor: 
ben, daß die Prefje, welche zum großen 
Theile ernft und würdig gegen bie 
Einfuhr diefer Barifer Loretten-Dramen 
proteftirte, fi) nothgebrungen fieht, 
diefem ſchlechten Gefhmade auch ihrer: 
jeitö zu huldigen oder zu abbiciren. 
Ein SHournal, welches den Verſuch 
machte, fich gänzlich der Mode zu ent: 
ziehen, würde als langmeilig und 
zopfig ungelefen bleiben und brächte 
e3 ernfte Artikel von deu beften Federn 
der Gegenwart. Gerabe Syene, welche 
augenverdrehend über die zunehmende 
Immoralität am meiften räjonniren, 
find gewiß bie legten, die ein ernftes 
Sournal lefen oder gar faufen und 
die erften, welche nach dem frivolften 
greifen. Ebenfo verhält es fich mit 
den Theatern. Alle Welt Elagt über 
die unmoralifhen Stüde, aber Nie- 
mand unterläßt e3, gerade bieje zu 
bejuchen, während die Dramen Schillers 
oder Shafejpeares vor leeren Bänfen 
abgefpielt werben. Ich billige nun 
feinesweg3 jene oben erwähnte Rich— 
tung des modernen Journalismus, ja 
ih bebaure diefelbe, weil die allge: 
meine Moral und der anftändige Theil 
ber Journaliſtik darunter leiben; aber 
ih conftatire, daß bie Prefie jelbft 
nur den geringften Theil der Schulb 
an diefer Richtung trägt, denn ber 
befannte Sat: jedes Volk hat die 
Regierung, die es verdient”, läßt fi 
mit weit größerem Rechte in ber 
Art variiren, daß jedes Volk bie 
Preffe hat, die e8 verdient. ch fage, 
mit weit größerem Rechte; denn eine 
Regierung repräfentirt und befigt eine 
wirflihe Macht, durch welche fie ich 
auch gegen den Willen eines Volkes 
behaupten kann, während ein Journal 
feine fictive Macht in dem Augenblice 
einbüßt, als es nicht mehr gelefen 
wird. Hier alfo ift der Einfluß des 
Volkes ein viel gemwaltigerer als dort. 

Ueberhaupt, wer fih nur einige 
Mühe gibt, Perſonen und Verhältniffe 
der Journaliſtik fennen zu lernen, der 
wird zu einem ganz anderen, weit 


milderen Urtheile gelangen, als bie 
große Menge, welche aus Mißbräu— 
hen und Ausfchreitungen, die in jedem 
Stande vorfommen, ihr rafches Urtheil 
fällt, da meift um jo abfälliger und 
gehäffiger ſich geftaltet, ald man einer 
unleugbaren Macht ſich gegenüber be- 
findet, deren Machtberedhtigung man 
nicht anerkennen will, deren Machtfülle 
aber man oft empfindlich fühlt, ohne 
die Fähigkeit zur Abwehr zu bejigen. 
So begnügt man fi meift damit, 
allen Klatſch nachzubeten, über Corrup⸗ 
tion der Preſſe zu räfonniren und, 
ohne einen billigen Unterſchied zu 
machen, den anftändigen und verbienft- 
vollen Theil der Sournaliftif auf eine 
Stufe mit jenen Leuten zu ftellen, 
die fih als Schmarogerpflanze an 
den Journalismus mit frecher Zubring- 
lichkeit in einer Art angehängt haben, 
daß es in der That gar oft ſchwer 
wird, das Echte und das Falſche zu 
unterſcheiden. Man bat für dieſe Kate- 
gorie von Leuten den ganz pafjenden Aus⸗ 
drud Revolver » Zournaliftit gefunden. 
Daß diefe Kategorie aber entjtehen und 
fogar üppig gedeihen konnte, baran 
trägt wieder nicht die Preſſe, ſondern 
zum größten Theile das Publifum 
die Schuld. Würde dieſes mit Muth 
und Offenheit jeden einzelnen Fall von 
Erpreffung zur gejegliden Berant: 
wortung ziehen, jo wäre dieſes Unfraut 
gar bald ausgerottet. Die anftändige 
Sournaliftif hat feine Gelegenheit ver: 
abjäumt, um jede Gemeinjamfeit mit 
den Schändern der Preßfreiheit mit 
Verachtung von fich zu weiſen und fie 
würde dem Publikum aufrichtigen 
Dank wiffen, wenn es fie von biefem 
eiternden Krebsgeſchwüre befreite. 
Die Gejammtheit der zur Your: 
naliftif zählenden Perſonen möchte ich 
in drei fireng gejonderte Partien 
theilen, welche Claffificirung gerade 
dort, wo es fih um eine Beurthei- 
(fung ber gegenwärtigen Sournaliftif 
handelt, von wejentlicher Bedeutung ift. 
In erfter Linie haben wir bie 
Eigenthiümer und Herausgeber ber 
59* 


932 


Sournale, gegenwärtig faft ausnahms- 
[08 Actien-Geſellſchaften mit ihrem 
Stabe von Secretären, Abminiftratoren 
und den Rebacteuren des fogenannten 
volkswirthſchaftlichen Theiles. Dies 
find nun faſt ausſchließlich Geſchäfts— 
leute, welche ihr Capital reichlich ver- 
zinfen und gute Einnahmen erzielen 
wollen. Geiftiger Inhalt und Tendenz 
des Blattes hat für fie nur injoferne 
einen Werth, als diefe den Haupt: 
zwed, das Geſchäft nämlich, fördern 
ober ftören, Nachdem es bei uns nicht, 
wie anderswo, Sournale gibt, die 
von den politiichen Parteien erhalten 
und unterftügt werben, und bie Sour: 
nale nur gejchäftliche Unternehmungen 
find, wie etwa eine Xeberfabrif ober 
eine Bäderei, und nachdem anderer: 
ſeits die Herſtellung eine® Journals 
mit großen Koften verbunden ift, mit 
Koften, welche ſchon lange in feinem 
Berhältniffe mit dem Pränumerationg: 
Preife ftehen, jo ift es wohl nicht zu 
wundern, wenn bie Eigenthümer dem 
Gewinne nahjagen und dem alten 
Sprichworte Huldigen: „Am Gelbe 
vieht man es nicht, womit e8 ver: 
bient iſt.“ 

Die zweite Claſſe find nun bie 
wirflihen Sournaliften, jene Ritter 
vom Geifte, welche in einem Gedichte, 
befien Autor mir unbekannt, deſſen 
Anhalt mir aber im Gedächtniſſe ge- 
blieben ift, recht treffend charafterifirt 
find. Das kleine Gedicht lautet: 


Bald geehrt und bald veradhtet, 
Bald geliebt und bald gehaßt, 
Bald ummworben, bald gemieden — 
Wie's den Leuten eben paßt. 


Iept ein Freund in allen Kreifen, 
Dann ein ungebet’'ner Gaft; 
Hier gefhmeichelt, dort gefholten — 
Wie's den Leuten eben paßt. 


In dem Kampfe der Ideen 
Allen Stürmen blosgeftellt, 
Und vom Kampfplaß abgetreten, 
Blei vergefien von der Welt. 


Tagelöhner mit dem Geifte 
Unermüdlih jede Frift ; 

Und dabei ein armer Teufel*) — 
Seht, das ift ein Iournalift. 


Diefe eigentlihen Journaliften find 
zumeift Leute von bedeutendem Talente, 
von faft beifpiellofer Arbeitskraft, und 
von einer in anderen Ständen unbekann⸗ 
ten Pflichttreue und Ausbauer. Wenn 
für Andere des Tages Laft und Mühe 
geenbet und die Zeit der Erholung 
begonnen bat, dann fängt bei dem 
Sournaliften erft die ſchwierigſte Arbeit 
an; bie noch fpät Abends eingetroffenen 
Telegramme müfjen im Leitartifel be 
ſprochen, die Novität im Theater muß 
fritifirt, über eine Abendfigung im 
Parlamente muß noch berichtet, Erbe: 
bungen über ein locales Ereigniß 
müfjfen noch gepflogen werben und 
längſt hat oft die Geifterftunde gejchla- 
gen, bevor bie geiftige Arbeit für ben 
Bogen Papier vollendet ift, den ber 
Leſer am nächſten Morgen gleichgiltig 
in die Hand nimmt unb dabei über 
bie Flüchtigfeit des Urtheild oder über 
irgend ein unrichtige® Detail harte 
Klage erhebt. Dieje Vorkommniſſe laffen 
fih durch die Raſchheit der Arbeit 
entfhulbigen. Bei einiger Billigfeit 
bes Urtheils wird man auch für manche 
andere Ausfhreitungen wenigſtens Mil- 
derungsgrünbe finden und dabei zu 
dem Schluffe gelangen, daß in ähnlicher 
Situation der ftrenge Moralift vielleicht 
auch nicht anders gehandelt hätte als 
ber verläfterte Journaliſt. Macaulay 
fagt irgendwo: „Es gibt feinen größeren 
Beweis der Tugend, als Macht be: 
figen und fie nicht mißbraudhen.” Wenn 
man nun bedenkt, wie wenig Tugend 
im Allgemeinen auf dieſer Erde zu 
finden ift und mie viel Macht die 
Preſſe befist, jo wird man fi nicht 
mehr wundern, daß diefe Macht zu 
Beiten mißbraudt wurde. Im Allge— 
meinen muß ich jeboch conftatiren, daß 





*) Arm mindeftens im Vergleiche zu den 
Eigenthümern, welde ſich in der vorktachlichen 
Zeit ftolze Paläfte bauten und theilweiſe fid 
als Millionäre zurüdzogen. 


933 


dieſe Macht von Seite der Wiener 
Sournaliften häufiger zur Förderung 
von Bildung, Freiheit und Fortſchritt 
al3 für perjönliche, eigennügige oder 
rachſüchtige Zwede angewendet worden 
it. Daß auch letzteres vorkam, ift 
nicht zu leugnen, doc find die Fälle 
von Korruption, Untreue und Ge: 
finnungslofigfeit in der Journaliſtik 
nicht häufiger als in anderen Ständen. 
Im Ganzen aber ftünbe dieſe Glafje 
viel höher und geachteter da, wenn 
die Journale nicht das Privateigenthum 
von Geſchäftsleuten oder inbuftriellen 
Geſellſchaften, ſondern Organe beftimm- 
ter politiicher Parteien wären. Tritt 
bei uns einmal diefe Reform ein, dann 
erft wird man erkennen, welch vorzüg: 
lihes Material fi in Defterreich der 
Preſſe gewidmet hat, dann wird auch 
die dritte Claffe, auf welche ich nun— 
mehr zu ſprechen fomme, verſchwinden, 
weil man dann auf bie perjünliche 
Tüchtigkeit, auf die Bildung und auf 
den Charakter des angehenden Your: 
naliften mehr Rüdfiht nehmen wird, 
al3 jetzt, wo bei den Eigenthümern 
Billigfeit (d. 5. geringe Honorar-An- 
ſprüche) und Schmiegjamfeit als be: 
ſonders empfehlenswerthe Eigenſchaften 
gelten, auf Bildung geringer, auf 
Charakter aber gar kein Werth gelegt 
wird. Dieſe dritte Claſſe von Leuten, 
die man zur Journaliſtik zählt, iſt 
eine lärmende Meute von ruinirten 
oder zweideutigen Exiſtenzen, welche 


zumeiſt vom Schwindel und vom Scan: 
dale leben; es find dies die Heraus— 
geber und Mitarbeiter gewiſſer Wochen: 
blätter, die Notizenfammler und Neuig- 
feitsjäger, die Zuträger von Klatſche— 
reien aus der Bühnenmwelt oder von 
der Börfe, Leute, die nicht im Stande 
find, eine grammatifaliich richtige Zeile 
zu ſchreiben, ſich ftet3 aber als Your: 
naliften erften Ranges ausgeben und 
mit ihrem Einfluffe auf die öffentliche 
Meinung flunkern. Dieſe Claſſe recru- 
tirt fih vornehmlih aus jübijchen 
Sünglingen, welche ſchaarenweiſe aus 
Ungarn und vornehmlich aus Galizien 
einwandern und bie mit dem geſchärf— 
ten Gefchäft3-nftincte ihrer Race jofort 
bie Vortheile erfennen, welche ihnen 
eine Verbindung mit der Preſſe ge: 
währt. Dieje Claſſe verleiht der Preſſe 
den unbegründeten Ruf des pronon- 
cirten Judenthums und ihr dankt bie: 
jelbe jo vielfache üble Nachrede. 

Ich ſchließe hiemit meine Reflerionen 
über die heutige Wiener Preſſe, zu wel—⸗ 
chen mich einerfeit3 Herrn von Helfert3 
Buch, anbererjeit3 das unrichtige und 
verlegende Gejammturtheil über die 
Preſſe veranlaßt hat. Wenn es mir 
gelungen ift, durch dieſe keineswegs 
pro domo geſprochenen und demgemäß 
parteiiich gefärbten Bemerkungen den 
Leſern eine beſſere und richtigere Mei- 
nung von dem modernen Sournaliften 
beizubringen, jo haben dieſe Zeilen 
ihre Aufgabe erfüllt. 


334 


Geſtorben und verdorben. 


Auf mächtig dräuender Aelfenwand, | Und wie er fid näher und näher rang — 
In berrlider Bier eine Blume ftand, Erreicht er fie, pflüdt fie und drüdt fie lang 
Bon Sommengold umwoben ; Und heiß an feine Lippe — . 

Wohl kaum erreihbar der Menjchenhand, Da ſtrauchelt er, wanket — und ſchwebet bang 
In hoben Lüften oben. Auf jäher Felfentlippe. 

Da zieht ein Pilger am Felfen hin Und eh’ nody eine Secunde berann, 

Und fieht die prächtige Blume blüh'n, Lag unten am Weg cin zerfchmetterter Mann, 
Und meint darob zu fterben ; Die Blum’ an feiner Eeite..... 
Unendlihe Sehnfucht ergreifet ihn, Und drüber leuchtet auf hoher Bahn 

Die Blume zu erwerben. ... Der Mond hinaus in’s Weite... 

Die Sonne verglüht, der Abend graut, Und ald der Morgen zu dämmern begann, 
Roc immer fteht er und träumt und ſchaut Da kam gezogen ein Wandersmann, 

Rad) der erlefenen Einen ; Der achtet faum des Todten ; 

Er möchte jubeln und lachen laut, Er ſchaut nur die Blume und weidet ſich dran, 
Und dennoch wieder weinen. — Und rafft fie auf vom Boden. 


Der Mond taudt ftill aus der Wolfen Flor, | Und mit der Blume in müder Hand 


Berfhwindet facht, taudyt wieder hervor, Enteilt er, hinaus in's offene Land, 

Des Pilgers Glieder beben; Wo viele Wand’rer wallen, — 

Es zieht ihn hinauf, zur Blume empor, Auf breiter Straße, im Sonnenbrand 

Und koſtet' es fein Leben. War fie ihm längft entfallen. 

Ein glühend Sehnen, ein irrer Mahn Noch mander Wanderer fand fie dort 
Durchſchauert ihn mächtig und faht ihn an, | Und raffte fie auf, und warf fie fort 

Und loht in feinen Bliden ; So wie er fie genommen .... 

Er ringt fih wild am Geftein hinan, Da lag fie num einfam, verwelkt, verdorrt, 
Die Blume fi) zu pflüden. Im Straßenftaub verfommen ..... 


— — Ih mwühte noch mande Blume roth, 
Um die fid) ein Herz gerungen todt, 

Da es zu heiß geworben, 

Und die zulept im Straßentoth 

Geftorben und verdorben.......... 


Otto Ludwig Müller. 





Bur lieben Frau in Marinzell. 


Eine Erinnerung von P. R. Rofegger.*) 


Mein Bater hatte eilf ———— 
die wir „Kornweiten“ nannten und 
wovon wir alljährlih im Herbfte ein 
neues für ben Winterroggenbau eig: 
neten, jo daß binnen eilf Jahren jeder 
Ader einmal an die Reihe fam. Ein 
jolder Jahresbau lieferte beiläufig 
dreißig Metzen Roggen; für die näch— 
ften drei Jahre wurde dann das Feld 
zu Saferfaat benüßt und Die fieben 
weiteren Jahre lag es brach, diente 
als Wieſe oder Weide, 

Unfer vier — ih, mein Vater 
und die zwei Zugochſen — beitellten 
im Herbſte das Roggenfeld. Hatten 
wir den Pflug, jo führte mein Vater 
hinten die Pflug: und ich vorne bie 
Ochſenhörer. Hatten wir die Egge mit 
ihren ſechsunddreißig wühlenden Eifen: 
zähnen, fo leitete der Vater die Zug: 
thiere und ih — 

Sa, das mar ein abjonberlich 
Geſchäft. Ich hockte mitten auf der 
Egge oben und ließ mich über ben 
Ader hin und her vornehm fpazieren 
fahren. Fuhr fpazieren und verdiente 
dabei mein Brot. Der Ader hatte 
nämlih ftellenweife jo zähes und 
filziges Erbreih, daß die Egge nicht 
eingreifen wollte, ſondern nur fo ein 
wenig oben Hin fragte. Trotzdem 
durfte die Egge nicht zu ſchwer fein 


Zeit aufhoden und zur rechter Zeit 
abjpringen konnte. Und dazu waren 
meine vierzig Pfunde mit den behen- 
digen Füßlein gerade recht. Gefiel mir 
baß, wenn die Ochſen gut beim Zeug 
waren und die Egge hübſch emfig 
dahinfraute und auf und niederfchupfte, 
jo daß mir der Vater zurief: „Halt’ 
dich feit, Bub, jonft fliegft abi!“ 

Da Hat fi eines Tages das 
große Glück zugetragen. 

E3 war Morgend vorher mein 
zweiter Bruder geboren worden — 
ein Junge, daß es ſchon eine helle 
Freude war. Als wir hierauf das fteile 
Schadenfeld umegaten, mar mein 
Bater etwas übermüthig und knallte 
ftart mit der Peitſche. Fuhr- und 
Adersleute, die feine Stimme haben 
zum Jauchzen, laffen die Peitſche 
fnallen und fchmettern, daß es hin: 
ballt in das Gebäume und zu anderen 
Menſchen, die fi mitfreuen und wenn 
fie wollen und können, mitjaudhzen 
mögen. Wir fuhren gerade an einem 
mit Büjchen bewachſenen Steinhaufen 
vorüber, al3 meinem Vater — ficher: 
lich des Fleinen Jungen wegen — wie: 
der die belle Luft aufſchoß — die 
Peitſche ſchwang er und Fnallte Eins 
herab. In demjelben Augenblid rauſchte 
erichredt eine ganze Familie von Hafel: 


ihon ber Ochſen willen und auch | hühnern aus dem Gebüſche auf — ba: 
nicht, weil an anderen Stellen doc) | vor madten unjere Ochjen einen. ge: 
wieder eine mürbe Erbfchichte lag, in |mwaltigen Sprung und jchoffen wild 
welcher tiefgehende Zähne mehr ge- mit der Egge und mit mir, ber da— 
ſchadet, als genügt hätten. rauf faß, quer über das fteile Feld 
So mußte: denn ftellenweife bie | hinab. 
Egge befehwert werben und zwar durch Mein Bater war bei Seite ge: 
ein lebendiges Gewicht, das zu rechter ſchleudert worden und fonnte nun nad: 


*) Aus deſſen f. z. bei G. Hedenaft in Preßburg erfcheinendem Werte „Waldheimat”. 





936 


ſehen, was mit feinem Gefpann ge: 
ſchah. Die Rinder rafeten dahin, bie 
Egge hüpfte hoch empor und im näch— 
ften Augenblide war ih unter ben 
Zähnen berjelben und murbe Hin: 
geſchleift. 

Mein Vater ſoll die Augen zuge— 
macht und ſich gedacht haben: Jeſſes, 


kaum iſt der Kleine da, iſt der Große It hie 
— Dann ſchlug er die gekommen, mit mir zur Dankſagung 


‚eine Wallfahrt nah Maria-Zell zu 


ſchon hin. 
Hände zufammen und rief es zu ben 
Wolken empor: „Unfer’ liebe Frau 
Maria:Zell!” 

Mittlerweile waren Dchfen und 
Egge über den Feldrüden hinüber und 
nicht mehr zu jehen. Dort unten aber 
auf dem braunen Streifen, den das 
Fahrwerk über den Ader bingezogen 
hatte, lag ein Häuflein und bemegte 
fi nicht. 


Mein Bater lief Hinzu und riß 
es von ber Erbe empor — ba hub 
es auch Schon ketzermäßig an zu 
ſchreien. Der ganze Bub voll Erbe 
über und über; ein Nermel des innen: 
rödleind war in Feen geriffen, über 
bie linfe Wade hinab rann Blut — 
fonft gar nichts gejchehen. 





Auch das Hat die liebe Frau Maria: 
Zell verhindern müſſen und hat es 
duch ihre Fürbitte erwirft, daß es 
der Grabentrautel eingefallen ift, es 
wäre braußen ber Antrittftein nicht ganz 
fauber und die Gobel könne leichtlich 
daran ein Aergerniß nehmen. 

Später hat das mein Vater alles 
erwogen und ift hierauf zum Entſchluß 


machen. 

Ich war glüdjelig, denn eine 
Kichfahrt nah dem eine ftarfe Tag: 
reife von uns entfernten Wallfahrtd- 
Drt war mein Verlangen geweſen, jeit 


ich das erftemal die Zellerbilbchen im 


Gebetbuche meiner Mutter ſah. Maria 
Zell ſchien mir damals nicht allein als 
der Mittelpunft aller Herrlichkeit ber 
Erbe, jondern auch der Mittelpunft 
des Gnadenreiches unferer lieben Frau. 
Und fo oft wir nun nach bem Gelöb- 
niffe auf dem Felde oder im Walbe 


arbeiteten, mußte mir mein Vater all 
das von Zell erzählen, was er wußte, 
und auch all das, was er nicht wußte. 


Und fo entjtand in mir eine ibeale 
Welt voll Sonnenglanz und goldener 


Hinter dem Feldjattel ftanden un: | Bier, vol heiliger Biſchöfe, Priefter 
verfehrt auch die Ochſen. Mich nahm |und Jungfrauen, voll mufizirenber 
mein Bater jegt auf den Arm. Ich | Engel, und inmitten unter ewig leben⸗ 
hätte zehnmal befjer laufen können | digen Roſen die Himmelskönigin Maria. 


als er, aber er bildete ſich ein, ich 
müſſe getragen fein, aus Zärtlichkeit 
und Dankbarkeit, daß ich noch lebte 
und aus Angft, ih möchte mich etwa 
gar jegt erft verlegen. Als ich hörte, 
daß ich eigentlih in Todesgefahr ge: 
wejen war, und von rechtswegen jetzt 
in Stüde zerriffen nad) Haufe getragen 
werben jollte, hub ich erft recht an zu 
zetern. Und jo famen wir heim, und 
wenn bie alte Grabentrautel nicht vor 
ber Thür die Antrittfteine ſauber kehrt 
— weil die Godel kommen ſoll — 
und fie uns folchergeftalt nicht den 
Eingang zur MWöchnerin verwehrt, fo 
geſchieht erft jet das Unglüd: die 
Mutter fpringt vor Schred aus dem 
Bett, Friegt das Fieber und ftirbt. 


Und diefe Welt nannte ih Maria: 
Zel — fie fteht Heute noch voll 
zauberhafter Dämmerung in einem Ab: 
grunde meines Herzens. 

Und eine Tages denn, es war 
am Tage des heiligen Michel, haben 
wir Vormittag um zehn Uhr eier: 
abend gemacht. 

Wir zogen die Sonntagsfleider an 
und rieben unjere Füße mit Unfchlitt 
ein. Der Bater aß, was uns bie 
Mutter vorgefegt — ich Hatte ben 
Magen voll Freude. Ich ging ruhelos 
in der Stube auf und ab, fo fehr 
man mir rieth, ich ſollte raften, ich 
würde noch müde genug werden. — 
Raften und dann müde werden: das 
ſchien mir nicht gut gedadit. 


937 





— — 


Endlich luden wir unſere Reiſekoſt auf welcher die Worte find: „Weg 


auf und gingen davon, nachdem wir 
verſprochen hatten, für Alle daheim, 
und für jedes insbefondere bei der 
„Zellermutter“ zu beten. 

Ich wüßte nicht, daß meine Füße 
den Erdboden berührt hätten, fo wonig 
war mir. Die Sonne hatte ihren 
Sonntagsſchein, und es war doch 
mitten in der Woche. Mein Vater 
hatte einen Pilgerſtock aus Haſelholz, 
ich auch einen ſolchen; ſo wanderten 
wir aus unſerem Alpel davon. Mein 
Vater trug außer den Nahrungs: 
mitteln etwas in feinem rüdmwärtigen 
Rodjad, was, in graued Papier ge 
widelt, ich ihn zu Haufe einfteden ge: 
jehen hatte. Er war damit gar heim- 
lih verfahren, aber jetzt beſchwerte 
es den Sädel derart, daß biefer bei 
jedem Schritte dem guten Vater Eins 
auf das Hintertheil verjegte. Ich 
fonnte mir nicht denken, was das für 
ein Ding fein mochte. 


Wir famen in’s ſchöne Thal der 
Mürz und in das große Dorf Krieg: 
lad, wo einige Tage zuvor mitten 
im Orte einige Häufer niedergebrannt 
waren. ch hatte in meinem Leben 
noch feine Brandftätte gejehen. Sch 
Ihloß die Augen und ließ es noch ein: 
mal nad) Herzensluft brennen, jo daß 
mich mein Vater gar nicht von der 
Stelle bradite. 

Eine Fran jah ung zu und fagte 
enblih: Mein, 's ift halt armfelig mit 
jo einem Kind — wenn e8 ein folder 
Haſcher iſt.“ 

Ich erſchrack. Sie hatte mich ge— 
meint und ich kannte die Ausdrucks— 
weiſe der Leute gut genug, um zu 
verſtehen, daß ſie mich — wie ich ſo 
daſtand mit offenem Mund und ge— 
ſchloſſenen Augen — für ein Trottel— 
chen hielt. 

Ich war daher froh, als wir 
weiter famen. Nun gingen wir ſchon 
fremde Wege. Hinter dem Orte Krieg- 
lad fteht ein Kreuz mit einem Marien- 


nah MariasZell.” 

Mir fnieten vor dem Kreuze nie 
ber, beteten ein Vaterunſer um Schuß 
und Schirm für unjere Wanderſchaft. 
„Das greift mich frei an,” fagte mein 
Bater plöglih und richtete fein feuch— 
tes Auge auf das Bild, „fie Schaut 
jo viel freundlih auf uns herab.” 
Dann füßte er den Stamm des Freu: 
zes und ih thats auch und dann 
gingen wir wieber. 

Als wir in das Engthal ber 
Veitſch einbogen, begann es jchon zu 
dunfeln. Rechts hatten wir den finfteren 
Bergwald, Links raufhte der Bach, 
und ih fühlte ein Grauen vor ber 
Majeftät und Heiligkeit dieſes Zeller: 
weged. Wir famen zu einem ein: 
ſchichtigen Wirthshaus, wie ſolche in 
den Wäldern ber Räubermärchen ftehen 
— über ber Thür war im Dunkeln 
noh ber Spruch zu lefen: „Herr, 
bleib’ bei mir, denn es will Abend 
werden!” — Aber wir gingen vor: 
über. 

Endlich fahen wir vor ung im 
Thale mehrere Lichter. „Dort ift ſchon 
die Veitſch“, fagte mein Vater, aber 
wir gingen nit jo weit, jondern 
bogen links ab und den Bauernhäufern 
zu, bei welchen es in ber Niederaigen 
beißt. Und wir ſchritten in eines die— 
fer Häufer und mein Vater jagte zur 
Bäuerin: „Gelobt ſei Jeſu Chrifti, 
und wir zwei thäten halt von Herzen 
ſchön bitten um eine Nachtherberg ; 
mit einem Löffel warmer Suppe find 
wir rechtſchaffen zufrieden und ſchlafen 
thäten wir ſchon auf dem Heu.” 

Ich Hatte gar nicht gewußt, daß 
mein Vater fo ſchön betteln konnte. 
Aber ich hatte auch nicht gewußt, daß 
er auf Wallfahrtswegen nur ungern 
in ein Wirthshaus einfehrte,, fondern 
ſich Gott zur Ehr’ freiwillig zum 
Bettelmann erniebrigte. Das war ein 
guted Werk und fchonte ben Gold: 
beutel. 

Die Leute behielten und willig, 


bilde und mit einer hölzernen Hand, |und Iuden uns zu Tiſche, daß wir 


938 


aßen von Allem, was fie jelber Hatten. 
Dann fragte und der Bauer, ob wir 
Feuerzeug bei uns hätten, und ala 
mein Vater verficherte, er wäre fein 
Raucher und er hätte fein Lebtag feine 
Pfeife im Mund gehabt, führten fie 
uns in den Stab! hinaus auf frifches 
Stroh. 

Wir lagen gut und braußen 
rauſchte das Waſſer. Daheim auf 
dem Berge hörten wir kein Waſſer 
rauſchen. 

„In Gottesnamen,“ feufzte mein 
Vater auf, „morgen um ſolch' Zeit 
find wir in Maria-gell.“ Dann war 
er eingejchlafen. 

Am andern Morgen, als wir 
aufftanden , leuchtete auf den Bergen 
Ihon die Sonne, aber im Schatten 
bes Thales lag der Reif. Bon der 
Veitſcher Kirche nahmen wir eine ftille 
Meſſe mit; und als wir durch das 
lange Engthal hineinwanderten, an 
Wiejen und Waldhängen, Sträuchen 
und Eſchenbäumen Hin, über Brüden 
und Stege, an Wegkreuzen und Bau: 
ernhäufern, Mühlen, Bretterfägen und 
Zeugſchmieden vorbei, trugen wir jeder 
den Hut und die Roſenkranzſchnur in 
der Hand unb beteten laut einen 
Pſalter; def ſchämte ich mich anfangs 
vor den Borübergehenden, aber fie 
lachten uns nit aus; an den Zeller: 
ſtraßen ift’8 nichts Neues, daß laut 
betende Leute baherwandern. Mein 
Bater betete überhaupt gerne mit mir; 
er wird gewiß immer ſehr andächtig 
babei geweſen fein, aber mir kamen 
im Gebete jtet3 jo verſchiedene und 
abjonberlihe Gedanken, die mir fonft 
fiherlih nicht eingefallen wären. War 
ih im Beten, fo interefjirte ih mich 
für Alles, an dem wir vorüberfamen, 
und wenn ſonſt ſchon gar nichts da 
war, jo zählte ich die Zaunfteden oder 
die Wegplanfen. 

Heute gab mir vor Allem das 
Ding zu finnen, das mein Vater in 
jeinem Sade hatte und das im Rod: 
Ihoß gerade wieder jo hin und ber 
ihlug, wie geſtern. — Für einen 


Wecken ift’3 viel zu jchwer. Für eine 
Wurſt ift’3 zu groß. — 

Ich war noch in meinen Erwä— 
gungen, da blieb mein Vater jählings 
ftehen und das Gebet unterbrecdhend 
tief er aus: „Du verhöllte Sau!” 

Ich erichrad, dem das war meines 
Vaters Leibfluch. Er hatte fih ihn 
jelbft erbichtet, weil die anberen ja 
alle ſündhaft find. 

„Seht kann ich ſchnurgerade zu— 
rückgehen auf die Niederaigen“, 
ſagte er. 

„Habt Ihr denn was vergeſſen?“ 

„Das wär' mir ein ſauberes 
Kirchfahrtengehen,“ fuhr er fort, 
„wenn man unterwegs die Leut' an— 
luigt! — Haft es ja gehört, wie ich 
geftern erzählt hab; ich hätt’ mein 
Lebtag feine Pfeifen im Maul gehabt. 
Sept beim Beten ift’3 mir eingefallen, 
wie ich dort den KHolzapfelbaum jeh’, 
daß wir daheim auch einen alten 
Holzapfelbaum gehabt haben und daß 
ih unter bem Holgapfelbaum einmal 
glaubt hab, 's ift mein letztes End’. 
Tobtenübel ift mir gemejen, weil ich 
mit dem Riegelberger:Peter das Tabak⸗ 
rauhen hab’ wollen lernen. — Das 
ift mir geftern nicht eingefallen und 
fo hab’ ich unferm Herbergvater eine 
breite Zug’ gejchenkt und desweg will 
ich jeßt frei wieder zurüdgehen und 
die Sach' in Richtigkeit bringen.” 

„Rein, zurüdgehen thun wir nicht“, 
fagte ih und in meinen Augen wird 
Waſſer zu fehen geweſen fein. 

„Ja,“ rief der Vater, „was wirft 
denn jagen, wenn Du unfere liebe 
Frau bift und einer kommt weit ber 
zu Dir, daß er Dich verehren möcht’ 
und bringt Dir eine großmächtige Lug’ 
mit ?“ 

„Gar jo groß wird fie wohl nicht 
jein,“ meinte ih und ſann auf Mittel, 
das Gewiſſen meines Vaters zu be: 
ruhigen. Da fiel mir was ein und 
ih jagte Folgendes: „Ihr habt nur 
erzählt, daß Ahr Euer Lebtag feine 
Pfeife im Mund gehabt hättet. Das 
fann ja wohl wahr fein. Ihr habt 


939 


bloß das Rohr und von dem nur bie 
Spitz' im Mund gehabt.” 
Darauf ſchwieg er eine zeitlang 


fie Alle, die uns nachdenken nad 
Zell. Wie müfjen die Leute jet winzig 
jein, wenn ſchon der Berg jo Hein ift, 


und dann fagte er: „Du bift ein ver: | wie ein Ameifenhaufen ! 


dankt Hinterliftiger Kampel. — Aber 
verftehft, das Nedenverbrehen laß’ ich 
Dir nicht gelten, und auf dem Kirch— 
fahrtweg ſchon gar nit. Ich hab's 
fo gemeint, wie ich's gejagt hab’, und 
ber Bauer hat’3 jo verftanden.” 

„So müßt e8 halt gleich beichten, 
wenn wir nach Zell kommen,“ rieth 
ih und darauf ging er ein, und mir 
zogen und beteten weiter. 

Beim Rotwirth hielten wir an — 
mußten uns ftärfen. Wir hatten nun 
die Rotjohl zu überfteigen, den Sattel 
der Beitjchalpe, die mit ihren Wänden 
ihon lange auf uns hergeftarrt hatte. 
Die Wirthin ſchlug die Hände zuſam— 
men, als fie den Eleinwinzigen Wall: 
fahrer vor fi Jah und meinte, der 
Bater werde mich wohl müſſen ‘auf 
den Budel faffen uud über den Berg 
tragen, wenn ich nicht brav Mein 
trinke und Semmeln eſſe. 

Hinter dem Wirthshauſe zeigte 
eine Hand jchnurgerade den fteilen 
Berg hinan: „Weg nah Maria-Zell.“ 
Aber ein paar hundert Schritte weiter 
oben im Waldſchachen fand ein Kru— 
zifie mit der Inſchriſt: „hundert Tag 
Ablaf, wer das Kruzifir mit Andacht 
füffet, und fünfhundert Tag vollkom— 
menen Ablaß, wer Gelobt ſei Jeſus 
Ehriftus jagt.” 

Auf der Stelle erwarben wir und 
ſechshundert Tage Ablaß. 

Dann gingen wir weiter, durch 
den Wald, über Blößen und Geſchläge, 
bald auf Fahrwegen, bald auf Fuß— 
ſteigen, und nach einer Stunde waren 
wir oben. 

Wir ſetzten uns auf den weichen 
Raſen und blickten zurück in das weite 
Waldland, über die grünen Berge 
hin bis in die fernen blauen. 

Und zwiſchen den blauen heraus 
erkannte mein Vater jenen, auf welchem 
unſer Haus ſtand. Dort iſt die Mutter 
mit dem kleinen Brüderlein, dort ſind 


Es war die Mittagsſtunde. Wir 
vermeinten vom Veitſchthale herauf 
das Klingen der Glocke zu hören. 

„Ja,“ ſagte dann mein Vater, 
„wenn man's betrachtet, die Leut' 
find wohl recht Flein gegen bie große 
Welt. Aber ſchau, mein Bübel, wenn 
ihon die Welt jo groß und ſchön ift, 
wie muß es erſt im Himmel fein?“ 

Ich Habe die Frage nicht beant- 
wortet. 

Mir erhoben uns und gingen ben 
ebenen Weg, ber hoch am Berge 
dahinführte, und ih ſah ſchaudernd 
zum jchroffen Gewände ber BVeitih 
empor, das jchier brohend, al3 wollte 
e3 nieberftürzen, auf uns herabjah. 
Endlich ftanden wir vor einem gemau: 
erten Kreuze, in deſſen vergitterter 
Niſche ein lieber guter Bekannter ftand. 
Der heilige Niklo, der alljährlich zu 
jeinem Namenstage mich mit Nüffen, 
Aepfeln und Lebzelten beſchenkte, anftatt 
daß ich ihm es that. Und von diefem 
Kreuze jahen wir hinab auf die Zeller: 
feite. Aber wir ſahen noch lange nicht 
Zell, wohl jedoch ein jo wildes, fteiner: 
nes Gebirge, wie ich es früher meiner 
Tage nicht gejehen hatte. 

Ein Gebet beim Nillo, und wir 
ftiegen hinab in die fremde, jchauer: 
lihe Gegend. 

Wir kamen dur einen finfteren 
Wald, der jo hoch und dicht war, daf 
fein Gräglein wuchs zwiſchen feinen 
Stämmen. Mein Vater erzählte mir 
Raub: und Mordgeſchichten, welche fich 
bier zugetragen haben jollten, und ein 
paar Tafeln an den Bäumen beftätigten 
die Erzählungen. Ich war daher recht 
froh, als wir in das Thal famen, 
wo wieder Wiejen und Felder waren 
und an ber Straße wieder Käufer 
ftanden. 

Wir waren bald in der Weg: 
ſcheide, wo fich drei Wege theilen, der 
eine geht nach Veitſch und auch nad) 


940 


Neuberg, der andere nah Weichjel: 
boden und den britten weift eine Hand: 
„Weg nah Maria-Zell.“ 

„Wenn Du nah Zell gehft, fo 
wirt Du die größte Kirche und bie 
kleinſte Kirche ſehen,“ ſagte mein 
Vater, „die größte finden wir heut' 
auf den Abend, zur kleinſten kommen 
wir jetzt. Schau, dort unter der Stein— 
wand iſt ſchon das rothe Thürmlein.“ 

Das Wirthshaus war freilich viel 
größer, als die Kirche; in demſelben 
ſtärkten wir uns für den noch drei— 
kündigen Marfh, der vor uns lag. 

Dann kamen wir an ber gezadten 
Felswand vorüber, Die hoch oben auf dem 
Berge fteht und „die Spieler” genannt 
wird. Drei Männlein figen dort oben, 
die einft in der Chriſtnacht hinaufge— 
fliegen waren, um Karten zu ſpielen. 
Zur Strafe find fie in Stein verwan- 
belt worden und fie jpielen heute noch. 

Die Straße ift hin und hin befäet mit 
Wegkreuzen und Marienbildern; wir 
verrichteten vor jedem unſere Andacht 
und dann ſchritten wir wieder vorwärts, 
wohl etwas jchwerfälliger als geftern 
— und im Rodihoße meines Vaters 
ihlug fort und fort das unbelannte 
Ding hin und her. 

Neben und rauſchte ein großer 
Bad, der aus verſchiedenen Schluchten 
zwiſchen hohen Bergen herausgekommen 
war. Die Berge waren bier gar er: 
ſchrecklich Hoch und hatten auch Gemſen. 

„Seht rinnt das Waſſer noch mit 
uns hinaus,” jagte mein Vater, „paß 
auf, wenn ed gegen uns rinnt, nad: 
ber haben wir nicht mehr weit nach Zell.” 

Wir famen nah Gußwerk. Das 
hatte wunderprächtige Käufer, bie 
waren ſchön ausgemobelt um Thüren 
und SFenftern herum, als ob fich bie 
Steine ſchnitzen ließen, wie Lindenholz. 
Und da waren ungeheure Schmieden, 
aus deren finfterem Innern viel Lärm 
und Feuerjchein herausdrang. Wir 
eilten baftig vorbei unb nur bei ber 
damals neuen Kirche kehrten wir zu. 
das war mwunberlich mit biefer Kirche 
— bloß ein einzig Chriftusbild war 


drin, und fonft gar nichts, nicht ein- 
mal unfere liebe Frau. Und fo nahe 
bei Maria-Zell! die Lutherifchen follen 
e3 gerabe jo haben. — Wir gingen 
bald davon. 

Und als wir Hinter das letzte 
Hammerwerf hinaus waren und 
die Waldfhluht engte, daß faum 
Straße und Waſſer neben einander 
laufen konnten — fiehe, da war das 
Waſſer jo klar und ftil, daß man in 
der Tiefe bie braunen Kiefelfteine ſah 
und bie Forellen — und das Waſſer 
rann gegen ung. 

„Seht, mein Bübel, jetzt werben 
wir bald beim Urlaubfreuz fein,” 
fagte der Vater, „bei bemjelben fiehft 
den zellerifhen Thurm.“ 

Wir befchleunigten unfere Schritte. 
Wir fahen die Kapelle, die gerabe 
vor uns auf dem Berge ftanb und 
die Sigmundfirche heißt. Da oben hat 
ein Einfiebler gelebt, der jich nicht 
für würdig gehalten bat, bei ber 
Mutter - Gottes in Zell zu fein, und 
der doch ihr heilige Haus hat jehen 
wollen jede Stund'. — Ein Böglein 
hätte ih mögen fein, daß ich hätte 
binauffliegen können zum Kirchlein und 
von dort aus Zell etlihe Minuten 
früher ſchauen, als von der Straße ans. 

An der Wegbiegung ſah ih an 
einem Baumftamm ein SHeiligenbilb. 

„Iſt das ſchon das Urlaubkreuz?“ 

„Das kleine,“ ſagte mein Vater, 
„das iſt erſt vom Urlaubkreuz das 
Urlaubkreuz. Schau, dort ſteht es.“ 

Auf einem rothen Pfahl ragte ein 
rother Kaſten, der hatte ein grünan— 
geſtrichenes Eiſengitter, hinter welchem 
ein Bildniß war. Wir eilten ihm zu; 
ich hätte laufen mögen, aber mein 
Vater war ernſthaft. Als wir vor 
dem rothen Kreuze ſtanden, zog er 
ſeinen Hut vom Kopfe, ſah aber nicht 
auf das Bild hin, ſondern in das neu 
hervorgetretene Thal hinaus und ſagte 
mit halblauter Stimme: „Gott grüß’ 
did, Maria!” 

Ich folgte feinem Auge und jah 
num durch die Thalenge her und durch 


941 


die Scharte einiger Bäume eine 
jhwarzglänzende Nadel aufragen, an 
deren kleinen Baden ein goldener 
Knauf funfelte. 

„Das ift der zelleriihe Thurm.“ 

Ein Hein wenig haben wir all 
beide geſchluchzt. Dann gingen wir 
wieder — einen Schritt vorgetreten, 
und wir haben den Thurm nicht mehr 
gejehen. Wir jollten ja bald an feinem 
Fuße fein... 

Ich will und zwei nun allein 
wandeln lafjen die drei BViertelftunden 
bin, und will von Maria:Zell im Al: 
gemeinen reden. 


Im ftillen, wiejenthauigen Alpen: 


thale, dort, wo ſich die laufchig riejelnde 
Grünau in die flare Salza ergießt, 
fteht da® Haus der Mutter Jeſu. 

Hohe Waldberge umfrieben das 
Thal in weiter Runde, und über ben: 
jelben ragt manch fahles Alpenhaupt, 
manche weißleuchtende Felszinne herein 
auf ben großen, breithürmigen Tempel, 
deſſen Thurmzaden in der Sonne 
funfeln weit ‚in bie jchattendüfteren 
Schluchten hinaus. Und überall dort, 
wo dem Wanderdmanne der erfte 
Schimmer der Gnadenkirche entgegen: 
leuchtet, fteht ein Kreuz am Wege, 
vor weldhem der fromme Waller feinen 
Ankunftsgruß jauchzt, feine Abſchieds— 
lage weint. 

Maria in Zell! In weiten Landen 
hört ihr das jüße Wort nennen un- 
unterbrochen jeit jenen fernen Tagen, 
da in der Wildniß ein einfam lebender 
Priefter das Marienbild jchnigte und 
e3 zu eigener Andacht aufitellte in ſei— 
nem Kapellden. Das war vor mehr 
als fiebenhundert Jahren. Bald erſcholl 
hierauf die Kunde, es thäten Wunder 
geihehen bei dem Bild in der Ein: 
fieblerzelle. Markgraf Heinrich I. von 
Mähren hatte zur jelben Zeit die Gicht. 
Er fam, wurde heil und ließ aus 
Dankbarkeit eine fteinerne Kapelle bauen 
— biejelbe, welche heute noch fteht 
und über welche die große, herrliche 
Wallfahrtskirche erbaut worden ift. 


wie die Schagfammer zeigt — viele 
hohe Herren hier geopfert. Votivtafeln 
aller Art beveden die Wände, wohin 
man das Nuge nur mag richten. All: 
jährig an hunderttauſend Wallfahrer 
bejuhen den Gnadenort. Wahrhaftig ! 
fummervolle Menſchen gibt e3 aller: 
wege; viele von ihnen entbehren in 
ihrem Leide der Mitmenjchen Theil- 
nahme und Tröftung. Aber eine Freun- 
din haben fie, die hört fie an, die läuft 
nit davon, wenn fie aus Fernen 
fommen und ihr Anliegen Tlagen ; 
die figt in ihrem weißen Zelt zu jeder 
Stunde, und ihr Schweigen ift, wie 
Mitleid und ſtille Erhörung. 

Meilenweit in der Runde find alle 
Steine des Weges abgejchliffen von 
den Tritten der Waller, ſolche mögen 
mit eiſenbeſchlagenen Tirolerſchuhen, 
ſloveniſchen Sandalen oder barfuß 
wandeln. Ob der Herr die blutigen 
Schritte zählt, die aus dem Ungar— 
und Böhmerlande, aus den wälſchen 
und windiſchen Gauen her ihre end— 
loſen Ketten ziehen? Ob der Herr all 
die Gebete und Seufzer vormerkt und 
ſie ſeiner Mutter unterbreitet: Königin, 
dein Lob erſchallt vom Orient bis zum 
Occident! — 

So kommen ſie zu einzeln, kommen 
in Gruppen, kommen in großen Haufen, 
das wallende Fähnlein vor ſich her— 
tragend, es vor jedem Wegkreuze 
ſenkend, es unzähligemal tief vernei- 
gend, wenn ſie vor der herrlichen 
Quaderntreppe ſtehen, hinter welcher 
die Wände des weltberühmten Gottes: 
haufes glänzen. Da hebt das dumpfe 
Getöne der Gloden an, in feinen 
leifen, melancholiſchen Accorden faft 
vergleihbar dem Tonfpiele der Mund: 
trommeln. Schon dieſes Geläute hat 
ein Berüdendes. Dann ift ber Augen: 
blid gefommen, der langerjehnte, und 
die Schaar,, oft jeit Tagen auf der 
Manderfchaft über Ebenen, Hügelge- 
lände, Berg und Thäler heran, an 
Kirchen und Wirthshäufern vorbei — 
fie zieht nun ein in die Kirche zu 


Seit des Markgrafen Zeiten haben — | Zell. Dunkel herrſcht in ben weiten 


942 


Räumen, nur in der Sapelle des 
Gnabenaltares, die mitten in der Kirche 
jteht, ftrahlen die ungezählten Sterne 
der Kerzenflammen. Die Anfömmlinge 
finfen nieder auf die Kniee und rutfchen 
auf den Knieen über die Steinplatten 
bin bis zur heiligen Stätte, wo in 
dem Zelte voll goldener Bier Die 
Yungfrau thront. Das Bildniß der 
Mutter mit dem Finde, in weißen 
Seiden und mit funfelnden Kronen. 
— Ber von den Sündern fol aufrecht 
ftehen vor der Apoftel-, der Märtyrer: 
Königin, vor der Mutter des Herrn! 


— Bis zu dem falten Boden beugen | 


fie fih nieder und küſſen die Steine, 
oder fie legen fih bin und ſtrecken die 
Hände aus und find bemwegungslos, 
als hätte fie die Keule des Mörbers 
erichlagen. 

Und wenn e8 Abend wird, ſchweben 
fie in langen Reihen, mit Kerzenflammen 
dur die Kirche, umfreifen die Gna— 
denfapelle und die hinter derjelben, im 
mittleren Schiffe ragende „Frauen: 
ſäule“, an deren Tiſch ftet3 ein wahres 
Herdfeuer von Wachslichtern Todert. 
Und in allen Enden wiederhallt Gefang. 
Hier der Begeifterung Hodruf: „OD, 
ſei gegrüßt vieltaufenbmal, Mariazell, 
du Gnadenthal! Du allerfchönfte Mutter 
Jeſu!“ 
Bangniß: „Der Tag iſt vergangen, 
die Nacht iſt ſchon hier; gute Nacht, 
o Maria, bleib ewig bei mir!“ — 
Und weiterhin und durcheinander ſchallen 
fremdartige Weiſen fremder Sprachen. 
Ein Gebet ſucht das andere zu über— 
ſchreien, ein Geſang den andern zu über- 
tönen. 
derſchaar, die hier die Mutter beftürmt, 
zuerft demüthig und jchmeichelnd, bald 


Dort das flehende Gebet der 


Es iſt eine ungeberdige Kin: 


in folhen Momenten ift e8 ernft. Das 
Gemüth bricht los — ein grauenhafter 
Auffchrei ift es aus tiefitem Herzen 
‚ber Menfchheit, um Rettung flehend 
aus dem Thale der Zähren. — Und 
draußen ruht die Alpenmwelt in Tieb- 
lichem Abendfrieden und die Feldhäupter 
glühen in ftiller Herrlichkeit. Kein 
Mißton in der Natur! — Aber bie 
Menſchen, auch vor dem überhängenden 
Felsgewände und vor dem toſenden 
Waſſerfalle ſchauern fie — Tafeln zu 
Hunderten in der Kirche erzählen, wie 
Geftein und Gewäſſer und alle Ele: 
mente den Menfchen verberblich werben. 
— Zu Maria rufen die armen, licht: 
lofen Kinder tes Leides. 

Der Freigeift, dem jede Kirche aus: 
| gebrannt ift, der an dem Tempel zu 
Bell jonft vielleicht nur ein Ceremo— 
nienhaus oder eine Bildergalerie bi- 
zarrer Gemälde zu erbliden gewohnt 
| ift — auch der müßte zu folder Stunde 
in ſeinem Herzen ein ſeltſames Be— 
wegen fühlen; auch ihn verlangt es 
ſchließlich, irgend einen Kummer, den 
er ſtill durch's Leben trägt, an einer 
Stelle niederlegen zu können, ſo wie es 
den Gläubigen gegönnt iſt vor dem 
Gnadenbilde zu Zell. Auch der Atheiſt 
wird den Heiligenſchein nicht leugnen, 
der auf dem Bilde ruht; aber nicht 
vom Bilde geht ihm der Strahl aus, 
nein, von den Andächtigen fällt der 
Nimbus auf das Bildniß, und der 
Gedanke, daß Millionen und Millionen 
‚von Menſchen aus fernen Zonen ihren 
Kummer, ihre Drangjal herbeigetragent 
haben, um fie vor der Geftalt in weißem 
Zelte niederzulegen — dieſer Gedanke 
jenft einen wunderbaren Schein auf 
— uralte Stück Lindenholz, das einſt 














aber kühner und wilder werdend, bis gewachſen ſein mag in jenen Wäldern, 
endlich gar Einer in der Begeiſterung in welchen unſere Vorfahren ihre Voll: 
Hochfluth die Schranken des Marmor- mondnächte noch dem Woutan haben 
geländers überjpringt, hinſtürzt auf Por Large — 63 dürfte Manchem jehr 
geheiligte Bildniß und den Saum bes nahe Liegen, über das Treiben in der 
Mantels mit heißen Küffen und Thräs | Kirche zu Zell ein paar jpottendbe 
nen bededt. — — Wohl, es mag im | Glofjen zu madhen. Aber — —. Wer 
Allgemeinen viel Lauheit fteden in den | von uns geht frei und vorurtheilslos 
religiöfen Webungen des Wolfes, aber | durch's Leben? Jeder, er mag thaten 


— 


oder leiden, ſteht unter dem Banne 


Erſt, wenn bie eiſigen Octoberwinde 


einer Gottheit, ſie ſei eine gute oder über die Alpen fegen und vom Schwaben 


ſchlimme — heiße Kunſt oder Wiſſen— 
ſchaft oder Ehrgeiz oder Mammon 
oder Sinnesluſt — einem Dämone 
ſind wir alle verfallen. Glückſelig Der, 





und vom Detſcher hernieder die fin— 
ſteren Schneeſtürme toſen, wird es öde 
im Zellerthal. Der Lichterkranz um 
das Gnadenbildniß iſt verloſchen. Durch 


welcher in gläubigem, eifrigem Götzen⸗ | die Fenfterfugen weht ber Schneeftaub 
dienfte der inhalt3lofen Schatten fich | herein auf bie Votivtafeln, und in den 


zu beruhigen vermag. 

Und — die Maria in Zell erweiſt 
diefe Gnade. Kummer und Herzleid 
hat der Gläubige gebracht, Friede und 
Zuverficht trägt er davon. Er weiß, 
Mariens Herz ift nicht von Stein; er 
weiß, fie ift das Heil der Kranken, 
die Tröfterin der Betrübten und fie 
wird feiner gedenken, wenn er auch 
lange wieder in der Ferne jeine dor: 
nenreihen Wege wandeln muß. 

Schon am zweiten Tage, nachdem 
zur Nacht3zeit vielleicht Einer oder der 
Andere den Meßner zu beftechen ver: 
ſucht, daß er ihm die Kirche öffne und 
das hochgelobte Gnadenbild zum Kuffe 
reiche, oder ihm eine Kerze vom Frauen: 
altar verfaufe, für die letzte Sterbe- 
ftunde ; nachdem fie den Ihren daheim 
Zellerangedenfen gekauft, Roſenkränze, 
Heiligenbilbchen, Amulette, Gebetbücher, 
Wachsſtöcke u. ſ. w. und diefelben zur 
Weihe getragen — nad) alldem fünbet 
der jummende Glodenfchlag auf dem 
Thurm die Stunde des Scheidend. — 
„Wie furz der heilige Tag, wie furz 
die Zeller Freuden, muß heut’ jchon 
Urlaub nehmen, Maria, von dir jchei: 
den! O Jungfrau, wenn wir jterben, 
o thu', und Gnab’ erwerben, geleit’ 
zum Himmel unj’re Seel’, vergiß uns 
nicht, o Maria Zell!” — So der weh: 
müthige Geſang. Unter Glodengeläute 
und Trompetenjchall zieht die Schaar 
um die Kirche, verneigt noch einmal 
ihre Fahnen und mwallt davon — oft: 
wärts etwa, gegen den hohen Göller 
und die Mürz, oder nördlich gegen die 
Lande der Donau, oder nah Süben, 
an den Schroffen des Schwabengebirges 
dahin. Und Andere fommen und An: 
dere ziehen und unerfchöpflich an Gnaden 
ift das Bildniß im weißen Zelt. 


Beichtftühlen niften die Mäufe und 
ſuchen nah irgend einem verborrten 
Brotkrümchen, das einft der Wallfahrer 
etwa mit der Betſchnur aus dem Sade 
geftreut hat. Manchem Bewohner von 
Mariazell, der den Sommer über wohl 
beftellt war, geht es zur Winterszeit 
und beſonders in deren leßter Hälfte 
nicht viel beffer, wie der Kirchenmaus, 
Den Marigzellern ijt ihre Maria nur 
im Sommer gnabenreid). 

— So ſteht e8 mit dem jchönen, 
weitbenannten Ort, in den wir — id) 
und mein guter Bater — nun einzogen. 

Wir ftiegen die legte Höhe hinan 
und hatten nun auf einmal den großen 
Markt vor uns liegen, und inmitten, 
hoch über Alles ragend und von ber 
abendlichen Sonne bejchienen die Wall: 
fahrtskirche. 

Die Stimmung, welche zu jener 
Stunde in meiner Kindesſeele lag, 
fönnte ich nicht ſchildern. So wie mir 
damal® muß den Auserwählten zu 
Muthe fein, wenn fie in Zion ein- 
gehen. 

Wir thaten, wie alle Andern auch, 
— auf den Knieen rutjchten wir zum 
Gnadenbilde hin, und ich wunderte mich 
nur darüber, daß der Menſch auf den 
Knieen jo gut gehen kann, ohne daß er 
e3 lernen muß. 

Mir befahen an demjelben Abende 
noch die Kirche und auch die Schat- 
fammer, in welcher die vergolbete Fröm- 
migfeit vieler Könige und Kaifer auf: 
bewahrt liegt. An der gold- und 
filberjtrogenden Schagfammer hatte ich 
lange nit die Freude, wie an den 
unzähligen Opferbildern, welche draußen 
in den langen Gängen hingen. Da 
gab es Feuersbrünfte, Ueberſchwem— 
mungen, Blisichläge, Türfenmegeleien, 


944 


daß es ein Schred war. Es ift faum 
eine Noth, ein menſchliches Unglück 
benfbar, das in der Zellerfirche nicht 
zur bildlihen Darftellung gekommen 
wäre. Mer bat biefen Volksbilder— 
fälen eine nähere Betrachtung gewidmet? 

Wir ftiegen auch auf den Thurm ; 
das war unerhört weit hinauf in den 
finfteren Mauern und wie oft mochte 
der Rockſchoß meines Vater hin- 
und hergejchlagen haben, bis wir oben 
waren! Und enbli fanden wir in 
einer großen Stube, in welcher an rie- 
figen Holzbalten riefige Glocken hingen. 
Ich ging zu einem Fenfter und blidte 
hinaus — was war das für ein Un: 
geheuer? Eine Kuppel der Nebenthürme 
hatte ih vor Augen. Und du heiliger 
Joſef, wo waren die Hausdächer? bie 
lagen unten auf dem Erdboden. — Dort 
auf dem weißen Streifen frabbelte ein 
ſchwarzer Wurm heran, gerade wie eine 
Raupe, nur daß er voran ein rothes 
Fähnlein flatternhatte. Als der Thür- 
mer biejen Wurm gemwahrte, hub er 
und noch ein Zweiter an ben Riemer 
einer Glode an zu ziehen. Dieje fam 
langjam in Bewegung, der Schwenfel 
besgleichen und als berjelbe den Reifen 
berührte, da gab e3 einen jo gewal- 
tigen Schall, daß ich meinte, mein 
Kopf jpringe mitten auseinander. Ich 
verbarg mich wimmernd unter meinen 
Bater hinein, der war jo gut und 
hielt mir die Ohren zu, bi8 der Wurm 
unten als Kreuzſchaar eingezogen und 
das Läuten zu Ende war. Nun fah 
ih, wie die beiden Männer fruchtlos 
an ben Riemen zurüd hielten, um bie 
Glode zum Stillftand zu bringen, 
bilfebereit ſprang ich herbei, um ſolches 
auch an einem britten niederjchlän: 
genden Riemen zu thun — da wurde 
ih hier biß zu dem Gebälfe empor: 
geriſſen. 

„Feſthalten, feſthalten!“ rief mir 
der Thürmer zu. Und endlich, als 
die Glocke in Ruhe und ich wieder auf 
dem Boden war, ſagte er: „Kleiner, 


kannſt wohl von Glück ſagen, daß du 
nicht beim Fenſter hinausgeflogen biſt!“ 

„Ja“, meinte mein Vater, „kunnt 
denn da in der Zellerkirche auch ein 
Unglück ſein?“ 

Abends waren wir noch ſpät in der 
Kirche; und ſelbſt als ſich die meiſten 
Wallfahrer ſchon verloren Hatten und 
es auch an dem Gnabenaltare dunkel 
war bis auf die brei ewigen Lampen, 
wollte mein Vater nicht weihen. Gar 
feltjam aber war's, wie er ſich endlich 
von jeinen Knien erhob und in bie 
Gnadenkapelle hineinfhlid. Dort griff 
er in feine Rodtufche, langte den von 
mir unerforjchten Gegenftand hervor, 
widelte das graue Papier ab und legte 
ihn mit zitternder Hand auf ben Altar. 

Sept ſah ih, was es war, — 
ein Eijenzahn von unferer Egge war 
e3 


Und am andern Tage gegen Abend, 
al3 wir meinten, unf’re Kirchfahrt fo 
verrichtet zu haben, daß Maria und 
unſer Gewiſſen zufrieden fein konnten, 
gingen wir wieder davon. Beim Urlaub- 
freuz blidten wir noch einmal zurüd 
auf die ſchwarze funfelnde Nabel, bie 
zwiichen Bäumen hervorglängte. 

„Behüt’ dich Gott, Maria-Zel“, 
fagte mein Vater, „wern Gottes Will, 
fo möchten wir wohl noch einmal fom- 
men, ehvor wir fterben.” — 

Dann gingen wir bis Wegſcheid', 
dort hielten wir nächtliche Raft. Und 
am vierten Tage überftiegen wir wieber 
den Berg und burchmanderten das 
Veitihthal. ALS wir zu den Bauern: 
bäufern der Niederaigen kamen, ſprach 
mein Vater dort zu, wo wir auf dem 
Vorweg zur Naht gefchlafen hatten, 
und überreichte der Bäuerin ein ſchön 
bemaltes Bildchen von Maria=ell. 

— Als wir am Abende desjelben 
Tages heimgefommen waren und ung 
zur Suppe geſetzt hatten, ſoll ich mit 
dem Löffel in der Hand eingejchlafen 
jein. 


Die lebte Wallfahrt. 


Eine Sage aus dem Böhmerwalde von Franz Rider. 


Bom obern Böhmermwalde, vom grünen Moldauftrand, 

Da zieht die Grenz’ hinüber, hin durd der Baiern Land 
Die Schaar andächtiger Beter — gen Paſſau hin fie wallen, 
Gebet und Buhgefänge von Bergen wiederhallen. 


So zieh’n fie hin die Wege, durch's grüne Thalgefilde, 

Der Fahne nad), dem Kreuze, zum gnadenreihen Bilde, 

Zur heiligen Gottesmutter inbrünftig dort zu beten: 

„O Hilf uns, fei uns gnädig, ſchütz' uns in unfern Köthen ! 


Voran fechs rüftige Männer, entjchloffen, kräftig, hart, 
Des Zuges Führer bilden; dann Weiber, Iungfrau'n zart, 
Und jüng’re Böhmermwäldler, felbit Greiſe hochbetagt, 

— Doch alle reiferüftig, mit Bündeln ſchwer bepadt. 


Nicht blos andächtiger Eifer hat fie zur Fahrt bewogen, 

Da fie mit vielen Waaren als Schwärzer ausgezogen. — 

Mit lautem Beten, Singen die Grenze fie betraten, 

Dort fieht das Haus der Grenzwadht aus düfterm Waldesfhatten. 


Als fromme Wahlfahrtspilger, dem Fahnenträger nad, 
Paſſirten fie die Landsmarf, den breiten Wiejenbad). 

Als arglos, unverdächtig ließ fie die Zollwacht ziehen, 

— Dann rubhten fie, gerettet, von jchweren Wallfahrtsmühen. 


Sie wallten betend weiter, bis fie das Biel erreichten, 
Wo Paſſau's hohe Thürme im Sonnengolde leuchten ; 
Zur bilfereihen Mutter fie fleh'n zerknirſcht um Segen, 
Um Beiftand und um Hilfe auf ihren weitern Wegen, 


Ward nad vollbradhter Andacht gekauft manch' Gnadenbild 
Als liebes Angedenten, ald Talisman, als Schild, 

s Um wider Feindesmächte als Schutz und Wehr zu dienen, 
Um böfer Schidfalstüde, Gefahren zu entrinnen. 


Bordem ſchon hatten ftille, doc ficher, wohlgeplant 

Die Männer and're Dinge beforgt mit flinter Hand: 

Die mitgebradhten Laſten für and’re abgejept, — 

Gar viele theure Waaren, die padten fie zulept. 
Rojegyers „‚Heissgarien’* 1% Gef. 


946 


Tabak, Prifil und Stoffe von Sammt und Seide ſchwer, 
Kattun, werthvolle Tücher und was dergleihen mehr; 
Auf alle möglich” Weife verborgen und verjtedt, 

Am bloßen Leib’, im Haarzopf und unterm Kleid verdedt. 


So find fie denn gerüftet, die Heimfahrt zu beginnen, 

Rad heißem Bittgebete auf and’res num zu finnen: 

Wie es geläng’, den Schmuggel auch glücklich durchzuſchwärzen; 
Sie hoffen feft, fie flehten ja d’rum aus gläubigem Herzen. 


Was fie nicht bergen konnten, die Männer felber nahmen, 
Sie gingen nicht die Wege, woher fie vordem kamen ; 

Mit feftem Muth, entfhloffen zur Lift, felbft zur Gewalt, 
So zieh'n fie heimwärts wieder zurüd zum Böhmerwald. 


Indeß' hatt" da der Hauptmann den Grenzern fundgemadjt : 
„Auf jener Beter Rückkehr habt mir befonders Acht!“ 

Von da am dritten Abend die ganze Grenzeswadht 

War aufgeftellt zum ange in dunkler Waldesnadt. 


Die Naht war angebroden, mweitum die Wälder faufen, 
Der Wind heult in den Xeften, und Regen, Sturmesbraufen. 
Ein graufig Ungewitter tobt über'm Forſte lang, 

Die Riefenbäume ächzen, in Lüften wimmerts bang. 


Die Schaar der Schwärzer wandelt im finftern Zannenwald ; 
— Die Blige feurig zuden, der Donner grollend hallt. — 
Jeßt nah'n fie lautlos, ftille, — bald find fie wohl geborgen, 
Dann können off'ne Pfade fie wandeln ohne Sorgen. 


Schon eilen fie gefhrinde, fern vom befannten Weg, 
Zum Walde, über'n Grenzbad; fie geh’n auf ſchwankem Steg. 
Schon find fie glüdlih drüben — da tönt ein fhriller Pfiff, 
Der ihnen, Unheil kündend, den Feind zufammenrief. 


Hier heimlich durchzukommen, war alfo nicht gelungen, 

Sie ſeh'n von allen Seiten von Feinden fi) umrungen. 

Ein donnernd „Halt“ tönt ihnen entgegen ringsumber, 

Die Waffen drohend blipen — und Rettung gibts nicht mehr. 


„Weil uns die Lift mißlungen, fo ſei's denn d'rum gewagt, 

Und nad) ! wir breden dur, frifh an und underzagt ! 

Weil fie zum Kampf uns zwingen, uns drängen zur Gewalt: 
Frifh d’rauf denn!" — Alfo Fräftig der Männer Ruf erfcallt. 


Dann ward das Kreuz zur Waffe, die Schwärzer, wohlbewehrt, 
Sie ftürzen auf die Feinde, troß deren Zahl ſich mehrt. 


947 


Bor Morgengrau’n, im Sturme, ein heißes, blut'ges Ringen, 
Das Krachen der Gewehre, die Hiebe fharfer Klingen. 


Dazu manch' dumpfer Aufſchrei in ſchwerer Kampfesnoth, 
Vom vielvergoff’'nen Blute ward's naffe Erdreid roth. 

Der Weiber Iammerklagen in Kampf und Sturm fi miſchen, 
Die ſcharfen Todestugeln um's Haupt der Flüchtigen ziſchen. 


Nicht lange währt das Morden, nur wenige find gerettet, 
Wer nicht entrinnen konnte, im Kampfe ward getödtet. 
Doch aud die Ueberreiter bedenklich find gelichtet, 

Der Grenzwach' ftarfe Reihen zur Hälfte faft vernichtet. 


Auf's wilde Wetterftürmen, auf blutigen Kampf und Tod 
Brit an der junge Tag im friſchen Morgenroth. 

Der Sonne heit’re Strahlen ſeh'n der Verwüſtung Feld, 
— Kaum einer war entronnen, der’d dann daheim erzäblt. 


Der Segen für die Reife, um den fie vordem flehten, 
Hat leider fie geflohen in ihren ſchweren Nöthen ; 

Kaum konnten fie nod beten mit fchmerzverzog'nem Mund: 
„D hilf uns, fei uns gnädig in diefer Sterbeftund’ !" 


Zu Witwen und zu Waifen wohl wurden die gemadt, 
Die heil enttommen waren in jener blut’'gen Radıt. 
Berarmt, zerftreut und flüchtig mur wenige kehrten wieder 
Von jenem Unglüdszuge in's Moldauthal hernieder. 


Das war ein übel Ende — die lepte Pilgerfahrt, 

Das war der Schwärzer Schidfal, es traf fie gräßlich, hart. 
Man hat fie dann zufammen in’s weite Grab gelegt, 
Bereint ruh'n Freund’ und Feinde vom Rafen überdedt. 


Bon allen jenen Männern nur einer war entkommen, 

Der’s felber miterlebte ; — von dem hab’ ich's vernommen. 
Auch er hat längft vollendet die legte, große Reife; 

— Hier fließt ein Heiner Abſchnitt aus Schwärzerfagentreife. 


Kleine Saube. 


Was der Franz Schlager für ein 
Wildpret ſchoß. 


Eine Gefhichte aus dem Gebirge von P. &. 
Rofegger. 


Anfangs fing er Schmetterlinge und 
ftedte fie an die Nadel. Dann fing er 
Spaten und Finken mit Leimfpindeln. 
Dann fing er Marder und Füchſe mit 
dem Schnappeifen. Dann ſchoß er einen 
Hühnergeier aus der Luft. Dann ſchoß 
er ein Paar Hafen; dann ſchoß er 
Nehe und Hirſche, dann ſchoß er — 

Die Geſchichte ift ſchwer wie Blei. 

Sn einem Hocdtheile des Reichen: 
fteinftodes hatte Franz Schlager ein 
Bauerngütchen. Franz war jung und 
frifh, und hatte ein prächtiges, herzens: 
treues Weibchen voll Lieb und Gemüth, 
voll fraulihen Adels der Natur. Bei 
feiner Arbeitäfraft und bei ihrer Häus— 
lichkeit hätten fie vollauf zu leben gehabt, 
und ihre Hütte war wie gemadt für 
„ein glüdlih kiebend Paar“. Aber juft 
in die wärmften und wonnigſten Nefter 
legt der Teufel am liebjten fein Ei 
hinein. — Für ſchlechte Leute, fagte 
der Franz babe er ſich den Kugel: 
ftugen beigelegt; man mwifje doch nicht, 
was fih in einer fo einfamen Gegend 
alles zutragen könne. — Ei freilich weiß 
man das nicht, du armer Franz Schla: 
ger, font hätteft du das Schießgewehr 
gewiß nicht in dein Haus getragen. 

Als er im Oberfhaden den erften 
Hafen ſchoß, hörte der Nevierwart den 
Knall, errieth auch den Schüben, da er 
aber ſonſt den Franz wohl leiden mochte, 
fo ließ er die Sache verhallen. Als der 


Franz Schlager fah, das Ding ginge fo 
leiht ab, ſchoß er das nächftemal ei: 
nen Rehbod nieder, fchleppte denſelben 
mitten in einem Sturmmetter in fein 
Haus und rief: „Theres, der da gehört 
Dein, zum Namenstag!“ 

Selbitgefällig ſchmunzelnd blidte er 
fein Weib an und erwartete freudigen 
Dank. Aber fein Weib begann zu 
ſchluchzen: „Das ſchmerzt mich, Franz, 
das ſchmerzt mid hart. Mit einer Blum’ 
vom Feld, mit einem Stein von der 
Straßen hätteft mir Freude gemacht, 
wär’ eö mir zu lieb vermeint geweſen. 
Aber eine geftohlene Sach' ſchenkſt Du 
mir, fo viel bin ih Dir werth ....“ 

Es war zum Erbarmen; jo bitter: 
ih hatte er fie noch niemal® weinen 
gejehen. Er ſchwieg eine Weile. 

„Theres“, fagte er endlih und 
ftellte fich fe vor fie hin: „Mit Fleiß 
willft mid jet kränken, weißt gleich: 
wohl, daß ich's gut hab gemeint.” 

„Franz“, fagte fie, „das weiß id 
gleichwohl und ſchau', ih Lad’ ſchon 
wieder, Du gibft mir heut’ ja noch ein 
ordentliches Bindband (Angebinde). Ver: 
ſprich mir’, mein Franzl, mildern 
willft nimmer !“ 

Er nidte mit dem Kopf. Sie um: 
fing ihn mit beiden Armen und lächelte 
mit feuchten Auge. — 

Nicht lange darnach ift dem Paare 
ein Kindlein gefommen. 

Ein Kindlein! — bin fonft nicht 
nervenſchwach, aber wenn ich dieſes 
Wort jchreibe, fo zittert mir immer die 
Hand. Ein Kindlein! ich denfe an bie 


949 


Vaterfreuden, an dad Mutterglüd. Mit | Bettlein des Kindes nieberrann. — „Er 
jedem Menfchenfinde wird der Erlöfer | hat feine Freude. Da ift fein Kind und 
neu geboren, unnennbare Seligfeit guten | ba ift fein Weib, und er geht in den 


Elternherzen ſpendend. 

Therefe ging fait in Mutterliebe 
auf; fie fühlte fein Herz mehr in ihrer 
Bruft, fie fühlte es vor fich liegen in 
der Wiege. 

Franz arbeitete mit neuem Muth 
und blidte mit hellerem Auge in die 
Melt hinaus. — Da jah er hier einen 
Hafen fauern, dort ein Reh hufden ; 
da hub ihm das Blut zu wallen an, 
wie lauter glühende Bleifugeln heiß. — 
Und der jungen blafien Mutter müfje 
ein frifcher Braten gar fonderlich wohl 
befommen. 

Als Thered wieder todtes Wildpret 
im Haufe fah, zerrte fie den Gatten 
von der Wiege des Kindes, wo er eben 
geftanden mar, führte ihn in einen 
Mintel des Vorgemach's und fagte: 

„Unjer Sohn fol das Wort nicht 
hören: Franz, du bift ein Wildſchütz' — 
ein Dieb!“ 

Sie ließ ihn ftehen und ftürzte da- 
von und brach an der Stätte des Kindes 
zufammen. 

„Und Du!“ rief Franz zur Stube 
hinein, „Du bift ein überfpanntes Ding. 
Thun es andere auch; wenn ‘jeder des— 
halb ſchon ein Dieb wär! Der Herrgott 
hat die Thiere des Waldes für alle er: 
ſchaffen!“ 

„Darauf laß' ich mich nicht ein,“ 
ſagte ſie, „Du willſt das letzte Wort 
haben; du weißt ſo gut, wie ich, was 
Unrecht iſt.“ Bald aber erhob ſie ſich, 
trat ihm einige Schritte entgegen, faltete 
zitternd die Hände in einander: „Franz, 
böſ' hab' ich's nicht gemeint. Und wenn 
Du ſchon das Unrecht nicht willſt 
ſehen, ſo denk', es könnt' einmal zu 
Deinem Unglück ſein. Geh', mein lieber, 
mein guter Mann, laß' das Wildern 
bleiben!“ 

„Ich weiß ja, Du willſt mir keine 
Freude gönnen!“ rief er unmuthig und 
ging davon. 

Da hatte ſie kein Wort mehr, als 
den heißen Thränenſtrom, der auf das 


Wald hinaus und ſucht ſich eine 
— „Was kann mir denn geſchehen?“ 
dachte Franz; „jetzt iſt ſchon gar keine 
Gefahr — iſt ja der Jäger krank und 
der neue Gehilf iſt noch nicht ange— 
kommen. Jetzt iſt die Zeit dazu.“ 

Und er nahm wieder das Gewehr 
unter den Wollenmantel und er ging 
davon. 

Theres bat ihn noch einmal, hielt 
ihm das Kind entgegen: „Franzele, 
bitt' auch Du Deinen Vater! halt’ ihm 
das Händlein hin, ftreichle ihm bie 
Wange; —- 's ift ja Dein lieber, braver 
Vater, und er bleibt gewiß daheim, 
bei feinem kleinen Bübel.” 

Das Knäblein lächelte, zupfte an 
dem Bart des Mannes und wollte nicht 
auslafjen. 

„Nu nu“, ſchmunzelte Franz, „ich 
fomme ja bald wieder. Nur einen Habicht 
will ich heut’ aus der Luft brennen, er 
frißt uns ja fonft die Hühner auf. So 
Raubthiere muß man austilgen.“ 

Und er ging pfeifend hinaus in ben 
herbftlihen Wal. Er ſah ſich nicht 
mehr um, denn er wußte wohl, Therefe 
ftehe no vor dem Haufe mit dem 
Kleinen und blide ihm nad mit weinen: 
dem Auge. 

Und als er in den Wald fam und 
fein Späherblid die Thierlein ſah, die 
friechenden, die fliegenden, die ſpringen— 
den — fo Hub feine Begier gemaltig 
an zu glühen. ... 

Theres nahm den Kleinen mit auf 
den Ader und grub Kartoffeln aus der 
Erde, und war emfig und unermüdlich 
dabei. Wenn man Herzweh hat, fo muß 
man brav arbeiten, dann wird's gut. 

Heute wollte es aber nicht gut wer: 
den. Heute fam eine ganz befonbere 
Angft über das arme Weib, als ob 
etwas Arges nahe wäre. Sie betete in 
Gedanfen um Schu für ihren Mann. 
Dabei fam ihr in den Sinn: Wie fann 
denn der gerechte Gott Diebe beim 


950 


Stehlen beſchützen! — Aber fie betete: mit Luft. Und das Weib ftrengte fein 
„Du, fein heiliger Schugengel, beſchirne Ohr an und meinte einen Laut, einen 
fein Herz, beſchirme es vor fündhafter | Schritt ihres Mannes zu hören — und 


Begier. Er ift ja fonft ein guter Menſch, 
thut Niemand was zu Leib und ift gar 
ein braver Gatte und Vater. Du lieber 
Gott, das fann ich dir wohl mit Freu: 
ben jagen!” — Sie ſchluchzte dabei 
und grub und grub die Erde auf und 
grub in Gedanken oft tiefer ein, als 
die Früchte lagen. Das Knäblein — es 
war ein halbes Jahr faum alt — 
jauchzte bel und verlangte nad der 
Mutterbruft. Sie vernahm es heute faum, 
und als fie den Spaten fahren ließ und 
zum Sinde kam, war dieſes einge 
ſchlummert. — 

Es ging gegen Abend. Das Genögel 
ſchwieg, die Hühner ſaßen auf ihren 
Stangen. — Franz war noch nicht 
zurüd. 

Theres hatte lange in's Weite ge: 
blidt; ihre Unruhe war heute milder 
Natur. Und als jeßt der fpäte Abend 
fam, harrte fie nicht mehr länger. Sie 
nahm das fchlummernde Kind auf den 
Arm, hüllte e8 ein mit des Waters 
brauner Joppe, verfchloß das Haus und 
ging dem Walbe zu. 

Kein Aft und Fein Baummipfel 
rührte fih. Die langen Schatten ber 
Bäume lagen da, junge, wachſende Kin: 
der der Nacht. There ging an einer 
Schlucht hin. Das raufhende Wafler 
that ihr weh, denn ihr war, als müſſe 
fie diefe unheimlich zifchenden Stimmen 
verftehen, und fie verftand fie doch nicht. 
Sie ftieg die Lehne hinan und war 
ſorglich, daß fie das Kind nicht wecke. 
Neben Büſchen von Enzian ſetzte fie fich 
auf einen Stein und hordte. Alles 
ſchwieg und war im Frieden. — Und 
wenn ein wilbleidenfhaftlic Herz pochte 
im Walde, man müßte es hören von 
Weitem in biefer reinen Abendruh'. — 
Die blauen Gloden der Enzianen mwieg- 
ten fih fanft, und es ging doch Fein 
Lufthauch; fie läuteten und man hörte 
das ewige Klingen der Stille. 

Jetzt erwachte das Knäblein. Die 
Mutter reichte ihm die Bruſt. Es trank 


ſie hörte doch nichts. 

Dann blickte ſie die blauen Blumen 
an, die wie Flämmchen noch leuchteten, 
da es ſchon dunkel war. — Irrlichter 
ſollen auch zuweilen in blauen Ylämm- 
chen leuchten. Aber Blumen ſind keine 
Irrlichter; Blumen ſind Augen Gottes 
— ſo hat's oftmals die Ahne geſagt. 
— Und jetzt, Franzele, jetzt blickt uns 
Gott an mit ſeinen blauen Augen. Schau, 
er hat uns lieb; — Gottes Auge wacht 
auch über dem Vater. ... 


Ein Knall — — da war ein 
heißer Blitz durch den Buſen des Weibes 
gegangen. 


Sie ſtieß einen lauten Schrei aus 
— ſie preßte das Kind an ſich. 

Franz Schlager hatte den Schrei 
gehört, nachdem er die Kugel abgejandt 
nad dem braunen zudenden Punkte 
zwifchen den Büfchen jenfeits der Schlucht 
— vermeinend ein eben früher aufge: 
flöbertes Reh zu erlegen. Er hörte den 
menfhlihen Ruf und eilte und fprang 
über Stod und Geftein, die Tiefe hin— 
ab, den Gang hinan — und fand fein 
fterbendes Weib. 

Das Kind fog nod an der Mutter: 
bruft, über welche vielarmig die Bäch— 
lein des Blutes riefelten. Das Weib 
war mit matten Bewegungen nod be: 
müth, das ftrömende Blut fo zu wenden, 
daß es fi nicht vermifche mit ber 
Muttermild, deren fi das liebe Kind 
zu dieſer Stunde das lehtemal erfreute. 

Mit wilden Geftöhne ftürzte Franz 
bin, mit bebenden Armen ri er ihr 
finfende8 Haupt empor. Sie hob noch 
das Augenlid und fagte leife: „Mein 
Franz — gelt — das Wildern — laft 
fein ?* 

Er that einen rafenden Schwur, er 
ließe es fein. 

Sie fagte nit? mehr. Noh em 
Blid gegen ihr Kind — ein zitternbes 
Tröpflein in ihrem Auge — — dann 
war es ftarr und öde auf dem lieben, 
trautfamen Antlitz. 


951 


Franz mar wie zu Stein geworben 
vor Schred und vor urplöglicher Pein. 

Die Enziane läutete doch till in 
der ruhfamen Naht . . . auf der Erbe 
war fie nicht gehört, aber in den Him— 
meln hat diefe heilige Sterbeglode ge: 
Mungen. 

Und das Kind fog — verlangend 
nah ſüßer Mild, und trank das warme 
Blut des Mutterherzens. 


Steirifche Sagen. 
Das Scapkäftlein des Landes, 


In grauer Vorzeit war's, da haben 
eine Tages die Bewohner der Gegend 
am Leopoldfteinerfee aus diefem Waſſer 
beim Fifhen einen Waflermann gefan: 
gen. Waflerfräulein — jene Weſen, 
die „oben Menſch und unten Schlange“ 
find, wären leicht fchlau geweſen und 
entlommen ; aber ber Waflermann hat 
baß nicht au dem Nehe mögen. So 
bat er gejagt: „Laßt ihr mid) frei, 
fo meife ih eud einen Schatz, der 
ungeheuer iſt.“ 

„Weifeft du uns einen Schag, ber 
ungeheuer ift, fo laſſen mir dich frei”, 
hatten hierauf die Leute geantwortet. 

„So lang’ ihr meinen Reden nicht 
vertraut”, hat der Wafjermann gejagt, 
„jo lang’ kann ich euch den Schaf nicht 
geben. ” 

„So lang’ du uns den Schaf nicht 
gibft“, Haben die Leute geantwortet, 
„jo lang’ können wir auf dein Reben 
nicht vertrauen.“ 

„Ih betrüge euch nicht“, fagt her: 
nah der Waflermann, „und ich wünſche 
nur, daß ihr euch felber nicht betrügt, 
wenn ich euch frei ftelle, den Schat 
felber zu wählen. Laßt ihr mid frei, 
fo mögt ihr ein reiches Silberbergmwerf 
haben, das aber nad der Jahre ein: 
hundert erfchöpft fein wird; oder ihr 
mögt einen Eifenberg haben, der nim— 
mer zu Ende geht. Jetzt wählt.“ 

„Wir wollen das Silberbergwerk 
haben und mir mollen den Eifenberg 


haben,“ fagen Etliche, „ſonſt laſſen wir 
dich nicht frei.“ 

Ein alter Mann ift unter den Leu: 
ten, der fpridt: „Laßt euch von Hab: 
fucht nicht verblenden !* 

Da rufen fie: „Wir mollen das 
Silber!" 

„Das nah der Jahre einhundert 
erfchöpft iſt!“ fagt der alte Mann mit 
warnender Stimme. 

„Bis dahin brauden wir fein Sil- 
ber mehr,“ rufen die Leute. 

„Wie ihr, fo fpreden Alle die 
Kurzfihtigen, die über ihren eigenen 
Bauch nicht Hinauszubliden vermögen. 
Die Neihe eurer Kinder und Kindes- 
finder wirb fortgehen, weit in bie Emwig- 
feit hinein. Die Nahlommen werben 
Kämpfe haben, die nit mit Silber, 
felbfl wenn fie eins hätten, auszu— 
fechten fein werben. Ich rathe euch 
gut: nehmt das Eifen, das nimmer 
zu Ende geht!“ 

Da haben fie den Eifenberg gemählt. 
Der Waflermann hat ihnen den Erz: 
berg gezeigt und fi dann in die Flu— 
then geftürzt. 

Und nod heute fteht mitten in un- 
ferem fchönen Land, von hohen Felfen 
umſchloſſen, das unerfhöpflihe Schaf: 
fäftlein der Steiermarf. 


Das Türkenfeld. 


Zahlreich find jene Stätten, welche 
der Volksmund zur Erinnerung an bie 
harten Zeiten der Noth und Trübfal 
benamfet, in melden die blutgierigen 
und beuteluftigen Horben der Osmanen 
unfere lieblihen Thäler überflutheten. 

Wer weiß nicht von einem „Tür: 
kenkreuz“, einer „Türfenfhanze”, einem 
„Zürfengraben“ u. f. f., und erinnert 
fih nicht gleich dur diefe Zeugen an 
mande ſchauderhafte That jener Blut- 
teufel? 

Auh das obere Murthal hat fie 
aufzumweifen, jene Zeugen, und ſolche 
erzählen uns ſchreckliche Geſchichten. 

Wenn man !, Stunde von der 
Bahnftation Lorenzen unterhalb Knittel- 
feld rechts über die Mur gegen bie 


952 


Sedauer Alpen zu wandert, gelangt|der erftere Platz als „Zürfenfeld“ be- 
man in's Feiftrigthal und in den weiten, |fannt. Wenn, fo erzählen fich die Leute, 
mit faftigen Wiefen und fruchtbaren | jenes thatſächlich einem Ader gleichende 
Aeckern bededten Mareiner Boden. Unter | Feld wieder mit Gras fich zu beveden 
den vielen Dörfern fällt uns hier auch beginnt, dann kommt der Türke wieder. 
Pranf mit dem gleihnamigen Schloſſe Aber über den Boden ift ſchon 
auf, das zwiſchen den Bäumen ftolz in |lange wieder Gras gewachſen, blöckende 
den Boden hinaus ſchaut. Die Pranker Heerden thun ſich darauf gütlich — 
waren ehemals ein berühmtes freiherr- | ein friedliches Bild auf blutigem Hin— 
liches Geflecht, tapfer und muthig in|tergrunde; ftramm fteht der Speif da 
mand hartem Strauße. auf luftiger Bergeshöh, aber die Tür- 
Als im Jahre 1480 die Türken | fen blieben aus und Gott wird es geben, 
aud das Oberland heimſuchten, an wel- daß fie unfere Thäler und Triften nie 
ches Jahr eine Pergamentfchrift auf wiederſehen. &. Paner. 
der Nüdfeite des Altares der '/, Stunde 
ſüdlich von Pranf Tiegenden Kirche 
Marein erinnert*), drangen felbe auch ; nt 
in's Feiftrigthal ein, allwo fi ihnen ei — feift su 4 
n ine Geſchichte aus Kärnten. 
eine muthige Schaar, angeführt von 
den Pranfern, entgegenftellte.  ' Und fieben Plagen famen über 
Das Häuflein focht wader, mußte | Egypten. — Es wären ſicherlich acht 
aber der Uebermacht weichen und viele | gefommen, aber die Eifenbahner 
Todte auf der Mahlftatt laſſen. Der | find damals nod nicht gewefen. — So 
ſich rettende Theil zerftob in verfchiedene | ergänzte ein Landmann bes Gailthales 
Richtungen. das zweite Buch Mofes, zur Zeit, als 
Die Sage erzählt nun, daß eine |fie im Thale die Eifenbahn bauten. 
Abtheilung Chriften in’s Gebirge hinter | Die „Eifenbahner“, wo fie das erfte: 
dem Zinfen und der Hocalpe flüchtete, | mal einfallen, find der Schreden der 
wo fie in den vielen Gräben und Ber: | Gegend. Die böhmiſchen Erdgraber gra- 
gen Rettung zu finden hoffte. Die ent- | ben nicht allein dort, wo die Bahn wer: 
fefielte Mordgier aber trieb die Türken | den joll, fondern auch auf allen Erb- 
nad, und die Chriften wurden gefangen. | äpfelädern der Nachbarſchaft. Die italie- 
Nun follte eine herzlofe, entfegliche niſchen Steinſchlager ſchlagen nicht allein 
Quälerei ausgeführt werden. Die Tür: | Steine, fondern auch Bauern, wo ſich 
fen zwangen die Armen, Pflüge auf |diefe den Fremdlingen entgegenftellen. 
die Hochalpe zu fchleppen und oben ange: | Aber die ſchlimmſten dabei find bie 
langt, mußten diefe unter Säbel- und deutſchen Ingenieure felbft. Da kommen 
Peitihenhieben den felfigen Boden um: | fie mit ihren Schnüren und Meßſtan— 
adern. Als die Arbeit gethan, fchleppten | gen und fahren dir drein, Bauer, über 
die Türken die Halbtodten auf die Wiefen, Felder und Gärten, die bisher 
gegenüberliegende Bergeshöhe, Tießen ihre | dein und deiner Vorfahren unangetafte- 
Opfer das blutige Werk befchauen und tes Eigenthum find gemefen. Im Grund: 
megelten fie hierauf ſämmtlich nieder. | buch ſteht's und das ift feft wie ber 
Der Volfsmund benennt diefe Stelle | Erdboden. Kein Erdbeben und fein Feuer 
mit dem Namen „Blutfattl“ und ift hat dieſes Eigentbum angegriffen, das 
= Wafler hat vielleicht einmal den grünen 
PR. ulgen * wörtlich — Raſen zerriſſen, aber den Platz hat es 
„Anno Christi Geburth Alss man hat Zalt nicht mit forigeſchwemmt. Als vor vielen 
MCCCCLX) { i 
die [Dündert Jahren ber Babrat) nieberge 
Türkhen das Jungfreiliche Bildt Zerhakht. | broden war, da hat er wohl das Thal 
Gott erbarme's. —“ begraben, aber er hat einen Berg da: 








953 


für hingeftellt, auf dem wieder mas 
wachſen konnte. Und ſelbſt die Franzo— 
fen, als fie da waren, haben das Eigen: 
thum der Leute geſchont. Und jetzt 
fommen auf einmal die Ausmefjer und 
fagen: „Hier wollen wir unfere Eiſen— 
bahn bauen und diefen Weidegrund und 
diefen Ader und diefen Garten mußt 
du uns dazu geben!“ — „Nein, ſagſt 
du, „der ift meinen Boreltern nicht 
feil gewejen und ift auch mir nicht feil.“ 
— Mir bieten dir dafür dieſe oder 
diefe Summe“, fagt der Ingenieur, 
„dann aber mußt du uns den Grund 
abtreten!" — „Muft?! Was ift denn 
das für ein Eigenthbum”, ſagſt du, 
„das man mir in einem Rechtsſtaat 
nehmen fann, wann man will? Mir 
ift gerade an dieſem led Erbe gele- 
gen und um Geld ift er nicht feil.“ 

Es hilft dir nichts, das Geſetz ift 
ftärfer, als dein Wille, Bauer, und — 
das ift gut. — Wenn's auf euch Bauern 
anfäme, lebten wir heute noch mie die 
Wilden und das Eigenthum mwäre erft 
recht nicht gefichert. Ueberall und zu 
jever Beit, wo es georbnete Staaten 
gab, hat der Einzelne zum Wohle des 
Ganzen opfern müſſen. Warum zahlt 
ihr die Steuern, warum laßt ihr eure 
Söhne in den Krieg? Feldfrudt und 
Söhne find doch auch euer Eigenthum. 
Ihr jeht die Nothmendigfeit des Krie— 
ges nicht ein — ih aud nicht — und 
ihr gebt doch die Soldaten. Ihr feht 
die Nothwendigfeit der Eifenbahnen nicht 
ein, aber ihr werdet fie nicht hindern 
fönnen, denn alle Welt weiß: da bie 
Eifenbahnen einmal find, fo müſſen fie 
fein und fein Menſch wird fie mehr 
aus der Welt fchaffen. 

Wer fi widerſetzt, der geht zu 
Grunde. 

Das Gefeg verlangt, daß dem 
Bauer für ein der Eifenbahn abgetre: 
tenes Grundftüd um ein Erfledliches 
mehr gezahlt werde, ala es unter Brü- 
dern werth ift. Das Gefeß ift alfo auf 


ift zu Nutz und Frommen eine Ge: 
ihichte davon zu erzählen. 

„Ei geht, ei geht”, fagt der Schot: 
terhanns, „da mögt ihr reben, was ihr 
wollt, was mein tft, ift mein, und ich 
geb’ meinen Grund nicht her. Ich laß' 
mein Haus nicht nieberreißen, in dem 
meine Voreltern gelebt haben; ich will 
fterben in dem Haus, in welhem meine 
Voreltern geftorben find.” 

Aber die Eifenbahn ift fo tracirt, 
daß diefes Stüf Grund gar nicht zu 
umgehen ift und juft, wo des Schotter: 
hanns Haus fteht, muß die Bahn darü- 
ber. Das weiß der Hans recht gut. Es 
ift ihm insgeheim auch nicht der Vor: 
fahren wegen, man erinnert fi nod, 
wie er feinen alten Vater auf dem 
Tobdtbett behandelt hat. — Aber der 
Vorwand ift ſchlau, Hanns, und viel 
Geld läßt fih herausfchlagen. 


Nicht mehr ala viertaufend Gulden 
ift die ganze Befitung werth, das Haus 
ift Schon im Einfallen. Aber man bietet 
dem Hanna adıttaufend. 

„Nein!“ fchreit der und denkt: 
„Haben müfjen fie’s, fonft können fie 
ihre ganze Eifenbahn nicht bauen. 

„Nun denn, Schotterhanns, wie viel 
verlangt hr eigentlich für diefes arme: 
lige Anmwefen, das faum zehn Klafter 
in der Breite hat?“ 

Da nimmt der Hans den Mund 
voll und fagt: „Sehzehntaufend 
Gulden.“ 

— Gut, denkt fih der ingenieur, 
bei fechzehntaufend Gulden hört feine 
Pietät auf. Die Bahn hier geht auf 
einem Damm. Was foftet eine Brüde 
über Haus und Grund des Schotter: 
banns ? — Höchſtens neuntaufend Gul: 
den. — Schön, hier wird eine eiferne 
Brüde gebaut und der Hanns fann im 
Haufe feiner Vorfahren leben und fterben. 


Nach wenigen Monaten brauft über 
das Dad des Schotterhaufes das Loco: 


Seite der Bauern, dann aber zwingt es. | motiv dahin. Der Hanns ftarrt das 
Beim Schotterhanng haben fie’3 nicht | ſchwarze Ungeheuer drohend an. Es 
auf den Zwang anfommen laffen und | pfeift auf ihn. 


954 


Der Hanns will Prozek führen; im Sommer die Steinnelfe und im 
die Doctoren mweifen ihn ab, die Leute | Herbfte das Schweinäbrot, wo die Ameife 
laden ihn aus. Grund und Boden ge: und die Eidehfe und der langfüßige 
hört ihm, aber nicht der Raum über | Weberfneht und die Libelle und die 


feinem Giebel. 

Um taufend Gulden mödte er nun 
das Anweſen unter der Brüde verfau- 
fen. Er findet feinen Käufer. Er wird 
wahnfinnig und ftirbt — mie er's ftets 
gewünſcht hatte — im Haufe feiner 
Vorfahren. 


Bas Bedactions-Bureau des 
„Heimgarten“. 
Ein Schreiben an die Berlagshandlung. 

Die momentane Abmwefenheit des 
Herausgebers benüßend, möchte ich dem 
„Heimgarten“ einen Streich fpielen, den 
mir fein Herr Rebacteur wohl kaum 
jemals vergeben würde, wenn er wüßte, 
wer ih bin. ch bin einer feiner Ge- 
treuen, bezwede in dieſem Schreiben 
nichts Schmählicheres und nichts Qufti- 
geres, ald die Geheimniffe des Redac— 
tionäbureaus zu verrathen. 

Ich habe die Ehre, die Saifon 
über dem Bureau anzugehören — ob: 
gleich fich dasfelbe nicht ſehr für indiscrete 
Mitglieder eignet. 

Die Adrefien an den „Heimgarten“ 
fommen, mie auf der MWildtaubenpoft, 
in das laufchige Tannenwäldchen, mel: 
ches, mwenngleih mit größeren Waldun— 
gen zufammenhängend, nur etwa zwan- 
zig Minuten vom Dorfe K. im fteieri« 
ſchen Oberlande entfernt ift. Es führt 
fein Weg in's Wäldchen, auf gewöhnlichen 
Versfühen ift der Wildfarren und das 
wuchernde SHeidefraut nur ſchwer zu 
paffiren, am beften wäre e8, man flöge 
hoch in den Lüften auf dem Pegafus dahin. 

Die fanfte Waldhöhung mit ihren 
Moosdivans und Felstiſchen ift für's 
Geſchäft wie gefhaffen, gibt Licht und 
Luft. Und die jungen Bäumden und 
die hohen Büfche geben treffliche enter: 
vorhänge und laſſen doch durch ihr 
grünes Gefchleier und Gemipfel Sonnen: 
ftrahlen nieberfliegen auf den Boden, 
wo im Lenz das Veilden wächſt und 


Erdhummel und allerlei Falter riechen 
und fliegen und mo vom Dorfe her 
wöchentlich zweimal die loderen Wögel 
der Schöngeifter zufammenfommen und 
eine Monatsjhrift machen. Auch junge 
Frauen und feine Herren aus der Refi: 
denz find da, die in der Stabt von 
dem Naturleben des Waldes ſchwärmen 
und fih im Walde an den Geiftes- 
ſchöpfungen der Gebildeten ergößen. Der 
Gegenſatz mirkt- und fo folgen fie recht 
gerne der Einladung in’3 Rebactions- 
bureau unter den Tannen. 

Die größte Plage in allen Redac— 
tionsftuben find die Eintagsfliegen; auch 
im Walde ift es gut, mit fcharfem 
Raude die Müden abzuhalten. Und 
Jungfrau Rofa, nebenbei bemerkt, die 
eifrigfte und ftrengfte Richterin der 
Manufcripte und die giftigfte Mitarbei- 
terin der Rubrik: „Poſtkarten des Heim: 
garten“ hält zwifchen ihren Rofenfin- 
gerhen zierlic die Cigarette und weiß 
aus dem Rauch allerlei Ringe und 
Ketten zu blajen, daß mander Nach— 
bar davon baf umftridt wird. 

Beſſer anzurathen ift der Steinfig 
neben Emma, der Tante. Diefe fett 
fih nie in's Meiche, hat aber immer 
Süßigkeiten bei fih und — wenn Poe: 
fien vorgelefen werden — immer Thrä- 
nen im Auge und für jedes Manufcript 
irgend ein Wort ſchöner Anerkennung. 

Mitunter fchleiht auch ein Bäuerlein 
in die Nähe, legt fih auf den Baud, 
ftügt feine Wangen auf die Fäufte und 
horcht unferen Lefungen und entbricht 
fih nicht, bisweilen durch ein Neigen 
feines Kopfes Mißfallen oder Zuftim: 
mung zu äußern. Geheimnißvoller bleibt 
der hinter dem Geftämme lauernde 
Ameiöler, welcher auf feine hohle Hand 
ftarrt und unentſchloſſen ift, ob er's 
wagen foll, fi) aus derfelben von uns 
— wahrſagen zu lafjen: 

Endlich hören wir jodeln. Der Chef: 
rebacteur fommt. Unter feinem Arm 


955 


trägt er bie doppelbauchige Redactions— 
mappe. Auf feinem Gefichte fpielt ein 
vergnügtes Lächeln, denn die Mappe ift 
feit der legten Sitzung wieder recht 
gefegnet worden. Mitten in der Gefell: 
ſchaft ftredt er fi auf’s Moos. Tante 
Emma bietet ihm geprefte Datteln an; 
er dankt verbindlichft, aber hinten auf 
» dem Baumaft Iugt ein Eichfäschen Lüftern 
nach der abgelehnten Frucht. Der Chef 
lobt ald Naturfreund den Harzbuft 
des Maldes und — ftedt fi eine 
Cigarre an. Darauf öffnet er die Mappe; 
das Eihfägchen nimmt erfchroden Reif: 
aus. Die Begleitfchreiben der Manufcripte 
lieft er ftetö für fich. Aber einmal gudt 
ihm eine Nachbarin über die Achſel in’s 
Papier und lacht auf. Was nur für 
ein Spaß drin fteht? Keiner. Mißkannt 
von feiner Zeit bietet ein Jüngling 
feine Poefien an. Es find Lieder der 
Sehnfuht, Grüße an Mina — von 
Herz und Schmerz und im Monden— 
fcheine. Für das nächſte Heft ift es ihm 
leider nicht möglih, mehr ala zmölf 
Stück davon zu ſchicken, weil er bie 
weiteren erſt rein abfchreiben will; 
er muß daher den Herrn Redacteur 
mit ferneren Einfendungen auf das 
übernächſte Heft vertröften. 

Brief und Poefien werden bei Seite 
gelegt. Dorfſchwalben Freifen in der 
Luft und zwitfhern: „Wannft nit ſchena 
fonnft finga, ja fumper alloan in bein 
Zimmer, ad miafins nit oli Zeit wiſſn, 
wia ſchlecht as dei Schdim is!“ 

Wenn mander Dichter wüßte, wie 
feine Apoftrophen auf Rofen und Veil— 
hen, auf Vöglein und Lüften im 
Walde übel vermerkt werben! 

Geradezu Lügen ftrafen ihn mitunter 
die Pflanzen und das Gevögel. Es ift 
auch gefchehen, daß, während wir fchöne 
Jagdabenteuer lafen, rüdwärts im Ge: 
büfche die Hafen und Rebhühner lauſch— 
ten und ficherten. 

Doch gibt's Auffäge, gegen welche 
gar nicht? einzuwenden ift, als daß 
fie dem „Heimgarten“ geſchickt wurden. 
So z. B. ein Artikel über das Ein: 
kochen von Obft, oder ein Leitfaden 


für Geflügelzudt. Oder eine Abhandlung 
über Kirche und Staat, oder über den 
öfterreihifchen Indifferentismus im ruf: 
fifch-türfifhen Krieg, oder über Miß 
Paſtrana, oder eine Philippika gegen das 
Tabakrauchen. Alles ungelefen bei Seite 
gelegt. Eine Dame in Berlin bietet 
ihren dreibändigen Roman an. Bleiftift- 
anmerfung: „Danfen. Würde in unferer 
Monatsſchrift drei Jahre lang laufen“. 

Ein Schredruf gellt. Einer der Ne: 
dactricen ift eine Eidechſe über die 
Schuhſpitze gehuſcht; fie ſucht ohnmäch— 
tig zu werden. Der Redacteur macht 
aufmerkſam: „Ohnmachten ſind hier 
nicht geſtattet.“ — Ein Eſſai über Carl 
den Großen wird geleſen; gediegene, 
geiſtvolle Arbeit. Doch der Oberlehrer 
aus dem Dorfe unterbricht den Vor— 
leſer, er müſſe bemerken, daß dieſer 
Aufſatz wörtlich aus Weber's Welt: 
geſchichte abgeſchrieben ſei. Notiz für 
die „Poſtkarte“: „Vortrefflich, aber Dr. 
Georg Weber war ſo unverſchämt, Ihre 
Studie verfaßt und bereits nachgedruckt 
zu haben.“ 

Endlich bringt ein prächtiges Stück 
naturgeſchichtlichen Inhaltes und eine 
geiſtvolle Abhandlung aus der vater: 
ländifhen Gefhichte jene Stimmung in 
den Kreis, unter welcher ed eine Luft 
ift, Redacteur zu fein. Bedeutende Er- 
zähler, echte Poeten finden fich ein und 
es entfpinnt fih im heimiſchen Walde 
ein edler, inniger Verkehr mit ben 
hellen Geiftern in der Ferne. Freilich 
ift plöglic wieder ein hochlyrifches Ge- 
dicht da, das an niemand Geringeren, 
als an Heinrich Heine erinnert, aber 
nur an feine Fehler, und bei welchem 
die Dorfipagen und die Gimpel auf 
den Wipfeln fo läſterlich zwitſchern, 
daß der Vorlefer einhält und mwie der 
heilige Franziscus zu den Vögeln jagt: 
„Wenn ihr’3 beſſer könnt, fo will ich 
ſchweigen!“ Und die Verſe bei Seite 
legt. — Hierauf die Notiz in den Poft: 
farten“ : „Bon den Spaten abgelehnt.“ 

So werden in diefem Walbbureau 
die Dichter und Schöpfer nit von 
Sournaliften, fondern von Menfchen 


956 


und Thieren gerichtet. Annahme oder 
Ablehnung fann nur durdh Stimmen: 
mehrheit entjchieben werden. Eigenthüm- 
Ih dabei ift nur, daß Tante Emma 
ftets für die Annahme, Jungfrau Roſa 
regelmäßig für die Ablehnung ftimmt. 

„Aber bedenken Sie, Bejte”, ruft 
der Nedacteur der Erfteren zu, „daß 
wir monatlih nur fünf Bogen Raum 
zur Verfügung haben!“ 

„Und bedenken Sie, Fräulein”, ruft 
er zur Andern hinüber, „daß wir monat» 
lich fünf Bogen Raum zu füllen haben.“ 

An Tagen, wenn im Redactions: 
Bureau Erzählungen von dem Heraus: 
geber des Blattes felbft zur allgemeinen 
Beurtheilung kommen, ift es ſchon ge: 
ſchehen, daß zum Beginne der Sitzung 
der Chef den Wunfh nad Erbbeeren 
ausgebrüdt bat. Jungfrau Rofa — 
unerbittlih ftrenge in der Kritik, aber 
liebenswürdig, wo es fi um Erdbeeren 
handelt, ift die Erfte, welche nach den 
Erfrifhungen ſuchend davonſchwebt. Wäh- 
rend ihrer Abmwefenheit wird rafch die 
Novelle des Herausgebers acceptirt. Und 
wenn dann die Jungfrau hochgeröthet 
und geſchürzt, mit der föftlihen Frucht 
im Körbchen zurückkehrt, ladet der Herr 
Redacteur ſtets das ganze Redactions- 
perfonale höflichft ein zum Erbbeerfchmaus. 

Während und nad; der Mahlzeit 
wird die Natur bewundert; aucd Yung: 
frau Roſa ift eine Freundin berfelben, 
doch zollt jie ihr niemals das unbedingte 
Lob, der Wald ift ja recht hübſch grün, 
aber das Schleifenband der Jungfrau 
ift no grüner. Die Natur könnte mehr 
leiften, wenn fie wollte. 

Nein, jagt der Förfter: „Die Spaten 
wollen befjer fingen, als fie fönnen.“ 

Allmälig hat fi der Schatten gewen⸗ 
det, die Geſellſchaft fitt in der eitlen 
Sonne. Lager wechſeln! In die Redac- 
tionsmappe haben fih Ameifen und 
Käfer verirrt und krabbeln in größter 
Todesangft hin und her und werben 
endlich zerpreßt zmifchen zwei Blättern, 
welche von einem fühlenden Herzen „zum 
Schute Heiner Thierchen“ gejchrieben 
worden maren. 





Eines Tages fand fich in der Mappe 
ein Ciclus von Gedichten vor, unter 
dem einladenden Titel: „Die Gefchichte 
meiner Liebe’. Wir lafen, ed war fo 
feltfjam: Das Mädchen liebte einen hol- 
den Jüngling — zuerft fahen fie fi 
— das gab acht Strophen; dann erfuhr 
fie feinen Namen — er hieß Victor — 
bot aber nur wenige Bersfüße; dann - 
begegneten fie fi und ſchenkten einander 
Blumen, das veranlaßte mehrere ſchöne 
Reime von Stengel und Rofen, Engel 
und Kojen. Dann füßten fie fih, das 
gab einen Vers mit zwei Daftylen und 
einem Spondäus. Endlich war der Jüng— 
ling treulos verſchwunden und das gab 
nichts mehr, als einen Gedanfenftrid. 

Jungfrau Roja war diesmal für 
die Annahme; die Verfafjerin war nicht 
genannt. — Es ift immer gefährlich, 
wenn ſich unter dem Nedactionsperfonale 
eines belletriftiichen Blattes Dichter be: 
finden und ift in folden Fällen die 
Methode des Abftimmens zu empfehlen. 
Dadurch maden fih die Mitglieder 
gegenfeitig felbft unſchädlich. — Dod, 
ich will meine Indiscretionen nicht mehr 
weiter treiben. Eher darf ich verrathen, 
daß die Mappe für den nächſten Jahr— 
gang wohl gerüftet ift, daß Erzählun- 
gen drin find, die uns im Walde das 
Herz erquidten; Auffäte, die und den 
Geift erfrifchten und bereicherten; Ge: 
dichte, die zwar belaftet find mit dem 
Nein der Jungfrau, nichtödeftomeniger 
aber auf uns mirften, wie der helle 
Lerchenſang über unferem Haupte. 

Gefhihthen und Späße für die 
„Kleine Laube“ wachſen in unjerem 
Bureau wie Schmwämme aus der Erbe, 
nur Schade, daß fie, wie Schmämme, 
meift wieder faul find, ehe fie in ber 
Druderei präparirt werden fünnen. — 
Schließlich erwähne ich Ihnen noch einen 
ganz befonderen Vortheil unfereö Bureaus, 
um den ed wohl von allen Zeitungs: 
ftuben der Welt beneidet werden wird 
— es kennt den Setzerjungen nicht. 
Der blaffe Plagegeift im ſchwarzen Röck— 
lein mit dem defecten Ellbogen 
das böfe Gewiſſen des Schriftitellers — 


957 


das Subject, mit dem der größte Philo: | fie ihm vor die Füße. Von den Feldern 


foph über „Zeit und Raum” in Zwie: 
fpalt gerathen kann, aber fo, daß ber 
Raum des Seterjungen bed Philofophen 
Zeit frißt — dieſer Plagegeift eriftirt 
bei und nit. Ebenſo ift der Dietrid) 
der Nedactionen, die Scheere, hier unbe: 
fannt, vermuthe jedoch, daß der Herr 
Chef in feiner Wohnung eine birgt aus 
vergangener Zeit. Diefelbe ftibigt aber 
nicht Notizen, fie hat nur gelernt, Loden⸗ 
joppen zuzufchneiden und muß jet arg 
verroften. 

Die Nedactionsftunde tagt ohne 
jeglihe Preſſion oft fo lange, bis die 
Glühwürmer leuchten, die Wachtel im 
Kornfelde ihr „Kriegft mi nit“ fchreit 
und das Käuglein in der hohlen Lärche 
jauchzt. 

In der Nacht aber lauert auf dem 
Platze der Fuchs, der Ihnen, geehrter 
Herr Verleger, hinter dem Rücken des 
Redactions-Comités dieſe Zeilen über— 
ſendet und um deren gefällige Notiz— 
nahme erſucht. 


Herbſt. 

Wenn das Jahr am September— 
oder am Octobermorgen die Augen auf— 
macht, ſo blickt es trübe drein — ein 
froſtiger, grämiger Blick. Oder ſollte 
dich, du gutes Jahr, in deinen alten 
Tagen noch das Unglück des grauen 
Staars treffen? — Herbſtnebel. Gott: 
lob, es iſt nur Schlaftrunkenheit nach 
den fühlen mond- und ſternenhellen 
Nächten, in denen du bei deinen Frucht: 
reihen Gärten und Reben gewadht und 
geihwärmt haft, du Tiebes, betagtes 
Sahr. Und erjt gegen Morgen haft du 
deine graue Schlafhaube aufgefegt, die 
dir fpät am Vormittage die Sonne 
wieder herabftreift. Und dann bift du 
holder nnd heiterer, als du es je warft 
im Frühling und im Sommer. Dichter 
jagen, du wäreft ein Mütterlein, thäteft 
Herbitfäden fpinnen; aber du küſſeſt 
aud noch und dein Hauch ift fruchtbar 
und reift die fchwellenden Früchte; der 
Menſch langt nah ihnen oder du legſt 


ächzen die legten Fuhren herein; in 
den Weingärten flingt der Jubel der 
Leſe. Auf den Auen grafen und jchellen 
die Rinder. In den Wäldern und auf 
dem Gefelje ftreichen die Säger; aber 
auf den Hochwieſen liegt am Waldfaume 
der Reif den ganzen Tag. Es ift ftill; 
die Vöglein ſchweigen. Nur die Gloden 
der Zeitlofen läuten; man hört e8 nicht, 
aber man fühlt eg — fie läuten Feier: 
abend und fie läuten Verfcheiden. 

In mandem Dorfe gellt die Kirch- 
weihluſt; das ländliche Leben ift geklärt, 
die Städter find in ihre Mauern gezogen. 
Der Winter mit feinen Schneewällen 
zieht die Grenze. Der Landmann vergißt 
bald auf den Städter, diejer aber begibt 
fih der Kunft und fpinnt nebftbei den 
langen Winter über an feinen ſommer— 
lihen Erinnerungen. Die Natur hat 
Stadt und Dorf zufammengeführt, die 
Natur hat fie wieder getrennt. Es ift 
feine Einheit möglich zwifhen Sommer 
und Winter, zwifhen Dorf nnd Stadt. 


Bücher. 
Peter Philipp: Eine verfinkende 
Welt. 


Eine dramatiſche Dichtung (Wien, Rosner 1877). 


Peter Philipp? Der Name iſt ſo 
unbekannt als möglich. Ein Drama, 
das feinen Stoff aus der nordiſchen 
Mythologie nimmt? Auch nicht fonder: 
lih anlodend. Man geht alfo etwas 
zögernd an die Lecture, fühlt fich aber 
bald gefefjelt durh die Manifeftation 
einer jugendlich-friſchen, kernigen, tief 
angelegten Dichternatur. Keine alatt- 
gefeilte Sprache, fein formell vollende: 
ter Vers — aber dramatifche Kraft, 
Unmittelbarfeit und Urfprünglichfeit bei 
großartiger, gedankenreiher Erfafjung 
des Gegenftandes ! Das Eigenthümliche 
und Frappante der Xeiftung aber ift: 
ein mythologiſcher, alſo allegorifcher 
Stoff, mit der Greifbarfeit und An- 
ſchaulichkeit eines Theaterftüds heraus: 
gearbeitet. Loli, der Held des Ganzen 


958 


— ber übrigen Götterwelt ala das 
fiegreiche, verneinende Princip gegen: 
übertretend, bis zum Sturze der Göt— 
ter, zur „Götterdämmerung“. Die Ge: 
ftalten der Mythe gewinnen Fleiſch und 
Blut ; man glaubt ein hiftorifches Trauer: 
fpiel zu lefen. Aber freilich, je greif: 
barer und realiſtiſcher dieſe Geftalten 
und phantaftifchen Begebenheiten aus: 
gemalt find, defto mehr gerathen fie 
in Widerfprud, fo zu fagen, mit fid 
felbit, mit ber nebelhaftmythifchen 
Natur ihres eigentlihen Weſens. 
Man befinnt fih, daß es doch nur 
Schemen find und daß das Alles in 
der Luft ſchwebt. Dramatiſche Geftalten 
verlangen nun einmal einen realen Bo: 
den; mythiſche find bloß für die Phan- 
tafie da und beftehen nicht vor finnli- 
hen Augen. Sie paflen höchſtens in 
einen Wagner’fchen Operntert, wo ihnen 
die Mufil das Element der vagen Un: 
enblichfeit wieder zurüdgibt, das der 
Dichter als folder ihnen entzogen, indem 
er fie in fefte, finnfällige Umrifje bannte. 
„Die Mythe war mir nicht GSelbft: 
zwed“, jagt der Dichter im Vorwort, 
„nur Menſchliches wollte ich darftellen.” 
Nun, eben dies, Geftalten und Bilder 
gewählt zu haben, deren eigentlichen 
Weſen die menſchliche Jndividualifirung 
widerſpricht, ift ja wohl der Vorwurf, 
den man dem Dichter der „BVerfinfen: 
den Welt” machen könnte. Aber freilich 
nur als dramatiſchem Didter; 
und was das Werk, ald Schaufpiel 
betrachtet, an Wirkung einbüßt durd) 
feinen mythiſchen, phantaftifhen und 
allegorifchen Charakter, das geminnt es, 
rein als Dichtung angefehen, an Groß: 
artigfeit und tiefer Bedeutung. Auf Dies 
vielverfprehende heimifhe Talent auf: 
merkſam zu machen, ift Pflicht der öfter: 
reichifchen Prefle. Das Befte aber muß 
der Dichter felber für fich thun, indem 
er recht bald mieder von fich hören 
läßt und auf einen weiteren Kreis zu 
wirken fucht, indem er fich mit feiner 
Darftellungsfraft der realen Welt zu: 
wendet. Mod. Hamerfing. 





Ein Bud) über die Franzoſen. 


Seit Jahrhunderten ahmen und 
äffen wir die Franzoſen nad, im Guten 
wie im Schlimmen, in Braudh und 
Mode, in Sitte und Unfitte. Paris ift 
uns das Heiligthum modernen Lebens; 
wir verpflanzen franzöfifhe Romane und 
Bühnenftüde auf deutſchen Boden — 
all das aber hindert uns nicht, im Hin— 
terhalte unſerer Gedanken ziemlich ge— 
ringſchätzig von den Franzoſen zu urthei— 
len, daß wir uns mit einem gewiſſen 
Tugendhochmuth in die Bruſt werfen 
und ſagen: „Gott ſei Dank, daß wir 
nicht ſo ſind wie die da!“ Wir halten 
die Franzoſen — vor wie nach dem 
deutſch⸗franzöſiſchen Kriege — für frivol 
und leichtfertig, für mwindig und fomö- 
dienhaft. Wir ſprechen ihnen vor Allem 
die Fähigkeit ab, ein gemüthvolles, 
bäuslihes Familienleben zu führen. 
— In vielen Stüden mag unfere 
Schätung aud ihren guten Grund haben, 
im Allgemeinen doch verwechſeln wir 
Franfreih mit Paris. Paris aber ift 
nicht Franfreih, Paris ift das Teicht- 
fertige England, Deutfhland, Rußland, 
Amerifa ebenjogut, als wie das frivole 
Frankreich. 

Ein geiſtvoller, feinfühliger Eng: 
länder, ein ſcharfer Beobachter, welcher 
fünfundzwanzig Jahre lang in Frank: 
reich gelebt hat, ſchrieb ein Buch über 
„Das häusliche Leben in Frank: 
reich“, das uns die Franzoſen in anderem 
Lichte zeigt, als in welchem wir fie zu 
ſehen gewohnt find. Wenn wir ein Volk 
in feiner Sprade, feinen Manieren, in 
feiner Kleidung, feinem Haus und Haus: 
geräthe, feiner Nahrung und feinen 
Dienftboten, in feiner Ehe und feinen 
Kindern betrachten, jo werben wir es 
fennen und verftehen. In diefem Sinne 
bietet und das gedachte Buch ein voll: 
ftändiges Bild des franzöfifchen Haufes. 
Das Bud ift pikant, aber es iſt noch 
mehr philofophifh, es unterfucht bie 
zufammenwirfenden Urfadhen, aus denen 
das häusliche Leben der Franzofen her: 
vorgeht, bietet gedanfenreiche Erörterun: 


J 


959 


gen und Folgerungen, glei werthvoll 
für Diejenigen, melde das franzöfifche 
Leben aus eigener Anfhauung kennen, 
als auch für die, welche demfelben ganz 
ferne ftehen. Es ſcheint wohl an man- 
hen Stellen, ala hege der Berfafler 
befondere Sympathie für die Franzofen, 
die er fogar nicht ungern auf Kojten 
Englands in helles Licht zu heben fucht, 
fteht anderfeits doch nit an, aud die 
Fehler und Berirrungen der Nation zu 
rügen, indeß aber zu bemerken, daß 
diefe Fehler von gewiſſem Standpunfte 
aus eigentlich gar Feine Fehler, jondern 
vielleiht nur Vorzüge wären. Jedenfalls 
fönnten ein lieblofes Urtheil die Fran— 
zofen am wenigften vertragen. Wir aber 
mögen zufrieden fein, ein belehrendes 
Werk erhalten zu haben, welches unferen 
landläufigen Anfhauungen über das 
Volt von Franfreih in feinem Haufe 
und feiner Familie ein Gegengewicht ftellt. 

Das Bud ift von H. Scheube 
trefflih in’s Deutfche ‚überfegt worden 
und bei F. Berggold in Berlin * 
ausgeſtattet erſchienen. 





Schillers Werke iluftrirt. 


Prachtwerke aller Art bietet und heute 
der deutſche Büchermarkt. Reich illuftrirte 
Werte von deutfhen und fremdländifchen 
Glaffitern, von Dichtern ſehr verſchiedenen 
Ranges find vom Publikum mit Freuden auf- 
genommen worden. Die deutſche Bildnerkunft 
hat fi feit dreißig Jahren zu einer fehr 
bedeutenden Höhe emporgefhmwungen und der 
Geſchmack des Publitums hat fi) in demfel- 
ben Maße gebeflert. Aber lange haben mir 
warten müffen, bis uns endlich unfer Xieb- 
lingsdichter, Friedrich Schiller, im Feſtgewande 
der Kunft vor Augen tritt. Wir haben inzwi— 
ſchen gelernt, was Austattung anbelangt, viel 
zu fordern, aber die Verlagsbuchhandlung 
Eduard Hallberger in Stuttgart hat es ver— 
ftanden, diefen Forderungen nit mur zu ent- 
ſprechen, fondern diefelben fogar zu übertreffen. 

Schillers Werke, illuftrirt von den erften 
deutſchen Künftlern, erfcheinen in dem genann- 
ten Berlage in Lieferungen und geben Beug- 
niß don der Pietät, welde die Künftlerwelt 
fowie das Volt dem Dichterfürften heute noch 
entgegenbringt. Wer eine dieſer Lieferungen 
zu Gefichte befommt und den geringen Preis 
derjelben (50 Pfennige) erivägt, der muß ſich 
fagen, daß der Berleger, welder ein jo gro- 


ßes Kapital an das Unternehmen verwendet, 
feiner Sade wohl gewiß fein muß: und es 
ift wohl zu erwarten, daß das deutſche Volk 
feinen berrlihen Schaß in neuer funftvoller 
Faflung mit Freuden empfangen wird. 

Die Revifion des Textes, der die pocti- 
fen und dramatifhen, fowie biftorifchen 
Werke Schiller's umfaßt, ift in die Hand eines 
bewährten Schillerfenners, des Dichters I. ©. 
Fifcher gelegt. Und fo ift bei möglichſter Bil- 
ligkeit das Höchſte an Schönheit und Volltom- 
menheit, was die heutige Kunft und Technik 
vermag, in Ausficht geftellt. 





In Breslau erfheint feit einiger Zeit 
eine Wodenfhrift: „Schlefifhe Warte“ 
zur Hebung des Volkswohles durch praktiſche 
Förderung deutfchen Gemeinfinnes. Geiftvolle 
Auffäge voll Pfeffer und Salz behandeln ein- 
gehend verfdiedene Zeitfragen, bisher bor- 
züglich foldye der Iournaliftit und Literatur. 
An anderer Stelle diefes Blattes finden die 
Lefer einen prächtigen Artikel: „Der Parvenu 
der Literatur”, den wir der „Schi. Warte” 
mit Erlaubniß der Redaction entnommen haben. 





Dem „Heimgarten“ find zugekommen: 


Unneröfterreihifces Btadtleben vor hundert 
Bahren. Eine Schilderung der Verhält- 
niffe der Hauptftadt Steiermarfs im adt- 
zehnten Iahrhundert, zugleih Beiträge 
zur Literatur- und Eulturgefhichte der 
Aufklärungsperiode von Pr. Anton 
Schloſſar. Mit einer Anſicht der Stadt 
Graz in Lichtdrud. Wien, W. Brau- 
müller. 

Die Dorſſchule. Ein Sittenbild aus dem An- 
fange des neungehnten Jahrhunderts von 
Franz, Stelzhamer. 

Franz Bteljhamer. Biographifche Skizze, der- 
faßt und dem Andenken und den Hin- 
terbliebenen des Dahingefhiedenen ge- 
widmet von Joh. Ev. Engl, 2. verm. 
Aufl. Wien, Alfred Hölder. 

Sammlung gemeinverfländliher wiſſenſchaftlicher 
Vorträge, herausgegeben von Rud. Bir- 
ch o wu. Fr. v. Holtzendorf, 265. bis 
275. Heft. Berlin, Carl Habel (Lüde- 
ritz'ſche Berlagshandlung). 

Eduard Whymper’s Berg- und Gletfherfahrten 
in den Alpen in den Jahren 1860— 1869, 
Autorifirte deutfche Bearbeitung von Dr. 
F. Steger. Mit 1 Karte und 114 Illu- 
ftrationen. Braunſchweig, George Weiter- 
mann. 

Die Rrankenpflege ald Lnterrichtsgegenftand. 
Ein Beitrag zur weibliden Erziehung 
von 9. Auegg. Graz, Heſſe's Bud- 
handlung. 

Die Luzerner Rigi-Bahn zu Bipnau am Bier- 
waldftätterfee, von H. 4. Berlepid, 


"960 


mit 22 Iluftrationen und 2 Karten. 
Züri, Orell, Füßli & Comp. 

Yausfhak deutfher Syrik feit 1849. Aus den 
Quellen. Unter Mitwirtung namhafter 
Dichter und Literaturhiftoriter, heraus- 
gegeben von Franz; Brümer, Stutt- 
gart und Eichftätt, Kröll'ſche Buchhand— 
lung. Diefes Wert, welches erft im näd)- 
ten Spätherbite erfcheinen fol, ver: 
fpriht in feinem Profpect, daß c# die 
bedentlihen Einfeitigkeiten der fentimen- 
talen Lyrit möglichft vermeiden werde, 
daß alle Tonarten vom tiefiten Ernite 
des rein geiftlihen Liedes bis zum über- 
müthigen Humor der poffenhaften Bur- 
leöte vertreten fein follen, felbitveritänd- 
li unter der Beſchtänkung, daß jedes 
ausgewählte Stüd in feiner Weife mu- 
ftergiltig. ift. 

Echte Weisheit, Gedichte von Aurelio Eo- 
ſtanzo, deutſch von Julius Schanz. 
Rom, Tipografia Romana. (Das Heft 
mit deutſchem und italieniſchem Texte iſt 
dem Dichter Auguſt Silberſtein zu 
feinem 50. Geburtstage - - 5. Juli 1877 
— gewidmet.) 


Pie Feuerprobe der Liebe. Angioletta. von 
Alfred Friedmann. (2, Aufl. Wien, 
Ed. Hügel.) 

Seihtfinnige Fieder von Alfred Friedmann. 
Hamburg. I. F. Richter. 

Das neue Faienbrevier des Häkelismus, Ge- 
nefi8 oder die Entwidlung des Men- 
ſchengeſchlechtes; nah Häckels Anthropo- 
genie in zierlide Reimlein gebradt 
von M. Reymond, 2. Auflage, mit 
Illuftrationen. Bern, Georg Frobeen. 


Das Bud; vom gefunden und kranken Herrn 
Meyer. In zierlihe Reimlein gebracht 
von M. Reymond, 2. Auflage, mit 
162 Illuftrationen. Bern, Georg Frobeen. 

Topographiſch⸗ſtatiſtiſches Lexicon für Steier- 
mark mit hiftorifhen Notizen und An— 
merfungen, berausgegeben von I. 4. 
Janiſch, 1.—15. Heft. Graz, Lehkam— 
Iofefsthal. 


Weftermann’s illufrirte deutfche Monatshefte 
für das geſammte geiftige Leben der 
Gegenwart. Braunſchweig. 

Deutfche Dicyterhalle, herausgegeben von Ern ſt 
Edftein, 9.—14. Nummer, Jahrgang 
1877. Leipzig, I. F. Hartknoch. 

fiteraturblatt. Ale 14 Tage eine Nummer, 
herausgegeben von A. Edlinger. Wien, 
8. C. Zamarski. 

Siterarifcye Correſpondenz, herausgegeben von 
9. 4. Stöhr. Leipzig, Hermann Folk. 

Unfer Vaterland, 3.—4. Heft. Stuttgart, Gebr. 
Kröner. 

Veue Blluftrirte Beitung, herausgegeben von 
Sohannes Rordmann; in Woden- 
nummern. Wien, Zamarsky. 

Die Heimat, herausgegebeu don Vincenti, 
iluftrirtes Familienblatt in Wocennum- 
mern. Wien. 

Dichterſtimmen aus Defterreih-Ingarn, heraus. 
gegeben von Heinrih Penn, Wien, 
III. Rafumoffstugaffe 10, Nr. 1. 

Bägers Touriſt. Organ für Touriftit und Al 
penfunde, IX. Jahrgang, I. und II. Bd. 
Wien IX., Waſagaſſe Nr. 28. 

Die hervorragenderen diejer Einfendungen 
werden gelegentlich zur Beſprechung kommen. 


Boftkarten des Heimgarten: 


Pl.— Graz: Ihr Gedicht nicht übel, aber 
das ift noch fein Grund, es abzudruden. 

6. 34. in M 
bereits in den fliegenden Blättern. 

Pr. A. St. Kom: Ihr Auffah ift nicht 
acceptirt , retourniren Ihnen denjelben, jobald 
Sie uns Ihre vollftändige Adreffe angeben, 

M. 3. Pen: Wird dankend verwendet 
werden. 

3. in 3p. — W. in Gräfend. — 9. in 
6. — K. in Wien — R.in Graz — R. in 
6r.: Bitten um Geduld. 

9. 3d.: Heinrihheinelt uns zu ftarf. 

M. M. Gra; X : Weshalb nicht? Em- 
pfeblen Ihnen die trefflihe Schrift über „Die 
Krankenpflege als Unterrichtsgegenſtand“ von 
H. Auegp. 


Der zweite Jahrgang des „Heimgarten“ beginnt mit folgenden Beiträgen : 
Die Aeſe von Rahira. Eine morgenländijche Erzählung von Karl Map. Nach Amerika. 
Eine Gefhichte von P. K. Rojegger. Gedanken über den Belbfimord, Bon Robert 
Damerling. Barbara von Gilli. Eine Lebensjkizze von Franz KArones. Yans 
Beling. Bon Alfred Meibner Die Btreihmaher. Bon Friedrich Schlögl. 
Der Tanz auf der Alm. Bon P. 8. NRojegger. Die Weltvagabunden. Bon Hand 
Malfer, uebit Efiais und Gedichten von anderen bedeutenden Literaten, ſowie Schwänfen, 
voltsthümlichen Mittheilungen vom Herausgeber u. A. 





* Druck von Leytam Joſefsthal in Graz. — Fr die Redaction verantwortlid P. A. Hofegger. = 





; ER 
3 - Aa * 
Aush, 


Ih IE) 


i 


AHA NEEL In a Narren NZ OH: SITE a Are — 
v Ir. HE ö h + 114 reit! ’ 


bon rahher 


II 


r >— 2 f 
TI. — 
J— 
puren 


ii 


h 


57 5 


geheilt — nr —XE er 8 
fr An E : 


all 
* 





IAnß